78 Zweiter Teil. Lande!. III. Zur Geschichte von Lande! und Industrie. noch haushälterisch und sparsam, bald nach dem Kriege aber tadelt ein Besucher ihre „Pracht, Üppigkeit und stolze Selbstüberhebung". And in den achtziger Jahren klagt der Bürgermeister der übrigens doch reichen und durch den Seehandel hervorragenden Landelsstadt: „In 8iimma: Pracht und Losfahrt nimmt zu, und im Gegenteil nimmt Landel, Wandel und Nahrung leider sehr ab". Daß aber eben bei niedergehenden wirtschaftlichen Verhältnissen doch der Luxus zunahm, das lag zum größten Teil an dem Einfluß des höfischen Glanzes, der auf unsolidesten Grundlagen und in ver schwenderischster Weise von den Fürsten und Lerren des Zeitalters der Perücke ent faltet wurde. Was „bei Lose" galt, das wurde das Ideal aller übrigen Einwohner. And so suchte der höhere Bürger, insbesondere der größere Kaufmann, auch seinerseits das möglichste in äußerlichem Prunk zu leisten. Das Äußerliche war überhaupt für diese Zeit entscheidend. Rang, Titel und äußeres Benehmen gaben allein die Möglichkeit, dem ersehnten Eldorado, dem Lose, nahe zu kommen. Nicht darin erblickte der führende Teil des Bürgertums die Auf gabe, die gesunkenen bürgerlichen Kräfte zu heben, nicht Selbstachtung und Stolz auf seine Tätigkeit wohnten in ihm, sondern ein wahnwitziges Streben nach oben, eine Sucht, eben nicht „bürgerlich" zu heißen und zu leben, sondern sich von dem Pöbel, der Kanaille zu unterscheiden. Anter solchen Einflüssen mußte das Streben reicher Kauf leute nach dem Adel in den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Kriege noch außer ordentlich zunehmen. Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, daß in den großen Landels- städten eine hochfahrende Geschlechteraristokratie ja seither bestand. Diese Geschlechter wurden, in Nürnberg z. B., jetzt so exklusiv, daß sie den Landel, doch die Grundlage ihrer ererbten Stellung, als unehrenhaft betrachteten. Anderswo aber bildeten gerade die vornehmen Kaufleute den neuen Stadtadel, der sich sein Wappen und seinen Adels brief jetzt leicht vom Kaiser holen konnte. Nach dem Dreißigjährigen Kriege wurden trotz des Protestes des alten Adels immer zahlreicher die Adelsbriefe erteilt, natürlich wegen der Einnahmen, die der Kaiser daraus bezog. Äbrigens nahmen an diesem eitlen Laschen nach dem Adel die Kaufleute der großen Lansestädte, wie Lamburg, nicht teil. Am meisten taten sich aber darin die in Breslau und Prag hervor. Gerade diese Kreise waren es naturgemäß, die jenen ungesunden Luxus am meisten übertrieben. Wir hören wohl von diamantenen Schlössern, die ihre Frauen auf den Schuhen trugen. Aberall suchte man es der Vornehmheit der Lofgesellschaft gleichzutun, kam dabei freilich zuweilen zu ergötzlichen Dingen, wie z. B. der Lehrling oder der Markthelfer, in Livree gesteckt, als Lakai benutzt wurde. And rechten Respekt konnte sich der neu geadelte Kaufmann selbst in dieser so devoten und kriecherischen Zeit bei den Leuten auch nicht erwerben, hörte vielmehr oft Spott und Lohn über die unsolide Lcrkunft seines Geldes. Wurde aus dem vornehmen Kaufmann zum Teil eine Karikatur des höfischen Kavaliers, so wurde aus dem mittleren Kaufmann und dem Krämer der elendeste und servilste Spießbürger. Sein Lorizont wurde so beschränkt wie möglich, auch ihm ging die Sonne nur an seinem kleinstaatlichen Lose auf, seine Anschauungen wurden eng herzig und philisterhaft, seine Moral aber sehr wenig achtungswert. Latte der Groß kaufmann nur allzuoft durch Fortsetzung der bereits besprochenen Monopolwirtschaft und Wuchergeschäfte und weiter durch die gewissenlose Ausnützung des Münzelends, durch die „Kipperei und Wipperei" selbst in dieser niedergehenden Zeit Reichtümer zu erwerben verstanden, so pflegte der kleine Ländler nicht selten mit falschem Maß und Gewicht, mit verfälschten Waren zu hantieren. Der betrügerische Zug, den die sattrischen Sttmmen des 16. Jahrhunderts bereits gelegentlich bei dem Krämer hervorhoben, wird jetzt teilweise sehr bedenklich. Wie ein Teil des gesamten Bürgertums, so verkam auch ein großer Teil der Kaufleute moralisch. And dieses minderwerttge Bürgertum hatte auch jede Stellung im absoluten Staate verloren. Neben dem Losadcl und dem Offizier konnte der Bürger nur noch