II. Grundanschauungen. 35 und Bedingungen eines genossenschaftlichen Lebens fehlen, ein solches nicht erwecken; es wird aber da, wo genossen schaftlicher Geist vorhanden ist, dessen volle Entfaltung eher verkümmern als fördern, wenn es ihm, sei es auch ohne direkten Zwang, eng begrenzte und unselbständige Lebens formen anzuweisen sucht." Diese Worte treffen auch auf den Tarifvertrag zu. Der Geist der Selbstorganisation hat den Tarifvertrag geschaffen. Das Recht muß diesen Geist erhalten. Er fordert zunächst die Subsidiarität des Tarifrechts. Danach geben sich die Tarifparteien selbst die Ordnung, die sie wollen, und das Recht unterbindet nicht die Mannigfaltig keit des Tariflebens. Diese Freiheit findet dort ihre Schranke, wo das Recht durch bestimmte Formen dafür sorgen muß, daß der Tarifvertrag überhaupt rechtlich zur Geltung kommen und sich abwickeln, also ein bestimmtes Rechtsinstitut sein kann. Er fordert weiter ein freies Tarifrecht^-Diese Freiheit bedeutet, daß die gesetzlichen Definitionen, wenn es möglich und zweckdienlich ist, offen sein sollen, damit die Vielheit der Lebenserscheinungen durch einen geschlossenen Wortlaut des Gesetzes nicht gebunden ist, die Rechtsprechung und Verwaltung aber, die sich mit dem Tarifvertrag beschäf tigen, ein möglichst weites, freies Ermessen haben, sodaß in allen Einzelfällen ohne bureaukratische Hemmung das Zweck volle geschehen kann. Ein solches Recht ist unbedenklich, wenn die Tarifbeteiligten an der Rechtsprechung und Verwaltung selbst mitwirken und durch besondere Tarifbehörden ein inniger Zusammenhang zwischen ihnen und den Interessen des Tarifvertrags besteht. Der Geist der Selbstorganisation fordert schließlich, daß das Tarifrecht von der Tätigkeit der Organisationen getragen ist, damit es lebendige Kraft und Wirkung hat. Es gibt eine Stufe in der Entwicklung des Rechts, auf der der Staat Zwischenkörper braucht, damit es nach allen Seiten wirksam sein kann. Wie wäre es mög lich, in dem Massengetriebe, das den Tarifvertrag erfüllt, jede Einzelheit im voraus zu regeln und den Tausenden 8*