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        <title>Die deutsche Volkswirthschaft und der Weltmarkt</title>
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            <idno>880040890</idno>
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        <pb n="1" />
        ﻿m

Ul *	:	" &gt;sf

Handelspolitische Flugschriften

herausgegeben vom Handelsvertragsverein.

Heft 1.

Die Deutsche Volkswirthschaft
und der Weltmarkt

Mit einer (jntphincliPU Tafel

K

A10yi/633
        <pb n="2" />
        ﻿K

Handelspolitische Flugschriften

herausgegeben vom Handelsvertragsverein.

Heft 1.

A 10 n /&amp;33

Die Deutsche Volkswirthschaft
und der Weltmarkt.

Mit einer graphischen Tafel.

Berlin.

Verlag von Julius Springer.

1901.
        <pb n="3" />
        ﻿13. Juli 1953

'TS3/"I73^
        <pb n="4" />
        ﻿I.

Die wirthschaftliche Signatur des soeben verflossenen Jahr-
hunderts war die aus kleinen Anfängen entstehende und mit über-
raschender Schnelligkeit sich entwickelnde gegenseitige Verflechtung
der Kulturstaaten in das Netz des internationalen Welthandels.
Während in früheren Zeiten der internationale Austausch von Waren
sich im wesentlichen beschränkte auf eine relativ kleine Anzahl von
Artikeln, deren Produktion aus Gründen des Klimas und der Boden-
beschaffenheit bestimmten Gebieten zufiel, trat mit dem 19. Jahrhundert
die ganze Fülle der Massengebrauchsartikel in den Rahmen des Welt-
handels ein. Aus der Summe der nationalen Volkswirtschaften
entstand eine neue Einheit: die internationale Weltwirthschaft. Der
Gesammtwerth des Welthandels — d. h. die Summe der Ein- und
Ausfuhrwerthe aller Länder der Erde — betrug im Jahre 1860 erst
29 Milliarden; im letzten Jahre bereits 84 Milliarden.

Die Führung in diesem Entwicklungsgänge hatte bekanntlich
England übernommen, dessen Textil- und Eisenindustrie schon früh
zu hoher Blüthe gelangt war. Im Laufe der weiteren Jahrzehnte
beteiligten sich andere Völker mehr und mehr am Wettbewerb in der
Versorgung des Weltmarktes mit Gütern ihrer einheimischen Pro-
duktion. In Deutschland nahm eigentlich erst mit dem letzten Drittel des
verflossenen Jahrhunderts die Ausgestaltung der auswärtigen Handels-
beziehungen einen erheblichen Aufschwung; dieser setzte dann —
begünstigt durch die politische Entwicklung — aber auch so nach-
haltig ein, dass das neue Deutsche Reich binnen kurzer Zeit unter
den Welthandelsmächten die erste Stelle hinter England einnahm
und bis heute siegreich behauptet hat. Von den vier Ländern,

-j *

Der Welt-
handel.

Antheil

Deutsch^

lands.
        <pb n="5" />
        ﻿4

Handels»

marine.

deren auswärtiger Handel zusammen fast die Hälfte des gesammten
Welthandels ausmacht, betrug der procentuale Antheil am Welt-
handel für

	1882	1899
England		19,7	17
das Deutsche Reich . .	10,3	11,8
die Vereinigten Staaten .	9,9	9,6
Frankreich		11,1	8

Wie aus diesen Ziffern ersichtlich, verschiebt sich das Ver-
hältnis sogar mehr und mehr zu Gunsten Deutschlands, denn,
wenn auch England uns thatsächlich noch bedeutend überragt, so geht
doch in letzter Zeit sein procentualer Antheil am Welthandel zurück,
während der des Deutschen Reiches steigt. Von den wichtigsten an-
deren Konkurrenzstaaten ist der Antheil der amerikanischen Union
etwa derselbe geblieben, während der Frankreichs ebenfalls erheblich
zurückgegangen ist.

Der deutsche Unternehmungsgeist hat in kühnem Vorwärts-
dringen den ganzen Erdball umspannt. Es giebt heute kaum ein
Land der Welt, in dem der deutsche Kaufmann und die deutsche
Waare nicht zu finden wären, und dieser Siegeszug, den deutscher
Handel und Industrie durch die uncivilisirtesten Völker und Gegenden
des Erdballs angetreten hat, wird mit jedem Jahre augenfälliger.
Die Zunahme unseres Handels während des letzten Jahrzehntes
(1889/1899) betrug im Verkehr mit den Staaten:

Europas Amerikas Australiens Asiens Afrikas
25«/o	61 o/0	178 o/o	l47 0/0	279 0/0

Und diese Entwicklung ist keineswegs blos der Industrie zu Gute
gekommen. Mit dem ausserordentlichen Aufschwung des Ein- und
Ausfuhrverkehrs haben auch die hieran betheiligten Erwerbszweige der
Rhederei und Spedition, des Eisenbahn- und Binnenschifffahrts-

Verkehrs eine ausserordentliche Entwicklung genommen, es tritt dies

u. a. in den Ziffern unserer Handelsflotte deutlich zu Tage. Es betrug
Die Zahl der Dampfschiffe in

	1882	1900	procentual  Zunahme
England		4317	5649	31 %
Deutschland , . . . .	354	1031	191 o/0
den Ver. Staaten v. A.	594	674	13 o/0
Frankreich		414	545	320/0
        <pb n="6" />
        ﻿5

Der Tonnengehalt der gesammten Handelsflotte in 1000 t in

	1882	1900	Zunahi
England		8783	9.909	13%
Deutschland . .	.	.	1226	1.904	55 o/o
den Ver. Staaten v. A.	2500	2.169	-13%
Frankreich		846	904	7%

Es tritt in all diesen Ziffern die gegen früher unverhältnissmässig
erhöhte Bedeutung zu Tage, welche der auswärtige Handel, und die
Exportindustrie insbesondere, für die deutsche Volkswirthschaft ge-
wonnen hat. In gleichem Maasse können und müssen deshalb diese
Zweige unseres Wirthschaftslebens eine gegen früher gesteigerte
Berücksichtigung ihrer Interessen bei der Erneuerung unserer handels-
politischen Beziehungen zum Ausland verlangen.

Von gewissen Seiten wird freilich die andauernde Steigerung Beurtheiiung

des Aussen»

unseres Aussenhandels als kein sonderlicher Vortheil, theilweise handeis.
geradezu ;als eine Ausartung unserer Volkswirthschaft angesehen.

Man ist geneigt, die Zunahme des Imports als Armuthszeugniss
unserer einheimischen Produktion, die des Exports als Zeichen
krankhafter Ueberproduktion anzusehen, und glaubt das Ideal des
Wirthschaftslebens in einem Zustande sehen zu sollen, in welchem
Produktion und Konsumtion innerhalb der einheimischen Volkswirth-
schaft sich möglichst decken und der Verkehr mit dem Auslande auf
ein Mindestmaass herabgedrückt ist. Diese Auffassung beruht auf einem
grundsätzlichen Irrtum über das Wesen des internationalen Waren-
verkehrs.

Das Characteristicum der neueren weltwirthschaftlichen Entwick-
lung ist eine zunehmende Specialisirung und Individualisirung der Pro-
duktion, die vielfach soweit geht, dass selbst für verschiedene Nüancen
und Qualitäten ein und desselben marktgängigen Artikels verschiedene
Länder als Bezugsquellen sich ausbilden. Hiermit muss aber die
Ausdehnung des Marktgebietes für jeden Zweig der Produktion Hand
in Hand gehen, denn alle Verfeinerung und technische Entwicklung
der Produktion pflegt nur rentabel zu sein bei gleichzeitiger Steigerung
des Absatzes. Die zunehmende Verknüpfung der einzelnen Kultur-
länder miteinander durch den Weltmarkt ist also lediglich ein Symptom
vorangegangener Höherentwickelung der internationalen Arbeits-
theilung und damit Hand in Hand gehender Steigerung der Produktivität.
        <pb n="7" />
        ﻿6

Wandlungen
im Ver-
hältniss
zwischen
Industrie
und Land»
wirthschaft.

ii.

Die Entwicklung unseres Vaterlandes zu einem massgebenden
Faktor der Weltwirthschaft hat erklärlicher Weise eine tiefgreifende
Rückwirkung auf die Gestaltung des einheimischen Wirtschaftslebens
ausgeübt und hier gewisse Wandlungen herbeigeführt, die unserer
Volkswirthschaft einen gegen früher grundsätzlich veränderten
Charakter verliehen haben. Es zeigt sich dies vielleicht in nichts
deutlicher als in der vollständigen Verschiebung, welche in der Ver-
teilung der Bevölkerung auf die einzelnen Hauptgruppen
des Erwerbslebens eingetreten ist. Mangels früherer statistischer
Aufnahme müssen wir uns im wesentlichen an die Ziffern der Berufs-
Gewerbestatistiken von 1882 und 1895 halten, allein auch diese und
verhältnissmässig kurze Spanne Zeit lässt das besonders bezeichnende
Moment deutlich genug hervortreten: Die Umwandlung Deutschlands
aus einem Agrarstaat in einen Industrie- und Handelsstaat. Es ent-
fallen nämlich auf:

1882	1895

Industrie einschiesslich Bergbau	. .	.	16,!	Mill.	20,3	Mill.

Landwirthschaft.......................18,7	„	17,s	„

Handel und Verkehr........................4,5	„	6	„

Die landwirthschaftliche, industrielle und kommercielle Bevölkerung
= 100 gesetzt, ist der Anteil der Landwirthschaft um 7% zurück-
gegangen, der von Handel und Industrie um ebensoweit gestiegen.
Noch augenfälliger wird der Rückgang der Landwirthschaft in
Deutschland, wenn wir die gesammte Bevölkerung des Reiches
— also einschliesslich der Kategorien des Beamtentums, der häus-
lichen Dienste etc. — in Verhältniss setzen zu der landwirtschaft-
lichen Bevölkerung. Es betrug alsdann die letztere im Jahre :

1850 . .
1870 . .
1895 . .

ca. 65°/0
ca. 50%
ca. 35%

der Gesammtbevölkerung des
Deutschen Reiches

Es bildet sich also Handel und Industrie mehr und
mehr zum dominirenden Faktor unseres Wirtschafts-
lebens aus.

Diese Verschiebung hat aber nicht bloss die Bedeutung eines
quantitativen Rückgangs der landwirtschaftlichen Interessen in
Deutschland. Das handelspolitisch Wichtige an dieser Wandlung ist,
dass infolge dieser Verschiebung dem landwirtschaftlichen Gewerbe
        <pb n="8" />
        ﻿-=- 7

heute ganz andere Aufgaben gestellt werden, als es in einem Agrarstaat
alten Genres zu erfüllen hatte. In einem Lande, wie Deutschland es
um die Mitte des Jahrhunderts darstellte, bestand eine natürliche
Arbeitstheilung zwischen Landwirtschaft und Industrie derart, dass
der ersteren die Aufgabe zufiel, die städtische industrielle Be-
völkerung mit allen erforderlichen Lebensmitteln zu versehen,
der letzteren die Aufgabe, der ländlichen Bevölkerung die von ihr
bedurften industriellen Fabrikate zu liefern. Das heutige Verhältniss
zwischen Industrie und Landwirtschaft ist aber ein wesentlich
anderes. Die deutsche Bevölkerung ist seit der Gründung des neuen
Reiches von 41 auf 56 Millionen angewachsen und wird bei Ab-
schluss der Handelsverträge etwa 60 Millionen Seelen betragen.
Gleichzeitig hat die allgemeine kulturelle Entwicklung die Quote des
des auf den Einzelnen entfallenden Verbrauchs für die meisten Güter
wesentlich erhöht. Infolge der damit eingetretenen gewaltigen Stei-
gerung des Bedarfs ist die Landwirthschaft nicht mehr im
Stande, auch nur annähernd noch den für die Stadt-
bevölkerung erforderlichen Ueberschuss von Nahrungs-
und Genussmitteln zu liefern, geschweige denn die In-
dustrie, angesichts ihrer enorm gesteigerten Thätigkeit, mit dem
erforderlichen Quantum land- und forstwirthschaftlicher Roh- und
Hilfsstoffe zu versehen..

Der deutschen Landwirthschaft stand während der letzten
20 Jahre eine Anbaufläche von 26 Millionen ha Acker- und Garten-
land zur Verfügung. Die Verwendung derselben ist nun ausser-
ordentlich charakteristisch für die neuere Richtung unserer land-
wirthschaftlichen Entwicklung. (Wir halten uns dabei an die
Ergebnisse der seit 1878 bestehenden amtlichen Erntestatistik; die
Ziffern für 1899 sind, weil auf wesentlich anderen Grundlagen
beruhend, mit den vorhergehenden leider nicht vergleichbar.)

Es wurden bebaut in Tausenden ha mit:

	1878	1898	Differenz
Brotgetreide		8 148	8 243	+ 1 %
Gerste		1 620	1 660	+ 2 o/o
Hafer		3 742	3 997	+ 7%
Kartoffeln		2 753	3 080	+ 12%
Erbsen und Ackerbohnen .	602	412	-32 O/o
Buchweizen		246	140	-43%

Ernte»
ergebnisse
und ein»
heimischer
Bedarf.
        <pb n="9" />
        ﻿8

Getreide.

	1878	1898	Differenz
Raps		179	88	-51 o/o
Hopfen		41	39	- 5 o/„
W ein		119	117	-	1 o/o
Kleesamen		84	75	-11%
Klee		1 898	1 802	- 5 o/0
Luzerne		233	215	- 8 o/o
Esparsette		128	96	-25 o/0
Runkelrüben		331	471	+ 30 0/0
Möhren, weisse Kohlrüben .	390	499	+ 28 %

Die deutsche Landwirthschaft hat hiernach nahezu ein Drittel des
Ackers mitBrotfrüchten, über die Hälfte mit Getreide überhaupt bestellt.
Damit ist sie, da ein Wechsel des Anbaus aufrecht erhalten werden
muss, an der Grenze des Möglichen angelangt und kann eine
nennenswerthe Zunahme des Getreidebaues für die Zukunft
kaum mehr in Aussicht stellen.

Trotzdem konnte sie den einheimischen Bedarf nicht entfernt
decken. Derselbe betrug 1880/98 im Jahresdurchschnitt 9,25 Millionen
Tonnen; hiervon deckte die einheimische Landwirthschaft 7,9 Millionen,
sodass wir mit 1,35 Millionen auf das Ausland angewiesen blieben.
Das Ausland muss bereits seit Jahrzehnten, und zwar in andauernd
steigendem Umfange zur Ernährung des deutschen Volkes herange-
zogen werden. Die Mehreinfuhr von Brotfrüchten betrug im Jahres-
durchschnitt :

1853—62 ...	128 Tausend Tonnen

1863 -72 ...	244	„	„

1873—82 . . .	803	,,

1885—94 ...	1 177	„

1895- 98 ... 1 966	„	„

Es ist dabei noch zu beachten, dass der in Deutschland heute
mit Vorliebe angebaute englische Weichweizen, seines allzu geringen
Klebergehaltes wegen, der Mischung mit ausländischem Getreide
bedarf, um mahl- und backfähig zu werden. Wollte man aber zum
Anbau der früher vorwiegend producirten Weizensorten zurück-
kehren, so würde sich, weil diese nicht im gleichen Maasse ergiebig
sind, das Deficit noch beträchtlich erhöhen.
        <pb n="10" />
        ﻿9

Ebensowenig wie für Brotkorn vermochte die deutsche Land-
wirtschaft den Bedarf an Hafer und Gerste zu decken. Selbst in
Kartoffeln mussten wir trotz der enormen Zunahme des Anbaues im
letzten Decennium schon durchschnittlich 3,5% des Bedarfs aus dem
Ausland beziehen.

Des Weiteren geht aber aus der obigen Tabelle hervor, dass
der Anbau von Getreide trotz aller Klagen über die mangelnde
Rentabilität desselben nicht abgenommen hat, sondern noch
gestiegen ist. Hieraus ergiebt sich unverkennbar, dass die deutsche
Landwirthschaft den Getreidebau keineswegs als ein verlustbringendes
Geschäft ansieht, vielmehr sich darauf einrichtet, den ihr bewilligten
Zollschutz gründlich auszunützen. Sie betrachtet denselben offenbar
nicht, wie er gemeint ist, als vorübergehende Beihülfe zur Ueber-
windung einer Krise und für den Uebergang zu einträglicheren
Wirthschaftsformen, sondern als milchende Kuh, auf deren steigende
Ergiebigkeit für alle Zeit gerechnet wird. Auf Kosten des
Getreidebaues und seines „Schattens“, des Kartoffelbaues,
werden nahezu alle übrigen Kulturen eingeschränkt.

Vor allem ist der Anbau von Hülsenfrüchten um nicht weniger
als 32 % zurückgegangen. Die Produktion derselben ist heute eine
gänzlich unzureichende. Im abgelaufenen Jahrzehnt mussten jedes
Jahr hindurch mehr als hunderttausend Tonnen eingeführt werden.

Desgleichen ist der Bau von Handelsgewächsen wesentlich ein-
geschränkt worden. Dabei haben wir auch hier mit einem die Produktion
weit übersteigenden Bedarf zu rechnen. Insbesondere die Lage des
deutschen Obstbaues stellt derWirthschaftlichkeit und dem rationellen
Betriebe der deutschen Landwirthe kein schmeichelhaftes Zeugniss aus.
Mussten wir doch während des letzten Jahrzehnts im Jahresdurch-
schnitt 110 Tausend Tonnen frisches und 140 Tausend Tonnen trockenes
Obst einführen, dazu 19 Tausend Tonnen Weinbeeren. Abgesehen
von Hopfen, dessen Ausfuhr jedoch in den letzten Jahren bei gleich-
zeitig zunehmender Einfuhrziffer stark abgenommen hat und sich
nur noch auf 3000 Tonnen Mehrausfuhr beläuft, weist einen Aus-
fuhrüberschuss nur noch Zucker auf, bei dem die auf Kosten der ein-
heimischen Konsumenten gewährte Ausfuhrprämie dem Rübenbau
von vornherein einen „angemessenen Gewinn“ sichert.

Einen sehr grossen Ausfall ergiebt ferner die Erzeugung einer
Reihe wichtiger Rohmaterialien für industrielle Zwecke. Um nur die

Hülsen=

friichte.

Handels-

gewächse.

Rohstoffe
für die
Industrie.
        <pb n="11" />
        ﻿10

Futter»

pflanzen.

Viehzucht.

Rinder.

allerwichtigsten anzuführen, mussten wir im Jahresdurchschnitt 1890/91
einführen: nahezu 1 000 000 t Gerste, 109 000 t Raps, 5000 t
Leinsaat, 20000 t Mohn, 35000 t Flachs, 25000 t Hanf und 14000 t,
Hede. Gegenüber all diesen Ziffern kann die oft angeführte Be-
gründung der Einschränkung des Handelsgewächsbaues mit der
„Furcht vor Ueberproduktion“ nur als schlecht gewählte Ausrede be-
zeichnet werden.

Am verhängnissvollsten vielleicht ist aber die skizzirte Ent-
wicklungsrichtung für die deutsche Viehzucht. Von den Futter-
pflanzen weisen die werthvollsten: Klee, Luzerne und Esparsette
eine erhebliche Abnahme auf, wofür die Zunahme des Futterriiben-
und Möhren-Anbaues nur als ein sehr magerer Ersatz bezeichnet werden
kann. Unter diesen Umständen ergiebt sich ein sehr bedeutendes
Deficit an Futtermitteln, zu dessen Deckung die deutsche Landwirth-
schaft auf das Ausland angewiesen ist. Sie bezog denn auch im
letzten Jahrzehnt ganz enorme Mengen hiervon. Das deutsche
Reich importirte im Jahresdurchschnitt 865 000 Tonnen Mais, 467 000
Tonnen Kleie und Malzkeime, 279 000 Tonnen Hafer (trotz der
Ausdehnung des Haferanbaues!) und 256 000 Tonnen Oelkuchen.
Dazu kommen noch 5000 t Gras und 16 000 t Kleesaat. Die ge-
waltige Steigerung des Defizits zeigt ein Vergleich der Mehreinfuhr
am Anfang und Ende des letzten Jahrzehnts. Dieselbe betrug in
Tausend Tonnen beispielsweise für:

	Kleie etc.	Oelkuchen	Mais
1890	279	169	562
1899	679	340	1627

Diesen Zahlen gegenüber wird man wohl behaupten können,
dass die Grundlagen der deutschen Viehzucht zu einem
sehr erheblichen Theile im Auslande liegen.

Prüfen wir nun die Lage der deutschen Viehzucht selbst. Die
Grundlage der Fleischnahrung bildet der Nährkraft nach das Rind-
fleisch und von diesem wiederum das Ochsenfleisch. Für den Werth
der Fleischproduktion eines Landes kommt daher der Bestand an
Rindvieh in erster Linie in Betracht. Im deutschen Reiche wurden
gezählt in 1000 Stück:

	1873	1897
Kälber bis zu 6 Monaten . .	. 1 470	2 071
Jungvieh bis zu 2 Jahren .	.	. 3 666	4 401
Kühe		. 8 961	10466
Stiere und Ochsen . .	.	.	. 1 680	1 553
        <pb n="12" />
        ﻿11

Gerade die werthvollste Gruppe der Rindviehzucht weist also einen
Rückgang auf. Kühe besitzen, abgesehen von der geringeren
Qualität des Kuhfleisches an sich, relativ geringes Körpergewicht
und ungünstiges Schlachtgewicht. Was vom Jungvieh zur Schlacht-
bank kommt, sind in der Regel Stücke, welche zur Zucht nicht taugen;
vor allem liefert unser Jungvieh, da frühreife Thiere nach Art der
englischen Rasse bei uns nicht gezüchtet werden, unverhältnissmässig
viel Knochen und ein nicht sehr begehrtes Fleisch. Es sind dies
Momente, welche den Werth der Vermehrung dieser beiden Kate-
gorien wesentlich verringern; ebenso fällt die allerdings sehr erheb-
liche Zunahme der Kälber für die Versorgung des deutschen Volkes
mit Fleisch sowohl der relativ geringen Menge, als der geringeren
Qualität ihres Fleisches wegen nicht allzuschwer ins Gewicht.

Ein Ausgleich zwischen Bedarf und Vorrath durch Einfuhr aus
dem Auslande wird durch die angeblich hygienischen Massregeln der
agrarischen Wirtschaftspolitik verhindert, oder wenigstens erheblich
erschwert. Die durchschnittliche Jahreseinfuhr des letzten Jahrzehnts
betrug nur:

47 000 Ochsen,

97 000 Kühe,

68 000 Stück Jungvieh.

An Schweinen wurden gezählt in tausend Stück:

	1883	1892	1897	
Unter 1 Jahr . .	.	. . 7 134	9 370	11 639	
1 Jahr und darüber	. . 2 072	2 804	2 635	
Es tritt in diesen Ziffern	deutlich die in	der Praxis	vielfach
beobachtende Tendenz zu	Tage, Thiere im	Alter von	Va bis

3/i Jahren zur Schlachtung zu führen, um den Umschlag des darin
investirten Kapitals zu beschleunigen. Dass auf diesem Wege jedoch
die Fleischproduktion an sich nicht erhöht wird, liegt auf der Hand.
Die Einfuhr von Schweinen wird ebenfalls immer mehr unterbunden
sie betrug im Jahre 1899 nur 70 000 Stück.

Der Bestand an Schafen ist in der £eit von 1873—1897 von 25
auf nicht ganz 11 Millionen zurückgegangen. Von diesem Bestände
wird noch ein sehr erheblicher Bruchtheil (274 000 Stück im Jahresdurch-
schnitt) ins Ausland exportirt. Für die Fleischversorgung kommt also
die Schafhaltung nicht erheblich in Betracht.

Um die Pferdezucht nicht zu übergehen, sei kurz erwähnt,
dass der einheimische Bestand an Pferden zwar eine langsame Zu-

Schweine.

Schafe.

Pferde.
        <pb n="13" />
        ﻿

12

nähme aufweist, — von 3352.000 Stück in 1873 auf 4038.000 in 1897, -
den Bedarf jedoch keineswegs zu decken im Stande ist. Die Mehr-
einfuhr stieg von 72.000 Stück im Jahresdurchschnitt 1890/94 auf
104.000 im Jahresdurchschnitt 1895/99.

Schwer darnieder liegt leider unsere Geflügelzucht. Die für
Preussen stattgehabte Zählung hat Resultate ergeben, welche die Be-
fürchtungen der ärgsten Pessimisten noch übertroffen haben. Das
Missverhältniss zwischen Bedarf und Produktion auf diesem Gebiete
zeigt sich deutlich darin, dass wir im letzten Jahre nicht weniger als:

35 000 Tonnen Federvieh,

113 000	„	Eier,

10 000	„	Bettfedern	importirten.

Verhältnis
zwischen
FIeischpro=
duktlon und
Fleischbedarf.

Der Versuch, auf Grund der vorliegenden Zahlen das Ver-
hältniss zwischen Fleischproduktion und Fleischverbrauch im deutschen
Reiche im allgemeinen zu berechnen, stösst leider auf die Schwierig-
keit äusserst unsicherer Ziffern für den Konsum. Die von sachver-
ständiger Seite bisher vorgenommene Schätzungen schwanken zwischen
30 und 40 kg pro Kopf der Bevölkerung.

Das deutsche Reich weist im allgemeinen — und zwar schon seit
Jahrhunderten — einen im Verhältniss zu den Kulturstaaten des Aus-
landes abnorm niedrigen Fleischkonsum auf. Beispielsweise wurde
der Konsum pro Kopf der Bevölkerung

in Deutschland	.	.	1867 auf	18 kg,

„ Frankreich	.	.	1862 „	26 „

„ England .	.	.	1868	,,	46 „

berechnet. Inzwischen ist er allenthalben erheblich gestiegen. In
England betrug er nach sachverständigen Feststellungen 1891—1895
etwa 55 kg auf den Kopf. Ungefähr ebenso hoch, vielleicht noch
höher, muss nach den Anforderungen der Physiologie der nothwendige
Fleischbedarf unter Berücksichtigung der Zusammensetzung des
deutschen Volkes nach Alter, Geschlecht etc. für das deutsche Reich
geschätzt werden. Die Fleischversorgung des deutschen
Reiches ist also eine gänzlich unzureichende.

Thierische	Auch den Bedarf an Fett vermag die deutsche Viehzucht nicht

Produkte.

zu decken. Während das deutsche Reich bis vor 5 Jahren ein Butter
exportirendes Land war, sind wir auch hier seit 1894 „passiv“. Die
Schmalzeinfuhr ist seit Jahren sehr beträchtlich. Auch der Käse-
import ist nicht unbedeutend.
        <pb n="14" />
        ﻿13

Die enorm schnelle Zunahme des Deficits wird durch
nachstehende Tabelle ersichtlich.

Der Einfuhrüberschuss betrug in 100 Tonnen bei

	1895	1896	1897	1898	1899
Butter . . .	2	7	65	77	99
Käse . . . .	71	84	106	129	141
Schmalz etc. .	780	916	1176	1419	1332

Zum Schlüsse wäre noch anzuführen, dass das deutsche Reich
durchschnittlich 147 000 Tonnen Schafwolle, 77 000 Tonnen Häute und
Felle, 6000 Tonnen Bettfedern und 16 000 Tonnen Talg mehr ein-
führt, dass also auch hinsichtlich dieser Rohprodukte ein grosses
Deficit in der deutschen Viehzucht sich ergiebt.

Der Vollständigkeit halber wollen wir noch kurz der Forst-
wirthschaft gedenken, da auch sie ja vermehrten Zollschutzes tlieil-
haftig werden soll. Dass die Produktion auch hier den Bedarf ins-
besondere an Nutzholz nicht im entferntesten zu decken vermag,
ist notorisch. Die Mehreinfuhr betrug im Durchschnitte der Jahre in
1000 Tonnen:

1890—94 1895—99 1899

Bau- und Nutzholz roh....................... 1 567	1 969 2 471

„	„	„	nach der Längaxe beschlagen	474	55 5	694

„	„	„	gesägt.................... 655	I 070	1 546

Wenn wir unsere Ausführungen zusammenfassen, so kommen
wir zu einem für die deutsche Landwirthschaft sehr ungünstigen
Ergebnisse:

Die deutsche Landwirthschaft vermag heute auf keinem Gebiete
den an sie gestellten Anforderungen zu entsprechen. Sie ist nicht
mehr im Stande dem deutschen Volke das erforderliche Brot zu
beschaffen, sie vermag ferner nicht annähernd den Bedarf an
Fleisch und anderen thierischen Nahrungsmitteln zu decken, sie
erscheint endlich vollständig ausser Stande, den gewaltig ge-
stiegenen Verbrauch an industriellen Rohstoffen zu befriedigen.
Die deutsche Landwirthschaft hat ihre Kräfte auf allen Gebieten
gleichzeitig eingesetzt und daher zersplittert. Dadurch ist ihre
Stellung im nationalen Wirthschaftsleben eine schiefe geworden. Sie
verlangt auf der ganzen Linie Schutzzoll für ihre Produkte und geräth
damit in unlösbare Widersprüche mit den übrigen Produktionszweigen,
denen sie die nothwendigen Lebensmittel für ihre Arbeiter, sowie

Forst=

wlrthschaft.

Gesammt-
leistung der
deutschen
Land-
wirthschaft.
        <pb n="15" />
        ﻿14

theihveise die erforderlichen Rohstoffe und Halbfabrikate vertheuert.

Die deutsche Landwirthschaft wird die ihr zukommende Stellung
in der deutschen Volkswirthschaft nur dadurch gewinnen können, dass
sie sich in die Weltwirthschaft ein- und ihren Bedürfnissen unterordnet.
Sie wird im Zeitalter der internationalen Arbeitstheilung nicht alles
und nur halb, sondern eines und das ganz zu leisten haben. Sie
wird also vor Allem nicht gleichzeitig den Bedarf des deutschen
Volkes an Getreide und Fleisch decken können, sondern sich für
eins von beiden entscheiden müssen. Da allerdings tritt der Interessen-
gegensatz zwischen dem deutschen Baue'r als dem Viehzüchter und
dem Grossgrundbesitzer als dem Getreideproducenten klar zu
Tage. Und so wird denn in absehbarer Zeit das deutsche Volk das
Schauspiel erleben, dass der letzte Kampf um die Getreidezölle nicht
zwischen Industrie und Landwirthschaft, sondern zwischen dem
deutschen Bauer und dem Latifundienbesitzer ausgefochten wird.

III.

Aufschwung Die zweite grosse Wirthschaftsgruppe umfasst Industrie

der

industriellen und Gewerbe. Wir besitzen hierfür leider keine umfassende Pro-

Thatigkeit. (juktionsstatistik, weder aus vergangener Zeit noch aus der Gegen-
wart, aber wir besitzen ein zuverlässiges Barometer für den Grad
der industriellen Thätigkeit eines Landes im Verbrauch von Kohle
und Eisen.

Im deutschen Zollgebiet betrug der durchschnittliche Jahres-
verbrauch in Millionen Tonnen von

	Kohle	Eisen
1876-80	51	2,3
1881—85	66	3,4
1886—90	81	4,2
1891—95	99	5,1
1896 - 99	125	7,3
1899	137	8,6
Den durchschnittlichen Verbrauch		des ersten Jahrfünfts
gesetzt, betrug die Zunahme des Verbrauchs von 1876—80 bis		
	Kohle	Eisen
1881—85	29 o/o	48 %
1886—90	590/o	83 0/0
1891—95	94 0/o	122 0/o
1896—99	145 0/0	217 0/0
1899	1690/0	274 o/0
        <pb n="16" />
        ﻿15

Der oben bereits erwähnten Zunahme der industriellen Be-
völkerung um 25% bei gleichzeitiger Zunahme der Gesamtbevölkerung
um nur 15% während der Jahre 1882—1895 steht also ein Anwachsen
des Kohlenverbrauchs um 169% und des Eisenverbrauches um 274%
während der Periode 1876/80—1899 zur Seite. Diese Zahlen reaen
eine so beredte Sprache, dass jede weitere Ausführung nur den Ein-
druck abschwächen würde.

Es ergiebt sich schon aus diesen gewaltigen Zuwachsraten, dass
auf industriellem Gebiete die Produktion des Deutschen
Reiches weit über den Rahmen des einheimischen Bedarfs
hinausgewachsen ist und ihren Absatz mehr und mehr auf
dem Weltmarkt sucht. Diese übrigens ja hinreichend bekannte
Thatsache wird eindringlich bestätigt durch die Ziffern unserer
Handelsstatistik, welche eine gewaltige und in den letzten Jahren
schnell steigende Mehreinfuhr von Rohstoffen und Mehrausfuhr in
Fabrikaten verzeichnen. Darnach betrug die deutsche

Verhältniss
zwischen
Produktion
und Bedarf.

Jahr	Einfuhr Ausfuhr Mehrausfuhr  von Fabrikaten in Millionen Mark  c			Procentuale Zunahme des Ausfuhrüber- schusses
1890	981	2148	1167	100
1891	904	2049	1145	98.2
1892	856	1950	1094	93.8
1893	901	1998	1097	94.1
1894	835	1879	1044	89.5
1895	926	2180	1254	107.5
18%	939	2301	1362	116.8
1897	966	2305	1339	114.7
1898	1015	23%	1381	118.4
1899	1148	2712	1564	134.1

Ziehen wir die Bilanz, so haben wir einen grossen Debet-
Saldo auf Seiten der Landwirthschaft, zu dessen Ausgleich wir
das Ausland als Abgeber in täglich steigendem Umfange heranziehen
müssen, und einen noch grösseren Credit-Saldo auf Seiten
der Industrie, für welche wir wiederum das Ausland als Abnehmer
brauchen. Wir können also das Ausland aktiv wie passiv nicht
entbehren.
        <pb n="17" />
        ﻿16

Aeusserer
und innerer
Markt.

Absatz-
gebiete der
Deutschen
Industrie.

Nun sagen allerdings die Vertreter der Hochschutzzoll- und
Abschliessungspolitik: Wenn man vermittelst hoher Zölle die Kauf-
fähigkeit der einheimischen Bevölkerung steigere, so sei auch bei
einer Einschrumpfung des Absatzes ins Ausland der deutsche Innen-
markt im Stande für eine genügende Verwerthung der einheimischen
Produkte Gewähr zu leisten.

So plausibel dieser Gedankengang auf den ersten Blick er-
scheint, so wenig stichhaltig erweist er sich bei näherer Prüfung.
Wie die Verhältnisse heute liegen, erscheint es ausgeschlossen,
den Export durch entsprechende Steigerung der Kaufkraft
des inneren Marktes auch nur annähernd zu ersetzen. Abge-
sehen davon, dass die sogenannte Steigerung der Kaufkraft durch
ein allgemeines Hochschutzzollsystem grossentheils nur eine schein-
bare ist, weil die Preise der Güter etwa in gleichem Maasse steigen,
wie die Kauffähigkeit der Produzenten, ist zu beachten, dass gerade
diejenigen Kreise, deren Kaufkraft man in erster Linie zu steigern
beabsichtigt, als Absatzkreis für die meisten Branchen unserer Export-
Industrie nicht oder nur in geringem Umfange in Betracht kommen
können. Oder sollen vielleicht die deutschen Bauern durch Schutzzölle
zu einem Mehrbedarf an Gement, Glacehandschuhen, Anilinfarben,
Gold- und Silberpapier, Seidenwaaren, Blei- und Farbstiften, Klavieren,
künstlichen Blumen, Chromolithographien und all den zahllosen anderen
Artikeln veranlasst werden, die heute im deutschen Export in erster
Reihe stehen? Ausserdem aber halte man sich gegenwärtig, dass
unserer Volkswirthschaft eine gewaltige Summe unentbehrlicher Roh-
stoffe und Nahrungsmittel fehlen, die aus dem Ausland bezogen werden
müssen. Schon um diese dem Ausland bezahlen zu können, von
denen bestenfalls nur ein kleiner Bruchtheil wirklich durch in-
ländische Produktion fertiggestellt werden könnte, müssen wir
unsern Export auf denjenigen Gebieten, wo die deutsche Industrie
auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist, mit allen Kräften aufrecht-
erhalten und ausdehnen.

Dies ist die wichtige Aufgabe, welche unsere Handelspolitik
gegenwärtig zu lösen hat.

Versuchen wir den Begriff des Weltmarktes etwas zu präcisiren,
indem wir prüfen, welche Staaten es vornehmlich sind, nach
denen das deutsche Reich seine Fabrikate ab setzt. Nach unserer
        <pb n="18" />
        ﻿17

Handelsstatistik betrug 1899 der Werth der Waarenausfuhr in Millionen
Mark nach

Europa . . . .	3475
Amerika . . . .	602
„Ver. St. v. Am.“	378
Asien		181
Afrika		70
Australien . . .	40

Fassen wir die amerikanische Union, die ihren wirthschaftlichen
und kulturellen Verhältnissen nach den europäischen Staaten an die
Seite zu stellen ist, mit Europa zusammen, so betrug unsere Ausfuhr
in Millionen Mark nach den

Kulturstaaten . . . 3853
exotischen Ländern 515

So reiche Anerkennung den erfolgreichen Bestrebungen unseres
Handelsstandes, der deutschen Waare in den fremden Welttheilen
einen Markt zu erobern, gebührt, — vom Standpunkte der Handels-
politik ist die Thatsache ausschlaggebend, dass fast neun Zehn-
tel unseres Gesamtexports von den Kulturstaaten absorbirt
werden.

Gehen wir noch weiter ins Einzelne und ordnen diese nach
dem Wert unserer Ausfuhr dorthin. Derselbe betrug im letzten Jahr
in Millionen Mark nach:

Gross-Britannien ....	853

Oesterreich-Ungarn	.	. .	466

Russland einschl. Finnland	437

Vereinigte Staaten	.	. .	378

Niederlande.......... 328

Schweiz.............. 285

Frankreich........... 217

Belgien.............. 207

Schweden............. 136

Dänemark............. 126

Italien.............. 116

Norwegen , .	. .	.	..____77

zusammen:	3626

oder 83% des Gesamtausfuhrwertes von 4368 Mill. M.
        <pb n="19" />
        ﻿18

Unsere Hauptabnehmer sind also diejenigen Staaten,
mit welchen wir Handelsverträge ab zuschli essen oder zu
erneuern haben.

Wirkungen"1 Wozu brauchen wir nun überhaupt Handelsverträge? Warum
der Handeis-genügt es nicht, wenn jedes Land seinen autonomen Zolltarif
vertrage,	Ghne pe; dessen Aufstellung auf das Ausland Rücksicht zu

nehmen?

Die Nothwendigkeit ständigen Absatzes nach den Staaten des
Auslandes bedarf, wenn wir uns nicht der Gefahr plötzlicher
schwerer Krisen aussetzen wollen, einer sicheren Festlegung der
formalen und rechtlichen Voraussetzungen, unter denen wir dorthin zu
exportiren begonnen haben. Vor allen Dingen muss der deutsche Kauf-
mann geschützt sein dagegen, dass in seinem bisherigen Absatzgebiet
plötzlich mit Hülfe starker Zollerhöhungen eine einheimische
Industrie emporgezüchtet oder vermittelst differentieller Zollherab-
setzungen die Konkurrenzstaaten begünstigt werden. Darum muss
auf dem Wege gegenseitiger Staats Verträge das Recht der
Meistbegünstigung vereinbart und für die wichtigsten Positionen
des betreffenden Zolltarifs die Höhe der Zölle festgelegt und
gebunden, eventuell soweit ermässigt werden, dass der deutsche
Kaufmann konkurrenzfähig wird. Und zwar müssen diese Verträge
für eine geraume Reihe von Jahren abgeschlossen werden, denn
das Anknüpfen von Geschäftsverbindungen, das Studiren des aus-
ländischen Bedarfs, das Einrichten der Produktion auf die speciellen
Bedürfnisse des Landes etc. kostet Zeit und Geld und ist nur dann
rentabel, wenn die Ausnützung dieser Maassnahmen auf eine gewisse
Zeit hinaus gesichert ist.

Der hohe Werth der Handelsverträge für unseren Export geht
evident aus der oben (S. 15) gegebenen Tabelle hervor. Dieselbe lässt
den verhängnissvollen Einfluss des Zollkriegs und die segensreichen
Wirkungen der Caprivischen Handelsverträge in den Ziffern der Jahre
1891—94 und 1895—99 klar erkennen.

Noch deutlicher erhellt die Wirkung der Handelsverträge aus
folgender Tabelle. Es betrug im jährlichen Durchschnitt in Millionen
Mark die:
        <pb n="20" />
        ﻿19

	Einfuhr aus den		Ausfuhr nach den	
	V ertrags-	Nichtvertrags-	Vertrags-	Nichtvertrags-
	Staaten	Staaten	Staaten	Staaten
1887—91 :	1626,8	2271,3	1003,1	2306,6
1892—97:	1643,3	2741,6	1184,8	2217,4
Differenz	+ 16,5	+ 470 3	+ 181,7	- 89,2
Procentual	+ 1%	+ 21 o/o	+ 18°/o	- 40/o
Es ist also	unsere	Ausfuhr nach den		Vertragsstaaten

bei nur unbedeutend erhöhter Konkurrenz derselben auf dem Innen-
markt um 18% gewachsen, dagegen die Konkurrenz der Nicht-
vertragsstaaten auf dem deutschen Markt unter Zurückdrängung
unseres Exportes dorthin um 21% gestiegen.

Diese Ziffern lassen zur Genüge die Grösse der Aufgaben er-
kennen, welche unserer Handelspolitik gestellt sind. Von gegnerischer
Seite wird nun freilich der Schutz der einheimischen Produktion
gegen die Auslandskonkurrenz in den Vordergrund gestellt und ihm
ein höherer wirthschaftlicher Werth beigemessen, als der Offenhaltung
der fremden Märkte für unseren Export. Prüfen wir also kurz die
Bedeutung des Zollschutzes für das einheimische Wirthschaftsleben.

IV.

Dem Fiskus haben die Zölle unstreitig reiche Einnahmen ge- Wirkungen
bracht; in Millionen Mark betrugen die Erträge der Zölle von:	Zollschutzes-

Nahrungs- und Genuss- Rohstoffen für die _ , ..

Fabrikaten

mittein (einschl. Vieh)	Industrie

1892/93	274	15	85

1898/99	364	32	115

Unser Interesse konzentrirt sich auf die Frage: Wie haben die
Zölle auf die Gestaltung von Produktion und Konsum
gewirkt?

Die relativ geringsten Erträge liefern demnach die Zölle auf
Rohstoffe. Belastet werden durch diese der Land- und Forstwirth-
schaft, bezw. dem Bergbau zu Gute kommenden Zölle einerseits die in
Mitleidenschaft gezogenen Industriezweige, andererseits die Kon-
sumenten der aus den betreffenden Rohstoffen erzeugten Waaren.
        <pb n="21" />
        ﻿20

Zölle auf Rohstoffe für industrielle Zwecke sind in einem industriell so
entwickelten Staate wie Deutschland widersinnig und ihre grund-
sätzliche Verwerflichkeit wird auch durch die verhältnissmässige
Geringfügigkeit des Ertrages nicht gemildert.

Einen erheblich grösseren Ertrag ergeben bereits die Zölle auf
Fabrikate. Im Vergleich mit dem Verbrauch von Fabrikaten im In-
lande erscheint derselbe allerdings nicht allzu hoch, aber auch ihr
Nutzen für die deutsche Industrie dürfte überschätzt werden. Wenigstens
haben an dem grossen Aufschwünge der deutschen Industrie während
der letzten Jahrzehnte mannigfache andere Faktoren mitgewirkt und
im grossen und ganzen die Schutzzölle hieran doch einen bedeutend
geringeren Antheil gehabt, als die Intelligenz und der Fleiss unserer
Industriellen, Kaufleute und Arbeiter, jedenfalls einen geringereren
als man ihnen in schutzzöllnerischen Kreisen beimisst.

Das Schwergewicht der Zollerträge liegt in den Zöllen auf
Nahrungs- und Genussmittel, einschliesslich Vieh. Wenn wir die
Zollerträge für die einzelnen Artikel dieser Kategorie spezialisiren
und zum Vergleich auch die wichtigsten Fabrikate heranziehen, so
ergeben sich folgende Ziffern.

Der Zollertrag betrug per Kopf der Bevölkerung in Pfennigen
im Durchschnitt der Jahre:

1883—87	1898—99

I. L'andwirthschaftliche Erzeugnisse:

Getreide und Hülsenfrüchte, Malz ....	64	252
Mühlenfabrikate		0	6
Fleisch, Rind- und Schafvieh j	10	29
Schweine und Spanferkel	)		
Schmalz, Butter, Margarine		9	28,5
Eier		2	5
Käse		2	5
Obst, Sämereien, Beeren u. s. w		0	6
Wein		31	29
Bau- und Nutzholz		12	33,5
II. Industrieprodukte:		
Baumwollengarn und Baumwollenwaaren .	15	16,5
Wollengam und Wollenwaaren		9	8
Seidenzwirn nnd Seidenwaaren		7	7,5
        <pb n="22" />
        ﻿21

%	1883—87	1888 - 99
Leinengarn und Leinenwaaren .		 5	4
Leder und Lederwaaren . .	.		 4	5
Roheisen			 4	8
Eisenwaaren			11,5
Thon- und Glaswaaren ....		 3	4
Holzwaaren			 3	5
Maschinen			 3	6
Der weitaus grösste Theil	der Zollerträge	entfällt also
die unentbehrlichen Nahrungsmittel. Der		durchschnitt-

liehe Zollertrag für Brot, Fleisch, Fett, Eier, Käse und Obst stieg
von 0,87 M. in 1883—7 auf 3,36 M. in 1898/9, also auf das Vier-
fache! In zweiter Linie folgen Holz und Wein. Erst dann reihen
sich mit relativ geringen Beträgen die Industrie-Produkte an. Unter
diesen Umständen ist es erklärlich, dass bei dem gegenwärtigen Kampf
um die Gestaltung des neuen Zolltarifs die Getreidezölle weitaus im
Vordergründe der Diskussion stehen.

Von agrarischer Seite freilich wird hartnäckig die Behauptung
aufrecht erhalten, dass der Zoll nicht vom Inlande, sondern vom Aus-
lande getragen wird, und soweit man eine Erhöhung des Getreide-
preises zugesteht, wird wenigstens die Uebertragung derselben auf
Mehl und Brot und damit die Belastung des Konsums durch den Zoll
abgeleugnet. Richtig ist, dass im einzelnen sich natürlich die Wirkung
des Zolls intensiver oder schwächer äussert, je nach dem Ausfall
der inländischen und der Welternte und dem Stande des Weltmarkt-
preises. Im allgemeinen aber kann es keinem Zweifel unterliegen,
dass im grossen Durchschnitt der Zoll thatsächlich das Inland be-
lastet. Zu diesem Schlüsse kommt auch Conrad in seiner neusten
Veröffentlichung in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik auf
Grund ausführlicher Preisstatistiken. Wir entnehmen denselben
zur Illustration nur ein Beispiel:

verzollt unverzollt war also verzollt theurer um

Weizen..............151,11	117,21	33,90

Roggen.............. 139,48	107,33	32,15

Der Zollsatz	betrug	—	—	35,—

Davon, dass der Zoll im allgemeinen vom Ausland getragen
werde, kann jedenfalls angesichts der von Conrad beigebrachten

Trägt das
Ausland
den Zoll?
        <pb n="23" />
        ﻿22

Ziffern nicht die Rede sein. Bezüglich der Wirkung des Getreide-
Zolls auf Mehl- und Brotpreise erachtet der Verfasser ein enges
Zusammengehen von Getreide-, Mehl- und Brotpreisen als erwiesen
und beruft sich dabei nicht nur auf die bekannten Veröffentlichungen
des Berliner statistischen Bureaus, sondern auch auf seine eigenen
eingehenden Untersuchungen in Halle. An der allmählichen Ab-
wälzung des Zolles auf die Konsumenten ist nicht zu zweifeln. Der
Zoll ist und bleibt ein Opfer, welches der Allgemeinheit auferlegt
wird, um- einer Sondergruppe zu nützen. Prüfen wir nun, wie
gross diese Gruppe ist, welcher der Zoll zu Gute kommt.

Die	Wir müssen hierzu die Vorfrage zu beantworten suchen, welche

Interessenten

der Getreide-Landwirthe über den eigenen Bedarf hinaus Getreide produziren und
zolle' demgemäss als regelmässige Verkäufer von Brotfrüchten am Markte
auftreten.

Für die Getreidezölle beschränken wir die Frage auf den
Roggen- und Weizenzoll. Die deutsche Reichsstatistik bietet uns
hierfür keinen ausreichenden Anhalt. Wir müssen daher versuchen,
mit den mageren Zahlen der Betriebsstatistik auf dem langwierigen
Wege von Durchschnitts-Berechnungen der Wahrheit möglichst nahe
zu kommen. Wir setzen zu diesem Zwecke die Anzahl der landwirth-
schaftlichen Betriebe als gleichbedeutend mit der Anzahl der selbst-
ständigen Landwirthe, und zwar der Landwirthe im Haupt- und
Nebenberufe. Auf jeden Landwirth rechnen wir ferner drei Angehörige
- das ist sehr gering gerechnet —• und auf den Kopf einen durch-
schnittlichen Jahreskonsum von 183 kg Brotgetreide. Weiter nehmen
wir die den einzelnen Grössenklassen angehörende landwirtschaft-
lich benutzte Gesammtfläche als durchschnittlich zu 1/3 mit Roggen,
Weizen und Spelz bestellt an.*) Endlich rechnen wir für Futter-
zwecke und den industriellen Bedarf durchschnittlich Vio der nach
Abzug der Aussaat übrig bleibenden Erntemenge ab.**) Als Zeitraum
für die Durchschnittsberechnung wählen wir die gesammte Periode
seit Einführung des Zolltarifes (1880—98).

*) Das ist für Betriebe bis zu 2 ha viel zu hoch gegriffen, da in

dieser Grössenklasse sehr wenig Getreide, sondern in der Hauptsache
Kartoffeln, Gemüse, Wein, Tabak gebaut wird; für die übrigen Betriebe
verringert sich der Fehler mit der Zunahme der Betriebsgrösse; auch die
        <pb n="24" />
        ﻿23

Unter diesen Voraussetzungen und Vorbehalten ergiebt sich als
verkäufliches Durchschnitts - Quantum an Brotgetreide für den
einzelnen Betrieb der jeweiligen Grössenklasse:

Betriebsgrösse  in ha	Anzahl der Betriebe nach der Zählung von 1895	Verkäuflicher Ueber-  schuss in dz
bis zu 1	2 529 000	—
1—2	707 000	—
2-3	448 000	—
3-4	324000	—
4—5	244 000	2V*
5—10	606 000	8
10—20	393 000	24
30—50	240 000	58
50—100	42 000	137
100—200	11 OCO	297
200-500	9 600	702
500—1000	3 600	1468
1000 und mehr	572	3091

Die Landwirthe der Grössenklassen unter 4 ha sind je nachdem
ausschliesslich, im wesentlichen oder doch zum grossen Theile darauf
angewiesen, Weizen und Roggen für den Nahrungs- und Futter-
bedarf zu kaufen. In der nächsten Klasse (3—4 ha) bilancirt rech-
nungsmässig Erzeugung und Eigenbedarf, in Wirklichkeit wird auch * **)

mittleren Landwiithe bestellen notorisch nicht t/a ihrer Ackerfläche mit
Roggen und Weizen, sondern bauen mehr Futterpflanzen und Handels-
gewächse. Die Hauptdomäne des Brotgetreidebaues ist unbestritten der
Grossbetrieb.

**) Das ist für die kleineren und mittleren Betriebe zweifellos zu wenig;
diese verfüttern mehr. Der Bund der Landwirthe hat eine Erhebung über
diese Frage veranstaltet und will festgestellt haben, dass durchschnittlich
27'/2°/o der Erntemenge von Roggen und Weizen verfüttert wird. Damit ist
sicherlich übers Ziel geschossen, nur für die kleineren Betriebe dürfte diese
Ziffer annähernd zutreffen. Wir haben jedoch, wie bemerkt, nur 10% in
Abzug gebracht.
        <pb n="25" />
        ﻿24

bei diesen Betrieben noch zugekauft werden müssen. Die Betriebe
mit 4—5 ha haben rechnungsmässig wohl einen Ueberschuss, auf dem
Kornboden wird er jedoch selten zu finden sein; auch für die Grössen-
klassen von 5—10 ha dürfte dies theilweise noch zutreffen: denn
gerade in diesen Betrieben schmälert die hier sehr stark betriebene
Viehzucht das verkäufliche Quantum Getreide recht erheblich. Im
allgemeinen wird also in Wirthschaften unter 10 ha wohl
nur wenig Brotgetreide zum Verkaufe produzirt werden.
Auch die Wirthschaften von 10—20 ha werden wohl nur in den
seltensten Fällen den rechnungsmässig vorhandenen Ueberschuss von
24 dz Weizen bezw. Roggen zu Markte führen.

Dagegen sind zweifellos für die Betriebe von 100 ha auf-
wärts die verkäuflichen Mengen grösser als in unserer Uebersicht auf-
geführt. Wenn der letzteren auch natürlich nur ein relativer Werth zu-
kommt, so ist sie doch jedenfalls einigermassen geeignet, die Frage
nach den Interessenten der Roggen- und Weizenzölle in bessere Be-
leuchtung zu rücken. Da der Hafer- und Gerstenbau im ganzen eben
dort ist, wo der Roggen- und Weizenbau zu finden ist, so können wir
den hieraus zu ziehenden Schluss verallgemeinern und sagen: Es
ist eine im Verhältniss zum grossen deutschen Volks-
körper geradezu verschwindende Anzahl von Landwirthen,
welche den Nutzen der Getreidezölle abschöpfen.

Die inter-	Die Interessenten der Vieh- und Fleischzölle haben wir auf

essenten der	.	.	.

Vieh- und anderer Seite zu suchen, nämlich in den bäuerlichen Betrieben.

Fieischzoiie.	jen Betriebszählungen von 1895 treffen auf 100 ha landwirth-

schaftlich benützter Fläche in Betrieben

	unter 2 ha	2—20 ha	20 ha und darüber
Rindvieh .	78	69	37
Schweine .	192	50	20

Es ist also die Viehzucht fast vollständig (80% und 92%) auf
den bäuerlichen Kleinbetrieb beschränkt und zwar die Schwein-
haltung zu % (73%), die Rindviehzucht fast zur Hälfte (45°/o) auf den
Parzellenbetrieb unter 2 ha!

Leider kommt nun der Nutzen der deutschen Viehzölle nicht
dem Bauer zu Gute, sondern wird ebenfalls vom Grossgrundbesitzer
        <pb n="26" />
        ﻿25

in die Tasche gesteckt. Wie schon oben aufgeführt, trifft nämlich
die Vermehrung des Viehstandes der bäuerlichen Betriebe meist
mit dem Rückgang der Erträge der wichtigsten Futterpflanzen zu-
sammen, so dass der Bauer darauf angewiesen ist, sehr viel Kraftfutter
zuzukaufen. Da nun bei rasch wachsender Nachfrage die Preise der
sämmtlichen Kraftfuttermittel aufeinander einwirken, so bewirkt die
durch den Getreidezoll herbeigeführte Preiserhöhung der zu Futter-
zwecken benutzten Getreidesorten gleichzeitig eine Preissteigerung
für alle übrigen Kraftfuttermittel, wie Kleie, Malzkeime, Oelkuchen
u. s. w. Der deutsche Bauer ist also bei der bisherigen Zoll-
politik sehr schlecht weggekommen, denn einerseits ist das
Schwergewicht der Schutzzollgesetzgebung auf Getreide gelegt,
welches der Bauer im grossen und ganzen wenig oder gar nicht ver-
kauft, und andererseits sind die Vieh- und Fleischzölle nicht den
bäuerlichen Viehproduzenten zu Gute gekommen, sondern neben dem
Getreidezoll ebenfalls in die Kasse des Grossgrundbesitzers geflossen.

Es erübrigt nur noch, den Einfluss der Getreidezölle auf Wirkung
die übrigen Produktionszweige kurz zu kennzeichnen. Zu- zai|eea„f dte
nächst sinkt mit der durch sie hervorgerufenen Verteuerung der «*&gt;rigen

^	&amp;	Produktions-

Lebensmittel nicht nur die Lebenshaltung des Volkes und damit zweige,
zum Theil die Leistungsfähigkeit des deutschen Arbeiters,
sondern gleichzeitig auch die Kaufkraft des inneren Marktes
für alle anderen Produkte. Denn Brot und Mehl machen einen so er-
heblichen Bruchtheil des Gesammtaufwandes kleiner Haushaltungen
aus, dass eine fühlbare Erhöhung der Preise für diese Artikel eine Ein-
schränkung des Konsums an anderen Waaren zur Folge haben muss.

Prof. Lotz hat berechnet, dass bei einem Haushaltungsbudget von
800—1300 M. ungefähr 150—200 M. jährlich auf Brot und Fleisch ent-
fallen. Bedenkt man nun, dass über % der deutschen Bevölkerung
ein Einkommen bis 900 M. jährlich haben und 96% nicht über 3000 M.
jährlich kommen, so leuchtet ein, dass die wirklich etwa gesteigerte
Kaufkraft gewisser landwirthschaftlicher Schichten durch die be-
schränkte Kaufkraft namentlich der industriellen Arbeiterschaft reich-
lich wett gemacht wird. Unter anderem wird gerade'der kleine und
mittlere Bauernstand in der Nähe städtischer Industriecentren
schweren Nachtheil hiervon haben; denn auch für die meisten der-
jenigen Artikel, welche er auf den städtischen Markt bringt, wie
Eier, Gemüse, Geflügel, Obst, Butter und dergl. wird die Arbeiter-
        <pb n="27" />
        ﻿26

Schaft ihren Bedarf entsprechend einschränken müssen. Auch von
dieser Seite aus zeigt sich wieder, dass die Politik des Bundes
der Landwirthe die einseitigen Interessen des Grossgrund-
besitzes und nicht die der gesammten deutschen Landwirt-
schaft vertritt.

Den grössten Schaden wird aber die deutsche Grossindustrie
haben. Die Wirkung für diese besteht in der Erhöhung der Löhne.
Nehmen wir mit Engel den jährlichen Bedarf an Brotgetreide mit
183 kg pro Kopf an, so braucht eine Arbeiterfamilie von 5 Personen
im Jahre 9 dz Brotgetreide. Bei dem jetzigen Zollsätze zahlt sie
davon an den Staat und an die Landwirtschaft mehr als
31 M. Rechnet man dazu noch die Zölle für Fleisch, Fett, Butter usw.,
so erhöht sich dieser Betrag noch um ein Beträchtliches. Um die
Zölle müssen die Löhne erhöht werden, und damit erfahren die
Produktionskosten unserer Fabrikate eine sehr gefährliche Erhöhung,
die uns den Wettbewerb auf dem Weltmarkt erschweren kann und
wird. Unsere Löhne sind augenblicklich noch etwas niedriger als in
England, unserem grossen Rivalen, aber sie sind in den letzten Jahren
sehr bedeutend gestiegen. Wir haben für die letzten 10 Jahre eine
Steigerung der Tagelöhne um volle 1O°/0 zu verzeichnen und der
Preis der qualifizirten Arbeit ist noch rascher und bedeutender ge-
wachsen. Wir schliessen unsere Ausführungen mit einer Tabelle,
welche eindringlicher als alle logischen Erörterungen erkennen lässt,
was der Getreidezoll für die Konkurrenzfähigkeit der deutschen
Industrie auf dem Weltmarkt bedeutet. Die Tonne Weizen kostete

nach Conrad:  in Mark	in England	in Preussen	in England mehr +
1821—40	260	130	weniger — + 130
1841—60	245	190	+ 55
1861—80	350	325	+ 25
1881—90	147	174	— 27
1891—98	130	165	— 35

Und dazu kommt nun endlich, dass die Absatzbedingungen im
Auslande sich aller Voraussicht nach erheblich verschlechtern
würden. Gerade zweiLänder, welche zu unsern allerwichtigsten Absatz-
gebieten gehören, die Vereinigten Staaten von Amerika und Russland,
sind mit ihren vitalsten Interessen an der Offenhaltung des deutschen
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Marktes für ihr Getreide gebunden. Andere Staaten, wie Italien,
Oesterreich-Ungarn, Holland und Belgien, würden durch Zollerhöhungen
auf allerlei andere landwirthschaftliche Produkte sehr fühlbar getroffen
werden. Wenn wir auf der Grundlage der agrarischen Forderungen
überhaupt zu Handelsverträgen kommen, was noch sehr zu bezweifeln
ist, so werden jedenfalls die Vergünstigungen, welche das Ausland
uns zu gewähren bereit ist, sich in äusserst engen Grenzen halten.
Sehr wahrscheinlich ist aber, dass man direkt zu Repressalien greifen
wird, welche unserer exportirenden Industrie den Absatz ins Ausland
theils erschweren, theils unmöglich machen.

Aus allen diesen Erwägungen ergiebt sich, dass der geringe
Nutzen, der mit einer Erfüllung der agrarischen Wünsche
bestenfalls für eine kleine Zahl von Interessenten erzielt
werden kann, in gar keinem Verhältniss steht zu den
schweren Gefahren, welche er sowohl für die grosse Masse
der Konsumenten als für die Entwicklung unserer heute
blühenden Industrie, Schifffahrt und Handel mit sich
bringt. Aus diesem Grunde muss den exorbitanten Forderungen
der Agrarier gegenüber mit Entschiedenheit daran festgehalten
werden, dass der gegenwärtige Zustand nicht noch mehr ver-
schlechtert wird.

Der Zoll auf Brotgetreide, der erst als „Ordnungszoll“ in Höhe
von M. 1.— eingeführt, dann auf M. 3.— erhöht wurde, beträgt seit
1887 im heutigen deutschen Generaltarif bereits den hohen Satz von
M. 5.—, das bedeutet ca. ein Drittel des Waarenwerthes. Jede Er-
höhung dieses Satzes, die unweigerlich auch eine entsprechende
Erhöhung des Vertragssatz es nach sich ziehen würde, bedeutet den
Umständen nach einen schweren Schlag für die Industrie, sowie fin-
den der Zahl nach grösseren Theil der deutschen Landwirthe
selbst.

Die Höhe des Vertragszolls lässt sich — auch vom Standpunkte
des industriellen Interesses aus — im Voraus nicht genau fixiren, da
sicherst aus den Vertragsverhandlungen selbst ergeben kann, welcher
Zollsatz den Gegengeboten des Auslands entsprechend erscheint.
Wollte man also heute bereits sich auf den durch die vorigen Han-
delsverträge normirten Satz von 3.50 M. festlegen, so schüfe man
damit für die betr. Artikel den Doppeltarif mit Maximal- und Mini-
mal-Satz, gegen dessen Einführung sich die weitesten Interessenten-

Resume.
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        ﻿28

kreise aus gewichtigen Gründen mit Recht verwahren. Der Vertrags-
satz kommt aber zur Zeit auch garnicht praktisch in Frage. Für einen
bestimmten Vertragssatz einzutreten, wird der Moment erst gekommen
sein, wenn wir in die Vertragsverhandlungen mit dem Ausland ein-
getreten sind und absehen können, was Russland und die übrigen an
unserer Getreideeinfuhr betheiligten Staaten für Aufrechterhaltung
des 3.50 M. Zolls uns zu gewähren bereit sind.

Was heute den Gegenstand des handelspolitischen Kampfes
bildet, ist der neue deutsche Generaltarif. Von der Höhe der
in ihn eingesetzten Zollsätze hängt zum grössten Theil auch die
Höhe der späteren Vertragssätze ab. Hier gilt es deshalb mit aller
Entschiedenheit dafür einzutreten, dass nicht unter dem Vorwand,
„Die Landwirtschaft“ zu schützen, von neuem einer engeren Gruppe
von Sonderinteressenten wiederum ein Geschenk auf Kosten der
Allgemeinheit gemacht wird.

Aus diesen Gründen hat sich der Handelsvertragsverein in
seiner Ausschusssitzung vom 20. December 1900 gegen jede Er-
höhung des Generaltarifsatzes für Brotgetreide erklärt, in
der Erwägung, dass dadurch nicht nur die Volksernährung beein-
trächtigt und die allgemeinen Landesinteressen geschädigt, sondern
auch die Landwirtschaft selbst, der man angeblich nützen will, in
eine einseitige Richtung gedrängt, vor allem ein besonders wichtiger
Theil derselben: der bäuerliche Kleinbetrieb, entschieden zu Gunsten
des Grossgrundbesitzes benachteiligt werden würde.

Druck von H. S. Hermann in Berlin.
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        ﻿.

m



' SJjC'V
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        ﻿26

24 Li—j--

22 [ji-ii

Königsberg
20	1895 1899

14,0 15.1

18 Li

16

14

12

10

Preise für 1 DZ. in Mark.

Weizen-Preis

Mannheim London	Chicago New York

1895 1899 1895 1899 1895 1899 1895 1899
16,6 17,9 11,8 12,6 9,2 11,0 10,1 11,8

Berliner Preise

Roggen- Roggen-
Roggen Mehl Brot

1386 1898 1886 1898 1886 1898
18,1 14.6 17,9 20.1 20,8 26.16

Fleischpreise für 10 kg in Mark.

26

24

Hamburg

London

Chicago

Verein. Staaten v. Amerika 22

Rind- Schweine- Rind- Schweine- Mess pork Lard Beef salted Pork salted Lard *«a

hams

1891 1898 1891 1898	1891 1898 1891 1898	1891 1898 1891 1898	1891 1898 1891 1898 1891 1898 91/8 20

11.8 11.1 12,0 12.9	10,2 9,6 9 1 10,6	4,7 '4.4 5,8 4,9	5.2 5.1 5.6 5.2 6.4 5.2 7.2

18



Das mittlere Kartogramm zeigt die vollkommene Abhängigkeit des Mehl- und Brot-
preises vom Getreidepreis.

Das erste und dritte Kartogramm lassen den Einfluss des deutschen Eingangszolles
auf die Lebensmittelpreise im Reiche erkennen. Das deutsche Reich hat, wie ersichtlich, die
höchsten Lebensmittelpreise im Vergleich zu dm Plätzen des Auslandes.

Handelspolitische Flugschriften. Heft 1.

Verlag von Julius Springer in Berlin.
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19

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CD

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CD

	Einfuhr aus den		Ausfuhr nach den	
	Vertrags-	Nichtvertrags-	Vertrags-	Nichtvertrags-
	Staaten	Staaten	Staaten	Staaten
1887—91 :	1626,8	2271,3	1003.1	2306,6
1892—97:	1643,3	2741,6	1184,8	2217,4
Differenz	+ 16,5	+ 470 3	+ 181,7	- 89.2
Procentual	+ 1%	+ 21%	+ 18%	- 40/o
Es ist also unsere		Ausfuhr n	ach den	Vertrags Staaten

_ji nur unbedeutend erhöhter Konkurrenz derselben auf dem Innen-
: firkt um 1 8% gewachsen, dagegen die Konkurrenz der Nicht-
: irtragsstaaten auf dem deutschen Markt unter Zurückdrängung
;iseres Exportes dorthin um 21% gestiegen.

Diese Ziffern lassen zur Genüge die Grösse der Aufgaben er-
jnnen, welche unserer Handelspolitik gestellt sind. Von gegnerischer
ite wird nun freilich der Schutz der einheimischen Produktion
gen die Auslandskonkurrenz in den Vordergrund gestellt und ihm
i höherer wirthschaftlicher Werth beigemessen, als der Offenhaltung
r fremden Märkte für unseren Export. Prüfen wir also kurz die
1: jdeutung des Zollschutzes für das einheimische Wirthschaftsleben.

IV.

Dem Fiskus haben die Zölle unstreitig reiche Einnahmen ge- wi%“ygen
acht; in Millionen Mark betrugen die Erträge der Zölle von:	Zoiischutzes.

Nahrungs- und Genuss- Rohstoffen für die
mittein (einschl. Vieh)	Industrie

1892/93	274	15	85

1898/99	364	32	115

Unser Interesse konzentrirt sich auf die Frage: Wie haben die
Ile auf die Gestaltung von Produktion und Konsum
^wirkt?

Die relativ geringsten Erträge liefern demnach die Zölle auf
hstoffe. Belastet werden durch diese der Land- und Forstwirth-
Jaft, bezw. dem Bergbau zu Gute kommenden Zölle einerseits die in
Leidenschaft gezogenen Industriezweige, andererseits die Kon-
venten der aus den betreffenden Rohstoffen erzeugten Waaren.

Fabrikaten
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
