64 Zweiter Teil. Kandel. III. Zur Geschichte von Kandel und Industrie. ab. Die Kriegs- und Kandelsflotte war größer als jemals die venetianische und nur der modernen englischen vergleichbar. Einer Kriegsflotte von 300 Dreiruderern folgten 3000 Lastschiffe mit Proviant und Beiwerk, und die Erhaltung der 60 000 Ruderknechte und Matrosen auf jenen Dreiruderern kostete jährlich gegen 200 Milli onen Mark. Die Phönizier waren übrigens keine zu Schiff gestiegenen Landratten wie die Römer und keine bloßen Küstenfahrer wie die Griechen, sondern sie wagten sich aus die hohe See; das gefährliche Rote Meer und besonders die Atlantis waren ihre Schule. Ob sie nicht schon nach entfernten ostasiatischen Inseln, viel leicht sogar nach Amerika gelangten, mag hier ununtersucht bleiben. Bemerkenswert bleibt immerhin im Zusammenhalte mit anderen Nachrichten die Meldung Diodors: „die Phönizier hätten sich in den Ozean hinausgewagt und seien durch heftige Stürme an eine Insel, reich an Wasser und allen Früchten, verschlagen worden." Ohne Zweifel besaßen sie jene scharfgebauten Kielschiffe, welche später im Mittelmeere ver loren gingen und erst mit den kühnen Germanen wieder erschienen. Sie verstanden das Segeln gegen den Wind und richteten sich bei Nacht nach dem Polarsterne, während die Griechen nach dem unsicheren Großen Bären hielten. Katten sie die Orientierung dennoch verloren, so ließen sie Tauben fliegen und schlossen danach auf die einzuschlagende Richtung; Tauben waren deshalb heilige Vögel und wurden, wie heute noch in Venedig, auf den Plätzen der phönizischen Städte, frei umher schwärmend, ernährt. Durch all' diese Kilfsmittel erreichten die Schiffe der Phönizier eine bewundernswerte Schnelligkeit. Die Durchschnittsschnelle soll 25 Meilen in 24 Stunden Tag und Nacht gewesen sein. Ein Dampfer fährt heute von Tunis nach Cadiz in 4 Vs—5 Tagen. Skylax rechnet von Karthago bis zu den Säulen des Kerkules (Tunis bis Cadiz) 7 Tag- und Nachtfahrten, macht also bei einer Ent fernung von 240 geographischen Meilen für einen Tag 31 Vs Meilen. Gutgebaute Dreiruderer gingen aber noch viel schneller, und es wird uns berichtet: eine solche Kriegsjacht mit dem Pferdekopfe als Sinnbild am Sterne habe an einem Sommertage (ohne Nachtfahrt) über 30 Meilen zurückgelegt. Neben diesen Schnellfahrern spielte auch das breitbäuchige Lastschiff, das an den Küsten herschlich, seine große Rolle. Zahlreich waren die Kaufleute, die mit solchen Schiffen, von Kafen zu Kafen und von Volk zu Volk fahrend, eine Art Kausierhandel trieben. Ein Trompetengeschmetter lud die biederen Landbewohner zur Besichtigung der mitgebrachten Kerrlichkeiten ein, die entweder auf dem Schiffe oder auf der Küste unter Zelten ausgestellt wurden. Die Ladung bestand meist aus Waffen, Kacken, Schaufeln, Keugabeln, Messern, Riemen, Röhren, Leuchtern, Wagen, Gewändern, Decken, Tapeten, Salben, Schmucksachen, Bernstein, Gold, Silber, Opium, Flötenspielerinnen und Götterbildern. An der afrikanischen Küste herfahrend, nahmen sie König und Wachs ein, deren griechische und lateinische Namen aus der Sprache der Berber stammen, ferner Datteln, Elfenbein, Ticrfelle und Straußfedern; in Spanien holten sie vorzugsweise Silber und in Gades die dort aufgestapelten nordischen Waren; über die italienischen und griechischen Küsten setzten sie mit Tausch und Krämerei ihre Rundfahrten fort, bis sie nach zwei- oder dreijähriger Reise, mächtig bereichert, in die Keimat zurückkehrten. Ohne Zweifel haben die Phönizier ihre bevorzugte Weltstellung rücksichtslos ausgenutzt. Es ist uns überliefert, daß sie für vier Degenklingen im Wert von einem Sekel in Italien Korallen im Wert von 400 Sekel eintauschten. Sie nahmen also 400 °/o! Ferner wissen wir, daß sie gewisse Salben, die angeblich aus 25 ver schiedenen Bestandteilen zusammengesetzt waren, bis zu 90 Gulden das Pfund ver kauften. Am die Preise zu erhöhen, setzten sie die seltsamsten Übertreibungen in Amlauf über die Gefahren, die mit Beschaffung der Ware verbunden seien. Der Pfeffer sollte, von Schlangen bewacht, in unzugänglichen Wäldern wachsen, — eine Sage,