55 7. Lande! und Landwirtschaft. Jahre eine Stimme bei der Reichstagswahl abzugeben. Auch die gelegentliche Tätigkeit in Vereinen, in dein öffentlichen Leben der engeren Leimat ist nicht ausreichend. Vielmehr muß jeder Kaufmann trachten, mindestens die dringlichsten Probleme, welche unser heutiges Staats- und Kulturleben hervorgebracht hat, so eingehend wie möglich kennen zu lernen; jeder Kaufmann muß wissen, welche Pflichten der Besitz gegenüber Kunst und Wissenschaft zu erfüllen hat. Erst wenn ein solches Gefühl eigener Pflicht und Verantwortlichkeit unseren tüchtigen deutschen Landelsstand durchdringt, wird seine Zukunft sich wiederaufhellen. 7. Handel und Landwirtschaft. Von Adolf Frentzel. Frentzel, Bericht über die Gesetzentwürfe betreffend: den verkehr mit Butter, Käse, Schmalz und deren Ersatzmitteln (Margarinegesetz); den verkehr mit kjandelsdünger, Kraftfutter- mitteln und Saatgut; die Reform der Börsen. Verhandlungen des 22. Deutschen kjandelstages zu Berlin am io. März t8gs. Stenographischer Bericht. Berlin, Liebheit & Thiesen, 1896. S. 5 und S. 5—6. Unsere heutige Tagung erfolgt unter dem Eindrücke einer allgemeinen Verstimmung, die sich wie ein trüber Nebel auf dem Landelsstande Deutschlands abzulagern im Be griffe ist. Wir sehen, daß innerhalb der Parteien, die augenblicklich im Reichstag die Majorität in den Länden haben, ein dem freien Landel und Verkehr fremdes, ja wohl feindliches Gefühl wohnt, — ein Geist, der die wirtschaftlich ungünstige Lage der Land wirtschaft dadurch zu bessern meint, daß er allen anderen Ständen, speziell dem Lande! und Gewerbe Fesseln anlegt. . . . Wir haben mit Begeisterung die Erinnerung an die Großtaten gefeiert, durch welche das deutsche Volk, Mann an Mann, geführt von seinem großen Kaiser und geleitet vom bedeutendsten Staatsmanne des Jahrhunderts, glücklich sich die Stellung wiedererobert hat, die ihm unter den Völkern des Erdballs zukommt. Wir haben, wie alle Deutschen, dabei sicherlich gelobt, das Errungene auch zu bewahren und nach unseren Kräften und an unserem Teile dazu beizutragen, daß sich das deutsche Leben auf allen Gebieten immer reicher entfalte, daß auch die Arbeit des Kaufmanns dazu beitrage, die Lebensbedingungen unseres Volkes zu verbessern, sein Wohlbehagen zu vermehren, und mit dafür sorge, daß es teilnehme an den Errungen schaften auf wirtschaftlichem und technischem Gebiete, auch teilnehme an den Segnungen, die ein reger Gewerbefleiß über ein fleißiges Volk verbreitet, wenn ihm ein kräftiger Lande! zur Seite steht. Am die Produkte des Gewerbefleißes im Inlande und im Auslande an die Käufer zu bringen, dazu gehört unter anderem auch ein eifriger, unter nehmender, ja ein wagemutiger Landelsstand. And ein solcher duldet nicht, daß man ihn reglementiert; er verträgt es nicht, wenn man die Einrichtungen, die er sich selbst zur Behauptung seiner Standesehre schafft, einer Zwangsaufsicht unterstellt, — einer Zwangsaussicht, die an sich nach der Meinung der Kaufleute unnöüg ist, die ihnen aber doch das Gefühl einer Bevormundung auferlegt, die freien Männern nicht geziemt. Ans ist es nicht allein die materielle Schädigung, welche wir fürchten, — es ist vielmehr die Kränkung, die wir darüber empfinden, daß man uns in unseren Gefühlen verletzt, daß man uns den Mut nehmen will, ehrenhaft und mit erhobenem Laupte unserem Erwerbe nachzugehen, und die Sorge, die uns bedrückt, daß die in diesen Ge-