10 Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle. Wir brauchen nicht zu sagen, daß wir das Dichterwort unterschreiben: „Euch, ihr Götter, gehört der Kaufmann. Güter zu suchen. Geht er, doch an sein Schiff knüpfet das Gute sich an." und daß uns nichts ferner liegt, als die Annahme einer Rangstufenleiter unter den Berufszweigen unseres Gemeinlebcns. Aber die Vorstellung, welche wir mit dem kaufmännischen Berufe verbinden, paßt auf Arnoldi nicht. Er war ein geschätzter Ge hülfe bei Johann Gabe & Co. in Hamburg; als er das väterliche Geschäft übernommen hatte, wußte er es bald nach den verschiedensten Richtungen hin auszudehnen; er war ein geschickter Einkäufer und Verkäufer; er hatte ein gleich feines Organ für die Nach frage, wie er sein Angebot den Verhältnissen klug anzupassen wußte, und seine kauf männischen Llnternehmungen gediehen gut unter seiner durchaus sachkundigen Leitung. Allein nur ein kleiner Teil der Kraft seines Geistes und seiner Neigung ward, als er seine wirtschaftliche Existenz für genügend gesichert erachtete, seinem ursprünglichen Lebensberufe zugewendet. Er liebte diesen Beruf und leistete für das Ansehn des selben mehr als irgend einer; aber es war nicht sein eigener innerer Lebensberuf. „Die Menschen tragen in der Regel das Gepräge ihres Berufes", — schrieb er an den Präsidenten Fischer in Birkenfeld im Jahre 1834 — „und wenn ein Kauf mann sich von den Fesseln seines Gewerbes losgemacht hat und von einem freien Standpunkte seinen Gegenstand beurteilt, so wird er von Kaufleuten und Krämern, die von ihren Schreibstuben und durch ihre Ladenfenster hinaussehen, selten oder nur halb verstanden. Ich gelte bei diesen Herren für einen unpraktischen Menschen und muß daher, um auf sie zu wirken, eine besondere Praktik treiben und sie auf den rechten Weg leiten, ohne daß sie den Leiter gewahr werden." Lind jener erwiderte darauf: „Warum sind Sie aber ein Kaufmann und nicht ein Staatsniann geworden? Mit Ihrer ehernen Beharrlichkeit hätten Sie als Minister Berge versetzen können." Arnoldi war im Innersten feines Wesens fromm. Nicht von jener Wort- oder Scheinfrömmigkeit, welche sich mit Stolz und Haß verträgt und Gottes Gnade und Christi Erlösungswerk stets im Munde führt, aber nichts leiden »rag und nichts leistet, um sich jener Gnade würdig zu machen und jene Erlösung sich selbst zu erkämpfen; er war fromm in werktätiger Liebe und Aufopferung für die Nächsten, in Selbstzucht und Demut, in Strenge gegen sich und Milde gegen die Nebenmenschen. Seine Leidenschaft war stark, aber er hielt sie im Zaume; nur die Gemeinheit, die Rohheit entflammte seinen Zorn zur lodernden Glut, nur denen, welche jene Eigenschaften in Wort oder Tat bekundeten, konnte er schwer vergeben. Arnoldi war ein Zelf-mucle-man. Wir haben es aus seinem Munde, wie dürftig, wie mangelhaft, wie planlos seine Erziehung, wie viel reicher sie an Gelegen heit zur Mißbildung wie an wohltätiger geregelter Einwirkung war. Der gute Keim, die gute Tradition und die reichen Anlagen, — das war alles, was er aus dem Vater hause mitbrachte. Alles andere, was not tat, und ihm zumal, dem zu großen Dingen Berufenen, not tat, mußte er sich nach eigenem Regime erwerben. Er hat es er worben im Schweiße seines Angesichts. Wie oft macht das Bewußtsein solchen eigenen Verdienstes hoffärtig! Wie oft bleibt an dem, der so auf eigenen Füßen und ohne planmäßige Einwirkung von außen groß geworden, ein gewisser Makel der Llnfertigkeit oder der Einseitigkeit haften! Nichts von alledem gewahren wir bei Arnoldi. Sein mühsam erworbener Wohl stand machte ihn, der, dem frohen Lebensgenüsse zugänglich wie irgend einer, doch das bescheidenste bürgerliche Leben führte, nur wohltätig. Aber die Ehrenerweifungen, die ihm zuteil wurden, empfand er gewiß eine ganz ungeheuchelte Freude. Aber weit entfernt war er von dem Wahne, daß dergleichen den Wert des Menschen erhöhen könne.