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        <title>Die deutsche Volkswirthschaft und der Weltmarkt</title>
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            <idno>880040890</idno>
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        m
Ul  *  :  "  &amp;gt;s f
Handelspolitische  Flugschriften
herausgegeben  vom  Handelsvertragsverein.

Heft  1.

Die  Deutsche  Volkswirthschaft
und  der  Weltmarkt
Mit  einer  (jntphincliPU  Tafel

K
A10yi/633
        <pb n="2" />
        K

Handelspolitische  Flugschriften
herausgegeben  vom  Handelsvertragsverein.
Heft  1.

A  10  n  /&amp;amp;33

Die  Deutsche  Volkswirthschaft
und  der  Weltmarkt.
Mit  einer  graphischen  Tafel.

Berlin.
Verlag  von  Julius  Springer.

1901.
        <pb n="3" />
        13.  Juli  1953
'TS3/"I73^
        <pb n="4" />
        I.

Die  wirthschaftliche  Signatur  des  soeben  verflossenen  Jahrhunderts ­
  war  die  aus  kleinen  Anfängen  entstehende  und  mit  überraschender ­
  Schnelligkeit  sich  entwickelnde  gegenseitige  Verflechtung
der  Kulturstaaten  in  das  Netz  des  internationalen  Welthandels.
Während  in  früheren  Zeiten  der  internationale  Austausch  von  Waren
sich  im  wesentlichen  beschränkte  auf  eine  relativ  kleine  Anzahl  von
Artikeln,  deren  Produktion  aus  Gründen  des  Klimas  und  der  Bodenbeschaffenheit ­
  bestimmten  Gebieten  zufiel,  trat  mit  dem  19.  Jahrhundert
die  ganze  Fülle  der  Massengebrauchsartikel  in  den  Rahmen  des  Welthandels ­
  ein.  Aus  der  Summe  der  nationalen  Volkswirtschaften
entstand  eine  neue  Einheit:  die  internationale  Weltwirthschaft.  Der
Gesammtwerth  des  Welthandels  —  d.  h.  die  Summe  der  Ein-  und
Ausfuhrwerthe  aller  Länder  der  Erde  —  betrug  im  Jahre  1860  erst
29  Milliarden;  im  letzten  Jahre  bereits  84  Milliarden.
Die  Führung  in  diesem  Entwicklungsgänge  hatte  bekanntlich
England  übernommen,  dessen  Textil-  und  Eisenindustrie  schon  früh
zu  hoher  Blüthe  gelangt  war.  Im  Laufe  der  weiteren  Jahrzehnte
beteiligten  sich  andere  Völker  mehr  und  mehr  am  Wettbewerb  in  der
Versorgung  des  Weltmarktes  mit  Gütern  ihrer  einheimischen  Produktion. ­
  In  Deutschland  nahm  eigentlich  erst  mit  dem  letzten  Drittel  des
verflossenen  Jahrhunderts  die  Ausgestaltung  der  auswärtigen  Handelsbeziehungen ­
  einen  erheblichen  Aufschwung;  dieser  setzte  dann  —
begünstigt  durch  die  politische  Entwicklung  —  aber  auch  so  nachhaltig ­
  ein,  dass  das  neue  Deutsche  Reich  binnen  kurzer  Zeit  unter
den  Welthandelsmächten  die  erste  Stelle  hinter  England  einnahm
und  bis  heute  siegreich  behauptet  hat.  Von  den  vier  Ländern,
-j  *

Der  Welthandel. ­


Antheil
Deutsch^
lands.
        <pb n="5" />
        4

Handels»
marine.

deren  auswärtiger  Handel  zusammen  fast  die  Hälfte  des  gesammten
Welthandels  ausmacht,  betrug  der  procentuale  Antheil  am  Welthandel ­
  für

1882

1899

England

19,7

17

das  Deutsche  Reich  .  .

10,3

11,8

die  Vereinigten  Staaten  .

9,9

9,6

Frankreich

11,1

8

Wie  aus  diesen  Ziffern  ersichtlich,  verschiebt  sich  das  Verhältnis ­
  sogar  mehr  und  mehr  zu  Gunsten  Deutschlands,  denn,
wenn  auch  England  uns  thatsächlich  noch  bedeutend  überragt,  so  geht
doch  in  letzter  Zeit  sein  procentualer  Antheil  am  Welthandel  zurück,
während  der  des  Deutschen  Reiches  steigt.  Von  den  wichtigsten  anderen ­
  Konkurrenzstaaten  ist  der  Antheil  der  amerikanischen  Union
etwa  derselbe  geblieben,  während  der  Frankreichs  ebenfalls  erheblich
zurückgegangen  ist.
Der  deutsche  Unternehmungsgeist  hat  in  kühnem  Vorwärtsdringen ­
  den  ganzen  Erdball  umspannt.  Es  giebt  heute  kaum  ein
Land  der  Welt,  in  dem  der  deutsche  Kaufmann  und  die  deutsche
Waare  nicht  zu  finden  wären,  und  dieser  Siegeszug,  den  deutscher
Handel  und  Industrie  durch  die  uncivilisirtesten  Völker  und  Gegenden
des  Erdballs  angetreten  hat,  wird  mit  jedem  Jahre  augenfälliger.
Die  Zunahme  unseres  Handels  während  des  letzten  Jahrzehntes
(1889/1899)  betrug  im  Verkehr  mit  den  Staaten:
Europas  Amerikas  Australiens  Asiens  Afrikas
25«/o  61  o/ 0  178  o/o  l47  0/ 0  279  0/ 0
Und  diese  Entwicklung  ist  keineswegs  blos  der  Industrie  zu  Gute
gekommen.  Mit  dem  ausserordentlichen  Aufschwung  des  Ein-  und
Ausfuhrverkehrs  haben  auch  die  hieran  betheiligten  Erwerbszweige  der
Rhederei  und  Spedition,  des  Eisenbahn-  und  Binnenschifffahrts-Verkehrs
  eine  ausserordentliche  Entwicklung  genommen,  es  tritt  dies
u.  a.  in  den  Ziffern  unserer  Handelsflotte  deutlich  zu  Tage.  Es  betrug
Die  Zahl  der  Dampfschiffe  in

1882

1900

procentual
Zunahme

England

4317

5649

31  %

Deutschland  ,  .  .  .  .

354

1031

191  o/ 0

den  Ver.  Staaten  v.  A.

594

674

13  o/ 0

Frankreich

414

545

320/ 0
        <pb n="6" />
        5

Der  Tonnengehalt  der  gesammten  Handelsflotte  in  1000  t  in

1882

1900

Zunahi

England

8783

9.909

13%

Deutschland  .  .  .  .

1226

1.904

55  o/o

den  Ver.  Staaten  v.  A.

2500

2.169

-13%

Frankreich

846

904

7%

Es  tritt  in  all  diesen  Ziffern  die  gegen  früher  unverhältnissmässig
erhöhte  Bedeutung  zu  Tage,  welche  der  auswärtige  Handel,  und  die
Exportindustrie  insbesondere,  für  die  deutsche  Volkswirthschaft  gewonnen ­
  hat.  In  gleichem  Maasse  können  und  müssen  deshalb  diese
Zweige  unseres  Wirthschaftslebens  eine  gegen  früher  gesteigerte
Berücksichtigung  ihrer  Interessen  bei  der  Erneuerung  unserer  handelspolitischen ­
  Beziehungen  zum  Ausland  verlangen.
Von  gewissen  Seiten  wird  freilich  die  andauernde  Steigerung  Beurtheiiung
des  Aussen»
unseres  Aussenhandels  als  kein  sonderlicher  Vortheil,  theilweise  handeis.
geradezu  ;als  eine  Ausartung  unserer  Volkswirthschaft  angesehen.
Man  ist  geneigt,  die  Zunahme  des  Imports  als  Armuthszeugniss
unserer  einheimischen  Produktion,  die  des  Exports  als  Zeichen
krankhafter  Ueberproduktion  anzusehen,  und  glaubt  das  Ideal  des
Wirthschaftslebens  in  einem  Zustande  sehen  zu  sollen,  in  welchem
Produktion  und  Konsumtion  innerhalb  der  einheimischen  Volkswirthschaft ­
  sich  möglichst  decken  und  der  Verkehr  mit  dem  Auslande  auf
ein  Mindestmaass  herabgedrückt  ist.  Diese  Auffassung  beruht  auf  einem
grundsätzlichen  Irrtum  über  das  Wesen  des  internationalen  Warenverkehrs. ­

Das  Characteristicum  der  neueren  weltwirthschaftlichen  Entwicklung ­
  ist  eine  zunehmende  Specialisirung  und  Individualisirung  der  Produktion, ­
  die  vielfach  soweit  geht,  dass  selbst  für  verschiedene  Nüancen
und  Qualitäten  ein  und  desselben  marktgängigen  Artikels  verschiedene
Länder  als  Bezugsquellen  sich  ausbilden.  Hiermit  muss  aber  die
Ausdehnung  des  Marktgebietes  für  jeden  Zweig  der  Produktion  Hand
in  Hand  gehen,  denn  alle  Verfeinerung  und  technische  Entwicklung
der  Produktion  pflegt  nur  rentabel  zu  sein  bei  gleichzeitiger  Steigerung
des  Absatzes.  Die  zunehmende  Verknüpfung  der  einzelnen  Kulturländer ­
  miteinander  durch  den  Weltmarkt  ist  also  lediglich  ein  Symptom
vorangegangener  Höherentwickelung  der  internationalen  Arbeitstheilung
  und  damit  Hand  in  Hand  gehender  Steigerung  der  Produktivität.
        <pb n="7" />
        6

Wandlungen
im  Verhältniss

zwischen
Industrie
und  Land»
wirthschaft.

ii.
Die  Entwicklung  unseres  Vaterlandes  zu  einem  massgebenden
Faktor  der  Weltwirthschaft  hat  erklärlicher  Weise  eine  tiefgreifende
Rückwirkung  auf  die  Gestaltung  des  einheimischen  Wirtschaftslebens
ausgeübt  und  hier  gewisse  Wandlungen  herbeigeführt,  die  unserer
Volkswirthschaft  einen  gegen  früher  grundsätzlich  veränderten
Charakter  verliehen  haben.  Es  zeigt  sich  dies  vielleicht  in  nichts
deutlicher  als  in  der  vollständigen  Verschiebung,  welche  in  der  Verteilung ­
  der  Bevölkerung  auf  die  einzelnen  Hauptgruppen
des  Erwerbslebens  eingetreten  ist.  Mangels  früherer  statistischer
Aufnahme  müssen  wir  uns  im  wesentlichen  an  die  Ziffern  der  Berufs-Gewerbestatistiken
  von  1882  und  1895  halten,  allein  auch  diese  und
verhältnissmässig  kurze  Spanne  Zeit  lässt  das  besonders  bezeichnende
Moment  deutlich  genug  hervortreten:  Die  Umwandlung  Deutschlands
aus  einem  Agrarstaat  in  einen  Industrie-  und  Handelsstaat.  Es  entfallen ­
  nämlich  auf:
1882  1895
Industrie  einschiesslich  Bergbau  .  .  .  16,!  Mill.  20, 3  Mill.
Landwirthschaft  18,7  „  17, s  „
Handel  und  Verkehr  4, 5  „  6  „
Die  landwirthschaftliche,  industrielle  und  kommercielle  Bevölkerung
=  100  gesetzt,  ist  der  Anteil  der  Landwirthschaft  um  7%  zurückgegangen, ­
  der  von  Handel  und  Industrie  um  ebensoweit  gestiegen.
Noch  augenfälliger  wird  der  Rückgang  der  Landwirthschaft  in
Deutschland,  wenn  wir  die  gesammte  Bevölkerung  des  Reiches
—  also  einschliesslich  der  Kategorien  des  Beamtentums,  der  häuslichen ­
  Dienste  etc.  —  in  Verhältniss  setzen  zu  der  landwirtschaftlichen ­
  Bevölkerung.  Es  betrug  alsdann  die  letztere  im  Jahre  :

1850  .  .
1870  .  .
1895  .  .

ca.  65°/ 0
ca.  50%
ca.  35%

der  Gesammtbevölkerung  des
Deutschen  Reiches

Es  bildet  sich  also  Handel  und  Industrie  mehr  und
mehr  zum  dominirenden  Faktor  unseres  Wirtschaftslebens ­
  aus.
Diese  Verschiebung  hat  aber  nicht  bloss  die  Bedeutung  eines
quantitativen  Rückgangs  der  landwirtschaftlichen  Interessen  in
Deutschland.  Das  handelspolitisch  Wichtige  an  dieser  Wandlung  ist,
dass  infolge  dieser  Verschiebung  dem  landwirtschaftlichen  Gewerbe
        <pb n="8" />
        -=-  7

heute  ganz  andere  Aufgaben  gestellt  werden,  als  es  in  einem  Agrarstaat
alten  Genres  zu  erfüllen  hatte.  In  einem  Lande,  wie  Deutschland  es
um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  darstellte,  bestand  eine  natürliche
Arbeitstheilung  zwischen  Landwirtschaft  und  Industrie  derart,  dass
der  ersteren  die  Aufgabe  zufiel,  die  städtische  industrielle  Bevölkerung ­
  mit  allen  erforderlichen  Lebensmitteln  zu  versehen,
der  letzteren  die  Aufgabe,  der  ländlichen  Bevölkerung  die  von  ihr
bedurften  industriellen  Fabrikate  zu  liefern.  Das  heutige  Verhältniss
zwischen  Industrie  und  Landwirtschaft  ist  aber  ein  wesentlich
anderes.  Die  deutsche  Bevölkerung  ist  seit  der  Gründung  des  neuen
Reiches  von  41  auf  56  Millionen  angewachsen  und  wird  bei  Abschluss ­
  der  Handelsverträge  etwa  60  Millionen  Seelen  betragen.
Gleichzeitig  hat  die  allgemeine  kulturelle  Entwicklung  die  Quote  des
des  auf  den  Einzelnen  entfallenden  Verbrauchs  für  die  meisten  Güter
wesentlich  erhöht.  Infolge  der  damit  eingetretenen  gewaltigen  Steigerung ­
  des  Bedarfs  ist  die  Landwirthschaft  nicht  mehr  im
Stande,  auch  nur  annähernd  noch  den  für  die  Stadtbevölkerung ­
  erforderlichen  Ueberschuss  von  Nahrungsund ­
  Genussmitteln  zu  liefern,  geschweige  denn  die  Industrie, ­
  angesichts  ihrer  enorm  gesteigerten  Thätigkeit,  mit  dem
erforderlichen  Quantum  land-  und  forstwirthschaftlicher  Roh-  und
Hilfsstoffe  zu  versehen..
Der  deutschen  Landwirthschaft  stand  während  der  letzten
20  Jahre  eine  Anbaufläche  von  26  Millionen  ha  Acker-  und  Gartenland ­
  zur  Verfügung.  Die  Verwendung  derselben  ist  nun  ausserordentlich ­
  charakteristisch  für  die  neuere  Richtung  unserer  landwirthschaftlichen
  Entwicklung.  (Wir  halten  uns  dabei  an  die
Ergebnisse  der  seit  1878  bestehenden  amtlichen  Erntestatistik;  die
Ziffern  für  1899  sind,  weil  auf  wesentlich  anderen  Grundlagen
beruhend,  mit  den  vorhergehenden  leider  nicht  vergleichbar.)
Es  wurden  bebaut  in  Tausenden  ha  mit:

1878

1898

Differenz

Brotgetreide

8  148

8  243

+  1  %

Gerste

1  620

1  660

+  2  o/o

Hafer

3  742

3  997

+  7%

Kartoffeln

2  753

3  080

+  12%

Erbsen  und  Ackerbohnen  .

602

412

-32  O/o

Buchweizen

246

140

-43%

Ernte»
ergebnisse
und  ein»
heimischer
Bedarf.
        <pb n="9" />
        8

Getreide.

1878

1898

Differenz

Raps

179

88

-51  o/o

Hopfen

41

39

-  5  o/„

W  ein

119

117

-  1  o/o

Kleesamen

84

75

-11%

Klee

1  898

1  802

-  5  o/ 0

Luzerne

233

215

-  8  o/o

Esparsette

128

96

-25  o/ 0

Runkelrüben

331

471

+  30  0/ 0

Möhren,  weisse  Kohlrüben  .

390

499

+  28  %

Die  deutsche  Landwirthschaft  hat  hiernach  nahezu  ein  Drittel  des
Ackers  mitBrotfrüchten,  über  die  Hälfte  mit  Getreide  überhaupt  bestellt.
Damit  ist  sie,  da  ein  Wechsel  des  Anbaus  aufrecht  erhalten  werden
muss,  an  der  Grenze  des  Möglichen  angelangt  und  kann  eine
nennenswerthe  Zunahme  des  Getreidebaues  für  die  Zukunft
kaum  mehr  in  Aussicht  stellen.
Trotzdem  konnte  sie  den  einheimischen  Bedarf  nicht  entfernt
decken.  Derselbe  betrug  1880/98  im  Jahresdurchschnitt  9,25  Millionen
Tonnen;  hiervon  deckte  die  einheimische  Landwirthschaft  7,9  Millionen,
sodass  wir  mit  1,35  Millionen  auf  das  Ausland  angewiesen  blieben.
Das  Ausland  muss  bereits  seit  Jahrzehnten,  und  zwar  in  andauernd
steigendem  Umfange  zur  Ernährung  des  deutschen  Volkes  herangezogen ­
  werden.  Die  Mehreinfuhr  von  Brotfrüchten  betrug  im  Jahresdurchschnitt ­
  :
1853—62  ...  128  Tausend  Tonnen
1863  -72  ...  244  „  „
1873—82  .  .  .  803  ,,
1885—94  ...  1  177  „
1895-  98  ...  1  966  „  „
Es  ist  dabei  noch  zu  beachten,  dass  der  in  Deutschland  heute
mit  Vorliebe  angebaute  englische  Weichweizen,  seines  allzu  geringen
Klebergehaltes  wegen,  der  Mischung  mit  ausländischem  Getreide
bedarf,  um  mahl-  und  backfähig  zu  werden.  Wollte  man  aber  zum
Anbau  der  früher  vorwiegend  producirten  Weizensorten  zurückkehren, ­
  so  würde  sich,  weil  diese  nicht  im  gleichen  Maasse  ergiebig
sind,  das  Deficit  noch  beträchtlich  erhöhen.
        <pb n="10" />
        9

Ebensowenig  wie  für  Brotkorn  vermochte  die  deutsche  Landwirtschaft ­
  den  Bedarf  an  Hafer  und  Gerste  zu  decken.  Selbst  in
Kartoffeln  mussten  wir  trotz  der  enormen  Zunahme  des  Anbaues  im
letzten  Decennium  schon  durchschnittlich  3,5%  des  Bedarfs  aus  dem
Ausland  beziehen.
Des  Weiteren  geht  aber  aus  der  obigen  Tabelle  hervor,  dass
der  Anbau  von  Getreide  trotz  aller  Klagen  über  die  mangelnde
Rentabilität  desselben  nicht  abgenommen  hat,  sondern  noch
gestiegen  ist.  Hieraus  ergiebt  sich  unverkennbar,  dass  die  deutsche
Landwirthschaft  den  Getreidebau  keineswegs  als  ein  verlustbringendes
Geschäft  ansieht,  vielmehr  sich  darauf  einrichtet,  den  ihr  bewilligten
Zollschutz  gründlich  auszunützen.  Sie  betrachtet  denselben  offenbar
nicht,  wie  er  gemeint  ist,  als  vorübergehende  Beihülfe  zur  Ueberwindung
  einer  Krise  und  für  den  Uebergang  zu  einträglicheren
Wirthschaftsformen,  sondern  als  milchende  Kuh,  auf  deren  steigende
Ergiebigkeit  für  alle  Zeit  gerechnet  wird.  Auf  Kosten  des
Getreidebaues  und  seines  „Schattens“,  des  Kartoffelbaues,
werden  nahezu  alle  übrigen  Kulturen  eingeschränkt.
Vor  allem  ist  der  Anbau  von  Hülsenfrüchten  um  nicht  weniger
als  32  %  zurückgegangen.  Die  Produktion  derselben  ist  heute  eine
gänzlich  unzureichende.  Im  abgelaufenen  Jahrzehnt  mussten  jedes
Jahr  hindurch  mehr  als  hunderttausend  Tonnen  eingeführt  werden.
Desgleichen  ist  der  Bau  von  Handelsgewächsen  wesentlich  eingeschränkt ­
  worden.  Dabei  haben  wir  auch  hier  mit  einem  die  Produktion
weit  übersteigenden  Bedarf  zu  rechnen.  Insbesondere  die  Lage  des
deutschen  Obstbaues  stellt  derWirthschaftlichkeit  und  dem  rationellen
Betriebe  der  deutschen  Landwirthe  kein  schmeichelhaftes  Zeugniss  aus.
Mussten  wir  doch  während  des  letzten  Jahrzehnts  im  Jahresdurchschnitt ­
  110  Tausend  Tonnen  frisches  und  140  Tausend  Tonnen  trockenes
Obst  einführen,  dazu  19  Tausend  Tonnen  Weinbeeren.  Abgesehen
von  Hopfen,  dessen  Ausfuhr  jedoch  in  den  letzten  Jahren  bei  gleichzeitig ­
  zunehmender  Einfuhrziffer  stark  abgenommen  hat  und  sich
nur  noch  auf  3000  Tonnen  Mehrausfuhr  beläuft,  weist  einen  Ausfuhrüberschuss ­
  nur  noch  Zucker  auf,  bei  dem  die  auf  Kosten  der  einheimischen ­
  Konsumenten  gewährte  Ausfuhrprämie  dem  Rübenbau
von  vornherein  einen  „angemessenen  Gewinn“  sichert.
Einen  sehr  grossen  Ausfall  ergiebt  ferner  die  Erzeugung  einer
Reihe  wichtiger  Rohmaterialien  für  industrielle  Zwecke.  Um  nur  die

Hülsenfriichte.


Handelsgewächse. ­


Rohstoffe
für  die
Industrie.
        <pb n="11" />
        10

Futter»
pflanzen.

Viehzucht.

Rinder.

allerwichtigsten  anzuführen,  mussten  wir  im  Jahresdurchschnitt  1890/91
einführen:  nahezu  1  000  000  t  Gerste,  109  000  t  Raps,  5000  t
Leinsaat,  20000  t  Mohn,  35000  t  Flachs,  25000  t  Hanf  und  14000  t,
Hede.  Gegenüber  all  diesen  Ziffern  kann  die  oft  angeführte  Begründung ­
  der  Einschränkung  des  Handelsgewächsbaues  mit  der
„Furcht  vor  Ueberproduktion“  nur  als  schlecht  gewählte  Ausrede  bezeichnet ­
  werden.
Am  verhängnissvollsten  vielleicht  ist  aber  die  skizzirte  Entwicklungsrichtung ­
  für  die  deutsche  Viehzucht.  Von  den  Futterpflanzen ­
  weisen  die  werthvollsten:  Klee,  Luzerne  und  Esparsette
eine  erhebliche  Abnahme  auf,  wofür  die  Zunahme  des  Futterriibenund
  Möhren-Anbaues  nur  als  ein  sehr  magerer  Ersatz  bezeichnet  werden
kann.  Unter  diesen  Umständen  ergiebt  sich  ein  sehr  bedeutendes
Deficit  an  Futtermitteln,  zu  dessen  Deckung  die  deutsche  Landwirthschaft
  auf  das  Ausland  angewiesen  ist.  Sie  bezog  denn  auch  im
letzten  Jahrzehnt  ganz  enorme  Mengen  hiervon.  Das  deutsche
Reich  importirte  im  Jahresdurchschnitt  865  000  Tonnen  Mais,  467  000
Tonnen  Kleie  und  Malzkeime,  279  000  Tonnen  Hafer  (trotz  der
Ausdehnung  des  Haferanbaues!)  und  256  000  Tonnen  Oelkuchen.
Dazu  kommen  noch  5000  t  Gras  und  16  000  t  Kleesaat.  Die  gewaltige ­
  Steigerung  des  Defizits  zeigt  ein  Vergleich  der  Mehreinfuhr
am  Anfang  und  Ende  des  letzten  Jahrzehnts.  Dieselbe  betrug  in
Tausend  Tonnen  beispielsweise  für:

Kleie  etc.

Oelkuchen

Mais

1890

279

169

562

1899

679

340

1627

Diesen  Zahlen  gegenüber  wird  man  wohl  behaupten  können,
dass  die  Grundlagen  der  deutschen  Viehzucht  zu  einem
sehr  erheblichen  Theile  im  Auslande  liegen.
Prüfen  wir  nun  die  Lage  der  deutschen  Viehzucht  selbst.  Die
Grundlage  der  Fleischnahrung  bildet  der  Nährkraft  nach  das  Rindfleisch ­
  und  von  diesem  wiederum  das  Ochsenfleisch.  Für  den  Werth
der  Fleischproduktion  eines  Landes  kommt  daher  der  Bestand  an
Rindvieh  in  erster  Linie  in  Betracht.  Im  deutschen  Reiche  wurden
gezählt  in  1000  Stück:

1873

1897

Kälber  bis  zu  6  Monaten  .  .

.  1  470

2  071

Jungvieh  bis  zu  2  Jahren  .  .

.  3  666

4  401

Kühe

.  8  961

10466

Stiere  und  Ochsen  .  .  .  .

.  1  680

1  553
        <pb n="12" />
        11

Gerade  die  werthvollste  Gruppe  der  Rindviehzucht  weist  also  einen
Rückgang  auf.  Kühe  besitzen,  abgesehen  von  der  geringeren
Qualität  des  Kuhfleisches  an  sich,  relativ  geringes  Körpergewicht
und  ungünstiges  Schlachtgewicht.  Was  vom  Jungvieh  zur  Schlachtbank ­
  kommt,  sind  in  der  Regel  Stücke,  welche  zur  Zucht  nicht  taugen;
vor  allem  liefert  unser  Jungvieh,  da  frühreife  Thiere  nach  Art  der
englischen  Rasse  bei  uns  nicht  gezüchtet  werden,  unverhältnissmässig
viel  Knochen  und  ein  nicht  sehr  begehrtes  Fleisch.  Es  sind  dies
Momente,  welche  den  Werth  der  Vermehrung  dieser  beiden  Kategorien ­
  wesentlich  verringern;  ebenso  fällt  die  allerdings  sehr  erhebliche ­
  Zunahme  der  Kälber  für  die  Versorgung  des  deutschen  Volkes
mit  Fleisch  sowohl  der  relativ  geringen  Menge,  als  der  geringeren
Qualität  ihres  Fleisches  wegen  nicht  allzuschwer  ins  Gewicht.
Ein  Ausgleich  zwischen  Bedarf  und  Vorrath  durch  Einfuhr  aus
dem  Auslande  wird  durch  die  angeblich  hygienischen  Massregeln  der
agrarischen  Wirtschaftspolitik  verhindert,  oder  wenigstens  erheblich
erschwert.  Die  durchschnittliche  Jahreseinfuhr  des  letzten  Jahrzehnts
betrug  nur:
47  000  Ochsen,
97  000  Kühe,
68  000  Stück  Jungvieh.
An  Schweinen  wurden  gezählt  in  tausend  Stück:

1883  1892

1897

Unter  1  Jahr  .  .  .

.  .  7  134  9  370

11  639

1  Jahr  und  darüber

.  .  2  072  2  804

2  635

Es  tritt  in  diesen  Ziffern

deutlich  die  in

der  Praxis

vielfach

beobachtende  Tendenz  zu

Tage,  Thiere  im

Alter  von

Va  bis

3 / i  Jahren  zur  Schlachtung  zu  führen,  um  den  Umschlag  des  darin
investirten  Kapitals  zu  beschleunigen.  Dass  auf  diesem  Wege  jedoch
die  Fleischproduktion  an  sich  nicht  erhöht  wird,  liegt  auf  der  Hand.
Die  Einfuhr  von  Schweinen  wird  ebenfalls  immer  mehr  unterbunden
sie  betrug  im  Jahre  1899  nur  70  000  Stück.
Der  Bestand  an  Schafen  ist  in  der  £eit  von  1873—1897  von  25
auf  nicht  ganz  11  Millionen  zurückgegangen.  Von  diesem  Bestände
wird  noch  ein  sehr  erheblicher  Bruchtheil  (274  000  Stück  im  Jahresdurchschnitt) ­
  ins  Ausland  exportirt.  Für  die  Fleischversorgung  kommt  also
die  Schafhaltung  nicht  erheblich  in  Betracht.
Um  die  Pferdezucht  nicht  zu  übergehen,  sei  kurz  erwähnt,
dass  der  einheimische  Bestand  an  Pferden  zwar  eine  langsame  Zu-Schweine.



Schafe.

Pferde.
        <pb n="13" />
        12

nähme  aufweist,  —  von  3352.000  Stück  in  1873  auf  4038.000  in  1897,  -
den  Bedarf  jedoch  keineswegs  zu  decken  im  Stande  ist.  Die  Mehreinfuhr ­
  stieg  von  72.000  Stück  im  Jahresdurchschnitt  1890/94  auf
104.000  im  Jahresdurchschnitt  1895/99.
Schwer  darnieder  liegt  leider  unsere  Geflügelzucht.  Die  für
Preussen  stattgehabte  Zählung  hat  Resultate  ergeben,  welche  die  Befürchtungen ­
  der  ärgsten  Pessimisten  noch  übertroffen  haben.  Das
Missverhältniss  zwischen  Bedarf  und  Produktion  auf  diesem  Gebiete
zeigt  sich  deutlich  darin,  dass  wir  im  letzten  Jahre  nicht  weniger  als:

35  000  Tonnen  Federvieh,
113  000  „  Eier,
10  000  „  Bettfedern  importirten.

Verhältnis
zwischen
FIeischproduktlon
  und
Fleischbedarf.

Der  Versuch,  auf  Grund  der  vorliegenden  Zahlen  das  Verhältniss
  zwischen  Fleischproduktion  und  Fleischverbrauch  im  deutschen
Reiche  im  allgemeinen  zu  berechnen,  stösst  leider  auf  die  Schwierigkeit ­
  äusserst  unsicherer  Ziffern  für  den  Konsum.  Die  von  sachverständiger ­
  Seite  bisher  vorgenommene  Schätzungen  schwanken  zwischen
30  und  40  kg  pro  Kopf  der  Bevölkerung.
Das  deutsche  Reich  weist  im  allgemeinen  —  und  zwar  schon  seit
Jahrhunderten  —  einen  im  Verhältniss  zu  den  Kulturstaaten  des  Auslandes ­
  abnorm  niedrigen  Fleischkonsum  auf.  Beispielsweise  wurde
der  Konsum  pro  Kopf  der  Bevölkerung

in  Deutschland  .  .  1867  auf  18  kg,
„  Frankreich  .  .  1862  „  26  „
„  England  .  .  .  1868  ,,  46  „
berechnet.  Inzwischen  ist  er  allenthalben  erheblich  gestiegen.  In
England  betrug  er  nach  sachverständigen  Feststellungen  1891—1895
etwa  55  kg  auf  den  Kopf.  Ungefähr  ebenso  hoch,  vielleicht  noch
höher,  muss  nach  den  Anforderungen  der  Physiologie  der  nothwendige
Fleischbedarf  unter  Berücksichtigung  der  Zusammensetzung  des
deutschen  Volkes  nach  Alter,  Geschlecht  etc.  für  das  deutsche  Reich
geschätzt  werden.  Die  Fleischversorgung  des  deutschen
Reiches  ist  also  eine  gänzlich  unzureichende.

Thierische  Auch  den  Bedarf  an  Fett  vermag  die  deutsche  Viehzucht  nicht
Produkte.
zu  decken.  Während  das  deutsche  Reich  bis  vor  5  Jahren  ein  Butter
exportirendes  Land  war,  sind  wir  auch  hier  seit  1894  „passiv“.  Die
Schmalzeinfuhr  ist  seit  Jahren  sehr  beträchtlich.  Auch  der  Käseimport ­
  ist  nicht  unbedeutend.
        <pb n="14" />
        13

Die  enorm  schnelle  Zunahme  des  Deficits  wird  durch
nachstehende  Tabelle  ersichtlich.
Der  Einfuhrüberschuss  betrug  in  100  Tonnen  bei

1895

1896

1897

1898

1899

Butter  .  .  .

2

7

65

77

99

Käse  .  .  .  .

71

84

106

129

141

Schmalz  etc.  .

780

916

1176

1419

1332

Zum  Schlüsse  wäre  noch  anzuführen,  dass  das  deutsche  Reich
durchschnittlich  147  000  Tonnen  Schafwolle,  77  000  Tonnen  Häute  und
Felle,  6000  Tonnen  Bettfedern  und  16  000  Tonnen  Talg  mehr  einführt, ­
  dass  also  auch  hinsichtlich  dieser  Rohprodukte  ein  grosses
Deficit  in  der  deutschen  Viehzucht  sich  ergiebt.
Der  Vollständigkeit  halber  wollen  wir  noch  kurz  der  Forstwirthschaft
  gedenken,  da  auch  sie  ja  vermehrten  Zollschutzes  tlieilhaftig
  werden  soll.  Dass  die  Produktion  auch  hier  den  Bedarf  insbesondere ­
  an  Nutzholz  nicht  im  entferntesten  zu  decken  vermag,
ist  notorisch.  Die  Mehreinfuhr  betrug  im  Durchschnitte  der  Jahre  in
1000  Tonnen:
1890—94  1895—99  1899

Bau-  und  Nutzholz  roh  1  567  1  969  2  471
„  „  „  nach  der  Längaxe  beschlagen  474  55  5  694
„  „  „  gesägt  655  I  070  1  546

Wenn  wir  unsere  Ausführungen  zusammenfassen,  so  kommen
wir  zu  einem  für  die  deutsche  Landwirthschaft  sehr  ungünstigen
Ergebnisse:
Die  deutsche  Landwirthschaft  vermag  heute  auf  keinem  Gebiete
den  an  sie  gestellten  Anforderungen  zu  entsprechen.  Sie  ist  nicht
mehr  im  Stande  dem  deutschen  Volke  das  erforderliche  Brot  zu
beschaffen,  sie  vermag  ferner  nicht  annähernd  den  Bedarf  an
Fleisch  und  anderen  thierischen  Nahrungsmitteln  zu  decken,  sie
erscheint  endlich  vollständig  ausser  Stande,  den  gewaltig  gestiegenen ­
  Verbrauch  an  industriellen  Rohstoffen  zu  befriedigen.
Die  deutsche  Landwirthschaft  hat  ihre  Kräfte  auf  allen  Gebieten
gleichzeitig  eingesetzt  und  daher  zersplittert.  Dadurch  ist  ihre
Stellung  im  nationalen  Wirthschaftsleben  eine  schiefe  geworden.  Sie
verlangt  auf  der  ganzen  Linie  Schutzzoll  für  ihre  Produkte  und  geräth
damit  in  unlösbare  Widersprüche  mit  den  übrigen  Produktionszweigen,
denen  sie  die  nothwendigen  Lebensmittel  für  ihre  Arbeiter,  sowie

Forstwlrthschaft.


Gesammtleistung
  der
deutschen
Landwirthschaft. ­
        <pb n="15" />
        14

theihveise  die  erforderlichen  Rohstoffe  und  Halbfabrikate  vertheuert.
Die  deutsche  Landwirthschaft  wird  die  ihr  zukommende  Stellung
in  der  deutschen  Volkswirthschaft  nur  dadurch  gewinnen  können,  dass
sie  sich  in  die  Weltwirthschaft  ein-  und  ihren  Bedürfnissen  unterordnet.
Sie  wird  im  Zeitalter  der  internationalen  Arbeitstheilung  nicht  alles
und  nur  halb,  sondern  eines  und  das  ganz  zu  leisten  haben.  Sie
wird  also  vor  Allem  nicht  gleichzeitig  den  Bedarf  des  deutschen
Volkes  an  Getreide  und  Fleisch  decken  können,  sondern  sich  für
eins  von  beiden  entscheiden  müssen.  Da  allerdings  tritt  der  Interessengegensatz ­
  zwischen  dem  deutschen  Baue'r  als  dem  Viehzüchter  und
dem  Grossgrundbesitzer  als  dem  Getreideproducenten  klar  zu
Tage.  Und  so  wird  denn  in  absehbarer  Zeit  das  deutsche  Volk  das
Schauspiel  erleben,  dass  der  letzte  Kampf  um  die  Getreidezölle  nicht
zwischen  Industrie  und  Landwirthschaft,  sondern  zwischen  dem
deutschen  Bauer  und  dem  Latifundienbesitzer  ausgefochten  wird.
III.
Aufschwung  Die  zweite  grosse  Wirthschaftsgruppe  umfasst  Industrie
der
industriellen  und  Gewerbe.  Wir  besitzen  hierfür  leider  keine  umfassende  Pro-Thatigkeit.
  (juktionsstatistik,  weder  aus  vergangener  Zeit  noch  aus  der  Gegenwart, ­
  aber  wir  besitzen  ein  zuverlässiges  Barometer  für  den  Grad
der  industriellen  Thätigkeit  eines  Landes  im  Verbrauch  von  Kohle
und  Eisen.
Im  deutschen  Zollgebiet  betrug  der  durchschnittliche  Jahresverbrauch ­
  in  Millionen  Tonnen  von

Kohle

Eisen

1876-80

51

2,3

1881—85

66

3,4

1886—90

81

4,2

1891—95

99

5,1

1896  -  99

125

7,3

1899

137

8,6

Den  durchschnittlichen  Verbrauch

des  ersten  Jahrfünfts

gesetzt,  betrug  die  Zunahme  des  Verbrauchs  von  1876—80  bis

Kohle

Eisen

1881—85

29  o/o

48  %

1886—90

590/o

83  0/0

1891—95

94  0/o

122  0/o

1896—99

145  0/ 0

217  0/ 0

1899

1690/ 0

274  o/ 0
        <pb n="16" />
        15

Der  oben  bereits  erwähnten  Zunahme  der  industriellen  Bevölkerung ­
  um  25%  bei  gleichzeitiger  Zunahme  der  Gesamtbevölkerung
um  nur  15%  während  der  Jahre  1882—1895  steht  also  ein  Anwachsen
des  Kohlenverbrauchs  um  169%  und  des  Eisenverbrauches  um  274%
während  der  Periode  1876/80—1899  zur  Seite.  Diese  Zahlen  reaen
eine  so  beredte  Sprache,  dass  jede  weitere  Ausführung  nur  den  Eindruck ­
  abschwächen  würde.

Es  ergiebt  sich  schon  aus  diesen  gewaltigen  Zuwachsraten,  dass
auf  industriellem  Gebiete  die  Produktion  des  Deutschen
Reiches  weit  über  den  Rahmen  des  einheimischen  Bedarfs
hinausgewachsen  ist  und  ihren  Absatz  mehr  und  mehr  auf
dem  Weltmarkt  sucht.  Diese  übrigens  ja  hinreichend  bekannte
Thatsache  wird  eindringlich  bestätigt  durch  die  Ziffern  unserer
Handelsstatistik,  welche  eine  gewaltige  und  in  den  letzten  Jahren
schnell  steigende  Mehreinfuhr  von  Rohstoffen  und  Mehrausfuhr  in
Fabrikaten  verzeichnen.  Darnach  betrug  die  deutsche

Verhältniss
zwischen
Produktion
und  Bedarf.

Jahr

Einfuhr  Ausfuhr  Mehrausfuhr
von  Fabrikaten  in  Millionen  Mark
c

Procentuale
Zunahme  des
Ausfuhrüberschusses ­


1890

981

2148

1167

100

1891

904

2049

1145

98.2

1892

856

1950

1094

93.8

1893

901

1998

1097

94.1

1894

835

1879

1044

89.5

1895

926

2180

1254

107.5

18%

939

2301

1362

116.8

1897

966

2305

1339

114.7

1898

1015

23%

1381

118.4

1899

1148

2712

1564

134.1

Ziehen  wir  die  Bilanz,  so  haben  wir  einen  grossen  Debet-Saldo
  auf  Seiten  der  Landwirthschaft,  zu  dessen  Ausgleich  wir
das  Ausland  als  Abgeber  in  täglich  steigendem  Umfange  heranziehen
müssen,  und  einen  noch  grösseren  Credit-Saldo  auf  Seiten
der  Industrie,  für  welche  wir  wiederum  das  Ausland  als  Abnehmer
brauchen.  Wir  können  also  das  Ausland  aktiv  wie  passiv  nicht
entbehren.
        <pb n="17" />
        16

Aeusserer
und  innerer
Markt.

Absatzgebiete ­
  der
Deutschen
Industrie.

Nun  sagen  allerdings  die  Vertreter  der  Hochschutzzoll-  und
Abschliessungspolitik:  Wenn  man  vermittelst  hoher  Zölle  die  Kauffähigkeit ­
  der  einheimischen  Bevölkerung  steigere,  so  sei  auch  bei
einer  Einschrumpfung  des  Absatzes  ins  Ausland  der  deutsche  Innenmarkt ­
  im  Stande  für  eine  genügende  Verwerthung  der  einheimischen
Produkte  Gewähr  zu  leisten.
So  plausibel  dieser  Gedankengang  auf  den  ersten  Blick  erscheint, ­
  so  wenig  stichhaltig  erweist  er  sich  bei  näherer  Prüfung.
Wie  die  Verhältnisse  heute  liegen,  erscheint  es  ausgeschlossen,
den  Export  durch  entsprechende  Steigerung  der  Kaufkraft
des  inneren  Marktes  auch  nur  annähernd  zu  ersetzen.  Abgesehen ­
  davon,  dass  die  sogenannte  Steigerung  der  Kaufkraft  durch
ein  allgemeines  Hochschutzzollsystem  grossentheils  nur  eine  scheinbare ­
  ist,  weil  die  Preise  der  Güter  etwa  in  gleichem  Maasse  steigen,
wie  die  Kauffähigkeit  der  Produzenten,  ist  zu  beachten,  dass  gerade
diejenigen  Kreise,  deren  Kaufkraft  man  in  erster  Linie  zu  steigern
beabsichtigt,  als  Absatzkreis  für  die  meisten  Branchen  unserer  Export-Industrie
  nicht  oder  nur  in  geringem  Umfange  in  Betracht  kommen
können.  Oder  sollen  vielleicht  die  deutschen  Bauern  durch  Schutzzölle
zu  einem  Mehrbedarf  an  Gement,  Glacehandschuhen,  Anilinfarben,
Gold-  und  Silberpapier,  Seidenwaaren,  Blei-  und  Farbstiften,  Klavieren,
künstlichen  Blumen,  Chromolithographien  und  all  den  zahllosen  anderen
Artikeln  veranlasst  werden,  die  heute  im  deutschen  Export  in  erster
Reihe  stehen?  Ausserdem  aber  halte  man  sich  gegenwärtig,  dass
unserer  Volkswirthschaft  eine  gewaltige  Summe  unentbehrlicher  Rohstoffe ­
  und  Nahrungsmittel  fehlen,  die  aus  dem  Ausland  bezogen  werden
müssen.  Schon  um  diese  dem  Ausland  bezahlen  zu  können,  von
denen  bestenfalls  nur  ein  kleiner  Bruchtheil  wirklich  durch  inländische ­
  Produktion  fertiggestellt  werden  könnte,  müssen  wir
unsern  Export  auf  denjenigen  Gebieten,  wo  die  deutsche  Industrie
auf  dem  Weltmarkt  konkurrenzfähig  ist,  mit  allen  Kräften  aufrechterhalten ­
  und  ausdehnen.
Dies  ist  die  wichtige  Aufgabe,  welche  unsere  Handelspolitik
gegenwärtig  zu  lösen  hat.
Versuchen  wir  den  Begriff  des  Weltmarktes  etwas  zu  präcisiren,
indem  wir  prüfen,  welche  Staaten  es  vornehmlich  sind,  nach
denen  das  deutsche  Reich  seine  Fabrikate  ab  setzt.  Nach  unserer
        <pb n="18" />
        17

Handelsstatistik  betrug  1899  der  Werth  der  Waarenausfuhr  in  Millionen
Mark  nach

Europa  .  .  .  .

3475

Amerika  .  .  .  .

602

„Ver.  St.  v.  Am.“

378

Asien

181

Afrika

70

Australien  .  .  .

40

Fassen  wir  die  amerikanische  Union,  die  ihren  wirthschaftlichen
und  kulturellen  Verhältnissen  nach  den  europäischen  Staaten  an  die
Seite  zu  stellen  ist,  mit  Europa  zusammen,  so  betrug  unsere  Ausfuhr
in  Millionen  Mark  nach  den
Kulturstaaten  .  .  .  3853
exotischen  Ländern  515

So  reiche  Anerkennung  den  erfolgreichen  Bestrebungen  unseres
Handelsstandes,  der  deutschen  Waare  in  den  fremden  Welttheilen
einen  Markt  zu  erobern,  gebührt,  —  vom  Standpunkte  der  Handelspolitik ­
  ist  die  Thatsache  ausschlaggebend,  dass  fast  neun  Zehntel ­
  unseres  Gesamtexports  von  den  Kulturstaaten  absorbirt
werden.

Gehen  wir  noch  weiter  ins  Einzelne  und  ordnen  diese  nach
dem  Wert  unserer  Ausfuhr  dorthin.  Derselbe  betrug  im  letzten  Jahr
in  Millionen  Mark  nach:

Gross-Britannien  ....  853
Oesterreich-Ungarn  .  .  .  466
Russland  einschl.  Finnland  437
Vereinigte  Staaten  .  .  .  378
Niederlande  328
Schweiz  285
Frankreich  217
Belgien  207
Schweden  136
Dänemark  126
Italien  116
Norwegen  ,  .  .  .  .  ..  77
zusammen:  3626

oder  83%  des  Gesamtausfuhrwertes  von  4368  Mill.  M.
        <pb n="19" />
        18

Unsere  Hauptabnehmer  sind  also  diejenigen  Staaten,
mit  welchen  wir  Handelsverträge  ab  zuschli  essen  oder  zu
erneuern  haben.
Wirkungen" 1  Wozu  brauchen  wir  nun  überhaupt  Handelsverträge?  Warum
der  Handeis-genügt  es  nicht,  wenn  jedes  Land  seinen  autonomen  Zolltarif
vertrage,  G h ne  p e ;  dessen  Aufstellung  auf  das  Ausland  Rücksicht  zu
nehmen?
Die  Nothwendigkeit  ständigen  Absatzes  nach  den  Staaten  des
Auslandes  bedarf,  wenn  wir  uns  nicht  der  Gefahr  plötzlicher
schwerer  Krisen  aussetzen  wollen,  einer  sicheren  Festlegung  der
formalen  und  rechtlichen  Voraussetzungen,  unter  denen  wir  dorthin  zu
exportiren  begonnen  haben.  Vor  allen  Dingen  muss  der  deutsche  Kaufmann ­
  geschützt  sein  dagegen,  dass  in  seinem  bisherigen  Absatzgebiet
plötzlich  mit  Hülfe  starker  Zollerhöhungen  eine  einheimische
Industrie  emporgezüchtet  oder  vermittelst  differentieller  Zollherabsetzungen ­
  die  Konkurrenzstaaten  begünstigt  werden.  Darum  muss
auf  dem  Wege  gegenseitiger  Staats  Verträge  das  Recht  der
Meistbegünstigung  vereinbart  und  für  die  wichtigsten  Positionen
des  betreffenden  Zolltarifs  die  Höhe  der  Zölle  festgelegt  und
gebunden,  eventuell  soweit  ermässigt  werden,  dass  der  deutsche
Kaufmann  konkurrenzfähig  wird.  Und  zwar  müssen  diese  Verträge
für  eine  geraume  Reihe  von  Jahren  abgeschlossen  werden,  denn
das  Anknüpfen  von  Geschäftsverbindungen,  das  Studiren  des  ausländischen ­
  Bedarfs,  das  Einrichten  der  Produktion  auf  die  speciellen
Bedürfnisse  des  Landes  etc.  kostet  Zeit  und  Geld  und  ist  nur  dann
rentabel,  wenn  die  Ausnützung  dieser  Maassnahmen  auf  eine  gewisse
Zeit  hinaus  gesichert  ist.
Der  hohe  Werth  der  Handelsverträge  für  unseren  Export  geht
evident  aus  der  oben  (S.  15)  gegebenen  Tabelle  hervor.  Dieselbe  lässt
den  verhängnissvollen  Einfluss  des  Zollkriegs  und  die  segensreichen
Wirkungen  der  Caprivischen  Handelsverträge  in  den  Ziffern  der  Jahre
1891—94  und  1895—99  klar  erkennen.
Noch  deutlicher  erhellt  die  Wirkung  der  Handelsverträge  aus
folgender  Tabelle.  Es  betrug  im  jährlichen  Durchschnitt  in  Millionen
Mark  die:
        <pb n="20" />
        19

Einfuhr  aus  den

Ausfuhr  nach  den

V  ertrags-Nichtvertrags-









Staaten

Staaten

Staaten

1887—91  :

1626,8

2271,3

1003,1

2306,6

1892—97:

1643,3

2741,6

1184,8

2217,4

Differenz

+  16,5

+  470  3

+  181,7

-  89,2

Procentual

+  1%

+  21  o/o

+  18°/o

-  40/o

Es  ist  also

unsere

Ausfuhr  nach  den

Vertragsstaaten

bei  nur  unbedeutend  erhöhter  Konkurrenz  derselben  auf  dem  Innenmarkt ­
  um  18%  gewachsen,  dagegen  die  Konkurrenz  der  Nichtvertragsstaaten ­
  auf  dem  deutschen  Markt  unter  Zurückdrängung
unseres  Exportes  dorthin  um  21%  gestiegen.
Diese  Ziffern  lassen  zur  Genüge  die  Grösse  der  Aufgaben  erkennen, ­
  welche  unserer  Handelspolitik  gestellt  sind.  Von  gegnerischer
Seite  wird  nun  freilich  der  Schutz  der  einheimischen  Produktion
gegen  die  Auslandskonkurrenz  in  den  Vordergrund  gestellt  und  ihm
ein  höherer  wirthschaftlicher  Werth  beigemessen,  als  der  Offenhaltung
der  fremden  Märkte  für  unseren  Export.  Prüfen  wir  also  kurz  die
Bedeutung  des  Zollschutzes  für  das  einheimische  Wirthschaftsleben.
IV.
Dem  Fiskus  haben  die  Zölle  unstreitig  reiche  Einnahmen  ge-  Wirkungen
bracht;  in  Millionen  Mark  betrugen  die  Erträge  der  Zölle  von:  Zollschutzes-Nahrungs-
  und  Genuss-  Rohstoffen  für  die  _  ,  ..
Fabrikaten
mittein  (einschl.  Vieh)  Industrie
1892/93  274  15  85
1898/99  364  32  115
Unser  Interesse  konzentrirt  sich  auf  die  Frage:  Wie  haben  die
Zölle  auf  die  Gestaltung  von  Produktion  und  Konsum
gewirkt?
Die  relativ  geringsten  Erträge  liefern  demnach  die  Zölle  auf
Rohstoffe.  Belastet  werden  durch  diese  der  Land-  und  Forstwirthschaft,
  bezw.  dem  Bergbau  zu  Gute  kommenden  Zölle  einerseits  die  in
Mitleidenschaft  gezogenen  Industriezweige,  andererseits  die  Konsumenten ­
  der  aus  den  betreffenden  Rohstoffen  erzeugten  Waaren.
        <pb n="21" />
        20

Zölle  auf  Rohstoffe  für  industrielle  Zwecke  sind  in  einem  industriell  so
entwickelten  Staate  wie  Deutschland  widersinnig  und  ihre  grundsätzliche ­
  Verwerflichkeit  wird  auch  durch  die  verhältnissmässige
Geringfügigkeit  des  Ertrages  nicht  gemildert.
Einen  erheblich  grösseren  Ertrag  ergeben  bereits  die  Zölle  auf
Fabrikate.  Im  Vergleich  mit  dem  Verbrauch  von  Fabrikaten  im  Inlande ­
  erscheint  derselbe  allerdings  nicht  allzu  hoch,  aber  auch  ihr
Nutzen  für  die  deutsche  Industrie  dürfte  überschätzt  werden.  Wenigstens
haben  an  dem  grossen  Aufschwünge  der  deutschen  Industrie  während
der  letzten  Jahrzehnte  mannigfache  andere  Faktoren  mitgewirkt  und
im  grossen  und  ganzen  die  Schutzzölle  hieran  doch  einen  bedeutend
geringeren  Antheil  gehabt,  als  die  Intelligenz  und  der  Fleiss  unserer
Industriellen,  Kaufleute  und  Arbeiter,  jedenfalls  einen  geringereren
als  man  ihnen  in  schutzzöllnerischen  Kreisen  beimisst.
Das  Schwergewicht  der  Zollerträge  liegt  in  den  Zöllen  auf
Nahrungs-  und  Genussmittel,  einschliesslich  Vieh.  Wenn  wir  die
Zollerträge  für  die  einzelnen  Artikel  dieser  Kategorie  spezialisiren
und  zum  Vergleich  auch  die  wichtigsten  Fabrikate  heranziehen,  so
ergeben  sich  folgende  Ziffern.
Der  Zollertrag  betrug  per  Kopf  der  Bevölkerung  in  Pfennigen
im  Durchschnitt  der  Jahre:
1883—87  1898—99
I.  L'andwirthschaftliche  Erzeugnisse:

Getreide  und  Hülsenfrüchte,  Malz  ....

64

252

Mühlenfabrikate

0

6

Fleisch,  Rind-  und  Schafvieh  j

10

29

Schweine  und  Spanferkel  )

Schmalz,  Butter,  Margarine

9

28,5

Eier

2

5

Käse

2

5

Obst,  Sämereien,  Beeren  u.  s.  w

0

6

Wein

31

29

Bau-  und  Nutzholz

12

33,5

II.  Industrieprodukte:

Baumwollengarn  und  Baumwollenwaaren  .

15

16,5

Wollengam  und  Wollenwaaren

9

8

Seidenzwirn  nnd  Seidenwaaren

7

7,5
        <pb n="22" />
        21

%

1883—87

1888  -  99

Leinengarn  und  Leinenwaaren  .

5

4

Leder  und  Lederwaaren  .  .  .

4

5

Roheisen

4

8

Eisenwaaren

11,5

Thon-  und  Glaswaaren  ....

3

4

Holzwaaren

3

5

Maschinen

3

6

Der  weitaus  grösste  Theil

der  Zollerträge

entfällt  also

die  unentbehrlichen  Nahrungsmittel.  Der

durchschnittliehe

  Zollertrag  für  Brot,  Fleisch,  Fett,  Eier,  Käse  und  Obst  stieg
von  0,87  M.  in  1883—7  auf  3,36  M.  in  1898/9,  also  auf  das  Vierfache! ­
  In  zweiter  Linie  folgen  Holz  und  Wein.  Erst  dann  reihen
sich  mit  relativ  geringen  Beträgen  die  Industrie-Produkte  an.  Unter
diesen  Umständen  ist  es  erklärlich,  dass  bei  dem  gegenwärtigen  Kampf
um  die  Gestaltung  des  neuen  Zolltarifs  die  Getreidezölle  weitaus  im
Vordergründe  der  Diskussion  stehen.
Von  agrarischer  Seite  freilich  wird  hartnäckig  die  Behauptung
aufrecht  erhalten,  dass  der  Zoll  nicht  vom  Inlande,  sondern  vom  Auslande ­
  getragen  wird,  und  soweit  man  eine  Erhöhung  des  Getreidepreises ­
  zugesteht,  wird  wenigstens  die  Uebertragung  derselben  auf
Mehl  und  Brot  und  damit  die  Belastung  des  Konsums  durch  den  Zoll
abgeleugnet.  Richtig  ist,  dass  im  einzelnen  sich  natürlich  die  Wirkung
des  Zolls  intensiver  oder  schwächer  äussert,  je  nach  dem  Ausfall
der  inländischen  und  der  Welternte  und  dem  Stande  des  Weltmarktpreises. ­
  Im  allgemeinen  aber  kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen,
dass  im  grossen  Durchschnitt  der  Zoll  thatsächlich  das  Inland  belastet. ­
  Zu  diesem  Schlüsse  kommt  auch  Conrad  in  seiner  neusten
Veröffentlichung  in  den  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik  auf
Grund  ausführlicher  Preisstatistiken.  Wir  entnehmen  denselben
zur  Illustration  nur  ein  Beispiel:
verzollt  unverzollt  war  also  verzollt  theurer  um

Weizen  151,11  117,21  33,90
Roggen  139,48  107,33  32,15
Der  Zollsatz  betrug  —  —  35,—

Davon,  dass  der  Zoll  im  allgemeinen  vom  Ausland  getragen
werde,  kann  jedenfalls  angesichts  der  von  Conrad  beigebrachten

Trägt  das
Ausland
den  Zoll?
        <pb n="23" />
        22

Ziffern  nicht  die  Rede  sein.  Bezüglich  der  Wirkung  des  Getreide-Zolls
  auf  Mehl-  und  Brotpreise  erachtet  der  Verfasser  ein  enges
Zusammengehen  von  Getreide-,  Mehl-  und  Brotpreisen  als  erwiesen
und  beruft  sich  dabei  nicht  nur  auf  die  bekannten  Veröffentlichungen
des  Berliner  statistischen  Bureaus,  sondern  auch  auf  seine  eigenen
eingehenden  Untersuchungen  in  Halle.  An  der  allmählichen  Abwälzung ­
  des  Zolles  auf  die  Konsumenten  ist  nicht  zu  zweifeln.  Der
Zoll  ist  und  bleibt  ein  Opfer,  welches  der  Allgemeinheit  auferlegt
wird,  um-  einer  Sondergruppe  zu  nützen.  Prüfen  wir  nun,  wie
gross  diese  Gruppe  ist,  welcher  der  Zoll  zu  Gute  kommt.
Die  Wir  müssen  hierzu  die  Vorfrage  zu  beantworten  suchen,  welche
Interessenten
der  Getreide-Landwirthe  über  den  eigenen  Bedarf  hinaus  Getreide  produziren  und
zolle '  demgemäss  als  regelmässige  Verkäufer  von  Brotfrüchten  am  Markte
auftreten.
Für  die  Getreidezölle  beschränken  wir  die  Frage  auf  den
Roggen-  und  Weizenzoll.  Die  deutsche  Reichsstatistik  bietet  uns
hierfür  keinen  ausreichenden  Anhalt.  Wir  müssen  daher  versuchen,
mit  den  mageren  Zahlen  der  Betriebsstatistik  auf  dem  langwierigen
Wege  von  Durchschnitts-Berechnungen  der  Wahrheit  möglichst  nahe
zu  kommen.  Wir  setzen  zu  diesem  Zwecke  die  Anzahl  der  landwirthschaftlichen
  Betriebe  als  gleichbedeutend  mit  der  Anzahl  der  selbstständigen ­
  Landwirthe,  und  zwar  der  Landwirthe  im  Haupt-  und
Nebenberufe.  Auf  jeden  Landwirth  rechnen  wir  ferner  drei  Angehörige
-  das  ist  sehr  gering  gerechnet  —•  und  auf  den  Kopf  einen  durchschnittlichen ­
  Jahreskonsum  von  183  kg  Brotgetreide.  Weiter  nehmen
wir  die  den  einzelnen  Grössenklassen  angehörende  landwirtschaftlich ­
  benutzte  Gesammtfläche  als  durchschnittlich  zu  1 / 3  mit  Roggen,
Weizen  und  Spelz  bestellt  an.*)  Endlich  rechnen  wir  für  Futterzwecke ­
  und  den  industriellen  Bedarf  durchschnittlich  Vio  der  nach
Abzug  der  Aussaat  übrig  bleibenden  Erntemenge  ab.**)  Als  Zeitraum
für  die  Durchschnittsberechnung  wählen  wir  die  gesammte  Periode
seit  Einführung  des  Zolltarifes  (1880—98).

*)  Das  ist  für  Betriebe  bis  zu  2  ha  viel  zu  hoch  gegriffen,  da  in
dieser  Grössenklasse  sehr  wenig  Getreide,  sondern  in  der  Hauptsache
Kartoffeln,  Gemüse,  Wein,  Tabak  gebaut  wird;  für  die  übrigen  Betriebe
verringert  sich  der  Fehler  mit  der  Zunahme  der  Betriebsgrösse;  auch  die
        <pb n="24" />
        23

Unter  diesen  Voraussetzungen  und  Vorbehalten  ergiebt  sich  als
verkäufliches  Durchschnitts  -  Quantum  an  Brotgetreide  für  den
einzelnen  Betrieb  der  jeweiligen  Grössenklasse:

Betriebsgrösse
in  ha

Anzahl  der  Betriebe
nach  der  Zählung
von  1895

Verkäuflicher  Ueberschuss
  in  dz

bis  zu  1

2  529  000

—

1—2

707  000

—

2-3

448  000

—

3-4

324000

—

4—5

244  000

2V*

5—10

606  000

8

10—20

393  000

24

30—50

240  000

58

50—100

42  000

137

100—200

11  OCO

297

200-500

9  600

702

500—1000

3  600

1468

1000  und  mehr

572

3091

Die  Landwirthe  der  Grössenklassen  unter  4  ha  sind  je  nachdem
ausschliesslich,  im  wesentlichen  oder  doch  zum  grossen  Theile  darauf
angewiesen,  Weizen  und  Roggen  für  den  Nahrungs-  und  Futterbedarf ­
  zu  kaufen.  In  der  nächsten  Klasse  (3—4  ha)  bilancirt  rechnungsmässig
  Erzeugung  und  Eigenbedarf,  in  Wirklichkeit  wird  auch  *  **)
mittleren  Landwiithe  bestellen  notorisch  nicht  t/a  ihrer  Ackerfläche  mit
Roggen  und  Weizen,  sondern  bauen  mehr  Futterpflanzen  und  Handelsgewächse. ­
  Die  Hauptdomäne  des  Brotgetreidebaues  ist  unbestritten  der
Grossbetrieb.
**)  Das  ist  für  die  kleineren  und  mittleren  Betriebe  zweifellos  zu  wenig;
diese  verfüttern  mehr.  Der  Bund  der  Landwirthe  hat  eine  Erhebung  über
diese  Frage  veranstaltet  und  will  festgestellt  haben,  dass  durchschnittlich
27'/2°/o  der  Erntemenge  von  Roggen  und  Weizen  verfüttert  wird.  Damit  ist
sicherlich  übers  Ziel  geschossen,  nur  für  die  kleineren  Betriebe  dürfte  diese
Ziffer  annähernd  zutreffen.  Wir  haben  jedoch,  wie  bemerkt,  nur  10%  in
Abzug  gebracht.
        <pb n="25" />
        24

bei  diesen  Betrieben  noch  zugekauft  werden  müssen.  Die  Betriebe
mit  4—5  ha  haben  rechnungsmässig  wohl  einen  Ueberschuss,  auf  dem
Kornboden  wird  er  jedoch  selten  zu  finden  sein;  auch  für  die  Grössenklassen ­
  von  5—10  ha  dürfte  dies  theilweise  noch  zutreffen:  denn
gerade  in  diesen  Betrieben  schmälert  die  hier  sehr  stark  betriebene
Viehzucht  das  verkäufliche  Quantum  Getreide  recht  erheblich.  Im
allgemeinen  wird  also  in  Wirthschaften  unter  10  ha  wohl
nur  wenig  Brotgetreide  zum  Verkaufe  produzirt  werden.
Auch  die  Wirthschaften  von  10—20  ha  werden  wohl  nur  in  den
seltensten  Fällen  den  rechnungsmässig  vorhandenen  Ueberschuss  von
24  dz  Weizen  bezw.  Roggen  zu  Markte  führen.
Dagegen  sind  zweifellos  für  die  Betriebe  von  100  ha  aufwärts ­
  die  verkäuflichen  Mengen  grösser  als  in  unserer  Uebersicht  aufgeführt. ­
  Wenn  der  letzteren  auch  natürlich  nur  ein  relativer  Werth  zukommt, ­
  so  ist  sie  doch  jedenfalls  einigermassen  geeignet,  die  Frage
nach  den  Interessenten  der  Roggen-  und  Weizenzölle  in  bessere  Beleuchtung ­
  zu  rücken.  Da  der  Hafer-  und  Gerstenbau  im  ganzen  eben
dort  ist,  wo  der  Roggen-  und  Weizenbau  zu  finden  ist,  so  können  wir
den  hieraus  zu  ziehenden  Schluss  verallgemeinern  und  sagen:  Es
ist  eine  im  Verhältniss  zum  grossen  deutschen  Volkskörper ­
  geradezu  verschwindende  Anzahl  von  Landwirthen,
welche  den  Nutzen  der  Getreidezölle  abschöpfen.
Die  inter-  Die  Interessenten  der  Vieh-  und  Fleischzölle  haben  wir  auf
essenten  der  .  .  .
Vieh-  und  anderer  Seite  zu  suchen,  nämlich  in  den  bäuerlichen  Betrieben.
Fieischzoiie.  j en  Betriebszählungen  von  1895  treffen  auf  100  ha  landwirthschaftlich
  benützter  Fläche  in  Betrieben

unter  2  ha

2—20  ha

20  ha  und  darüber

Rindvieh  .

78

69

37

Schweine  .

192

50

20

Es  ist  also  die  Viehzucht  fast  vollständig  (80%  und  92%)  auf
den  bäuerlichen  Kleinbetrieb  beschränkt  und  zwar  die  Schweinhaltung ­
  zu  %  (73%),  die  Rindviehzucht  fast  zur  Hälfte  (45°/o)  auf  den
Parzellenbetrieb  unter  2  ha!
Leider  kommt  nun  der  Nutzen  der  deutschen  Viehzölle  nicht
dem  Bauer  zu  Gute,  sondern  wird  ebenfalls  vom  Grossgrundbesitzer
        <pb n="26" />
        25

in  die  Tasche  gesteckt.  Wie  schon  oben  aufgeführt,  trifft  nämlich
die  Vermehrung  des  Viehstandes  der  bäuerlichen  Betriebe  meist
mit  dem  Rückgang  der  Erträge  der  wichtigsten  Futterpflanzen  zusammen, ­
  so  dass  der  Bauer  darauf  angewiesen  ist,  sehr  viel  Kraftfutter
zuzukaufen.  Da  nun  bei  rasch  wachsender  Nachfrage  die  Preise  der
sämmtlichen  Kraftfuttermittel  aufeinander  einwirken,  so  bewirkt  die
durch  den  Getreidezoll  herbeigeführte  Preiserhöhung  der  zu  Futterzwecken ­
  benutzten  Getreidesorten  gleichzeitig  eine  Preissteigerung
für  alle  übrigen  Kraftfuttermittel,  wie  Kleie,  Malzkeime,  Oelkuchen
u.  s.  w.  Der  deutsche  Bauer  ist  also  bei  der  bisherigen  Zollpolitik ­
  sehr  schlecht  weggekommen,  denn  einerseits  ist  das
Schwergewicht  der  Schutzzollgesetzgebung  auf  Getreide  gelegt,
welches  der  Bauer  im  grossen  und  ganzen  wenig  oder  gar  nicht  verkauft, ­
  und  andererseits  sind  die  Vieh-  und  Fleischzölle  nicht  den
bäuerlichen  Viehproduzenten  zu  Gute  gekommen,  sondern  neben  dem
Getreidezoll  ebenfalls  in  die  Kasse  des  Grossgrundbesitzers  geflossen.
Es  erübrigt  nur  noch,  den  Einfluss  der  Getreidezölle  auf  Wirkung
die  übrigen  Produktionszweige  kurz  zu  kennzeichnen.  Zu-  z ai| e e a „f  d te
nächst  sinkt  mit  der  durch  sie  hervorgerufenen  Verteuerung  der  «*&amp;gt;rigen
^  &amp;amp;  Produktions-Lebensmittel
  nicht  nur  die  Lebenshaltung  des  Volkes  und  damit  zweige,
zum  Theil  die  Leistungsfähigkeit  des  deutschen  Arbeiters,
sondern  gleichzeitig  auch  die  Kaufkraft  des  inneren  Marktes
für  alle  anderen  Produkte.  Denn  Brot  und  Mehl  machen  einen  so  erheblichen ­
  Bruchtheil  des  Gesammtaufwandes  kleiner  Haushaltungen
aus,  dass  eine  fühlbare  Erhöhung  der  Preise  für  diese  Artikel  eine  Einschränkung ­
  des  Konsums  an  anderen  Waaren  zur  Folge  haben  muss.
Prof.  Lotz  hat  berechnet,  dass  bei  einem  Haushaltungsbudget  von
800—1300  M.  ungefähr  150—200  M.  jährlich  auf  Brot  und  Fleisch  entfallen. ­
  Bedenkt  man  nun,  dass  über  %  der  deutschen  Bevölkerung
ein  Einkommen  bis  900  M.  jährlich  haben  und  96%  nicht  über  3000  M.
jährlich  kommen,  so  leuchtet  ein,  dass  die  wirklich  etwa  gesteigerte
Kaufkraft  gewisser  landwirthschaftlicher  Schichten  durch  die  beschränkte ­
  Kaufkraft  namentlich  der  industriellen  Arbeiterschaft  reichlich ­
  wett  gemacht  wird.  Unter  anderem  wird  gerade'der  kleine  und
mittlere  Bauernstand  in  der  Nähe  städtischer  Industriecentren
schweren  Nachtheil  hiervon  haben;  denn  auch  für  die  meisten  derjenigen ­
  Artikel,  welche  er  auf  den  städtischen  Markt  bringt,  wie
Eier,  Gemüse,  Geflügel,  Obst,  Butter  und  dergl.  wird  die  Arbeiter-
        <pb n="27" />
        26

Schaft  ihren  Bedarf  entsprechend  einschränken  müssen.  Auch  von
dieser  Seite  aus  zeigt  sich  wieder,  dass  die  Politik  des  Bundes
der  Landwirthe  die  einseitigen  Interessen  des  Grossgrundbesitzes ­
  und  nicht  die  der  gesammten  deutschen  Landwirtschaft ­
  vertritt.
Den  grössten  Schaden  wird  aber  die  deutsche  Grossindustrie
haben.  Die  Wirkung  für  diese  besteht  in  der  Erhöhung  der  Löhne.
Nehmen  wir  mit  Engel  den  jährlichen  Bedarf  an  Brotgetreide  mit
183  kg  pro  Kopf  an,  so  braucht  eine  Arbeiterfamilie  von  5  Personen
im  Jahre  9  dz  Brotgetreide.  Bei  dem  jetzigen  Zollsätze  zahlt  sie
davon  an  den  Staat  und  an  die  Landwirtschaft  mehr  als
31  M.  Rechnet  man  dazu  noch  die  Zölle  für  Fleisch,  Fett,  Butter  usw.,
so  erhöht  sich  dieser  Betrag  noch  um  ein  Beträchtliches.  Um  die
Zölle  müssen  die  Löhne  erhöht  werden,  und  damit  erfahren  die
Produktionskosten  unserer  Fabrikate  eine  sehr  gefährliche  Erhöhung,
die  uns  den  Wettbewerb  auf  dem  Weltmarkt  erschweren  kann  und
wird.  Unsere  Löhne  sind  augenblicklich  noch  etwas  niedriger  als  in
England,  unserem  grossen  Rivalen,  aber  sie  sind  in  den  letzten  Jahren
sehr  bedeutend  gestiegen.  Wir  haben  für  die  letzten  10  Jahre  eine
Steigerung  der  Tagelöhne  um  volle  1O°/ 0  zu  verzeichnen  und  der
Preis  der  qualifizirten  Arbeit  ist  noch  rascher  und  bedeutender  gewachsen. ­
  Wir  schliessen  unsere  Ausführungen  mit  einer  Tabelle,
welche  eindringlicher  als  alle  logischen  Erörterungen  erkennen  lässt,
was  der  Getreidezoll  für  die  Konkurrenzfähigkeit  der  deutschen
Industrie  auf  dem  Weltmarkt  bedeutet.  Die  Tonne  Weizen  kostete

nach  Conrad:
in  Mark

in  England

in  Preussen

in  England  mehr  +

1821—40

260

130

weniger  —
+  130

1841—60

245

190

+  55

1861—80

350

325

+  25

1881—90

147

174

—  27

1891—98

130

165

—  35

Und  dazu  kommt  nun  endlich,  dass  die  Absatzbedingungen  im
Auslande  sich  aller  Voraussicht  nach  erheblich  verschlechtern
würden.  Gerade  zweiLänder,  welche  zu  unsern  allerwichtigsten  Absatzgebieten ­
  gehören,  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  und  Russland,
sind  mit  ihren  vitalsten  Interessen  an  der  Offenhaltung  des  deutschen
        <pb n="28" />
        —  27
Marktes  für  ihr  Getreide  gebunden.  Andere  Staaten,  wie  Italien,
Oesterreich-Ungarn,  Holland  und  Belgien,  würden  durch  Zollerhöhungen
auf  allerlei  andere  landwirthschaftliche  Produkte  sehr  fühlbar  getroffen
werden.  Wenn  wir  auf  der  Grundlage  der  agrarischen  Forderungen
überhaupt  zu  Handelsverträgen  kommen,  was  noch  sehr  zu  bezweifeln
ist,  so  werden  jedenfalls  die  Vergünstigungen,  welche  das  Ausland
uns  zu  gewähren  bereit  ist,  sich  in  äusserst  engen  Grenzen  halten.
Sehr  wahrscheinlich  ist  aber,  dass  man  direkt  zu  Repressalien  greifen
wird,  welche  unserer  exportirenden  Industrie  den  Absatz  ins  Ausland
theils  erschweren,  theils  unmöglich  machen.
Aus  allen  diesen  Erwägungen  ergiebt  sich,  dass  der  geringe
Nutzen,  der  mit  einer  Erfüllung  der  agrarischen  Wünsche
bestenfalls  für  eine  kleine  Zahl  von  Interessenten  erzielt
werden  kann,  in  gar  keinem  Verhältniss  steht  zu  den
schweren  Gefahren,  welche  er  sowohl  für  die  grosse  Masse
der  Konsumenten  als  für  die  Entwicklung  unserer  heute
blühenden  Industrie,  Schifffahrt  und  Handel  mit  sich
bringt.  Aus  diesem  Grunde  muss  den  exorbitanten  Forderungen
der  Agrarier  gegenüber  mit  Entschiedenheit  daran  festgehalten
werden,  dass  der  gegenwärtige  Zustand  nicht  noch  mehr  verschlechtert ­
  wird.
Der  Zoll  auf  Brotgetreide,  der  erst  als  „Ordnungszoll“  in  Höhe
von  M.  1.—  eingeführt,  dann  auf  M.  3.—  erhöht  wurde,  beträgt  seit
1887  im  heutigen  deutschen  Generaltarif  bereits  den  hohen  Satz  von
M.  5.—,  das  bedeutet  ca.  ein  Drittel  des  Waarenwerthes.  Jede  Erhöhung ­
  dieses  Satzes,  die  unweigerlich  auch  eine  entsprechende
Erhöhung  des  Vertragssatz  es  nach  sich  ziehen  würde,  bedeutet  den
Umständen  nach  einen  schweren  Schlag  für  die  Industrie,  sowie  finden ­
  der  Zahl  nach  grösseren  Theil  der  deutschen  Landwirthe
selbst.
Die  Höhe  des  Vertragszolls  lässt  sich  —  auch  vom  Standpunkte
des  industriellen  Interesses  aus  —  im  Voraus  nicht  genau  fixiren,  da
sicherst  aus  den  Vertragsverhandlungen  selbst  ergeben  kann,  welcher
Zollsatz  den  Gegengeboten  des  Auslands  entsprechend  erscheint.
Wollte  man  also  heute  bereits  sich  auf  den  durch  die  vorigen  Handelsverträge ­
  normirten  Satz  von  3.50  M.  festlegen,  so  schüfe  man
damit  für  die  betr.  Artikel  den  Doppeltarif  mit  Maximal-  und  Minimal-Satz, ­
  gegen  dessen  Einführung  sich  die  weitesten  Interessenten-Resume.
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        28

kreise  aus  gewichtigen  Gründen  mit  Recht  verwahren.  Der  Vertragssatz ­
  kommt  aber  zur  Zeit  auch  garnicht  praktisch  in  Frage.  Für  einen
bestimmten  Vertragssatz  einzutreten,  wird  der  Moment  erst  gekommen
sein,  wenn  wir  in  die  Vertragsverhandlungen  mit  dem  Ausland  eingetreten ­
  sind  und  absehen  können,  was  Russland  und  die  übrigen  an
unserer  Getreideeinfuhr  betheiligten  Staaten  für  Aufrechterhaltung
des  3.50  M.  Zolls  uns  zu  gewähren  bereit  sind.
Was  heute  den  Gegenstand  des  handelspolitischen  Kampfes
bildet,  ist  der  neue  deutsche  Generaltarif.  Von  der  Höhe  der
in  ihn  eingesetzten  Zollsätze  hängt  zum  grössten  Theil  auch  die
Höhe  der  späteren  Vertragssätze  ab.  Hier  gilt  es  deshalb  mit  aller
Entschiedenheit  dafür  einzutreten,  dass  nicht  unter  dem  Vorwand,
„Die  Landwirtschaft“  zu  schützen,  von  neuem  einer  engeren  Gruppe
von  Sonderinteressenten  wiederum  ein  Geschenk  auf  Kosten  der
Allgemeinheit  gemacht  wird.
Aus  diesen  Gründen  hat  sich  der  Handelsvertragsverein  in
seiner  Ausschusssitzung  vom  20.  December  1900  gegen  jede  Erhöhung ­
  des  Generaltarifsatzes  für  Brotgetreide  erklärt,  in
der  Erwägung,  dass  dadurch  nicht  nur  die  Volksernährung  beeinträchtigt ­
  und  die  allgemeinen  Landesinteressen  geschädigt,  sondern
auch  die  Landwirtschaft  selbst,  der  man  angeblich  nützen  will,  in
eine  einseitige  Richtung  gedrängt,  vor  allem  ein  besonders  wichtiger
Theil  derselben:  der  bäuerliche  Kleinbetrieb,  entschieden  zu  Gunsten
des  Grossgrundbesitzes  benachteiligt  werden  würde.

Druck  von  H.  S.  Hermann  in  Berlin.
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        26
24  Li—j--22
  [ji-ii
Königsberg
20  1895  1899
14,0  15.1
18  Li
16

14
12
10

Preise  für  1  DZ.  in  Mark.
Weizen-Preis
Mannheim  London  Chicago  New  York
1895  1899  1895  1899  1895  1899  1895  1899
16,6  17,9  11,8  12,6  9,2  11,0  10,1  11,8

Berliner  Preise
Roggen-  Roggen-Roggen
  Mehl  Brot
1386  1898  1886  1898  1886  1898
18,1  14.6  17,9  20.1  20,8  26.16

Fleischpreise  für  10  kg  in  Mark.

26

24

Hamburg

London

Chicago

Verein.  Staaten  v.  Amerika  22
Rind-  Schweine-  Rind-  Schweine-  Mess  pork  Lard  Beef  salted  Pork  salted  Lard  *«a
hams
1891  1898  1891  1898  1891  1898  1891  1898  1891  1898  1891  1898  1891  1898  1891  1898  1891  1898  91/8  20

11.8  11.1  12,0  12.9  10,2  9,6  9  1  10,6  4,7  '4.4  5,8  4,9  5.2  5.1  5.6  5.2  6.4  5.2  7.2

18

Das  mittlere  Kartogramm  zeigt  die  vollkommene  Abhängigkeit  des  Mehl-  und  Brotpreises ­
  vom  Getreidepreis.
Das  erste  und  dritte  Kartogramm  lassen  den  Einfluss  des  deutschen  Eingangszolles
auf  die  Lebensmittelpreise  im  Reiche  erkennen.  Das  deutsche  Reich  hat,  wie  ersichtlich,  die
höchsten  Lebensmittelpreise  im  Vergleich  zu  dm  Plätzen  des  Auslandes.

Handelspolitische  Flugschriften.  Heft  1.

Verlag  von  Julius  Springer  in  Berlin.
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        the  scale  towards  document

19

50

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00

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O
CD

CD
CD

Einfuhr  aus  den

Ausfuhr  nach  den

Vertrags-Nichtvertrags-









Staaten

Staaten

Staaten

1887—91  :

1626,8

2271,3

1003.1

2306,6

1892—97:

1643,3

2741,6

1184,8

2217,4

Differenz

+  16,5

+  470  3

+  181,7

-  89.2

Procentual

+  1%

+  21%

+  18%

-  40/o

Es  ist  also  unsere

Ausfuhr  n

ach  den

Vertrags  Staaten

_ji  nur  unbedeutend  erhöhter  Konkurrenz  derselben  auf  dem  Innen-:
  firkt  um  1  8%  gewachsen,  dagegen  die  Konkurrenz  der  Nicht-:
  irtragsstaaten  auf  dem  deutschen  Markt  unter  Zurückdrängung
;iseres  Exportes  dorthin  um  21%  gestiegen.
Diese  Ziffern  lassen  zur  Genüge  die  Grösse  der  Aufgaben  erjnnen,
  welche  unserer  Handelspolitik  gestellt  sind.  Von  gegnerischer
ite  wird  nun  freilich  der  Schutz  der  einheimischen  Produktion
gen  die  Auslandskonkurrenz  in  den  Vordergrund  gestellt  und  ihm
i  höherer  wirthschaftlicher  Werth  beigemessen,  als  der  Offenhaltung
r  fremden  Märkte  für  unseren  Export.  Prüfen  wir  also  kurz  die
1:  jdeutung  des  Zollschutzes  für  das  einheimische  Wirthschaftsleben.

IV.
Dem  Fiskus  haben  die  Zölle  unstreitig  reiche  Einnahmen  ge-  wi %“y gen
acht;  in  Millionen  Mark  betrugen  die  Erträge  der  Zölle  von:  Zoiischutzes.
Nahrungs-  und  Genuss-  Rohstoffen  für  die
mittein  (einschl.  Vieh)  Industrie
1892/93  274  15  85
1898/99  364  32  115
Unser  Interesse  konzentrirt  sich  auf  die  Frage:  Wie  haben  die
Ile  auf  die  Gestaltung  von  Produktion  und  Konsum
^wirkt?
Die  relativ  geringsten  Erträge  liefern  demnach  die  Zölle  auf
hstoffe.  Belastet  werden  durch  diese  der  Land-  und  Forstwirth-Jaft,
  bezw.  dem  Bergbau  zu  Gute  kommenden  Zölle  einerseits  die  in
Leidenschaft  gezogenen  Industriezweige,  andererseits  die  Konventen ­
  der  aus  den  betreffenden  Rohstoffen  erzeugten  Waaren.

Fabrikaten
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        ﻿
      </div>
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  </text>
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