10. Alfred Krupp. 23 genossen, sondern aller seiner Landsleute zu einer Stellung sich emporzuschwingen, welche so hervorragend und einzigartig erschien, wie der Gußstahl der Kruppschen Fabrik selbst. Das war jener selbstbewußte Vertreter des Bürgeradels, welcher in seinem Frei heitsgefühle es verschmäht hatte, durch die Annahme der ihm angebotenen Erhebung in den Adelstand seinen bürgerlichen Namen mit einem anderen Glanze umgeben zu lassen, als der war, welcher aus der eigenen Tatkraft und Tüchtigkeit entstammte, in ihnen seine fortwährende Erneuerung fand. Alfred Krupp war von einer gewinnenden Liebenswürdigkeit. Anzertrennlich verband er damit jene Bescheidenheit, welche ein Kennzeichen alles tiefen Wissens ist. Auf jedermann machte sein Wesen einen geradezu hinreißenden Eindruck. Seinen Be amten und Arbeitern trat er stets als ein väterlicher Freund gegenüber. Er war ihnen „ein guter, edler, lieber Äcrr", wie Herr Iencke so treffend am Grabe Alfred Krupps ihn kennzeichnete. Das schloß freilich nicht aus, daß er von jedermann seiner Ange stellten unbedingten Gehorsam und strengste Pflichterfüllung verlangte. War er darin doch am strengsten gegen sich selbst. Tag und Nacht beherrschte ihn die Sorge um das Gedeihen seiner großen Schöpfung. Tatsächlich verwandte er bis in die letzten Lebensjahre hinein schlaflose Stunden der Nacht zur Arbeit. An seinem Bette befand sich beständig ein Schrcibapparat mit Papier und riesigen Bleistiften, so daß er jeden Gedanken sofort fixieren konnte. Am anderen Morgen fanden die Bogen, in seinen energischen, großen, charakteristischen Schriftzügen seine Fragen, Befehle, Anregungen und Erörterungen enthaltend, ihren Weg in die Fabrik. Läufig und gern fügte er Konstruktionsskizzen bei, die er mit rascher und sicherer Land hinzuwerfen wußte. Wer von seinen Arbeitern sich den Satzungen und Geboten der Fabrik nicht fügen wollte, den traf unerbittlich Strafe und in schlimmen Fällen die Ausschließung. Denn das großartige Getriebe des Werkes erforderte die peinlichste Aufrechterhaltung und Beobachtung der Ordnung. Wie sehr Alfred Krupp auf der andern Seite ein Lerz für jeden seiner Arbeiter hatte, braucht hier nicht hervorgehoben zu werden. Laut bezeugen das die fürsorglichen Einrichtungen, die er als der Erste unter den deutschen Fabrikhcrrn schon zu einer Zeit ins Leben rief, da er selbst den Schwierigkeiten seiner Lage noch keineswegs enthoben war. Das würden auch viele Tausende seiner Arbeiter und Beamten persönlich bezeugen können, die sich niemals vergebens an ihn wandten, wenn sie ein besonderes Anliegen hatten und bei ihrem Lerrn vertrauensvoll Rat, Lilfe oder Anterstützung suchten. Diejenigen seiner Angestellten, welche länger auf der Gußstahlfabrik beschäftigt waren, kannte er alle von Angesicht zu Angesicht. Noch bis in die achtziger Jahre hinein pflegte er oft selbst in den Werkstätten zu erscheinen, um sich persönlich davon zu überzeugen, wie dieser oder jener Auftrag ausgeführt wurde. Als er schon längst seine Wohnung auf dem „Lüget" bei Bredeney, anderthalb Stunden von Essen, bezogen hatte, konnte nmn ihn fast täglich früh morgens zur Fabrik reiten sehen. In seiner dunkelgrauen Klappmütze, seinem eng anschließenden Zacket und den hohen Reiterstiefeln hätte man den großen schlanken Mann mit dem scharfen Auge und den feingeschnittenen geistvollen Zügen, mit der jugendlich elastischen Laltung, die den weißen Bart Lügen zu strafen schien, eher für einen eleganten Edelmann vom Lande gehalten, als für den Beherrscher jenes großartigen Gemeinwesens, welches der Prinz Napoleon im Jahre 1867 nicht unrichtig als einen „Staat im Staate" charakterisiert hatte. Der „Staat im Staate", dazu hatte sich die Essener Gußstahlfabrik in der Tat unter des Meisters scharfblickendem Verstände und einem unvergleichlichen Organisations talent in Zeit von kauin zwanzig Jahren enttvickelt. Aber dieser Musterbau der Technik nahm nicht, wie der Napoleonide befürchtet hatte, eine Sonder- oder partikularistische Stellung dem Gesamtstaat gegenüber ein, sondern fügte sich als ein lebendiges Glied eng dem politischen und kommunalen Organismus an, aus dem er hervorgegangen war.