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        <title>Der Steinkohlenbergbau in Preussen und das Gesetz des abnehmenden Ertrages</title>
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            <forname>Alfred</forname>
            <surname>Bosenick</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>876560443</idno>
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        ﻿
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        ﻿ZEITSCHRIFT

FÜR DIB

GESAMTE STAATSWISSENSCHAFT

Herausgegeben von

Dr. K. Bücher,

o. Professor an der Universität Leipzig.

JErgänzungsheft XIX.

Der

Steinkohlenbergbau

in Preussen

und das

Gesetz des abnehmenden Ertrages.

Von

Dr. Alfred Bosenick.

TÜBINGEN

VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG

1906.

Preis im Einzelverkauf M. 3.—••

Preis für die Abonnenten der „Zeitschrift für die gesamte Staats-
tvissenschaft“ oder der „Ergänzungshefte“ M. 2.50.
        <pb n="3" />
        ﻿Verlag der ET. L aupp’schen Buchhandlung in Tübingen.

Bernhard Harms:

Soeben erschien :

Hrbeifskammern und Kaufmannskammern.

Gesetzliche 3nleressenperfrefungen
der Unternehmer, Angestellten und Arbeiter.

8. 1966. 80 Pfg.

Früher erschienen:

Deutsche Arbeitskammern.

Untersuchungen zur Frage einer gemeinsamen gesetzlichen Interessen-
vertretung der Unternehmer und Arbeiter in Deutschland.

Gross 8.	1904. M. 1.80.

„Die Schrift verdient aktuelles Interesse. Bekanntlich hat am 30. Jan.
1904 der Staatssekretär des Innern Graf von Posadowsky-Wehner im Reichs-
tag in Aussicht gestellt, dass entsprechend dem Erlass Kaiser Wilhelms vom
4. Febr. 1890 nunmehr die Existenz von Arbeitskammern seitens des Reichs
in Erwägung gezogen wird, in denen die Arbeiter Gelegenheit haben, ihre
Wünsche und Interessen gegenüber Arbeitgebern und Behörden in friedlicher
Weise zu vertreten. Harms schildert, welche Versuche bisher im Auslande
auf diesem Gebiete gemacht sind, erörtert die bezüglichen Vorschläge, die
deutscherseits seither empfohlen wurden, und kommt selbst zum Ergebnis,
dass Arbeitskammern am besten als selbständige Organisationen errichtet
werden. Wie diese Organisationen im einzelnen durchgeführt und welche
Aufgaben ihnen zugewiesen werden sollen, möge aus der beachtenswerten
Schrift selbst entnommen werden.“

Literarisches Zentralblatt für Deutschland. 1904. Nr. 31.

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen.

Bernhard llarms:

Die

holländischen Arbeitskammern.

Ihre Entstehung, Organisation und Wirksamkeit.

Gross 8. 1903. M. 5.—.

„Der Verfasser hat die Tätigkeit der Kammern längere Zeit an Ort und
Stelle studiert und ist dadurch in die Lage gesetzt, ein selbständiges Urteil
über sie abzugeben.Die Lehren, welche der Verfasser aus den Verhält-

nissen der holländischen Arbeitskammern abstrahiert, können bei der even-
tuellen Errichtung solcher Kammern in Deutschland gute Dienste leisten “
Liter. Mitteilungen d. Knnalen d. Deutschen Reichs. XVI. Jahrg. Nr. 5.
        <pb n="4" />
        ﻿ZEITSCH RI FT

FÜR DIE GESAMTE

STAATS WISSENSCHAFT

In Verbindung mit

Oberbürgermeister Dr F. ADICKES in Frankfurt a./M., Prof. Dr G. COHN in
Göttingen, Prof. Dr K. V. FRICKER in Leipzig, Oberbürgermeister a. D. Dr
v. HACK in Urach, Ober-Verw.-Ger.-Rat Prof. Dr F. v. MARTITZ in Berlin,
Kaiserl. Unterstaatssekretär z. D., Prof. Dr G.v. MAYR in München, Prof. Dr Fr.
J. v. NEUMANN in Tübingen, Minister d. Innern Dr K. SCHENKEL in Karlsruhe,
Staatsrat Kanzler Prof. Dr G. v. SCHÖNBERG in Tübingen, Prof. Dr A. VOIGT
in Frankfurt a. M., Geh. Reg.Rat Prof. Dr A. WAGNER in Berlin, Dr Freiherr
v. WEICHS bei d. Direkt, d. k. k. Staatsbahnen in Innsbruck

HERAUSGEGEBEN

VON

Dr K. BÜCHER

o. Professor an der Universität Leipzig.

Ergänzungsheft XIX.

Der Steinkohlenbergbau in Preussen

und das

Gesetz des abnehmenden Ertrages.

Von

Dr. Alfred Bosenick.

TÜBINGEN

VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG

1906.
        <pb n="5" />
        ﻿Der

Steinkohlenbergbau

in Preussen

und das

Gesetz des abnehmenden Ertrages.

o

Von

Dr. Alfred Bosenick.

TÜBINGEN

VERLAG DER H. LAUPP’SCHEN BUCHHANDLUNG.

1906.

(k
        <pb n="6" />
        ﻿Alle Rechte Vorbehalten.

Druck von H. Lau pp jrin Tübingen.
        <pb n="7" />
        ﻿— V

Die folgende Abhandlung zerfällt in drei Teile, von denen
sich die beiden ersten in der Hauptsache mit der Darstellung der
tatsächlichen Betriebsverhältnisse des Steinkohlenbergbaues in
Preussen beschäftigen und sowohl die zum Verständnis notwen-
digen technischen Tatsachen anführen, als auch die wirtschaft-
lichen Erfolge und ihre Gründe klarlegen. Das erste Kapitel han-
delt so von dem wichtigen Betriebszweige der Förderung der Stein-
kohle und den dabei wirkenden Gesetzmässigkeiten. Im zweiten
Kapitel ist über die mit dem Ausbau der unterirdischen Räume
und die mit dem Niederbringen der Schächte verbundene Kapi-
talimmobilisation gesprochen. Auf Grund dieser Unterlagen ist
dann endlich im dritten Kapitel das Gesetz des abnehmenden
Ertrages, unter dem unser Okkupationsgewerbe die Kohle ge-
winnt, in seinen Wirkungen auf die Gestaltung des technischen
und wirtschaftlichen Betriebes dargestellt, und es ist gezeigt, wie
jeweils vorübergehend Wirkungen des Gesetzes des abnehmenden
Ertrages wirtschaftlich suspendiert sind oder werden können.
        <pb n="8" />
        ﻿VII

Inhalt.

Seite

1.	Kapitel:	Ueber die Technik und die Oekonomie der	Förderung .	. i

A.	Die Fördermaterialien........................................ I

1.	Die Förderwagen....................................... i

2.	Die Förderbahnen..................................... 2

B.	Die einzelnen Förderungen.................................... 3

1. Die Grubenförderung........................................ 3

a.	Die Streckenförderung................................... 4

1.	Die Schlepper- und Pferdeförderung.................... 4

2.	Die mechanische Streckenförderung.................... 7

3.	Die Lokomotivförderung.............................. 14

b.	Die Bremsberg- und Bremsschachtförderung................16

II.	Die	Schachtförderung..................................... 16

III.	Die	Tagesförderung........................................22

2.	Kapitel:	Ueber den Grubenausbau und die Schächte..........................25

I.	Der	Grubenausbau. .	 26

II.	Die	Schächte..............................................30

3.	Kapitel: Die Ursachen und die Wirkungen des Gesetzes des abneh-

menden Ertrages...................................................40

Analyse	der Produktionskosten................................42

I.	Einfluss der natürlichen Verhältnisse ..................43

1.	Die Abbauwiirdigkeit der Kohle................44

2.	Die Teufengrenze..............................46

II.	Arbeit..............................................47

III.	Kapital............................................47

Das Gesetz des zunehmenden Ertrages.................47

Konzentration des technischen Betriebes.............60

Tatsachen von Produktionskosten, Preisen	und	Gewinnen	63

Wirtschaftliche Betriebsformen, Geschichte und	Theorie	.	80

Anhang: Verhältnis zwischen Lohn und Kohlenpreis ....	108
        <pb n="9" />
        ﻿I

Erstes Kapitel.

Ueber die Technik und die Oekonomie der Förderung.

Die Förderung1) umfasst den Transport der durch die
Häuerarbeiten gewonnenen Kohle, und zwar den Transport vom
Gewinnungsorte bis zu den oberirdischen Weiterverarbeitungs-
oder Weitertransport-Einrichtungen. Wir wollen zuerst die hierbei
verwendeten F ördermaterialie n betrachten und dann die
einzelnen Förderungen. Bei diesen ergibt sich eine natür-
liche Teilung in Grubenförderung (I), d. h. die Förderung in der
Grube bis zum sog. Füllorte, d. h. dem unteren Ende des Schachtes,
weiter in Schachtförderung (II), d. h. die (senkrechte = saigere)
Förderung vom Füllorte bis zur Hängebank, dem oberirdischen
Endpunkte des Schachtes, zuletzt in Tagesförderung (III), also
dem Abtransporte von der Hängebank.

A. Die Fördermaterialien.

Sie setzen sich zusammen aus den Förderwagen (i) und
den Förderbahnen (2).

I.	Bei geringer Entfernung wird die Kohle mit Handkarren
transportiert, bei grösserer mit den sog. Hunden d. h. Förder-
wagen mit Spurkranzrädern, die auf Schienen laufen. Diese
letzteren sind weitaus die wichtigsten, sie sollen daher im folgenden
allein in Betracht gezogen werden. Die Förderwagen bestehen
teils aus Holz, teils aus Eisen, ihr Gewicht ist verschieden. In
Saarbrücken schwankt es zwischen 265 bis 346 kg mit ca. 0,57

1' Vgl. allgemein z. B. Köhler, Katechismus der Bergbaukunde (Webers Kate-
chismen) 4. Abschnitt S. 123 ff. Sodann für das Ruhrgebiet speziell den V. Bd. des
grossen Werkes über die Entwicklung des niederrheinisch-westfälischen Steinkohlen-
bergbaues in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Berlin bei Springer); zitiert
im folgenden als »Entw.«.

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.	I
        <pb n="10" />
        ﻿2

Kubikmeter Inhalt1). In Westfalen schwankt das Eigengewicht
eiserner Wagen bei 500 kg Nutzlast zwischen 275 und 350 kg,
meist beträgt es 300 kg; bei 600 kg Nutzlast steigt das Eigen-
gewicht auf 350 kg. Solch ein Wagen kostet durchschnittlich
80—110 Mk.1 2). Im Ruhrgebiete gehören Wagen, die weniger
als 500 kg Kohle zu fassen vermögen, zu den Seltenheiten.
500 kg Nutzlast ist das Normale, 55° kg scheint es zu werden.
Ja, auf Zeche Deutscher Kaiser, Schacht III, sind schon Wagen
mit 750 kg Ladegewicht im Gebrauche. (Bedingung ihrer Anwen-
dung ist aber, dass die Strecken geräumig genug sind und dass
sie nicht in zu starken Druck geraten oder eine quellende Sohle
haben). Man sucht demnach die Nutzlast möglichst gross, die
tote Last aber möglichst gering zu machen und ferner den Rei-
bungskoeffizienten zu verringern 3).

Die Bauart der Wagen ist verschieden: teils länger, teils
höher. Es ist jedoch für den Betrieb einer Zeche von Vorteil,
wenn das System gleich ist. Im Süden des Ruhrgebietes, also
dem ältest gebauten Teile, finden sich sogar noch Wagen aus
Holz ohne Spurkranzräder (sog. deutsches System). Bezeichnend
ist, dass die Förderung dieser Zechen aber auch nur im Land-
debit 4) Absatz findet. Was die Zahl der zur Förderung notwen-
digen Wagen anlangt, so sei bemerkt, dass man bei einer täg-
lichen Doppelschicht im Durchschnitt auf je 1 t Förderung unter
normalen Verhältnissen einen Förderwagen rechnet2).

2.	Das Material der Förderbahnen ist heute fast all-
gemein die Stahlschiene in verschiedenen Profilen. Die Schwellen
sind zum grossen Teile noch aus Holz, das namentlich bei Pferde-
förderung manche Vorteile hat. Vielleicht wird auch hier, wenn
einmal die mechanische Streckenförderung verbreiteter ist, der
Stahl den Siegeszug antreten. Die Anlage der Bahn hat sich

1)	Köhler, Kat. 126.	2) Entw. Bd. V, 30.

3)	Vgl. den Aufsatz: »Ueber Förderung auf annähernd horizontaler und auf ge-
neigter Bahn abwärts« in der amtlichen Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Sa-
linenwesen im Preussisclien Staate (im folgenden zitiert als »Preuss. Zeitschr.«) Jahrg.

1S89. Zur Verringerung des Reibungskoeffizienten dient das Schmieren. Köhler (Kat.
129) hält es bei zäher Schmiere pro Schicht mindestens einmal für nötig. Das Streben,
an diesem Material (Schmierverbrauch z. B. pro t Saarkohle 1871: 0,27 kg, 187$:
0,58 kg, 1889/90: 0,28 kg) und an der bei der Förderung ganz besonders kostbaren
Zeit zu sparen, hat zur Anschaffung von Patentachsen geführt, die, einmal gefüllt,
4—8 Wochen anhalten.

4)	Entw. Bd. V. 5.
        <pb n="11" />
        ﻿3

natürlich nach der Neigung und der Richtung (ob gerade oder
gebogen) der Strecken zu richten. Die Bahnen sind einspurig
oder doppelspurig, sie sind mit Weichen und Wechseln versehen,
deren Anlage lokale Verhältnisse bedingen. Schwere Sorgen
und grosse Reparaturkosten verursacht bei den Grubenbahnen
ein etwa vorhandenes quellendes Sohlengebirge. Was die A n-
lage kosten von Förderbahnen anlangt, so teileich aus einer
Reihe von für das Ruhrgebiet genannten Zahlen jeweils das Maxi-
mum und das Minimum mit1). Es betrugen nämlich die Kosten
pro laufenden Meter in M., und zwar für

Schienen-  material	sonstiges  Eisenzeug	Schwel-  len	Löhne	Summe
bei doppelspuri	gerSch	ienenbah	n :	
auf Zeche Hibernia und Amalie 7,00	0,44	1,84	1,50	u,55
»	» Gneisenau	3)86	0,16	0,57	0,60	5,19
bei einspurige	r Schienenbahn:			
auf Zeche Konsolidation	1,90	0,05	0,78	o,35	3,o8
»	» Eintracht Tfb.	0,92	0,06	0,25	0,50	1,73

Wir betrachten jetzt

B. die einzelnen Förderungen

und zwar

I. die Grubenförderung.

Ich will mich hierbei nicht beschäftigen mit der sog. tra-
genden Förderung, die an solchen Stellen stattfindet, an denen
man nicht einmal mit der Schaufel hantieren kann; auch nicht
mit der sog. schleppenden, die mit Schlitten in wenig
mächtigen Flötzen stattfindet. Beide spielen eine untergeordnete
Rolle gegen die sog. rollende Förderung, deren Material eben
geschildert ist. Nach der Neigung der Strecken unterscheidet
man bei der Grubenförderung einmal die Streckenförderung (a),
d. h. die Bahnen sind annähernd horizontal, sodann die Förde-
rungen bei starkem Flötzfallen, hier besonders die sog. Brems-
berg- und Bremsschachtförderung (b).

a. Die Streckenförderung.

Bei dieser Förderung ist nach den Förder k r ä f t e n ausein-
anderzuhalten : i. die Schlepper- und Pferdeförderung, 2. die me-

*

1) Entw. Bd. V. 35.

I
        <pb n="12" />
        ﻿4

chanische Streckenförderung, 3. die Lokomotivförderung (unter-
irdische).

I. Die Schlepper- und Pferdeförderung.

Die Schlepperförderung besteht darin, dass man die Kraft
des Menschen zum Stossen oder Ziehen benutzt. Hierbei hat
die Erfahrung gezeigt, »dass die beste Leistung dann erzielt
wird, wenn man die menschliche (und tierische) Arbeitskraft
nicht bis zur Erschöpfung in Anspruch nimmt, und dass eine
grössere Anstrengung stets mit einer geringeren wechseln soll« x).
Infolgedessen hat man sog. Wechsel errichtet. Auf der Gräfin
Lauragrube in Oberschlesien wurden z. B. die Wechsel für die
Füller auf 77 m, für die Wagenstösser auf 165 m und für Pferde
auf 455 m festgesetzt. Das Resultat war eine Vermehrung der
Leistung um 80—100% x). Nun wurden die Strecken länger und
man brauchte gerade zu Zeiten einer intensiven Hausseförderung
mehr Menschen. Aber eben dann war auch der Preis der Ar-
beitskraft teuer, oft war Arbeitermangel vorhanden oder das
Feiern einiger Schlepper rief Betriebshemmungen hervor. Man
kann allerdings durch bessere Organisation der Schlepperarbeit
(indem man z. B. die Schlepper zu einer Kameradschaft vereinigt,
also Arbeitsteilung einführt)1 2), die Leistungen bei der Förde-
rung erhöhen, wie das Beispiel der Kons. Fuchsgrube in Walden-
burg (1883) zeigt3). Auch die zweckmässige Herstellung und
vorzügliche Erhaltung des Transportmaterials trägt dazu bei.
Aber die Ausdehnung der Grubenstrecken und die Menge der
Förderung drängte die Anwendung der Menschenkraft doch zu-
rück. So finden wir im Ruhrgebiete nur noch in den Abbau-
strecken fast durchweg Schlepperförderung. Jedoch haben diese
Schlepper, die ins Gedinge der Kohlenhauer eingeschlossen sind,
noch andere Aufgaben: Kohleneinladen, Bergeversatz u. a. Man
weiss oft nicht, was Haupt- was Nebenbeschäftigung ist. In den
Hauptförder strecken dagegen ist die Schlepperförderung fast
bedeutungslos, es sei denn, dass eine unregelmässige oder ge-

1)	Köhler-, Kat. 136.

2)	Arbeitsteilung bedeutet die Vereinigung der Schlepper zu einer Kamerad-
schaft insofern, als der Schlepper jetzt nicht mehr zur Aushilfe z. B. bei der Kohlen-
gewinnung benutzt wird, sondern nur noch mit der Förderung zu tun hat.

3)	Vogel, Ueber den Ersatz der Pferde bei der unterirdischen Streckenförderung
ausgedehnter Bergwerke. Preuss. Zeitschr. 1883. S. 399 ff.
        <pb n="13" />
        ﻿5

ringe Förderung bestehe. Die Masse der Kohlen und die Länge
der Wege brachte zuerst die Pferdeförderung, dann seit etwa den
letzten io Jahren vielerorts eine der unter 2 zu behandelnden
mechanischen Förderungen. Zu diesen Gründen tritt noch hinzu
der Einfluss der Preise, die für die Ueberlassung der Nutzung
der Kräfte der Pferde oder Menschen gezahlt werden mussten.

Im Ruhrgebiete trat die Pferdeförderung im Anfänge
der 1850er Jahre an die Stelle der menschlichen: der Grossbe-
betrieb erwachte. Im Jahre 1899 befanden sich in der Haupt-
förderschicht 4259 Pferde unter Tage; da heute fast überall 2
Förderschichten vorhanden sind, hat man also mit 7—8000 Pfer-
den unter Tage zu rechnen1). In den letzten Jahren fällt die
Zahl etwas, da die mechanische Kraft mehr benutzt wird. Die
uns interessierenden Leistungen der Pferde sind für verschiedene
Gruben bekannt. Sie sind sehr verschieden2). Sie schwanken
pro Förderschicht zwischen 16,41 Tonnenkilometer (Grube Zollern)
und 54,74 tkm (Schacht Emscher). Die Kosten stehen im
umgekehrten Verhältnis, sie betragen nämlich 34,60-bez. 13,04 Pf.
pro tkm. Einmal liegt dies an der relativ geringen Förderung
auf kurze Strecken, sodann aber bringt in diese Förderung der Faktor
»lokale Verhältnisse« ein unsicheres Moment hinein. Niedrige
Strecken, quellendes Liegende, Niveauveränderungen der Förder-
bahn, viele Anschlagpunkte, schlechter Zustand der Schienen-
wege und der Wagen erhöhen allgemein die Kosten. Als Durch-
schnitt rechnet man bei der Pferdeförderung im Ruhrbezirke 21 bis
22 Pf. pro tkm.

Nach diesen Andeutungen wollen wir die Geschichte einer
Pferdeförderung durch mehrere Jahre hindurch verfolgen. Der
Zusammenhang zwischen Leistungen und Kosten
wird uns wichtige Aufschlüsse erteilen. (S. Tabelle S. 6.)

Betrachten wir die Leistungen, so sehen wir, dass mit
der Zunahme der Tonnenzahl und der Länge der Förderwege
die im Jahr (= 300 Arbeitstagen) geleisteten tkm auf Grund einer
grösseren Anzahl Pferde natürlich gestiegen sind. Der absoluten Zu-
nahme steht aber eine relative (= pro Pferd und Schicht) Abnahme
der Leistung bei zunehmender Menge und Länge entgegen s).

1) Entw. Bd. V. 44.	2) Entw. Bd. V. 51 f.

3) Unser Beispiel zeigt natürlich keine Regelmässigkeit in dieser Erscheinung, da
im Zusammenhänge mit Konjunktur etc. eine wechselnde intensive Ausnützung des
Pferdematerials stattgefunden haben wird.
        <pb n="14" />
        ﻿Kölner Bergwerksverein, Schacht Emscher 1).

		Leistung bei		Pferdefö	r d e r 11 n g,		
	Anzahl der Pferc	T PMcHvncr	Mittlere Länge		Geleistete tkm	Leistung pro		
Jahr		ie	in t	der	Wege in m	bei 300 Ar- beitstagen	Pferd u.Schicht tkm	
1884	6	140 104		780	109 245		60,69
1885	5	130 662		831	108 589		72,39
1886	5	102 826		861	88 580		59,05
1887	6	110 322		955	105 345		58,52
1888	?	127 401		1013	129 078		—
1889	?	132 446		1052	139 399		—
1890	11	139 575		r 107	154 473		46,81
1S91	11	150 334		1123	168 820		5LI5
1892	13	141810		1136	161 028		41,28
1893	?	162187		1125	182 546		—
1894	14	152 367		1114	169 770		40,42
1895	17	200 081		1138	227 604		44,62  60,46
1896	16	262 139		1338	290 226		
1897	22	290 595		1369	331 592		50,24
1S98	22	307 484		1401	361 277		54,74
		Kosten	pro t	km in Pfennigen.			
		Amorti-  sation	Löhne		Geschirr	Arznei	
Jahr	Fourage		Stall-	Pferde-	u. Repara-	und Huf-	Sa.	
			knecht	treiber	turen	beschlag	
1884	4,45	0,98	0,85	2,65	0,40	0,21	9,54
1885	4,20	o,99	o,8S	2,45	o,39	0,17	9,08
1886	4,73	1,22	1,07	2,56	0,60	0,22	10,40
1887	4,21	1,29	0,92	2,68	0,28	0,19	9,57
1888	4,46	o,74	o,73	2,86	o,37	0,22	9,38
I 889	5,56	0,69	0,78	3,78	0,74	0,20	11,75
I 890	5,2°	0,62	0,82	4,05	0,84	0,22	11,75
1 891	5,74	1,18	o,79	3,98	0,66	0,26	12,61
I 892	6,54	1,49	0,78	3,80	0,71	0,32	13,64
1893	5,8i	J,31 2	0,62	3,45	o,59	0,29	12,08
1894	6,50	1,42	0,78	2,92	o,59	0,30	12,51
1895	5,0°	1,05	0,84	3,40	0,76	0,25	11,30
I 896	4,29	1,25	0,82	3,65	o,79	0,24	11,04
1897	5,07	1,81	o,77	3,51	0,76	0,24	12,16
1898	5,65	1,66	o,74	4,08	0,64	0,27	13,04
	Was die	Kosten	2) der	Pferdeförderung anlangt,			so sehen

wir, dass sie (in Pf. pro tkm) bei Fourage, bei Geschirr und Re-

paraturen, bei Arznei und Hufbeschlag wenig gestiegen sind.
Was aber in die Augen fällt ist das starke Steigen der Löhne
der Pferdetreiber bei gleichzeitiger Verringerung der Schicht-

1)	Entw. Bd. V. 53.

2)	In diesen Kosten sind noch nicht enthalten die Aufseherlöhne und die Ko-
sten für Reinigen und Instandhalten der Strecken. Die Aufsicht würde in Westfalen
(auf 5 Pferde 1 Aufseher mit 3,50—4 M.) pro I tkm 1,5 Pf. kosten, das Reinigen
und Instandhalten der Strecken bei Pferdeförderung pro tkm 0,2—2,5 Pf. (1,5 Pf. im
Durchschnitt). Vgl. Entw. Bd. V. 53.
        <pb n="15" />
        ﻿7

pferdeleistung. Die Veränderung in der Amortisationsquote rührt
daher, dass jetzt pro Pferd und Jahr 272 M., früher nur 180 M.
gerechnet worden sind. Die Löhne machen also etwa 30% des tkm-
Satzes aus. Sie schwanken lokal. Um ihren relativen Anteil zu ver-
ringern, hat man die Anzahl der Wagen, die ein Pferdetreiber in
einem Pferdezug begleitet, zu erhöhen versucht, indem man 2
Pferde hintereinander davor spannte. Aber dies verursacht ziem-
liche Schwierigkeiten beim Umspannen und Begegnen.

Wir sehen demnach, wie die Pferdeförderung sich nur für
eine gewisse Stufe der Menge und der Länge der Förderung
eignet, wie aber dann—jedoch unter Berücksichtigung des Fak-
tors »lokale Verhältnisse« — sich die Tendenz der abneh-
menden Leistung bei zunehmenden Kosten zeigt.

2. Die mechanische Streckenförderung1).

Das eben Gesagte gibt die Gründe an, die zur Einführung
der mechanischen Streckenförderung drängten. Das Wesen die-
ser Forderung besteht darin, dass eine feststehende. Antriebsma-
schiene vermittelst eines Zugsmittels (Seil oder Kette) die För-
derwagen in den Strecken bewegt, also die vollen zum Füllorte
die leeren zu den Abbauen. Dieses Problem hat dem Techniker
viele schwierige Aufgaben gestellt, die heute meistens gelöst sind.
Worüber aber im Kreise der Interessenten debattiert wird, ist die
Frage der Wirtschaftlichkeit solcher Anlagen die manche für »Sport«
zu erklären versuchen. Damit wir zu einem Resultate kommen,
wollen wir uns bei den folgenden Beispielen aus verschiedenen
Gegenden genau die konkreten Verhältnisse dieser Förderungen
ansehen. Wir wollen uns also vor Allgemeinheiten hüten, was
jedoch der Bestimmtheit der zu ziehenden Schlüsse keinen Ab-
bruch tun soll.

In England1 2) herrschte schon sehr früh das Bestreben, die
Verwendung von Menschen- und Tierkräften bei der Förderung
auf das geringste Mass zu beschränken, hervorgerufen durch die
grösseren Fördermengen und die grösseren Förderlängen. Eng-

1)	Will man diese mechanische Streckenförderung und die Pferdeförderung be-
züglich ihrer Kosten vergleichen, so muss man gleiche Strecken zugrunde legen.
Da nämlich die maschinelle Streckenförderung die für sie geeignetsten Strecken be-
setzt, so erhöhen sich bei ihrer Einführung die Kosten für die Pferdeförderung oft
absolut, soweit diese jetzt in für sie nicht so günstige Strecken verbannt wird.

2)	Vgl. Nasse in seinen »Notizen« in der Preuss. Zeitschr. 1891. S. 308 f.
        <pb n="16" />
        ﻿8

land hat jedoch einen natürlichen Vorteil, der sich auch hier gel-
tend macht: die Flötze sind flach gelagert. Nicht ungewöhnlich
sind Längen von 3—6 km. Die Resultate sind sehr günstig, be-
tragen doch z. B. auf einem Werke bei einer täglichen Leistung
von 330 t die Kosten für eine Tonne und eine Meile einschl.
Amortisation

bei Schlepperförderung	ca.	34	Pf.

bei Pferdeförderung	»	21	»

bei elektrischer Förderung	»	17	»

In Deutschland sei zuerst das Saargebiet betrachtet.

Auf der staatlichen Steinkohlengrube Von-der-Heydt*•) ge-
nügte die bis dahin benutzte Seilförderung den hohen Ansprüchen
nicht mehr, bezw. bei der erforderlichen grösseren Geschwindig-
keit nur bei Gefahr von Entgleisungen und damit für das Leben
der Bedienungsmannschaften. Man schritt zur Anlage einer
Kettenförderung. Rechnungen ergaben, dass das Anlagekapital
bereits nach 7 Jahren durch Betriebsersparnisse gedeckt sei.

Einer andern Quelle1 2), die sich sehr eingehend mit den
Förderanlagen auf derselben Grube beschäftigt, entnehme ich
einige typische Zahlen. Es betrugen die Förderkosten für
IOO Ztr.

100 m

in Pfg.:

Bei Seilförderung Bei Kettenförde- Bei Kettenförderung

	in		rung a. d. Halde		im Burbachstollen		Bei der
	Krug-	Lanrpen-	ohne	mit	ohne	mit	Pferdeförderung
	schacht	nest	Kettenkosten		Kettenkosten		
1872	3,86	3,45	6,11	6,13	1,96 (1875) 2,27		io,57
1880	2,00	2,16	2,84	2,97	1,41	1,60	10,00

Hier sehen wir, wie im Gegensatz zu der unter 1 behandelten
Pferdeförderung und wie auch der hier angeführte Einheitssatz
von etwa 10 Pfg. zeigt, die Kosten, auf die Einheit be-
zogen, beträchtlich gesunken sind. Sehr günstig ist
das Resultat bei der Kettenförderung im Burbachstollen. Die
Seilförderung hat relativ ungünstig gearbeitet, sie ist nicht die
Förderung des Saargebietes, das im Gegensatz zum Ruhrgebiete
die Kette als Zugmittel bevorzugt.

Neben dem Fallen der relativen Betriebskosten findet sich

1)	E. Braun, Die Kettenförderung im Von-der-Heydt-Stollen der Königlichen
Steinkohlengrube Von-der-Heydt bei Saarbrücken. Preuss. Zeitschr, 1891. B. 1 ff.

2)	Vollert, Die Seil- und Kettenförderungsanlagen der kgl. Steinkohlengrube
Von-der-Heydt bei Saarbrücken in Bd. 30 der Preuss. Zeitschr.
        <pb n="17" />
        ﻿9

oft auch ein Fallen der absoluten (Zeit hier 1871—1880). Ich
greife ein Beispiel heraus: die Seilförderung nach den Krug-
schächten. Hier finden wir

im Jahre

1871

1880

ein gefördertes Quantum
Ztr.	1000 m-Z.

3 210 900	6 561 728

5025700	8895489

Betriebskosten
in M.

eine Förderlänge
in m

20561	2180 bezw. 1740

17831	1740

Diese Seilförderung ist infolge von Kurven und Niveau-
differenzen besonders schwierig. Die Gründe des Fallens geben
folgende Sätze. »Die wesentliche Ersparnis in den Anschläger-
und Zugführerlöhnen ist hauptsächlich einer stetig zunehmenden
Gewandtheit dieser Arbeiter zuzuschreiben, welche gestattet, die
relative Anzahl derselben zu vermindern. Die Verringerung der
Ausgaben für Löhne, Material und Kohlen beim Maschinenbe-
triebe zeugt ebenso wie der geringere Seilverschleiss dafür, dass
die zahlreichen Erfahrungen, welche während eines Jahrzehntes
im Betriebe gemacht wurden, zu mancher Verbesserung der ur-
sprünglichen Einrichtungen führten.«

In Oberschlesien ist man verhältnismässig spät der
maschinellen Streckenförderung näher getreten 1). Trotz günstiger
Versuche trat man erst Ende der 1880er Jahre lebhafter dafür
ein. Warum suchte man »die seit Jahrzehnten beliebte« Schlep-
per- und Pferdeförderung zu verdrängen ? Die Gründe werden
uns nicht mehr überraschen. Man hatte einmal genügend För-
derleute, deren Lohn nicht zu hoch war. Aus Oesterreich und
Russland kam ferner billiges Pferdematerial. Ganz besonders
aber trug zu jener »Beliebtheit« bei, dass die P'örderlängen nicht
allzu bedeutend waren; sie blieben es lange Zeit, »da man bei
der geringen Teufe der Flötze lieber einen neuen Förderschacht
abteufte, als dass man die Förderlänge zu gross werden liess.«
Doch dies änderte sich. Die obere Sohle ist abgebaut, und so
wächst die Teufe der Schächte, und damit, wie das folgende
Kapitel zeigt, auch das Anlagekapital. Hiezu kamen hohe Grund-
und Bodenpreise. Auch der P'ördermann meldete sich, beson-
ders 1889. Sein Lohn stieg. Weiter stiegen die Preise für Pferde-
material. Da nun Oberschlesien von grossen Konsumtionszentren
entfernt liegt, die hohe Fracht aber preiserhöhend wirkt, so
musste man, falls man nicht niederkonkurriert werden wollte, die

1) Vgl. Heimann, Die maschinellen Streckenförderungen auf den oberschlesischen
Steinkohlengruben. Preuss. Zeitschr. 1900. B. 18 f.
        <pb n="18" />
        ﻿IO

Produktionskosten zu Hause drücken. Ein Mittel hierzu war die
Einführung der maschinellen Streckenförderung.

Von einigen Seil förderungen z. B. hatte die Grube Hed-
wigswunsch 1897 — 8 mit 14,7 Pf. pro tkm. das ungünstigste
Resultat. Hier sind nämlich zahlreiche Krümmungen und grosse
Höhendifferenzen zu durchfahren. So kam es, dass bei 29027 M.
Anlagekosten (Maschinen, Dampf, Signale u. s. w.) und bei
5280 M. Seilkosten die Betriebskosten vom 1. November 1897
bis 31. Oktober 1898 28452 M. (Löhne, Material, Reparaturen,
Seilverschleiss, io°/0 Amortisation des Anlagekapitals) ausmachten.
Andere günstigere Resultate waren 5,3 Pf. pro tkm im Ost-
felde der Königin-Luise-Grube; 7,5 Pf. pro tkm auf der Kons.
Florentine-Grube und 1,96 Pf. pro tkm im Westfelde der
Königin-Luise-Grube. Das letzte ausserordentlich günstige Resul-
tat ist einmal in der guten Beschaffenheit und Geeignetheit der
Förderstrecken zu suchen, sodann aber darin, dass die Anlage,
»so gut wie vollständig« ausgenutzt wurde.

Im Ruhrbezirke ging man erst im letzten Jahrzehnte
des vorigen Jahrhunderts x) dazu über, bei der Grubenförderung
die organisch erzeugte Kraft in ausgedehnterem Masse durch die
mechanische zu ersetzen. Es dürfte von Interesse sein, dem das
entsprechende Jahr 1850 in England und 1862 im Saarbrücken-
schen entgegenzusetzen. Nun weisen die Berichte unter den
Gründen des langen Festhaltens an der »bewährten« Pferde-
förderung den Einfluss des »Herkommens« von sich. Man be-
gründet es vielmehr mit den zahlreichen Kurven in den Strecken,
ja selbst in den Querschlägen und mit dem gebrächen und
quellenden Gestein. Als Gründe für Einführung der mechanischen
Förderung werden angeführt: die Lasten der sozialpolitischen
Gesetzgebung1 2) und der in den Betrieb oft tief eingreifenden
Bergpolizei-Vorschriften; der hohe Lohn (besonders seit 1889)
der Schlepper und Pferdeführer; endlich die Krankheiten der

1)	Vgl. Entw. Bd. V. 56 f.

2)	Hieran ist richtig, dass die pro Kopf der Belegschaft steigenden Kosten
der sozialpolitischen Gesetzgebung ein Teurerwerden der menschlichen Arbeitskraft
bedeuten, also in verstärktem Masse zu ihrer Ersetzung beitragen. Inwieweit diese
Kosten jedoch eine »Last« bilden, lässt sich durch Berechnung pro Kopf nicht er-
ledigen , sondern nur durch Berechnung pro Tonne Förderung. Diese letzte
richtige Methode ist jedoch nicht sehr beliebt, denn sie ergibt nur kleinere Beträge,
denen, wie z. B. weiter unten für das Saargebiet gezeigt ist, wachsende Ueberschüsse
auch pro Tonne gegenüber stehen.
        <pb n="19" />
        ﻿Grubenpferde (Rotz). So kam es, dass von 1889 bis 1898 71 Neu-
anlagen errichtet wurden, die die Hauptbedingung erfüllten, näm-
lich die Möglichkeit, Kurven zu durchfahren, ohne die Wagen vom
Zugmittel lösen zu müssen. Sonst wären ja an jeder Kurve
2 Arbeiter erforderlich. Im Jahre 1898 betrug die Bahnlänge im
Ruhrgebiete 83 119 m, davon als Maximum 2680 m im Schacht II
der Zeche Zentrum. Bahnlängen von weniger als 1000 m sind
wenige vorhanden, die meisten schwanken zwischen 1000 bis
2000 m x).

Die Geschwindigkeit bei der Streckenförderung beträgt 0,5
bis 1,0 m pro Sekunde.

Nach der geforderten Geschwindigkeit aber, sowie nach der
Fördermenge und der Länge der Strecken und den bekannten
lokalen Faktoren muss sich die Stärke der Antriebs ma-
s c h i n e n 2) für die unterirdischen Förderungen richten.

Im Ruhrgebiete sind Maschinen mit 20 und 30 P.S. am ge-
bräuchlichsten. Bei kleinen Betrieben kommen solche bis zu 7 P.S.
vor; Maschinen, die mehrere Antriebe zu bewegen haben, haben
bis zu 60 P.S. Als Betriebskraft verwendet man Dampf, Press-
luft, Elektrizität und Druckwasser. In Westfalen wurden 42 Seil-
förderungen betrieben, davon 11 mit Dampf, 21 mit Luft, 8 elek-
trisch und 2 mit Druckwasser. Die Verwendung der Elektrizität,
über deren Einfluss später noch mehr gesprochen wird, hat viele
Vorteile: leichte Leitung, Beweglichkeit in der Leitung, gleich-
zeitige Lichtquelle, Möglichkeit, Ventilatoren zu treiben, Rotations-
bewegung statt der hin und her stossenden Zylindermaschinen.
Wenn sie trotzdem noch relativ wenig verbreitet ist, so liegt das
daran, dass die meisten Gruben bereits andere Kraftübertragungs-
mittel hatten, deren Leistung ausreichte oder doch leicht ver-
grössert werden konnte.

Was die wichtige Frage nach den Leistungen und den
Betriebskosten der mechanischen Streckenförderungen an-
langt, so existiert darüber für das Ruhrgebiet auf Grund eines
Materials von 36 Förderungen eine eingehende Untersuchung3).
Es wurde dabei ein ganzes Betriebsjahr mit möglichst wenigen
Störungen zugrunde gelegt. »Die niedrigsten Kosten weist die

1)	Entw. Bd. V. 66.	2) Vgl. Entw. Bd. V. 124. 130. 142.

3)	Vgl. Glückauf, Berg- und Hüttenmännische Zeitschrift. Essen (zitiert Gl.A.).
1900. S. 141—154. W. M.: Die Betriebskosten der unterirdischen Seilförderungen auf
den Zechen des Ruhrkohlengebietes.
        <pb n="20" />
        ﻿12

mit glattem Seil und Anschlusskettchen arbeitende Streckenför-
derung I mit 5,501 Pf. pro tkm auf, die Leistung dieser Bahn
beträgt 1204 tkm (pro Schicht); am teuersten arbeitet die Strecken-
förderung 35/36 mit 33,265 Pf. und einer Leistung von 276 tkm
pro Schicht.« Die Leistungen selbst schwanken bei den 36 För-
derungen zwischen 1430 und 89 tkm pro Schicht. Aus diesen
Zahlen geht deutlich die Tendenz des Einhergehens
grösserer Leistungen mit niedrigeren Kosten
pro Einheit (tkm) hervor, die von lokalen Verhältnissen durch-
kreuzt wird.

Folgende Zahlen J) zeigen es noch deutlicher,
die Kosten pro tkm in Pf., und zwar

Pf. 5	7	9	"

bis bis bis bis
7	9	11	13

I.	Bahnen mit hoher Leistung (über 700

tkm pro Schicht) Zahl:	3	—	2	1

II.	Bahnen mit mittlerer Leistung (450 bis

700 tkm pro Schicht) Zahl:	—	612

III.	Bahnen mit geringer Leistung (250 bis

450 tkm pro Schicht) Zahl:	—	—	—	3

IV.	Bahnen mit sehr geringer Leistung (un-
ter 250 tkm pro Schicht) Zahl:	—	—	—	—

Bei I und II arbeiten beidemale die letzte und bei IV die
erste Förderung unter Ausnahmebedingungen. Streckenkurven,
Niveaudifferenzen, zahlreiche Anschlagpunkte, schlechte Anord-
nung der Gesamtanlage, Untüchtigkeit der Arbeiter u. a. m. er-
höhen die Betriebskosten und verringern die Leistungen der
Förderungen. Von den z. T. in der Natur der unterirdischen För-
derung beim Bergbau in erster Linie begründeten konkreten Fak-
toren abgesehen, zeigt sich aber an allen Beispielen dieses Ab-
schnittes die Tendenz der zunehmenden Leistung bei zunehmen-
der Fördermenge und Förderlänge.

Woher kommt dies?

Mit dem Wachsen der letzten Grössen muss auch die Lei-
stungsfähigkeit der Kraftmaschinen wachsen. Dies bedeutet eine
zunehmende Kapitalkonzentration. Diese aber führt dazu, dass die
gewerbliche Arbeit des Kohlentransportes pro Einheit, also pro
tkm, infolge der verschiedenen noch zu erörternden »Ersparnisse«
und infolge der Möglichkeit, etwas fortwährend mechanisch zu
wiederholen, billiger geschehen kann, und zwar umso billiger, je 1

Es betrugen

*3	*5	über

bis bis

15	17	17

1) Entw. V. 149.
        <pb n="21" />
        ﻿13

grösser die Voraussetzungen der Konzentration: der längere Weg,
die kürzere Zeit und die grössere Menge vorhanden sind. D i e
mechanische Streckenförderung steht unter
dem Gesetze des zunehmenden Ertrages bei z u-
nehmenderKapitalkonzentration, dessen Wirkungen
sich am deutlichsten zeigen, wenn eine Maschine ihr Konstruk-
tionsmaximum auch stetig leistet. Leistet sie aus irgend welchen
Gründen weniger, so heisst dies Betriebsverteuerung, und aus
dem Uebersehen der Voraussetzungen einer mechanischen Strecken-
förderung, der genügenden Masse bei genügender Länge unter
geeigneten lokalen Verhältnissen resultieren die sich entgegen-
stehenden Anschauungen über ihre Wirtschaftlichkeit. Im Karls-
stollen bei Diedenhofen war die Seilförderung 1902 4637 m lang,
in Westfalen betrug die grösste Länge, wie erwähnt, 2680 m.
Die erste Anlage leistete in einer Schicht 6285 tkm bei einem
Kostensätze von 2,8 Pf. pro tkm; die zweite Anlage leistete pro
Schicht 1430 tkm bei einem Satze von im günstigsten Falle
5,5 Pf. pro tkm *)!

Um noch zu sehen, woraus sich die Betriebskosten zusammen-
setzen, sei der Durchschnitt aus den 36 Förderungen des Ruhr-
gebietes angeführt, der natürlich mit der für einen »Durchschnitt«
notwendigen Vorsicht aufzunehmen ist. Es entfielen auf

24.4 %
17,6 »
15.8 »

I. Betriebskraft

II. Instandhaltung der maschinellen Ausrüstung

III.	Aufsicht

IV.	Bedienung des Seils

V. Amortisation und Verzinsung

30,0 »

12,2 »

Was die Kosten für Erzeugung der Betriebskraft (I) anlangt,
so schwankt der Satz ausserordentlich. Dies kann zum Teil in
formellen Gründen liegen, denn die Berechnung für einen aus
dem Gesamtbetriebe losgelösten Betriebsteil ist sehr schwierig.
Zum grossen Teile liegt das Schwanken jedoch in der Art der
verwendeten Betriebsmittel. Und hier tritt uns etwas entgegen,
was uns im letzten Kapitel noch eingehender beschäftigen wird.
Die koksproduzierenden Zechen haben eine billige Betriebs-
kraft in den sonst unnütz entweichenden und obendrein schäd-
lichen Abgasen der Koksöfen. Aehnlich verhält es sich mit den
Hochofengasen. Unter Instandhaltung der maschinellen Aus-
rüstung (II) sind vor allem Reparaturen zu verstehen. Unter

1) Gl.A. 1900. W.M. Die Betriebskosten ... 1. c.
        <pb n="22" />
        ﻿14

diesen Posten fällt aber besonders der Seilverschleiss, den man
durch Konstruktion und Methode des Betriebes (z. B. nicht zu
schneller Antrieb) möglichst zu verringern sucht. Die Schwierig-
keit der Aufsicht (III) wächst mit der Länge der Strecke, der
Anzahl der Kurven und der Zahl der Anschlagpunkte. Bei
unsern Beispielen schwanken die Kosten zwischen o und 5,215 Pf.
pro tkm. Die Bedienungskosten (IV) richten sich nach den Lohn-
verhältnissen, nach den bei III erwähnten Streckenverhältnissen
und nach der Zahl der geförderten Wagen. Ueber Zins und
Amortisation ist nichts hinzuzufügen.

3.	Die Lokomotivförderung.

Gegen die mechanischen Streckenförderungen, die wir soeben
nach den verschiedensten Richtungen hin beschrieben haben,
werden nun manche Nachteile geltend gemacht. Man sagt 1),
sie seien gewissermassen schwerfällig, da sie sich den vielfachen
Streckenwindungen nicht anzupassen verstünden; weiter sei von
den Zwischenstationen die Förderung schwierig und die Strecken
würden für andere Transporte gesperrt. Dies hat zur Konstruk-
tion und zu Versuchen mit beweglichen Maschinen, mit Gruben-
lokomotiven geführt. Die P'rage der Lokomotivförderung findet
sich noch im Stadium der Versuche. Da es sich jedoch um ein
interessantes Problem handelt, so wollen wir kurz etwas darauf
eingehen 1 2). Dampflokomotiven sind ungeeignet, da Dampf und
Rauch belästigt, die Grubenluft verdirbt und ihr Feuer eine Gefahr
für Wetterexplosionen bildet. Die Natronlokomotive ist zu teuer
und zu schwer; es haben nur vereinzelte Versuche stattgefunden.
Bei den Pressluftlokomotiven ist der Betrieb ebenfalls teuer, weil
sich trotz starker Pressung Verluste und damit geringere Nutz-
effekte ergeben. Von den elektrisch getriebenen Lokomotiven
sind die mit Akkumulatoren noch zu schwer, die mit Oberleitung
bei Schlagwettern eine grosse Gefahr, wenn auch die Schwierig-
keiten nicht einfach als »unüberwindlich« bezeichnet werden
können. Es verbleiben die Explosionsmotoren (Benzin, Spiritus),
über die gleich noch gesprochen wird. Das Ideal ist, da z. B.
die elektrische Lokomotive eine kostspielige Anlage erfordert,
natürlich eine Lokomotive, die dem Wechseln der Betriebspunkte

1)	Vgl. Vogel, Ueber den Ersatz der Pferde bei der unterirdischen Streckförde-
rung ausgedehnter Bergwerke. Preuss. Zeitschr. 1883. B. 399 f.

2)	Vgl. dazu Köhler, Kat. 142 f. und Entw. Bd. V. 174 f.
        <pb n="23" />
        ﻿— 15 —

sofort folgen kann, die also an keine stationäre Anlage gebun-
den ist.

In Oberschlesien hat man den elektrischen Lokomotivbe-
trieb]) da , wo die Strecke nicht allzu lang ist oder wo sie eng
ist oder wo sie fast ausschliesslich aus Kurven besteht, wo also
eine Ketten- oder Seilförderung technisch fast unmöglich ist.
Ist aber die Strecke nass oder sind Schlagwetter und Kohlen-
staubmengen vorhanden, so ist auch hier die elektrische Loko-
motivförderung ausgeschlossen.

Interessant sind die Ergebnisse eines Versuches mit den
sehr beweglichen Benzinlokomotiven: die Deutzer Gasmotoren-
fabrik 1 2) hat eine solche mit abnehmbarem Benzinbehälter kon-
struiert. Sie entwickelt 6—8 P.S. In hygienischer Beziehung
(Reinheit der Grubenluft) ergibt sich durch mitgeteilte Berechnun-
gen, dass der Benzinbetrieb in dieser Beziehung »nicht ungün-
stiger« ist als der Pferdebetrieb. Wir geben gleich das Resultat
in Zahl und Mass, da die spezifizierten Berechnungen für uns
zu eingehend sind. Bei voller Ausnutzung der Leistungsfähigkeit
betrugen die Betriebs- und P'örderkosten pro Tag

bei einer Förderlänge von	1000 m		2000 m	
und zwar für				
Lohn des Lokomotivführers	M.	4,00	M.	4,00
Verbrauchtes Benzin	»	3.96	»	4.75
Schmieröl, Putzwolle, Unterhaltung	»	1,00	»	1,00
Abschreibung 12,5 ü/0 = jährlich 812 M., bei 300 Arbeits-				
tagen pro Tag also	»	2,71	*	2,71
	M.	11,67	M.	12,46
Die tägliche Förderleistung ist tkm		200		240
Also sind die Förderkosten in Pf. pro tkm		Ln  CO		5U9

Die Kosten der Förderung sind im ungünstigsten Falle 58%
billiger als die der Pferdeförderung, diese zu 14 Pf. pro tkm an-
genommen. Auch bei halber Ausnutzung der Lokomotivkraft
beträgt die Ersparnis gegen Pferdeförderung noch immer 36%.
Nun liegt es aber in der Natur des Betriebes begründet, dass man
keine riesigen Maschinen bauen kann, um eine grosse Förde-
rung zu bewältigen. Werden grössere Leistungen erfordert, so
müssen mehrere Maschinen eingestellt werden. Dies bedeutet
aber ein verhältnismässig grösseres Kapital, und so erscheint
ein in Lokomotiven investiertes Kapital bei

1)	Heimann 1. c. 48.

2)	Braun, Benzinlokomotiven für Grubenbetrieb (ausgeführt von der Deutzer Gas-
motorenfabrik). Preuss. Zeitschr. 1899. B. 374.
        <pb n="24" />
        ﻿— i6 —

einer gewissen Kohlenmasse gleichsam weniger
konzentriert als das einer stationären Anlage.
Dementsprechend ist auch der wirtschaftliche Erfolg. Die Loko-
motivförderung eignet sich für kleinere Fördermengen, besonders
bei den geschilderten schwierigen Streckenverhältnissen. Hier
ist sie eine wahlverwandte Kapitalkonzentration, für die im übri-
gen das bei der mechanischen Streckenförderung Gesagte in Be-
tracht kommt.

Wir haben von der Grubenförderung noch

b. die Bremsberg- und Bremsschachtförderung
kurz zu betrachten.

Was ist ein Bremsberg? »Unter Bremsberg versteht man
eine schiefe Ebene, auf welcher die Förderung an einem Seile
oder einer Kette herabgelassen und die leere Last mit Hilfe des
Herabgleitungstriebes entweder direkt oder durch ein Gegen-
gewicht aufwärts gezogen wird«1). Bei steilem Einfallen werden
diese Bremsberge zu Bremsschächten.

In Westfalen 2) findet bei flachem Flötzfallen (bis zu 300)
die Förderung fast durchweg vermittelst Wagen- oder Laufbrem-
sen auf 2 Geleisen statt, bei stärkerem Flötzfallen jedoch mit
unterlaufendem Gegengewichte im eintriimmigen Bremsberge. Die
Wagen laufen dann nicht mehr direkt auf der Bahn, sondern sie
befinden sich auf Gestellen, auf die sie neben- oder hintereinander
geschoben werden. Dies tut der Schlepper. Damit der Betrieb
gut funktioniert wird durch Signalvorrichtungen der verschieden-
sten Art zwischen diesem und dem Bremser die Verständigung
ermöglicht. In den Bremsbergen findet (z. B. im Ruhrgebiete)
auch Förderung mit Seil ohne Ende statt. Es ermöglicht dies
einen kontinuierlichen Betrieb, sodass die Leistung eine ausser-
ordentlich hohe ist 3).

Was die Förderung in den Bremsschächten anlangt, so ist
sie der Schachtförderung ähnlich, sie ist aber einfacher als diese.

II.	Die Schachtförderung.

Ehe wir die hierbei wirkenden Gesetzmässigkeiten formulie-
ren können, müssen wir einige Details besprechen.

Zuerst die Seile, an denen die Fördergefässe hängen. Sie

1) Köhler, Kat. 144.

2) Entw. Bd. V. 175

3) 1. c. 189.
        <pb n="25" />
        ﻿17

waren in älterer Zeit aus Hanf. Dies Material wurde bald zu
teuer; dann nahm man Eisenketten, bei denen aber infolge des
grossen Eigengewichtes die Gefahr des Zerreissens sehr gross
war. Darauf verwendete man die 1834 zu Klausthal erfundenen
Drahtseile und zwar Eisendrahtseile1). Später, seit Mitte der 1860er
Jahre, ging man zu Gussstahldrahtseilen über. Diese haben näm-
lich ein bedeutend geringeres Seilgewicht, womit die tote Last
und der Anteil von Kohle und Dampf an den Betriebskosten
verringert wird. Ausserdem sind Gussstahldrähte bei gleicher
Stärke mehr als doppelt so tragfähig wie Eisendrähte. Aus die-
sen Gründen werden seit 1895 im Ruhrgebiete keine Eisendraht-
rundseile mehr benutzt1 2). Die Ausgaben für Förderseile spie-
len im Grubenhaushalte eine grosse Rolle, die Summen sind oft
doppelt bis dreifach so hoch wie die für Dampfkessel3). Bei dem
grossen Bedarfe4 5) an Förderseilen ist ihr Preis sehr wichtig. Da ist
es nun interessant, dass aus den Reiben der Bergbauunternehmer
mitgeteilt wird, dass seit Gründung des Drahtsyndikats die abso-
luten Seilkosten sich erhöht haben 6). Für die Preispolitik a n-
derer Syndikate und ihre Folgen hat man einen sehr scharfen
Blick. Die ökonomischen Leistungen der Seile sind bedingt
durch die Masse der Kohle, die Tiefe der Schächte und die
Geschwindigkeit der Förderung. Und zwar nimmt bei gleicher
Geschwindigkeit und gleicher Fördermenge mit zunehmender Tiefe
die Leistung ab. So hoffte Zeche Preussen, Schacht II °) unter
Zugrundelegung einer mittleren Fördergeschwindigkeit von 10 m
pro Sekunde bei der vorhandenen Nutzlast von 4400 kg mit
jedem Zuge zu fördern aus einer Teufe von:

t pro Stunde:

600 m	198

800	»	158

1000	»	132

1200	»	112

1) Entw. Bd. V. 251.	2) 1. c. 274.

3)	Wenderoth, Ueber Schachtförderseile und Seilkosten. Preuss. Ztschr. 1886. B. 314.

4)	Dieser Bedarf ist noch grösser, wenn mit den Seilen ausser Kohle etc. auch
Menschen gefördert werden. Seit 1872 besteht für den O.B.B. Dortmund eine Sta-
tistik der Schachtförderseile. Hiernach wurden 1872 bis Ende 1899 6461 Förderseile
abgelegt. Im Jahre 1872 waren von den 114 abgelegten Seilen 22 = 19,3 % plötz-
lich gerissen. 1899 dagegen von 388 nur 2 =0,52 °/0. Man sieht, wie die Verbes-

serung in der Struktur der Seile , die Verbesserung in den Betriebseinrichtungen, so-
wie die Prüfung der Seile gewirkt hat.

5)	Entw. Bd. V. 277.

6)	Entw. Bd. V. 407.

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.	2
        <pb n="26" />
        ﻿18

Ebenso wie die Seilleistungen absolut je nach den konkreten
Bedingungen, unter denen sie auf den einzelnen Gruben arbeiten,
variieren, so auch die absoluten Seilkosten. Sie richten sich
vor allem zuerst nach der Güte und Geeignetheit des Materials
und nach dessen Behandlung; so waren z. B. im Ruhrbezirke
die Seilkosten pro tkm Nutzleistung bei Stahlrundseilen wesent-
lich billiger als bei den Bandseilen. Sodann richten sie sich nach
der »Dienstzeit« des Seiles. Hieraus erklärt es sich, dass z. B.
in Saarbrücken trotz gleicher Qualität und gleicher Behandlung
der Seile ihre Kosten grösser sind als in Westfalen1). Denn
die Seile werden dort gleichzeitig zur Seilfahrt für die Mannschaft
benutzt und oft schon nach einem Jahre abgelegt, wenn auch
anderweitig verwendet 2).

Beachten wir jedoch die relativen Seilkosten, also
die Seilkosten nach der Höhe der zu hebenden Nutzlast, so zeigt
unter gleichbleibenden Verhältnissen der Satz pro tkm die Ten-
denz, mit der Tiefe zuzunehmen.

Wir konstatieren demnach, dass bei dem aus
der Gesamtförderung isolierten (d. h. der ganze
andere Betrieb bleibt gleich) Seilbetriebe sich die Ten-
denzzeigt, dass mit der Tiefe der Seilkosten-
satz pro tkm steigt, die Seilleistung aber fällt.

Als zweites wichtiges Detail bei der Schachtförderung ist
der »Förderkorb« zu betrachten. In ihm wird das zu För-
dernde bewegt.

Bei einer Förderung mit 8 Wagen und zylindrischen Trom-
meln ergab sich unter Berücksichtigung der Unterseilkosten pro
tkm ein Satz von 2,49 Pf. Seilkosten, bei der gleichen Berech-
nung für 4 und weniger Wagen aber ein Satz von 2,96 Pf. 2).
Aus diesem Beispiel erhellt, dass eine geringere Nutzlast mit einem
grösseren Seilkostensatze einhergeht. Die Art des mitge-
teilten Versuches zeigt schon, wie man dem
unter sonst gleichbleibenden Verhältnissen mit

1)	In Westfalen z. B. hat die gute Qualität der Seile und ihre sachgemässe Be-
handlung im Betriebe im Laufe der Zeiten dazu geführt, dass die Zahl der Seile mit
geringer Nutzleistung prozentual ständig zurückgegangen ist. Es hei nämlich z. B. die
Nutzleistung von o—5° looo-tkm von 71,54 % (1882) auf 35,63 °/0 (1899) &gt; und es
stieg der Anteil der Nutzleistung über 400 1000-tkm von 0,51 % auf 2,18 % (1890
bis 1899). Vgl. Entw. Bd. V. 277. Auch in Saarbrücken sind z. B. in den Jahren
1881—1884 die Nutzleistungen gegen 1877—1880 erheblich gestiegen. Vgl. Wenderoth,
Ueber Schachtförderseile und Seilkosten. Preuss. Ztschr. 1882. 97.

2)	Entw. Bd. V. 287.
        <pb n="27" />
        ﻿19

der Tiefe wachsenden Seilkostensatze zu begeg-
nen suchte: durch Vergrösserung der Nutzlast.
Die Betrachtung der Entwicklung des Förderkorbes im Ruhr-
gebiete wird dies anschaulich machen.

Bei geringer Teufe finden wir bei noch gleichzeitig kleiner
Fördermenge den 2-Wagen-Förderkorb. Mit dem 4-Wagen-Korb
fördern im Ruhrgebiete etwa 50% der in Förderung stehenden
Hauptschächte. Daneben kommen 6- und selten 3-Wagen-Körbe
vor. Die Anordnung der Wagen auf den Körben ist verschieden
und für das Be- und Entladen von Wichtigkeit. Bei den 8 Wa-
gen fassenden Körben finden wir z. B. 8 getrennte Etagen oder
4 Etagen mit je 2 Wagen neben- oder hintereinander. Die Ver-
grösserung der Leistungsfähigkeit der Förderkörbe, je weiter wir
im Ruhrgebiete nach Norden kommen, entspricht den grösser
werdenden Abteufkosten, die man aufwenden muss, um zu den
tiefer liegenden Flötzen zu gelangen.

Schacht IV der Zeche Shamrock fördert täglich in 2 Schich-
ten ca. 3400 t aus 273 m Teufe. Es ist nun leicht erklärlich, dass
man die tote Last, d. h. das Eigengewicht des Förderkorbes mög-
lichst zu vermindern sucht. Zuerst waren die Körbe aus Eisen;
die Zechenschmiede stellte sie oft selbst her. Dann kam der
Stahl als Material, der noch in anderer Weise den Vorteil des
»Grossen« zeigt: Bei einem Korbe mit einem Wagen Nutzlast
ist die tote Last oft noch 100 kg schwerer als die zu hebende
Nutzlast. Die Zeche Prosper aber hat einen Förderkorb mit 8
Etagen der 4300 kg wiegt und bei dem das Verhältnis der Nutz-
last zum Korbgewicht wie 1 : 1 (ohne Seil) ist1).

Die Förderkörbe, in denen sich die Fördergefässe (»Hunde«)
befinden, werden im Schachte an sog. Schachtleitungen (Eichen-
holz, Profileisen, das in der Schachtwand befestigt ist) auf- und
niederbewegt. Eine solche Leitung ist besonders nötig, seitdem
die Fördergeschwindigkeit bedeutend gewachsen ist. Während
man früher mit durchschnittlich 2—6 m pro Sekunde die Kohle
förderte, geschieht dies heute mit 10—11 m 1 2) 3); ja bei der Zeche
Preussen II, Schacht I der Harpener Bergbau-Akt.-Ges. in Dort-
mund beträgt die Geschwindigkeit bei der Lastfahrt 16 m4).

1) Entw. Bd. V. 299.	2) Entw. Bd. V. 418.

3)	Die Fahrgeschwindigkeit bei der Mannschaftsfahrt ist geringer. Sie beträgt

4—5 m pro Sekunde.

4)	Dies Resultat ist mit einer elektrischen Förderanlage erreicht. Es dürfte

2 *
        <pb n="28" />
        ﻿20

An letzterStelle sind noch einige, ich möchte sagen, ober-
irdische Details zu betrachten. Die wachsende Förderlänge
sucht man durch Vergrösserung der Fördermenge auszugleichen
und die Fördermenge sucht man möglichst schnell emporzu-
heben. So sahen wir bisher. Dieses Streben führte zur Verände-
rung der Erscheinung einer oberirdischen Bergwerksanlage.
Statt der alten hölzernen Fördertürme sehen wir die moder-
nen eisernen »Eifeltürme«, in denen sich die die heutige Ge-
schwindigkeit bedingenden Seilscheiben (Fördertrommeln) be-
finden. Die Seilscheiben sind oft 1,5 m breit bei einem Durch-
messer von 7—8 m; sie heben also mit wenig Umdrehungen
sehr hoch.

Bei der Bedienung der Förderkörbe an Füllort und Hänge-
bank hat das Automatische der schiefen Ebene den Menschen
zum grössten Teile verdrängt: Zeit und Lohn wird gespart.

Wie stellt sich zum Schluss der Gesamt Zusammenhang
zwischen Förder kosten, Fördertiefe undFörder-
menge?

Hierüber sind mir Zahlen eines Betriebes nicht bekannt,
wir müssen also die Förderkosten der Schächte verschieden tief
bauender Gruben betrachten. Es ist dabei zu beachten, dass
diese natürlich unter verschiedenen Bedingungen arbeiten, und
dass wir bei den etwa zu. findenden Resultaten nur von Tenden-

von Interesse sein, hier kurz (vgl. weiter das letzte Kapitel) die Entwicklung zur elek-
trischen Förderanlage zu schildern: Zuerst ist auf die Zunahme der Fördertiefe hin-
zuweisen. Vor 20 — 30 Jahren gewöhnlich bis zu 300 m. Heute bei den nördlicheren
Zechen meistens 500 m. Seit Anfang der 1890er Jahre Schächte mit 700—800 m
Teufe. Mit der Teufe musste die Leistungsfähigkeit der Fördermaschinen gewaltig
wachsen. Zu dem Zweck trennte man Wasserhaltung und Förderung. Aber trotz aller
Oekonomie bei der bisherigen Förderung mit Dampf, trotz des Strebens und der Er-
mahnung der Fachleute, durch verbesserte Anlage und verbesserten Betrieb an Dampf-
verbrauch noch mehr zu sparen (Entw. Bd. V. 414) scheint die elektrische Förderung
immer mehr zu siegen. (Vgl. Gl.A. 1902. 701. f. 0. Lasche, P’örderanlagen mit elek-
trischem Betrieb; Gl.A. 1902. 307 : K'öttgen, Ueber elektrische Schachtförderungen.)
Sie ist wirtschaftlich, betriebssicher, einfach. Sie ermöglicht eine Zentralisation des
ganzen Betriebes. Vor allem aber löst die Elektrizität ein grosses Problem der Schacht-
förderung besser als der Dampf, nämlich das: bei der Schachtförderung wird die
Kraft der Maschine stets verschieden in Anspruch genommen je nach der Höhe der
Förderung im Schachte und dem damit veränderten Seilgewichte. Hienach muss die
Maschine reguliert werden, d. h. von gewisser Höhe ab muss infolge Seiliibergewicht
gebremst werden.
        <pb n="29" />
        ﻿21

7.eil reden können. Das mir bekannte Beispiel1) hat die Förder-
kosten von io Schächten von 8 staatlichen Steinkohlengruben
bei Saarbrücken untersucht. Ich trenne gleich, um manche Er-
scheinung augenscheinlicher zu machen, nach der Anzahl der
Wagen, die sich auf dem Förderkorbe befinden. Es betrugen
in Pf. pro t.:

		Maschinenwartung Kesselwartung und Rep., einschl. und Rep., ein-			Löhne der An- schläger und Signal-	Summe  der  Förder-  kosten
Grube	Teufe	Material u. Unter- schliessl. Ma- Seile haltung	terial u. Kessel-  der Schachtleitung	kohle				
	m				geber	
		2	Wagen	auf dem Korbe		
König	122		1,8	6,2	0,2	3&gt;°	11,2
Burbachstollen	176		2,8	7,0	4,9	5&gt;i) 2	19,9
Gerhard	239		3.0	8,2	2,3	3,6	
Von-der-Heydt	258		4,4	6,6	1,8	4,2	17,0
Gerhard	283		2.3	8,6	1,3	3,3	15,5
		4	Wagen	auf dem Korbe		
Dechen	130		1,1	5,i	0,5	1,7	s,4
Heinitz	190		1,8	11,4	0,7	3,2	17,1
Heinitz	190		1,8	14,3	o,7	3,2	20,0
Dud weder	285		1.9	13,3	1,2	5,3	21,7
		6	Wagen	auf dem Korbe		
Camphausen	496		3,5	19,5	7,2	4,4	34,6

Formell ist zu diesen Zahlen zu bemerken, dass es sehr
schwer ist, den Anteil eines Betriebsteiles, der mit anderen ver-
knüpft ist, zahlenmässig festzustellen. Aus diesem Grunde ist
besonders der Posten für Kesselwartung und Kohle vorsichtig
aufzunehmen.

Bei Betrachtung der einzelnen Posten zeigt sich, dass die
Kosten für Maschinenwartung nicht so sehr von der Tiefe,
als vielmehr von der Masse der Kohle, auf die sich der Kosten-
anteil verteilt, abhängig sind: da ein Arbeiter ebenso sehr eine
Maschine für ioo t Förderung wie eine für iooo t Förderung zu
warten vermag, so wird der Kosteneinheitssatz pro Kohlentonne
bei zunehmender Menge geringer. Anders ist es mit den Kosten
für Kessel Wartung und dem dazu gehörigen Posten Ma-
terial und Kohle: hier wiederholt sich nicht fortwährend
etwas, sondern es muss bei mehr Krafterfordernis mehr Stoff um-
gesetzt werden, d. h. die Kosten wachsen mit der Menge und

i) Nasse, Der technische Betrieb der kgl. Steinkohlengruben bei Saarbrücken.

Preuss. Zeitschr. 1885.	213.
        <pb n="30" />
        ﻿22

der Tiefe. Die Seil kosten wachsen (wie wir bereits oben
feststellten) mit der Tiefe, nehmen aber mit der Masse ab. Der
Anteil der Löhne an den Gesamtkosten richtet sich nach der
Höhe des Lohnsatzes und der Grösse der erforderlichen Arbeiter-
zahl. Die Masse der geförderten Kohle ermöglicht eine inten-
sivere Nutzung der menschlichen Arbeitskraft, womit (vgl. Tabelle)
die Tendenz eines sinkenden Einheitslohnsatzes bei wachsender
Menge angedeutet ist.

Die Gesamtförder kosten endlich, die sich aus den
eben besprochenen einzelnen Posten zusammensetzen, zeigen —
was besonders die Zahlen für den 4-Wagenkorb veranschaulichen
— die Tendenz unter sonst gleichen Verhältnissen mit der Tiefe
zuzunehmen, dagegen mit der Masse abzunehmen. Dies letztere
tritt in unseren Zahlen nicht sehr deutlich hervor, da es bei den
verschiedenen Betrieben äusserst schwer ist, gleiche Intensität der
Förderung zu erzielen. Wie aber eine aus irgend welchen Grün-
den gestörte Förderung sofort teuer arbeitet, zeigt in unseren
Ziffern Grube Kamphausen mit dem 6-Wagenkorbe (pro t 34,6
Pf., d. h. der höchste Satz von allen 10 Förderungen). Hier rief
eine geringe Förderung dies ungünstige Resultat hervor. Umge-
kehrt dagegen führt die Intensität der Förderung bei Grube Dechen
dazu, dass diese (mit 4-Wagenkorb) aus grösserer Tiefe billiger
fördert als Grube König (mit 2-Wagenkorb) aus geringerer.

Formulieren wir nach diesen Untersuchungen das Ergebnis:
Bei der Schachtförderung zeigt sich das Gesetz
des zunehmenden Ertrages bei zunehmender
Kapitalkonzentration in der Weise, dass die
Förder kosten zum mindesten in einem geringe-
ren Verhältnisse wachsen als die Fördertiefe1).

III.	Die Tagesförderung.

Bei der Betrachtung der unterirdischen Schlepper- und Pferde-
förderung zeigte sich, dass von gewisser Kohlenmenge und För-
derlänge an die Verwendung organisch erzeugter Kraft unrentabel
wurde. Dies gilt auch für die entsprechende Tagesförderung.
Daher hat z. B. in Oberschlesien1 2) die Cons. Florentinengrube
an Stelle der bisherigen Pferdeförderung 3 schmalspurige Loko-

1)	Mehr lässt sich aus dem vorhandenen Material trotz Dechen-Iiönig nicht
schliessen. Vgl. auch Nasse, 1. c. 215.

2)	Versuche und Verbesserungen beim Bergwerksbetriebe. Preuss. Ztschr. 1883.
        <pb n="31" />
        ﻿23

motiven zu je 20 P.S. in Betrieb genommen; einsehl. 15 % irinor-
tisation erzielte man dabei gegen die Pferdeförderung eine Er-
sparnis von 32—33 %. Aber auch für die oberirdische Loko-
motivförderung treffen viele von den Mängeln zu, die wir bei der
unterirdischen erwähnten, wenn auch über der Erde die Forde-
rung der Reinhaltung der Luft nicht die Rolle spielt wie unter
der Erde.

Im Ruhrbezirke *) befindet sich die Lokomotivförderung noch
im Stadium der Versuche. Dagegen finden wir hier in wachsen-
der Anzahl bei der Tagesförderung Anlagen mit stabilen Ma-
schinen : Ketten- und Seilbahnen und Drahtseilbahnen. Die
Kettenförderung arbeitet über der Erde im Gegensatz zu der
unterirdischen oft vorteilhaft. 1900 z. B. waren 30 Kettenförde-
rungen vorhanden, das Maximum einer Bahnlänge betrug etwa
400 m. Seile werden benutzt, wenn krumme oder lange Strecken
zu durchfahren sind. Drahtseilbahnen sind wenig vorhanden. Sie
empfehlen sich wohl da, wo ungünstige Terrainverhältnisse, Flüsse
u. a. zu überwinden sind. »In jüngster Zeit haben die durch die
Syndikate veranlassten Bestrebungen zur Vereinigung von Hütten-
werken und Gruben gleichfalls zur Ausführung grösserer Draht-
seilbahnen geführt« 1 2).

Wie wir bei der unterirdischen Streckenförderung sahen, geht
bei ihr mit zunehmender Leistung ein sinkender Kostensatz ein-
her. Diese Erscheinung sucht man sich auch bei den oberirdi-
schen, eben erwähnten Förderungen mit stabilen Maschinen zu
nutze zu machen. Man konnte es aber, weil eine Zentralaufbe-
reitungsanlage ganz besonders zur Errichtung einer Förderung mit
feststehenden Maschinen reizte. Die heute aus dem Schachte
kommende Förderung wird nämlich nicht mehr, wie etwa um die
1870er Jahre, gleich an die Eisenbahn geschafft und verladen,
sondern kommt in die sog. Aufbereitung. Es ist dies eine oft
sehr grosse Anlage, in der die Kohle auf Lesebändern von den
»Bergen« gereinigt und sodann automatisch nach Korngrössen
gesondert, ev. noch gewaschen wird. In die Aufbereitungsanlage
führen die Eisenbahngeleise, oft für jede Korngrösse eins. Da-
durch werden dem Betriebe viel F'örderwagen und viele Bedie-
nungsmannschaften erspart, aber gleichzeitig hat sich wegen der
Eisenbahnwagen ein grosses Rangierbedürfnis herausgestellt, ge-

1)	Entw. Bd. V. 475 f.

2)	Entw. Bd. V. 501.
        <pb n="32" />
        ﻿24

fordert durch die Vorteile der Kontinuität, der Schnelligkeit und
der Beweglichkeit. Diese Forderungen erfüllen unter den vor-
handenen Umständen die Lokomotiven bei gleichzeitig grösserer
Billigkeit. »Bei der gegenwärtig erhöhten Förderung und der
Länge der Entfernungen von den Ladeeinrichtungen bis zum
Rangierbahnhofe ist der Lokomotivführer mit dem Rangierarbeiter
zusammen mehr zu leisten imstande als mindestens 4 Führer mit
Zugtieren. Am schwersten sodann, aber in Geld nicht auszu-
drücken, wiegt der Gewinn an Zeit beim Rangieren, da bei dem
langsamen Betriebe mittels Zugtieren das Verladen mit jedem
Wagenwechsel stets viel länger unterbrochen ist als beim Loko-
motivbetriebe« x).

Auch bei der Tagesförderung hat sich demnach gezeigt, dass
mit zunehmender Masse oder mit zunehmender Länge oder gar
mit Zunahme beider die Kräfte der Organismen ungeeignet wer-
den ; denn sie sind nur zu steigern, indem man mehr lebende
Kraftträger einstellt! Aber diese fordern einen (zum Werte der
Kohle) relativ hohen Preis für die Ueberlassung der Nutzung ihrer
Arbeitskraft. Da greift der Unternehmer zu einem Kraftträger,
den er grösser, stärker machen kann, der dabei aber doch
möglichst einer bleibt: er greift zur Maschine, zum Kapital,
das er konzentrieren kann, und dessen zunehmende Konzentration
unter dem Gesetze des zunehmenden Ertrages steht.

1) Dütting, Ueber Rangierbetrieb auf Bergwerken. Preuss. Ztschr. 1889. 197 f.
        <pb n="33" />
        ﻿25

Zweites Kapitel.

Ueber den Grubenausbau und die Schächte,

Wir beschäftigen uns in diesem Kapitel mit den Grund-
lagen dessen, was man die Kapitalimmobilisation
der schweren Industrie, hier also des Steinkohlenbergbaues, nennt.
Wird Kapital darauf verwendet, um in Schächten und Strecken
einmal und dauernd den Kohlenflötzen nachzugehen, so bedeutet
dies eine Kapitalaufwendung, die nicht beliebig wieder zurück-
zuziehen ist und die sich nur dann »rentiert«, wenn die Kohle
auch erreicht und gefördert wird. Nur durch diese Kohlenförde-
rung ist'das Kapital nach und nach zurückzugewinnen. Ist
diese nicht möglich, so ist das Kapital vernichtet: die Arbeits-
löhne sind ausgegeben, und mögen auch die zum Ausbau der
Schächte z. B. verwendeten Materialien wiedergewonnen werden
können, so können (besonders bei sog. schwerem Ausbau) die
auf die Wiedergewinnung verwendeten Kosten vielleicht gar noch
den Erlös aus dem gewonnenen Material übersteigen. Das An-
lagekapital beim Steinkohlenbergbau hat also etwas Starres an
sich, es steht und fällt mit der Aussicht auf Erreichung einer
einzigen Zwecksetzung.

Ich muss gleich vorweg bemerken, dass der Leser nicht er-
warten darf, nun schön in Zahl und Mass angeführt zu finden:
so gross ist da und da die Kapitalimmobilisation. Hierzu fehlen
jegliche Unterlagen. Formell: es schweigen die, die da berufen
wären zu reden. Materiell: die Berechnung ist äusserst schwie-
rig, eine einwandfreie fast unmöglich. Man denke z. B. an eine
Gewerkschaft, die aus ihren Ueberschüssen einen neuen Schacht
baut an die in und mit dem Betriebe getriebenen Strecken, an
die Schwierigkeiten bei der Frage der Amortisation u. a.

Wir können hier an der Hand der Technik des Grubenaus-
        <pb n="34" />
        ﻿2Ö

baues und des Niederbringens der, Schächte nur einige Beispiele
anführen, die aber ungefähr einen Begriff von der Grösse der
notwendigen Kapitalien geben und die auch zeigen, dass die von
den Unternehmern heute so in den Vordergrund der »prinzipiel-
len« Betrachtungen gerückte Gewerbefreiheit beim Steinkohlen-
bergbau darin besteht, dass die meisten Menschen dieses Gewerbe
eben nicht betreiben können.

I. Der Grubenausbau.

Er findet statt, um das Einstürzen offener unterirdischer
Räume zu verhüten; er besteht in Zimmerung, eisernem Ausbau
und Mauerung. Unterirdische Räume aber können sein: vor allem
Strecken, dann andere grosse Hohlräume (Füllort, Pferdestall),
blinde Schächte und Bremsberge, die Abbaue selbst. Was diesen
Räumen gefährlich wird, ist der Gebirgsdruck, der sich verschie-
den bemerkbar macht. Dass er mit der Tiefe wächst, ist höchst
wahrscheinlich, wenn auch noch nicht einwandfrei festgestelltr).
In Strecken, die im Kohlenflötze getrieben sind, spürt man ihn
mit dem Iierannahen der Abbaue oft 200—300 m diesen voraus.
Von besonderer Wichtigkeit ist die Art des Nebengesteins : der
Sandstein hält mehr Druck aus, der Schieferton dagegen ist
plastisch, die Kohle selbst bei ihrer geringen Festigkeit spröde.

Der Streckenausbau2) hat sich in Stärke, Material und Art
der Ausführung nach verschiedenen Umständen zu richten: nach
den Druckverhältnissen der Strecke, nach der Beschaffenheit der
hindurchziehenden Grubenwetter, nach der Lebensdauer des be-
treffenden Baues und seiner Bedeutung für den Betrieb (mög-
lichste Vermeidung von Betriebsstörungen infolge Reparaturen).
Auch bei stärkstem Drucke findet Ausbau in Holz statt, der,
zerdrückt, einfach neu gebaut wird. Eisenausbau verwendet man
nur bei mässigem Drucke. Beim Holzausbau spielen die Material-
kosten gegen die Kosten des Einbauens bei weitem die grösste
Rolle. Die Plolzpreise aber sind in den letzten 10 Jahren viel-
leicht um 50 % gestiegen und Eichenholz kostet gewöhnlich dop-
pelt soviel wie Tannenholz. 1 cbm geschältes Tannenholz kostete
1901 17—20 M. 3), sein Preis wächst mit Stammstärke und Länge
schnell. Werden nun 2 Stämme senkrecht aufgestellt und ein
dritter Stamm darüber gelegt, so nennt man dies einen Türstock,

1) Entw. Bd. II. 351.	2) Entw. Bd. II. 353 f.

3) 1- c. 366.
        <pb n="35" />
        ﻿27

den die Wirklichkeit natürlich noch verschieden anders baut, als
er eben beschrieben ist. Bei druckhaftem Gebirge findet sich
ein Türstock dichter neben dem andern als sonst. Nach Stärke
des Holzes und Weite des Querschnittes werden zu einem Tür-
stocke für 3—7 M. Tannenholz, bezw. für 5—12 M. Eichenholz
verwendet. Dazu kommen noch 3—4 M. für das Zurichten des
Holzes für den Einbau und der Arbeitslohn. Ein solcher Tür-
stock wird aber alle Meter einmal gesetzt, und die dazwischen
befindlichen Felder werden mit Brettern verbaut. Das Holz-
material ist Eiche und Tanne. Heute erkennt man für die Eiche
eine absolute Ueberlegenheit nicht mehr an, wohl aber ist sie
widerstandsfähiger gegen Moderung und Fäulnis und gegen Zer-
setzung durch ausziehende Wetter als die Tanne, deren Holz man
zu imprägnieren versucht, was aber ziemlich teuer ist.

Bei breiten Strecken griff man zum Ausbau mit eisernen
Kappen (1875 Ruhrgebiet). Hierzu benutzte man zuerst die
schweisseisernen Eisenbahnschienen. Diese aber wurden ein sel-
tenes Altmaterial und dazu noch von anderer Seite (Eisenindu-
strie) gefragt. Die Eisenbahnstahlschiene aber war für Ausbau-
zwecke nicht zu gebrauchen, da sie den Druck nicht durch Bie-
gung anzeigte, sondern mit einem plötzlichen Knalle zersprang.
So fertigte die Eisenindustrie besondere I-Träger aus weichem
Flusseisen an, die teurer waren als alte Schienen, für die aber
der Bergbau ein grosses Absatzgebiet wurde. Diese Schienen-
kappen werden nicht nur gerade, sondern auch gebogen herge-
stellt, sodass sie dem Druck mit einer Wölbung begegnen. Die
einzelnen Holzteile oder Holz und Eisen sind leicht zu verbinden.
Anders ist es bei völligem Eisenausbau, der schwer und massig
ist, und dessen Reparatur schwierig ist. Wo aber günstige Be-
dingungen sind, also in erster Linie nicht zu starker Druck, und
wo kein Salzwasser vorhanden ist, da hat der Eisenausbau bei
oft höheren Anlagekosten doch einen grossen Vorteil. Es ist
seine Dauerhaftigkeit. So war z. B. vor 1885 in Saarbrücken je
nach Qualität des Holzes zu Türstöcken das eiserne Gestell um
39—161 % für einspurige, um 17—128 % für zweispurige Strecken
teurer als das hölzerne 1). Aber der Eisenausbau war doch ren-
tabler, wenn die Strecken lange offen gehalten werden sollten.
Der ursprüngliche Eisenausbau mit eisernen Ringen und Bogen

1) Nasse, Technischer Betrieb. 1. c. 29.
        <pb n="36" />
        ﻿28

ist im Ruhrgebiete im Aussterben, ebenso der viereckige aus
I-Eisen , da die Ringe entweder zu schwach oder zu unhandlich
sind *). Der Ringausbau findet heute nur in allerschwerster Form
Anwendung, z. B. wenn sehr starker Druck von allen Seiten wirkt.
Solcher Ausbau kostete z. B. im Ruhrgebiete einmal 105 M. pro m.
Im Zwickauer Steinkohlenreviere2 3) kostete — hier ist starker
Druck und Gefahr der Selbstentzündung der Kohle — je 1 m
eines Vieleckausbaues in Holz 45,38 M., eines U-Eisenringausbaues
mit Holzverzug 315 M., eines Eisenpfeilerausbaues mit Beton
494,06 M.! Die Kosten für den im Ruhrbezirke am meisten ver-
wendeten Eisenausbau, der eisernen Türstockzimmerung, sind na-
türlich nicht so hoch, überragen jedoch den besten Holzausbau
noch oft beträchtlich. Eine eiserne Kappe kostete 1900/1901 je
nach Länge und Profilstärke 6—9 M. = 3—6 M. mehr als gute
Eichenkappen. Alte schweisseiserne Schienen kosteten 70—90 M.
pro t, Träger bis zu 145 M. Da die Arbeitskosten, wie schon
erwähnt, beim Ausbau selbst die geringere Rolle spielen, so richtet
sich die Verwendung des Materials oft — unter normalen natür-
lichen Verhältnissen — nach dem Preise des Materials; je nach-
dem verwendet man Zimmerung in Holz, Eisenausbau oder Maue-
rung 8). Diese letzte haben wir noch zu betrachten. Sie wird
heute nicht mehr als der gegen den stärksten Druck widerstands-
fähigste Ausbau anerkannt, da es vorkam, dass in den Füllörtern
oft Mauern von 2 m Stärke in wenigen Monaten zerdrückt wur-
den 4). Aber die Mauerung hat doch den Vorteil einer längeren
Widerstandsfähigkeit ohne Reparaturen. Diese Widerstandsfähig-
keit hat man erhöht, indem man nachgiebiges Holz eingefügt hat;
bei massigem Drucke ist dieser Ausbau äusserst vorteilhaft, er
erfordert fast keine Reparaturen und ermöglicht eine gute Wetter-
führung. Feste Mauerung wird als Ausbau z. B. verwendet in
der Nähe der Schächte und Querschläge. Das Material bilden
feste Grubenziegel. Im Ruhrgebiete rechnet man bei dieser Ziegel-
steinmauerung pro Kubikmeter nicht unter 15 M. an Kosten, dem-
nach kostet das Ausmauern eines Querschlages von 5 qm Quer-
schnitt schon bei nur i1/2 Steinen Stärke rund 45 M. pro laufen-
den Meter.

Mauerung ist auch der Ausbau grosser Hohlräume: für die
unterirdischen Maschinen, die Füllörter und die Pferdeställe unter

I) Entw. Bd. II. 364.	2) Gl.A. 1904. S. 647.

3) Entw. Bd. II. 353.	4) 1. c. 369.
        <pb n="37" />
        ﻿29

der Erde. Hierbei ist sie oft gar nicht zu entbehren, weil sie ja
wenig Reparatur erfordert und für lange Zeitdauer bestimmt ist.

Bei den blinden Schächten und den Bremsbergen kommt es
darauf an, den Ausbau so vorzunehmen, dass keine Veränderung
des Querschnittes stattfindet. Dieser würde die darin stattfindende
Förderung und die Fördergefässe selbst sehr gefährden. So ver-
wendet man hier Bolzenschrotzimmerung. Es sind dies starke
Holzgevierte, die je nach der Festigkeit des Gesteins auseinander-
liegen. In den 4 Ecken, wenn nötig auch noch in den Seiten
selbst werden diese Gevierte durch »Bolzen« auseinandergehalten
(»abgestrebt«), sodass sie nicht zusammenfallen können (wir be-
finden uns ja in nichthorizontalen, und senkrechten Strecken). Ist
starker Druck vorhanden, so liegt oft ein Geviert auf dem andern,
wir haben dann die sehr kostspielige »ganze Schrotzimmerung«.
Solche Schrotzimmerungen haben vor der Mauerung den Vorteil
der Elastizität voraus. Sie sind aber teuer, man verwendet dazu
das beste Eichenholz zu 80—100 M. pro cbm.

Der Ausbau in den Ab bauen selbst dient, dazu, das
freigewordene Hangende zu stützen. Er ist das sog. Stempel-
setzen in den Kohlenflötzen, das im Ruhrreviere der Kohlenhauer
selbst vornimmt. Der Ausbau, das Sichsichern gegen Kohlen-
fall also, findet bei der Kohlengewinnung meistens mit Holz statt.
Bei manchen Abbaumethoden, z. B. Pfeilerrückbau, geht jedoch
viel Holz verloren oder wird zerdrückt. Diese Stempelzimmerung
im Abbau wird in letzter Zeit auch versuchsweise mit Eisen vor-
genommen r). Nach mannigfachen Versuchen hat man diese
Stempel aus Eisen handlich gemacht (z. B. durch einen daran
befindlichen Griff). Ein solcher Stempel kostet heute aber noch
durchschnittlich 15 M., einer aus Tannenholz nur 0,50 M. Aber
der eiserne hat den Vorteil, dass er öfter benutzt werden kann,
er ist stehendes Betriebskapital. Weitere Vorteile sind, dass jetzt
die unterirdischen Holztransporte z. T. erspart werden, und dass
der Arbeiter besser vor der Gefahr des Kohlenfalls geschützt
wird. Vor allem aber wird die Verwendung eiserner Stempel
desto rentabler, je mächtiger die Kohlenflötze sind, je grössere
Abbauräume also gesichert werden müssen. Aber ein relativ
gutes Dach ist erforderlich.

Wir haben gesehen, dass der Grubenausbau grosse Kosten

1)	Gl.A. 1904. 333 f. Middendorf', Ausbau von Abbaubetrieben mit eisernen
Stempeln.
        <pb n="38" />
        ﻿30

verursacht; der Gesamtverbrauch der benötigten Materialien ist
leider nicht festzustellen. Wir haben aber auch gesehen, dass
der Ausbau mit der Anlage nicht beendet ist, sondern dass seine
Erhaltung je nach den konkreten Verhältnissen schwankende Re-
paraturkosten (Löhne) verursacht. So kostet der Umbau eines
Bremsberges oft 4-—5 mal so viel an Löhnen als der erste Einbau
des Holzes, und in einem Querschlage einer Grube des Ruhr-
bezirkes, der stark quellende Sohle hat, sind Nacht für Nacht
40 Reparaturhauer tätig. Der Anteil dieser Arbeiterkategorie an
der Belegschaft beträgt im Ruhrgebiete durchschnittlich 10 %,
schwankend von etwa 8 % (Hibernia z. B.) bis 20—25 % x). Um
diese verschiedenen Unterhaltungskosten zu verringern, erheben
sich an fachmännischen Forderungen : gute Ausrichtung im Ge-
stein, Verkürzung der Betriebsdauer der Baue (namentlich i m
Flötze), Verkleinerung der Abbaufelder und rascher Verhieb
dieser 2).

II. Die Schächte.

Die erste Kohlengewinnung fand durch Graben im Ausgehen-
den statt. Man denke an die Tongewinnung für die Ziegeleien,
wie sie in den sog. Tongruben, also Tagebauen, stattfindet.
Später trieb man dann, vom Fusse eines Hügels aus, einen ge-
neigt-horizontalen Stollen, der zur Förderung und zur Entwässe-
rung der über seinem Niveau gebauten Kohle diente. Als dann
die Kohle oberhalb des Stollens abgebaut war, — das 18. Jahr-
hundert war das Jahrhundert des vorherrschenden Stollenbaues —
da zwang die steigende Nachfrage zu neuen Wegen, um zur Kohle
zu gelangen. ■ Dies geschah durch Schächte, d. h. durch senk-
rechte Einschnitte in die Erde. Im Ruhrgebiete 3) finden wir die
ersten »Schächte« nach Art von Brunnen gebaut. Gegen Zer-
drückung der Wände schützte man sich durch Einbauen von
Reisig, dann raubte man so viel Kohle wie möglich und — grub
einen neuen »Schacht«. Es war dies die Zeit der Dunkelbaue,
die bis ins 18. Jahrhundert reichte. Dann kam die Zeit der
Stollen und danach die Zeit der sich nach und nach zu gewal-
tigen Anlagen entwickelnden modernen Schächte. Zu Zeiten der
Grafschaft Mark betrug bei 30—35 m Teufe der lichte Querschnitt
der Schächte 1,5 mal 0,75 m, bis etwa 60 m Teufe 1,90 mal 1,00 m.

1) Entw. Bd. II. 377.	2) Entw. Bd. II. 378.

3) Entw. Bd. III. 15.
        <pb n="39" />
        ﻿3i

Sie waren in ihrer Form 4eckig; zu dem runden Schachte griff
man erst Anfang der 1870 er Jahre. Wie es in unseren Tagen
mit diesen Verhältnissen bestellt ' ist, zeige folgendes: Um die
Wende des letzten Jahrhunderts betrug der Gesamtflächeninhalt
aller Schächte Westfalens 5770 qm, d. i. 13,67 qm als Durch-
schnitt pro Schacht = 4,18 m durchschnittlicher Durchmesser,
auf Rundschacht berechnet. Die grösste Schachttiefe aber war
774 m (Monopol, Schachtanlage Grünberg).

Ehe ich zu einer Schilderung der Kosten, die solche Schacht-
anlagen verursachen, übergehe, muss ich der Technik des Schacht-
abteufens noch einige Worte widmen, und zwar soll die Methode
der Herstellung der Schächte und die Methode ihres Ausbaues *)
wegen des engen Zusammenhanges ungetrennt dargestellt werden.

Unter normalen Verhältnissen, also bei festem wasserlosen
Gebirge findet das »Schachtabteufen von Hand« statt. Die mehr
oder minder unterstützte Hand der Menschen, der Schachthauer,
teuft den Schacht ab. Der Ausbau bei dieser Methode kann
sein aus Holz, Eisen oder aus Ziegelsteinen. Bei der Zimmerung
findet der Ausbau mit der uns bereits bekannten ganzen Schrot-
oder Bolzenschrotzimmerung statt; dieser ähnlich, nur statt Holz
Eisen, ist der Eisenausbau. Bei diesen Methoden haben die
Schächte meist ein 4 eckiges Profil. Bei der Mauerung dagegen
ist es leicht rund zu gestalten. Die Mauerung ist dauerhaft und
fest, aber bei grossen Schachttiefen erfordert sie eine grosse
Weite des Schachtdurchschnittes. Diese Methoden bewähren sich
jedoch nicht bei grossen Wasserzuflüssen oder bei schwimmen-
dem Gebirge. Sind diese beiden Zustände nur in geringem Masse
vorhanden, so wendet man wohl die sog. Getriebezimmerung oder
Abtreibearbeit an. Sie besteht darin, dass man Pfähle oder auch
ein aus dicht zusammenschliessenden Brettern verfertigtes Schacht-
modell in die lockeren oder nassen Massen vorantreibt und diese
dann daraus entfernt. Bei festem Gebirge mit grossen Wasser-
mengen aber verwendet man Bohrschächte, bei grösseren Schich-
ten schwimmenden Gebirges Senkschächte oder auch das Gefrier-
verfahren. Es sind dies vom Standpunkte der Technik aus stau-
nenswerte Methoden, auf deren technische Einzelheiten wir je-
doch nur ganz kurz eingehen können.

Das Schachtbohren 1 2) besteht darin, dass man mit einem

1)	Vgl. allgemein Köhler, Kat. 192 ff.

2)	Gl.A. 1S99. 1000: Die Bohrtechnik in ihrer historischen Entwicklung bis zu
        <pb n="40" />
        ﻿32

kleineren Bohrer (oft z. B. 8000 kg Gewicht) ein sog. Vorbohrloch
herstellt und dann mit dem grossen Bohrer die ganze Schacht-
weite auf einmal ausbohrt. Ein solcher Riesenbohrer ist z. B.
4,30 m breit und wiegt 15 000 bis 25000 kg und mehr. Dem-
entsprechend sind Bohrturm und die (oft elektrisch getriebenen)
Maschinen. In den ausgebohrten Schachtraum wird dann als Aus-
bau die mit der Druckstärke an Dicke zunehmende eiserne Cuve-
lage (d. h. geschlossene eiserne z. B. 1,5 m hohe Ringe) einge-
senkt. Da diese Cuvelage schwer zu handhaben ist, setzt man
sie wohl auch erst aus einzelnen Teilen (Tübbings) zusammen.

Beim Senkschachtverfahren wird der Senkschacht z. B. in den
Schwimmsand hineingepresst, und das Eingesunkene durch Auf-
bauen über Tage ergänzt. Ist das schwimmende Gebirge durch-
sunken, so hat man nach Erreichung festen Gebirges auf Her-
stellung des B'usses des Senkschachtes grosse Sorgfalt zu ver-
wenden ; jetzt kann natürlich etwa von Hand weiter abgeteuft
werden.

Das Gefrierverfahren besteht darin, dass man die nassen
Schichten gefrieren lässt und sie dann wie festes Gebirge abteuft.

Mit der Weite und der Tiefe der Schächte und mit der
Schwierigkeit der zu durchteufenden Schichten hat also die Tech-
nik glänzende Triumphe gefeiert. Aber gewaltig sind auch die
Summen, die die Schachtanlagen kosten. Wir wollen zwei an
Kosten äusserst verschiedene Beispiele voranstellen und dann zu
zusammenhängenden Angaben für den Ruhrbezirk übergehen.

Der Kirschheckschacht Nr. 3 der Grube Von-der-Heydt bei
Saarbrücken x) wurde niedergebracht, weil die beiden vorhandenen
Schächte zur Menschenförderung nicht geeignet waren, der alte Weg
der Mannschaft zur Arbeitsstätte durch den Burbachstollen aber
zu weit wurde. Der Schacht hatte rechteckige Form, es wurde
ein lichter Raum von 3,75 mal 2,5 m gefordert, bei zweisteinstarker
Mauer musste der Schacht also 4,8 mal 3,7 m weit sein. Da das
Gebirge sehr günstig war (Schiefer und weicher Sandstein) brauchte

ihrer gegenwärtigen Vervollkommnung und Bedeutung; auch Gl.A. 1901. 641: Schnei-
ders, Zukunft und Ziele der Schachtbohrtechnik; ferner Gl.A. 1902. 553: L. Hoff-
mann, Das Stossbohrverfahren von Pattberg und seine Anwendung beim Abteufen
der Schächte IV und V der Zeche Rheinpreussen in lockerem Gebirge. Dies Ver-
fahren wird nach II. wegen seiner Kostenersparnis in lockerem Gebirge die andern
Methoden verdrängen.

1) Klose, Der Kirschheck-Schacht Nr. 3 des königl. Steinkohlenbergwerks Von-
der-Heydt bei Saarbrücken. Preuss. Ztschr. 1895. B. 10 f.
        <pb n="41" />
        ﻿33

man für 229,5 m Teufe etwa I Jahr. Dies zu 329 Arbeitstagen
gerechnet, wurde pro Tag demnach durchschnittlich 0,7 m geleistet.
Die Kosten des Abteufens stellten sich auf rund 96852 M. = 341 M.
pro m, die des Schachtausbaues auf rund 116630 M. = 382 M.
pro m'. Insgesamt kostete also 1 m Schacht rund 705 M.

Am Niederrhein dagegen x) setzten sich anfänglich dem
Schachtabteufen ganz enorme Schwierigkeiten entgegen. Im Ge-
gensatz zum eigentlichen Deckgebirge Westfalens, dem Kreide-
mergel, decken hier Diluvialschichten und tertiäre Bildungen oft
schwimmender Natur das Kohlengebirge. Diese Schwierigkeiten
musste man aber erst überwinden lernen. So waren 20 Jahre
harter Arbeit notwendig gewesen, bis im Jahre 1877 Schacht I
der Zeche Rheinpreussen das Steinkohlengebirge erreicht hatte.
Auch das Niederbringen der Schächte der Zeche Deutscher Kaiser
bei Hamborn war schwierig und kostspielig. Schacht II z. B.
hatte bei Beginn einen lichten Durchmesser von 8,5 m, später
musste er auf 5,5 m verringert werden, ähnlich bei Schacht III.
Die Kosten für Absenken des Schachtes II bis 95,52 m. Teufe be-
liefen sich auf insgesamt 734621,03 M. = 7691 M. pro m. (Darin
Ausgaben für Vorrichtungen, unter andern Erwerb von 4 ha Land
zu je 6000 M.; Bohrturm etc., Senkmauer, Material und Löhne.)
Bei Schacht III kostete das Abteufen bis 126,7 m 726060,69 M.
— 5730 M. pro m.

Für das Ruhrgebiet hat Hoffmann im Jahre 1901 für 120 in
den 10 Jahren davor niedergebrachte Schächte eine Kostenbe-
rechnung angestellt1 2), aus der die uns interessierenden Ergebnisse
hier mitgeteilt seien. Schächte, bei denen das Abteufen mit
aussergewöhnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, sind in die
Durchschnittsberechnungen nicht einbezogen.

Beim Abteufen auf gewöhnliche Weise, d. i. unser Abteufen
von Hand, betrugen die Leistungen einschliesslich definitiven
Ausbaues durchschnittlich im Mergel 22 m, im Steinkohlengebirge
20 m pro Monat. Der Ausbau bestand im Mergel aus Mauerung
und Cuvelage, im Steinkohlengebirge ausschliesslich aus Maue-
rung. Wurde gleichzeitig abgeteuft und ausgemauert, so wurde
die Leistung erhöht. Aber bei Wasserzufluss sank die Leistung,

1)	E. Locke, Das Abteufen der neuen Schächte auf Zeche Deutscher Kaiser bei
Hamborn und die bei demselben anwendbaren Methoden. Preuss. Ztschr. 1893. 216 f.

2)	Gl.A. 1901. 775 f.: L. Hoffmann , Leistungen und Kosten beim Schachtab-
teufen im Ruhrbezirke; hiernach auch »die Angaben in Entw. Bd. III. 148 f.

Zeitschrift fiir die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.	3
        <pb n="42" />
        ﻿34

bei i — 2 cbm Wasserzufluss pro Minute im Mergel z. B. auf 13 m
pro Monat. Einige Zahlen für einzelne Schächte geben ein an-
schauliches Bild von der Verschiedenheit der Kosten.

	Dauer	Leistung	Kosten
Schacht	des Abteufens	pro Monat	pro laufenden Meter
	Monate	m	M.
General Blumenthal IV	u“&gt;  CO	7,3	5 246
»	*	III	IO	6,3	5036
A. von Hansemann II	13	5,°	10113
König Ludwig I	6	4,7	14714
Hansa II	6	3,7	8727
Viktor II	5,5	3,o	5 620
A. v. Hansemann I	46	0,8	84 567

Das Abteufen des letzten Schachtes hat mit den hier nicht einge-
rechneten Pausen wegen riesiger Wasserzuflüsse 21 Jahre gedauert.

Doch wie ist neben dem Schwanken der Kosten infolge der
vorhandenen konkreten Verhältnisse, dem Monopol infolge Gunst
oder Ungunst des Gebirges, wie ist neben diesen die Gestal-
tung der Kosten nach Weite und Teufe der Schächte? Es be-
tragen bei unserer Methode die berechneten Durchschnittskosten

(auf Grund der Unterlage in M. pro lfd. m.	der 120	Schächte) je nach Durchmesser
Durchmesser  m	im Mergel	im Steinkohlengebirge
3,°—3,5	724	621
3,5—4,0	808	675
4,o—4,5	907	768
4,5—5,°	1017	841
5,o-5,5	1138	935
5,5-6,0	1201	996

Wir sehen, wie mit zunehmendem Durchmesser
auch die Kosten zu nehmen und wie sie wegen Wasser-
zufluss im Mergel höher sind. Der Ausbau hierbei ist gusseiserne
Cuvelage. Bei diesen Berechnungen ist überall wegen Berech-
nung der Kosten für die Einrichtungen die Teufe = 400 m an-
genommen. Der Teufe nach veranschaulichen sich die Kosten
folgendermassen : Sie betragen in M. pro lfd. m fertigen Schachtes:

bei m Teufe	bei 4 cbm	bei 8 cbm  durchschnittlichem Wasserzufluss pro Minute		
5°	5 ooo		6 000
GO	7500		10 500
250	10 000		15 000
400	13 000		21 000
600	17 000		29 000
Die letzten	Zahlen sind	veranschlagt.	Wir sehen —
Durchmesser	stets als	gleich angenommen — wie die
        <pb n="43" />
        ﻿35

Kosten stetig pro Einheit mit derTiefe wachsen
und wie bei grösseren Teufen schon eine geringe Wassermenge
sehr kostspielig zu heben ist.

Bei dem Schachtbohren (Methode Kind-Chaudron) be-
trug die durchschnittliche Leistung pro Monat mit dem kleinen
Bohrer 12m, mit dem grossen 3,5m; eine Abnahme der
Leistung mit der Zunahme der Teufe ist bisher
nicht zu verzeichnen gewesen. Als Grund dafür wird Verbes-
serung der Einrichtungen und Apparate angegeben. Aber
Durchmesser und Leistung stehen bei dieser
Methode im umgekehrten Verhältnisse. Bei dem
ganzen Verfahren, also Bohren und Ausbauen, schwankt der
monatliche Durchschnitt zwischen 1,66 m und 2,72 m, im Mittel
beträgt er 2,26 m. Die Kosten schwanken bei unserm Material
zwischen 6474 M. und 9633 M. pro m, der Durchschnitt beträgt
8156 M. Bei einem Durchmesser von ca. 4,40 m und gleicher
Höhe des abgebohrten Schachtteiles betragen die Kosten dieses
Verfahrens (in den letzten Teufen geschätzt) :

bei einer mittleren Bohrteufe
von m

50

150

^00

450

600

pro lfd. m, wenn der abzubohrende

Schachtteil	hoch ist
100 m	50 m
M. 6 000	M. 7 000
»	6 500	»	7 600
»	8 700	» 10 000
» 12 500	» 14 000
» iS 5oo	» 17 000

Dieses Schachtbohrverfahren ist also bei nicht mehr als 50 m
Teufe und bei Wasserzuflüssen von weniger als 8 cbm pro Minute
teurer als das soeben geschilderte Abteufen auf gewöhnliche
Weise. Dagegen ist es bei grösserer Wassermenge oder grösserer
Mächtigkeit der wasserreichen Schichten rentabler.

Die Senkarbeit findet statt bei lockerem Gebirge, also
meistens im Anfänge des Abteufens. Aber am Rheine und im
Norden des Ruhrgebietes benötigt das Gebirge sie auf grössere
Tiefen, so teufte z. B. Schacht Hugo bei Holten 178 m damit
ab 1). Wo das lockere Gebirge mit nur einem Senkzylinder zu
durchteufen ist, also gering ist, rechnet man mit ca. 12 m Lei-
stung pro Monat; in der Nähe des Rheins jedoch ist wegen der
toten Wasser die Leistung ausserordentlich gering. Ich führe
folgende Zahlen an:

1) Entw. Bd. III. 299,
        <pb n="44" />
        ﻿36

Schacht	Dauer der Senkarbeit Monate	Leistung pro Monat m
Rheinpreussen X	246	0,51
»	II	84	L52
Ruhr und Rhein	91	0,87
Neumühl II	6	5.00

An der Zeit sieht man die riesigen Schwierigkeiten, die tech-
nisch zu überwinden waren, die aber im Laufe der Zeit über-
wunden sind und so zu einer Steigerung der Leistung geführt
haben. Mit der Mächtigkeit des lockeren Gebirges
und mit der Teufe nehmen allgemein die Lei-
stungen infolge wachsender Schwierigkeiten
ab, und zwar rechnet man bei heutiger Technik

bei 25— 50	m Teufe	mit	5	m	Leistung pro	Monat

»	150—200	»	»	»	2,5	»	»	»	»

»	250—300	»	»	»	1,5	*	»	»	*

Die Kosten der Senkarbeit betrugen bei massigen Wasser-
zuflüssen und bei 4,5 bis 7 m Durchmesser der Senkmauer z. B.
bei Schacht Hugo IV 945 M., bei Schacht Werne I 2227 M. pro
lfd. m. Als Durchschnitt bei ähnlichen Verhältnissen und bei ge-
ringerer Mächtigkeit des lockeren Gebirges ergibt sich 1615 M.
pro lfd. m. Die Kosten schwanken jedoch ausserordentlich. So
kostete in der Nähe des Rheins 1 lfd. m Senkarbeit (im Maxi-
mum und Minimum einiger Beispiele) bei Schacht Hugo 12 799 M.
(noch dazu nur Schachtabteufen) und bei Schacht Neumühl I
3351 M. Im Durchschnitt wird man die Kosten für Teufen von
25—300 m wie folgt annehmen können:

Teufe in m

25- 50
100 - 150
200—250
250—300

Kosten pro lfd. m in M.
3 500
11 000
17 000
20 000

Bei dem etwa 300 m mächtigen lockeren Gebirge am West-
rande des Ruhrkohlenbeckens in der Nähe der Lippe würde, falls
die Technik des Verfahrens mit Senkschächten sich nicht ändert,
das Durchteufen 17 Jahre dauern und damit ganz gewaltige Kosten
verursachen.

Bei solchen Schwierigkeiten tritt das letzte hier zu be-
sprechende Verfahren, das Gefrierverfahren (von Poetsch)
ein, das bei grösseren Leistungen unter den schwierigsten Ver-
hältnissen rentabler als das heutige Senkschachtverfahren arbeitet.
        <pb n="45" />
        ﻿37

Im Ruhrgebiete ist bis 1900 erst 1 Schacht damit niedergebracht1).
Bei 5 m lichtem Durchmesser betrugen die monatlichen Leistungen
4 m im lockeren Gebirge, 6 m im festen. Die Kosten beliefen
sich auf 4684 M. durchschnittlich im lockeren Gebirge und 4163 M.
pro m im wasserreichen Gebirge. Das Wasser ist ja auch die
Domäne des Gefrierverfahrens.

Dieser Abschnitt über die Schächte wäre unvollkommen,
wenn ich nicht der wichtigen Frage der Schachtreparaturen einige
Worte widmen wollte.

Im Süden des Ruhrgebietes besteht der Schachtausbau aus
Holz, nur bei Wasser aus Mauerung; ebenso war es bis gegen
Ende der 1860er Jahre mit den Schächten im mittleren und nörd-
licheren Teile des Beckens. Später trat hier dann die kreisrunde
Mauerung und eiserne Cuvelage die Herrschaft an.

Die neueren Schächte mit Mauerung und gusseiserner Cuve-
lage sind in ausgezeichnetem Zustande 2). Die Reparaturen, die
von den Schachthauern in Nachtschicht vorgenommen werden,
belaufen sich nur auf 5—7 M. pro lfd. m saigere Schachttiefe und
weniger. Bei Ausbau mit Holz oder Schmiedeeisen dagegen
ist der Schacht (namentlich bei nahem Abbau) oft nur mit gröss-
ten Anstrengungen im Betriebe zu halten; ja oft sind die Unter-
haltungskosten so gross, dass fast ein Neubau geraten scheint.
Von welchem Einflüsse aber die Art des Ausbaues auf die Höhe
der Unterhaltungskosten ist, zeigen folgende Zahlen: Es betrugen
bei Holzausbau (Durchschnitt aus 58 Schächten) die Kosten (Löhne
und Materialien) pro m 37,04 M., bei Schmiedeeisen (Durchschnitt
aus 22 Schächten) 23,17 M., bei Mauerung und Cuvelage (aus 81
Schächten) 11,37 M. Es haben also die Schächte, deren Ausbau
»modern« ist, in denen jedoch viel Kapital investiert ist, bei den
Unterhaltungskosten einen grossen Vorteil. Es ist aber zu be-
denken, dass, wenn sie einmal eine grössere Reparatur erfordern,
diese ausserordentlich schwierig ist.

Wie steht es zum Schluss mit der Zahl und der Art der
Schächte? Verschiedene Schächte oder Schachtanlagen bilden
eine Grube, ein Werk oder eine Zeche. Diese Worte weisen auf
etwas örtlich und betriebstechnisch Zusammenhängendes hin3).

I) Entw. Bd. III. 533.	2) Entw. Bd. III. 538.

3)	Hier wird nur der technische Betrieb betrachtet, die Formen des w i r t-
        <pb n="46" />
        ﻿38

Bei einer gewissen Grösse des Betriebes bezw. bei einer ge-
wissen Höhe der Förderung finden wir nun aus betriebstechni-
schen Gründen mehrere Schächte, durch die sich gleichzeitig die
ökonomischen Vorteile der Arbeitsteilung erreichen lassen.

Hauptzwecke, denen Schächte dienen können, sind Förde-
rung, Wasserhaltung, Fahrung, Bewetterung, auch das Hinablassen
von Versatzmassen. Es leuchtet ein, dass sich theoretisch —
die jeweils nötige intensive Massenförderung vorausgesetzt — die
grössten Vorteile ergeben, wenn für jeden Hauptzweck ein beson-
derer Schacht, also Arbeitsteilung, vorhanden ist. Einmal fällt
dann eine gefährliche Interessenkollision fort, bei der die Förde-
rung nicht immer zum Vorteile des Gesamtbetriebes oder der
beschäftigten Arbeiter den Sieg davon tragen kann. Sodann aber
ermöglicht die Arbeitsteilung nach Schächten eine dem bestimm-
ten Zwecke möglichst entsprechende Anpassung in Anlage und
Betrieb; sie vermeidet ferner Aenderungen und Pausen des Be-
triebes, steht doch bei gleichen Schächten z. B. während der Mann-
schaftsfahrt der Förderbetrieb stille. Kurz die Arbeitsteilung bie-
tet die Vorteile der kontinuierlichen Intensität der mechanischen
Bewegung. Doch diesem setzen die Kosten die Grenze. Wollte
man glauben, diesem dadurch gerecht werden zu können, dass
man in möglichst wenigen Schächten möglichst viel vereinigt, so
ist dagegen auf die hierbei entstehende Unsicherheit und Kom-
pliziertheit des Betriebes hinzuweisen. Seit 1887 muss übrigens,
wie sonst, so auch im O. B. B. Dortmund, jeder Betrieb zwei
fahrbare Ausgänge haben.

Man ist in Wirklichkeit zu einem gemischten Systeme ge-
langt: möglichste Arbeitsteilung nach Schächten, — soweit es
die Kosten erlauben. So finden wir um 1900 im Ruhrgebiete von
422 betriebenen Schächten 279 Förderschächte, 139 Wetterschächte
und 4 lediglich Fahrschächte. Die Wasserhaltung befindet sich
im jeweils tiefsten, also wohl meistens dem Förderschachte. Was
Bewetterung anlangt, so hat man im Norden des Ruhrgebietes
noch keine getrennten Ein- und Ausziehschächte. Es wird jedoch
daraufhingewiesen, dass, wenn hier erst die Schlagwetterflötze
erreicht sind, sogar die Zechen dazu übergehen müssen, die die

schaftlich en Betriebes, in die die »Zechen« eingegliedert sind, werden im fol-
genden Kapitel besprochen.
        <pb n="47" />
        ﻿39

mächtigen Schwimmsandschichten des Rheintals zu durchteufen
haben J).

Es war ein weiter Weg vom alten Dunkelbau bis zu einer
modernen Grubenanlage. Ein Weg ausgedehnter Spezialisation,
bei dem das technische integrum bis jetzt allgemein gewahrt blieb.

) Entw. Bd. II. io. 12.
        <pb n="48" />
        ﻿40

Drittes Kapitel.

Die Ursachen und die Wirkungen des Gesetzes des
abnehmenden Ertrages.

Die Erfahrung hat gelehrt, dass die Kohlenvorräte eines ein-
zelnen Beckens sowohl, wie die der Erde überhaupt in unvermehr-
barer Menge vorhanden sind. Demnach müssen sie sich einmal
infolge des Abbaues erschöpfen. Wann dies eintreten wird, ist
verschiedentlich geschätzt. Bis weit in das vorige Jahrhundert
hinein herrschte in dieser Frage etwas, was ich naiven Optimis-
mus nennen möchte. Man sah schier unergründliche Kohlen-
schätze, besonders in dem Becken, in dem man gerade ansässig
war. Dann kam eine Periode des verzweifelnden Skeptizismus,
in welcher man den Zusammenbruch des »Zeitalters des Dam-
pfes« schon ganz nahe sah. Endlich kam die Epoche des kalten
Kritizismus. Man sammelte die beim Erbohren von Kohlenfel-
dern gemachten Erfahrungen, und mit diesen Unterlagen rechnete
man. So schätzte Nasse im Jahre 1893 den Steinkohlenvorrat
Deutschlands ]) auf 109 Milliarden Tonnen. In Mitteleuropa sind
nach ihm 360 Milliarden t abbauwürdig, deren Erschöpfung sich
in Oesterreich, Frankreich und Belgien nach spätestens 500 Jah-
ren, dann in Grossbritannien und zuletzt in Deutschland, hier
vielleicht erst nach 800 —1000 Jahren fühlbar machen werde. Bei
einer stärkeren Steigerung der Produktion werde die Frist ver-
kürzt werden.

Vor allem hat man in England, in dem die moderne indu-
strielle Entwicklung zuerst sich anbahnte, der Frage der Erschö-
pfung der Kohlenvorräte besonderes Augenmerk zugewendet und
die Kohlenvorräte des öfteren auf ihre Menge untersuchen las-
sen. Nach dem Berichte der letzten Untersuchungskommission

1)	Nasse, ICohlenvorräte . . . 34. 36,
        <pb n="49" />
        ﻿41

aus dem Jahre 1904 enthalten die bereits untersuchten und ab-
baufähigen Kohlenfelder -— Felder bis zu 4000 Fuss Tiefe und
1 Fuss Mindestdicke —• rund 101 Milliarden t Kohle. In mehr
als 4000 Fuss Tiefe sind rund weitere 5 Milliarden t. Bei der
jetzigen jährlichen Ausbeute wäre England also noch für ein
»knappes Jahrtausend« mit Kohle versorgtl).

Mögen in allen diesen Berechnungen auch manche Fehler
sein, deren Quelle darin liegt, dass es den Menschen nicht gege-
ben ist, das Zukünftige zu erkennen, so sehen wir doch, dass ein-
mal die Kohlenschätze zu Ende gehen. Was dann geschieht,
darüber schon heute sich den Kopf zu zerbrechen, wollen wir pro-
phetisch veranlagten Menschen überlassen.

Ferner ist das Kohlenvorkommen sowohl nach den Becken,
als auch innerhalb des einzelnen Beckens, wie dem Leser hin-
länglich bekannt ist, äusserst verschieden. In den verschiedenen
natürlichen Verhältnissen, unter denen die Kohle gelagert ist,
und in der ein für allemal gegebenen Lage der Werke zum Markte
drückt sich die Unvertretbarkeit der abzubauenden Kohlen-
schätze aus. Die abgebaute Kohle, das Handelsobjekt, ge-
hört jedoch innerhalb der einzelnen Sorten zu den nach Typen
gehandelten fungiblen Waren. Wie die Kartellenquete zeigte,
wollen die Kartelle bisweilen eine Art absolute Vertretbarkeit
herbeiführen und die aus natürlichen Gründen bedingte Verschie-
denheit der einzelnen Kohlensorten mit Gewalt modifizieren, in-
dem sie sich die Dringlichkeit der Nachfrage seitens des Kon-
sumenten bei der, wenn auch nicht völlig fehlenden, so doch
äusserst beschränkten anderweitigen Beschaffungsmöglichkeit zu
Nutze machen und mit der gewünschten Qualität eine oft weni-
ger geeignete Qualität mitliefern. Dieses gewaltsame Stabilieren
geht gegen die Natur der Dinge und schädigt den Konsumenten.
Es lässt sich auf die Dauer nicht halten.

Der Steinkohlenbergbau sucht die unter diesen Voraussetz-
ungen : Unvermehrbarkeit und Unvertretbarkeit vorkommenden
Kohlen zu gewinnen, sein Betrieb fällt somit unter die Kate-
gorie »Rohstoffproduktion«. Für diese gilt das Gesetz des abneh-
menden Ertrages, d. h. die Gewinnungskosten steigen unter
sonst gleichbleibenden Verhältnissen mit der Tiefe,
aus der die Kohle gewonnen werden muss, oder mit der Abnahme

1) Zeitungsnotizen vom Februar 1905.
        <pb n="50" />
        ﻿42

der Flötzmächtigkeiten; damit sinken die Erträge im Verhält-
nis zum aufgewendeten Kapital.

Für England1) zeigen folgende Zahlen sehr deutlich den Zu-
sammenhang zwischen den Gesamtproduktionskosten und den
Flötzmächtigkeiten. Es betrugen nämlich die Selbstkosten beim
Bau dünner Flötze in den Bezirken von Airdrie und Slamanann
unter Zugrundelegung eines Lohnes von 6 s. pro Schicht.

Flötz-  mächtigkeit	Hauer- und Schlepper- löhne	Sonstige Kosten unter Tage	Holz-  kosten	Kosten über Tage und allge- meine Kosten	Lasten  und  Ab-  gaben	Gesamt- kosten pro t
35.5-38,1 cm	5 s 2 d	1 s	3 d	10 d	10 d	8 s 1 d
38,1—45,7 »	4 » 4 »	I	3 »	10 »	10 »	7 » 3 »
45&gt;7—6i,o »	3 » 5 »	I »	3 »	10 »	10 »	6 » 4 »
61,0—76,2 «•	2 &gt; 9 »	I »	3 »	10 »	10 »	5*8»
Wenn	es nun keine Möglichkeit			gäbe, das	Gesetz	des ab-
nehmenden	Ertrages,	das sich	bei	der Kohlen ge-winnung		

geltend macht, zu suspendieren, so hätte der Steinkohlenbergbau
entweder erliegen müssen oder aber bei bleibender Nachfrage
hätten die Preise enorm steigen müssen, was eine ökonomische
Erschöpfung der Kohlenvorräte bedeutet hätte. Dies ist jedoch
nicht der Fall. Wohl sind, wie wir später sehen werden, die
Kohlenpreise im Laufe der Zeiten gestiegen; aber der Stein-
kohlenbergbau ist nicht erlegen, sondern hat sich zu grosser
Blüte entfaltet.

Was sind die Gründe hierfür f

Die Produktionskosten der Kohle setzen sich zusammen aus
den Gewinnungskosten, d. h. den Kosten für Loslösen der Kohle
aus der natürlichen Lagerstätte bis zu ihrem Eintritt in die För-
derwagen. Dieser Teil der Kohlenproduktion, also die Kohlen-
gewinnung, ist in obenerwähnter Weise dem Gesetze des abneh-
menden Ertrages unterworfen. Der Rest der Produktionskosten,
den vor allem die Förderkosten bilden, findet aber (als maschi-
neller Transport) unter dem Gesetze des zunehmenden Ertrages
bei zunehmender Kapitalkonzentration statt (vgl. das I. Kapitel).

Es gibt beim preussischen Bergbau keine irgendwie vergleich-
bare oder gar spezialisierte Produktionskosten-Statistik, die das
eben Gesagte zahlenmässig erkennen liesse. Wir müssen uns
also in dieser äusserst wichtigen Frage damit bescheiden, wiederum

i)	Aus dem First report of the Royal Commission of Coal Supplies. cit. Gl.A.
I903- 1235 f.
        <pb n="51" />
        ﻿43

nur die Art der Einflüsse, nicht jedoch die Grösse des Anteils
der einzelnen Faktoren eingehend festzustellen. Am Schlüsse
der Ausführungen über diese Anteile sollen dann mir erreichbar
gewesene Produktionskosten x) mitgeteilt werden.

Beeinflusst werden die Produktionskosten durch die bereits
erwähnten natürlichen Bedingungen, unter denen die Kohle vor-
kommt (I), sie selbst zerfallen der Hauptsache nach in die Kosten
für Verwendung von menschlichen Arbeitskräften (II) und in Ko-
sten für die Aufwendungen, die die verschiedenen Arten der
Kapitalien verursachen (III).

Wir wollen die' einzelnen Anteile zuerst unter der Fiktion
besprechen, dass die andern jedesmal gleich bleiben. Hiernach
wollen wir zu der Kombination daraus übergehen, die ja die
reale Wirklichkeit bildet.

I.	Die natürlichen Verhältnisse, also vor allem die Mächtig-
keit, die Beschaffenheit und die Lagerung der Flötze, bedingen
bis zu einem gewissen Grade die Abbautechnik und damit die
Gewinnungskosten der Kohle. Der Preis der Kohle wird sich
bei freier Konkurrenz danach bestimmen, wie hoch die Produk-
tionskosten des fördernden Werkes sind, das zur Deckung einer
vorhandenen Nachfrage noch herangezogen werden muss und
das unter den ungünstigsten Bedingungen produziert. Alle übrigen
Werke haben Monopolrenten, die sich noch weiter nach Quali-
tät der Kohle und Lage der Produktionsstätte zum Absatz-
märkte verschärfen. Auf die Wirkungen dieser Differentialrenten
werden wir später noch ausführlich zu sprechen kommen.

Wenn nun die Nachfrage weiter wächst, und die jeweils am
billigsten zu bauenden Flötze abgebaut sind, so müssen entwe-
der schwieriger zu bauende Flötze in Angriff genommen wer-
den, d. h. die Gewinnungskosten und damit die Preise müssen
steigen, oder aber, wenn fremde freie Konkurrenz vorhanden ist,
die nicht duldet, dass die Preise den Gewinnungskosten des be-
treffenden Gebietes entsprechen, muss hier der Bergbau erliegen,
da auf die Dauer mit Verlust zu arbeiten nicht möglich ist; es sei
denn, dass die Gesamtheit der Volksgenossen ihn auf sich verteile.

Die jeweiligen technischen und wirtschaftlichen Betriebsbe-

i)	Wie die Kartellenquete (vgl. kontradiktorische Verhandlungen über deutsche
Kartelle. Berlin 1903. Bd. I. 323) zeigt, hat man die Produktionskosten, in deren
Kenntnis das wichtigste Moment zur Beurteilung der Preispolitik der Werke bezw.
Kartelle liegt, mit dem dichten Schleier des »Geschäftsgeheimnisses« bedeckt.
        <pb n="52" />
        ﻿44

dingungen bestimmen demnach die Grenzen des Bergbaues. Da-
mit bestimmen sie

I. die sog. Abbauwürdigkeit der Fiötze, d. h. die Mindestmäch-
tigkeit, bei welcher jeweils der Abbau noch lohnt. Je tiefer ein
Schacht ist, desto schwieriger ist allgemein schon der Abbau
an sich: der Gebirgsdruck, die Temperatur des Gebirges, die Schlag-
wetterentwicklung nehmen zu. Damit wird die Bewetterung schwie-
riger. Gleichzeitig ist ein grösseres Anlagekapital erforderlich.
Und so werden in der Tat »auch viele Lagerstätten, die in mitt-
leren Teufen noch mit Vorteil ausgebeutet werden können, in
grosser Tiefe unbauwürdig allein durch die bedeutend gesteiger-
ten Kosten des Abbaues«1). Die Gewinnbarkeit als solche ist
infolge des grösseren Gebirgsdruckes vielleicht leichter 1 2). Somit
ist der Begriff der Bauwürdigkeit ein äusserst relativer. Neben
natürlichen Verhältnissen spielt die jeweilige Abbautechnik eine
grosse Rolle. Das zu erstrebende Ziel dieser muss sein, die Ab-
bauwürdigkeit der Fiötze auszudehnen, d. h. schwieriger zu bau-
ende Fiötze ohne zu grosse Preissteigerungen auch abzubauen,
damit die Kohlenvorräte nicht verloren gehen. Ich erwähne hier
die volkswirtschaftlichen und privatwirtschaftlichen Vorteile des
Schlammversatzverfahrens 3). »Das Spülverfahren wird einen emi-
nenten staatswirtschaftlichen Nutzen mit sich bringen, weil damit
auch z. Z. als unbauwürdig in der Grube belassene Fiötze für
die spätere Gewinnung reserviert bleiben, während nach dem ge-
genwärtigen Stande der Technik die auf einer Sohle nichtgewinn-
baren Kohlenvorräte für alle Zukunft als verloren gelten müs-
sen« 4).

Ferner ist der Einfluss der Qualität der Kohle auf die Bau-
würdigkeit zu beachten. Die für gute Sorten gezahlten Preise
ermöglichen den Abbau geringerer Fiötze.

Es bleibt uns noch übrig, für die Bauwürdigkeiten der Fiötze

1)	Hraback-Tietze, Ueber die Möglichkeit des Abbaues in grossen Tiefen. Gl.A.
1901. 277.

2)	Gl.A. 1904. 1240.

3)	Dies besteht darin, dass in die abgebauten Hohlräume durch Röhrenleitungen
eine breiigflüssige Masse (Sand, Lehm, gemahlene Hochofenschlacke) gespült wird,
wodurch die mit den unterirdischen Hohlräumen verbundenen Gefahren (Einsturz des
darüber befindlichen Hangenden, oberirdische Brüche) fast beseitigt werden.

4)	Jahresbericht des Vereins für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamts-
bezirk Dortmund 1903. I. 66.
        <pb n="53" />
        ﻿— 45 —

in den letzten Jahren einige allgemeine Durschnittszahlen anzu-
führen.

In Oberschlesien gelten Plötze unter r,5 m als unbauwürdig1).
Für 1893 berichtet Nasse 2) folgendes: »In Oberschlesien ist ähn-
lich wie in Nordamerika der Kohlenreichtum gegenwärtig noch
so gross, dass trotz der dortigen niedrigen Arbeitslöhne Flötze
unter 1 m nirgends, auf manchen Gruben nicht einmal Flötze
unter 1,50 m gebaut werden«. Mitte der 1890er Jahre war von
den ganzen hangenden Flötzen kein einziges mit Nutzen zu bauen 3).
Aber auch allzumächtige Flötze sind teuer zu gewinnen. So
steigen bei über 4 m Mächtigkeit die Gewinnungskosten und die
Abbauverluste4). Diese betragen oft 25—35% 5 *).

Im Ruhrbezirke wurden um die Mitte der 1890er Jahre etwa
70 Flötze von durchschnittlich! m Mächtigkeit als bau-
würdig angesehen °). Es sind jedoch Mächtigkeiten von 50 cm
noch bauwürdig, wenn sie auch »nicht mehr gern« gebaut wer-
den 7). Nasse9) sah 60 cm als unbauwürdig an, auch im Saar-
gebiete.

In Frankreich und Belgien9) sind Flötze von 40 cm noch
bauwürdig; in den 1880er Jahren hielt Demanet Flötze unter
40 cm nur bei besonderer Qualität für bauwürdig 10 11).

Die Bauwürdigkeit in England ist minimal im Durchschnitt
50 cm11). In Durham und Northumberland galten um 1893 Flötze
unter 70 cm als unbauwürdig 8). Heute besitzen die bisher in gros-
sen Tiefen gebautenFlötze fast durchweg Mächtigkeiten über9i,4cm.
Nur als Ausnahmen werden Flötze von 56,6 und 90 cm gebaut12).

Es ist jedoch zu bemerken, dass gerade die stärksten Flötze
besonders zum schädlichen Raubbau reizen. So sagt Gutmann:
»Es ist eine traurige Erscheinung und steht mit unserem gegen-
wärtigen bergtechnischen Wissen und angesammelten Erfahrungen
durchaus nicht im Einklänge, dass man allgemein nur in jenen

1) Müller-Hussmann, Gl.A. 1903. 917.	2) Nasse, Kohlenvorräte 7.

3)	Vgl. Festgabe für den V. allgemeinen deutschen Bergmannstag. Breslau 1892.

4)	Wachsmann, Das neue Schlammversatzverfahren beim oberschlesischen Stein-

kohlenbergbau Gl.A. 1903. 81.

5)	1. c.; auch Wiskott, Die neueren Aufschlüsse in Oberschlesien Gl.A. 1903. 98.

6)	Leo Cremer, Gl.A. 1893. 900.

7)	Gutmann, im Berg- und Hüttenmännischen Jahrbuche 1899. 207.

8)	Nasse, Kohlenvorräte 7.	9) 1. c. Anm. 5. u. 6.

10)	Demanet, Der Steinkohlenbergbaubetrieb 11.

11)	Gutmann, 1. c. 208.	12) Gl.A. 1903. 1235 f.
        <pb n="54" />
        ﻿46

Gruben reinen Abbau treibt, in welchen die Natur mit den Mächtig-
keiten der F'lötze sparsam war, und dass man den unvollständigen
Abbau überall und in allen Ländern antrifft, wo die Natur freige-
big war«1). Er kann darauf hinweisen, dass z. B. eine englische
Grube im Zentralbecken bei 7 m reiner Kohlenmächtigkeit 65 %
Abbauverlust habe.

Die jeweiligen technischen und wirtschaftlichen Betriebsbe-
dingungen bestimmen

2. die Teufengrenzen.

Ich verweise hierbei auf das im 2. Kapitel über die Schächte
Gesagte. Wie sich die Teufengrenze in einigen Hauptkohlenbe-
zirken stellt, zeigen folgende Zahlen 1 2) :

Südwales 677 m, Westfalen 800 m, Lancashire 1061 m, Man-
chester 778 m, Schottland 823 m, Belgien 1150 m. Man sieht,
aus wie grossen Tiefen ein altes Bergbauland wie Belgien fördert,
und wie günstig die Werke in den Vereinigten Staaten daran
sind, die sich heute in dieser Beziehung in derselben Lage befin-
den, wie England vor 50 bis 60 Jahren3).

Die Schwierigkeiten, die grosse Teufen schon an sich bil-
den, liegen einmal darin, die Steinkohle überhaupt zu erreichen,
was, wie wir sahen, schon unter normalen Verhältnissen grosse
Kapitalaufwendung erfordert. Dann sind wiederum der zuneh-
mende Gebirgsdruck, die schwierigere Wasserhaltung und der
Wetterwechsel mit seinen Kosten in Betracht zu ziehen. Diese
Einflüsse verschärfen sich bedeutend, wenn Wirkungen, die in
geringerer Bauwürdigkeit (1) der Flötze begründet sind, hinzutre-
ten. Vor allem aber liegt die Hauptschwierigkeit in der Förde-
rung aus sehr grossen Teufen. Um diese zu ermöglichen, ist es
unerlässlich, im Falle intensiven Betriebes wie beim Steinkohlen-
bergbau von 1200 m, in allen übrigen Fällen aber sicher von
1500 m an zwei Fördermaschinen zu verwenden, von denen
die eine zu der andern hebt, sei es, dass nun beide über Tage
stehen oder dass die eine unter Tage aufgestellt ist4).

Eine andere Methode ist die pneumatische Forderung. Hier-
bei fällt jedes Seil fort. In dem Schachte wird ein Gestell, auf
dem sich die Förderwagen befinden, durch Luftdruck emporge-

1)	Gutmann, im Berg- u. Hüttenm. Jahrb. 1899. 207.

2)	Gl.A. 1903. 1235 f.

3)	Berg- und Hüttenmännische Ztg. 1899. 233: Zur Steinkohlenfrage.

4)	Hraback-Tietze, I. c. Gl.A. 1901. 277.
        <pb n="55" />
        ﻿47

presst. Notwendig ist äusserste Stabilität des Schachtrohres, da-
mit der Kolben immer dicht anschliesst. Diese Förderung ist
jedoch wegen starken Kohlenverbrauches sehr kostspielig1).

Ich erwähne diese Beispiele, um zu zeigen, wie mit der wirt-
schaftlichen Notwendigkeit sich stets das Streben zeigt, auch Ab-
hilfe zu schaffen. Damit ist nicht gesagt, dass gleich das Ziel voll-
kommen erreicht zu sein braucht.

II.	Wir werden noch sehen, dass die eigentlichen Kohlen-
gewinnungskosten einen sehr grossen Teil der Produktionskosten
der Kohle ausmachen und dass sie zur Hälfte und mehr in dem
für die Arbeit gezahlten Gedinge bestehen, d. h. also in Arbeits-
löhnen. Es leuchtet ein, dass damit alles das, was eine grössere
Leistung der Arbeiter hervorruft, die Produktionskosten mindern
kann.

Für die Arbeitsleistung beim Steinkohlenbergbau, die heute
in Preussen bei der Kohlengewinnung noch meistens durch Hand-
arbeit, sehr wenig durch Maschinenarbeit stattfindet, aber gilt die
Lehre vom Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Ar-
beitsleistung, d. h. höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit können
grössere Leistung bedeuten 1 2). Damit können sozial günstig wir-
kende Einrichtungen auch ökonomisch günstige Folgen haben:
dieMöglichkeit nämlich, ein gegebenesFlötz wirtschaftlicher zu bauen
oder bei einem ungünstigeren Flötze das sich geltend machende
Gesetz des abnehmenden Ertrages wirtschaftlich zu suspendieren.
Roscher3) sagt, eine wachsende Volkswirtschaft könne durch Ge-
schickterwerden der Arbeitsdienste gar wohl eine Verteuerung
der Naturdienste aufwiegen.

III.	Der Anteil des Kapitals an den Produktionskosten. Wir
gehen davon aus, dass eine ständige, eine wachsende Nachfrage
seitens der Kohlenverbraucher das Bestreben unternehmender
Männer hervorrief, diese Nachfrage auch zu befriedigen.

Um 1819 bauten die Steinkohlenzechen in Westfalen meist
noch über den Talsohlen, ebenso wurde bis 1820 im Saargebiete

1)	Köhler, Katechismus 170.

2)	So sagt z. B. v. Festenberg-Packisch, Der deutsche Bergbau 1886. 42: »Der
Bergmann gewöhnte sich mehr und mehr an intensive Arbeit, wobei ihm der durch
die Gedingestellung zugewiesene Mehrverdienst als Sporn diente«. Für die Gültig-
keit der Brassey-Brentajioschen Proportionalitätstheorie beim .Steinkohlenbergbau vgl.
Bosenick, Ueber die Arbeitsleistung beim Steinkohlenbergbau in Preussen. Stutt-
gart 1906.

3)	Nationalökonomik des Plandels und Gewerbfleisses 1892. 823.
        <pb n="56" />
        ﻿48

ausschliesslich über den nächsten Talsohlen gebaut1). Den stän-
digen grossen Feind des Bergmannes, die Wasser, wältigte man
durch Entwässerungsstollen. Hierzu aber waren bereits Kapital-
mengen nötig, die die Eigenlöhner nicht aufzubringen vermochten.
Und so finden wir die Erbstöllner, d. h. Kapitalisten, die wettend
und wagend Kapital zur Wasserlösung liehen.

Von welcher Ausdehnung die Stollen waren, zeigt sich beim
tiefen Saarstollen«, der 11/2 Meilen lang war und von 1832 bis
1860 weitergetrieben wurde1). Aber auch durch Stollen konnte
man die Nachfrage nicht mehr befriedigen, und so kam die Periode
der Schächte. Was für Kapitalmengen diese verschlingen, ist im
2. Kapitel mitgeteilt. Die Zeit der Stollen ist vorüber. Im Jahre
1880 wurden von den 377 betriebenen Steinkohlenbergwerken in
Preussen nur noch 43 Gruben lediglich durch Stollen gebaut,
deren Förderung 1,1 % der ganzen Förderung Preussens betrug1 2 3).
Zu der Wasserlösung, der Förderung und der Bewetterung ward
die Kraft des Dampfes benutzt. Mit der Tiefe der Schächte und
mit der Kohlenmenge wuchs die' Stärke der mechanischen Kraft-
quellen, worüber die folgenden Zahlen (z. T. nach Betriebszwei-
gen getrennt) Auskunft geben ®). Die Zahl der verwendeten Pferde
ist des Interesses halber beigefügt.

Es betrug in Oberschlesien

die Zahl der	Pferde	der Dampfmaschinen Zahl	P.S.		also pro Dampfm. P.S.
1871	33s		318	14743	46,4
1882	1061		558	43 074	73.3
1902	2739		1267	145 274	114,6
d.i. gegen 1871-|- 710%		298 %	885 %	&lt;46 o/0
F'erner betrug in Niederschlesien				
die Zahl der	Pferde	der Dampfmaschinen Zahl	P.S.		also pro Dampfm. P.S.
1871	2		92	4 637	5°&gt;4
1882	49		236	10 170	43.1
1902	439		468	42 906	9Ö7
d. i. gegen 1871		409 o/0	82s %	82&lt;y0

Wir sehen hieraus, dass im Jahre 1871 die durchschnittliche

1)	Vgl. H. Laspeyres, Heinrich von Dechen, ein Lebensbild. Preuss. Zeitschr.
1889. 151 f.

2)	Preuss. Zeitschr. 1883. B. 17.

3)	Sie sind im statistischen Teile des betreffenden Jahrganges der Preuss. Zeitschr.
zu finden; diese relativen Zahlen sind von mir berechnet, ebenso fast alle folgenden
        <pb n="57" />
        ﻿49

Zahl der Pferdekräfte pro Dampfmaschine in Niederschlesien noch
grösser war als in Oberschlesien, dass dann aber absolut und
relativ die Zentralisation der Dampfkräfte in Oberschlesien über-

wiegt.

Bei dem staatlichen Steinkohlenbergbau bei Saarbrücken be-
trug der Dampfmaschinen Zahl und Pferdekräfte

beim Aufbe-

beim Bergwerksbetrieb reitungs- resp.
über Tage unter Tage Kokerei-
betriebe

bei sonstigen
Nebenbetrie-
ben

Summe

1867	Zahl P.S.	Zahl P.S.	Zahl P.S.	Zahl	P.S.	Zahl P.S. 104	4872
1882	118 13787	40	2069	5	24i	147	3 640	310	19738
1902	168 37 576	96 7110	19	1237	489	17723	772	63 646
1867	Demnach kam	auf eine	Maschine an	P.S.	46,8
1882	116,8	51.7	48,2	24,8	63,7
1902	223,6	74,1	65,1	36,2	82,4
d.i.-j- gegen  1882	91 %		43%	35%	46%	29%
1867	—	—	—	—	76 0/0

Wir finden die grösste Zahl der P.S. pro Maschine im Jahre
1902 beim Bergwerksbetriebe über Tage; hier zeigt sich auch die
stärkste Steigerung. Daneben zeigt sich jedoch, wie der Einbau
von Maschinen unter Tage zugenommen hat. In der Entwick-
lung der maschinellen Kräfte beim Aufbereitungs- bezw. Kokerei-
betriebe zeigt sich keine so starke Ausbildung dieses Betriebs-
zweiges wie etwa im Ruhrgebiete.

Es sei noch die Zahl der an der Saar beim Staatsbergbau
verwendeten Pferde angeführt, sie betrug

	insgesamt	davon unter Tage
1867	—	389
1882	693	656
1902	1438	1227

und ist demnach bei weitem nicht so gross wie in Oberschlesien.
Die Mehrzahl der Pferde wird unterirdisch verwendet.

Zum Schlüsse dieser zur Beurteilung der Entwickelungsten-
denzen nötigen tatsächlichen Unterlagen seien noch einige An-
gaben über die im Maschinenkapital des O.B.B. Dortmund stecken-
den Kräfte gemacht.

Der Zeit nach zeigt sich folgendes. Es betrugen1):

1) Die Zahlen 1851—1860 gelten für den Bochumer und Essener Bezirk. Seit
1860 für sämtliche Steinkohlenbergwerke des Oberbergamtsbezirkes.

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.	A
        <pb n="58" />
        ﻿im Jahre	die Anzahl der	deren effektive	die P.S.
	Maschinen	P.S.	pro Maschine
1851	142	9 845	69.3
1860	361	30 777	85,3
1870	746	61 778	82,8
1880	2070	146 910	71,0
1890	3215	228 432	71,0
1902	5865	636 938	108,6

Von 1860 bis 1890 hat die Kräftezentralisation pro Maschine
stetig abgenommen. Seit dem Jahre 1890 jedoch zeigt sich eine
rapide Zunahme der P.S. pro Maschine, zusammenhängend mit
dem Aufblühen des Bergbaues in der zweiten Hälfte des Jahr-
zehnts, mit dem dadurch ermöglichten Vorrücken des Bergbaues
in den nördlicheren Teil des Beckens und nicht zuletzt mit dem
das Wagnis solcher »Kapitalkonzentrationen« deckenden »breiten
Schultern« des rheinisch-westfälischen Kohlensyndikats.

Weiteren Einblick geben uns folgende Zahlen: Nach Betriebs-
zweck geordnet betrug die Zahl der effektiven Pferdestärken beim
Steinkohlenbergbau in den Regierungsbezirken

Osnabrück Münster Minden Arnsberg	Düsseldorf

	1867 1902		1867	1902	CO  Cn	1902	1867	1902	1867	1902
Wasserhaltung	—	486	—	14 192	—	150	—	106 826	—	30376
Förderung  Wasserhaltung	—	156		39 066		80	—	127282	—	48 787
u. Förderung	—	—	—	—	—	75	220	—	48
Kabel	—	18	—	1 415	—	—	—	4 702	—	I 401
Ventilatoren	—	—	—	8 532	—	—	—	34 944	—	9 763
Separation	—	—	—	722	—	—	—	5737	—	2 258
Wäsche	—	—	—	1 231	—	—	—	19225	—	6 380
Kesselspeisung	—	6	—	I 102	—	12	—	5 245	—	1 86S
Fahrkünste  Sonst. Vorrich-	—				—	115		*	—	—	4067		160
tungen  Koksausdruck-	—	44	—	15096	—	22	—	76 362	—	20613
maschinen	—	—	—	256	—	—	—	3 977	—	I 102
Ziegeleien Lokomotiven u.	—	—	—	I O24	—	—	—	1 097	—	1 688
mobilen	—	—	—	6015	—	408			21 ü86	—	5 5°i
Summe P.S.	U4	710	1336 88 766		83	747	42 420 4IO 77O	7178	135 945
Zahl d. Maschinen d. i. pro Maschine	9	22	20	651	2	l6	484	3 645	55	1 531
P.S.:	12,7	32.3	66,8	136,3	41,5	46,7	87,6	112,6	130,5	88,8

Lassen wir die Regierungsbezirke Osnabrück und Minden
ausser Betracht, so ergibt sich, dass sowohl 1867 wie 1902 der
Reg.-Bez. Arnsberg die grösste absolute Zahl an P.S. aufweist;
es folgen Düsseldorf und Münster. Ebenso ist es mit der Zahl
der Maschinen.

Ein anderes Bild bekommen wir jedoch, wenn wir uns die
        <pb n="59" />
        ﻿— 5i —

Gestaltung der P.S. pro Maschine ansehen. Hier ist die Reihen-
folge :

1867

Düsseldorf mit 130,5
Arnsberg »	87,6

Münster »	66,8

1902

Münster mit 136,6
Arnsberg »	112,6

Düsseldorf »	88,8

Im Reg.-Bez. Münster, dem nördlichsten Teile, liegen die
Werke, die allgemein später in Betrieb genommen sind als die
der anderen Bezirke. Ausserdem ist hier ein mächtigeres Deck-
gebirge zu durchteufen. So finden wir hier im Jahre 1902 eine
mit der Konzentration des technischen Betriebes einhergehende
maschinelle Kräftezentralisation. Im Reg.-Bez. Düsseldorf, dem
südwestlichen Teile des Beckens, der z. T. südlich der Ruhr liegt,
sehen wir im Jahre 1902 gegen 1867 eine Dezentralisation in den
Maschinen. Dies liegt in dem historischen Werden des dortigen
Bergbaues. Mit der im Laufe der Zeiten infolge des Vorrückens
in die Tiefe zunehmenden Schwierigkeit des Bergbaues wurden
neue Maschinenkräfte notwendig, die man sich durch entsprechende
Einstellung neuer Maschinen verschaffte. Aber es entstand ein
Zellenkonglomerat, jedoch kein Organismus. Und dies ist ein in
der Natur der Dinge begründeter wirtschaftlicher Nachteil der
südlicheren Gebiete, da, wie wir noch zeigen werden, die dortigen
Werke so manche »Ersparnisse« nicht machen können.

Die eben geschilderten Tendenzen erhellen aus den prozen-
tualen Berechnungen noch weiter. Es stieg nämlich von 1867
bis 1902 in den Regierungsbezirken

Münster	Arnsberg

die Summe der P.S. um	6544	868

» Zahl der Maschinen um	3155	743

» P.S. pro Maschine um	104	29

Düsseldorf

1 794 %
2683 »

— 32 »

Demnach hat sich in dem Zeiträume die Zahl der P.S. pro
Maschine mehr als verdoppelt im Reg.-Bez. Münster; etwa um
den vierten Teil zugenommen in Arnsberg und um fast 1/3 abge-
nommen in Düsseldorf!

Was die einzelnen Betriebszweige anlangt, so sind die abso-
luten Zahlen aus der vorhin mitgeteilten Tabelle ersichtlich. Der
Menge nach prädominiert die Zahl der P.S. auch bei den einzel-
nen Betriebszweigen im Reg.-Bez. Arnsberg; es folgen Düsseldorf
und Münster. Ein anderes Bild bekommen wir jedoch, wenn wir
uns den prozentualen Anteil der bei den einzelnen Betriebszweigen

4*
        <pb n="60" />
        ﻿52

verwendeten P.S. als Verhältnis der jeweiligen Gesamtpferdekräfte
bei den einzelnen Bezirken betrachten.

Es betrug nämlich der Anteil in °/0

der	im Reg.Bez. Münster	Arnsberg	Düsseldorf
Wasserhaltung	16,0	26,0	22,3
Förderung	44,0	31,0	35,9
Wasserhaltung und Förderung	—	0,1	0,1
Kabel	1,6	M	1,0
Ventilatoren	9.6	8,5	7,2
Separation	0,8	i,4	1,7
Wäsche	1,4	4,7	4,7
Kesselspeisung	1,2	i,3	1,4
Fahrkünste	0,1	1,0	0,1
Sonstigen Vorrichtungen	17,0	18,6	19,6
Koksausdruckmaschinen	0.3	0,9	0,8
Ziegeleien	i»2	o,3	1,2
Lokomotiven und Lokomobilen	6,8	5,i	4,0
	IOO	IOO	IOO

Bei der Wasserhaltung finden wir den grössten Anteil
mit 26 % in dem südöstlichen Teile des Beckens, der dem Reg.-
Bez. Arnsberg angehört, dann folgt der südwestliche Teil im Reg.-
Bez. Düsseldorf. Am geringsten ist der Anteil (16 %) im nörd-
lichen Teile, also dem Reg.-Bez. Münster. Dagegen ist bei der
Förderung der Anteil im Norden wegen der Tiefe der Gruben
am grössten, ebenso ist es bei den Ventilatoren, also den Be-
wetterungsanlagen. Unter den sonstigen Vorrichtungen
ist wohl die mechanische und chemische Weiterverarbeitung der
Kohle zu verstehen. Man sieht, ein wie grosser Teil der P.S.
diesem Betriebszweige gewidmet wird. Er ist im Süden grösser.
Schon 1887 wies man darauf hin, dass für die meisten Fettkohlen-
zechen der Kokereibetrieb eine wichtige Quelle des Gewinnes sei
und man der Koksfabrikation den hauptsächlichsten Anteil des
erzielten Ueberschusses zuzuschreiben habe1).

Die Ursachen der ständigen Vermehrung bezw. der zuneh-
menden Konzentration des Maschinenkapitals waren einmal,
sich bei der von diesem zu leistenden Arbeit die gleich zu analy-
sierenden Vorteile des Gesetzes des zunehmenden Ertrages zu
nutze zu machen. Zum andern zwang die zunehmende Tiefe des
Bergbaues noch zu einer stärkeren Kapitalvermehrung wegen der
dadurch um so mehr benötigten Stärke der maschinellen Arbeits-
kräfte. Und eben weil z. B. im Norden des Ruhrbezirkes die

1)	Simmersbach, Die Koksfabrikation im O.B.B. Dortmund mit Berücksichtigung
des fremden Wettbewerbes. Preuss. Zeitschr. 1887. B. 329.
        <pb n="61" />
        ﻿53

schwierige Tiefe zu überwinden war, finden wir hier die starke
Kapitalkonzentration beim Maschinenkapital. Die Not schuf eine
wirtschaftliche Tugend. Hand in Hand hiermit zeigt sich eine
Zunahme der Kapitalimmobilisation (vgl. 2. Kap.). An sich
hat deren Grösse mit der Kapitalkonzentration auf Grund des
Gesetzes des zunehmenden Ertrages nichts zu tun. Denn ange-
nommen, im Ruhfbezirke betrüge das Deckgebirge überall
200 m, so hätten unweigerlich auch hierbei nach und nach die
Vorteile des Gesetzes des zunehmenden Ertrages in den Betriebs-
zweigen, die ihm unterworfen sind, zu einer Kapitalkonzentration
geführt. Dieser Prozess ist wegen der erforderlichen tieferen
Schachtanlagen nur beschleunigt. Was für Erscheinungen die
deswegen im verstärkten Masse stattgefundene Kapitalimmobili-
sation beim Steinkohlenbergbau hervorgerufen hat, wird weiter
unten erörtert. Hier wollen wir zunächst das Wesen und die
Vorteile des Gesetzes des zunehmenden Ertrages, dessen tatsäch-
liche Erscheinungen wir in den verschiedenen Kapiteln bisher
mitgeteilt haben, besprechen. Die Vorteile sind vor allem:

1.	die Generalkosten, d. h. die Kosten für den Leitungspro-
zess u. a., die »Handlungsunkosten« sind relativ geringer, da sie
sich auf eine grössere Produktion verteilen;

2.	eine billigere Beschaffung des für Anlage und Betrieb not-
wendigen Kapitals.

Hier zeigen sich z. B. die Vorteile des »Einkaufs im grossen«
oder etwa der Beschaffung notwendiger Sachkapitalien aus Unter-
nehmungs- oder gar Betriebskombination in ganz augenschein-
licher Weise.

3.	die grösstmögliche Durchführung der Arbeitsteilung in
technischer wie wirtschaftlicher, in psychischer wie physischer
Hinsicht. Ich erinnere nur an die wichtigen Betriebszweige Ab-
bau, Ausbau, Abteufen, Wetterung, Wasserhaltung und Förderung.

Was die letztere betrifft, so werden im O.B.B. Dortmund die
pro Arbeitstag gewonnenen Kohlen teils in doppelter, teils in
Ix/a facher, teils in einfacher Förderschicht zutage gehoben1).
Im ersten Halbjahre 1898 förderten von 176 selbständigen Be-
triebsanlagen, die an die Staatsbahn angeschlossen waren, 71,1 %
in doppelter, 9,6% in H^facher, 19,3% in einfacher Schicht. Die

1)	33ergassessor Pieper, Vorteile und Nachteile der doppelten Förderschicht auf
Steinkohlengruben auf Grund der auf den grösseren Gruben des Oberbergamtsbe-
zirkes Dortmund gemachten Erfahrungen. Preuss. Zeitschr. 1900. 52 f.
        <pb n="62" />
        ﻿54

Gründe, die dies bewirkten, waren wirtschaftlicher Natur. Es
wurden nämlich die Mehranlagekosten, die infolge des einschich-
tigen Betriebes erwuchsen, für die 1000 t-Grube auf eine halbe
Million Mark veranschlagt. »Sie dürften nur bei wesentlich klei-
neren Gruben geringer sein, dagegen bei grösseren, sobald die
Anlage neuer Schächte, sowie zweiter Separations- und Wäsche-
einrichtungen erforderlich ist, eine Flöhe erreichen, welche vor
der Anwendung des Einschachtsystemes geradezu abschreckt.
Ausserdem muss es bei grossen Förderziffern technische und
daher wirtschaftliche Schwierigkeiten bereiten, die durch den ein-
schichtigen Betrieb bedingte hohe Anzahl Betriebsabteilungen in
der Grube zu schaffen. Was zweitens den Betrieb der Grube
angeht, so können hier die mögliche höhere Flauerleistung sowie
die durch eine kleinere Belegschaft bei der Förderung unter Tage
herbeizuführenden Ersparnisse für die einfache Schicht sprechen,
dagegen dürften diese Vorteile der einfachen Förderschicht in
den meisten Fällen durch die geringeren Kosten für Reparatur-
arbeiten, Aus- und Vorrichtung, Aufrechterhaltung der Förder-
und Wetterstrecken, sowie den kleineren Selbstverbrauch an Kohlen
bei der doppelten Förderschicht mehr als aufgewogen werden«.

»Dass die Ueberlegenheit, welche die doppelte Förderschicht
über die einfache meistens besitzt, in der Praxis anerkannt wird,
beweist ihre hervorragende Verbreitung, besonders auf grösseren
Betriebsanlagen«. Dieser Satz deutet an, was wir später noch
klarlegen werden: dass nämlich die Arbeitsteilung, also ein Vor-
teil des Gesetzes des zunehmenden Ertrages erst dessen Vorteile
zeigt, wenn den dadurch geschaffenen Leistungsmöglichkeiten
auch eine genügende zu leistende Masse gegenübersteht. Daher
jenes »meistens«, also nicht immer »überlegen«.

4.	die Möglichkeit, den jeweils am besten organisierten Ge-
samtproduktionsprozess in einem Betriebe zu schaffen, d. h. mög-
lichst grosse, aber möglichst billige Leistungen in den verschie-
denen einzelnen Betriebszweigen zu erzielen. Es soll hier speziell
nur die äusserst wichtige Anordnung der zu den Arbeits-
betätigungen notwendigen Kraftquellen, also die Organi-
sation der Kraft e r z e u g u n g behandelt werden.

Zörner *) erzählt uns, wie die Kosten des Maschinenbetriebes
»im allgemeinen infolge des Eindringens in immer grössere Teu-

1)	R. Zörner, Belastung und Verbilligung des eigentlichen Grubenbetriebes durch
den Maschinenbetrieb. Preuss. Zeitschr. 1875. 257- z68. 281.
        <pb n="63" />
        ﻿55

fen, infolge Verbesserung der Wetterführungseinrichtungen, sowie
insbesondere infolge des vermehrten Ersatzes menschlicher und
tierischer Kräfte durch maschinelle in noch stärkerem Masse ge-
wachsen (sind), als es die Steigerung der Förderung bedingte.
Die Kosten des Maschinenbetriebes betragen bei mittleren Werken
oft 20—25 °/o der Bruttoausgaben an Löhnen und Materialien.
Für kleine Betriebe mit ungünstigen Verhältnissen sind sie aber
zu einer drückenden, mitunter die Ertragsfähigkeit in Frage stel-
lenden Last geworden«. Wir wollen

a) betrachten, durch welche Mittel von solchen von der Natur
stiefmütterlich behandelten Werken »der Steigerung dieser drücken-
den aber notwendigen Last (eben Kosten für Maschinenkapital)
tunlichst entgegengearbeitet werden kann«. Es handelt sich, kurz
gesagt, hierbei darum, etwas Vorhandenes rationeller zu ge-
stalten. Dies ist einfach eine Forderung des Wirtschaftlichkeits-
prinzipes und so nicht erst bei zunehmender Kapitalkonzentration
möglich. Da es jedoch bei gleichzeitigem Eintritt die Vorteile
dieser potenziert, sei es zuerst hier erwähnt.

Die grössere Wirtschaftlichkeit wurde, wie Versuche zeigten,
herbeigeführt z. B.

a. durch Verminderung der Dampferzeugungskosten. Diese
hervorgerufen z. B. durch Ersatz der Förderkohle durch Gries-
kohle, Aenderung der Schürmethode, Schulung der Schürer, Ver-
besserung vorhandener Einrichtungen, Zentralisation der Kessel-
anlage;

ß. durch zweckmässige Ausnutzung des Dampfes, als da
ist: vorteilhafte Expansion, Heizung mit Abdampf, Umhüllung
der Dampfleitungsrohre (Ersparnis infolgedessen auf Grube König
an der Saar 12—14000 M. pro Jahr). Da Förderung und Wasser-
haltung ca. 5° % der Gesamtmenge an Dampf erfordern, leuchtet
ein, wie wichtig gerade bei ihnen »Ersparnisse« sind. Auf Grube
König haben sich »die Kosten für den gesamten Maschinenbe-
trieb (ohne Grubenhaspel und Ventilatoren) trotz erhöhter Lei-
stung, die nachstehend angegeben ist, um ca. 10000 M. ermässigt.
Hierbei sind die im gleichen Zeiträume bei gleichem Kohlenpreis
und gleichem Wasserverbrauche erzielten Ersparnisse im Kessel-
betrieb = 80000 M. nicht berücksichtigt; mit diesen zusammen
würde sich also die ersparte Summe auf 90000 M. steigern«.
So betrugen die Leistungen und die relativen Betriebskosten1) bei

1) Zöi'ner, 1. c. 271.
        <pb n="64" />
        ﻿56

der Förderung	der Wasserhaltung

	I. Quart.	II. Ouart.	I. Quart.	II. Quart.
	1892	1894	1892	1894
Ist-Förderung in 1 Stunde in mt: Kosten für 1 Stunde P.S. Nutz-	20 167	25182	68 940	77 343
leistung in Pf.:	I7.3I	13,75	4,69	3.i°

y. durch ausgedehnte Ausnutzung vorhandener Dampf- und
Maschinenanlagen durch ihre Verwendung zur Kraftübertragung
über und unter Tage. Hierbei ist zu erwähnen, dass der Dampf
auf grosse Entfernungen wegen hoher Kondensationsverluste nicht
zu gebrauchen ist. Auch über Tage wird bei einer Entfernung
von 600—1000 m diese Kraft besser indirekt durch vorgewärmte
Luft, für grosse Entfernungen aber durch Elektrizität ersetzt1).
Jedoch ist der Wirkungsgrad der Kraftträger nicht allein ent-
scheidend, da »allerlei Zweckmässigkeitsgründe«, z. B. Löhne bei
seiner Verwendung mitsprechen.

Hierbei finden wir häufig schon Ausgaben für »Neuanschaf-
fungen, die anfangs die Selbstkosten naturgemäss belasten, nach-
her aber auf Jahre erhebliche Vorteile bringen«.
Damit kommen wir

b) dazu, dass nicht mehr bei den Kraftquellen Verbesserung
von etwas Herkömmlichem stattfindet, sondern neue Methoden
angewendet werden, die allerdings den Vorteil haben, dass sich
die mechanische Kraft fortlaufend billig beschaffen lässt, die je-
doch einmalig mehr oder minder gewaltige Kapitalaufwendung
erfordern.

Hier ist vor allem die Verwendung von Koks- und Hoch-
ofengasen zur Erzeugung von Kraft zu erwähnen, worin in letzter
Zeit grosse Fortschritte gemacht sind.

Schon 1887 wird mitgeteilt, dass im O.B.B. Dortmund bei
Verwendung von Koksofengasen zur Kesselheizung die Kohlen-
ersparnis bei der Kesselheizung bis auf 25 % der Verkokungs-
menge gestiegen wäre , und dass das Gaskesselsystem ein sehr
bedeutender Fortschritt auf dem Gebiete des Bergbaues sei1 2).

Ein Hochofen aber von gewöhnlichem Typus mit einer Tages-
produktion von 100 t Roheisen ist imstande »eine Gasmenge zu
geben, welche zur Erzeugung von 2000 P.S. notwendig ist, so-
dass, den Preis der Tonne Kohle mit nur 12,50 frs gerechnet eine
Brennstoffersparnis von 180000 frs pro Tag gegenüber den Dampf-

1)	1. c. 288.

2)	Simmersbach, Die Koksfabrikation im Oberbergamtsbezirk Dortmund mit Be-
rücksichtigung des fremden Wettbewerbes. Preuss. Zeitschr. 1887. B. 291 f.
        <pb n="65" />
        ﻿— 57 —

maschinen resultiert« x). Und die gesamte Koksproduktion in We,
falen ergibt eine mit dem Gasüberschuss zu erzielende Leistun
von etwa iooooo P.S.2).

Nun hat man gewiss keine Hochöfen gebaut, um ihre Abgase
in Gasmotoren auszunutzen. Was die Werke veranlasste, sich
Hochöfen anzugliedern, was also die sog. vertikale Konzentration
der Industrie hervorrief, ist in den verschiedensten technischen
und wirtschaftlichen Momenten begründet, wie es Hans Gideon
Heymann in seinem Buche über die gemischten Werke im deut-
schen Grosseisengewerbe so trefflich dargestellt hat und worauf
hier verwiesen wird. Aber dem, der da Hoch- und Koksöfen
hatte, ergaben sich in den sonst in die Luft gehenden Abgasen
wichtige Kraftquellen, deren Grösse eben angedeutet ist. Die Um-
setzung von Gas in Kraft braucht jedoch nicht notwendig in einer
Betriebs- oder Unternehmungskombination vor sich zu gehen, ob-
wohl dies besonders vorteilhaft ist und den Anlass zur Verwirk-
lichunggegeben hat. Sie kann auch derart geschehen, dass die »wohl-
feile Betriebskraft« der Abgase in Gasmotoren in Zentralkraftstellen
ausgenutzt wird, die zur Erzeugung von Elektrizität verwendet
werden3). Hierin hat man grosse Fortschritte gemacht und ist
zu einer planmässigen Ausnutzung der Maschinen gelangt4).
So kann man wohl sagen: zu Anfang vorigen Jahrhunderts re-
volutionierte der Dampf, am Ende die Elektrizität den Bergbau.

»Für den Bergbau eignet sich die Elektrizität als Kraftüber-
tragungsmittel besonders deshalb, weil sie den örtlichen Verhält-
nissen leicht angepasst werden kann5).« Nun erfordert Strom
von hoher Spannung, der nötig ist, allerdings Vorsicht, da durch
Berühren der Drähte Unfälle stattfinden, ausserdem ist bei unter-
irdischer Verwendung von Elektrizität Explosionsmöglichkeit vor-
handen. »Allein die Elektrotechnik bietet genügend Mittel, alle
diese Gefahrenquellen unschädlich zu machen« °).

In Amerika finden wir schon 1891 Elektrizität beim Bohren,
Schrämen, zur Förderung und Wasserhaltung und bei unterirdi-

1)	Berg- und Hüttenm. Ztg. 1900. 431.

2)	Gl.A. 1901. 905: Goetze, Anwendung der Elektrizität im Bergbau. Auch Fest-
gabe VIII. Allg. deutschen Bergmannstag. 100 f.

3)	Gl.A. 1903. 487.

4)	Gl.A. 1901. 905. Goetze, 1. c.

5)	Gl.A. 1898. 90. Vogel, Die Elektrizität im Bergbau und Hüttenbetrieb.

6)	Friedemann, Die Verwendung der Elektrizität beim Bergbau, im besonderen
in Schlagwettergruben. Sächsische Zeitschrift 1897. IO f.
        <pb n="66" />
        ﻿58

sehen Ventilatoren. Die Speisung der Arbeitsmaschinen geschieht
von einer Hauptquelle aus, die zu Kraft und Licht gleichzeitig dient*)■
Es hat also die Verwendung von Elektrizität fast in allen
Zweigen des Bergbaues eminente technische und wirtschaftliche
Vorteile. Ich erinnere nur daran, dass man bei der Schacht-
förderung die Eigentümlichkeit des Dampferfordernisses beim Trei-
ben (vgl. Schachtförderung) durch elektrische Förderung immer
mehr zu umgehen sucht1 2), und dass damit die Elektrizität der
Wichtigkeit der Förderung entsprechend ein besonders grosses
Verwendungsgebiet erhalten hat.

Wenn aber die Elektrizität im Bergbau den angetretenen
Siegeszug fortsetzt, so wird die damit verbundene technisch-wirt-
schaftliche Verkettung die beteiligten Werke noch näher anein-
ander bringen. Ist es doch äusserst beachtenswert, wie gerade
den Kohlengruben, also Werken, die die Kohle fördern und die
von ihrem Verkaufe bezw. ihrer Verwendung leben, die Achtung
vor dem Wert der Kohle immer mehr gestiegen ist, und wie sie
daher stetig versuchten, die für den Betrieb benötigten Kräfte
möglichst billig zu erlangen. Zuerst durch alle möglichen »Er-
sparnisse« und Verwendung geringer Kohlenqualitäten. Dann aber
gab eine gewaltige Kapitalkonzentration die Möglichkeit, an der
Stelle von Kohle ein Surrogat zu verwenden, das sich in seinen
Vorteilen zur Kohle verhält wie etwa die Eisenindustrie mit Kohle
zur Eisenindustrie mit Holz. Auch die Voraussetzung, die bei der
Eisenindustrie zur Verwendung von Kohle statt Holz führte: der
Massenmarkt für Massenabsatz hat ja bei der neuen Erscheinung
eine wahlverwandte Grösse erreicht.

Hand in Hand damit, den Produktionsprozess möglichst dem
Gesetze des zunehmenden Ertrages entsprechend zu gestalten,
ging die Zunahme der Einrichtungen einher, die der Verede-
lung der gewonnenen Kohle dienten. Sie bestehen darin,
die Kohle von dem Gestein zu reinigen und ev. zu waschen.

Für Niederschlesien3) wird für 1895 berichtet: »die Kosten
der Sortierung und Aufbereitung betragen gegenwärtig einschliess-
lich aller damit verbundenen Nebenarbeiten, wie Wegschaffen der

1)	Poech, 1. c. Berg- und Hiittenm. Jahrbuch 1891. 431.

2)	Lasche, Förderanlagen mit elektrischem Betriebe Gl.A. 1900; ferner Berg-
und Hiittenm. Ztg. 1900. 431.

3)	Stolz, Die neue Förder- und Verladeeinrichtung auf den G. v. Kramsta’schen
Gruben bei Konradsthal in Niederschlesien. Preuss. Zeitsclir. 1891. B. 75 f.
        <pb n="67" />
        ﻿59

ausgelesenen Berge, Beschaffung aller Materialien, Beleuchtung
u. s. w., sowie einschl. des Schmierens der Förderwagen 16,4 Pf.
auf die Tonne Kohlen, welche Kosten mit zunehmender Förde-
rung sich selbstverständlich noch wesentlich ermässigen werden,
da das Personal hierbei nicht vermehrt zu werden braucht«. Im
Saargebiete *) zwang die Konkurrenz neben der mechanischen
Aufbereitung durch Rätter noch zu einer weiteren Veredelung
durch Wascharbeit.

Im Ruhrbezirke 1 2 3) führte auch in dieser Beziehung die Eisen-
bahn eine Aenderung herbei: jetzt machte die Fracht es rentabel,
möglichst reine Kohle ohne Ballast zu liefern. So finden wir
2 Jahre nach Erbauung der Cöln-Mindener Bahn, also 1849, die
erste Wäsche. Sie hatte geringen Erfolg. Aber trotz technischer
Schwierigkeiten und trotz der Vorurteile der Bergwerksbesitzer
breiteten sich 1860 bis 1870 diese Anlagen allmählich aus. 1870
bis 1880 schwanden die Hemmungen, und so wurden die Auf-
bereitungsanlagen immer zahlreicher und vollkommener, besonders
da auch die Ansprüche der Konsumenten an Reinheit der Kohle
stiegen. Wie weit heute die Spezialisation der auf Lesebändern
von Bergen gereinigten, gewaschenen und automatisch in den
grossen Zentralaufbereitungsanstalten nach Korngrössen sortierten
Kohlensorten geht, kann der Leser erfahren, wenn er einmal ein
Preisverzeichnis zur Hand nimmt. Bei den vom Rheinisch-West-
fälischen Kohlensyndikat jeweilig festgesetzten sog. »Richtpreisen«
werden 6 Kohlensorten: Fettkohlen, Gas- und Gasflatnmkohlen,
Esskohlen (östliches Revier), Magerkohlen (östliches Revier), Ess-
kohlen (westliches Revier), halbmagere Kohlen, Magerkohlen unter-
schieden, von denen jede wieder 20 Unterabteilungen im Durch-
schnitt enthält 8).

Es sei noch erwähnt, dass in England die Kohlenaufbereitung
eine relativ untergeordnete Rolle spielt wegen der hohen Reinheit
der dortigen Kohle. Wenn Kohlenseparation stattfindet, so ist es
in der Regel die trockene 4 *).

1)	Retny, Die Kohlenaufbereitung und Verkokung im Saargebiete. Preuss. Zeitschr.
1S90. B. 101 f.

2)	Jungeboldt, Kohlenseparation und -Wäsche im O.B.B. Dortmund. Preuss.
Zeitschr. 1902. 584.

3)	Vgl. die Tabelle in den »Kontradiktorischen Verhandlungen« Bd, I. 282.

4)	Kubale, Mitteilungen aus dem Bergbaubetrieb Englands und Schottlands.

Preuss. Zeitschr. 1901. B. 43 f.
        <pb n="68" />
        ﻿6o

Die Vorteile des Gesetzes des zunehmenden Ertrages, wie wir
sie bis jetzt analysiert haben, haben nun mit gesetzlicher Not-
wendigkeit dahin gedrängt, in die Erscheinung zu treten. Heisst
doch kapitalistische Wirtschaft E rw erb s Wirtschaft.

Die wichtigste äussere Erscheinungsform, gleichsam die In-
korporation des Gesetzes, ist die im Laufe der Zeiten beim Stein-
kohlenbergbau eingetretene Konzentration des technischen
Betriebes.

Im Jahre 1862 waren beim preussischen Steinkohlenbergbau
434, im Jahre 1902 nur 272 Werke im Betriebe. Wie gross die
auf die einzelne Grube in verschiedenen Gebieten entfallende Förder-
menge ist, zeigen folgende Zahlen1):

Es kamen durchschnittlich auf 1 Grube in t in

	Saargebiet	Oberschlesien	Ruhr	Niederschlesien	Aachen
1882	428 552	99 892	137 00S	64 506	70 357
1902	736 281	437 239	357 479	285 605	153 237
+ %	71	337	160	372	H7

Somit entfällt auf eine Grube im Saargebiete die grösste För-
derung. In diesem Gebiete ist eigentlich nur ein Steinkohlen-
bergbauunternehmer : der preussische Staat, der hier konzentriert
und planmässig wie ein Trust wirtschaftet. Sodann folgt Ober-
schlesien, wo die starke prozentuale Steigerung zu beachten ist.
Es ist das Gebiet, in dem von jeher die gemischten Werke vor-
herrschten. Es folgt das Ruhrgebiet, was unten noch näher be-
handelt wird, und darauf Niederschlesien mit der grössten Steige-
rung. Aachen mit den wenigen unter schwierigen Verhältnissen
bauenden Zechen bildet den Schluss.

Im Jahre 1792 waren in der Mark 154 Gruben im Betriebe,
sie förderten 176 676 t, d. i. pro Grube 1147 t.

Im ganzen O.B.B. Dortmund 1 2) betrug die Zahl der betriebe-
nen Steinkohlenbergwerke

1850: 203	1903: 166

die Förderung pro betriebenes Werk in 1000 t

1850: 9,8	1903: 389,7.

Speziell im Ruhrgebiete 3) betrug 1850 die Förderung 1,5 Mill. t,

1)	Vgl. dafür die betr. Jahrg. des stat. Teiles der Preuss. Zeitschr.

2)	Entw. Bd. X. 1. 58*

3)	Entw. Bd. II. 4.
        <pb n="69" />
        ﻿6i

1900 jedoch 60 Mill. t. Sie ist also um das 40 fache gestiegen.
Die Zahl der betriebenen Bergwerke fiel in dieser Zeit von 198
auf 172. Seit 1900 ist sie noch weiter gefallen. Zu den 172 be-
triebenen Bergwerken gehörten 225 selbständige Förderanlagen.
»Jede einzelne Anlage leistet demnach heute unter schwierigeren
Verhältnissen im Durchschnitt 30—40mal so viel, wie ein Berg-
werk im Jahre 1850«. Die Zechen mit höchster Förderung1)
waren

1850: Gewalt	mit 35 709 t

1900: Zollverein	» 1 752 946 »

1903: Deutscher Kaiser » 1 689077 »

Im Jahre 1900 leistete allein die Förderanlage Prosper II
969 120 t.

Die sich in solchen Zahlen zeigende technische Betriebskon-
zentration hat nun ihrerseits wieder verschiedene Erscheinungen
gezeitigt.

Einmal erscheint der Anteil, den die einzelnen juristischen
Formationen an der Förderung im rheinisch-westfälischen Bezirke
haben, infolge der zu jener Betriebskonzentration nötigen Kapital-
konzentration verändert; wie folgende Tabelle zeigt, waren näm-
lich im rheinisch-westfälischen Bezirke beteiligt1 2) mit

1850

1903

1. Die Aktien-Gesellschaften :	t	%	t	%
a)	Bergbau-Aktien-Ges.  b)	Akt.Ges., die ausser Berg- bau noch andere wichtige Unternehmungen (Hütten	2 387	0,12	3° ”4 593	46,03
etc.) betrieben	—	—	10424 783	15,93
2.	Krupp, Essen (1900)  3.	die Firmen Stumm und de	—	—	( 1 579 220)	( 2,63)
Wendel	—	—	299 353	0,46
4. der Preuss. Bergfiskus	—	—	3*7 °43	0,48
5.	die Mansfeldische Gewerksch.  6.	die Gewerkschaften (ohne Mansfeldische) und sonstige			394 905	0,60
Eigentümer	1 958 454	99,88	23 882775	36,50
Sa.	1 960 841	IOO	65 433 452	IOO

Wir sehen, wie 1850 fast allein die juristische Betriebsform
der Gewerkschaft bestand. Mit der zunehmenden Konzentration
der Kapitalien ward es jedoch immer schwieriger, die grossen

1)	Entw. Bd. X. 1. 58.

2)	Entw. Bd. X. 1. 279.
        <pb n="70" />
        ﻿62

Kapitalmengen durch eine Vereinigung von Personen (Gewerk-
schaft) aufzubringen. Es entstand die Vereinigung von Kapitalien,
die Aktiengesellschaft, die 1861 umfassend gesetzlich geregelt
wurde. Um welche Summen es sich handelt, zeigt folgende Ueber-
sicht über diejenigen Aktiengesellschaften, die Ende 1900
im niederrheinisch-westfälischen Becken Steinkohlenbergbau be-
trieben x):

a.	Nur Bergwerksbetrieb.

22 Gesellschaften mit 273413400 Mk. Aktienkapital ohne
Genussscheine. Die Förderung der Zechen dieser Gesellschaften
betrug 1900 28 320 948 t.

16 Gesellschaften hatten Ende 1900 daneben noch Anleihen
und Hypotheken von 66,6 Milk M.

b.	Neben Bergbau noch sonstige Hauptbetriebe (also die sog.
gemischten Werke in Form von Aktiengesellschaften).

Hier war Ende 1900 ein Aktienkapital von 260478000 M.
vorhanden bei einer Förderung (1900) von 7 688 683 t. II Gesell-
schaften hatten Ende 1900 Anleihen und Hypotheken im Betrage
von 80,5 Milk M.

Somit haben wir Ende 1900 im niederrheinisch-westfälischen
Becken allein bei den Aktiengesellschaften rund 533,9 Mill. M.
Aktien - Kapital und 147,1 Milk M. Anleihen und Hypotheken.
Hierin sind noch nicht enthalten die Kommanditgesellschaften, die
Alleineigentümer und der preussische Fiskus.

Es zeigte sich, dass die Förderung der Aktiengesellschaften
1903 rund 62 % der Förderung ausmachte, während der Anteil
der Gewerkschaften seit 1850 um etwa 2/3 fiel. Wir machen hier-
bei die auch auf anderen Gebieten beobachtete Erfahrung, dass
die wirtschaftlich so eminent vorteilhafte Kapitalkonzentration in
ihrer stärksten Ausbildung zu einem verteilenden Prinzipe, wie es
die Aktiengesellschaften in ihren Aktien darstellen, die Zuflucht
nehmen muss. Damit ist dem einzelnen Gelegenheit gegeben, an
den Vorteilen der Kapitalkonzentration teilzunehmen, wenn auch
das »Mitregieren« des einzelnen, wie es in den Generalversamm-
lungen stattfinden kann, heute noch etwas merkwürdig aussieht,
besonders wenn Aktionäre ihrem Bankier die Ausübung des Stimm-
rechts übertragen, und dies Recht sich von diesen dann wieder
bei den wenigen Grossbanken konzentriert, an die die Werke in

) Entw. Bd. X. Teil 1. 270.
        <pb n="71" />
        ﻿— 63 —

Zeiten der Not noch um Obligationsanleihen, den so wenig be-
liebten, appellieren müssen.

Hat man die oben mitgeteilten Zahlen mit denen der Tabelle
davor verglichen, so wird man gefunden haben, dass von 1900
bis 1903 bei den Aktiengesellschaften die Förderung der gemisch-
ten Werke stärker gestiegen ist, als die der reinen Werke. Es
stieg nämlich die Förderung der reinen Werke von 1900 auf 1903
von 28,3 auf 30,1 Mill. t, d. h. um 8,8 %, die der gemischten
Werke jedoch von 7,7 auf 10,4 Mill. t, d. h. um 35 %. Dabei ist
zu beachten, dass die gemischten Werke nicht bloss in der Form
von Aktiengesellschaften, sondern z. B. auch in der wichtigen Form
der Gewerkschaft betrieben werden. Leider zeigt die Tabelle hier
keine Spezialisation.

Solche Erscheinungen zeigen schon äusserlich die heute exi-
stierende Expansionsfähigkeit der Kohlengruben, die den gemisch-
ten Werken mit ihren gewaltigen Kapitalkonzentrationen angehören.
Wir kommen zum Schlüsse darauf zurück.

Unser ersehntes Ziel war bis jetzt, dem Leser die dem Stein-
kohlenbergwerksbetriebe als solchem innewohnenden Entwicke-
lungstendenzen klarzulegen. Der Natur der Sache nach mussten
vor allem die technischen Probleme (als Spiegelbild der Wirt-
schaftsorganisation aufgefasst) eingehend erörtert werden. Wir
haben den Betrieb im einzelnen analysiert und gefunden, dass
alles Fortschreiten darin begründet war, den grösstmöglichen Nutzen
zu erzielen: hier also das Gesetz des abnehmenden Ertrages durch
das Gesetz des zunehmenden Ertrages jeweils zu suspendieren.
Wir verlassen nun einen Augenblick den aus solcher Zwecksetzung
entstandenen Riesenbetrieb und fingieren ihn isoliert dastehend.
Die so gewonnene Zeit wollen wir benutzen, um einiges aus dem
kärglichen Material über die Produktionskosten, sowie die Preise
und die Gewinne mitzuteilen.

Es betrugen in Oberschlesien1) bei der staatlichen

1) Vgl. Die Nachrichten bezw. Uebersichten von der Verwaltung der preussi-
schen Staatsbergwerke, -Hütten und -Salinen jeweils in dem betr. Jahrgange der
Drucksachen des Preussischen Abgeordneten-Hauses.
        <pb n="72" />
        ﻿64

Königsgrube	Königin Luise-Grube

im Jahre	die	Selbstkosten	die durch- schnittlichen	die Selbst- kosten pro	die durch- schnittlichen
	pro	t-Förderung in M.	Verkaufspreise	t-Förde-	Verkaufspreise
			pro t in M.	rung in M.	pro t in M.
1869	pro Ztr. 1 Sgr. 11,39 Pf.		5,10	?	5,48
1870	» »	1 » 10,11 » ■)	5,24	?	5,0°
1871		?	6,00	p	6,24
1872		?	8,22	?	8,70
1873		f	8,94	?	9,54
1874		f	8,70	?	8,90
1875		?	6,54	?	7,00
1876		?	5,16	?	5,74
1877/8		5	4,53	p	5,12
1878/9		?	4,02	?	4,44 6)
1879/80		3,32	3,986)	3,30	4,16
1880/1		3,29	3,92	3,38	4,33
1881/2		3.09	3,79	3,29	4,42
1882/3		?	3,86	?	4,34
1883/4		3.o8	3,84	3,i9	4,35
1884/5		3&gt;21 ■)	3,95	3,i5	4,39
1885/6		3.29s)	3,86	2,87 7)	4,40
1886/7		3-03 4)	3,74	2,77	4,26
1 887/8		2,88	3,63	3,12	4,29
1888/9		2,86	3,69	3,09 8)	4,38
1889/90		3.37	3,87	3,5°	4,72
1890/1		4,14	5,9o	4,69	6,69
1891/2		4,29	6,21	5,oi 9)	6,63
1892/3		4.64	5,93	4,78	6,5°
1893/4		4,00	5,87	4,10	6,20
1894/5		3.75	5,63	4,12	6,15
1895/6		3.71	?	4,n	J
1S96/7		3.7i	?	3,79	?
1897/8		3.75	?	4,02	?
1898/99		4,02 “)	5,92	4,05	6,76
1899/1900		4.34	6,48	4,03	7,41
1900/01		4,75	7,68	4,82	8,30

Bemerkungen:

1)	»Infolge der herbeigeführten Verminderung der Ausgaben in Betriebslöhnen
und Materialien und des erhöhten Arbeitseffektes« fand die Minderung der Selbst-
kosten statt.

2)	»Die Steigerung des Erlöses aus dem Kohlenverkaufe ist durch die Erhöhung
der Selbstkosten mehr als absorbiert.«

3)	Steigerung »infolge der Ausführung grosser, für die Betriebszwecke notwen-
diger Bauten«.

4)	Minderung »durch verstärkten Betrieb der eigentlichen Abbauarbeiten«.

5)	Erhöhung infolge höherer Löhne und Materialien.

6)	Bis hieher Angaben in Pf. pro Ztr. 1 t = 20 Ztr.

7)	Sinken »infolge Beendigung der kostspieligen Ausrichtungsarbeiten«.

8)	Sinken infolge Steigerung der Gesamtförderung.

9)	»Umfangreiche Reparaturen der Schachtanlagen, die Verstärkung der Wasser-
haltungsmaschinen, der Ersatz einer grossen Anzahl betriebsunfähig gewordener Dampf-
kessel, der Brand der Rätteranlage im Westfelde und ein Haldenbrand im Ostfelde
brachten Störungen des Betriebes mit sich.«
        <pb n="73" />
        ﻿65

Im Durchschnitt der 2 bezw. 3 staatlichen Steinkohlen-
bergwerke König, Königin Luise und Bielschowitz betrugen

im Jahre

1897

1898

1899

1900
1901
1902

die durchschnittl. Selbstkosten
pro t in M.

3,88

4,04

4,37

5.05

4,48

5,39

der Durchschnittserlös
pro t in M.

6,19

6,47

7,06

8,06

8,84

8,25

Wir wollen diese Zahlen (unter Berücksichtigung der bereits
dazu gegebenen Bemerkungen) zuerst einmal vertikal, d. h. von
Jahr zu Jahr des einzelnen Gebietes betrachten.

Bei den beiden Werken Königsgrube und Königin-Luise-Grube
in Obe r s c h les i e n zeigen die S elbstk o st e n pro t Förderung
in M. in den Jahren 1879—1888 eine ziemlich ruhige Entwicklung,
ja 1881 bis 1886 fallen sie sogar bei der Königin-Luise-Grube und
sind 1884 bis 1886 niedriger als die der Königsgrube, was in die-
sem Zeiträume nur 1899 wieder eintrat. Von 1889 bis 1891 stei-
gen die Selbstkosten, um dann bis 1895 (besonders Königsgrube)
zu fallen und im Laufe der zweiten längeren Hausse dieser Periode,
also seit 1895, wieder zu steigen. Dies zeigt sich besonders in
den durchschnittlichen Selbstkosten, wie sie im Durchschnitt der
3 staatlichen Steinkohlenbergwerke Oberschlesiens seit 1897 an-
gegeben sind. Was die Preise anlangt, so zeigen diese (sie sind
1879—1900 stetig höher bei der Königin-Luise-Grube als bei der
Königsgrube) ebenfalls bis 1888 bezw. 1889 eine stetige Entwick-
lung. Im Jahre 1890 schnellen sie jedoch in die Höhe, sodass
(besonders bei der Königin-Luise-Grube) die Spannung zwischen
Durchschnitt des Verkaufspreises und der Selbstkosten pro t För-
derung sich jetzt verstärkt.

Ueber die betreffenden Verhältnisse bei den staatlichen Wer-
ken an der S a a r gibt die Tabelle1) Auskunft, die auf folgender
Seite mitgeteilt ist. Ich bitte die dazu gehörigen Bemerkungen
zu beachten.

Hiernach steigen an der Saar die durchschnittlichen
Selbstkosten pro t geförderte Kohle von 5,61 M. (1869) auf
7,80 M. (1874); sie fallen dann bis 1879 auf 5,42 M., halten sich

1) Wegen der Quellen vgl. das bei Oberschlesien Gesagte.
Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.

5
        <pb n="74" />
        ﻿66

Es betrugen

die Selbstkosten pro geförderte t '• £	der rechnungsmäs- der Schicht-

(ausschl. der auf reservierte Fonds -g &gt;■ ^	sige Ueberschuss a) verdienst 28)

im	geleisteten Ausgaben) in M. j2 o ,—n 0 der Förderung pro Kopf der

Jahre4)	davon auf H	in	eigentl.Bergr

Summe	Löh- Materia- Q :o *5 JS 1000 M. M. arbeiter3)

			ne	lien	• t: &lt;3  H3 &lt;U rX	Summe	pro t	ii\ M.
1869	5.6!	—	—	—	7,77 ")	7 010	—	2,59
1870	?	—	—	—	7,80 ”)	?	—	2,64
1871	f	—	—	—	9,°5 ”)	p	—	2,83
1872	6,19	—	—	—	11,25 21)	19 345	—	3&gt;:9
1873	7,04	—	—	—	16,84”)	37 901	—	3.50
1874	7,80	—	—	—	i5,25	25 382	—	3,58
1875	7,04	—	—	—	I 1,20	14990	—	3,32
1876	6,83	—	—	—	9,73	10 065	—	3,13
1877/78	?	—	—	—	8.25	581713)	—	3,04
1878/79	?	—	—	—	7,69	5 51314)	—	3,02
1879/80	5,42	—	—	—	7,27	6 621	—	2,99
1880/81	5,76	—	—	—	7,54	6 266 16)	—	3,1°
1881/82	5,67	—	—	—	7,40	6 033 16)	—	3,12
1882/83	5,56	—	—	—	7,48	7 496 lr)	—	3,22
1883/84	5,735)6)	—	—	—	7,61	7 799 ,8)	—	3,3°
1884/85	5,767)	—	—	—	7,48	7 216 ’)	—	3,28
1885/86	5,59	—	—	—	7,40	7 775 19)	—	3,24
1886/87	5.61	—	—	—	7,29	6 898 ;»)	—	3,22
1887/88	5,436) bezw.	5,7i	8) -	—	7,13	6 576 2‘)	—	3,26
1888/89	5,46	5,7i	—	—	7,31	8 084 '”)	—	3,3i
1889/90	6,70°)	»	6,91	—	—	8,78	8 892 2S)	—	3,6i
l8qo/qI	7,98	8,3°	—	—	10,91	12 547 24)	—	4,18
l8ql/q2	—	8,39	—	—	10,30	7 589 26)	—	4,36
1892/93	—	«,03	10) -	—	9,73	6 707	1,113	4,13
1893/94	—	7,29	u) -	—	8,94	5915	0,958	3,8o
1894/95	—	7,i3	—	—	8,81	6 323	o,954	3,68
1895/96	—	6,94	—	—	8,90	8 474	1,189	3,7°
1896/97	—	6,85	—	—	8,94	9 324	1,196	3,72
1897/98	—	6,87	—	—	9,28	1 2 368	1,463	3,78
1898/99	—	7&gt;*4ia) 4,44		1,30	9,53	12 352 Z6)	1,403	3,85
I899/I9OO 			7,5i	4,54	1,49	io,35	15 945	1,739	3,93
I 900/0 I	—	7,94	4,72	1,65	n,99	25 437	2,71 I	4,06
1901/02	—	8,34	4,87	1.65	12,47	24 988	2,69	3,54 2a)
1902/03	—	8,22	4,81	i,5°	n,54	19 020	1,96	3,57

Bemerkungen:

1)	Bei diesem Erlöse sind also Selbstverbrauch und die unentgeltlich abgegebe-
nen Mengen nicht berücksichtigt.

2)	Unter Berücksichtigung des Wirtschaftsergebnisses der Bergfaktorei Kohlwaage
und des Hafenamtes zu Malstatt, sowie der Verwaltungskosten der Bergwerksdirek-
tion zu Saarbrücken.

3)	Ausgeschlossen die Beamten.

4)	Seit 1877 ist das zu berücksichtigende Jahr von April zu Oktober zu rechnen.

5)	D. i. ohne Ausgaben für Betriebsanlagen und für Landankäufe. Diese Be-
merkung gilt bis 1890—1 inkl.

6)	Diese Steigerung ist zurückzuführen auf »die unabweisbar gewordene ver-
stärkte Aus- und Vorrichtung überhaupt, sowie insbesondere auch auf die Beschleu-
nigung der Tagesanlagen für die neuen Tiefbaue«.

7)	»Dieses minder günstige Ergebnis des Berichtsjahres findet seine Erklärung
hauptsächlich in dem Umstande, dass der durchschnittlich erzielte Verkaufspreis für
eine abgesetzte Tonne Kohlen gegen den veranschlagten Absatzpreis um 0,02 M.
zurückgeblieben ist, und ferner darin, dass die Selbstkosten wegen der . . notwendig
        <pb n="75" />
        ﻿67

gewordenen Ausdehnung der Aus- und Vorrichtungsarbeiten die dem Voranschlag zu-
grunde gelegte, sowie die vorjährige Ziffer überstiegen haben.«

8)	D. i. einschl. Ausgaben für Betriebsanlagen und für Landkäufe.

9)	»Gleichzeitig sind die Selbstkosten infolge der Erhöhung der Arbeiterlöhne
und der durch den Rückgang der Leistung verursachten Steigerung der Generalkosten
ansehnlich gewachsen.«

10)	»Diese Herabminderung beruht vorwiegend auf Minderausgaben für Betriebs-
löhne, welche herbeigeführt wurden einerseits durch Einstellung aller nicht dring-
lichen Aus- und Vorrichtungsarbeiten, andererseits durch teilweise Ermässigung der
Gedinge.«

11)	»Diese Ermässigung ist vorwiegend erzielt worden durch tunlichste Einschrän-
kung der Ausgaben für Bauten, durch Minderausgaben bei der Materialienbeschaffung
und durch eine dem Niedergange der Kohlenpreise entsprechende Herabsetzung der
Arbeiterlöhne.«

12)	Höher infolge Lohn und Materialpreissteigerung.

13)	Ein Vergleich mit den Vorjahren geht wegen Veränderung des Etatjahres
nicht an.

14)	»Was den technischen Betrieb der Gruben betrifft, so hatte derselbe unter
den ungünstigen Absatzverhältnissen eine Reihe von Schwierigkeiten zu bekämpfen.
Die fortdauernden Preisrückgänge der Kohle mussten auf eine entsprechende Herab-
minderung' der Selbstkosten und demgemäss in erster Linie auf eine möglichste Ein-
schränkung der Aus- und Vorrichtungsarbeiten, sowie der Neuanlagen hindrängen.«

15)	»Während das Mehr gegen den Etat in dem grösseren Absätze und den er-
zielten hohem Verkaufspreisen seine Erklärung findet, ist der Grund zu dem Zurück-
bleiben des Ueberschusses gegen das Vorjahr einerseits in wesentlichen Mehraus-
gaben für Meliorationen, Landankäufe und Beschaffung von Material Vorräten, anderer-
seits in der notwendig gewordenen stärkeren Wiederaufnahme der Aus- und Vor-
richtungsarbeiten und den infolgedessen gestiegenen Betriebs- und Materialkosten zu
suchen.«

16)	Geringer lediglich infolge Sinkens der Verkaufspreise.

17)	Die günstigen Ergebnisse begründet »einerseits in dem erhöhten Absätze von
Produkten bei durchschnittlich höheren Verkaufspreisen, andererseits in einer weiteren
Ermässigung der Selbstkosten.«

18)	Erhöhung infolge stärkeren Absatzes und höherer Verkaufspreise.

19)	»Das Schlussergebnis ist zwar gegen den Voranschlag zurückgeblieben, stellt
sich aber doch trotz des Minderabsatzes und trotz weiteren Herabgehens der Kohlen-
preise noch immer erheblich günstiger als im Jahre 1884/5, da sich die Selbstkosten
ermässigt hatten.«

20)	»Die Ursachen dieses Minderertrages sind einerseits in den gedrückten
Preisverhältnissen und dem verringerten Absätze, anderseits in den durch die Ein-
schränkung der Förderung etwas gestiegenen Selbstkosten zu suchen.«

21)	Sinken infolge des »unerwarteten weiteren Herabgehens« der Verkaufspreise
»trotz günstiger Gestaltung der Selbstkosten«.

22)	»Dieser sehr günstige Erfolg ist vor allem dem Steigen der Verkaufspreise,
in zweiter Linie der stärkeren Förderung zu verdanken.«

23)	»Diese günstige Gestaltung (sc. im Verhältnis zum Steigen der entsprechenden
Selbstkosten) des Schlussergebnisses, welches trotz des Ausfalls in Förderung und
Absatz nicht nur die Annahme des Etats, sondern auch die Ergebnisse des Vorjahres
übertrifft, hat ihren Grund lediglich in der Besserung der Verkaufspreise, durch welche
die Steigerung der Selbstkosten ausgeglichen wurde.«

24)	»Dieser günstige Erfolg ist lediglich dem hohen Stande der Verkaufspreise
zuzuschreiben, deren Aufwärtsbewegung diejenige der Selbstkosten noch übertraf.«

25)	»Dieses ungünstige Ergebnis ist in der Hauptsache auf den Rückgang der
Kohlen Verkaufspreise zurückzuführen.«

26)	»Veranlasst ist dieser Minderertrag einmal durch die allgemeine Steigerung
der Betriebslöhne und Materialienpreise und ferner durch die .... Uebernahme der
Pferdeförderung auf den Gruben Gerhard und Pleinitz in fiskalische Verwaltung und
•die hiermit zusammenhängenden nicht unbedeutenden einmaligen Ausgaben.«

27)	Ungefähr der mittlere Fettkohlenpreis.

28)	Bis 1900 inkl. der Schichtverdienst einschl. der Gefälle und bei unterirdi-

5*
        <pb n="76" />
        ﻿68

sehen Arbeiten einschl. io Pf. für Oel in der Schicht. Vgl. der Steinkohlenbergbau
des preuss. Staates in der Umgebung von Saarbrücken VI. Teil 154. 155. Berlin 1904.
Springer.

29)	Reiner Schichtverdienst auf die Arbeiter ohne Werksbeamte, Pferdeknechte
und Hafenabeiter.

ungefähr auf gleicher Höhe bis 1888/9 mit 5,46 M.*).	1889/90

und 1890/1 (vgl. Tabelle) steigen die Selbstkosten sehr, sie er-
reichen 1891/2 die Höhe von 8,39 M., dann aber fallen sie auf
6,85 M. (1896/7), um allmählich auf 8,34 M. (1901/2) zu steigen.

Die Löhne, die, wie die Jahre 1898/9—1902/3 der Tabelle
zeigen (wir werden es später noch weiter sehen) einen wichtigen
Teil der Selbstkosten ausmachen, zeigen eine verhältnismässig
ruhige Entwicklung. Der Schichtverdienst pro Kopf steigt bis
1874 auf 3,58 M., er fällt bis 1879 auf 2,99 M., um (mit Aus-
nahme der Jahre 1884/5 bis 1886/7) allmählich stetig auf 4,36 M.
1891/2 zu steigen. Dann fällt er bis 1894/5 auf 3,68 M., um aber-
mals bis 1900 auf 4,06 M. zu steigen. Darauf sinkt er wieder.
Wir sehen also, dass in den Jahren 1869 bis 1902/3 im Jahre
' 1891/2 mit 4,36 M. pro Schicht der höchste Lohn erreicht wurde.

Ganz anders entwickeln sich die Preise (d. h. hier die Durch-
schnittserlöse pro t verkaufter Kohlen). Sie steigen von 7,77 M.
im Jahre 1869 auf die enorme Höhe von 16,84 M. im J. 1873.
Dann fallen sie bis 1879/80 auf 7,27 M.; sie betragen 1883/4 7,61 M.
und sinken bis 1887/8 auf 7,13 M., halten sich also in dieser Zeit
ziemlich stabil. Dann jedoch steigen sie rapide bis 10,91 M. im
J. 1890/1 , um bis 1894/5 auf 8,8t M. zu fallen. Darauf beginnt
ein erst langsames, dann schnelles Steigen auf 12,47 M. 1901/2.
1902/3 beträgt der Preis 11,54 M. — Es ist von Interesse, diesen
3 Kurven die des »re chnu n g s m ässig en Ueberschusses
der Förderung« entgegenzustellen. Dieser wird jedoch bis
1891/2 nur in absoluter Höhe angegeben, lässt also gerade das
für uns Wichtige, den Gewinn pro t, nicht erkennen; denn dieser
kann ja sinken und jener trotzdem z. B. infolge vergrösserter För-
derung steigen. Bis 1891/2 verweise ich also auf die in dieser
Hinsicht vielfach belehrenden Bemerkungen, die sich unter der
Tabelle befinden, die auch wichtige Einflüsse auf die absolute
Höhe der Selbstkosten bereits andeuten mögen. Seit 1892/3 werden
jedoch auch die relativen Selbstkosten, also die pro t, angegeben;

1) Seit 1887/8 werden Selbstkosten angegeben, in die sonderbarerweise »Land-
ankäufe« und »Betriebsanlagen« eingerechnet sind. Dies erschwert natürlich — von
der nicht einwandfreien Berechnung abgesehen — den Vergleich sehr.
        <pb n="77" />
        ﻿69

sie finden sich in der Tabelle. Sie zeigen, dass im Saargebiete
der rechnungsmässige Ueberschuss pro t Förderung seit 1894/5
stetig, wenn auch schwankend, gestiegen ist, und dass er 1900/1
die ganz ansehnliche Höhe von 2,71 M. pro t erreicht, absolut
also insgesamt (vgl. Tabelle) rund 251/2 Millionen M. beträgt.

Nach diesen Ausführungen ist es nicht angebracht, die Steige-
rung der Selbstkosten seit 1896/7 mit den Lohnsteigerungen zu-
erst zu begründen und dementsprechend hiermit die Preissteige-
rungen zu motivieren. Dies zeigen folgende prozentuale Berech-
nungen noch deutlicher. Es betrugen nämlich, wenn die Zahlen
des Jahres 1898/9 jeweils = 100 gesetzt werden

im Jahre	die Selbstkosten pro ge- förderte t  Sa	davon  Löhne Materialien			der Durch- schnitlserlös pro t verkaufter Kohlen	der rechnungs- mässige Ueberschuss pro; t	der Schicht- verdienst pro Kopf der Beleg- schaft *)
1898/99	100,0	xoo.o	100,0	100,0	100,0	100,0
1899/1900	105,1	102,2	114,6	108,6	I23,9	1 oi,7
1900/01	111,2	106,3	126,9	125,8	193,2	104,7
1901/02	116,8	109,6	126,9	130,8	I9L7	• 104,1
1902/03	uSü	108,3	H5,3	121,0	139,7	105,0

Aus dieser Berechnung ergibt sich ganz deutlich, dass es von
den Selbstkosten weniger der Anteil »Löhne« als vielmehr der
Anteil »Materialien« ist, der ihre Steigerung hervorgerufen hat.
Weiter ergibt sich, dass eine solche Preissteigerung, wie sie in
diesem Zeiträume an der Saar stattfand, sich nicht mit den Ge-
samtselbstkosten begründen lässt. Will man den Grund der
Preissteigerung solcher Art angeben, so liegt er eben in der Stei-
gerung des »rechnungsmässigen Ueberschusses prot«, d. h. im Un-
ternehmergewinn.

Auf Grund des mitgeteilten Zahlenmaterials (sowohl aus Ober-
schlesien wie aus dem Saargebiete) ist es ferner nicht richtig, von
ständig steigenden oder gestiegenen Selbstkosten zu reden. Wir
beobachten gewisse Schwankungen, und zwar sehen wir mit
der Hausse allgemein steigende Selbstkosten, die in Baisse
dann wieder sinken, die jedoch seit 1889/90 bis jetzt (1902) nicht
wieder so tief wie in den Jahren 1880—1888 etwa gesunken sind.
Diese letzte Erscheinung (also die seit 1889 an sich gestiegenen
Selbstkosten) scheint in der infolge des Streiks stattgefundenen
Erhöhung der Nominallöhne begründet zu sein. Diese Erhöhung

1)	Die Zahlen beziehen sich auf eine Belegschaft ohne Aufsichtspersonal, sie
lauten absolut 3,40. 3,46. 3,56. 3,54. 3,57 M.
        <pb n="78" />
        ﻿N

— 7°

musste so wirken, weil einmal der Abbau der Kohle (wie erwähnt)
heute noch allgemein durch Handarbeit geschieht und hierbei kein
Arbeiter mehr leisten kann als seine physische Konstitution zu-
lässt; zum andern sind die natürlichen Verhältnisse, unter denen
die Kohle, das zu gewinnende Objekt, vorkommt, seit 1889/90
zum mindesten im Durchschnitt für den Abbau nicht günstiger
geworden. Dies führt uns zu obigen »gewissen Schwankungen«
in den Selbstkosten zurück. Sie sind in der Natur des Bergbaues
begründet. Es muss nämlich1) dem Abbau der Kohlenflötze,
d. h. der eigentlichen Kohlengewinnung, vorhergehen zuerst die Aus-
richtung, d. h. die Massnahmen, die dazu dienen, um überhaupt durch
Schächte oder Strecken zum Flötze zu gelangen; sodann die Vor-
richtung, d. h. die Zerlegung der Flötze in zum Abbau geeignete
Felder. Es liegt auf der Hand, dass die Selbstkosten dann —
unter sonst gleichen Verhältnissen — besonders gering sind,
wenn möglichst wenig »unproduktive Arbeiten« (d. h. Arbeiten
bei denen, wie z. B. bei der Ausrichtung keine Kohle gewonnen
wird) sich auf möglichst viel Kohlengewinnung verteilen. Diese
Forderung ist aber nur sehr relativ zu verwirklichen, denn man
kann die Aus- und Vorrichtung nicht vorher bestimmen, weil man die
Dauer und die Intensität der die Förderung bestimmenden Hausse
nicht kennt, und so kann man die unproduktiven Arbeiten nicht
ausgleichend verteilen, sondern muss sie oft forciert betreiben.

Zweitens werden in Haussezeiten schwerer zu bauende Flötze
in Angriff genommen, die nur mit steigenden Kosten zu gewin-
nen sind (falls gleiche Technik herrscht). Die Erscheinung, dass
im Anfang der Hausse die Kosten einige Zeit sinken, ist darauf
zurückzuführen, dass man in ruhigen Zeiten Müsse hat, sich auf
eine bessere Konjunktur zu präparieren, d. h. genügend aus- und
vorzurichten, was gleich abgebaut werden kann. Dieser Abbau
pflegt dann sehr häufig unter Zurücksetzung der bösen »unpro-
duktiven Arbeiten« erst einmal vor sich zu gehen — lockt doch
der Preis. Aber die »unproduktiven Arbeiten« melden sich spä-
ter wieder und oft nicht in geringerem Masse.

Drittens pflegen in Hausse die Materialpreise für die Betriebe
und für Betriebserweiterungen, die jetzt häufig in leicht erklärlicher,

1)	Ich setze bei diesen Erörterungen den kontinuierlich-intensiven Betrieb vor-
aus und erkläre bloss, warum an sich in Hausse die Produktionskosten steigen müssen.
Dass nämlich diese noch besonders steigen, wenn etwa irgendwelche Betriebsstö-
rungen im Abbau oder bei der Förderung hinzutreten, ist klar.
        <pb n="79" />
        ﻿71

wenn auch wenig volkswirtschaftlicher Weise vorgenommen wer-
den, zu steigen.

Viertens steigen die Nominallöhne.

Dies sind der Hauptsache nach die Momente, die für ein
Steigen der Produktionskosten in Hausse geltend zu machen sind
und die in Baisse entsprechend gelten. Wie sie sich auf die ein-
zelnen Jahre verteilen, zeigen die 29 Bemerkungen zur »Saar-
tabelle«. Bei sonst gleicher Technik kann also eine Steigerung
der Preise an sich nur die notwendige Folge der Erhöhung der
Produktionskosten sein, was natürlich eine kritische Prüfung der
Grösse der Preissteigerung nicht überflüssig macht.

Wir gehen jetzt zu dem horizontalen Vergleiche der Produk-
tionskosten über, also zu den Gründen, die ihre verschiedene
Höhe zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten be-
dingen.

Im Jahre 1893 ') hat der Bergwerksdirektor Kleine die fol-
gende Tabelle über die Selbstkosten der westfälischen Kohlen im
Jahre 1892 veröffentlicht. Als Grundlage der Berechnung diente
ihm das Verhältnis der gezahlten Löhne zu den gesamten Aus-
gaben: »eine bessere Grundlage lässt sich nicht finden«. Dies ist
bedauerlich, da die »gesamten Ausgaben« ein etwas weiter Be-
griff sind. Das Resultat war: für den O.B.B. Dortmund 7,25 M.
durchschnittliche Selbstkosten. Ein wegen Absatzmangel und
Feierschichten dieses Jahres hoher Betrag. Kleine teilt nun die
Zechen in 3 Gruppen von annähernd gleicher Jahresförderung
und findet folgendes :

	Zahl  der  Zechen	Leistung	Brutto-Förde-  rung  1000 t	Zahl	durch-	Selbst-	durchschn.
Gruppe		proArbei- ter. u. Jahr		der  Arbei-	schnittl.  Leistung	kosten pro t	Förderung pro Jahr
		t		ter	t	M.	t
1	3°	über 290	12 322	37 669	327	5,74	410747
2	44	248—290	12 142	46 726	259	7,25	275 969
3	69	unter 248	11 878	54 348	219	8,57	172148

Aus diesen Zahlen ergibt sich, dass durchschnittliche Leistung
(besser Förderung pro Kopf) und Selbstkosten annähernd im um-
gekehrten Verhältnisse stehen. Die Leistung beim Steinkohlen-
bergbau aber ist bedingt durch die Leistungsfähigkeit des Arbeiters
und durch die Leistungsmöglichkeit in Kohle. Diese letztere wird
durch die sog. natürlichen Verhältnisse des Kohlenflötzes, d. h.

1)	Kleine, Die Selbstkosten der westfälischen Kohlen im Jahre 1892. Gl.A. 1893.

s. 1339.
        <pb n="80" />
        ﻿72

seine Reinheit, Mächtigkeit, Regelmässigkeit u. a. gegeben. Und
zwar bildet die Gunst der natürlichen Verhältnisse den ausschlag-
gebenden Faktor im Bunde mit dem zweckentsprechendsten Be-
triebszustande. Wenn wir also aus vorstehenden Zahlen entneh-
men, dass 1892 an der Ruhr fast die Hälfte der Zechen mit den
höchsten Selbstkosten arbeitete (bei gleichzeitig höchster Arbei-
terzahl und geringster Bruttoförderung als anderen Erscheinungs-
formen hoher Selbstkosten), so sehen wir bei der Kohlengewin-
nung klar das Monopol innerhalb eines Monopols. Nur etwas
mehr als ein Viertel der Zechen arbeitete mit den relativ billig-
sten Selbstkosten. Es dürften dies die Werke sein, deren Divi-
denden besonders in die Augen fallen.

Die günstigen natürlichen Verhältnisse sind auch der Grund,
warum vor allem Oberschlesien so geringe Selbstkosten hat.

Wie verschieden weiter die Gestehungskosten innerhalb eines
einzelnen Gebietes sind, und wie irreführend die Schlüsse sind, die
auf solch zersplittertem Materiale1) aufgebaut sind, zeigen noch
einige Zahlen aus dem Ruhrbezirke.

Es betrugen nämlich pro t in M. 2) bei

Concordia Bgb.A.Gesellsch.	Gelsenkirchen B.G.

	die Selbstkosten	der Erlös	die Selbstkosten	der Erlös
1896	6,27	7.72	S &gt;33	7,43
1899	6,68	8,92	6,55	8,89
1900	7,3i	10,22	7,i3	10,39
+%	16,6	32,3	33&gt;7	39,8
	Wir sehen, wie	bei diesen	beiden Werken in	der letzten

Hausseperiode die Selbstkosten z. Zt. sehr beträchtlich gestiegen
sind, wie aber auch die Erlöse mehr oder minder zugenommen haben.

Um noch an einigen andern Werken die Verschiedenheit von
Erlös und Gestehungskosten anzuführen:

so betrugen 1896 3)

bei	die Gestehungskosten	der Erlös	
Bochumer Bgw.Akt.Ges.	5.7°	6,64	
Bonifacius	6,40	7,72	
Dannenbaum	6,09	7,08	
Dortmund Bgb.Akt.Ges.	8,18	6,05	
Harpener Bgb.Akt.Ges.	5,70	7,89	
Rheinische Anthrazit	4,99	5,08	
1) Aber ebenso vorsichtig sind auch die Schlüsse aus dem nichts			sagenden
»Durchschnitte«, der wegen beliebt ist, zu behandeln.	seiner nivellierenden Eigenschaften	oft ganz	besonders
2) Gl.A. 1896. 400. cit.	nach Köln. Ztg. 445; und Pieper,	Die Lage der Berg-	

arbeiter im Ruhrrevier 108.
3) Gl.A. 1896. 400.
        <pb n="81" />
        ﻿73

Alles pro t in M. Hiernach schwanken die Erlösdifferenzen selbst
zwischen 7,89 und 5,08 M. pro t. Die Spannung zwischen Erlös
und Gestehungskosten ist ein Gewinn von 2,19 M. pro t und ein
Verlust von 2,13 M. Zur Zeit des Höhepunktes der letzten Hausse
aber betrugen *) bei

	Verkaufspreis pro t		Selbstkosten	pro t.
	1899	1900	1899	1900
	M.	M.	M.	M.
Langenbrahm	10,48	11,34	7,80	8,06
Alte Hansa	7,24	8,16	6,87	7,27
Bickefeld Tiefbau	9,17	9,58	8,74	8,64
Blankenburg	8,22	8,71	7,08	6,65
Dahlbusch	9&gt;°5	10,20	6,97	7,13
Deutschland	8,24	9,3°	6,83	6,29
Harpen	8,64	9,52	6,49	7,33
Anthrazit Kupferdreh	7,34	8,15	5,97	5,96
König Ludwig	9,72	11,80	8,12	9,i7

Man sieht Selbstkosten von verschiedenster Höhe, die zum
Teil von 1899 auf 1900 gefallen sind, während die Verkaufspreise
gestiegen sind.

Soviel über die Produktionskosten in den 3 Hauptsteinkohlen-
bergbaubezirken Preussens.

Es bleibt uns noch übrig, das wenige verwertbare Material
über den Unternehmergewinn im Ruhrgebiete zu betrachten.

Folgende Aufstellung2), die allerdings nur die Jahre 1873 bis
1890 umfasst, zeigt die Ueberschüsse von Bergwerksgesellschaften

mit 1873	12,2 Mill. t = 74,36 % Förderanteil

» 1890 29,6 » » = 83,57 »	»

von der Gesamtförderung des O.B.B. Dortmund.

Es betrugen — wir erwähnen nur die Jahre, die in der Kurve
jeweils einen Gipfel oder ein Tal bilden — absolut in Mill. M.
und relativ in Prozenten des Kapitals:

	die Dividende bezvv. Ausbeute	die Abschreibungen	die Rücklagen
1S73	47,4 — 18,20 %	16,7 = 6,40 o/0	7,3 = 2,80 o/0
1877	4,2 =	1,51 •	1,5 — °&gt;53 »	0,7 = 0,23 &gt;
1883	h,3 = 3,83 »	5,° = 1,35 »	2,2 = 0,37 »
1885	8,3 =	2,13 »	2,9 = 0,75 »	i,3 = °,33 *
1890	60,6 — 13,64 »	21,3 = 4,80 »	9,3 = 2,10 »

In den Jahren 1873—1900 ergibt sich eine durchschnittliche
Verzinsung von 4,55%, Abschreibung von 1,6%, Rücklagen zu
Fonds o,7%. Da Effertz selbst mit einer 3%igen durchschnitt-

1)	Pieper, 1. c. 108.

2)	Generaldirektor Effertz, Was sind »normale« Kohlenpreise? Essen 1891.
        <pb n="82" />
        ﻿74

liehen Abschreibung sowie mit I % Rücklage rechnet (pro Jahr),
so ist dieser Satz nicht erreicht. Es wäre jedoch sehr wünschens-
wert, Zeiten von 18 bezw. i3°/0 durchschnittlicher Divi-
dende zu starken Abschreibungen bezw. Rücklagen zu verwenden,
da gerade beim Steinkohlenbergbau das »Unvorhergesehene«
eine grosse Rolle spielt und im Falle verhängnisvolle Wirkungen
in wirtschaftlicher Hinsicht zeitigen kann. Dann wird mit bered-
ten Worten über die mageren Jahre geklagt, der fetten jedoch
nicht gedacht.

Für die Jahre 1878, 1885 und 1894 (Baissejahre) besitzen wir
etwas eingehendere und vergleichbare Zahlen, die vielleicht man-
che Tendenzen erkennen lassen. Die Zahlen sind1):

		Selbstkosten inkl. Abschrei-		Erzielter Durchschnitts-
Jahr	Förderung	bungen		erlös
	t	Sa. M.	pro t M.	Sa. M.	pro t M.
1878	11 448 709	56 609 403	4,944	60 617414	5&gt;1 294
1885	19 108 700	91997136	4,814	102262670	5,351
1894	32 422 354	206 939 641	6,382	234165572	7,222
	Mithin Ilehprsrhnss	Aufgewendetes Anlage- Mithin verzinste			
	Jahr		kapital	sich das Anlage-
		pro t M.	pro t M.	kapital mit 0/0
	1878	0,35°	21,84	1,602
	1885	o,537	18,98	2,829
	1894	0,840	20,09	4,i8i

Sie zeigen wie die Selbstkosten pro t gestiegen sind, wie
aber auch die durchschnittliche Verzinsung des Anlagekapitals
sich gehoben hat; dies ist besonders auffällig 1894, wo bereits die
Kartellierung vorhanden war. Andererseits ist eine Verzinsung
von 1,6% im Jahre 1878 und von 2,8 % im Jahre 1885 für in-
vestierte Bergwerkskapitalien so enorm niedrig, dass es wohl
lockte, unter den Kartellhut zu schlüpfen 2).

Wenn wir den eben mitgeteilten Zahlen die folgenden 3) ent-
gegensetzen :

Gezahlte Löhne

Jahr	Selbstkosten wie vorhin	Summe	pro t	Anteil an Selbstkosten	pro Kopf und Schicht der Belegschaft
	pro t M.	M.	M.	%	M.
1878	4,944	31 490 810	2,75°	55,628	2&gt;°3—3,7i
1885	4,814	54 397 278	2,846	59,129	2,25—3,18
1894	6,382	118 851 956	3,665	57,433	2,80-3,91

1)	Effertz, Die niederrheinisch-westfälische Kohlenindustrie in ihren Existenzbe-
dingungen — früher und jetzt. Essen 1895. cit. nach Entw. Bd. X. 3. 366.

2)	Vogelstein, Industrie der Rheinprovinz schreibt Seite 60: »Tatsächlich arbeiteten
aber die gesamten Zechen auch während der Zeit der stärksten Depression mit an-
sehnlichem Gewinne.« Auf Grund des mitgeteilten obigen Materials lässt sich dieser.
Satz, zumal in solcher Allgemeinheit, nicht aufrecht erhalten.

3)	Gl.A. 1895. 5*6.
        <pb n="83" />
        ﻿75

so finden wir bei einem Vergleiche der gesperrt gedruckten Zah-
len die Tendenz, dass einem fallenden Anteil der Löhne an den
Selbstkosten ein Steigen des pro Tonne aufgewendeten Anlage-
kapitals entspricht. Und wenn wir hören, dass der Prozentsatz
der Löhne an den Ausgaben beim Stollenbetriebe 80 war, in den
6oer Jahren, als der Tiefbau vorherrschte, etwa 661 2/3 und 1890
601), so können wir daraus schliessen, dass das stehende Kapi-
tal relativ, d. h. im Verhältnis zu dem auf Löhne und Materia-
lien verwendeten umlaufenden Kapital stetig gestiegen ist: wie
die stattgefundene Verdrängung von Menschenarbeit durch Ma-
schinerie war, haben wir ja gesehen. Dabei gab die Anwendung
mechanischer Kräfte die Möglichkeit, pro Kopf der Belegschaft
den Lohn allmählich zu erhöhen, wobei trotz Maschine a b s o-
1 u t bis jetzt die Zahl der Arbeiter beim Steinkohlenbergbau sich
ebenfalls allgemein erhöhte.

Die Einführung der Schrämmaschine2), also eine Vergrösse-
rung des stehenden Betriebskapitals, wird aber das Verhältnis des
stehenden Kapitals zum umlaufenden noch stärker zu Ungunsten
des letzten verschieben.

Was die Frage anlangt, wie viel Aktienkapital auf 1 t För-
derung entfällt, so haben wir aus den Jahren 1873—1890 darüber
Berechnungen3). Sie gelten für Werke in Rheinland-Westfalen,
deren Förderung 74,36 bezw. 83,57% der Gesamtförderung aus-
machte. Es betrug das Aktienkapital bezw. die Zubusse

1873	260,3	Mill.	M.	=	21,32	pro t	Förderung

1890	444,3	»	»	=	14,99	»	»	»

Es ist also absolut gestiegen, relativ gefallen.

Die Hypotheken betrugen

1873	30,1	Mill.	M.	=	2,47	pro	t Förderung

1890	92,1	»	»	=	3,11	»	»	*

Sie sind also absolut und relativ gestiegen. Es wird dies als
Folge der ertragslosen Jahre angesehen. (Der Betrag war noch
höher, er ist jedoch in den Jahren 1873—1890 um 26,8 Mill. M.
= 0,07 M. pro t herabgesetzt und zwar 1877, 1886, 1887, 1889,
1890, also den günstigeren.)

1)	Kleine, Gl.A. 1893. I339-

2)	D. h. die teilweise Ersetzung des Abbaues der Kohle durch Hand durch eine
Maschine.

3)	Effertz, Was sind »normale« Kohlenpreise? Essen 1891.
        <pb n="84" />
        ﻿76

Es betrug somit die Summe des Gesamtkapitals

1873	290,4 Mill. M. = 23,79 M. pro t Förderung

1890	537,8 »	» = 18,14 » » »	»

Absolut ist es stetig gestiegen, relativ hat der Satz unregel-
mässig abgenommen.

Auf Grund des unten x) zitierten Quellenmaterials habe ich
mir für 1900, jedoch nur für die reinen Werke in Form von Ak-
tiengesellschaften das Aktienkapital pro t errechnet. Es beträgt
9,7 M. für sie, also für 46% der Förderung Rheinland-Westfalens.
Rechnet man die Anleihen und Hypotheken hinzu, so ist der
Betrag 12,0 M. pro t.

Die sich in diesen Zahlen ausdrückende Tendenz dürfte so
zu erklären sein:

Einmal zeigen die Wellenberge — das Aktienkapital pro t
in Kurvenform gezeichnet gedacht — die Zeiten an, in denen
das Aktienkapital pro t hoch ist: Es sind Zeiten, in denen viele
aus irgend welchen Gründen »unproduktive« Anlagen vorhanden
sind, oder viele wenig fördernde, technisch vielleicht oben-
drein weniger vollkommene Werke betrieben werden. Dagegen
müssen sich Wellentäler zeigen, wenn alle Betriebe nicht bloss
fördern, sondern möglichst intensiv fördern.

Zum andern: wenn sich aus den mitgeteilten Zahlen auf eine im
grossen Durchschnitt fallende Tendenz des pro t aufgewendeten
Aktienkapitals schliessen lässt, so zeigt sich hierin ein Weichen
der Einflüsse, die, wie eben erwähnt, die Wellenlinie in die Höhe
treiben. Es überwiegen wenige viel fördernde Werke, die
infolge technischer Fortschritte das im Aktienkapital investierte
Anlagekapital einer grösseren Förderung gegenüber stellen können.
Wenn sie auch (z. B. wenn sie es in Hausse tun) sich die nötigen
Materialien nicht billiger zu verschaffen brauchen können, so ha-
ben sie doch die dauernde Existenz. Da man nun nicht von
einem Schachte aus das ganze Ruhrbecken abbauen kann, so
setzt die Technik des Bergbaubetriebes jeweils die Grenze, unter
die das pro t aufgewendete Kapital nicht sinken kann: sie ist da,
wo jeweils die Leistungsfähigkeit einer bestimmten Kapitalkonzen-
tration in sich selbst die Grenze hat, oder wo die Leistungsmög-
lichkeit aufhört: sei es infolge natürlicher oder wirtschaftlicher
Erschöpfung der Kohlenvorräte. Damit läuft das Problem, die

1) Vgl. Entw. X. 1. 270.
        <pb n="85" />
        ﻿77

Kapitalkosten pro t so niedrig wie möglich zu halten, darauf
hinaus, mit der modernsten Technik ausgerüstet den technischen
und wirtschaftlichen Betrieb planmässig zu regeln, damit sowohl
die vorhandenen Anlagen stetig und intensiv fördern als auch
für die abgebauten Betriebe neue in Angriff genommen werden
können. Bei solcher Planmässigkeit werden sich Neuanlagen wie
in einer Versicherung verteilen. —

Wir haben bis jetzt gefunden, dass man beim Bergbau immer
fortschreitend das Anlagekapital absolut vergrösserte, und dass
beim Betriebskapital immer mehr das stehende dem auf Löhne
und Material verwendeten umlaufenden gegenüber die Ober-
hand gewann. Dies waren die Mittel, das Gesetz des ab-
nehmenden Ertrages zu suspendieren. Wir konnten wohl ihre
Art, nur für kurze und etwas ferner liegende Zeiten jedoch ihre
Grösse vergleichen. Es ist wissenschaftlich äusserst beklagens-
wert, dass sich seit 1894 kein Effertz mehr gefunden hat.

Es bleibt uns noch übrig, kurz unter Berücksichtigung des
bereits am Eingänge dieses Abschnittes Gesagten vergleichend zu
zeigen, wie die Entwickelung des Produktionsprozesses sich in
den Kohlen preisen geäussert hat.

Im Saargebiete finden wir in den Jahren 1862—1870 einen
durchschnittlichen mittleren Fettkohlenpreis von etwa 8 M. Er
schnellt dann 1870 von 7,80 M. auf 16,84 M. 1873. Dann kommt
das jähe Fallen bis 1879 auf etwa 7,30 M. Die Preise halten
sich bis 1888 auf ungefähr gleicher Höhe und steigen 1889 und
1890 bis auf 10,90 M. Sie fallen bis 1894 auf ca. 8,10 M., um
von 1894—-1901 auf 12,50 M. pro t zu steigen. Bis 1903 fallen sie1).

An der Ruhr betrug im Jahre 1850 2) der Durchschnittspreis
für alle Kohlensorten 9 Sgr. 10 Pf. = 4,09 M. pro t. Es findet
dann bis 1858 3) ein allmähliches Steigen auf 7,71 M., darauf bis
1863 ein F'allen auf 5,50 M. Durchschnittsjahrespreis pro t För-
derkohle statt. Im Jahre 1873 haben wir den Maximalpreis von
15 M. pro t Förderkohle. Im Jahre 1878 beträgt er noch 5 M.
Für die folgenden Jahre zeigt folgende Tabelle einige spezifizierte
Durchschnittsjahrespreise in M. pro t:

1)	Vgl. der Steinkohlenbergbau des Preuss. Staates in der. Umgebung von Saar-
brücken VI. Teil. Anlage 2. Der oben angegebene Preis bezieht sich nur auf Fett-
kohlen, er ist darum mit den weiter oben erwähnten Preisen nicht zu vergleichen.

2)	Entw. Bd. X. Teil 1. 190.

3)	Entw. X. I. 230 f.
        <pb n="86" />
        ﻿78

Jahr	Flammkohle	Fettkohle	Magerkohle	. Gaskohle
1881	5,82	5,48	5,43	—
1882	6,14	5.77	5,19	7,16
1883	6,29	5,88	5,28	7,45
1884	6,64	5.22	4,74	7,34
1885	5.89	5.63	4,70	7,33
1886	5.85	5,60	4,90	7,i9
1887	5.72	5.62	4,88	7,10
1888	6,32	6,04	5-3°	7,52
1889	9,29	8,48	8,26	11,04
1890	12,36	10,72	11,00	14,58
1891	11,02	9,86	9,73	12,91
1892	9,75	8.5°	7,75	ii,75
1893	7,58	7,29	7,5°	9,79
1894	8,70	8,00	7,5°	10,50
189S	8,33	8,00	7,5o	10,12
1896	8,03	8,25	7,67	10,17
1897	8,57	8,85	8,32	11,17
1898	8,84	9,08	8,59	11,46
1899	9,i3	9,37	8,88	ii,75
1900	10,00	10,25	9,50	12,75
Für	die Jahre 1893—1903, die	unter das	straffe Kartell
regime fallen, zeigen sich die Preise für die drei grössten deut sehen Steinkohlenbezirke in folgenden Zahlen*):  Durchschnittlicher Erlös	Durchschnittspreise  pro t verkaufter Kohlen	,	der Königin-  beim Rheinisch-Westfäli-	( üe S	len	Luise-Grube in  sehen Kohlensyndikat	a r&amp;1	Oberschlesien  M.	M.	M.			
1893	7,33	8,94	6,20
1894	7,83	8,81	6,15
1895	8,02	8,90	6,06
1896	8,14	8,94	6,23
1897	8,45	9,28	6,45
1898	8,62	9-53	6,76
1899	9,14	10,35	7,4i
1900	10,56	ii,97	8,3°
1 901	11,01	12,47	9,04
1 902	10,28	1 i,45	—
19°3	9,84	io,95	—

Man sieht, wie igoo/i beim Rheinisch-Westfälischen Kohlen-
syndikat die Preise nicht die Höhe von 1873 erreicht haben, wie
sie dafür aber auch nicht mehr so tief sinken: der Ausfluss des
Bestrebens der Syndikate »stetige« Preise zu garantieren , was
besonders 1901, dem Baissejahr, heftigen Widerspruch hervorge-
rufen hat. Sogar im Saargebiete, wo wir von den drei Gebieten
1901 die absolut höchsten Preise finden, hat ihre Höhe, wenn auch
die von 1890 überschritten, so doch die von 1873 nicht erreicht.

) Entw. X. 1. 232 und IContradikt. Verhandl. I. 279. Anlage II.
        <pb n="87" />
        ﻿79

Wenn wir der relativen Massigkeit im Preise, wie sie die
letzten Haussejahre zeigten, die oft recht beträchtlichen Gewinne1)
der Werke entgegensetzen, so finden wir, dass diese Gewinne
vor allem von Werken erzielt werden, die mehr nach dem Innern
des Ruhrbeckens zu bauen und die den Hauptvorteil, nämlich
den gut zu bauender Plötze besitzen und die auch einmal den
Vorteil der Einführung der Schrämmaschine haben werden. Diese
Werke haben die grossen Tiefen zu überwinden, aber : »Ich baue
lieber tiefliegende und günstige als hochliegende und ungünstige
Flötze« heisst es bei den Fachleuten. Dieses letzte aber müssen
die Zechen im Süden, also den ausgehenden Teilen des Ruhr-
beckens, und so ist es leicht erklärlich, wie gerade sie das Ge-
setz des abnehmenden Ertrages — durch Kartellschutz zu über-
winden suchen. Sie beneiden die grossen Brüder um das natür-
liche Monopol, das so klingend auszumünzen ist. Sie wollen auch
gerne an dem Segen teilnehmen, indem sie auch für das am un-
günstigsten produzierende Werk nicht bloss einen, sondern einen
möglichst grossen Ertrag zu erhaschen suchen. Und so ist auch
die Mässigung im Preise in der letzten Hausse nicht ihnen, son-
dern, wie die Kartellenquete zeigte, dem Leiter des Rheinisch-
Westfälischen Kohlensyndikats zuzuschreiben, der gegen die
»Kleinen« einen schweren Stand hatte.

Sind aber »heute an der Ruhr die Kohlenpreise doppelt so
hoch als in den 70 er und 80 er Depressionsjahren, so bedarf man
heute zur Tonne Schienen oder Träger nur noch 2—3 t Kohle,
während man damals deren 5 bedurfte« 2). Es ist also möglich,
dass weiterverarbeitende Industrien die Preissteigerung eines von

1)	Für die an der Berliner Börse gehandelten Kohlenaktien betrug die Durch-
schnittsdividende des Nominalbetrages des Aktienkapitals z. B.

1896	1897	1898	1899	1900 1901	1902	1903	1904

7)93	9,94	10,22	10,79	14,62 9,66	7,14	10,52	10,53

Vgl.	Brust, Der Bergarbeiterstreik im	Ruhrrevier im	Archiv	f.	Sozialvv. und	Sozialp.

II. Bd. N. F. 481. Aus formell-statistischen Gründen sind jedoch Schlüsse zwischen
Gewinnen nicht aller Unternehmungen und z. B. Durchschnittslöhnen nicht einwand-
frei. Ich habe deshalb im Texte solches Material nicht berücksichtigt. Das gilt
auch für das Material, das die KarteiIenquete (vgl. Kontrad. Verh. I. 91/2) mit Mühe
an den Tag gebracht hat: die Rentabilität von 9 Gesellschaften. Und doch wäre
gerade die Beantwortung der Frage nach der Rentabilität der Werke seit dem Ent-
stehen des mächtigen Syndikates äusserst wichtig gewesen, zumal seit dieser Zeit ein
dichter Schleier über diesem Gebiete liegt. Aber wie in manchen Beziehungen, so
hat auch hier die Enquete gerade das Wichtigste nicht an den Tag gebracht.

2)	Hans Gideon Heymann, Die gemischten Werke 1. c. 27.
        <pb n="88" />
        ﻿8o

ihnen benötigten Rohmaterials überwinden können. Man darf
jedoch nicht zu optimistisch über die heute so viel berufene »An-
passungsfähigkeit« der Industrie denken, da die zur Ueberwin-
dung von Preissteigerungen des benötigten Materials notwendigen
technischen Fortschritte zur Verwirklichung eine »Zeitdauer« be-
anspruchen und sich obendrein natürlich nicht bis ins Unendliche
fortsetzen lassen.

Wir gehen zum Schlüsse unserer Ausführungen über, in
welchem wir noch die wirtschaftliche Organisationsform der
aus den geschilderten Entwickelungstendenzen hervorgegangenen
weniger gewordenen konzentrierten technischen Betriebe im Werden
und Sein zu untersuchen haben. Wir beschränken uns hierbei
auf Rheinland-Westfalen. Denn im Saargebiet regiert tatsäch-
lich nur ein Unternehmerwille: der des Fiskus. Er liefert den
Beweis für die Existenz des Staatskapitalismus, der in dem Staats-
sozialismus seinen grössten Feind erblickt. Und wie so häufig,
so verwechseln auch hier die Anhänger der Verstaatlichung das
etwas theoretische »Ding an sich« mit seinen oft minder zu be-
grüssenden praktischen Erscheinungsformen: hier technischer, so-
zialer und wirtschaftlicher Natur. Von der politischen Seite der
durch eine Verstaatlichung des Kohlenbergbaues dem Staate ge-
gebenen Macht, auch bei grösster parlamentarischer Kontrolle,
noch ganz zu schweigen. Georg Gothein *) hat erst kürzlich in
einem Vortrage die Gefahren der Verstaatlichung des Kohlen-
bergbaues wieder nach allen Seiten hin beleuchtet.

Wir berücksichtigen auch nicht Oberschlesien mit seinen
wenigen konzentrierten Betrieben. Diese wenigen Unternehmer
verstehen sich schon so, daher die relativ lockere Fügung der
oberschlesischen Kohlenkonvention.

Anders in Rheinland-Westfalen. Zum Verständnis der heu-
tigen Zustände müssen wir die Geschichte zu Rate ziehen.

Unter dem Direktionsprinzipe regelte die Bergbehörde Pro-
duktion und Preis: ihr überwiegend bürokratischer Unternehmer-
wille regelte den technischen und wirtschaftlichen Betrieb 2). Die
der Zeit eines vorwiegend lokalen Marktes entsprechenden jähr-
lichen Preistaxen sollten die natürlichen Verhältnisse, besonders

1)	G. Gothein, Die Verstaatlichung des Kohlenbergbaues. Berlin 1905. Volkswirt-
schaftliche Zeitfragen.

2)	Der Gewerke hatte nur Zubusse zu leisten oder Ausbeute zu empfangen.
        <pb n="89" />
        ﻿8i

die Gunst der Lage zum Markte ausgleichen 1). Ferner wurde der
Lohn durch die Bergbehörde geregelt. Aber auch die »schützende
Hand« des Staates konnte damals ebensowenig wie heute In-
teressengegensätze vermeiden, und so gab es auch unter dem
Direktionsprinzipe schon Streiks2). Um 1850 gab es schon »Ueber-
produktion«, und um diese abfliessen zu lassen, wurden u. a. Aus-
fuhrprämien nach Holland gewährt, ebenso für den Absatz, der
mit der Köln-Mindener Bahn über Bielefeld hinauskam 3).

Die alten verwickelten Bergordnungen aus dem 17. und 18.
Jahrhundert, der alte Bruttozehnte4), die gesamte staatliche Be-
vormundung, zu der jetzt die Vormundschaft geworden war, dies
alles schwand vor der Berggesetz-Reform der Jahre 1851 bis
24. Juni 1865. Das sog. Freizügigkeitsgesetz von 1860 machte
den Arbeiter aus einem Beamten zu einem Lohnarbeiter mit
(formell) freiem Arbeitsvertrage. Dem Staate blieb nur die
Sicherheits- und Gesundheitspolizei, die durch die Novelle von
1892 noch weiter ausgedehnt wurde.

So schuf der infolge der Nachfrage (Eisenindustrie und Ver-
kehrswesen) sich erweiternde Markt ein dem alten diametral ent-
gegengesetztes Recht, das dem Expansionsstreben des einzelnen
keine Grenze setzte. Aber schon 1857, gleich nach dem Fallen
der ärgsten Fesseln, noch während der Umgestaltung der Berg-
gesetzgebung begann ein Sinken der Konjunktur, die neben den
Vorteilen auch schon manche Nachteile der neuen Zustände er-
kennen liess. Denn »es waren nun allerdings die kleineren Zechen
gegen ehemals (sc. beim Direktionsprinzip) im Nachteile, inso-
fern als sie mit den grossen nicht mehr konkurrieren konnten;
aber dieser Umstand nötigte wiederum, auf Fortschritte, sei es
durch Zusammenlegung der kleinen Werke, sei es durch Einfüh-
rung technischer Verbesserungen u. dgl. bedacht zu sein«5). Das
konnte natürlich die Ueberproduktion nur verschärfen, waren doch
1858 in der Mark 48, im Essen-Werdenschen 17 neue Tiefbau-
anlagen in Angriff genommen. So erkannten schon um 1858 die
Unternehmer, dass die neue Freiheit nur das unerbittliche Recht
des Stärkeren geschaffen hatte, und dass doch die grösste Frei-
heit der neuen rechtlichen Verhältnisse die sei, dass man sich
koalieren könne. Und man griff »wegen des schreienden Miss-

1) Entw. X. I. 190.	2) Entw. X. 3. 312.	3) Entw. X. I. 190.

4)	1862 gefallen. Vgl. Art. Bergwerksabgaben, Handw. d. Staatsw. 2. Aufl.

5)	Entw. X. 1. 2. Kap. 39.

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.	(5
        <pb n="90" />
        ﻿82

Verhältnisses zwischen Produktion und Absatzmöglichkeit zur Ver-
einigung, die die Absatzmöglichkeit in Gestalt des Exportes er-
weitern sollte« J). Diese Vereinigung war der 1858 gegründete
»Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirke
Dortmund«, kurzweg Bergbauverein genannt.

Pis kann nicht unsere Aufgabe sein, all die verschiedenen
folgenden Koalitionen in ihrem geschichtlichen Tatsachenmaterial
vorzuführen. Den Leser, der sich eingehend über dies tat-
sächliche Material orientieren will, verweise ich vor allem
auf den 10.—12. Band des von seiten der Beteiligten veröffent-
lichten grossen Werkes über die Entwickelung des niederrheinisch-
westfälischen Steinkohlenbergbaues in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts (Berlin, Julius Springer). Im folgenden wollen wir
die Entwicklung zum heutigen Rheinisch-Westfälischen Kohlen-
syndikat nur in grossen Zügen schildern und dafür die theoreti-
schen Gesichtspunkte um so mehr hervorheben.

Die Entwicklung der Koalitionen lässt sich am besten unter
dem Gesichtspunkte der jeweils vorwiegenden Zwecksetzung, aus
der sie entstanden sind, darlegen ä).

1.	Die Bestrebungen zur Vergrösserung des Absatzgebietes.

Im Jahre 1877 wurde von 23 Gas- und Flammkohlenzechen

im Bochumer und Gelsenkirchener Revier der westfälische Kohlen-
ausfuhrverein gegründet, der hauptsächlich gegen die englische
Kohle gerichtet war. Hierbei half der Bergbauverein, der ja
ebenfalls einer Baisse seine Existenz verdankte, mit, indem er
besonders Tarifermässigungen erstrebte. Doch alles beseitigte
die Ende der 70 er Jahre bestehende Ueberproduktion nicht.
Darum ging man dem Uebel näher zu Leibe, man organisierte

2.	die Förderung.

Schon 1877 hatte der auf dem Gebiete seiner Interessen stets
besonders tätige Bergbauverein eine Vereinigung von 141 Zechen
mit 95,1 % der Gesamtförderung des O.B.B. Dortmund zustande
gebracht, die 1880 als Förderkonvention zusammentrat und eine
direkte Einschränkung der Förderung erstrebte. Aber die Ver-
einigung war sehr locker; es gab viele Ausnahmen und beson-
ders waren nur niedrige Strafen festgesetzt, die eigentlich nur
für die schwachen Werke ein Hemmnis bildeten, während die

1)	Entw. Bd. X. Teil 2. 41.

2)	Vgl. für das folgende Sarter, Syndikatsbestrebungen im niederrheinisch-westfäli-
schen Steinkohlenbezirke. Jahrb. f. Nat. u. Stat. 1894. III. Folge 7. Bd.
        <pb n="91" />
        ﻿83

starken sie gerne zahlten, wenn sie grösseren Gewinn dadurch
hatten. Diese und die folgenden Förderkonventionen fielen also
zusammen, auch die dritte von 1887, deren Organisation aber
schon straffer war. So gab im Jahre 1887 der Bergbauverein
die freie Vereinbarung als Weg zur Hilfe auf. Es fand noch ein
Versuch der Organisation der Förderung mit Hilfe einer Aende-
rung der Statuten der Berggewerkschaftskasse1) statt. Trotzdem
stieg die Förderung, und als die Satzungsänderungen (Abgaben
der Mitglieder an die Kasse wegen »Mehrförderung«) ange-
wendet werden sollten, da wurde der Kasse das Recht, solche
Abgaben vorzunehmen, bestritten — und die Streiter siegten.
Das war der letzte derartige Versuch einer Organisation der
Förderung.

3.	Die Preisregulierungen.

Sie fanden gleichzeitig mit den Versuchen der Organisation
der Förderung statt und zwar von Vereinigungen aus, die sich
nach den einzelnen Kohlensorten bildeten : die Vereine der Gas-
kohlenzechen, der Gasflammkohlenzechen, der Fettköhlenzechen
und der Magerkohlenzechen. Auch sie waren lose geordnet und
hatten wenig Erfolg.

4.	Die Organisation des Verkaufsgeschäftes, also ein gemein-
schaftlicher Verkauf der Förderung der W’erke durch eine zu
gründende dritte Gesellschaft. Dies war das Projekt, das 1887
Hammacher vor allem vertrat. Es scheiterte damals an der Un-
möglichkeit, die Förderung der einzelnen Werke zu kontingen-
tieren. Gleich darauf kam ja die kurze Hausseperiode, und in
ihr war von Verwirklichung der Pläne zu strafferer Organisation
keine Rede. Nach 1889/90 finden wir die verschiedenen lokalen,
fest geschlossenen Verkaufsvereine, die dann 1892 zu einer Zechen-
gemeinschaft zusammentraten, die aber am Interessengegensatz
und wegen lockerer Fügung sofort zerfiel.

1893 entstand das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat, das
1903 auf 12 Jahre neu geschlossen wurde. Es ist eine vollstän-
dige Produktions-, Preis- und Vertriebskartellierung, es vereinigt
also jene 4 Teile in sich.

Wir konstatieren demnach eine Entwicklung von einfachen
Vereinen mit freier Produktionsverabredung und lockerer Organi-
sation zu einem solchen mit Produktionskontingentierung durch

1)	Sie ist eine Bergbauhilfskasse zu wissenschaftlichen Zwecken, zur Ausbildung
von Beamten u. a., zu der die Zechen Beiträge leisten.

6*
        <pb n="92" />
        ﻿84

Zwang auf Grund eines Majoritätsbeschlusses. Wir haben nun
zum ersten diese Entwickelung zu begründen und zum andern
die Rückwirkungen der Unternehmerkoalition auf den technischen
und wirtschaftlichen Betrieb zu prüfen.

Wir finden jedesmal nach dem Rückgang der Konjunktur,
also 1858, 1874 und 1891 die Bestrebungen, sich zu koalieren und
wir finden dabei die historische Erscheinung, dass anfänglich
beim Aufsteigen der Konjunktur diese Koalitionen zerfallen, dann
nur sich lockern, und dass sie, wie in der letzten grossen Hausse
nach 1895, fest bestehen bleiben und dass der tobende Kampf
an der eisernen Fügung des Syndikats sich bricht.

Woher kommt dies ?

Die gesamten bisherigen Ausführungen zeigten, dass das
Streben, einmal das Gesetz des abnehmenden Ertrages durch das
Gesetz des zunehmenden Ertrages zu suspendieren, sodann aber
bei den dem Gesetze des zunehmenden Ertrages überhaupt unter-
worfenen Zweigen des Betriebes dieses Gesetz auszumünzen, dass
dieses Streben eine gewaltige Kapitalkonzentration beim Stein-
kohlenbergbau hervorgerufen hat, die im Bunde mit der zu über-
windenden schwierigen Tiefe eine grosse Kapitalimmobilisation
bedeutet, die zum allergrössten Teile überhaupt nicht wie etwa
flottierendes Kaufmannskapital zurückgezogen werden kann und
die andererseits sehr schwer neu aufzubringen, schwer vermehr-
bar ist. Um wie grosse Werte es sich handelt, zeigt, dass im
August 1904 der Marktpreis für 56 Kohlenwerke x) im Ruhrgebiete
mit 1447,14 Mill. M. angegeben wurde, wovon auf 19 Aktien-
gesellschaften 918,06 Mill. M. und auf 36 Gewerkschaften 529,08
Mill. M. entfielen. Unter Berücksichtigung der beiden Kohlen-
gesellschaften im Aachener Becken (dem Eschweiler Bergwerks-
verein und der Vereinigungsgesellschaft im Wurmrevier) stellten
die Kohlenunternehmungen in Rheinland-Westfalen, soweit sie
nicht im Besitze des Staates oder von Privat-
leuten oder in den Händen von Hüttenwerken
sind, August 1904 einen Wert von fast genau 1500 Mill. M. dar.

Bedenken wir weiter, wie verschieden die Art des Produk-
tionsmonopols eines Gewerbes ist, welches an sich schon ein
Monopol besitzt, so sehen wir, unter welch verschiedenen Beding-
ungen die einzelnen Betriebe arbeiten. Von den isolierten Betrie-

1) Frankfurter Ztg. 9. August 1904. Handelsblatt.
        <pb n="93" />
        ﻿85

ben wird aber der am meisten Absatz und damit intensive Be-
schäftigung haben, der bei freiem Markte den billigsten Preis für
die gleiche Qualität stellen kann. Dieser Betrieb dient zuerst
zur Befriedigung der jeweils begrenzten Nachfrage, und so geht
es fort bis zu dem Betriebe, dessen Förderung zuletzt die Nach-
frage befriedigt und der unter den ungünstigsten Bedingungen ar-
beitet. Seine Betriebsbedingungen bestimmen den Preis, und die
andern Werke haben eine natürliche Differentialrente. Wenn nun,
wie in den Jahren 1871—73, immer neue Werke in Betrieb ge-
setzt werden, die grosse Anlagekapitalien erfordern, die aber
unter günstigeren Bedingungen als die früheren produzieren, so
haben möglicherweise die nichtbegünstigten bezw. weniger be-
günstigten Werke in Haussezeiten noch eine Nachfrage zu be-
friedigen, in Baisse aber werden sie aus dem sich verengenden
Kreise, den die sinkende Nachfrage hervorruft, hinausgedrängt;
denn sie können ja einen solchen Preis nicht stellen, wie die
dabei am Leben bleibenden monopolisierten Betriebe. -

Da das Gesetz des zunehmenden Ertrages sich wirtschaft-
lich dann am deutlichsten zeigt, wenn der Betrieb in den Gren-
zen seiner Anlage kontinuierlich intensiv arbeitet, so entbrennt
unter den übrig gebliebenen Werken, die zur Befriedigung der
zurückgehenden Nachfrage noch in Betracht kommen, der Kampf
um den möglichst grossen Teil vom Absatz. Zeigt sich doch
jetzt die Lösung des letzten Rätsels grossbetrieblicher Produk-
tion in kapitalistischer Unternehmung: der möglichst grosse ab-
solute Nutzen bei oder vielmehr trotz geringsten Nutzens pro
Einheit des Verkaufsobjektes.

Solche Kämpfe der letzten Betriebe untereinander enden
aber häufig wie jenes siamesische Duell, bei dem beiden Käm-
pfern die Füsse zusammengebunden werden, die also nicht von
einander und nicht von der Stelle können, und denen man un-
ter diesen Umständen scharfe Dolche in die Hände gibt: zum
mindesten bekommen beide schwere Wunden.

So droht dem zersplitterten Bergbau das Gespenst der Konkur-
renz in ganz besonders starkem Masse. Sie ist der grösste Feind einer
»angemessenen Rentabilität« der investierten Kapitalien : hieraus
resultiert das Streben, die »innere ungesunde« Konkurrenz der
zersplitterten Betriebe zu beseitigen, hieraus das Streben, zum
mindesten durch Tarife die äussere Konkurrenz zu erschweren
und durch Begünstigungstarife die »Ueber Produktion« abfliessen
        <pb n="94" />
        ﻿86

zu lassen.

Um dies zu erreichen werden mit zunehmender Kapitalkon-
zentration und -immobilisation die Verträge der Interessenten im-
mer straffer: das gegebene Wort genügt allein nicht mehr, diver-
gierende Interessen werden durch abschreckende Konventional-
strafen gebändigt und so wird (wenigstens äusserlich) die Interes-
senharmonie hergestellt.

So bildet die grosse Kapitalimmobilisation und die damit
einhergehende Schwerübertragbarkeit und Schwervermehrbarkeit
der Kapitalien den letzten Grund für die Entstehung kartellarti-
ger Gebilde. Ein Zusammenhang, den Brentano zuerst aufge-
stellt hat1).

Praktisch ist nach diesen Ausführungen also der Schutz der
Schwachen die Aufgabe echter Kartelle. Sie treiben »Mittelstands-
politik« im Sinne der Hemmung technischen und wirtschaftlichen
Fortschrittes. Wir haben die Gefahren charakterisiert. So hat
das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat tatsächlich die Mager-
kohlenzechen an der Ruhr am Leben erhalten, obwohl man schon
Ende der 1880er Jahre glaubte, dass »der eigentliche alte Ruhrberg-
bau dem Ende entgegengehe 1 2)«. Ihre obere Sohle ist erschöpft, und
ausserdem ist die Förderung hochwertiger Kohle bei anderen
Zechen vermehrt3). Die Selbstkosten dieser kleineren Zechen
sind »wesentlich höher als die der grösseren Unternehmungen, und
zwar in dem Masse, dass, während die grösseren Unternehmungen
jetzt höhere Erträgnisse liefern, die kleineren vielfach entwe-
der nur gerade ihre Selbstkosten decken, oder sogar noch Zu-
bussen für die Aufrechterhaltung des Betriebes und nicht etwa
für neue Anlagen einziehen müssen«!4 5)

Damit wäre die »gewisse Rente«, die zum »rationellen Be-
triebe« nötig ist, nicht einmal trotz des Kartells vorhanden. Nach
Kirdorfs Worten bilden diese kleinen Zechen ein Hemmnis, sodass
ein Herabsetzen der Preise die Magerkohlenzechen an der Ruhr
töten würde6). Man hat also durch das Syndikat das Prinzip
der Wirtschaftlichkeit verletzt, indem man die südlichen Zechen

1)	Lujo Brentano, Die beabsichtigte Neuorganisation der deutschen Volkswirt-
schaft. Süddeutsche Monatshefte I. Jahrg. 4. Heft.

2)	Kartellrundschau I. 334. (Verhandl. über das Kohlensyndikat).

3)	1- c. 334.

4)	Jahresbericht des Bergbauvereins 1903. I. 8.

5)	Kartellrundschau I. 340. auch 400.
        <pb n="95" />
        ﻿87

nicht hat an Abzehrung sterben lassen, wie es sonst hätte ge-
schehen müssen. Ja ihr Lebenslämpchen ist infolge ihres Eintrittes
in das Syndikat noch einmal aufgeflammt. Sie bestrebten
sich »ihre Anlagen technisch zu vervollkommnen und auszubauen«,
tiefere Sohlen aufzusuchen und die Kohle besser zu verarbeiten1).
Betrachten wir dieses Streben einmal näher.

Zum Abbau mit Bergeversatz (anstatt Pfeilerbau) sind die
Werke im Süden allgemein nicht vorgeschritten, trotzdem er die
Betriebe rentabler macht. Ferner befördert der alte Vertrag des
Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats das Abteufen oder das
Einrichten von Förderschächten (sog. Syndikatsschächte, die uns
später noch beschäftigen werden), weil die Zechen sich hierdurch
eine grössere Beteiligungsziffer verschaffen konnten. Dies war
ein Nachteil für die südlichen Zechen. Denn taten sie es auch,
so ward relativ zur Produktion viel zu viel Kapital investiert und
damit die Kohle weiter verteuert. So ist es wohl erklärlich, dass
sich »die kleinen Zechen hinsichtlich Erlangung höherer Beteili-
gungsziffern zurückgesetzt« fühlten 2).

Es finden sich also im Syndikat Werke mit oft nicht mo-
derner Technik, mit hohen Selbstkosten und mit geringen Felder-
komplexen. Aber auch wenn diese Anlagen vollkommen neu-
zeitlich ausgerüstet sind, müssen sie mit höheren Selbstkosten
arbeiten, »weil die kostspieligen, zur Erreichung der Kohlenlager-
stätten erforderlichen Aufschlussarbeiten sich auf eine geringere
Kohlenmenge verteilen, damit wird die Lebensdauer der einzel-
nen Bausohlen kürzer und in viel rascherer Folge die Vorrichtung
neuer Sohlen erforderlich, was wiederum die Verstärkung oder
Erneuerung der Förderanlagen etc. rascher bedingt als bei Zechen
mit grossem Felderbesitz« 3).

Eine solche in wirtschaftlicher Hinsicht vernichtende Kritik,
die bewusst und ostentativ auf die durch nichts zu beseitigende
Unterlegenheit der südlicheren Zechen hinweist, ertönt immer stärker
aus den Kreisen der unter gleichem Dache Sitzenden. Obige
Ausführungen sind ja ihre eigenen Worte.

Wie ist diese Härte, die im Hinweis auf die Unwirtschaft-
lichkeit eines Teiles der im Kartell befindlichen Betriebe liegt,
zu erklären, da doch im Wesen des Kartells das Mitleid für An-

1)	Kartellrundschau I. 334.

2)	Kartellrundschau I. 334.

3)	Jahresbericht des Bergbauvereins 1903. I. 7.
        <pb n="96" />
        ﻿88

gehörige liegt, das obendrein die Monopolrente des Bemitleiden-
den steigert?

Die modernen Kartelle etwa in der Form
des Rheinisch-Westfälischen Kohlen Syndikats
von heute, sind gar keine echten Kartelle mehr.
Sie sind zwitterhafte Uebergangsgebilde, aus denen sich etwas
Neues herausschält, das die menschlichen Satzungen, wie sie
in den Statuten des Syndikats niedergelegt sind, nur noch be-
schleunigen.

Wie schon erwähnt, gab im alten Syndikatsvertrage das
Niederbringen eines neuen Schachtes oder die Ausrichtung eines
bereits vorhandenen zur Förderung das Recht zur Vergrösse-
rung der Beteiligungsziffer des so handelnden Werkes. So ent-
standen während des alten Vertrages viele Schachtanlagen. »Man
darf billig bezweifeln, ob die in den letzten Jahren (vor 1903) neu
entstandenen Förderanlagen sämtlich bergwirtschaftlich tatsäch-
lich begründet waren, ob sie nicht vielmehr z. T. eine Rückver-
sicherung gegen erhebliche Fördereinschränkungen zu bilden be-
stimmt gewesen sind« 1). Bedeutete doch damit möglichst grosse
absolute Beteiligungsziffer, dass eine Fördereinschränkung nicht
so fühlbar war. Der alte Vertrag beförderte demnach eine exten-
sive Expansion der nördlicheren Zechen, die die kleinen im
Süden fast völlig unberührt Hess, ja ihre Lebensgeister durch eine
kleine »Morphiumeinspritzung« noch etwas hob.

Der neue Vertrag von 1903 hat, um der »Jagd nach der Be-
teiligungsziffer« ein Ende zu machen, die Bestimmung, dass ein
Schacht immer zur Mehrförderung berechtige, aufgehoben und da-
für die Beteiligungsziffer fest fixiert. Auf Grund dieser wird dann
die Förderung prozentual im gleichen Verhältnisse für die Zechen
festgesetzt. (Man nennt dies nicht ganz richtig eine Förderein-
schränkung, da die tatsächliche Beteiligungsziffer zu fördern, vielen
Werken einfach unmöglich wäre, weil sie eben auf Grund des
früheren »Versicherungsstrebens« entstanden ist.)

Wir haben nun die Folgen zweier für uns wichtiger Statuts-
bestimmungen zu besprechen:

1. Nach dem neuen Syndikatsvertrage besteht bei der festen
Beteiligungsziffer für ein Mitglied, das mehrere Schächte besitzt,
das Recht, Verschiebungen in der Förderung zu gunsten einiger

1) Jahresbericht des Bergbauvereins 1903. I. 6; auch 1902. I. 8.
        <pb n="97" />
        ﻿89

Anlagen eintreten zu lassen. Diese anscheinend ganz harmlose
Bestimmung hat im Ruhrgebiete eine Revolution in der Beurtei-
lung des Syndikats hervorgerufen. Es bildete sich nämlich fol-
gende Technik: Die grossen Werke kauften kleinere auf, d. h.
sie kauften damit deren Beteiligungsziffern. Bei kleinen Betrie-
ben wurde die Beteiligungsziffer ganz auf den andern grossen über-
tragen d. h. der kleine Betrieb wurde stillgelegt. Grössere an-
gekaufte Zechen behielten einen Teil ihrer Beteiligungsziffer, d. h.
sie förderten in beschränktem Masse weiter 1).

Jetzt war zuviel des Morphiums gekommen, womit jedoch,
wenn auch »humaner«, derselbe Effekt wie bei brutaler Tötung in-
folge freier Konkurrenz erzielt ward und wird. »An die Stelle
der Erdrosselung tritt der Morphiumtod.« (Brentano.)

Auf diese Weise ging jetzt die Expansion der Mächtigen vor
sich. Allen voran die Gelsenkirchener Bergwerks-A.-G., die Harpener
Bergbau-A.-G. und die Hibernia1 2). »In ihrer Produktion ist z. B.
Gelsenkirchen von 4 auf 7 Millionen t. gestiegen, nicht bloss durch
Entwicklung, sondern dadurch, dass es Zechen, die schon im
Syndikat waren, aufgekauft hat« 3).

Solche Erscheinungen regten natürlich die Gemüter der Be-
teiligten auf. Und wie so oft, so war auch hier der erste Ruf
der nach dem Gesetzgeber, dem Allhelfer. Er kam und legte
einen »Gesetzentwurf betreffend Abänderung der §§ 65, 156 bis
162, 207a des allgemeinen Berggesetzes vom 24. Juni 1865/92
und des dritten Abschnittes des Ausführungsgesetzes zum Reichs-
gesetz über die Zwangsversteigerung und die Zwangsverwaltung
vom 23. September 1899« vor4), die sog. Stilllegungsnovelle, die
jedoch nicht Gesetz geworden ist. Die Vorschriften dieser No-
velle gelten nun, was nicht klar genug hervorgehoben ist, sowohl
für bereits betriebene Bergwerksfelder als auch für noch nicht be-
triebene. Dies letzte ist die Erscheinung der sog. präventiven
Stilllegung, die uns in ihrer ungeheuren volkswirtschaftlichen Be-
deutung später noch beschäftigen wird.

1)	Jahresbericht des Bergbauvereins 1903. I. 7.

2)	Vgl. Metschke, Bergbau und Industrie in Westfalen und im Ruhrgebiete der
Rheinprovinz unter der Herrschaft der Caprivischen Handelsverträge. Münch. Inaug.
Diss. Breslau 1905. Seite 29: Tabelle.

3)	Verhandl. über das Kolilensynd. Kartellrundschau 422.

4)	Drucksachen des Hauses der Abg. 20. Legislaturperiode I. Session 1904/5,
Nr. 703 u. Zu Nr. 703.
        <pb n="98" />
        ﻿90

Der gesetzgeberische Grundgedanke der ganzen Stilllegungs-
frage ist in den beiden § 65 alten und neuen Textes enthalten.
Wir lassen je die beiden ersten Absätze, die den uns angehen-
den wirtschaftlichen Kern enthalten, hier folgen.

Alte Fassung:

»Der Bergwerks b e s i t z e r ist verpflichtet, das Bergwerk zu
betreiben, wenn der Unterlassung oder Einstellung des Betriebes
nach derEntscheidung desOberbergamtes über-
wiegende Gründe des öffentlichen Interesses entgegenstehen.«

Neue Fassung:

»Der Bergwerks eigentümer ist verpflichtet, das Berg-
werk zu betreiben, wenn derBetrieb Gewinn verspricht
und der Unterlassung oder der gänzlichen oder teil-
weisen Einstellung des Betriebes überwiegende Gründe des
öffentlichen Interesses entgegenstehen.«

Da sowohl nach dem alten Gesetze wie auch nach dem neuen
Entwürfe unr en t ab 1 e Gruben dem Betriebszwange nicht unter-
worfen sind, es sich nach Ansicht von Fachleuten, sowde nach dem
Berichte der Untersuchungskommission bis jetzt aber nur um un-
bauwürdig gewordene Gruben gehandelt hat, so fallen diese aus
dem Bereich unserer Betrachtungen. Es wäre in wirtschaftlicher
Hinsicht ja auch geradezu Wahnsinn, solche Gruben zu betreiben,
und liesse sich auch wohl aus dem ganz besonderen , dem ver-
liehenen Bergwerkseigentum rechtlich nicht ableiten. Wenn
also bis jetzt die an den Ausserbetriebsetzungen Interessierten
sich die Augen über diese Erscheinungen reiben, so dürfte dies
weniger wegen der in jeder Beziehung (auch vom Standpunkte
der Arbeiter) zu rechtfertigenden Art, als vielmehr wegen des
Tempos geschehen. Hat doch, obwohl auch unter dem alten
Vertrage bereits Werke stillgelegt wurden, dieser Prozess unter
dem neuen Vertrage sich etwas treibhausartig entwickelt, indem
binnen wenigen Monaten etwa ein Dutzend Betriebe aufgekauft
sind, um sie früher oder später stillzulegen1).

Was sind »überwiegende Gründe des öffentlichen Interesses« ?

Die Motive zum alten Gesetze von 1865, die auch im neuen
Gesetzentwürfe Verwendung finden, erläutern sie mit den Worten:
»wenn die öffentliche Sicherheit gefährdet ist oder die allgemei-

1) Jutzi, Die deutsche Montanindustrie auf dem Wege zum Trust. Jena 1905.
17. Ferner Weidtmann (Beilage zu Gl.A. Nr. 26 vom 25. Juni 1904). Er führt Seite 2
aus dem »Laufe der letzten Monate« 10 Zechen an.
        <pb n="99" />
        ﻿9i

nen Bedürfnisse der Konsumenten darunter leiden.«

Wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir gerade hierbei sehr
allgemein gehaltene Redensarten finden, war doch das Berggesetz
von 1865 einer Art »Negation der Negation« entsprungen: Von
Staatsbevormundung zum äussersten Individualismus, dem der
Staat ein Greuel war. Aber nur so lockte es das nötige Kapital an.

Wenn wir den Sinn jener Erläuterungen nun auf die Still-
legung bereits betriebener Werke anwenden, so kann es nicht
»öffentliches Interesse« sein, minder rentable, von unrentablen
Betrieben zu schweigen, zu erhalten, wo obendrein ja leicht die
Bedürfnisse der Konsumenten im Süden durch die mehr nörd-
lichen Produzenten zu befriedigen wären. Denn alle die Betriebe,
die ausser dem letzten zur Bedürfnisbefriedigung noch Heran-
zuziehenden künstlich erhalten werden, erhöhen die Preise. Dies
verstösst aber gegen die Forderung der Wirtschaftlichkeit. Von die-
sem Standpunkte aus ist es viel besser, worauf auch die Denk-
schrift der Kommission hinweist, dass jetzt eingestellte Betriebe
erst später bei höheren Kohlenpreisen wieder aufgenommen wer-
den, mögen auch manche Jahrzehnte darüber vergehen. Dann
auch ist es möglich, die Felder zu konsolidieren und auf Grund
moderner Technik in Betrieb zu setzen und Gewinn zu erzielen.

Weiter hat der neue Entwurf den Passus : »wenn der Betrieb
Gewinn verspricht« aufgenommen1). Wann tut er dies? Vor allem,
wenn er planmässig rationell betrieben wird. Dies ist Grundbe-
dingung. Aber gerade dem ist das Interesse des neuen Käufers
entgegengesetzt. Was ist überhaupt ein wirtschaftlich lohnender
Betrieb? Man sage, jeweils eine Kommission solle es festsetzen.
Nichts ist schwerer als gerade die Rentabilität eines Bergwerks-
betriebes zu taxieren, ganz besonders, wenn noch das Interesse
des Betreibenden das ist, was es nicht sein soll. Man sieht, wie
gerade dieser Passus grosse Streitigkeiten hervorrufen kann und
damit wird.

An dritter letzter Stelle sind hier die Worte »wenn der gänz-
liehen oder teilweisen Einstellung des Betriebes über- i)

i) Dieser Passus und der folgende soll eben die Handhabe geben, einen Be-
triebszwang herbeizufiihren, was ja mit der oben erwähnten bisherigen Interpreta-
tion des »öffentlichen Interesses« nicht möglich war. Vgl. über die juristische Seite
dieser Materie G. Gothein, Die preussischen Berggesetznovellen. I. Der Gesetzentwurf
gegen das Stilllegen der Zechen im Arch. f. Sozialw. u. Sozialp. N. F. III. Bd. Seite
162—177.
        <pb n="100" />
        ﻿92

wiegende Gründe des öffentlichen Interesses entgegenstehen« zu
betrachten. Wenn auch die Begründung des Entwurfes darauf
hinweist, dass diese Worte dem Sinne des alten Gesetzes ent-
sprechen , so scheinen sie sich doch ganz besonders gegen jene
oben erwähnten Praktiken des Syndikats zu richten. Wir dürfen
annehmen, dass teilweise eingestellte Betriebe solche sind, die
noch Gewinn in zum mindesten stärkerem Masse als gänzlich ein-
gestellte, meistens kleine Betriebe erzielen. Durch die mit die-
sen Handlungen einhergehende Verschiebung wird nun der Ge-
winn zu gunsten der Zeche verschoben, die eben, um rentabler
zu wirtschaften, einen Teil des Kontingents auf sich übernimmt.
Der beschränkte Betrieb arbeitet aber, weil er beschränkt ist,
teurer als vorher; damit hat der neue Besitzer, wenigstens solange
das Syndikat besteht, kein Interesse an einer Preisherabsetzung;
will er doch auch noch eine Rente seines minder begünstigten
Werkes erreichen.

Durch eine teilweise Einstellung eines teurer produzierenden
Werkes wird also in erster Linie ein privatwirtschaftlicher Vor-
teil erzielt. Dieselben Worte gelten für die gänzliche Einstellung
des Betriebes, der noch einen Gewinn abwirft und dessen Betei-
ligungsziffer übertragen wird, ohne dass, dem jeweils ausgeschal-
teten ungünstigsten Betriebe entsprechend die Syndikatspreise
herabgesetzt werden.

Es spricht eine Vermutung dafür, dass das Syndikat eine
solche Preispolitik nicht einschlagen wird. Damit aber ist der
Ausweg vorhanden, einer infolge Syndikatsstatuts revolutionie-
renden Stilllegung ein Gegengewicht zu geben: Es be-
steht darin, den durch das plötzliche Ausfallen einer starken Ein-
nahmequelle bedrohten Gemeinden das Recht zu geben, eine Ab-
findungssumme seitens der Werke zu verlangen1). Dies wäre bei i)

i)	So zahlte z. B. die Gewerkschaft Mont Cenis, die die Zeche Bommerbänker
Tiefbau seit dem i. Mai 1904 übernahm, auf Grund einer bis zum I. April 1906 gül-
tigen Vereinbarung der Gemeinde Bommern eine Steuer von M. 10 000 pro Jahr (die
Steuerbeträge der Beamten und Arbeiter sollen etwa 9339 M. betragen). Ausserdem
fliesst den Gemeinden ja die Umsatzsteuer aus solchen Transaktionen zu, hier betrug
sie 11 000 M. (Weidtmann, 1. c. 3). Dass übrigens auch die Gemeinden sich zu
helfen wissen, zeigt Weidtmanns Mitteilung (1. c. 5) über die Gemeinden Schüren
und Hörde, die noch »vor Toresschluss« die Umsatzsteuer auf 2 Proz. erhöht haben.
»Diese Summe allein deckt schon den ganzen Steuerausfall für mehrere Jahre.« —
Die Gemeinde Höntrop, die den Zustand der Zeche Maria, Anna und Steinbank
kannte, rechnete damit, dass diese in absehbarer Zeit still gelegt werden würde. Sie
        <pb n="101" />
        ﻿93

einem natürlichen Erliegen des Bergbaues nicht berechtigt, da
es hierbei die Pflicht der Gemeinden wäre, sich auf die neuen
Verhältnisse einzurichten.

Und wie steht es mit den durch die Stilllegungen betroffenen
Arbeitern ?

Einmal kann bei einem natürlichen Erliegen des Bergbaues
die Forderung, die Arbeiter unter allen Umständen zu beschäfti-
gen, gar nicht aufrecht erhalten werden. Denn es sind nach und
nach im Süden des Ruhrbezirkes schon manche Zechen stillge-
legt und die Arbeiter haben neue Beschäftigung gefunden1).

Nun sind allgemein im Süden des Ruhrbezirkes die Löhne
niedriger als im Norden, wohin der Bergbau allmählich wandert.
Das Interesse der Arbeiter ist aber durchaus an hohe Löhne ge-
knüpft, und so bestände die Möglichkeit, die Arbeiter, die im Sü-
den durch die Stilllegungen frei werden und deren Zahl relativ ge-
ring ist, auf anderen Gruben zu beschäftigen. Die Möglichkeit
dazu dürfte bei dem ständigen Arbeitermangel nicht schwer sein.
Diesen Ausführungen steht jedoch manches entgegen, was bei
einer oft plötzlichen Katastrophe gewiss gerade die Uebergangszeit
Arbeitern wie auch kleinen Gewerbetreibenden in den betroffenen
Gemeinden hart macht. So besitzen z. B. im Süden die Berg-
leute ein eigenes Heim, etwas Land, das ihnen die Heimat be-
sonders lieb macht. Sie können obendrein, was den Jungen mög-
lich ist, die Arbeit in »den heissen Löchern« im Norden nicht
mehr ertragen lernen. Diesen Arbeitern sucht man durch Er-
richtung von Arbeiterzügen Arbeitsgelegenheit auf benachbarten
noch betriebenen Zechen zu geben. Dass andere Industrien z. B.
die benachbarte Textilindustrie näher an oder in die verlassenen
Gebiete rückt, wie bis jetzt in früherer Zeit zu bemerken war, ist
möglich, dauert jedoch längere Zeit und würde dann nur für die
Jugend in Betracht kommen.

Man sieht, dass, auch von den vielen persönlichen Klagen2)
abgesehen, solche schnell aufeinander folgenden Ausserbetrieb-

sammelte also für diese Eventualität 290 000 M. an (mit Entgegenkommen der Zeche)
und hat nun jährlich an Zinsen 10—11 000 M. (Weidtmann 1. c. 8. 9).

1)	Weidtmann (vgl. Beilage zu »Glückauf« Nr. 26 vom 25. Juni 1905) nennt
aus »früherer Zeit« (vor dem neuen Syndikatsvertrage) 18 aus dem Ruhrgebiete.

2)	Vgl. die Interpellation der Abgg. Stölzel und Brust betreffend die Behand-
lung der kleinen Zechen im Ruhrrevier durch das Kohlensyndikat. 54. Sitz, des
Preuss. Abg.Hauses 16. April 1904.
        <pb n="102" />
        ﻿94

Setzungen manche Härten mit sich bringen, und dass vielfach nur
der gute Wille der Syndikatsleute sie mildern kann. Sie ver-
sprechen da vieles. Wollte man die Zechen etwa zwingen, die
Arbeiter stets weiter zu beschäftigen, so würde wohl bald die
Erscheinung einer grossen »freiwilligen« Abkehr sich zeigen, wo-
mit die Arbeiter in derselben Lage wären, wie bei der Abkehr
infolge Stilllegung.

2. Eine zweite für die Entwicklung der wirtschaftlichen Be-
triebsform wichtige Bestimmung des neuen Syndikatsvertrages ist
die, dass der Selbstverbrauch der Zechen von Einschränkungen
und Umlagen seitens des Syndikats befreit ist. Unter den Selbst-
verbrauch wird aber auch die Förderung gerechnet, die die sog. Hüt-
tenzechen zum Betriebe der Hütten nötig haben. § I Absatz 2
letzter Satz des neuen Syndikatsvertrages besagt nämlich: »Für
diejenigen Zechenbesitzer, welche bei Abschluss dieses Vertrages
gleichzeitig Eigentümer von Hüttenwerken sind, gelten auch die
zu den eigenen Verbrauchszwecken ihrer Hüttenwerke und deren
Zubehör erforderlichen Produkte als Selbstverbrauch.« Nur durch
diese Konzession konnte man die mächtigen gemischten Eisen-
werke mit ihren Kohlenzechen zum Eintritt in das Syndikat be-
wegen. Diese sind nun die eigentlichen Hechte im Karpfenteiche.
Denn während die reinen Eisenwerke höhere Kohlenpreise zahlen
müssen, haben die gemischten Werke alle Vorteile der Unter-
nehmungs- oder gar Betriebskombination. Damit werden die
reinen Werke der Eisenindustrie fast vernichtet und müssen sich
ebenfalls vertikal konzentrieren bezw. sich angliedern. So wird
durch die Erscheinungen der horizontalen Konzentration in der
Kohlenindustrie und den ersten Eisenproduktionsprozessen die
vertikale Konzentration im Eisengewerbe, wenn auch nicht ge-
schaffen, so doch eminent beschleunigt1). Wir haben ihr rapides
Wachsen schon oben an dem Gegenüberstellen der Steigerung
der Förderziffern gezeigt. Die Hüttenzechen aber sind ihrerseits
wieder der Keil, der einmal das Kartell auseinandertreibt. Denn
sie fördern fortdauernd intensiv, um ihren ganzen Bedarf aus
ihren eigenen Zechen zu bestreiten, d. h. den reinen Kohlenzechen
ein grosses Absatzgebiet zu nehmen. So fördern einige Werke
überaus angestrengt, andere mit Feierschichten. Das erste sind
die früher aussenstehenden, die grosse Vorteile bekamen, das

1)	Vgl. Hans Gideon Heymann, Die gemischten Werke . . . .
        <pb n="103" />
        ﻿95

letzte die alten, »wiewohl sie durch das Verlassen der bisherigen
Praxis bei der Bewilligung der Mehrbeteiligung in ihrem Betriebe
empfindlich berührt wurden, ja zum Teil schon weit in dieser
Richtung fortgeführte Arbeiten als nunmehr zwecklos erkennen
mussten« 1).

Aber, um das Syndikat zu erneuern, liessen die reinen Koh-
lenzechen ihre Ansprüche auf Vermehrung des Kontingents fallen.
»Dem Gebote der Fürsorge für ihre natürliche Entwicklung wer-
den sie nunmehr auf dem Wege der Angliederung anderer Ze-
chen gerecht.«

So wird, was Wirkung ist, neue Ursache. Wie rapide aber
die Zahl der Unternehmungen sich verringert hat, zeigen folgende
Zahlen. Im Jahre 1893 waren 96 Syndikatsmitglieder vorhanden
mit 33,5 Mill. t Gesamfbeteiligung. Nun traten unter der Herr-
schaft des alten Vertrages noch eine ganze Anzahl Zechen bei,
es hätte also die Zahl der Mitglieder steigen müssen. Wir finden
jedoch 1903 nur noch 84 mit 53,8 Mill. t Gesamtbeteiligung1 2).
Damit kam 1893 349114 t Beteiligung auf die Zechen, 1903 je-
doch 640739 t. Eine solche Verschmelzung hatte schon der alte
Vertrag hervorgerufen. Der neue Vertrag fand 84 Zechen vor.
20, besonders Hüttenzechen traten hinzu. Schon innerhalb des
ersten Jahres ist jedoch die Zahl der Mitglieder wieder auf 84
gesunken!

Das ist die intensive Expansion, die die Mächtigen unter
dem neuen Vertrage vornehmen. Mit wenig Worten, aber mit
viel Taten schaffen sie sich freie Bahn. Damit aber hört die
Freundschaft im Kohlensyndikate auf. Und so erleben wir die
merkwürdige Erscheinung, dass gerade von den Werken im Sü-
den, die eigentlich ihre Ertragsfähigkeit nur dem Syndikate ver-
danken, der staunenden Menschheit verkündet wird, dass sie noch
lange nicht am Ende ihrer Existenzfähigkeit angelangt seien3).
Die Ironie dabei ist, dass jetzt, wo die aggressiven Kartelle auch
nach Innen zu ihren Charakter völlig ändern, dass jetzt die Gros-
sen kalt mitteilen, wie gross eigentlich die Zahl der bis jetzt am

1)	Jahresbericht des Bergbauvereins 1903. I. 6 u. 7.

2)	Jutzi 1. c. 14.

3)	Vgl. in der Frankfurter Ztg. vom 1. Mai 1905 den Protest des Vorsitzenden
des Aufs.R. der Akt.Ges. Zeche Margarethe gegen die Behauptung des Abg. Schmie-
ding, dass die im südlichen Bezirke von Dortmund belegenen Zechen am Ende ihrer
Existenzfähigkeit angelangt seien.
        <pb n="104" />
        ﻿96

Leben erhaltenen unwirtschaftlichen Betriebe ist. Das Selbstin-
teresse bringt jetzt die Wahrheit an den Tag. Diskret und mit
süssem Zucker versehen zeigt sie sich in folgenden Worten:
&gt;Das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat würde, um auch diese
kleinen Zechen (sc. im Süden) ertragbringend zu machen, zu einer
wesentlichen Steigerung der Kohlenpreise übergehen müssen und
damit seine stets auch die Gesamtheit berücksichtigende Politik
aufzugeben gezwungen sein«.

Heute wagt man noch nicht P'arbe zu bekennen, dass die
mächtigen Gesellschaften eigentlich gar kein Interesse mehr am
Schutz der Schwachen haben. Das Feld ist ja auch noch nicht
ordentlich ausgejätet. Man sucht demnach den Egoismus mit
Altruismus zu verdecken. Folgende Worte zeigen dies1). »Ohne
ein Syndikat würde allerdings eine Uebertragung von Beteiligungs-
ziffern nicht stattfinden, würde aber auch der Bergbau auf einer
Reihe von Zechen schon seit Jahren zum Erliegen gekommen sein,
deren ungünstige Grundbedingungen sie allerdings auch unter dem
Syndikate auf die Dauer nicht zu einer Rentabilität haben kommen
lassen«.

Und schon verlassen die Ratten das sinkende Schiff. Um
sich im Falle der Auflösung des Kohlensyndikats bezw. seiner
Nichterneuerung die Vorteile vertikaler Konzentration zu verschaffen,
hat die Gelsenkirchener Bergwerksgesellschaft, die Seele des Koh-
lensyndikats, mit dem Schalker Gruben- und Hüttenverein und
dem Aachener Flüttenaktien-Verein zu Rothe Erde eine Interes-
sengemeinschaft geschlossen. De Fakto ein kleiner Trust. Statt
19 ursprünglich selbständiger Unternehmungen eine einzige mit
(inkl. Anleihen und Rücklagen) 181,9 Mill. M. Kapital2). Aus
dem Knaben wird ein Mann werden.

Stetig durch Menschensatzung noch forciert, geht die Kon-
zentration der schweren Industrie im Kohlensyndikat, im Roh-
eisensyndikat und im Stahlwerksverbande vor sich. Immer we-
niger werden der Unternehmungen, der Betriebe. Die Schwachen
schwinden, die Starken aber achten sich gegenseitig, ihre Interes-
sen sind die gleichen. Und wenn die Technik des Steinkohlen-
bergbaues nicht rosten wird, so ist es nicht deshalb, weil man
es wollte, sondern weil man es nicht wollte. Die Löcher des
Netzes waren das Unglück der Kartellpolitik ; vom Standpunkte

1)	Jahresber. d. Bergbauvereins 1903. I. 89.

2)	Jutzi 1. c. 33.
        <pb n="105" />
        ﻿97

der Wirtschaftlichkeit aus betrachtet sind sie ein Glück; denn sie
führen in beschleunigtem Tempo einer höheren Organisation der
Wirtschaft, dem tatsächlichen Trust (nach deutschem Sprachge-
brauche) zu, dem Feinde behäbigen Vegetierens.

Dies sind die Tendenzen, die sich aus den bis jetzt stattge-
fundenen Konzentrationen und Kombinationen der technischen und
wirtschaftlichen Betriebe ergeben. Aber neben der intensiven Tätig-
keit auf dem Gebiete des Bestehenden hat man auch das Zu-
künftige nicht vergessen.

Die Handhabe dazu bot das preussische Bergrecht. Ich
habe weiter oben erwähnt, dass nach geltendem Rechte der Be-
triebszwang eines verliehenen Bergwerkes nur dann eintreten kann,
wenn der Unterlassung oder Einstellung des Betriebes nach der
Entscheidung der oberen Bergbehörde die (oben definierten) über-
wiegenden Gründe des öffentlichen Interesses entgegenstehen. Es
konnte infolge der bisherigen Interpretation diese Rechtsbestim-
inung bis jetzt also nicht angewendet werden. Der neue Ent-
wurf der fürs erste begrabenen »Stilllegungsnovelle« sollte sich
nun auch einmal darauf erstrecken, den Betriebszwang für ver-
liehene, aber noch nicht betriebene Bergwerke einzu-
führen; denn bis jetzt hat die lediglich formale Auslegung des
geltenden Rechtes zu einer Monopolisierung der besten im Nor-
den des Ruhrgebietes befindlichen unverritzten Kohlenfelder ge-
führt.

In den Jahren, in denen das heutige Bergrecht entstand,
konnte man nämlich annehmen, dass das Erbohren der Felder
lediglich Mittel zur Erlangung des Bergwerkseigentums war,
und dass man dann das Bergwerkseigentum auch in Betrieb
setzte: dies regelte der freie Markt mit Angebot und Nachfrage.

Dies änderte sich jedoch, als kapitalkräftige Gesellschaften1)
entstanden waren und ausserdem die zunehmende Tiefe grosse tech-
nische Vorrichtungen erforderte. Jetzt entstanden Bohrgesellschaf-

i) Einen lehrreichen Grund über den Zusammenhang zwischen Akt.Ges. und
Felderbesitz gibt G. Gothein im Arch. f. Sozialw. u. Sozialp. N. F. III. Bd. S. 166.
»Die Gewerkschaft, die kein festes Kapital hat, findet mit der Aufzehrung der Sub-
stanz ihr naturgemässes Ende. Die Aktiengesellschaft dagegen muss ständig dafür
Sorge tragen, dass ihrem auf der Passivseite der Bilanz zu buchenden Aktienkapital,
Obligationen und Reservefonds entsprechende Werte (der Fundus) auf der Aktivseite
gegenüber stehen; sie erreicht ihrem Wesen nach überhaupt kein natürliches Ende;
sie muss daher, wo der Bergbau ihr Zweck ist, möglichst seine unbeschränkte Nach-
haltigkeit erstreben und sie erreicht dies durch Erweiterung ihres Bergwerksbesitzes.«

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.	7
        <pb n="106" />
        ﻿98

ten, die glänzende technische Leistungen1) vollführten, weil das
Erbohren der Felder nicht mehr Mittel zum Zweck war, sondern
Selbstzweck ward.

In Preussen besteht eine fast absolute Schürffreiheit, d. li.
P'reiheit zum Suchen nach verleihbaren aber noch nicht ver-
liehenen Mineralien mit der Absicht, deren Verleihung nachzu-
suchen2). Durch Schürfen (z. B. Erbohren tiefliegender Kohlen-
flötze) kann ich aber fündig werden, und der nachgewiesene Fund
ist Vorbedingung jeder bergrechtlichen Verleihung. Bin ich fün-
dig geworden, so kann ich muten, d. h. den Antrag auf Verlei-
hung des Bergwerkseigentums stellen. Nach preussischem Rechte
muss der Finder innerhalb einer Woche nach der Entdeckung
Mutung einlegen, da sonst sein Vorrecht erlischt; sodann hat er
erstmalig 6 Wochen Zeit bis zur Feldesstreckung. Für jede
Mutung muss ein bestimmtes Feld begehrt werden, nämlich bis
zu 500000 Quadratlachter = 218,9 ha. »In dieser Ausdehnung
kann dem Felde jede beliebige, den Bedingungen des § 26 ent-
sprechende Form (soweit es die Oertlichkeit gestattet, Felder von
geraden Linien an der Oberfläche und von senkrechten Ebenen
in die ewige Teufe begrenzt) gegeben werden. Jedoch muss der
Fundpunkt, bezvv. der frühere Aufschluss des Mineralvorkommens
eines verlassenen Bergwerks stets in dieses Feld eingeschlossen
werden. Auch dürfen je 2 Punkte der Begrenzung .... bei 500 000
Quadratlachtern nicht über 2000 Lachter (= 4184,8 m) von einan-
der entfernt liegen.« (§ 27 Abs. 2 Allg. Preuss. Bergg.)

Nun kann der Muter bis zur Verleihung auf Teile des ge-
muteten Feldes beliebig verzichten, er kann auf die Mutung (also
auf das gemutete F'eld) überhaupt Verzicht leisten und auf den
seiner Mutung zugrunde liegenden Fund neu muten und ein ganz
neues Feld begehren. Dies kann er so oft tun, wie er will3).
Damit kann er in einem Kreise von ca. 4 km das Konkurrenz-
bohren unmöglich machen, da er den Fundpunkt eines andern
einfach durch entsprechende Feldesstreckung überdecken würde.
So kann der fündig Gewordene in Ruhe weiter bohren, um sein
Feld zweckentsprechend abzurunden. Solches fand wohl beson-
ders statt, seitdem die tiefen Bohrungen sehr kostspielig wurden.

1)	Vgl. das gleich in Anm. 5 Seite 99 über die Internationale Bohrgesellschaft
Gesagte.

2)	Arndt, Bergbau und Bergbaupolitik. 40.

3)	Arndt 1. c. 44.
        <pb n="107" />
        ﻿99

Man benutzte die Lücken des Gesetzes , um die Kosten zu ver-
ringern, indem man mit möglichst wenig Bohrungen möglichst
günstige Kohlenfelder zu erlangen suchte. Muss doch für jedes
Normalfeld, also ca. 200 ha ein Fund nachgewiesen werden, wäh-
rend man rechnet, dass zum rentablen Betriebe bei den schwie-
rigen kostspieligen Schachtanlagen im Norden des Ruhrgebietes
4 Normalfelder, also ca. 800 ha nötig seien1).

Hat man sich in Ruhe arrondiert, so lässt man sich das
Bergwerkseigentum verleihen. Das kostet pro Normalfeld 1,50 M.
Der so Beliehene behält dieses Recht, ohne Steuern zu entrichten,
auch wenn er keine Anstalten zur Gewinnung der Kohle trifft2).

Bei solchem Rechte liessen es sich die grossen Gesellschaften
wohl sein; das Kohlensyndikat als solches hat den Ankauf von
Kohlenfeldern in den Bereich seiner Tätigkeit aufgenommen.

Im Jahre 1900 hatte die Gewerkschaft Deutscher Kaiser ca.
93,1 Mill. qm Berechtsame 3) = 9310 ha; Hibernia 10900 ha, Har-
pener Bgw.Akt.-G. 14 300 ha und Gelsenkirchen hatte August
1904 23300 ha Kohlenberechtsame (Felder, bei denen die Ge-
sellschaft mindestens Dreiviertel-Majorität besitzt)4).

So wurde auf Grund des Preussischen Bergrechts die Zukunft
monopolisiert5). Jetzt, in letzter Stunde, will man die letzten

1)	Gutachten des Bergmeisters Engel.

2)	Art. Bergbau, Handw. d. Staatswissensch.

3)	Entw. Bd. X. 1. 255.	4) Entw. X. i. 168.

5) Es geschah dies besonders durch die sog. Bohrgesellschaften, im Norden des
rheinisch-westfälischen Kohlenbeckens vor allem durch das »grösste und bedeu-
tendste Bohrunternehmen Europas« : die Internationale Bohrgesellschaft zu Erkelenz.
Welch riesige technische Vollkommenheit diese erreicht hat, zeigen Gesamtbohrlei-
stungen pro Jahr, die sie in Zeitungsannoncen mitteilt: 1901/2 rund 28 000 m, 1904/5
84689 m! Die grösste Monatsleistung betrug 9572 m. Die grösste Tagesleistung
von einem Bohrkran wiederholt 200 m und darüber in 22 Stdn.! — Diese Gesellschaft
trat bereits im Herbst 1903, als die Erneuerung des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-
syndikats im Werden war, mit diesem wegen Verkauf ihrer Kohlenfelder in Verbin-
dung. Laut Syndikatsstatut darf nämlich die Syndikatsleitung 3 Proz. der Jahres-
rechnungen des Syndikats für solche Erwerbungen verwenden, ohne die Zechenbe-
silzer befragen zu müssen. Zu dem, was darüber hinausgeht, ist die Zustimmung von
°/io der Zechenbesitzer erforderlich. Bei (1904) 40,32 Mill. t Gesamt-Syndikatsver-
sand a 10 M. pro t betrüge also der Erlös rund 400 Mill. M., davon 3 Proz. Um-
lage macht ca. 12 Mill. M. zum Erwerb neuer Felder. Nun soll die »Internationale«
etwa 150—170 000 M. pro Normalfeld fordern; bei 280 Normalfeldern langt also
obiger Betrag nicht. Das Syndikat als solches aber hat Bedenken gegen die Inve-
stierung solcher Summen gehabt. Da hat sich aus Mitgliedern des Syndikats die
»Rheinisch-Westfälische Kohlengesellschaft« gebildet, die die Felder erworben hat.

7*
        <pb n="108" />
        ﻿IOO

Reste der im Ruhrbezirk noch nicht verliehenen Kohlenfelder
retten, indem der Plan besteht, auf einige Jahre die Mutung zu
sperren (der sog. Antrag Gamp), um Müsse für eine den heuti-
gen Zuständen angemessene Regelung des Bergrechtes zu bekom-
men. Sie ist gewiss angebracht. Darüber täusche man sich nach
obigen Zahlen jedoch nicht, dass vorerst die besten Kohlenflötze,
die den lohnendsten Abbau versprechen, in den festen kapital-
kräftigen Händen der Syndikatsleute sind, die sich damit für eine
lange, lange Zukunft ihr Monopol erweitert haben.

Hat doch von den bereits betriebenen Gruben im Reckling-
hauser Reviere nur eine Grube weniger als 9 Maximalfelder, die
andern haben durchschnittlich 12—15, im Osten besitzt die Zeche
Monopol 41 Maximalfelder1). Nun ist gewiss richtig, dass bei
dem im Norden von Rheinland-Westfalen erforderlichen Anlage-
kapital sich dieses bei e i n e m Normalfelde, wenn überhaupt, so
doch nur bei starkem Kohlenreichtum verzinst. Auch mit der
unveränderlichen Grösse des Normalfeldes ist das Bergrecht ver-
knöchert und hat zu unwirtschaftlichen, weil zu vielen eigentlich un-
nützen Bohrungen geführt. Bei grösseren Tiefen oder »je geringer
die Kohlenmenge oder je teurer der Schacht ist, eines desto
grösseren Feldes bedarf man, um dieselbe Verzinsung zu erzielen« 2).

»Man« — infolge der auch hier beliebten Heimlichkeit ist es nicht genau bekannt
— man also sagt, es handle sich um Objekte im Werte von rund 35 Mill. M. Ob
nun das Syndikat den Besitz erwarb oder nur einige Mächtige daraus, ist gleich, de
facto dieselbe Monopolisierung. Ja, falls das Syndikat sich auflöst oder nicht er-
neuert wird, sind die Mächtigen, die schon heute am Syndikate keine grosse Freude
mehr haben, noch besser daran. Dem Syndikat gegenüber hat die neue Gesell-
schaft keine Verpflichtungen wegen der Ausnutzung des Besitzes übernommen. — Der
Staat bekommt ganze 10 Proz. ab! Nach der Nordd. Allg. Ztg. will er sich mit
dieser Beteiligung einverstanden erklären, »um in der Lage zu sein, ebenso wie es
beim Kohlensyndikat beabsichtigt ist, eventuell (!) der gemässigten Partei den Rücken
zu stärken und selbstsüchtigen Absichten einzelner, die übertriebene Preiserhöhungen
etwa durchzusetzen versuchen würden, mit Erfolg entgegenzutreten.« Bei diesen
guten Absichten dürfte es sich also empfehlen z. B. Verwaltungsbeamte der staatlichen
Saarkohlenwerke nicht ins Ruhrgebiet zu schicken. (Für die tatsächlichen Unter-
lagen dieser Anm. vgl. die Frkf. u. Köln. Ztg. von Aug./Sept. 1905.) Ich mache
an dieser Stelle auch darauf aufmerksam, wie sehr die Ankäufe solcher von andern
okkupierten Gerechtsame durch Amortisation und Verzinsung des festgelegten Kapitals
die Gestehungskosten der Kohlen belasten. Wird doch , da diese Felder nicht
gleich betrieben werden sollen , durch die aufgelaufenen Zinsen das Kapital s. Z.
noch grösser sein.

1)	Entw. II. 6.

2)	Entw. II. 9.
        <pb n="109" />
        ﻿IOI

Ausserdem vermindert ja die Vereinigung einer Mehrzahl von
Schachtanlagen zu gemeinschaftlichem und einheitlichem Betriebe
»die mit der Natur des Kohlenbergbaues verbundenen Wagnisse,
sie gewährleistetauch bei eintretenden Unglücksfällen die Aufrechter-
haltung des Betriebes und eine gewisse Rentabilität, sie erleichtert die
vorteilhafteste Inangriffnahme und den Abbau der Kohlenflötze« 1).

Was die einzelnen Förderanlagen betrifft, so wird das
Feld jeder einzelnen heute wieder beschränkt. Es tritt die im 2. Ka-
pitel erwähnte technische Spezialisation auch im Norden des Be-
zirkes infolge technischer Fortschritte beim Schächteabteufen mehr
auf. Wird doch bei zu langen Strecken die F'örderung und die
Wetterführung (Hitze und Menge) zu schwierig2). Hiermit ist also
die Grenze der Konzentration des technischen Betriebes gegeben. —

Wenn sich nun heute bereits die Ansätze zum Trust zeigen, wie
ist dann die Beziehung zwischen Trust und Gesetz des abnehmen-
den Ertrages? Allgemein kann man sie so ausdrücken:-während
kartellartige Gebilde den Schwerpunkt ihrer Politik in den Preis
ihrer Produkte verlegen, legen ihn trustartige Gebilde in die
Gestaltung des Produktions prozesses. Dies letzte wollte
man im Ruhrbezirke bereits einmal tun und zwar Mitte der
1880er Jahre8). Dieser Plan der Vertrustung kleidete sich in
die Form einer gemeinsamen Wasserhaltung. Man wollte also
die nicht enden wollende Zeit der Depression seit 1873
durch eine höhere Wirtschaftsform lindern. Aber die Zeit
war noch nicht erfüllet, wohl instinktiv ahnten die Beteiligten, dass
ihre noch so geliebte Selbständigkeit dann vollends verloren sei.
Es kam dann bald der Aufschwung der Konjunktur und darauf
die Zeit des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, das stets
betonte, der innere Betrieb sei selbständig, damit habe es nichts
zu tun, es sei eine Vereinigung selbständiger Unternehmer. Ge-
rade heute wird dies wieder ganz besonders stark betont, wäh-
rend gleichzeitig in Zeitschriften der Plan einer Zentralisation der
Wasserhaltung im Ruhrkohlenbecken an Interesse gewinnt4).

Wie ist die Technik dieser Zentralisation und wie sind die
wirtschaftlichen Ergebnisse ?

Aehnlich wie schon beim alten Stollenbetriebe gemeinsame
Wasserhaltung stattfand, so sollte bei jenem Plane die Lösung
der Wasser durch eine gemeinsame tiefste Sohle (man rechnete

1) Jutzi 1. c. 3.	2) Entw. Bd. II. 9.	3) Entw. IV. 117.

4)	Vgl. z. B. die Erörterung in der Berg- u. Hiittenm. Ztg. 1900. 607 ff.
        <pb n="110" />
        ﻿102

damals 539 m) stattfinden. Auf diese sollten die' Wasser durch
verschiedene Hauptlösungslinien und Querschläge gesammelt und
dann zutage gehoben werden. Statt der 1885 benötigten 265
Wasserhaltungsmaschinen würden dann nur 13 grosse nötig sein1),
damit aber würde eine grosse Verminderung der sog. unproduk-
tiven Selbstkosten, die in erster Linie von der Wasserhaltung ver-
ursacht werden, eintreten. War doch, um ev. Reservekräfte zu
haben, die Leistungsfähigkeit der vorhandenen Maschinen 3—4 mal
grösser, als für die eigentlich zu hebenden Wasserzuflüsse nötig
war. Dazu kommt, dass mit der Zunahme der Fördermenge der
einzelnen Zechen, noch dazu aus tieferen Sohlen, die Wältigung
der Grubenwasser immer schwieriger und kostspieliger wird, noch
verschärft durch die Dezentralisation, die eintritt, wenn neue Ma-
schinen eingestellt werden.

Im Jahre 1900 gab es im Ruhrkohlenbezirke 424 betriebene
Wasserhaltungen2). Es entfielen im Jahre 1885 in Westfalen auf
1 cbm minütlichen Wasserzufluss 130000 t Jahresproduktion, 1899
170 000 t. Im Saarbezirke kamen 1885 auf 1 cbm min. Wasser-
zufluss schon 260000 t und in England brauchen manche Gruben
fast gar keine künstlichen Vorrichtungen zur Wasserhaltung8).
Man sieht, wie gerade durch eine wirtschaftlichere Organisation
dieses wichtigen Betriebszweiges unter sonst gleichen Verhältnissen
die Produktionskosten sehr verringert werden würden, gleiche
Produktionskosten also eine Suspension des Gesetzes des ab-
nehmenden Ertrages bereits bedeuten, wenn dabei schwierigere
Flötze gewonnen werden. Bis jetzt hat man sich noch immer
mit Verbesserungen geholfen, die im Prinzip nur Fortschritte von
etwas bereits Vorhandenem sind. Statt der langsam laufenden und
für den Schacht nicht ungefährlichen Gestängemaschinen hat man
die unterirdisch betriebenen schnell laufenden Rotations-Dampf-
maschinen zum Betrieb der Druckpumpe eingeführt, die geringere
Anschaffungs- und geringere Betriebskosten bedeuten. Ausserdem
gewähren sie eine grössere Betriebssicherheit. Es gibt Wasser-
haltungsanlagen mit Dampfbetrieb: Maschinen über und unter
Tage; es gibt hydraulische Wasserhaltungen und es gibt elektrisch
betriebene Wasserhaltungen4). Namentlich diese letzten bedeuten
einen grossen Fortschritt, so dass sie z. B. im Ruhrbezirke seit
Anfang der 1890er Jahre den Siegeszug angetreten haben. Bis

1) Entw. Bd. IV. 117.	2) Entw. IV. 145.

3)	Entw. IV. 113.	4) Entw, IV. 243.
        <pb n="111" />
        ﻿103

1900 war die grösste Wasserhaltung hier die 1898 in Betrieb gesetzte
Anlage der Zeche Ver. Maria, Anna und Steinbank mit 752 P.S.
Motorleistung. Die elektrische Wasserhaltung bedeutet für die
tiefen und hochbelasteten Schächte einen grossen Vorteil hinsicht-
lich Wirtschaftlichkeit, Betriebssicherheit und Raumersparnis1),
erfordert jedoch auch manche neue Vorsicht. Heute werden nur
noch unterirdische Wasserhaltungsmaschinen gebaut2).

Um noch einige Zahlen anzuführen, die jedoch nicht allge-
meine Gültigkeit haben, sei erwähnt, dass bei einer Anzahl Was-
serhaltungen im Ruhrbezirke die Gesamtbetriebskosten (10% Amor-
tisation und Verzinsung, Dampf und Unterhaltungskosten) pro
P.S. in gehobenem Wasser sich belaufen auf:

bei Dampfwasserhaltungen 2,57—9,66 Pf. Die Anlagekosten
betrugen (Maschinenraum und Maschine inklusive Rohrleitungen)
385704 bezw. 134000 M.;

bei hydraulischer Wasserhaltung z. B. auf 5,46 Pf. bei M.
326 500 Anlagekosten und

bei elektrischer Wasserhaltung z. B. 5,67 Pf. bei 218 000 M.
Anlagekostens). (Alle absoluten Zahlen stehen infolge der Ma-
schinenpreise bei diesem Betriebszweige ganz besonders unter
dem Einflüsse der Konjunktur; es ist aber das Verhängnis dieses
Betriebszweiges, dass gerade in Blütezeiten grosse Neuanschaf-
fungen 4) nötig werden.)

Bei der Wichtigkeit einer möglichst billigen Wasserhaltung
für lohnenden Betrieb wird aber einmal jenes geschilderte ge-
waltige Projekt einer gemeinsamen Wasserhaltung für den grössten
Teil eines ganzen Kohlenbeckens sich verwirklichen6): es wird
der Weg dann der umgekehrte, aber in der Entwicklung not-
wendig begründete sein. Man wollte durch eine gemeinsame
Wasserhaltung die Betriebe (technisch und wirtschaftlich) näher
aneinander bringen. Aber die dargelegte Entwicklung schafft
erst einmal wenige oder eine grosse Bergwerksgesellschaft, und
erst hierbei wird jener grosse kostensparende Fortschritt ermög-
licht sein: ein Unternehmerwille ist zu dem Plane notwendig,

1) Entw. IV. 316.	2) Entw. IV. 367.

3)	Entw. IV. 370.	4) Entw. IV. 144.

5)	Werden dann unrentable Zechen (z. B. im wasserreichen südlichen Ruhr-
revier) stillgelegt, so scheidet ihre Wasserhaltung nicht mehr aus dem Gesamtbe-
triebe aus. Bei isolierten Betrieben kann eine mit der Stilllegung einhergehende
Ausserbetriebsetzung einer Wasserhaltung diese Last einer oder mehreren Nachbar-
zechen aufladen und sie so technisch und wirtschaftlich schwer schädigen.
        <pb n="112" />
        ﻿104

die Integrität auch der technischen Betriebe zu vernichten. Wohl
ist im Anfänge des 19. Jahrhunderts der Kleinbetrieb infolge
Schwierigkeit der Wasserlösung und des Betriebes überhaupt ge-
schwunden, wohl sind im Laufe der ersten Jahrzehnte desselben
Jahrhunderts zahlreiche Vereinigungen der einzelnen kleinen Gruben
ebenfalls zu gemeinschaftlicher Lösung und zu gemeinschaftlichem
Betriebe entstanden 1), aber die damals gemachte Erfahrung, dass
solche Gemeinsamkeit zur Konsolidation benachbarter Felder auch
ein einheitliches wirtschaftliches Ganze hervorgebracht hat, wird
man heute nicht mehr wegen des durchaus noch sehr grossen
Einflusses der Wasserhaltung auf den Betrieb machen.
Was heute prädominierend auf die Konzentration einwirkt, ist in
allererster Linie in der Förderung begründet; machte doch
der Anteil der bei der Förderung investierten Pferdestärken im
Reg.-Bez. Arnsberg 31,0%, im Reg.-Bez. Düsseldorf 35,9 % und
im Reg.-Bez. Münster gar 44,0 % der jeweiligen Gesamtpferde-
stärken aus, während die Sätze bei der Wasserhaltung 26,0; 22,3
und 16,0% waren.

Doch das wichtigste, was ein einheitlicher Unternehmerwille
nur lösen könnte, wäre ein vollständig plan massiger Ab-
bau. Auch hierhin drängt die historische Entwicklung.

Heute werden schon nicht mehr einfach die durch die Vor-
richtung geschaffenen Wege zur Förderung zum Schachte be-
nutzt; denn diese Planlosigkeit hat auf schnellen Gewinn erpichte
Gesellschaften oft zum völligen Aufgeben des Betriebes ge-
zwungen 2), darum wird heute allgemein eine gute Ausrichtung als
selbstverständlich gefordert. Die Natur des Bergbaues hat sich
einmal zu gunsten der Volkswirtschaft selbst korrigiert. Eine
Ausrichtung, die nicht einfach der Kohle nachgeht, sondern mög-
lichst alles gewinnen will, bedeutet damit einen völligeren Abbau
der Kohlenschätze. »Flötzstärken namentlich an den Feldes-
grenzen, auf deren Abbau man früher verzichtete, da die Kohlen
wegen der schlechten Verbindung dieser Strecken mit dem Schachte
zu teuer geworden wären, werden heute ohne Anstand gewonnen«;
sodann wird nicht jedes Flötz einzeln ausgerichtet, sondern das
Feld bis zu ewiger Teufe, und so werden auch kleine Flötze bei
der Ausrichtung gewonnen 3).

Weiter findet heute der Abbau von der Feldesgrenze zum

1) Entw. IV. 117.

3) Entw. Bd. II. 13. 32.

2) Entw. Bd. II. 13.
        <pb n="113" />
        ﻿— 105 —

Schacht bereits Eingang. Dieser erfordert aber grosse Kapital-
kraft 1), müssen doch die Unternehmer nach dem Anfahren des
Flötzes etwa noch 2—3 Jahre warten, um regelrecht mit der Aus-
richtung die Feldesgrenze zu erreichen. Dann aber sind hiermit
eminente Vorteile erreicht z. B. bei der Förderung. Besonders
aber fällt die kostspielige Erhaltung des »alten Mannes« fort.

Rechnet man hinzu, welche Vorteile bereits heute die Berge-
wirtschaft dem Grubenhaushalte bringt, die durch eine darin
befindliche Planmässigkeit für einen grossen Bezirk noch sehr
stark sich vergrössern würden, so sieht man schon am Kinde,
wie gewaltig der Mann sich einmal auszeichnen wird.

Ein grosser planmässiger Abbau wird dann weiter wirtschaft-
lich die Kohlenschätze geradezu vermehren. Heute müssen näm-
lich sehr viele sog. Sicherheitspfeiler in Kohle stehen bleiben,
deren Gewinnung z. B. an den Feldesgrenzen so gut wie ausge-
schlossen ist. Ein planmässiger Abbau eines grossen ganzen Ge-
bietes aber hätte seine Grenzen ja nur an dem natürlichen Kohlen-
vorkommen. Bei ihm könnte man innerhalb des Gebietes die
Schächte jeweils an dem Orte niederbringen, von dem aus der
Abbau am geeignetsten möglich wäre.

Ein Trust würde also die grösstmögliche Planmässigkeit im
technischen Betriebe, verbunden mit den Vorteilen grösster Kapi-
talkonzentration, ermöglichen, er würde ferner die zu einer solchen
Planmässigkeit notwendigen Kapitalien (man denke nur an Schächte
und Strecken) verteilen nach dem Prinzipe einer Versicherung
und damit den Hunger nach Früchten, der heute im isolierten
Betriebe die Planmässigkeit beim Abbau erschwert, befriedigen
können. Bei seinem Absätze aber würde ein Trust die Vorteile
einer horizontalen »Kombination« haben : er könnte den Abbau
jeweils entsprechend der Nachfrage nach den einzelnen Kohlen-
sorten regeln und den Konsumenten auch in dieser Beziehung
etwas mehr zu Worte kommen lassen, als es heute das Kartell
tut. Und obendrein könnte ein Trust die notwendige Kohlen-
menge aus weniger aber dafür kontinuierlich-intensiv fördernden
Betrieben gewinnen, als heute möglich ist.

So wird ein Trust das Gesetz des abnehmenden Ertrages
wirtschaftlich suspendieren können: nicht mehr jedoch im Preise
wie die Kartelle, sondern im Produktionsprozesse. Er hat gar

1) Entw. Bd. II. 47.
        <pb n="114" />
        ﻿— io6 —

kein Interesse, den Betrieb, der ungünstiger lebt, als der Preis es
zulässt und die Nachfrage erfordert, am Leben zu erhalten. Denn
mit dem Trust ist die innere Konkurrenz ausgeschaltet.

Den Arbeitern gegenüber würde der Trust nicht mehr die
den Ertrag schädigende Zersplitterung der Bergbaubetriebe bei
der Lohnregulierung geltend machen können, und den Kohlen-
konsumenten gegenüber wäre ja das Interesse durch den jeweils
billigsten Produktionsprozess gewahrt. Ja, der Trust kann seinen
Kohlenpreis billiger stellen, als den Produktionskosten seines am
ungünstigsten produzierenden technischen Betriebes entspricht;
denn die Dififerentialrente wirkt nun innerhalb eines wirt-
schaftlichen Betriebes und ermöglicht so bei einer der
Epoche entsprechenden Rentabilität der im Steinkohlenbergbau
investierten Kapitalien (im Kreise der jeweiligen Nachfrage) eine
Kohlengewinnung schwierigerer Plötze »auf Kosten« der mit gröss-
ter Rente zu gewinnenden ’).

i) Aus dem Gesagten erhellt auch die Absurdität eines Vorschlages, den ein-
mal der Bergrat Triebei gemacht hat (vgl. seinen Aufsatz: die Wahrung der Nach-
haltigkeit des Steinkohlenbergbaues im Wege der Steuergesetzgebung in den Jahrb.
f. Nationalök. u. Stat. N. F. XVIII. Bd. 287 f.). Er will im Wege der Steuerge-
setzgebung durch eine Flötzsteuer die Nachhaltigkeit des Abbaues erzwingen, d. h.
künstlich die geringeren bezw. teurer zu bauenden Flötze durch progressive Bela-
stung der billiger zu bauenden zur Gewinnung »rentabler« machen. Die Bruttosteuer,
an die dieser Vorschlag sich knüpfte, ist (bis auf die Privatregale) gefallen und da-
mit auch die einzige Stärke dieses Vorschlages aus dem Jahre 1889. Denn die Brutto-
steuer machte schon an sich das Gesetz des abnehmenden Ertrages eher geltend.
Setzen wir nämlich einen Preis von 10 M. pro t und 2 Proz. Bruttosteuer, so bedeutet
dies eine Belastung von 20 Pf. pro t, d. h. ein Flötz kann ohne solche Belastung
noch gewonnen werden, jedoch macht sich mit ihr das Ges. des abn. Ertrages
»um 20 Pf. eher« geltend. Und dies ist sehr einflussreich, denn trotz aller Phan-
tasien eines mehr oder weniger »geschlossenen Handelsstaates« konkurriert heute
noch die Kohle sowohl selbst auf dem Weltmärkte, als auch ihr Preis ein sehr wich-
tiges Moment ist, das bei der Konkurrenzmöglichkeit der auf sie angewiesenen In-
dustrie in Betracht zu ziehen ist. — Es möge hier auch unter Plinweis auf die obigen
textlichen Ausführungen über die Vorteile des Trusts ein Vorschlag Schmollers (vgl.
sein Jahrbuch 1891:	1028: die geschichtliche Entwickelung der Unternehmung) ab-

gelehnt sein. Schmoller variiert nämlich in concreto einen Lieblingsgedanken, indem
er unter Verkennung der ganz anderen Betriebsbedingungen und Betriebs-
zwecke den Bergwerken eine Stellung wie etwa der Reichsbank geben will, d. h. der
Reinertrag soll, soweit er 4 oder 5 Proz. überschreitet, zwischen Staat und Privatgesell-
schaft »in irgend welcher Form« geteilt werden. Warum sollte der Staat, da er
konsequent auch einen bestimmten Reinertrag garantieren müsste, dann nicht einfach
die Gesellschaften expropriieren und sie mit entsprechend verzinslichen Obligationen
abfinden?
        <pb n="115" />
        ﻿All das Erwähnte kann eintreten bei einem Trust, bei einem’
Kartell jedoch nie. Ob es eintreten wird bezw. dass es ein-
treten soll, kann wohl kein Gesetzgeber im Gesetze bestimmen.
Und nur balanzierte Machtverhältnisse werden dazu zwingen, dass
das dem Truste Innewohnende auch ausgelöst wird. Sie sind
in sozialer Hinsicht bedingt durch kräftige Koalitionen der
Arbeiter, denen ein den Unternehmerkoalitionen völlig gleiches
Recht zu geben ist. Ausserdem hat ihnen der Staat mit seiner
Arbeiterschutzgesetzgebung zu Hilfe zu kommen, auf dass nicht
die in ihren Herzogtümern residierenden mächtigen modernen
Lehensherren eine neue Hörigkeit über einen grossen Teil des
Volkes bringen.

In wirtschaftlicher Hinsicht ist es der fremde Kon-
kurrent, der davor schützt, dass ein Trust mit seinen Produkten
einen Handel treibt, der an die Zeiten erinnert, in denen Handel
und Raub noch wesensverwandte Begriffe waren. Dieses Problem
aber läuft auf eine Umgestaltung der heutigen deutschen Handels-
politik hinaus, gegen die sich eine zum Trust verschmolzene
schwere Industrie eigentlich seinerzeit nicht mehr wehren kann ;
denn es gibt ja keine »schwachen« Betriebe mehr zu schützen.
        <pb n="116" />
        ﻿io8

Anhang.

Es handelt sich hier lediglich darum, in den 5 Gebieten:
Oberbergamtsbezirk Dortmund, Oberschlesien, Niederschlesien,
Saar- und Aachener Gebiet das Verhältnis zwischen
Lohn und Kohlenpreis in den das Material nur liefernden
Jahren 1886—1902 festzustellen. Es sind eingehendere Berech-
nungen um so mehr nötig, als sehr häufig einzelne Jahre heraus-
gegriffen werden, was dann zu falschen Schlüssen führt. Dies
erklärt sich vielleicht daraus, dass die amtliche Statistik sich
meistens begnügt, absolute Zahlen zu geben, und es natürlich kein
Vergnügen für den Prüfenden ist, viele trockene Zahlen rechne-
risch zu bewältigen.

Wir schicken, bevor wir zu den Resultaten übergehen, eine
Zahlenmasse als statistische Unterlage voraus, von der die abso-
luten Zahlen jeweils in dem betreffenden Jahrgange der Preuss.
Zeitschrift zu finden sind; die relativen Berechnungen daraus sind
vom Verf. gemacht.

Es betrug':

Jahr	die  Produktion	der  Erlös	die  Löhne	der Anteil der Löhne am Erlös	der Lohn pro t Kohlen- produktion	der Preis pro t (Halden- wert)
	in 1000 t	in 1000 M.	in 1000 M.	• %	M.	M.
		Oberberga	im tsb ezir	ic D 0 r t m u	n d.	
1886	28497	133 747	77 iss	57,7	2,71	4,66
1887	30 iS°	140038	78 430	56,0	2,60	4,62
1888	33 224	159 459	88 211	55,3	2,66	4,78
1889	33 855	184 971	105 476	57,0	3.12	5,45
1890	35 469	282 442	'32 339	46,9	3,73	7,94
I 891	37 402	312 780	146 172	46,7	3,9i	8,34
1892	36 854	271 664	1 34 930	49,7	3,66	7,35
1893	38613	247 557	134 616	54)4	3,49	6,40
1894	40 613	258 847	142 480	55.0	3,5i	6,36
lS95	41 146	273 933	145 456	53.i	3,54	6,65
1896	44 893	3°4 005	162 705	53.5	3.62	6,77
1897	48 424	340 571	192 945	56,7	3,99	7,03
1898	51 002	373 036	218 539	58,6	4,29	7,32
        <pb n="117" />
        ﻿109

Jahr	die  Produktion	der  Erlös	die  Löhne	der Anteil der Löhne am Erlös	der Lohn pro t Kohlen-	der Preis pro t (Halden-
					produktion	wert)
	in 1000 t	in 1000 M.	in 1000 M.	%	M.	M.
1899	54641	418374	249 965	59,8	4,58	7,66
1900	59 619	508 797	293 008	57,6	4,92	8,53
1901	58 448	512 185	289 791	56,6	4,96	8,76
1902	58039	486 775	267 6x4	54,9	4,61	8,39
seit 1886	+ •03.6%	+ 263,9 %	+246,7%	—4,9%	+70,1%	+ 80,0%
		Oberschlesien.				
1886	13 0I8	50698	19 638	38,7	1,51	3,89
1887	i3°93	49 601	19659	39,6	1,50	3,79
1888	14449	54461	21098	38,7	1,46	3,77
1889	15 753	61825	24 810	40, X	1,58	3,92
1890	16 870	84 651	32 429	38,3	1,92	5,02
1891	17 726	99 726	37 059	37,1	2,09	5,63
1892	16 437	92 663	36052	38,9	2,19	5,64
1893	17 110	95 799	34992	36,5	2,05	5,6o
1894	17 207	93 812	34729	37,0	2,02	5,45
189S	18 866	98 816	35 374	35-8	1,88	5,47
1896	19613	107 871	38 049	34,5	1,94	' 5,50
1897	20 628	115 369	40 661	35,2	1,97	5,59
1898	22 490	I31 301	45 359	34,5	2,02	5,84
1899	23 470	146 097	49676	34,o	2,12	6,22
1900	24 829	184 586	59 995	32,5	2,42	7,43
1901	25 252	213054	67 312	31,6	2,67	8,44
1902	24485	»95 318	64 947	33,2	2,65	7,98
seit 1886	+ 884%	+ 286,0%	+ 230-7%	— »4,2%	+75,5%	+ 105,1%
		N	iedersclilesien.			
1886	2 978	17 638	7 727	43,8	2,59	5,92
1887	3 094	18 152	8 494	46,7	2,72	5,87
1888	3 193	iS 551	8 800	47,4	2,75	5,8i
1889	3 248	20 668	9 856	47,7	3,03	6,36
1890	3205	25 565	11 650	45,6	3,63	7,98
1891	3 386	28 004	1 2 649	45,2	3,73	8,27
1892	3412	26 810	12 9x0	48,1	3,78	7,86
1893	3 596	26 652	&gt;2 553	47,1	3,49	7,4i
1894	3687	26 043	12 487	47,9	3,39	7,06
&gt;895	3 877	27 274	13 150	48,2	3,39	7,03
1896	4 066	28 434	13 932	49,0	3,43	6,99
1897	4 147	29 243	14839	50,7	3,58	7,05
1898	4 366	3» 584	15 861	50,2	3,63	7,23
1899	4489	34 389	17 307	50,3	3,86	7,65
1900	4767	43 825	20 145	45,9	4,23	9,i9
1901	4709	48 251	20 996	43,5	4,46	10,25
1902	4 57°	4i 936	19214	45,8	4,20	9,iS
seit 1886	+ 53.4%	+ 137,7%	+ 148,6%	+ 4,5 %	+62,1%	+ 55,o%
			Saargebiet.			
1886	6003	44 394	19 982	45,0	3,33	7,40
1887	6 154	44 336	19 725	42,5	3,21	7,20
1888	6 4t9	46 726	20 543	43,9	3,20	7,28
1889	6 276	50 575	23 948	47,4	3,82	8,06
1890	6 389	69 563	30 676	44,1	4,80	10,89
1891	6552	69 0x9	32 859	47,6	5,02	10,53
1892	6 393	63 748	3» 072	48,7	4,86	$.97
        <pb n="118" />
        ﻿I IO

Jahr	die  Produktion	der  Erlös	die  Löhne	der Anteil der Löhne  0 m rf rlöc	der Lohn pro t Kohlen-	der Preis pro t (Haiden-
				d.111 I5UU5	produlction	wert)
	in 1000 t	in 1000 M.	in 1000 M.	%	M.	M.
1893	6 024	55 077	25 641	46,4	4,25	9,H
1894	6 723	59 512	27 682	46,5	4,11	8,83
1895	7 023	62 506	28 424	45,5	4,05	8,90
1896	7 821	70 296	3' 3°5	44,5	4,00	8,99
1897	8.358	77 419	33 647	43,5	4,03	9,26
1898	8883	83 9S8	36 397	43,3	4,10	9,45
1899	9 127	92 262	38 779	42,0	4,25	IO,I 1
1900	9491	1 io 491	42 057	38,1	4,43	11,64
1901	9 460	II9 73I	43 703	36,5	4,62	12,66
1902	9 572	112 071	44 247	39,4	4,62	11,71
seit 1886	+ 59,4%	+ 152,4%	+■ 121,4%	— 12,4%	+ 32,4%	+ 58,2%
		Geb	ie t bei A	a c h e n.		
1889	1412	8 342	5887	70,6	4,17	5,9i
1890	1 4S5	9762	6 973	71,4	4,7°	6,57
1891	1 485	9 603	7 607	79,2	5,12	6,47
1892	1 405	8 263	7 054	85,4	5,02	5,88
1893	■ 438	8441	6 954	82,4	4,84	5,87
1S94	1 528	8 95&gt;	6 946	77,6	4,55	5,85
1895	1 607	9971	7 422	74,4	4,62	6,21
1896	1 669	12 867	7 843	61,0	4,7°	7.7i
1S97	1 763	12 238	8 773	71,7	4,98	6,94
1898	1 804	13 321	9637	72,3	5,34	7,38
1899	1 764	I48I4	10 710	72,3	6,07	8,40
1900	1 771	16 662	12 521	75,1	7,07	9,41
1901	1893	17 609	13 647	77,5	7,21	9,3°
1902	1 992	17 904	13 833	77,2	6,94	8,99
seit 1886	+ 41,0%	+ H4,6%	+134,9%	+9,3%	+ 66,4 %	+ 52+/0

Für die in den folgenden Zeilen mitzuteilenden Ergebnisse
genügt es, die 3 Zahlenreihen rechts zu betrachten.

Die Preise.

In dem Zeiträume 1886—1902 finden wir die höchsten Preise
im Saargebiete. Der Uebersichtlichkeit halber seien die
höchsten bezw. niedrigsten Preise, also die Eckpunkte der Kurven
aus obigen Zahlen noch einmal angeführt.

1886	1887	1890	1894	1901	1902

7,40	7,20	10,89	8,83	12,66	11,71.

Es folgen dann die Preise in Niederschlesien, O.B.B. Dort-
mund und im Aachener Gebiete.

Die Reihenfolge ist 1886: Niederschlesien 5,62 M.
pro t, Aachen 5,45, Dortmund 4,66. Seit 1888 steigen in
allen Gebieten die Preise und zwar in Dortmund und Nieder-
schlesien bis 1891. Jetzt aber hat der Preis pro t in Dortmund
        <pb n="119" />
        ﻿111

(8,34) den von Niederschlesien (8,27) überholt. Der Preis im
Aachener Gebiete steigt nur bis 1890 auf 6,57 M. pro t. 1891
ist demnach die Reihenfolge: Dortmund, Nieder Schlesien,
Aachen. In allen 3 Gebieten fallen dann bis 1894 die Preise
und zwar 1892 und 1893 in Dortmund besonders stark. Jetzt
(1 894) ist die Reihenfolge: Niederschlesien 7,06 M. pro t,
Dortmund 6,36 M. und Aachen 5,85 M. Von 1894—1897
zeigt sich ein allmähliches Anziehen der Preise (Aachen schnellt

1896	auf 7,71 M. pro t), sodass 1897 sich folgendes Bild ergibt:
Nieder Schlesien 7,05 M., Dortmund 7,03 M. und
Aachen 6,94 M. pro t. Nun steigen die Preise stetig: Nieder-
schlesien 1901 auf 10,25 M., Aachen 1900 auf 9,41 M.
und Dortmund 1901 auf 8,76 M. Bis 1902 fallen die Preise :
Nieder Schlesien auf 9,18 M., Aachen 8,99 M. und Dort-
mund 8,39 M.

Der Preis im O.B.B. Dortmund, dem grössten deutschen
Bergbaubezirke, hat, was absolute Höhe anlangt sowie die Be-
wegung von Jahr zu Jahr, im Verhältnis zu allen andern Bezirken
eine ruhige Entwicklung gezeigt. Er war 1901 nur 42 Pf. höher
als 1891, in Niederschlesien dagegen 1,98 Pf., im gleich zu be-
handelnden Oberschlesien gar um 2,35 M. Aber 1902 war ja
auch der Preissturz im O.B.B. Dortmund nicht so stark. Es dürfte
jedoch ratsam sein, über die im Vordergründe des Interesses
(und mit Recht!) stehende Preispolitik des Rheinisch-Westfälischen
Kohlensyndikats die Zustände der Preise in den andern Kohlen-
bezirken nicht zu übersehen. Denn nicht immer beherrscht der
Schüler sich so wie der Meister.

Tief unten steht im Jahre 1886 mit 3,89 M. der Preis pro t
Kohle in Oberschlesien. Er sinkt bis 1888, um dann 1891
auf 5,63 M. zu steigen. Dann beobachten wir bis 1894 ein ganz
geringes Fallen auf 5,45 M. Der Preis steigt darauf langsam bis

1897	auf 5,84 M., um dann stark bis 1901 auf 8,44 M. emporzu-
schnellen.

Somit ist 1902 die Reihenfolge in den Preisen: Saarge-
biet 11,71 M., N i e d e r s c h 1 e s i e n 9,18 M., Aachen 8,99 M.,
O.B.B. Dortmund 8,39 M. und Oberschlesien 7,98 M. pro t.

Der Lohn pro t Kohlen.

Er ist mit Ausnahme des Jahres 1890 am grössten beim
Steinkohlenbergbau bei Aachen. Er beträgt hier
        <pb n="120" />
        ﻿1 12

1889	1891	1894	1896	1901	1902

447	542	4.5 5	4,7°	7.21	6,94.

Es folgen dann die Gebiete O.B.B. Dortmund und an der Saar,
bei denen die Lohnkurven sich schneiden. Im Jahre 1886 finden
wir an der Saar 3,33 M. Lohn pro t, im O.B.B. Dortmund
2,71 M. Seit 1888 steigt der Satz in beiden Gebieten rapide bis
1890, langsamer 1891, sodass er in diesem Jahre an der Saar
5,02 M., im O.B.B. Dortmund jedoch nur 3,91 M. beträgt. Bis
1893 fallen dann wieder die Löhne pro t und zwar an der Saar
auf 4,25 M.; im O.B.B. Dortmund auf 3,49 M. Seit 1893 gehen
nun in beiden Gebieten die Wege auseinander. Es fällt der Lohn-
satz an der Saar bis auf 4,00 M. 1896, im O.B.B. Dortmund
dagegen steigt er in diesem Zeitraum (1893—1896) auf 3,62 M.
pro t. Seit 1896 steigt der Lohnsatz für den O.B.B. Dortmund
stetig bis auf 4,96 M. pro t 1901. Er hat 1896 den bis dahin
stets höheren Satz im Saargebiete überholt. In diesem Ge-
biete beträgt er 1901 4,62 M. Aber 1902 sinkt der Lohn pro t
im O.B.B. Dortmund auf 4,61 M. pro t, er ist damit 1 Pf.
unter dem des Saargebietes.

Am niedrigsten ist der pro t Kohle gezahlte Lohn in Ober-
schlesien. Er betrug 1886 1,51 M. pro t. Er steigt dann von
1888 (1,46 M.) auf 2,19 M. im Jahre 1892, fällt bis 1895 auf 1,88 M.,
um bis 1901 auf 2,67 M. zu fallen und 1902 2 Pf. niedriger zu sein.

Es war demnach im Jahre 1902 die Reihenfolge der Preise
und der Löhne pro t der Grösse nach folgende :

Preise

M.	11,71	Saargebiet

»	9,18	Niederschlesien

»	8,99	' Aachen

»	8,39	O.B.B. Dortmund

»	7,98	Oberschlesien

L ohne

M. 6,94 Aachen
» 4,62 Saargebiet
» 4,61 O.B.B. Dortmund
» 4,20 Niederschlesien
» 2,65 Oberschlesien.

Es ist also nicht richtig zu sagen, dass da, wo der Verkaufs-
preis am höchsten ist, es auch der Lohnanteil sei. Die in obigen
Tabellen mitgeteilten Zahlen über den Anteil der Löhne am
Erlös zeigen dies noch deutlicher.

Wir nehmen Aachen vorweg, da der Anteil hier grossen
Schwankungen unterworfen ist. Er ist jedoch in den Jahren 1889
bis 1902 am höchsten von den 5 Gebieten. Er beträgt
1889	1892	1896	1901	1902

70,6 %	85,4 %	61,0 %	77,3 %	77,2 %,
        <pb n="121" />
        ﻿er zeigt also infolge seiner Abhängigkeit vor allem von den (eben-
falls schwankenden) Preisen dieses Gebietes starke Differenzen.

Anders bei den übrigen 4 Gebieten.

Hier war der absoluten Höhe des Anteils nach im Jahre
1886 die Reihenfolge: O.B.B. Dortmund (57,7%), Saargebiet
(45,0 %), Niederschlesien (43,8 %) und Oberschlesien (38,7 %).
Dann sinkt der Anteil im O.B.B. Dortmund und im Saargebiete
etwas im Jahre 1887, in den beiden Schlesien dagegen steigt er.
Im Jahre 1889, dem Streikjahr, steigt dagegen in allen Gebieten
der Anteil, er beträgt nämlich jetzt im O.B.B. Dortmund 57,0%,
in Niederschlesien 47,7%, an der Saar 47,4% und in Ober-
schlesien 40,1%. In den Jahren 1890 und 1891 sehen wir über-
all (mit Ausnahme vom Saargebiete 1891) mit der starken Preis-
steigerung ein Fallen des Anteils der Löhne am Erlös einher-
gehen, und zwar besonders stark im Jahre 1890. Im O.B.B. Dort-
mund steigt dann in den Baissejahren 1892—94 der Anteil der
Löhne am Erlös, ebenso mit Ausnahme des Jahres 1893 in den
andern 3 Gebieten. Die Jahre 1895 und 1896 sind mit dem An-
ziehen der Preise die Jahre des fallenden Anteils der Löhne am
Erlös. Und während 1897—1898 der Anteil im O.B.B. Dortmund
steigt, fällt bezw. hebt er sich fast nicht in den 3 übrigen Ge-
bieten. Die Jahre 1900 und 1901, die Jahre derhohenPrei.se,
sehen in allen 4 Gebieten ein starkes Fallen des Anteils
der Löhne am Erlös. Im Jahre 1902 dagegen hebt er sich (mit
Ausnahme O.B.B. Dortmund) wieder, so dass wir folgende Reihen-
folge haben : Dortmund 54,9 % ; Niederschlesien 45,8 % ; Saarge-
biet 39,4 %; Oberschlesien 33,2 %.

Ein Gegenüberstellen der Preise mit dem Anteil der Löhne
am Erlös 1902 gibt folgendes Bild:

Preise

M. 11,71 Saargebiet
»	9,18	Niederschlesien

»	8,99	Aachen

»	8,39	O.B.B. Dortmund

*	7,98	Oberschlesien

Anteil der Löhne am Erlös
% 77&gt;2 Aachen
» 54,9 Dortmund
» 45,8 Niederschlesien
» 34,9 Saargebiet
» 33,2 Oberschlesien.

Es hat also das Saargebiet (da Oberschlesien sich ausgleicht)
die höchsten Preise, aber den niedrigsten Lohnanteil am Erlös,
während O.B.B. Dortmund beim niedrigsten Preise den zweit-
höchsten Lohnanteil hat.

Wollen wir an der Hand der zuletzt mitgeteilten Tatsachen
einen Schluss über das Verhältnis von Kapital und Arbeit am

Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Ergänzungsheft 19.	8
        <pb n="122" />
        ﻿Preise ziehen, so können wir sagen, dass besonders die Jahre, in
denen die Preise schnell steigen, die Gewinnjahre für das Kapital
sind, dass dagegen in den Baissejahren die Arbeit einen relativ
höheren Anteil am Preise hat. Dies zeigt sich ganz klar im O.B.B.
Dortmund, auch noch in Mederschlesien. In Oberschlesien, ganz
besonders an der Saar aber fällt dagegen seit 1894—1901 der
Anteil der Löhne am Erlös stetig. Es ist dies bei der Preis-
politik einerseits und der Lohnpolitik andererseits nicht wunderbar.
        <pb n="123" />
        ﻿____ .T. C. B. Mohb (Paul Sisbeck) int TPbingex.______________________

Volkswirtschaftliche Abhandlungen der Badischen Hochschulen.

Herausgegeben von Carl Johannes Fuchs, Heinrich Herkner, Karl Rathgen,
Gerhard von Schulze-Gävernitz, Max Weber.

I.	Band. i. Heft: Die Unternehmerverbände (Konventionen, Kartelle),
Ihr Wesen u. ihre Bedeutung. Von Dr. R. Liefmann. 1S97. Im Abonn. M. 4.—.
im Einzelv. M. 5.—. 2. Heft: Colberts politische u. volkswirtschaftliche Grund-
anschauungen. Von Dr. G. H. Hecht. 1898. Im Abonn. M. 1.60, im Einzelv.
M. 2.—. 3. Heft: Genueser Finanzwesen mit besonderer Berücksichtigung der
Casa di S. Giorgio: I. Genueser Finanzwesen vom 12. bis 14. Jahrhundert.
Von Dr. Heinrich Sieveking. 189S. Im Abonn. M. 5.—, im Einzelv. M. 6.—.

II.	Band: 1. Heft: Mannheim und die Entwickelung des südwest-
deutschen Getreidehandels. I. Geschichte des Mannheimer Getreidehandels.
Von Dr. Walter Borgius. 1899. Im Abonn, M. 5.—, im Einzelv. M. 6.—.
2. Heft: Mannheim und die Entwicklung des südwestdeutschen Getreidehan-
dels. 2. Heft: Gegenwärtiger Zustand des Mannheimer Getreidehandels. Von
Dr. Walter Borgius. 1899. Im Abonn. M. 2.50, im Einzelv. M. 3.—. 3. Heft:
Die Feldbereinigung auf der Gemarkung Merdingen. Eine agrarpolitische Studie.
Von Ernst Blum. Mit 3 lithographischen Tafeln und 2 Abbildungen im Text.
1899. Im Abonn. M. 2.—, im Einzelv. M. 2.50.

III.	Band. 1. Heft: Ueber Wesen und Formen des Verlags (der Haus-

industrie). Ein Beitrag zur Kenntnis der volkswirtschaftlichen Organisationsformen
von Dr. R. Liefmann. 1899. Im Abonn. M. 2.80, im Einzelverkauf M. 3.40.
2. Heft: Zehentwesen und Zehentablösung in Baden. Von Adolf Kopp. 1899.
im Abonn. M. 3.50, im Einzelv. M. 4.20.	3. Heft: Genueser Finanzwesen.

II. Die Casa di S. Giorgio. Von Dr. Heinrich Sieveking. 1899. Im
Abonn. M. 6.—, im Einzelv. M. 7.—.

IV.	Band. 1. Heft: Die gesetzlich geschlossenen Hofgüter des ba-

dischen Schwarzwaldes. Von Dr. Georg Koch. 1900. Im Abonn. M. 3.—,
im Einzelv. M. 4. —.	2. Heft: Agrargeschichte und Agrarwesen der Johanniter-

herrschaft Heitersheim. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des Breisgaus. Von
Dr. Joseph Elirler. 1900. Im Abonn. M. 2.—, im Einzelv. M. 2.50. 3. Heft:
Fichte’s Sozialismus und sein Verhältnis zur Marx’schen Doktrin. Von Ma-
rianne Weber. 1900. Im Abonn. M. 3.—, im Einzelverk M. 4.—.	4.	Heft:

Beiträge zur Sozialstatistik der deutschen Buchdrucker. Von Dr. Walter
Abelsdorff. Mit einer Vorbemerkung von Prof. Dr. Max Weber und vielen
Tabellen. 1900. Im Abonn. M. 2.So, im Einzelv. M. 4.—.	5. Heft: Konfession

und soziale Schichtung. Studie über die wirtschaftliche Lage der Katholiken und
Protestanten in Baden. Von Dr. Martin Offenbacher. Mit 4 in den Text
eingedruckten Karten u. mit Tabellen. 1900. Im Abonn. M. 2.80. im Einzelv. M. 4. —.

V.	Band: 1. Heft: Die Entwicklung des Sparkassenwesens im Gross-

herzogtum Baden. Von Dr. Friedrich Schulte. 1901. Im Abonn. M. 2.40,
im Einzelv. M. 3.50.	2. Heft: Beitrag zur Geschichte des Stadtwaldes von

Freiburg im Breisgau. Von August Gerber. Mit vielen Tabellen. 1901. Im
Abonn. M. 3.60, im Einzelv. M. 5.—. 3. Heft: Die Entwickelung des Handels mit
gebrauchsfertigen Waren von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1866 zu
Frankfurt a. M. Von Hugo Kanter. Mit Tabellen. 1902. Im Abonn. M. 4.—,
im Einzelv. M. 5.—.	4. Heft: Das Postwesen in der Kurpfalz im 17. und 18.

Jahrhundert. Von R. Grosse. 1902. Im Abonn. M. 2.50, im Einzelv. M. 3.—.
5. Heft: Die Allmenden im Grossherzogtum Baden. Eine historische, statisti-
sche und wirtschaftliche Studie. Von Dr. Bernhard Ellering. Mit 5 Tabellen
und 1 Karte. 1902. Im Abonn. M. 3.—, im Einzelv. M. 4.-—.

VI.	Band. 1. Heft: Die Wirkung der Handelsverträge auf Landwirt-
schaft, Weinbau und Gewerbe in Elsass-Lothringen. Von Leo Berkholz.
Mit einer Vorbemerkung von Prof. Dr. C. J. Fuchs und vielen Tabellen. 1902.
Im Abonn. M. 5.50, im Einzelv. M. 7.—. 2. Heft: Die russische Naphtaindustrie
und der deutsche Petroleummarkt. Von Hellmuth Wolff. Mit Tabellen und
2 Kartogrammen. 1902. Im Abonn. M. 2.80, im Einzelv. M. 3.60.

Boi Bezug von Bund I—-VI auf einmal werden die Hefte zum Abonnementspreis berechnet.
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        ﻿Veklag dee H. L a u p r ’ schen Buchhandlung in Tübingen.

1889 ift erfcfjieneit:

Trennung mm gtmtt mb IMImuhrtfrijttft

mts Jtnlaß iiuuilU'it Hrlu'ttsmnf('«mni5)imtbjö
im |toi)l£iilm*gbftM.

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Dr. gdjäffTc.

8. 5m. 3—.

SctmnUnbbrint auf! bei- ^eitfrfirift fi«i‘ bic flcfnmtc gtnnt^wiflcufrfinft.

Yeelag yon J. C. B. Mohk (Paul Siebeck) in Tübingen.

Archiv

für

Sozialwissensehaft und Sozialpolitik,

Neue Folge des Archivs für Soziale Gesetzgebung und Statistik.

(Begründet von Heinrich Braun.)

Herausgegeben von

Professor Werner Sombart	Professor Max Weber

in Breslau	in Heidelberg

und

Dr. Edgar Jaffe

in Heidelberg.

Alle 2 Monate erscheint ein Heft im Umfang von etwa if Druck-
bogen gross S. — Drei Hefte bilden einen Band.

Preis eines Bandes IÖ Mark, eines einzelnen Heftes f Mark.

Ein Heft der neuen Folge liefert jede gut geleitete Buclihandlung auf
Verlangen zur Ansicht.

Von den im „Archiv“ enthaltenen Aufsätzen seien hier folgende
hervorgehohen:

Aus Bd. XX, Heft 3 : Der Bergarbeiterstreik im Ruhrrevier. Von August
Brust in Altenessen, Landtagsabgeordneter, ehern. Vorsitzender des Ge-
samtverbandes der christl. Gewerkschaften Deutschlands.

Aus Bd. XXI, Heft 1: Die preussischen Berggesetznovellen. Von Georg
Gothein in Breslau, Bergrat a. D., Mitgl. d. R.

Aus Bd. XXI, Heft 2: Die Konzentration im Kohlenbergbau und das
prenssisehe Berggesetz. Von demselben. •

Ausführliche Prospekte über das „Archiv für Sozialwissensehaft
stehen zur Verfügung.

Druck von H. Laupp jr in Tübingen.
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die grösste Wasserhaltung hier die 1898 in Betrieb gesetzte
ir Zeche Ver. Maria, Anna und Steinbank mit 752 P.S.
}ung. Die elektrische Wasserhaltung bedeutet für die
“ hochbelasteten Schächte einen grossen Vorteil hinsicht-
ächaftlichkeit, Betriebssicherheit und Raumersparnis1),
edoch auch manche neue Vorsicht. Heute werden nur
rirdische Wasserhaltungsmaschinen gebaut2),
loch einige Zahlen anzuführen, die jedoch nicht allge-
tigkeit haben, sei erwähnt, dass bei einer Anzahl Was-
en im Ruhrbezirke die Gesamtbetriebskosten (10% Amor-
nd Verzinsung, Dampf und Unterhaltungskosten) pro
hobenem Wasser sich belaufen auf:
»ampfwasserhaltungen 2,57—9,66 Pf. Die Anlagekosten
(Maschinenraum und Maschine inklusive Rohrleitungen)
,ezw. 134000 M.;

ydraulischer Wasserhaltung z. B. auf 5,46 Pf. bei M.
.nlagekosten und

|Elektrischer Wasserhaltung z. B. 5,67 Pf. bei 218000 M.
jten8). (Alle absoluten Zahlen stehen infolge der Ma-
ise bei diesem Betriebszweige ganz besonders unter
sse der Konjunktur; es ist aber das Verhängnis dieses
eiges, dass gerade in Blütezeiten grosse Neuanschaf-
nötig werden.)

ler Wichtigkeit einer möglichst billigen Wasserhaltung
iden Betrieb wird aber einmal jenes geschilderte ge-
ojekt einer gemeinsamen Wasserhaltung für den grössten
ganzen Kohlenbeckens sich verwirklichen5): es wird
dann der umgekehrte, aber in der Entwicklung not-
egründete sein. Man wollte durch eine gemeinsame
ltung die Betriebe (technisch und wirtschaftlich) näher
r bringen. Aber die dargelegte Entwicklung schafft
_al wenige oder eine grosse Bergwerksgesellschaft, und
ei wird jener grosse kostensparende Fortschritt ermög-
: ein Unternehmerwille ist zu dem Plane notwendig,

‘ ■ IV. 316.	2) Entw. IV. 367.

'■ IV. 370.	4) Entw. IV. 144.

len dann unrentable Zechen (z. B. im wasserreichen südlichen Ruhr-
_älegt, so scheidet ihre Wasserhaltung nicht mehr aus dem Gesamtbe-
Bei isolierten Betrieben kann eine mit der Stilllegung einhergehende
isetzung einer Wasserhaltung diese Last einer oder mehreren Nachbar-
den und sie so technisch und wirtschaftlich schwer schädigen.
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