40 Zweiter Teil. Landet. I. Die Volkswirtschaft. Am dieser Ziele willen muß das einzelne Individuum und muß auch die einzelne Volkswirtschaft die Gefahren der Abhängigkeit von einer größeren Gesamtheit in Kauf nehmen. Sie können das um so leichter, als gegen diese Gefahren eine natürliche Gegenwirkung in der Wechselseitigkeit des Abhängigkeitsverhältnisses gegeben ist: wo der einzelne ganz und gar auf sich selbst steht, kann er den andern schweren Schaden tun, ohne sich selbst zu treffen; je mehr aber der einzelne durch tausenderlei Fäden mit seinen Nebenmenschen verbunden ist, desto mehr wird er selbst in Mitleidenschaft ge zogen durch die Wunden, die er anderen schlägt. Was von den Individuen gilt, hat seine Richtigkeit auch für die Staaten. Die mehr oder weniger feststehenden natürlichen Grundlagen, sowie die historisch gewordenen ökonomischen und kulturellen Bedingungen der internationalen Arbeitsteilung, die sich gleichfalls nicht von heute auf morgen willkürlich umgestalten lassen, stellen für den internationalen Warenaustausch ein durch wechselseitige Interessen gesichertes Fundament dar; die Abhängigkeit, in die der internationale Warenaustausch die einzelnen Volks wirtschaften bringt, wird dadurch gemildert, daß sie — wenigstens im großen ganzen — eine gegenseitige ist. Die Länder, an die wir unsere Industrieprodukte absehen, haben ein Interesse daran, daß wir ihnen ihre überschüssigen Erzeugnisse, insbesondere Nahrungsmittel und Rohstoffe, abnehmen. Freilich berechtigt diese Auffassung keineswegs zu einer völligen Passivität gegen über den Problemen des auswärtigen Landels. Die allmählich sich vollziehenden Änderungen in wesentlichen Grundlagen der intcrnaüonalen Arbeitsteilung, Ver schiebungen in der Bevölkerungsdichtigkeit, der wirtschaftlichen Intelligenz und Energie und der technischen Ausbildung von Unternehmern und Arbeitern, dem Kapitalreichtum usw. mit ihrer Wirkung auf die Produktions- und Nachfrageverhältnisse in der Weltwirtschaft, — das alles sind Vorgänge, durch die jedes einzelne Land vermittels seiner Export- und Importbeziehungen stark in Mitleidenschaft gezogen werden, und durch die es in seiner wirtschaftlichen Struktur unter schweren Krisen für seine ökonomische Lage entscheidende Veränderungen erfahren kann. Dazu kommen die handelspolitischen Maßnahmen fremder Völker, die bestimmt sind, Veränderungen in dem internationalen Warenaustausch hervorzubringen oder zu beschleunigen. Aber auch schon im Ruhezustände — ganz abgesehen von allen sich im Laufe längerer oder kürzerer Zeit vollziehenden Verschiebungen — ist bei aller Gegenseitigkeit des Abhängigkeitsverhältnisses der miteinander im Landelsverkehr stehenden Länder die Position der einzelnen Volkswirtschaften von verschiedener Stärke. Der kapitalkräftige Unternehmer ist zur Nutzbarmachung seines Vermögens an sich ebenso davon abhängig, daß er Arbeiter findet, die sich in seine Dienste begeben, wie der besitzlose Arbeiter davon abhängig ist, daß er jemand findet, der ihn gegen Lohn beschäftigt; aber in diesem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis hat der Unter nehmer im allgemeinen unstreitig die stärkere Position. Im privaten Landelsverkehr ist stets derjenige im Vorteil, der mit dem Angebot zurückhalten kann, während sich auf seine Ware eine dringende Nachfrage richtet. Wer gar das Monopol der Ler- stellung oder des Vertriebes eines für andere unentbehrlichen Bedarfsartikels besitzt, der ist zwar immer noch davon abhängig, daß diese anderen ihm die Dinge zur Ver fügung stellen, deren er selbst benötigt, aber seine Machtstellung ist eine solche, daß er die Bedingungen des Austausches förmlich diktieren kann. Genau ebenso liegt es in Ansehung des Verhältnisses zwischen den einzelnen der am Weltverkehr beteiligten Volkswirtschaften. Ein wenig kapitalkräftiges oder ver schuldetes Land, dessen Produzenten und Kaufleute gezwungen sind, ihre Waren so rasch wie möglich loszuschlagen, ist stets im Nachteil gegenüber Ländern, die infolge der Kapitalkraft ihrer Produzenten und Ländler mit ihrem Angebot zurückhalten und auf eine günstige Absatzgelegenheit warten können. Ein Land, das für wichtige Welt-