88 seine Stellung dem Lande gegenüber sind andere als die Beziehungen und die Stellung des Europäers zu seinem Lande. In den Vereinigten Staaten sind vielfach Gemeinsinn und Selbstsucht eine wunderliche Ehe einge gangen. Der allezeit rege Gemeinsinn hat beinahe instinktiv dahin gewirkt, daß auch jeder zufälligen Fügung eine Rich tung zur Förderung des Gemeininteresses gegeben wurde. Ich habe früher dargelegt, in welchem ungewöhnlichen Maß die amerikanischen Eisenbahnen durch ihre eigenartige Tarifpolitik, die eigentlich nur eine fortgesetzte gegenseitige Unterbietung der Frachtraten war, dazu beigetragen haben, die Industrie der Vereinigten Staaten zu schaffen, sie zu erziehen und zur Blüte zu führen; wie die Eisenbahnen es gewesen sind, die an manchen Orten erst künstlich die Möglichkeit industrieller Betätigung bereitet haben. Und der künstlichen Schöpfung haben sie geduldig opferwillige Pflege angedeihen lassen, bis der Pflegling erstarkt und wurzelfest geworden war, als hätte der Boden selbst ihn erzeugt. Dieselben Eisenbahnen, die so wundervolle Frei gebigkeit dem allgemeinen Nutzen gegenüber gezeigt — ge schah es auch in erster Reihe nicht im Hinblick auf diesen Nutzen, sondern in einer wahllosen Verwendung aller Mittel zum Zweck des Niederringens einer Konkurrenz —, verstanden sich ausgezeichnet darauf, die höchsten Preise zu nehmen, wo sie, wie bei der Beförderung der Postsendungen, dem Staat die Preise vorzuschreiben in der Lage waren. Niemals ist in Europa der Begriff vom „Racker Staat“, dem gegenüber man in materiellen Interessenfragen nicht heikel und rücksichtsvoll zu sein brauche, so in Geltung gewesen wie in den amerikanischen Freistaaten. In Europa war immer der Staat der Herr, den man anerkannte, auch wo man seinen Auflagen und Fronden sich zu entziehen suchte — was übrigens längst aufgehört hat, zum „guten Ton“ zu