3. Ist der Kandel Produktiv? 47 hinaus, durch Steigerung der Tauglichkeit zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse die Wertfähigkeit der Güter zu steigern, d. h. sie fähig zu machen, daß sie von den Menschen höher bewertet werden. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. Wir gebrauchen den Ausdruck Produktion nicht nur für diejenige Tätigkeit, welche Erfolg hat, also tatsächlich die Menschen zu einer höheren Bewertung der Güter veranlaßt, sondern auch für alle diejenigen, welche eine gleiche Tendenz verfolgen, ohne das Ziel erreichen zu können. In diesem Sinne ist Produktion einfach alle diejenige mensch liche Tätigkeit, welche auf die Steigerung der Wertfähigkeit der Güter gerichtet ist, gleichviel, ob die Tätigkeit in einer mechanischen oder chemischen Amgestaltung oder — wie beim Bergbau — in einer Ortsveränderung in vertikaler Richtung oder in etwas anderem besteht. Der Kandel nimmt auch eine Ortsveränderung der Güter vor, aber in horizontaler Richtung. Diese Ortsveränderung verfolgt den Zweck, die Wertfähigkeit der Güter zu steigern, die Konsumenten also zu einer höheren Bewertung der Güter zu veranlassen. Nicht immer gelingt das. Der Kandel kann oft genug die Konsu menten nicht dazu bringen, die von ihm herangeschafften Güter höher zu bewerten. Aber sehr häufig gelingt es ihm aus ganz erklärlichen Gründen. Bei der tatsächlichen Bewertung der Dinge kommt es wesentlich auf das Arteil der Konsumenten an. Der Konsument ist aber geneigt, Dingen, die er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse an sich als geeignet erachtet und deshalb begehrt, einen höheren Wert beizulegen, wenn sie in seinen Verfügungsbereich gebracht sind. Wer Seefische in Berlin konsumieren will, für den haben die Fische, die in der Nordsee schwimmen, oder die in Kamburg lagern, noch keinen Wert, sondern nur eine noch nicht ausgelöste Wertsähigkeit. Werden aber die Fische durch den Kandel nach Berlin gebracht und hier dem Konsumenten bereitgehalten, so sind sie an sich für ihn viel mehr geeignet zur Bedürfnisbefriedigung als vorher, haben also eine viel höhere Wertfähigkeit in seinen Augen, und er ist auch bereit, sie dementsprechend höher zu bewerten. Dasselbe wiederholt sich bei allen anderen Bedarfsgegenständen. Überall kann die Zuführung an die Stätte des Bedarfs, in den Verfügungsbereich des Konsumenten eine Steigerung der Wertfähigkeit und auch eine tatsächliche höhere Bewertung zur Folge haben. Auch da, wo der Lande! das Ziel nicht erreicht, ist seine Tendenz darauf gerichtet. Das gleiche gilt dem Wesen der Sache nach von der Zuführung der Güter in die Zeiten des Bedarfs. Da aber, wenn man das wesentliche Merkmal sucht, alle Produttion in der auf Steigerung der Wertfähigkeit gerichteten menschlichen Arbeit besteht, so kann und muß auch der Lande! als eine produktive Tätigkeit bezeichnet werden. Sachgüter erzeugt er nicht, aber ihre Wertfähigkeit will er steigern, und damit sind alle Voraussetzungen erfüllt, die vorhin angegeben sind. Daß der Kandel durch die Art, wie er sein Ziel erreichen will, ganz erheblich abweicht von anderen Zweigen der produktiven Tätigkeit, insbesondere auch von der Sachgütererzeugung, versteht sich von selbst. Aber sein Ziel ist dasselbe wie bei den übrigen Arten, und darauf allein kommt es an. Wenn man sich gewöhnen wollte, schärfer zwischen Wert und Wertfähigkeit zu unterscheiden, wenn man insbesondere die natürliche Nutzbarkeit nicht schon als Gebrauchswert, sondern als Voraussetzung für die Wertschätzung, als Wertfähigkeit behandeln wollte, wenn man überhaupt die ganze Lehre vom Wert und von der Produktion mehr an die prattischen Verhältnisse anknüpfen wollte, so hätte die hier vertretene ungezwungene und einfache Auffassung Aussicht, sich allgemein festzusetzen. Man hätte sie m. E. niemals verlassen sollen. Auf die Beantwortung der Frage, ob der Kandel „produktiv" sei, hat man auch wohl eine bestimmte Rangordnung der wirtschaftlichen Tätigkeiten stützen wollen, die dann oft dem Kandel eine untergeordnete Stellung zuwies. Faßt man aber das gemeinsame Ziel, die Steigerung der Wertfähigkeit, ins Auge, so wird man solche Versuche von vornherein als fruchtlos und überflüssig aufgeben müssen.