34 Zweiter Teil. Landet. I. Die Volkswirtschaft. Es ist für die wirtschaftliche Tätigkeit der Menschen charakteristisch, daß, wenn sie als ein Volk in einer staatlichen Gemeinschaft leben und über die niedrigen Stufen roher Naturvölker hinausgekommen sind, die Beschaffung und Verwendung der materiellen Güter nicht in der Weise erfolgt, daß die einzelnen Menschen die vielen Güter, welche sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse begehren und gebrauchen, sich selber direkt her stellen, sondern daß die Produktion und Verteilung der Güter zum weitaus größten Teil auf einer Teilung der Arbeit, auf einer Produktion von Tausch- oder Marktgütern und auf einem regelmäßigen entgeltlichen Austausch derselben beruht. Es scheiden sich die Menschen für den Zweck des Erwerbs in viele, verschiedene wirtschaftliche Berufs- und Erwerbsklassen, produzieren in diesen Klassen in geteilter Arbeit Tauschgüter, d. h. Güter, die sie nicht selbst gebrauchen wollen, sondern die andere gebrauchen sollen; sie tauschen diese Güter (materielle Güter, persönliche Leistungen) im wirtschaftlichen Verkehr, in der Regel mit Lilfe des Geldes, untereinander aus, und mit dem Äquivalent, das sie in diesem Tauschverkehr erhalten, und das ihr Ein kommen bildet, beschaffen sie sich dann die unmittelbaren Bedürfnisbefriedigungsmittel oder verwenden den Überschuß auf die Bildung von neuem Vermögen. And ein solcher Tauschverkehr auf der Basis der Arbeitsteilung und der Produttion von Tausch- gütern findet nicht nur unter den Mitgliedern eines Volkes, sondern auch unter den Mitgliedern verschiedener Völker statt (Weltverkehr). Durch diese eigentümliche Gestaltung der wirtschaftlichen Tätigkeit ist aber nicht nur die wirtschaftliche Beschäftigung und Lage der einzelnen klassenweise eine sehr ver schiedene, sondern es entstehen auch unter den einzelnen zahlreiche Verkehrsbeziehungen und Rechtsverhältnisse, und es wird der einzelne in seiner ökonomischen Lage, in der Art und dem Erfolg seiner Erwerbstätigkeit, in seinen Einkommens- und Vermögens verhältnissen von der wirtschaftlichen Tätigkeit und den Landlungen anderer und von Gesamtzuständen abhängig. Je höher die Wirtschafts- und Kulturstufe eines Volkes ist, je größer der Fortschritt, den es in seiner ganzen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung gemacht hat, umso zahlreicher, mannigfaltiger und verwickelter werden die Verkehrsbeziehungen der Menschen, — um so größer wird aber auch die ökonomische Abhängigkeit des einzelnen von den wirtschaftlichen Verhältnissen und Landlungen anderer und von allgemeinen Zuständen des Volkslebens. Wie jedes Gebiet des sozialen und öffentlichen Lebens erfordert auch das wirt schaftliche im Interesse der einzelnen und zur Realisierung der sittlichen Ideen und der kulturellen Aufgaben des Staats und der Gesellschaft seine gesetzliche Regelung, sowie seine Pflege und Förderung durch Organe der öffentlichen Verwaltung. Diese Tätigkeit der öffentlichen Gewalt wird umfangreicher, mannigfaltiger und schwieriger, je höher die Wirtschaftsstufe eines Volkes ist. And so bildet unter dem Einfluß der staatlichen Gesetzgebung und der öffentlichen Verwaltung die Volkswirtschaft der heutigen Kulturvölker überall einen sehr komplizierten Organismus ineinander greifender und sich gegenseitig bedingender Kräfte und Einrichtungen, dessen richtige Erkenntnis und beste Gestaltung zu den schwierigsten Aufgaben der Gegenwart gehört. Die tatsächlichen Zustände der Volkswirtschaft sind nicht nur bei demselben Volke im Verlauf seiner Geschichte, sondern auch bei gleichzeitig lebenden Kulturvölkern sehr verschieden. Aber für alle Völker hat zu allen Zeiten ihr Wirtschaftsleben eine Be deutung, die, für das richtige Verständnis des Wesens und der Aufgaben der Volks wirtschaft wie der Politischen Ökonomie fundamental, hier besonders hervorzuheben ist. Dieselbe entspringt dem engen Zusammenhange, in welchem das Wirtschaftsleben zu der Wohlfahrt, dem Kulturleben und der Kulturcntwicklung der Völker steht. Allerdings ist die Volkswirtschaft an sich eine Erscheinung materieller Art. Sie ist das materielle Güterleben, das Verhalten des Volkes zu den materiellen Gütern, die Lerstellung, der Austausch, die Verteilung, die Verwendung derselben. In ihr