236 Zweiter Teil. Handel. XI. Geldwesen und Kapitalismus. Die Wirkungen der Minderung des Silberpreises sind namentlich nach zwei Richtungen hin zu betrachten: erstens in bezug auf den Besitz von Silber und von Forderungen auf Silber, zweitens in bezug auf den Handel mit Silberwährungsländern. Die vermeintliche höhere volkswirtschaftliche Einsicht der Gegner unserer Währung hat zu der Meinung geführt, daß jedes Prozent, um das Silber im Werte sinkt, eine Wertzerstörung von vielen Millionen, ja Milliarden bedeute. Es ist überflüssig, ­ über die Verkehrtheit dieser Anschauung viele Worte zu verlieren. Eine Wertzerstörung ­ findet überhaupt nicht statt. Nur die Besitzer von Silber oder von Forderungen auf Silber erleiden einen Verlust, und zwar auch nur dann, wenn sie diesen Besitz gegen den Besitz von Gold veräußern. Wollen sie, wie es in der Regel geschieht, das Gold nur zu dem Zwecke erwerben, um andere Dinge damit zu kaufen, so käme ferner noch in Betracht, ob nicht inzwischen, wie gerade von den Gegnern betont wird, die Kaufkraft des Goldes gestiegen ist. Jedenfalls würden aber bei der Veräußerung von Silber dessen Erwerber ebensoviel gewinnen, wie etwa seine bisherigen ­ Besitzer verlieren. Deutschland ist nicht in der Lage, besonders viel Silber oder Forderungen auf Silber zu besitzen und zu veräußern. . . . Dagegen schädigt das Sinken und Schwanken des Silberpreises den deutschen Handel mit Silberwährungsländern. Während das Schwanken des Silberpreises ­ den Handel unsicher macht, hat das Sinken den besonderen Nachteil, daß es die Kauf- und Zahlungsfähigkeit der Silberwährungsländcr verringert. Diese Nachteile ­ können zwar zun» Teil dadurch abgewendet werden, daß das Einfuhrgeschäft mit dem Ausfuhrgeschäft oder daß mit den Warenkäufen und -Verkäufen ein Gegenverkauf und -kauf des zu erhaltenden oder zu liefernden Geldes (in Wechseln) verbunden wird; auch sind die Nachteile nicht groß genug gewesen, um eine Zunahme des deutschen Verkehrs mit den Silberwährungsländern sowohl in Ausfuhr wie in Einfuhr zu verhindern. ­ Immerhin sind aber den deutschen und insbesondere den Hamburger Kaufleuten ­ schwere Verluste in der angegebenen Weise erwachsen. Gleichwohl sind im großen und ganzen nicht sie es, die unsere Währung angreifen, sondern vornehmlich Vertreter der Landwirtschaft. Diese werden aber dabei nicht etwa von dem Wunsch geleitet, den Handel mit Silberwährungsländern vor Schädigung zu bewahren, sondern sie glauben, daß sie selbst durch die Goldwährung geschädigt werden würden und von deren Beseitigung Vorteil zu erwarten hätten. Wie ist dies zu erklären? Die Antwort ergibt sich aus einer Erörterung über die zweite Haupttatsache in der Währungsfrage, das Sinken vieler Preise, das als ein Steigen des Geldwerts bezeichnet wird. Anter den gesunkenen Preisen befinden sich die Preise der hauptsächlichen ­ landwirtschaftlichen Erzeugnisse; zu den zu festen Geldzahlungen verpflichteten Personen gehören die verschuldeten Landwirte. Von einer Beseitigung der Goldwährung ­ erwarten die Landwirte ein Steigen der Preise und ein Sinken des Geldwerts, so daß sie bei dem Verkauf ihrer Erzeugnisse und bei der Verzinsung und Rückzahlung ihrer Schulden einen Gewinn erzielten. Inwiefern sie sich in dieser Erwartung täuschen würden, geht aus der Erwägung hervor, daß die Landwirte wie alle Menschen nicht nur als Verkäufer, sondern auch als Käufer auftreten, und daß ein Sinken des Geldwerts auf ein Steigen des Zinsfußes hinwirken könnte, sowie bei neuen Anleihen zur Ausnahme größerer Beträge nötigen würde. Vorsichtigerweise spreche ich nur von einem Sinken vieler Preise. Von den Gegnern unserer Währung wird dagegen ein allgemeines Sinken der Preise behauptet und daraus geschlossen, daß die Arsache dieses Sinkens nicht auf seiten aller einzelnen gegen Geld umzusetzenden Dinge, sondern auf seiten des Geldes, d. h. in einer Geldknappheit, ­ zu suchen sei. Der Nachweis für ein allgemeines Sinken der Preise ist nicht erbracht worden. Es ist nicht erwiesen, daß die Preise für Dienstleistungen