40 I. Teil. Allgemeines. daß eine starke Reaktion der Kreise ein tritt, auf deren Mitwirkung die Sozialpolitik vor allem rechnen muß. Sowohl die Unternehmer wie die Arbeiter können trotz des guten Zweckes durch das gleich zeitige Anfassen vieler sozialpolitischer Aufgaben und durch schnelle Aufeinanderfolge der Eingriffe beunruhigt und unzufrieden gemacht werden, und dadurch kann sich eine Auffassung entwickeln, die eine gewisse Abneigung, einen passiven Widerstand gegen weitere Eingriffe zur Folge hat. Schon das mahnt dazu, das Zeitmaß der sozialpolitischen Eingriffe nicht unnötig zu beschleunigen. Man braucht keine wichtige Maßregel zu unterlassen, aber man kann ihre zeitliche Aufeinander folge in den meisten Fällen so regeln, daß sie immer auf einen auf nahmefähigen und aufnahmewilligen, nicht übersättigten Boden rechnen können. Eine Überstürzung ist von Übel. Zu einem verständigen Zeitmaß mahnt auch die Erwägung, daß gerade auf sozialpolitischem Gebiete Fehlgriffe sorgfältig vermieden werden müssen. Es ist sehr schwer, einmal in Geltung gesetzte Umgestaltungen wieder rückgängig zu machen. Die damit verbundenen Enttäuschungen der arbeitenden Klassen bieten eine willkommene Handhabe, zu allerlei Agitationen und leicht wird dadurch eine Unzufriedenheit in den Arbeiterkreisen erzeugt, die manchen moralischen Erfolg anderer Maßregeln hinfällig macht. Die Aufgaben, die von der Sozialpolitik zu lösen sind, bieten überdies so erhebliche und zahlreiche Schwierigkeiten, daß es nötig ist, die Pläne zu Lösungsversuchen erst ausreifen zu lassen, wenn nicht dringende Gründe vor allem ein schnelles Eingreifen nötig machen. Es ist weiterhin nötig, ein planloses Arbeiten von Fall zu Fall möglichst zu vermeiden. Bis zu gewissem Grade wird freilich das sozialpolitische Eingreifen immer den Charakter eines durch besondere Anlässe gerade in der betreffenden Zeit nahegelegten Vorgehens tragen. Denn es läßt sich nicht vermeiden, daß von den einzelnen Wirkungen der vorhandenen Hauptgruppen der Übelstände manche erst bei be stimmten, mehr zufälligen Anlässen die Aufmerksamkeit erregen und dann das Streben nach Abhilfe hervorrufen. Aber in den Hauptzügen des sozialen Reformwerkes muß eine gewisse planmäßige Aufeinander folge innegehalten werden, weil die eine Gruppe von Maßregeln durch andere beeinflußt und oft geradezu bedingt ist und deshalb erst nach Erfüllung bestimmter Voraussetzungen in Angriff genommen werden kann. Derartige Rücksichten schließen nicht im mindesten einen „Stillstand“ der Sozialreform ein, von dem von Zeit zu Zeit in den öffentlichen Blättern die Rede ist, sondern bedeuten nur den Versuch, die zweckmäßigste Aufeinanderfolge der sich bedingenden und er gänzenden sozialpolitischen Maßregeln ausfindig zu machen, um so die Widerstände persönlicher und sachlicher Art, die dem Erfolge des Ein greifens entgegenstehen, auf das geringste Maß herabzudrücken.