89 gehören —, in Amerika aber ist der Gedanke in Fleisch und Blut übergegangen, daß der Staat der Diener der Ge meinschaft sei, den man so karg als möglich entlohnen, dem man unter keinen Umständen ein höheres Recht einzu räumen hat. Vom eigenen Staat verlangt der Amerikaner für sich, was er irgend erlangen kann, ohne jede Schüch ternheit; dem eigenen Staat versagt er jede materielle Leistung, der er sich irgend entziehen kann. Das alles darf man getrost sagen, und kein ruhiger, um das Wohl seines Vaterlandes besorgter Amerikaner wird das verübeln — denn er fühlt die Richtigkeit des hier Aus geführten selbst. Ihn kränkt nur unbillige Geringschätzung und Verkennung wirklicher Leistungsfähigkeit. Wenn man einige Jingo-Blätter ausnimmt, so wird man in der Presse der Vereinigten Staaten nirgends einer unfreundlichen Ein schätzung deutschen Gewerbefleißes begegnen. Das Gegen teil kann festgestellt werden. Der überwiegende Teil der Amerikaner möchte am liebsten in dem Deutschen, wenn der Ausdruck gestattet ist, den Amerikaner Europas sehen. Auf der andern Seite ist darauf hinzuweisen, daß in Amerika der Entwicklung der menschlichen Individualität größere Freiheit gewährleistet ist. In dieser Freiheit ver mögen die Menschen sich selbständiger zu entfalten und ihre Kräfte besser zu stählen, zu ihrem eigenen Glück und zum allgemeinen Besten. In Zusammenhang damit steht die Voraussetzungslosigkeit, die die Menschen lediglich nach dem bewertet und behandelt, was sie im Rahmen des Ganzen und an der Stelle, auf der sie stehen, für das Ganze zu leisten vermögen, ohne Rücksicht auf Herkunft und Glauben. Ohne Neid, vielmehr mit freudiger Aner kennung wird das Emporkommen des einzelnen durch eigene Kräfte und Gaben verfolgt. Das weckt die schlum mernden Fähigkeiten und bringt sie zur höchsten Anspan-