482 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika. Diese Agenten erhalten von den Verwaltungen für die Transporte, die sie ihnen zuweisen, vielfach gewisse Anteile an der Fracht, und es kommt ihnen nicht viel darauf an, auf wie hoch sich die Fracht fiir diese von ihnen angeworbenen Güter stellt. Sie jagen daher ein jeder für seine Linie dem andern rücksichtslos die Transporte ab und sind auch selbstverständlich sehr geneigt, von den Verfrachtern dafür, daß sie ihnen die Fracht recht billig berechnen, kleine oder große Trinkgelder anzunehmen, auf diese Weise also ein doppeltes Geschäft zu machen. Linker derartigen Mißständen leidet hauptsächlich und in erster Linie der anständige, ehrenhafte Geschäftsmann. In Chicago beispielsweise bestehen neben den öffentlichen auch im Privateigentum befindliche Getreidespeicher. Die ersteren haben richtige, die letzteren unrichtige Wagen, deren Gewichtsangaben gleichwohl von einigen Eisenbahnen als richtig angenommen werden. Nun hat sich nach und nach herausgestellt, daß die Getreidehändler, die auf den Privatspeichern ihre Ware lagerten und von diesen zuin Versand brachten, erheblich billigere Preise stellen konnten als ihre Mitbewerber, die sich der öffentlichen Lagerhäuser bedienten. Auf die Dauer können letztere einen solch unehrlichen Mitbewerber nicht aushalten, sic sind gleichsam genötigt, zu denselben Mitteln zu greifen, wodurch das ganze Geschäft geradezu entsittlicht wird. Bei einer in Chicago angestellten Llntersuchung sind kaum glaubliche Tatsachen ermittelt, Frachthinterziehungen ­ für Gewichtsmengen von 8, 10, ja 15 Tausend Pfund bei einer einzigen Wagenladung berechnet worden. Ein Wagen der Chicago- und Northwestern Eisenbahn ­ sollte 21600 Pfd. Kleie enthalten; die Fracht war vorausbezahlt. Beim Übergang ­ auf eine andere Bahn wurde er nachgewogen; das wirkliche Gewicht betrug nicht weniger als 45500 Pfd., also war die Fracht für 23900 Pfd. von Chicago bis zur Llmladestation „gespart". Auch bei vielen anderen Frachtgegenständen, bei Vieh, Fleisch, Speck u. dgl. sind ähnliche Dinge vorgekommen. Besonders zahlreich sind auch die falschen Inhaltsangaben ­ der Stückgüter. An einem einzigen Tage, dem 29. Februar 1888, wurden auf den Bahnhöfen in Chicago und St. Louis 14 Fälle falscher Inhaltsangaben ermittelt, indem die einer höheren Klasse angehörigen Artikel als unter eine niedrigere fallende fälschlich angegeben waren. So waren z. B. Glaswaren (Klasse 1) bezeichnet als irdene Ware (Klasse 4), Drucksachen (Klasse 1) als Druckpapier (Klasse 3), Spiegelglas ­ (Klasse 1) als Fensterglas (Klasse 4) u. dgl. Als Inhalt eines Wagens waren Äolzwaren angegeben. Die Untersuchung ergab, daß er zahlreiche andere Gegenstände, als Bürsten, Drogen, Pappsachen, ja sogar ein Zimmerharmonium enthielt. Die Frachthinterziehung belief sich für diesen Wagen auf etwa 1800 Dollars. Einen weiteren Mißstand bildet der Fahrkartenhandel auf den amerikanischen Bahnen, das sog. „Skalpiergeschäft" (man bezeichnet die Fahrkartenhändler mit dem Ausdruck: Ticket scalpers). Die Skalper sind wohl zu unterscheiden von den, von den Eisenbahnen selbst angestellten Fahrkartenhändlern, die im Auftrage der Bahnen die Fahrkarten zu denselben Preisen wie die Bahnen verkaufen. Die Skalper verkaufen billiger als die Bahnen. Ihr Gewerbe besteht darin, daß sie einmal von den Eisenbahnen die für längere Reisen, für Rückfahrten, zu ermäßigteil Preisen ausgegebenen Fahrkarten, ferner die Zeitkarten, die Tausendincilenkarten usw. erwerben und dann Teile dieser Karten für Einzelreisen wieder an das Publikum abgeben. Wenn sie sich von den Reisenden auch ein Aufgeld hierfür geben lassen, so können sie doch immer geringere Preise stellen als die Bahnen. Ferner erwerben die Skalper von dem Publikum unbenutzte Rückfahr- und sonstige ermäßigte Karten zu geringerem Preise, die sie dann mit Nutzen weiterveräußern und dabei doppelten Gewinn erzielen. Besonders sind sie stets bei der Land, wenn bei Tarifkriegen die Eisenbahnen Massen von Karten zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen. Da blüht so recht ihr Weizen, denn