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        <title>Die Steigerung der Produktivität der deutschen Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert</title>
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            <forname>Joseph</forname>
            <surname>Rybark</surname>
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        </author>
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            <idno>877373647</idno>
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        9  H
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        Die  Steigerung

der

im
neunzehnten  Jahrhundert.

Von
Dr.  Joseph  Rybark.

BERLIN.
Verlagsbuchhandlung  Paul  Parey.
Verlag  filr  Landwirtschaft,  Gartenbau  und  Forstwesen.
SW.,  Hedemannstrasse  10.
1905.
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        Die  Steigerung

4,

der

[An  Landwi

im

neunzehnten  Jahrhundert.

Von

Dr.  Joseph  Rybark.

BERLIN.
Verlagsbuchhandlung  Paul  Parey.
Verlag  für  Landwirtschaft,  Gartenbau  und  Forstwesen.
SW.,  Hedemannstrasse  10.
1905.
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        mtsMut,Mi

F

Sonderabdruck  aus:
„Mitteilungen  der  Landw.  Institute  der  Königl.  Universität  Breslau“
Band  IU,  Heit  4.
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        Inhalt,

Einleitung
Die  epochale  Bedeutung  des  Überganges  des  18.  in  das  19.  Jahrhundert  für
die  deutsche  Landwirtschaft.  —  Schwierigkeiten  einer  zahlenmässigen  Darstellung ­
  des  Fortschritts  seit  jener  Zeit.  —  Die  Schätzungen  Delbrücks,
P.  Wagners  u.  a.
Das  Wachstum  des  Ackerlandes  und  die  Entwickelung  der  Anbauverhältnisse  Deutschlands ­
  im  19.  Jahrhundert
Vorbemerkung.  —  Die  Ausdehnung  des  Ackerlandes  in  Preussen  zu  Beginn
des  19.  Jahrhunderts.  —  L.  Krugs  Betrachtungen  über  den  Nationalreichtum
des  preussischen  Staates.  —  Schätzungen  Schmollers,  Conrads  u.  a.  ■—
Beurteilung  des  Krugschen  Buches.  —  Berichtigung  der  Krugschen  Aussaattabellen. ­
  —  Die  relative  Aussaatmenge.  —  Die  neben  dem  Getreide  angebauten
Feldfrüchte  und  ihre  Plazierung  in  der  Dreifelderwirtschaft.  —  Berechnung
der  Ackerfläche  nach  Massgabe  des  Gebiets,  welches  Preussen  1864  einnahm.  —
Würdigung  des  Ergebnisses.  —  Das  Wachstum  des  Ackerlandes  in  Altpreussen
von  1802—1864—1900.  —  Erklärung  dafür.  —  Der  Anteil  der  einzelnen  Fruchtarten ­
  an  der  gesamten  Ackerfläche.  —  Das  Ackerland  und  die  Anbauverhältnisse ­
  in  den  übrigen  deutschen  Staaten  und  in  Gesamt-Deutschland.
Die  Steigerung  der  relativen  und  absoluten  Ernteerträge  während  des  ganzen  Jahrhunderts ­

Die  Steigerung  der  Boherträge  auf  einzelnen  Gütern.  —  Würdigung  dieser
Einzeldarstellungen.  —  Mitteilungen  Thaers,  Krugs  u.  a.  über  die  relativen
Erträge  vor  100  Jahren.  —  Zusammenfassung  und  Vergleich  mit  den,  Durchschnittserträgen ­
  1893/99.  —  Die  Steigerung  der  absoluten  Getreideerträge.  —
Vergleich  mit  dem  Wachstum  der  Bevölkerung.  —  Würdigung  und  Erklärung
der  Ergebnisse.  —  Die  Getreideausfuhr  Deutschlands  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts. ­
  —  Die  Mehlausbeute  früher  und  jetzt.  —  Die  Verfütterung  von
Brotgetreide.  —  Der  steigende  Weizenbedarf.
Die  Entwickelung  der  letzten  Jahrzehnte  im  besondern
Tabellen  und  Erläuterungen.  —  Entwickelung  des  Zuckerrübenbaus.  —  Zusammenfassung. ­

Die  deutsche  Viehzucht  im  19.  Jahrhundert
Die  Hauptergebnisse  der  Viehzählungen  in  Preussen,  Bayern,  Sachsen,  Württemberg ­
  und  Baden.  —  Bemerkungen  zu  den  Tabellen.  —  Der  Viehstand  Preussens
im  Jahre  1802  nach  Krug.  —  Die  vermutliche  Grösse  des  Viehstandes  in  den
fünf  genannten  Staaten  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  in  Vergleich  gesetzt
zu  den  Ergebnissen  der  Viehzählung  von  1900.  —  Der  niedrige  Stand  der
deutschen  Viehhaltung  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts.  —  Das  Gewicht  und
die  Leistungen  des  Rindviehs  früher  und  jetzt.  —  Momente,  welche  die  Roherträge ­
  aus  der  Rindviehhaltung  im  Laufe  des  Jahrhunderts  erhöht  haben.  —
Die  Schweinehaltung  einst  und  jetzt.  —  Die  Schafzucht.  —  DielZiegenhaltung.
        <pb n="6" />
        IV

Seite
Die  Steigerung  der  Fleischerzeugung  43
Vorbemerkung.  —  Die  Berechnungen  Martins,  Lichtenfelts,  Huckerts
und  des  Freiherrn  von  der  Goltz.  —  Widerlegung  der  Annahme  Huckerts,
dass  infolge  der  Beduktion  des  Schlachtalters  beim  Bindvieh  von  1873—1892
eine  Beschleunigung  des  Umsatzes  um  mindestens  25  °/ 0  eingetreten  sei.  —
Die  Steigerung  der  Fleischgewinnung  von  den  einzelnen  Tierarten  während
des  ganzen  Jahrhunderts.  —  Das  Mengenverhältnis  der  einzelnen  Fleischarten
zueinander,  berechnet  nach  den  Ergebnissen  der  Viehzählungen  von  1900
und  1892.  —  Zunahme  der  Gesamtproduktion  an  Fleisch  während  des  ganzen
Jahrhunderts.  —  Vergleich  mit  dem  Wachstum  der  Bevölkerung.
Die  Steigerung  der  gesamten  landwirtschaftlichen  Produktion  49
Zusammenfassung  der  verschiedenen  landwirtschaftlichen  Produkte  unter  einen
gemeinsamen  Nenner.  —  Die  landwirtschaftliche  Gesamtproduktion  Deutschlands
im  Jahre  1900/01  und  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts.  —  Vergleich  mit  dem
Wachstum  der  Bevölkerung.  —  Schluss.
        <pb n="7" />
        $

Einleitung.
Die  eigenartige  territoriale  und  politische  Entwickelung  Deutschlands
in  dem  abgelaufenen  Jahrhundert  hat  es  mit  sich  gebracht,  dass  wir  erst
seit  der  Gründung  des  neuen  Reiches  eine  „deutsche“  Statistik  und  daher
auch  bezüglich  der  landwirtschaftlichen  Entwickelung  Deutschlands  nur
für  die  letzten  drei  Jahrzehnte  miteinander  unmittelbar  vergleichbare  Ziffern
besitzen.  Gleichwohl  kann  derjenige,  welcher  bei  der  Darstellung  dieser
Entwickelung  den  Zusammenhang  von  Ursache  und  Wirkung  richtig  hervortreten ­
  lassen  will,  sich  nicht  mit  der  Betrachtung  der  letzten  drei  Jahrzehnte ­
  begnügen;  denn  wenn  auch  die  Begründung  des  Reiches,  die  gleichzeitig ­
  einsetzende  überseeische  Getreidekonkurrenz  und  andere  Momente
dieser  Zeit  auf  die  deutsche  Landwirtschaft  einen  grossen  Einfluss  ausgeübt ­
  haben,  so  war  dieser  Einfluss  doch  mehr  äusserlicher  Natur;  diejenigen ­
  Gründe,  welche  die  ganze  innere  Entwickelung  der  deutschen  Landwirtschaft ­
  im  vorigen  Jahrhundert  bestimmt  haben  und  welche  in  dem
Aufblühen  der  Wissenschaft  und  Technik,  in  sozialen  und  agrarrechtlichen
Umwälzungen  und  tief  einschneidenden  wirtschaftspolitischen  Massnahmen
liegen,  reichen  weiter,  gehen  in  der  Hauptsache  bis  an  den  Anfang  des
19.  Jahrhunderts  zurück.
Am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  steckte  die  deutsche  Landwirtschaft
im  wesentlichen  noch  in  den  mittelalterlichen  Verhältnissen,  wie  sie  kurz
durch  die  Unfreiheit  des  Bauern  und  des  Bodens  und  die  Scliablonenhaftigkeit
  der  alten  Dreifelderwirtschaft  bezeichnet  werden.  Allerdings
hatte  das  rege  Geistesleben  der  zweiten  Hälfte  dieses  Jahrhunderts  auch
die  Landwirtschaft  nicht  unberührt  gelassen.  Männer  wie  Leopoldt,
Eckhart,  Reichart  und  vor  allem  Schubart  suchten  sich  von  dem
Regelwerk  der  alten  Autoren  und  Praktiker  frei  zu  machen  und,  gestützt
auf  eigene  Beobachtungen  und  Versuche,  neue  Wege  zur  Verbesserung
des  landwirtschaftlichen  Betriebes  einzuschlagen  und  zu  empfehlen.  Im
Verein  mit  den  Kameralisten,  denen,  damals  die  Vertretung  der  Landwirtschaftslehre ­
  an  den  Universitäten  oblag,  bekämpften  sie  die  Hauptschäden ­
  der  damaligen  Landwirtschaft,  die  ihre  Wurzel  besonders  in  der
feudalen  Gebundenheit  und  den  unhaltbaren  agrarrechtlichen  Verhältnissen
hatten.  Unterstützt  wurden  sie  von  den  Physiolcraten,  welche  die  staatliche
und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Landwirtschaft  und  des  bis  dahin
verachteten  und  vernachlässigten  Bauernstandes  in  das  rechte  Licht  zu
rücken  suchten.  So  waren  die  Geister  auf  allen  Seiten  geweckt.  Die
Gebildeten  und  Vornehmen,  welche  es  bis  dahin  unter  ihrer  Würde  gehalten
l
        <pb n="8" />
        2

hatten,  sich  mit  landwirtschaftlichen  Dingen  abzugeben,  begannen  nun  ein
grosses  Interesse  für  die  Landwirtschaft  an  den  Tag  zu  legen.  Die  Folge
war  die  Bildung  einer  Reihe  von  Vereinen,  „ökonomischen  Gesellschaften“, 1 )
welche  Landwirte,  Gelehrte  und  Staatsmänner  in  sich  vereinigten  und  sich
die  Hebung  und  Pflege  der  Landwirtschaft  zur  Aufgabe  machten.  Auch
die  Könige  und  Fürsten  der  damaligen  Zeit  zeigten  sich  von  den  besten
Absichten  für  das  Wohl  der  Landwirtschaft  beseelt.  Bekannt  ist  die
Fürsorge,  welche  Friedrich  II.,  Maria  Theresia,  Joseph  n.  der  Landwirtschaft ­
  und  dem  Bauernstände  gewidmet  haben.
Trotz  dieser  ganzen  Reg-  und  Strebsamkeit  waren  aber  die  erzielten
Erfolge  nicht  von  durchschlagender  Art.  Der  Hang  am  Alten,  die  Furcht,
durch  die  Neuerungen  wirkliche  oder  vermeintliche  Vorteile  aufgehen  zu
müssen,  waren  noch  zu  gross,  um  ein  allgemeines  einheitliches  Vorgehen
zu  ermöglichen.  Viele  Privilegien  und  Missbrauche  hatten  auch  zu  lange
geherrscht,  um  nicht  schliesslich  als  natürlich  und  gerecht  empfunden  und
verteidigt  zu  werden;  viele  Vorurteile  waren  zu  tief  eingewurzelt,  um
schnell  und  leicht  besiegt  zu  werden.  Vor  allem  waren  es  die  agrarrechtlichen, ­
  die  gutsherrlich-bäuerlichen  Verhältnisse,  deren  Regulierung
auf  hartnäckigen  Widerstand  und  die  grössten  Schwierigkeiten  stiess.  Erst
der  Sturm  der  französischen  Revolution  und  die  Not  der  napoleonischen
Kriege  haben  hier  Wandel  geschaffen  und  die  nötige  Bereitwilligkeit  zur
Durchführung  der  unabweisbaren  Reformen  erzeugt;  es  folgte  in  Preussen,
dessen  Agrarverhältnisse  am  rückständigsten  waren,  die  Stein-Hardenbergsche
  Gesetzgebung,  der  sich  in  vielen  Stücken  auch  die  übrigen
Staaten  anschlossen.
Nachdem  durch  diese  Gesetzgebung  die  Bahn  für  den  technischen  Fortschritt ­
  frei  gemacht  war,  wurde  dieser  selbst  kräftig  in  die  Wege  geleitet.
Besonders  waren  es  zwei  Männer,  welche  auf  die  Neugestaltung  und  Verbesserung ­
  des  landwirtschaftlichen  Betriebes  den  grössten  Einfluss  ausgeübt ­
  haben:  am  Rhein  und  in  Süddeutschland  Job.  Nep.  Schwerz  und
in  Norddeutschland  Alb  recht  Thaer.  Letzterer  war  es  auch,  welcher
aus  der  Fülle  seiner  praktischen  Erfahrung  und  wissenschaftlichen  Durchbildung ­
  die  Landwirtschaftslehre,  welche  bis  dahin  von  seiten  der  meist
praktisch  ungeschulten  Kameralisten  nur  eine  kümmerliche  Pflege  erfahren
hatte,  zu  einem  System  ausbaute  und  zu  einer  selbständigen  Wissenschaft
erhob.  Seine  „Grundsätze  der  rationellen  Landwirtschaft“  sind  ein  halbes
Jahrhundert  lang  für  die  ganze  landwirtschaftliche  Praxis  massgebend
gewesen  und  sind  im  Gebiete  der  allgemeinen  Wirtschaftslehre  auch  heute
noch  nicht  veraltet.
Der  Übergang  des  18.  in  das  19.  Jahrhundert  bedeutet  somit  für
die  deutsche  Landwirtschaft  den  Anbruch  einer  neuen  Epoche  und  ist

1 )  Genannt  seien:  die  Leipziger  ökonomische  Sozietät,  die  landwirtschaftliche
Gesellschaft  zu  Celle,  die  physikalisch-ökonomische  Sozietät  zu  Lautern,  die  kurbayrische
Landesökonomiegesellschaft  in  Oberbayern,  die  patriotische  Gesellschaft  in  Schlesien  zu
Breslau,  die  ökonomische  Sozietät  zu  Potsdam  etc.
        <pb n="9" />
        3

darum  besonders  geeignet,  als  Ausgangspunkt  für  einen  geschichtlichen
Rückblick  zu  dienen.
Die  gesamten  Fortschritte,  welche  seit  jener  Zeit  auf  landwirtschaftlichem ­
  Gebiete  gemacht  worden  sind,  finden  einen  umfassenden  Massstab
an  der  Steigerung  der  landwirtschaftlichen  Produktion.  Dass  eine  solche
Steigerung  stattgefunden  hat,  ist  im  allgemeinen  ebenso  leicht  zu  erkennen,
als  es  im  besondern  schwer  hält,  genauer  ziffernmässig  den  Grund  und  das
Mafs  derselben  zu  bestimmen.  Diese  Schwierigkeit  hat  ihren  Grund  nicht
nur  darin,  dass  wir  aus  dem  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  nur  wenig
zuverlässigere  statistische  Daten  besitzen,  sondern  auch  darin,  dass  sich
diese  Daten  meist  auf  Gebiete  andern  Umfangs  beziehen;  denn  die  meisten
deutschen  Staaten  haben  im  Laufe  des  vorigen  Jahrhunders  bedeutende
territoriale  Veränderungen  durchzumachen  gehabt,  und  zwar  nicht  nur
hinsichtlich  der  äusseren  Landesgrenzen,  sondern  vielfach  auch  bezüglich
der  einzelnen  Provinzen  und  Verwaltungsbezirke  im  Innern,  so  dass  die
alten  Ziffern,  seien  sie  amtlicher  Natur  oder  privater  Schätzung,  mit  den
späteren  Ergebnissen  der  Statistik  überhaupt  nicht  oder  nur  nach  weitschweifigen ­
  Umrechnungen  in  Vergleich  gestellt  werden  können.  Dazu
kommt,  dass  die  „deutsche  Landwirtschaft“  selbst  kein  innerlich  einheitlicher ­
  Begriff  ist.  Bedingt  durch  die  verschiedenen  Boden-,  Klima-  und
sonstigen  Verhältnisse,  ist  und  war  dieselbe  anders  in  Ostpreussen  und
anders  am  Rhein,  anders  in  Schleswig-Holstein  und  anders  in  Schlesien,
anders  in  Mecklenburg  und  anders  in  Baden.  Dieser  Umstand  lässt  bei
den  ergänzenden  Schätzungen,  die  man  zur  Ausfüllung  der  statistischen
Lücken  anstellen  muss,  eine  Übertragung  der  in  einem  bestimmten  Landesteile ­
  gefundenen  Verhältnisse  auf  ein  anderes  Gebiet  nicht  ohne  weiteres
zu  und  erschwert  die  Aufstellung  mittlerer,  für  das  ganze  Reich  gültiger
Durchschnittszahlen.  Trotz  dieser  Schwierigkeiten  geht  unser  Bestreben
in  der  vorliegenden  Arbeit  dahin,  auch  die  älteren  Verhältnisse,  soweit
dieselben  für  die  Produktivität  der  Landwirtschaft  von  Belang  sind,  ziffernmässig ­
  zu  bewerten,  sie  den  Ergebnissen  der  Statistik  am  Schlüsse  des
Jahrhunderts  gegenüberzustellen  und  so  ein  zalilenmässiges  Gesamtbild
von  der  Steigerung  der  Produktivität  der  deutschen  Landwirtschaft  während
des  ganzen  vorigen  Jahrhunderts  zu  geben.  Wer  freilich  jeglicher  Ivonjekturalstatistik
  abhold  ist  und  nur  diejenigen  Ziffern  gelten  lässt,  die  ihm
die  amtliche  Statistik  an  die  Hand  gibt,  der  wird  wahrscheinlich  unser
Unterfangen  missbilligen.  Wir  sind  aber  der  Ansicht,  dass  ein  annähernd
sicheres  Wissen  besser  ist  als  gar  keius,  und  dass  der  Wissenschaft  mehr
gedient  ist,  wenn  man  feststellen  kann:  die  landwirtschaftliche  Produktivität
ist  im  letzten  Jahrhundert  um  200—220  %  —  ein  gewisser  Spielraum  der
Unsicherheit  bleibt  natürlich  immer  vorhanden  —  gestiegen,  als  wenn  man
nur  sagen  kann:  der  Fortschritt  ist  bedeutend,  gross  oder  sehr  gross  und
dabei  doch  über  das  wirkliche  Mafs  dieses  Fortschritts  ganz  im  unklaren  bleibt.
Wer  aber  andrerseits  von  einer  Arbeit  nicht  mehr  verlangt,  als  nach  Lage
der  objektiven  Verhältnisse  geboten  werden  kann,  der  wird  —  so  wollen  wir
hoffen  —  aus  der  folgenden  Darstellung  immerhin  einigen  Nutzen  ziehen  können.
1*
        <pb n="10" />
        4

Unter  den  vielen  Äusserungen,  welche  ans  den  letzten  Jahren  zum
Thema  der  Steigerung  der  landwirtschaftlichen  Produktion  vorliegen,  ist
besonders  eine  Auslassung  M.  Delbrücks  viel  bemerkt  worden,  der  in
wenigen  Worten  und  noch  weniger  Ziffern  den  ganzen  Fortschritt  in  der
landwirtschaftlichen  Entwickelung  des  vorigen  Jahrhunderts  darzustellen
sucht. 1 )  Greifen  wir  nur  diejenige  Stelle  heraus,  welche  für  unsere  Frage
am  meisten  in  Betracht  kommt,  so  sagt  D.:  „Wenn  man  die  Geschichte
einzelner  Gutswirtschaften  heranzieht,  so  ist  es  kein  Zweifel,  dass  die  Erzeugung ­
  von  Getreide  auf  dem  Morgen  sich  in  diesen  100  Jahren  verdoppelt ­
  hat.  Diese  Verdoppelung  ist  nicht  erzielt  durch  eine  Vergrösserung
der  Anbaufläche,  sondern  durch  verbesserte  Kultur.  Gewiss  soll  die  Neukultivierung ­
  von  Grund  und  Boden,  die  Herbeiziehung  der  Moorkultur
nicht  gering  angeschlagen  werden,  aber  der  eigentliche  Erfolg  liegt  in  den
Verbesserungen  der  Kulturmethoden  selbst.  Zu  dieser  Mehrproduktion
in  Körnerfrüchten  ist  hinzuzureehnen  die  ganze  Ernte  unserer  Hackfrüchte,
wenigstens  derjenigen,  die  die  Hauptmasse  ausmachen  —  der  Kartoffeln
und  der  Rüben.  Der  Anbau  beider,  noch  im  18.  Jahrhundert  begonnen,  ist
doch  ein  ausschliesslicher  Erfolg  des  neunzehnten.  Ihr  Anbau  bis  zur  jetzigen
gewaltigen  Ausdehnung  konnte  ermöglicht  werden  ohne  eine  wesentliche
Verringerung  des  Areals  für  Körnerhau,  denn  ihnen  fielen  zu  die  Flächen,
welche  durch  die  Überwindung  der  Brachwirtschaft  frei  wurden.  Hierin
liegt  die  ungeheure  Bedeutung  des  Hackfruchtbaues,  denn  wenn  man  die
Trockensubstanz,  welche  durch  ihre  Ernte  dem  Felde  abgerungen  wird,
vergleicht  mit  der  Menge  des  Stoffes,  welche  der  Getreideanbau  liefert,
so  sind  die  Summen  fast  gleich.  Getreidebau  und  Hackfruchtbau  liefern
die  gleiche  Summe  an  Nährsubstanz.  Hat  die  Körnerernte  sich  verdoppelt,
wird  binzugefügt  der  Hackfruchtbau,  ein  reiner  Zuwachs  und  in  der
Substanzmenge  der  Körnerernte  gleich,  beide  zusammen  die  Hauptmasse
des  Pflanzenbaues  darstellend,  so  ist  das  Ergebnis:  die  landwirtschaftliche
Produktion  im  Pflanzenbau  hat  sich  im  vergangenen  Jahrhundert  vervierfacht.“ ­

D.  nimmt  hier  ganz  allgemein  an,  dass  sich  die  Erzeugung
von  Getreide  auf  dem  Morgen  in  den  letzten  100  Jahren  verdoppelt  hat,
und  beruft  sich  dafür  auf  die  Geschichte  einzelner  Gutswirtschaften.  Wir
besitzen  nicht  viel  derartige  Einzeldarstellungen;  wohl  die  meisten  derselben
(von  26  Gütern)  hat  bereits  P.  Wagner 2 )  in  seiner  Dissertation  berücksichtigt ­
  und  berechnet,  dass  die  durchschnittliche  Ertragssteigerung  auf
den  verglichenen  Gütern  betrage:  bei  Weizen  das  1,50fache,  Roggen
1,63,  Winterung  zusammen  1,57  fache,  bei  Gerste  1,64,  Hafer  1,96,
Sommerung  zusammen  1,80  fache.  Dieses  Resultat  weicht  also  nicht  unerheblich ­
  von  der  D.sehen  Annahme  ab.  Wenn  ferner  die  Neukultivierung
von  Grund  und  Boden,  die  Herbeiziehung  der  Moorkultur  nicht  gering
0  Die  deutsche  Landwirtschaft  an  der  Jahrhundertwende.  Festrede  gehalten  in
der  Königlichen  Landwirtschaftlichen  Hochschule  zu  Berlin  am  12.  Januar  1900.  Verlag
von  P.  Parey  in  Berlin.
-)  Die  Steigerung  der  Roherträge  in  der  Landwirtschaft  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts. ­
  Jena  1896.
        <pb n="11" />
        5

anzuschlagen  ist,  so  muss  diesem  Umstande  bei  der  Bildung  des  Resultates
auch  Rechnung  getragen  werden.  Wie  wir  noch  darzustellen  haben  werden,
ist  das  Ackerland  in  Deutschland  um  43%,  die  Getreideanbaufläche  um
35%  gestiegen:  Ziffern,  die  für  die  Gesamtproduktion  sehr  wesentlich  ins
Gewicht  fallen.  Auch  die  Behauptung,  dass  Getreidebau  und  Hackfruchtbau
die  gleiche  Summe  an  Nährstoffsubstanz  liefern,  ist  wenig  zutreffend.  Im
Jahre  1900  wurden  geerntet:  229,5  Mill.  D.-Ztr.  Getreide  mit  197,4  Mill.
D.-Ztr.  Trockensubstanz,  405,8  Mill.  D.-Ztr.  Kartoffeln  mit  101,5  Mill.
D.-Ztr.  Trockensubstanz,  136,4  Mill.  D.-Ztr.  Zuckerrüben  (auf  460940  ha
ä  296  D.-Ztr.)  mit  25,2  Mill.  D.-Ztr.  Trockensubstanz  und  147,5  Mill.
D.-Ztr.  Futterrüben  (auf  498194  ha  ä  296  D.-Ztr.)  mit  17,7  Mill.  D.-Ztr.
Trockensubstanz.  Es  standen  sich  also  gegenüber  197,4  Mill.  D.-Ztr.
Trockensubstanz  in  den  vier  Getreidearten  und  144,4  Mill.  D.-Ztr.  Trockensubstanz ­
  in  Kartoffeln  und  Rüben.  Noch  grösser  wird  aber  der  Unterschied,
wenn  man  nicht  nur  die  Körner  mit  den  Knollen  und  Wurzeln,  sondern
—  wie  es  im  vorliegenden  Falle  richtiger  wäre  —  die  Summen  der  gesamten ­
  Pflanzensubstanz  (Körner  und  Stroh  einerseits,  Knollen  und  Kraut
und  Wurzeln  und  Blätter  andrerseits)  miteinander  vergleicht.  Das  gesamte
Getreidestroh  liefert  nämlich  mindestens  10  mal  soviel  Trockensubstanz,
als  Kartoffelkraut  und  Rübenblätter  zusammen.  Schliesslich  kommen  für
die  gesamte  Pflanzenproduktion  nicht  nur  das  Getreide  und  die  Hackfrüchte,
sondern  zum  mindesten  auch  noch  die  Futterpflanzen  in  Betracht,  welche
im  Jahre  1900  10%  der  Ackerfläche  einnahmen,  während  sie  zu  Beginn
des  19.  Jahrhunderts  nur  verhältnismässig  spärlich  angebaut  wurden.  Nach
all  dem  Gesagten  wird  das  Ergebnis:  „die  landwirtschaftliche  Produktion
im  Pflanzenbau  hat  sich  im  vergangenen  Jahrhundert  vervierfacht“  als
hinfällig  erscheinen  müssen.
Auf  die  übrigen  Schriften  und  Äusserungen  über  die  Ertragssteigerung
der  deutschen  Landwirtschaft  können  wir  hier  nicht  näher  eingehen.  Nur
aus  der  schon  genannten  Schrift  P.  Wagners  sei  noch  erwähnt,  dass
der  Verfasser  aus  der  bei  den  verglichenen  Gütern  beobachteten  relativen
Ertragssteigerung  und  dem  Wachstum  des  Ackerlandes  bis  1893,  das  er
mit  25  %  einschätzt,  auf  eine  Gesamtsteigerung  der  Körnerernte  beim
Wintergetreide  von  100  auf  187V 2 ,  heim  Sommergetreide  von  100  auf
220—250  schliesst.  Die  andern  Schriftsteller,  auf  die  wir  teilweise  noch
im  Laufe  unserer  Untersuchung  zurückkommen  werden,  berühren  entweder
unser  Thema  nur  gelegentlich  oder  beschränken  sich  bei  der  Untersuchung
auf  kürzere  Perioden  oder  kleinere  Gebiete  oder  einzelne  Zweige  der
Landwirtschaft.  Die  umfassende  Frage  nach  der  Steigerung  der  gesamten
landwirtschaftlichen  Produktion  während  des  ganzen  vorigen  Jahrhunderts
ist  unseres  Wissens  bis  jetzt  noch  nirgends  zahlenmässig  erschöpfend  und
abschliessend  beantwortet  worden.  Die  vorliegende  Abhandlung  soll  ein
Versuch  nach  dieser  Richtung  hin  sein.
        <pb n="12" />
        6

Das  Wachstum  des  Ackerlandes  und  die  Entwickelung
der  Anbauverhältnisse.
Den  landwirtschaftlichen  Rohertrag  eines  Landes  ermittelt  man  in
der  Regel  aus  der  Grösse  der  in  Kultur  genommenen  Fläche  und  dem
durchschnittlichen  Ertrage  von  der  Flächeneinheit.  Bei  dem  Mangel  an
ausreichenden  statistischen  Daten  müssen  wir  aber  darauf  verzichten,  für
den  Anfang  des  neunzehnten  Jahrhunderts  die  verschiedenen  Kulturarten
und  Anbauverhältnisse  Deutschlands  in  der  Differenzierung  und  Ausführlichkeit ­
  ermitteln  zu  wollen,  wie  sie  die  heutige  Agrarstatistik  bietet.  Wir
vermögen  also  auch  nicht  die  Erträge  der  verschiedenen  Zweige  der  landwirtschaftlichen ­
  Produktion  nach  der  Mannigfaltigkeit  ihrer  Erzeugisse  im
einzelnen  so  vollständig  darzustellen,  dass  sich  durch  ihre  Sümmierung  der
Gesamtertrag  der  Landwirtschaft  auf  direktem  Wege  berechnen  liesse.
Diese  Gesamtertragsberechnung  werden  wir  am  Schlüsse  auf  einem  andern
Wege  durchzuführen  suchen.  Im  einzelnen  dagegen  müssen  wir  uns,  soweit ­
  zunächst  der  Ackerbau  in  Betracht  kommt,  auf  die  Ermittelung  der
Grösse  des  Ackerlandes  und  der  Anbauflächen  und  Ernteerträge  der  wichtigsten ­
  Pflanzenarten  beschränken.
Wir  beginnen  mit  demjenigen  Staate,  welcher  die  verhältnismässig
meisten  statistischen  Daten  aufzuweisen  hat  und  welcher  auch  wegen  der
Grösse  seines  Gebietes  in  erster  Linie  in  Betracht  kommt:  mit  Preussen.
Als  Quelle  für  die  Erkenntnis  der  wirtschaftlichen  und  besonders  auch  der
landwirtschaftlichen  Zustände  Preussens  zu  Beginn  des  neunzehnten  Jahrhunderts ­
  dienen  vornehmlich  Leopold  Krugs  Betrachtungen  über  den
Nationalreichtum  des  preussischen  Staats  und  über  den  Wohlstand  seiner
Bewohner.  Berlin  1805.  In  dieser  Schrift  berechnet  Krug  das  Ackerland
Preussens  für  das  Jahr  1802  auf  24130390  Morgen  oder  3 / 16  des  damaligen ­
  Gebietes.  Mit  dieser  Feststellung  Krugs  beschäftigt  sich  schon
G.  Schmoller  in  einer  älteren  Abhandlung. 1 )  Er  hält  die  Ziffer  für  zu
niedrig  und  meint,  dass  schon  auf  das  kleinere  Gebiet,  welches  Preussen
im  Jahre  1816  einnahm,  mindestens  24  Mill.  Morgen  Ackerland  zu  rechnen
seien.  Conrad,  der  in  seinen  „Agrarstatistischen  Untersuchungen“ 2 )  gegen
die  Ausführungen  Schm  oll  er  s  Stellung  nimmt,  hält  auch  in  dieser  Beschränkung ­
  die  Zahl  von  24  Mill.  noch  für  zu  klein;  denn  wenn  man  die
damalige  Bevölkerung  Preussens,  die  sich  von  dieser  Oberfläche  ernährte,
in  Betracht  ziehe,  so  müsste  man,  zumal  da  Preussen  damals  noch  Getreide
exportierte,  einen  viel  höheren  Ertrag  von  der  Flächeneinheit  annehmen,
als  es  den  damaligen  landwirtschaftlichen  Verhältnissen  nach  angemessen
erscheine.  Weiterhin  sei  auch  die  Basis  der  Krugschen  Berechnung  —
die  Aussaatmenge  —  eine  durchaus  unsichere  und  überdies  habe  Krug
einen  Fehler  bei  der  Berechnung  der  Brache  begangen,  indem  er  für  dieselbe ­
  statt  V 2  nur  1 / 3  der  besäten  Fläche  in  Anrechnung  gebracht  habe.
1 )  Die  Grösse  des  preussischen  Viehstandes  in  der  Zeit  von  1802—1867.  Neue
Landwirtschaftliche  Zeitung  von  Fühl  in  g  XIX.  Jahrg.  1870.
2 )  Jahrbücher  für  Nat.  und  Stat.  Bd.  18.
        <pb n="13" />
        7

Conrad  lässt  daher  die  Krugschen  Ziffern  ganz  fallen;  sein  Gewährsmann ­
  ist  Hassel, 1 )  welcher  als  Ackerland  Preussens  um  das  Jahr
1819  42767914  Morgen  anführt.
Conrad  hält  diese  Hasselsche  Ziffer  für  viel  vertrauenswürdiger
als  die  Berechnung  von  Krug,  weil  er,  wenigstens  an  dieser  Stelle,  der
Meinung  ist,  dass  Hassel  seine  Angaben  in  der  Hauptsache  den  amtlichen
Publikationen  von  Hofmann 2 )  entnommen  habe.  Nachträglich  hat  sich
aber  Conrad  selbst  davon  überzeugt,  dass  jene  Annahme  irrig  war;  er
schreibt  an  einer  anderen  Stelle: 3 )  „Es  ist  uns  nicht  gelungen,  zu  ermitteln,
welcher  Quelle  Hassel  jene  Zahlen  entnommen,  da  die  von  ihm  zitierten
Hofmann  sehen  Schriften  so  wenig  wie  andere  von  jenem  Autor  dieselben
enthalten.  Wir  vermuten  aber,  dass  sie  Regierungsakten  entstammen,
welche  auf  Grund  der  in  den  Jahren  von  1810—1812  vorgenommenen
Landesvermessungen  und  Kartierungen  jene  Zusammenstellungen  der  Kulturverhältnisse ­
  enthielten,  auf  welche  jene  Arbeiten,  wie  bekannt,  Rücksicht
nahmen.“
Ich  vermag  nicht  zu  entscheiden,  ob  und  wieweit  die  Vermutung
Conrads,  Hassel  habe  sein  Zahlenmaterial  Regierungsakten  entnommen,
zutrifft  oder  nicht.  Jedenfalls  hat  aber  Hofmann,  der  doch  als  Direktor
des  statistischen  Bureaus  das  betreffende  Material,  soweit  solches  vorhanden
war,  wohl  kennen  musste,  dasselbe  nicht  nur  nicht  benutzt,  sondern  er
schreibt  geradezu: 4 )  „Es  fehlt  zurzeit  noch  an  Nachrichten,  wieviel  von
der  ganzen  Fläche  des  Staats  Ackerland,  wieviel  natürliche  Wiese  ist,  wieviel ­
  unangebaut  zur  Viehweide  dient,  wieviel  zu  Forstland  benutzt  wird,
wieviel  die  Weinberge,  die  Gemüse-  und  Obstgärten  und  die  Bauplätze
betragen,  welchen  Raum  endlich  die  Gewässer,  die  Moore,  die  wüsten
Sandschellen  und  die  Felsen  einnehmen,  und  wahrscheinlich  werden  noch
viele  Jahre  und  Arbeiten  erfordert,  ehe  diese  Nachrichten  vom  ganzen
Staate  mit  Zuverlässigkeit  gegeben  werden  können.“  In  gleichem  Sinne
schreibt  derselbe  Autor  noch  im  Jahre  1821: 5 )  „Es  wäre  sehr  zu  wünschen,
dass  durch  Vermessung  bekannt  wäre,  wieviel  Morgen  in  jedem  Kreise
das  angebaute  Land,  die  Wiesen,  Weideplätze  einnehmen.“
Diese  Äusserungen  der  massgebenden  amtlichen  Stelle  wären  doch
wohl  nicht  erfolgt,  wenn  wirklich  ausgiebiges  zuverlässiges  Material  vorhanden ­
  gewesen  wäre.  Die  Auslassungen  Ho  fm  an  ns  sprechen  vielmehr
dafür,  dass  das  letztere  nicht  der  Fall  war.  Schliesslich  sagt  doch  auch
Hassel  selbst,  dass  manche  seiner  Angaben  „freilich  nur  auf  oberflächlichen
Berechnungen  der  Hufenzahl  beruhen  mögen“.

*)  Vollständiges  Handbuch  der  neuesten  Erdbeschreibung  von  Ad.  Ohr.  Gaspari
G.  Hassel  und  J.  G.  Pr.  Cannabich.  I.  Abteil.,  3.  Bd.,  bearbeitet  von  Dr.  G.  Hassel.
Weimar  1819.  S.  32  f.
2 )  Übersicht  der  Bodenfläche  und  Bevölkerung  des  preussischen  Staats,  aus  den  für
das  Jahr  1817  amtlich  eingezogenen  Nachrichten.  Berlin  1818.
3 )  Jahrbuch  für  Nat.  und  Stat.  Bd.  18,  8.  379.
4 )  Übersicht  der  Bodenfläche  etc.  S.  7.
5 )  Beiträge  zur  Statistik  des  preussischen  Staats  S.  37.
        <pb n="14" />
        8

Unter  diesen  Umständen  bleibt  die  Zuverlässigkeit  der  Hasselsclien
Angaben  zweifelhaft.
Für  das  Jahr  1802  berechnet  übrigens  Conrad  die  Ackerfläche
Preussens  in  der  Weise,  dass  er  aus  den  Angaben  Hassels  für  1817  und
den  offiziellen  Zahlen  für  1865  den  durchschnittlichen  Zuwachs  an  Ackerland ­
  für  ein  Jahr  berechnet  und  dann,  dieselbe  Durchschnittszahl  auch  für
die  Zeit  vor  1817  zur  Grundlage  nehmend,  für  1802  subtrahendo  die  Zahl
39225000  Morgen  findet.
Von  andern  Schriftstellern,  die  sich  zu  derselben  Sache  äussern,  weist
Mucke  an  der  einen  Stelle 1 )  nur  auf  die  Schm  oll  er-Conrad  sehe  Differenz ­
  und  die  Schwierigkeit  einer  richtigen  Ermittelung  der  Ackerfläche
im  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  hin;  an  einer  andern“ 2 )  nimmt  er  als
Ackerland  Preussens  für  das  Jahr  1805  10200000  ha  an.  Peter  Wagner 3 )
stimmt  den  Ausführungen  Conrads  zu.  Traugott  Müller  schreibt  in
der  Denkschrift:  Die  deutsche  Landwirtschaft  auf  der  Weltausstellung  in
Paris  1900: 4 )  „Nim  veranschlagt  man  in  Preussen  den  Umfang  der  kultivierten ­
  Oberfläche  im  Anfang  des  Jahrhunderts  auf  a /l6  oder  18,75  %
der  Gesamtfläche  des  Landes.  Nimmt  man  die  Brachfläche,  welche  nicht
mit  eingerechnet  ist,  hinzu,  so  würde  das  gesamte  Ackerland  etwa  25  %
des  ganzen  Landes  ausgemacht  haben.“  Es  wird  hier  zwar  die  Quelle
nicht  angegeben,  doch  deutet  die  Zahl  3 / 10  offenbar  auf  Krug,  denn  dieser
gibt  die  Ackerfläche  Preussens  in  dieser  Weise  an.  In  diesen  3 / 16  ist
aber  die  Brache  mit  inbegriffen,  wie  aus  Krug  I,  S.  74,  Tabelle  Sp.  3
hervorgeht.  Übrigens  wird  in  der  obigen  Berechnung  Müllers  die  Brache
auch  nur  auf  1 / i  der  Ackerfläche  eingeschätzt.  Mit  Müller  bezw.  mit
Krug  nimmt  auch  Ludw.  Pohle 5  &amp;amp; )  den  Umfang  des  preussischen  Ackerlandes ­
  für  das  Jahr  1802  auf  18 3 / 4  %  der  Gesamtfläche  der  Monarchie  an.
Wir  haben  nun  schon  oben  gesehen,  welche  Bedenken  namentlich
von  seiten  Conrads  gegen  die  Krugsche  Ziffer  geltend  gemacht  werden.
Krug  hat  die  Brache  falsch  berechnet  und  schon  aus  diesem  Grunde
entsprechen  seine  3 / 10  oder  18,75  °/ 0  nicht  der  Wirklichkeit.  Aber  dieser
Fehler  Hesse  sich  ja  leicht  korrigieren,  ohne  dass  man  die  Krugschen
Angaben  ganz  fallen  zu  lassen  brauchte.  Viel  schwerer  wiegt  dagegen
der  Vorwurf,  dass  die  Grundlage  seiner  Berechnungen,  die  Aussaattabellen,
durchaus  unsicher  seien.  Conrad  beruft  sich  für  diese  seine  Behauptung
auf  einen  Bericht  der  westpreussischen  Kriegs-  und  Domänenkammer  zu
Marienwerder  vom  22.  Dezember  1798,  in  welchem  „ausdrücklich  gesagt
ist,  dass  man  nicht  in  der  Lage  sei,  etwas  Zuverlässiges  zu  bieten,  und
dass  die  Angabe  über  die  Aussaat  jedenfalls  zu  niedrig  sei“.  Ferner  führt
0  Der  Umfang  des  Getreidebaues  in  Deutschland;  Zeitschrift  des  König!  Stat.
Bureaus  1882.
2 )  Deutschlands  Getreideertrag.  Greifswald  1883.
3 )  Die  Steigerung  der  Roherträge  in  der  Landwirtschaft  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts. ­
  Jena  1896.
J )  In  dem  einleitenden  Aufsatz:  Deutschlands  Landwirtschaft,  ihre  Entwickelung
im  19.  Jahrhundert  und  ihre  wirtschaftliche  Gesamtbedeutung  in  der  Gegenwart,  S.  35.
&amp;amp; )  Deutschland  am  Scheidewege.  Leipzig  1902.
        <pb n="15" />
        9

er  eine  Bemerkung  Tliaers  an,  „dass  in  der  Regel  die  Angaben  der  Ein-'
saat  sowohl  wie  des  Körnerertrages,  woraus  die  Kammertabellen  angefertigt
werden,  unter  der  Wahrheit  bleiben“.
Man  wird  diesen  Bemerkungen  zustimmen  müssen;  denn  es  ist  von
vornherein  wahrscheinlicher,  dass  die  Landwirte  bei  ihren  Angaben  etwas
übersehen  oder  als  zu  geringfügig  unerwähnt  lassen,  als  dass  sie  etwas
hinzudichten  sollten.  Aber  bat  nicht  an  diesem  Übelstande  selbst  die
moderne  Statistik  noch  bis  zu  einem  gewissen  Grade  zu  leiden?  Es  ist
doch  unter  Umständen  schon  von  Wert,  von  einer  bestimmten  Angabe
sagen  zu  können,  dass  sie  „unter“  der  Wahrheit  liegt;  man  weiss  dann
wenigstens,  in  welcher  Richtung  die  volle  Wahrheit  zu  suchen  ist.  In
dem  vorliegenden  Falle  haben  wir  also  in  den  Aussaattabellen  Minimalzahlen ­
  vor  uns  und  müssen  diesem  Umstande  Rechnung  tragen;  wenn  aber
Conrad  den  Marienwerder  Fall  verallgemeinert  und  meint,  dass  die  Krugschen
  Angaben  über  die  Aussaat  überhaupt  nur  auf  allgemeiner  Schätzung
beruhen  und  darum  ganz  unsicher  seien,  so  steht  seine  Auffassung  nicht
im  Einklang  mit  den  Äusserungen  Krugs,  der  uns  selbst  darüber  Aufschluss ­
  gibt,  wie  die  Zahlen  gewonnen  worden  sind.  „Die  Tabellen  von
der  Aussaat“,  schreibt  er, 1 )  „und  dem  Durchschnittsertrage  aller  Grundstücke ­
  und  von  der  Menge  des  vorhandenen  Viehes  aller  Art  sind  nicht
bloss  die  brauchbarsten  Quellen  zu  einer  berechnenden  Statistik,  sondern
sie  sind  auch  glücklicherweise  die  glaubwürdigsten  unter  allen,  und  die
fortgesetzte  Aufmerksamkeit  der  höheren  Staatsbehörden  kann  ihnen  eine
Vollkommenheit  und  eine  über  alle  Zweifel  erhabene  Sicherheit  geben,
welche  von  allen  vorher  genannten  statistischen  Notizen  unmöglich  ist.
Diese  Tabellen  werden  im  einzelnen  durch  die  Schulzen  auf  den  Dörfern,
die  Beamten  auf  den  Ämtern  und  die  Magistrate  in  den  Städten  aufgenommen, ­
  und  hier  kann  der  Aufmerksamkeit  der  örtlichen  Unterbehörden
nicht  leicht  ein  Scheffel  Aussaat  entgehen,  da  diese  Offizianten  die  Feldflur
ihres  Ortes  genau  kennen  und  vielleicht  willkürliche  und  zu  geringe  Angabe
einzelner  Ackerbesitzer  schon  nach  ihrer  Kenntnis  des  Bodens  zu  beurteilen
wissen;  noch  leichter  ist’s,  bei  der  Angabe  vom  Viehstande  Fehler  zu
vermeiden  und  Verleugnungen  zu  entdecken  —  und  so  kann  dieses  Tabellenwesen ­
  mit  völligem  Rechte  die  sicherste  Grundlage  staatswirtschaftlicher
Berechnungen  sein.“
Man  braucht  den  Optimismus  Krugs  nicht  ganz  zu  teilen,  soviel
steht  indessen  fest:  die  Quellen,  die  er  benutzte,  waren  amtlicher  Natur
und  die  besten,  die  damals  überhaupt  zu  haben  waren.  Das  Krugsche
Werk  hat  denn  auch  den  zeitgenössischen  und  spätem  Schriftstellern,  die
sich  mit  den  staats-  und  volkswirtschaftlichen  Verhältnissen  Preussens
befassten,  stets  als  Grundlage  gedient.  So  schreibt  auch  August  Meitzen
in  seinem  bekannten  Werke  über  die  landwirtschaftlichen  Verhältnisse  des
preussischen  Staates: 2 )  „Die  Resultate  dessen,  was  mit  den  damaligen
b  Betrachtungen  über  den  Nationalreichtum  Bd.  I,  S.  23.
2 )  August  Meitzen,  Der  Boden  und  die  landwirtschaftlichen  Verhältnisse  des
preussischen  Staates.  1.  Bd.  Berlin  1868.  S.  2.
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        10

Mitteln  erreichbar  war,  liegen  in  den  Arbeiten  Leopold  Krugs  aus  jener
Zeit  vor,  namentlich  in  den  1805  erschienenen,  in  ihrer  Bedeutung  in
hohem  Grade  anerkannten  ,Betrachtungen  über  den  Nationalreichtum  des
preussischen  Staates',  auf  die  sich  die  Vergleichung  der  früheren  Zustände
im  wesentlichen  stützen  muss.“  Bezüglich  der  Materie  aber,  die  uns  hier
besonders  angeht,  schreibt  er  an  einer  andern  Stelle: 1 )  „Einige  Vergleichungen ­
  gestatten  auch  Krugs  ,Betrachtungen  über  den  Nationalreichtum ­
  des  preussischen  Staates';  indes  bedürfen  seine  Flächennachweise
so  durchgreifender  Klarstellungen,  Reduktionen  und  Berichtigungen,  dass
sie  nicht  ohne  weiteres  verwendbar  sind.“  Krug  hat  eben  bei  den  Berechnungen, ­
  die  er  auf  sein  an  sich  ziemlich  zuverlässiges  Quellenmaterial
„aufbaute“,  doch  viele  Fehler  und  Ungenauigkeiten  begangen,  und  wir
düi'fen  uns  nun  die  Mühe  nicht  verdriessen  lassen,  die  notwendigen  „durchgreifenden ­
  Klarstellungen,  Reduktionen  und  Berichtigungen“  durchzuführen,
wenn  wir  überhaupt  brauchbares  Material  für  unsere  weiteren  Betrachtungen ­
  gewinnen  wollen.
Beginnen  wir  mit  der  Tabelle  auf  S.  74  des  ersten  Teiles, 2 )  so  finden
wir  daselbst  als  Summe  der  Aussaatmengen  für  die  Provinzen,  von  welchen
Aussaattabellen  Vorlagen,  die  Zahl  852460  Wispel  zusammen  für  Weizen,
Roggen,  Gerste  und  Hafer  angegeben.  Hier  ist  zunächst  ein  Additions-(oder
  Druck-)  fehler  richtig  zu  stellen.  Die  Zahl  müsste  lauten:  856460.
Zuvor  sind  aber  noch  die  Posten  Breslau  und  Glogau  zu  berichtigen.  Die
betreffenden  Zahlen  müssen  lauten:  für  Breslau  137652,  für  Glogau
52641  Wispel.  Krug  hat  nämlich  bei  der  Umrechnung  der  Breslauer
Scheffel  in  das  Berliner  Mafs  offenbar  ein  abgekürztes  Verfahren  eingeschlagen.
  Das  Verhältnis  des  Breslauer  Mafses  zu  dem  Berliner  ist,
wie  Krug  selbst  angibt,  dieses:  100  Breslauer  Scheffel  =  142  Scheffel
ID/jo  Metzen  Berliner  Mafs. 3 )
Die  dreifach  korrigierte  Summe  muss  also  lauten:  856768  Wispel.
Dazu  kommen  noch  einige  Provinzen,  von  denen  keine  Aussaattabellen
Vorlagen, 4 )  für  welche  daher  Krug  wegen  ihrer  westlichen  Lage  die  Aussaatmenge ­
  nach  dem  Verhältnis  der  übrigen  8  bezw.  9  westlichen  Provinzen 5 )
berechnet.  Die  richtige  Durchführung  dieser  Berechnung  ergibt  aber
folgende  Zahlen:

9  Bd.  II,  S.  26.
2 )  Es  würde  zu  weit  führen,  hier  alle  Tabellen  und  Berechnungen  Krugs,  sowie
die  überall  notwendigen  Berichtigungen  und  Reduktionen  in  extenso  vorzuführen.  Wir
bringen  hier  nur  das  Wesentlichste,  um  den  bei  unserer  Untersuchung  eingeschlagenen
Weg  und  die  Ergebnisse  mitzuteilen,  und  müssen  den  geneigten  Leser  im  übrigen  auf
das  Krug  sehe  Werk  selbst  verweisen.
3 )  A.  a.  0.  I,  S.  43,  Anm.
4 )  Es  sind  dies  die  Provinzen:  Ansbach,  Baireuth,  Hildesheim,  Münster,
Erfurt,  Eichsfeld,  Paderborn,  Neuchatel  und  Vallengin  mit  zusammeu  354  0Meilen
Gesamtfläche.
°)  nämlich:  Magdeburg,  Halberstadt,  Ostfriesland,  Kleve,  Mark,  Minden,  Kavensberg,
Tecklenburg  und  Lingen.
        <pb n="17" />
        11

AVeizen  10755  AVispel,
Roggen  30181  „
Gerste  22356  „
Hafer  23913  „

Summa:  87205  AVispel,
während  Krug  nur  86200  AVispel  herausrechnet.
Die  Aussaatmenge  in  den  vier  Hauptgetreidearten  beträgt  sonach  für  die
gesamte  Monarchie  damaligen  Umfangs  856768  +  87205  =  943973  AVispel
(bei  Krug  nur  942660  AVispel).
AVelche  Fläche  ist  nun  damit  besät  worden?
Krug  nimmt  bei  allen  vier  Getreidearten  als  Aussaateinheit  pro  Morgen
20  Metzen  oder  l 1 ,/ 4  Scheffel  Berliner  Mafs  au.  AVir  werden  aber  zweifellos
ein  richtigeres  Resultat  erhalten,  wenn  wir  etwas  mehr  nach  den  einzelnen
Getreidearten  unterscheiden.  AVieviel  damals  pro  Morgen  auszusäen  üblich
war,  darüber  geben  uns  die  landwirtschaftlichen  Schriftsteller  jener  Zeit
Auskunft.  Thaer  schreibt  in  seinen  „Grundsätzen  der  rationellen  Landwirtschaft“ ­
 1 )  folgendes:  „Da  die  Begriffe  einer  starken  und  schwachen
Einsaat  nur  relativ  sind,  so  müssen  wir  zuvor  den  einen  mittleren  oder
gewöhnlichen  bestimmen,  und  dies  ist  nicht  schwierig,  da  wir  in  Ansehung
des  gewöhnlichen  Aussaatquantums  eine  unerwartete  Übereinstimmung  bei
allen  Nationen  und  in  allen  Klimaten  sogar  antreffen.  Die  mittlere  Aussaat ­
  ist,  wenn  wir  Acker-  und  Getreidemafs  auf  das  unsrige  reduzieren,
zwischen  18  und  20  Berliner  Metzen  auf  den  Magdeburger  Morgen,  von
allen  gewöhnlichen  Getreidearten  bis  auf  den  Hafer,  der  in  der  Regel  auch
allenthalben  um  1 / i  oder  um  die  Hälfte  stärker  ausgesät  wird.“  „Die
gewöhnliche  Aussaat  der  Erbsen  ist  der  des  Getreides  gleich:  1  Scheffel
bis  20  Metzen  pro  Morgen.“ 2 )  Grosse  Unterschiede  waren  in  der  Aussaatmenge ­
  insofern  nicht  vorhanden,  als  man  damals  fast  ausnahmslos  noch
alles  mit  der  Hand  säte.
AVir  nehmen  nach  dem  Gesagten  als  durchschnittliches  Aussaatquantum
an:  bei  AVeizen,  Roggen  und  Gerste  18  Metzen,  bei  Hafer  24  Metzen
pro  Morgen.  Die  943973  AVispel  Aussaat  verteilen  sich  auf  die  einzelnen
Getreidearten  wie  folgt:
AVeizen  66140  AVispel,
Roggen  417488  „
Gerste  183052  ,,
666680  AVispel.
Hafer  277293  AVispel. 3 )
9  Neue  Ausgabe  von  Krafft,  Lehmann,  Thaer  und  Thiel.  Berlin  1880.
Seite  799.
2 )  Seite  869.
3 )  Dies  die  richtigen  Zahlen,  die  sich  nach  mehrfachen  Berichtigungen  der  Krugschen
Ziffern  ergeben.
        <pb n="18" />
        12

Als  besäte  Fläche  ergibt  sich  also: 1 )
mit  Weizen,  Roggen  und  Gerste  zusammen  14  222  506 2 /o  Morgen,
„  Hafer  4436688
18659195  Morgen.
Nehmen  wir,  um  die  Rechnung  im  Sinne  Krugs  zu  Ende  zu  führen,
die  Hälfte  davon  =  9  329  597  Morgen  als  Brache  an,  so  erhalten  wir  als  Ackerfläche ­
  für  den  gesamten  Staat  18659195  +  9329597  =  27988792  Morgen
(bei  Krug  nur  24130390  Morgen).
Mit  diesem  Resultate  dürfen  wir  uns  aber  noch  nicht  zufrieden  geben,
denn  dabei  sind  nur  die  vier  Hauptgetreidearten,  nicht  aber  auch  die
übrigen  Früchte  wie  Buchweizen,  Hülsenfrüchte,  Kartoffeln  etc.  berücksichtigt. ­
  Weiterhin  müssen  wir,  um  dann  Vergleiche  mit  der  spätem
Zeit  anstellen  zu  können,  diejenige  Fläche  in  Betracht  ziehen,  die  der
preussische  Staat  nach  1815  einnahm.  Wir  scheiden  also  zunächst  die
polnischen  Provinzen  Kalisch,  Warschau,  Plock  und  Bialystok  aus,  welche
zusammen  1328  preussische  □  Meilen  =  2951111.1  Morgen  einnahmen.  Auf
diese  Fläche  kamen  nach  Krug  an  Aussaat  139850  Wispel,  und  zwar  an
Weizen,  Roggen  und  Gerste  97692  Wispel,  an  Hafer  42158.
Als  besäte  Fläche  haben  wir  also  anzunehmen:
2084096  Morgen  mit  Weizen,  Roggen  und  Gerste,
674528  „  „  Hafer,
im  ganzen  2758624  Morgen  und  darum  als  Ackerfläche  2758624  +  1379313
=  4137936  Morgen.
Ziehen  wir  diese  von  der  für  den  ganzen  Staat  gefundenen  Ziffer  ab,
so  erhalten  wir:
Der  ganze  Staat  123463569  Morgen  Gesamtfläche 2 ):  27  988792  Morgen  Acker,
4  poln.  Provinz.  29511111  „  „  4137936  „
Staat  ohne  die
poln.  Provinzen  93952458  Morgen  Gesamtfläche  :  23850856  Morgen  Acker.
Welchen  Raum  nahm  nun  auf  diesen  93952458  Morgen  die  mit
Hülsenfrüchten,  Buchweizen  etc.  bestellte  Fläche  ein?  Die  nachstehende
Tabelle  gibt  uns  darüber  Auskunft;  in  derselben  sind  die  Aussaatmengen
der  einzelnen  Fruchtarten  mit  den  nötigen  Korrekturen  nach  den  Angaben ­
  Krugs  zusammengestellt.  Die  durchschnittliche  Stärke  der  Aussaat
pro  Morgen  ist  unter  Berücksichtigung  aller  einschlägigen  Momente  nach
Angaben  von  Thaer, 8 )  Koppe, 4 )  Block 5  * )  u.  a.  bestimmt  worden.  Das
Ganze  ergibt  folgendes  Bild:
4 )  Ein  Wispol  =  24  Scheffel  ä  16  Metzen.
2 )  Nach  der  heutigen  Annahme,  vergl.  Meyers  Konv.-Lexikon  Art.  Preussen.  Krug
giht  weniger  genau  5586  □  Meilen  =  124133333  Morgen  au.
3 )  Grundsätze  der  rationellen  Landwirtschaft.
4 )  Unterricht  im  Ackerbau  und  in  der  Viehzucht.  10.  Aull,  von  E.  Wolff.
Berlin  1873.
5 )  Mitteilungen  landwirtschaftlicher  Erfahrungen,  Ansichten  und  Grundsätze.  2.  Aufl.
Breslau  1837.
        <pb n="19" />
        13

Eruchtart:

Aussaatmenge
im  ganzen  pro  Morgen

Besäte  Fläche

Erbsen....

40039  Wispel

18  Metzen

854165V 3

Morgen.

Linsen  ....

452  „

12  „

14464

11

Wicken  .  .  .

3943

12  „

126176

11

Hirse  ....

384  „

3  „

49152

11

Bohnen  .  .  .

.  1041  „

2  Scheffel

12492

11

Buchweizen  .  .

.  14800

9  Metzen

631466 2 / 3

11

Kartoffeln  .  .  .

.  133455  „

7  Scheffel

457560

11

Lein  und  Hanf  .

.  18725

20  Metzen

359520

11

Rübsaat  .  .  .

239

172  „

61184

11

Sommerkorn  .  .

1230

16  „

29520

11

Hopfen....

11

11

4621

11

Tabak  ....

n

11

20578

11

Zichorien  .  .  .

51

11

4130

11

Kümmel  .  .  .

11

11

1461

11

2626490  Morgen.

Es  fragt  sich  nun,  wieviel  von  diesen  2626490  Morgen  auf  das
Hauptfeld  (Winter-  und  Sommerfeld)  und  wieviel  auf  das  Brachfeld  zu
rechnen  ist.
Im  Wesen  der  Dreifelderwirtschaft  lag  es,  dass  2 / 3  des  Ackers  alljährlich ­
  bebaut  und  1 / 3  brach  gelassen  wurde.  Man  hielt  sich  aber  nicht
streng  an  diese  Einteilung.  In  sehr  extensiven  Wirtschaften  wurde  vielfach ­
  mehr  als  Vs  brach  gelassen,  während  man  an  andern  Orten  und  zu
andern  Zeiten  auch  das  Brachfeld  teilweise  bebaute.  Zu  Thaers  Zeiten 1 )
ging  das  Bestreben  dahin,  die  Brachhaltung  möglichst  überflüssig  zu  machen,
indem  man  empfahl,  die  sogen.  Brachfrüchte  in  dieselbe  zu  bauen.  Doch
wurde  die  Abschaffung  bezw.  Einschränkung  der  Brache  im  wesentlichen
Mafse  erst  nach  Durchführung  der  Separation,  Abschaffung  der  Weideservitute ­
  etc.  möglich.  Auch  darf  man  sich  durch  die  Bezeichnung  „Brachfrüchte“ ­
  nicht  zu  der  Auffassung  verleiten  lassen,  dass  die  mit  diesem
Namen  belegten  Früchte  nur  in  das  Brachfeld  gebaut  wurden.  Das  Wort
besagt  nur,  dass,  wenn  die  Brache  bebaut  wurde,  man  sie  in  der  Regel
mit  diesen  Früchten  bestellte.  Der  grössere  Teil  dieser  Früchte  kam
damals  aber  noch  in  das  Hauptfeld.  Wir  haben  ein  Beispiel  dafür  an
dem  Breslauer  Kammer-Departement,  das  uns  Krug  S.  99  vorführt.
Rechnen  wir  die  daselbst  angegebenen  Aussaatmengen  auf  das  Berliner
Mafs  um  und  bestimmen  die  damit  besäte  Fläche,  so  erhalten  wir  folgendes ­
  Bild:
Es  kamen
in  das  Sommerfeld:
an  Buchweizen  53804  Scheffel,  9  Metzen  pro  Morgen  =  95652  Morgen,
„  Hülsenfrüchten  115394  „  16  „  „  „  =  115394
211046  Morgen,  9
9  Man  vergl.  z.  B.,  was  Thaer  in  seinen  Grundsätzen  der  rationellen  Landwirtschaft
über  die  Besömmerung  der  Brache  sagt.
        <pb n="20" />
        14

an  Sommerkorn

in  das  Brachfeld:
17724  Scheffel,  16  Metzen  pro  Morgen  =  17724  Morgen,

„  Kartoffeln

382337

„  7  Scheffel  „

„  =  54619  „

„  Buchweizen

14546

„  9  Metzen  „

„  =  25860  „

„  Hülsenfrüchten

16114

„  =  16114  „

114317  Morgen.

Nun  sind  hierbei  verschiedene  Früchte  wie  Tabak  und  Lein  nicht
angeführt,  auch  wirkt  das  Sommerkorn,  das  nur  bei  Schlesien  besonders
erwähnt  wird,  etwas  störend,  sonst  würde  das  Verhältnis  von  2  :  1  wahrscheinlich ­
  noch  deutlicher  zum  Ausdruck  kommen.  Da  Schlesien  im  übrigen
zwischen  dem  intensiver  bewirtschafteten  Westen  und  dem  extensiver
bebauten  Nordosten  der  Monarchie  etwa  in  der  Mitte  stand,  so  können  die
hier  gefundenen  Verhältnisse  als  Durchschnitt  für  die  ganze  Monarchie  gelten.
Wir  verrechnen  also  die  2626490  Morgen  mit  Hülsenfrüchten  etc.  bestellte ­
  Fläche  für  die  Bestimmung  der  Ackerfläche  in  der  Weise,  dass  wir  2 / 8
davon  =  1750993  Morgen  zu  der  mit  den  vier  Hauptgetreidearten  bestellten
Fläche  hinzuaddieren  und  von  der  so  gefundenen  Zahl  die  Hälfte  als  Brachfeld ­
  bestimmen,  in  welches  zugleich  das  letzte  Drittel  der  „Brachfrüchte“  kam.
Die  auf  den  93952458  Morgen  mit  den  vier  Hauptgetreidearten ­
  besäte  Fläche  betrug  =15900571  Morgen.
Dazu  2 / 3  der  mit  Hülsenfrüchten  etc.  bestellten  Fläche  =  1750993  „
17651564  Morgen.
Dazu  die  Hälfte  als  Brachfeld  =  8825782  „
26477  346  Morgen.
Auf  den  93952458  Morgen  Gesamtfläche  hätten  wir  also  zunächst
ein  Ackerland  von  26477346  Morgen  anzunehmen.
Das  preussische  Kataster,  welches  in  den  Jahren  1861—1864  zum
erstenmal  eine  genaue  Vermessung  des  ganzen  Landes  vornahm,  ermittelte
für  die  ganze  Monarchie  (ohne  Holienzollern  und  das  Jadegebiet)  ein  Gesamtareal ­
  von  108829749  Morgen  (5046,35  geographische  □  Meilen)  und
darauf  eine  Ackerfläche  von  55146079  Morgen. 1 )  Wir  müssen  also,  um
einen  Vergleich  mit  diesen  Vermessungsergebnissen  anstellen  zu  können,
auch  für  das  Jahr  1802  die  Ackerfläche  für  dasselbe  Gebiet  zu  bestimmen
suchen,  d.  h.  wir  haben  noch  das  Ackerland  für  14877291  Morgen  zu
ermitteln.  Es  sind  dies  im  wesentlichen  die  westlichen  Gebiete,  die
Preussen  durch  den  Wiener  Kongress  erworben  hat.  Wir  dürfen  daher
in  Ermangelung  anderer  Hilfsmittel  die  Verhältnisse  der  westlichen  Provinzen
Magdeburg,  Halberstadt,  Kleve,  Mark,  Minden,  Ravensberg,  Tecklenburg
und  Lingen  auch  für  diese  Gebiete  als  massgebend  ansehen.  Die  genannten
Provinzen  umfassten  nach  der  unten 2 )  ausgeführten  Berechnung  bei  einem
9  Vergl.  Meitzen  a.  a.  0.  I,  S.  61  f.  und  II,  S.  27,  Anm.
2 )  Es  wurden  daselbst  ausgesät:
Weizen,  Eoggen  und  Gerste  57451  Wispel,  18  Metzen  pro  Morgen  =  1225621  Morgen,
Hafer  19690  „  24  „  „  „  =  315040
1540661  Morgen.
        <pb n="21" />
        15

G-esamtareal  von  6444444  Morgen  (290  graphische  □  Meilen)  ein  Ackerland ­
  von  2583372  Morgen.  Für  die  obigen  14877291  Morgen  hätten  wir
sonach  ein  Ackerland  von  5963831  Morgen  anzunehmen.
Wir  haben  also  gefunden:
auf  93952458  Morgen  ein  Ackerland  von  26477346  Morgen,
„  14877291  „  „  „  „  5963831
108829749  Morgen  ein  Ackerland  von  32441177  Morgen.
Dieses  Resultat  stellt  die  Minimalziffer  dar,  die  sich  allein  auf  Grund
der  Krugschen  Aussaattabellen  ergibt.  Es  würde  als  vollkommen  richtig
anzusprechen  sein,  wenn  erstens  die  Aussaattabellen  vollständig  genau  und
einwandfrei  wären  und  zweitens  das  ganze  Land  nach  dem  Dreifeldersystem ­
  bewirtschaftet  worden  wäre.  Beide  Bedingungen  treffen  aber
nicht  ganz  vollkommen  zu;  wir  haben  schon  zu  Anfang  denjenigen  zustimmen ­
  müssen,  welche  annehmen,  dass  die  Ziffern  der  Aussaattabellen
hinter  der  Wirklichkeit  zurückgeblieben  sind.  Bei  einigen  Provinzen  fehlen
einzelne  Angaben  von  Früchten  wie  Buchweizen,  Hirse,  Bohnen,  Erbsen
und  ähnliche  vollständig,  obwohl  anzunehmen  ist,  dass  die  betreffende
Frucht  dort  gebaut  wurde. 1 )  Andrerseits  gab  es  auch  Gegenden,  wo  das
Land  nur  alle  3—12  Jahre  einmal  umgebrochen  wurde,  um  ein  oder  mehrere
Male  hintereinander  bestellt  zu  werden  und  dann  wieder  längere  Zeit  als
Grasland  zu  dienen.  Solche  Feldgraswirtschaften  fanden  sich  besonders
in  Brandenburg,  Pommern  und  Westfalen  (Vöhden);  aber  auch  in  andern
Provinzen  wurde  manches  Stück  Acker  oft  länger  als  ein  Jahr  in  Grünbrache ­
  gehalten,  um  als  Schafweide  zu  dienen.  Der  Umfang  dieser

Erbsen  ....  5129  Wispel,  18  Metzen  pro  Morgen  =  109419  Morgen,

Linsen  .  .  .

.  56

33

12

33

33

33

=

1792

77

Wicken  .  .  .

.  570

12

33

33

37

=

18240

33

Hirse  ....

9

»

3

33

3)

r&amp;gt;

=

1152

37

Bohnen  .  .  .

.  25

»

2

Scheffel

33

33

=

300

75

Buchweizen  .  .

.  525

33

9

Metzen

33

33

—

22400

35

Kartoffeln  .  .

.  5494

33

7

Scheffel

37

77

=

18837

33

Lein  und  Hanf.

.  2943

37

20

Metzen

37

37

=

56505

33

Rübsen  .  .  .

.  149

37

l 1

.  ,,

77

,,

=

38144

33

Zichorien.  .  .

=

4130

33

Kümmel  .  .  .

=

1401

33

272380  Morgen.
Stellen  wir  zusammen:
Weizen,  Roggen,  Gerste  und  Hafer  1540661  Morgen,
2 / 3  von  den  übrigen  Früchten  181587  „
1722248  Morgen.
Dazu  die  Hälfte  als  Brachland  861124  „
Ackerland:  2583372  Morgen.
*)  Bohnen  z.  B.  sind  nur  angegeben  von  Ostfriesland  und  Magdeburg,  Rübsaat  nur
von  Magdeburg,  Halberstadt  und  Ostfriesland.  Vom  Buchweizen  schreibt  Krug  ausdrücklich: ­
  „Dass  in  Halberstadt  und  den  westfälischen  hier  nicht  angegebenen  Provinzen
Buchweizen  gebaut  wird,  weiss  ich,  indessen  fehlen  mir  die  neuern  Angaben,  und  ich  weiss
nur,  dass  der  Bau  desselben  dort  nicht  bedeutend  ist;  auch  in  Ansbach  und  Baireuth  wird
etwas  gebaut.“
        <pb n="22" />
        16

Ländereien  lässt  sich  heute  nicht  mehr  genau  feststellen.  Wir  haben  nur
Beispiele  für  einzelne  Provinzen.  So  hatte  die  Kurmark  4123000  Morgen
Acker,  wovon  aber  636240  Morgen  nur  selten  bestellt  wurden,  und  zwar:
alle  drei  Jahre  einmal  ....  391739  Morgen,
„  fünf  „  „  ....  7745  „
„  sechs  „  „  ....  125195  „
„  neun  „  „  ....  57  567  „
„  zwölf  „  „  ....  54105  „
Die  Neumark  besass  im  Jahre  1784:
an  fünfjährigem  Land  3382  Morgen,
„  sechsjährigem  „  21356  „
„  neunjährigem  „  12099  „
„  zwölfjährigem  „  6164  „
43001  Morgen. 1 )
Diese  Beispiele  geben  uns  einen  Mafsstab  dafür,  um  wieviel  wir  etwa
die  oben  für  das  Ackerland  gefundene  Ziffer  zu  erhöhen  haben,  um  die
Wirklichkeit  zu  treffen. 2 )  Ich  glaube,  dass  allen  in  Betracht  kommenden
Faktoren  genügend  Rechnung  getragen  wird,  wenn  man,  unter  gleichzeitiger
Berücksichtigung  der  Insuffizienz  der  Aussaattabellen,  die  obigen  32441177
auf  rund  36000000  erhöht  und  somit  für  1802  das  Ackerland  Preussens,
das  ist  der  108829749  Morgen  Gebietsumfang  vom  Jahre  1864,  auf
36000000  Morgen  oder  33%  der  Gesamtfläche  bestimmt.  Im  Jahre  1864
wurden  auf  derselben  Fläche  55146079  Morgen  oder  50,67  %  Ackerland
ermittelt.  Im  Jahre  1900  hatten  die  alten  Provinzen  Preussens  bei  einem
Gesamtumfang  von  27429340  ha  14424627  ha  oder  52,59%  Ackerland.
Von  1802—1864  ist  also  die  Ackerfläche  in  Altpreussen  um  53,55  %
gewachsen, - voll  1864—1900  nur  um  3,79  %,  von  1802—1900  um  59,36  %.
Man  wird  vielleicht  geneigt  sein,  das  rapide  Wachstum  des  Ackerlandes ­
  von  1802—1864  übertrieben  zu  finden  und  darauf  zurückzuführen,
dass  die  Ziffer  für  1802  zu  niedrig  angenommen  sei,  aber  man  unterschätzt ­
  dann  unseres  Trachtens  die  Wirksamkeit  der  Momente,  welche
die  Ausdehnung  des  Ackerlandes  ermöglicht  und  gefördert  haben.  Diese
Momente  waren  die  Landeskulturgesetzgebung,  das  Wachstum  der  Bevölkerung ­
  und  die  hohen  Getreide-  und  Güterpreise  der  ersten  beiden
Jahrzehnte.  Die  Aufhebung  des  Untertänigkeitsverhältnisses  und  Verleihung ­
  der  persönlichen  Freiheit  an  die  Bauern  gaben  dem  ganzen  Stande
mehr  Ansehen  und  Anziehungskraft  und  förderten  die  Entfaltung  der
persönlichen  Tüchtigkeit,  die  nun  nach  einem  grösseren  Felde  der  Betätigung ­
  strebte.  Die  Beseitigung  des  Vorrechts,  das  nur  adlige  Güter
1 )  Conrad,  Agrarstatistische  Untersuchungen;  nach  Borgstede,  Statistische  Beschreibung ­
  der  Mark  Brandenburg.  I.  Teil.  Berlin  1788;  bezw.  Bratring,  Stat.  topographische ­
  Beschreibung  der  gesamten  Mark  Brandenburg.  Berlin  1809.
2 )  Man  kann  übrigens  verschiedener  Ansicht  darüber  sein,  ob  ein  Stück  Land,  das
nur  alle  9  oder  12  Jahre  oder  noch  seltener  einmal  umgebrochen  wird,  noch  überhaupt
zum  Ackerland  zu  zählen  sei.  Viele  Differenzen  bei  den  alten  Schätzungen  mögen  z.  T.
durch  diesen  Umstand  bedingt  worden  sein.
        <pb n="23" />
        17

erwerben  durften,  führte  der  Landwirtschaft  viele  unternehmungslustige
Kräfte  aus  den  Kreisen  der  Bürgerlichen  und  Industriellen  zu,  die  reichliches ­
  Kapital  mitbrachten.  Die  Ermöglichung  der  freien  Verfügung  über
den  Grund  und  Boden,  die  Durchführung  der  Separationen  und  Ablösung
der  Servitute  machten  die  Bahn  für  den  technischen  Fortschritt  frei  und
wirkten  auf  eine  rationellere  Wirtschaft  und  intensivere  Nutzung  des  Bodens
hin.  Die  hohen  Getreidepreise,  mit  denen  das  Jahrhundert  begann  und
die  während  der  beiden  ersten  Jahrzehnte  anhielten,  trieben  auch  die
Güterpreise  in  die  Höhe 1 )  und  hatten  zur  Folge,  dass  die  Anbauflächen
für  Getreide  stark  erweitert  wurden.  Die  Krise  der  20  er  Jahre  war  in
erster  Linie  eine  Folge  der  Überproduktion,  welche  durch  die  starke  Ausdehnung ­
  des  Ackerlandes  bei  gleichzeitig  guten  Ernten  verursacht  wurde. 2 )
Aber  auch  nach  Überwindung  der  Krise  blieben  die  Preise  trotz  des
starken  Wachstums  der  Bevölkerung,  die  sich  damals  noch  ausschliesslich
von  einheimischem  Getreide  ernährte,  während  der  folgenden  Jahrzehnte
verhältnismässig  niedrig. 3 )  Diese  Erscheinung  hat  ihren  Hauptgrund
zweifellos  darin,  dass  eben  gleichzeitig  noch  die  Möglichkeit  der  Ausdehnung ­
  des  Ackerlandes  bestand  und  ausgenutzt  wurde.  Erst  als  sich
diese  Möglichkeit  immer  schwieriger  gestaltete,  begannen  in  den  50  er  Jahren
die  Preise  rascher  in  die  Höhe  zu  gehen  und  hielten  sich  so  lange  gut,
bis  in  den  70  er  Jahren  die  überseeische  Getreidekonkurrenz  einsetzte  und
die  Steigung  wieder  in  ihr  Gegenteil  verwandelte.
Die  materielle  Möglichkeit,  das  Ackerland  in  der  ersten  Hälfte  des
Jahrhunderts  so  stark  zu  erweitern,  wie  es  geschehen  ist,  war  in  erster
1)  pie  Güterpreise  stiegen  vielfach  auf  das  Doppelte  und  noch  höher,  da  die  Spekulation ­
  das  ihrige  dazu  tat,  um  diese  steigende  Tendenz  noch  künstlich  zu  verschärfen.
Die  Kriegsjahre  brachten  vorübergehend  starke  Rückschläge;  die  Katastrophe  trat  aber
erst  in  den  20er  Jahren  ein.  Vergl.  dazu:  Ucke,  Die  Agrarkrisis  in  Preussen  während
der  20er  Jahre,  Halle  1888;  Carl  Jentsch,  Die  Agrarkrisis,  Leipzig  1899;  Carl
Steinhrück,  Die  Entwickelung  der  Preise  des  städtischen  und  ländlichen  Immobiliarbesitzes ­
  zu  Halle  und  im  Saalkreise,  Jena  1900.
2 )  Jentsch  schreibt  a.  a.  0.  S.  39:  „Die  Wohlfeilheit  der  20er  Jahre  entsprang,
wie  nach  einer  Arbeit  von  Kuhnt  1826  Merkel  in  den  Schlesischen  Provinzialblättern
nachwies,  den  durch  Vermehrung  der  Anbaufläche  und  intensivere  Bewirtschaftung  ge
steigerten  Ernteerträgen.“
Verschärft  wurde  die  Krisis  dadurch,  dass  in  derselben  Zeit  der  Getreideexport
nach  England,  Schweden  und  Frankreich  fast  vollständig  aufhörte,  da  diese  Länder  teils
durch  hohe  Zölle,  teils  durch  Steigerung  der  eigenen  Produktion  sich  von  der  Einfuhr
fremden  Getreides,  frei  zu  machen  suchten.
3 )  Preussen  hatte  1816  auf  278042  qkm  10349031  und  1864  auf  279030  qkm
19255139  Einwohner.

Die  Getreidepreise  waren  in  Altpreussen  nach  J.  Conrad,  Handwörterbuch  der
Staatswissenschaft  IV,  S.  323:

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

1816-20

206,2

151,8

131,4

129,8

1871—75

235,2

179,2

170,8

163,2

1821—30

121,4

126,8

76,6

79,8

1876—80

211,2

166,4

162,0

152,6

1831—40

138,4

100,6

87,6

91,6

1881—85

189,0

160,0

154,8

145,8

1841—50

167,8

123,0

111,2

100,6

1886—90

173,9

143,0

138,4

135,2

1851—60
1861—70

211,4
204,6

165,4
154,6

150,2
146,0

144,0
140,2

1891—95

165,5

148,5

142,5
2

143,4
        <pb n="24" />
        18

Linie  gegeben  durch  die  grosse  Ausdehnung  der  Gemeinheiten,  insbesondere
der  Gemeinweiden.  Die  ersten  Bemühungen  zur  Aufteilung  der  Gemeinheiten ­
  hatte  in  Preussen  schon  Friedrich  II.  gemacht  und  zu  diesem
Zwecke  eine  Reihe  von  Verfügungen  erlassen,  von  denen  das  Reglement
vom  14.  April  1771  wegen  Auseinandersetzung  und  Aufhebung  der  Gemeinheiten ­
  und  Gemeinhutungen  in  Schlesien  vorbildlich  für  die  spätem  Gemeinheitsteilungsgesetze ­
  wurde.  Die  Erfolge  aber,  die  damals  erzielt
wurden,  beschränkten  sich  meist  auf  die  sogen,  generale  Teilung,  d.  h.  nur
die  Rittergüter  erhielten  ihre  Anteile  an  den  Gemeinheiten  als  Eigentum
zugewiesen,  während  die  Rustikalgemeiuden  an  dem  alten  Flurzwang  und
den  gemeinsamen  Weiden  und  Hutungen  meist  hartnäckig  festhielten.  Erst
das  19.  Jahrhundert  räumte,  besonders  nach  der  Gemeinheitsteilungsordnung
vom  7.  Juni  1821,  auch  innerhalb  der  Dorfgemeinden  mit  den  Gemeinheiten ­
  auf.  Mit  der  Teilung  der  Gemeinheiten  war  meist  auch  die  Zusammenlegung ­
  der  Grundstücke  und  Ablösung  der  Servitute  verbunden.
Nun  sind  „bis  zum  Schluss  des  Jahres  1820  bei  den  Regulierungen  und
Gemeinheitsteilungen  separiert  resp.  von  allen  Holz-,  Streu-  und  Hutungsservituten ­
  befreit  worden  2683495  Morgen,  bis  Ende  1848  42819769  Morgen,
bis  Ende  1865  59827477  Morgen  A 1 )  Wie  gross  dabei  die  Gemeinheiten
an  sich  gewesen  sind,  ist  unbekannt.  Dass  aber  speziell  die  Gemeinweiden
zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  noch  einen  bedeutenden  Umfang  gehabt
haben  müssen,  geht  schon  daraus  hervor,  dass  die  Sommerstallfütterung
damals  noch  zu  den  Ausnahmen  gehörte  und  der  gesamte  Viehstand  den
Sommer  über  auf  Weide,  und  zwar  hauptsächlich  die  Gemeinweide  angewiesen ­
  war.  Nach  Aufteilung  der  Gemeinweiden  wurden  dieselben,  soweit
das  technisch  anging,  in  Ackerland  umgewandelt.  Neben  den  Kommunalund
  Privatweiden  waren  es  dann  grosse  Strecken  Ödlands,  schlechtere
Wiesen  und  Forste, 2 )  auf  deren  Inkulturnahme  und  Umwandlung  zu
Ackerland  die  veränderten  Zeitverhältnisse  hindrängten.
Betrachten  wir  die  Anbauverhältnisse  etwas  genauer  und  fragen,
welchen  Anteil  die  einzelnen  Fruchtarten  an  der  gesamten  Ackerfläche
hatten,  so  haben  wir  auf  den  oben  zuerst  berechneten  93952458  Morgen
folgendes  gefunden.  Es  nahmen  ein:
die  vier  Hauptgetreidearten  .  15900571  Morgen  =  60%  der  Ackerfläche.
Hülsenfrüchte,  Hackfrüchte
und  Handelsgewächse  .  .  2626490  ,,  =  10  »  „  „
Brache  etc  7950285  ,,  =  30  „  „  „
26477  346  Morgen  =100%  der'Ackerfläche,
Da  es  neben  der  Dreifelderwirtschaft  noch  andere  Wirtschaftssysteme
gab,  bei  denen  die  Brache  bezw.  Ackerweide  einen  breiteren  Raum  einnalimen,
  und  da  ferner  die  Aussaattabellen  gerade  bei  den  Hülsenfrüchten  9

9  Meitzen  a.  a.  0.  1,  S.  431  ff.
2 )  Wenn  der  Gesamtumfang  der  Wälder  im  vorigen  Jahrhundert  allem  Anschein  nach
wenig  abgenommen  hat,  so  liegt  das  daran,  dass  an  Stelle  der  Rodungen  andere,  unfruchtbarere ­
  Strecken  neu  aufgeforstet  worden  sind.
        <pb n="25" />
        19

und  Handelsgewächsen  Lücken  aufweisen,  so  erleiden  die  eben  gefundenen
Verhältnisse  bei  der  ganzen  Monarchie  eine  kleine  Verschiebung,  und  zwar
dürften  eingenommen  haben:
Weizen,  Roggen,  Gerste  und  Hafer  57  %  der  Ackerfläche.
Hülsenfrüchte,  Hackfrüchte,  Handelsgewächse  etc.  10  „  „  „
Brache,  Ackerweide,  Klee  etc  33  „  „  „
Die  Kartoffeln  nahmen  darunter  nur  ca.  1%  %  der  Ackerfläche  ein.
Die  vier  Hauptgetreidearten  zeigen  untereinander  der  Anbaufläche  nach
folgende  Verhältnisse:  Weizen8%,  Roggen47%,  Gerste21°/ 0  und  Hafer  24%.
Mit  diesen  Feststellungen  hätten  wir  die  wesentlichsten  Anbauverhältnisse ­
  Preussens  vor  100  Jahren  ermittelt  und  abgetan.  Wie  stand
es  nun  damit  in  dem  übrigen  Deutschland?  Die  statistischen  Quellen,  die
uns  hier  Auskunft  geben  sollten,  sind  noch  unvollkommener  als  bei  Preussen;
wir  sind  vollständig  auf  die  Schätzungen  älterer  Autoren  angewiesen,  ohne
die  Mittel  zu  haben,  dieselben  zu  überprüfen.  Die  ältesten  dieser  Schätzungen ­
  hat  Malclius  in  seinem  Werke  „Statistik  und  Staatenkunde“  zusammengestellt. ­
  Die  Ziffern  über  die  Ausdehnung  des  Ackerlandes  lauten

bei  ihm:
Bayern  9808500  Morgen.
Sachsen  2520000  „
Hannover  3698000  „
Württemberg  2495200  „
Baden  2058000  „
Fürstentum  Holienzollern  112000  „
Grossherzogtum  Hessen  1200000  „
Herzogtum  Nassau  491670  „
Landgrafschaft  Hessen-Homburg  ....  50000  „
Freie  Stadt  Frankfurt  15000  „
Kurhessen,  Waldeck  und  Lippe  ....  1952320  „
Braunschweig  518350  „
Weimar,  Gotha  etc  1847300  „
Mecklenburg  2750000  „
Oldenburg  690000  „
Hamburg,  Lübeck,  Bremen  120000  „

30326340  Morgen.
Das  Gesamtgebiet  dieser  Staaten  umfasste  91253723  Morgen,  es
machte  also  das  Ackerland  33,23  %  der  Gesamtfläche  aus.  Das  Malchussche
  Werk  ist  im  Jahre  1826  erschienen,  demnach  hätte  das  eben
gefundene  Resultat  zunächst  für  diese  Zeit  zu  gelten.  Es  ist  indessen
zu  berücksichtigen,  dass  die  Schätzungen  selbst  z.  T.  älteren  Datums  sind
und  dass  das  Material,  auf  Grund  dessen  sie  gemacht  sind,  in  noch
früherer  Zeit  gewonnen  ist.  Ich  glaube  daher,  dass  man  der  Wahrheit
näher  kommt,  wenn  man  die  33,23  %  als  Ackerland  für  den  Anfang  des
Jahrhunderts  annimmt.  Schon  der  Umstand,  dass  Preussen  33  %  der  Gesamtfläche ­
  als  Ackerland  aufweist,  macht  es  wenig  wahrscheinlich,  dass
        <pb n="26" />
        —  20  —

die  Ackerfläche  des  übrigen  Deutschland  hinter  dieser  Ziffer  zurückgestanden ­
  habe;  denn  wenn  auch  Preussen  heute  wegen  seines  vorwiegend
tiefländischen  Charakters  mehr  Ackerland  aufweist,  als  der  Reichsdurchschnitt
  beträgt,  so  kommen  doch  für  das  Wachstum  des  preussischen  Ackerlandes ­
  in  den  letzten  100  Jahren  Momente  in  Betracht,  die  in  dem  übrigen
Deutschland  gar  nicht  oder  nicht  in  so  starkem  Mafse  wirksam  gewesen  sind.
Die  im  allgemeinen  dichtere  Bevölkerung  in  dem  ausserpreussischen
Deutschland  und  die  an  sich  intensivere  landwirtschaftliche  Kultur  brachten
es  mit  sich,  dass  das  als  Acker  mögliche  Land  eher  als  solches  benutzt
wurde,  zumal  die  ganze  Agrarverfassung  in  dieser  Hinsicht  dort  nicht  die
Hindernisse  bot,  wie  in  Preussen.  Wir  nehmen  darum  die  33,23  %  als
Ackerland  der  genannten  Staaten  im  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  an.
Es  fehlen  uns,  um  das  Gesamtgebiet  des  heutigen  deutschen  Reiches
zu  haben,  noch  Schleswig-Holstein  und  Elsass-Lothringon.  Die  aus  diesen
Ländern  uns  vorliegenden  Daten  reichen  leider  nicht  sehr  weit  zurück.
In  Elsass-Lothringen  betrug  das  Ackerland  im  Jahre  1852  46,57  %  der  Gesamtfläche, ­
  x )  im  Jahre  1900  45,41  %;  dasselbe  wäre  hier  also  in  den
letzten  50  Jahren  sogar  zurückgegangen.  Schleswig-Holstein  zeichnet
sich  durch  verhältnismässig  viel  Ackerland,  allerdings  mit  ausgedehnter
Feldgraswirtschaft  aus;  im  Jahre  1900  betrug  dasselbe  55,94  %,  stand
also  erheblich  über  dem  Reichsdurchschnitt.  Zieht  man  in  Betracht,  dass
sowohl  Elsass-Lothringen  wie  Schleswig-Holstein  alte  Kulturländer  sind,
so  ist  als  sicher  anzunehmen,  dass  hier  das  Ackerland  schon  zu  Anfang
des  vorigen  Jahrhunderts  eine  grosse  Ausdehnung  —  wir  meinen  jedenfalls ­
  über  40%  —  gehabt  hat.
Stellen  wir  nun  die  Ergebnisse  unserer  bisherigen  Untersuchung  zusammen: ­
  Altpreussen  33%,  die  meisten  übrigen  Staaten  33,23%,  Elsass-Lothringen
  und  Schleswig-Holstein  über  40  %,  so  lautet  das  Gesamtresultat:
Das  Ackerland  Deutschlands  (des  heutigen  deutschen  Reichsgebiets)  hat  im
Jahre  1800  %  oder  33V3  °/o  der  Gesamtfläche  betragen.
Im  Jahre  1900  hatte  Deutschland  47,67  %  Acker.  Während  des
ganzen  vorigen  Jahrhunderts  ist  also  die  Ackerfläche  Deutschlands  um
43  %  gewachsen.
Die  Anbauverhältnisse  Gesamt-Deutschlands  waren  vor  100  Jahren
ziemlich  dieselben,  wie  wir  sie  für  Preussen  gefunden  haben;  denn  wenn
auch  in  den  übrigen  Teilen  des  Reiches  die  Brache  geringer  gewesen  sein
mag  als  in  Altpreussen,  so  gab  es  dort  dafür  bedeutendere  Gebiete  mit
Feldgraswirtschaft  (Schleswig-Holstein,  Mecklenburg  usw.),  wo  also  Ackerweide ­
  und  Futtergräser  eine  grössere  Ausdehnung  hatten  als  bei  der
Dreifelderwirtschaft.  Da  wir  aber  Brache,  Ackerweide  und  Futtergräser
zusammengefasst  haben,  so  können  wir  auch  für  Deutschland  annehmen,
dass  die  vier  Hauptgetreidearten  ca.  57  %,  Hülsen-,  Hackfrüchte,  Handelsgewächse ­
  und  ähnliche  10  %,  Brache,  Ackerweide  und  Futtergräser  33  %
der  Ackerfläche  eingenommen  haben.

0  Nach  Mucke  a.  a.  O.
        <pb n="27" />
        21  —

Wir  können  nunmehr  feststellen,  wie  die  Anbaufläche  der  vier  Getreidearten ­
  während  des  ganzen  Jahrhunderts  gewachsen  ist.  Dieselbe
betrug  nach  unserer  Berechnung  im  Jahre  1800  57  %  der  Ackerfläche,  die
ihrerseits  %  der  Gesamtfläche  ausmachte.  Die  Gesamtfläche  Deutschlands
wird  gegenwärtig  mit  54074250  ha  angegeben;  danach  wäre  die  Anbaufläche ­
  der  vier  Hauptgetreidearten  im  Jahre  1800  auf  10274107  ha
zu  veranschlagen.  In  dem  Jahrfünft  1896—1900  waren  in  Deutschland
jährlich  durchschnittlich  13912014  ha 1 )  mit  Getreide  besät.  Es  ist  also
während  des  vorigen  Jahrhunderts  die  Anbaufläche  von  Weizen,  Koggen,
Gerste  und  Hafer  zusammen  von  10274107  auf  13912014  ha,  das  ist  um
3637907  ha  oder  35,4%  gestiegen.  Das  Ackerland  ist  in  derselben  Zeit
um  43  %  gewachsen;  die  wirklich  bestellte  Fläche  hat  aber  noch  in  einem
stärkeren  Verhältnis  zugenommen,  weil  dem  Wachstum  des  Ackerlandes
eine  Deduktion  der  Brache  parallel  ging:  Brache  und  Ackerweide  nahmen
im  Jahre  1900  nur  noch  8,7  %  des  Acker-  und  Gartenlandes  ein.  Wenn
demgegenüber  das  Getreideland  nur  um  35%  gewachsen  ist,  so  hat  das
seinen  Grund  hauptsächlich  in  der  Entwickelung,  welche  der  Anbau  der
Hackfrüchte  und  Futtergewächse  genommen  hat.  Die  Kartoffeln,  welche
zu  Beginn  des  Jahrhunderts  kaum  1%%  des  Ackerlandes  in  Anspruch
nahmen,  nehmen  heute  12—13  %  desselben  ein.  Der  Anbau  der  Zuckerrüben ­
  ist  im  vorigen  Jahrhundert  überhaupt  erst  aufgekommen;  er  beanspruchte ­
  1900  447606  ha.  Die  Futterpflanzen,  deren  Anbau  vor  100
Jahren  erst  langsam  in  Aufnahme  kam,  bedecken  heute  über  10  %  der
Ackerfläche;  mit  einem  Wort:  die  Einführung  der  Fruchtwechelwirtscliaft
war  es,  welche  die  dem  Getreidebau  gewidmete  Fläche  im  Verhältnis  zu
dem  gesamten  Ackerlande  etwas  vermindert  hat.
Was  die  Anbauverhältnisse  der  vier  Getreidearten  untereinander  anbelangt, ­
  so  hatten  wir  bei  Preussen  gefunden:  Weizen  8%,  Roggen  47  %,  Gerste
21%,  Hafer  24%.  Für  ganz  Deutschland  dürfen  wir  nach  Massgabe  der  Anbauverhältnisse ­
  der  übrigen  Bundesstaaten,  wie  sie  auch  heute  noch  grösstenteils ­
  bestehen,  annehmen:  Weizen  10%,  Roggen  45%,  Gerste  20%,
Hafer  25  %.  Zu  Ende  des  Jahrhunderts  standen  die  Anbauflächen  zueinander ­
  in  folgenden  Verhältnissen:  Weizen  15%,  Roggen  43%,  Gerste
12%,  Hafer  30  %.  Da  das  Wachstum  der  Anbauflächen  aller  vier  Getreidearten ­
  zusammen  35%  betrug,  so  entfällt  davon  auf  den  Weizen  +102,5%,
Roggen  +  29  %,  Gerste  —  19  %,  Hafer  +  62  %.  Die  Anbaufläche  der
Gerste  ist  also,  auch  absolut  gerechnet,  bedeutend  zurückgegangen.  Der
Grund  dafür  ist  darin  zu  suchen,  dass  die  Aufgabe,  welche  die  Gerste  vor
100  Jahren  in  der  Ernährung  von  Menschen  und  Vieh  zu  erfüllen  hatte,
mit  der  Zeit  immer  mehr  von  der  Kartoffel  übernommen  worden  ist.  Der
Anbau  der  Kartoffel  hatte,  wie  wir  schon  gesehen  haben,  zu  Beginn  des
vorigen  Jahrhunderts  noch  einen  geringen  Umfang.  Damals  war  es  eben
die  Gerste,  die  als  Graupe  für  den  Menschen  und  als  Schrot  und  Korn  für
das  Vieh  diejenige  Stellung  in  der  Ernährung  und  Fütterung  einnahm,  die

0  Berechnet  nach  Viertelj.  z.  Stat.  d.  D.  B.  1902,  I.  Heft,  S.  373.
        <pb n="28" />
        22

heute  zum  grössten  Teil  die  billigere  Kartoffel  ausfüllt,  deren  Anbaufläche
auf  das  zwölffache  gestiegen  ist.  Dass  die  mächtige  Entwickelung  der
Brauindustrie  den  Rückgang  der  Anbaufläche  bei  der  Gerste  nicht  verhindert ­
  hat,  liegt  daran,  dass  die  Brauerei  ihr  Rohmaterial  zum  grossen
Teil  aus  dem  Ausland  bezieht.  Trotz  der  Verminderung  der  Anbaufläche
ist  übrigens,  wie  wir  noch  sehen  werden,  die  absolute  Produktion  an  Gerste
nicht  zurückgegangen,  sondern  infolge  der  Ertragssteigerung  pro  Flächeneinheit ­
  beträchtlich  gestiegen.  Auch  der  Roggen  ist  in  der  Anbaufläche
zugunsten  des  Weizens  verhältnismässig  zurückgegangen;  der  Weizenbau
hat  die  grösste  Ausdehnung  erfahren,  ganz  im  Einklang  mit  dem  Streben
der  Bevölkerung,  die  Lebenshaltung  immer  mehr  zu  verfeinern.

Die  Steigerung  der  relativen  und  absoluten  Ernteerträge
während  des  ganzen  Jahrhunderts.
Die  Veränderungen  in  den  Anbauflächen  geben  noch  kein  vollständiges
Bild  von  der  Entwickelung  der  Getreideproduktion  im  ganzen;  viel  wesentlicher ­
  ist  in  dieser  Hinsicht  die  Steigerung  der  Erträge  von  der  Flächeneinheit. ­
  Man  hat  bis  jetzt,  um  diese  Ertragssteigerung  auch  über  die
letzten  drei  Jahrzehnte  hinaus  zu  verfolgen,  nur  die  Entwickelung  der
Produktion  auf  einzelnen  Gütern  herangezogen.  Wie  wir  schon  in  der
Einleitung  erwähnten,  hat  die  meisten  dieser  Einzeldarstellungen  bereits
P.  Wagner  miteinander  verglichen  und  berechnet,  dass  die  Steigerung
der  Erträge  auf  den  betreffenden  Gütern  beim  Winterkorn  mindestens  das
D/afache,  beim  Sommerkorn  das  l 2 / 3 —2  fache  betrage.  Es  muss  indessen
hervorgehoben  werden,  dass  in  diesen  Ziffern  nicht  die  Ertragssteigerung
des  ganzen  Jahrhunderts  zum  Ausdruck  kommt;  denn  die  Daten  der  einzelnen ­
  Güter  beginnen  vielfach  erst  mit  dem  2.—4.  Jahrzehnt  und  reichen
höchstens  bis  in  die  80  er,  bei  einigen  sogar  nur  bis  in  die  60  er  Jahre.
Die  Ertragssteigerung  hat  aber  auch  in  den  letzten  Jahrzehnten  noch  angehalten, ­
  wie  uns  die  Erntestatistik  und  die  Ziffern  einzelner  Domänen
zeigen.  Von  den  Mitteilungen,  welche  in  der  letzten  Zeit  über  die  Ertragssteigerung ­
  auf  einzelnen  Gütern  an  die  Öffentlichkeit  gelangt  sind,  wollen
wir  nur  den  Bericht  über  die  Domäne  Schianstedt  erwähnen,  weil  derselbe
einen  der  intensivsten  Betriebe  und  die  Entwickelung  fast  des  ganzen
Jahrhunderts  betrifft.  Die  Erträge  sind  hier  schon  zu  Beginn  des  Jahrhunderts ­
  verhältnismässig  hoch  gewesen  und  zeigen  doch  noch  im  Laufe
der  Jahrzehnte  ein  mächtiges  Wachstum.
(Siehe  die  Tabelle  auf  Seite  23.)
Wie  immer  man  nun  auf  Grund  dieser  Einzeldarstellungen  die  durchschnittliche ­
  Ertragssteigerung  zifternmässig  bestimmen  mag,  gegen  eine
Verallgemeinerung  des  Resultates  und  Übertragung  auf  das  ganze  Land
sprechen  folgende  Gründe.  Erstens  pflegen  Güter,  die  eine  so  langjährige
exakte  Buchführung  aufzuweisen  haben,  an  sich  zu  den  besser  bewirtschafteten ­
  zu  gehören;  die  hier  erzielten  Erträge  können  darum  nicht  als
        <pb n="29" />
        23

Schianstedt. 1 )

kr

Zentner  pro  Morgen:

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

Erbsen

Raps

Zuckerrühen ­
 ­


Kartoffeln ­


Zuckerrüben ­


j  k

AU  -

IS'X

\  5,1

7-'l’i'lfi



1817--24



8,01  R

7,62

6,77

6,53

4,51

6,82

—

—

—

1836--39



7,75  U

;  8,26

7,76

7,12

4,03

7,84

—

—

132,0

1840--44



7,46

7,43

8,05

8,05

3,97

—

—

—

90,0

1845--49



7,26

8,50

10,51

7,78

5,12

—

—

—

119,6

1850--54



8,90

8,85

10,99

10,01

3,40

—

8,78

—

115,5

1855--59



8,560

8,01

9,05

12,08

5,96

—

12,02

—

125,8

1860--64



10,77

9,40

10,92

12,25

—

4,50

11,27

83,3

160,0

1865--69



10,81

9,53

11,17

12,29

13,41

6,03

14,07

85,6

142,6

1870--74



11,80

9,41

11,10

13,18

9,85

7,08

13,38

76,1

145,8

1875--79



12,70

9,78

10,37

14,74

12,60

9,07

13,01

83,6

136,8

1880--84



16,66 2 )

12,39

13,88

15,86

14,79

6,91

13,38

94,2

179,6

1885-89



15,30

11,56

16,37

17,00

14,40

7,29

16,01

93,9

161,8

1890--94



16.76

12,76

16,39

15,84

12,77

10,58

15,05

112,5

187,0

1895--98



16,40

12,27

15,05

16,30

16,18

—

14,88

103,9

200.5

vks

ho.  1

n,(.

31  V

l

lol.  iH

typisch

für  die

Allgemeinheit  gelten.

Zweitens  stellen  die  angeführten

Güter  nur  den  Grossbesitz  vor,  dessen  Erträge  im  allgemeinen  doch  andere
sind  als  hei  dem  kleineren,  bäuerlichen  Betriebe.  Zu  Anfang  des  vorigen
Jahrhunderts,  bei  dem  gleichförmigen  und  einfachen  Betriebe  der  alten
Dreifelderwirtschaft,  wo  zumal  der  Bauer  mit  demselben  Gespann  und
denselben  Geräten  in  derselben,  wenn  nicht  schlechteren  Weise  wie  seinen

eigenen  auch  des  Gutsherrn  Acker  bestellte,  war  ein  Unterschied  in  der
Technik  des  bäuerlichen  und  herrschaftlichen  Betriebes  kaum  vorhanden,
jedenfalls  nicht  so  gross,  wie  er  es  im  allgemeinen  heute  ist,  wo  die
Errungenschaften  der  Wissenschaft  und  Technik  von  den  grossen  Landwirten ­
  in  viel  höherem  Mafse  ausgenutzt  werden  als  den  kleinen  und  demgemäss ­
  die  relativen  Erträge  auf  den  Dominien  im  allgemeinen  höher  sind
als  auf  den  Bauerngütern.  Man  muss  daher  annehmen,  dass  sich  im  Laufe
des  ganzen  Jahrhunderts  die  Erträge  bei  den  grossen  Gütern  mehr  gehoben
haben  als  bei  den  kleinen.  So  wertvoll  daher  auch  jene  Einzeldarstellungen
sind,  die  uns  Aufschluss  über  die  Entwickelung  der  Verhältnisse  auf  den
grossen  Gütern  geben:  wenn  wir  die  Ertragssteigerung  des  ganzen  Landes
zu  bestimmen  haben,  genügen  sie  uns  nicht,  wir  müssen  allgemeinere
Durchschnittszahlen  zu  gewinnen  suchen.  Für  die  heutige  Zeit  liefert  uns
solche  Zahlen  die  allgemeine  Erntestatistik.  Was  wurde  aber  vor  100  Jahren
im  Durchschnitt  des  ganzen  Landes  geerntet?  Da  es  damals  keine  Erntestatistik ­
  gab,  müssen  wir  zusehen,  ob  uns  die  landwirtschaftlichen  Schriftsteller ­
  jener  Zeit  irgendwelche  Auskunft  geben  können.  A.  Thaer  teilt
in  seiner  Reinertragsermittelung 3 )  den  Boden  nach  seinen  Hauptgemengteilen ­
  in  10  Klassen  und  gibt  die  durchschnittlichen  Erträge  der  einzelnen

1)  Dr.  W.  Rimpau,  Die  Bewirtschaftung  einer  preussischen  Domäne  im  19.  Jahrhundert; ­
  Mentzel  und  v.  Lengerkes  landwirtschaftlicher  Kalender  1900,  S.  103  bezw.  68.
2 )  1850—59  und  von  1880  an  einschliesslich  Sommerweizen.
3 )  Ausmittelung  des  Reinertrages  der  produktiven  Grundstücke,  Berlin  1813.
        <pb n="30" />
        24

Bodenklassen  an;  die  tatsächlichen  Durchschnittserträge  des  ganzen  Landes
kann  man  aber  aus  diesen  Angaben  nicht  bestimmen,  weil  es  nicht  feststeht, ­
  welche  Flächenausdehnung  die  einzelnen  Bodenklassen  in  Wirklichkeit ­
  haben.  Dagegen  macht  Thaer  an  einer  anderen  Stelle  Mitteilungen,
die  uns  einen  sichereren  Anhalt  gewähren.  Er  schreibt  nämlich  in  seinen
Grundsätzen  der  rationellen  Landwirtschaft: 1 )  „Im  nördlichen  Deutschland
nimmt  man  gewöhnlich  bei  der  Dreifelderwirtschaft  an  vom  Weizen  7  Scheffel,
Roggen  6,  Gerste  6,  Hafer  5,  mit  Rücksicht  nämlich  auf  die  Tracht  nach
der  Düngung,  worin  diese  Früchte  in  der  Regel  gebaut  werden.
Im  Durchschnitt  ganzer  Länder,  wo  ein  grosser  Teil  des  Ackers
schlecht  bestellt  wird,  kann  man  aber  so  viel  nicht  annehmen,  sondern  nur
5  Scheffel  per  Morgen.“  Etwas  befremdend  ist  in  dem  ersten  Satzgefüge
der  Nebensatz:  „worin  diese  Früchte  in  der  Regel  gebaut  werden“;  denn
„in  der  Regel“  wurde  bei  dem  notorischen  Düngermangel  der  damaligen
Zeit  liöstens  zu  Weizen  und  Roggen  gedüngt.  Thaer  wird  wohl  bei
„diese  Früchte“  auch  hauptsächlich  an  die  Winterung  gedacht  haben;
schreibt  er  doch  an  andern  Stellen, 2 )  z.  B.  vom  Hafer  selbst:  „Der  Hafer
ist  bei  uns  lange  als  die  niedrigste  Getreideart  verächtlich  behandelt
worden  und  man  hat  ihm  das  schlechteste  Land  und  das  magerste  Feld  angewiesen.“ ­
  „In  der  Dreifelderwirtschaft  säet  man  ihn  in  4.  und  6.  Tracht,  überhaupt ­
  wo  Gerste  sich  nicht  mehr  nähren  kann.“  Die  Reduktion,  die  darum  an
jenen  Zahlen  „im  Durchschnitt  ganzer  Länder,  wo  ein  grosser  Teil  des  Ackers
schlecht  bestellt  wird“,  vorgenommen  werden  soll,  kann  sich  daher  auch  nur
hauptsächlich  auf  die  Winterung  beziehen.  Die  Annahme  von  5  Scheffeln
aber,  die  Thaer  für  diesen  Fall  macht,  ist  wieder  zu  allgemein  gehalten.
Krug  gibt  die  Ernteerträge  nach  den  Kammertabellen  in  der  damals
üblichen  Weise,  nämlich  im  Verhältnis  zu  der  Aussaatmenge  an.  Danach
betrug  der  Ertrag  im  Durchschnitt  aller  Provinzen,  allerdings  ohne  Rücksicht
auf  deren  Grösse,  bezw.  auf  die  Ausdehnung  der  Anbaufläche,  beim  Weizen
das  5,65  fache  der  Aussaat,  beim  Roggen  das  4,77  fache,  bei  Gerste  das
5,39  fache,  beim  Hafer  das  4,67  fache.  Nimmt  man  als  Aussaatmenge,  wie
wir  das  bei  Berechnung  der  Anbaufläche  taten,  bei  Weizen,  Roggen  und
Gerste  18,  bei  Hafer  24  Metzen  au,  dann  ergeben  sich  als  Ernteerträge
bei  Weizen  6,35,  Roggen  5,37,  Gerste  6,06,  Hafer  7  Scheffel  pro  Morgen.
Auf  einzelnen  Domänen  stellten  sich  die  Erträge  nach  den  betreffenden
Mitteilungen  also:

Scheffel  pro  Morgen:
Weizen  Boggen  Gerste
Wasserleben a )  im  Durchschnitt  von  1734,

Hafer

1751  und  1793

6,0

5,55

6,93

7,67

Ostra 4 )  1799—1807

—

7,2

10,8

10,7

Lohmen 4 )  1778,  1779,  1789,  1799  .  .  .

6,1

5,8

7,0

6,4

0  s.  806.
2 )  A.  a.  0.  S.  851  und  852.

3 )  Backhaus,  Entwicklung  der  Landwirtschaft

auf

den  gräflich

Stolberg-Wernigerodesclien

  Domänen.
4 )  0.  Böhme,  Entwicklung  der  Landwirtschaft  auf  den  königlich  sächsischen  Domänen.
        <pb n="31" />
        25

Scheffel  pro  Morgen:
Weizen  Roggen  Gerste  Hafer
w  ,  u  (  im  18.  Jahrhundert  3,6  6,0  6,5  5,6
j  \  1794-1810  5,0  7,7  11,6  8,8
Kynast 2 )  1750—1800  4,26  6,06  6,67  6,58
Fassen  wir  alle  diese  Angaben  Thaers,  Krugs  usw.  zusammen,
so  dürfte  es  nicht  zu  niedrig  sein,  wenn  wir  als  Landesdurchschnitt  der
Getreideerträge  Deutschlands  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  annehmen:
beim  Weizen  6V4,  Koggen  5 1 / 2 ,  Gerste  6,  Hafer  6  Scheffel  pro  Morgen,
oder  in  die  modernen  Mafse  umgesetzt:  beim  Weizen  10,28,  Roggen  8,62,
Gerste  8,00,  Hafer  5,64  D.-Ztr.  pro  1  ha.
Stellen  wir  diesen  Zahlen  diejenigen  der  neuesten  Erntestatistik,  speziell ­
  die  Durchschnittserträge  1893/99 3 )  gegenüber,  so  erhalten  wir:
Weizen  Roggen  Gerste  Hafer
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  .  10,28  8,62  8,00  5,64

1893/99  17,5  14,2  16,7  15,2
Steigerung  70,23%  64,73%  108,75%  169,5%

Am  grössten  ist  also  die  Ertragssteigerung  heim  Sommergetreide  und
besonders  heim  Hafer.  Diese  Erscheinung  erklärt  sich  aus  dem  verschiedenen ­
  Grad  von  Sorgfalt  und  Pflege,  die  man  den  einzelnen  Getreidearten ­
  früher  angedeihen  liess.  Weizen  und  Koggen  folgten  hei  der  Dreifelderwirtschaft ­
  in  der  Regel  auf  die  Brache,  die  je  nach  Düngervorrat  gedüngt ­
  wurde;  Gerste  und  Hafer  folgten  erst  in  zweiter,  dritter  und  noch
späterer  Tracht.  Besonders  der  Hafer  wurde  sehr  stiefmütterlich  behandelt
und  ihm,  wie  wir  schon  aus  der  obigen  Äusserung  Thaers  ersahen,  „das
schlechteste  Land  und  das  magerste  Feld  angewiesen“.  Heute  widmet
man  dem  Hafer  dieselbe  Sorgfalt  wie  den  übrigen  Getreidearten,  weil  man
längst  erkannt  hat,  wie  sehr  er  eine  gute  Pflege  lohnt.  Auf  die  Ertragssteigerung ­
  der  Gerste  hat  besonders  die  Entwickelung  des  Brauereigewerbes
zu  einer  selbständigen,  mächtigen  Industrie  fördernd  eingewirkt,  insofern
nämlich,  als  diese  Industrie  die  Ansprüche  an  Qualität  und  Quantität  des
Rohmaterials  immer  mehr  steigerte  und  die  Gerste  andrerseits  als  eine
sehr  empfindliche  Getreideart  eine  Aufmerksamkeit  und  Sorgfalt  in  Düngung
und  Pflege  erheischt,  wie  sie  ihr  nur  die  höher  entwickelte  Landwirtschaft
voll  angedeihen  lassen  kann.  Schliesslich  kommt  auch  in  Betracht,  dass
die  Fortschritte,  welche  die  moderne  Saatzucht  in  bezug  auf  das  Korngewicht ­
  gemacht  hat,  besonders  beim  Hafer  und  bei  der  Gerste  zur
Geltung  kommen,  so  dass  auch  dieser  Umstand,  wenn  der  Vergleich  nach
Gewichtsmafs  angestellt  wird,  zur  Erweiterung  des  Verhältnisses  der  Ertragssteigerung ­
  beitragen  muss.  Übrigens  zeigen  einige  der  oben  angeführten
Domänen  noch  eine  viel  grössere  Steigerung,  z.  B.  Wasserleben,  Lohmen  u.  a.
i)  Görtz-Wrisberg,  Entwicklung  der  Landwirtschaft  auf  den  Görtz-Wrisbergschen
Gütern.
3 )  Heising,  Entwicklung  der  Landwirtschaft  auf  den  Schaffgotschischen  Güterkomplexen. ­

3 )  Stat.  Jahrbuch  für  d.  D.  R.  1900,  S.  25.
        <pb n="32" />
        26

Aus  der  Steigerung  der  Erträge  pro  1  ha  und  der  Zu-  bezw.  Abnahme ­
  der  Anbauflächen  können  wir  nunmehr  die  Steigerung  der  Gesamtproduktion ­
  der  einzelnen  Getreidearten  berechnen.

Nach  unseren  Ermittelungen  sind

während

des  ganzen

Jahrhunderts

gestiegen:

tei

Weizen

Borgen

Gerste

Hafer

°/o

°/o

°/o

°/o

die  Anbauflächen  um  .  .  .

102,5

29

—  19

62

die  Erträge  pro  Hektar  um  .

70

65

109

170

die  Gesamtproduktion  um  .

244,25

112,85

69,29

337,4

136,74  o/o

—

—

Die  Bevölkerung  des

deutschen

173,4%.
Reiches  betrug  im

Jahre  1900

56  367178,  im  Jahre  1816  24833000;  für  den  Anfang  des  Jahrhunderts
wird  sie  auf  24000000  geschätzt.  Sie  ist  also  während  des  ganzen  Jahrhunderts ­
  um  135%  gewachsen.  Demgegenüber  haben  wir  eine  Steigerung
der  Produktion  an  Brotgetreide  (Weizen  und  Koggen  zusammen)  um
136,74%  festgestellt.  Diese  fast  vollständige  Übereinstimmung  zwischen
dem  Wachstum  der  Bevölkerung  und  der  Brotgetreideproduktion  hat  uns
selbst  etwas  überrascht,  weil  man  sich  in  den  letzten  Jahren  bei  uns  daran
gewöhnt  hat,  es  als  Tatsache  hinzunehmen,  dass  die  Produktion  von  Brotgetreide ­
  hinter  dem  Wachstum  der  Bevölkerung  immer  mehr  zurückbleibe.
Mag  dies  nun  auch  für  die  neueste  Zeit  immerhin  zutreffen,  für  die  Entwickelung ­
  des  ganzen  Jahrhunderts,  soweit  man  Anfang  und  Ende  desselben
einander  gegenüberstellt,  glauben  wir,  dass  das  von  uns  gefundene  Ergebnis ­
  die  Wirklichkeit  richtig  wiedergibt.
Wir  werden  in  dieser  Auffassung  noch  durch  folgende  Tatsache  bebestärkt. ­
  Nach  den  Ziffern,  die  Krug  über  die  Gesamternte  gibt,  wurden
zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  in  Preussen  an  Weizen  und  Roggen  zusammen ­
  230  kg  pro  Kopf  der  Bevölkerung  geerntet.  Fast  genau  dasselbe
Quantum,  nämlich  229,4  kg,  lieferte  nach  der  allgemeinen  Erntestatistik
die  deutsche  Landwirtschaft  im  Durchschnitt  der  Jahre  1899/1900.  Es  wird
also  damit  das  Ergebnis  unserer  Untersuchung  bestätigt,  dass  die  Erzeugung
von  Brotgetreide  pro  Kopf  der  Bevölkerung  in  Deutschland  zu  Beginn  des
19.  Jahrhunderts  im  grossen  und  ganzen  die  gleiche  gewesen  ist  wie  am
Schlüsse  desselben.  Man  wird  uns  nicht  den  Vorwurf  machen  können,
dass  wir  ja  bei  unserer  Untersuchung  auch  von  Krug  ausgegangen  seien,
und  dass  darum  die  eben  festgestellte  Übereinstimmung  selbstverständlich
sei;  denn  erstens  erstreckte  sich  unsere  Untersuchung  und  bezieht  sich  unser
Endresultat  nicht  allein  auf  Preussen,  sondern  auf  ganz  Deutschland;
zweitens  haben  wir  selbst  für  Preussen  die  Ausdehnung  des  Ackerlandes
und  der  Anbauflächen  der  einzelnen  Getreidearten  abweichend  von  Krug
bestimmt,  und  drittens  berechnet  Krug  den  Gesamtertrag  aus  dem  Vielfachen ­
  der  Aussaat,  während  wir  ihn  aus  der  Grösse  der  Anbauflächen
und  dem  relativen  Ernteertrage  ermittelt  haben.  Wenn  unser  Endresultat
        <pb n="33" />
        27

trotzdem  in  der  angegebenen  Weise  eine  Bestätigung  findet,  so  kann  uns
das  zugleich  als  Beweis  dienen,  dass  wir  auch  in  den  Einzelheiten  in  der
Bestimmung  des  Ackerlandes,  der  Anbauflächen,  der  relativen  Ernteerträge
usw.  im  wesentlichen  das  Sichtige  getroffen  haben.  Man  wird  uns  aber
vielleicht  entgegenhalten:  Wie  ist  das  möglich,  dass  die  deutsche  Landwirtschaft ­
  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung
die  gleiche  Menge  Brotgetreide  erzeugt  haben  soll  wie  am  Anfang  desselben,
da  doch  Deutschland  schon  seit  den  70er  Jahren  Getreide  in  namhaften
Mengen  einführt,  während  es  solches  vor  100  Jahren  noch  ausführte?
Darauf  ist  zunächst  zu  erwidern,  dass  der  Getreideüberschuss  Deutschlands
—  wir  haben  immer  das  heutige  Reichsgebiet  im  Auge  —  um  das  Jahr
1800  nach  allem,  was  wir  darüber  wissen,  nicht  so  hoch  war,  wie  er  vielfach ­
  eingeschätzt  wird.  Man  weist  immer  auf  die  hohen  Ausfuhrziffern
der  Ostseehäfen  hin,  ohne  zu  erwägen,  dass  dabei  viel  Transitware  aus
Polen  und  Russland  war,  und  dass  andererseits  auch  nicht  Unbedeutendes
zum  eigenen  Verbrauch  eingeführt  wurde.  Eine  sichere  Bilanz  lässt  sich
für  jene  Zeit  allerdings  kaum  mehr  aufstellen.  Im  allgemeinen  muss  man
sich  aber  gegenwärtig  halten,  dass  das  Verbot  der  Getreideausfuhr  in  den
deutschen  Staaten  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  die  Regel,  das  Gegenteil
eine  je  nach  Ernteausfall  und  sonstigen  Verhältnissen  gestattete  Ausnahme
war.  Bezeichnend  ist  es  doch,  dass  sich  das  Verbot  des  Auf-  und  Verkaufens
  von  Getreide  noch  im  preussischen  Landrecht  findet  und  erst  im
Jahre  1810  aufgehoben  wurde.  In  den  spezifisch  preussischen,  das  ist
den  nordöstlichen  Provinzen  war  die  Ausfuhr  allerdings  für  gewöhnlich  gestattet. ­
  Im  allgemeinen  standen  aber  einer  grösseren  Ausbreitung  des  Getreidehandels ­
  auch  schon  die  vielen  Binnen-  und  Ausfuhrzölle  und  nicht
minder  die  schlechten  Transportverhältnisse  im  Wege.
Über  den  tatsächlichen  Umfang  der  Getreideausfuhr  in  Preussen  gibt
uns  eine  aus  dem  Jahre  1795/96  erhaltene  Handelstabelle  Auskunft. 1 )
Danach  betrug  in  Talern  *  2

die  Einfuhr

Ausfuhr

-)-  Ausfuhrüberschuss

-j-  Transit

+  Transit

—  Einfuhrüberschuss

bei  Weizen  und  Weizemehl  .

1749401

2830368

+  1080967

»  Roggen  und  Roggenmehl  .

794763

865929

+  71166

„  Gerste

141994

124011

-  17983

„  Hafer

118300

688083

+  569783

„  Hülsenfr.,  Grütze,  Graupen

96451

206715

+  110264

2900909

4715106

+  1814197

Wenn  wir  den  Produkten  diejenigen  Preise  zugrunde  legen  dürfen, 2 )
welche  Krug  als  Durchschnitte  der  preussischen  Provinzen  („dem  Minimum
näher  als  dem  Maximum“)  für  die  Jahre  1802  und  1803  angibt,  nämlich:
Weizen  2 1 / i ,  Roggen  1 5 / 12 ,  Gerste  1,  Hafer  2 / 8 ,  Hülsenfrüchte  l 2 / 3  Taler
pro  Scheffel,  und  die  Fabrikate,  deren  Quantität  höchstwahrscheinlich  sehr

9  Dieterici,  Der  Volkswohlstand  im  preussischen  Staate,  Berlin  1846.
2 )  In  Berlin  waren  die  Preise  im  Durchschnitt  von  1795  und  1796:  Weizen  64,
Roggen  45,  Gerste  38,  Hafer  29  Silbergroschen  pro  Scheffel.
        <pb n="34" />
        28

gering  gewesen  ist,  dom  Rohmaterial  gleichsetzen,  dann  stellte  sich  in  dem
genannten  Jahre  die  gesamte  Mehrausfuhr  Preussens  auf  480429  Scheffel
Weizen,  50235  Scheffel  Roggen,  854674  Scheffel  Hafer  und  66158  Scheffel
Hülsenfrüchte,  die  Mehreinfuhr  hei  Gerste  dagegen  auf  17983  Scheffel.
Alles  in  allem  genommen  und  auf  Doppelzentner  umgerechnet  betrug  die
ganze  Mehrausfuhr  an  Getreide,  Hülsenfrüchten  und  Mühlenfabrikaten  etwa
450838  D.-Ztr.  Das  ist  keine  sehr  imponierende  Ziffer,  zumal  wenn  man
bedenkt,  dass  die  kornreichen  polnischen  Provinzen  damals  zu  Preussen
gehörten.
Es  ist  allerdings  zu  berücksichtigen,  dass  ein  Teil  dieser  Provinzen
eben  erst  bei  der  3.  Teilung  Polens  1795  an  Preussen  gefallen  war  und
dass  die  Wirren  des  voraufgegangenen  Aufstandes  auf  die  landwirtschaftliche
Produktion  naturgemäss  sehr  nachteilig  gewirkt  haben.  In  den  folgenden
Jahren  bis  1806,  als  das  Land  sich  erholte,  wuchsen  auch  wieder  die
Überschüsse,  und  in  den  Ostseehäfen,  speziell  in  Danzig,  erreichte  der
Kornhandel  in  dieser  Zeit  die  grösste  Blüte;  denn  die  polnischen  Provinzen
wurden  im  Prinzip  mit  den  alten  preussischen  gleichgestellt*  und  das
polnische  Getreide,  das  früher  als  ausländisches  Produkt  mehr  Abgaben
und  Yexationen  zu  ertragen  hatte,  wurde  jetzt  als  inländisches  behandelt
und  konnte  mit  um  so  grösserem  Gewinn  auf  den  Markt  geworfen  werden,
als  die  Preise  in  dieser  Periode  immer  höher  stiegen.  Daraus  erklären
sich  die  hohen  Ausfuhrziffern,  welche  die  preussischen  Ostseehäfen  zu
dieser  Zeit  aufweisen.  Für  unseren  Zweck  müssen  wir  aber  alle  die
polnischen  Provinzen  ausscheiden,  welche  Preussen  durch  den  Wiener
Kongress  endgültig  wieder  verloren  hat.  Damit  scheidet  aber  auch  die
Hauptmasse  der  preussischen  Getreideausfuhr  aus  der  Rechnung  aus.
Derjenige  Teil  des  preussischen  Staates,  der  für  unsere  Untersuchung  in
Betracht  kommt,  wird  um  das  Jahr  1800  im  Durchschnitt  kaum  mehr  als
500000  D.-Ztr.  Getreide  Mehrausfuhr  gehabt  haben. 1 )
In  den  übrigen  deutschen  Staaten  war  die  Getreideausfuhr  für  gewöhnlich ­
  noch  geringer  als  in  Preussen.  Einige  Notizen  geben  darüber
Hassel  und  Malchus;  doch  beziehen  sich  dieselben  auf  die  Zeit  um
1820  und  ist  überdies  aus  den  Ziffern  nicht  ersichtlich,  ob  sie  nur  die
Ausfuhr  oder  den  Ausfuhrüberschuss  bezeichnen.  Im  allgemeinen  lässt  sich
nur  sagen,  dass  Bayern  eher  zu  wenig  als  zu  viel  produzierte;  Württemberg
und  Baden  gaben  in  normalen  Jahren 2 )  ein  gewisses  Quantum  an  die
Schweiz  und  Frankreich  ab;  auch  Hessen-Darmstadt  und  besonders  Mecklenburg ­
  erzielten  Überschüsse.  Dagegen  brauchten  Sachsen,  die  freien  Städte
und  viele  der  kleinen  Staaten  regelmässige  Zufuhren,  während  die  anderen
gerade  so  viel  produzierten  als  sie  brauchten.  Alles  in  allem  genommen
wird  man  wohl  nur  sagen  können,  dass  auf  dem  Gebiete,  welches  heute  das
0  Vergl.  zu  dieser  Darstellung  W.  Naudd,  Die  brandenburgisch-preussische  Getreidehandelspolitik ­
  von  1713—1806;  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verw.  u.  Volksw.  29.  Jahrg.,
1.  Heft,  1905.
2 )  Infolge  der  napoleonischeu  Kriege  hatte  Süddeutschland  zu  Beginn  des  Jahrhunderts ­
  wahrscheinlich  keine  Überschüsse.
        <pb n="35" />
        29

deutsche  Reich  umfasst,  zu  Beginn  des  neunzehnten  Jahrhunderts  so  viel
Getreide  produziert  wurde,  als  die  Bevölkerung  selbst  brauchte.  In  besseren
Jahren  wurden  wohl  Überschüsse  erzielt,  doch  war  die  Mehrausfuhr  im
ganzen  nicht  bedeutend.  Etwas  anders  gestalteten  sich  dagegen  die  Verhältnisse, ­
  als  man  nach  Befreiung  des  Bauernstandes  und  Mobilisierung  des  Grundbesitzes ­
  die  Anbauflächen  stark  zu  erweitern  begann  und  als  nach  Einfüliruug
  der  Gewerbefreiheit  und  Aufhebung  der  Binnenzölle  und  Ausfuhrverbote ­
  der  Getreidehandel  sehr  erleichtert  wurde.  Da  begann  auch  die
Getreideproduktion  viel  stärker  als  der  Eigenbedarf  zu  steigen  und  die
Krisis  der  20  er  Jahre  wurde  mit  dadurch  hervorgerufen,  dass  die  jetzt
viel  bedeutenderen  Überschüsse  an  das  Ausland,  zumal  dieses  seine  Getreidepolitik ­
  vielfach  geändert  hatte  und  selbst  bessere  Ernteerträge  erzielte,  sehr
schwer  abgestossen  werden  konnten  und  daher  enorm  auf  die  Preise  drückten.
Gleichwohl  betrug  die  Mehrausfuhr  Preusseus  im  Jahre  1828  —  trotz  des
Verlustes  der  polnischen  Provinzen  und  des  Wachstums  der  Bevölkerung
—  3601960  Scheffel  Getreide  und  Hülsenfrüchte  und  52257  Zentner  Mühlenfabrikate, ­
 1 )  das  ist  im  Vergleich  zu  1795/96  mehr  als  das  Gefache.
In  grossen  Zügen  haben  wir  also  in  dem  abgelaufenen  Jahrhundert  in
Deutschland  folgende  Entwickelung  gehabt:  zu  Beginu  des  Jahrhunderts
Produktion  des  Eigenbedarfs  und  geringe  Überschüsse,  seit  Ende  des
zweiten  Jahrzehnts  stärkeres  Anwachsen  der  Produktion  über  den  Eigenbedarf ­
  hinaus  und  Mehrausfuhr  bis  in  die  60  er  Jahre,  dann  kurze  Zeit
Balance  und  seit  den  70  er  Jahren  immer  stärker  werdende  Mehreinfuhr.
Damit  kommen  wir  wieder  auf  die  Frage  zurück:  Wie  erklärt  sich  diese
Mehreinfuhr,  wenn  die  einheimische  Landwirtschaft  am  Ende  des  Jahrhunderts ­
  pro  Kopf  dasselbe  produziert  hat  wie  am  Anfang  desselben?  Zwei
Momente  sind  es  hauptsächlich,  die  hier  in  Betracht  kommen.  Zum  ersten
ist  zu  sagen,  dass,  wenn  auch  nicht  der  Konsum  von  Brot,  so  doch  sicherlich ­
  der  Konsum  von  Brotgetreide  im  Laufe  des  Jahrhunderts  pro  Kopf
der  Bevölkerung  bedeutend  gestiegen  ist.  Vor  100  Jahren  spielten  beim
Vermahlen  des  Getreides  die  Handmühlen  noch  eine  grosse  Rolle  und  es
gehörte  vielfach  zu  den  gewöhnlichen  Beschäftigungen  des  Gesindes  und
der  kleineren  ländlichen  Bevölkerung,  besonders  an  den  langen  Winterabenden
das  für  den  Hausbedarf  nötige  Mehl  auf  Handmühlen  herzustellen.  Aber
selbst  dann,  wenn  man  das  Getreide  auf  den  gewerblichen  Wind-  und
Wassermühlen  vermahlen  liess  und  vermahlen  lassen  musste,  drängten  die
hohen  Getreidepreise  und  die  Mahlsteuer  dazu,  die  Mehlausbeute  möglichst
hoch  zu  gestalten;  die  niedrigen  Eleischpreise  machten  die  Verfütterung
einer  Kleie,  welche  die  Mahlsteuer  mit  zu  tragen  hatte,  wenig  rentabel.
Bezeichnend  ist  es  auch,  dass  die  alten  Schriftsteller,  z.  B.  Schwerz,  bei
Besprechung  der  Schwoinefütterung  viel  eher  die  Körner  als  Kleie  erwähnen,
es  wurde  eben  aus  den  genannten  Gründen  wenig  Kleie  erzeugt.  Das  ist  nun
alles  mit  der  Zeit  ganz  anders  geworden.  Heute  erblickt  man  auf  dem  Lande
nur  noch  sehr  selten  eine  Handmühle  in  Tätigkeit:  die  Leutenot  ist  zu
gross  und  die  Handarbeit  zu  teuer.  Aber  nicht  nur  die  Handmühlen,
l )  Dieterici,  Volkswohlstand,  S.  160.
        <pb n="36" />
        30

sondern  anch  die  Wind-  und  kleineren  Wassermühlen  sind  mit  der  Zeit  immer
mehr  von  der  Grossmüllerei  verdrängt  worden.  Was  diese  Umwälzung
aber  für  den  Getreidekonsum  zu  bedeuten  hat,  erhellt  daraus,  dass  die
Mehlausbeute  bei  Handmühlen  95—100  °/ 0 ,  bei  den  alten  Windmühlen
80—90%,  in  den  modernen  Grossmühlen  dagegen  nur  60—70%  beim
Roggen  und  70—80%  beim  Weizen  beträgt.
Es  ist  nun  gar  keine  Frage,  dass  es  für  die  Grossmüllerei  ein  leichtes
wäre,  die  Mehlausbeute  auf  80  und  90  %  zu  erhöhen,  nur  könnte  sie  dann
selbstverständlich  nicht  so  feine  Mehle  hersteilen,  wie  sie  es  jetzt  tut,
und  zwar  tut  aus  triftigen  Gründen;  denn  erstens  hat  sich  die  Lebenshaltung ­
  der  Bevölkerung  sehr  gehoben  und  wird  viel  mehr  feineres  Brot
verlangt,  und  zweitens  herrscht  auch  für  die  Abfälle  der  Müllerei,  das
Futtermehl  und  die  Kleie  bezw.  Schale,  bei  dem  grossen  Futterbedarf  der
heutigen  Viehhaltung  eine  so  starke  Nachfrage,  dass  für  die  Grossmüllerei
kein  Grund  vorliegt,  von  ihrer  bisherigen  Praxis  abzugehen.  Dabei  bleibt
dann  aber  eben  die  Tatsache  bestehen,  dass  heute  zur  Herstellung  desselben ­
  Quantums  Mehl  25—30  %  mehr  Getreide  verbraucht  wird  als  vor
100  Jahren.
An  zweiter  Stelle  kommt  in  Betracht  der  Umstand,  dass  heute,  zumal
bei  den  niedrigen  Getreidepreisen,  sehr  viel  Brotgetreide  in  Form  von
Körnern  und  Schrot  direkt  an  das  Vieh  verfüttert  wird,  viel  mehr  jedenfalls ­
  als  vor  100  Jahren,  wo,  wie  wir  noch  sehen  werden,  die  Ernährung
des  Viehs  eine  sehr  kärgliche  war.  Nach  Dade 1 )  würde  die  Produktion
Deutschlands  auch  gegenwärtig  noch  zur  Deckung  des  einheimischen  Bedarfs ­
  an  Brotgetreide  genügen,  wenn  nicht  ein  so  beträchtlicher  Teil  der
Ernte  —  %—%  beim  Roggen  —  direkt  an  Vieh  verfüttert  würde.  Dade
schreibt  wörtlich:  „In  den  Jahren  1894/95—1898/99  sind  nur  8  Prozent
des  Roggenbedarfs  vom  Auslande  bezogen,  dagegen  hat  das  Ausland
30  %  des  Weizenbedarfs  geliefert.  Fasst  man  Roggen  und  Weizen  zusammen, ­
  so  sind  ca.  15  %  des  Bedarfs  an  Brotkorn  vom  Auslande  gedeckt.
Etwa  1300000  Tonnen  Weizen  und  700000  Tonnen  Roggen,  zusammen
2  Milk  Tonnen  Brotkorn  werden  in  Deutschland  mehr  ein-  als  ausgeführt.
Dabei  ist  zu  beachten,  dass  %— x / 4  der  deutschen  Roggenernte,  ca.  2  Mill.
Tonnen,  an  das  Vieh  verfüttert  wird,  so  dass  bei  einer  mittleren  Ernte
überhaupt  kein  Brotkorn  eingeführt  zu  werden  brauchte,  wenn  das  verfütterte ­
  Brotgetreide  für  die  Ernährung  der  Bevölkerung  freigemacht
werden  könnte.“  Die  Schlussfolgerung  des  letzten  Satzes  ist  allerdings
nicht  gerechtfertigt.  Um  die  Mehreinfuhr  voii  2  Milk  Tonnen  Brotgetreide
überflüssig  zu  machen,  würde  es  nicht  genügen,  die  2  Milk  Tonnen  Roggen,
die  man  jetzt  an  das  Vieh  verfüttert,  für  den  menschlichen  Konsum  freizumachen, ­
  sondern  man  müsste  zugleich  die  Bevölkerung  veranlassen,  statt
jener  1300000  Tonnen  Weizen,  die  sie  jetzt  aus  dem  Auslande  bezieht
und  verbraucht,  die  entsprechende  Menge  von  inländischem  Roggen  zu
konsumieren.  Die  Menge  Weizen,  die  verfüttert  wird,  ist  jedenfalls  bei
0  w.  Koscher,  Nationalökonomik,  des  Ackerbaues.  IS.  Aufl.  bearbeitet  von  H.  Dade.
Stuttgart  und  Berlin  1903.  Seite  765.
        <pb n="37" />
        31

weitem  nicht  so  gross,  dass  durch  Erübrigung  dieses  Quantums  für  den
menschlichen  Konsum  die  ganze  Weizeneinfuhr  beseitigt  werden  könnte.
Bei  der  Brotversorgungsfrage  spielt  eben  noch  ein  Moment  mit,  dessen
Bedeutung  nicht  genug  gewürdigt  wird,  das  ist  die  Veränderung  in  den
Konsumgewohnheiten  des  Volkes.  Trotz  aller  Verelendungstheorie  bessert
und  verfeinert  sich  die  Lebenshaltung  desselben;  ein  Ausdruck  dafür  ist
die  Tatsache,  dass  die  Bevölkerung  immer  mehr  zu  dem  Konsum  von
Weizenbrot  übergeht.  Nach  unserer  Berechnung  ist  die  Weizenproduktion
in  Deutschland  während  des  ganzen  Jahrhunderts  um  244  %  gewachsen,
also  viel  stärker  als  die  Bevölkerung,  die  Roggenproduktion  nur  um  113  %,
also  schwächer  als  die  Bevölkerung;  trotzdem  ist  die  Weizeneinfuhr  gegenwärtig ­
  absolut  und  relativ  viel  stärker  als  beim  Roggen. 1 )  Die  Verbrauchsstatistik ­
  zeigt,  dass  von  1879/84  bis  1894/98  der  Konsum  pro  Kopf  der
Bevölkerung  gestiegen  ist  beim  Weizen  um  50,6  %,  beim  Roggen  nur  um
2,6  %. 2 )  Unter  diesen  Umständen  hätte  also  die  deutsche  Landwirtschaft
die  Aufgabe,  nicht  nur  im  allgemeinen  die  Produktion  von  Brotgetreide  im
Verhältnis  zum  Wachstum  der  Bevölkerung  zu  steigern,  sondern  darüber
hinaus  hauptsächlich  dem  sich  gewaltig  mehrenden  Bedarf  an  Weizen  gerecht ­
  zu  werden.  Ob  und  unter  welchen  Bedingungen  sie  dazu  imstande
wäre,  das  ist  eine  andere  Frage.
Die  Entwickelung  der  letzten  Jahrzehnte  im  besondern.
Wir  haben  bis  jetzt  die  hundertjährige  Entwickelung  der  deutschen
Landwirtschaft,  soweit  sie  die  Pflanzenproduktion  betrifft,  in  einen  scharfen
Umriss  zu  fassen  gesucht,  indem  wir  hauptsächlich  Anfang  und  Ende  des
Jahrhunderts  einander  gegenüberstellten.  Um  das  Bild  zu  vervollständigen,
bringen  wir  nachstehend  noch  einige  Tabellen,  welche  auf  Grund  der
Veröffentlichungen  des  Kaiserl.  Stat.  Amtes  zusammengestellt  sind  und  im
besondern  die  Entwickelung  der  letzten  Jahrzehnte  dartun.

1.  Hauptarten  der  Bodenbenutzung.

Im
Jahre

Acker-  und
Gartenland

Weinberge

Wiesen

Weiden  und
Hutungen

Forsten  und
Holzungen

Haus-  und
Hofräume,  Odund
  CJnland,
Wege,  Gewässer ­
  usw.

in  100  ha

1878

259  996,7

1338,4

59  076,3

46  027,8

138  392,1

33937,6

1883

261  773,5

1346,2

59  033,4

34  251,1

139  084,0

44  762,7

1893

262  432,1

1325,8

59  157,7

28  730,3

139  568,3

49  272,0

1900

262  573,1

1352,1

59  561,6

27  067,1

139  958,7

50  135,2

&amp;gt;•)  Vergl.  die  obige  Bemerkung  Dades.
-)  Stat.  Jahrbuch  für  d.  D.  R.  1899,  S.  153.  Im  Jahresdurchschnitt  1879/84  betrug
der  Verbrauch  an  Weizen  51,6  kg  pro  Kopf  der  Bevölkerung,  an  Roggen  121,0  kg,  im
Jahresdurchschnitt  1894/98  an  Weizen  77,7  kg,  an  Roggen  124,1  kg.  Die  letzten  beiden
Durchschnitte  sind  von  uns.  nach  den  Angaben  des  Jahrbuchs  unter  Berücksichtigung  des
Wachstums  der  Bevölkerung  berechnet  worden.
        <pb n="38" />
        —  32

Im
Jahre

Acker-  und
Gartenland

Weinberge

Wiesen

Weiden  uud
Hutungen

Porsten  und
Holzungen

Haus-  untl
Hofräume,  Oduud
  Unland,
Wege,  Gewässer ­
  usw.

in  Prozenten  der  Gesamtfläche:

1878

48,26

0,25

10,96

8,54

25,69

6,3

1883

48,5

0,3

10,9

6,3

25,7

8,3

1893

48,6

0,2

11,0

5,3

25,8

9,1

1900

48,6

0,2

11,0

5,0

25,9

9,3

Zu-  oder  Abnahme  von  1878—1900  in  °/ 0 :
|  +0,99  |  -0,99  |  +0,82  |  -41,19  |  +1,13  |  +47,73

Am  meisten  springt  hier  die  starke  Abnahme  der  Weiden  und
Hutungen  in  die  Augen.  I)as  dadurch  gewonnene  Areal  ist  zunächst
hauptsächlich  dem  Acker-  und  Gartenlande  zugute  gekommen.  Wenn
letzteres  trotzdem  im  ganzen  nur  unbedeutend  zugenommen  hat,  so  liegt
das  daran,  dass  es  seinerseits  sehr  viel  an  die  Rubrik  Haus-  und  Hofräume ­
  usw.  verloren  hat.  Das  Wachstum  der  Städte,  der  Bahnstrecken,
Bahnhöfe,  öffentlichen  Anlagen  usw.,  auf  welches  die  starke  Veränderung
in  der  letzten  Rubrik  zurückzuführen  ist,  hat  bedeutende  Flächen,  die  der
Sachlage  nach  hauptsächlich  Ackerland  darstellten,  der  landwirtschaftlichen
Nutzung  entzogen.  Andrerseits  steht  es  auch  fest,  dass  von  dem  Öd-  und
Unland,  welches  in  der  letzten  Rubrik  mitenthalten  ist,  in  den  letzten
Jahrzehnten  namhafte  Strecken  melioriert  und  der  Land-  oder  Forstwirtschaft ­
  nutzbar  gemacht  worden  sind.
Über  die  Benutzung  des  Acker-  und  Gartenlandes  gibt  uns  die  nachfolgende ­
  Tabelle  Aufschluss.

Benutzung  des  Acker-  und  Gartenlandes.

Im

Getreide  und

Hackfrüchte

Handels-Putter-





Haus-  und

Hülsenfrüchte

und  Gemüse

gewächse

pflanzen

und  Brache

Obstgärten

Jalire

in  100  ha:

1878

155448,1

35459,1

4167,2

24423,5

38173,9

—

1883

157239,7

39436,4

3523,1

24046,5

33368,3

4159,5

1893

159921,2

42376,6

2610,9

25193,7

27603,5

4726,2

1900

160509,9

45932,2

1879,1

26566,6

22857,4

4827,9

In  °/ 0  des  Acker-  und  Gartenlandes:

1878

59,8

13,6

1,6

9,4

14,7

—

1883

60,1

15,1

1,3

9,2

12,7

1,6

1893

60,9

16,2

1,0

9,6

10,5

1,8

1900

61,1

17,5

0,7

10,1

8,7

1,9

Zu-  oder  Abnahme  von  1878—1900  in

°/o :

+  2,2

+  28,7

—  56,25

+  7,4

—  40,8

Zu  der  ersten  Kolonne  ist  zu  bemerken,  dass  die  Anbaufläche  der
Hülsenfrüchte  allein  von  1206612  ha  im  Jahre  1883  auf  1000943  ha  im
Jahre  1900  zurückgegaugen  und  daher  die  Anbaufläche  des  Getreides  stärker
gestiegen  ist,  als  in  der  Tabelle  zum  Ausdruck  kommt.
        <pb n="39" />
        33

Die  starke  Abnahme  der  Ackerweide  und  Brache  geschah  besonders
zugunsten  der  Hackfrüchte  und  Futterpflanzen.  Besonders  bei  ersteren
ist  die  Anbaufläche  sehr  stark  gewachsen,  mit  den  Gemüsen  zusammen
11m  28,7  %.  Der  Rückgang  des  Handelsgewächsbaues  ist  darauf  zurückzuführen, ­
  dass  die  ausländische  Konkurrenz  infolge  der  Entwickelung  der
Verkehrsverhältnisse  auch  hier  sehr  erstarkt  ist  und  den  inländischen
Anbau  unrentabel  gemacht  hat.  Für  die  Landwirtschaft  im  ganzen  ist
aber  dieser  Posten  von  geringerer  Bedeutung,  weil  die  mit  Handelsgewächsen
bestellte  Fläche  an  sich  nicht  sehr  gross  ist.
Gehen  wir  noch  spezieller  auf  den  Getreide-  und  Kartoffelbau  ein,  so
sind  die  Ernteflächen  der  für  Menschen  und  Vieh  wichtigsten  Nährfrüchte
folgende  gewesen:

Koggen

Weizen

Winterspelz
(und-  Emmer)

Gerste

Hafer

Kartoffeln

1878

5  934  927

1  813  754

403  336

1  620  483

3  743.070

2  753  216

1883

5  827  078

1  912  446

371  996

1  704  693

3  773  202

2  911  109

1888

5  814  253

1  933  337

363  565

1  684  665

3  832  488

2  920  330

1893

6  012  315

2  044  103

347  044

1  594  407

3  906  969

3  036  867

1898

5  945  191

1  969  311

327  485

1635  325  -

3  996  521

3  080  588

1902

6  154  545

1  912  215

311657

1  664  025

4  156  290

3  240  577

Eine  ausgeprägte  Tendenz  zum  Wachsen  zeigt  sich  hier  nur  beim
Hafer  und  bei  den  Kartoffeln,  während  Weizen,  Roggen  und  Gerste  im
allgemeinen  nur  Schwankungen  aufweisen.  Die  niedrigen  Getreidepreise
bieten  eben  keinen  Anreiz,  die  Anbauflächen  für  Getreide  auszudehnen.
Was  die  Ertragssteigerung  pro  Flächeneinheit  betrifft,  so  ist  der  Erhebungsmodus ­
  durch  die  „Bestimmungen  über  die  Sammlung  von  Saatenstands- ­
  und  Erntenachrichten“  (abgedr.  in  den  Viertelj.  zur  Stat.  d.  D.  R.
1899,  IV,  Erg.-Heft)  wesentlich  abgeändert  worden,  so  dass  nur  die  Zahlen
seit  1899  auf  eine  gleichartige  Weise  gewonnen  und  unmittelbar  miteinander
vergleichbar  sind.  Will  man  Vergleiche  mit  den  älteren  Ergebnissen  anstellen, ­
  so  darf  man  nur  die  Zahlen  der  früheren  „Vorläufigen  Übersichten
über  die  Ernteergebnisse“  wählen;  diese  sind  auf  ziemlich  dieselbe  Weise
gewonnen  wie  die  neuesten  Daten  und  können  daher  mit  diesen  immerhin
in  Vergleich  gestellt  werden.  Man  erhält  dann  folgendes  Bild:

Durehsehnittsertrag  pro  ha  in  D.-Ztr.  (ä  100  kg):

Weizen

Koggen

Gerste

Hafer

Kartoffeln

1878  .  .

•  ■  ■  14,55

12,45

15,05

14,55

88,9

1893  .  .

•  •  ■  16,7

14,9

14,8

10,7

134,1

1893/99  .

■  •  ■  17,5

14,2

16,7

15,2

118,2

1899/1901

.  •  .  18,0

14,4

18,0

16,8

132,1

1902  .  .

.  .  .  20,4

15,4

18,9

18,0

134,1

Nach

der  alten  Erhebungsmethode

lauteten  die

Zahlen:

1879/88  .

.  .  .  13,1

9,8

13,0

11,4

81,0

1887/96  .

.  .  .  14,3

10,8

13,4

11,9

89,6

3
        <pb n="40" />
        34

Beiderlei  Zahlenreihen  zeigen,  dass  die  Ertragssteigerung  bis  in  die
Gegenwart  in  erfreulicher  Weise  anhält.
Zum  Schluss  müssen  wir  noch  eine  Frucht  besonders  erwähnen,  die
neben  der  Kartoffel  wohl  den  meisten  Einfluss  auf  die  technische  Entwickelung ­
  der  Landwirtschaft  ausgeübt  hat,  das  ist  die  Zuckerrübe.  Der
Zuckerrübenbau  und  die  Rübenzuckerindustrie  sind  bekanntlich  erst  im
vorigen  Jahrhundert  aufgekommen,  denn  obwohl  Marggraf  schon  1747
den  Zuckergehalt  der  Runkelrübe  nachgewiesen  hatte,  führten  erst  die  von
Achard  wieder  neu  aufgenommenen  Versuche  1801  zu  dem  Bau  der  ersten
Rübenzuckerfabrik  in  Cunern  in  Schlesien.  Hat  somit  die  Rübenzuckerfabrikation ­
  in  Deutschland  ihren  Ursprung  genommen,  so  hat  sie  auch  iu
Deutschland  bis  jetzt  die  glänzendste  Entwickelung  gehabt,  wie  die  folgende
Zusammenstellung 1 )  zeigt:

Es  wurden  mit

V  nn  1  li  n

Im  ganzen

Zu  1  D.-Ztr.  RohZuckerrüben ­



V  DU  X  .11«/

wurden  verzucker ­

  wurden

bebaut

wurden  geerntet

arbeitet  Rüben

verbraucht  Rüben

ha 2 )

D.-Ztr. 2 )

t

D.-Ztr.

1871/72  .  .

73690

204

2250918

12,07

1876/77  .  .

98725

252

3550037

12,27

1881/82  .  .

.  121265

283

6271984

10,46

1886/87  .  .

.  147782

300

8306671

8,43

1891/92  .  .

.  164774

282

9488002

7,92

1892/93  .  .

.  352015

279

9811940

7,97

1896/97  .  .

.  424881

323

13721601

7,53

1900/01  .  .

.  447606

296

13253909

6,70

1901/02  .  .

.  478749

334

16012867

6,96

Während

Deutschland  zu

Beginn  des

19.  Jahrhunderts  vollständig

auf  die  Einfuhr  von  Kolonialzucker  angewiesen  war,  konnte  es  im
Jahre  1900  nicht  nur  den  einheimischen  Bedarf  befriedigen,  sondern  noch
über  1  Mill.  Tonnen  Rübenzucker  ausführen.  —
Fassen  wir  nun  die  Entwickelung  des  Ackerbaues  kurz  zusammen.
Die  zu  Beginn  des  Jahrhunderts  vorhandene  Möglichkeit,  das  Ackerland
ohne  besondere  Schwierigkeiten  bedeutend  zu  erweitern,  wird  schon  in
der  ersten  Hälfte  des  Jahrhunderts  stark  ausgenutzt.  Bei  gleichzeitiger
Steigerung  der  relativen  Erträge  befindet  sich  daher  Deutschland  in  der
Lage,  nicht  nur  den  Bedarf  der  wachsenden  Bevölkerung  zu  befriedigen,
sondern  vorübergehend  sogar  bedeutendere  Überschüsse  von  Getreide  an
das  Ausland  abzugeben.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  wird  es
dagegen  immer  schwieriger,  neues  Land  in  Kultur  zu  nehmen;  es  ist  nur
noch  schlechter  Boden  übrig,  dessen  Kultivierung  bei  dem  ständigen  Sinken
der  Getreidepreise  seit  den  70  er  Jahren  keine  Rentabilität  verspricht.  9
9  Zusammengestcllt  nach  Stat.  Jahrb.  f.  d.  D.  R.  Jahrg.  1890,  S.  29;  1893,  S.  24;
1902,  S.  40  und  1903.
2 )  In  den  beiden  ersten  Kolonnen  beziehen  sich  die  Zahlen  von  1871/72—1891/92
nur  auf  die  von  den  Fabriken  selbst  angebauten  Rüben,  alle  übrigen  Zahlen  betreffen  die
in  Deutschland  überhaupt  erzeugten  bezw.  verarbeiteten  Rüben.
        <pb n="41" />
        35

Das  Ackerland  wächst  daher  von  1878—1900  nur  um  0,99  %.  Dagegen
tritt  in  dieser  Zeit  die  Intensivierung  des  Ackerbaues  in  den  Vordergrund.
Ackerweide  und  Brache  werden  sehr  stark  eingeschränkt  und  der  Hackfruchtbau ­
  erweitert.  Kationellere  Bodenbearbeitung,  stärkere  Anwendung
mineralischen  und  grünen  Düngers  sowie  besseren  Saatgutes  bewirken
eine  weitere  bedeutende  Steigerung  der  relativen  Erträge.  Stärker  aber
als  die  Erträge  wachsen  die  Bedürfnisse  und  Ansprüche  der  sich  jährlich
um  7—800000  Köpfe  vermehrenden  Bevölkerung.  Obwohl  daher  die  einheimische ­
  Landwirtschaft  am  Schlüsse  des  Jahrhunderts  pro  Kopf  die
gleiche  Menge  Brotgetreide  erzeugt  wie  am  Anfang  desselben,  werden
doch  im  Jahre  1900  ca.  1700000  t  Weizen  und  Boggen  aus  dem  Auslande
eingeführt.

Die  deutsche  Viehzucht  im  19.  Jahrhundert.
Wir  wenden  uns  uunmehr  zu  dem  G-egenstück  des  Ackerbaues,  zu
der  Viehzucht.  Nach  der  extensiven  Seite  hin  wird  die  Entwickelung  der
Viehzucht  durch  die  Viehzählungen  dargestellt,  die  in  den  grösseren  Staaten
Deutschlands  ziemlich  weit  zurückreichen.  Wenn  dieselben  auch  voneinander ­
  insofern  etwas  abweichen,  als  die  alteu  Zählungen  vielfach  zu  einer
andern  Jahreszeit  stattfanden  und  auch  sonst  Besonderheiten  zeigen  (in
Preussen  wurden  die  Kälber  unter  6  Monaten  vor  1864  nicht  mitgezählt),
so  darf  man  doch,  wenn  es  sich  um  ein  ganzes  Jahrhundert  handelt,  von
diesen  kleinen  Mängeln  absehen.  Das  Bild  der  Entwickelung  im  ganzen
wird  dadurch  nur  wenig  getrübt  und  die  Möglichkeit  einer  Vergleichung
zwischen  einst  und  jetzt  bleibt  bestehen.  Die  Hauptergebnisse  der  Viehzählungen ­
  in  den  grösseren  Einzelstaaten  sind  nun  folgende: 1 )
Preussen  (naeh  seinem  Umfange  vor  1866):

Pferde

Rindvieh

Schafe

Schweine

Ziegen

1816  .  .

.  1243261

4013912

8260396

1494369

143433

1849  .  -

.  .  1577417

5371644

16236328

2466316

584771

1867  .  .

.  .  1871852

5953686

18806400

3785674

1043764

1873  .  .

.  .  1882318

6530866

16763224

3867792

1149395

1883  .

.  .  1986791

6620753

12362936

4504611

1309552

1892  .  .

.  .  2183394

7514353

8232074

5935237

1545684

1900  .  .

.  .  2409753

8275114  5636461
Bayern:

8242066

1598280

1810  .  .

•  •  292414

1828083

1074232

501509

65289

1854  .  •

•  •  347229

2616152

1223576

492767

103184

1863  .  ■

•  ■  379467

3162456

2040372

922453

148493

1873  .  .

.  .  350867

3066263

1342190

872098

193881

1883  .  .

.  .  356316

3037098

1178270

1038344

220818

1892  .  .

369035

3337978

968414

1358744

268471

1900  .

.  386642

3469163

760428

1757156

274575

0  Die
S.  17;  1902,

deutsche  Landwirtschaft  in  Paris
S.  23.

1900,  S.  43.  Stat.  Jahrb.  für

d.  D.  R.  1894,

3*
        <pb n="42" />
        —  36  —
Sachsen:

1834  ....

Pferde
73535

Bindvieh
546942

Schafe
604950

Schweine
104689

Ziegen
48553

1853  ....

94870

610836

485147

124158

74726

1867  ....

112800

625260

304087

325564

93004

1873  ....

115667

647074

306830

301091

195401

1883  ....

126886

651329

149037

355550

116547

1892  ....

148499

664833

105194

433800

128562

1900  ....

166730

688953

74628

576953

139796

1820  ....

68600

Württemberg:
669850  487040

128830

23120

1855  ....

95038

811159

485488

143524

42064

1864  ....

104527

974917

705656

263504

35262

1873  ....

96970

946228

577290

267350

38305

1883  ....

96885

904139

550140

292206

54876

1892  ....

101679

970588

385620

394616

70305

1900  ....

112103

1021452

316346

514121

82  631

1813*)  .  .  .

62727

Baden:
1811:  401742

179986

194410

22047

1825  ....

69610

480487

189000

204000

23100

1855  ....

86828

582486

162607

245413

67014

1868  ....

75223

603840

174127

340713

57302

1873  ....

70285

621888

156287

272333

68873

1883  ....

66607

593526

131461

291001

90782

1892  ....

67595

634984

98107

390464

102682

1900  ....

75605

651754

68531

497923

109656

Ein  Blick  auf  diese  Tabellen  zeigt  bei  allen  Viehgattungen  ein  starkes
und  im  allgemeinen  beständiges  Wachstum,  nur  bei  den  Schafen  ist  die
Zahl  seit  den  60  er  Jahren  ebenso  rapid  gefallen,  wie  sie  vorher  gestiegen
ist.  Im  einzelnen  ist  hervorzuheben,  dass  bei  Preussen  und  Bayern  die
Ziffern  von  1816  bezw.  1810  niedriger  lauten,  als  sie  unter  normalen  Verhältnissen ­
  lauten  würden,  denn  die  napoleonischen  Kriege  haben  den  Vielistand
  Deutschlands  stark  dezimiert.  Schmoller 2 )  führt  z.  B.  an,  dass
nach  den  genauen  Nachweisungen  des  Geh.  Kat  Schubert  Ostpreussen  im
Jahre  1807  22  %  seiner  Pferde  und  27  %  seines  Bindviehes  im  Werte
von  23  Mill.  Talern,  1813  wieder  40%  seines  Pferde-  und  30%  seines
Bindviehstandes  im  Werte  von  14  Mill.  Talern  verloren  habe.  In  andern
Provinzen,  welche  weniger  als  Kriegsschauplatz  gedient  haben,  mögen  die
Verluste  nicht  so  stark  gewesen  sein;  gross  waren  sie  immerhin.  Darum
geht  auch  Schmoller  bei  seiner  Vergleichung  des  Wachstums  des
preussischen  Viehstandes  nicht  von  dem  Jahre  1816,  sondern  von  1802  aus,
0  v.  Malchus,  Statistik  und  Staatenkunde.  Stuttg.  u.  Tiib.  1826.
2 )  Die  Grösse  des  preuss.  Viehstandes,  a.  a.  0.  S.  646.
        <pb n="43" />
        37

von  den  Zahlen,  die  Krug  über  die  Grösse  und  Verteilung  des  damaligen
preussischen  Viehstandes  angibt.  Diese  Zahlen  beziehen  sich  aber  auf  ein
grösseres  Gebiet,  als  es  dasjenige  von  1816  war;  zieht  man  das  letztere
in  Betracht  und  reduziert  dementsprechend  die  Krug  sehen  Angaben,  so
hatte  Preussen  nach  unserer  Berechnung:
Pferde  Binder  Schafe  Schweine
1802  1443038  4540425  9720348  2288285
1816  1243261  4013912  8260396  1494369
In  dieser  Zusammenstellung  treten  die  verheerenden  Wirkungen  der
Kriege  deutlich  zutage.  Ähnlich  waren  die  Verluste,  welche  Bayern  und
die  andern  süddeutschen  Staaten  schon  durch  den  zweiten  und  dritten
Koalitionskrieg  und  ebenso  infolge  der  späteren  Feldzüge  Napoleons  erlitten
hatten.  Es  unterliegt  daher  keinem  Zweifel,  dass  auch  der  Viehstand
Bayerns  im  Jahre  1810  geringer  gewesen  ist  als  zu  Beginn  des  Jahrhunderts. ­
  Dagegen  kann  man  annehmen,  dass  Sachsen,  Württemberg  und
Baden  ihre  Viehbestände  bis  zu  den  Jahren  1834,  bezw.  1820  bezw.  1825
wieder  auf  die  Höhe  vom  Jahre  1800  gebracht,  bezw.  darüber  hinaus  vergrössert
  haben.  Von  Preussen  sagt  zwar  Schm  oller,  dass  dasselbe  erst
1840  den  Viehstand  von  1802  erreicht  habe,  aber  wenn  man  alle  Viehgattungen ­
  zusammen  nimmt,  war  dies  doch  schon  Anfang  der  30  er  Jahre
der  Fall,  und  andrerseits  kommt  in  Betracht,  dass  die  landwirtschaftliche
Krisis  der  20  er  Jahre  sich  besonders  auf  Norddeutschland  erstreckte  und
hier  einem  rascheren  Wachstum  der  Viehzahl  sehr  hinderlich  gewesen  ist.
In  Preussen  hat  sich  z.  B.  der  Viehstand  in  den  neun  Jahren  von
1822—1831  viel  schwächer  vermehrt  als  in  den  6  Jahren  von  1816—1822.
Auch  die  Aufhebung  der  Gemeinweiden  spielt  dabei  eine  Rolle,  indem  dieselbe ­
  vielen  kleinen  Leuten  die  Viehhaltung  sehr  erschwerte,  bezw.  unmöglich ­
  machte.  Für  Süddeutschland  fallen  diese  Momente  grösstenteils
weg  und  darum  konnte  sich  dort  das  Wachstum  des  Viehstandes  eher  und
rascher  vollziehen.  Von  Württemberg  berichtet  z.  B.  Malchus,  dass  sich
daselbst  in  den  drei  Jahren  von  1817—1820  der  Riudviehstand  um  1 / 16 ,
die  Zahl  der  Schweine  um  1 / s ,  jene  der  Ziegen  um  1 / s  vermehrt  habe,  und
bei  Baden  zeigen  die  Ziffern  von  1825  gegenüber  denjenigen  von  1813
bezw.  1811,  welche  gleichfalls  von  Malchus  herrühren,  auch  eine  sehr
beträchtliche  Steigerung.  Wir  glauben  darum  keinen  erheblichen  Fehler
zu  begehen,  wenn  wir  annehmen,  dass  das  Minus,  welches  Bayern  in  seinem
Viehstand  von  1810  gegenüber  1800  wahrscheinlich  aufweist,  aufgewogen
wird  durch  das  Plus,  welches  bei  Sachsen,  Württemberg  uud  Baden  in  den
Ziffern  von  1834,  bezw.  1820  bezw.  1825  zu  vermuten  ist.  Nimmt  man
daher  die  Ziffern  von  Preussen  für  1802,  von  Bayern  für  1810,  von
Sachsen  für  1834,  von  Württemberg  für  1820  und  von  Baden  für  1825,
so  dürften  die  Summen  annähernd  richtig  den  Viehstand  wiedergeben,  den
diese  Länder  zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  gehabt  haben.  Stellt
man  dann  diesen  Zahlen  diejenigen  von  1900  gegenüber,  so  erhält  man
folgendes  Bild:
        <pb n="44" />
        38

Preussen,  Bayern,  Sachsen,  Württemberg'  und  Baden:

Pferde

Kinder

Schafe

Schweine

Ziegen

1947197

8065787

12075750

3227313

303495

3150833

14106436

6856394

11588219

1901433

+  62%

+  75%

-43  %

+  259%

+  626%.

Es  hat  also  nur  die  Zahl  der  Schafe  abgenommen,  alle  anderen  Tiergattungen ­
  weisen  ein  starkes  Wachstum  auf,  am  stärksten  Schweine  und
Ziegen.
Die  Vermehrung  der  Stückzahl  gibt  indessen  noch  kein  vollständiges
Bild  von  der  Intensität  der  Entwickelung,  welche  die  Viehzucht  in  den
letzten  100  Jahren  durchgemacht  hat.  Es  kommen  daneben  auch  die  Veränderungen ­
  in  Betracht,  welche  sich  in  der  Leistungsfähigkeit  des  einzelnen
Tieres,  in  seiner  Ergiebigkeit  an  Fleisch,  Milch  usw.  vollzogen  haben.  Die
Viehhaltung  und  -pflege  war  vor  100  Jahren  noch  eine  sehr  mangelhafte.
„Der  ganze  ökonomische  Betrieb“,  schreibt  Langethal  in  seiner  Geschichte
der  deutschen  Landwirtschaft, J )  „war  damals  mit  Ausnahme  einiger  fruchtbaren ­
  Gegenden  selbst  noch  auf  grossen  Gütern  sehr  elend  zu  nenuen.
In  den  östlichen  Teilen  Deutschlands,  nämlich  in  Kurhessen,  Thüringen,
den  Harzländern,  Brandenburg,  Pommern,  Lausitz,  Sachsen,  Böhmen,  Mähren,
und  Niederösterreich  bildeten  die  Schäfereien  die  Hauptsache  des  Viehstandes. ­
  Zu  ihrer  Weide  hatte  man  da,  wo  Bergleden  fehlten,  die  Brachen
und  Wiesen  eingeräumt,  und  wo  sie  vorhanden  waren,  wurden  um  so  mehr
Schafe  gehalten,  um  auch  Wiesen  und  Brachen  benutzen  zu  können.  Die
Rinder  gingen  auf  die  Wiesen  und  in  die  Waldungen,  die  Schweine  wühlten
auf  Brachäckern,  und  da,  wo  Pferdezucht  war,  hatte  man  Riede-  und
Wiesenhutungen.“  „Da  man  im  allgemeinen  wenig  oder  gar  kein  Futter
auf  Äckern  baute  und  die  Wiesen  nicht  schonte,  ging  das  Futter  gewöhnlich
schon  im  März  zu  Ende;  die  Schafe  mussten,  sobald  der  Schnee  das  Land
verliess,  auf  Wiesen  ihr  spärliches  Futter  suchen  und  kamen  nach  dem
11.  Mai  und  auch  später  noch  auf  die  Wiesen  zur  Trift.  Den  Kühen  suchten
im  Frühjahr  die  Mägde  auf  Brachen  und  Saatfeldern  junges  Futter;  das
wurde  mit  Stroh  gemengt  und  reichte  eben  nur  hin,  die  Tiere  am  Leben
zu  erhalten.  Erst  wenn  die  Waldweide  kam,  erholten  sie  sich.  Mit  dem
Eintritt  der  Sommerhitze  entstand  neue  Not;  das  Vieh,  gepeinigt  von
Hitze,  Staub,  Insekten  und  Hunger,  lief  auf  den  Weiden  umher,  stürzte
sich  gierig  auf  einzelne  gemeinlich  durch  stehende  Nässe  noch  mit  grünen
Pflanzen  bestandene  Stellen  und  holte  sich  dort  Krankheit  und  Tod.  So
kam  der  Herbst,  wo  die  Schafe  auf  Stoppeln,  die  Rinder  auf  Wiesen  wieder  ein
reichliches  Futter  fanden,  bis  im  Spätherbst  die  Rinder  ihre  Ställe  bezogen,
während  die  Schafe  ihr  sämtliches  Futter  noch  auf  den  Wiesen  suchen
mussten.  Auf  diese  Weise  konnte  es  nicht  fehlen,  dass  öfters  grosse
Seuchen  die  Herden  verheerten,  und  kam  ein  spätes  Frühjahr,  so  starben
die  Schäfereien  von  ein  Viertel  bis  zur  Hälfte  vor  Nahrungsmangel  aus.“
Von  derartigen  Schilderungen  könnte  man  noch  mehrere  anführen;
die  Schriften  Scliubarts,  Schwerzens,  Thaers  u.  a.  sind  voll  Klagen

0  4.  Buch.  Jena  1856.  8.  358  ff.
        <pb n="45" />
        39

über  den  niedrigen  Stand  der  damaligen  Tierhaltung.  Beispiele  von  besserer
Haltung  und  Pflege  der  Tiere,  von  Putterbau  und  Sommerstallfütterung
werden  allerdings  hier  und  da  angeführt,  gehörten  aber  zu  den  Ausnahmen.
Unter  solchen  Verhältnissen  konnte  natürlich  die  Kraftleistung  der
Tiere  und  ihre  Ergiebigkeit  an  Fleisch,  Milch  usw.  keine  grosse  sein.  Thaer
sagt  an  einer  Stelle 1 )  ausdrücklich:  „Das  aus  Mangel  an  Weide  kraftlose
Zugvieh  vollbrachte  sehr  wenig  Arbeit  an  einem  Tage.“  Das  Gewicht,
welches  die  einzelnen  Tiere  erreichten,  war  vielfach  ein  unglaublich  kleines.
So  berichtet  Schwerz 2 )  von  dem  Kindvieh  in  der  Eifel:  „Eine  magere
Kuh  wiegt  150—200  Pfund,  ein  Ochse  bis  300  Pfund“;  in  den  Grafschaften
Tecklenburg  und  Lingen:  „Die  allergrössten  Kühe  mögen  250—300  Pfund
wiegen“;  im  Fürstentum  Münster:  „Das  hiesige  Vieh  gehört  zu  der  kleinsten
Höhenrasse.  Eine  Kuh  wiegt  fett  300  Pfund“;  im  Fürstentum  Paderborn:
„Bei  den  gewöhnlichen  Bauern  wiegt  eine  Kuh  zwischen  2  und  300  Pfund,
auf  den  Ökonomien  4—600  Pfund“;  am  Khein  und  an  der  Mosel,  wo
Stallfütterung  schon  sehr  verbreitet  war:  „Das  Gewicht  einer  schlachtbaren
Kuh  geht  in  der  Regel  nicht  über  3—400  Pfund.  Die  von  5—600  sind
Ausnahmen.  Die  Ochsen  wiegen  zwischen  5—700  Pfund.“  Nur  im
Herzogtum  Jülich,  „der  vorzüglichsten  Ackerprovinz  diesseits  der  Weser“,
kam  eine  schlachtbare  Kuh  im  Durchschnitt  auf  450—600  Pfund.  Auch
in  Kleve,  Geldern  und  Mörs  erreichten  die  Kühe  ein  höheres  Gewicht,
4—500  Pfund,  von  Fettweiden  auch  wohl  6—700.  Diese  Angaben  betreffen ­
  das  Vieh  in  Westfalen  und  Rheinpreussen.  Bezüglich  Norddeutschlands ­
  schreibt  Thaer 3 )  folgendes:  „Wir  nehmen  Kühe  von  der  gewöhnlichen ­
  Höhe-  oder  Landrasse  des  nördlichen  Deutschlands,  solche  aber
unverkrüppelt  und  ausgewachsen  an.  Eine  Kuh  dieser  Art  wiegt  in  dem
Zustande,  worin  sie  sich  auf  einer  gehörigen  Weide  befindet,  lebendig
400  Pfund  und  wenn  sie  geschlachtet  wird,  220  Pfund  an  Fleisch.  Sie  gibt
300  Tage  im  Durchschnitt  2 l / 2  Quart  Milch  oder  jährlich  750  Quart  (859  1)
und  daraus  62  Pfund  (29  kg)  Butter  neben  Käse,  Molkenabfall  und  Kalb.“
Die  Worte  „worin  sie  sich  auf  einer  gehörigen  Weide  befindet“  lassen
vermuten,  dass  die  Ziffern  Thaers  wahrscheinlich  noch  über  dem  Durchschnitt ­
  stehen;  denn  wie  wir  oben  sahen,  waren  die  Weiden  bezw.  die
sonstige  Ernährung  des  Viehes  meist  nicht  „gehörig“.  Dieterici  nahm
nach  den  Ergebnissen  der  Akzise  für  den  ganzen  preussischen  Staat  im
Jahre  1802  als  durchschnittliches  Schlachtgewicht  (Fleisch,  Knochen  und
Fett,  mit  Ausnahme  der  Füsse,  des  Darmfettes  und  der  Eingeweide)  an:  bei
einem  Ochsen  300  Pfund,  Kuh  200,  Stück  Jungvieh  100,  Kalb  24  Pfund. 4 )
Man  kann  nach  alledem  sagen,  dass  das  durchschnittliche  Lebendgewicht
einer  Kuh  vor  100  Jahren  kaum  400  Pfund  erreicht  hat.  Dagegen  hatten
die  10458631  Kühe,  welche  die  Viehzählung  von  1900  in  Deutschland  ermittelt ­
  hat,  ein  Gewicht  von  4592378,5  Tonnen,  die  einzelne  Kuh  wog
0  Anna!  Jahrg.  1811,  S.  453.
2 )  Beschreibung  der  Landw.  in  Westfalen  und  Rheinpreussen.  Stuttgart  1836  II
S.  143;  I,  S.  119;  I,  S.  148,  360;  H,  S.  204,  100.
3 )  Ausmittelung  des  Reinertrages  der  produktiven  Grundstücke.  Berlin  1813.  S.  91.
4 )  Vergl.  Schmoller,  Die  Grösse  des  preussischen  Viehstandes,  a.  a.  0.  S.  749.
        <pb n="46" />
        40

also  439  kg  oder  878  Pfund,  d.  h.  120%  mehr  als  vor  100  Jahren.  Würde
man  übrigens  nicht  die  Gewichte  der  lebenden  Tiere,  sondern  die  Schlachtgewichte ­
  miteinander  vergleichen,  so  würde  der  Unterschied  zwischen
einst  und  jetzt  noch  mehr  hervortreten,  weil  die  Tiere  heute  im  allgemeinen ­
  in  besserem  Mastzustande  geschlachtet  werden  und  die  Schlachtprozente ­
  daher  grösser  sind.  Aber  nicht  nur  dass  die  Fleischergiebigkeit
des  einzelnen  Tieres  gewaltig  gestiegen  ist,  für  die  gesamte  Fleischproduktion ­
  kommt  auch  in  Betracht,  dass  heute  von  den  an  einem  Tage  gezählten ­
  Tieren  im  Laufe  des  Jahres  verhältnismässig  mehr  zur  Schlachtung
kommen  als  früher,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  die  Tiere  heute  viel
schneller  wachsen  und  reif  werden  und  die  ganze  Herde  sich  viel  schneller
erneuert.  Die  Einführung  und  Züchtuug  frühreifer  Rassen  hat  es  in  Verbindung ­
  mit  reichlicher  Fütterung  zuwege  gebracht,  dass  die  Rinder  heute
schon  mit  l 1 / 2 —2  Jahren  dasjenige  Reifestadium  erreichen,  welches  sie
früher  erst  mit  3—4  Jahren  erlangten.  Soweit  es  sich  also  um  die  Schlachtung ­
  von  solchen  Tieren  handelt,  die  eben  ausgewachsen  sind,  hat  sich  der
Umsatz  im  Laufe  des  Jahrhunderts  um  mindestens  50%  beschleunigt.
Aber  man  lässt  heute  bei  der  viel  rationelleren  Betriebsführung  auch  die
übrigen  Tiere,  welche  vor  der  Schlachtung  erst  eine  Zeit  lang  zur  Zucht,
zum  Zuge  oder  zur  Milchproduktion  verwendet  werden,  nicht  mehr  so  alt
werden  wie  früher,  weil  alte  Tiere  sich  schlecht  mästen  und  bei  den
heutigen  gesteigerten  Ansprüchen  an  die  Qualität  des  Fleisches  schwer
verkäuflich  sind  und  schlechter  bezahlt  werden.  Man  kann  annehmen,  dass
sich  auch  bei  dieser  letztgenannten  Kategorie  die  Erneuerung  des  Bestandes
heute  um  ca.  50  %  schneller  vollzieht  als  früher.
Auch  die  Milchleistung  des  einzelnen  Tieres  ist  heute  eine  viel  grössere
als  ehedem.  Nach  v.  Kahlden 1 )  wurden  auf  12  schlesischen  Gütern  iin
Jahre  1897  von  durchschnittlich  969  Kühen  pro  Kopf  und  Tag  6,76  1  gemolken, ­
  das  macht  pro  Jahr  und  Kuh  2467  1.  v.  Roberti 2 )  gibt  den
jährlichen  Ertrag  einer  Herde  von  36—46  Kühen  in  den  Jahren  1886/87
bis  1899/1900  pro  Kuh  und  Jahr  auf  1816—2865  1  an.  Es  ist  dabei  zu
bemerken,  dass  die  Ziffer  1816  annormal  ist,  weil  die  Herde  in  dem  betreffenden ­
  Jahre  an  Maul-  und  Klauenseuche  erkrankt  war.  Der  gewöhnliche ­
  Durchschnitt  war  sonst  2436  1.  Auf  einem  von  Büttner 3 )  beschriebenen ­
  schlesischen  Rittergute  war  der  Milchertrag  pro  Tag  und  Kuh
im  Durchschnitt  des  Jahres  8  1,  pro  Jahr  und  Kuh  also  2920  1.  Man
darf  nach  alledem  als  die  durchschnittliche  jährliche  Milchproduktion  einer
Kuh  heute  2000—2500  1  annehmen.  Im  Vergleich  zu  der  Thaerschen
Angabe,  die  wahrscheinlich  noch  über  dem  damaligen  Durchschnitt  steht,
bedeutet  das  eine  Steigerung  um  150—200%.
Was  die  Schweine  anbelangt,  so  sind  die  Gewichtsangaben,  die
Schwerz  macht,  erstaunlich  hoch:  200—300—400—500  Pfund.  Wir
9  Die  Herrschaft  Kuchelna;  Landw.  Jahrb.  29.  Bd.  Berlin  1900.
")  Über  die  Zucht  der  Milchkuh.  Merseburg  1902.  S.  52.
3 )  Ein  schlesisches  Rittergut.  Berlin  1901.  Beide  Abhandlungen  abgedruckt  in
Mitteil.  d.  landw.  Institute  der  Königl.  Univers.  Breslau.
        <pb n="47" />
        41

dürfen  indessen  nicht  vergessen,  dass  sich  diese  Ziffern  auf  Westfalen  beziehen, ­
  wo  die  Schweinezucht  schon  vor  100  Jahren  in  grosser  Blüte  stand.
(Westfälischer  Schinken!)  Immerhin  werden  auch  hier  wohl  Gewichte  von
400  und  500  Pfd.  nur  in  Ausnahmefällen,  bei  alten  Tieren  und  voller
Mästung  erreicht  worden  sein.  In  den  andern  Teilen  Deutschlands  waren
die  Durchschnittsgewichte  bei  weitem  nicht  so  hoch.  Schon  beim  Fürsten-'
tum  Minden  bemerkt  Schwerz: 1 )  „Da  man  die  Körner  spart,  so  darf  man
auf  keine  schwere  Schweine  zählen.  Kleine  Haushaltungen  sind  froh,  wenn
sie  selbe  auf  80—100  Pfd.  bringen.  In  gehörigen  Wirtschaften  wiegen
sie  jedoch  180—240  Pfd.  Wir  sind  hier  also  nicht  mehr  in  Westfalen!“
Von  der  Grafschaft  Ravensberg  schreibt  er: 2 )  „Nach  den  Schweinen  zu
urteilen,  gehört  diese  Provinz  nicht  zu  Westfalen.  Man  schlachtet  zu  90,
110,  130,  150  Pfd.  Was  mehr  wiegt,  ist  ausser  der  Regel.“  Dieterici
gibt  nach  den  Ergebnissen  der  Akzise  das  durchschnittliche  Schlachtgewicht
eines  Schweines  in  Preussen  im  Jahre  1802  nur  zu  70  Pfd.  an.  Im  Jahre
1895  betrug  dagegen  nach  Huckert 8 )  das  durchschnittliche  Schlachtgewicht
eines  Schweines  in  den  35  grössten  Städten  Deutschlands  85  kg  oder
170  Pfd.  Die  Viehzählung  von  1900  zeigt  als  Durchschnittsgewicht  eines
lebenden  Schweines  im  Alter  von  1  Jahr  und  darüber  119  kg  oder  238  Pfd.
Nach  diesen  Ziffern  erscheint  die  Annahme  gerechtfertigt,  dass  die  Schweine
heute  etwa  doppelt  so  schwer  werden  wie  vor  100  Jahren.
Neben  der  Zunahme  des  Körpergewichts  bleibt  aber  noch  die  Beschleunigung ­
  des  Umsatzes  zu  berücksichtigen.  Die  extensive  Haltung
brachte  es  früher  mit  sich,  dass  die  Schweine,  die  ohnehin  einer  spät
reifenden  Landrasse  angehörten,  sich  länger  auf  den  Weiden  herumtrieben,
als  es  nach  unseren  heutigen  Begriffen  zweckmässig  war;  in  der  Regel
wurden  sie  erst  im  3.  Lebensjahre  mehr  oder  weniger  stark  gemästet  und
geschlachtet.  Heute  sucht  man  dagegen  möglichst  frühreife  Rassen  zu
züchten  und  die  Tiere,  soweit  sie  nicht  zur  Zucht  verwendet  werden,  durch
intensive  Fütterung  möglichst  rasch  zu  mästen,  so  dass  sie  schon  im  Alter
von  9—12  Monaten  an  den  Fleischer  kommen  können.  Die  dadurch  bewirkte ­
  Beschleunigung  des  Umsatzes  ist  also  eine  sehr  bedeutende.
P-  Wagner  bewertet  dieselbe  unter  der  Annahme,  dass  das  durchschnittliche ­
  Schlachtgewicht  der  Schweine  früher  2 3 / 4  Jahre,  zu  Ende  des  Jahrhunderts ­
  dagegen  nur  1  Jahr  betrug,  mit  175  %.  Uns  erscheint  diese
Ziffer  etwas  zu  hoch,  weil  immerhin  ein  beträchtlicher  Prozentsatz  der
Schweine  auch  früher  schon  in  einem  jüngeren  Alter  als  2 3 / 4  Jahre  zur
Schlachtbank  kam;  100%  halten  wir  indessen  für  das  Minimum,  das  man
mit  Sicherheit  annehmen  kann.  Eine  solche  Beschleunigung  in  der  Erneuerung ­
  der  Herde  wurde  auch  schon  dadurch  ermöglicht,  dass  die  Säue
heute  in  der  Regel  zweimal  im  Jahre  Ferkel  werfen,  während  inan  sich  früher
bei  der  extensiven  Schweinehaltung  meist  mit  einem  Wurfe  jährlich  begnügte.
0  A.  a.  0.  I,  S.  57.
2 )  I,  S.  91.
3 )  Zur  Geschichte  und  Statistik  des  Fleischkonsums  in  Deutschland;  Zeitschrift  für
Sozialwissenschaft,  III.  Jahrg.  1900.
        <pb n="48" />
        42

Ein  sehr  wechselvolles  Schicksal  hat  im  19.  Jahrhundert  die  deutsche
Schafzucht  gehabt.  Vergleicht  man  Anfang  und  Ende  des  Jahrhunderts,
so  hat  die  Zahl  der  Schafe  um  43  %  abgenommen.  Dazwischen  liegt
aber  eine  Entwickelung,  deren  Höhepunkt  etwa  durch  die  Mitte  der
60  er  Jahre  bezeichnet  wird,  wo  Deutschand  über  28  Mill.  Schafe  zählte,
während  am  1.  Dezember  1900  nur  noch  9692501  Stück  vorhanden
waren.
Vergleicht  man  gleichwohl  die  heutige  Schaffleischproduktion  mit  der
vor  100  Jahren,  so  ist  zu  sagen,  dass  die  jetzigen  Fleischschafe  mehr  als
doppelt  so  schwer  werden  als  die  alten  zierlichen  Merinos.  Dieterici
rechnete  das  Eleiscligewicht  eines  Schafes  vor  100  Jahren  nur  zu  20  Pfund;
die  Viehzählung  von  1900  ermittelte  hei  den  1720727  gezählten  Hammeln
ein  Durchschnittsgewicht  pro  Stück  von  45,8  kg.  Ausserdem  ist  der  Umsatz
bei  den  heutigen  Schafen  ein  viel  rascherer.  „Nach  der  Einschränkung
des  Schäfereibetriebes“,  schreibt  Zuchtdirektor  E.  Behmer, 1 )  „hat  sich  im
Gegensatz  zu  den  zwei  voraufgegangenen  Phasen  seit  1880  der  Merinozuchtbetrieb ­
  dahin  geändert,  dass  ein  relativ  grosser  Bestand  von  Mutterschafen  gehalten ­
  wird,  dass  der  junge  Nachwuchs  reichlich  ernährt  wird,  so  dass  einmal ­
  eine  rasche  Erneuerung  der  Mutterherde  möglich  wird,  wobei  die  abgestossenen
  überzähligen  Merzschafe  noch  in  relativ  jüngerem  Alter  entweder
gemästet  oder  zur  Kreuzungszucht  verkauft  werden,  und  dass  zweitens
viele  junge  Merinohammel  schon  mit  14—15  Monaten  mager  an  Mäster
abgegeben  oder  vom  Züchter  selber  gemästet  werden  und  mit  18,  höchstens
24  Monaten  in  den  Verzehr  gelangen  mit  55—75  kg  Lebendgewicht.  In
den  Grosswirtschaften  mit  Fleischbetrieb  geht  die  Absicht  dahin,  die  Junglämmer ­
  aus  Dezember  und  Januar  nach  forcierter  Mast  im  Mai  und  Juni
ausgemästet  abzugeben  mit  dem  Lebendgewicht  von  40—50  kg.“  Man
kann  sonach  annehmen,  dass  sich  der  Umsatz  bei  den  Schafen  um  ca.  100%
erhöht  hat.
Die  Ziegen  haben  der  Zahl  nach  von  allen  Viehgattungen  das  stärkste
Wachstum  aufzuweisen.  Der  Hauptgrund  dafür  ist  wohl  in  der  Aufteilung
der  Gemeinweiden  zu  suchen.  Solange  diese  bestanden,  war  den  kleinen
Leuten  in  der  Gemeinde  die  Möglichkeit  gegeben,  sich  ein  oder  mehrere
Stück  Kindvieh  zu  halten.  Nach  Aufteilung  der  Gemeinweiden  und  Durchführung ­
  der  Separationen  mussten  sie  das  anspruchsvolle  Kind  meist  abschaffen ­
  und  sich  mit  der  leichter  zu  ernährenden  Ziege  begnügen.  Andererseits ­
  hat  auch  das  starke  Wachstum  der  Fabrikbevölkerung  viel  zur  Vermehrung ­
  der  Ziegen  beigetragen,  und  insofern  die  industriellen  Arbeiter
immer  mehr  in  der  Lage  und  gewillt  sind,  sich  wenigstens  eine  Ziege  zu
halten,  ist  die  Zunahme  dieser  „Kühe  des  kleinen  Mannes“  eine  erfreuliche
Erscheinung.  Übrigens  ist  man  in  letzter  Zeit  allgemein  bemüht,  auch  den
Ziegen  eine  bessere  züchterische  Pflege  angedeihen  zu  lassen,  um  ihre
Leistungsfähigkeit  immer  mehr  zu  erhöhen.  9

9  Die  deutsche  Landwirtschaft  in  Paris  1900,  S.  444.
        <pb n="49" />
        43

Die  Steigerung  der  Fleischerzeugung.
Nachdem  wir  so  die  Entwickelung  der  einzelnen  Zweige  der  landwirtschaftlichen ­
  Tierzucht  verfolgt  haben,  wollen  wir  versuchen,  die  ganze
Prägnanz  dieser  Entwickelung  in  eine  ziffernmäßige  Darstellung  des  Wachstums ­
  der  Gesamtproduktion  an  Fleisch  zusammenzufassen.  Um  zu  wissen,
wieviel  Fleisch  in  einem  Lande  von  der  einheimischen  Landwirtschaft
jährlich  erzeugt  wird,  muß  man  zwei  Dinge  genau  kennen:  die  Zahl  der
geschlachteten  einheimischen  Tiere  und  ihr  wirkliches  Fleischgewicht;  aber
weder  über  das  eine  noch  über  das  andere  haben  wir  bis  jetzt  irgendwo
allgemeine  statistische  Erhebungen.  Wäre  das  neue  Fleischbeschaugesetz
in  Deutschland  auch  auf  die  Hausschlachtungen  ausgedehnt  worden,  so
würde  es  gegenwärtig  ein  leichtes  sein,  mit  Hilfe  der  mit  der  Fleischbeschau ­
  zu  verbindenden  statistischen  Notierungen  wenigstens  die  Zahl  der
jährlich  geschlachteten  und  in  den  Konsum  gelangenden  Tiere  genau  festzustellen. ­
  Unter  den  bestehenden  Verhältnissen  aber  und  insbesondere  für
die  Vergangenheit  bilden  die  Viehzählungen  in  Verbindung  mit  allgemeinen
Beobachtungen  in  den  städtischen  Schlacht-  und  Viehhöfen  unsere  einzige
Grundlage.  Auf  dieser  Grundlage  sind  bereits  mehrere  Fleischproduktionsberechmuigeu
  ausgeführt  worden.  So  hat  z.  B.  Martin 1 )  berechnet,  dass
im  Königreich  Sachsen  die  einheimische  Landwirtschaft  die  Erzeugung  von
Fleisch  in  den  60  Jahren  von  1835—1894  um  463  °/ 0  gesteigert  hat.  Für
Deutschland  hat  Lichtenfeit 2 )  nach  der  Viehzählung  von  1892  und  dem
Konsum  einzelner  Städte  einen  durchschnittlichen  Fleischverbrauch  von
39,9  kg  pro  Kopf  festgestellt.  Wie  aber  schon  Huckert 3 )  nachgewiesen  hat,
haften  der  Lichtenfeltschen  Berechnung  erhebliche  Mängel  an;  im  ganzen
dürfte  der  Konsum  zu  niedrig  sein.  Huckert  selbst  berechnet  aus  den
Viehzählungen  von  1873  und  1892  die  Steigerung  der  einheimischen  Fleischproduktion ­
  Deutschlands  während  dieser  20  Jahre  auf  74,7  %,  v.  d.  Goltz 4 )
dagegen  konstatiert  für  den  gleichen  Zeitraum  nur  ein  Wachstum  von  20  %.
Diese  starke  Differenz  erklärt  sich  hauptsächlich  daraus,  dass  v.  d.  Goltz
nur  das  Wachstum  der  Viehzahl  an  sich  und  die  Steigerung  des  Lebendgewichts ­
  der  Einzeltiere  in  Eechnung  gestellt  und  für  die  Reduktion  aller
Vieharten  auf  Kindvieh  die  alten  Zahlen  benutzt  hat,  welche  das  Verhältnis
der  einzelnen  Tierarten  zueinander  nach  dem  Futterbedürfnis  derselben
ausdrücken.  Huckert  weist  dagegen  darauf  hin,  daß  man  bei  einer
Fleischberechnung  diese  Reduktion  nicht  nach  dem  Futterbedürfnis  der
Tiere,  sondern  nach  dem  Verhältnis  der  Fleischmenge  ausführen  müsse,
welche  die  einzelnen  Tierarten  im  Durchschnitt  liefern.  Weiterhin  betont
er,  dass  der  Prozentsatz  der  Tiere,  die  jährlich  geschlachtet  werden,  nicht
1)  Die  Fleisehversorgung  Sachsens;  Jahrb.  für  Nat.  u.  Stat.  1896,  Bel.  66.
2 )  Der  Verbrauch  von  Fleisch  im  Deutschen  Beiche;  Landw.  Jahrbücher  1897
26.  Band.
3 )  Zur  Geschichte  und  Statistik  des  Fleischkonsums  in  Deutschland;  Zeitschr.  für
Sozialwissenschaft,  III.  Jahrg.  1900.
4 )  Die  agrarischen  Aufgaben  der  Gegenwart.  Jena  1894.
        <pb n="50" />
        44

bei  allen  Tiergattungen  der  gleiche  sei,  und  schliesslich  habe  dieser  Prozentsatz ­
  mit  der  Zeit  je  nach  der  Tierart  eine  grössere  oder  geringere  Steigerung
dadurch  erfahren,  dass  die  Tiere  1892  in  einein  jungem  Alter  zur  Schlachtbank ­
  geführt  worden  seien  als  1873.  Man  muss  zugeben,  dass  diese  Erwägungen ­
  Huckerts  ganz  am  Platze  sind  und  dass  seine  Berechnung,
welche  alle  die  genannten  Momente  berücksichtigt,  der  Wahrheit  näher
kommt  als  die  Goltzsche.  Indessen  hat  Huckert  von  der  fortschrittlichen
Entwickelung,  welche  sich  während  des  ganzen  vorigen  Jahrhunderts  abgespielt ­
  hat,  einen  zu  grossen  Teil  gerade  in  die  beiden  Jahrzehnte  1873
bis  1892  verlegt  und  darum  speziell  das  zuletzt  berührte  Moment,  die
Reduktion  des  Schlachtalters,  mit  einer  Ziffer  in  Rechnung  gestellt,  die
wenigstens  beim  Rindvieh,  wo  man  die  Probe  aufs  Exempel  machen  kann,
nachweislich  zu  hoch  ist.
H.  nimmt  nämlich  an,  dass  infolge  der  Reduktion  des  Schlachtalters
beim  Rindvieh  in  der  Zeit  von  1873—1892  eine  Beschleunigung  des  Umsatzes ­
  um  mindestens  25  °/ 0  eingetreten  sei.  Wenn  das  der  Pall  wäre,
d.  h.  wenn  von  der  ganzen  Rindviehzahl  des  Jahres  1892  jährlich  25  %
mehr  Tiere  geschlachtet  worden  wären  als  im  Jahre  1873  von  dem  damaligen ­
  Rindviehstande,  so  hätten  auch  1892  verhältnismässig  25%  mehr
geboren  werden  müssen  als  1873;  denn  nur  auf  diese  Weise  hätte  der
Rindviehstand  gleichmässig  so  weiter  wachsen  können,  wie  er  gewachsen
ist.  Ist  nun  die  G-eburtsziffer  beim  Rindvieh  im  Jahre  1892  im  Verhältnis
zu  dem  ganzen  Viehstande  tatsächlich  um  25%  grösser  gewesen  als  1873?
Eine  Vermehrung  der  Geburten  ist  in  doppelter  Weise  möglich,  erstens
dadurch,  dass  mehr  weibliche  Tiere  eingestellt  werden,  und  zweitens  dadurch, ­
  dass  die  relative  Geburtsziffer  sich  bessert,  d.  li.  dass  auf  100  weibliche ­
  Tiere  mehr  Kälber  fallen.  Was  den  zweiten  Fall  anbelangt,  so  kann
sich  die  relative  Geburtsziffer  beim  Rindvieh  in  der  Zeit  von  1873—1892
nicht  wesentlich  gehoben  haben;  denn  wenn  auch  die  Zucht,  Haltung  und
Pflege  der  Tiere  in  dieser  Zeit  gewisse  Fortschritte  gemacht  haben,  so
waren  doch  andrerseits  gerade  die  Kulturrassen,  deren  Einführung  und
Verbreitung  hauptsächlich  in  diese  Zeit  fällt,  sehr  empfindlich  und  anspruchsvoll ­
  und  im  allgemeinen  weniger  fruchtbar  als  die  alten  Landrassen.  Es
bliebe  also  nur  der  Fall  übrig,  dass  im  Jahre  1892  im  Verhältnis  zu  dem
ganzen  Rindviehstande  25  %  mehr  weibliche  Tiere  gehalten  wurden  als
1873.  Vergleicht  man  aber  die  Zahlen  der  hier  in  Betracht  kommenden
Kühe  und  Färsen,  so  ergab  die  Viehzählung:
1873:  8961221  Kühe  und  Färsen  =  56,80%  unter  15776702  Stück  Rindvieh.
1892:  9946164  „  „  „  =56,65%  „  17555694  „
Danach  sind  also  im  Jahre  1892  verhältnismässig  nicht  mehr  Kühe
gehalten  worden  als  1873  und  darum  sind  auch  1892  verhältnismässig  nicht
mehr  Kälber  geboren  worden  als  1873.  Da  nun  der  Viehstand  die  ganze
Zeit  über  im  Wachsen  war,  so  folgt  daraus  weiter,  dass  1892  verhältnismässig ­
  nicht  mehr  Tiere  geschlachtet  wurden  als  1873.  Eine  Beschleunigung
des  Umsatzes  hat  also  in  dem  Sinne,  dass  1892  verhältnismässig  mehr
        <pb n="51" />
        45

Kälber  und  Rinder  (beide  nur  als  Einzeltiere  betrachtet)  geschlachtet  worden
wären  als  1873,  nicht  stattgefunden.  Dabei  bleibt  aber  noch  folgende
Möglichkeit  bestehen:  Es  können  sich  unter  den  geschlachteten  Tieren
1892  verhältnismässig  weniger  Kälber  und  mehr  ausgewachsene  Tiere  befunden ­
  haben  als  1873  und  auf  diese  Weise  kann  eine  Vermehrung  des
Umsatzes  eingetreten  sein.  Das  wäre  dann  aber,  streng  genommen,  eine
Vermehrung  des  Umsatzes  nicht  infolge  Reduktion  des  Schlachtalters,
sondern  im  Gegenteil  infolge  Erhöhung  desselben,  indem  man  die  Tiere,
welche  1873  als  Kälber  geschlachtet  worden  sind,  1892  erst  im  ausgewachsenen ­
  Zustande  geschlachtet  hätte.  Eine  solche  Verschiebung  hat  nun
in  einem  gewissen  Umfange  tatsächlich  stattgefunden.  Vergleicht  man
nämlich  den  Rindviehstand  von  1873  mit  demjenigen  von  1892,  so  ergibt
sich  folgendes:

1873
1892

Kälber  bis
6  Monate  alt
1469581
1865300

im  Verhältnis
zum  gesamten
Rindvieh
9,31  %
10,62  „

Jungvieh  von
1 / a —2  Jahren
3665965
4180341

im  Verhältnis
zum  gesamten
Rindvieh
23,24%
23,81  „

Kindvieh
überhaupt
15776702
17555694

Aus  den  vorstehenden  Ziffern  geht  hervor,  dass  1892  verhältnismässig
mehr  Kälber  grossgezogen  worden  sind  als  1873.  Wie  viel  dieses  Mehr
betragen  hat,  lässt  sich  aus  der  Rubrik  Jungvieh  von  %—2  Jahren  darum
nicht  genau  feststellen,  weil  die  Tiere  1892  etwas  frühreifer  waren  als  1873
und  darum  1892  verhältnismässig  mehr  Tiere  schon  in  einem  Alter  unter
zwei  Jahren  als  ausgewachsen  geschlachtet  werden  konnten.  In  der  Rubrik
Kälber  bis  6  Monate  alt  sind  die  Zahlen  darum  nicht  ohne  weiteres  miteinander ­
  vergleichbar,  weil  nicht  feststeht,  wieviel  davon  in  den  einzelnen
Jahren  noch  als  Kälber  zur  Schlachtung  gekommen  sein  mögen.  Jedenfalls
kann  man  aber  nicht  behaupten,  dass  1892  so  viel  Tiere  mehr  grossgezogen
worden  seien,  dass  sich  dadurch  der  Umsatz  um  25  %  vermehrt  hätte;
denn  in  diesem  Falle  hätte,  da  1892  verhältnismässig  nicht  mehr  Kälber
geboren  worden  sind  als  1873,  die  Zahl  der  geschlachteten  Kälber  von
26,96  %  im  Jahre  1873  auf  22,5  %  im  Jahre  1892  heruntergehen  und  die
Zahl  der  ausgewachsen  geschlachteten  Rinder  von  11,41%  auf  15,87  °/ 0 1 )
steigen  müssen.  Das  erscheint  aber  nach  den  Ziffern  der  Viehzählungen
als  ausgeschlossen.
Da  es  nicht  unsere  Aufgabe  ist,  die  Steigerung  der  Fleischproduktion
Deutschlands  speziell  von  1873—1892  darzustellen,  so  wollen  wir  hier  die  9

9  Huckert  nimmt  nämlich  mit  Lichtenfeit  (Der  Verbrauch  von  Fleisch  im
Deutschen  Reiche;  Landw.  Jahrbücher  26.  Bd.,  Berlin  1897,  S.  129)  an,  dass  1892  15,87  °/ 0
der  ganzen  Rindviehzahl  als  ausgewachsene  Rinder  und  22,5  °/ 0  der  ganzen  Rindviehzahl
als  Kälber  geschlachtet  worden  seien  oder,  beides  zusammengenommen  und  7  Kälber  gleich
einem  ausgewachsenen  Rind  gesetzt,  19,08  °/ 0  des  ganzen  Rindviehstandes.  1873  seien
dagegen  im  ganzen  (Rinder  -f-  Kälber,  auf  Rinder  umgerechnet)  nur  15,26  °/ 0  geschlachtet
worden.  Da  nun  infolge  der  gleichen  prozentischen  Geburtsziffer  1873  verhältnismässig
ebensoviel  Einzeltiere  unter  dem  Rindvieh  geschlachtet  worden  sind  wie  1892  so  hätten
danach  1873  26,96  °/ 0  des  damaligen  Rindviehstandes  als  Kälher  und  11.41  o/  a j s  ausgewachsene ­
  Rinder  geschlachtet  werden  müssen.
        <pb n="52" />
        46

Berechnung  Huckerts  nicht  weiter  verfolgen.  Die  bisherigen  Ausführungen
haben  uns  im  allgemeinen  gezeigt,  mit  welchen  Schwierigkeiten  und  Unsicherheiten ­
  eine  Berechnung  der  Fleischproduktion  aus  dem  jeweiligen
Viehstande  verbunden  ist.  Wenn  wir  nun  den  Versuch  machen,  die
Steigerung  der  Fleischproduktion  Deutschlands  während  des  ganzen  vorigen
Jahrhunderts  zu  bestimmen,  so  werden  unsere  Ziffern  bei  der  Unvollkommenheit ­
  unserer  Unterlagen  auf  eine  absolute  Sicherheit  selbstverständlich ­
  keinen  Anspruch  erheben  können.  Indem  wir  es  uns  aber  zum  Grundsatz ­
  machen,  überall  lieber  sicherere  Minimal-  statt  zweifelhaftere  Maximalziffern ­
  zu  suchen,  glauben  wir  hoffen  zu  können,  dass  unsere  Feststellungen
immerhin  von  einigem  Nutzen  sein  werden.
Nach  unserer  obigen  Untersuchung  ist  die  Zahl  des  Rindviehs  in  den
5  grössten  Staaten:  Preussen,  Bayern,  Sachsen,  Württemberg  und  Baden
(und  darum  kann  man  wohl  sagen,  in  Deutschland  überhaupt)  im  vorigen
Jahrhundert  um  75  %  und  das  Schlachtgewicht  des  einzelnen  Tieres  um
mindestens  100  %  gestiegen.  Ausserdem  hat  sich  der  Umsatz  um  zirka
50%  vermehrt,  und  zwar  ist  diese  Vermehrung,  wie  wir  hier  noch  nachträglich ­
  hervorheben  wollen,  dadurch  ermöglicht  worden,  dass  erstens  im
Jahre  1900  mehr  Kühe  im  Verhältnis  zu  der  gesamten  Rindviehzahl  gehalten
wurden  als  1800.  Unter  den  4856068  Stück  Rindvieh,  die  Krug  nach
den  Kammertabellen  angibt,  befanden  sich  2137  702  oder  44%  Kühe;  die
Viehzählung  von  1900  ergab  dagegen  unter  18939692  Stück  Rindvieh
10458631  oder  55,2%  Kühe,  das  ist  im  Verhältnis  zu  der  jedesmaligen
Viehzahl  1900  25,45%  mehr  als  1800.  Ausserdem  hat  sich  aber  auch
die  relative  Geburtsziffer  zweifellos  sehr  gehoben,  d.  h.  auf  100  Kühe  sind
1900  bedeutend  mehr  Kälber  gefallen  als  1800;  denn  die  ganze  Haltung
und  Hygiene,  die  Auswahl  der  Zuchttiere  usw.  haben  in  den  100  Jahren
grosse  Fortschritte  gemacht.  Drittens  kommt  noch  in  Betracht,  dass  1900
von  den  geborenen  Kälbern  verhältnismässig  mehr  grossgezogen  wurden
als  1800;  denn  bei  Krug  betragen  Kälber  und  Jungvieh  zusammen  nur
30,7%  des  ganzen  Viehstandes,  während  die  Viehzählung  von  1900  37,4  %
Kälber  und  Jungvieh  aufweist;  dabei  ist  zu  berücksichtigen,  dass  das
Krugsche  Jungvieh  alle  Tiere  bis  zu  ca.  3  Jahren  umfasst,  während  in
den  37,4%  von  1900  nur  die  Tiere  bis  zu  2  Jahren  einbegriffen  sind.
Es  ist  daher  nicht  zu  hoch  gegriffen,  wenn  wir  aus  den  genannten  drei
Gründen  beim  Rindvieh  eine  Vermehrung  des  Umsatzes  um  50  %  annehmen.
Verrechnen  wir  nun  zusammen  das  Wachstum  der  Viehzahl,  die  Vermehrung
des  Umsatzes  und  die  Zunahme  des  Schlachtgewichts,  so  ergibt  sich,  dass
die  Produktion  von  Rind-  und  Kalbfleisch  in  Deutschland  im  vorigen  Jahrhundert ­
  um  425%  zugenommen  hat.
Die  Zahl  der  Schweine  hat  in  derselben  Zeit  um  259%  zugenommen;
die  Beschleunigung  des  Umsatzes  ist  bei  denselben  auf  mindestens  100  %
zu  schätzen;  die  Zunahme  des  Schlachtgewichts  wollen  mir  mit  Rücksicht
darauf,  dass  früher  immerhin  eine  beträchtliche  Anzahl  Tiere  mit  einem
Gewichte  von  200  Pfund  und  mehr  geschlachtet  wurden,  nur  mit  50  %  in
        <pb n="53" />
        4?

Rechnung  stellen.  Alles  zusammen  ergibt  eine  Steigerung  der  Schweinefleischproduktion
  um  977  %.
Die  Scliafe  haben  der  Zahl  nach  um  43%  abgenommen;  dagegen
hat  sich  der  Umsatz  bei  denselben  um  ca.  100  %  vermehrt  und  auch  das
Gewicht  des  einzelnen  Tieres  ist  auf  mindestens  das  Doppelte  gestiegen.
Es  ist  also  auch  in  der  Schaffleischproduktion  noch  eine  Steigerung  um
*128  %  zu  verzeichnen.
Bei  den  Ziegen  wollen  wir  nur  das  Wachstum  ihrer  Zahl  berücksichtigen ­
  ;  das  ergibt  eine  Zunahme  der  Produktion  um  626  %.
Um  nun  alle  Fleischarten  zusammenfassen  zu  können,  müssen  wir
das  Verhältnis  der  Produktionsmengen  derselben  zueinander  kennen.
Dieses  lässt  sich  aus  den  Ergebnissen  der  Viehzählung  von  1900,  unter
Zuhilfenahme  derjenigen  von  1892,  annähernd  bestimmen.
Der  Rindviehstand  hatte  in  Deutschland  in  den  Jahren  1900  und
1892  folgende  Zusammensetzung:

Im
Jahre.

Kälber
noch  nicht
6  Wochen
alt

Kälber
6  Wochen
bis
6  Monate
alt

Jungvieh
1 / 2 —1  Jahr
alt

Jungvieh
1—2  Jahr
alt

Kindvieh  2
dar
überhaupt

Jahr  alt  und
über
darunter
Kühe  und
Färsen

Rindvieh
überhaupt

1900
1892

712  921
537  409

1  320  856
1  327  891

2  288  640

2  764  856

11  852  419
11  510  053

10  458  631
9  946  164

18  939  692
17  555  694

4  180  341
1

Aus  diesen  Ziffern  stellen  wir  zunächst  fest,  dass  die  Zahl  des  gegesamten
  Rindviehs  in  den  8  Jahren  um  1383998  Stück  oder  jährlich
durchschnittlich  um  rund  173000  Stück  gewachsen  ist,  und  zwar  hat  die
Zahl  der  über  2  Jahr  alten  Tiere  jährlich  um  42796  Stück,  die  Zahl  des
Jungviehs  im  Alter  von  1—2  Jahren  jährlich  um  59714  Stück  und  die
Zahl  der  Tiere  im  Alter  von  1  Tag  bis  1  Jahr  jährlich  um  70490  Stück
zugenommen;  die  Zahl  der  Kühe  und  Färsen  ist  jährlich  um  64058  Stück
gestiegen.  Man  kann  nun  annehmen,  dass  in  dem  vom  Tage  der  Viehzählung ­
  an  gerechneten  nächsten  Jahre  1900/01  an  erwachsenen  Tieren
zunächst  so  viel  geschlachtet  werden,  als  die  Aufzucht  des  Jahres,  das  ist
die  Tiere  im  Alter  von  1—2  Jahren,  abzüglich  der  Wachstumsrate  der
über  2  Jahre  alten  Tiere  ausmacht,  also  2764856—  42796  =  2722060  Stück.
Von  den  am  Tage  der  Viehzählung  unter  1  Jahr  alten  Tieren  werden  am
Schlüsse  des  Jahres  noch  so  viel  am  Leben  sein,  als  die  Aufzucht  des
Jahres  zuzüglich  der  Wachstimisrate  der  1—2  Jahr  alten  Tiere  ausmacht,
also  2764856  +  59714  =  2824570;  der  Rest,  also  4322417  —  2824  570  =
1497847,  wird  im  Laufe  des  Jahres  in  einem  Alter  von  einigen  Wochen
bis  zu  2  Jahren  geschlachtet;  man  kann  die  Hälfte  davon  schon  als  ausgewachsene ­
  Tiere,  die  andere  Hälfte  als  Kälber  ansehen.  Zu  den  obigen
2722060  ausgewachsen  geschlachteten  Rindern  kommen  also  noch  748923
hinzu,  es  werden  also  im  ganzen  3470983  ausgewachsene  Rinder  geschlachtet. ­
  An  Kälbern  werden  zunächst  die  748923  Stück  geschlachtet,
die  wir  eben  ermittelt  haben,  ausserdem  noch  ein  Teil  von  denjenigen,  die
        <pb n="54" />
        48

im  Laufe  des  Jahres  geboren  werden.  Nach  den  Ergebnissen  der  Viehzählung ­
  sind  in  der  Zeit  vom  1.  Dezember  1899  bis  1.  Dezember  1900  im
ganzen  7616927  Kälber  geboren  worden;  im  Verhältnis  zu  der  Zahl  der
Kühe  und  Färsen  vom  1.  Dezember  1899  macht  das  73,28%  aus.  Von
den  10458631  Kühen  und  Färsen,  die  am  1.  Dezember  1900  ermittelt
wurden,  sind  also  im  Laufe  des  Jahres  7  663868  Kälber  zu  erwarten.
Davon  werden  so  viel  am  Leben  erhalten,  als  die  Zahl  der  am  Tage  der
Viehzählung  unter  1  Jahr  alten  Tiere  zuzüglich  der  jährlichen  Wachstumsrate ­
  dieser  Kategorie  ausmacht,  also  4322417  +  70490  =  4392907;  der
Rest,  7663868  —  4392907  =  3270961  wird  geschlachtet.  Im  ganzen
werden  also  in  dem  Jahre  748923  +  3270961  =  4019884  Kälber  geschlachtet. ­
  Nehmen  wir  mit  Huckert  an,  dass  7  Kälber  so  viel  Fleisch
liefern  wie  ein  ausgewachsenes  Rind,  so  können  wir  die  4019884  geschlachteten ­
  Kälber  574269  ausgewachsenen  Rindern  gleichstellen.  Rechnen
wir  diese  zu  den  obigen  3470983  Rindern  hinzu,  so  erhalten  wir  als  Gesamtsumme ­
  des  geschlachteten  Rindviehs  die  Zahl  4045252.
Von  den  Schweinen  werden  gegenwärtig  nach  allgemeiner  Annahme
etwa  100%  der  an  einem  Tage  gezählten  Tiere  geschlachtet, 1 )  also  im
Jahre  1900/01  16807014  Stück;  wenn  nun  nach  den  Feststellungen
Huckerts  3,2  Schweine  so  viel  Fleisch  liefern  wie  ein  ausgewachsenes
Rind,  dann  ist  die  genannte  Zahl  Schweine  5252192  Rindern  gleichzusetzen.
Von  den  Schafen  wird  jährlich  etwa  ein  Drittel  der  an  einem  bestimmten ­
  Tage  vorhandenen  Zahl  geschlachtet,  im  Jahre  1900/01  demnach
3230834  Stück  von  den  9692501,  welche  die  Viehzählung  im  ganzen  ermittelt ­
  hat.  Rechnet  man  12  Schafe  gleich  einem  Rind,  so  liefern  die
3230834  Schafe  so  viel  Fleisch  wie  269236  Rinder.
Die  Zahl  der  Ziegen  betrug  im  Jahre  1900  3266997  Stück.  Man
kann  annehmen,  dass  ein  Fünftel  des  Bestandes  jährlich  geschlachtet  wird,
alo  im  Jahre  1900/01  653399  Stück.  14  Ziegen  liefern  etwa  so  viel  Fleisch
wie  ein  Rind;  die  653399  Ziegen  sind  daher  46671  Rindern  gleichzuachten.
Das  Verhältnis  der  Fleischarten  zueinander  war  also  in  dem  Jahre
1900/01  folgendes:
Rind-  und  Kalbfleisch  ....  4045252  =  42,08
Schweinefleisch  5252192  =  54,63
Schaffleisch  269236  =  2,80
Ziegenfleisch  46671  =  0,49
9613351  =  100,00.
Aus  diesem  Verhältnis  und  der  oben  festgestellten  Produktionssteigerung
der  einzelnen  Fleischarten  (Rind-  und  Kalbfleisch  425  %,  Schweinefleisch
977  %,  Schaffleisch  128%  und  Ziegenfleisch  626%)  ergibt  sich,  dass
die  Gesamtproduktion  an  Fleisch  in  der  Zeit  von  1800—1900  um  595%
zugenommen  hat.  Die  Bevölkerung  Deutschlands  Ist  in  derselben  Zeit  9
9  Nach  den  Ergebnissen  der  Trichinenschau  werden  in  Preussen  jährlich  ca.  90  °/ 0
des  Bestandes  geschlachtet,  doch  versorgt  Preussen  die  Nachbarstaaten,  besonders  Sachsen,
viel  mit  Schweinen.  Cfr.  Martin,  Die  Fleischversorgung  Sachsens.
        <pb n="55" />
        49

um  135  °/ 0  gewachsen;  pro  Kopf  der  Bevölkerung  ist  danach  die  Fleischproduktion ­
  der  deutschen  Landwirtschaft  im  vorigen  Jahrhundert  um
195  °/ 0  gestiegen.
Fragen  wir,  wieviel  Fleisch  denn  nun  heute  bezw.  vor  100  Jahren
auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  kommt,  so  können  wir  folgende  Rechnung
aufstellen.  Nach  den  Feststellungen,  welche  hei  der  allgemeinen  Viehzählung ­
  im  Jahre  1900  über  das  durchschnittliche  Lebendgewicht  und  auf
den  Schlachthöfen  der  49  grössten  Städte  Deutschlands 1 )  über  das  durchschnittliche ­
  Fleischgewicht  der  Tiere  gemacht  worden  sind,  lässt  sich
annehmen,  dass  ein  Kind  heute  im  Durchschnitt  300  kg  Fleisch  liefert.
Die  9613351  in  Deutschland  im  Jahre  1900/01  geschlachteten  Rinder
(bezw.  Kälber,  Schweine,  Schafe  und  Ziegen)  lieferten  also  2884005300  kg
Fleisch  (einschl.  der  entsprechenden  Menge  von  Knochen,  Speck,  Talg
und  ähnlichem).  Auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  kamen  also  51,2  kg.  Da
nach  unserer  Berechnung  die  Fleischproduktion  im  vorigen  Jahrhundert
pro  Kopf  um  195  °/ 0  gestiegen  ist,  so  folgt  daraus,  dass  die  deutsche  Landwirtschaft ­
  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  17,3  kg  Fleisch  auf  den  Kopf
der  Bevölkerung  lieferte.  Dass  diese  Berechnung  der  Wirklichkeit  entspricht ­
  oder  ihr  wenigstens  sehr  nahe  kommt,  bezeugt  auch  Dieterici,
welcher  die  Fleischproduktion  Preussens  zu  Beginu  des  19.  Jahrhunderts
auf  Grund  des  damaligen  Viehstandes 2 )  auf  33,83  Pfd.  oder  15,8  kg  berechnet.

Die  Steigerung  der  gesamten  landwirtschaftlichen
Produktion.
Wir  haben  bis  jetzt  die  Steigerung  der  landwirtschaftlichen  Produktion
in  den  zwei  wichtigsten  Zweigen,  der  Getreide-  und  Fleischproduktion,  dargestellt. ­
  Wir  haben  damit  aber  noch  kein  abschliessendes  Urteil  über  die
Steigerung  der  Gesamtproduktivität  der  Landwirtschaft  gewonnen,  denn
erstens  sind  Getreide  und  Fleisch  zunächst  zwei  inkommensurable  Grössen,
zweitens  wird  ein  Teil  des  Getreides  an  das  Vieh  verfüttert  und  käme  somit ­
  doppelt  zur  Verrechnung,  drittens  werden  bedeutende  Mengen  Futtermittel ­
  aus  dem  Auslande  eingeführt  und  viertens  ist  mit  dem  Getreide  und
dem  Fleische  die  Anzahl  der  landwirtschaftlichen  Produkte  noch  nicht  erschöpft. ­
  Um  nun  den  gesamten  Roheitrag  der  Landwirtschaft  zusammenzufassen ­
  und  vergleichbar  zu  machen,  ist  es  notwendig,  die  verschiedenen
landwirtschaftlichen  Produkte  auf  einen  gemeinsamen  Nenner  zu  bringen.
Als  solcher  wurde  früher  und  wird  meist  noch  heute  der  Roggen  benutzt.
In  unserem  Falle  lässt  sich  aber  eine  Darstellung  der  gesamten  Rohproduktion ­
  in  Roggenwerten  darum  nicht  durchführen,  weil  für  den  Anfang
des  19.  Jahrhunderls  die  Nachrichten  über  die  Grösse  und  die  Erträge
der  Wiesen  und  Weiden,  insbesondere  auch  der  Brach-  und  Stoppelweiden,  9
9  Statistisches  Jahrbuch  deutscher  Städte,  herausgegeben  von  Prof.  Dr.  Neefe,
12.  Jahrg.  1904.
2 )  Rindvieh,  Schafe  und  Schweine,  dagegen  keine  Ziegen.

4
        <pb n="56" />
        50

ferner  über  die  Ausdehnung  des  Anbaus  der  einzelnen  Hülsen-  und  Hackfrüchte, ­
  sowie  der  Futterpflanzen  und  ihre  Erträge  zu  spärlich  und  zu  unsicher ­
  sind,  um  darauf  eine  zuverlässige  Berechnung  gründen  zu  können.
Überdies  würden  wir  auf  diesem  Wege  zwar  die  Steigerung  der  gesamten
Pflanzenproduktion  erkennen,  aber  nicht  die  Fortschritte  erfassen,  welche
während  des  ganzen  Jahrhunderts  in  der  Viehzucht  durch  rationellere
Haltung  und  Züchtung  leistungsfähigerer  Rassen  gemacht  worden  sind.
Wir  wählen  daher  einen  andern  Weg  und  wollen  versuchen,  die  gesamte
Rohproduklion  der  Landwirtschaft,  sowohl  für  den  Anfang  wie  für  das
Ende  des  Jahrhunderts,  auf  tierische  Substanz,  speziell  Fleisch,  umzurechnen.
Da  wir  über  die  Grösse  des  Viehstandes  sicherere  Angaben  besitzen  als
über  die  Ausdehnung  der  Wiesen,  Weiden  usw.,  so  können  wir  durch  die
tierischen  Produkte  die  tatsächlichen  Erträge  jener  Flächen  besser  erfassen
als  durch  eine  unsichere  Schätzung  der  pflanzlichen  Rohprodukte.  Zugleich
finden  auf  diese  Weise  auch  die  in  der  Viehzucht  gemachten  Fortschritte
gebührende  Berücksichtigung.  Weiterhin  haben  wir  auch  über  die  Grösse
der  Bevölkerung  und  ihren  Konsum  genügende  Anhaltspunkte,  um  mit
einiger  Sicherheit  die  Gesamtmenge  der  von  ihr  verbrauchten  Pflanzensubstanz ­
  bestimmen  und  in  Fleischsubstanz  umrechnen  zu  können.  Wenn
die  Durchschnittswerte,  die  wir  bei  dieser  Berechnung  zugrunde  legen
müssen,  die  Wirklichkeit  auch  nicht  absolut  sicher  treffen  sollten,  so  werden
event.  Ungenauigkeiten  bis  zu  einem  gewissen  Grade  dadurch  eliminiert,
dass  die  Schätzungen,  soweit  nicht  besondere  Gründe  eine  Abweichung
nötig  machen,  für  den  Anfang  und  das  Ende  des  Jahrhunderts  in  gleicher
Weise  vorgenommen  werden  und  es  uns  nur  auf  den  Vergleich  dieser  beiden
Zeitpunkte  ankommt.
In  der  Ausführung  unseres  Planes  haben  wir  demnach  folgende  Punkte
zu  berücksichtigen:  1.  die  tatsächliche  Fleischproduktion,  2.  die  Milchproduktion, ­
  soweit  dieselbe  nicht  schon  bei  der  Erzeugung  von  Fleisch
verrechnet  ist,  3.  die  gesamte  Pflanzensubstanz,  welche  an  die  Pferde  verfüttert ­
  wird,  4.  die  Pflanzensubstanz,  welche  zur  Ernährung  der  Menschen
und  zu  gewerblichen  Zwecken  dient.
Für  das  Jahr  1900/01  stellt  sich  nun  die  Rechnung  folgendermassen
dar:  An  wirklichem  Fleisch  sind  erzeugt  worden  2884005300  kg.  Die
Milchproduktion  betrug  bei  rund  10  Mill.  milchgebender  Kühe  22  Milliard.  kg.
Davon  ist  zunächst  ein  Teil  als  Vollmilch  an  die  Kälber  verfüttert  worden.
Die  Zahl  der  im  Jahre  1900  geborenen  Kälber  betrug  7616927;  da  ein
Kalb  bei  seiner  Aufzucht  bezw.  bis  zu  seiner  Abgabe  an  den  Fleischer
im  Durchschnitt  etwa  250  kg  Milch  verbraucht,  so  sind  im  ganzen
1904231750  kg  Vollmilch  an  die  Kälber  verfüttert  worden.  Ein  weiterer
Teil  der  Vollmilch  wird  von  den  Menschen  konsumiert.  Wir  rechnen  100  kg
pro  Kopf  und  Jahr. 1 )  Das  ergibt  5636717800  kg  Milch  mit  690497930  kg
Trockensubstanz.  Der  Rest  der  Milch,  also  14459050450  kg,  wird  auf

*)  In  Breslau  wird  der  tägliche  Milchkonsum  von  der  Breslauer  Molkereigenossenschaft ­
  auf  1 /, 1 — 1 / 3 1  pro  Kopf  geschätzt.
        <pb n="57" />
        4*

Butter  und  Käse  verarbeitet.  Dabei  liefern  1000  kg  Milch  mit  125  kg
Trockensubstanz  35  kg  Butter  mit  29,4  kg  Trockensubstanz,  125  kg  Buttermilch ­
  mit  15  kg  Trockensubstanz,  63  kg  Magerkäse  mit  33  kg  Trockensubstanz ­
  und  777  kg  Molken  mit  47  kg  Trockensubstanz. 1 )  Ausser  auf
Butter  und  Magerkäse  wird  aber  auch  viel  Milch  auf  Fettkäse  verarbeitet.
Wir  nehmen  darum  an,  dass  von  der  Trockensubstanz,  die  in  1000  kg
Milch  enthalten  ist,  60  kg  in  Form  von  Butter,  Käse  usw.  von  den  Menschen
konsumiert  werden.  Von  obigen  14459050450  kg  Milch  kommen  also  noch
867543027  kg  Trockensubstanz  als  Menschennahrung  in  Betracht.  Mit
den  690497930  kg,  die  in  Form  von  Vollmilch  genossen  werden,  ergeben
sich  also  1558040957  kg  Milchtrockensubstanz  als  menschlicher  Konsum.
Um  diese  Milchtrockensubstanz  in  Fleisch  umzuwandeln,  würde  man  sie  am
zweckmässigsten  an  Kälber  verfüttern.  Bei  diesen  bewirken  nach  den
UntersucMngen  von  Soxhlet  u.  a.  1,1—1,25  kg  verfütterte  Milchtrockensubstanz ­
  eine  Körpergewichtszunahme  von  1  kg.  Wir  können  also  1,25  kg
Milchtrockensubstanz  =  1  kg  Kalbfleisch  rechnen  und  die  gesamte  von  den
Menschen  konsumierte  Milchtrockensubstanz  =  1246432  766  kg  Kalbfleisch
setzen.
Um  das  an  die  Pferde  verabreichte  Futterquantum  zu  berechnen,
nehmen  wir  nach  den  Wolffsehen  Fütterungstabellen  an,  dass  ein  Pferd
im  Durchschnitt  im  ersten  Lebensjahre  (neben  der  Muttermilch)  4  kg,  im
zweiten  8  kg  und  in  jedem  weiteren  Jahre  10  kg  Trockensubstanz  pro
Tag  als  Futter  braucht.  Die  4195361  Pferde  des  Jahres  1900  haben
demnach  14675159340  kg  Trockensubstanz  verbraucht.  Das  an  die  Pferde
verabreichte  Futter  hat  für  gewöhnlich  ein  solches  Nährstoffverhältnis,
dass  man  damit  auch  Ochsen  mästen  könnte.  Nach  den  bezüglichen
physiologischen  Untersuchungen  bewirken  im  Durchschnitt  10  kg  an  Ochsen
verfütterte  Trockensubstanz  eine  Lebendgewichtszunahme  von  1—1,2  kg.
Die  gesamte  an  Pferde  verfütterte  Trockensubstanz  kann  man  also  gleich
1467515934  kg  Rindfleisch  setzen.
Weiterhin  ist  der  Konsum  der  Menschen  zu  verrechnen.  Nach  den
Untersuchungen  des  Deutschen  Landwirtschaftsrates  werden  in  Deutschland
zur  menschlichen  Ernährung  171  kg  Brotgetreide  pro  Kopf  und  Jahr
benötigt.  Da  für  den  menschlichen  Konsum  nur  das  Mehl  in  Rechnung
zu  stellen  ist,  während  die  Abfälle  verfüttert  werden,  so  können  wir  die
171  kg  Brotgetreide  =  130  kg  Mehl  setzen.  Neben  dem  Mehl  kommen  die
Hülsenfrüchte  in  Betracht.  Aus  der  Anbau-,  Ernte-  und  Handelsstatistik
ist  zu  ersehen,  dass  im  Jahre  1900/01  nach  Abzug  eines  gewissen  Quantums
als  Viehfutter  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  ungefähr  4  kg  Hülsenfrüchte
gekommen  sind.  Eine  gleichgrosse  Menge  können  wir  als  Konsum  an
Graupen,  Grütze,  Hirse  und  ähnlichem  annehmen.  Den  Verbrauch  an
0  Für  diese  und  die  folgenden  Ziffern  über  die  Ausbeuteverhältnisse  in  den  landwirtschaftlichen ­
  Nebengewerben  usw.  vergleiche  ausser  den  bezüglichen  Handbüchern  besonders ­
  Mentzel  u.  von  Lengerkes  landwirtschaftlichen  Kalender  und  Muspratts
Theoretische,  praktische  und  analytische  Chemie.  Encyklopädisches  Handbuch  der  technischen ­
  Cemie.
        <pb n="58" />
        52

Kartoffeln  schätzen  wir  auf  250  kg  pro  Kopf  und  Jahr.  Mehl,  Hülsenfrüchte,
  Graupen  etc.  enthalten  im  Durchschnitt  86  %  Trockensubstanz,
Kartoffeln  25  %.  Die  genannten  Gegenstände  des  menschlichen  Konsums
ergehen  demnach  hei  einer  Bevölkerung  von  56367178  als  jährlichen
Gesamtverbrauch  10212605309  kg  Trockensubstanz.
Unter  den  Gewerben,  die  ihr  Rohmaterial  der  einheimischen  Landwirtschaft ­
  entnehmen,  steht  an  erster  Stelle  die  Zuckerfabrikation.  Im
Jahre  1900/01  wurden  in  Deutschland  aus  13253909  t  Kühen  1874715  t
Kohzdcker  =  1687  243,5  t  Verbrauchszucker  fabriziert.  Rechnen  wir  dazu
auf  je  1000  kg  verarbeiteter  Rüben  15  kg  Trockensubstanz,  die  in  Schnitzelwasser
  und  Scheideschlamm  übergehen,  so  sind  bei  der  Rübenzuckerfabrikation ­
  im  ganzen  1885052135  kg  Trockensubstanz  verbraucht  worden.
An  zweiter  Stelle  steht  bei  den  Gewerben  die  Bierbrauerei.  Im  Jahre
1900/01  sind  in  Deutschland  13678740  D.-Ztr.  Malz  und  3945  D.-Ztr.
sonstiges  Getreide  verbraut  worden.  Zieht  man  davon  die  998320  D.-Ztr.
Malz  Mehreinfuhr  ab,  so  bleiben  12680420  D.-Ztr.  Malz  einheimischer
Produktion.  80  D.-Ztr.  Malz  werden  gleich  100  D.-Ztr.  Getreide  gerechnet;
es  stellen  also  obige  12680420  D.-Ztr.  Malz  zusammen  mit  den  3945  D.-Ztr.
sonstigen  Getreides  15854470  D.-Ztr.  Getreide  dar.  Die  für  die  Umrechnung ­
  massgebenden  Verhältnisse  sind  folgende:  1000  kg  Gerste  enthalten ­
  im  Durchschnitt  857  kg  Trockensubstanz.  Davon  bleiben  288  kg
in  den  Trebern  und  Malzkeimen  und  kommen  der  Viehernährnng  zugute;
der  Rest  =  569  kg  stellt  die  Produkte  und  Verluste  dar.  Das  Konto  der
Brauereien  ist  demnach  mit  902119343  kg  Trockensubstanz  zu  belasten.
Zur  Branntweingewinnung  sind  im  Jahre  1900/01  2790000  t  Kartoffeln
und  364000  t  Getreide  verwendet  worden.  Auf  je  1000  kg  Kartoffeln
rechnet  man  32  kg  und  auf  je  1000  kg  Getreide  120  kg  Darrmalz.  Von
der  in  1000  kg  Kartoffeln  und  32  kg  Darrmalz  enthaltenen  Trockensubstanz
bleiben  90  kg  und  von  der  in  1000  kg  Roggen  und  120  kg  Darrmalz
enthaltenen  Trockensubstanz  bleiben  425  kg  in  der  Schlempe.  Es  sind
also  für  Produkt  und  Verluste  in  den  Kartoffelbrennereien  528984  t  und
in  den  Getreidebrennereien  133190  t,  zusammen  662174  t  Trockensubstanz
anzusetzen.
Über  den  Umfang  der  Stärkefabrikation  besitzen  wir  leider  keine
regelmässige  Statistik.  Nach  der  einmaligen  Erhebung  über  die  Produktion
von  Stärke  und  Stärkefabrikaten  im  Betriebsjahre  1897/98  kann  man  nach
Umrechnung  der  verschiedenen  Fabrikate  auf  trockene  Stärke  eine  Gesamterzeugung ­
  von  rund  1700000  D.-Ztr.  Trockenstärke  annehmen.  Bei  der
Fabrikation  bleiben  von  der  in  1000  kg  Kartoffeln  enthaltenen  Trockensubstanz ­
  75  kg  in  der  Pülpe.  Zur  Erzeugung  des  genannten  Quantums
Trockenstärke,  die  noch  20  %  Wasser  enthält,  sind  daher  1830769,5  D.-Ztr.
Trockensubstanz  notwendig  gewesen. 1 )  9
9  Ausser  den  genannten  Gewerben  käme  noch  die  Ölfabrikation  in  Betracht,  Indessen
ist  die  Menge  des  von  der  einheimischen  Landwirtschaft  für  diese  Industrie  gelieferten  Rohmaterials ­
  verhältnismässig  sehr  gering.  Im  Jahre  1900  nahm  die  mit  Raps,  Rübsen  und
Lein  besäte  Fläche  nur  0,4  °/ 0  des  Ackerlandes  ein.  Dazu  kommt,  dass  ' 2 / 3 — 3 / 4  der  in  den
        <pb n="59" />
        53

Addieren  wir  nunmehr  die  zu  menschlicher  Ernährung  und  gewerblichen ­
  Zwecken  verbrauchten  Mengen  pflanzlicher  Trockensubstanz  zusammen,
so  ergeben  sich  als  Summe  13845027,737  Tonnen.  Von  dieser  Summe
bringen  wir  dasjenige  in  Abzug,  was  an  Getreide,  Hülsenfrüchten,  Futtermitteln ­
  usw.  mehr  eingeführt  wurde,  daher  nicht  der  heimischen  Landwirtschaft ­
  zu  danken  ist.  Im  Jahre  1900  betrug  die  Mehreinfuhr  an  Buchweizen, ­
  Gerste,  Hafer,  Mais,  Roggen,  Weizen  und  Hülsenfrüchten  nach
Abzug  der  Mehrausfuhr  an  Mühlenfabrikaten  zusammen:
4321530  t  mit  86  %  =  3716516  t  Tr.-Subst.
Ausserdem  wurden
mehr  eingeführt  745481,,  Kleie  mit  88%=  656023,,  „  „
68144  „  Malzkeime  mit  88  %  =  59967,,  „  „
359265,,  Ölkuchen  mit  89%=  319746,,  ,,  „
Dazu  kommen  .  383088,,  „  „  89%=  340948,,  „  „  ,
welche  aus  der  Mehreinfuhr  ausländischer  Ölfrüchte  gewonnen  worden
sind.  Ö  Die  gesamte  in  Betracht  kommende  Mehreinfuhr  weist  also
5093200  t  Trockensubstanz  auf.  Zieht  man  diese  von  dem  inländischen
Konsum  ab,  so  bleiben  noch  8751827,737  t  Trockensubstanz,  welche  aus
der  einheimischen  Landwirtschaft  stammen.  Die  Produkte,  in  welchen
diese  Trockensubstanz  enthalten  ist,  sind  derart,  dass  sie,  um  in  Fleisch
verwandelt  zu  werden,  am  zweckmässigsten  an  Schweine  verfüttert  würden.
Nach  E.  Wolff  bewirken  im  Durchschnitt  100  kg  an  Schweine  verfütterte ­
  Trockensubstanz  eine  Lebendgewichtszunahme  von  100  kg.  Die
8751827,737  t  Trockensubstanz  sind  also  gleich  2187956934  kg  Schweinefleisch ­
  zu  setzen.
Summieren  wir  die  einzelnen  Posten,  so  ergibt  sich  als  Gesamtproduktion ­
  der  deutschen  Landwirtschaft  im  Jahre  1900  7  785910934  kg
Fleisch.

Ölsamen  'befindlichen  Trockensubstanz  in  den  Rückständen  verbleibt  und  verfüttert  wird.
Wir  können  daher  die  Ölfabrikation,  soweit  sie  sich  auf  die  heimische  Landwirtschaft
gründet,  unberücksichtigt  lassen,  ohne  dass  das  Endresultat  unserer  Rechnung  besonders
alteriert  würde.  Die  Abfälle  des  von  den  Fabriken  importierten  Rohmaterials  werden  an
einer  späteren  Stelle  in  Rechnung  gezogen.  Noch  viel  weniger  als  die  Ölpflanzen  fallen
die  sonstigen  Handelsgewächse  quantitativ  ins  Gewicht,  weshalb  auch  auf  sie  hier  nicht
besonders  eingegangen  wird.
1 )  Die  Mehreinfubr  von  Ölfrüchten  und  Ausbeute  an  Ölrückständen  stellt  sich  in
folgender  Weise  dar:

Palmkerne  und  ähnliches  .

.  147556  t  mit  54  °/ 0  —  79  680  t  Rückstände.

Erdnüsse  „  „  .  .

.  20114

„  64  o/ 0  =  12873,,

55

Leinsaat

.  250225

n

„  70  °/ 0  =  175157  „

51

Raps  und  ähnliches  .  .  .

.  129694

55

„  62  °/ 0 =  80410,,

55

Sesam

.  29636

&amp;gt;5

„  56  °/ 0 =  16596,,

55

Mohn

.  28707

55

„  64  o/o  =  18372  „

55

383088  t  Rückstände.
über  die  Ausbeuteverhältnisse  vergl.  v.  0liech,  Die  Rückstände  der  Ölfabrikation.
Leipzig  1884.
        <pb n="60" />
        51

Eine  gleiche  Rechnung  müssen  wir  nun  auch  für  den  Anfang  des  Jahrhunderts ­
  aufstellen.  Nach  unserer  Untersuchung  ist  die  Fleischproduktion
während  des  ganzen  Jahrhunderts  um  595  %  gewachsen,  sie  ist  daher  für
den  Anfang  des  Jahrhunderts  mit  414  964  791  kg  anzusetzen.
Bei  der  Milchproduktion  ist  zu  berücksichtigen,  dass  die  Zahl  der  Kühe
von  1800—1900  stärker  gestiegen  ist,  als  die  Zahl  des  Kindviehs  überhaupt,
denn  bei  Krug  betrug  die  Zahl  der  Kühe  44%,  im  Jahre  1900  dagegen
55  %  des  gesamten  Kindviehstaudes.  Da  letzterer  um  75  %  gewachsen
ist,  so  ist  die  Vermehrung  der  Kühe  mit  119  %  zu  veranschlagen.  Die
Milchproduktion  der  einzelnen  Kuh  ist  um  175  %,  die  gesamte  Milchproduktion ­
  demnach  um  rund  500  %  gestiegen.  Nimmt  man  an,  dass  zu
Anfang  des  Jahrhunderts  das  Verhältnis  zwischen  der  von  den  Menschen
und  der  von  den  Tieren  aus  der  Milch  konsumierten  Trockensubstanz  dasselbe ­
  war  wie  im  Jahre  1900,  dann  betrug  die  von  den  Menschen  im  Jahre
1800  verzehrte  Milchtrockensubstanz  259  673  493  kg,  ein  Quantum,  welches
gleichbedeutend  ist  mit  207  738  795  kg  Kalbfleisch.
Um  die  an  die  Pferde  verabreichte  Futtermenge  richtig  zu  berechnen,
ist  zu  erwägen,  dass  sich  die  Ernährung  der  Pferde  im  Laufe  des  Jahrhunderts ­
  quantitativ  und  qualitativ  sehr  gebessert  hat.  Das  geht  sowohl
aus  den  Zeugnissen  von  Schwerz,  Thaer  u.  a.,  als  auch  aus  dem  Umstande ­
  hervor,  dass  die  Haferproduktion  um  337  %  gewachsen  ist.  Ferner
zeugt  dafür  die  Tatsache,  dass  die  Kaltblutzucht  in  Deutschland  in  den
letzten  Jahrzehnten  bedeutende  Fortschritte  gemacht  hat,  so  dass  der
Prozentsatz  der  schweren  Pferde,  welche  auch  an  das  Futter  grössere  Ansprüche ­
  stellen,  jetzt  ein  grösserer  ist  als  früher.  Wir  dürfen  darum  für
den  Anfang  des  Jahrhunderts  pro  Pferd  nicht  dasselbe  Futterquantum  in
Ansatz  bringen  wie  heute,  sondern  höchstens  80  %.  Da  die  Zahl  der  Pferde
während  des  Jahrhunderts  um  62  %  gestiegen  ist,  so  ist  das  Fleischquantum,
welches  der  gesamten  zu  Beginn  des  Jahrhunderts  den  Pferden  verabreichten ­
  Futtermenge  entspräche,  gleich  724  699  227  kg  Rindfleisch
zu  setzen.
Es  bleibt  noch  übrig,  die  Menge  Trockensubstanz  zu  berechnen,  welche
die  Menschen  vor  100  Jahren  zur  eigenen  Ernährung  und  zu  gewerblichen
Zwecken  verbraucht  haben.  Wir  können  zunächst  annehmen,  dass  dasselbe
Quantum,  welches  als  unmittelbarer  Konsum  an  Mehl,  Hülsenfrüchten,  Kartoffeln, ­
  Graupen  usw.  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  im  Jahre  1900  kam,
auch  im  Jahre  1800  verzehrt  worden  ist,  allerdings  mit  dem  Unterschied,
dass  weniger  Kartoffeln,  dagegen  mehr  Zerealien  und  Hülsenfrüchte  genossen ­
  wurden.  Es  berechnet  sich  dann  dieser  menschliche  Konsum  pro
1800  auf  4  345  789493  kg  Trockensubstanz.  Was  die  Gewerbe  anbelangt,
so  fällt  die  Rübenzuckerfabrikation  ganz  weg.  Über  den  Umfang  der
Brauerei,  Brennerei  und  Stärkefabrikation  gewinnen  wir  eine  annähernd
richtige  Vorstellung  aus  den  Ziffern,  welche  uns  Krug  und  Dieterici  für
Preussen  bieten.  Den  Verbrauch  an  Bier  schätzt  Dieterici  nach  den  Ergebnissen ­
  der  Akzise  vor  1806  auf  15  Quart,  den  Verbrauch  an  Branntwein
(mit  50  %  Alkohol)  auf  3  Quart  pro  Kopf.  Den  Gasamtwert  der  fabrizierten
        <pb n="61" />
        55

Stärke  gibt  Krug  auf  418304  Reichstaler  an.  Da  ein  Zentner  Stärke  im
Durchschnitt  ca.  10  Taler  kostete,  so  stellt  sich  die  Gesamtmenge  der  hergestellten ­
  Stärke  auf  etwa  42000  Zentner,  d.  h.  noch  nicht  %  Pfund  auf
den  Kopf  der  Bevölkerung.  Im  Jahre  1900  wurden  dagegen  7  1  Alkohol,
101  1  Bier  (im  Brausteuergebiet)  und  uugefähr  6  Pfund  Stärke  auf  deu
Kopf  der  Bevölkerung  erzeugt.  Es  kommt  daher  pro  Kopf  heute  etwa
6  mal  soviel  Bier,  4  mal  soviel  Alkohol  und  12  mal  soviel  Stärke  als  vor
100  Jahren.  Bei  diesen  Verhältnissen  sind  also  für  Gewerbe  pro  1800
140916228  kg  Trockensubstanz  anzusetzen.  Mit  obigen  4345  789  493  kg,
welche  der  unmittelbaren  menschlichen  Ernährung  dienten,  kommen  also
4486  705721  kg  Trockensubstanz  zur  Verrechnung,  welche  gleichbedeutend
sind  mit  1121676430  kg  Schweinefleisch.
Obwohl  wir  an  einer  früheren  Stelle  ausgeführt  haben,  dass  der  Getreideüberschuss ­
  des  heutigen  Reichsgebietes  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts
kein  erheblicher  gewesen  sein  kann,  wollen  wir  hier  doch,  um  für  das
Endresultat  lieber  eiue  sichere  Minimal-  statt  zweifelhaftere  Maximalziffer
zu  erhalten,  ein  gewisses  Quantum  als  Ausfuhrüberschuss  in  Rechnung
stellen.  Preussen  hatte  mit  den  polnischen  Provinzen  im  Jahre  1795/96
eine  Mehrausfuhr  von  450  838  D.-Ztr.  Für  das  Reichsgebiet  werden  darum
1  Mill.  D.-Ztr.  eher  für  zuviel  als  für  zuwenig  gelten  können.  Diese
1  Mill.  D.-Ztr.  müssen  wir  zum  Abschluss  unserer  Rechnung  gleich  25  Mill.  kg
Schweinefleisch  setzen  und  dem  Konto  der  landwirtschaftlichen  Produktion
von  1800  zugute  schreiben.
Die  gesamte  landwirtschaftliche  Produktion  des  Jahres  1800  betrug
sonach  2494079243  kg  Fleisch,  während  diejenige  des  Jahres  1900  sich
auf  7785910934  kg  belief.
Die  Gesamtproduktion  der  deutschen  Landwirtschaft  ist  also  in  der
Zeit  von  1800—1900  um  212%  gestiegen,  oder  auf  die  Bevölkerung  bezogen: ­
  die  deutsche  Landwirtschaft  produziert  heute  pro  Kopf  der  Be-  j
völkerung  33  %  mehr  als  vor  100  Jahren.  —/
Diese  quantitative  Steigerung  der  Produktion  tritt  aber  mitsamt  der
heutigen  Mehreinfuhr  bei  der  Konsumtion  nicht  in  gleicher  Weise  als
Steigerung  der  Quantität,  sondern  viel  mehr  als  Verbesserung  der  Qualität
in  die  Erscheinung;  die  heutige  Bevölkerung  konsumiert  feineres  Brot  und
verhältnismässig  mehr  Fleisch,  Milch,  Zucker,  Bier,  Alkohol  und  Stärke.  —
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Druck  von  Friedrich  Stollberg  in  Merseburg.

2öb  Entsäuerung
1  8.  Nov.  2010
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        Druck  von  Friedrich  Stollberg  in  Merseburg.

Verlag  von  Paul  Parey  in  Berlin  SW.,  Hedemannstrasse  io.
Handbuch  der  landwirtschaftlichen  Betriebslehre.
Von
Dr.  Theodor  Freiherr  von  der  Goltz,
Geh.  Regierungsrat,  Professor,  Direktor  der  landw.  Akademie  Bonn-Poppelsdorf.
Dritte,  umgearbeitete  Auflage.
Gebunden,  Preis  15  M.

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bearbeitet  von
Dr.  W.  H.  Howard,
Professor  an  der  Universität  Leipzig.
Herausgegeben  vom  Buehführungs-Interessenten-Verein  zu  Leipzig.
Zweite  Auflage.
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Dr.  B.  Skaiweit,  Berlin-Charlottenburg.
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au!  den  Betriebserfolg.

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Dr.  C.  von  Seelhorst,
Professor  für  Landwirtschaft  an  der  Universität  Göttingen.
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Dr.  Wölfer,
Landwirtschaftslehrer  an  der  Grossherzoglichen  Ackerhauschule  zu  Dargun  i.  M.
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Karl  Petri,
Lehrer  an  der  landwirtschaftlichen  Lehranstalt  und  Winterschule  zu  Hohenwestedt  (Holstein).
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Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung.
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n-pwachsen;  pro  Kopf  der  Bevölkerung  ist  danach  die  Fleisch-M
  “Putschen  Landwirtschaft  im  vorigen  Jahrhundert  um
wieviel  Fleisch  denn  nun  heute  bezw.  vor  100  Jahren
Bevölkerung  kommt,  so  können  wir  folgende  Rechnung
:*ien  Feststellungen,  welche  hei  der  allgemeinen  Vieh-1900
  über  das  durchschnittliche  Lebendgewicht  und  auf
der  49  grössten  Städte  Deutschlands 1 )  über  das  durehlgewicht
  der  Tiere  gemacht  worden  sind,  lässt  sich
g±  n  Rind  heute  im  Durchschnitt  300  kg  Fleisch  liefert,
ä  Deutschland  im  Jahre  1900/01  geschlachteten  Rinder
weine,  Schafe  und  Ziegen)  lieferten  also  2884005300  kg
|  ler  entsprechenden  Menge  von  Knochen,  Speck,  Talg
.uf  den  Kopf  der  Bevölkerung  kamen  also  51,2  kg.  Da
schnung  die  Fleischproduktion  im  vorigen  Jahrhundert
l 0  gestiegen  ist,  so  folgt  daraus,  dass  die  deutsche  Landnn
  des  19.  Jahrhunderts  17,3  kg  Fleisch  auf  den  Kopf
ieferte.  Dass  diese  Berechnung  der  Wirklichkeit  entvenigstens
  sehr  nahe  kommt,  bezeugt  auch  Dieterici,
hproduktion  Preussens  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts
iligen  Viehstandes 2 )  auf  33,83  Pfd.  oder  15,8  kg  berechnet.

;rung  der  gesamten  landwirtschaftlichen
Produktion.

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'•  s  jetzt  die  Steigerung  der  landwirtschaftlichen  Produktion
äj;  gsten  Zweigen,  der  Getreide-  und  Fleischproduktion,  dar-:-„en
  damit  aber  noch  kein  abschliessendes  Urteil  über  die
V  esamtproduktivität  der  Landwirtschaft  gewonnen,  denn
■:  ide  und  Fleisch  zunächst  zwei  inkommensurable  Grössen,
j:  Teil  des  Getreides  an  das  Vieh  verfüttert  und  käme  so-8
 ; :  errechnung,  drittens  werden  bedeutende  Mengen  Futter-;■
  slande  eingeführt  und  viertens  ist  mit  dem  Getreide  und
WAnzahl  der  landwirtschaftlichen  Produkte  noch  nicht  erden
  gesamten  Rohertrag  der  Landwirtschaft  zusammens“:
  leichbar  zu  machen,  ist  es  notwendig,  die  verschiedenen
■  :  n  Produkte  auf  einen  gemeinsamen  Nenner  zu  bringen,
f:  früher  und  wird  meist  noch  heute  der  Roggen  benutzt.
lässt  sich  aber  eine  Darstellung  der  gesamten  Roh-.J
  genwerten  darum  nicht  durchführen,  weil  für  den  Anfang
■  erls  die  Nachrichten  über  die  Grösse  und  die  Erträge
j  beiden,  insbesondere  auch  der  Brach-  und  Stoppelweiden,

12.  Jaarg,

-  -&amp;gt;

Jaliituch  deutscher  Städte,  herausgegeben  von  Prof.

-)  Rindvieh,  Schafe  und  Schweine,  dagegen  keine  Ziegen.

Dr.  Neefe,
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        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
