VI Das Uebermass an Zwergwirtschaften und Latifun dien im Verhältnisse zum Mittelgrundbesitze ist überall eine krankhafte Erscheinung; auf den Zwergwirtschaften ist ein rationeller landwirtschaftlicher Betrieb unmöglich; daher nimmt bei einer grossen Anzahl von Zwergwirtschaften das Erträgnis des Grundbesitzes ab; das Uebermass an Latifundien schafft besonders dort, wo ausserdem ein grosser Theil des Grundbesitzes als Eigenthum der todten Hand und als Fidei- commis gebunden ist, ein zahlreiches landwirtschaftliches Pro letariat. In unserem Lande ruft der Abfall der Mittelgrundbe sitze nicht nur wirtschaftliche, sondern auch unmittelbar poli tische Gefahren hervor; denn mit Abnahme der Mittel grundbesitzer-Klasse vermindert sich die Zahl jener, die sich aus Familientradition als unabhängige Bürger mit den öffentlichen Angelegenheiten befassen, während in jenen Ge genden, wo der Grundbesitz zum überwiegenden Theile aus Latifundien besteht und die Befriedigung des Bodenhungers des Volkes nur innerhalb sehr enger Grenzen ermöglicht ist, das zahlreiche unzufriedene landwirtschaftliche Proletariat durch seine von Zeit zu Zeit in Revolten ausartende Unzufriedenheit gemeingefährliche Zustände verursacht. In jenem halben Jahrhundert, welches seit der gänzlichen Befreiung des überwiegend grössten Theiles des ungarischen Grundbesitzes verflossen, wurde im Interesse einer zweckent sprechenderen Gütervertheilung eine einzige legislatorische Ver fügung getroffen u. z. durch Schaffung des Ges.-Art. V v. J. 1894 betreffend die innere Colonisation. Nachdem jedoch die bisherige Colonisationsaction, wie all bekannt, grössten Theils erfolglos blieb und von jenen wenigen Ansiedelungsstellen, welche in neuerer Zeit gegründet wurden, nur einzelne als gelungen bezeichnet werden können, durch innere Colonisation aber der ungünstigen Zertheilung des Grundbesitzes nur nach einer Richtung hin abgeholfen wird: ergibt sich mit Recht die Frage, ob nicht etwa' für den Staat die Zeit herangerückt sei, um hinsichtlich des wichtigsten Zweiges der Grundbesitzpolitik, d. h. der zweckentsprechenden Zerthei lung des Grundbesitzes wirksamere legislatorische Verfügungen zu treffen, als bisher. Das vorliegende Werk befasst sich eingehend mit jenen Gründen, denen die Fruchtlosigkeit der bisherigen Ansiedelungs- action zuzuschreiben ist; es analysiert tiefgreifend und in höchst lehrreicher Weise die Verschuldung des ungarischen Grundbesitzes und seine Lasten, und nachdem Preussen im Inter-