5. England und die Lanse. 73 So blühte und gedieh im 15. Jahrhundert der deutsche Kandel im Norden wie im Süden. Wohl unterschieden sich diese beiden scharf gesonderten Kauptkreise des Kandels voneinander. Der oberdeutsche Kaufmann ist durch die Verbindung mit den alten Kulturländern in den Besitz einer feineren Kultur gelangt; sein materieller Wohl stand bewirkt wie in Italien bald eine höhere Pflege von Kunst und Wissenschaft. Ästhetisch wie geistig nimmt das Leben mit dem immer größeren Reichtum einen höheren Schwung. Der niederdeutsche Kaufmann, dessen Element die See bleibt, steht dem gegenüber zurück. Sein Gewinn erfordert härtere Arbeit und größeres Risiko, er steht auf neuem Kulturboden, und von Norden und Osten strömt Rauhes und Keidnisches zu. Die Rohprodukte und Lebensmittel sind ihm im Kandel wichtiger als feine Luxus- waren. Sein Leben hat einen frischen, urwüchsigen Zug. Aber ein Kerrscher war der deutsche Kaufmann im Süden wie im Norden. Die Verbindung beider Kreise machte Deutschland zum Brennpunkt des Welthandels; zu einem Zentralplatz inter nationaler Beziehungen entwickelte sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts bereits die Frankfurter Messe. Es mag sein, daß die Blüte bereits die Keime des Verfalls in sich trug, daß die Entwickelung zur Überreife führte. Dafür war in jener Zeit aber noch kein Gefühl vorhanden; es ist eine Periode, die eine Buntheit und Fülle des Lebens, dabei eine Freude am Lebensgenuß zeigt, wie keine zuvor. Dieses Leben konzentrierte sich aber in den Städten. Begeistert beschreibt Wimpheling den Glanz der rheinischen und der süddeutschen Städte. And ein Franzose, Pierre de Froissard, schrieb 1497: „Es ist wahrhaft zum verwundern, wie kühn und unternehmend die deutschen Kaufleute sind, und wie sie ihre Reichtümer zu vermehren wissen. Die Blüte der Städte, die Pracht der öffentlichen Gebäude und der Privathäuser und die kost baren Schätze im Innern der Wohnungen legen von diesem Reichtum sprechende Zeugnisse ab. Es ist eine Lust, in den Städten zu verkehren und an den öffentlichen Vergnügungen der Bürger teilzunehmen". Es ist der Köhepunkt der städtischen Kultur. Ihr Träger ist aber der Kaufmann. Er hat die Stadt hochgebracht: freilich steht sie dafür völlig in seinen Diensten. Jede Stadt sucht in erster Linie den Kandel zu begünstigen, nicht allerdings den Kandel überhaupt, sondern nur ihren innerstädtischen Kandel. Zugunsten des einheimischen Kaufmanns werden die fremden beschränkt. Nur das örtliche Interesse herrscht, kein gemeinsames, kein nationales. Daß die durch die Besteuerung der Fremden gewonnenen Zölle und Abgaben eine schöne Einnahmequelle bildeten, war neben jenem Kauptmotiv gewiß auch nicht zu unterschätzen. Mit allen Mitteln wird diese egoistische Politik systematisch durchgeführt, umso planvoller, als die Großkaufleute in der Regel eben selbst das Stadtregiment führten. In Augsburg gehörten zum Beispiel in der ersten Kälfte des 15. Jahrhunderts fast in jedem Jahr ein Bürgermeister, nicht selten aber auch beide dem Kaufmannsstandc an. Von „unseren Kaufleuten nebst den übrigen Mit bürgern" sprechen die Missivbücher des Rates dieser Stadt. 5. England und die Hanse. Von Georg Schanz. 5chanz, Englische Handelspolitik gegen Ende des Mittelalters mit besonderer Berück sichtigung des Zeitalters der beiden ersten Tudors Heinrich VII. und Heinrich VIll. Gekrönte Preisschrift. Bd. Leipzig, Duncker & Humblot, ;88l. S. ;72—;75. Die handelspolitischen Beziehungen Englands zur deutschen Lanse ähneln in mancher Kinsicht denen Englands zu Venedig. Wie das Mittelmecr von den Venetianern beherrscht wurde, so war die Ostsee die Domäne der Kansen; wie Alexandria