1. Begriff und Wesen der Volkswirtschaft. 35 3* ringen und sorgen sich die Menschen um diese. Der Erwerb, die Benutzung, die Ver teilung materieller Güter ist Zweck und Inhalt der privaten wie öffentlichen Tätigkeit, die hier sich vollzieht. — Aber die Volkswirtschaft hat nicht nur diesen Charakter, sie hat auch eine hohe immaterielle, ethische und kulturelle Bedeutung. Es kommt in Betracht, daß bei allen Völkern der Zustand ihrer Volkswirtschaft es ist, der in erster Reihe den Zustand der Volkswohlfahrt und den Grad des Kulturlebens bedingt. Zwar bestimmen die ökonomischen Zustände zunächst nur die materielle Existenz und Lage der Menschen, aber diese, d. h. die Köhe und Sicherheit des Einkommens, die Größe des Vermögens, die Art der Erwerbstätigkeit rc. haben eben für die Menschen die weitere Bedeutung, daß sie wesentlich und jedenfalls mit in erster Reihe den Zu stand auch ihres moralischen, geistigen und kulturellen Lebens bedingen. Sie üben bei den einzelnen stets einen entscheidenden Einfluß auf ihr Familienleben, auf die Er nährung , die Erziehung, die Ausbildung der Kinder, auf die Beschaffung fast aller höheren geistigen Genüsse, auf das körperliche und geistige Wohlbefinden, auf das moralische Verhalten, und nicht minder auf die Erfüllung der sittlichen Lebenszwecke. Sie üben auch einen wesentlichen Einfluß auf die Kraft und Macht der Staaten und deren Kulturleistungen; denn von der ökonomischen Lage eines Volkes, von dem größeren oder geringeren Reichtum, von der größeren oder geringeren Steuerkraft hängt es wesentlich ab, wie weit es seine Selbständigkeit und Llnabhängigkeit gegen andere Völker zu schützen, und was es für seine geistige und materielle Lebung, was es für die Pflege der idealen Güter, für die Pflege und Förderung des sittlichen und geistigen Lebens, was es für Bildung, Kunst und Wissenschaft zu leisten vermag. Wenn daher die Volkswirtschaft an sich auch nur das materielle Güterlebcn des Volkes ist, so steht sie doch wegen der Bedeutung, welche diese Güter im Einzelleben und im Volksleben haben, im allerengsten Kausalnexus mit der Wohlfahrt, der Kultur und den Kultur fortschritten des Volkes. Sie ist das wesentliche Fundament derselben. Ihr Zustand bedingt in erster Reihe den Kulturgrad des ganzen Volkslebens, und von ihr hängt es sehr wesentlich ab, welche Kulturaufgaben ein Volk erfüllen kann. Daher folgen in der Geschichte die Kulturfortschritte der Menschheit in der Regel den Fortschritten auf dem Gebiete der Volkswirtschaft. Erst dieser Zusammenhang zwischen Wirtschasts- und Kulturleben ergibt für die Volkswirtschaft die hohe ethische Aufgabe derselben: daß sie auch wirklich mithelfe „beim Bau der sittlichen Welt," die Basis für die Erfüllung der sittlichen Pflichten und Lebenszwecke der einzelnen und der sittlichen Aufgaben des Volkes bilde und das Mittel für ein sittliches Kulturleben der Volksmitglieder und für den steten Kultur fortschritt des ganzen Volkes werde; sie soll durch ihre Organisation jedem im Volke mindestens die Möglichkeit bieten, durch eigene Kraft ein solches Leben zu führen und an den Segnungen der Gesamtkultur teilzunehmen; sie soll die fortschreitende sittliche Vervollkommnung des Volkes fördern und dazu beitragen, das Volk diejenige Kultur stufe erreichen zu lassen, die ihm auf seinem Territorium mit seinen natürlichen und geistigen Kräften zu erreichen möglich und deshalb Pflicht ist. Der Wert einer Volkswirtschaft ist in erster Reihe darnach zu beurteilen, wie weit sie dieser Aufgabe entspricht, wie weit sie auch ein sittliches Gebilde ist. Die Volkswirtschaft ist nicht bloß eine Produktionsgemeinschaft. Es handelt sich bei ihr in erster Reihe nicht darum, ob möglichst viel produziert werde, sondern darum, wie die Menschen leben, wie weit durch die wirtschaftliche Tätigkeit die sittlichen Lebens zwecke erfüllt werden, wie weit also auch die für alle menschlichen Gemeinschaften auf zustellenden und anerkannten Postulate der Gerechtigkeit, der Humanität, der Sittlichkeit erfüllt sind. Die Produktion ist in ihr nicht Selbstzweck, sie ist auch nur ein Mittel für die sittlichen Zwecke und Ziele des Wirtschaftslebens. Für die Beurteilung des sittlichen Gehalts und Werts einer Volkswirtschaft kommt es daher, wenn auch die