Mfili »WWMUWlS I. Ideen über die Entstehung und Entwickelung des Kandels. 61 das Ein- und Verkaufen auf der Börse, durch den reisenden Kommis, durch Korre spondenz trat in den Vordergrund der großen, das Ladengeschäft in den Vordergrund der kleinen Geschäfte. Aber weder damit, noch mit der Scheidung der Kandels- von den Verkehrs- geschästen und -organen, noch mit der Ausbildung der besonderen Kredithändler, der Banken ist die neuere Arbeitsteilung im Kandel und Verkehr erschöpft, die Stellung des neueren Kändlertums charakterisiert. Man wird sagen können, vom 15. und 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart habe der Kandelsstand erst seine selbständige höhere Ausbildung und Teilung erreicht, sei er erst der Beherrscher und Organisator der Volkswirtschaft geworden. Erst von da an hat die Güterzirkulation, der Absatz, die interlokale und internationale Teilung der Arbeit so zugenommen, daß sie überall des Kandels und seiner Teilorgane bedurfte. Erst jetzt entstand für einzelne Kandwerks- warcn ein Absatz in die Ferne durch den Kaufmann; der Kandel schuf die Kaus- industrie, wie er später hauptsächlich die Großunternehmung ins Leben rief. Die großen Messen gehören der Zeit von 1500—1800, die größeren Börsen der von 1800—1900 an. Beide sind Ergebnisse des Kandels. Die ganze privatwirtschaft liche, spekulative Seite der heutigen Volkswirtschaft hängt am Kandel, liegt in den Künden der Kaufleute, ist von der arbeitsteiligen Kandels- und Verkehrsorganisation abhängig, welche sich immer einflußreicher, komplizierter gestaltet hat; sie beherrscht Industrie und Landwirtschaft, den großen Teil der wirtschaftlichen Produktion und die Verteilungsgeschäfte, welche die Güter den einzelnen zuführen. Allerdings zeigen die Kandels-, Versicherungs-, Verkehrs- und Beherbergungs gewerbe in unserer heutigen Berufs- und Gewerbestatistik entfernt nicht die Speziali sierung wie die Industrie. Aber in der deutschen Zählung von 1895 sind doch für den Kandel mit Tieren 37, mit landwirtschaftlichen Produkten 136, mit Brenn materialien 21, mit Metallen 57, mit Kolonial-, Eß- und Trinkwaren 119, mit Schnittwaren 136, mit Kurz- und Galanteriewaren 58 Spezialitäten von Geschäften verzeichnet. Die Anpassung der Verkaufsgeschäfte an die Bedürfnisse der verschiedenen Klassen und Orte hat Magazine und Läden jeder Art, von den kleinsten bis zu den Riesenbazaren geschaffen. Die verschiedensten Formen des Verkaufs stehen neben einander: Kausierbetrieb, Wochen-, Jahrmarkts-, Markthallenverkauf, Auktionsgeschäfte, Wander- und stehende städtische Verkaufslager. Die Linien zwischen Produttion und Konsumtion werden durch Makler, Agenten, Kommissionäre, Groß- und Kleinhändler aller Art verlängert. And so sehr an vielen Stellen die Zunahme und Verbesserung der Verkehrsmittel früher notwendige Mittelglieder des Kandels ausmerzt, da und dort entstehen wieder neue. And jedenfalls ist die Macht und der Einfluß des Kändler tums immer noch eher im Wachsen, so verschiedenartig Stellung und Einfluß der Elemente sind. Die kleinen Ladenhalter, Köker, Kausierer, das Personal der Markthelfer, Packer, Träger, Dienstmänner, das subalterne Personal aller Verkehrsanstalten steht mit dem gelernten und ungelernten Arbeiter auf einer Stufe, die kleinen Ladengeschäfte mit dem Kandwerker, die großen Ladengeschäfte rechnen zum höheren Mittelstände; ihre Tausende von Kommis und sonstigen Gehilfen gehören teils ihm, teils dem höheren Arbeiterstande an. Aber all' dem stehen die höhere Geschäftswelt, die Groß händler, die Direktoren und Leiter der Aktiengesellschaften, Kartelle, Banken und ähn licher Geschäfte; sie bilden die Spitze der kaufmännischen Welt. Sic werden nicht mehr Fürsten, wie einst die Medici oder heute noch glückliche arabische Kändler in Afrika, aber sie überragen an Reichtum, Macht und Einfluß doch da und dort alle anderen Kreise der Gesellschaft, beherrschen in einzelnen Staaten Regierung und Ver waltung nicht minder als einst in Karthago, Venedig und Florenz. Nur wo eine alte, starke Monarchie, eine gesunde und große Grundaristokratie, eine ausgebildete Keeres-