2. Die erste Handelskammer in Europa. 301 Heiken zuzugestehen sei. Die Akten unseres Reichsamts des Innern, sowie diejenigen der Handelsministerien aller deutschen Staaten können in der Tat lautredendes Zeugnis dafür ablegen, in welcher anregenden und aufklärenden Weise schon die bestehenden Handelskammern und Korporationen, trotz ihrer bisherigen mangelhaften Verfassung *), zu Nutz und Frommen des staatlichen Gemeinwohls und zur Förderung zugleich der Interessen der in ihnen Verbundenen beigetragen haben. Vor Ihnen bedarf es darüber keiner weiteren Auseinandersetzung. Wer wie Sic täglich am sausenden Webstuhl der Arbeit seinen Platz behauptet, der weiß, daß der wirkliche Nerv, der unserem ganzen Gesellschafts- lind Staatskörper erst das Leben ermöglicht, in den Erträgen der im weitesten Sinne des Wortes gewerblichen Tätigkeit unseres Volkes zu suchen ist, und daß der Schornstein weder von der Liebe noch von der abstrakten Weisheit unserer Dichter und Denker raucht, sondern daß das prosaische Heizmaterial für die dem Menschendasein unentbehrliche Wärme durch harte Arbeit gefördert und erworben werden muß. So herrscht kein Zweifel mehr, daß der Staat unrecht haben würde, welcher die mit einer fruchtbringenden Wirtschaft des Landes unerläßlich verbundenen Magenfragen ohne Rücksicht auf die in den einzelnen Teilen seines Gebietes bestehenden mannig faltigen tatsächlichen Verhältnisse lediglich nach doktrinären Theorien lösen oder gar hinter anderen Fragen der sogenannten allgemeinen Staatspolitik zurückstellen wollte. Der Ihnen soeben geschilderte, in den letzten 20 Jahren eingetretene Wandel der Anschauungen ist aber nicht zunr geringsten dem Imstande zuzuschreiben, daß es immer deutlicher wurde, daß die gewaltige Umgestaltung der nationalen und inter nationalen Verkehrsmittel das heimische werbende Leben unserer Zeit in allen seinen Verhältnissen täglich neuen Verschiebungen aussetzt, und daß die Ergebnisse unserer nationalen Arbeit allüberall immer deutlicher durch die wirtschaftliche Entwickelung und Gesetzgebung auch des Auslandes beeinflußt erscheinen. In solcher Lage lehrt die harte Not' Bruch mit beschaulichem Quietismus, lehrt die harte Not, daß nur An spannung der ganzen Kräfte der Interessenten des werbenden Lebens selbst, nur Anspannung der ganzen Kräfte gleichzeitig auch der Regierung, die jene zu leiten und zu fördern da ist, Schutz und Trutz in den Wirtschaftsstürmen der Zeit bieten kann. Das fühlen und wissen wir alle, das fühlt und weiß auch unsere Regierung. Llnsere Regierung weiß, daß es nicht anginge, wenn sie den Kampf init den Verhältnissen ohne sachverständigen Beistand aus der Mitte der gewerblichen Praxis allein führen wollte. 2. Die erste Handelskammer in Europa. Von Max Vosberg-Rekow. vosbcrg-Rekom, Die wirtschaftliche Interessenvertretung und die Reform der preußischen Handelskammern. Berlin. R. Gaertner, MZü. S. 5—9. Das Stadthaus von Marseille, welches sich säulengeschmückt am Hafen erhebt, erscheint als Gebäude nicht sehr bedeutend, obgleich es mit Statuen und Karyatiden von Puget geschmückt ist. Das alte Rathaus jedoch, von dessen Stuben aus die französische Handelskönigin den Grund zur heutigen Blüte gelegt hat, war noch unscheinbarer und lag abseits versteckt in den alten Gassen. Im Jahre 1607 kamen *) Über die gegenwärtige (Organisation der Handelskammern in Preußen f. den Aussatz von Franz Lufcusky 5. 305 ff. — <5. 2Ti.