2* 9. Lermann Schulze-Delitzsch. 19 Fürsorge für die höhere und niedere Volksbildung zutage traten, und daneben eine ängstliche Zensur, eine unwürdige Demagogenfurcht, ein Mangel an Öffentlichkeit, die das frische Leben, das auf der einen Seite erzeugt wurde, auf der anderen wieder zu ersticken drohten. Dazu der Gegensatz zwischen Öst und West, zwischen angestammten Landen und neuen schwer zu assimilierenden Provinzen, ein Gegensatz, der bis zu ge wissem Grade auch die liberalen und konservativen Grundanschauungen der Bevölkerung geographisch verteilte. Wußte dieser Staat, was er nach außen wollte und sollte; wußte er, nach welchem Ziel seine innere Entwickelung drängte? — Lansemann war gewohnt zu disponieren und kannte es nicht anders, als daß, wo er an einer Angelegenheit mitarbeitete, sein Wille der maßgebende war. Selten trat ihm eine ebenbürtige Persönlichkeit von gleicher Willensstärke, gleicher Geschäfts kenntnis, gleichem Scharfblick gegenüber. Alle die großen Betriebe, die er geschaffen hatte, und in denen er tätig war, stellten ihm ein Leer von Untergebenen zur Ver fügung, die mit Verehrung und Bewunderung zu ihm aufblickten, von ihm Förderung und Gunst erwarteten, aber auch zu seiner überlegenen Einsicht das vollkommenste Ver trauen hatten. Das herrschen mußte ihm mit der Zeit zur Gewohnheit, zur anderen Natur werden. Im Privatverkehr büßten die angeborene Freundlichkeit, Lerzensgüte und Liebenswürdigkeit nichts von dem bestrickenden Reize ein, den sie, verbunden mit dem Eindrücke außerordentlicher Klugheit, von jeher auf seine zahlreichen Freunde aus geübt hatten. Auch mochte er Widerspruch wohl insofern vertragen, als er ihn nicht aufbrausend oder heftig machte und ihn nicht eigentlich verletzte. Daß aber seine poli tischen Überzeugungen, feine Ansichten von der Zweckmäßigkeit dieser oder jener Maß regel die einzig richtigen, ja möglichen seien, stand für ihn unerschütterlich fest. Doch mußte der Anspruch, in seinem Kreise der Erste zu sein, dem sich die anderen unter zuordnen hätten, mit einer gewissen naiven Selbstverständlichkeit hervorgetreten sein, und vor starrem Doktrinarismus bewahrte ihn ein glücklicher Wirklichkeitssinn. Er hat es wiederholt ausgesprochen, es komme in der Politik nicht darauf an, das unbedingt und der Idee nach Beste zu erreichen, sondern unter verschiedenen Möglichkeiten diejenige zu ergreifen, welche dem gewollten Ziele mehr als die anderen zusttebe, oder zwischen verschiedenen Übeln das geringere zu wählen. So ließ er sich durch die Meinungen und Beweisführungen anderer selten oder nie aus der einmal eingeschlagenen Richtung drängen, wohl aber war er leicht bereit, die Taktik zu wechseln, wenn die Tatsachen und anderen Voraussetzungen sich änderten, welche für die Wahl der Mittel bestimmend gewesen waren. Seinem beweglichen Geiste war eine Reihe unschätzbarer staatsmännischer Gaben eigen, vor allem - das Vermögen rascher Orientierung auch unter den ver wickeltesten Verhältnissen und der Wahl von zweckmäßigen Mitteln für ein erreichbares Ziel; das Vertrauen in die eigene Kraft und eine gewisse angeborene Lerrschergabe. Dagegen war seine Menschenkenntnis keine untrügliche. Wohl hatte er wiederholt die rechten Männer an den rechten Platz gesetzt; aber auch an Enttäuschungen hatte es in dieser Beziehung nicht gefehlt. 9. Hermann Schulze-Delitzsch. Von Viktor Böhmert. Böhmert, Schulze-Delitzsch als Arbeiterfreund und Sozialreformer. In: Der Arbeiter- freund. herausgegeben von Böhmert in Verbindung mit Gneist. XXI. Jahrgang. Berlin, Leonhard Simion, (883. S. w;—\62 und S. ;so—>8(. Am 29. April 1883 schlossen sich im einfachen bürgerlichen Lause zu Potsdam die Augen eines Mannes, der nicht nur von seinen deutschen Volksgenossen, sondern auch von anderen Nationen als einer der verdientesten Vorkämpfer für soziale Reformen