4. Der Handel nach sozialistischer Anschauung. 49 Konkurrenten. Jeder strebt daher danach, diese zu vernichten, und es entstehen daraus Bankerotte, Aufkauf, Wucher, Börsenspiel und eine Menge anderer unsittlicher Manöver der Gewinnsucht, wodurch der eine bloß auf den Ruin des andern hinarbeitet, alle Erwerbsvcrhältnisse in ein ewiges Schwanken und in fortwährende Unsicherheit verseht und zugleich die ganze Gesellschaft beraubt. Kritik dieser Angriffe. Der Handel ist an sich kein Zeichen der Demoralisation, sondern nur eine Sphäre, in der sich die inenschliche Selbstsucht geltend macht. Er ist unter allen gesellschaftlichen Formen eine Notwendigkeit und ein Hebel der Kultur, denn er ist der Amsatz der verschiedenen individuellen Arbeitsprodukte zur gegenseitigen Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse, er ist der Prozeß, durch welchen die Individuen wie die Völker mit ihren mannigfachen Einlagen und Kräften sich gegenseiüg in ihrer Entwicklung unterstützen. Ohne ihn verliert jede Privatarbeit ihre gesellschaftliche Bestimmung, ihre Beziehung zum Gemeinwohl. Aber es gibt vom Handel einen sittlichen Gebrauch und einen unsittlichen Mißbrauch. Die Sozialisten schildern nur den letzteren und begreifen unter dem Handel nur den Wucher, der auf die Not und das Anglück anderer spekuliert; sie schildern nur den menschlichen Egoismus, wie er sich auf dem Gebiete des Verkehrs zeigt. Das Mißtrauen, die Verheimlichung der wahren Eigenschaften eigener Produkte und das Streben, von der Ankenntnis anderer Vorteil zu ziehen, sind nicht die notwendigen Gefährten des Handels, sondern Äußerungen derselben menschlichen Selbst sucht, die sich auch vor dem Verkehr durch andere Mittel offenbarte, und die gerade umsomehr aus dem Verkehre verschwinden, je ausgebildeter das Gewerbe des Handels ist. Was aber die nationalökonomischen Nachteile des Handels betrifft, welche die Sozialisten hervorheben, so beruhen diese ebenfalls auf einer einseitigen Parteiauffassung des Lebens, welche einzelne Mißbräuche der Sache für den allgemeinen Gebrauch derselben ausgibt. Sie sagen: Der Handel beschäftigt eine Menge überflüssiger Zwischenpersonen, welche nur konsumieren und die Waren verteuern. Aber der wahre Handel beschäftigt im Gegenteil eine Menge Personen, welche dadurch produzieren, daß sie die Güter verteilen, Überfluß und Mangel ausgleichen und durch ihre Arbeit den Konsumenten die Waren verwohlfeilern. Sie sagen: Die produktiven Gewerbe verlieren durch den Handel eine Menge Arbeitskräfte. Aber im Gegenteil, die übrigen Gewerbe gewinnen durch den Handel Arbeitskräfte, weil der Kaufmann die ganze Arbeit verrichtet, welche ohne denselben jeder Produzent mit weit mehr Zeitaufwand selbst verrichten müßte. Sie sagen endlich: Der Handel beherrscht Produktion und Konsumtion; aber der Handel wird vielmehr durch die Produktion und Konsumtion beherrscht und steht mit beiden wirtschaftlichen Tätigkeiten in fortwährender Wechselwirkung. Er verteilt, was die Produktion ihm zur Verteilung überliefert, und übergibt die Produtte den Konsumenten, die ihrer bedürfen. Wo er allein den Martt beherrscht, wo er die kleinen Produzenten nötigt, unter dem Wert zu verkaufen, und die Konsumenten, über den Wert zu kaufen, da ist er eben ausgeartet, da ist er nicht mehr Handel, sondern Wucher. Alle jene unmoralischen Auswüchse des Verkehrs, Aufkauf, Börsenspiel usw. sind durchaus verwerflich, aber durch ihre Verwerflichkeit wird nicht die redliche Tätigkeit des Kaufmanns und die nationalökonomische Produttivität seiner Arbeit widerlegt. Aus dem Mißbrauche des Handels folgt nicht die Notwendigkeit seiner Aufhebung, sondern die Notwendigkeit seiner Veredelung. Mollat, BolkswirtschastUches Lesebuch. 4