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        <title>Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten</title>
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            <forname>Ludwig Max</forname>
            <surname>Goldberger</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>881661368</idno>
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        Das  Land
der  unbegrenzten  Möglichkeiten
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        Achte  Auflage

Das  Land
der  unbegrenzten  Möglichkeiten

Beobachtungen
über  das  Wirtschaftsleben  der  Vereinigten  Staaten
von  Amerika

Von

Ludwig  Max  Goldberger

F.  Fontane  &amp;amp;  Co.
Berlin  ^  Leipzig
Brentano’s
Chicago  New  York  Washington
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        Es  erschien  die  erste  bis  vierte  Auflage  im  Jahre  1903,  die  fünfte
bis  sechste  Auflage  1904,  die  siebente  1905,  die  vorliegende
achte  Auflage  im  Jahre  1911.  (Jede  Auflage  zu  1000  Exemplaren.)
TffiT  g.S.

-  #  iffi-Alle

  Rechte  Vorbehalten
Tous  droits  reserves  —  All  rights  reserved
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        MEINER  LIEBEN  LEBENSUND ­
  REISEGEFÄHRTIN

ZU  EIGEN.
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        Inhaltsverzeichnis«

Seite
Vorwort  ...  7
Kapitel  I:  Boden  und  Menschen  15
„  II:  Arbeit  und  Werkstätten  30
„  III:  Arbeiter-Vereinigungen  und  Industrie-Verbände  ...  47
„  IV:  Die  wirtschaftlichen  Generalstabskarten  im  amerikanisch-deutschen ­
  Wettbewerb  61
„  V:  Die  Vereinigten  Staaten  und  ihre  St.  Louis-Weltausstellung ­
  1904.  1  74
„  VI:  Die  Vereinigten  Staaten  und  ihre  St.  Louis-Weltausstellung ­
  1904.  II  91
„  VII:  Der  Nationalreichtum  103
„  VIII:  Von  den  Eisenbahnen  116
„  IX:  Die  Steuerverhältnisse  133
„  X:  Aphoristische  Aufzeichnungen  aus  dem  Westen  .  .  .  140
„  XI:  Die  „Union  Iron  Works“  in  San  Francisco  158
„  XII:  Des  Prinzen  Heinrich  Amerikafahrt  und  die  „Captains
of  Industry“  .'  164
„  XIII:  Allerlei  über  die  Arbeiterfrage  189
„  XIV:  Kritik  des  Trustwesens  204
Übersicht  über  die  in  den  Vereinigten  Staaten  vorhandenen ­
  Trusts  und  ihr  Nominalkapital  ....  225
„  XV:  Amerikaner  über  Amerika  240
„  XVI:  Die  deutsch-amerikanischen  Beziehungen  im  Handelsverkehr ­
  und  in  der  Presse  .  ...  ,  262
Nachwort  291
        <pb n="7" />
        Vorwort

Als  ich  mich  im  Frühsommer  des  Jahres  1901  entschlossen ­
  hatte,  aus  eigener  Wahrnehmung  das  Land  unseres
größten  Wettbewerbers  auf  dem  Weltmarkt  kennen  zu
lernen,  gab  ich  dem  Staatssekretär  des  Innern,  Staatsminister
Dr.  Grafen  von  Posadowsky-Wehner,  hiervon  sowie  von
meiner  Absicht  Kenntnis,  in  der  Union  solche  Fragen  zum
Gegenstand  besonderer  Studien  zu  machen,  die  für  die  Verkehrsbeziehungen ­
  zwischen  Deutschland  und  den  Vereinigten ­
  Staaten  von  Bedeutung  sind  oder  werden  können.  Der
Staatssekretär  erklärte,  dieses  Vorhaben  gern  zu  fördern;
er  ordnete  die  Formulierung  verschiedener  Fragen  an  und
stellte  mir  anheim,  diejenigen  auszuwählen,  die  mir  für
eine  Berichterstattung  geeignet  erschienen.  Zugleich  war
Graf  Posadowsky  damit  einverstanden,  daß  ich  das  Hauptgewicht ­
  auf  die  Erörterung  der  allgemeinen  ökonomischen
Verhältnisse  in  der  Union  legen  dürfe,  unter  besonderer
Beachtung  der  für  die  Regelung  des  deutsch-amerikanischen
Güteraustausches  wichtigen  Momente.  Der  Abreise  ging
meine  Berufung  in  den  „Wirtschaftlichen  Ausschuß  zur
Vorbereitung  und  Begutachtung  handelspolitischer  Maßnahmen“ ­
  durch  Erlaß  des  Reichskanzlers  voraus.  Der
Kaiserliche  Botschafter  in  Washington  sowie  die  Kaiser ­
        <pb n="8" />
        8

liehen  Konsularämter  wurden  ersucht,  mich  bei  meiner
Studienreise  in  jeder  Weise  mit  Rat  und  Tat  zu  unterstützen.
Mein  Aufenthalt  in  den  Vereinigten  Staaten  hat  einen
Zeitraum  von  acht  Monaten  umfaßt.  Ich  habe  viele
Wochen  in  New  York  zugebracht,  das  den  geschäftlichen
Mittelpunkt  des  gesamten  industriellen  und  finanziellen
Aufbaus  der  Union  darstellt.  Auf  meinen  Fahrten  durch
das  weitgestreckte  Gebiet  verweilte  ich  u.  a.  in  Boston,
Philadelphia,  Washington  D.  C.,  Pittsburg,  Cleveland,  in
Buffalo,  Chicago,  Milwaukee,  St.  Louis.  Mehrere  Monate
verwandte  ich  auf  den  Besuch  der  westlichen  Staaten  bis
zur  pazifischen  Küste.  Ich  war  in  Colorado,  Utah,  Californien
  und  habe  im  Süden  des  Goldlandes  Los  Angeles
erreicht.
Zahlreichen  persönlichen  Beziehungen  älteren  Datums
zu  leitenden  Männern  des  amerikanischen  Gewerbefleißes, ­
  empfehlenden  Einführungen  und  allseitig  liebenswürdigem ­
  Entgegenkommen  jenseits  des  Ozeans  habe
ich  es  zu  danken,  daß  ich  in  dem  genannten  Zeitraum
mehr  zu  sehen  und  zu  hören  vermochte,  als  sich  in
der  Regel  dem  Besucher  offenbart.  Um  von  dem  Ton
der  Einführungen,  deren  Herzlichkeit  die  Wege  bahnte,  ein
Beispiel  zu  geben,  lasse  ich  einen  Abschnitt  aus  dem
Geleitschreiben  folgen,  das  ich  von  Herrn  E.  H.  Gary,
dem  Vorsitzenden  des  Verwaltungsausschusses  der  „United
States  Steel  Corporation“,  erhielt:
„Ich  bin  sehr  glücklich,“  so  schrieb  Herr  Gary,
„daß  Sie  und  das  deutsche  Volk  überhaupt  für  unsere
Unternehmungen  sich  interessieren.  Ich  bin  sicher,
        <pb n="9" />
        9

daß  die  besten  Geschäftsmänner  unseres  Landes
voll  hoher  Bewunderung  sind  für  das  deutsche  Volk,
für  deutschen  Wagemut  und  deutschen  Erfolg  und
ganz  besonders  für  Ihren  Kaiser.  Wenn  Sie  diesen
Brief  den  Präsidenten  oder  anderen  Beamten
unserer  Werke,  die  Sie  zu  besuchen  wünschen,
vorlegen,  so  wird  Ihnen  überall  mit  Freude  Zutritt
gewährt  werden.“
Die  Sachverständigkeit,  die  ich  glaube,  mir  beimessen ­
  zu  dürfen,  erstreckt  sich  nicht  auf  das  Gebiet
maschineller  Technik.  Ich  betone  das,  damit  man  nicht  da
von  mir  Aufschlüsse  oder  Vergleiche  erwartet,  wo  ich  dem
Großen,  das  sich  mir  zeigte,  nur  Staunen  entgegenbringen
konnte,  ohne  daß  ich  abzuwägen  imstande  war,  ob  ähnliches
oder  noch  besseres  bei  uns  vorhanden  ist.  Nicht  beschwert ­
  mit  dem  Ballast  vorgefaßter  Theorien,  war  ich
meiner  kaufmännischen  Vergangenheit  entsprechend  darauf
bedacht,  das  mächtige  Getriebe  von  Amerikas  Volkswirtschaft ­
  zu  erfassen,  in  seinen  Licht-  und  Schattenseiten, ­
  in  seiner  Festigkeit  und  in  seinen  Schwächen,
unter  Abwägung  aller  Faktoren  und  unter  Erforschung
der  Grundlagen,  auf  denen  drüben  Handel  und  Gewerbe
ruhen.  Hier  durfte  es  mir  nicht  genügen,  in  mich
aufzunehmen,  was  der  Tag  bot,  sondern  ich  mußte
mich  bemühen,  tunlichst  in  den  innern  Zusammenhang ­
  einzudringen.  Ich  sage  tunlichst  und  hebe  dies  mit
Nachdruck  hervor.  Um  den  komplizierten  Bau  in  allen
seinen  weitgeschichteten  Teilen  abzugehen  und  zu  ergründen, ­
  reichen  nicht  Monate  und  reichen  nicht  Jahre  aus.
        <pb n="10" />
        10

Die  vorliegende  Arbeit,  die  ich  anderweiter  und  dringlicher ­
  Inanspruchnahme  halber  bis  jetzt  zurückgestellt  habe,
bringt  in  den  Kapiteln  I  bis  VI  zunächst  und  im  Zusammenhang ­
  diejenigen  Aufsätze  zum  Abdruck,  die  ich  alsbald ­
  nach  der  Rückkehr  von  meiner  Studienreise  auf  Einladung ­
  der  „Woche“  und  des  „Berliner  Tageblatt“  verfaßt
habe.  Man  hat  diesen  Darlegungen  hüben  wie  drüben  freundliche ­
  Beachtung  geschenkt.  Fast  sämtliche  deutsch-amerikanischen ­
  Zeitungen  haben  die  Artikel  vollinhaltlich  oder  in
ausführlichem  Auszug  wiedergegeben.  Die  Presse  englischer
Zunge,  im  Osten  wie  im  Westen  des  Landes,  hat  ihnen  anerkennende ­
  Besprechungen  gewidmet.  Einige  meiner  Aufsätze
hat  das  Schatzamt  in  Washington  ins  Englische  übertragen  und
verbreiten  lassen.
Dem  Abdruck  früherer  Veröffentlichungen  lasse  ich  in
Anlehnung  an  einen  Teil  der  Berichte,  die  ich  während  meines
Aufenthaltes  in  der  Union  den  amtlichen  Stellen  im  Reich
und  in  Preußen  übermittelt  habe,  Stimmungsbilder  wie  umfassendere ­
  Erörterungen  bedeutsamer  Erscheinungen  des
amerikanischen  Wirtschaftslebens  folgen.  Bei  dem  engbegrenzten ­
  Raum,  der  in  Wochenschriften  und  Tageszeitungen ­
  zur  Verfügung  steht,  hatte  ich  manches  seither
nur  streifen  können,  so  daß  Material  von  Wichtigkeit  und
allgemeinem  Interesse  unbenutzt  blieb.
An  dem  Wortlaut  meiner  bisherigen  Veröffentlichungen ­
  habe  ich  nichts  geändert,  auch  nicht  einen
einzigen  Buchstaben.  Ich  würde  das  schon  deshalb
unterlassen  haben,  um  nicht  den  Schein  zu  erwecken,  als
wollte  ich  diesen  Ausführungen  eine  ihre  Wesenheit  ver ­
        <pb n="11" />
        11

deckende  Aktualitätsschminke  auflegen.  Ich  konnte
darauf  um  so  lieber  verzichten,  als  sich  im  Grunde  kein
Anlaß  zu  Änderungen  bot.  Auch  der  Versuchung  einer  zeitlichen ­
  Weiterführung  der  statistischen  Angaben  habe  ich  zumeist ­
  und  um  so  leichter  widerstanden,  als  selbst  die  allerletzten ­
  Ziffern  eine  Verschiebung  des  Gesamtbildes  kaum
bewirken.
An  keiner  Stelle  ist  mehr  Zahlenmaterial  zugelassen
worden,  als  zur  Veranschaulichung  und  Begründung  unerläßlich ­
  schien.  Einzelne  Angaben  von  Erheblichkeit  verdanke  ich
dem  hervorragenden  Leiter  des  Statistischen  Bureaus  des
Schatzamts  in  Washington,  Herrn  O.  P.  Austin,  der  mit  seinen
vortrefflichen  Mitarbeitern  mir  für  statistische  Fragen  mit
stets  gleicher  Bereitwilligkeit  zur  Seite  gestanden  hat.
*
Am  Abend  vor  meiner  Rückreise,  die  ich  im  Sommer
1902  von  New  York  aus  antrat,  wurde  ich  von  einem  Vertreter ­
  der  „Associated  Press“  befragt,  welche  Eindrücke  ich
aus  den  Vereinigten  Staaten  in  die  Heimat  mitnähme.  Ich
gebe  die  Antwort  in  der  Fassung  wieder,  in  der  die  „New
Yorker  Staats-Zeitung“  das  Interview  in  deutscher  Sprache
veröffentlichte:
„Die  Eindrücke,  die  ich  auf  meinen  Reisen  von  der
atlantischen  bis  zur  pazifischen  Küste  und  bei  der  Besichtigung
aller  großen  Industrie-  und  Handels-Zentren  in  mich  aufgenommen ­
  habe,  sind  in  der  Hauptsache  überwältigend.
Man  darf  wirklich  von  einer  »gigantischen  Stärke«  der  Nation
sprechen.  Börsen-wie  Industriekrisen  werden  allerdings  hier
        <pb n="12" />
        12

wie  in  jedem  hoch  entwickelten  Lande,  früher  oder  später
unausbleiblich  sein.  Die  vielfach  finanziell  undichten  Kapitals-Assoziationen,
  die  Macht  weniger  Individualitäten,  mit  den  Gefahren, ­
  die  solche  Allein-Herrschaften  mit  sich  bringen,  die
Arbeiterfrage  in  ihrer  ökonomischen  wie  sehr  wahrscheinlich
dereinst  auch  politischen  Gestaltung,  sindWolken  am  Horizont
des  amerikanischen  Wirtschaftslebens.  Aber  jeder  Sturm
wird  hier  rascher  vorübergehen,  als  man  glaubt.
Europa  muß  wach  bleiben.  Die  Vereinigten  Staaten  sind
»das  Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten«.  Die  wirtschaftliche ­
  Entdeckung  Amerikas,  heute  in  Texas  und  Kansas,
morgen  in  Idaho  und  Californien,  macht  von  Tag  zu  Tag
neue  und  ungeahnte  Fortschritte.  Die  Schätze,  die  der
Boden  erzeugt,  und  die  Schätze,  die  unter  der  Erde  gehoben
werden,  sind  märchenhaft.  Die  maschinell-technische  Ausrüstung ­
  der  Industrien  scheint  unübertrefflich.  Deutschland
und  Amerika,  denen  der  Weltverkehr  der  Zukunft  gehört,
brauchen  sich  weder  zu  amerikanisieren,  noch  zu  germanisieren. ­
  Industrielle  und  Kaufleute  mögen  sich  einander
persönlich  nähern.  Heutzutage  gibt  es  keine  Entfernungen
mehr.  Man  lerne  voneinander.  Man  übernehme  wechselseitig ­
  Arbeitsmethoden,  geschäftliche  und  gewerbliche  Einrichtungen, ­
  insoweit  sie  von  Fall  zu  Fall  für  das  einzelne
Land  und  für  den  betreffenden  Betrieb  geeignet  und  tatsächlich ­
  durchführbar  sind.
Beide  Nationen  haben  ihre  großen  Vorzüge,  ihre  hervorragenden ­
  Eigenschaften;  auf  diesem  oder  jenem  Gebiet
wird  die  eine  der  andern  überlegen  sein.  Man  schätze
sich,  ohne  sich  zu  überschätzen,  und  ich  bin  überzeugt,  daß
        <pb n="13" />
        13

die  deutschen  und  amerikanischen  Interessen  dann  nicht
allein  nicht  kollidieren,  sondern  immer  mehr  sich  mit-  und
ineinander  gliedern  werden.“
Diese  Worte,  die  ich  beim  Abschied  gesprochen
habe,  schicke  ich  meinem  Buch  vorauf,  weil  sie  auch  heute
noch  das  Leitmotiv  meiner  Auffassungen  bilden.
#  *
*
Inmitten  großer  und  freier  Einrichtungen,  die  Selbständigkeit ­
  und  Unabhängigkeit  in  erhöhtem  Maße  fördern,  ist  der
politisch  geschlossene  Einheitsstaat  der  Union  zu  kraftvollster ­
  Entfaltung  herangereift.  In  überreicher  Fülle  ist  der
Zuwachs  der  Naturalwerte  für  Produktion  und  Güteraustausch
vorhanden.  Scharfsinn  und  Erfindungsgabe  erzeugen  immer
neue  Fertigkeiten,  lassen  immer  gewaltigere  Werkstätten
erstehen.  So  schwillt  die  wirtschaftliche  Expansion  beständig
und  erstaunlich  an;  sie  krankt  aber  an  der  Unsicherheit  finanziellerGrundlagen,
  an  den  Lücken  des  dielndustrien  monopolisierenden ­
  Aufbaus  und  leidet  zugleich  unter  dem  Interessenkampf ­
  der  mit  heftigster  Anspannung  schaffenden  Arbeitsgruppen: ­
  Stärke  und  Schwäche  in  der  ökonomischen  Rüstung
halten  sich  gewissermaßen  die  Wage.  Zu  entmutigender  Betonung ­
  erdrückender  Überlegenheit  ist  kein  Anlaß,  und  unser
Selbstvertrauen  braucht  nicht  ins  Wanken  zu  geraten.  Nicht
einen  wirtschaftlichen  Feind  haben  wir  in  Amerika  zu  erblicken, ­
  sondern  einen  Mitstrebenden,  mit  dem  wir  in  gegenseitiger ­
  Förderung  zu  beiderseitigem  Gewinn  gleich  weit
gesteckten  Zielen  zueilen  sollten.  Gefestigte  Überlieferung
und  wissenschaftliche  Schulung  bilden  die  Grundlage  für
        <pb n="14" />
        14

das  organische  und  stetige  Wachstum  von  Deutschlands
gewerblicher  Wirksamkeit  und  haben  dieser  so  unerschütterliche ­
  Geschlossenheit  und  soviel  innern  Wert
verliehen,  daß  wir  ohne  Sorge  für  uns  auf  den  Tatendrang
unseres  mächtigen  Rivalen  und  auf  die  unvergleichliche
Größe  der  natürlichen  Hilfsmittel  Amerikas  blicken  dürfen.
Und  gerade  der  unversiegbare  natürliche  Reichtum  jenseits ­
  des  Ozeans  bildet  das  Gegengewicht  gegen  die  etwaige
Neigung  einzelner,  an  der  undurchführbaren  Umsetzung
großer  Worte  in  entsprechende  Taten  die  Kräfte  zu  erproben ­
  und  sie  daran  zu  vergeuden  —  die  Welt  beherrschen
zu  wollen  und  in  dem  Haschen  nach  Utopien  die  Frucht
emsigsten  Mühens  aufs  Spiel  zu  setzen.  Der  Amerikaner,
allezeit  unternehmungsfroh  und  allemal  erbötig,  ein  in
zielbewußter  Arbeit  errungenes  Vermögen  wieder  für
neues  zu  wagen  —  er  wagt  es  nur  nach  vorheriger  genauer ­
  Berechnung,  von  der  er  weiß,  daß  sie  ihn  täuschen
kann;  er  wagt  es  aber  nicht  auf  eine  traumhafte  Vorstellung
hin,  die  er  als  trügerisch  erkennen  muß.  Und  diese  Auffassung ­
  überwiegt  in  der  Betätigung  bei  der  besonnenen
Mehrheit  des  großen,  im  innersten  Kern  gesunden  Volkes
im  „Lande  der  unbegrenzten  Möglichkeiten“.
        <pb n="15" />
        Kapitel  I.
Boden  und  Menschen.*)

Der  Zaubergarten  der  Vereinigten  Staaten  hat  auf  einem
wunderbar  reichen  Boden  Wunderwerke  des  Menschengeistes ­
  entstehen  sehen,  und  nicht  das  kleinste  Wunder
liegt  darin,  daß  die  höchste  Anspannung,  die  darauf  sann,
durch  Maschinenkräfte  den  Arbeiter  abzulösen,  in  der  Annäherung ­
  an  das  erstrebte  Ziel  immer  mehr  Händen  nährende
und  fruchtbare  Arbeit  gab.  Nicht  ausschließlich  segensvolle
Kräfte  wirken  in  jenem  Zaubergarten;  nicht  alles  ist  eitel
Licht  und  Sonne.  Aber  im  großen  und  ganzen  strahlt  aus
der  Neuen  Welt  auf  die  Mutter  ihrer  Kultur,  die  Alte  Welt,
heller  Glanz  zurück,  weit  mehr  dazu  angetan,  unserer
Spannkraft  neuen  Antrieb  zu  geben,  als  uns  mit  verzagender ­
  Mißgunst  zu  erfüllen.
Wir  dürfen  mit  Anerkennung  auf  die  jüngere  Welt
jenseits  des  Ozeans  blicken,  der  wir  den  Gebrauch  und
selbst  einen  naturgemäß  vorübergehenden,  kleinen  Mehrgebrauch ­
  der  „Ellenbogenfreiheit“  gern  nachsehen.  Sogar
für  die  oft  seltsamen  Übertreibungen,  die  man  zuweilen
an  Ort  und  Stelle  wahrnimmt  und  die  über  das  Weltmeer
herüberklingen,  geziemt  nachsichtsvolles  Urteil.  Denn  in
diesem  „titanischen“  Übernehmen  liegt  ein  tüchtiger,  guter

‘)  Veröffentlicht  am  19.  Juli  1902.
        <pb n="16" />
        16

Kern;  es  ist  im  Grunde  immer  nur  der  Ausdruck  eines
unerschütterlich  gefestigten  und  an  sich  rühmlichen  nationalen ­
  Selbstbewußtseins.  Die  Freude  an  der  Größe  des
eigenen  Landes  beseelt  den  einzelnen,  macht  ihn  mitteilsam
und  entgegenkommend  dem  Fremden  gegenüber,  der  Auskunft ­
  erbittet.  Es  ist,  als  ob  ein  jeder  von  dem  Gedanken
erfüllt  wäre:  der  Fremde  soll  sehen,  wie  groß  dein  Land
ist  und  wie  stark!  Während  meiner  achtmonatlichen  Studienreise ­
  durch  die  Union  habe  ich  überall  offene  Türen
gefunden,  zum  Eintritt  einladend,  und  nirgends  bin  ich  einer
Geheimnistuerei  oder  ähnlichem  begegnet.  Auf  Schritt  und
Tritt  sah  ich  eine  ganz  ungemeine,  aber  nicht  unstete  Regsamkeit ­
  arbeitsfroher  und  zielbewußter  Männer.  „It  is  a
big  country“  —  das  ist  die  Bezeichnung  ehrfürchtiger  Bewunderung, ­
  die  der  Bürger  der  Vereinigten  Staaten  für  sein
Vaterland  gefunden  hat;  das  Große  nach  Maß,  Gewicht  und
Zahl  ist  es,  was  ihm  vor  allem  imponiert.  Aber  auch
unser  eigenes  kühlstes  Urteil  muß  den  Vereinigten  Staaten
in  ihren  Leistungen  in  vielfachem  Betracht  erstaunliche
Größe  zuerkennen.
Und  neben  den  Leistungen  stolze  Erfolge!  Und  diese
Erfolge,  so  berauschend  sie  auf  die  Erfolg-Gekrönten  wirken
müssen,  haben  die  Bewohner  der  Vereinigten  Staaten  nicht
allein  besonders  günstigen  Vorkommnissen  zu  danken  —
sie  haben  sich  in  erstaunlicher  Arbeitsfreude  und  Arbeitskraft, ­
  in  unermüdlichem  Vorwärtsstreben  und  in  einer  schier
übermenschlichen  Anspannung  von  Geist  und  Körper  zu
der  jetzigen  Höhe  allmählich,  so  zu  sagen,  organisch  durchgerungen. ­
  Es  ist  völlig  verkehrt,  bei  der  Beurteilung  des
außerordentlichen  Aufschwungs,  den  die  ökonomischen  Verhältnisse ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  genommen  haben,  zu
glauben,  daß  hier  nur  Zufälligkeiten  ausschlaggebend  gewesen ­
  seien.  Wie  töricht  solche  Auffassung  wäre,  ergibt
        <pb n="17" />
        17

2

ein  zusammenfassender  Rückblick  auf  die  Vorkommnisse
des  Jahres  1901  und  die  der  ersten  Hälfte  dieses  Jahres.
Im  Vorjahr  die  Ermordung  des  Präsidenten  Mac  Kinley,
eine  schlechte  Maisernte,  eine  ernste  Erschütterung  am
Kupfermarkt,  der  berüchtigte  „Northern  Pacific  Corner“  mit
seinen  verlustbringenden  Folgen  in  den  Kreisen  der  Börse
und  des  Privatpublikums,  dann  andauernd  Arbeiter-Streiks
innerhalb  wesentlicher  Produktions-  und  Verkehrsgebiete  —
wahrlich  Momente,  die  geeignet  gewesen  wären,  im  einzelnen ­
  und  ganzen  zerstörend  zu  wirken  und  nachzuwirken,
wäre  die  Grundlage  des  Wirtschaftskörpers  nicht  an  sich
gesund  und  gefestigt.  Auch  ist  es  grundfalsch,  wie  es  bei
uns  vielfach  geschieht,  von  bevorstehenden  schweren  Krisen
und  dergleichen  mehr  mit  besonderer  Betonung  zu  sprechen.
Ich  stelle  nicht  in  Abrede,  daß  in  den  Vereinigten  Staaten
wie  in  jedem  andern  zu  hoher  Blüte  gelangten  Staatswesen
einmal  Rückschläge  kommen  müssen.  Solche  Winterstürme
sind  drüben  gerade  so  unausbleiblich,  wie  sie  es  anderwärts ­
  gewesen  sind,  und  manche  Anzeichen  hierfür  sind
auch  in  dem  Zaubergarten  der  Union  vorhanden.  Aber  das
Land  ist  mit  einem  so  staunenswerten  Überschuß  an  Bodenschätzen ­
  gesegnet,  es  ist  mit  so  unermeßlichen  Hilfsquellen
ausgestattet,  seine  Industrien  sind  mit  einer  so  bewunderungswürdigen ­
  Vervollkommnung  der  maschinellen  Technik
ausgerüstet,  daß  hier  jedem  Wintersturm  —  man  denke  nur
an  die  schnelle  Wandlung  nach  der  Reaktion  Mitte  der
1890  er  Jahre  —  rascher,  als  man  es  sich  versieht,  der  verjüngende ­
  Frühling  und  mit  ihm  neues  und  befruchtendes
Leben  auch  in  Zukunft  folgen  dürfte.
Das  Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten!  Die  Einwohnerschaft ­
  der  Vereinigten  Staaten  zählt  nach  der  Besitznahme ­
  Portorikos,  der  Hawaiischen  und  der  Philippinen-Inseln
  etwa  88  Millionen  Seelen,  das  ist  kaum  über  5  Proz.  der
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Erdbevölkerung  nach  der  höchsten  Schätzung.  Diese  5  Proz.
der  Erdbevölkerung  aber  haben  zur  Zeit  25  Proz.  alles  bebauten
Areals  der  Erde  in  Kultur  genommen,«  160  von  640  Millionen ­
  Hektar  Ackerlandes.  Eine  überaus  dankbare  Fläche
hat  sich  der  Bearbeitung  dargeboten  und  hat  dem  Ackersmann ­
  die  Frucht  förmlich  entgegengebracht.  Die  Jungfräulichkeit ­
  des  Bodens  hat  das  Werk  erleichtert,  und  seine
Ausdehnung  hat  die  Anwendung  künstlicher  Hilfsmittel  zur
Zeit  wenigstens  entbehrlich  gemacht,  obwohl  —  was  hier
nebenbei  bemerkt  werden  soll  —  die  Ackerbaubehörden
des  Landes  unausgesetzt  bemüht  sind,  den  Bewohnern
durch  Ratschläge  und  sachverständige  Anordnungen  Mittel
und  Wege  zur  intensiveren  Bewirtschaftung  an  die  Hand
zu  geben.
Während  in  den  sechs  Jahren  1895—1900  die  Maisernte ­
  der  Welt  von  2,6  bis  3  Milliarden  Busheis  geschwankt, ­
  zusammen  16,6  Milliarden,  im  Jahresdurchschnitt
2,77  Milliarden  Busheis  betragen  hat,  entfielen  auf  die  Vereinigten ­
  Staaten  allein  1,9  bis  2,3  Milliarden  Busheis,  zusammen ­
  12,4,  im  Jahresdurchschnitt  2,07  Milliarden  Busheis
oder  75  Proz.
Zu  der  Weizenernte  der  Welt  in  den  fünf  Jahren
von  1896—1900  haben  die  Vereinigten  Staaten  mit  20,7  Proz.
beigetragen,  während  im  Jahre  1901  der  Anteil  der  Vereinigten ­
  Staaten  an  dem  Welt-Weizenertrag  sich  sogar  auf
25  Proz.  gestellt  hat.
Von  den  14,7  Milliarden  Busheis  Hafer,  die  in  dem
Zeitraum  von  1896—1900  auf  der  Erde  erzeugt  wurden,
wuchsen  in  den  Vereinigten  Staaten  allein  3,74  Milliarden
Busheis  oder  25,5  Proz.
In  der  Förderung  von  Eisenerzen  waren  die  in  den
Vereinigten  Staaten  sich  darbietenden  „unbegrenzten  Möglichkeiten“ ­
  geradezu  erstaunlicher  Art.  Das  Land  ist  an  der
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Weltproduktion  mit  nahezu  36  Proz.  beteiligt,  und  das  mit
dem  vorzüglichsten  Material.  An  der  Welterzeugung  von
Roheisen  waren  im  abgelaufenen  Jahre  die  Vereinigten
Staaten  mit  39,3  Proz.  beteiligt,  an  Stahl  produzierten  sie
im  Jahre  1900  rund  10,1  Millionen  Tons  oder  42  Proz.  der
Welterzeugung,  im  Jahre  1901  sogar  13,5  Millionen.
An  der  Kupfer-Produktion  der  Erde  sind  die  Vereinigten ­
  Staaten  mit  nahezu  55  Proz.  beteiligt.  Die  Entwicklung ­
  der  amerikanischen  Kupferindustrie  war  vielleicht
noch  viel  rapider  und  typischer  für  die  amerikanischen
Verhältnisse;  unaufhaltsam  und  ungestüm  hat  sie  sich  in
merkwürdig  kurzer  Zeit  aus  den  bescheidensten  Umfängen
emporgehoben  und  sich  zum  weitaus  bedeutendsten  Faktor
der  Weltproduktion  emporgeschwungen.  1870  betrug  die
Kupferproduktion  der  Vereinigten  Staaten  12  000  Tons,  im
Jahre  1880  hatte  sie  sich  schon  auf  27  000  bei  153  000
Weltproduktion  gesteigert.  Im  Jahre  1890  produzierten  die
Vereinigten  Staaten  116  315  Tons  Kupfer  von  269  455  Weltproduktion. ­
  Im  Jahre  1895  vermochten  sie  bereits  mehr
als  die  Hälfte  der  Weltproduktion  zu  kontrollieren,  und  an
der  Wende  des  Jahrhunderts  produzierten  die  Vereinigten
Staaten  mit  270  000  Tons  mehr,  als  zehn  Jahre  zuvor  die
gesamte  Weltproduktion  betragen  hatte.
Die  Blei-Produktion  der  Vereinigten  Staaten  konnte
sich  seit  1895  so  heben,  daß  sie  an  Stelle  der  spanischen
die  Führung  im  Weltverkehr  übernommen  hat.  Im  Jahre  1900
hat  die  Produktion  der  Vereinigten  Staaten  29,6  Proz.  erreicht, ­
  während  die  spanische  auf  18,7  Proz.  zurückgegangen
ist.  Im  Jahre  1901  hat  die  Bleierzeugung  der  Vereinigten
Staaten  sogar  noch  eine  weitere  Steigerung  auf  250  000  Tons
erfahren.
Auch  in  der  Quecksilber  -  Produktion  der  Welt
rivalisierte  Spanien  mit  den  Vereinigten  Staaten,  und  auch
ä*
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hier  mit  nachlassenden  Kräften.  Denn  schon  1900  ist
Spanien  um  eine  Kleinigkeit  überholt,  und  1901  ist  es  geschlagen, ­
  da  es  auf  einen  Anteil  von  28  Proz.  reduziert  ist,
während  die  Vereinigten  Staaten  33  Proz.  lieferten.
In  der  Gesamtproduktion  der  Erde  an  Zink  ist  der
*  Anteil  der  Vereinigten  Staaten  erheblich  gestiegen,  und  die
Überlegenheit  des  Rheinlandes,  Belgiens  und  Hollands
betrug  nicht  mehr  wie  ehedem  100  Proz.,  sondern  kaum
noch  60  Proz.
Die  wirtschaftliche  Entdeckung  von  Amerika  macht  von
Tag  zu  Tag  neue  und  ungeahnte  Fortschritte.  Die  Staatengebilde, ­
  die  von  den  Rocky  Mountains,  ihren  Ausläufern
und  den  Sierras  durchzogen  werden,  gelangen  durch
Energie  und  Kühnheit  der  Bewohner  zu  immer  weiterer
Erschließung  mit  unversieglichem  Reichtum  an  Silber
und  Gold.
Die  Golderzeugung  der  Erde  wird  für  das  Jahr  1900
auf  255,6  Millionen  Dollars,  die  Silber-Erzeugung  auf  einen
Münzwert  von  223,5  Millionen  angegeben.  Für  das  Jahr
1901  gehen  die  Schätzungen  in  beiden  Metallen  auf  je
265  Millionen  Dollars.  In  beiden  Jahren  haben  die  Vereinigten ­
  Staaten  den  größten  Anteil  an  der  Produktion
beider  Metalle  gehabt,  31  Proz.  für  das  Gold,  33  Proz.
für  das  Silber.  Von  den  31  Proz.  der  amerikanischen
Erzeugung  entfallen  allein  auf  den  Staat  Colorado  beziehungsweise ­
  auf  den  Bezirk  Cripple  Creek  mehr  als  ein
Drittel.  Es  mutet  geradezu  wie  ein  Märchen  an,  wenn
man  den  wunderbaren  Entwicklungsgang  dieses  Bezirks
überblickt,  der  in  der  Geschichte  der  Minenindustrie  wohl
einzig  dasteht.  In  einem  Dezennium  hat  die  Ausbeute  der
Golderze  zu  nachstehenden  Ergebnissen  geführt:  1891
200  000  $,  1895  7  200  000  $,  1898  15  000  000  £,  1900
22  538  200  $,  1901  25  514  090  $.  Dort  oben  auf  den
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Höhen  von  Cripple  Creek,  9800  Fuß  über  dem  Meeresspiegel, ­
  ist  in  diesen  letzten  zehn  Jahren  eine  neue  Welt
entstanden:  Bis  1889  kein  Haus,  nur  einzelne  Hütten  für
das  Vieh;  1890  kamen  die  ersten  Experten,  die  Hoffnungen
erweckten.  Das  genügte,  und  das  Goldfieber  begann.  Einwohner ­
  von  Colorado  Springs  zogen  hinauf  in  die  Berge,
und  mit  zäher  Energie,  nachdem  man  schon  1892  600  000  £
fördern  konnte,  arbeiteten  sie  weiter,  durch  keinen  Mißerfolg ­
  abgeschreckt,  bis  sie  immer  wieder  an  die  richtigen,
Golderz  spendenden  Stellen  kamen.
Das  Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten!
Das  Kohlen-Areal  Europas  hat  eine  Ausdehnung  von
etwa  11  000  engl.  Quadratmeilen,  das  der  Vereinigten  Staaten
hat  50  000  Quadratmeilen.  An  der  Kohlenförderung  der
Erde  waren  in  den  beiden  letzten  Jahren  die  Vereinigten
Staaten  mit  nahezu  33  Proz.  beteiligt,  Großbritannien  mit
30  Proz.,  Deutschland  mit  19,6  Proz.
ln  die  Petroleum  -  Produktion  teilen  sich  die  Vereinigten ­
  Staaten  und  Rußland,  wobei  Rußland  voransteht.
Von  den  151  Millionen  Barrels,  die  im  Jahre  1900  produziert ­
  wurden,  kommen  77,2  Millionen  (51,2  Proz.)  auf
Rußland,  63,3  Millionen  (42  Proz.)  auf  die  Vereinigten
Staaten.  Im  Jahre  1901  hat  Rußland  mit  71,6  Millionen
Barrels  nur  noch  einen  ganz  kleinen  Vorsprung  vor  den
69,4  Millionen  Barrels  der  Vereinigten  Staaten.
Im  vergangenen  Jahre  ist  ein  neuer,  gewaltige  Öllager
enthaltender  Petroleum-Distrikt  nahe  der  Stadt  Beaumont,
Texas,  entdeckt  worden.  Von  Erschließung  der  ersten
Quelle  zu  Anfang  Januar  1901  bis  Ende  März  1902  sind
von  Beaumont  mehr  als  14  Millionen  Barrels  Öl  zur  Versendung ­
  gelangt.
Die  Produktivität  der  californischen  Petroleumquellen
betrug  im  Jahre  1876  175  000  Barrels,  sie  hat  im  Vorjahre
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nahezu  9  Millionen  Barrels  betragen,  die  Schätzungen  für
das  laufende  Jahr  gehen  auf  11  OOO  000  Barrels.  In  Point
Richmond,  nahe  San  Francisco,  hat  seit  kurzer  Zeit  die
„Pacific  Coast  Oil  Co.“,  eine  Schöpfung  der  „Standard  Oil
Co.“,  große  Bauten  angelegt.  Die  dort  nahezu  vollendeten
Petroleum-Raffinerien  werden  das  Rohöl  aufnehmen,  das
270  Meilen  weit  durch  Röhrenleitungen  von  dem  Haupt-Zentralpunkt
  der  californischen  Petroleum-Gewinnung  durch
eigens  erworbenen  Grund  und  Boden  nach  dem  eben  erwähnten ­
  Point  Richmond  geführt  wird.
In  welchem  Maße  die  Vereinigten  Staaten  die  Baumwollproduktion
  beherrschen,  erkennt  man  daraus,  daß
sie  von  1895  bis  1900  zu  der  Welterzeugung  von  68,7  Millionen ­
  Ballen  58,1  Millionen  oder  84,5  Proz.  beisteuerten,
während  Ägyptens  Anteil  in  keinem  Jahre  über  13  Proz.
hinausging,  der  Anteil  von  Ostindien  und  China  auf  5  Proz.
sank.  In  der  Wollproduktion  der  Erde  stehen  die  Vereinigten ­
  Staaten  nach  den  letzten  vergleichenden  Ermittlungen ­
  mit  10,7  Proz.,  ebenso  in  der  Hanfproduktion  (seit
der  Erwerbung  der  Philippinen)  mit  12,8  Proz.  in  vierter,
in  der  Flachsproduktion  mit  20,7  Millionen  Busheis  in
zweiter  Reihe.
Und  immer  neue  Gebiete  werden  durch  Anbau  wirtschaftlich ­
  erschlossen!
Bisher  haben  die  Vereinigten  Staaten  gar  nicht  oder
nur  wenig  Reis  produziert.  Vor  kurzer  Zeit  hat  man  in
Ost-Texas  ein  Stück  Land  durch  Bewässerung  mit  artesischen ­
  Brunnen  für  den  Reisbau  herangezogen;  etwa
250  000  Acres  Land  wurden  binnen  Jahresfrist  mit  Reis
bebaut,  und  die  Ernte  stellte  sich  auf  20  Dollars  per  Acre!
Noch  einige  Zahlen  muß  ich  anführen.  So  trocken  sie
scheinen,  so  reden  sie  doch  eine  laute  und  eindringliche
Sprache,  und  ihre  positive  wie  ihre  vergleichsweise  Größe
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ist  es,  die  ihnen  den  Charakter  der  Nüchternheit  nimmt.
Im  Jahre  1870  produzierten  die  Vereinigten  Staaten
236  Millionen  Busheis  Weizen,  im  Jahre  1901  produzierten
sie  748  Millionen.  Zunahme:  217  Proz.  Die  Maisernte
von  1870  betrug  1094  Millionen  Busheis,  die  von  1900
belief  sich  auf  2105  Millionen.  Zunahme:  92,4  Proz.  Die
Mißernte  des  vorigen  Jahres,  die  einen  Ertrag  von  nur
1500  Millionen  brachte,  ermäßigt  die  Zunahme  auf  38  Proz.
Die  Wollproduktion  von  1870  war  162,  die  von  1901
302  Millionen  Pfund.  Zunahme:  86  Proz.  Die  Baumwollenernte ­
  von  1870  war  3114  Millionen  Ballen,  die  von
1901  betrug  10  486  Millionen.  Zunahme:  236  Proz.  Im
Jahre  1870  hatte  der  Viehbestand  einen  Wert  von  1822  Millionen ­
  Dollars,  1900  betrug  er  2981  Millionen.  Zunahme:
64  Proz.  Der  Wert  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
stellte  sich  1870  auf  2447  Millionen  Dollars,  1900  auf
4739  Millionen.  Zunahme:  94  Proz.  Im  Jahre  1870  wurden
32  Millionen  Tons  Kohle  gefördert,  1901  290  Millionen.
Zunahme:  806  Proz.  Die  Produktion  von  Roheisen  betrug
1870  1,6  Millionen  Tons,  1901  betrug  sie  15,8  Millionen.  Zunahme: ­
  887,5  Proz.  Im  Jahre  1870  war  die  Stahlproduktion
68  000  Tons,  im  Jahre  1901  war  sie  13,5  Millionen.  Zunahme: ­
  19  753  Proz.  Im  Jahre  1870  wurden  an  Baumwolle ­
  in  amerikanischen  Spinnereien  verarbeitet:  857  000
Ballen,  im  Jahre  1901  waren  es  3  547  000  Ballen.  Zunahme:
302  Proz.  Die  Ausfuhr  von  Fabrikat-Erzeugnissen  bewertete ­
  sich  1870  auf  68  Millionen,  1901  auf  412  Millionen.
Zunahme:  506  Proz.  Das  in  den  Fabriken  angelegte  Kapital
betrug  1870  2118  Millionen,  1900  betrug  es  9874  Millionen.
Zunahme:  366  Proz.  Der  Wert  der  Fabrikate  betrug  1870
4232  Millionen,  1900  betrug  er  13  040  Millionen.  Zunahme:
208  Proz.  Im  Jahre  1870  war  der  Wert  der  Gesamt-Einfuhr ­
  der  Vereinigten  Staaten  332  Millionen,  im  Jahre  1901
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war  er  880  Millionen.  Zunahme:  165  Proz.  Im  Jahre  1870
war  der  Wert  der  Gesamt-Ausfuhr  254  Millionen,  im  Jahre
1901  betrug  er  1487  Millionen.  Zunahme:  485  Proz.
Der  aufmerksame  Leser  wird  durch  die  oben  mitgeteilten ­
  Ziffern,  die  ich  ohne  weiteren  Kommentar  gebe,
leicht  erfassen,  wie  großartig  die  Entwicklung  der  amerikanischen ­
  Erzeugung  in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  gewesen
ist.  Das  kann  man  sich  allerdings  schon  daheim  am  grünen
Tisch  klarmachen.  Doch  das  Erreichbare  ist  noch  nicht
abgeschlossen,  und  das  wird  einem  erst  klar,  unheimlich
klar,  wenn  man  das  Land  von  der  atlantischen  bis  zur
pazifischen  Küste  durchreist,  wenn  man  in  die  Werkstätten
amerikanischen  Gewerbefleißes  eintritt,  wenn  man  sich
den  kommerziellen  Betrieben  prüfend  nähert  und  mit  den
Männern  Fühlung  nimmt,  die  die  wirtschaftliche  Größe  der
Vereinigten  Staaten  zu  fördern  rastlos  —  zuweilen  wohl
auch  rücksichtslos  —  mitgeholfen  haben.  Und  in  nüchterner
Abwägung  des  also  Beobachteten  halte  ich  mich  allerdings
zu  dem  Bekenntnis  verpflichtet,  daß,  je  mehr  ich  gesehen
und  kennen  gelernt  habe,  und  je  weiter  ich  nach  dem
Westen  der  Vereinigten  Staaten  vorgerückt  bin,  das  friedliche ­
  Wirtschafts-Arsenal,  das  bis  zu  weitragenden  Höhen
sich  streckt,  die  unbegrenzten  Schätze  und  das  Bestreben,
sie  zu  entwickeln  und  dienstbar  zu  machen,  die  großen
Dimensionen  im  Personen-  und  Güter-Transport  der  Eisenbahnen, ­
  mich  überwältigt  und  mir  gezeigt  haben,  daß  man
dem  Staatssekretär  der  Vereinigten  Staaten  zustimmen  darf,
der  erst  jüngst  von  „the  giant  strength  of  the  nation“  —
von  einer  „Riesenstärke  der  amerikanischen  Nation“  —
gesprochen  hat.
Von  keinem  einengenden  Bureaukratismus  gehindert
und  immer  von  frischem  einsetzend,  sind  die  Männer  in
Ost  und  West  bemüht,  den  Verkehr  auszugestalten  und  ihm
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gesicherte  Formen  zu  geben.  Die  Eisenbahnen  hatten  allezeit, ­
  freilich  in  härtestem  Konkurrenzkampf,  durch  anhaltende
Ermäßigung  der  Frachtkosten  der  Industrie  weitestgehende
Vorteile  geboten.  Angesichts  der  derzeitigen  glänzenden
Gesamtwirtschaftslage  betrachten  es  die  Bahnverwaltungen
als  eine  ihrer  vornehmsten  und  auch  finanziell  erreichbaren
Aufgaben,  ihre  Anlagen  und  das  rollende  Material  zu  verbessern ­
  und  zu  ergänzen.  Wenn  man  die  Herstellungsund ­
  Ausrüstungskosten  der  amerikanischen  Bahnen  mit  den
entsprechenden  Kosten  der  europäischen  Bahnen  im  Ver
hältnis  der  Meilen-Zahl  in  Vergleich  zieht,  so  hätten  —
freilich  ohne  Berücksichtigung  des  Unterschieds  der  Grunderwerbskosten ­
  —  viele  Milliarden  Dollars  in  Amerika  mehr
aufgewandt  werden  müssen,  wenn  man  daselbst  mit  der
gleich  peinlichen  Behandlung  und  sorgfältigen,  oft  reichen
Ausführung,  wie  in  Europa,  die  Bahnen  von  vornherein
angelegt  und  ausgestattet  hätte.  Dies  war  eben  nicht  geschehen. ­
  Verbindungsglieder  sollten  geschaffen  werden.
Das  war  in  der  Hauptsache  alles.  So  kam  es,  daß  das
Schienennetz,  das  sich  allmählich  über  die  Vereinigten
Staaten  spann,  sich  bis  auf  194  000  englische  Meilen,  abgesehen ­
  von  60  000  Meilen  Nebengleisen,  dehnte,  während
in  Europa  nur  173  000  englische  Meilen,  in  Deutschland
ungefähr  33  000  englische  Meilen  zählen.  Hielten  die  Verbindungsglieder ­
  nicht  dicht,  so  konnten  sie  in  zukünftigen
guten  Zeiten  gefestigt  werden.  In  dem  Bau  der  Nebenund
  auch  oft  der  Haupt-Stationsgebäude  waltete  die  größte
Einfachheit  vor.  Gewöhnlich  nur  Bretterschuppen,  die
nicht  einmal  Wetter  und  Wind  zu  trotzen  imstande  sind,
ohne  jeden  Komfort.  Alles  so  billig  wie  möglich  —  bei
verhältnismäßig  hohen  Kapitalisationen,  in  denen  Unternehmer ­
  und  Promotoren  späterhin  ihren  Nutzen  finden
wollten.
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        26

Mit  Stolz  blickt  der  Amerikaner  auf  das  von  ihm  Erworbene ­
  und  auf  die  eigene  Kraft,  auf  die  er  sich  gestellt
hat.  „Wir  sind  fleißig,“  sagte  mir  ein  amerikanischer
Staatsmann,  „leben  unserer  Arbeit  und  denken  an  unsern
großen  Benjamin  Franklin,  den  sein  Vater  in  dem  Kerzenladen ­
  in  Boston  mit  den  Worten  der  Bibel  zu  ermahnen
pflegte:  Siehst  du  einen  Mann,  der  in  seinem  Geschäft
fleißig  ist  —  vor  Königen  kann  er  stehen!“
Eines  möchte  ich  schon  an  dieser  Stelle  hervorheben,
was  mir  bei  der  Beobachtung  der  ökonomischen  Verhältnisse ­
  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  besonders  bemerkenswert ­
  erschienen  ist:  Mehr  als  in  irgend  einem
andern  Land  der  Welt  tritt  auf  dem  Gebiet  von  Verkehr,
Handel  und  Industrie  hier  gerade  jetzt  die  Gewalt  einzelner
Personen  in  den  Vordergrund.  Gewiß  ist  der  mächtige
wirtschaftliche  Aufschwung  des  Landes  dem  Unternehmungsgeist ­
  von  Männern  mit  zu  danken,  deren  Namen  die  Geschichte ­
  der  Union  für  alle  Zeiten  verzeichnen  wird.  Die
Goulds,  Vanderbilts,  Rockefellers,  Carnegies,  Harrimans,
Hills,  Morgans,  Stillmans  u.  a.  haben  der  Verkehrs-  und
Industrie-Entwicklung  der  Union  ungeahnte  Wege  gewiesen,
sie  waren,  wie  mit  Thomas  Carlyle  der  Präsident  sie  nannte,
wirklich  „the  captains  of  Industry“,  di  das  Eisenbahnnetz
über  das  Land  gebreitet,  den  Handel  aufgebaut  und  die
Industrien  entfaltet  haben.  Und  weil  sie  damit  fraglos  dem
Volk  Gutes  und  Großes  geschaffen  haben,  sind  sie  leitend
und  herrschend;  die  Nation  bringt  ihnen  umsomehr  Vertrauen ­
  entgegen,  als  sie-in  richtigem  Erfassen  der  Wirkung
auf  die  volkstümliche  Eigenart  große  Summen  aus  ihren
immensen  Schätzen  für  die  öffentliche  Wohlfahrtspflege  —
oft  nicht  ohne  einige  Demonstration  —  hergeben.  Das  Bedenkliche ­
  aber  liegt  darin,  daß  die  weitverzweigten  und  besonders ­
  die  neueren  Unternehmungen  augenblicklich  so  eng
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        27

mit  den  einzelnen  Männern,  mit  ihrer  Kraft  und  mit  ihren
Dispositionen  verwachsen  sind,  daß  ein  Versagen  oder  Ausscheiden ­
  des  großen  und  allgewaltigen  Einzelnen,  wenigstens
für  eine  geraume  Weile,  zu  verderblichen  Folgeerscheinungen
führen  kann.  Jeder  Mensch  findet  einen  Ersatz,  und  selbst
die  größten  Reiche  der  Alten  Welt  haben  sich  ohne  Erschütterung ­
  weiter  gedeihlich  fortentwickeln  können,  auch
wenn  ihre  Mitbegründer  aus  den  Reihen  der  Mittätigen  oder
Lebenden  haben  zurücktreten  müssen.  Wenn  aber  z.  B.
Herr  Pierpont  Morgan  heute  abberufen  werden  sollte,  würden
zunächst  die  Werte  all  der  Milliarden-Schöpfungen,  deren
intellektuelles  Oberhaupt,  deren  finanzielle  Stütze  er  gewesen
war,  in  Verwirrung  geraten.  Denn  vielfach  noch  zu  jung,
zu  frisch,  zu  wenig  erprobt,  zu  unkonsolidiert  ist  manches,
was  dieses  und  der  anderen  Männer  weit  vorauseilender
Blick  erfaßt  und  ihr  rastlos  schaffender  Geist  aufgetürmt
hat.  Dann  erst  wird  sich  zu  erweisen  haben,  ob  genügend
kommerzieller  Nachwuchs  zur  Weiterführung  vorhanden  ist,
und  vor  allem,  ob  die  finanzielle  Grundlage  der  Industrien
in  ihrer  gegenwärtig  groß  angelegten  Ausdehnung  existenzberechtigt ­
  ist.
Erstaunlich  aber  und  unvergleichlich  sind  einerseits
die  allgemeinen  Leistungen  der  amerikanischen  Arbeit,
anderseits  die  Produktionsmöglichkeiten  des  Landes.  Die
Schätze,  die  der  Boden  auf  seiner  Oberfläche  dem  Pflug
entgegenführt,  und  mehr  noch  die  Schätze,  die  der  Boden
in  seinem  Schoß  an  allem  birgt,  was  Reichtum,  Stärke  und
Macht  verleiht,  sind  so  riesenhaft,  daß  sie  imstande  sind,
von  einem  Jahre  zum  andern,  beinahe  von  einem  Tage  zum
andern  die  Verhältnisse  in  dem  Wettbewerb  der  Nationen
zugunsten  der  Vereinigten  Staaten  zu  verschieben.  Tritt
an  einer  Stelle  der  Union  eine  Stockung  ein,  zeigt  sich  ein
Mißerfolg,  ein  vorübergehendes  oder  selbst  dauerndes  Ver ­
        <pb n="28" />
        28

f

siegen  der  Quellen,  so  haben  Boden  und  Fleiß  auch  schon
an  einem  andern  Ort  für  ausgiebigsten  Ersatz  gesorgt.  Was
die  Natur  dort  gegeben,  ist  unendlich  viel,  und  der  unermüdliche ­
  Fleiß  gewinnt  der  Gabe  der  Natur  den  vollen
Wert  ab.
Hierin  liegt  ein  beachtenswertes  Gegengewicht  gegenüber
den  Bedenken,  denen  ich  hinsichtlich  des  Wirkens  einzelner
überragenden  Persönlichkeiten  Ausdruck  gegeben  habe.  Die
innere  Tüchtigkeit  der  Gesamt-Bevölkerung  ist  markig.  Man
mag  das  unausgesetzte  Streben  nach  „make  money“  als
Mammonsdienst  betrachten  —  man  hat  zu  einer  Verurteilung
umsoweniger  Recht,  wenn  man  sieht,  daß  im  großen  und
ganzen,  im  guten  Durchschnitt,  das  Streben  nach  Erwerb
sich  streng  an  die  Bedingung  bindet,  daß  der  Erwerb  auf
anständige  Weise  gewonnen  sei.  Die  Gesetze  der  Vereinigten
Staaten  sind  etwas  dehnbar,  und  der  Bürger  dort  geht  auf
dem  Weg,  den  das  Gesetz  erlaubt.  Aber  das  gegebene
Wort  ist  heilig.  Jeder  verlangt  von  dem  andern  und  setzt
voraus,  er  solle  genau  überschauen,  wozu  das  gegebene
Wort  den  einen  wie  den  andern  verpflichtet.  Der  Geschäftsmann ­
  der  Vereinigten  Staaten  kennt  keinen  andern  Ehrgeiz
als  die  anständige  Wahrnehmung  seines  Geschäfts  und  die
Erreichung  geschäftlichen  Erfolgs  durch  ausdauernde  und
kluge  Arbeit.  Er  verzeiht  nicht  und  vergißt  nicht  eine  Verfehlung ­
  gegen  den  geschäftlichen  Anstand,  auch  dem  Erfolg
nicht,  und  das  verleiht  ihm  eine  selbstbewußte  Charakterstärke ­
  ohnegleichen.  Der  amerikanische  Geschäftsmann
überlegt  sich  reiflich  und  lange,  ehe  er  auf  ein  Angebot  eingeht; ­
  hat  er  es  aber  getan,  so  ist  er  mit  ganzem  Herzen
bei  der  Sache,  und  man  hat  an  ihm  einen  tatkräftigen  Mitarbeiter ­
  von  unbedingter  Zuverlässigkeit  gewonnen.  Selbstverständlich ­
  trifft  diese  Schilderung  nicht  auf  jeden  einzelnen
zu;  sie  zeichnet  aber  das  geschäftliche  Leben  im  ganzen,
        <pb n="29" />
        —  29  -
wie  es  sich  mir  in  den  maßgebenden  Kreisen  der  wirtschaftlichen ­
  Welt  der  Vereinigten  Staaten  dargestellt  hat.
Man  spricht  mit  Unrecht  von  einer  Nervosität  des
erwerblichen  Hastens  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans.
Das  Gegenteil  ist  der  Fall.  Nur  unendliche  Regsamkeit
nimmt  man  dort  wahr,  angestrengten  Fleiß  und  immer
wieder  Fleiß;  aber  die  Nerven  der  Fleißigen  sind  wie  von
Stahl  und  unzerrüttbar.
        <pb n="30" />
        J

Kapitel  II.
Arbeit  und  Werkstätten»**

Der  freien  wirtschaftlichen  Betätigung  ist  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  nirgends  hemmender  Zwang  angetan.  Die
Regierung  der  Einzelstaaten  wie  die  Bundesregierung  ist
mit  den  Bürgern  eins  in  dem  Bestreben,  die  wirtschaftliche
Größe  des  Landes  zu  heben.  Verkehrs-  oder  Baubeschränkungen ­
  bestehen  nur  in  verhältnismäßig  geringem  Umfang,
übrigens  nicht  gleichmäßig  in  den  verschiedenen  Einzelstaaten. ­

Wer  in  dem  hierfür  geeigneten  Bezirk  ein  Grundstück
besitzt,  darf  darauf  ein  Geschäftsgebäude  so  hoch  errichten,
als  er  mag,  und  keine  andere  Grenze  als  die  der  technischen ­
  Möglichkeit  ist  ihm  dabei  gestellt.  Wer  ein  Warenhaus ­
  einrichtet,  der  tut  es  nach  den  ihm  bekannten  oder
von  ihm  vorausgesetzten  Wünschen  des  Publikums,  und
keine  Behörde  mischt  sich  aus  Gründen  der  Sicherheit  ein.
Der  Unternehmer  wird  nicht  bevormundet,  und  das  Publikum ­
  auch  nicht,  das  selbst  die  Augen  offen  zu  halten  gewöhnt ­
  ist  und  in  dieser  Gewöhnung  erhalten  werden  soll.
Die  Erziehung  stellt  den  Menschen  auf  sich  selbst  und  gibt
ihm  für  Denken  und  Handeln  die  Lebensregel:  „Hilf  Dir
selbst!“  Ungemein  charakteristisch  ist,  was  ich  während  *)

*)  Veröffentlicht  am  26.  Juli  1002.
        <pb n="31" />
        31

meines  Aufenthalts  in  Süd-Californien  sah.  Bei  dem  herr
lieh  gelegenen  Coronado  Beach  führen  langgestreckte  Fußgängerdämme ­
  einladend  in  den  Stillen  Ozean  hinaus.  An
der  Dämme  Anfang  aber  erzählt  ein  behördliches  Schild  mit
mächtigen  Lettern:  „Wer  diese  Brücke  betritt,  tut  es  auf
eigene  Gefahr.“
Die  öffentlichen  Anlagen  sind  überall  nur  Nutzanlagen
im  engsten  Sinne.  Auf  nichts  wird  geachtet,  als  was  dem
Verkehr  selbst  dient.  Große  Vorsichtsmaßregeln  im  Eisenbahnbetrieb ­
  werden  nicht  für  erforderlich  angesehen,  wohl
aber  die  besten  Lokomotiven,  zugleich  in  den  Fernzügen
mit  allen  Bequemlichkeiten  des  Reisens  ausgerüstete
Speise-,  Schlaf-  und  Bibliothekswagen.  Bahnbarrieren  sind
nicht  vorhanden.  Schilder  mit  der  Aufschrift:  „Achtung!
Wagen!“  gelten  als  ausreichender  Schutz.  Auf  der  endlosen
Atchison,  Topeka  und  Santa  Fe-Eisenbahn  bemerkt  man  nur
vereinzelte  Bahnwärterhäuser.  Hier  und  da  liegen  zur
Seite  des  Gleises  einige  Ersatzschienen  für  den  Fall  rasch
benötigter  Ausbesserungen.
Eine  Art  Arbeitsfanatismus  beherrscht  die  Gemüter.
Die  Arbeit  ist  in  den  Industriezentren  so  intensiv,  daß  sie
kaum  eine  andere  Erholung  als  den  Schlaf  zuläßt,  und
deshalb  sind,  wenn  man  von  den  großen  Städten  absieht,
die  Einrichtungen  für  weltliche  Vergnügungen  überaus  sparsam. ­
  Wo  es  dem  Geschäft  gilt,  wo  man  der  erwerblichen,
kaufmännischen  Tätigkeit  nachgeht,  selbst  an  kleineren  und
entlegenen  Plätzen,  findet  man  Hotels,  die  mit  allem  Komfort ­
  und  mit  überraschendem  Glanz  eingerichtet  sind.  Die
Erholungsplätze  dagegen  bieten  nur  mäßige  Unterkunft,
schlechte  Wege,  mangelhafte  Verkehrsmittel.  Die  Rastlosigkeit ­
  schließt  die  Erholung  aus,  die  der  amerikanische
Gewerbetreibende  auch  gar  nicht  daheim  sucht.  Hat  er
Geld  übrig,  will  er  für  kurze  Zeit  rasten  und  sich  ver ­
        <pb n="32" />
        32

gnügen,  so  geht  er  nach  Europa.  Im  eigenen  Land  kennt
er  kaum  etwas  anderes  als  das  Geschäft,  hat  er  nur  für
dieses  Sinn,  so  zwar,  daß  sogar  von  den  Wohlhabenden
nur  wenige  die  landschaftlichen  Schönheiten  der  Heimat
kennen.  Von  den  Bewohnern  des  Ostens  hat  nur  ein
kleiner  Teil  das  sonnige  Stück  Erde  des  fernen  Westens
mit  seinen  Blüten  und  Blumen,  mit  seinen  Früchten  und
Weinbergen,  mit  seinem  milden  und  reinen  Himmel,  mit
seinen  Palmen  und  Orangen  gesehen.  Das  erklärt  sich
keineswegs  aus  Abneigung  gegen  die  Natur  oder  aus  besonderer ­
  Neigung  zur  Seßhaftigkeit.  Nach  dem  Westen
geht  man  eben  nur,  wenn  man  im  Osten  nicht  Erfolg  gehabt ­
  hat,  oder  wenn  man  sein  Arbeitsgebiet  ausdehnen
will.  Dann  freilich  ist  man  schnell  zum  Aufbruch  entschlossen. ­
  Das  Tätigkeitsfeld  ist  weit,  und  „unbegrenzte
Möglichkeiten“  hat  man  vor  sich.
Der  Arbeitsfanatismus,  von  dem  ich  eben  gesprochen
habe,  beginnt  bereits  in  jungen  Jahren.  Jung  wie  die  Industrie ­
  des  Landes  sind  auch  die  Leiter  großer  Betriebe,
beinahe  noch  Jünglinge.  Anderseits  gibt  es  drüben
kaum  Männer,  die  sich  als  Rentner  zur  Ruhe  setzen,  auch
wenn  sie  Millionen  erworben  haben.  Sie  wagen  den  Gewinn ­
  oder  doch  einen  großen  Teil  davon  immer  aufs  neue,
und  so  häufen  sich  im  Fall  des  Erfolgs  die  großen  Vermögen, ­
  die  übrigens  nicht  selten  —  im  Gegensatz  zu  den
oft  demonstrativen  Aufwendungen,  die  ich  früher  erwähnt
habe  —  von  den  Besitzern  mit  königlicher  Hand  wieder
gemeinnützigen  Zwecken  zugeführt  werden.  Als  ein  erfreuliches ­
  Symptom  ist  es  anzusehen,  daß  diese  Riesenschenkungen ­
  nicht  minder  wie  kleinere  Gaben,  abgesehen
von  den  Werken  reiner  Nächstenliebe,  in  beträchtlichem
Umfang  der  Förderung  des  Unterrichts  und  der  Wissenschaften ­
  gewidmet  werden.
        <pb n="33" />
        33

R

Wie  der  Entfaltung  des  Wirtschaftslebens  nirgends
Fesseln  angetan  sind,  so  besteht  auch  im  Verkehr  der
Menschen  untereinander  die  größte  Bewegungsfreiheit,  allerdings ­
  oft  in  uns  befremdlichen  Formen.  Zwischen  den  jeweiligen ­
  Machthabern  und  dem  Volk  hat  sich  naturgemäß
ein  ganz  anderer  Zusammenhang  ergeben  als  in  den  Monarchien; ­
  und  da  drüben  noch  alles  neuer  ist,  so  möchte  ich
behaupten,  sogar  noch  weit  freier  und  undisziplinierter  als
in  den  Republiken  der  Alten  Welt.
Daß  der  „Respekt  vor  der  Autorität“  in  den  Vereinigten
Staaten  nicht  übermäßig  ausgebildet  ist,  kann  nach  dem
eben  Gesagten  kaum  wundernehmen.  Das  läßt  auch  ein
freundliches  Verhältnis  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  nicht  recht  aufkommen.  Es  machte  einen  eigentümlichen ­
  Eindruck  auf  mich,  als  ich  in  den  „Union  Iron
Works“  in  San  Francisco  mit  dem  Schöpfer  dieser  Werke,
Irving  Scott,  durch  die  Umgebung  der  Anlagen  ging  und
wahrnahm,  daß  von  allen  den  Arbeitern,  die  wir  auf  dem
Weg  zum  Mittagessen  trafen,  kaum  einer  seine  Mütze  vor
dem  in  Ehren  ergrauten  Manne  zog,  der  eine  Zierde  des
amerikanischen  Gewerbefleißes  ist.  Und  sie  kannten  alle
Irving  Scott!  Anderseits  werden  Pensionen  und  Ruhegehälter ­
  in  geschäftlichen  Betrieben  nur  in  den  seltensten
Fällen  gewährt.  Wer  nicht  mehr  im  vollen  Umfang  zu
arbeiten  vermag  —  selbst  wenn  er  in  dem  gleichen  Betrieb
alt  geworden  ist  —  muß  gehen;  rücksichtslos  erhält  er
seinen  Laufpaß,  er  hat  jüngeren  Kräften  zu  weichen,  die
arbeitsfähiger  sind.  So  erfordert  es  das  Interesse  des
Geschäfts,  und  etwas  anderes  darf  nicht  in  Frage  kommen.
„Hilf  Dir  selbst“,  so  heißt  es  auch  hier.  Wir  haben  gute
Löhne  und  Honorare  gezahlt  —  davon  hätte  genügend
zurückgelegt  und  für  Alters-  und  Lebensversicherungs-Prämien
  verwandt  werden  können.  In  den  Bank-  oder
        <pb n="34" />
        34

Industriegesellschafts-Bilanzen  habe  ich,  soweit  ich  mich
entsinne,  Pensionsfonds  für  Beamte  gleichfalls  nicht  gefunden. ­
  Einige  größere  Eisenbahngesellschaften  beginnen
allerdings  mit  der  Einrichtung  von  Pensionsanstalten.  Das
sind  aber  zunächst  Ausnahmen.  Gemeinsame  Festlichkeiten
der  Arbeitgeber  mit  den  Arbeitnehmern  aus  Anlaß  eines
besonderen  Gedenktages  gehören  zu  den  größten  Seltenheiten. ­
  Zwei  Gruppen  stehen  sich  in  dem  Arbeitgebertum
und  in  der  Arbeiterschaft  gegenüber  —  ohne  innere  Zusammengehörigkeit ­
  und  ohne  „Respekt  vor  der  Autorität“  —
jede  Partei  bestrebt,  so  viel  zu  gewinnen,  wie  nur  immer
möglich  ist.
Man  muß  aber  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten  bei
der  Arbeit  selbst  gesehen  haben,  um  begreiflich  zu  finden,
daß  es  leisten  konnte,  was  es  geleistet  hat  und  zu  leisten
fortfährt.  Maschinen  überall,  um  im  großen  zu  schaffen,
und  'die  Arbeitsteilung  so  sehr  durchgeführt,  daß  schließlich
der  Mensch  selbst  entweder  zur  Maschine  oder  zum  Aufseher ­
  einer  Maschine  geworden  ist.  Im  Gegensatz  zu
Europa,  wo  in  langem  geschichtlichen  Werdegang  die
selbständige  Individualität  eine  der  schönsten  und  edelsten
Blüten  der  Ausbildung  war,  hatte  in  den  Vereinigten  Staaten
ursprünglich  die  seltsame  Paarung  von  Freiheit  und  harter
wirtschaftlicher  Notwendigkeit,  die  wunderliche  Verbindung
einer  menschliche  Satzungen  nur  in  beschränktestem  Umfang ­
  kennenden  und  anerkennenden  Selbstwilligkeit  mit
rücksichtslosem  Zielbewußtsein  dahin  geführt,  daß  ein  Volk
von  selbstherrlichen  Individuen  bei  der  schaffenden  Tätigkeit ­
  auf  alles  Eigensein  verzichtete  und  sich  ganz  und  gar
in  den  Dienst  des  Arbeitszweckes  stellte.  Wo  es  möglich
ist,  die  Arbeit  in  einzelne  Handgriffe  zu  zerlegen,  da  wird
der  einzelne  Handgriff  zum  Beruf  gemacht,  weil  damit  eine
Übung  gewonnen  wird,  die  eine  größere  Sicherheit  in  diesem
        <pb n="35" />
        35

3

Handgriff  gibt  und  seine  häufigere  Wiederholung  in  einem
bestimmten  Zeitmaß  zuläßt.  Der  Leiter  der  „Westinghouse
Electric  Mfg.  Co.“  in  Pittsburg,  ein  Deutsch-Amerikaner,
sagte  mir:  „Der  große  Erfolg  des  amerikanischen  Wettbewerbs ­
  beruht,  abgesehen  von  den  unermeßlichen  Schätzen
des  Bodens,  zum  Teil  auf  dem  maschinellen  Ersatz  der
Menschenhände,  auf  Schnellbetrieb,  auf  Konzentration  des
Betriebs  —  zum  Teil  aber  auch,  und  zu  einem  wesentlichen
Teil,  in  der  Spezialisierung  der  Arbeitsgebiete,  und  vor  allem
in  der  notwendigen  Spezialisierung  der  Arbeiter,  denen  wir
doch  ganz  andere  Löhne  zahlen  als  Sie  drüben!  Unsere
Arbeiter  bleiben  in  der  gleichen  Werkstätte,  an  derselben
Drehbank,  an  demselben  Kran,  an  derselben  Maschine;  sie
werden  nie  von  einer  Abteilung  in  die  andere  geschickt,
sie  werden  immer  zu  der  gleichen  Arbeit  verwendet.  So
gewinnen  sie  an  der  Stelle,  an  der  sie  stehen,  eine  außergewöhnliche ­
  Fertigkeit  —  sie  werden  Spezialisten  in  ihrem
Fach,  in  dem  Bereich  ihrer  Arbeit,  und  leisten  durch  die
jahrelang  getätigte  Übung  quantitativ  und  qualitativ  in  acht
Stunden  vielleicht  mehr  als  ein  Arbeiter  drüben  in  der
doppelten  Zeit!  So  fallen  die  höheren  Löhne  für  uns  gar
nicht  in  die  Wagschale!“
Zweckentsprechend  verfahren  —  das  ist  der  Grundsatz
der  Industrie  in  den  Vereinigten  Staaten.  Man  ist  auf  das
äußerste  sparsam  bei  der  Produktion,  aber  nicht,  indem
man  kargt,  sondern  indem  man  keine  Ausgabe  scheut,  die
irgend  einen  Ertrag  verspricht.  Der  Amerikaner  wirft  eine
eben  erst  gekaufte  Maschine  zum  alten  Eisen,  wenn  sie
nicht  zweckentsprechend  ist,  um  alsbald  ein  besseres  Modell
zu  erstehen;  er  hat  das  Herz,  überall  die  teuersten  und
besten  Spezialmaschinen  anzuschaffen.
Zweckentsprechend  verfahren  —  das  ist  der  Grundsatz
der  Industrie  in  den  Vereinigten  Staaten,  und  das  Ziel  ist
        <pb n="36" />
        36

ein  doppeltes:  selbst  für  den  heimischen  Markt  zu  sorgen
und  den  Landesreichtum  und  die  Landeskraft  durch  Gewinnung ­
  fremder  Märkte  für  sich  fruchtbar  zu  machen,
wobei  durch  intensive  Vervollkommnung  der  Technik  einerseits ­
  die  äußerste  Ausnützung  der  Rohmaterialien,  anderseits ­
  der  allmähliche  Übergang  zur  Erzeugung  von  qualitativ
hochstehenden  Waren  scharf  in  den  Vordergrund  tritt.  Es
ist  begreiflich,  daß  dem  unermeßlichen  Fortschritt  der  Vereinigten ­
  Staaten  in  der  Produktion  und  Verwertung  von
Rohstoffen  bei  zunehmender  Bevölkerung  der  wirtschaftliche
Umschwung  folgen  mußte.  Es  war  gar  nicht  anders  möglich,
als  daß  ein  Land,  dem  unaufhörlich  Arbeiter  der  verschiedensten ­
  Gewerbszweige  aus  der  Alten  Welt  zuströmten,
sich  auf  die  Dauer  nicht  damit  begnügen  mochte,  den  Handlanger ­
  der  fremdländischen  Industrie  abzugeben,  ihr  die
Materialien  zu  liefern  und  die  verarbeiteten  abzunehmen.
Die  natürliche  Entwicklung  verlangte  das  Entstehen  von
eigenen  Industrien  zur  Deckung  des  heimischen  Bedarfs.
Der  nächste  Schritt  war,  daß  die  unter  dem  Zollschutz  erstarkende ­
  Industrie  sich  exportierend  zu  betätigen  begann.
Nicht  langer  Zeit  hat  es  bedurft,  um  das  Beginnen  zu
mächtiger  Entfaltung  auszuweiten  und  den  Fabrikatsexport
immer  erheblicher  zu  steigern.
Man  will  sich  durchaus  vom  Ausland  emanzipieren,
besonders  da,  wo  man  in  dieser  Befreiung  einen  Vorteil
erblickt.  Auf  vielen  Schaufenstern  prangen  stolz  die  selbstbewußten ­
  Worte:  „Made  in  America“.  Beweiskräftiger  als
statistische  Zahlen  ist  der  fast  überall  deutlich  erkennbare
Entwicklungsgang  in  den  betreffenden  Geschäftsbetrieben.
So  ist  z.  B.  der  amerikanische  Bedarf  an  Spielwaren  ein
enormer;  die  deutsche  Ausfuhr  hat  sich  daraufhin  um
über  400  000  $  im  letzten  Jahre  erhöhen  können;  sie  wäre
noch  erheblicher  gewesen,  wenn  sich  nicht  zugleich  in  den
        <pb n="37" />
        37

Vereinigten  Staaten  sehr  beachtenswerte  Anfänge  einer
eigenen  Spielwaren-Industrie  zeigen  würden.  Ich  erwähne
ferner  die  Produktion  der  amerikanischen  Seiden-Industrie
und  ihrer  Hilfszweige,  wobei  in  der  Seidenstoff-  und  Seidenband-Fabrikation ­
  der  mechanische  Webstuhl  den  in  der  Alten
Welt  vielfach  noch  verwendeten  Handwebstuhl  gänzlich  verdrängt ­
  hat.  Der  Wert  der  Jahres-Produktion  beträgt  jetzt
bereits  nahezu  100  Millionen  Dollars.  Ich  hebe  weiter  die
Sammet-Industrie  hervor.  Die  Einfuhr  ist  durch  das  Aufblühen ­
  der  amerikanischen  Fabrikation  erheblich  zurückgedrängt ­
  worden.  In  billiger,  für  den  Massenvertrieb  geeigneter ­
  Ware  ist  das  amerikanische  Fabrikat  an  die  Stelle  des
früher  dominierenden  ausländischen  Produkts  in  der  Hauptsache ­
  getreten.  In  Besatzartikeln  und  Handschuhen  kommt
gleichfalls  das  Ausland  nicht  mehr  wie  ehedem  in  Betracht.
Ich  nenne  außerdem  die  Korbwaren-Industrie,  die  sich  in
ansehnlichem  Umfang  in  Amerika  aufzubauen  beginnt.  Ich
erinnere  sodann  an  den  starken  Aufschwung  der  amerikanischen ­
  Zement-Industrie,  die  zur  Zeit  nicht  einmal  den
Inlandsbedarf  zu  decken  vermag  und  mit  Hilfe  moderner
und  höchst  erfolgreicher  Arbeitsmethoden  einen  vortrefflichen ­
  Artikel  produziert;  an  der  pazifischen  Küste  besteht
allerdings  eine  nennenswerte  Zement-Industrie  noch  nicht.
In  Buntdruck-Erzeugnissen,  die  noch  vor  etwa  zehn  Jahren
beinahe  vollständig  importiert  wurden,  entwickelt  sich  in
Amerika  ein  staunenswertes  Gewerbe  mit  verhältnismäßig
billigen  Preisen;  zugleich  in  zunehmend  guter  Qualität,
dank  täglich  neuen  Erfindungen  in  den  chromolithographischen ­
  und  verwandten  Druckverfahren.  Während  Europa
dem  amerikanischen  Markt,  wenn  auch  in  bescheidenen
Quantitäten  gegen  früher,  immer  noch  Fenster-  und  Tafelglas ­
  liefert,  beherrscht  die  amerikanische  Glas-Industrie  in
allen  anderen  ihrer  Artikel  den  heimischen  Markt  beinahe
        <pb n="38" />
        38

vollkommen.  In  geschliffenem  Glas  leisten  die  amerikanischen ­
  Werkstätten  Hervorragendes  und  führen  selbst  bei
verhältnismäßig  teuren  Preisen  bereits  jetzt  nicht  unerhebliche ­
  Mengen  nach  Europa  aus.
Auf  der  andern  Seite  ist  der  augenblickliche  Inland-Bedarf
  auf  manchen  Produktionsgebieten  ein  so  überragender,
daß  man  an  den  Export  überhaupt  nicht  denken  kann.  Dazu
kommt,  daß  man  vielfach  in  den  mittleren  Betrieben  die
richtigen  Exportbeziehungen  erst  zu  organisieren  und  aufzubauen ­
  anfängt.
Auf  die  Frage,  wie  Deutschland  wohl  ohne  amerikanische
Rohbaumwolle  auskommen  wolle,  ist  diesseits  mit  der  Gegenfrage ­
  geantwortet  worden,  an  wen  die  Amerikaner  ihre
Baumwolle  verkaufen  wollten,  wenn  Deutschland  in  absehbarer ­
  Zeit  in  der  Lage  wäre,  sich  in  erhöhtem  Maße  aus
altenProduktionsländern  oder  aus  neuen  Produktionsgebieten,
nach  Fertigstellung  der  Bagdadbahn,  zu  versorgen.  „An
niemanden,“  erwiderte  mir  ein  New  Yorker  Kaufmann,  „wir
verarbeiten  die  Rohbaumwolle  einfach  selbst  und  werfen
die  Fabrikate  auf  den  Weltmarkt.“  —  Das  ist  eine  jener
„titanischen“  Übertreibungen,  die  sicher  nicht  ganz  ernst
genommen  sein  wollen.  Ein  in  seinem  Urteil  abgeklärter,
hervorragender  Sachverständiger  auf  dem  Gebiet  des  Baumwollenwaren-Gewerbes
  sagte  mir  aber:  „Wir  könnten  schon
jetzt  viele  Artikel  nach  Europa  bringen,  mit  Nutzen  selbst  in
die  durch  Zölle  geschützten  Länder.  Wir  tun  es  aber  nicht,  da
der  europäische  Kaufmann  viel  eigener  ist,  selbst  bei  billiger
Ware,  als  seine  Kollegen  anderwärts.  Er  hat  wohl  mehr
Zeit,  die  Waren  zu  prüfen  und  so  etwaige  Mängel  herauszufinden. ­
  Kleinigkeiten,  gegen  die  er  Einspruch  erhebt,  übersehen ­
  wir  gewöhnlich,  vielleicht  weil  die  zum  Grübeln  und
Fehlerfinden  aufgewandte  Zeit  für  uns  größeren  Wert  hat,
als  eine  Reklamation  einbringen  kann.“
        <pb n="39" />
        39

Mein  kundiger  Freund  betonte  ferner,  was  er  nur  auf
sein  Spezialgebiet  bezog,  was  aber  doch,  mit  sinngemäßer
Anwendung,  als  typisch  für  alle  Produktionsgebiete  des
amerikanischen  Gewerbefleißes  gelten  kann  und  deshalb  hier
erwähnt  werden  soll:  „Die  Leistung  einer  Druckmaschine  ist
größer,  wenn  sie  den  ganzen  Tag  über  in  der  gleichen
Zeichnung  und  in  der  gleichen  Zusammenstellung  von
Farben  arbeitet,  als  wenn  man  sie  ein  Dutzendmal  anhält,  um
Walzen  und  Farben  zu  ändern.  Wir  lassen  unsere  Maschinen
nicht  Stillstehen  und  arbeiten  lieber  mit  Verlust,  der  allerdings ­
  10  Proz.  nicht  übersteigen  darf.  Die  Inlandsproduktion,
die  wir  hier  nicht  verkaufen  können,  geben  wir  an  das
Ausland  zu  niedrigen  Preisen  ab.  In  schlechten  Zeiten
sind  wir  aggressiver  als  in  guten.“
Seine  Ausführungen  schloß  er  mit  den  bemerkenswerten
Worten:  „Mit  einer  Bevölkerung  von  über  80  Millionen,
die  alle  in  Sprache,  Tradition,  Tendenz  gleich  sind  oder
wenigstens  es  sein  wollen,  können  wir  alles  in  weit  größerem
Maßstab  fabrizieren  als  Europa,  und  die  Arbeitsersparnis,  die
solch  größerer  Maßstab  in  der  Fabrikation  gestattet,  ist  meiner
Meinung  nach  die  Hauptquelle  unserer  Überlegenheit.“
Auf  vielen  bedeutenden  Gebieten  hat  zudem  der  amerikanische ­
  Fabrikant  vor  dem  ausländischen  Konkurrenten
den  erheblichen  Vorteil  voraus,  daß  die  räumlich  naheliegenden ­
  Betriebe  eine  promptere  Ablieferung  der  Ware
und  eine  schnellere  Berücksichtigung  spezieller  Wünsche
gewährleisten.  Auch  vermag  sich  der  amerikanische  Fabrikant
rascher  einer  Änderung  des  im  Lande  herrschenden  Geschmacks ­
  anzupassen.  Zudem  beginnt  er  vielfach  selbständige ­
  Ideen,  Muster  und  Novitäten  an  den  Markt  zu
bringen,  wobei  ich  allerdings  ausdrücklich  feststellen  möchte,
daß  dies  zumeist  mit  Hilfe  europäischer  Zeichner  und  vielfach ­
  auch  mit  Hilfe  europäischer  Arbeiter  geschieht.
        <pb n="40" />
        40

Große  Verhältnisse  zeigen  sich,  wie  bekannt  und  bereits
von  allen  Seiten  besprochen,  in  der  Eisen-  und  Stahlindustrie. ­
  Sie  hatte  inländische  Aufträge  in  erdrückender
Fülle,  und  es  schien  gar  nicht  übertrieben,  wenn  von  einer
„förmlichen  Panik  der  Käufer“  gesprochen  wurde.  Für  die
hauptsächlichsten  amerikanischen  Eisenbahnen,  deren  Einnahmen ­
  im  vergangenen  Jahre  rund  1400  Millionen  Dollars
betrugen,  136  Millionen  mehr  als  im  Jahre  zuvor,  handelt  es
sich  nicht  nur  darum,  neue  Linien  zu  bauen,  es  müssen,
wie  schon  in  dem  vorigen  Abschnitt  angedeutet  wurde,  auch
die  vielfach  veralteten  Schienenstränge  erneuert  oder  umgestaltet ­
  werden.  Eine  große  Zahl  wichtig  gewordener  Nebenlinien ­
  und  Lokalbahnen  sollen  normalspurig  ausgebaut
werden;  auf  einer  Länge  von  Tausenden  von  Meilen  werden
die  leichten  Schienen,  entsprechend  den  Anforderungen  der
schweren  modernen  Lokomotiven  und  Güterwaggons,  durch
schwere  Standardschienen  ersetzt.  Auch  für  Brückenbau
und  Eisenbahnmaterialien,  namentlich  aber  für  Lokomotiven
und  Cars  ist  der  Bedarf  außerordentlich,  und  daher  scheint
es  glaubhaft,  wenn  versichert  wird,  daß  die  einschlägigen
Werke  auf  lange  Zeit  hinaus  im  Heimatland  mit  gewinnbringender ­
  Arbeit  versorgt  sind.  Nicht  weniger  stürmisch
und  großartig  äußert  sich  die  Nachfrage  für  die  Materialien
der  verschiedenen  Baugewerbe.  Konstruktions-  und  Fassoneisen ­
  aller  Art  werden  dringend  begehrt,  und  alte  Lieferungen
sind  seit  Monaten  im  Rückstand.  Im  Westen  stocken  tatsächlich ­
  die  Bauten  seit  Monaten,  weil  die  Eisenlieferungen
ausbleiben.  Auf  diese  Weise  wird  die  Produktion  von  Eisenund
  Stahlfabrikaten  innerhalb  der  Vereinigten  Staaten  selbst
einen  willigen  und  lohnenden  Absatz  behalten  und,  soweit
bis  jetzt  übersehen  werden  kann,  zunächst  von  scharf  unterbietendem ­
  Wettbewerb  auf  den  Weltmärkten  absehen.  Und
dazu  vergegenwärtige  man  sich,  daß,  während  der  Roheisen ­
        <pb n="41" />
        41

bedarf  der  Welt  in  der  Zeit  von  1866—1870  auf  den  Kopf
der  Bevölkerung  17  Pfund,  im  vorigen  Jahre  57  Pfund  betrug, ­
  er  sich  in  den  Vereinigten  Staaten  allein  in  1901  auf
455  Pfund  gesteigert  hat!
Und  noch  eine  andere  Vergleichszahl  mag  hier  eingefügt ­
  sein:  Während  von  der  amerikanischen  Gesamteinfuhr
die  Hälfte  europäischen  Ursprungs  ist,  geben  die  Vereinigten
Staaten  drei  Viertel  ihrer  Ausfuhr  nach  Europa  ab.  Absolut
ist  die  Ausfuhr  der  Vereinigten  Staaten  nach  Europa  erheblich
mehr  als  doppelt  so  groß  wie  die  Einfuhr  aus  Europa.
Dieses  Verhältnis  ist  seit  Jahren  ungefähr  konstant.
Auf  allen  Gebieten  der  amerikanischen  Gütererzeugung,
in  allen  Werkstätten  amerikanischen  Gewerbefleißes  begegnen
wir  Riesendimensionen  und  Riesenzahlen.  Auch  die  im
Entstehen  begriffenen  zahlreichen  Neuanlagen  sind  in  ihrer
jetzt  bereits  erkennbaren  Ausdehnung  nicht  minder  imposant.
Dazu  gehören  in  erster  Reihe  die  Werke  der  „Lackawanna
Steel  Co.“  in  Buffalo.  Diese  werden  dereinst  dazu  berufen
sein,  der  „United  States  Steel  Corporation“  beträchtliche
Konkurrenz  zu  machen.  Wenn  die  Werke  in  geraumer
Zeit  fertiggestellt  sein  werden,  werden  sie  ungefähr
1  300  000  Tons  schwere  und  leichte  Stahlschienen,  Stahlknüppel, ­
  Universalplatten,  Konstruktionsstahl,  schwere  und
leichte  Stahlplatten  produzieren  können  —  ungefähr  10  Proz.
der  Produktion  der  Vereinigten  Staaten.
Ein  charakteristisches  Merkmal,  das  sich  bei  dem  Anblick ­
  der  amerikanischen  Werke  in  den  Vordergrund  drängt,
ist,  daß  im  allgemeinen  auf  das  Äußere  der  Anlagen  nicht
der  Wert  gelegt  wird  wie  anderwärts.  Die  Gebäude  sind
einfach  und  prunklos;  häufig  sind  es  nur  mächtige  Bretteroder ­
  Wellblechschuppen,  in  denen  die  wertvollsten  Maschinen
untergebracht  sind.  Selbst  die  Carnegie-Werke  der  „U.  St.
Steel  Corporation“  in  Pittsburg-Homestead,  die  wohl  das
        <pb n="42" />
        42

Großartigste  und  Vollkommenste  auf  dem  Gebiet  der  Gesamtanlagen ­
  von  Hochöfen,  Stahl-  und  Walzwerken  darstellen,
entbehren  jedes  äußeren  Schmuckes.  Freilich,  tritt  man  in
die  Werke  ein,  so  fühlt  man  sich  in  eine  Wunder-  und
Zauberwelt  versetzt.  Der  Laie  möchte  an  das  Walten  unsichtbarer ­
  Geister  glauben,  wenn  er  sieht,  wie  durch  mechanische ­
  Vorrichtungen  in  einem  ununterbrochenen  Zug  das
Rohmaterial  bis  zum  fertigen  Produkt  geführt  und  das  fertige
Produkt  zur  Verladung  gebracht  wird.
Aus  der  Fülle  des  Beobachteten  vermag  ich  immer
nur  einige  Beispiele  herauszugreifen,  um  an  ihnen,  wenn
auch  nur  in  gedrängtem  Abriß,  das  weite  Maß  und  das  Eigenartige ­
  der  amerikanischen  Produktion  zu  beleuchten.  In  der
„Westinghouse  Electric  Mfg.  Co.“  in  Pittsburg,  deren  Anlagen
auch  äußerlich  einen  überaus  stattlichen  Eindruck  machen,
wurden,  als  ich  im  Januar  dort  war,  vier  5000  Kilowatt-Maschinen
  fertiggestellt,  die  für  den  elektrischen  Betrieb  der
ursprünglich  mit  Dampfbetrieb  eingerichteten  „Elevated
Railroads“  in  New  York  in  Auftrag  gegeben  waren.
In  die  mir  eben  gezogenen  Grenzen  fallen  nicht
minder  die  „Anheuser  Busch-Brauerei“  in  St.  Louis  und
die  „Pabst  Brewery  Co.“  in  Milwaukee.  Die  letztgenannte
Brauerei  erzeugt  jährlich  fast  1  Million  Barrels  Bier  (1  Barrel
ist  gleich  1,18  Hektoliter).  Die  Anheuser  Busch-Brauerei
hat  es  auf  nahezu  1,2  Millionen  Barrels  gebracht.  Mit
dieser  Brauerei  ist  für  den  Flaschenbedarf  eine  Glasfabrik
verbunden.  Bei  Pabst  sah  ich  eine  automatische  Maschine,
die  stündlich  neuntausend  Flaschen  weicht,  ausspült  und
vollkommen  reinigt.
In  den  „Raritan  Copper  Works“  in  Perth  Amboy,
N.  J.,  veranschaulichte  sich  mir  der  Produktionsprozeß,
der  die  Arbeitsmethoden  der  „alten  und  der  neuen  Zeit“
—  so  nannte  der  Leiter  der  Werke  die  Jahre  1895
        <pb n="43" />
        43  —

und  1900  —  in  zwei  nebeneinanderliegenden  weitgedehnten
Gebäulichkeiten  kennzeichnet.  Hier  wie  dort  erfolgt  die
Darstellung  des  Werdeganges  des  Kupfers  durch  Röstung
der  Kupfererze,  Verschmelzung  mit  Kohle  und  Zuschlägen,
Garmachung  in  Flammenöfen  bis  zum  Fertigprodukt  in
Kupferingots  —  mit  dem  Unterschied,  daß  in  den  jetzt  neu
eingerichteten  Werkstätten  technisch  vervollkommnete  und
von  nur  wenigen  Arbeitern  gewartete  Maschinen  in  Tätigkeit ­
  sind,  die  das  doppelte  Quantum  von  dem  erzeugen,
was  in  der  noch  in  Betrieb  befindlichen  älteren  Abteilung
minder  ausgerüstete  Maschinen,  bedient  von  einer  viermal
so  großen  Zahl  von  Menschenhänden,  zu  leisten  vermögen.
In  der  oben  erwähnten  Anheuser  Busch-Brauerei  sind
zur  Fertigstellung  von  2000  Busheis  Malz  im  Flur-Malzhaus
(d.  h.  beim  Handbetrieb)  42  Arbeiterkräfte  benötigt,  wogegen
dasselbe  Quantum  im  automatischen  Trommel  -  Malzhaus
(Maschinenbetrieb)  mit  nur  8  Arbeiterkräften  erzeugt  wird,
das  Ganze,  wie  man  mir  sagte,  mit  einer  Kostenersparnis
von  ungefähr  75  Proz.,  so  daß  das  zur  Einrichtung  des
Trommel-Malzhauses  angelegte,  allerdings  ziemlich  hohe
Kapital  in  kurzer  Zeit  abgeschrieben  werden  kann.
In  bezug  auf  den  automatischen  Betrieb  ist  auch  der
maschinelle  Vorgang,  der  sich  in  den  Anlagen  der  „Natural
Food  Co.“,  Niagara  Falls,  N.  Y.,  vollzieht,  in  hohem  Grade
lehrreich.  Dort  wird  in  einem  einzigen  Prozeß  der  Weizen
zermahlen  und  bis  zum  reinen  Weizenbrot  („shredded
whole  wheat  Biscuit“)  fertiggestellt,  ohne  daß  der
Arbeiter,  der  die  Maschinen  wartet,  etwas  anderes  ist,  als
ihr  Aufseher,  und  ohne  daß  das  fertige  Gebäck  bis  zum
Hineinschieben  in  die  Öfen  von  einer  Menschenhand  berührt ­
  wird.  Die  später  von  Menschenhänden  in  die  Röstöfen ­
  hineingeschobenen  Platten,  auf  denen  sich  das  Gebäck
befindet,  werden  in  den  Backöfen  selbst  dann  wieder  durch
        <pb n="44" />
        44

automatische  Vorrichtungen  so  lange  auf-  und  niedergeschoben, ­
  bis  das  Gebäck  als  Fertigprodukt  für  den  Versand ­
  bereit  ist.  Alles  ist  elektrisch  betrieben.  Die  Kraft
wird  von  der  „Niagara  Falls  Power  Co.“  geliefert,  in
deren  Anlagen  zur  Zeit  von  nur  15  Arbeitern  50  000  HP
bedient  werden,  während  eine  gleiche  Anzahl  von
Kräften  in  einer  neuen  Anlage  demnächst  in  Betrieb  gestellt
werden  soll.
Die  Werke  der  „Deering  Harvester  Co.“  in  Chicago
setzen  in  Erstaunen.  Sie  nehmen  in  bezug  auf  Größe,
Produktion  und  Ausstattung  wohl  mit  den  ersten  Platz  in
der  Herstellung  von  Erntemaschinen  ein.  Herr  Charles
Deering  machte  mich  auf  die  Schöpfungen  aufmerksam,  die
aus  seinen  Fabriken  hervorgegangen  sind,  und  bezeichnete
mir  die  für  die  Geschichte  der  Entwicklung  der  Technik
besonders  bedeutsamen  Konstruktionen,  die  bei  ihm  hergestellt ­
  worden  sind.  Die  Firma  beschäftigt  9000  Arbeiter
und  unterhält  70  kaufmännische  Filialen  in  den  Vereinigten
Staaten.  —  Aus  dem  ungeheuren  Absatz  der  Harvester  Co.
im  Lande  selbst  erhellt  die  Blüte  der  Landwirtschaft
in  den  Vereinigten  Staaten.  Die  Kaufkraft  der  Farmer,
so  sagte  Herr  Deering,  sei  der  Maßstab  für  das  Gedeihen
der  Vereinigten  Staaten  und  ihrer  Industrie.  Er  bestätigte
zugleich,  daß  die  Wohlhabenheit  der  Farmer,  wie  es  kurze
Zeit  vorher  der  Präsident  in  seiner  Botschaft  geäußert  hatte,
derzeit  eine  außergewöhnliche  sei.
In  Orange,  N.  J.,  sah  ich  die  Werke  von  Thomas  Alva
Edison,  nämlich  das  „Laboratory“  und  die  „Edison  Phonograph ­
  Works“.  Herr  Edison  zeigte  mir  hierbei  Muster
der  in  der  „Edison  Storage  Battery  Co.“  hergestellten
Akkumulatorenbatterien  für  Automobilfahrzeuge.  In  dieser
seiner  neuesten  Erfindung  sieht  er  eine  vollständige  Umwälzung ­
  des  Verkehrswesens;  hofft  er  doch,  daß  seine
        <pb n="45" />
        45

Batterien,  ohne  daß  sie  selbst  Schaden  nehmen,  es  ermöglichen ­
  werden,  bei  einmaliger  Ladung  85—100  englische
Meilen  =  ungefähr  140—160  km  Wegstrecke  zurückzulegen.
In  einer  einzigen  der  zwölf  Stationen  der  „New  York
Edison  Co.“  in  New  York,  in  der  „Water-Side-Station“,
werden  bis  zur  endgültigen  Fertigstellung  der  Anlagen
100  000  HP  bereit  sein.  In  den  Gesamtanlagen  der  Berliner
Elektrizitätswerke  sind  fürLicht-  und  Kraftzwecke  150000HP
in  Tätigkeit.  Allerdings  hat  New  York  mit  Einschluß  der
Boroughs  3'/ 2  Millionen  Einwohner.  In  der  „Metropolitan
Traction  Co.“,  New  York,  sind  für  einen  Teil  des  elektrischen
Straßenbahnverkehrs  zur  Zeit  60  000  HP  in  Kraft.
Auf  den  großen  Schiffsbauwerften  von  „William  Cramp
&amp;amp;  Sons“  in  Philadelphia,  die  sich  aus  kleinen  Anfängen  allmählich ­
  zu  ihrem  jetzigen  Umfang  ausgeweitet  haben,  waren
während  meiner  Anwesenheit  zwölf  Schiffe  im  Bau  begriffen,
von  denen  die  „Finnland“  und  „Cronlana“  je  17  000  Tons
Raumgehalt  umfassen.
In  den  Schiffsbauwerften  der  „Union  Iron  Works“  auf
der  andern  Seite  des  Landes,  an  der  pazifischen  Küste,  in
San  Francisco,  waren  elf  Schiffe,  gleichfalls  Kriegs-  und
Handelsschiffe,  im  Bau.  Dort  sind  zwei  Maschinen  in
Tätigkeit,  eine  „boring  mill“  zur  Herstellung  von  Panzertürmen ­
  und  Panzerringen  und  eine  „hydraulic  bending
Press“,  die  Stahlplatten  von  24  Fuß  Länge  ohne  Erhitzung
in  jede  erforderliche,  noch  so  komplizierte  Form  biegt.
Beide  werden  als  einzigartig  in  der  amerikanischen  Schiffbautechnik ­
  bezeichnet.
Den  überwältigendsten  Eindruck  haben  auf  mich  die
»Burnham,  Williams  &amp;amp;  Co.  Baldwin  Locomotive  Works“
in  Philadelphia  gemacht.  Der  Gründer  der  Fabrik,  Herr
Matthias  W.  Baldwin,  hat  seine  erste  Lokomotive  „Old
Ironsides“  für  die  „Philadelphia,  Germantown  &amp;amp;  Norristown
        <pb n="46" />
        46

Railroad  Co.“  im  Jahre  1831/32  konstruiert.  Im  Februar
dieses  Jahres  wurde  die  70  Jahr-Feier  der  Werke  und  die
Herstellung  der  zwanzigtausendsten  Lokomotive  festlich
begangen.  Wie  mir  Herr  Alb.  B.  Johnson,  einer  der
Eigentümer  der  Firma,  sagte,  hat  man  seither  allen  verlockenden ­
  Anträgen,  die  Firma  in  eine  öffentliche  Aktiengesellschaft ­
  umzuwandeln  oder  sie  mit  anderen  Lokomotivfabriken
  zu  verschmelzen,  auf  das  bestimmteste  widerstanden. ­
  Die  Firma  beschäftigt  12  000  Arbeiter,  im  Jahre
1901  hat  sie  1360  Lokomotiven  hergestellt  und  wird  es  in
diesem  Jahre  auf  die  Fertigstellung  von  1500  Lokomotiven
bringen.
Zwanzigtausend  Lokomotiven  in  einer  Fabrik  hergestellt! ­
  —  fünfzehnhundert  Lokomotiven  die  Arbeitsleistung ­
  einer  Fabrik  in  einem  Jahre!  —  Wahrlich,  das
Land  der  „unbegrenzten  Möglichkeiten“!
        <pb n="47" />
        Kapitel  III.

Arbeiter-Vereinigungen  und  Industrie-Verbände.^


Nicht  alles  ist  eitel  Licht  und  Sonne  in  dem  Zaubergarten ­
  der  Vereinigten  Staaten!
Der  Widerstreit  und  die  Gegensätzlichkeit  zwischen
Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  sind,  wie  bereits  in  dem
vorangegangenen  Abschnitt  gestreift,  in  der  Union  noch
schärfer  als  anderwärts,  vielleicht  weil  Arbeitgeber  und
Arbeitnehmer  einander  in  den  Grundanschauungen  und
Grundbestrebungen  so  außerordentlich  ähneln.  Die  beiden
Gruppen  bewegen  sich  dort  durchaus  auf  dem  gleichen
Boden  des  Gelderwerbs.  Von  Sentimentalität  ist  nicht  die
Rede.  Überall  starrste  Interessenvertretung.  Dazu  kommt,
daß  von  einer  Arbeiter-Fürsorge  im  Sinne  und  Geiste
unserer  sozialpolitischen  Einrichtungen  nirgends  ein  Hauch
zu  verspüren  ist.  Die  Arbeiter-Gesetzgebung  ist  in  der
Union  überaus  dürftig  und  nicnt  einmal  einheitlich;  sie  beschränkt ­
  sich  auf  Gesetze  gegen  „Boykott“,  gegen  „schwarze
Listen“  und  über  „Acht-Stundenarbeit“,  die  aber  lediglich
in  einzelnen  Staaten  in  Geltung  sind.  Nur  für  alle  von  der
Bundesregierung  selbst  angestellten  oder  beschäftigten  Personen ­
  bilden  einheitlich  acht  Stunden  die  Tagesarbeit.

*)  Veröffentlicht  am  2.  August  1902.
        <pb n="48" />
        48

Die  Kinderarbeit  in  den  Fabriken  harrt  in  den  meisten
Staaten  der  Union  noch  der  gesetzlichen  Regelung.  In  den
Südstaaten  arbeiten  nach  zuverlässigen  Schätzungen  in  den
Textil-Fabriken  ungefähr  20  000  Kinder  unter  14  Jahren.
Aus  Nord-Carolina  wird  amtlich  berichtet,  daß  dort  7605
Kinder  unter  14  Jahren  in  261  Fabriken  beschäftigt  sind;
ähnliches  ist  der  Fall  in  Süd-Carolina,  Georgia  und  Alabama,
mit  dem  Unterschied,  daß  ein  großer  Teil  der  dort  beschäftigten ­
  Kinder  noch  nicht  einmal  das  zwölfte  Lebensjahr
erreicht  hat.  Und  diese  Kinder  arbeiten  oft  11—12  Stunden
den  Tag.
Für  die  in  den  Fabriken  vorkommenden  Unfälle  der
Arbeiter  sind  die  Arbeitgeber  nur  insoweit  verantwortlich,
als  ihnen  eine  Schuld  durch  mangelhafte  Einrichtungen
nachgewiesen  werden  kann.  Im  übrigen  gelten  für  derartige ­
  Unfälle  nur  die  Bestimmungen  des  gemeinen  Rechts;
die  Partei,  die  den  besten  Anwalt  hat,  wird  entweder  die
geringste  Entschädigung  zahlen  oder  die  höchste  erhalten.
An  der  Spitze  der  Arbeiter-Organisation  des  Landes
steht,  gleichsam  die  Arbeiter-Bundesregierung  bildend,  die
„American  Federation  of  Labor“,  deren  Präsident,  Sekretär
und  Schatzmeister  in  Washington  ihren  Sitz  haben.  Präsident ­
  ist  seit  der  Begründung  der  frühere  Zigarrenarbeiter
Herr  Gompers,  ein  Mann  von  ungewöhnlichen  Organisationsgaben, ­
  dem  ich  über  Aufbau  und  Ausgestaltung  der
Federation  manchen  Aufschluß  verdanke.
In  der  „American  Federation  of  Labor“,  zu  der  die
„National  and  International  Trade  Unions“  als  Berufsverbände, ­
  die  „State  Federations  of  Labor“  als  Staatsverbände,
die  „City  Central  Labor  Unions“  oder  „Central  bodies“  als
Zentral-Stadt-Verbände,  mit  zwei  weiteren  Unterabteilungen,
den  „Local  Trade  Unions“  (Gewerkschaften)  und  den
„Federal  Labor  Unions“  (gemischte  Arbeiterschaften),  ge ­
        <pb n="49" />
        49

4

hören,  sind  die  Arbeiter  fest  organisiert.  Die  Zahl  der  also
organisierten  Arbeiter  wächst  außerordentlich;  sie  betrug
im  Jahre  1900  900  000,  Ende  1901  schon  1  500  000;  Ende
dieses  Jahres  wird  sie  voraussichtlich  2  000000  übersteigen.
Der  Kampf  zwischen  organisiertem  Kapital  und  organisierter ­
  Arbeit  trat  im  Vorjahre  durch  den  Streik  der  Eisenund
  Stahlarbeiter  besonders  ernsthaft  in  die  Erscheinung.
Wegen  der  Lohnfrage  hatte  es  früher  schon  öfter  partielle
Streiks  gegeben,  bei  denen  die  Arbeiter  Erfolge  erzielten.
Die  „Amalgamated  Association  of  Iron  and  Steel  and  Tin
Workers“  verlangte  diesmal  von  den  Arbeitgebern  die
offizielle  Anerkennung  der  völligen  Gleichberechtigung  des
Arbeiterverbands  mit  den  Kapitalsvereinigungen.  Die  Forderung ­
  drang  nicht  durch.  Die  Gründer  der  „United  States
Steel  Corporation“  hatten  über  alle  Gebiete  der  vereinigten
Fabriken  in  einer  ganzen  Reihe  von  Etablissements  ausschließlich ­
  solche  Arbeiter  angestellt,  die  der  „Amalgamated
Association“  nicht  angehörten.  Damit  waren  für  den  Streikfall ­
  immune  Gebiete  und  zugleich  Anziehungszentren  für
die  zum  Abfall  bereiten  Elemente  geschaffen,  so  daß  die
Aufrechterhaltung  des  Betriebes  in  gewissen  Grenzen  ermöglicht ­
  wurde.  Dazu  kam,  daß  unter  den  Arbeiterführern
selbst  Meinungsverschiedenheiten  herrschten.  Der  eine
dekretierte  einfach  den  Streik  unter  Vertragsbruch,  der
andere  erklärte  die  Nichteinhaltung  eines  geschäftlichen
Abkommens  für  ein  schweres  Vergehen.
Ungleich  besseren  Erfolg  hatte  die  „American  Federation ­
  of  Labor“  in  ihrem  Haupt-Rekrutierungsgebiet  Californien.
  Im  Hochsommer  vorigen  Jahres  hatten  die
Spediteure  und  Großkaufleute  von  San  Francisco  ihre  zur
Union  gehörigen  Arbeiter,  Fuhrleute,  Verpacker  ausgesperrt,
weil  diese  sich  geweigert  hatten,  aus  ihren  Organisationen
auszutreten.  Die  Seeleute  und  Dockarbeiter  erklärten  hier ­
        <pb n="50" />
        50

auf  aus  „Sympathie“  mit  den  Ausgesperrten  den  Streik,  der
über  25  000  Arbeiter  umfaßte.  Es  gab  schwere  Stockungen,
harte  Verluste,  auch  Tumulte;  schließlich  kam  durch  Vermittlung ­
  des  Staatsgouverneurs  ein  Kompromiß  zustande.
Die  Einmischung  der  republikanischen  Staatsregierung  war
in  Rücksicht  auf  die  nahe  bevorstehenden  städtischen
Wahlen  in  San  Francisco  erfolgt.  Man  befürchtete  einen
Abfall  der  Arbeiterstimmen  von  der  republikanischen  Partei.
Die  Befürchtung  war  gerechtfertigt.  Es  bildete  sich,  da
auch  die  demokratische  Partei  sich  den  Arbeitern  unliebsam
gemacht  hatte,  in  aller  Stille  eine  lokale  Arbeiterpartei,
deren  Programm  mit  einigen  sozialistischen  Forderungen
aufgeputzt  war.  Das  Ergebnis  war,  daß  die  Arbeiter  fünf
der  Ihren  in  den  Stadtrat  brachten  und  die  Wahl  des  Präsidenten ­
  des  Musikerverbandes  zum  Bürgermeister  durchsetzten. ­
  Das  Beispiel  von  San  Francisco  ist  in  Hartford  im
Staate  Connecticut  und  in  drei  anderen,  kleineren  Industriestädten ­
  dieses  und  des  Staates  Massachusetts  nachgeahmt
worden.  Während  des  jüngsten  Streiks  der  Straßenbahn-Angestellten
  in  San  Francisco,  Ende  April  d.  J.,  war  ich
Augenzeuge  der  Vorgänge,  die  alle  aufs  tiefste  erregten.
Der  Streik  endete  unter  dem  ermunternden  Zuspruch
des  Publikums  und  der  Presse  mit  dem  vollständigen
Sieg  der  Streikenden,  die  sogar  von  der  Kanzel  herab  gefeiert ­
  wurden.
Die  große  Bedeutung  dieses  Streiks  liegt  nach  meiner
Meinung  darin,  daß  er  über  die  Grenzen  San  Franciscos
und  Californiens  hinaus  weithin  unter  den  organisierten
Arbeitern  ein  lautes  Echo  gefunden  hat  und  zur  Bildung
einer  großen  Arbeiter-Partei  über  das  ganze  Land  führen
dürfte.  Noch  vor  zwei  Jahren  hat  sich  Präsident  Gompers
zu  einem  mir  befreundeten  sehr  angesehenen  Manne  dahin
geäußert,  daß  die  amerikanischen  Arbeiter  sich  jeder
        <pb n="51" />
        selbständigen  politischen  Betätigung  enthalten,  und  daß  ein
bemerkenswerter  Unterschied  zwischen  der  deutschen  und
amerikanischen  Arbeiterschaft  darin  bestehe,  daß  die  Organisation ­
  der  Arbeiter  in  Deutschland  eine  politisch-wirtschaftliche ­
  sei,  während  die  amerikanischen  Arbeiter  weiter  nichts
im  Auge  hätten,  als  die  Wahrung  ihrer  wirtschaftlichen  Interessen. ­
  Es  ist  eine  Tatsache,  daß  bis  in  die  jüngste  Zeit
die  Diskussion  politischer  Fragen  in  den  amerikanischen
Gewerkschaften  streng  verpönt  war.
Als  ich  mit  Herrn  Gompers  unter  dem  Eindruck  des
eben  damals  ausgebrochenen  Kohlenarbeiter-Streiks  die  allgemeine ­
  Situation  besprach  und  seine  Meinung  hierüber
wie  über  die  großen  Kapitals-  und  Industrie-Verbände,  wie
sie  u.  a.  in  erster  Reihe  die  Trusts  darstellen,  erbat,  antwortete ­
  er  mir:  „Mit  Abraham  Lincoln  spreche  und  meine
ich:  »Das  Kapital  ist  die  Frucht  der  Arbeit  und  könnte
nicht  bestehen,  hätte  die  Arbeit  nicht  vorher  bestanden.
Deswegen  verdient  die  Arbeit  die  viel  höhere  Berücksichtigung.« ­
  Wir  wollen  das  Produkt  der  Arbeit  sichern.
Anderseits  ist  der  Feldzug  gegen  die  Trusts  ebenso  wirtschaftlich ­
  unmodern  wie  der  gegen  die  Arbeitervereinigungen.
Jede  Partei  muß  sehen,  zu  ihrem  Recht  zu  kommen.  Alles
muß  auf  den  praktischen  Boden  gestellt  werden;  dabei  ist
es  nur  die  Konzentration,  die  Stärke  verleiht.“  Und  als  ich
ihm  dann  sagte,  „ich  kenne  die  Auffassung,  die  Sie  vor
einigen  Jahren  ausgesprochen  haben,  und  möchte  jetzt  von
Ihnen  hören,  ob,  wie  man  mir  berichtet  hat,  die  »American
Federation  of  Labor«  die  Absicht  hat,  eine  eigene  politische
Partei  zu  bilden,“  entgegnete  er:  „Nein  und  ja.  Wir  sind
zur  Zeit  keine  politische  Partei.  Natürlich  wollen  wir
Gesetze  haben,  die  uns  fördern;  daher  müssen  wir  durch
die  Politik  und  durch  die  von  uns  zu  erstrebende  politische
Macht  uns  Einfluß  für  unsere  güte  Sache  verschaffen.“
        <pb n="52" />
        52

Konzentration  steht  gegen  Konzentration,  und  der
Zusammenprall  ist  sehr  häufig  und  sehr  scharf  gewesen.
Die  Washingtoner  Angaben  zeigen,  daß  in  den  Jahren
1881  —  1901  die  Zahl  der  Streiks,  die  Aussperrungen  nicht
mitgerechnet,  in  den  Vereinigten  Staaten  22  793  betragen
hat,  und  daß  die  hierbei  in  Betracht  kommende  Zahl  der
Fabriken  sich  auf  117  509  beläuft.  Die  Arbeiter  haben  dabei ­
  an  Löhnen  258  Millionen  Dollars  eingebüßt,  die  beteiligten ­
  Fabriken  haben  ihren  Verlust  auf  123  Millionen
Dollars  eingeschätzt.
Es  ist  nur  natürlich,  daß  solche  Streiks  mit  ihren  Lasten
den  Gedanken  auf  beiden  Seiten  haben  heranreifen  lassen,
die  vorhandenen  Organisationen  zu  benutzen,  nicht  um  den
Frieden  herzustellen,  nachdem  ein  langer  Streik  die
schwersten  Opfer  gefordert  hat,  sondern  um  vorher  die
Störung  des  Friedens  zu  verhindern.  Die  vor  etwa  zwei
Jahren  aus  der  „Civic  Federation“  in  Chicago  hervorgegangene ­
  „National  Civic  Federation“  mit  dem  Hauptsitz
in  New  York  hat  sich  dieser  Aufgabe  gewidmet.  Unter  dem
Patronat  der  „National  Civic  Federation“  beziehungsweise
ihrer  „industriellen  Abteilung“  —  deren  Ziel  es  ist,  sich
allmählich  zu  einem  Einigungsamt  auszuweiten  —  kam  im
Dezember  des  vorigen  Jahres  in  New  York  eine  Konferenz
zustande,  die  beschloß,  einen  permanenten  Ausschuß  aus
Vertretern  des  „Großkapitalismus“,  der  „Arbeiterorganisationen“ ­
  und  der  „weiteren  Öffentlichkeit“  einzusetzen.
Dem  Ausschuß  wurde  aufgegeben,  eine  Art  ständigen
Gerichtshofs  zu  bilden,  vor  dessen  Forum  Differenzen
zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  auf  gütlichem
Wege  mit  der  Tendenz  ausgeglichen  werden  sollen,  eine
möglichst  dauernde  Verständigung  zwischen  Kapital  und
Arbeit,  zwischen  Unternehmern  und  Angestellten  anzubahnen
und  aufrechtzuhalten.  „Kapital  und  Arbeit  seien  Insassen
        <pb n="53" />
        53

des  gleichen  Hauses,  in  dem  die  Wohlfahrt  eines  jeden
von  den  gegenseitigen  Konzessionen  an  die  Rechte  und
Privilegien  des  andern  abhänge.“  Dem  oben  erwähnten
Ausschuß  gehören  die  hervorragendsten  Leiter  von  industriellen ­
  Gesellschaften,  großen  Bahnen  und  Geschäftsbetrieben ­
  an;  ferner  die  Führer  der  Arbeiterorganisationen
auf  den  wirtschaftlichen  Hauptgebieten.  Unter  den  Männern
der  „weiteren  Öffentlichkeit“  befindet  sich  ein  Erzbischof,
ein  Bischof  und  der  Präsident  der  Harvard-Universität.
Bis  zur  Niederschrift  dieser  Zeilen  hat  das  Einigungsamt ­
  und  sein  permanenter  Ausschuß  tatsächliche  Erfolge
nicht  erzielt.  Zahlreiche  Streiks  fanden  statt,  ohne  daß  deren
Ausbruch  verhindert  werden  konnte.  Daß  die  Führer  hüben
und  drüben  ab  und  zu  einen  Händedruck  austauschten,  hat
sie  einander  innerlich  nicht  näher  gebracht.  Die  großen
Kapitals-Assoziationen  sehen  eine  andere  Assoziation  mit
zielbewußter  Hartnäckigkeit  sich  ausgestalten,  und  sie  wissen,
daß  die  Absichten,  die  hierbei  leitend  und  bestimmend
sind,  mit  denen  der  Kapitals-Oligarchie  Zusammenstößen
und  das  Machtverhältnis  verschieben  könnten.  Die  „neue
Partei“,  die  in  den  Vereinigten  Staaten  vorerst  nur  lokal
debütiert  hat,  wird,  so  glaubt  man,  bald  in  einer  für  manchen
überraschenden  Stärke  auf  dem  Plan  erscheinen,  ohne  daß  man
die  wirtschaftliche  Tragweite  abzumessen  in  der  Lage  wäre.
Das  ist  der.  äußere  Gegner,  der  die  Trusts  aus  ihrer
wirklichen  oder  scheinbaren  Sicherheit  aufschrecken  könnte.
Und  der  innere  Gegner,  der  vielleicht  noch  früher
gefährlich  werden  kann,  ist  der  Organismus  der  Trusts
selbst,  in  dem  mannigfache  Teile  allgemein  wirtschaftlicher
und  besonders  finanzieller  Natur  eingegliedert  und  eingebaut
wuchern,  die  als  gesund  oder  widerstandsfähig  nicht  bezeichnet ­
  werden  dürfen,  oder  doch  ihre  Heilung  oder
Erprobung  im  Lauf  der  Zeit  erst  erweisen  müssen.
        <pb n="54" />
        54

Nicht  das  Wesen,  aber  die  Form  der  Trusts  hat  im
Lauf  der  Zeit  mannigfachen  Wandel  erfahren.  Ursprünglich
bezeichnete  man  mit  dem  Namen  Trust  eine  Vereinigung
von  industriellen  Gesellschaften,  bei  der  die  Beteiligten
ihren  Besitz  an  Aktien  der  Einzelgesellschaften  in  die  Hand
von  Vertrauensmännern  („Trustees“)  legten  und  sich  dafür
eine  entsprechende  Summe  von  Trustzertifikaten  an  dem
Gesamtunternehmen  ausstellen  ließen.  Der  Zweck  der
Vereinigung  war  immer  die  tunlichste  Verringerung  der
Produktions-,  Verwaltungs-  und  Betriebskosten,  die  Schaffung
einer  Art  von  Monopol,  die  möglichste  Ausschließung  der
inländischen  Konkurrenz  und  die  selbständige  Bestimmung
der  Preise.  Der  „Standard  Oil  Trust“  und  der  „Zucker-Trust“
  waren  dergestalt  aufgebaut.  Seitdem  die  Bildung
solcher  Art  von  Trusts  allgemein  als  ungesetzlich  erklärt
worden  war,  organisierten  sich  die  Trusts  unter  dem
„Korporationsgesetz“.  Und  das  führte  innerhalb  des  abgelaufenen ­
  Dezenniums  und  hier  wieder  hauptsächlich  innerhalb ­
  der  letzten  vier  Jahre  zu  einem  fabelhaften,  fast  alle
Produktionsgebiete  umfassenden  Anwachsen  der  neuartigen
Trustgebilde.  Die  Judikatur  ist  ihnen  gegenüber  beinahe  in
allen  Staaten  der  Union  die  gleiche  geblieben:  Auch  diese
Trusts  seien  der  „öffentlichen  Wohlfahrt  entgegen  und  ungesetzlich“. ­

In  den  Vereinigten  Staaten  streiten  zwei  Rechtsanschauungen ­
  miteinander,  die  beide  eigentlich  in  der
Theorie  auf  der  nämlichen  Grundlage  beruhen,  in  der
Praxis  aber  einander  fast  ausschließen.  Jedem  Amerikaner
gilt  es  als  ein  unantastbares  Grundrecht,  daß  die  Ausübung
von  Handel  und  Gewerbe  frei  sein  müsse.  Aus  diesem
Grundrecht  ergibt  sich  mit  gleicher  Schlußsicherheit,  daß
die  Gesetzgebung  in  die  Freiheit  der  gewerblichen  Verabredung ­
  nicht  hemmend  eingreifen  darf,  wie  daß  die  gewerb-
        <pb n="55" />
        55

liehe  Verabredung  unter  keinen  Umständen  befugt  ist,  den
freien  Wettbewerb,  dessen  Fortdauer  im  öffentlichen  Interesse ­
  liegt,  zu  beeinträchtigen  oder  gar  aufzuheben.  Einerseits ­
  haben  Gesetzgebung  und  Judikatur  sich  bisher  bemüht,
den  Trusts  in  ihren  alten  und  neuen  Formen  durch  besondere ­
  Verbotsgesetze  oder  durch  Gesetzesauslegung  den
Rechtsboden  zu  entziehen;  und  anderseits  hat  die
„Genialität“  der  amerikanischen  Anwälte  es  noch  allezeit
verstanden,  die  Trusts  durch  immer  wechselnde  formale
Ausgestaltung  und  Einkleidung  den  Fangarmen  von  Gesetz
und  Gericht  zu  entrücken.  Hüben  und  drüben  betont  man
den  Grundsatz  der  „wirtschaftlichen  Freiheit“;  doch  die
beiden  Parteien  haben  Entgegengesetztes  im  Auge,  wenn
sie  von  der  „Freiheit,  die  ich  meine“  sprechen!
Im  übrigen  findet  sich  eine  klare  und  einwandfreie
Definition  dessen,  was  unter  einem  Trust  derzeit  zu  verstehen ­
  ist,  nirgends,  zumal  eine  Kodifikation  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  nicht  besteht.  Daher  kommt  es,  daß  man
vielerlei  bunt  durcheinanderwirft  und  unterscheidungslos
Syndikate  und  Kartelle  mit  Trusts  verwechselt,  während  als
Trusts  wohl  nur  solche  Organisationen  anzusehen  sind,  die
sich  innerhalb  bestimmter  Gewerbszweige  oder  für  bestimmte ­
  Gewerbsgebiete  kapitals-  und  betriebsmäßig  vereinigt ­
  oder  gemeinsamer  Leitung  unterstellt  haben  —  oft
unter  gleichzeitiger  Kontrolle  des  Rohmaterials.  Wenn  ich
von  dieser  Begriffsbegrenzung  ausgehe,  so  komme  ich,  nach
genauen  per  1.  Juni  d.  J.  abgeschlossenen  Feststellungen,
zu  der  Tatsache,  daß  die  in  den  Vereinigten  Staaten  z.  Zt.
arbeitenden  Trusts  den  überwältigenden  Nominalbetrag
von  6,2  Milliarden  Dollars  aufweisen,  wovon  allein  2227,8
Millionen  auf  die  Eisen-  und  Stahlindustrie,  567  Millionen
auf  die  Metallindustrie,  515,6  Millionen  auf  die  Nahrungsmittelindustrie ­
  entfallen.  Jener  Betrag  von  6,2  Milliarden
        <pb n="56" />
        56

Dollars  macht  63  Proz.  des  gesamten  in  der  amerikanischen
Industrie  investierten  Kapitals  aus,  das  von  mir  im  ersten
Abschnitt  auf  9874  Millionen  angegeben  worden  ist.
Der  neuerlich  aufgenommene  Feldzug  gegen  Kartelle
und  Trusts,  hier  hauptsächlich  auf  Grund  des  föderativen
„zwischenstaatlichen  Handelsgesetzes“,  gegen  die  zu  reiner
Preisvereinbarung  vereinigten  Schlachthaus  -  Firmen  in
Chicago,  dort  wesentlich  gestützt  auf  das  föderative
„Shermansche  Anti-Trustgesetz“  gegen  die  neueste  Form
der  Trusts,  den  „Merger“,  wie  er  sich  in  der  in  der
„Northern  Securities  Co.“  gebildeten  Eisenbahn  -  Erwerbs-Gesellschaft
  darstellt,  dürfte  wiederum  mit  einer  Niederlage
der  Angreifer  enden.  Meine  amerikanischen  Freunde  glauben,
der  Präsident  selbst  wolle  nur  bekunden,  daß,  solange  einmal ­
  Gesetze  bestehen,  sie  auch  beobachtet  und  durchgeführt
werden  müssen.  Erweisen  sich  die  Gesetze  der  derzeitigen
Entwicklung  gegenüber  als  unzulänglich  oder  schädigend,
so  muß  Besseres  an  ihre  Stelle  gesetzt  werden:  es  müssen
neue  inhaltsreiche  Formen  gefunden  werden;  vor  allem
dürfte  das  Gesellschaftskapital  nur  dem  greifbaren  Besitztum
entsprechen,  und  größtmöglichste  Öffentlichkeit  sei  erforderlich. ­
  Dem  Präsidenten,  der  ein  begeisterter  Bewunderer
unserer  deutschen  Rechtspflege  ist,  schwebt  sicherlich
unser  heimisches  Aktienrecht  vor.  Aber  er  ist  in  erster
Reihe  Patriot.  Er  empfindet,  daß  die  Schwäche  des  amerikanischen ­
  weltwirtschaftlichen  Wettbewerbs  in  der  finanziellen ­
  Konstruktion  der  großen  Kapitalsassoziationen  liegt.
Selbst  auf  die  Gefahr  hin,  daß  ihm  diese  Auffassung  die
Wiederwahl  in  zwei  Jahren  gerade  in  den  Kreisen  seiner
eigenen  Partei  ungemein  erschweren  wird,  stellt  er  es  sich
als  eine  Art  Lebensaufgabe,  den  ökonomischen  Organismus
des  Volks  überall  durch  feste  Fügungen  zu  stärken;  weiß  er
doch  zugleich,  daß  in  breiten  Kreisen  der  politischen  und
        <pb n="57" />
        57

werktätigen  Bevölkerung  ein  starker  Antagonismus  gegen
die  Kapitalsassoziationen  der  Trusts  vorhanden  ist.
Die  Situation  ist  die:  Die  Amerikaner  zahlen  die
Fabrikate  nicht  bloß  nach  den  inneren  Bedingnissen  der
heimischen  Produktion,  sondern  mit  dem  vollen  Zuschlag
des  Schutzzolls.  Der  allgemeine  wirtschaftliche  Aufschwung
ist  aber  zur  Zeit  so  mächtig,  daß  der  einzelne  an  den  erhöhten ­
  indirekten  Lasten  keinen  Anstoß  nimmt,  weil  die
glänzende  Gesamtlage  auch  auf  ihn  selbst  —  sei  es  in  Gestalt
besserer  Löhne,  sei  es  durch  guten  Geschäftsgang  —  einwirkt ­
  und  ihm  ermöglicht,  Leistungen  zu  erschwingen,  die
von  ihm  unter  anderen  Verhältnissen,  bei  rückgängiger  Konjunktur, ­
  als  sehr  drückend  empfunden  würden  oder  vielleicht ­
  überhaupt  nicht  getragen  werden  könnten.
Hierin,  im  Aufbau  der  großen  Kapitals-  und  Industrie-Kombinationen
  und  -Assoziationen  des  Landes,  liegt  einer
jener  wirtschaftlich  nicht  gesunden  Teile,  von  denen  ich
zuvor  gesprochen  habe.  Ungesund  umsomehr,  als  in  der
finanziellen  Grundlage  dieses  Aufbaus  derzeit  weite  Lücken
klaffen:
Die  Kapitalisation  ist  oft  eine  unechte  und  fiktive;  zumeist ­
  stellen  die  gewöhnlichen  Aktien,  sehr  oft  auch  die
Vorzugsaktien,  nicht  im  entferntesten  den  wahren  Wert  der
eingebrachten  Objekte  dar.
Daraus  und  aus  dem  Umstand,  daß  die  Mehrzahl  dieser
Werte  nur  auf  die  Ertragsfähigkeit  bezw.  auf  den  Ertrag
gestellt  sind,  ergibt  sich  die  große  Gefahr  für  das  Publikum,
das  diese  Werte  zur  Anlage  gekauft  hat  oder  kauft.  Die
Aktien,  an  und  für  sich  nur  zum  Teil  fundiert,  können  für
die  Kapitalisten  zu  wertlosem  Papier  werden,  wenn  die
Rente  für  lange  Zeit  ausbleibt  oder  wenn  eine  Liquidation
des  Unternehmens  eintritt.
Bis  jetzt  haben  die  Industrie-Gesellschaften  bezw.  die
        <pb n="58" />
        58

Trusts  zumeist  Dividenden  auch  auf  die  Aktien  gezahlt.  Ob
und  wieweit  die  Dividenden  wirklich  verdient  und  aus  den
tatsächlichen  Erträgnissen  bezahlt  worden  sind  und  bezahlt
werden,  läßt  sich  —  ganz  abgesehen  von  den  als  Ausnahme
überall  in  der  Welt  vorkommenden  beabsichtigten  fraudulosen
  Verschleierungen  —  von  einem  Außenstehenden  nicht
beurteilen  oder  genau  ermitteln.  Die  Bilanzen  werden  in
den  Vereinigten  Staaten  nicht  so  aufgestellt  wie  bei  uns.
Alles  geht  ins  Große,  und  man  begnügt  sich  mit  allgemeinen
Angaben  ohne  Details.
Die  Gründer  oder  Promotoren  haben  ihren  Aktienbesitz ­
  wohl  zumeist  abgestoßen  und  in  die  breiten  Kanäle
des  Publikums  geleitet.  Oder  sie  warten,  bis  die  Ertragsfähigkeit ­
  eines  Jahres  den  Abstoß  ermöglicht.  Auf  der
andern  Seite  bleiben  sie  in  Finanzsyndikaten  für  die  von  ihnen
geschaffenen  Werte  weiterhin  tätig,  kaufen  und  verkaufen
in  Kenntnis  der  jeweilig  ihnen  zuerst  bekannt  werdenden
Vorgänge  und  beteiligen  wohl  auch  die  Gesellschaften  selbst
an  den  betreffenden  Spekulationen.  Ob  sich  hier  immer
Gewinn  für  die  Industrie  oder  auch  manchmal  Verlust  ergibt,
ist  undurchsichtig.
Durch  die  nüchterne  Darlegung  dieser  Verhältnisse,
die  sich  auf  in  einzelnen  Fällen  von  mir  noch  besonders
festgestellte  Tatsachen  stützt,  deren  Aufzählung  aber  zu  weit
führen  würde,  will  ich  nur  zeigen,  daß  das  Wort  von  den
Bäumen,  die  nicht  in  den  Himmel  wachsen,  auch  hier  Geltung
hat.  In  dem  finanziellen  Fundament  der  Industrie  und  der
Trusts  liegt  die  Stärke  des  amerikanischen  Gewerbefleißes
wahrlich  nicht!  Und  da  dies  ein  sehr  wesentliches  Moment
ist,  so  hat  man  denen  entgegenzutreten,  die,  sei  es  in  der
Nähe  oder  in  der  Ferne,  die  rechte  Maßabschätzung  verlieren. ­
  Solches  Fehlurteil  findet  sich  häufig  drüben  in
„titanischem“  Übernehmen;  bei  uns  sind  es  die  gelehrtesten
        <pb n="59" />
        59

Männer  vom  grünen  Tisch,  die  bereits  den  Eroberungszug
des  Amerikanismus  durch  die  ganze  Welt  als  eine  Tatsache
hinnehmen  und  sie  mit  suggerierender  Wirkung  weithin
verkündigen.
In  der  Hoffnung  auf  Verwirklichung  eines  glücklichen
Zukunftsbildes  liefern  die  Bürger  der  Union,  vielleicht  zum
Teil  unbewußt,  in  den  hohen  Preisen  für  ihre  Gebrauchsgegenstände ­
  zugleich  die  Mittel  zur  Unterbietung  der  fremden
Industrien  auf  fremden  Märkten.  Doch  so  empfindlich  das
Gemüt  des  Amerikaners  auf  patriotische  Reizungen  reagiert
—  auf  die  Dauer  reagiert  sein  Geldbeutel  noch  empfindlicher
auf  eine  zumal  sachlich  nicht  gerechtfertigte  dauernde  Inanspruchnahme. ­
  Einer  der  hervorragendsten  New  Yorker
Finanziers  sagte  mir  wörtlich:  „Das  amerikanische  Volk
ist  seiner  Natur  nach  ein  Handelsvolk  und  läßt  seine
Angelegenheiten  nicht  von  Gefühl  und  Theorien  bestimmen. ­
  Der  Durchschnitts-Amerikaner  fragt  sich  immer:
Was  wird  es  kosten?  Wird  es  sich  bezahlen?  Was  für
einen  Vorteil  werde  ich  daraus  ziehen?“
Daher  ist  der  Plan  einer  wirtschaftlichen  Weltunterjochung ­
  durch  die  Vereinigten  Staaten,  wie  er  zum  Schaden
des  heimischen  Verbrauchers  u.  a.  mit  einem  dauernden
und  wohlfeilen  Abwerfen  obdachloser  Inlandsproduktion
auf  die  Weltmärkte  in  unmittelbarem  Zusammenhang  stehen
würde  —  so  groß  und  mächtig  der  derzeitige  Entwicklungsstand ­
  des  Wirtschaftslebens  der  Union  ist  —,  mehr  kühn
als  ausführbar,  und  er  bliebe  das,  selbst  wenn  die  Kraft
drüben  noch  weit  größer  wäre,  als  sie  wirklich  ist.  Es
liegt,  von  allem  Sonstigen  abgesehen,  die  bare  Unmöglichkeit ­
  vor.  Wohl  kann  ein  Staat  die  anderen  durch  Gewaltmittel ­
  und  sonstige  Maßnahmen  ökonomisch  schädigen.
Doch  auf  die  Länge  der  Zeit  hat  auch  die  Nation,  von  der  die
Schädigung  ausgeht,  hiervon  keinen  Nutzen,  sondern  Nach ­
        <pb n="60" />
        60

teil.  Dauernd  läßt  sich  ein  Güteraustausch  nur  dann  erhalten, ­
  wenn  alle  Teile  daraus  Nutzen  ziehen,  was  eine
relative  und  zeitweise  Überflügelung  des  einen  durch  den
andern  nicht  ausschließt.  Wenn  irgendwo  ein  Land  dem
andern  Ware  unter  dem  Marktwert  oder  gar  unter  dem
Gestehungswert  überläßt  —  aus  welchem  Grund  immer  es
geschehen  mag  —,  macht  es  ihm  ein  Geschenk  oder  zahlt
ihm  einen  Tribut.  Daß  aber  andauernde  Geschenke  oder
Tributzahlungen  den  damit  Bedachten  wirtschaftlich  zurückbrächten, ­
  kann  sinniger  Weise  nicht  behauptet  werden.
Es  wird  eine  Zeit  kommen,  in  der  man  sich  in  den
Vereinigten  Staaten  sagen  wird,  daß  es  doch  eine  besonders
unwillkommene  Kehrseite  darstelle,  wenn  der  Amerikaner
seinen  Bedarf  überteuer  bezahlen  müsse,  damit  ihn  das
wirtschaftlich  zu  besiegende  Ausland  billiger,  sogar  unter
dem  Gestehungspreis,  erhalte.  Daher  glaube  ich,  daß  der
amerikanische  Konsument  allmählich  immer  mehr  zu
solchen  Betrachtungen  gelangen  muß.  Und  weil  dies  der
Fall  sein  wird,  so  meine  ich  auch,  daß  die  Produzenten
selbst,  in  kühlerer  Abwägung,  zumal  wenn  sie  erst  Verlustjahre ­
  durchgemacht  haben  werden  —  die  doch  unausbleiblich ­
  sind,  unbeschadet  der  „unbegrenzten  Möglichkeiten“
im  eigenen  Lande  —,  sich  der  Erkenntnis  nähern  werden:
daß  sich  ein  stetiger  und  gesunder  Außenhandel,  dessen
die  immer  mehr  anwachsende  Industrie-Erzeugung  dringend
bedarf,  nur  auf  dem  Boden  langfristiger  Tarif-  bezw.  Handelsverträge ­
  erhalten  und  fortentwickeln  läßt,  unter  Beseitigung
eines  ungeheuerlichen  prohibitiven  Hochschutzzollsystems,
das  nicht  der  Gesamtheit  des  Volks,  sondern  auf  die  Dauer
nur  einem  Teil  und  hier  wieder  nur  übermächtigen  Interessengruppen ­
  Nutzen  bringt.
        <pb n="61" />
        Kapitel  IV.
Die  wirtschaftlichen  Generalstabskarten
im
amerikanisch-deutschen  Wettbewerb.^

Den  natürlichen  Reichtum  des  Landes  jenseits  des
Ozeans  mit  seinen  „unbegrenzten  Möglichkeiten“  habe  ich
staunend  gesehen;  mit  Bewunderung  den  Fleiß,  der  diesen
Reichtum  befruchtet  und  mehrt;  mit  höchster  Würdigung  die
Kunst  der  Organisation,  die  unter  den  verschwenderischsten
Aufwendungen  für  Handarbeit  ersetzende  Maschinen  die
sparsamste  Massenproduktion  zustande  bringt  und  dadurch
ein  immer  noch  erheblichen  Nutzen  gewährendes  Angebot
augenblicklich  zu  Preisen  ermöglicht,  die  Länder  mit  weniger
vollkommen  ausgestatteten  Industrien  im  internationalen
Wettbewerb  zurückdrängen.  Ich  sah  zugleich  den  oft  verwegenen ­
  Aufbau  von  Riesen-Trusts,  die  mit  märchenhaften
Ziffern  —  zuweilen  fingierten,  oft  aber  auch  wirklichen  und
echten  —  operieren  und  die  gesamte  gewerbliche  Intelligenz
des  Landes  gleichsam  zu  einer  einheitlichen  Armee  machen.
Der  blendende  Glanz  außerordentlicher  Errungenschaften
und  Aussichten  hat  aber  meinem  Auge  nicht  die  Fähigkeit
entzogen,  auch  die  schwachen  und  undichten  Stellen  in  der

*)  Veröffentlicht  am  9.  August  1902.
        <pb n="62" />
        62

wirtschaftlichen  Rüstung  der  Vereinigten  Staaten  wahrzunehmen. ­
  Es  konnte  mir  nicht  entgehen,  wie  die  oligarchische
und  fast  autokratische  Zusammenfassung  der  industriellen
Produktion  mit  deren  Verbilligung  zugleich  und  zumeist
auf  wesentlichen  Gewerbsgebieten  eine  Art  Eintönigkeit
schafft,  die  zu  der  natürlichen  und  auf  die  Dauer  nicht  zu
unterdrückenden  Mannigfaltigkeit  des  Geschmacks  und  der
Geschmacksanforderungen  in  unüberbrücklichem  Gegensatz
steht.  Denn  die  Zusammenfassung  aller  Kräfte  in  der  Form
der  Einregimentierung  erschlägt  das  individuelle  Leben,  das
nach  einem  unausgesetzten  Wettbewerb  auch  im  eigenen
Lande  verlangt.  Während  bei  vielgegliederter  und  in  ihren
Teilen  selbständiger  wirtschaftlicher  Betätigung  eine  gesunde ­
  Selbstsucht  wenigstens  einem  Teil  der  gewerblichen
Leiter  frische  Regsamkeit  erhält  oder  verleiht,  kann  die
ganze  Industrie  eines  Landes  erschlaffen,  wenn  ein  unglücklicher ­
  Zufall  es  fügt,  daß  die  jeweilig  mit  der  intellektuellen
Führung  betrauten  wenigen  Personen  ausscheiden,  minderwertig ­
  sind  oder  im  Nachlassen  ihrer  Kräfte  minderwertig
werden,  oder  durch  eine  fehlgehende  Beurteilung  der  Verhältnisse, ­
  die  auch  dem  Klügsten  einmal  begegnen  mag,  die
Industrien  selbst  auf  einen  falschen  Weg  instradieren.  Hieran ­
  reiht  sich,  daß  bei  der  in  den  Vereinigten  Staaten  allgemein ­
  üblichen  und  in  dem  vorigen  Abschnitt  besprochenen
Finanzierung  die  geschaffenen  Werte,  so  zu  sagen,  vielfach
nur  kapitalisierte  Promessen  darstellen;  dadurch  wird,
bei  der  gigantischen  Ausdehnung,  die  in  Frage  kommt,  im
Fall  einer  längeren  Stagnation  und  des  hierdurch  bedingten
Wertrückgangs  dieser  Promessen,  der  Wohlstand  des  Landes
gefährdet.  Wohl  ist  die  Industrie  der  Vereinigten  Staaten
durch  die  jetzige  und  voraussichtlich  auch  noch  geraume
Zeit  anhaltende,  außerordentlich  gesteigerte  Nachfrage  des
heimischen  Marktes  in  hohem  Maße  angespornt.  Allmählich
        <pb n="63" />
        63

aber  wird  der  Heißhunger  des  heimischen  Marktes  gestillt
werden,  und  es  kommt  eine  Periode  ruhigerer  Nachfrage,
früher  oder  später;  die  ganze  Massenproduktion,  auf  die  in
der  Hauptsache  das  Ganze  gestellt  ist,  und  der  sich  nur
durch  den  Stillstand  der  Maschinen  Einhalt  tun  ließe,  führt
zu  einer  Fabrikatüberschwemmung.  Selbst  die  größten
Reserven  werden  schnell  aufgezehrt  sein,  wenn  eine  Massenproduktion ­
  anhaltend  zu  Verlustpreisen  abgesetzt  wird,  und
Verlustpreise  allein  werden  den  Export  ermöglichen,  zumal
doch  für  die  anderen  Länder  der  Schutzzoll  auch  kein
Geheimmittel  ist.  Damit  beginnt  ein  aufs  höchste  angespannter ­
  wirtschaftlicher  Kampf,  bei  dem  nach  alter  Erfahrung ­
  die  Versuchung  für  den  exportierenden  Teil  unwiderstehlich ­
  ist,  alles  und  alles  an  das  Unerreichbare  zu
wagen,  nämlich  an  den  unmöglichen  Versuch,  durch  fortgesetzte ­
  und  gesteigerte  Selbstschädigung  zugunsten  eines
andern  Landes  dieses  andere  Land  wirtschaftlich  zu
besiegen.  In  dem  letzten  Kampfstadium  aber  würden  die
Industrien  der  Vereinigten  Staaten  die  Axt  an  die  eigene
Wurzel  legen,  indem  sie  für  die  aus  dem  erzwungenen
Export  resultierende  Einbuße  sich  durch  heimische  Preissteigerung ­
  wenigstens  teilweise  schadlos  zu  halten  suchten  —
und  damit  käme  die  Kraft  ins  Wanken.  Die  überwiegende
Mehrheit  der  Bevölkerung  würde  es  dann  gewiß  ablehnen,
einen  solchen  Kampf  mitzumachen  und  noch  weiter  erhöhte
Lasten  auf  sich  zu  nehmen,  lediglich  damit  dem  Ausland
die  amerikanische  Arbeit  unter  dem  Wert  dargeboten  werde.
Schon  jetzt  sind  in  den  Vereinigten  Staaten  die  Preise  notwendiger ­
  Bedarfsmittel  etwa  doppelt  so  hoch  wie  bei  uns.
Das  wird  nicht  besonders  schwer  empfunden,  weil  gleichzeitig ­
  die  Löhne  im  Durchschnitt  ungefähr  dreimal  so  hoch
sind,  also  eine  beträchtliche  Marge  für  bessere  Lebensführung ­
  bleibt.  Schwindet  aber  diese  Marge  durch  weitere
        <pb n="64" />
        64

Preissteigerung  der  notwendigen  oder  gewohnheitsmäßigen
Bedarfsmitte!,  so  wirkt  das  genau  wie  eine  Lohnkürzung,
und  darauf  geht  die  selbstbewußte  amerikanische  Arbeiterschaft ­
  umsoweniger  ein,  als  ihre  Organisation,  wie  ich
früher  ausgeführt  habe,  ihr  einen  wachsenden  Einfluß  auf
die  Gesetzgebung,  also  auch  auf  die  Zollgesetzgebung,
verspricht.
Ich  bin  von  der  Besorgnis  entfernt,  daß  es  zu  den
extremen  Eventualitäten,  von  denen  ich  gesprochen  habe,
kommen  wird.  Gerade  daß  diese  Eventualitäten  unvermeidlich ­
  sind,  wenn  die  Voraussetzungen  eintreten,  gibt
volle  Sicherheit  dafür,  daß  die  intellektuellen  Führer  der
Vereinigten  Staaten-Industrie  stark  und  vorurteilsfrei  in  der
Erkenntnis  der  Dinge  sein  werden  —  einmal,  um  die  Gewalt
der  vorübergehenden  Winterstürme  zu  mildern,  die  drüben
wie  überall  unausbleiblich  sind,  die  aber,  wenn  sie  von
jenseits  des  Ozeans  kommen,  in  ihrer  Rückwirkung  auf  den
Welthandelsverkehr  von  besonderer  Bedenklichkeit  sind  —
sodann,  um  den  Beginn  von  Zollkämpfen  zu  vermeiden,
deren  Ausgang  in  keinem  Fall  Gewinn  verspräche.
Doch  wie  immer  die  Verhältnisse  sich  gestalten  werden
—  das  eine  steht  unbedingt  fest:  der  schärfste  wirtschaftliche ­
  Wettbewerb  der  Vereinigten  Staaten  auf  den  Weltmärkten ­
  bleibt  außer  Frage.  Und  da  auch  wir  für  diesen  in
voller  Kraft  bleiben  wollen  und  müssen,  so  haben  wir  bedingungslos ­
  zuzugestehen:  In  der  Kunst  der  industriellen
Organisation,  in  dem  disziplinierten  Zusammenwirken,  in
der  Herabsetzung  der  Produktionskosten,  in  der  von  keiner
Rücksicht  auf  Kosten  eingeschränkten  Ausnutzung  eines
jeden  durch  die  Entwicklung  der  Technik  erlangbaren  Vorteils ­
  ist  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  Vorbildliches  in
Hülle  und  Fülle  vorhanden.  Auch  von  dem  vorschauenden
Unternehmungsgeist  der  Bürger  der  Vereinigten  Staaten
        <pb n="65" />
        65

&amp;amp;

können  wir  manches  lernen.  Wir  haben  schon  viel,  recht
viel  versäumt,  wir  haben  kostbare  Gelegenheiten  vorübergehen ­
  lassen,  und  manchmal,  während  wir  wie  hypnotisiert
auf  die  erstaunliche  wirtschaftliche  Entwicklung  der  Vereinigten ­
  Staaten  starrten,  haben  wir  erst  nachträglich  und
zu  spät  gemerkt,  daß  die  Männer  drüben  früh,  sehr  früh
geräuschlos  aufgestanden  waren  und  uns  im  eigenen  Lager
gewissermaßen  expropriiert  hatten.  Dann  redete  man  wohl
—  was  nicht  eben  ein  Zeichen  von  Selbstvertrauen  war  —
übermäßig  laut  und  ängstlich  von  der  „amerikanischen
Gefahr“;  es  blieb  aber  alles  beim  alten,  und  es'geschah
herzlich  wenig,  um  dieser  wirklichen  oder  vermeintlichen
Gefahr  zu  begegnen.
Eine  Überraschung  war  es  für  uns,  als  wir  hörten,
daß  eine  der  größten  amerikanischen  Gesellschaften  zur
Herstellung  chemischer  Produkte  deutsche  Kaliwerke  angekauft ­
  habe.  Die  Amerikaner  brauchen  unser  Kali,  und  sie
haben  es  sich  gesichert,  indem  sie  einen  Teil  unserer  Kaliwerke ­
  in  aller  Stille  erstanden.  Wir  finden  das  tüchtig,  und
es  ist  auch  tüchtig.  Nicht  minder  tüchtig  wäre  es  von  uns
gewesen,  wenn  wir,  die  wir  das  amerikanische  Petroleum
brauchen,  schon  längst  einen  erheblichen  Anteil  an  den
Petroleumquellen  der  alten  Distrikte  in  Pennsylvanien,  Ohio,
Indiana,  West-Virginia,  oder  an  denen  der  neuen  Distrikte
in  Texas  und  Californien  uns  in  aller  Stille  gesichert  und
erstanden  hätten.  Ganz  gewiß  hätten  auch  die  Amerikaner
das  von  uns  tüchtig  gefunden.  Den  amerikanischen  Geschäfts-Realpolitikern
  würde  es  außerordentlich  imponieren,  wenn
wir  versuchten,  sie  mit  zu  „kontrollieren“,  anstatt  uns
dauernd  „kontrollieren“  zu  lassen.  Solch  rechtzeitiger,
jetzt  in  einzelnen  Bezirken  beinahe  unerschwinglicher  Erwerb ­
  wäre  wertvoller  gewesen,  als  die  an  sich  löbliche
Anlegung  von  Petroleum-Raffinerien,  die  zur  Zeit  bei  uns  in
        <pb n="66" />
        66

größerem  Maßstab  geplant  ist.  Handelsgeschäftlich  freilich
haben  wir  uns  in  nicht  unbeträchtlichem  Umfang,  nicht  zu
unserm  Schaden,  in  den  Vereinigten  Staaten  betätigt,
industriell  aber  jedenfalls  nicht  in  ausreichendem  Maß.  Und
doch  war  gerade  in  den  Vereinigten  Staaten  der  Boden
vorhanden,  auf  dem  und  unter  dem  man  hätte  bauen  und
ausbauen  können  —  selbstverständlich  mit  Umsicht  und
Besonnenheit.  Die  Engländer,  saturiert  wie  sie  sind,  haben
doch  noch  so  viel  Bewegungstüchtigkeit  aus  der  großen
alten  Zeit,  in  der  sie  die  Weltmärkte  beherrschten,  daß  sie
sich,  nach  Vorstudien  durch  zuverlässige  Ingenieure  und
Sachverständige,  in  den  Vereinigten  Staaten  vielfach  industriell
beteiligt  und  u.  a.  in  London  Gesellschaften  zur  Exploitierung
amerikanischer  Bergwerksdistrikte  begründet  haben.
Ob  das  in  der  Ratifikation  begriffene  Zustandekommen
der  Schiffahrtskombination,  deren  übergroße  Kapitalisierung
neben  anderen  Erwägungen  die  Gedeihlichkeit  in  Zweifel
stellt,  eine  Überraschung  für  die  deutschen  Interessenten
war,  und  ob  diese  von  den  Einzelheiten  des  Planes  erst
vernahmen,  als  Morgan  ihn  so  weit  gesichert  und  durchgeführt ­
  hatte,  daß  eine  Durchkreuzung  nicht  mehr  möglich
schien  —  das  entzieht  sich  der  Beurteilung  der  Außenstehenden. ­
  Daß  die  deutschen  Gesellschaften  ohne  Schädigung ­
  der  Interessen  der  Aktionäre,  wir  selbst  ohne  Beeinträchtigung ­
  unserer  nationalen  Würde  davonkommen  werden,
dafür  schulden  die  Aktionäre  und  wir  den  Männern,  die
das  bewirkt  haben,  rückhaltlose  Anerkennung.
Ob  und  welche  Überraschungen  daraus  drohen,  daß
sich  der  Exporteifer  der  Vereinigten  Staaten  gegenwärtig
mit  besonderem  Nachdruck  auf  den  ostasiatischen  Markt
richtet,  ist  schwer  vorauszusagen.  Der  amerikanischchinesische ­
  Handelsverkehr  war  bisher  absolut  und  relativ
nicht  bedeutend  und  hat  unter  den  jüngsten  chinesischen
        <pb n="67" />
        67

5*

Wirren  stärker  als  der  anderer  Staaten  gelitten,  weil  die
Hauptmärkte  des  amerikanischen  Absatzes  in  China,  Tientsin
und  Niutschwang,  im  Zentrum  der  von  dem  Boxer-Aufstand
herbeigeführten  Unruhen  lagen.  Einer  Ausdehnung  jenes
Verkehrs  stand  auch  die  Abneigung  der  amerikanischen
Fabrikanten  im  Weg,  dem  chinesischen  Käufer  durch  Anpassung ­
  an  seinen  Geschmack  entgegenzukommen.  Aber
schon  ist  überall  in  den  Vereinigten  Staaten,  namentlich  im
Süden  und  Westen,  ein  erhebliches  Anwachsen  des  Exports
nach  China,  besonders  in  Baumwollwaren,  bemerkbar,  ist
eine  große  Regsamkeit  wahrzunehmen,  die  intensiv  auf  Eroberung ­
  des  chinesischen  Marktes  abzielt.  Und  da  die
Philippinen-Inseln  sicher  nicht  einzig  aus  Philanthropie  in
Besitz  genommen  worden  sind,  so  wird  unser  chinesischer
Handelsverkehr,  der  im  vorigen  Jahre  von  dem  amerikanischen
bereits  übertroffen  war,  darauf  Bedacht  zu  nehmen  haben,
sich  nicht  weiteren  Vorsprung  abgewinnen  zu  lassen.
Die  Amerikaner  sind,  so  möchte  ich  behaupten,
mit  der  wirtschaftlichen  Generalstabskarte  ihrer  Wettbewerber ­
  auf  den  Weltmärkten  und  insbesondere  Europas
in  wundervoller  Weise  ausgerüstet.  Sie  haben  von  der
atlantischen  bis  zur  pazifischen  Küste  eine  erstaunliche,  oft
unheimliche  Kenntnis  und  Wissenschaft  aller  praktischen
Vorkommnisse  innerhalb  der  internationalen  Gebiete  von
Handel  und  Gewerbe.  Wir  in  Deutschland  verfügen  gewiß
über  eine  weitausgedehnte  Amerika-Literatur  mit  allen  möglichen ­
  fachwissenschaftlichen  Abhandlungen  und  mit  oft
lehrreichen  statistischen  Zahlen.  Aber  Beobachtungen  und
Feststellungen  praktischer  Kaufleute  und  Industrieller  sowie
gediegener  moderner  Ingenieure  und  Techniker  —  den
Behörden  und  dann  weiten  Kreisen  der  werktätigen  Bevölkerung ­
  regelmäßig  und  schnell  zugängig  gemacht  —
fehlen  zumeist.  Auch  die  deutsche  Landwirtschaft  hat,  so ­
        <pb n="68" />
        68

weit  ich  es  verstehe,  die  dringende  Aufgabe,  an  Ort  und
Stelle  den  Entwicklungsgang  im  Farmbetrieb  durch  praktische
Männer  zu  verfolgen.  Das  Lagerhaus-  und  Getreidegradierungswesen ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  könnte  mit
Nutzen  für  uns  studiert  werden.
Das  seitherige  System,  bei  dem  die  Wahrung  unserer
wirtschaftlichen  Interessen  —  und  hierin  liegt  ein  offenkundiger ­
  Mangel  —  ausschließlich  den  diplomatischen  und
Konsularvertretern  gleichsam  im  Nebenamt  obliegt,  ist
durchaus  unzulänglich.  Je  mehr  sich  Deutschland  zu  einem
großen  Exportstaat  gedehnt,  je  mehr  es  den  friedlichen
Wettkampf  mit  den  Völkern  der  Erde  aufzunehmen  hat,  desto
unabweisbarer  wird  es,  namentlich  in  den  Ländern  unserer
kommerziellen  Beziehungen,  die  wirtschaftliche  Interessenvertretung ­
  des  Reichs  von  den  sonstigen  Auslands-Behörden
zu  trennen  oder,  wenn  dies  unmöglich  sein  sollte,  sie  im
Rahmen  des  Bestehenden  so  selbständig  als  tunlich  zu
machen  und  sie  auf  eine  breite  Grundlage  zu  stellen.  Die
Beigabe  von  Handels-  und  Gewerbe-Attaches  —  es  handelt
sich  z.  Zt.  immer  nur  um  einen  Attache  bei  den  Konsulaten,
und  es  sind  sehr  wenige  Konsulate,  die  einen  solchen
Attache  haben  —  ist  ursprünglich  sympathisch  begrüßt  worden.
Es  ist  aber  an  und  für  sich  undenkbar,  daß  ein  einzelner
Mensch,  er  mag  noch  so  begabt  und  arbeitsfreudig  sein,  zur
Leistung  der  Aufgaben,  die  ihm  hier  obliegen,  physisch  imstande ­
  wäre.  Die  täglichen  Geschäfte  stellen  so  weitgehende
Verwaltungsaufgaben,  daß  weder  der  General-Konsul,  noch
der  Konsul,  noch  die  Vize-Konsuln,  die  zumeist  mit  juristischen ­
  Arbeiten  beschäftigt  werden,  Zeit  haben,  ihre  Distrikte
persönlich  zu  bereisen  und  mit  eigenen  Augen  zu  sehen
und  dann  zu  berichten,  was  sie  gesehen  und  beobachtet
haben.  Unsere  Konsulate  sind  vornehme  bureaukratische
Organisationen,  nicht  Werkstätten  wirtschaftlicher  Inter ­
        <pb n="69" />
        69

essen-Vertretungen!  Dieser  Zuschnitt  steht  auch  wesentlich
der  Erfüllung  einer  andern  Forderung  im  Wege,  die  unerläßlich ­
  ist,  wenn  unseren  Handels-  und  Gewerbekreisen
wirklich  Nutzen  erwachsen  soll,  der  Forderung  nämlich,  daß
unsere  Repräsentanten  zu  den  führenden  Männern  des
Handels  und  der  Industrie  des  Landes  in  ständige  Beziehungen ­
  treten  und  diese  Beziehungen  gesellschaftlich  und
freundschaftlich  pflegen.  Die  Anbahnung  und  Kultivierung
eines  solchen  Verkehrs  nimmt  allerdings,  von  manchem
andern  abgesehen,  viel  Zeit  in  Anspruch.  Aber  diese  Zeit
muß  gefunden  werden,  man  muß  diesen  Männern  nahe
sein  und  ihnen  den  Puls  fühlen  können,  wenn  man  über
die  Erscheinungen  des  fremden  Wirtschaftsorganismus  ohne
Verspätung  und  mit  Nutzen  für  die  Gesamtheit  unterrichtet
sein  will.
Wir  müssen  auf  dem  Gebiet  der  wirtschaftlichen
Interessenvertretung  des  Reiches  im  Ausland  neue  Formen
finden  und  sie  mit  einem  Inhalt  füllen,  dem  frisches  Leben
befruchtend  entsprießt.  Am  besten  unabhängig  von  der
Tätigkeit  des  Konsulardienstes,  müßten  „wirtschaftliche  Abteilungen“ ­
  —  ohne  Ansehung  der  Kosten,  die  sich  reichlich
bezahlt  machen  würden  —  organisiert  und  mit  Männern  der
kommerziellen  und  industriellen  Praxis,  erforderlichenfalls
auch  mit  erprobten  Volkswirtschaftlern  ausgerüstet  werden.
Diese  „wirtschaftlichen  Abteilungen“  müßten,  wie  oben  erwähnt, ­
  in  geziemender  Fühlung  mit  den  maßgebenden
Männern  des  fremdländischen  Gewerbefleißes  —  in  den
Vereinigten  Staaten  würde  man  überall  freundliches  Entgegenkommen ­
  finden  —  bemüht  sein,  alle  ökonomischen
Vorgänge  und  alle  technischen  Neueinrichtungen  mit  Gründlichkeit ­
  zu  prüfen.  Sie  hätten  in  ständigem  Kontakt  mit  den
jeweiligen  Bedingungen  und  Bedürfnissen  unserer  heimischen
Produktion  und  unseres  heimischen  Handels  zu  arbeiten
        <pb n="70" />
        70

und  zu  berichten.  Dies  alles  in  engem  Zusammenhang  mit
einem  zuverlässigen  Nachrichtendienst  und  an  eine  Zentralstelle ­
  geleitet  behufs  rascher  Sichtung  des  Materials,  Ausscheidung ­
  des  etwa  Ungeeigneten  und  schnellstmöglicher
Weitergabe  des  Geeigneten  an  die  Gesamtheit  der  von  Fall
zu  Fall  in  Frage  kommenden  Erwerbsgruppen.
Selbstverständlich  liegt  es  bei  der  deutschen  Industrie,
die  Fingerzeige  und  Belehrungen  sich  praktisch  nutzbar  zu
machen,  die  von  einer  solchen  Zentralstelle  und  ihren  Organen
besonders  für  das  weite  Gebiet  der  Vereinigten  Staaten  gegeben ­
  würden.  Zu  der  Intelligenz  der  deutschen  Gewerbetreibenden ­
  darf  man  jedes  Zutrauen  haben.  Nur  gewisse
Hilfen  soll  man  ihnen  bieten,  gewisse  Erleichterungen  ihnen
verschaffen.  Diese  Hilfen  würden  um  so  wirkungsvoller
sein,  wenn  die  in  Handel  und  Wandel  Tätigen  soweit  als
irgend  tunlich  die  Menschen  im  Land  der  „unbegrenzten
Möglichkeiten“  selbst  bei  der  Arbeit  sähen.  Sich  kennen
lernen,  heißt  voneinander  lernen.
Ich  habe  bereits  früher  angedeutet,  in  wie  beispielloser
Weise  die  Eisenbahnen  in  den  Vereinigten  Staaten,  allerdings ­
  in  privatem  Besitz,  durch  konsequente  Ermäßigung
der  Frachtkosten  dem  Gewerbefleiß  in  die  Hände  gearbeitet
haben.  Die  einmal  gegebenen  Verhältnisse  lassen  bei  uns
ein  analoges  Verfahren  nicht  zu.  Etwas  aber  könnte  auch
auf  diesem  Gebiet  geschehen,  um  Sonne  und  Wind  für
unsere  Industrie  günstiger  zu  verteilen,  und  der  Fiskus
würde  am  letzten  Ende  dabei  nicht  schlecht  fahren.  Die  zuständigen ­
  Behörden  sollten  sich  auch  bei  uns  entschließen,
die  Eisenbahnen,  dem  bei  der  Verstaatlichung  gegebenen
Versprechen  gemäß,  nicht  als  Anstalten  zu  betrachten,  die
möglichst  hohe  Überschüsse  zu  bringen  haben,  sondern  in
erster  Reihe  als  wirkliche  Verkehrs-Vermittlungs-Institute,
deren  Hauptaufgabe  es  ist,  dem  Verkehr  für  Handel  und
        <pb n="71" />
        71

Landwirtschaft  zu  dienen.  Ebenso  müßte  der  weitere  Ausbau ­
  der  Schienenstraßen  und  je  eher  je  lieberdie  Ausgestaltung
des  Netzes  der  Wasserwege  in  Angriff  genommen  werden.
Beides  würde  Boden-  und  Gütererzeugnisse  den  heimischen
Verbrauchsstätten  vorteilhaft  näherrücken.  Und  alles  dies
wird  seinen  vollen  Wert  erst  dann  erhalten,  wenn  im  Sinne
der  wirtschaftlichen  Weltpolitik  unseres  Kaisers  der  freien
Entfaltung  ökonomisch  gesunder  Kräfte  nirgends  hemmender
oder  bevormundender  Zwang  angelegt  wird,  we'nn,  wie
in  den  Vereinigten  Staaten,  das  Neue  nicht  mit  Mißtrauen
betrachtet  wird,  bloß  weil  es  neu  und  darum  ohne
„Vorgang“  ist,  wenn  man  bei  der  Behandlung  auch
wirtschaftlicher  Angelegenheiten  —  um  in  der  Sprache
der  Beamten-Bureaukratie  zu  reden  —  nicht  immer  nach
„Similia“  sucht.
Hierauf  dürfte  grundsätzlich  mehr  Gewicht  zu  legen
sein  als  auf  eine  etwaige,  selbstverständlich  wesentlich
modifizierte,  Übernahme  des  amerikanischen  industriellen
Trustwesens.  Immerhin  sollte  man  in  Erwägung  ziehen,  ob
und  inwieweit  es  tunlich  wäre,  auch  hier  das  Gute  zu  übertragen ­
  und  zugleich  das  Ungesunde  oder  Diskreditierende
auszuscheiden.  Gerade  die  Fortschritte,  die  wir  gemacht
haben,  legen  uns  die  Verpflichtung  auf,  zur  Sicherung  dieser
Fortschritte  und  zu  deren  dauernder  Weiterführung  im  Wettbewerb ­
  auf  den  Weltmärkten,  allen  Einrichtungen  und
Organisationen,  die  anderwärts  in  Wirksamkeit  sind,  strenge
Aufmerksamkeit  zu  schenken.  Dabei  soll  von  phantastischen
Zukunftsplänen  gar  nicht  die  Rede  sein!  Liegen  doch  bei  uns
die  ursprünglichen  allgemeinen  Voraussetzungen  günstiger.
Langsam,  stetig  und  zielbewußt,  niemals  sprunghaft,  zuweilen
intermittierend  —  wenn  auch  wir  uns  einmal  übernommen
hatten  —,  haben  wir  uns  aus  Kleinem  heraus  fortentwickelt,
ohne  daß  ein  krasser  Hochschutzzolltarif  das  plötzliche
        <pb n="72" />
        72

Wachstum  der  Kombinationen  und  der  Industrien  gefördert
hat,  allerdings  ohne  den  gleichen  Reichtum  an  Bodenschätzen,
den  das  Land  der  „unbegrenzten  Möglichkeiten“  in  sich
schließt.  Auch  hat  gerade  infolge  der  Stetigkeit  dieser  Entwicklung ­
  sich  bei  uns  ein  breiter  und  kräftiger  Mittelstand
gebildet,  der  unserm  Wirtschaftsleben  eine  festere  Stütze
bietet  als  übergroße  Kapitalsmacht  in  wenigen  Händen.
Das  Fehlen  einer  geschäftlichen  Überlieferung  gewährt  dem
amerikanischen  Gewerbefleiß  wohl  zuweilen  die  Möglichkeit
vollkommen  freier  Wahl,  was  unter  Umständen  ein  Vorzug
sein  kann;  anderseits  sichert  die  Tradition  einen  festen
Halt,  der  drüben  vielfach  noch  entbehrt  wird,  der  aber  einen
Teil  unserer  Stärke  ausmacht.  Die  Zeichen  der  Zeit  drängen
zur  Mehrung  dieser  Stärke,  nicht  durch  Abwehrkoalitionen
von  Ländern,  die  zudem  oft  die  verschiedensten  Interessen
haben,  sondern  durch  kraftvolle  Ausgestaltung  unserer  Gütererzeugung ­
  auf  im  Kern  gesunder  und  machtgebietender
finanzieller  Grundlage.  So  könnten  bei  uns  eventuell  die
Industrie-Vereinigungen  andere  werden,  in  vorsichtigem  und
klugem  Erkennen  mit  zunächst  engeren,  aber  deshalb  nicht
weniger  wirkungsvollen  Zielen:  ÜbersichtlicheFührung  gleichartiger ­
  oder  verwandter  Betriebe  für  gemeinsame  Rechnung,
Anwendung  und  vollste  Ausnützung  der  besten  Spezial-Maschinen,
  sparsamste  Produktions-  und  Fabrikationsmethoden, ­
  Ausschaltung  der  minder  geeigneten  ProduktionsundFabrikationsstellen,bei
  richtiger  und  zweckentsprechender
Beschäftigung  und  Spezialisierung  der  arbeitenden  Werke,
und  zugleich  tunlichster  Sicherung  der  Rohprodukte.  Und
das  alles  solide  und  durchsichtig  finanziert,  mit  weit  ausreichenden ­
  Betriebsmitteln  —  unter  gleichzeitiger  sorgsamster ­
  Erwägung,  inwieweit  eine  vermehrte  Zufriedenheit
der  Arbeiterschaften  herbeigeführt  werden  könnte.  Daß  es
möglich  sein  würde,  durch  derart  ausgeweitete  und  ver-
        <pb n="73" />
        —  73  -
dichtete  Organisationen  die  Kraft  unseres  Wettbewerbs  zu
erhöhen,  unterliegt  wohl  kaum  einem  Zweifel.
Wir  haben  zu  verzagender  Mißgunst  keine  Veranlassung.
Das  wissen  auch  die  klugen  Amerikaner  selbst,  und  Präsident
Roosevelt  hat  dem  unumwundensten  Ausdruck  gegeben,  als
er  am  18.  Januar  d.  J.  im  Weißen  Haus  zu  Washington  mir
sagte:  „Die  wirtschaftliche  Zukunft  gehört  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  und  Deutschland.  In  verständnisvoller
gegenseitiger  Wertschätzung  liegt  das  Heil  für  beide  Länder.“
        <pb n="74" />
        Kapitel  V.

Die  Vereinigten  Staaten  und
ihre  St  Louis-Weltausstellung  1904,
i.*)
Seit  meiner  Rückkehr  aus  den  Vereinigten  Staaten  von
Amerika,  die  ich  als  „das  Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten“ ­
  bezeichnet  habe,  ist  mir  mit  jedem  Tag  deutlicher
geworden,  wie  vielfach  die  Entwicklung  des  amerikanischen
Gewerbefleißes  bei  unserm  Volk  und  seinen  Lehrern  verkannt ­
  worden  ist.  Ebenso  kommt  mir  immer  klarer  zum
Bewußtsein,  daß  die  unrichtigen  Darstellungen,  die  bei  uns
über  die  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  herrschenden
wirtschaftlichen  Verhältnisse  verbreitet  worden  sind  und  andauernd ­
  verbreitet  werden,  die  Stimmung  der  amerikanischen ­
  Geschäftswelt  Deutschland  gegenüber  ungünstig  beeinflußt ­
  haben.  Man  spricht  hier  immer  wieder  von
„amerikanischen  Übertreibungen“,  von  „amerikanischem
Schwindel“;  gehen  die  Kurse  an  der  New  Yorker  Börse
herunter,  so  predigt  man  den  Zusammenbruch  als  unmittelbar ­
  bevorstehend  und  übersieht,  daß  gerade  drüben,  wie
unzählige  Vorkommnisse  seit  1895  gezeigt  haben  —  ich

*)  Veröffentlicht  am  18.  Januar  1903.
        <pb n="75" />
        75

habe  diese  in  meinen  vorjährigen  Veröffentlichungen  erläutert ­
  —,  Börse  und  Industrie  auseinanderzuhalten  sind
und  im  allgemeinen  Preisrückgänge  der  Wertpapiere  nur
selten  Vorboten  rückläufiger  Industrie-  oder  Verkehrskonjunkturen ­
  waren,  und  daß  die  Kurserschütterungen  dort
in  fast  unverbrüchlicher  Regel  nur  ein  durch  spekulative
Ausschreitungen  hervorgerufenes  Imernum  der  Börse  darstellen. ­
  Die  ökonomischen  Verhältnisse  der  Vereinigten
Staaten  beruhen  nicht  auf  morschem  und  schwindelhaftem
Fundament,  noch  auf  bloßen  Glückszufällen,  sie  sind  das
Ergebnis  ernster,  tüchtiger  und  zielbewußter  Arbeit.  Das
Land,  so  sagte  ich  und  sage  ich  immer  wieder,  ist  reich  an
unermeßlichen  Hilfsquellen,  es  ist  mit  einem  enormen  Überschuß ­
  an  Bodenschätzen  ausgestattet  und  mit  einer  staunenswerten ­
  Vervollkommnung  der  maschinellen  Technik  ausgerüstet. ­
  Der  aufgespeicherte  und  mit  frischem  Wagemut
neuen  Unternehmungen  zugeführte  Reichtum  ist  schier  unerschöpflich, ­
  wenn  auch  eine  durch  die  Entwicklung  längst
überholte  Bank-  und  Münzgesetzgebung  zeitweilig  einen
Mangel  an  Umlaufsmitteln  hervortreten  läßt.  Eine  Reform
dieser  Gesetzgebung  wird  in  ernsteste  Erörterung  gezogen.
In  den  Vereinigten  Staaten  hat  ein  Betätigungsfeld,  ungeheuer ­
  an  Ausdehnung  und  Mannigfaltigkeit,  den  Wagemut
nicht  abgeschreckt,  ihm  vielmehr  Ansporn  gegeben,  den
Geist  immer  neu  anzuspannen  und  die  Kräfte  der  Natur
in  Dienst  zu  nehmen.  Die  anfänglich  geringe  Zahl  von
Menschenhänden  führte  und  zwang  beinahe  zu  einer  in
solchem  Umfange  vorher  nicht  gekannten  Verwendung  von
Maschinen;  und  so  gewaltig  wurde  diese,  daß  man  schon  die
Frage  erwägen  zu  sollen  glaubte,  was  denn  mit  den  durch  die
Maschinen  beschäftigungslos  werdenden  Händen  geschehen
solle".  Man  hatte  nicht  Zeit,  dieser  Doktorfrage  weit  nachzugehen, ­
  denn  es  zeigte  sich  bald  auf  großen  Gebieten,  was
        <pb n="76" />
        76

früher  bereits  auf  engeren  offenbar  geworden  war:  daß  die
Maschine,  die  Menschenhände  spart,  darum  doch  keine
Menschenhand  zum  Feiern  zwingt,  vielmehr  den  Bedarf  fast
überall  in  demselben  Ausmaß  wie  die  Produktionsfähigkeit
steigert.  Ist  doch  zum  Beispiel  die  Nachfrage  nach  Webern
jetzt  größer  als  je  zuvor,  wenngleich  über  85  000  automatische ­
  Webstühle  im  Betrieb  sind.
Tatsache  ist,  daß  Arbeitslosigkeit  nirgends  besteht,  daß
auskömmliche  Löhne  gezahlt  werden.  Die  im  allgemeinen
günstige  Situation  hat  außerdem  zur  Folge,  daß  in  gewissen
Industrien  und  Gewerben,  die  über  die  unmittelbaren  Bedürfnisse ­
  hinaus  die  Ansprüche  verfeinerter  Lebenshaltung
versorgen,  eine  erhebliche  Regsamkeit  mit  stetig  zunehmender ­
  Einstellung  von  Arbeitern  bemerkbar  ist,  die  sich
schnell,  ohne  vorher  einen  Befähigungsnachweis  erbringen
zu  müssen,  ganz  fremden  Produktionsgebieten  anpassen.
Ich  erwähne  die  Musikinstrumentenfabrikation,  die,  wie
Chikering  &amp;amp;  Sons  in  Boston,  weitverzweigte  Verkaufsstätten
im  Lande  unterhält  und  namentlich  an  die  wohlhabenderen
Arbeiterfamilien  liefert,  in  deren  Wohnungen  selten  ein
Klavier  fehlt;  ich  nenne  die  Industrie  in  Sportgegenständen,
die,  bei  der  Vorliebe  des  Amerikaners,  sich  in  allen  Arten
von  körperlichen  Übungen  zu  betätigen  —  wie  Football,
Baseball,  Tennis,  Rudern,  Fechten  —  sich  täglich  mehr
ausweitet;  ich  erinnere  an  das  von  mir  mehrfach  gekennzeichnete ­
  Bestreben,  sich  auch  auf  solchen  Gebieten  allmählich ­
  unabhängiger  zu  machen,  die  früher  fast  ausschließlich ­
  durch  den  Import  ausländischer  Waren  versorgt
wurden,  zum  Beispiel  die  Spielwarenindustrie;  ich  erinnere
zudem  an  die  fortdauernden  Erschließungen  neuer  Erdschätze ­
  in  einzelnen  Staaten  der  Union  mit  der  hierdurch
bedingten  Heranziehung  von  Arbeitern,  an  den  kommerziellen ­
  Ausbau  von  Spezialkulturen,  wie  Obst  und  Wein,
        <pb n="77" />
        77

so  in  Californien  durch  die  „California  Fruit  Canners  Association“ ­
  und  durch  die  „California  Wine  Association“.  Man
wird  danach  zu  der  Auffassung  gelangen,  daß  —  ungeachtet
der  technischen  Fortschritte  des  Maschinenwesens  und  der
gleichzeitigen  Beseitigung  von  Menschenhänden  —  Arbeitsgelegenheit ­
  zur  Genüge  vorhanden  ist  und  bleiben  wird.
Während  der  letzten  Tage  meines  Aufenthalts  in  den
Vereinigten  Staaten  hat  mein  Freund,  Herr  O.  P.  Austin,
der  prominente  Leiter  des  Statistischen  Bureaus  im  Schatzamt ­
  in  Washington,  vor  dem  „Manufacturers  Club“  in
Philadelphia  eine  Rede  gehalten,  in  der  er  über  die  Ausdehnung ­
  des  amerikanischen  Handels  in  Vergangenheit,
Gegenwart  und  Zukunft  unter  anderm  sagte,  daß  die  Vereinigten ­
  Staaten  von  der  Grenze  ihrer  Entwicklung  weit
entfernt  seien.  Die  Fruchtbarkeit  der  Felder,  der  Ertrag
der  Minen,  Bergwerke,  Quellen  könne  —  teilweise  ins  Ungemessene ­
  —  gesteigert,  das  Beförderungs-  wie  das  Fabrikationssystem ­
  verbessert  werden.  Die  Amerikaner  würden
nicht  nur  die  größten  Produzenten  der  Welt  bleiben,  sondern
immer  weiteren  Vorsprung  hierin  gewinnen.  Ein  Boykott
der  amerikanischen  Waren,  der  oft  angedroht  worden  ist,
sei  nicht  zu  fürchten.  Im  Geschäft  gelten  keine  Gefühle.
Der  Käufer  frage  nicht  nach  dem  Erzeugungsort  einer  Ware,
sondern  nach  ihrem  Preis  und  ihrer  Güte.  Die  Millionen
von  Käufern  in  der  ganzen  Welt  oder  in  einem  einzelnen
Land  würden  sich  nicht  auf  ein  Bündnis  gegen  amerikanische ­
  Produkte  und  Fabrikate  einlassen.  Täten  sie  es,  so
würde  eine  ungeheuere  Preissteigerung  eintreten,  ganz  so,
wie  wenn  durch  einen  ungeheuerlichen  Zufall  an  einem
Tage  drei  Viertel  aller  greifbaren  Weltvorräte  zerstört
würden.  Der  europäische  Kontinent,  der  die  Hälfte  der
amerikanischen  Fabrikate  aufnimmt,  sei  ein  entsprechendes
Absatzgebiet  für  Stapelartikel,  die  mit  geringem  Nutzen  ver ­
        <pb n="78" />
        78

kauft  werden.  Die  anderen  Weltteile  böten  ein  aussichtsvolles ­
  Feld  für  Spezialwaren.
Nachdem  die  Union  jüngst  ihre  Herrschaft  über  drei
große  Gruppen  tropischer  Inseln  von  150  000  Quadratmeilen ­
  Ausdehnung  und  mit  10  Millionen  Einwohnern  erstreckt ­
  habe,  deren  Produktionsmöglichkeit  gerade  in  den
Artikeln,  die  Amerika  jetzt  in  steigendem  Umfang  einführe,
unermeßlich  ist,  würde  man  in  Zukunft,  so  betonte  Austin
ferner,  einen  sehr  erheblichen  Teil  dieser  Bedarfsartikel
für  Nahrung  und  Fabrikation  unter  amerikanischer  Flagge,
mit  amerikanischem  Kapital  und  von  amerikanischen  Bürgern ­
  hergestellt  sehen.  Einige  von  diesen  Inseln  —  Portoriko,
  Hawaii,  Guam,  Tutuila  und  die  Philippinen  —  seien
imstande,  einen  Teil  des  Hanfs,  der  Jute,  des  Kaffees,  des
Kakao,  der  tropischen  Früchte,  des  Zuckers,  der  besseren
Tabaksorten  und  wahrscheinlich  auch  des  Tees,  der
Seide,  des  Reis  und  des  Gummi  zu  erzeugen,  wofür
Amerika  jetzt  Hunderte  von  Millionen  Dollars  in  andere
Länder  schicke.  Nach  dem  Wunsch  des  Redners  sollten
diese  auch  nicht  einen  Dollar  vom  Verdienst  des  amerikanischen ­
  Farmers  erhalten;  aber  bis  dieser  den  Zucker,  die
besseren  Tabaksorten,  die  Seide  und  den  Reis  in  seiner
Heimat  selbst  produzieren  kann,  für  die  die  Amerikaner
jetzt  ihre  Millionen  ins  Ausland  schicken,  sollten  sie  lieber
ihr  Geld  auf  ihren  eigenen  Inseln  ausgeben  und  bei  dieser
Gelegenheit  dort  einen  glänzenden  Markt  für  die  eigenen
Erzeugnisse  aufbauen.  Die  hawaiischen  Inseln  haben  ihre
Produktion  mehr  als  verzwanzigfacht,  nachdem  sie  kommerziell ­
  durch  den  Gegenseitigkeitsvertrag  von  1876  annektiert
worden,  und  ihr  Konsum  amerikanischer  Erzeugnisse  habe
sich  ebenfalls  verzwanzigfacht.  In  den  kurzen  drei  Jahren
seit  der  tatsächlichen  Annexion  dieser  Inseln  habe  ihre
Produktion  außerordentlich  zugenommen  und  der  amerika ­
        <pb n="79" />
        79

nische  Export  dorthin  sich  mehr  als  verdreifacht.  Ähnlich
lägen  die  Verhältnisse  in  Portoriko,  noch  günstiger  auf  den
Philippinen.
In  Baumwollfabrikaten,  Faserwaren,  Seidenwaren  und
Chemikalien  sei  die  Einfuhr  in  stetigem  Wachsen.  Es
handle  sich  hierbei  und  bei  Eisen-  und  Stahlwaren,  bei
Leder  und  Lederwaren  sowie  bei  Chinawaren  um  einen
Betrag  von  über  200  Millionen  Dollars,  die  auswärtige
Fabrikanten  aus  dem  amerikanischen  Markt  ziehen,  und  für
die  die  Fabrikanten  Amerikas  in  den  Wettbewerb  eintreten
sollten.  Der  Blick  auf  die  Vergangenheit  und  das  gegenwärtig ­
  Erreichte  gebe  Austin  die  Zuversicht,  daß  in  Zukunft
der  auswärtige  Absatz  der  Union  sich  immer  mehr  ausdehnen
und  der  heimische  Markt  immer  vollständiger  sich  selbst  versorgen ­
  werde.  Auch  darauf  müsse  das  Streben  gerichtet  sein,
daß  die  Amerikaner  nicht  mehr  fremden  Schiffsgesellschaften
Millionen  für  die  Beförderung  ihrer  Waren  zahlen,  daß
überall  die  amerikanische  Flagge  die  amerikanischen  Waren
geleite.
Die  wirtschaftliche  Blüte  Amerikas  habe  das  Aufblühen
anderer  Staaten  nicht  beeinträchtigt,  das  Wachstum  des  amerikanischen ­
  Vermögens  das  Wachstum  des  Besitzes  anderer
Staaten  nicht  gehindert.  Noch  seien  die  Vereinigten  Staaten
nicht  zur  Schuldenfreiheit  gelangt,  noch  seien  sie  nicht  zum
Kreditgeber  der  übrigen  Welt  geworden.  Das  aber  sollten
sie  werden.  Und  der  zunehmende  Reichtum  solle  auf
immer  neue  Unternehmungen  verwendet  werden,  deren
Ertrag  eine  bessere  Bezahlung  der  Arbeit  und  eine  höhere
Lebensführung  für  alle  gestattet.
.  Mit  der  Begeisterung  eines  Sehers  kündet  dann  Austin
„the  future  of  american  commerce“  wie  folgt:  „Vor
meinem  geistigen  Auge  sehe  ich  eine  große,  wunderbare
Entwicklung,  weit  größer  als  die,  vor  der  die  Welt
        <pb n="80" />
        80

schon  jetzt  in  Erstaunen  geraten  ist.  Ich  sehe  den  Niagara
und  zahllose  kleinere  Wasserfälle  die  Elektrizität  liefern,
die,  durch  den  Draht  in  jede  Stadt,  in  jedes  Dörfchen ­
  und  in  jede  Ansiedelung  gebracht,  für  Leuchtund
  Heizzwecke,  für  Arbeits-  und  Fabrikzwecke  und  für
den  Transport  auf  Flüssen  und  Kanälen,  auf  Eisenbahnen ­
  und  Landstrecken  ausgenutzt  wird.  Ich  sehe  einen
großen  Kanal,  der  die  beiden  Weltmeere  verbindet,
unsere  östlichen  und  westlichen  Ufer  in  direkte  Wasserverbindung ­
  bringt  und  unsere  großen  Häfen  in  unmittelbare ­
  Berührung  mit  den  Märkten  der  ganzen  Welt.  Ich
sehe  noch  einen  zweiten  Schiffskanal,  der  unsere  großen
Binnenseen  mit  dem  Atlantischen  Ozean  verbindet,  so
daß  die  Ozeanschiffe  an  den  Docks  von  Cleveland,
Chicago,  Milwaukee  und  Duluth  landen  können  und
jenes  größte  Produktionsgebiet  der  ganzen  Welt  eine
große  Weltmeerfront  erhält.  Ich  sehe  noch  einen  Kanal
die  Seen  mit  dem  Mississippifluß  verbinden  und  eine
großartige  Einrichtung  von  flachgehenden  Dampfschiffen
und  Barken  die  Produkte  aus  einem  großen  Tal  zu  den
Ozeandampfern  auf  den  Seen  oder  nach  dem  Golf  von
Mexico  bringen,  je  nachdem  es  für  die  betreffenden  Ortschaften ­
  bequemer  ist.  Ich  sehe  ein  amerikanisches
Kabel  uns  die  Möglichkeit  einer  sofortigen  Verständigung
mit  unseren  Inseln  des  Stillen  Ozeans  und  mit  dem
Orient  geben,  und  sehe  diese  Inseln  uns  mit  Produkten
im  Wert  von  Hunderten  Millionen  Dollars  versorgen
und  dafür  unsere  Erzeugnisse  eintauschen.  Ich  sehe
die  Inseln  des  Golfs  von  Mexico  eine  nach  der  andern
an  unsere  Tore  klopfen,  unter  das  amerikanische  Banner
kommen  und  uns  durch  offene  Türen  ihre  tropischen
Erzeugnisse  liefern,  um  sie  mit  den  Produkten  der  Inseln
des  Stillen  Ozeans  zu  vertauschen.  Ich  sehe  eine  große
        <pb n="81" />
        81

e

Eisenbahnlinie  von  Alaska  im  Norden  bis  Argentinien
im  Süden  sich  ausdehnen,  um  die  Eisenbahnsysteme  der
beiden  Kontinente  zu  vereinen  und  die  großen  Märkte
des  Kontinents  unseren  eigenen  möglichst  nahe  zu  bringen.
Ich  sehe  ein  ständiges  Wachsen  des  amerikanischen  Einflusses ­
  und  die  Entwicklung  engerer  Handelsbeziehungen
mit  unseren  Nachbarn  im  Norden  und  im  Süden.  Ich
sehe  eine  prächtige  Flotte  von  Dampfschiffen,  die  durch
amerikanisches  Kapital  und  durch  amerikanisches  Genie
geleitet  werden,  sehe,  wie  ein  großer  Teil  von  ihnen  mit
der  amerikanischen  Flagge  in  jedes  Meer  dringt,  wie  sie
amerikanische  Waren  in  jeden  Kontinent,  in  jedes  Klima
tragen,  und  wie  die  Waren  in  das  Innere  jedes  Landes
geschickt  werden  durch  amerikanische  Maschinen,  amerikanische ­
  Wagen  und  auf  amerikanischen  Gleisen.  Ich
sehe  die  Erzeugnisse  der  amerikanischen  Farm  und
Fabrik  in  jedem  Land,  durch  die  ganze  zivilisierte  Welt
—  und  als  Folge  davon  Vervollkommnung  und  wachsendes ­
  Gedeihen  für  amerikanische  Produzenten  und
Fabrikanten  und  wachsendes  Glück  in  allen  Schichten  der
amerikanischen  Bürgerschaft.“
Gewiß  ist  in  den  Worten  Austins,  dessen  Beruf  als
Statistiker  eine  stete  Mahnung  zur  Nüchternheit  ist,  ein
gutes  Stück  Phantasie  enthalten.  Sie  sind  ein  Ausdruck
jenes  Nationalgefühls,  das  selbst  in  seiner  Übertreibung
noch  anerkennenswert  ist.  Indessen  muß  man  bedingungslos ­
  zugeben,  daß  die  Zahlen  der  Statistik  eine  laute  und
vernehmliche  Sprache  zugunsten  Austins  sprechen:  Die
individuellen  Depositen  in  den  Nationalbanken  der  Vereinigten ­
  Staaten  haben  sich  nach  den  Angaben  des  Controller ­
  of  the  Currency,  Mr.  William  B.  Ridgely,  in  den
letzten  zehn  Jahren  —  abgeschlossen  am  1.  Oktober  1902
gegen  1.  Oktober  1892  —  um  82  Proz.  vermehrt,  von
        <pb n="82" />
        82

l s / 4  Milliarden  auf  3 l f i  Milliarden  Dollars;  in  den  Sparbanken ­
  um  6OV2  Proz.,  von  1 7 /io  Milliarden  auf  2 3 / 4  Milliarden. ­
  Die  Gesamtsumme  der  Depositen,  einschließlich
der  in  den  Staats-  und  Privatbanken,  ergab  9 3 / 10  Milliarden
Dollars  und  zeigt  gegen  zehn  Jahre  vorher  mit  4 3 / 5  Milliarden
eine  Zunahme  von  über  101  Proz.  Das  sind  Ziffern,
die  ein  riesenhaftes  Anwachsen  des  Nationalwohlstandes
bekunden.  Solch  ununterbrochenem  rapiden  Aufschwung
gegenüber,  das  sei  erneut  und  scharf  hervorgehoben,  ist  es
Selbstverblendung,  nicht  an  eine  gesunde  innere  Kraft  zu
glauben,  die  jenseits  des  Ozeans  sich  betätigt;  ist  es  Selbstverblendung, ­
  in  jeder  einzelnen  —  drüben  wie  überall  unvermeidlichen ­
  —  Tagesstörung  den  Anfang  vom  Ende  zu
sehen  und  darauf  seine  Rechnung  zu  machen.  In  der
falschen  Erwartung  eines  amerikanischen  „Krachs“  hat  die
europäische  Spekulation,  und  leider  nicht  die  Spekulation
allein,  Unsummen  verloren,  die  besserer  Verwendung  entzogen ­
  worden  sind.
Und  noch  einige  Zahlen  möchte  ich  anführen,  die  mir
während  meines  Aufenthaltes  in  den  Vereinigten  Staaten
von  der  Leitung  des  Clearinghouse  der  New  York  Stock
Exchange  zur  Verfügung  gestellt  und  die  meines  Wissens
in  dieser  Vollständigkeit  seither  noch  nicht  veröffentlicht
worden  sind,  Zahlen,  die  die  wunderbare  Zunahme  in  der
geschäftlichen  Regsamkeit  jenseits  des  Ozeans  illustrieren.
Das  Clearinghouse  ist  im  Jahre  1892  begründet  worden.
Im  Mai  1892  betrug  die  Zahl  der  durch  das  Clearinghouse
verrechneten  Aktien  4  722  600  Stück  mit  einem  Wertbetrag
von  256  Millionen  Dollars.  Der  Monat  des  größten  Zuspruchs ­
  war  der  April  1901  mit  151  737  600  Stück  Aktien
von  14  Milliarden  Dollars  Wert.  Das  Jahr  des  größten  Zuspruchs ­
  war  das  vom  Mai  1900  bis  Mai  1901  mit  719  Millionen ­
  Stück  Aktien  von  57  Milliarden  Wert.  Der  Tag  der
        <pb n="83" />
        83

6*

größten  Inanspruchnahme  war  der  6.  Mai  1901  mit
13  313  800  Stück  Aktien  von  1  132  200  000  $  Wert.  In
dem  zehnjährigen  Zeitraum  hat  sich  der  Ausgleich  im
Durchschnitt  in  Höhe  von  69,21  Proz.  durch  Aufrechnung
und  in  Höhe  von  30,79  Proz.  durch  Lieferung  von  Stücken
vollzogen.  An  dem  berüchtigten  Northern  Pacific-Paniktag,
10.  Mai  1901,  wurden  12  131  600  Stück  Aktien  mit  einem
Wert  von  961  300  000  $  verrechnet  und  davon  39,41  Proz.
effektiv  geliefert.
Freilich  sind  die  Gefahren  nicht  beseitigt,  die  ich  für
die  Entwicklung  des  amerikanischen  Wirtschaftslebens  in
der  finanziellen  Verwässerung  der  Trustgebilde  —  ich
spreche  hier  nicht  von  der  mannigfach  vorbildlichen  industriell-technischen ­
  und  kommerziellen  Organisation  der
Trusts  —  und  in  der  Arbeiterfrage  gesehen  habe.  Die
Arbeiterfrage  ist  die  ernstere,  denn  sie  bedroht  am  letzten
Ende  möglicherweise  die  Grundlage  der  wirtschaftlichen
Politik  Amerikas:  das  Schutzzollsystem.  Einstweilen  sind  die
Trusts  durch  die  republikanische  Kongreßmehrheit  gegen
unliebsame  gesetzgeberische  Überraschungen  gesichert.
Die  in  allerjüngster  Zeit  von  verschiedenen  Senatoren  dem
Kongreß  zugestellten  Antitrustgesetzentwürfe  sind  nicht  das,
was  der  Name  sagt,  sondern  Spezialaktiengesetze.  Präsident
Roosevelt  konnte  der  Einbringung  des  einen  oder  andern
Entwurfes  seine  Zustimmung  erteilen,  ohne  deshalb  seiner
früher  zuweilen  betonten,  danach  aber  immer  schüchterner
gewordenen  Verurteilung  der  Trusts  mehr  als  akademischen
Ausdruck  zu  geben.  Die  Trusts  verfügen  über  einen  zu
großen  und  noch  nicht  durch  schlimme  Erfahrungen  zum
Abfall  gebrachten  Interessentenkreis,  als  daß  man  zudem
erwarten  dürfte,  daß  ihnen  schon  in  kurzer  Frist  der
stützende  Unterbau,  der  fast  prohibitive  Schutzzoll,  abgebrochen ­
  werden  würde.  Ihnen  hilft  in  der  öffentlichen
        <pb n="84" />
        84

Meinung  des  amerikanischen  Volkes  ferner  die  Verwandtschaft ­
  mit  dem  imperialistischen  Gedanken,  der  auf  die
Gemüter  zauberhafte  Macht  ausübt.  Ich  erinnere  mich
freundschaftlicher  Unterhaltungen,  die  ich  mit  Führern  des
politischen  und  wirtschaftswissenschaftlichen  Imperialismus
gepflogen  habe.  Besonders  gedenke  ich  der  Unterredungen
mit  dem  Senatsmitglied  für  Indiana,  Herrn  Beveridge,  der
von  Beruf  Lawyer,  in  seiner  Stellung  als  Staatsmann  Republikaner ­
  und  Imperialist  von  großem  Einfluß  und  Ansehen
ist.  Dieser  glaubt  an  den  nahen  Eroberungszug  der  Vereinigten ­
  Staaten  durch  die  ganze  Welt.  Im  Mai  führte  er
mir  in  Washington  vor,  daß  die  Union  in  den  letzten  fünf
Jahren  für  Kriege,  Pensionen  und  sonstige  Regierungskosten
2,5  Milliarden.  Dollars  aufgewendet  und  alles  bis  auf  den
letzten  Dollar  bezahlt,  die  Goldreserve  auf  den  höchsten
Stand  gebracht  und  bei  alledem  die  Kriegssteuern  abgeschafft ­
  habe.  Dies  sei  nur  unter  der  glorreichen  amerikanischen ­
  Wirtschaftspolitik  —  der  Hochschutzzollpolitik  —
möglich  gewesen.  Gewiß  seien  nicht  alle  Trusts  und  nicht
in  allen  Teilen  splide,  aber  —  und  das  ist  kennzeichnend
—  die  Amerikaner  müßten  an  ihren  Trusts  festhalten,  weil
sonst  an  deren  Stelle  die  internationalen  Trusts  kämen,  in
denen  die  Deutschen  und  die  Engländer  zum  Nachteil  Amerikas
die  Führung  haben  könnten.  Trusts  und  Hochschutzzoll
seien  für  Amerika  unentbehrlich  —  bis  die  amerikanische
Industrie  im  Siegeslauf  die  ganze  Welt  erobert  habe,  Amerika ­
  der  Bankier  der  ganzen  Welt  geworden  sei  und  den
ganzen  Welthandel  beherrsche.  Dann  erst  wäre  die  Zeit
für  internationale  Trusts  gekommen.  Was  Mr.  Beveridge
mir  im  Mai  in  Washington  gesagt,  das  hat  er  Monate  später
in  Ogden  in  Utah  unter  dem  Jubel  der  republikanischen
Zuhörer  in  langer  Rede  ausgeführt.
Die  Übertreibungen  des  amerikanischen  Imperialismus
        <pb n="85" />
        85

rechnen  nicht  damit,  daß  die  Arbeiterbevölkerung  der  Vereinigten ­
  Staaten  —  deren  materielle  Wohlfahrt  übrigens  auch
im  Hinblick  auf  die  hohen  Preise  der  Bedarfsgegenstände
nicht  überschätzt  werden  darf  —  die  Neigung  und  in  ihrer
Organisierung  die  Kraft  gewinnen  kann,  die  Grundlage  des
zwar  imposanten,  aber  doch  luftigen  imperialistischen  Baues
ins  Wanken  zu  bringen.  Die  in  Gewerkschaften  vereinigten
Arbeiter  haben  sich  allerdings  in  ihrer  großen  Mehrheit
bisher  geweigert,  sich  um  politische  Dinge  zu  kümmern
und  andere  als  unmittelbare  Arbeiterfragen  in  den  Kreis
ihrer  Erörterungen  zu  ziehen.  Auch  bei  den  jüngsten
Kongreßwahlen  sind  sie  dieser  Richtung  in  der  Hauptsache
treu  geblieben.  Doch  für  die  Zukunft  gibt  das  keine  Gewähr, ­
  nicht  einmal  für  die  nächsten  Präsidentenwahlen.  Die
eifrigen  Bemühungen  des  Präsidenten  Roosevelt  um  Beilegung ­
  des  Kohlenarbeiterstreiks  sind  Zeugnis  dafür,  daß
das  gegenwärtige  Oberhaupt  der  Vereinigten  Staaten,  den!
man  instinktives  Feingefühl  für  kommende  populäre  Verschiebungen ­
  nicht  absprechen  kann,  es  für  geraten  hielt,
Anlehnung  an  den  sich  bildenden  Machtfaktor  zu  suchen.
Es  liegt  ein  gewisser  Humor  darin,  daß,  wie  die  demokratischen ­
  Gegner  des  Präsidenten  behaupten,  diesem  die
Beilegung  des  Kohlenarbeiterstreiks  nur  durch  die  widerwillig ­
  und  nicht  ohne  Sträuben  gewährte  Hilfe  Morgans
gelungen  ist,  der  sich  erst  auf  dringendes  Bitten  entschloß,
die  Grubenherren  zur  Nachgiebigkeit  zu  bestimmen.  Vielleicht ­
  war  das  Sträuben  ganz  aufrichtig  gemeint,  weil  man
auf  seiten  der  Grubenbesitzer  sich  für  den  unbedingt
stärkeren  Teil  hielt;  vielleicht  aber  hat  der  kluge  Morgan
das  Sträuben  bloß  markiert  und  sich  innerlich  gefreut,  daß
er  den  Retter  in  der  Not  spielen  und  dadurch  den  Präsidenten ­
  Roosevelt  zur  Abhängigkeit  von  ihm,  dem  Vertreter
des  Trustgedankens,  verpflichten  konnte.
        <pb n="86" />
        86

Der  Präsident  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika
hat  nach  dem  geschriebenen  Recht  größere  Machtbefugnisse
als  die  meisten  konstitutionellen  Herrscher.  Tatsächlich
aber  findet  die  Ausübung  seines  Rechts  ganz  außerordentliche ­
  Einschränkungen,  die  ihn  in  der  Regel  hindern,  mehr
als  eine  repräsentative  Figur  zu  sein,  die  dem  Willen  ihrer
Partei  untertan  ist.
Präsident  Roosevelt  könnte  sich  der  Partei  gegenüber
freier  fühlen,  weil  er  nicht  zum  Präsidenten  gewählt  worden
ist,  sondern  zum  Vizepräsidenten,  das  ist  zu  einer  Stelle,
die  im  gewöhnlichen  Verlauf  der  Dinge  nur  eine  dekorative
Bedeutung  hat.  Er  hatte  nicht  nötig,  sich  vor  der  Wahl
auf  ein  bestimmtes  und  detailliertes  politisches  und  wirtschaftliches ­
  Programm  festzulegen.  Er  wurde  nicht  einmal
danach  gefragt.  Sein  allgemeines  republikanisches  Bekenntnis ­
  genügte.  Seine  Wahl  zum  Vizepräsidenten  sollte  den
Dank  der  Nation  für  seine  verdienstliche  und  sympathische
Haltung  im  spanischen  Krieg  darstellen.  Da  es  nicht  Brauch
ist,  daß  ein  Mann,  der  zum  Vizepräsidenten  gewählt  worden,
für  die  Präsidentschaft  kandidiert,  so  hätte  Roosevelt,  nachdem ­
  ihn  der  Heimgang  Mac  Kinleys  auf  den  Präsidentenstuhl ­
  erhoben,  die  Möglichkeit  gehabt,  eine  persönliche,  das
heißt  von  Parteirücksichten  freie  Herrschaft  zu  führen.
Das  ist  wohl  auch  anfänglich  seine  Absicht  gewesen.  Er
erkannte  dabei  ganz  richtig,  daß  solche  Absicht  sich  nur
ausführen  lasse,  wenn  er  von  vornherein  auf  den  Ehrgeiz
verzichte,  eine  Wiederwahl,  diesmal  direkt  zur  Präsidentschaft, ­
  anzustreben.  Er  sprach  diesen  Verzicht  aus,  wozu
ein  gewisser  Heroismus  des  Entsagens  gehört,  und  kündigte
zugleich  den  Trusts  Fehde  an.
Er  erregte  damit  kein  Aufsehen,  weder  Bewunderung
noch  Verwunderung:  und  darin  zeigte  sich,  daß  die  mit  den
Trusts  liierten  Führer  der  herrschenden  Partei  gute  Men ­
        <pb n="87" />
        87

schenkenner  im  allgemeinen  waren,  und  daß  sie  den  Präsidenten ­
  Roosevelt  im  besondern  richtig  zu  beurteilen
wußten.  Sie  widersprachen  ihm  nicht  und  überhörten  gewissermaßen ­
  seine  Fehdeansage.  Sie  wußten,  daß  Roosevelt ­
  die  Zeichen  der  Herrschaft  bald  viel  zu  sehr  lieb
gewinnen  würde,  um  bei  dem  Entschluß  einer  Trennung
von  ihnen  nach  kurzen  drei  Jahren  zu  verharren.
.  So  ist  es  auch  gekommen.  Präsident  Roosevelt  will
sich  zur  Wiederwahl  stellen,  und  damit  ist  er  der  Partei
verfallen.  Er  hat  der  Reihe  nach  alle  seine  Reformankündigungen ­
  abgeschwächt.  Er  wird  Mac  Kinleys  politisches
Testament  nicht  zur  Ausführung  bringen.  Mac  Kinley  stand
in  seiner  zweiten,  das  ist  nach  einer  seit  Washingtons  Tagen
unverbrüchlich  festgehaltenen  Überlieferung  letzten  Präsidentschaftsperiode, ­
  als  er  in  Buffalo  die  Revision  des  Zolltarifs ­
  ankündigte.  Vor  seiner  Wiederwahl  hatte  er  es  nicht
getan.  Präsident  Roosevelt  ist  in  diesem  Punkt  genau  so
menschlich-klug  wie  sein  Vorgänger.  Ihm  und  den  Seinen
gefällt  es  im  Weißen  Hause  so  sehr,  daß  es  seiner  mit
aufrichtiger  Moralität  verbundenen  Eindrucksfähigkeit  sicher
in  kürzester  Frist  gelingen  wird,  gerade  die  Bestrebungen
als  dem  allgemeinen  Interesse  dienlich  zu  erkennen,  deren
Verfechtung  ihm  eine  Erneuerung  seiner  Amtsperiode
wahrscheinlicher  macht.  Er  ist  ein  warmherziger  Patriot
und  zugleich  ein  ausgezeichneter  Repräsentant  jener  Naturen, ­
  deren  gutes  Herz  für  die  ganze  Welt  zu  schlagen
wirklich  glaubt,  weil  es  das  eigene  Behagen  mit  dem  der
Welt  identifiziert.
Die  vorstehende  Charakteristik  des  Oberhauptes  der
Vereinigten  Staaten  wäre  nicht  vollständig,  wollte  man  sich
nicht  gleichzeitig  das  Milieu  gegenwärtig  halten,  innerhalb
dessen  der  Präsident  zu  wirken  berufen  ist.  Die  inneren
Beziehungen  des  amerikanischen  Bürgers  zur  Union,
        <pb n="88" />
        88

seine  Stellung  dem  Lande  gegenüber  sind  andere  als
die  Beziehungen  und  die  Stellung  des  Europäers  zu
seinem  Lande.  In  den  Vereinigten  Staaten  sind  vielfach
Gemeinsinn  und  Selbstsucht  eine  wunderliche  Ehe  eingegangen. ­
  Der  allezeit  rege  Gemeinsinn  hat  beinahe  instinktiv
dahin  gewirkt,  daß  auch  jeder  zufälligen  Fügung  eine  Richtung ­
  zur  Förderung  des  Gemeininteresses  gegeben  wurde.
Ich  habe  früher  dargelegt,  in  welchem  ungewöhnlichen
Maß  die  amerikanischen  Eisenbahnen  durch  ihre  eigenartige
Tarifpolitik,  die  eigentlich  nur  eine  fortgesetzte  gegenseitige
Unterbietung  der  Frachtraten  war,  dazu  beigetragen  haben,
die  Industrie  der  Vereinigten  Staaten  zu  schaffen,  sie  zu
erziehen  und  zur  Blüte  zu  führen;  wie  die  Eisenbahnen  es
gewesen  sind,  die  an  manchen  Orten  erst  künstlich  die
Möglichkeit  industrieller  Betätigung  bereitet  haben.  Und
der  künstlichen  Schöpfung  haben  sie  geduldig  opferwillige
Pflege  angedeihen  lassen,  bis  der  Pflegling  erstarkt  und
wurzelfest  geworden  war,  als  hätte  der  Boden  selbst  ihn
erzeugt.  Dieselben  Eisenbahnen,  die  so  wundervolle  Freigebigkeit ­
  dem  allgemeinen  Nutzen  gegenüber  gezeigt  —  geschah ­
  es  auch  in  erster  Reihe  nicht  im  Hinblick  auf  diesen
Nutzen,  sondern  in  einer  wahllosen  Verwendung  aller
Mittel  zum  Zweck  des  Niederringens  einer  Konkurrenz  —,
verstanden  sich  ausgezeichnet  darauf,  die  höchsten  Preise  zu
nehmen,  wo  sie,  wie  bei  der  Beförderung  der  Postsendungen,
dem  Staat  die  Preise  vorzuschreiben  in  der  Lage  waren.
Niemals  ist  in  Europa  der  Begriff  vom  „Racker  Staat“,  demgegenüber ­
  man  in  materiellen  Interessenfragen  nicht  heikel
und  rücksichtsvoll  zu  sein  brauche,  so  in  Geltung  gewesen
wie  in  den  amerikanischen  Freistaaten.  In  Europa  war
immer  der  Staat  der  Herr,  den  man  anerkannte,  auch  wo
man  seinen  Auflagen  und  Fronden  sich  zu  entziehen  suchte
—  was  übrigens  längst  aufgehört  hat,  zum  „guten  Ton“  zu
        <pb n="89" />
        89

gehören  —,  in  Amerika  aber  ist  der  Gedanke  in  Fleisch
und  Blut  übergegangen,  daß  der  Staat  der  Diener  der  Gemeinschaft ­
  sei,  den  man  so  karg  als  möglich  entlohnen,  dem
man  unter  keinen  Umständen  ein  höheres  Recht  einzuräumen ­
  hat.  Vom  eigenen  Staat  verlangt  der  Amerikaner
für  sich,  was  er  irgend  erlangen  kann,  ohne  jede  Schüchternheit; ­
  dem  eigenen  Staat  versagt  er  jede  materielle
Leistung,  der  er  sich  irgend  entziehen  kann.
Das  alles  darf  man  getrost  sagen,  und  kein  ruhiger,
um  das  Wohl  seines  Vaterlandes  besorgter  Amerikaner  wird
das  verübeln  —  denn  er  fühlt  die  Richtigkeit  des  hier  Ausgeführten ­
  selbst.  Ihn  kränkt  nur  unbillige  Geringschätzung
und  Verkennung  wirklicher  Leistungsfähigkeit.  Wenn  man
einige  Jingo-Blätter  ausnimmt,  so  wird  man  in  der  Presse
der  Vereinigten  Staaten  nirgends  einer  unfreundlichen  Einschätzung ­
  deutschen  Gewerbefleißes  begegnen.  Das  Gegenteil ­
  kann  festgestellt  werden.  Der  überwiegende  Teil  der
Amerikaner  möchte  am  liebsten  in  dem  Deutschen,  wenn
der  Ausdruck  gestattet  ist,  den  Amerikaner  Europas  sehen.
Auf  der  andern  Seite  ist  darauf  hinzuweisen,  daß  in
Amerika  der  Entwicklung  der  menschlichen  Individualität
größere  Freiheit  gewährleistet  ist.  In  dieser  Freiheit  vermögen ­
  die  Menschen  sich  selbständiger  zu  entfalten  und
ihre  Kräfte  besser  zu  stählen,  zu  ihrem  eigenen  Glück  und
zum  allgemeinen  Besten.  In  Zusammenhang  damit  steht  die
Voraussetzungslosigkeit,  die  die  Menschen  lediglich  nach
dem  bewertet  und  behandelt,  was  sie  im  Rahmen  des
Ganzen  und  an  der  Stelle,  auf  der  sie  stehen,  für  das
Ganze  zu  leisten  vermögen,  ohne  Rücksicht  auf  Herkunft
und  Glauben.  Ohne  Neid,  vielmehr  mit  freudiger  Anerkennung ­
  wird  das  Emporkommen  des  einzelnen  durch
eigene  Kräfte  und  Gaben  verfolgt.  Das  weckt  die  schlummernden ­
  Fähigkeiten  und  bringt  sie  zur  höchsten  Anspan-
        <pb n="90" />
        90

nung  und  Ausgestaltung.  Es  gibt  drüben  auch  keine  Orden
und  Titel;  der  gesellschaftliche  Verkehr  kennt  keine  Rangstufen ­
  und  macht  zwischen  Gentleman  und  Gentleman
keinen  Unterschied.  Unwillkürlich  erinnere  ich  mich  hierbei ­
  des  Frühstücks,  das  dem  Prinzen  Heinrich  von  Vertretern ­
  des  Handels  und  der  Industrie  am  26.  Februar  des  vergangenen ­
  Jahres  in  New  York  bei  Sherry’s  gegeben  wurde.
An  der  Ehrentafel  saß  der  Prinz,  umgeben  von  seinem  Gefolge ­
  und  den  Wirten;  an  den  anderen  Tischen  waren  die
Teilnehmer  des  Festbanketts  nach  der  —  alphabetischen
Ordnung  ihres  Namens  plaziert.  So  kam  es,  daß  man  an
dem  vorletzten  hinteren  Tisch  Nicola  Tesla,  den  berühmten
Gelehrten,  und  am  letzten  Tisch  George  Westinghouse
sah,  den  großen  Maschinenbauer  und  Elektrotechniker,
während  John  D.  Rockefeller,  einer  der  mächtigsten  Industriemagnaten ­
  der  Vereinigten  Staaten  und  zugleich  einer
der  reichsten  Männer  der  Neuen  und  der  Alten  Welt,  an  der
drittletzten  Tafel  Platz  nehmen  mußte
        <pb n="91" />
        Kapitel  VI.

Die  Vereinigten  Staaten  und
ihre  St*  Louis-Weltausstellung  1904.
ii.*)
Die  Ausführungen  des  vorigen  Kapitels  haben  keine
unmittelbare  Beziehung  zu  der  St.  Louis-Weltausstellung
1904  gehabt.  Sie  waren  aber  notwendig,  um  zu  zeigen,
wie  außerordentlich  die  Vereinigten  Staaten  in  dem  letzten
Jahrzehnt,  ungefähr  seit  der  kolumbischen  Weltausstellung
in  Chicago,  wirtschaftlich  gewachsen  sind,  und  wie  groß
daher  die  Verantwortung  ist,  die  wir  übernehmen,  wenn
wir  uns  in  St.  Louis  als  Wettbewerber  einfinden.  Ob  eine
Beteiligung  Deutschlands  in  St.  Louis  stattfinden  solle,  ist
nicht  mehr  in  Frage,  seitdem  die  Verbündeten  Regierungen
nach  dem  Vorgang  von  Frankreich  und  Großbritannien  die
Einladung  angenommen  haben.  Aber  wie  Deutschland  sich
zu  beteiligen  hat,  um  mit  Ehren  und  mit  Gewinn  zu  bestehen, ­
  das  verlangt  reiflicne  und  sorgsame  Überlegung.
Eine  dem  Entwurf  des  Reichshaushaltsetats  für  1903
beigegebene  Denkschrift  behandelt  diese  Angelegenheit.  In
gedrängter  Form  sind  die  Gesichtspunkte  dargelegt,  die  für

*)  Veröffentlicht  am  25.  Januar  1903.
        <pb n="92" />
        92

die  bejahende  Entscheidung  bestimmend  waren.  So  unerwünscht ­
  es  erscheint,  heißt  es  in  der  Denkschrift,  daß
eine  internationale  Ausstellung  größten  Maßstabes  der  Weltausstellung ­
  in  Paris  in  so  kurzem  Abstand  folgt,  so  war  die
Annahme  der  Einladung  doch  nicht  allein  durch  die  Rücksicht ­
  auf  unsere  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  den
Vereinigten  Staaten  geboten,  sondern  es  sprachen  hierfür
insbesondere  auch  Gründe  rein  kommerzieller  Art.  Nicht
bloß  die  Erhaltung  und  etwaige  Erweiterung  des  amerikanischen ­
  Marktes,  sondern  namentlich  auch  des  südamerikanischen, ­
  kanadischen  und  ostasiatischen  Marktes  müssen
für  uns  bestimmend  sein.  Beschickung  und  Besuch  aus
diesen  Gebieten  werden,  so  wird  weiter  in  der  Denkschrift ­
  bemerkt,  voraussichtlich  bedeutenden  Umfang  annehmen. ­

St.  Louis  ist  an  und  für  sich  kein  sonderlich  geeigneter
Ausstellungsplatz.  Die  Lage  ist  so  südlich,  daß  die  Hitze
dort  in  der  Regel  bereits  in  den  ersten  Frühlingstagen
—  dies  weiß  ich  aus  eigener  Wahrnehmung  —  bis  in  den
September  hinein  den  Aufenthalt  im  Freien  beinahe  unerträglich ­
  macht.  Die  seit  einigen  Jahren  fertiggestellten  Parkanlagen, ­
  wie  Forest  Park,  Tower  Grove  Park,  Lafayette
Park,  sind  prächtig,  doch  ist  der  Baumwuchs  noch  überaus
spärlich  und  bietet  wenig  Schatten.  St.  Louis  ist  von  New
York,  wenn  ich  den  schnellsten  Zug  in  Betracht  nehme,
noch  5  bis  6  Stunden  weiter  entfernt  als  Chicago.  Die
Hotelverhältnisse  sind  wenig  günstig.  Es  bestehen  überhaupt ­
  nur  4  Hotels,  worunter  Planters  Hotel  und  das
Southern  Hotel  die  ersten  sind,  die  für  gute  Unterkunft  in
Betracht  kommen.  Und  diese  Hotels  waren  während  meiner
Anwesenheit  in  St.  Louis  bereits  so  überfüllt,  daß  ich  mir
schon  damals  die  Frage  vorlegte,  wo  die  Fremden,  die
während  der  Ausstellung  zureisen,  Obdach  finden  sollten.
        <pb n="93" />
        93

Man  hat  meine  Bedenken  mit  der  Antwort  beruhigt,  daß
noch  einige  Hotels  gebaut  werden  würden.  Die  Stadt  selbst
wird  erst  in  den  Villenquartieren  inmitten  der  Parkanlagen
lichter  und  freundlicher.
An  Ausdehnung  wird  die  Ausstellung  von  St.  Louis,
deren  Gelände  1000  Acres  umfaßt,  nichts  zu  wünschen
übrig  lassen:  sie  wird  daher  schon  räumlich  noch  größer
als  die  von  Chicago  mit  700  Acres.  In  15  Hauptabteilungen
mit  144  Gruppen  und  807  Klassen  sollen  die  Erzeugnisse
und  die  Errungenschaften  des  Weltwettbewerbes  auf  industriellem ­
  und  ideellem  Gebiet  zur  Darstellung  gelangen.  Die
finanzielle  Grundlage  des  Ausstellungswerkes  ist  gewährleistet: ­
  Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  und  die  des
Staates  Missouri  sowie  die  Stadt  St.  Louis  haben  insgesamt
74  Millionen  Mark  bewilligt.
Die  Amerikaner  lieben  die  weitesten  Maße,  sie  lassen
sich  durch  große  Dimensionen  begeistern  und  zeigen  das
in  allen  ihren  Betätigungen.
Diese  nationale  Artung  der  Amerikaner  muß  man  im
Auge  haben,  wenn  man  bei  ihnen  zu  Gaste  sein  und  Eindruck ­
  machen  will.  In  Chicago  haben  wir  das  getroffen,
und  deshalb  haben  wir  ausgezeichnet  abgeschnitten.  Wir
waren  dort  mächtig  und  vortrefflich  zugleich  vertreten.  Alle
unsere  Großindustriellen  hatten  wetteifernd  ihr  ganzes
Können  eingesetzt  und  mit  gern  aufgewendeten  Opfern  eine
Repräsentanz  deutschen  Gewerbefleißes  aufgebaut,  die  bewundernswürdig ­
  war  und  bewundernde  Anerkennung  fand.
Seit  der  kolumbischen  Ausstellung  haben  sich  die  Verhältnisse, ­
  wie  bereits  erwähnt,  drüben,  aber  zugleich  bei
uns,  geändert  und  verschoben.  Auch  unser  Können  ist  so
groß  und  noch  größer  als  vor  zehn  Jahren.  Auch  bei  uns
hat  die  Gütererzeugung  auf  manchen  Gebieten  weiterhin
außerordentlichen  Aufschwung  genommen.  Unsere  Herzen
        <pb n="94" />
        94

schlagen  höher  und  stolzer,  wenn  wir  der  ruhmreichen
Stellung  gedenken,  die  Deutschlands  industrielle  Leistungen
in  Paris  1900  errungen  haben.  Im  Maschinenwesen,  namentlich ­
  in  der  Elektrotechnik,  im  Schilfsbau,  in  der  Optik  und
Mechanik,  in  der  Chemie  waren  wir  in  der  vordersten
Reihe,  dank  einer  wissenschaftlichen  Grundlage  von  unvergleichlicher ­
  Tiefe,  dank  ausdauerndem  Fleiß  und  ernster
Gewissenhaftigkeit.  Doch  in  dem  „Land  der  unbegrenzten
Möglichkeiten“  hat  die  gewerbliche  Arbeit  ebenfalls  so
wuchtige  Selbständigkeit  erreicht,  ist  sie  überdies  gerade
da,  wo  unser  Wettbewerb  früher  in  Frage  kam,  durch  prohibitive
  Schutzzölle  gegen  jeden  nachhaltigen  Einfall  so  erhöht ­
  gesichert,  daß  wir  nicht  hoffen  dürfen,  überall  einen
materiellen  Gewinn  oder  auch  nur  einen  materiellen  Ersatz
für  die  von  einer  würdigen  Vertretung  erforderten  Opfer
davonzutragen.  Es  ist  daher  eine  nicht  wegzuschaffende
Tatsache,  daß  wir  auf  gewissen  Gebieten  mit  den  Amerikanern ­
  in  ihrem  eigenen  Land  nicht  mitkommen  können,
so  konkurrenzstark  wir  auch  an  und  für  sich  sind.  Auf
der  andern  Seite  ist  die  Ausstellungsmüdigkeit  der  deutschen ­
  Gewerbetreibenden  erwiesen.  Die  westliche  Maschinengroßindustrie, ­
  die  in  Düsseldorf  sich  eben  erst
mustergültig  bewährt  hat,  wird,  soweit  dies  aus  bis  jetzt
bekannt  gewordenen  Äußerungen  erkennbar  ist,  kaum  nach
St.  Louis  gehen.  Dasselbe  gilt  von  unseren  großen  Elektrizitätsunternehmungen, ­
  denen  ein  etwa  50prozentiger  Wertzoll ­
  für  Dynamos  und  Motoren  die  Grenzen  der  Vereinigten
Staaten  beinahe  prohibitiv  sperrt.  Demgegenüber  stünde
allerdings  die  Aussicht,  durch  St.  Louis  auf  den  Markt
des  lateinischen  Amerika  vermehrten  Einfluß  gewinnen  zu
können.
Wenn  nun  trotzdem  die  führenden  Firmen  daheim
bleiben,  wenn  nur  die  Fabrikanten  und  Industriellen  zweiten
        <pb n="95" />
        95

und  dritten  Ranges  die  gewaltige  deutsche  Maschinenindustrie
und  Elektrotechnik  in  St.  Louis  repräsentieren,  so  erhalten
die  Besucher  der  Weltausstellung  ein  falsches  Bild  von
unserer  Bedeutung  und  Leistungsfähigkeit  auf  diesen  Gebieten, ­
  und  ein  Vergleich  mit  unserm  glanzvollen  Auftreten
in  Chicago  könnte  die  durchaus  unberechtigte  Vermutung
eines  Rückschritts  erwecken.
Das  darf  nicht  sein,  das  muß  unseres  Prestiges  halber
mit  allen  verfügbaren  Mitteln  verhütet  werden.  Und  hierzu
gibt  es,  falls  auf  eine  Beteiligung  der  erstklassigen  Aussteller
der  erwähnten  und  anderer  bedeutsamer  Branchen  nicht  zu
rechnen  ist,  nur  einen  Weg:  den  der  weisen  Selbstbeschränkung. ­
  In  den  Zweigen  der  gewerblichen  Tätigkeit,  in  denen
wir  nicht  mit  vollem  Glanz  auszustellen  vermögen,  weil  die
potentesten  Firmen  ihre  Mitwirkung  versagen,  müssen  wir
auf  eine  Vertretung  in  der  Ausstellung  überhaupt  verzichten
und  unsere  ganze  Kraft  auf  die  Gebiete  konzentrieren,  in
denen  wir  auf  unsere  ersten  heimischen  Industriellen  zählen
und  die  Mächtigsten  sein  können.  Es  kann  nicht  zugelassen
werden,  daß  in  St.  Louis  Industrielle  minderen  Grades  als
die  alleinigen  Vertreter  des  betreffenden  deutschen  Industriegebietes ­
  sich  selbst  ausgeben  oder  von  anderen  ausgegeben
werden.  Das  mag  von  dem  einen  oder  andern  Industriellen,
der  etwas  Tüchtiges  aufzuweisen  hat,  ohne  daß  er  selbst  zu
den  allerersten  gehört  oder  die  allerersten  mit  sich  zu
reißen  imstande  ist,  und  der  nun  daheim  bleiben  muß,  weil
andere  ausstellungsmüde  und  nicht  erneut  opferwillig  sind,
als  eine  Benachteiligung  empfunden  werden,  mag  unter  Umständen ­
  auch  tatsächlich  eine  Benachteiligung  sein:  doch
das  allgemeine  Interesse  muß  voranstehen,  und  der  Betroffene ­
  muß  sich  in  Entsagung  fügen.
Mit  aufrichtiger  Befriedigung  wird  man  daher  wahrgenommen ­
  haben,  daß  die  dem  Reichstag  mit  dem  Etats-
        <pb n="96" />
        96

Voranschlag  zugestellte  Denkschrift  weise  Selbstbeschränkung
zur  Grundlage  des  Programms  der  deutschen  Ausstellungsabteilung ­
  gemacht  hat.  Soweit  dies  geschieht,  ist  dem
nachdrücklichst  beizupflichten;  doch  ebenso  nachdrücklich
möchte  ich  vor  jeder  Abweichung  warnen.
Daß  der  Herr  Reichskommissar  in  seiner  mittlerweile
ergangenen  Einladung  zur  Anmeldung  für  die  Beschickung
der  St.  Louis-Weltausstellung  die  gleiche  Beschränkung
nicht  von  vornherein  hat  walten  lassen,  vielmehr  die
leistungsfähigeren  Produzenten  aller  Branchen  mit  aufgefordert ­
  hat,  steht  zu  der  amtlichen  Denkschrift  nur  in
scheinbarem  Widerspruch.  Von  dem  Herrn  Reichskommissar ­
  konnte  bei  der  Einladung  keine  Ausschließung  angeordnet ­
  werden,  sondern  ihm  liegt  ob,  das  Maß  der  zu
übenden  Selbstbeschränkung  erst  dann  zu  bestimmen,  wenn
die  innerhalb  der  vorgesehenen  Frist  —  bis  1.  April  d.  J.  —
erfolgten  Anmeldungen  gezeigt  haben  werden,  für  welche
Zweige  der  deutschen  Gewerbetätigkeit  sich  eine  würdige,
vollwertige,  allgemeine  und  wirksame  Vertretung  erwarten
lasse,  und  in  welchen  Zweigen  technische  oder  nationale
Gründe  der  erwähnten  Art  den  Verzicht  gebieterisch  fordern.
Der  Herr  Reichskommissar  hat  so  klug  wie  zweckentsprechend ­
  gehandelt,  in  der  Einladung  von  den  hochgespannten ­
  Erwartungen  zu  sprechen,  die  in  Amerika  an  das
Auftreten  Deutschlands  auf  der  St.  Louis-Ausstellung  geknüpft ­
  werden.  Es  war  auch  nicht  unberechtigt,  darauf  aufmerksam ­
  zu  machen,  daß  es  nicht  ohne  schädigende  Rückwirkung ­
  auf  die  deutsche  industrielle  Position  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  bleiben  könnte,  wenn  die  deutsche  Abteilung
nur  ein  unvollkommenes  und  lückenhaftes  Bild  des  deutschen
Gewerbefleißes  böte.  Die  Unmöglichkeit,  von  sich  aus  eine
Auswahl  der  deutschen  Ausstellungsgruppen  einfach  zu  verfügen, ­
  zwang  den  Reichskommissar  förmlich,  gleichsam  das
        <pb n="97" />
        97

7

im  gemeinsamen  Interesse  unseres  Handels  und  unserer
Industrie  liegende  Ideal  aufzustellen,  daß  in  der  deutschen
Abteilung  der  St.  Louis-Ausstellung  ein  würdiges  und  anschauliches ­
  „Gesamtbild  der  Leistungsfähigkeit  Deutschlands
auf  ideellem  und  materiellem  Gebiet“  gegeben  werde.  Erfolgt ­
  die  Zustimmung  unserer  stolzen  Großindustrien,  so
ist  das  gewiß  hocherfreulich  und  ein  überaus  dankenswertes
Verdienst  dessen,  der  solche  Zustimmung  bewirkt.  Im  andern ­
  Fall  aber  muß  das  Programm  der  amtlichen  Denkschrift ­
  in  seinen  Hauptzügen  sorgfältig  innegehalten,  müssen
die  Bedingungen  beobachtet  werden,  die  oben  als  grundlegend ­
  erörtert  worden  sind.
Die  in  der  amtlichen  Denkschrift  als  Kern  der  deutschen
Ausstellungsabteilung  bezeichneten  drei  Hauptgruppen  —
bildende  Künste  und  Kunstgewerbe,  Erziehungs-  und  Unterrichtswesen, ­
  wissenschaftliche  Apparate  aller  Art  —  sollen
gewiß  die  allerweiteste  Umgrenzung  erfahren.  Es  scheint
aber  bedenklich,  daß  die  Denkschrift  „nach  den  bisher  bekannt ­
  gewordenen  Wünschen  der  Interessenten  die  Anreihung
von  Ausstellungen  auf  dem  Gebiet  der  Elektrotechnik  und
des  Ingenieurwesens“  in  Aussicht  nimmt,  obwohl  sie  den
einschränkenden  Zusatz  macht,  daß  „im  übrigen  Erzeugnisse
der  Großindustrie  nur  insoweit  zuzulassen  sein  werden,  als
aus  den  beteiligten  Kreisen  selbst  der  Wunsch  zur  Beschickung ­
  der  Ausstellung  sich  geltend  macht,  und  als  die
Anmeldungen  die  Gewähr  dafür  bieten,  daß  mit  den  vorzuführenden ­
  Schaustücken  ein  einigermaßen  zutreffendes
Bild  von  der  Leistungsfähigkeit  Deutschlands  auf  dem  einschlagenden ­
  Industriegebiet  gegeben  werden  kann“.  Diese
Einschränkung  dürfte  unzulänglich  sein.  Ein  bloß  „einigermaßen ­
  zutreffendes  Bild“  ist  ein  unzutreffendes  Bild,  und
wir  dürfen  unser  großes  Ansehen  auch  nicht  im  kleinsten
durch  eine  mangelhafte  Repräsentation  auf  das  Spiel  setzen.
        <pb n="98" />
        98

Jedes  halbe  Werk,  jede  matte  Vertretung  muß  unbedingt
ausgeschlossen  werden.  So  erwächst  dem  Reichskommissar
die  vielleicht  nicht  immer  willkommene,  aber  unabweisbare
Pflicht,  auch  nur  einigermaßen  unvollkommen  veranschaulichte ­
  Gebiete  rücksichtslos  fernzuhalten.
Überall  muß  das  „Made  in  Germany“  als  hoch  zu  bewertender ­
  Ehrenstempel  gelten.  Dann  werden  wir,  wie  vor
Jahren  in  der  Alten  Welt,  1904  auf  der  andern  Seite  des
Ozeans  im  ruhigen  Bewußtsein  unserer  Leistungsfähigkeit
keinen  Mitbewerber  zu  scheuen  brauchen.  Dies  gilt  nicht
nur  industriell,  sondern  sicher  auch  von  den  mehr  ideellen
Gebieten  menschlicher  Arbeit.  Auf  das  letztere  wird  ganz
besonderes  Gewicht  zu  legen  sein.  Denn  für  wissenschaftliche ­
  und  künstlerische  Betätigungen  aller  Art  werden  in
den  Vereinigten  Staaten  Aufwendungen  gemacht,  die  bei
uns  nicht  denkbar  sind.  Man  befrage  die  Lehrer  an  den
„Universities“  und  „Colleges“  und  beispielsweise  die  Porträtmaler. ­
  Es  werden  Honorare  bewilligt,  die  —  selbst  wenn
man  dagegen  die  Kosten  der  teuren  dortigen  Lebenshaltung
entsprechend  hoch  gegen  unsere  Verbrauchsskala  veranschlagt ­
  —  für  unsere  Begriffe  geradezu  verblüffend  sind.
Schon  deswegen  verblüffend,  weil  Wissenschaft  und  Kunst
bei  uns  überhaupt  schlecht  bezahlt  werden.  Über  welche
Mittel  die  amerikanischen  Schulen  und  Hochschulen  verfügen, ­
  ist  in  der  Hauptsache  bekannt.  Die  Dozenten,  die
zumeist  nicht  auf  Kollegiengelder  angewiesen  sind  und  feste
hohe  Honorare  beziehen,  werden  außerdem  von  humanitären
Gesellschaften  und  wissenschaftlichen  Vereinigungen  zu  Vorträgen ­
  herangezogen,  für  die  —  falls  der  Vortragende  nur
einigermaßen  als  Autorität  gilt  —  sehr  erhebliche  Summen
ausgeworfen  sind.  Anderseits  stehen  die  Honorare,  die
in  Amerika  Künstlern  bewilligt  werden,  bisweilen  gar  nicht
im  Verhältnis  zu  dem  Wert  der  Leistungen.  Maler,  die  in
        <pb n="99" />
        99

7*

der  Alten  Welt,  besonders  in  Deutschland,  für  ein  Porträt
im  Höchstfall  5000  Mark  erzielen  würden,  werden  namentlich ­
  im  Osten  der  Vereinigten  Staaten  mit  4—5000  Dollars
honoriert,  wenn  es  ihnen  vorher  gelungen  ist,  eine  europäische ­
  Berühmtheit  ermalt  zu  haben  und  diese  Tatsache
zweckentsprechend  in  weite  Kreise  zu  tragen.  In  guten
wohlhabenden  Häusern  und  in  den  großen  Galerien  der
Reichen  findet  man  leider  nur  selten  Werke  deutscher  Maler
und  Bildhauer,  dagegen  in  hervorragendem  Maß  Schöpfungen
der  französischen  und  englischen,  auch  der  spanischen  und
italienischen  Kunst.  Sollten  nicht  hier  „Möglichkeiten“  für
unsere  heimischen  Meister  vorhanden  sein  oder  geschaffen
werden  können?  Ich  bin  überzeugt,  daß  ein  in  New  York
in  großem  Stil  aufgemachter  Salon,  der  tatsächlich  nur  erste,
allererste  Werke  unserer  großen  deutschen  Künstler  aufzuweisen ­
  haben  dürfte,  unserm  Kunstfleiß  neue  und  mächtige
Absatzquellen  allmählich  eröffnen  würde.  Es  müßte  natürlich ­
  die  Art  der  Aufmachung  und  Propagierung  auch  hier
überall  der  ins  Weite  gehenden  amerikanischen  Geschmacksrichtung ­
  tunlichst  angepaßt  werden.  Bilder  und  Bildwerke
hervorragender  deutscher  Meister,  in  diesem  Salon  ausgestellt, ­
  vorher  richtig  besprochen  und  beleuchtet  in  „Leslies“
oder  „Colliers  Weekly“  oder  in  der  „Review  of  Reviews“,
würden  Preise  erzielen,  die  nun  einmal  bei  uns  in  Deutschland ­
  nicht  zu  erreichen  sind.  Aber  ich  betone,  daß  selbst
der  Versuch  eines  solchen  Imports  großer  deutscher  Kunstwerke ­
  sehr  systematisch  und  wohlorganisiert  in  die  Wege
geleitet  werden  müßte,  unter  gleichzeitiger  lebendiger  Veranschaulichung ­
  unseres  Kunstkönnens  im  allgemeinen.  Daß
frühere  Einzelbemühungen  erfolglos  waren,  darf  nicht  abschrecken.
  New  York,  das  Paris  der  Vereinigten  Staaten,
das  Mekka  der  Amerikanerinnen,  würde  das  richtige
Operationsfeld  bilden.  Die  deutsche  Kunstabteilung  inner ­
        <pb n="100" />
        100

halb  der  St.  Louis-Weltausstellung  käme  als  Vorbereitung
in  Betracht,  und  hierauf  müßte  von  vornherein  das  Augenmerk ­
  gerichtet  werden.
Für  die  Verwirklichung  der  soeben  gegebenen  Anregung
genügt  als  Ansporn  die  unbestreitbare  Tatsache,  daß  man  in
den  Vereinigten  Staaten  jetzt  deutschem  Wesen  und  damit
auch  sicherlich  den  Schöpfungen  deutscher  Kunst  herzlicher
als  früher  gegenübersteht,  und  daß  sonach  die  Aussicht  gegeben ­
  wäre,  hieraus  für  unsere  Künstler  neben  dem  ideellen
auch  materiellen  Nutzen  zu  ziehen.  Dazu  kommt,  daß  die
Kaufkraft  im  Lande,  wie  dies  nur  immer  wiederholt  werden
kann,  augenblicklich,  zumal  nach  der  glücklichsten  Ernte,
außergewöhnlich  stark  ist;  zugleich  aber  ist  wohl  in  fast
allen  Staatengebilden  der  Union  die  Neigung  erkennbar,  die
Lebenshaltung  zu  verfeinern  und  Haus  und  Räume  künstlerisch ­
  auszugestalten.
Das  „Deutsche  Haus“  in  St.  Louis  sollte  ein  mächtiger
und  prunkvoller  Monumentalbau  werden  mit  mehr  als  stattlichen ­
  Räumen,  die  der  Repräsentation  gewidmet  sind.  Das
„Deutsche  Haus“  in  Chicago  war  in  seiner  gefälligen  Form
der  deutschen  Frührenaissance  mehr  ein  Vergangenheitsais ­
  ein  Gegenwartsbild.  Man  hat  oft  ein  Schiff  eine  schwimmende ­
  Ausstellung  genannt.  So  ähnlich,  meine  ich,  sollte  hier
das  „Deutsche  Haus“  in  sich  eine  deutsche  Ausstellung  bilden.
Jedes  größte  und  jedes  kleinste  Ausrüstungsstück  müßte
ein  Erzeugnis  deutschen  Gewerbe-  und  Kunstfleißes  sein.
Nicht  einmal  die  Beleuchtung  dürfte  von  der  allgemeinen
Beleuchtungseinrichtung  der  Ausstellung  entlehnt  sein,  sondern ­
  müßte  durch  eigene  Anlagen  hergestellt  werden.  Von
den  Dynamomaschinen  bis  zu  den  Kochherden,  von  den
reichsten  Kronleuchtern  bis  zur  versteckten  Notlampe,  von
den  Teppichen  und  Vorhängen  bis  zu  den  Küchenhandtüchern ­
  und  Staubtüchern,  von  Kunstgemälden  und  Prunk ­
        <pb n="101" />
        101

stücken  aus  Edelmetall  und  Porzellan  bis  zu  den  Aschbechern ­
  und  Tintenfässern,  die  Einrichtung  der  Salons  und
des  Mansardenstübchens,  der  Bibliothek  und  des  Wartezimmers, ­
  die  Vorkehrungen  für  Heizung  und  Lüftung  —
alles  deutsches  Fabrikat,  durch  Geschmack  und  Reichtum,
durch  Originalität  und  praktische  Verwendbarkeit  ausgezeichnet, ­
  eine  Atmosphäre  von  Vornehmheit  und  zugleich
von  Behagen  verbreitend.
Ein  derartiger  Aufbau  und  eine  derartige  Innengestaltung
des  „Deutschen  Hauses“,  zu  erhöhtem  und  besonderem
Glanz  gebracht  durch  Kunstschätze  aus  kaiserlichem  Besitz,
würde  mächtiger  wirken  als  eine  Darbietung  einzelner  ungenügend ­
  vertretener  Gruppen.  An  den  Kosten  darf  dabei
nicht  gespart  werden,  denn  diese  Sparsamkeit  wäre  im
höchsten  Grade  unwirtschaftlich.  Es  darf  daher  zweifelhaft
erscheinen,  ob  die  in  der  amtlichen  Denkschrift  auf  2 x / 2  bis
3  Millionen  Mark  veranschlagten  Aufwendungen  des  Reiches
ausreichend  sein  werden.  Man  hat  in  Chicago  an  3  600  000
Mark  tatsächlich  gebraucht,  und  man  wird  in  St.  Louis  mit
geringeren  Aufwendungen  sicher  nicht  auskommen,  wenn
man  seiner  diesmal  noch  ungleich  verantwortungsvolleren
Aufgabe  gerecht  werden  will.  Der  etwaige  geringere  Umfang ­
  der  deutschen  Ausstellungsbeteiligung  bedingt  nicht
eine  Ermäßigung  der  Ausgaben,  sondern  weit  eher  eine
Steigerung  der  in  den  Baulichkeiten  und  in  den  sonstigen
Veranstaltungen  zum  Ausdruck  gelangenden  Repräsentationspflichten ­
  des  Reiches.  Die  augenblickliche  Ungunst  der
Etatsverhältnisse  darf  weder  für  die  deutsche  Beteiligung
an  der  St.  Louis-Weltausstellung  überhaupt  in  negativem
Sinne  entscheidend,  noch  für  das  Maß  der  Bewilligungen
bestimmend  sein.  Denn  es  handelt  sich  zugleich  um  werbende
Ausgaben,  die  dem  deutschen  Industriefleiß  reiche  Frucht
tragen  sollen;  und  das  können  sie  nur,  wenn  sie  ohne  eine
        <pb n="102" />
        102

den  Zweck  beeinträchtigende  Kargheit  gemacht  werden.
Auch  wäre  es  dringend  wünschenswert,  daß  seitens  der
Einzelstaaten  den  Handels-  und  Landwirtschaftsministern
ausreichende  Mittel  zur  Verfügung  gestellt  werden,  damit
Hunderte  von  Arbeitern  aller  Gewerbszweige  die  Weltausstellung ­
  von  St.  Louis  besuchen.  Sie  werden  bei  ihrem
Einblick  in  das  amerikanische  Land  und  in  die  amerikanischen
Werkstätten  manches  zu  lernen  haben;  und  vielleicht  nicht
der  geringste  Gewinn  wird  es  sein,  wenn  sie,  in  die  Heimat
zurückgekehrt,  den  Berufsgenossen  im  Hinblick  auf  die
drüben  fast  völlig  fehlenden  Fürsorge-Einrichtungen  sagen
können,  es  bestehe  doch  nicht  in  allen  Beziehungen  das
Dichterwort  zu  Recht:  „Amerika,  du  hast  es  besser  als
unser  Kontinent,  der  alte.“
❖  ❖
*
Wo  sich  Stätten  für  gemeinsame  große  Kulturarbeit
erschließen,  da  mildern  und  mindern  sich  zugleich,  ja  verflüchtigen ­
  sich  vorhandene  oder  mutwillig  geschaffene  Gegensätze, ­
  und  mit  lebendiger  Kraft  ringt  sich  das  Gute  und
Wahre  siegreich  zu  sonnigem  Licht.  In  diesem  Zeichen
wird  das  Werk,  das  in  St.  Louis  1904  die  wichtigsten  Teile
der  Weltwirtschaft  zu  friedlichem  Wettstreit  vereinen  soll,
auch  den  Boden  weiter  festigen  für  freundschaftliche  und
enge  Beziehungen  des  deutschen  und  amerikanischen  Volks,
für  einen  gesunden  Wirtschaftsverkehr,  gesichert  durch  gerechte ­
  und  stetige  Verträge,  ebenmäßig  zum  Segen  für  die
beiden  mächtigen  Nationen!
        <pb n="103" />
        Kapitel  VII.
Der  Nationalreichtum*

Was  die  Vereinigten  Staaten  an  Eisenerzen,  Kupfer,  Blei,
Quecksilber,  Zink,  an  Gold  und  Silber  und  an  Kohlen  aus  ihren
Minen  fördern,  die  der  Erdoberfläche  nahe  sind,  was  an  Petroleum ­
  ihren  Quellen  entfließt,  was  die  fleißige  Kraft  ihrer
Bewohner  an  Eisen  und  Stahl  herstellt,  was  ihre  industrielle
Fertigkeit  zu  Fabrikaten  aller  Art  verarbeitet,  denen  der
weiteste  Markt  offensteht,  das  haben  meine  früheren  Ausführungen ­
  in  großen  Umrissen  darzulegen  versucht.  Ich  habe
bei  der  Aufzählung  der  natürlichen  Reichtümer  Amerikas
und  seiner  Produktion  bei  der  Schilderung  dessen,  was  sein
Boden  an  Weizen,  Mais  und  Hafer  hervorbringt,  was  an
Baumwolle  auf  seinen  Fluren  wächst,  aber  keineswegs  auch
nur  alle  wesentlichen  Zweige  schon  genannt.
Im  Hopfenbau  sind  die  Vereinigten  Staaten  an  dritter
Stelle.  Von  dem  Gesamtertrag  von  1  286  000  Ballen  (zu
180  englischen  Pfund)  lieferte  England  412  000,  Deutschland ­
  336  000  Ballen.  Nach  den  235  000  Ballen  der  Union
kommen  Österreich-Ungarn  mit  133  000,  Belgien  und  Holland
mit  70  000  Ballen.  Der  Anteil  der  Vereinigten  Staaten  an
der  Weltproduktion  beträgt  18,3  Proz.
Die  Hanfproduktion  der  Union,  vorher  nur  18  000
unter  530  000  t  (3,4  Proz.)  betragend,  ist  durch  die  Annexion
der  Philippinen  um  50  000  auf  68  000  t  oder  12,8  Proz.
        <pb n="104" />
        104

gewachsen  und  damit  in  die  vierte  Reihe  gerückt.  Rußland
allein  produziert  247  000  t  (46,6  Proz.),  ihm  folgt  Italien
mit  78  000  t  (14,7  Proz.)  und  Österreich  -  Ungarn  mit
70  000  t  (13,2  Proz.).
In  der  Flachsproduktion  wurden  im  Jahre  1900  die
Vereinigten  Staaten  (20  Millionen  Busheis)  nur  um  ein  geringes ­
  von  Rußland  überholt  (20,7  Millionen  Busheis).
Britisch-Indien  bringt  12,  Argentinien  8,9,  Österreich-Ungarn
1,1  Millionen  Busheis.
An  der  Wolleproduktion  der  Erde,  die  im  Jahre  1900
rund  2685  Millionen  englische  Pfund  betrug,  partizipierten
die  Vereinigten  Staaten  mit  288,6  Millionen  oder  10,7  Proz.
Sie  standen  damit  in  vierter  Reihe,  übertroffen  von  Rußland
mit  361  Millionen  oder  13,4  Proz.,  von  Argentinien  mit
370  Millionen  oder  13,7  Proz.  und  von  Australien  mit
510  Millionen  oder  19  Proz.  Die  Staaten  Montana,  Wyoming ­
  und  Idaho  liefern  ein  Viertel  der  Wollerzeugung  der
Union,  die  im  übrigen  in  runder  Ziffer  noch  halb  so  viel
importiert,  wie  sie  produziert.
Im  Tabakbau  nimmt  die  Union  der  Menge  nach  eine
führende  Stellung  ein;  sie  partizipiert,  hauptsächlich  in
den  Staaten  Kentucky,  Nordkarolina,  Virginia,  Ohio  und
Tennessee,  an  der  Welternte  mit  nahezu  50  Proz.
Dagegen  darf  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  die  Union
im  Kartoffelbau  nur  7,3  von  165  Millionen  Tons  oder
wenig  über  4,4  Proz.  der  Welt-Kartoffelernte  erzeugt,  daß
sie  daher  hinter  Österreich-Ungarns  60  Millionen,  hinter
Deutschlands  40,6,  hinter  Rußlands  25,4  und  selbst  hinter
Frankreichs  12,3  Millionen  Tons  noch  weit  zurückbleibt.
Auch  in  der  Weinerzeugung  haben  die  Vereinigten
Staaten  —  ungeachtet  des  wachsenden  Aufschwungs  des
Weinbaus  in  Californien  —  bislang  nennenswerte  Erfolge
        <pb n="105" />
        105

nicht  zu  erzielen  vermocht.  Die  Weinproduktion  der  Vereinigten ­
  Staaten  ergab  mit  1,43  Millionen  Hektoliter  für  1900
noch  nicht  1  Proz.  der  damals  160—170  Millionen  Hektoliter ­
  betragenden  Gesamtproduktion  der  Welt.
Hier  sei  der  Übersicht  wegen  eingeschaltet,  daß  die
Vereinigten  Staaten  an  derWeltproduktion  für  Spirituosen  mit
etwa  10  Proz.  beteiligt  sind.  Zu  den  769  Millionen  Gallonen
(englisch),  die  im  Jahre  1899/1900  erzeugt  wurden,  haben
sie  80  Millionen  beigesteuert,  und  im  Jahre  darauf  ist  die
Menge  auf  84,25  Millionen  gestiegen.
Weiter  voran  stehen  die  Vereinigten  Staaten  innerhalb ­
  der  Bierproduktion.  Im  Jahre  1900  sind  in
der  Welt  5263  Millionen  Gallonen  Bier  gebraut  worden;
hierzu  haben  die  Vereinigten  Staaten  nach  Deutschland
(1529  Millionen  Gallonen  oder  29  Proz.)  und  Großbritannien ­
  (1347  Millionen  Gallonen  oder  25,5  Proz.)  mit  1015
Millionen  Gallonen  oder  19,3  Proz.  das  meiste  beigetragen.
Seitdem  hat  sich  das  Verhältnis  noch  weiter  zugunsten
Amerikas  verschoben,  wobei  für  uns  besonders  bemerkenswert ­
  ist,  daß  die  Zahl  der  deutschen  Brauereien,  abgesehen
von  mehreren  Tausenden  nur  zeitweilig  tätigen  und  deshalb
berufsgenossenschaftlich  nicht  registrierten  Zwergbetrieben,
etwa  9600,  die  der  amerikanischen  nur  2100  beträgt.
Ein  ähnliches  Bild  wie  bei  der  Wein-  zeigt  sich  bei
der  Zuckerproduktion.  Für  Rohr-  und  Rübenzucker  beträgt
der  Anteil  der  Vereinigten  Staaten  an  der  Welterzeugung
noch  nicht  8  Proz.  Dabei  ist  der  Hawaii-Zucker  als
Zucker  der  Vereinigten  Staaten  gerechnet,  ebenso  der  Zucker
von  Portoriko.  Unter  Abrechnung  der  Einfuhr  von  diesen
beiden  Distrikten  betrug  der  Wert  der  Zuckereinfuhr  nach
den  Vereinigten  Staaten  in  den  fünf  Jahren  1897  ois  1901:
67;  61,8;  86,4;  82,6  und  79,6  Millionen  Dollars.  Die  Ein ­
        <pb n="106" />
        106

fuhr  von  Rohrzucker  ist  in  starker  Zunahme,  der  Import
des  Rübenzuckers  dagegen  in  starkem  Abnehmen  begriffen.
Der  Menge  nach  liefert  Kuba  fast  die  Hälfte  der  gesamten
Zuckereinfuhr.
Die  landwirtschaftliche  Ausrüstung  der  Vereinigten
Staaten  wird  durch  einen  reichen  Viehbestand  gefestigt;
seine  Pflege  war  die  denkbar  gedeihlichste.  Von  den
132  Millionen  Schweinen  der  Erde  —  in  einer  Anzahl  von
Ländern  läßt  sich  allerdings  der  Bestand  nicht  ermitteln  —
werden  nicht  weniger  als  65  Millionen  oder  49  Proz.  auf
die  Union  gerechnet.  Erst  in  weitem  Abstand  folgt  Deutschland ­
  mit  16,76  Millionen  oder  12,7  Proz.,  dann  Rußland
und  Österreich  mit  ungefähr  12  Millionen  (9  Proz.),  Frankreich ­
  mit  6,8  Millionen  und  Großbritannien  mit  3,4  Millionen. ­
  Von  den  76,6  Millionen  Pferden  der  Erde  sind  in
den  Vereinigten  Staaten  21,2  Millionen  oder  27,7  Proz.
Nur  Rußland  mit  25,3  Millionen  oder  33  Proz.  ist  an
Pferden  reicher.  Deutschland  hat  mit  4,2  Millionen  noch
nicht  ganz  5,5  Proz.  Von  den  304  Millionen  Haupt  Hornvieh ­
  entfallen  auf  die  Vereinigten  Staaten  69,3  Millionen
oder  22,8  Proz.  Ostindien  kommt  mit  51,1  Millionen  oder
16.7  Proz.  am  nächsten.  Rußland  behauptet  mit  37,4  Millionen
die  dritte  Stelle,  Deutschland  (nach  Argentinien)  mit  19  Millionen ­
  die  fünfte.  Hinsichtlich  des  Bestandes  an  Schafen,
der  522,5  Millionen  auf  der  ganzen  Erde  beträgt,  haben  die
Vereinigten  Staaten  mit  bl,8  Millionen  Stück  oder  11,8  Proz.
nur  den  vierten  Platz.  Den  ersten  behauptet  Argentinien
mit  110  Millionen  (21  Proz.),  den  zweiten  Australien  mit
91,6  Millionen  (17,5  Proz.),  den  dritten  Rußland  mit
74.8  Millionen  (14,3  Proz).  Indien  folgt  an  fünfter  Stelle
mit  37,4  Millionen,  Großbritannien  mit  30,7  Millionen,
Frankreich  mit  20,2  Millionen,  Spanien  mit  16,5  Millionen,
Uruguay  mit  15,5  Millionen,  Österreich-Ungarn  mit  10,3
        <pb n="107" />
        107

Millionen  und  erst  an  elfter  Stelle  Deutschland,  in  dem
nur  9,7  Millionen  Schafe  gezählt  sind.
Von  der  gesamten  Fleischproduktion  der  Erde,  die  nach
den  letzten  mir  vorliegenden  Zahlen  rund  15,2  Millionen  Tons
betrug,  nahmen  die  Vereinigten  Staaten  4,5  Millionen  oder
29,6  Proz.  in  Anspruch,  während  auf  Europa  9,4  Millionen
oder  61,7  Proz.  kommen.  Der  Rest  verteilte  sich  auf
Australien,  Argentinien  und  Canada.  Da  Europa  fünfmal
soviel  Einwohner  hat  als  die  Vereinigten  Staaten,  so  sind  —
bei  gleicher  Verteilung  des  Fleischkonsums  —  auf  den
eigenen  Bedarf  der  Vereinigten  Staaten  nur  2,3  Millionen
Tons  zu  rechnen,  und  2,2  Millionen  Tons  müßten  von  dort
exportiert  werden.  Dem  Verhältnis  der  beiderseitigen  Bevölkerungszahl ­
  kommt  die  Produktion  an  Milch,  Käse  und
Butter  hüben  und  drüben  etwas  näher,  denn  die  Molkerei-Erzeugnisse
  der  Vereinigten  Staaten  machen  nur  ein  Drittel
der  Molkerei-Erzeugnisse  Europas  aus.
Der  Gesamtertrag  des  Fischfangs  in  der  Welt  wird
auf  etwas  über  3  Millionen  Tons  angegeben.  Die  Vereinigten ­
  Staaten  liefern  davon  880  000  t  oder  28,7  Proz.,
Großbritannien  700  000  t  (22,8  Proz.),  die  skandinavischen
Länder  510  000  t  (16,6  Proz.),  Canada  240  000,  Rußland
220  000,  Frankreich  150  000,  Holland  120  000,  Italien
100  000,  Spanien  und  Portugal  90  000,  Deutschland  60  0001.
Ganz  Europa  hat  einen  Fischfang  von  1  950  000  t.
Eine  Zusammenfassung  der  vorangegangenen  Zahlen
ergibt,  daß  die  Vereinigten  Staaten  fast  den  vierten  Teil
—  23  Proz.  —  aller  landwirtschaftlichen  Produkte  erzeugen, ­
  während  auf  Rußland  etwa  15  Proz.,  auf  Deutschland ­
  und  Frankreich  je  12  Proz.  entfallen.  Der  Anteil
der  Vereinigten  Staaten  entspricht  nahezu  ihrem  Anteil
(25  Proz.)  an  der  in  Kultur  genommenen  Oberfläche.  Das
ist  nicht  bloß  ein  durch  die  Gunst  der  Verhältnisse
        <pb n="108" />
        108

ermöglichtes  relatives  Überwiegen  der  durchschnittlichen
Arbeitsleistung  des  einzelnen,  sondern  zugleich  ein  Beweis
dafür,  daß  ein  großer  Teil  der  landwirtschaftlichen  Erzeugung ­
  jeder  Art  in  den  Vereinigten  Staaten  auf  Ausfuhr
unbedingt  angewiesen,  zur  Ausfuhr  durchaus  gezwungen  ist.
Fünf  Prozent  der  Erdbevölkerung  können  nicht  23  Proz.
der  landwirtschaftlichen  Erzeugung  aufbrauchen.  Da  ein
Anhäufen  der  gewonnenen  Erzeugnisse  nur  in  engen
Grenzen  möglich  ist,  so  ist  die  Ausfuhr  gewissermaßen
eine  Naturnotwendigkeit.
Der  auf  den  einzelnen  Arbeiter  entfallende  Anteil  an  der
Schaffung  von  Mehrwerten  ist  anscheinend  in  den  Vereinigten
Staaten  erheblich  größer  als  in  den  anderen  Staaten,  in  Frankreich ­
  und  Deutschland.  Es  bedarf  eben  das  rein  kalkulatorische
Ergebnis,  das  von  amerikanischen  Statistikern  auf  900,  580
und  510  $  jährlich  für  den  landwirtschaftlichen  Arbeiter  in
den  Vereinigten  Staaten  bezw.  in  Frankreich  und  Deutschland ­
  errechnet  wird,  einer  den  wirtschaftlichen  Unterschied
abschwächenden  Korrektur.  Bringt  man  nämlich  die  Aufwendungen ­
  für  die  Anschaffung,  Abnutzung  und  Instandhaltung
desauchfürdieamerikanischeLandwirtschaft  inhöchstemMaße
ausgestalteten  Maschinenwesens  und  ferner  der  Elektrizität
überall  da,  wo  Wasserkräfte  vorhanden  sind,  wie  billig,  in
Abzug,  so  erscheint  der  wirklich  erarbeitete  Mehrwert  in
den  Vereinigten  Staaten  in  einem  wesentlich  geringeren  Abstand ­
  von  dem  in  Frankreich  und  Deutschland  durch
den  einzelnen  Arbeiter  durchschnittlich  geschaffenen  Wert.
Ein  zu  beachtender  Unterschied  wird  allemal  bestehen
bleiben,  zumal  der  in  den  Vereinigten  Staaten  mögliche
extensive  Betrieb  auf  den  größeren  Flächen  eines  jungfräulichen ­
  oder  doch  selbst  bei  Raubbau  auf  Jahre  hinaus
ertragreichen  Bodens  sich  in  Europas  alten  Kulturländern
vielfach  völlig  verbietet.  Der  Farmer  in  den  Vereinigten
        <pb n="109" />
        109

Staaten  bebaut  durchschnittlich  44  Acker,  während  der
französische  im  Durchschnitt  13,  der  deutsche  sogar  nur
9  Acker  bewirtschaftet.
❖  sje
Die  Petroleumgewinnung,  deren  beträchtlichen  Anteil
am  Nationalreichtum  der  Vereinigten  Staaten  ich  bereits
hervorhob,  zeigte  im  Jahre  1902  die  größte  je  erzielte ­
  Ausbeute.  Mit  einer  Steigerung  auf  81  Millionen
Barrels  übertraf  sie  jetzt  sogar  die  Petroleumproduktion
Rußlands,  das  bis  dahin  an  der  Spitze  der  Welterzeugung  gestanden ­
  hatte.  Insbesondere  ist  jene  schon  im  Januar  1901
erfolgte  Entdeckung  einer  neuen,  gewaltige  Öllager  enthaltenden ­
  Petroleumzone  im  Südwesten  von  Texas,  die  sich,
wie  inzwischen  ermittelt,  bis  in  den  Staat  Louisiana  hinein
erstreckt  und  nahe  der  atlantischen  Küste  bezw.  der  texanischen
  Häfen  Port  Arthur  und  Sabine  Paß  liegt,  von  hervorragender ­
  Bedeutung  geworden.  Die  Entdeckung  ist  auch
allgemein  von  hohem  wirtschaftlichen  Werte,  da  damit  eine
anscheinend  unerschöpfliche  Quelle  für  den  Bezug  eines
sich  insbesondere  zu  Heizzwecken  eignenden  Öles  erschlossen
worden  ist,  das  angesichts  seiner  Billigkeit  dazu  bestimmt  zu
sein  scheint,  der  Kohle  in  aller  Welt  immer  stärkere  Konkurrenz ­
  zu  bereiten.  Der  zuerst  entdeckte,  in  der  Nähe  der
texanischen  Stadt  Beaumont  gelegene,  sogenannte  Spindle
Top-Distrikt  lieferte  anfänglich  eine  geradezu  überwältigende
Produktion:  Die  erbohrten  Quellen  sprudelten  Öl  bis  zu
40  000  Barrels  per  Tag  hoch  in  die  Luft,  Mengen,  auf  die
man  gänzlich  unvorbereitet  war,  so  daß  ursprünglich  sehr
viel  Öl  verloren  ging.  Diese  phänomenalen  Erfolge  veranlaßten
  eine  so  eifrige  Bohrtätigkeit,  daß  sich  heute
im  Spindle  Top-Distrikt,  einem  Areal  von  etwa  einer  Meile
Länge  und  einer  Breite  von  einer  halben  Meile,  weit  über
        <pb n="110" />
        110

1000  Bohrlöcher  eng  aneinander  gedrängt  finden  und  im
Juni  1903  gegen  900  produktive  Quellen  gezählt  worden
sind.  Die  tatsächliche  Produktion  von  Spindle  Top  beträgt
jetzt  etwa  28  000  Barrels  per  Tag;  die  Tatsache  ist  bemerkenswert, ­
  daß  eine  im  März  1901  erschlossene  Quelle
während  des  ersten  Jahres  1  050  000  Barrels  geliefert  hat,
während  die  produktivste  Quelle,  die  Pennsylvanien  je
aufzuweisen  hatte,  die  Philip  No.  2  auf  der  Tarrfarm
in  Oil  Creek,  vom  Jahre  1861  bis  zu  ihrer  Erschöpfung  im
Jahre  1871,  also  in  zehn  Jahren,  insgesamt  nur  956  000
Barrels  geliefert  hat.  Während  es  anfänglich  hieß,  das
Raffinieren  des  texanischen  Petroleums  zur  Gewinnung  von
Leuchtöl  würde  sich,  des  geringen  Gehaltes  an  Leuchtöl
wegen,  nicht  lohnen,  ist  jüngst  ein  neues  Raffinierungsverfahren ­
  erfunden  worden,  mit  Hilfe  dessen  sich  extrahieren ­
  lassen:  zu  25  Proz.  hochgradiges,  wasserhelles
Leuchtöl,  zu  43  Proz.  ein  ausgezeichnetes  Schmieröl  in
drei  verschiedenen  Qualitäten  und  schließlich  Asphalt
in  zwei  verschiedenen  Qualitäten.  Allerdings  hat  in
neuerer  Zeit  die  Situation  in  Beaumont  dadurch  eine
Änderung  erfahren,  daß  infolge  der  zahlreichen  Bohrungen ­
  im  Spindle  Top-Distrikt  der  Gasdruck  im  Erdinnern,
der  bisher  das  Öl  in  starkem,  hoch  aufspritzendem  Strahl
zutage  gefördert  hatte,  nachgelassen  hat.  Es  müssen  daher
jetzt  vielfach  künstliche  Mittel,  wie  Pumpen  und  Luftdruck,
zur  Anwendung  gebracht  werden.
Von  den  Öldistrikten  der  alten  Petroleum-Staaten
(Pennsylvanien,  Ohio,  Indiana  und  West-Virginia)  wird  erwartet, ­
  daß  sie  ihre  Produktivität  noch  auf  lange  Zeit  behaupten ­
  werden.  Sie  liefern,  noch  immer  das  meiste  und,
was  besonders  ins  Gewicht  fällt,  auch  das  beste  Öl,  da  es
hier  bis  zu  75  Proz.  Leuchtöl  enthält.  Allerdings  läßt  die
Lieferungsfähigkeit  jeder  Quelle,  auch  bevor  sie  noch
        <pb n="111" />
        111

erschöpft  ist,  allmählich  nach,  indem  sich  die  Poren  der
das  Öl  enthaltenden  Erdschicht  verstopfen,  beziehungsweise ­
  indem  sich  an  der  Bohrstelle  eine  Paraffinschicht
bildet,  die  den  Ausfluß  des  Öles  hindert.'  Diesem  die
Produktion  beeinträchtigenden  Übelstand  sucht  man  schon
seit  einiger  Zeit  durch  Abfeuern  von  Nitroglycerin-Patronen
innerhalb  der  Bohrlöcher  entgegenzuwirken.  Die  Methode
hat  auch  vorübergehenden  Erfolg,  indem  das  Erdreich  dadurch ­
  gelockert  wird.  In  jüngster  Zeit  kommt  bei  den
stark  paraffinhaltigen  Quellen  eine  neue  Methode  zur  Anwendung: ­
  es  ist  eine  Maschine  erfunden  worden,  deren
flügelartige  Vorrichtungen  das  Bohrloch  erweitern  und
die  Paraffinschicht  beseitigen.  Diese,  „Agitator“  genannte
Maschine  wird  in  den  alten  Distrikten  benutzt,  mit  dem  Ergebnis, ­
  daß  viele  durch  sie  gereinigte  Bohrlöcher  erhöhte
Produktivität  aufweisen  und  Quellen,  die  zu  produzieren
aufgehört  hatten,  wieder  leistungsfähiger  werden.  Ist
indes  das  Nachlassen  der  Produktion  nicht  auf  Paraffinbildung, ­
  sondern  auf  tatsächliche  Erschöpfung  der  Quelle
zurückzuführen  —  und  dieser  Augenblick  tritt  früher  oder
später  ein  —  so  nützen  weder  Explosionsstoffe  noch
Agitator.
Inzwischen  ist  ein  neuer  großer  und  anscheinend  noch
produktiverer  Petroleumdistrikt  in  dem  von  Beaumont
22  Meilen  entfernt  gelegenen,  bisher  nur  durch  seine  Heilquellen ­
  bekannten  texanischen  Orte  Sour  Lake  entdeckt
worden.  Daneben  haben  sich  auch  die  Hoffnungen  erfüllt,
die  auf  die  californischen  Quellen  gesetzt  wurden.  Ihre
volle  Produktionsfähigkeit  übersteigt  18  Millionen  Barrels
pro  Jahr.  Weiterhin  werden  aus  dem  Westen  die  Petroleumfelder ­
  von  Kansas,  Wyoming  und  Colorado  immer  stärker
zur  Deckung  eines  Ausfalles  in  den  östlichen  Petroleumdistrikten ­
  herangezogen.  Als  neuester  Petroleumstaat  kommt
        <pb n="112" />
        112

schließlich  Alaska  in  Frage  und  zwar  mit  Aussichten,  die
es  nach  einem  mir  vorliegenden,  von  autoritativer  Seite  ausgehenden ­
  Gutachten  mit  in  die  vorderste  Reihe  der
Petroleum  produzierenden  Distrikte  neben  Pennsylvanien
stellen  würden.
Neben  dem  Reichtum  an  Petroleum  ist  auch  schon
früher  von  mir  auf  die  überragende  Bedeutung  hingewiesen
worden,  die  die  Kohlenerzeugung  der  Vereinigten  Staaten
innerhalb  der  Weltproduktion  mit  einem  Anteil  von  etwa
33  Proz.  einnimmt.  Die  Hauptkohlenstaaten  sind  Pennsylvanien, ­
  das  fast  die  ganze,  jährlich  60  Millionen  Tons
überschreitende  amerikanische  Förderung  der  hochwertigen
Anthrazitkohle  allein  hervorbringt,  daneben  aber  auch  in
bezug  auf  die  Gewinnung  bituminöser  Kohle  weitaus  an
erster  Stelle  steht,  ferner  Illinois,  West-Virginia  und  Ohio,
demnächst  Alabama  und  Indiana.
Für  den  Kohlenabbau  bedient  man  sich  drüben  mit
großem  Erfolg  der  sogenannten  Schrämmaschinen.  Auf  Rechnung ­
  dieser  Maschinen  wird  auch  vielfach  die  besondere
Billigkeit  beziehungsweise  Konkurrenzfähigkeit  der  amerikanischen ­
  Kohle  gesetzt.  Wenn  jedoch  die  generelle  Verwendung
gleicher  Maschinen  im  deutschen  Bergbau  empfohlen  wird,  so
ist  man  nach  meinen  Informationen  nicht  zutreffend  berichtet.
Allerdings  hat  man  mit  der  Verwendung  jener  Maschinen  in
einzelnen  westfälischen,  schlesischen  und  auch  in  französischen ­
  Gruben  Versuche  gemacht,  die  befriedigend  ausgefallen
sind;  eine  Verallgemeinerung  ist  indessen  wegen  der  Verschiedenheit ­
  der  Flötzverhältnisse  nicht  durchführbar.  Die
Maschinen  selbst  bestehen  im  wesentlichen  aus  einem  langen
Stoßbohrer  oder  aus  einer  an  endloser  Kette  sitzenden
Schneide,  die  je  nach  der  Konstruktion  der  Maschine  mittels
komprimierter  Luft  oder  Elektrizität  in  schnell  stoßende
oder  gleitende  Bewegung  versetzt  werden.  Die  Schneidevor ­
        <pb n="113" />
        113

8

richtung  wird  an  der  Sohle  des  abzubauenden  Flötzes  angesetzt; ­
  in  einer  Höhe  von  vielleicht  1  Dezimeter  von  der
Sohle  und  in  einer  Längsausdehnung  von  etwa  2  Meter  wird
die  Kohle  zerstoßen.  Die  zerkleinerte  Kohle  wird  durch
einen  Handlanger  weggeschafft,  so  daß  die  abzubauende
Kohle  über  einem  Hohlraum  hängt.  Darauf  werden
in  die  unterschrämte  Bank  des  Kohlenflötzes  Bohrlöcher
gestoßen,  mit  Dynamit  gefüllt  und  abgeschossen,  so  daß  auf
diese  Weise  die  Kohle  in  größeren  Stücken  und  viel  billiger
gewonnen  wird  als  bei  dem  Abbau  mit  der  Keilhaue.  Die
Anwendung  derartiger  Maschinen  setzt  aber  voraus,  daß  die
Sohle  des  Flötzes  annähernd  horizontal  verläuft,  und  daß
das  Flötz  eine  verhältnismäßig  weiche  Kohle  führt,  was  bei
den  deutschen  Gruben  nur  selten  der  Fall  ist.  Die  Anwendung ­
  der  Maschinen  und  die  natürliche  Beschaffenheit
der  amerikanischen  Kohle  verbilligen  deren  Gewinnung.
Die  Arbeit  gehört  indes  zur  Klasse  der  „skilled  labour“;  die
betreffenden  Arbeiter  verdienen  in  Pittsburg  und  Umgegend
zwischen  5000  und  6000  Mark  jährlich.  Eine  weitere  wesentliche ­
  Ursache  für  die  Billigkeit  der  amerikanischen  Kohle
liegt  wohl  darin,  daß  sie  meist  oberhalb  der  Grundwasserlinie ­
  herausgeholt  wird,  wodurch  sich  die  sehr  beträchtlichen
Wasserhaltungskosten  erübrigen  und  außerdem  die  Herausbeförderung ­
  der  Kohle  aus  dem  Grund  sich  entweder  auf
horizontalen  oder  selbst  nach  unten  gerichteten  Schienen
bewerkstelligen  läßt.  Dadurch  werden  auch  die  sehr  kostspieligen ­
  Schachtanlagen  überflüssig.
Der  Roheisenbedarf  war  im  Jahre  1901  auf  455  Pfund
auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  gewachsen.  Der  Verbrauch
auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  betrug  an  Rohbaumwolle  im
Jahre  1870  12,82  Pfund  und  im  Jahre  1901  22,17  Pfund,
an  Kaffee  6  Pfund  und  10,60  Pfund  und  steigerte  sich  für
Zucker,  dessen  Verbrauch  wohl  für  den  Nationalwohlstand
        <pb n="114" />
        114

eines  jeden  Landes  in  vorderster  Reihe  bezeichnend  ist,
von  33  Pfund  auf  über  70  Pfund!
&amp;lt;■  «
#
Die  Staatsschuld  der  Vereinigten  Staaten  war  in  den
Jahren  1865  und  1866  absolut  und  relativ  am  höchsten;
absolut:  2773  Millionen  Dollars  im  Jahre  1866  und  relativ:
76,98#  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  im  Jahre  1865.  Im
Jahre  1901  betrug  die  Staatsschuld,  die  1891  auf  1546
Millionen  Dollars  zurückgegangen  war,  wieder  2143  Millionen
Dollars  oder  13,44  #  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung,  wobei
stets  der  Bestand  des  Staatsschatzes  von  der  Staatsschuld
in  Abrechnung  gebracht  ist.  Seit  dem  Jahre  1865  ist  der
ratierliche  Schuldanteil  nur  von  1891  bis  1895,  und  auch
hier  bloß  geringfügig,  niedriger  gewesen.
Die  Gesamteinnahmen  der  Union  bezifferten  sich  im
Fiskaljahr  1902/1903  auf  rund  559  Millionen  Dollars,  denen
rund  507  Millionen  Dollars  Ausgaben  gegenüberstanden.
Zu  den  Einnahmen  haben  die  Zölle  rund  300  Millionen
und  die  Inlandsteuern  rund  250  Millionen  Dollars  beigetragen. ­
  Die  im  Umlauf  befindlichen  Währungsmittel  stellten
sich  im  genannten  Zeitraum  auf  2400  Millionen  Dollars  und
waren  gegen  das  Vorjahr  um  126  Millionen  Dollars  gewachsen. ­

Das  Vermögen  an  Grundbesitz  und  beweglichem
Eigentum  in  den  Vereinigten  Staaten  betrug  im  Jahre  1850
7136  Millionen  Dollars  oder  307,69  #  auf  den  Kopf  der
Bevölkerung.  Im  Jahre  1860  war  eine  Steigerung  auf
16  160  Millionen  Dollars  oder  513,93  #  auf  den  Kopf  eingetreten. ­
  Im  Jahre  1870  stiegen  die  Ziffern  auf  30  069  Millionen ­
  Dollars  oder  779,83#  auf  den  Kopf.  Im  Jahre  1880
war  ein  Vermögen  von  42  642  Millionen  Dollars  oder
850,20  #  auf  den  Kopf  erreicht.  Im  Jahre  1890  zählte  man
        <pb n="115" />
        8

i  15

65  037  Millionen  Dollars  oder  1038,57  $  auf  den  Kopf,  im
Jahre  1895  77  Milliarden  Dollars  oder  1117,01  $  auf  den
Kopf,  im  Jahre  1900  endlich  wurde  das  Vermögen  auf
94,3  Milliarden  Dollars  oder  1235,86  $  auf  den  Kopf  der
Bevölkerung  geschätzt.  Die  Zunahme  des  auf  den  Kopf
entfallenden  Vermögens  beträgt  seit  1895:  10,6  Proz.,  seit
1890:  19  Proz.,  seit  1880:  45,4  Proz.,  seit  1870:  58,5  Proz.,
seit  1860:  140,6  Proz.,  seit  1850:  302,3  Proz.
*  ❖
*
Bei  all  dieser  oft  fast  märchenhaft  erscheinenden  Fülle
kommen  mir  unwillkürlich  die  dankbaren  und  zugleich
mahnenden  Worte  in  den  Sinn,  die  mein  Freund  Dr.  C.  T.
Deane,  der  vortreffliche  Leiter  der  „California  Petroleum ­
  Miners’  Association“,  in  San  Francisco  gesprochen
hat,  als  er  in  öffentlicher  Versammlung  über  die  außergewöhnlichen ­
  Fortschritte  der  californischen  Petroleumgewinnung ­
  berichtete  und  hierbei  den  Nationalreichtum  der
Vereinigten  Staaten  pries.  Er  sagte:  „Wahrlich,  Gott  war
sehr  gut  zu  uns  Amerikanern;  er  hat  uns  überschüttet  mit
allen  Dingen.  Er  gab  unserm  Lande  Gold  und  Getreide
und  Früchte  und  förderte  segnend  unsere  Arbeit  mit  einem
wunderbaren  Klima.  —  So  haben  wir  nichts  mehr  zu  erbitten. ­
  Jetzt  erwächst  uns,  seinen  Geschöpfen,  die  Pflicht,
uns  aller  dieser  Gaben  dadurch  würdig  zu  zeigen,  daß  wir
ehrenhaft,  eifrig  und  dabei  maßhaltend  in  unseren  Geschäften ­
  sind.“
        <pb n="116" />
        Kapitel  VIII.
Von  den  Eisenbahnen*

Der  Verwertung  des  vorhandenen  Reichtums  an  Rohprodukten ­
  und  eines  Kapitalreichtumes,  der  mit  Vorliebe
in  industrieller  Betriebsamkeit  seine  Verwendung  sucht,
haben  die  Verkehrsunternehmungen  der  Union  im  weitesten
Maße  in  die  Hände  gearbeitet.  Ohne  eine  —  das  kann
nicht  scharf  genug  hervorgehoben  werden  —  in  der  Wirtschaftsgeschichte ­
  einzig  dastehende  konsequente  Ermäßigung
der  Frachtkosten,  ohne  den  mit  seltener  Weitsicht  und
unter  glänzender  Überwindung  anscheinend  unbesiegbarer
Schwierigkeiten  erfolgten  Ausbau  eines  Eisenbahn-Netzes,
das  vor  allem  die  möglichst  vorteilhafte  und  billige  Verbindung ­
  zwischen  Urproduktions-,  Fabrikations-  und  Verbrauchsstätten ­
  bewirken  wollte,  wäre  die  Entwicklung  der
amerikanischen  Wirtschaftsverhältnisse  niemals  möglich
gewesen  —  trotz  aller  natürlichen  Vorzüge  des  Landes  und
trotz  der  besonderen  Eignung  seiner  Bewohner  für  die
zielsichere  Ausnutzung  jeder  günstigen  Chance.
Es  ändert  an  der  Tatsache  und  an  ihrer  Bedeutung
für  die  ökonomische  Expansion  nichts,  daß  die  Eisenbahnen ­
  zur  Herabsetzung  der  Frachtraten  nicht  durch
selbstlosen  Gemeinsinn,  sondern  durch  rücksichtslosen
Erwerbssinn  bestimmt  worden  sind.  Die  gegenseitigen
Unterbietungen  in  den  Frachtraten  zielten  darauf  hin,  die
        <pb n="117" />
        117

Konkurrenz  mit  allen  von  der  Gesetzgebung  gestatteten
Mitteln  zu  vernichten.  Die  Gesetzgebung  der  Vereinigten
Staaten,  die  die  Machtbefugnisse  auf  Union  und  Einzelstaaten
in  nicht  immer  ganz  klarer,  auch  nicht  immer  streng  logischer
Weise  verteilt,  geht  stets  von  vortrefflichen  Grundsätzen
aus,  ist  aber  in  der  Ausgestaltung  und  Anwendung  nicht
unter  allen  Umständen  besonders  glücklich  gewesen.  Hinsichtlich ­
  des  Eisenbahnwesens  sind  dadurch  seltsame  Folgeerscheinungen ­
  zutage  getreten,  daraus  erklärlich,  daß  die
juristische  und  legislatorische  Theorie  mit  den  wechselnden
Anforderungen  einer  sich  naturgesetzlich  entwickelnden
Wirtschaftstechnik  nicht  gleichen  Schritt  zu  halten  wußte.
Der  Eisenbahnbetrieb  hat  in  seinem  Wesen  etwas  Monopolistisches, ­
  und  Monopole  sind  als  „der  öffentlichen  Wohlfahrt ­
  widerstreitend“  in  den  Vereinigten  Staaten  verpönt.
Der  Wettbewerb  soll  unbedingt  aufrechterhalten  werden.
Die  amerikanischen  Eisenbahnen  haben  es  hieran  nicht
fehlen  lassen;  sie  wurden  auf  den  Weg  der  Unterbietung
fast  gedrängt,  da  die  Gesetzgebung  bei  Strafe  der  Konzessionsentziehung ­
  die  Preisverabredung  zwischen  Parallelbahnen ­
  verbot.  Neuerdings  sind  die  Eisenbahnen  zu  einer
Änderung  beziehungsweise  Verschiebung  ihrer  Politik  gekommen; ­
  die  öffentliche  Meinung  ist  dem  nicht  mehr  so
schroff  wie  früher  entgegen.  Nicht  daß  man  plötzlich  zu
mitleidigen  Gefühlen  gegenüber  den  Eisenbahn-Bonds-  und
-Aktien-Inhabern  gelangt  wäre,  denen  das  Bewußtsein,  der
Industrie  des  Landes  genützt  zu  haben,  keinen  vollwertigen
Ersatz  für  den  Entgang  an  Zinsen  und  Dividenden  bot.
Aber  einmal  ist  die  erziehliche  Tätigkeit  der  Eisenbahnen
gegenüber  der  Industrie  als  vorteilhaft  beendet  anzusehen,
und  sodann  hat  sich  die  Einsicht  verallgemeinert,  daß  es
nationalwirtschaftlich  keinen  Nutzen,  sondern  nur  eine
willkürliche  und  darum  ungerechte  Verschiebung  darstellt,
        <pb n="118" />
        118

wenn  man  die  angemessene  Entlohnung  einer  Leistung  zugunsten ­
  dritter  verhindert.
Der  Aufschwung,  den  das  amerikanische  Eisenbahnwesen ­
  genommen  hat,  fällt  —  und  ich  glaube,  nicht  zufällig
—  mit  der  Beendigung  jenes  Ratenkrieges  zusammen,  der
in  jahrelangem  erbitterten  Kampf  größtenteils  zur  völligen
Entwertung  der  Eisenbahn-Unternehmungen  beziehungsweise
ihrer  Aktien  und  Bonds  geführt  hatte.  Auf  diesen  Krieg
ist  fast  unmittelbar  das  Bestreben  gefolgt,  die  einzelnen
großen  Bahnsysteme  möglichst  eng  aneinanderzuschließen.
Der  alte  Jay  Gould  ist  es  gewesen,  der  zuerst  eine  solche
Interessengemeinschaft  der  Eisenbahnen  ersann  und  praktisch ­
  zu  konstruieren  suchte.  Diese  Form  brach  sich  immer
mehr  und  mehr  und  nicht  minder  machtvoll  Bahn.  Die
Gründung  der  „Northern  Securities  Co.“,  in  der  nach  dem
ursprünglichen,  mir  bekannt  gewordenen  Plan  der  Promotoren ­
  die  recht  auseinandergehenden  Interessen  nicht
nur  der  „Great  Northern“  (5244  Meilen  mit  98  710  000  $
Aktienkapital  und  96  680  000  $  fundierter  Schuld),  „Northern
Pacific“  (4989  Meilen  mit  155  Millionen  Dollars  Aktienkapital ­
  und  172  900  000  $  fundierter  Schuld)  und
„Chicago,  Burlington  &amp;amp;  Quincy“  (7911  Meilen  mit
110  600  000  $  Aktienkapital  und  147  200  000  $  fundierter ­
  Schuld),  sondern  auch  der  „Southern  Pacific“
(9016  Meilen)  und  „Union  Pacific“  (5824  Meilen)  durchgreifend ­
  zentralisiert  werden  sollten,  nahm  die  umfangreichste ­
  Neubildung  der  Jetztzeit  in  Aussicht.  Der
mit  400  Millionen  Dollars  erfolgte  „Merger“  der  „Northern
Securities  Co.“  umfaßt  derzeit  tatsächlich  nur  die  „Great
Northern“  und  „Northern  Pacific“  (die  beide  gegen  Ausgabe ­
  von  4  proz.  Bonds  das  gesamte  Aktienkapital  der
Chicago,  Burlington  &amp;amp;  Quincy  Eisenbahn  -  Gesellschaft
vorher  in  ihren  Besitz  gebracht  hatten),  da  die  „Southern
        <pb n="119" />
        119

Pacific“  und  die  „Union  Pacific“,  die  je  über  ein  Aktienkapital ­
  von  annähernd  200  Millionen  Dollars  bei  über
350  Millionen  bezw.  250  Millionen  Dollars  fundierter
Schuld  verfügen,  dem  „Merger“  fernblieben.  Beide  Bahnen
haben  sich  ihrerseits  dadurch  konsolidiert,  daß  die
„Union  Pacific“  die  Kontrolle  der  „Southern  Pacific“  erlangte. ­
  Hierbei  sei  auch  eingeschaltet,  daß  die  von  der
„Northern  Securities  Co.“  kontrollierten  Bahnen,  die  „Great
Northern“,  die  „Northern  Pacific“  und  die  „Chicago,
Burlington  &amp;amp;Quincy“,  als  Besitz  der  „Northern  Securities  Co.“
zusammen  für  das  Fiskaljahr  1902/1903  151,5  Millionen
Dollars  Bruttoeinnahmen  erbrachten,  mit  einem  Mehr  gegen
das  Vorjahr  von  18,4  Millionen  Dollars.
Während  aber  in  Europa  das  Zustandekommen  von
Tarifkartellen  bei  den  Eisenbahnen  begünstigt,  in  gemeinsamen ­
  Beratungen  der  internationalen  Eisenbahnverbände
gemeinsame  Frachten-  und  Verkehrspolitik  in  weitestem
Sinne  getrieben  wird,  besteht  in  den  Vereinigten  Staaten
noch  immer  das  oben  angeführte  Gesetz,  das  Parallelbahnen
jede  Art  der  Vereinigung  untereinander  verbietet.
Als  die  „Northern  Securities  Co.“  im  November
1901  ins  Leben  gerufen  wurde,  weilte  ich  in  New  York.
Das  Aufsehen,  das  diese  Kombination  dort  hervorrief,  war
groß  und  allgemein  —  an  der  Börse  wurde  es  mit
einer  steigenden  Bewegung  in  allen  Wertpapieren  gefeiert.
Die  Ankündigung  des  Gouverneurs  von  Minnesota,  er
werde  durch  einen  Beschluß  der  Legislatur  dieses  Staates
„eventuell  durch  rückwirkende  Gesetzgebung“  die  Abmachungen ­
  der  neuen  Gesellschaft  zu  Falle  bringen,  dämpfte
den  Enthusiasmus  nur  wenig.  In  meinen  damaligen  Berichten ­
  wies  ich  allerdings  darauf  hin,  daß  der  Vorgang
geeignet  sein  könne,  in  die  Sicherheit  der  herrschenden
günstigen  Börsenverhältnisse  beeinträchtigende  Unruhe  zu
        <pb n="120" />
        120

tragen.  In  den  maßgebenden  amerikanischen  Finanzkreisen ­
  war  man  anderer  und  sehr  optimistischer
Auffassung.  Einesteils  vertrauten  die  Promotoren  dem
Sachverständnis  ihrer  Anwälte,  die  den  „Charter“  der
neuen  Kompagnie  ausgearbeitet  hatten.  Der  Widerstreit
zwischen  Gesetzgebung  und  Judikatur  müsse  durch  die
Auslegungskunst,  die  sich  der  Erfordernisse  der  ökonomischen. ­
  Neugestaltungen  anzunehmen  hätte,  befriedigend
geklärt  werden.  Sodann  erinnerte  man  sich  daran,  daß  der
General-Bundesanwalt  Knox  bis  zum  Eintritt  in  das  Staatsamt ­
  der  autoritativste  Anwalt  der  Trusts  in  den  Vereinigten
Staaten  gewesen  war;  man  zählte  ihn  zu  den  Intimen
J.  Pierpont  Morgans.  Auch  bei  dem  Präsidenten  konnte
man  eine  Anti-Konsolidierungs-Stimmung  nicht  gut  voraussetzen. ­
  Seine  Worte:  „Wir  sollten,  sofern  es  mit  dem
öffentlichen  Wohl  vereinbar  ist,  die  starken  und  machtvollen ­
  Männer,  auf  denen  der  Erfolg  unserer  geschäftlichen ­
  Unternehmungen  unfehlbar  ruht,  so  viel  als  möglich ­
  ungehindert  lassen“,  wurden  als  respektvolle  Verbeugung ­
  vor  den  Konsorten  des  „Northern  Securities  Co.“-Geschäftes
  betrachtet.  Deutlicher  aber  als  diese  Erwägungen
sprachen  nach  der  Meinung  der  interessierten  Gruppen  die
Ausführungen,  die  der  Präsident  in  seiner  Botschaft  Ende
1901  dem  „zwischenstaatlichen  Handelsgesetze“  widmete,
auf  dessen  Boden  der  Einspruch  des  Gouverneurs  von
Minnesota  stand.  Bei  der  überragenden  Bedeutung  des
Vorganges,  dessen  weitere  Entwicklung  und  dessen  Abschluß ­
  maßgebend  sein  wird  für  eine  der  wichtigsten  prinzipiellen ­
  Fragen  des  Landes,  möchte  ich  an  den  wesentlichsten ­
  Inhalt  der  damaligen  Rooseveltschen  Ausführungen
erinnern:  Im  Jahre  1887  sei  ein  Gesetz  angenommen  worden,
das  den  Verkehr  der  Eisenbahnen  in  den  verschiedenen
Staaten  regeln  sollte,  und  das  unter  dem  Namen  „zwischen ­
        <pb n="121" />
        121

staatliches  Handelsgesetz“  bekannt  ist.  Die  Absicht  dieses
Gesetzes  wäre,  die  Eisenbahnraten  in  einer  Weise  festzustellen, ­
  daß  sie  als  gerecht  erachtet  werden  können  und
nicht  einzelnen  zum  Nachteil  anderer  Spezialvorteile  gewähren. ­
  Außerdem  sei  durch  das  Gesetz  eine  ständige
Kommission  zur  Überwachung  der  Ausführung  dieser
Eisenbahnregulative  ernannt.  Das  Gesetz  wäre  ein  Experiment ­
  gewesen,  dessen  Vorteile  und  Nachteile  die  Zeit  gelehrt ­
  habe.  Die  alten  Klagen  über  ungerechte  Spezialfrachten, ­
  Rabatte  usw.  zugunsten  bedeutender  Verfrachter
würden  wieder  laut,  während  auf  der  andern  Seite  die
Eisenbahnen  behaupteten,  das  Gesetz  habe  gerade  durch
die  Bestimmung,  die  ein  geeinigtes  Vorgehen  von  Bahnen
verbiete,  diese  Übelstände  gezeitigt  und  gefördert.  Es  dürfe
nicht  vergessen  werden,  daß  die  Eisenbahnen  die  Arterien
seien,  durch  die  das  Blut  des  Geschäftslebens  dieses
Landes  zirkuliere,  und  daß  es  töricht  wäre,  diese  Arterien
durch  beschränkende  Gesetze  zu  unterbinden.  Da  der
Präsident  schließlich  eine  zweckentsprechende  Änderung
des  „zwischenstaatlichen  Handelsgesetzes“  empfahl,  so
folgerte  man  daraus,  daß  ihm  ein  Zerstören  der  schwebenden ­
  Einigungspläne  umsomehr  widerstrebe,  als  auch  er  für
diesen  Fall  eine  Wiederkehr  der  so  verhängnisvollen  Ratenkriege ­
  befürchte.
Es  kann  nicht  meine  Aufgabe  sein,  den  sich  müde
dahinschleppenden  Gang  des  trotz  allem  mit  Zustimmung
des  Präsidenten  von  der  Bundesregierung  gegen  die
„Northern  Securities  Co.“  eingeleiteten  prozessualischen
Verfahrens  in  allen  Einzelheiten  zu  schildern:  Die  von
dem  Gouverneur  von  Minnesota  erhobene  Anklage  ist
zwar  jüngst  abschlägig  beschieden  worden.  —  Diese
Entscheidung  präjudiziert  aber  nicht  der  Entscheidung  des
Ober-Bundesgerichts,  die  demnächst  zu  erfolgen  haben
        <pb n="122" />
        122

wird.  Gleichgültig,  ob  die  Gründung  der  „Northern
Securities  Co.“  zu  Recht  bestehen  bleibt,  oder  ob  dereinst
andere  Formen  gefunden  werden  müssen,  so  erscheint  der
Tag  nicht  mehr  fern,  an  dem  sämtliche  Eisenbahnlinien  von
Bedeutung  in  dem  weiten  Gebiet  der  nordamerikanischen
Staaten,  wenn  auch  nicht  direkt  unter  einen  Hut  gebracht
sein,  so  doch  in  ein  korporatives  Verhältnis  zueinander
treten  werden.  Hierbei  schweben  mir  nicht  etwa  jene  Eisenbahnaktien-Ankäufe
  vor,  die  namentlich  in  letzter  Zeit
einzelne  Cliquen  wilder  Börsenspieler  vorgenommen  haben,
indem  sie  an  den  offenen  Märkten  das  Kapital  ganzer  Bahnsysteme ­
  —  angeblich  zum  Zweck  der  Kontrolle  über  diese
Linien,  in  Wahrheit  aber  in  spekulativer  Verblendung  —  bei
wahnsinniger  Kurstreiberei  aufkauften  und,  da  sie  nicht  mit
eigenem,  sondern  mit  geborgtem  und  dann  zurückgefordertem
Geld  operierten,  ihren  vermeintlichen  Besitz  unter  kläglichem ­
  Fiasko  wieder  losschlagen  mußten.
Wenn  aber,  nach  Klärung  der  allgemeinen  Rechtslage,
in  wohlvorbereiteter  Vereinbarung  der  Eisenbahn-Gesellschaften ­
  untereinander  und  ihrer  leitenden  Männer  die
Verständigungs-Aktion  im  allgemeinen  und  in  den  finanziellen ­
  „Sonderheiten“  gelingen  sollte,  so  wird  man  sich  zu
vergegenwärtigen  haben,  daß  in  Epochen,  die  einen  forcierten
Export  als  notwendig  erscheinen  lassen,  die  Frachten  dermaßen ­
  herabgesetzt  werden  können,  daß  selbst  bei  einer
weitgehenden  Unterbietung  des  Auslandspreises  die  Ausfuhr ­
  ohne  Verlust  oder  doch  nur  mit  sehr  geringem
Schaden  bewerkstelligt  werden  kann.  Ob  sich  die  Gefahr
dieses  Momentes  abschwächen  würde,  wenn  die  Bahnen,
wie  Optimisten  unter  den  Demokraten  erhoffen,  einstens,
wenn  auch  erst  nach  langen  Jahren,  durch  den  Bund
gegen  Bundesbonds  übernommen  werden,  muß  dahingestellt
bleiben.  Die  demokratische  Tagespresse  verlangt  die  Eisen ­
        <pb n="123" />
        123

bahnverstaatlichung  schon  jetzt  laut  und  vernehmlich.  Sie
weist,  wie  bei  den  Trusts,  so  auch  bei  den  Eisenbahnen
auf  die  bevorstehende  gefährliche  Konzentrierung  von
Milliarden  von  Dollars  im  Besitz  weniger  Gruppen  hin,
die  das  wirtschaftliche  und  Verkehrsleben  der  Nation  in
Händen  hätten  und  haben  würden.  Mit  besonderer  Entrüstung ­
  wird  auch  betont,  daß  die  Bundesregierung  von
den  Eisenbahngesellschaften  bei  der  Berechnung  der  von
der  staatlichen  Postverwaltung  zu  entrichtenden  Pacht  für
die  Postwaggons  übervorteilt  werde.  Ich  erinnere  mich
hierbei  folgender  Tatsachen,  die  während  meines  Aufenthaltes ­
  drüben  hervorgehoben  wurden:  Im  Bundessenat
sei  festgestellt  worden,  daß  die  Kosten  des  Baues  eines
Postwaggons  sich  auf  durchschnittlich  3500  $  stellen.  Mit
dem  Betrieb  eines  solchen  Waggons  seien  durchschnittlich ­
  1356  $  Jahreskosten  verbunden,  nämlich  365  $
für  Heizung,  276  für  Beleuchtung,  350  für  Reparaturen
und  365  für  Reinigung  —  augenscheinlich  sehr  hoch  veranschlagte ­
  Ziffern.  Nun  habe  die  Bundesregierung  den
Bahngesellschaften  für  Benutzung  der  Postwaggons  für  das
Fiskaljahr  1900/1901  nur  für  Pacht  und  abgesehen  von  der
Beförderung  4  638  234,03  $  bezahlt.  Da  765  Postwaggons
im  Betrieb  sind,  stellten  sich  die  Pachtkosten  per  Waggon
auf  jährlich  6063,05  $.  Somit  zahle  die  Regierung  für  jeden
Postwaggon  1207,05  $  in  einem  Jahre  mehr  Pacht,  als  der
ganze  Waggon  mitsamt  dem  Jahresbetrieb  kostet.  Einzelne
Bahnen  zögen  aus  der  Verpachtung  ihrer  Postwaggons  an
die  Regierung  noch  weit  höheren  Nutzen.  Besonders  gilt
das  von  der  „New  York  Central  Railroad“,  die  für  22  Postwaggons ­
  für  die  Strecke  New  York—Buffalo  230  033,60  $
Pacht  erhält,  d.  i.  10  456,07  $  für  den  Waggon  oder  mehr
als  das  Doppelte  dessen,  was  der  ganze  Waggon  mitsamt
dem  Jahresbetrieb  kostet.  Ein  Direktor  dieser  Bahn  gehöre
        <pb n="124" />
        124

dem  Bundessenat,  ein  anderer  dem  Senat  des  Staats  New
York  an.  Für  die  Beförderung  der  Poststücke  erhielte  dieselbe ­
  Bahn  im  letzten  Jahre  1  228  080  $.  Während  die
Pennsylvaniabahn  nach  ihrem  Bericht  im  letzten  Jahre
etwas  über  2  Cents  für  die  Passagiermeile,  noch  nicht  den
dritten  Teil  eines  Cent  für  die  Tonnenmeile  Fracht  verdient ­
  hat,  zahle  die  Regierung  allen  Bahnen  für  die  Tonnenmeile ­
  Postbeförderung  12,18  Cents.  Insgesamt  zahle  die
Bundesregierung  den  Eisenbahnen  für  Gebrauch  der  Postwaggons ­
  und  für  Postbeförderung  jährlich  38  Mill.  Dollars.
Die  amerikanische  Union  zeigt  in  all  diesen  Fällen
vielleicht  absichtlich  eine  gewisse  nachsichtige  Lässigkeit,
um  den  Eisenbahnen  eine  Art  Entschädigung  für  das  Opfer
zu  gewähren,  das  sie  —  wenn  auch  im  Wettkampf  untereinander ­
  —  durch  dauernde  Herabsetzung  der  Frachtraten
für  die  Industrie  des  Landes  brachten.  Für  solche  Nachsicht
bildet  zudem  die  Finanzlage  der  Bundesregierung  kein
Hindernis.  Der  Finanzminister  des  „Landes  der  unbegrenzten ­
  Möglichkeiten“  kennt  seit  geraumer  Zeit  immer  nur
eine  Verlegenheit:  das  Anhalten  großer,  beinahe  phantastisch
klingender  Überschüsse.
❖  »Je
Auf  die  ungefähren  Ziffern,  die  die  Ausdehnung
der  Eisenbahnen  in  der  Union  illustrieren,  habe  ich
früher  hingewiesen,  und  zwar  nach  englischen  Meilen
gerechnet.  Ich  wiederhole  hier,  nach  Kilometern  berechnet ­
  —  eine  englische  Meile  gleich  1,609  km  —,  daß
Ende  des  Jahres  1901  die  Vereinigten  Staaten  —  ohne  Einbeziehung ­
  von  Nebengleisen  —  über  etwa  318  000  km  Eisenbahnen ­
  verfügten,  während  Europa  um  dieselbe  Zeit  nur
290  816  km  zählte.  Es  kommen  in  den  Vereinigten  Staaten
41,1  km  Eisenbahn  auf  10  000  Einwohner,  in  Deutschland
        <pb n="125" />
        125

9,4  km  auf  10  000  Einwohner,  während  anderseits,  wenn
man  die  Grundflächen  als  Maßstab  ansieht,  in  Amerika  auf
100  qkm  Landes  4,1  km  entfallen  gegen  9,7  km  in
Deutschland.  Auf  den  183  483  km  Eisenbahn,  die  1882
in  den  Vereinigten  Staaten  in  Betrieb  waren,  wurden
damals  375  Millionen  Passagiere  und  62,9  Milliarden
Tonnen-Kilometer  Frachtgut  befördert.  Die  Zahl  der  Personenwagen ­
  betrug  16  187,  die  der  Güterwagen  706  202.
Im  Jahre  1890  war  die  Bahnlänge  um  45,4  Proz.  auf
266  646  km,  die  Zahl  der  Passagiere  um  38,6  Proz.  auf
520  Millionen,  die  der  Tonnen-Kilometer-Fracht  um  101  Proz.
auf  126,5  Milliarden  gestiegen.  Im  Jahre  1900  waren
312000  km  Bahn  im  Betrieb  (Zunahme  seit  1882:  70,5  Proz.),
auf  denen  585  Millionen  Passagiere  (Zunahme  seit  1882:
56  Proz.)  und  225,7  Milliarden  Tonnen-Kilometer  Fracht
(Zunahme  seit  1882:  259  Proz.)  in  26  786  Personenwagen
(Zunahme  seit  1882:  66,2  Proz.)  und  1  358  467  Güterwagen
(Zunahme  seit  1882:  92,4  Proz.)  befördert  wurden.  Die
Fracht  für  den  Tonnen-Kilometer  betrug  1882  durchschnittlich ­
  0,775  Cts.  und  ist  bis  1899  fast  stetig  auf  0,46  Cts.
zurückgegangen,  im  Jahre  1900  auf  0,47  Cts.  gestiegen.  Im
Jahre  1900  war  der  Bruttoertrag  sämtlicher  Eisenbahnen
1502  Millionen  Dollars.  Der  Gesamtertrag  des  Jahres  1901
belief  sich  auf  1612  Millionen.  Ein  Vergleich  des  Jahres  1901
mit  dem  Jahre  1891  ergibt,  daß  bei  einer  Verlängerung  der
Schienenstrecke  um  19,2  Proz.  sich  der  Nettoertrag  von
356  auf  520  Millionen  Dollars,  d.  i.  um  46  Proz.,  erhöht  hat,
die  gezahlten  Bondszinsen  von  231  auf  262  Millionen
Dollars,  d.  i.  um  13,4  Proz.,  die  gezahlten  Dividenden
von  91  auf  157  Millionen  Dollars,  d.  i.  um  72,7  Proz.,  gestiegen ­
  sind.  Schon  aus  diesen  Ziffern  konnte  eine  ziemlich
zuverlässige  Diagnose  der  allgemeinen  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  des  Landes  gestellt  werden.  Hierbei  möchte  ich
        <pb n="126" />
        126

noch  erwähnen,  daß,  während  ich  drüben  weilte,  aus
allen  Teilen  des  Landes  Klagen  über  empfindlichen  Waggonmangel
  einliefen,  so  daß  über  die  beförderten  Handelswerte ­
  hinaus  sich  noch  ein  ansehnliches  Produktionsplus ­
  ergab,  das  mangels  entsprechender  Gelegenheit  nicht
zur  Verladung  gelangen  konnte.  Die  Eisenbahnen  waren
1901/1902  vorübergehend  kaum  imstande,  65  Proz.  der
angefahrenen  Güter  zu  erledigen.  Namentlich  hatte  die
Eisenindustrie  unter  dem  Mangel  an  Waggons  zu  leiden,
da  sowohl  die  Verfrachtung  des  Rohprodukts  an  die  Fabrikationsstätten ­
  als  auch  der  Abtransport  des  fertigen  Materials,
insbesondere  von  Stahlschienen,  Baustahl  und  Panzerplatten,
nicht  regelmäßig  vor  sich  gehen  konnte.  Durch  das  Ausbleiben ­
  von  Kohle  und  Koks  war  sogar  die  Schließung
einer  Reihe  von  Hochöfen  bedingt  worden.
Ungeachtet  der  Beeinflussung  von  Handel  und  Industrie ­
  durch  die  Arbeiter-Frage  beziehungsweise  durch  die
Arbeiter-Schwierigkeiten,  ungeachtet  des  hierdurch  hervorgerufenen ­
  Anwachsens  der  Betriebsunkosten  durch  Lohnerhöhungen, ­
  zu  denen  eine  mäßige  Erhöhung  der  Frachtraten ­
  in  keinem  Verhältnis  steht,  ungeachtet  der  Tatsache,
daß  sämtliche  Bahnen,  besonders  im  Südwesten  —  infolge ­
  von  Überschwemmungen  —  neue  Gleise  haben
legen  müssen  und  außerdem  ihr  rollendes  Material
um  ein  beträchtliches  vermehrt  haben,  wird  erhofft,
daß  des  amerikanischen  Eisenbahnwesens  glänzende  Entwicklung, ­
  die  auch  über  die  angezogenen  Jahre  hinaus
in  steigenden  Bruttoeinnahmen  zum  Ausdruck  gelangt,
auch  in  den  Reinüberschüssen  weitere  Fortschritte  machen
wird,  zumal  bei  anhaltend  reichem  Ernteertrag  des  Landes.
Die  Bruttoeinnahmen,  die  stetig  die  eines  Vorjahres  übertreffen, ­
  zeigen  einen  beinahe  ungeahnten  Aufschwung  des
Verkehrs  für  Personen  und  Güter.
        <pb n="127" />
        127

Auf  der  umstehendenSeitefolgteinlediglichzahlenmäßiger
Rückblick  auf  die  Kursentwicklung  der  Aktien  von  wichtigen
amerikanischen  Eisenbahnen,  namentlich  von  solchen,  deren
Notierungen  bei  uns  durch  die  regelmäßigen  New  Yorker
Kabelmeldungen  bekannt  sind.  Hierbei  gebe  ich  einerseits  die
Kurse  des  jeweilig  1.  Januar  der  letzten  drei  Jahre  sowie  des
1.  Oktober  1903  und  anderseits  als  Ausgangspunkt  das
jedesmalige  Tiefniveau  aus  dem  Jahre  1896  beziehungsweise ­
  teilweise  aus  den  Jahren  1897—1899.  Zugleich  sind
die  Dividendenraten  der  letzten  drei  Jahre  eingesetzt.
*  sie
❖

Der  Verkehr  auf  den  Eisenbahnen  selbst  entbehrt
namentlich  außerhalb  des  Lokalverkehrs  vielfach  organischer
Disziplin.  Pünktliches  Eintreffen  von  Fernzügen  ist  im  allgemeinen ­
  selten  gewährleistet.  Verspätungen,  die  zwischen
einer  halben  Stunde  bis  zeitweilig-  15  Stunden  und  darüber
schwanken,  gehören  zu  regelmäßigen  Vorkommnissen;  der
Fremde  nimmt  solche  mit  tiefem  Unbehagen,  der  Amerikaner ­
  mit  staunenswertem  Gleichmut  in  Kauf.  Der  Amerikaner ­
  wird  auf  die  Frage,  wie  weit  ist  es  bis  zu  dieser
oder  jener  Station,  nicht  nach  unserer  Gewohnheit  antworten ­
  —  so  und  soviel  Zeit;  er  wird  immer  nur,  angesichts ­
  möglicher  Betriebshindernisse,  sagen  —  so  und  soviel ­
  Meilen;  eine  sinngemäße  Beobachtung  habe  ich  auch
in  den  Straßen  oder  auf  sonstigen  Spaziergängen  gemacht:
Da  der  Amerikaner,  nach  der  Zeitdauer  eines  Wegzieles
befragt,  nicht  weiß,  ob  der  Interpellant  langsam  oder  schnell
marschieren  kann,  so  gibt  er  nach  klassischem  Rezept  in
vorsichtiger  Weise  nur  die  Zahl  der  Meilen  an,  die  ihm
für  einen  Ort  zum  andern  merkwürdig  geläufig  ist.  Niemals ­
  aber  wird  er  z.  B.  antworten,  von  der  30.  bis  zur
60.  Straße  ist’s  eine  halbe  Stunde!
        <pb n="128" />
        Eisenbahn-Aktien.  *)

Tiefniveau
1896  bezw.
1897-1899

Kurs
1.  Jan.  1901

Dividende
pro  1900

Kurs
1.  Jan.  1902

Dividende
pro  1901

Kurs
1.  Jan.  1903

Dividende
pro  1902

Kurs
l.Okt.  190

Atchison,Topeka&amp;amp;  Santa  Fe  comm.  Sh.

81/4

471/3

Proz.

81  1/4

Proz.
31/2

84  Vs

Proz.
4

63  1/2

do.  do.  do.  Pref.  .  .

14  Vs

891/2

4

103i/ 2

5

100  l/ 2

5

83  3 / s

Baltimore  &amp;amp;  Ohio

9

851/2

2

107  3/4

4

99%

4

75

Chesapeake  &amp;amp;  Ohio

11

421/4

1

48  i/4

1

48  3/ 4

1

293/4

Chicago,  Milwaukee  &amp;amp;  St.  Paul  .  .

691/4

148  1/4

5

167  %

6

178  Vs

n
/

139  Vs

Denver  &amp;amp;  Rio  Grande  Pref

36

85  Vs

4

93%

5

89

5

69

Erie  Railroad  comm.  Shares  ....

10

27%

—

44

—

38  Vs

—

27

Erie  Railroad  1.  Pref

27

61%

—

75i/ 4

IV2

671/4

3

651/8

Illinois  Central

84

131 3 /4

51/2

141

6

146  Vs

6

130

Louisville  &amp;amp;  Nashville

371/s

88  Vs

4

1071/2

5

128

5

97  3/ 8

Missouri,  Kansas  &amp;amp;  Texas  ....

91/4

16%

—

26  l/ 2

—

271/4

—

18  V 2

New  York  Central  and  Hudson  River

88

1441/s

5

1681  4

5

151

5

116%

New  York,  Ontario  and  Western  .  .

11  Vs

31  1/2

—

351/3

—

32

—

201/8

Norfolk  &amp;amp;  Western

4  Vs

451/s

—

59

2

73  3/ 8

21/2

581/8

Pennsylvania  .........

49%

157  %

6

151  1/8

6

155%

6

118  Vs

Philadelphia  &amp;amp;  Reading

2%

27%

—

58  %

—

67  3/ 8

—

46  3/ s

do.  do.  1.  Pref.  .  .

36

71  3 /4

3

831/2

4

871/4

4

741/2

Southern  Pacific  Co

12

441/s

—

62

—

65%

—

41  V4

Southern  Railway  comm.  Shares  .  .

6V2

221/4

—

34  Va

—

34%

—

19  %

do.  do.  Pref

151/2

721/2

3

93  Vs

4

921/2

5

771/2

Union  Pacific  comm.  Shares  .  .  .

31/2

80  %

31/2

1041/s

4

1001/2

4

70  3/4

do.  do.  do.  Pref.  .  .  .

45%

89  Vs

4

90  Vs

4

93

4

841/2

Wabash  Pref.  .........

11

251/’

—

42  3/4

—

441/2

—

30  3 / 4

*)  Die  bei  einzelnen  Aktien  späterhin  nach  ihrem  Tiefstände  erforderlich  gewordenen  Zuzahlungen  (assessments)  sind  nicht  besonders  vermerkt
        <pb n="129" />
        129

9

Nicht  nur  in  bezug  auf  die  Anlage  der  Bahnhöfe,  das  habe
ich  nach  Ursache  und  Gestaltung  schon  früher  geschildert,
sondern  auch  in  der  Konstruktion  der  Schienenwege
herrschen  drüben  von  den  unsrigen  völlig  verschiedene
Verhältnisse.  Wie  ist  da  vieles  einfach  und  leicht  hingeworfen! ­
  Der  Unterbau  oft  dünn  und  schwankend,  die  Überführungen ­
  über  langausgedehnte  Schluchten  oder  sumpfartige
Strecken  aus  Holz,  die  Gleisstärke  vielfach  ungleich,  an
scharfen  Kurven  auseinanderklaffende  Stellen!  Zugleich  eine
Waghalsigkeit,  die  den  mutigsten  Menschen  schaudern  macht.
Von  Altadena  in  Süd-Californien  führt  die  „Mount  Lowe  Electric ­
  Railway“  auf  den  Mount  Lowe  (6000Fuß);  eine  Teilstrecke
bis  zum  Lowe  Observatory  ist  Drahtseilbahn  mit  65  Proz.
Steigung  auf  hölzernem  Unterbau,  ohne  jegliche  Eisenkonstruktion! ­
  Man  sieht  hier  nur  auf  denVerkehr  als  solchen;
ihn  erzwingt  man,  weil  man  ihn  für  ersprießlich  hält,  ihn
ringt  man  der  Natur  ab,  ohne  erhebliche  Sicherheitsanlagen;
dagegen  rüstet  man  ihn  allmählich  mit  den  großen  Errungenschaften ­
  der  industriellen  Technik  aus.  Auf  der  New  York
Central  Railroad  in  dem  „Lake  Shore  Limited“  von  New  York
nach  Chicago  fuhr  ich  in  einem  Zuge,  dessen  Lokomotive
einen  besonders  imponierenden  Eindruck  auf  mich  machte,
wenn  mir  auch  deutsche  Fachleute,  denen  ich  später  die
Abmessungen  mitteilte,  versicherten,  daß  neuerdings  bei
uns  annähernd  gleiche  Dimensionen  gebaut  würden.  Allerdings ­
  stellt  die  Lokomotive  der  New  York  Central  Railroad
den  schon  seit  einiger  Zeit  auf  den  dortigen  Linien  im
Gebrauch  befindlichen  Normaltyp  dar.  Nach  Mitteilung  der
Gesellschaft  „ist  die  eigentliche  Maschine  34  Fuß  lang;  Kuhfänger ­
  („Pilot“)  und  Tender  eingeschlossen,  ist  die  von  der
Lokomotive  bedeckte  Gleisstrecke  63  Fuß  3%  Zoll  lang.
Die  beiden  Treibräder  sind  79  Zoll  hoch,  und  das  Dach  der
Lokomotive  ragt  etwa  15  Fuß  über  dem  Gleis.  Das  Ge ­
        <pb n="130" />
        130

wicht  der  Maschine,  ohne  den  Tender,  ist  176  000  Pfund.
Der  beladene  Tender  wiegt  110  000  Pfund,  was  ein  Gesamtgewicht ­
  von  286  000  Pfund  oder  143  Tonnen  ausmacht.“  Die
Lokomotive  soll,  gleichfalls  nach  der  Behauptung  der  Gesellschaft, ­
  eine  Schnelligkeit  von  100  bis  125  Meilen  (?)  in
der  Stunde  erreichen  können.
In  den  Eisenbahnzügen  selbst,  die  im  Innern  mit  dem  raffiniertesten ­
  Luxus,  mit  jedem  nur  denkbaren  Komfort  und
zugleich  mit  einer  mustergültigen  Sauberkeit  ausgestattet  und
ausgerüstet  sind,  ist  der  einzelne  Reisende  oft  ganz  hilfund
  schutzlos.  Der  Eisenbahnkondukteur  gibt,  wenn  überhaupt, ­
  nur  mürrisch  Auskunft,  der  Kondukteur  der  Pullman-
  (Speise-  und  Schlaf-)  Wagen  wird  nur  freundlich,
wenn  man  sich  ihm  mit  klingenden  Freundlichkeiten  nähert,
der  farbige  Diener,  der  im  Schlafwagen  aufwartet,  fühlt  sich
in  naiver  Vertraulichkeit  als  durchaus  gleichberechtigter
Staatsbürger,  der  in  allen  Wagenabteilungen  (mit  Ausnahme ­
  der  „drawing  rooms“  oder  „compartments“)  ungeniert ­
  Platz  nimmt.  Der  in  vielen  Zügen  allerdings  zu
großer  Bequemlichkeit  mitreisende  „barber“  ist  oft  zugleich ­
  Chef  des  Gepäck-  und  Postwagens  und  vernachlässigt ­
  hierdurch  entweder  den  Kunden  oder,  was  weit
schlimmer  ist,  das  Gepäck  und  die  Post.  Ich  habe  es
während  einer  Reise  im  Südwesten  miterlebt,  daß  auf  einer
kleineren  Station  der  „barber“  den  gerade  unter  dem  Messer
befindlichen  Kunden  zu  Ende  behandeln  wollte  und  es  ruhig
unterließ,  Gepäck  und  Post  hinauszureichen.  Vorstände  auf
den  einzelnen  Stationen  sind  selten  anzutreffen.  Hat  man
Beschwerde  vorzubringen,  so  weiß  man  nicht,  an  wen  man
sich  zu  wenden  hat.  Das  Beamtenpersonal  ist  überhaupt
nirgends  ausreichend.  Der  Mangel  an  genügenden  Kräften
kommt  auch  statistisch  darin  zum  Ausdruck,  daß  nur  wenig
über  eine  Million  Beamte  und  Arbeiter  auf  sämtlichen
        <pb n="131" />
        131

9’

amerikanischen  Eisenbahnen  angestellt  sind.  Wie  gering
diese  Zahl  ist,  erkennt  man  leicht  daraus,  daß  beispielsweise
Preußen  auf  seinem  mehr  als  zehnmal  kleineren  Eisenbahnnetz ­
  345  000  Beamte  und  Arbeiter,  d.  h.  verhältnismäßig
über  dreimal  mehr  als  die  Union,  beschäftigt.  Tadellos  —
das  muß  hervorgehoben  werden  —  funktioniert  der  Telegraphenverkehr ­
  mit  den  Eisenbahnzügen.  Depeschen  folgen
dem  Zug,  sobald  man  dessen  Nummer  korrekt  angibt,  bis
zu  jeder  einzelnen  Station.  An  den  Bahnhöfen  sind  zumeist ­
  die  Bureaus  der  „Western  Union  Telegraph  Co.“
installiert,  die  1901  über  23  238  Bureaus,  193  589
englische  Meilen  „poles  and  cables“  und  972  766  Meilen
„wire“  verfügten,  gegen  3972  Bureaus,  54  109  Meilen
Stangen  und  Kabel  und  112  191  Meilen  Draht  im
Jahre  1870.  Neben  der  „Western  Union  Telegraph  Co.“,
der  vertragsmäßig  fast  der  gesamte  Bahn-Telegraphendienst ­
  obliegt,  besteht  die  „Postal  Telegraph  Cable  Co.“
mit  einem  gleichfalls  ziemlich  ausgedehnten  Drahtnetz,
für  das  jedoch  keine  genauen  statistischen  Daten  vorliegen. ­
  Die  „Postal“  hat  ihre  Bureaus  zumeist  in  den
Städten.  Werden  Depeschen  durch  den  „Postal“-Stadtdienst
an  einen  Eisenbahnzug  aufgegeben,  so  bringen  die  „Messenger
boys“  die  Telegramme  an  den  Zug  zugleich  mit  Blanko-Formularen,
  falls  eine  Rückantwort  zu  erfolgen  hat.  Wird
an  irgend  einer  Station  die  Abgabe  der  eingegangenen
Depesche  versäumt,  so  lassen  die  Ämter  die  Depesche  in
bemerkenswerter  Zuvorkommenheit  so  lange  nachfolgen,  bis
der  Empfänger  erreicht  ist.  Die  „Postal  Telegraph  Cable  Co.“
ist  im  übrigen  in  enger  Beziehung  mit  der  „Commercial
Cable  Co.“,  die  die  „Deutsch  -  Atlantische  Telegraphenkompagnie“ ­
  vertritt  und  den  Dienst  via  Azoren—Emden
leitet.
Mit  dem  Präsidenten  der  „Postal  Telegraph  Cable  Co.“,
        <pb n="132" />
        132

Geo  G.  Ward,  der  in  Gemeinschaft  mit  meinem  jüngst
dahingeschiedenen  unvergeßlichen  Freunde  John  W.  Mackay,
weiland  Präsidenten  der  „Commercial  Cable  Co.“,  zu  den
hervorragendsten  Pionieren  des  amerikanischen  Verkehrswesens ­
  gehört,  besprach  ich  die  oben  kurz  angedeuteten
auf-  und  mißfälligen  Erscheinungen.  Er  gestand  das  Zutreffende ­
  der  Beobachtungen  ein;  „aber,“  so  meinte  er,
„man  muß  Nachsicht  haben;  es  ist  wirklich  noch  vieles
zu  jung  in  diesem  Land;  es  bedarf  der  Abklärung,  Verbesserung ­
  und  Reinigung.  Das  wird  mit  den  Jahren  kommen,
wenn  wir  Ruhe  und  Frieden  behalten.  Unsere,  der  Alten,
Aufgabe  war  es,  urbar  zu  machen  und  die  Bewohnerzwischen
Atlantic  und  Pacific  einander  zu  nähern.  Das  andere  sollen
die  vollenden,  die  nach  uns  sein  werden.“
        <pb n="133" />
        Kapitel  IX.
Die  Steuerverhältnisse*

Das  Steuerwesen  ist  in  den  Vereinigten  Staaten  nicht
sehr  glücklich  ausgebildet.  Dieselbe  Bevölkerung,  die  in
der  Individualwirtschaft  so  überaus  findig  und  darauf  bedacht ­
  ist,  jeden  erdenklichen  Vorteil  wahrzunehmen,  jede
Ersparnis-Möglichkeit  —  auch  teuer  —  zu  erkaufen,  hat  für
die  Einzelheiten  staatsökonomischer  Einrichtungen  keinen
Sinn.  Man  behält  Überliefertes  bei,  selbst  wo  sich  die
wirtschaftlichen  Verhältnisse  vollständig  geändert  haben,  trifft
für  Notfälle  Notvorkehrungen  und  überläßt  es  jedem  Bürger,
sich  gegen  die  etwaigen  unbilligen  Anforderungen  des
„Rackers  Staat“  zur  Wehr  zu  setzen.  Und  der  Staat  kann
das  dulden,  weil  er  in  der  Regel  eher  durch  Überfluß  als
durch  Mangel  leidet.  Gleichwohl  empfindet  die  Bevölkerung
es  in  zunehmendem  Maße  als  einen  schweren  Mißstand,  daß
das  geltende  Steuersystem  die  Minderbegüterten  gegenüber
den  Vermögenden  ungünstiger  behandelt.  Wo  überhaupt
die  Möglichkeit  vorhanden  ist,  einer  Steuer  auszuweichen,
da  wird  der  Reiche  dazu  oft  leichter  imstande  sein  als
der  Minderbemittelte;  und  in  Amerika  haben  zuweilen  die
Allerreichsten  von  jener  Möglichkeit  in  geradezu  skandalöser
Weise  Gebrauch  gemacht.
Es  gibt  in  den  Vereinigten  Staaten  —  ähnlich  wie  in
        <pb n="134" />
        134

Deutschland  —  drei  Klassen  von  Besteuerung:  die  National-Besteuerung,
  die  Besteuerung  durch  die  Einzelstaaten  und
die  städtische  oder  Munizipal-Besteuerung.
Bei  der  National-Besteuerung  ist  tunlichste  Vermeidung
direkter  Besteuerung  unausgesprochener  Grundsatz.  Seit
der  Zeit  nach  Beendigung  des  Bürgerkrieges  bis  zum  Beginn
des  spanischen  Krieges  erhoben  die  Vereinigten  Staaten  als
solche  kaum  andere  Steuern  als  Verbrauchsabgaben  von  Wein,
Bier,  Likören,  Tabak.  Bei  Ausbruch  jenes  Krieges,  im
Jahre  1898,  wurde  ein  Spezialgesetz  erlassen  —  Kriegssteuergesetz ­
  („War  revenue  law“)  —  das  die  Verbrauchssteuern ­
  erhöhte  und  eine  Reihe  direkter  Steuern  ausschrieb.
Als  im  Jahre  1901  die  Einkünfte  den  Bedarf  überstiegen,
wurden  diese  Kriegssteuern  erheblich  herabgesetzt;  die
völlige  Abschaffung  trat  im  Jahre  1902  ein,  als  der  Fiskus
erneut  an  Überschüssen  „litt“,  für  die  es  keine  Verwendung ­
  gab.
Die  Grundlage,  auf  der  sich  das  System  der  einzelstaatlichen ­
  Steuern  aufbaut,  ist  fast  überall  in  der  Union
im  wesentlichen  die  nämliche;  die  Höhe  der  Steuern  ist  in
den  einzelnen  Staaten  verschieden.  In  den  folgenden  Darlegungen ­
  gehe  ich  von  den  Verhältnissen  des  Staates  New
York  aus,  die  als  typisch  betrachtet  werden  können.  Die
Erhebung  der  einzelstaatlichen  Steuern  erfolgt  durch  städtische
oder  Grafschafts(county)-Beamte,  die  den  Ertrag  an  den  Staat
abführen.  Unter  den  einzelstaatlichen  Steuern  steht  die  Erbschaftssteuer ­
  voran,  die  1  Proz.  von  den  Hinterlassenschaften
beim  Übergang  auf  Frau,  Kinder,  Geschwister,  Eltern,  also
auf  Verwandte  ersten  Grades,  5  Proz.  beim  Übergang  auf
andere  Erben  ausmacht.  Bei  Verwandtschaft  ersten  Grades
wird  vom  Grundeigentum  keine  Erbschaftssteuer  erhoben.
Sodann  besteuern  die  Einzelstaaten  die  Aktiengesellschaften,
die  im  Staat  selbst  domizilierenden  wie  fremde  Aktiengesell ­
        <pb n="135" />
        135

schäften,  die  im  Staat  nur  Geschäfte  machen.  Schließlich
erhebt  der  Staat  noch  eine  Vermögenssteuer,  deren  Geringfügigkeit ­
  aus  ihrem  Ertrag  zu  erkennen  ist:  sie  brachte
im  Jahre  1902  für  Greater  New  York  nur  4  515  509,29  $,
d.  i.  noch  nicht  60  Proz.  der  von  Berlin  geleisteten  Staatseinkommensteuer ­
  (ohne  den  Kommunalsteuer-Zuschlag).
Die  Erträge  der  einzelstaatlichen  Steuern  werden  zur
Besoldung  der  Staatsbeamten,  zur  Erhaltung  der  Staatsschulen ­
  (für  taubstumme  usw.  Kinder),  zu  Militärzwecken
(National  Guard),  zur  Fürsorge  für  Kanäle,  Fischzucht,
Wälder,  zur  Erhaltung  gewisser  Spitäler  und  Irrenanstalten
sowie  der  Staatsgefängnisse  verwendet.  Dagegen  liegt  die
Schullast  im  allgemeinen  den  Städten  ob.
Die  dritte  Steuer,  die  städtische,  ist  gleichfalls  eine
Vermögens-(nicht  Einkommen-)Steuer.  Das  Budget  von
Greater  New  York  für  1902  belief  sich  auf  97  974  541,38  $,
eine  Summe,  in  welcher  die  Steuern,  die  dem  Staate
zufallen  (wie  oben  erwähnt,  4  515  509,29  $),  einbegriffen ­
  sind.  Die  Steuer  wird  in  der  Weise  erhoben,
daß  die  Steuerbeamten  Einschätzer  oder  Taxatoren  ernennen, ­
  die  den  Wert  eines  jeden  Grundstücks  mit  den
darauf  befindlichen  Gebäuden  alljährlich  neu  feststellen.
Die  Einschätzung  wird  in  für  diesen  Zweck  bestimmte ­
  Bücher  eingetragen.  Jeder  Bürger  kann  hier  Einsicht ­
  nehmen;  Beschwerden  gegenüber  sind  die  Steuerbeamten ­
  befugt,  die  Einschätzung  zu  reduzieren.  Nach  dem
Gesetz  sollen  alle  Grundstücke  gemäß  ihrem  vollen  Wert
eingeschätzt  werden;  tatsächlich  wurden  sie  bis  in  die  neueste
Zeit  hinein  —  oft  unter  Geltendmachung  bestimmter  Einflüsse
—  nur  auf  66 2 / 3  bis  70  Proz.  ihres  wirklichen  Werts  veranschlagt. ­
  Grundstücke  unterliegen  außerdem  einer  kleinen
Spezialsteuer  für  den  Gebrauch  von  Wasser,,  die  je  nach
der  Anzahl  der  Leitungshähne  bestimmt  wird.
        <pb n="136" />
        Das  Eigentum  sämtlicher  religiösen  Körperschaften  ist
von  Besteuerung  befreit.
Alles  Eigentum,  das  nicht  Grundeigentum  ist,  wird  als
Personalvermögen  („personal  property“)  bezeichnet.  In  der
Theorie  wird  jeder  Bürger  nach  seinem  effektiven  Vermögen
besteuert,  das  er  am  zweiten  Montag  im  Januar  besitzt.  An
diesem  Tag  erhält  jeder  Bürger  die  Benachrichtigung,  wie
hoch  sein  Personalvermögen  von  den  Steuerbeamten  eingeschätzt ­
  worden  ist;  die  Bürger  haben  alsdann  das  Recht,
bis  zum  31.  März  vor  dem  Steuerbeamten  gegen  die  Einschätzung ­
  Einspruch  zu  erheben.  Ein  Bürger,  der  Grundeigentum ­
  besitzt  und  hierauf  Hypotheken  aufgenommen  hat,
darf  den  Betrag  dieser  Hypotheken  von  seinem  Personalvermögen ­
  in  Abzug  bringen.  Die  Einschätzung  geschieht  in
der  unzureichendsten  Weise.  In  kaum  einem  einzigen  Fall
wird  der  wirkliche  Vermögensstand  eines  Bürgers  den
Steuerbeamten  bekannt.  Nirgends  geht  eine  sorgfältige  Untersuchung ­
  voraus;  die  Steuerbeamten  nehmen  einfach  das
städtische  oder  das  kaufmännische  Adreßbuch  zur  Hand  und
machen  ihre  Einschätzungen,  indem  sie  arbiträre  Zahlen
einzeichnen.  Daß  unter  solchen  Umständen  die  Veranschlagung ­
  rein  willkürlich  ist,  ergibt  sich  von  selbst.  Es
sind  Fälle  bekannt,  in  denen  Bedienstete  und  Kommis,  die
kaum  ein  Gehalt  von  12  bis  15  $  die  Woche  verdienen  und
gar  kein  Vermögen  besitzen,  mit  50  000  $  eingeschätzt
wurden,  während  andere  Bürger,  von  denen  man  weiß,  daß
sie  über  ein  Vermögen  von  100  000  $  verfügen,  mit
2000—3000  $  Vermögen  zensiert  worden  sind.  Ein  hervorragender ­
  deutsch-amerikanischer  Anwalt  sagte  mir  wörtlich:
„Ein  vernünftiges  System  besteht  hier  absolut  nicht,  und  es
ist  leicht  erklärlich,  daß  bei  einer  solchen  Handhabung  die
gröbsten  und  unglaublichsten  Fehler  gemacht  werden,  und
daß  viele  Bürger  ihre  Steuerpflichten  ganz  und  gar  umgehen.“
        <pb n="137" />
        137

Aktiengesellschaften  werden  wie  Individuen  besteuert.
Nominell  werden  sie  nach  ihrem  ganzen  Kapital  besteuert.
Tatsächlich  gibt  es  kaum  eine  Aktiengesellschaft,  der  es  nicht
gelingt,  eine  wesentliche  Reduktion  zu  erlangen.
Für  das  Jahr  1901  wurde  das  Grundeigentum  in
Greater  New  York  auf  3  237  778  261  $  eingeschätzt,  das
Personalvermögen  einschließlich  der  Aktiengesellschaften
auf  550  192  612  $.
Grundeigentum  und  Personalvermögen  unterliegen  dem
gleichen  Steuersatz.  Für  das  Jahr  1901  wurde  in  Greater
New  York  eine  Steuer  von  2,31  Proz.  erhoben,  das  heißt,
2,31  Proz.  sollten  vom  ganzen  Vermögen  bezahlt  werden.
(In  Boston,  Philadelphia,  Pittsburg,  Chicago  und  San  Francisco ­
  ungefähr  l s / 4  Proz.)  Wenn  man  bedenkt,  wie  schwer
es  gegenwärtig  ist,  Kapitalien  sicher  anzulegen,  so  ist  bei
richtiger  Deklaration  eine  solche  Steuer  beinahe  gleichbedeutend ­
  mit  der  Konfiskation  eines  sehr  großen  Teils,  im
Durchschnitt  etwa  der  Hälfte  des  Einkommens,  wenigstens
in  den  Fällen,  in  denen  sich  das  Einkommen,  wie  bei
Witwen  und  Waisen,  aus  dem  Zinsgenuß  fest  angelegter
Kapitalien  ergibt.  Auch  auf  Grundeigentum  lastet  eine
solche  Steuer  mit  ungewöhnlicher  Schwere,  da  sich  der
Reinertrag  des  Grundeigentums  drüben  selten  über  5  bis
5'/-2  Proz.  beläuft.
Bestimmte  Kapitalsanlagen,  wie  United  States-Bonds,
Staats-  und  Munizipal-Bonds,  sind  von  jeder  Besteuerung  frei.
Kein  Eigentum  darf  doppelt  besteuert  werden.  Infolgedessen ­
  wird  das  Vermögen  derer,  die  ihre  Kapitalien  in
Aktien  von  Gesellschaften  angelegt  haben,  nicht  besteuert,
da  die  Aktiengesellschaften  selbst  besteuert  werden.  Viele
Zensiten  konvertieren  deshalb  Anfang  Januar  ihr  Vermögen
in  Aktien  oder  in  an  und  für  sich  steuerfreie  Bonds  oder
behaupten  wenigstens,  daß  sie  dies  getan  haben,  und  entgehen
        <pb n="138" />
        138

dadurch  der  Besteuerung.  So  kann  es  ferner  bei  der
geltenden  Regelung  leicht  kommen,  daß  selbst  außergewöhnlich ­
  wohlhabende  Leute,  die  ihr  Vermögen  in  solchen  Aktien
oder  Bonds  dauernd  investiert  haben,  auf  ihr  Personalvermögen ­
  nicht  einen  Cent  Steuer  zahlen  und  aus  ihrem
Grundbesitz  mit  einem  im  Verhältnis  zu  ihrem  Gesamtvermögen ­
  winzigen  Steuerbetrag  herangezogen  werden.
Die  durch  die  Stadt  erhobenen  Steuern  werden  verwendet ­
  zur  Bestreitung  der  Staatssteuern,  wie  schon
oben  erwähnt,  ferner  zur  Tilgung  der  Zinsen  auf  die
städtischen  Schulden,  für  die  städtische  Verwaltung,  für
Erziehungszwecke,  für  das  öffentliche  Gesundheitsamt,  für
die  städtischen  Spitäler  und  Irrenanstalten,  für  Straßenreinigung, ­
  für  die  Polizei  und  das  Feuerwehr-Departement  usw.
Die  Summe  von  2  776  704  $  war  in  Greater  New  York  im
Jahre  1902  für  Wohltätigkeitszwecke  ausgesetzt,  während
der  Etat  Berlins  allein  für  „Armenwesen  mit  Ausschluß  der
Krankenhäuser“  im  gleichen  Jahre  13 2 / ;i  Millionen  Mark
vorgesehen  hatte.  Ein  erheblicher  Teil  des  New  Yorker
Betrages  wird  privaten  Wohltätigkeitsanstalten  zugewiesen,
z.  B.  Waisenhäusern,  Entbindungsanstalten,  Anstalten  zur
Unterbringung  verwahrloster  Kinder  usw.  Der  Staat  oder
die  Stadtverwaltung  zieht  es  überall  in  der  Union  vor,  der
privaten  Wohltätigkeit  den  weitesten  Spielraum  zu  lassen,
anstatt  die  Errichtung  humanitärer  Anstalten  in  großem
Maßstabe  selbst  in  die  Wege  zu  leiten  und  finanziell  zu
übernehmen.  So  befindet  sich  das  Fachschulwesen  fast
gänzlich  in  Privathänden.  Dagegen  bestimmte  das  Budget
für  1902  135  000  $  für  das  „American  Museum  of  National
History“  und  150  000  $  für  das  „Metropolitan  Museum  of
Art“.  Die  Stadt  bietet  ferner  der  Bevölkerung  Musik  während
des  Sommers.  Das  Budget  für  das  Jahr  1902  setzte  hierfür ­
  die  Summe  von  25  000  $  aus.  Außerdem  unterhält  die
        <pb n="139" />
        —  139  —
Stadt  öffentliche  Spielplätze  für  Kinder  sowie  öffentliche
Badeanstalten.
Das  geschilderte  Steuersystem  fordert,  da  es  unerfüllbare
Ansprüche  stellt,  geradeswegs  zu  Umgehungen  heraus.  Mit
der  zunehmenden  Erkenntnis  der  sich  also  ergebenden
Demoralisation  wird  allmählich  eine  Beseitigung  der  Mißhelligkeiten ­
  und  Unstimmigkeiten,  die  heute  auf  dem  Gebiete
der  öffentlichen  Abgaben  und  Lasten  bestehen,  eintreten
müssen;  der  praktische  und  anstellige  Sinn  der  Amerikaner
wird  bei  einigem  guten  Willen  auch  hierbei  das  Richtige  zu
treffen  wissen.
        <pb n="140" />
        Kapitel  X.

Aphoristische  Aufzeichnungen  aus  dem
W  esten*

Die  wirtschaftliche  Entwicklung  Colorados  hat  in  den
letzten  zehn  Jahren  ans  Fabelhafte  grenzende  Fortschritte
gemacht,  die  Bevölkerung  ist  innerhalb  dieser  kurzen  Zeit
zu  großer  Wohlhabenheit  gelangt.  Die  Ausdehnung  des
Landes  und  die  Bevölkerungsdichtigkeit  zeigen  die  folgenden
Vergleichszahlen:

qkm

Bevölkerungszahl
rund  34  500  000

Preußen  .  .  348  622
Italien  .  .  .  286  622
England  .  .  151014
Colorado  .  .  269  720

32  500  000
32  500  000

550  000

Die  von  den  Rocky  Mountains  durchzogenen  Staaten
umfassen,  nach  neuesten  Schätzungen,  112  950  qkm  Anthrazit
und  Steinkohlen  und  146  335  qkm  Braunkohlen.  Hiervon
entfallen  auf  die  Kohlenbecken  Colorados  46  879  qkm  mit
einer  Kohlenproduktion  von  5  978  408  t  für  1901.  Diese
Ziffer  spricht  natürlich  bei  der  Gesamt-Kohlenproduktion
der  Vereinigten  Staaten  von  240  965  917  t  für  1901  nicht
mit,  auch  nicht  die  Petroleumgewinnung  von  462  Millionen
Gallonen  gleich  ungefähr  14  Proz.  der  amerikanischen
Gesamtproduktion.  Ebensowenig  fallen  die  Zahlen  für  Erzeugung ­
  von  Eisen  und  Kupfer  in  Colorado  ins  Gewicht.
        <pb n="141" />
        141

Für  Kupfer  stehen  der  Ausbeute  nach  Montana,  Michigan,
Arizona  an  der  Spitze  der  Union.  In  der  Silberproduktion
ist  Colorado  in  vorderer  Reihe,  und  die  höchstgelegene
Stadt  der  Welt,  Leadville  (10  200  Fuß  über  dem  Meeresspiegel), ­
  bringt  in  ihren  Minen  einen  Jahresertrag  von
13  000  000  $.  An  erster  Stelle  aber  innerhalb  der  Union
steht  Colorado  seit  einigen  Jahren  für  die  Goldproduktion.
Die  Gesamtproduktion  der  Vereinigten  Staaten  hat  für
1900/1901  betragen:  80218800  $.  Hiervon  entfallen  auf
Colorado  27  679  345  $,  also  rund  35  Proz.  der  amerikanischen ­
  Erzeugung,  und  auf  den  Bezirk  Cripple  Creek,
beginnend  im  Jahre  1891  mit  200  000  $,  allein  25  514  090  £
im  Jahre  1901.  Im  Cripple  Creeker  Minendistrikt  sind,
neben  der  Hauptstadt  Cripple  Creek  selbst,  elf  kleinere
Ortschaften  aufgebaut  worden:  Victor,  Goldfield,  Independance, ­
  Alhuan,  Anaconda,  Elkton,  Cameron,  Arequa,
Lawrence,  Mound  City  unü  Gillet  mit  einer  Gesamtbevölkerung ­
  von  60  000  Seelen.  Ich  bin  unter  den  denkbar  angenehmsten ­
  Bedingungen  nach  Cripple  Creek  gereist.  Frank
Trumbull,  Präsident  der  „Colorado  and  Southern  Ry.  Co.“,
und  C.  H.  Schlacks,  General  Manager  der  „Colorado  Midland ­
  Ry.  Co.“  —  beide  in  Denver  —  stellten  einen  prächtig ­
  ausgerüsteten  Privat-Car  zur  Verfügung  und  gaben  sachverständige ­
  Führer  zur  Begleitung  mit.  Schon  die  Fahrt
von  Colorado  Springs  nach  Cripple  Creek  ist  bezaubernd
schön,  langsam  ansteigend,  bald  durch  tiefe  Felseinschnitte,
bald  über  weitgedehnte  Plateauformationen,  Schnee  und
Eis  und  dann  wieder  grüne  Matten.  Ein  herrliches,  abwechslungsreiches ­
  Bild.  Wir  verließen  den  Zug  eine  Station
vor  Cripple  Creek  in  Anaconda,  um  die  „Mary  McKinney-Minen“
  zu  besichtigen,  die  2  Millionen  Dollars  Gold  pro
Jahr  fördern.  Sicher  funktionierende  Fahrstühle  brachten
uns  600  Fuß  in  die  Tiefe,  wo  wir  durch  langgestreckte
        <pb n="142" />
        142

Gänge  zu  den  Teufungsarbeiten  gelangten.  Die  tiefsten
Schächte  im  Cripple  Creeker  Revier  gehen  bis  jetzt  nur
1300  Fuß.  Die  Sachverständigen  sind  der  Meinung,  daß
dies  hier  noch  keine  genügende  Tiefe  wäre,  und  daß  die
Zukunft  des  Bezirkes  deswegen  so  glänzend  sei,  weil  die
Gruben  immer  weiter  abgeteuft  werden  können.  Der
liebenswürdige  Direktor  der  Werke,  Herr  Geo.  L.  Keener,
sagte:  „Ich  glaube,  daß  die  Erzlager  um  so  mächtiger  werden,
je  tiefer  die  Arbeiten  gehen.  Figürlich  gesprochen:  die
schmale  Schneide  der  Axt  liegt  an  der  Oberfläche,  die  breite
Basis  tief  unten  in  der  Erde.  .  .  .  Dies  ist  eine  Tatsache  und
keine  Theorie,  und  die  Prüfung  einer  jeden  entwickelten  Mine
wird  die  Richtigkeit  dieser  Behauptung  ergeben.  .  .  .  Mit
zunehmender  Tiefe  werden  die  Erzlager  breiter  und  reicher.“
Da  die  ertragreichsten  Goldminen  der  Welt  bis  zu  3000  und
5000  Fuß  Tiefe  bearbeitet  werden,  so  meinen  die  Leute  in
CrippleCreek,  daß  der  großeSegenerst  injahrenkommenwird.
Mit  der  zunehmenden,  zugleich  industriell  hochentwickelten ­
  Hebung  der  Erdschätze  geht  in  den  Vereinigten  Staaten
Hand  in  Hand  entweder  eine  im  allgemeinen  ungesunde
Kapitalisation  oder  eine  zügellose  Spekulation,  selbst  in
solchen  Minenwerten,  bei  denen  es  sich  nur  um  „Prospekts“
handelt.  Man  hat  verschiedene  Gattungen  von  Mineneigentum ­
  und  Minengeschäft  genau  voneinander  zu  trennen.
Bei  den  „Prospekts“  kommen  nur  Aussichten  in  Frage
entweder  im  Hinblick  auf  günstige  Anzeichen  an  der  Oberfläche ­
  oder  im  Hinblick  auf  die  bekannte  Natur  des  umliegenden
Bodens.  Hier  wird  bei  mäßigem  Geldaufwand  versucht,  die
vorhandenen  Indikationen  zu  „entwickeln“.  Zur  zweiten
Gattung  gehören  solche  Minen,  die  schon  „entwickelt“  sind  und
Erträge  zahlen.  Welche  Chancen  hier  bei  richtigem  Erkennen
und  bei  etwas  Glück  vorhanden  sein  können,  ergibt  sich  beispielweise ­
  aus  der  Tatsache,  daß  im  Jahre  1894  das  Eigen ­
        <pb n="143" />
        143

tum  der  „Portland  Gold  Mining  Co.“,  jetzt  einer  der
bedeutendsten  Gesellschaften  im  Bezirk  von  Cripple  Creek,
um  400  000  $  angeboten  war.  Seitdem  hat  die  Gesellschaft ­
  drei  Millionen  Dividenden  gezahlt.  Die  Shares
betragen,  zum  heutigen  Kursstand  bewertet,  über  acht  Millionen ­
  Dollars.  Eine  dritte  Kategorie  schließlich  umfaßt
Eigentum,  das  allerdings  schon  „entwickelt“  ist,  jedoch
weiteres  Betriebskapital  für  Maschinen  und  Anlagen  erfordert,
um  Erträgnisse  zu  zeitigen.  Es  existieren  über  500  Gesellschaften ­
  in  Cripple  Creek,  deren  Betriebe  unter  eine  der
drei  Gattungen  fallen.  An  der  Cripple  Creek  „Mining  Stock
Exchange“  werden  mehr  denn  300  verschiedene  Goldminen-Shares
  gehandelt.  Vom  März  1901  bis  Ende  Februar  1902
wurden  47  Millionen  Shares  an  dieser  Börse  umgesetzt.
Allerdings  beträgt  der  Gesamtwert  des  Umsatzes  nur  etwa
4 1 / 2  Millionen  Dollars,  da  die  Shares  (bei  einem  Nennwert
von  1  $)  oft  nur  3  Cts.,  10  Cts.,  25  Cts.  usw.  notieren.
Man  kann  aber  schon  hieraus  ersehen,  in  wie  weitem  Umfange ­
  solche  Preise  zum  Spiel  anreizen.
Wie  Minen-  oder  Bergwerks-Gesellschaften  an  und  für
sich  in  den  meisten  Fällen  zustande  kommen,  ist  interessant
und  mehrt  zugleich  die  Bewunderung  für  unser  heimisches
Aktienrecht.  Drüben  wird  das  Kapital  nämlich  erst  beschafft,
nachdem  sich  die  Gesellschaft  ohne  jede  Einzahlung  konstituiert ­
  hat.  Es  wird  beispielsweise  auf  eine  Million  Shares
festgestellt.  Dann  erfolgt  die  Veröffentlichung  des  Prospekts,
und  zur  Gesellschaftskasse  fließt,  was  auf  Grund  des  Prospekts ­
  gezeichnet  wird.  Die  unbegebenen  Aktien  werden,
wenn  tunlich,  allmählich  veräußert;  gelingt  dies  nicht,  und
können  benötigte  Mittel  anderweitig  nicht  aufgebracht  werden,
so  wird  der  Betrieb  eingestellt.  Auf  diese  Weise  sind
zwar  große  Summen  verloren  worden,  doch  hat  der  Saldo
einen  erheblichen  Wohlstands-Überschuß  ergeben.
        <pb n="144" />
        144

Bei  Beurteilung  der  neuen  Welt  im  Cripple  Creeker
Bezirk  muß  man  unwillkommene  Erscheinungen  mit  in  den
Kauf  nehmen.  Die  Menschen,  die  sich  ursprünglich  dort
oben  ansiedelten  —  von  der  Begierde  ergriffen,  schnell
reich  zu  werden  —  entstammten  zumeist  den  ungebildeten
Volksklassen;  die  besseren  Elemente,  die  dann  als  technische
und  kommerzielle  Hilfskräfte  hinzutraten,  haben  an  der
Grundfärbung  wenig  zu  ändern  vermocht.  Es  geht  ein  Zug
ungraziösen,  beinahe  rohen  Abenteurertums  durch  das
Ganze.  Aus  den  Augen  der  Menschen  sprechen  alle  Leidenschaften. ­
  Jedermann  spielt  —  nicht  allein  in  den  Shares  der
Minen-Gesellschaften,  sondern  auch  in  den  „Gambling
Houses“,  die  bis  zum  Winter  1901/02  Tag  und  Nacht  geöffnet ­
  waren.  Damals  erschoß  beim  Spiel  im  Jähzorn  ein
in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  zu  einem  Millionenvermögen
gelangter  Minenbesitzer  einen  Grubenarbeiter,  der  ihn  nur
harmlos  geneckt  hatte.  Daraufhin  wurden  auf  Befehl  des
Sheriffs  die  öffentlichen  Spielhöllen  geschlossen,  in  denen
die  „Roulette“  am  meisten  beliebt  war.  Ich  habe  mir
die  Räume  eines  solchen  „Gambling  House“  zeigen
lassen.  Wenn  auch  der  Eindruck  nur  ein  unvollkommener
sein  konnte,  da  niemand  bei  der  „Arbeit“  war,  so  erschienen ­
  Einrichtung  und  Aufmachung  —  natürlich  verbietet
sich  jeder  Vergleich  mit  Monte  Carlo  —  übersichtlich
und  behaglich;  weit  komfortabler  als  in  den  versteckten
„Poker“-Zimmern,  die  ich  in  den  Klubs  von  Colorado
Springs  oder  späterhin  in  Salt  Lake  City  in  Utah  gesehen ­
  habe.  .  .  .
Die  Stadt  Colorado  Springs,  der  klimatische  Kurort
Amerikas  für  Tuberkulöse,  ist  erst  im  Jahre  1871  begründet
worden.  Auch  hier  hat  sich  aus  kleinen  Anfängen  heraus
ein  stattliches  Gemeinwesen  entwickelt.  Colorado  Springs
zählt  zur  Zeit  an  25  000  Einwohner,  ein  schönes  Stadthaus,
        <pb n="145" />
        145

ansehnliche  Schulgebäude,  ein  prächtiges  Post  Office,
hübsche  Villen,  verhältnismäßig  elegante  Läden,  selbstverständlich ­
  eine  „Mining  Exchange“,  mehrere  Theater,  eine
Unzahl  von  „Drug  Stores“,  breite  Straßen,  zumeist  allerdings ­
  ungepflastert  und  unasphaltiert.  Die  Lage  der  Stadt,
beherrscht  von  dem  14  000  Fuß  hohen  Pikes  Peak  —  auf  den
seit  1891  eine  in  den  Sommermonaten  verkehrende  Zahnradbahn ­
  führt  —  nahe  den  Manitou-Quellen,  die  ein  ausgezeichnetes ­
  Mineralwasser  liefern,  ist  lieblich  und  großartig
zugleich.  Seltsam  bizarr  sind  die  Umgebungen  —  in  dem
„garden  of  gods“  von  der  Natur  geschaffene,  eigenartige, ­
  mächtige  Steingebilde,  die  Menschen-  und  Tier-Figuren
  ähneln.
Es  leben  in  Colorado  Springs  Leute,  die  dorthin  vor
Jahren  schwer  lungenleidend  gekommen  und  heute  vollständig ­
  gesund  sind.  Geradezu  märchenhafte  Heilungsprozesse ­
  haben  sich  vollzogen.  Mir  hat  ein  geachteter
Kaufmann  erzählt,  daß  er  vor  15  Jahren  von  allen  Ärzten
im  Osten  aufgegeben,  und  daß  ihm  gesagt  war:  die  einzige
Rettung  für  ihn  sei  vielleicht  in  Colorado  Springs.  Er  entschloß ­
  sich,  seine  Geschäfte  im  Osten  zu  liquidieren  und
sein  Heim  in  Colorado  Springs  aufzuschlagen.  Heute  ist
er  in  blühendem  Wohlsein.  Der  Zufall  machte  mich  mit
einem  jungen  deutschen  Arzt,  Herrn  Dr.  Arthur  C.  H.
Friedmann,  bekannt,  der  sich  seit  einigen  Jahren  in  Colorado
Springs  niedergelassen  hat.  Hier  hat  er  sich  allseitig
Vertrauen  erworben  und  erfreut  sich  einer  ausgedehnten
Praxis.  Herr  Dr.  Friedmann  hat  sich  auf  meine  Bitte
über  die  klimatischen  Verhältnisse  und  die  sanitären  Wirkungen ­
  von  Colorado  Springs,  wie  folgt,  geäußert:
„Trockenheit  der  Luft  ist  eines  der  wichtigsten  Momente ­
  für  Heilung  der  Tuberkulose.  Colorado  Springs  hat,
verglichen  mit  Schweizer  Kurorten,  einen  sehr  geringen

10
        <pb n="146" />
        146

Feuchtigkeitsgehalt.  Die  Folge  dieser  Trockenheit  ist  erhöhte
Verdampfung  von  seiten  der  Lungen  und  der  Haut  sowie
verminderte  Wasserabgabe  durch  Nieren  und  Darm.
Sonnenschein  ist  anerkanntermaßen  einer  der  vorzüglichsten ­
  Heilfaktoren,  auch  für  viele  andere  Erkrankungen.
Colorado  Springs  ist  nicht  von  Bergen  umschlossen,  es
lehnt  sich  nur  mit  seiner  Westseite  an  den  Ostrücken  des
Felsengebirges.  Die  Sonne  scheint  z.  B.  am  1.  Januar  in
Davos  (Schweiz)  von  10  Uhr  vormittags  bis  3  Uhr  nachmittags ­
  und  am  gleichen  Tage  in  Colorado  Springs  von
7  Uhr  20  Minuten  vormittags  bis  4  Uhr  9  Minuten  nachmittags. ­
  Das  Sonnenlicht  ist  sehr  stark.
Höhenklima  ist,  trotz  aller  Empfehlung  der  Sanatorium-Behandlung
  im  Flachland,  eine  nicht  zu  unterschätzende
Hilfe,  weil  gerade  die  Höhe  die  Grundbedingung  für  das
Zustandekommen  der  anderen  günstigen  Terrainqualitäten
abgibt.  Die  einzige  Contra-Indikation  ist,  wenn  Herzkrankheit ­
  mit  Tuberkulose  kombiniert  ist  und  es  sich  um  ältere
Patienten  handelt.  Herzfehler  jüngerer  Leute  werden  durch
die  Höhe  oft  günstig  beeinflußt.  Ein  großer  Vorzug  des
Höhenklimas  besteht  in  der  Verminderung  des  barometrischen ­
  Drucks,  wodurch  die  Respirationen  vertieft  und  Teile
der  Lungen  mit  zur  Arbeit  herangezogen  werden,  die  vordem ­
  völlig  brach  lagen.  Am  wertvollsten  ist  der  Einfluß
der  Höhe  auf  die  chemische  Zusammensetzung  des  Blutes;
die  roten  Blutkörperchen  vermehren  sich  rapide,  und  ebenso
wächst  der  Eisengehalt  des  Blutes.
Die  Luft  bei  uns  ist  frisch,  rein,  keimfrei.  Colorado
Springs  wurde  als  Heilort  erbaut;  die  Straßen  sind  ungefähr
doppelt  so  breit  wie  in  Berlin.  Grundeigentum  kann  nur
durch  einen  Kontrakt  erworben  werden,  der  jeden  Verkauf ­
  von  alkoholischen  Getränken  ausschließt.  Colorado
Springs  ist  Temperenzstadt.  Es  gibt  dort  keine  Fabriken,
        <pb n="147" />
        147

keine  rauchenden  Schornsteine,  keinen  Nebel,  aber  klare
Bergluft.
Die  Temperatur  von  Colorado  Springs  ist  nicht  zu
warm  im  Sommer  und  nicht  zu  kalt  im  Winter.  Während
man  früher  der  Ansicht  war,  daß  die  Gleichmäßigkeit  der
Temperatur  sehr  vorteilhaft  für  die  Heilung  der  tuberkulösen
Erkrankungen  sei,  ist  man  jetzt  auf  Grund  von  besseren
Untersuchungsmitteln  und  von  unzähligen  Beobachtungen
überzeugt,  daß  Wechsel  in  der  Temperatur,  Trockenheit  der
Luft  vorausgesetzt,  gute  Abkühlung  während  der  Nacht,  höchst
anregend  und  heilfördernd  wirken.  Einer  der  besten  Autoren,
Dr.  Solly,  sagt  mit  Bezug  auf  unser  Klima,  »daß  eine
Atmosphäre  ideal  zu  nennen  sei,  in  der  die  Lungen  kühle,
trockene  Luft  einatmen,  während  die  Körperoberfläche  durch
die  Wärme  und  das  Licht  des  hellen  Sonnenscheins  angenehm ­
  angeregt  wird,  und  wo  man  während  der  Nacht,
Sommer  und  Winter,  die  Zimmerfenster  ohne  Gefahr  weit
offen  läßt,  damit  der  Patient,  unter  einer  warmen  Decke
schlafend,  die  kalte,  trockene  Luft  einatmet«.  Für  jeden,
der  an  »outdoor  sports«  und  Training  glaubt,  und  das  sollte
heutzutage  jeder  Kulturmensch  tun,  ist  dieser  Wechsel  in
der  Temperatur,  der  hier  sehr  rasch  und  ausgiebig  ist,
von  größter  Bedeutung.  Der  Effekt  läßt  sich  gut  mit  dem
einer  kalten  Douche  nach  einem  heißen  Bad  vergleichen.
Der  Boden  ist  sandig,  nicht  alkalisch,  und  erlaubt  daher
eine  gute  Oberflächen-Irrigierung  durch  den  Regen.  Der
Regen  fällt  nur  14,4  Zoll  während  des  gesamten  Jahres
(inklusive  des  geschmolzenen  Schnees).  Von  Mitte  September ­
  bis  Mitte  April  regnet  es  fast  gar  nicht  und  schneit
nur  ausnahmsweise.
Die  Winde  kommen  meistens  vom  Stillen  Ozean,
treffen  somit  die  Rückseite  des  Gebirges  und  ziehen  über
die  Stadt  hin,  ohne  sie  selbst  zu  berühren;  die  Winde
10*
        <pb n="148" />
        148

vom  Osten  kommen  über  die  endlose  Prairie,  sie  sind
starke,  aber  frische  und  gesunde  Brisen,  nicht  verunreinigt
durch  Städte  usw.
Während  die  Heilerfolge  in  tuberkulösen  Fällen  in
Meereshöhe,  im  Binnen-  und  Flachland,  sowie  in  Sanatorien
sich  zwischen  20  und  55  Proz.  bewegen,  steigt  der  Prozentsatz ­
  in  einem  Höhenklima  wie  dem  unsrigen  bis  zu
77  Proz.“
In  Colorado  Springs  selbst  sowie  besonders  in  der
Umgebung  sind  Sanatorien  für  Lungenkranke  errichtet.
Wenige  Wochen  vor  meiner  Anwesenheit  wurde  bei  Austin
Bluffs  —  U/2  Meilen  östlich  von  der  Stadt  —  ein  groß
angelegtes  Sanatorium  mit  Baracken  eröffnet.  Das  hier
angewandte  System  ist  dem  deutschen  Nordrach-System
nachgebildet,  und  daher  führt  das  betreffende  Sanatorium
die  Bezeichnung  „the  Nordrach  Ranch“.  Ich  habe  mir  das
Haus  angesehen,  das  in  seinen  sauberen  und  bequemen
Einrichtungen  einen  recht  wohltuenden  Eindruck  macht.  In
dem  von  der  Anstalt  veröffentlichten  Programm  wird  gesagt:
„Die  Behandlung  vollzieht  die  Natur  selbst:  Man  verharrt
tagsüber  in  freier  Luft  bei  absoluter  Ruhe  und  schläft  nachts
in  Zelten  oder  in  offenen  Räumen.“  Recht  bezeichnend
heißt  es  in  dem  Prospekt  bei  Erwähnung  der  in  Deutschland
erzielten  Heilerfolge  dann  weiter:  „Wenn  sich  Deutschland
mit  seinem  schlechten  Klima  eines  solchen  »Rekords«  rühmen
darf,  so  kann  Colorado  sicher  weit  Besseres  leisten.“
Dann  folgt  die  Aufzählung  der  Vorzüge  der  Anstalt
hinsichtlich  der  innern  Organisation,  der  „reinsten  Luft
und  der  allervorzüglichsten  Bedingungen,  die  nirgends  in
der  Welt  besser  zu  finden  sind“.
Herr  Dr.  Friedmann  betont  als  besonders  vorteilhaftes
Merkmal,  daß  Colorado  Springs  Temperenzstadt  ist.  Das
        <pb n="149" />
        149

ist  aber  nur  in  bedingtem  Maß  zutreffend.  Auch  in
Colorado  Springs  ist  beweiskräftig  festgestellt,  daß,  wer
trinken  will,  dort  mehr  trinken  kann  und  —  muß,  als  ihm
bekömmlich  und  zuträglich  ist.  Die  gesetzlichen  Bestimmungen ­
  der  Stadtbehörde  lauten  auszugsweise  wie  folgt:
„Der  Stadtrat  („City  Council“)  ist  befugt,  jedem  ordentlichen ­
  Apotheker  und  Drogisten  die  Erlaubnis  zum  Verkauf
geistiger  Getränke  in  geschlossenen  Gefäßen  —  nicht
weniger  als  ein  Quart  auf  einmal  —  zu  erteilen,  und  zwar
ausschließlich  für  medizinische,  mechanische  und  chemische
Zwecke,  an  jedem  Tage  der  Woche,  mit  Ausnahme  des
Sonntags.  Es  dürfen  Quantitäten  unter  einem  Quart  an
jedem  Tage  der  Woche  für  ärztliche  Zwecke  verkauft
werden,  aber  nur  auf  Vorschrift  eines  ordentlichen  praktischen ­
  Arztes.“
Ganz  abgesehen  davon,  daß  in  den  Klubs  Bier  und
Wein  den  Mitgliedern  nach  Belieben  kredenzt  werden,  wird
die  Kontrolle,  ob  „medizinische,  mechanische  und  chemische
Zwecke“  vorliegen,  vollständig  unzureichend  geübt.  Aber  es
darf  nicht  weniger  als  „ein  Quart“  sein!  Das  ist  vom  Geschäftsstandpunkt ­
  aus  die  Hauptsache.  Selbst  der  Arbeiter
wird  Gelegenheit  haben,  statt  eines  unerhältlichen  Glases
mindestens  ein  Quart  unter  irgend  einem  Vorwand  zu  erstehen ­
  und  davon  zu  trinken  —  sogar  am  Sonntag,  wenn  er
sich  den  Vorrat  an  Wochentagen  sichert.  In  den  Räumen
des  sehr  vornehm  und  elegant  gehaltenen  „Anders  Hotel“
in  Colorado  Springs  ist,  um  den  gesetzlichen  Bestimmungen
nach  außen  hin  anscheinend  gerecht  zu  werden,  zugleich
eine  Apotheke  eingerichtet,  die  die  Firma  „Anders  Pharmacy
Co.“  trägt.  Die  Weinkarte,  die  in  dem  Restaurant  ausliegt,
ist  durch  die  folgenden  Worte  eingeleitet:  „Die  »Anders  Pharmacy ­
  Co.«  verkauft,  gemäß  den  Verordnungen  dieser  Stadt,
Weine  und  Liköre  in  Mengen  von  nicht  weniger  als  einem
        <pb n="150" />
        150

Quart  (oder  zwei  Pints)  zu  den  in  nachstehendem  Verzeichnis ­
  vermerkten  Preisen.  Der  Kellner  hält  Blanco-Formulare
  für  Sie  bereit  und  wird  Ihren  Auftrag  für  Sie
ausführen.  Der  nicht  konsumierte  Teil  der  Bestellung  wird
zu  späterem  Gebrauch  oder  zu  anderweiter  Bestimmung  für
die  Gäste  aufbewahrt.“
Die  Beschränkung  auf  „medizinische,  mechanische  und
chemische  Zwecke“  fällt  also  hier  überhaupt  fort  —  nicht  nur
der  Fremde,  der  sich  sonst  selbst  den  härtesten  Bestimmungen
zu  fügen  hätte,  auch  der  Einwohner  der  Temperenzstadt
kann,  wenn  er  es  sich  zu  leisten  vermag,  im  Hotel  Wein
nach  Belieben  trinken.  Aber  er  muß  eine  ganze  Flasche
oder  zwei  Pints  auf  einmal  bestellen,  von  denen  ihm  ein  Pint
allerdings  bis  zum  nächstenmal  aufgehoben  wird.  Natürlich
sind  zwei  Pints  gewöhnlich  teurer  als  ein  Quart.  EinQuartMoet
&amp;amp;Chandon  kostet  4$,  zwei  Pints  4,50$.  Ein  Quart  St.  Julien
1,50  $,  zwei  Pints  2  $.  Merkwürdigerweise  tritt  bei
Rhein-  und  Moselweinen  kein  Aufschlag  ein.  Vielleicht,
damit  wir  Deutsche  nichts  Unliebsames  bemerken,  wenn
wir  unsere  Lieblingsweine  bestellen.  Das  ganze  System  führt
hier  zu  den  ärgsten  Verstößen  gegen  die  Absicht  und  den
Geist  der  gesetzlichen  Bestimmungen,  zu  Mißbrauch  und
Heuchelei.  Wer  sich  übrigens  durch  die  gesetzlichen  Vorschriften ­
  in  Colorado  Springs  beengt  fühlt,  findet  in  der
nur  eine  halbe  Stunde  entfernt  liegenden  Colorado  City,
die  keinen  Temperenz-Bestimmungen  unterworfen  ist,  unter
Befreiung  von  jedem  Gewissenszwang  ausgiebig  Gelegenheit, ­
  nach  Herzenslust  zu  trinken.
Colorado  City  war  vor  langer  Zeit  die  Hauptstadt
Colorados,  heute  ist  es  Denver,  „the  queen  city  of  the
plains“,  das  auch  erst  40  Jahre  alt  ist.  Statistisch  will  ich
erwähnen,  daß  die  Stadt  seit  1890  eine  Bevölkerungszunahme ­
  von  30  Proz.  aufzuweisen  hat.  Es  leben  135  000
        <pb n="151" />
        151

Einwohner  in  Denver,  das  im  Mittelpunkt  eines  großen
Eisenbahnverkehrs  steht,  zahlreiche  Silber-  und  Goldschmelzwerke ­
  und  eine  stattliche  Zahl  kaufmännischer  Betriebe ­
  besitzt.  Wie  optimistisch  die  Entwicklung  Colorados
und  seine  wirtschaftliche  Zukunft  beurteilt  werden,  mag  aus
dem  Inhalt  eines  Briefes  ersichtlich  sein,  den  ich  von  einem
Freund  aus  Colorado  Springs  erhielt.  Er  schreibt  mir:
„Fügt  man  zu  den  offenbaren  Vorzügen  der  erstaunlichen
industriellen  Hilfsquellen  die  außerordentliche  Anziehungskraft, ­
  die  Colorado  durch  sein  wunderbares  Klima  und
seine  herrlichen  Naturschönheiten  besitzt,  so  ergibt  sich,
daß  unser  Staat  in  der  Kindheit  seiner  Entwicklung  steht,
und  daß  seine  Zukunft,  sowohl  hinsichtlich  der  Bevölkerung
wie  des  Reichtums,  eine  ganz  ungemeine  zu  werden  verspricht. ­
  Die  Gelegenheiten  zu  Kapitalsanlagen  in  Colorado
sind  derzeit  ungewöhnlich.  Neben  den  Goldminen  lenke
ich  die  Aufmerksamkeit  auf  die  Tatsache,  daß  sorgfältig
entworfene  Bauten  in  den  großen  Städten  eine  reiche  und
stetig  steigende  Verzinsung  versprechen.  Der  Erwerb  von
Landstrecken,  die  sich  an  die  Peripherie  der  rapid  wachsenden
Städte  anschließen,  verheißt  mit  Sicherheit  innerhalb  der
nächsten  10  bis  20  Jahre  Nettogewinne  von  einigen  hundert
bis  zu  einigen  tausend  Prozent.“
Die  Fahrt  durch  Colorado  auf  der  „Denver  and  Rio
Grande  Railroad“  über  den  Marshall-Paß  nordwestwärts
nach  Salt  Lake  City  in  Utah  offenbart  auf  den  Höhen  und
in  den  Tälern  durch  mächtige  und  farbenreiche  Bilder
Gottes  Herrlichkeit  in  ungeahnter  Weise!
Salt  Lake  City,  die  Hauptstadt  Utahs,  die  vom  Mormonenführer ­
  Brigham  Young  am  24.  Juli  1847  gegründet
wurde,  liegt  mit  4200  Fuß  Höhe  6000  Fuß  niedriger  als
der  Marshall-Paß.  Der  „Temple“  in  Salt  Lake  City  ist
für  Nichtgläubige  unzugängig.  Das  Gebäude,  das  erst  seit
        <pb n="152" />
        152

Anfang  1893  fertiggestellt  ist,  macht  in  seinem  granitnen
Aufbau,  der  sich  gotischem  Stil  nähert,  würdigen  Eindruck. ­
  Das  in  elliptischer  Form  angelegte  „Tabernacle“  ist
allgemein  zugängig;  es  kann  aber  nur  durch  dieRaumgröße,  die
für  10  OOO  Personen  Platz  schafft,  imponieren.  Die  Gesamtbevölkerung ­
  Utahs  beläuft  sich  auf  280  000  Seelen.  Salt
Lake  City  hat  65  000  Einwohner,  von  denen  sich  zwei
Drittel  zum  Mormonismus  bekennen,  während  ein  Drittel
von  den  Andersgläubigen,  den  „Heiden“,  den  „gentiles“
gebildet  wird.  Neben  dem  Missionartum  ist  die  Propaganda,
die  der  Mormonismus  nach  dem  Ableben  Brigham  Young’s
und  nach  der  Ungesetzlichkeitserklärung  der  Polygamie
unentwegt  betrieben  hat  und  betreibt,  ganz  geschäftsmäßig
angelegt.  Auf  den  Adreßkarten  einzelner  Kaufhäuser  und
Hotels  sind  die  Glaubensartikel  des  Mormonismus,  die
„Articles  of  Faith  of  the  Church  of  Jesus  Christ  of  Latterday
  Saints“  abgedruckt.
Die  Gesamt-Anhängerschaft  zum  Mormonismus  soll
an  350  000  Kirchenmitglieder  aufweisen,  deren  Seelsorge
dreitausend  ministrierenden  Geistlichen  obliegt;  an  1400
Gebethäuser  stehen  den  Gläubigen  zur  Verfügung.
Die  Mormonen  haben  in  Salt  Lake  City  eine  eigene
große  Tageszeitung:  „The  Desert  Evening  News“,  die  das
gelesenste  Blatt  in  Utahs  Hauptstadt  ist.  Mit  der  Zeitung
ist  eine  Druckerei  verbunden.  Ich  will  dabei  erwähnen,
daß  das  Blatt  deutschfreundlich  gesinnt  ist,  daß  es  des
Prinzen  Heinrich  Aufenthalt  in  Amerika  warmherzig  begrüßt
und  gegen  alle  Verkleinerungen  Verwahrung  eingelegt  hat.
Interessant  dürfte  es  auch  sein,  die  Ankündigung  kennen
zu  lernen,  durch  die  die  Jahresversammlungen  einberufen ­
  werden.  Eine  solche  Ankündigung  erfolgte  gerade
während  meiner  Anwesenheit  und  hatte  den  folgenden
Wortlaut:
        <pb n="153" />
        153

„Salt  Lake  City,  March  10,  1902.
General-Conference.
The  seventy-second  annual  general  Conference  of
the  Church  of  Jesus  Christ  of  Latter-day  Saints  will,
convene  in  the  tabernacle,  in  this  City,  Friday,  April  4,
1902  at  10  o’clock  a.  m.  The  general  authorities  of  the
Church,  presidents  of  stakes  and  also  all  engaged  in  the
ministry,  who  can  make  it  convenient  to  attend,  are
cordially  invited  to  be  present.
Joseph  F.  Smith,
John  R.  Winder,
Anthon  H.  Lund.
First  Presidency  of  the  Church  of  Jesus  Christ  of
Latter-day  Saints.“
Die  Mormonen  sind  gute  Geschäftsleute,  und  Brigham
Young  wie  seine  Nachfolger  haben  es  allezeit  verstanden,
in  das  Praktische  zu  übertragen,  „que  les  bonnes  affaires
font  les  bons  amis“.  So  kann  man  in  Salt  Lake  City,  das
zwar  als  Stadt  mit  seinen  mangelhaften  Straßen  und  Anlagen ­
  viel  zu  wünschen  übrig  läßt,  mit  Berechtigung  von
allgemeiner  Wohlhabenheit  sprechen.  Zement  -  Fabriken,
Seiden-Fabriken,  Brauereien  sind  neu  erstanden.  Verfolgt
man  zudem  die  statistischen  Zahlen  der  letzten  Zeit,  so
ergibt  sich  schon  hieraus,  daß  die  kommerzielle  und  industrielle ­
  Entwicklung  erhebliche  Fortschritte  gemacht  hat.  Utah
stand  1901  mit  14  Millionen  Dollars  an  dritter  Stelle  für
die  Silberproduktion  der  Vereinigten  Staaten.  Die  Goldproduktion ­
  betrug  etwa  4  Millionen  Dollars.  Im  Minengeschäft ­
  sind  besonders  während  der  letzten  Jahre  auch
hier  große  Vermögen  gewonnen  worden.  Thomas  Kearns,
republikanischer  Senator  für  Utah  —  als  dessen  „gegen ­
        <pb n="154" />
        154

wärtiger  Beruf“  in  dem  Senats-Namensverzeichnis  „Mineh“
angegeben  ist  —  soll  seit  1895  über  10  Millionen  Dollars
erworben  haben.  Er  war  ursprünglich  gewöhnlicher  Minenarbeiter; ­
  jetzt  zählt  er  zu  den  einflußreichsten  Männern  in
Utah;  er  hat  sich  in  Salt  Lake  City  einen  Palast  gebaut,
der  in  großartigem  Stil  angelegt  ist  und  über  eine  halbe
Million  Dollars  kostet;  die  innere  Ausstattung,  die  hierbei
nicht  inbegriffen  ist,  war  zum  größten  Teil  in  Paris  bestellt.
Da  ich  den  „gegenwärtigen  Beruf“  des  Senators  Kearn  erwähnt
habe,  so  möchte  ich  hier  einschalten,  daß  dem  Senat  der
Vereinigten  Staaten  angehören:  4  Minenbesitzer,  5  Bankiers,
2  Kaufleute,  1  Fabrikant,  1  Holzhändler,  2  Eisenbahndirektoren, ­
  1  Direktor  einer  Expreß-Kompagnie,  6  Landwirte,
1  Journalist,  1  Schriftsteller,  9  Staatsbeamte,  4  „Kapitalisten“
und  51  Juristen  (lawyers).  Im  Repräsentantenhaus  sind
unter  356  Mitgliedern  nicht  weniger  als  239  lawyers.
Bevor  ich  Salt  Lake  City  verließ,  fuhr  ich  nach  „Saltaio
  Beach“,  das  am  Großen  Salzsee  liegt.  Hier  hat  die
Gemeinde  der  Mormonen  einen  im  maurischen  Stil  gehaltenen
wunderbaren  Pavillon  errichtet.  Man  muß  bekennen,  daß
dieses  Gebäude  beredtes  Zeugnis  ablegt  von  dem
energischen  Unternehmungsgeist  und  der  Kapitalskraft  der
„Latter-day  Saints“.  Aus  dem  See  selbst  führen  sie  das
Salzwasser  durch  Röhrenleitungen  in  Gradierwerke,  die
eine  Viertelstunde  weit  von  den  Ufern  errichtet  sind.  Der
„General  Manager“  des  Saltaio  Pavillons,  natürlich  ein
Mormone,  zeigte  mir  alle  Einrichtungen,  bot  mir  Tee  an
und  beschenkte  mich  mit  Salzsteinen.  Er  erzählte  von  der
hierarchischen  Gliederung  des  Mormonismus,  von  seiner
Heiligkeit  und  von  dem  veredelnden  Einfluß,  den  er  auf
Utahs  Bevölkerung  ausgeübt  habe.  Plötzlich  entblößte  er
sein  Haupt  und,  auf  den  weitgedehnten  See  und  die  ihn
überragenden  Berge  deutend,  sprach  er  leise,  aber  mit
        <pb n="155" />
        155

vernehmlicher  Stimme  aus  den  Glaubenssatzungen  seiner
Kirche:  „Wir  glauben  alle,  daß  Gott  offenbart  hat,  und  daß
er  jetzt  offenbart,  und  wir  glauben,  daß  er  noch  manche
großen  und  bedeutungsvollen  Dinge  offenbaren  wird,  die
sich  auf  Gottes  Königtum  beziehen.“
*  #
*
Santa  Monica,  Coronado  Beach;  herrliche  sonnige  Flecken
Erde,  bespült  von  den  blauen  Fluten  des  Stillen  Ozeans!
Wirklich  traumhaft  schön  —  vielleicht  nicht  immer  so  froh
und  heiter,  in  den  Einrichtungen  nicht  so  bequem,  auch  gesellig ­
  nicht  so  anregend  wie  der  französische  Teil  der  Riviera,
dafür  aber  beruhigender  und  den  Nerven  wohltuender.  Die
Zahl  der  Besucher  nimmt  an  diesen  Erholungsstätten  und
im  nahen  Pasadena  von  Jahr  zu  Jahr  zu,  neue  Villen  und
neue  Hotels  sind  im  Bau  begriffen,  und  die  Fremdenindustrie ­
  beginnt  ihren  Einzug  zu  halten.  Das  Klima  scheint
mir  gesunder  zu  sein  als  im  südlichen  Frankreich,  die
Temperatur  ist  gleichmäßiger  und  weniger  feucht.  Jähe
Witterungsunterschiede,  wie  z.  B.  in  Nizza,  habe  ich  an  den
Pacific-Gestaden  des  südlichen  Californien  nicht  gefunden.
Und  der  lieblichen  Pracht,  die  die  Natur  hier  in  zauberischer
Fülle  ausgegossen  hat,  stehen  die  gigantischen  Wunder  des
„Yosemite  Valley“  gegenüber,  des  kalifornischen  Staatsparkes
mit  des  Mariposa-  und  Calaveras-Haines  Riesenbäumen,
deren  gehöhlte  Stämme  Raum  für  durchziehende  Menschen
und  Wagen  gewähren,  jenes  wildromantischen  farbenreichen
Tales  mit  seinen  üppigen  Wiesenflächen  und  tropischen
Gewächsen,  dann  wieder  mit  seinen  in  der  Welt  einzigen,
von  schwindelnder  Höhe  herabstürzenden  Wasserfällen,  mit
seinen  Felsklippen  und  Eiskegeln  und  mit  den  märchenhaften
Spiegelungen  seiner  Seen.  So  übergewaltig  groß  sind  all
        <pb n="156" />
        156

diese  Ewigkeitsgebilde,  diese  Formen,  die  gleichsam  die
sichtbaren  Spuren  der  Schöpferhand  tragen,  daß  uns  das
erschauernde  Gefühl  scheuer  und  bannender  Ehrfurcht
ergreift  und  keinen  Augenblick  verlässt.
&amp;gt;$!
Im  Vergleich  mit  Erlebtem  wandten  sich  meine  Gedanken ­
  oft  und  wie  von  selbst  nach  dem  fernen  Orient,  wo
ich  ein  Jahr  zuvor  bei  dem  unvergleichlich  schönen  Schauspiel ­
  des  Selamlik  in  Konstantinopel  den  Muezzin  auf  die
Plattform  des  Minaretts  hinaustreten  sah;  beim  Nahen  des
Sultans  aus  Jildis-Kiosk  rief  er  das  Volk  zum  Gebet.  Das
Osmanenvolk  betet  und  betet  —  doch  es  bleibt  untätig.
Müßig  legt  es  die  Hände  in  den  Schoß;  den  Fremden  überläßt ­
  es,  die  Schätze  des  Bodens  zu  erschließen  und  dem
Weltverkehr  neue  Wege  zu  ebnen.  Und  hier  —  in  dem
„Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten“  —  welcher  Gegensatz! ­
  Gewiß  ist  man  in  seiner  Art  auch  gottesfürchtig;  man
betet  und  in  den  Kirchen  betet  man  an  Sonn-  und  Feiertagen  —
aber  beinahe  jegliches  Streben  nach  Höherem  baut  sich  auf
der  Grundlage  strenger,  selbstbewußter  Arbeit  auf,  auf  Arbeit
vom  Morgen  bis  zum  Abend.  Jung  und  alt,  arm  und  reich
arbeitet.  Jeder  ist  emsig  wie  ein  Sklave;  aber  zugleich  erfüllt
vom  Geiste  der  Freiheit,  erblickt  er  in  der  Arbeit  keinen
Zwang,  sondern  Lebensbedürfnis.  Je  größer  die  Probleme,
um  so  eifriger  werden  Nerven,  Hirn  und  Muskeln  angespannt;
und  von  Aufgabe  zu  Aufgabe  eilen,  um  sie  alle  mit  Beharrlichkeit ­
  und  Ernst  überwinden  zu  können,  erscheint  als  der
wahre  Lebensgenuß.
Und  im  Westen  wie  im  Osten  der  gleiche  Arbeitsdrang, ­
  dieselbe  Arbeitsfreude,  Arbeitsbemeisterung  und  Arbeitsbereicherung! ­
  Sei  es  in  der  Bodenbewirtschaftung
        <pb n="157" />
        157

oder  in  der  Obstbaumpflege,  auf  den  Weizen-,  Mais-  und
Zuckerrüben-Farmen  Colorados  und  Utahs  oder  auf  den
Frucht-Plantagen  und  in  den  Olivengärten  Californiens,  sei
es  in  den  Werkanlagen  oder  in  den  geschäftlichen  Betrieben ­
  —  überall  erblickte  ich  zielbewußtes,  einheitliches
Schaffen  in  groß  angelegtem  Stil  und  unermüdliches
Ringen  nach  weitester  Expansion.
        <pb n="158" />
        \

Kapitel  XI.
Die  „Union  Iron  Works“  in  San  Francisco.

Die  „Union  Iron  Works“  in  San  Francisco  gehören  zu
den  größeren  Unternehmungen  in  den  Vereinigten  Staaten
und  sind,  wie  bekannt,  die  bedeutendsten  Schiffbauwerften
an  der  pazifischen  Küste.  Von  Sachverständigen  wird  mir
versichert,  daß  ihre  Schiffe  in  Konstruktion  und  Ausführung ­
  denen  von  Cramp  in  Philadelphia  ebenbürtig  sind.
Irving  und  Henry  Scott,  die  Präsidenten  der  Gesellschaft,
haben  mich  durch  alle  Anlagen  und  Werkstätten  der
Werft  geführt,  die  an  einem  sehr  günstigen  Punkt  der
Bucht  gelegen  ist.  Auf  meine  tsitte  erhielt  ich  von  Irving
Scott  eine  knappe,  aber  übersichtliche  Beschreibung  der
maschinellen  und  technischen  Einrichtungen  der  Werft
sowie  der  bisher  gebauten  und  im  Bau  befindlichen
Schiffe.  Den  Mitteilungen  dieses  ausgezeichneten,  leider
vor  kurzem  heimgegangenen  Mannes  folge  ich  in  meinen
nachstehenden  Ausführungen,  die,  wie  ich  annehme,  sowohl ­
  für  Fachleute  wie  für  weitere  Kreise  von  Interesse
sein  werden.
Die  Werftanlagen  am  Zentralbassin  haben  eine  Uferfront ­
  von  1256  Fuß  (372  m)  und  eine  durchschnittliche
Tiefe  von  1400  Fuß  (426  m);  insgesamt  bedecken  die
Werke  ungefähr  33  acres  (13,35  ha).  Zu  den  Reparaturund
  Ausrüstungsplätzen  gehört  ein  eisernes  Schwimmdock,
        <pb n="159" />
        159

das  seit  1887  im  Betrieb  ist;  es  sind  ungefähr  2000
Schiffe  von  insgesamt  etwa  27-2  Millionen  Registertonnen
gedockt  worden.  Die  Anlage  eines  zweiten  größeren  Docks
hat  sich  als  erforderlich  herausgestellt.
Der  Betrieb  auf  der  Schiffswerft  wurde  im  Jahre  1884
eröffnet;  seit  dieser  Zeit  sind  ungefähr  100  Fahrzeuge  der
verschiedensten  Typen  und  Größen  darauf  gebaut  worden.
Einschließlich  der  gegenwärtig  im  Bau  befindlichen  Schiffe
wurden  20  Kriegsschiffe  für  die  Vereinigten  Staaten  mit
einer  Gesamtwasserverdrängung  von  99  000  Tons  (2  011680
Zentner)  und  ein  Kriegsschiff  für  Japan  auf  Stapel  gesetzt.
Die  Gesamtmaschinenkraft  dieser  Kriegsschiffe  beträgt
198  000  IHP.
Unter  den  für  die  Marine  der  Union  gebauten  älteren
Schiffen")  verdienen  besondere  Erwähnung:  die  Kreuzer
„Charleston“  von  3800  Tons  und  6500  IHP,  „San  Francisco“
von  4080  Tons  und  10  000  IHP,  „Olympia“  von  6800  Tons
und  17000  IHP  (sie  war  das  Admiralschiff  in  der  Schlacht
bei  Manila),  das  Doppelturmschiff  „Monterey“  mit  4000
Tons  und  5400  IHP,  das  Schlachtschiff  „Oregon“  mit
10  400  Tons  und  10  000  IHP  (das  in  dem  Kriege  mit
Spanien  besondere  Erfolge  erzielte),  die  Kanonenboote
„Marietta“  und  „Wheeling“,  jedes  von  1200  Tons  und
1200  IHP,  und  das  Schlachtschiff  „Wisconsin“  mit  12  000
Tons  und  12  000  IHP.
Unter  den  neueren  Schiffen:  das  Schlachtschiff  „Ohio“
mit  13  000  Tons  und  18  000  IHP,  der  Monitor  „Wyoming“  mit
3400  Tons  und  2400  IHP,  der  geschützte  Kreuzer  „Tacoma“
von  3400  Tons  und  6500  IHP,  und  die  Torpedoboot-Zerstörer ­
  „Paul  Jones“,  „Perry“  und  „Preble“,  jeder  von  475
*)  Die  für  die  verschiedenen  Kriegsschiffe  veröffentlichten  offiziellen
Daten  variieren  nach  Tons  wie  IHP  hie  und  da  um  ein  geringes.  Ich
habe  die  Scottschen  Aufzeichnungen  ohne  Änderung  wiedergegeben.
        <pb n="160" />
        160

Tons  Wasserverdrängung,  8000  IHP  und  29  Knoten
Geschwindigkeit.
Mit  Herstellung  der  Panzerkreuzer  „California“  und
„South  Dakota“  (Schwesterschiffe  von  14  000  Tons  Wasserverdrängung ­
  und  22  000  IHP  bei  22  Knoten  Geschwindigkeit)
und  des  geschützten  Kreuzers  „Milwaukee“  (9400  Tons  und
21  000  IHP)  hatte  man  gerade  begonnen.
Zu  erwähnen  ist,  daß  auch  das  Torpedoboot  „Farragut“
mit  mehr  als  30  Knoten  Geschwindigkeit,  das  erste  Boot
dieses  Typs,  auf  der  Werft  erbaut  wurde.
Der  geschützte  Kreuzer  „Chitose“  für  Japan  hat
5800  Tons  Wasserverdrängung  und  14  000  IHP.
Unter  den  auf  der  Werft  erbauten  Handelsschiffen
sind  hervorzuheben:  die  „Peru“  von  der  Pacific  Mail-Dampfschiffsgesellschaft,
  der  „Senator“  und  die  „Spokane“
von  der  Pacific  Coast-Gesellschaft,  der  „Californian“,  der
„Arizonan“  und  der  „Alaskan“  von  der  America-Hawaiian-Dampfschiffsgesellschaft
  (mit  einer  Gesamt-Zuladung  [dead
weight  capacity]  von  11  500  Tons),  die  „Helene“  und  die
„Maui“  von  der  Wilderschen  Dampfschiffsgesellschaft  zu
Honolulu  und  die  „St.  Paul“  von  der  Alaskan  Commercial-Gesellschaft.
  Einige  Daten  über  die  Schiffe  „Arizonan“  und
„Alaskan“  mögen  hier  folgen.
Der  „Alaskan“  und  der  „Arizonan“  sind  Dreideck-Doppelschraubendampfer
  mit  vollständigem  Schutzdeck  und
nach  den  Vorschriften  des  Lloyd  aus  Stahl  gebaut.  Länge
zwischen  Perpendikeln  471'  1"  (143 1 / 2  m),  Breite  über
Spanten  57'  .  (17,37  m),  Tiefe  von  Kieloberkante  bis
Schutzdeck  42'  6"  (12,8  m).
Die  Schiffe  sollen,  wenn  sie  bis  zu  einer  Tiefe  von
27  Fuß  (8,23  m)  beladen  sind,  eine  Gesamt-Ladefähigkeit
von  11  000  t  besitzen  und  werden  bei  Lloyds  unter
„100  A.  I“  klassifiziert.
        <pb n="161" />
        161

li

Sie  haben  drei  vollständige  Stahldecke:  Schutzdeck, ­
  Oberdeck  und  Hauptdeck,  und  vorn  unter  dem
Hauptdeck  noch  ein  Orlogdeck.  Über  dem  unter  dem
ganzen  Schiffe  hergehenden  Doppelboden  gehen  acht  Querschotte ­
  bis  zur  unteren  Seite  des  Schutzdeckes  und  bilden
neun  wasserdichte  Abteilungen.
Die  Schiffe  sind  mit  einer  leistungsfähigen  Eismaschine,
einem  großen  Evaporator  und  einem  Destillierapparat  ausgestattet. ­
  Der  Evaporator  hat  eine  Leistungsfähigkeit  von
40  Tons  =  800  Zentnern  Süßwasser  pro  24  Stunden  und
der  Destillierapparat  eine  solche  von  2500  Gallonen
(9460  Liter)  pro  24  Stunden,  ein  Quantum,  das  dem  Inhalt
der  Süßwassertanks  gleichkommt.  Zwei  große  Dampfdynamos ­
  liefern  den  elektrischen  Strom  für  die  Beleuchtung
aller  Teile  und  Räume  der  Schiffe.
Die  bewegende  Kraft  der  Schiffe  besteht  aus  je  zwei
Vierzylinder-Vierfachexpansionsmaschinen  von  3000  IHP,
denen  drei  schottische  Kessel  den  Dampf  liefern.  Die  Kessel
sind  mit  dem  Howdenschen  forcierten  Unterwindgebläse
versehen.
Die  Werft  hat  acht  Hellinge,  fünf  davon  sind
mit  festen  Stellagen  und  Laufkränen  überbaut,  die
elektrisch  angetrieben  werden.  Die  „Union  Iron  Works“
sind  wohl  die  erste  Werft  gewesen,  die  derartige
Laufkräne  über  den  Hellingen  in  Anwendung  gebracht  hat.
Der  hohe  Lohn,  der  in  San  Francisco  selbst  für  ungelernte
Arbeiter  bezahlt  werden  muß,  gab  Veranlassung,  diese  Einrichtungen ­
  schon  beim  Bau  der  Werft  zu  treffen.  Wo  nur
immer  möglich,  sind  auch  über  sämtlichen  Maschinen  auf  der
Werft  Hebevorrichtungen  angebracht,  damit  die  Handarbeit
so  viel  wie  möglich  beseitigt  wird.  Alle  Maschinen  der
Werft  werden  elektrisch  angetrieben.
Wegen  der  weiten  Entfernung  der  Werft  von  dem
        <pb n="162" />
        Zentrum  der  Stahlindustrie  ist  man  genötigt,  einen  großen
Vorrat  von  Schiffsplatten  und  Profilstahlen  auf  Lager  zu
halten,  um  die  vielen  vorkommenden  Schiffsreparaturen
schnell  ausführen  zu  können.  Diese  großen  Plattenlager
sind  gleichfalls  mit  darüber  weglaufenden  Kränen  ausgerüstet,
was  nicht  nur  die  Handhabung  sehr  erleichtert,  sondern
auch  Handarbeit  erspart.
Die  mechanischen  Werkstätten  der  Maschinenfabrik
sind  mit  den  neuesten  Maschinen  und  Einrichtungen
.versehen;  auch  hier  sind  eine  ganze  Anzahl  elektrisch
angetriebener  Laufkräne  im  Betrieb  und  besorgen  sowohl
den  Transport  in  jeder  Werkstatt,  wie  von  einer  Werkstatt
zur  andern.
In  den  mechanischen  Werkstätten  der  „Union  Iron
Works“  sah  ich  unter  anderm  zwei  Werkzeugmaschinen,  die
ich  bereits  in  Kapitel  II  erwähnt  habe,  und  von  denen  mir
Herr  Scott  sagte,  daß  beide  wohl  die  größten  Werkzeugmaschinen ­
  ihrer  Art  wären.  Es  sind  dies  eine  Bohrmaschine
(„boring  mill“),  deren  Abrichtplatte  26  Fuß  (7,9  m)  im
Durchmesser  hat,  und  eine  hydraulische  Presse.
Die  Bohrmaschine  arbeitet  mit  einem  Radius  von
15  Fuß  (4,6  m);  auf  ihr  kann  ein  Zylinder  von  25  Fuß  (7,6  m)
ausgebohrt  werden.  Auf  dieser  Bohrmaschine  werden  die
großen  Panzertürme  und  die  Turmringe  bearbeitet,  die  zur
Aufnahme  der  großen  Geschütze  der  Schlachtschiffe  dienen.
Die  „Union  Iron  Works“  in  San  Francisco  sollen  das  einzige
Werk  in  Amerika  sein,  welches  die  Panzertürme  auf  diese
Weise  bearbeiten  kann.
Die  andere  Maschine  ist  eine  hydraulische  Presse
(„hydraulic  bending  press“),  die  imstande  ist,  eine  24  Fuß
lange  Stahlplatte  in  kaltem  Zustand  zu  richten  und  auch
in  eine  bestimmte  Form  zu  bringen.  Auch  alle  Vorstevenschuhe, ­
  Kielplanken,  Kniestücke,  Winkelstücke,  Panzerdeck ­
        <pb n="163" />
        163

platten  werden  auf  dieser  Maschine  mit  Leichtigkeit  und
Genauigkeit  hergestellt.
Begünstigt  durch  die  vorzügliche  Lage  und  ausgerüstet
mit  den  vollkommensten  Einrichtungen  der  Neuzeit,  bilden
die  „Union  Iron  Works“  einen  bedeutenden  Stützpunkt  für
die  Kriegs-  und  Handelsflotte  der  Vereinigten  Staaten  im
Stillen  Ozean.  Eine  Werft,  die  wie  diese  gleich  Tüchtiges
sowohl  im  Schiffbau  als  auch  im  Maschinenbau  zu  leisten
vermag,  wird  die  schnelle  Entwicklung  der  Schiffahrt  und
des  Handels  in  jenen  Meeren  wesentlich  erleichtern  und
bei  andauernd  sachkundiger  Führung,  falls  keine  hemmende
finanzielle  Umklammerung  erfolgt,  einen  weiteren  großen
Aufschwung  nehmen.
        <pb n="164" />
        Kapitel  XII.
Des  Prinzen  Heinrich  Amerikafahrt
und
die  „Captains  of  Industry“.

Je  mehr  ich  während  meines  Studienaufenthalts  in  den
Vereinigten  Staaten  versucht  hatte,  in  das  Wesen  der  amerikanischen ­
  Wirtschaftsverhältnisse  einzudringen,  desto  mehr
kam  mir  zum  Bewußtsein,  daß  es  hierfür  —  unabhängig  von
Informationen  bei  Behörden  und  durch  Behörden  —  in
erster  Reihe  erforderlich  sei,  den  Männern  prüfend  und
sichtend  näher  zu  treten,  die  selbst  mitten  in  Handel  und
Industrie  stehen  und  an  der  Bewegung  in  den  letzten
Dezennien  teilgenommen  haben.  James  Stillman,  der  hervorragende ­
  Präsident  der  „National  City  Bank“,  jenes  mächtigen
Instituts,  dem  William  und  John  D.  Rockefeiler,  die  Hauptleute ­
  der  „Standard  Oil  Co.“  als  „Direktoren“  angehören,
hob  mir  gegenüber  einmal  das  Folgende  hervor:  „Der
Konzern  großer  und  starker  Männer,  nicht  das  Kapital
der  einzelnen  Unternehmungen  schafft  die  großen  und
starken  Gruppen  und  sichert  das  Vertrauen  des  Volkes,
jener  Männer,  die  außerhalb  der  politischen  und  legislativen
Kreise  alle  die  Lebenskräfte  zusammenfassen,  die  die  allmähliche ­
  Entwicklung  unseres  nationalen  Gedeihens  herbeiführen
        <pb n="165" />
        165

und  anspornen“  („direct  and  energize“).  In  der  Tat  wird
das  Amerika  von  heute  vornehmlich  durch  jene  „Klasse
von  Feldherren  und  Befehlshabern“  repräsentiert,  die  Thomas
Carlyle  schon  1850  mit  prophetischem  Blick  als  die  Ahnherren
„einer  neuen,  wirklichen  und  nicht  eingebildeten  Aristokratie“
erkannt  und  für  die  er  die  Bezeichnung  „Captains  of
Industry“  geprägt  hat.  Unter  den  heute  als  „Captains  of
Industry“  geltenden  Männern  bilden  jene  die  überwiegende
Mehrheit,  die  durch  rastlose  Energiebetätigung,  durch  Ausnutzung ­
  des  eigenen  und  Befruchtung  $es  Geistes  anderer
das  beispiellose  Erstarken  der  ökonomischen  Leistungsfähigkeit ­
  der  Union  geschaffen  haben.  Wenn  auch  des
Prinzen  Heinrich  Reise  nach  den  Vereinigten  Staaten  ausgesprochenermaßen ­
  keinen  wirtschaftspolitischen  Hintergrund ­
  haben  sollte,  so  durfte  man  doch  voraussetzen,  daß
es  nicht  unerwünscht  sein  könnte,  den  Prinzen  gerade  mit
solchen  „Captains  of  Industry“  unmittelbar  bekannt  zu  machen
und  ihn  in  ihre  Interessensphäre  einzuführen.  Daher  unterbreitete ­
  ich,  als  die  Empfangsfeierlichkeiten  festgestellt
werden  sollten,  Herrn  Dr.  von  Holleben,  unserm  damaligen
Botschafter  in  Washington,  den  Gedanken,  zu  Ehren  des
Prinzen  ein  Empfangskomitee  aus  den  prominentesten  Vertretern ­
  des  amerikanischen  Gewerbefleißes  zu  bilden.  Alsbald
unterrichtete  mich  der  Botschafter,  daß  der  Plan  genehm  wäre.
Auf  mein  Ersuchen  kam  Herr  Edward  D.  Adams,  der  Vertreter
der  Deutschen  Bank  in  den  Vereinigten  Staaten,  mit  dem
ich  vorher  wiederholt  zusammengetroffen  war,  nachdem  mich
Dr.  Georg  von  Siemens  noch  kurz  vor  seinem  allzu  frühen
Heimgang  bei  ihm  eingeführt  hatte,  von  New  York  nach
Washington.  In  einer  gemeinsamen  Besprechung  mit  Herrn
von  Holleben  wurden  die  Grundzüge  für  die  Durchführung
des  Vorhabens  erörtert:  Achtundvierzig  Stunden  später  war
in  New  York  das  „Reception  Committee  of  Commerce  and
        <pb n="166" />
        166

Industry"  zusammengetreten,  dem  ich  bei  seiner  Konstituierung ­
  die  mir  durch  den  Botschafter  gewordene  Nachricht
übermitteln  konnte,  daß  Prinz  Heinrich  eine  Einladung  zu
einem  Festmahl  annehmen  würde.  Dem  Komitee  gehörten
an:  der  Präsident  der  New  Yorker  Handelskammer,  Morris
K.  Jesup,  einer  der  edelsten  Männer  des  Landes  und  ein
königlicher  Kaufmann  in  des  Wortes  vollster  Bedeutung;  John
Claflin,  Präsident  der  größten  Baumwollwaren-Gesellschaft
der  Vereinigten  Staaten  „The  H.  B.  Claflin  Co.“;  Alexander
E.  Orr,  ein  früherer  Großkaufmann,  ehemaliger  Präsident
der  New  Yorker  Handelskammer,  Mitglied  des  Direktoriums
angesehener  finanzieller  und  philanthropischer  Institute  New
Yorks;  James  Stillman,  von  dem  ich  eben  gesprochen
habe,  und  E.  H.  Gary,  dessen  ich  bereits  im  Vorwort
zu  meinem  Buche  gedachte;  George  F.  Baker,  Präsident
der  „First  National  Bank“  in  New  York;  Abram  S.  Hewitt,
der  inzwischen  verstorben  ist,  früherer  Bürgermeister  von
New  York,  ursprünglich  Eisenindustrieller  und  Begründer
der  „Cooper  Union  for  the  Adv.  of  Sciences  and  Art“  in
New  York;  J.  Pierpont  Morgan;  William  Rockefeller,
Präsident  der  „Standard  Oil  Co.“;  Wm.  K.  Vanderbilt;
Edward  D.  Adams  und  ich  selbst.  Später  trat  dem  Komitee
noch  bei  Herr  Levi  P.  Morton,  Vizepräsident  der  Vereinigten ­
  Staaten  während  des  Zeitraums  1889/93,  Gouverneur
von  New  York  1895/96,  früher  Mitinhaber  der  großen
New  York-London  Häuser  L.  P.  Morton  &amp;amp;  Co.,  Morton,
Bliss  &amp;amp;  Co.  und  Morton,  Rose  &amp;amp;  Co.
Dieses  Komitee  erließ  die  Einladungen  zu  einem
Frühstück,  das  am  26.  Februar  in  den  Festräumen  des
Sherry’schen  Restaurants  veranstaltet  werden  sollte  —
„um  S.  Kgl.  Hoheit  den  Prinzen  Heinrich  zu  treffen“.
Es  wird  interessieren,  den  vollen  Wortlaut  der  Einladung
kennen  zu  lernen,  der  sich  wesentlich  von  der  Form  abhebt,
        <pb n="167" />
        167

die  bei  uns  in  einem  solchen  Falle  gewählt  worden  wäre.
Hier  hieß  es  einfach:

,,To  meet
H.  R.  H.  Prince  Henry  of  Prassia

J.  Pierpont  Morgan
George  F.  Baker
Abram  S.  Hewitt
William  Rocke  feiler

Morris  K.  Jesup
John  Claflin
Levi  P.  Morton
James  Stillman
with

Edward  D.  Adams
Elbert  H.  Gary
Alexander  E.  Orr
Wm.  K.  Vanderbilt

L.  M.  Goldberger
of  Berlin
request  the  pleasure  of  ...  .
Company  at  breakfast
on  Wednesday,  February  the  twenty-sixth
nineteen  handred  and  two
at  twelve  o'ctock
at  Sherry's
Morning  dress

Kind  ly  reply  to
Edward  D.  Adams
455  Madison  Avenue,  New  York.”

Das  Komitee  war  sich  darüber  einig,  daß  nicht  der
Reichtum  der  in  Betracht  kommenden  Personen  bei  der
Auswahl  der  Einladungen  maßgebend  sein  dürfe,  sondern
lediglich  das  Verdienst,  das  sich  die  Einzuladenden  um  das
amerikanische  Volk  erworben  hatten,  und  zwar  nicht  nur
auf  dem  Gebiet  der  Industrie,  des  Handels  und  des  Verkehrs, ­
  sondern  auch  auf  dem  Gebiet  der  Wissenschaften,
soweit  diese  der  Förderung  von  Industrie,  Handel  und
Verkehr  dienstbar  sind.  Die  amerikanische  Presse  hatte
bereits  bei  der  Ankündigung  der  Veranstaltung  den  Gedanken ­
  gerühmt,  der  ihr  zugrunde  lag.  Mit  gleicher  Be-
        <pb n="168" />
        -  168  -
geisterung  wurde  unsere  Einladung  fast  von  allen  „Captains
of  Industry“  angenommen.  Nur  ganz  wenige,  darunter
leider  Andrew  Carnegie,  waren  behindert.  Zum  Teil  viele
Tagereisen  weit  eilten  die  Gäste  aus  dem  ganzen  Land
herbei.  Sie  wurden  dem  Prinzen  vorgestellt,  der  sich  mit
jedem  einzelnen  kürzere  oder  längere  Zeit  unterhielt.
Außer  den  „Captains  of  Industry“  waren  von  dem
Komitee  eine  Anzahl  von  „Special  Guests“  eingeladen  worden.
Zu  diesen  gehörten:  der  Bürgermeister  von  New  York  Seth
Low,  der  Generaladjutant  der  Vereinigten  Staaten-Armee
Henry  C.  Corbin  und  Kontre-Admiral  Robley  D.  Evans,
sowie  von  damals  in  New  York  anwesenden  Deutschen:
Albert  Ballin,  Generaldirektor  der  Hamburg-Amerika-Linie,
Dr.  H.  Wiegand,  Generaldirektor  des  Norddeutschen  Lloyd,
W.  Tietgens,  Präsident  der  Hamburg-Amerika-Linie,  George
Plate,  Präsident  des  Norddeutschen  Lloyd.
Die  Veranstaltung,  von  der  der  Prinz  geäußert  haben
soll,  daß  sie  zu  den  liebsten  Erinnerungen  an  seine  „Amerikafahrt“ ­
  gehöre,  nahm  auch  äußerlich  einen  glänzenden  Verlauf: ­
  Amerikanische  Beauty-Rosen  bildeten  den  vorherrschenden ­
  Bestandteil  der  Festdekoration.  Die  halbmondförmig ­
  arrangierten  Tafeln  waren  mit  chinesischen  Schlingpflanzen ­
  und  anderm  Grün  geschmückt,  aus  einem  Palmenwald ­
  strahlten  rote  Glühlichter  mit  magischem  Schimmer.  Die
Tische  waren  so  gestellt,  daß  jeder  Anwesende  das  Gesicht
dem  Ehrengast  zuwendete.  Dieser  saß  mit  seinem  Gefolge  und
den  Mitgliedern  des  Komitees  auf  einer  erhöhten  Estrade.
Hinter  prächtigen  japanischen  Tapisserien  spielte  ein  Orchester ­
  von  Lauten-  und  Mandolinenschlägern  amerikanische
Weisen.  Außer  der  Prinzentafel  waren  zehn  Tische  aufgestellt, ­
  fünf  auf  jeder  Seite.  Die  kostbaren  Gobelins,
die  die  Wände  bedeckten,  waren  von  Morgan  und  Vanderbilt
  zur  Verfügung  gestellt  worden.  Die  Gäste,  mit  Aus-
        <pb n="169" />
        169

nähme  der  „Special  Guests“,  wurden,  wie  ich  dies  bereits
in  Kapitel  V  erwähnt  habe,  nach  dem  Alphabet  plaziert.
Im  ganzen  nahmen  ungefähr  150  Personen  an  dem  Festmahl ­
  teil.  Präsidenten  des  Komitees  und  des  Festmahls
waren  die  Herren  Morgan  und  Jesup.
Das  Komitee  hatte  dem  Prinzen  eine  Festschrift  gewidmet, ­
  die  biographische  Notizen  über  die  Eingeladenen
—  wie  begreiflich,  nicht  über  die  Wirte  —  enthielt.  So
war  der  Prinz  in  der  Lage,  sich  über  den  Beruf  und  die
Tätigkeit  der  ihm  Vorzustellenden  schon  vorher  einigermaßen ­
  zu  unterrichten.  Uns  in  Deutschland  sind,  wenn
man  von  den  Großen  und  Reichen,  von  den  überragenden
Männern  der  amerikanischen  Volkswirtschaft  spricht,  in  der
Regel  nur  die  wenigen,  von  mir  schon  an  anderer  Stelle
genannten  und  weltbekannten  Namen  geläufig.  Darüber
hinaus  aber  sind  in  reicher  Fülle  markige  Persönlichkeiten ­
  am  Werke,  deren  außerordentliche  Fähigkeiten  und
Leistungen  auf  den  technischen  und  kommerziellen  Werdegang ­
  ganzer  Industrien  und  auf  die  Verkehrserschließung
des  Landes  gestaltend  und  bestimmend  eingewirkt  haben
und  noch  einwirken,  ohne  daß  wohl  hier  der  Einfluß  der
einzelnen  Individualität  jene  bedenklichen  Folgeerscheinungen
für  das  gesamte  Erwerbsleben  in  sich  schließen  könnte,  auf
die  ich  in  einem  früheren  Zusammenhänge  hingewiesen  habe.
Die  Namen  der  eben  gekennzeichneten  „Captains  of  Industry“,
die  zumeist  an  dem  Feste  teilnahmen,  sind  mit  wenigen
Ausnahmen  kaum  über  den  Ozean  gedrungen.  Um  daher
auch  weitere  Kreise  bei  uns  über  die  Männer  zu  unterrichten, ­
  die  tatsächlich  zu  den  Führern  der  amerikanischen
Arbeit  gezählt  werden  müssen,  mag  hier  eine  Auslese ­
  biographischer  Aufzeichnungen  aus  der  Festschrift
angereiht  werden.  Was  über  den  einzelnen  gesagt  wird,
ist  ebenso  kurz  und  prägnant,  wie  es  sich  in  seinem  oft
        <pb n="170" />
        170

eigenartigen  Kolorit  als  charakteristisch  für  den  auch  bei
dieser  Gelegenheit  nicht  unterdrückten  amerikanischen  Trieb
nach  großzügiger  Aufmachung  darstellt:
JAMES  W.  ALEXANDER,
Ne&amp;lt;w  York  City.
Präsident  der  Equitable  Lebensversicherungs-Gesellschaft;  diese
weist  zu  Beginn  des  Jahres  1902  investierte  Aktiva  im  Betrage
von  331  000  000  Dollars,  Reserven  von  mehr  als  71  000  000
Dollars  und  einen  Versicherungsbestand  in  Höhe  von
1  179  276725  Dollars  aus  Policen  auf,  die  seit  1859  abgeschlossen ­
  wurden.
J.  OGDEN  ARMOUR,
Chicago,  Ul,
Präsident  der  Firma  Armour  and  Co.,  einer  Gesellschaft,  die  in
Chicago,  Omaha,  Sioux  City,  East  St.  Louis,  Kansas  City  und
Fort  Worth  in  Texas  ausgedehnte  Schlachthöfe  und  in  fast  allen
fremden  Ländern  Agenturen  besitzt.  —  Herr  Armour  leitet  außerdem ­
  die  Armour  Leim-Werke,  Armour  Seifen-Werke,  Armour
Dünger-Werke,  Armour  Straßenbahn-Linien,  Armour  Getreide-Gesellschaft,
  Armour  Elevatoren-Gesellschaft  und  die  Milwaukee
Elevatoren-Gesellschaft.  Herr  Armour  ist  ferner  Direktor  verschiedener ­
  Banken,  Eisenbahnen,  Straßenbahnen,  Viehhöfe,
Elektrizitäts-  und  anderer  Gesellschaften,  an  denen  er  gleichzeitig
finanziell  hervorragend  beteiligt  ist.
ALEXANDER  GRAHAM  BELL,
Washington,  D.  C.
Wissenschaftler,  der  das  erste  brauchbare  Telephon  herstellte,
das,  anderweitig  ausgestaltet,  die  Telephonsysteme  ermöglicht
hat,  die  heute  zur  Verständigung  innerhalb  eines  Ortes  und
auf  weite  Entfernungen  dienen.  Gründer  der  amerikanischen
Gesellschaft  für  die  Erteilung  von  Sprechunterricht  an  Taube.
FREDER1CK  G.  BOURNE,
Ne&amp;lt;w  York  City.
Präsident  der  Singer-Fabrikationsgesellschaft.  Diese  Gesellschaft  hat
acht  Fabriken,  verfertigt  über  800  verschiedene  Arten  von  Singer-Nähmaschinen
  bei  einer  jährlichen  Leistung  von  1,2  Millionen
Maschinen  und  hundert  Millionen  Nadeln.  75  000  Angestellte
sind  unter  der  direkten  Aufsicht  der  Gesellschaft  in  allen  Weltteilen ­
  beschäftigt.
        <pb n="171" />
        171

JOHN  A.  BRASHEAR,
Allegheny,  Pa.
Erfinder  und  Fabrikant  von  astronomischen  und  physikalischen
Instrumenten.  Hat  seit  1880  alle  großen  Spektroskope  für
die  astro-physikalischen  Beobachtungen  der  Sternwarten  der
Vereinigten  Staaten  und  für  viele  ausländische  Physiker  angefertigt. ­
  Versieht  die  wissenschaftliche  Welt  mit  Ablenkungs-Gitterplatten
  (für  die  Lichtstrahlen)  und  Refraktometer-(Brechungsmesser-)
  Platten  von  höchster  Präzision.  Hat  für
viele  der  bedeutendsten  deutschen  Physiker  Instrumente
gebaut,  auch  die  beiden  astro-photographischen  Cameras  von
40  cm  Durchmesser  für  die  astro-physikalische  Sternwarte  zu
Heidelberg  in  Deutschland,  die  für  die  Entdeckung  von
Asteroiden  und  neuen  Nebelflecken  in  dauerndem  Gebrauch
sind.  Augenblicklich  ist  er  mit  der  Ausrüstung  der  großen
astronomischen  Anstalt  beschäftigt,  die  auf  der  südlichen
Halbkugel  errichtet  werden  soll,  um  die  Bewegung  der  Sterne
in  Sehlinie  zu  studieren,  ferner  mit  der  eines  30-zölligen  Teleskops ­
  für  die  Sternwarte  in  Allegheny  und  einer  vollständigen
astronomischen  Station  für  die  kanadische  Regierung.
ALEX.  E.  BROWN,
Cleaieland,  Ohio.
Erfinder  und  Erzeuger  von  verschiedenen  Systemen  für  arbeitsparende ­
  Vorrichtungen  und  von  Maschinen  für  rasche  und
billige  Handhabung  der  Materialien  in  Bergwerken,  Docks,  Eisenund
  Stahlwerken,  auf  Schiffswerften,  Bauwerken,  Bahnhöfen
usw.  usw.;  diese  Maschinen  sind  allgemein  unter  dem  Namen
„Brown-Kräne“  bekannt.  Ihre  ausgedehnte  Anwendung  in  den
Vereinigten  Staaten  hat  die  Transportkosten  zu  Wasser  und  zu
Land,  dann  die  Herstellungskosten  auf  Hochöfen,  Stahlwerken,
Werften  und  bei  Brückenbauten  in  außergewöhnlichem  Umfang
vermindert.
CHARLES  F.  BRUSH,
Clemeland,  Ohio.
Gelehrter  und  Erfinder.  Erhielt  die  große  Rumford-Medaille  „für
die  praktische  Entwicklung  des  elektrischen  Bogenlichtes“.
Begründer  der  amerikanischen  Bogenlicht-Industrie.
DANIEL  HUDSON  BURNHAM,
Chicago,  lll.
Architekt.  Im  Bereiche  seiner  privaten  Tätigkeit,  die  sich  über
das  ganze  Land  erstreckt,  ist  Mr.  Burnham  als  der  Hauptvertreter
moderner  Geschäftshaus-Architektur  bekannt  geworden.  Er  ist
        <pb n="172" />
        172

der  Schöpfer  des  sog.  „sky  scraper“  (Wolkenkratzers).  In  offizieller ­
  Stellung  war  er  Präsident  der  Gesellschaft  amerikanischer
Ingenieure  undChef-Architekt  derChicagoerWeltausstellung.  jetzt
ist  er  Vorsitzender  der  Nationalkommission  zur  Verschönerung
der  Stadt  Washington.
ADOLPHUS  BUSCH,
St.  Louis,  Mo.
Unter  seiner  Leitung  und  dank  seiner  Tüchtigkeit  hat  die  Anheuser-Busch ­
  Brauerei  von  St.  Louis  (vergl.  Kapitel  II)  wegen  der
Qualität  und  der  Quantität  ihrer  Erzeugnisse  einen  Weltruf
erlangt.  Seinen  Gemeinsinn  betätigt  er  in  der  Fürsorge  für  gute
Verwaltung,  höheren  Unterricht  und  für  bedeutende  Eisenbahnund
  Finanzunternehmungen  des  Westens.
ALEXANDER  J.  CASSATT,
Philadelphia,  Pa.
Präsident  der  Pennsylvania-Eisenbahn-Gesellschaft,  deren  Netz
dreizehn  Bundesstaaten  durchzieht  und  die  über  10000  Meilen
Schienenweg  verfügt,  ungefähr  152000  Angestellte  zählt  und  jährliche ­
  Bruttoeinnahmen  von  mehr  als  200  000  000  Dollars  aufweist.
FRANK  WOODBRIDGE  CHENEY,
South  Manchester,  Conn.
In  Firma  Gebrüder  Cheney,  älteste  und  bedeutendste  Seidenfabrik ­
  in  den  Vereinigten  Staaten,  begründet  1838.
DUANE  H.  CHURCH,
Waltham,  Mass.
Erfinder.  Betriebsleiter  und  Hauptmechaniker  der  Amerikanischen
Waltham  Uhren-Gesellschaft,  die  durch  die  Qualität  ihrer
Erzeugnisse  und  den  Umfang  ihres  Betriebs  in  der  Uhrenindustrie ­
  der  Welt  hervorragt.  Den  gegenwärtigen  hohen
Stand  ihrer  technischen  Einrichtungen  hat  die  Gesellschaft  zumeist ­
  der  außergewöhnlich  erfinderischen  Geschicklichkeit  von
Mr.  Church  zu  verdanken.  Seine  frühere  Tätigkeit  und  Erfahrung
als  praktischer  Uhrmacher  machte  ihn  mit  den  Erfordernissen
der  Uhrenfabrikation  genau  bekannt.  In  Anerkennung  dieser
besonderen  Begabung  erhielt  Mr.  Church  unbeschränkte  Vollmacht ­
  für  den  Entwurf  und  den  Bau  einer  Reihe  automatischer
Präzisionsmaschinen,  die  mit  ihren  mannigfachen  und  komplizierten ­
  Bewegungen  beinahe  „menschlich“  arbeiten,  und  die
eine  Genauigkeit  und  Gleichmäßigkeit  aufweisen,  wie  sie  in
früheren  Systemen  unmöglich  waren,  abgesehen  davon,  daß
auch  noch  die  Herstellungskosten  erheblich  geringer  sind.
        <pb n="173" />
        173

CHARLES  FINNEY  CLARK,
Nemi  York  City.
Begründer  und  Präsident  der  „Bradstreet  Co.“,  der  bekannten
internationalen  Handels-Kredit-Organisation  mit  140  Bureaus,
die  sich  über  die  ganze  zivilisierte  Welt  verteilen.
WILLIAM  BROWN  COGSWELL,
Syracase,  N.  Y.
Hat  1884  die  Fabrikation  von  Sodaprodukten  in  den  Vereinigten
Staaten  begründet  und  zu  solcher  Höhe  entwickelt,  daß  jetzt
ihre  Erzeugung  die  aller  anderen  Länder  übersteigt.
JOHN  H.  CONVERSE,
Philadelphia,  Pa.
Vertreter  der  Baldwin  Lokomotiven-Werke  (vergl.  Kapitel  II),  die
jetzt  ihre  20  000ste  Lokomotive  vollendet  haben.  Ihre  Arbeiterschaft ­
  zählt  12  000  Mann.  Im  Jahre  1901  sind  1360  Lokomotiven
fertiggestellt  worden.  Baldwin-Lokomotiven  sind  außer  in
Amerika  in  fast  jedem  Land  der  Welt  in  Betrieb,  wo  es  überhaupt
Eisenbahnen  gibt.
CHARLES  H.  CRAMP,
Philadelphia,  Pa.
Seit  fünfzig  Jahren  Generaldirektor  bezw.  Präsident  und  Generaldirektor ­
  von  Cramps  Schiffswerft  (vergl.  Kapitel  II).  Die
Gesamtzahl  der  in  diesem  Etablissement  bisher  gebauten  Schiffe
ist  318,  von  denen  Mr.  Cramp  selbst  die  meisten  gezeichnet  und
beim  Bau  beaufsichtigt  hat.  Diese  Ziffer  schließt  25  Kriegsschiffe
ein,  die  für  die  amerikanische,  russische  und  japanische  Flotte
gebaut  worden  sind,  und  von  denen  viele  die  bedeutendsten
Schiffe  ihres  Typs  und  ihrer  Klasse  darstellen.
FRANCIS  BACON  CROCKER,
Ne‘tu  York  City.
Dozent  und  Professor  der  Elektrizitäts-Technik  und  Leiter  dieser
Abteilung  an  der  Columbia-Universität,  New  York  City.  Begründer ­
  der  Crocker-Wheeler  Elektrizitätsgesellschaft.  1897—98
Präsident  der  Amerikanischen  Gesellschaft  der  Elektrizitäts-Ingenieure.
  Sekretär  des  Internationalen  Elektrizitäts-Kongresses
zu  Chicago  von  1893.
CHARLES  DEERING,
Chicago,  UL
Seniorpartner  der  Deering  Harvester  (Mähmaschinen)  Gesellschaft
in  Chicago  (vergl.  Kapitel  II),  Fabrik  von  Getreide-  und  Mäh ­
        <pb n="174" />
        174

maschinen;  die  weitaus  größte  Anlage  dieser  Art  in  der  ganzen
Welt.  Beschäftigt  9000  Arbeiter,  hat  12  000  Agenturen  in  den
Vereinigten  Staaten  und  in  allen  getreidebauenden  Ländern.
JOHN  F.  DRYDEN,
Newark,  N.  J.
Begründer  und  Präsident  der  Prudential-Lebensversicherungsgesellschaft
  von  Amerika,  die  jetzt  über  4  500  000  Policen  mit
einem  Versicherungskapital  von  700  000  000  Dollars  in  Umlauf
hat.  Die  Hauptstelle  mit  ihrem  Beamtenstab  von  mehr  als
10  000  Angestellten  steht  unter  seiner  persönlichen  Leitung.
J.  B.  DUKE,
New  York  City.
Präsident  der  Amerikanischen  Tabak-Gesellschaft,  die  überall  in
der  Welt  Geschäfte  macht  und  an  die  Vereinigten  Staaten
jährlich  25  000  000  Dollars  an  Steuern  zahlt.
WILLIAM  H.  DUNWOODY,
Minneapolis,  Minn.
Vertreter  der  Washburne-Crosby-Gesellschaft,  die  täglich  über
25  000  Faß  Mehl  herstellt.  Der  bedeutendste  Mitbesitzer  von
Getreideelevatoren  mit  über  10  000  000  Busheis  Lagerung.
Im  Jahre  1901  sind  von  diesen  Elevatoren  mehr  als
25  000  000  Busheis  der  verschiedensten  Getreidearten  behandelt ­
  worden.
THOMAS  ALVA  EDISON,
Llewellyn  Park,  N.  J.
Erfinder.  Bemerkenswert  durch  seine  Energie  in  der  industriellen
Verwertung  der  Wissenschaft.  Sein  größter  Erfolg  war  die  Erfindung ­
  des  elektrischen  Glühlichts.  Von  seinen  anderen  Erfindungen ­
  sind  zu  nennen:  der  Übertrager  beim  Telephon,  die
lebenden  Photographien  (Kinematograph),  der  vierfacheTelegraph,
der  Phonograph  und  erst  kürzlich  eine  permanente  Akkumulatorenbatterie ­
  von  sehr  leichtem  Gewicht  für  die  Fortbewegung
von  Fahrzeugen  (vergl.  Kapitel  II).
MARSHALL  FIELD,
Chicago,  HL
Kaufmann.  Beschäftigt  in  Firma  Marshall  Field  and  Co.  in  Chicago
etwa  10  000  Angestellte.  Direkte  Vertretungen  in  Deutschland, ­
  England,  Frankreich,  in  der  Schweiz,  in  Japan,  China,
Indien  und  in  der  Türkei.  Der  größte  Grundbesitzer  im  Westen.
Von  anerkanntem  Einfluß  auf  hervorragende  Eisenbahn-,  Fabrikations- ­
  und  Finanz-Gesellschaften.
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        175

STUYVESANT  FISH,
New  York  City.
Präsident  der  Illinois  -  Central  -  Eisenbahn,  welche  ein  Schienennetz ­
  von  ungefähr  5350  Meilen  in  den  elf  Staaten  Illinois,
Süd-Dakota,  Minnesota,  Iowa,  Wisconsin,  Indiana,  Kentucky,
Tennessee,  Mississippi,  Louisiana  und  Alabama  besitzt.  Diese
Eisenbahn  -  Gesellschaft  hat  jährlich  eine  Bruttoeinnahme  von
43000000  Dollars,  zählt  31  000  Beamte  und  befördert  ungefähr
20  000  000  Passagiere  und  Frachttonnen  pro  Jahr.
DAVID  R.  FRANCIS,
St.  Louis,  Mo.
Präsident  der  St.  Louis  Weltausstellung  1904.  Francis  war  früher
Bürgermeister  der  Stadt  St.  Louis,  Gouverneur  des  Staates
Missouri  und  Staatssekretär  des  Innern.  Er  ist  an  großen
Finanz-  und  Eisenbahnunternehmungen  hervorragend  beteiligt.
JOHN  FRITZ,
Bethlehem,  Pa.
Der  Nestor  der  Eisen-  und  Stahlindustriellen  von  Amerika.  Ist  mit
jeder  wichtigen  aus  der  erhöhten  Produktion  sich  ergebenden  Veränderung ­
  in  der  Fabrikation  von  Eisen  und  Stahl  zu  identifizieren. ­
  Die  Krönung  seiner  Lebensarbeit  war  die  Idee,  der
Entwurf  und  die  Errichtung  der  großen  Schmiede-  und  Panzerplatten-Werke ­
  der  Bethlehem-Stahl-Gesellschaft,  von  deren
Leitung  er  sich  zurückzog,  als  das  Werk  auf  der  Höhe  seiner
Entwicklung  stand.
GEORGE  J.  GOULD,
Lakewood,  N.  J.
Präsident  der  Missouri-Pacific-Eisenbahn,  der  Manhattan-Hochbahn,
der  Western-Union-Telegraphen-  und  anderer  Gesellschaften,  die
zusammen  über  ungefähr  15  000  Meilen  Schienen  und  ca.  1  000  OOO
Meilen  Telegraphendraht  verfügen  und  monatliche  Zahlungen
von  ca.  5  000  000  Dollars  zu  leisten  haben.
JAMES  B.  GRANT,
Denver,  Col.
Hütten-  und  Mineningenieur,  seit  1877  im  Staat  Colorado  in  dieser
Interessensphäre  beschäftigt.  Durch  Ersparnisse  und  Verbesserungen, ­
  die  er  bei  den  ihm  unterstellten  ausgedehnten  Schmelzarbeiten ­
  einführte,  hat  er  in  hohem  Maße  zu  der  Entwicklung
der  großen  natürlichen  Hilfsquellen  der  westlichen  Landesteile
beigetragen.
EDWARD  H.  HARRIMAN,
Arden,  N.  Y.
LeiterderUnion-Pacific-,derSouthern-Pacific,  der  Chicago-and  Alton-,
der  Kansas-City-Süd-  und  der  Leavenworth,  Kansas-  und  West-
        <pb n="176" />
        176

Eisenbahn,  die  zusammen  16  143  Meilen  Schienenweg  umfassen
und  in  dem  am  30.  Juni  1901  endenden  Geschäftsjahr
134  811  576  Dollars  Bruttoeinnahmen  aufwiesen.  Diese  Bahnen
beschäftigen  annähernd  80  000  Angestellte.  Die  den  Bahnen
gehörigen  bezw.  von  ihnen  abhängenden  Dampfschifflinien
arbeiten  mit  einer  Flotte  von  44  Dampfschiffen,  die  1900/01
die  Summe  von  8  339  278  Dollars  vereinnahmten.  Mr.  Harriman
ist  außerdem  ein  einflußreiches  Mitglied  in  der  Verwaltung
anderer  Eisenbahngesellschaften  sowie  bedeutender  Bankinstitute
und  Treuhandgesellschaften.
HENRY  O.  HAVEMEYER,
Ne*zu  York  City.
In  hervorragendstem  Maße  mit  der  Zuckerindustrie  identifiziert,
in  der  er  seit  44  Jahren  tätig  ist.
MARVIN  HUGHITT,
Ch.ica.go,  III.
Präsident  der  Chicago-  und  Nordwest-Bahn,  die  über  8800  Meilen
Schienenweg  verfügt  und  in  den  Staaten  Illinois,  Wisconsin,
Michigan,  Iowa,  Minnesota,  Süd-Dakota,  Nord-Dakota,  Nebraska
und  Wyoming  in  Betrieb  ist.  Er  steht  an  der  Spitze  von  mehr
als  37  000  Angestellten.  Die  Bahn  wies  im  letzten  Berichtsjahr
über  62  600  000  Dollars  Bruttoeinnahmen  auf.  Seit  1856  steht
er  ununterbrochen  im  Eisenbahndienst.
JULIAN  KENNEDY,
Pittsburg,  Pa.
Ingenieur  und  Sachverständiger  in  der  Eisen-  und  Stahlfabrikation.
Im  Jahre  1877  übernahm  er  die  Leitung  der  Hochofenabteilung
in  den  Edgar-Thomson-Stahlwerken  zu  Pittsburg,  die  der
Carnegie-Stahl-Co.  gehörten.  Hier  hat  er  die  Produktionsfähigkeit
der  Hochöfen  zu  in  jener  Zeit  beispielloser  Höhe  entwickelt.
Später  stand  er  mehrere  Jahre  hindurch  an  der  Spitze  der
Homestead-Stahlwerke.  Als  persönlicher  Bauleiter  oder  als
beratender  Ingenieur  wurde  er  zur  Anlage  fast  aller  bedeutenden
Stahlwerke  Amerikas  hinzugezogen;  außerdem  baute  er  noch
ein  Eisen-  und  Stahlwerk  in  Rußland.  Mr.  Kennedy  hat  verschiedene ­
  nützliche  Erfindungen  gemacht,  die  für  die  Entwicklung
der  Mechanik  in  Amerika  von  Wichtigkeit  geworden  sind.
SAMUEL  PIERPONT  LANGLEY,
Washington,  D.  C.
Astronom  und  Physiker.  Hat  1868  im  Observatorium  Allegheny
die  Eisenbahn-Einheitszeit  festgestellt,  die  seitdem  in  ganz
Amerika  in  Gebrauch  ist.  Ferner  hat  er  den  Bolometer  erfunden,
vermittels  dessen  Temperaturschwankungen  bis  zum  zehn ­
        <pb n="177" />
        177

12

millionsten  Teil  eines  Grades  gemessen  werden  können.  Seine
Forschungen  über  das  ultra-rote  Spektrum  haben  beinahe  die
Grenze  des  von  der  Photographie  Geleisteten  erreicht;  in  einer
Ausdehnung,  die  über  achtmal  das  übersteigt,  was  Sir  Isaac
Newton  bekannt  war,  hat  er  beinahe  tausend  seither  unbekannte
Spektrallinien  festgestellt,  die  bislang  völlig  unentdeckte  Spektralregionen ­
  ausfüllen.  Er  ist  jetzt  Sekretär  der  Smithsonian-Gesellschaft,
  zu  deren  Vorstandsmitgliedern  auch  der  Präsident  der
Vereinigten  Staaten  gehört.  Er  ist  Mitglied  vieler  amerikanischer
und  ausländischer  wissenschaftlicher  Gesellschaften  und  hat  die
Janssen-,  die  Rumford-,  Draper-  und  zahlreiche  andere  Medaillen
in  Anerkennung  seiner  Leistungen  erhalten.
ROBERT  T.  LINCOLN,
Chicago,  III.
Präsident  der  Pullman-Gesellschaft,  deren  Geschäfte  sich  auf  fast
alle  Eisenbahnlinien  in  den  Vereinigten  Staaten  erstrecken,  1901
auf  über  165  283  Eisenbahnmeilen.  Die  von  den  Pullmanwagen
zurückgelegte  Wegstrecke  betrug  1901  335  742  267  Meilen.  Die
Wagen  beförderten  1901  9  618  438  Passagiere.
JOHN  A.  McCALL,
New  York  City.
Präsident  der  New  York-Lebensversicherungs-Gesellschaft,  die  bisher ­
  ungefähr  350  000  000  Dollars  an  Versicherungen  ausbezahlt
hat  und  jetzt  über  Anlagen  von  290  000  000  Dollars  verfügt.
Die  New  York-Lebensversicherungs-Gesellschaft  betreibt  seit  1871
auch  im  Deutschen  Reich  Geschäfte  und  hat  daselbst  zur  Zeit
Versicherungen  im  Betrag  von  16  000  000  Dollars  laufen.
CHARLES  S.  MELLEN,
St.  Paul,  Mtnn.
Präsident  der  Nord-Paciflc-Eisenbahn-Gesellschaft,  die  durch  acht
nordwestliche  Bundesstaaten  läuft,  22  000  Angestellte  beschäftigt
und  jährlich  über  33  000  000  Dollars  Bruttoeinnahmen  hat.
GEORGE  W.  MELVILLE,
Washington,  D.  C.
Kontre-Admiral.  Chefingenieur  der  Flotte  der  Vereinigten  Staaten.
Er  hat  nicht  nur  die  Maschinen  für  alle  im  Besitz  der  Vereinigten ­
  Staaten  befindlichen  Kriegsschiffe  entworfen,  sondern
hat  als  Mitglied  des  Seeamts  für  den  Schiffbau  auch  zum
Teil  am  allgemeinen  Bauplan  der  Schiffe  mitgewirkt.  Wohl
keine  andere  Persönlichkeit  ist  so  eng  mit  der  Wiederherstellung ­
  des  Prestige  (rehabilitation)  der  Flotte  der  Vereinigten ­
  Staaten  verknüpft  wie  Kontre-Admiral  Melville.  Es
ist  zum  großen  Teil  seinen  ununterbrochenen  Bemühungen  zu
        <pb n="178" />
        178

verdanken,  daß  zugleich  mit  dem  Übergang  von  hölzernen  zu
Stahlpanzerschiffen  stetig  auch  der  erforderliche  Wechsel  im
Personal  stattfand.  Er  ist  nicht  nur  als  Marineingenieur  und
Schiffsarchitekt,  sondern  auch  als  Polarforscher  und  vorzüglicher ­
  Gelehrter  in  Amerika  wie  in  Europa  anerkannt.  In
Würdigung  seiner  ausgezeichneten  Verdienste  um  sein  Vaterland
und  die  Wissenschaft  haben  ihm  die  Harvard-Universität  und
die  Columbia-Universität  sowie  viele  andere  große  Anstalten
Ehrentitel  und  Auszeichnungen  zuerkannt.
ALBERT  A.  MICHELSON,
Chicago,  lll.
Erster  Professor  der  Physik  an  der  Universität  Chicago.  Hat  in  einer
allgemein  als  normgebend  anerkannten  Weise  die  Schnelligkeit
des  Lichts  gemessen  und  die  Wirkung  erforscht,  die  das
Medium  der  Erde  und  deren  Bewegung  durch  den  Weltraum
auf  diese  Schnelligkeit  haben.  Er  hat  gezeigt,  wie  die  Lichtwellen ­
  für  ein  überaus  genaues  und  scharfes  Messungsverfahren
und  als  ein  wertvolles  Mittel  für  Forschungszwecke  zu  verwerten ­
  sind.  Auch  hat  er  eine  Methode  erfunden,  durch  die  eine
Lichtwelle  als  unveränderlich  genaues  Längenmaß  verwendet
werden  kann.  Er  ersann  ein  neues  Spektroskop,  das  an  Stärke  alle
bisherigen  hinter  sich  läßt.  Er  wurde  mit  der  Rumford-Medaille
ausgezeichnet  und  ist  Präsident  der  Amerikanischen  Physikalischen
Gesellschaft  und  Mitglied  der  Nationalakademie  der  Wissenschaften, ­
  des  Internationalen  Bureaus  für  Maße  und  Gewichte,
der  Acadömie  des  Sciences  in  Frankreich,  des  Royal  Institute
und  der  Königlichen  Astronomischen  Gesellschaft  in  England.
DARIUS  OGDEN  MILLS,
New  York  City.
Präsident  der  Niagarafall-Kraft-Gesellschaft,  der  größten  Krafterzeugungs-Gesellschaft
  der  Welt  (vergl.  Kapitel  II).  Großer  Minenund
  Grundbesitzer.  Er  ist  Direktor  vielerFinanzinstitute  und  solcher
Eisenbahn-Gesellschaften,  die  eine  ununterbrochene  Verbindung
zwischen  dem  Atlantischen  und  dem  Stillen  Ozean  herstellen.
Er  ist  der  Gründer  und  Besitzer  der  Mills-Hotels,  selbständiger ­
  Heimstätten  für  mittellose  Leute,  die  keine  Almosen
annehmen  wollen,  und  denen  die  Möglichkeit  geboten  wird,  für
wenige  Cents  zu  wohnen  und  zu  leben.
GEORGE  S.  MORISON,
New  York  City.
Eisenbahn-  und  Brücken-Ingenieur.  Hat  14  große  Brücken  über
die  Flüsse  Mississippi,  Missouri  und  Ohio  gebaut,  deren  bedeutendste ­
  die  Brücke  zu  Memphis  ist.  Mitglied  der  Isthmus-Kanal-Kommission.
        <pb n="179" />
        179

HENRY  MORTON,
Hoboken,  N.  J.
Physiker.  Hat  im  Jahre  1870  eine  Schule  für  mechanische
Technik  begründet,  die  er  noch  heute  leitet.  Diese  Schule,
unter  dem  Namen  des  Stevens-Instituts  für  Technik  bekannt,
hat  8000  Studierende  ausgebildet,  von  denen  ein  großer  Teil  jetzt
führende  Stellungen  im  Maschinenbau  und  in  anderen  Bauunternehmungen ­
  überall  in  der  Welt  einnimmt.
SIMON  NEWCOMB,
Washington,  D.  C.
Sein  Leben  ist  der  mathematischen  und  beobachtenden  Astronomie ­
  gewidmet,  dem  Studium  der  Bewegungen  der  Himmelskörper, ­
  besonders  des  Mondes  und  der  Planeten  zum  Zweck
der  Erlangung  äußerster  Genauigkeit  der  Wetterprognosen.
Zu  diesem  Behuf  war  es  erforderlich,  viele  der  in  den
Hauptsternwarten  der  Welt  während  der  letzten  200  Jahre  gemachten ­
  Beobachtungen  nachzurechnen.  Während  der  Herrschaft ­
  der  Pariser  Kommune  und  der  Belagerung  der  Stadt  durch
die  National-Truppen  hat  Mr.  Newcomb  in  der  Pariser  Sternwarte ­
  gelebt  und  dort  in  alten  vergessenen  Sammlungen
Feststellungen  ermittelt,  die  vor  200  Jahren  gemacht  und  niemals ­
  der  Veröffentlichung  für  wert  gehalten  wurden,  die  aber
eine  Fundgrube  wertvollen  Materials  abgaben  für  die  nachträgliche ­
  Berechnung  der  Mondbewegungen  während  eines  Zeitraumes ­
  von  100  Jahren  vor  der  Zeit,  da  genaue  Beobachtungen
des  Mondes  überhaupt  begonnen  hatten.  Zur  Bewältigung
dieses  großen,  teils  bekannten,  teils  noch  unbekannten  Materials
war  die  Mitarbeit  erster  Astronomen  und  eines  Stabes  astronomischer ­
  Statistiker  etliche  zwanzig  Jahre  hindurch  notwendig. ­
  Das  Ergebnis  der  Arbeit  war  die  Veröffentlichung
der  neuen  astronomischen  Tafeln,  die  jetzt  überall  von  den
Astronomen  zu  ihren  Berechnungen  gebraucht  werden,
und  die  die  Schiffsalmanache  in  England,  Deutschland  und
Frankreich  wie  in  Amerika  ganz  oder  teilweise  zur  Erlangung
der  für  die  Schiffe  erforderlichen  Daten  benutzen.
FREDERICK  PABST,
Mil&amp;lt;waukee,  Wts.
Braut  „das  Bier,  das  Milwaukee  berühmt  gemacht  hat“  (vergl.
Kapitel  II).
WM.  BARCLAY  PARSONS,
New  York  City.
Hat  als  Oberingenieur  die  Zeichnungen  für  den  Bau  der  Untergrundbahn ­
  in  New  York  persönlich  entworfen  und  überwacht
        <pb n="180" />
        180

auch  jetzt  den  Bau;  die  Kosten  mit  der  geplanten  Ausdehnung ­
  bis  Brooklyn  belaufen  sich  auf  mehr  als  48  000  000
Dollars.  Im  Jahre  1898  hat  er  im  Aufträge  der  Amerikanisch-Chinesischen
  Aufschließungsgesellschaft  einen  Plan  für  eine
Eisenbahn  von  Hankow  nach  Kanton  entworfen;  es  ist  dies  die
längste  mit  Hilfe  von  Instrumenten  im  chinesischen  Reich  jemals
erfolgte  Vermessung.
EDWARD  CHARLES  PICKERING,
Cambridge,  Mass.
Seit  1877  Direktor  der  Sternwarte  von  Harvard  College.  Seine
Tätigkeit  umfaßte  vornehmlich:  1.  Messungen  des  Lichts  der
Sterne;  es  sind  mit  einem  einzigen  Instrument  über  1000  000
Untersuchungen  gemacht  worden;  2.  Studien  über  die  Zusammensetzung ­
  der  Sterne,  wie  sie  sich  in  ihren  photographischen
Spektren  zeigen;  3.  photographische  Aufnahmen  des  Himmels,
die  seit  15  Jahren  Nacht  für  Nacht  gemacht  worden  sind;  es  ist
auf  diese  Weise  eine  Bibliothek  von  100  000  Glasplatten  angelegt
worden,  die  eine  vollständige  Geschichte  der  Sternenwelt  während
jenes  Zeitraums  enthält;  4.  Veröffentlichung  von  40  Quartbänden
von  Jahrbüchern.
ALBERT  A.  POPE,
Boston,  Mass.
Der  Pionier  in  der  Entwicklung  der  Zweirad-Industrie  in  den  Vereinigten ­
  Staaten.  Auf  sein  Betreiben  sind  die  öffentlichen
Parks  und  Boulevards  in  vielen  amerikanischen  Städten  für  die
Radfahrer  freigegeben  und  das  Zweirad  den  Wagen  und  anderen
Fahrzeugen  gleichgestellt  worden.  Infolge  seiner  unablässigen
Bemühungen  haben  der  Kongreß  der  Vereinigten  Staaten  und
die  gesetzgebenden  Körperschaften  vieler  Bundesstaaten  Maßregeln ­
  zur  Verbesserung  der  Landstraßen  getroffen.  Er  ist
leitendes  Mitglied  verschiedener  Vereinigungen  zur  Förderung
des  Unterrichts-  und  Erziehungswesens  und  Direktor  mehrerer
bedeutender  Finanz-  und  Industrieunternehmungen.
MICHAEL  I.  PUPIN,
New  York  City.
Elektrotechnischer  Erfinder.  Professor  der  Elektro-Mechanik  an
der  Columbia-Universität  in  New  York.  Der  Entdecker  der
elektrischen  Multiplex-Resonanz  und  ihrer  Anwendung  auf
die  Multiplex-Telegraphie  und  -Telephonie.  Sein  Name  ist  in
weitesten  Kreisen  bekannt  durch  die  Entdeckung  der
elektromagnetischen  Ladung  elektrischer  Leiter,  durch  die
die  Wirkung  der  elektrischen  Wellenübertragung  auf  diese
wesentlich  verstärkt  wird.  Die  praktische  Anwendbarkeit  seiner
        <pb n="181" />
        181

Entdeckung  für  Telegraphie-  und  Telephonie-Verbindungen  mit
Oberleitung  und  auf  Untergrund-  und  Untersee-Kabel  von  viel
größerer  Länge,  als  früher  je  für  möglich  gehalten  wurde,  ist
erwiesen  und  wird  jetzt  kommerziell  ausgenützt.  Man  erwartet  mit
Zuversicht  von  dieser  Entdeckung  das  transatlantische  Telephon
und  die  automatische  Telegraphie;  die  kürzlich  in  Amerika  und
Europa  gemachten  Versuche  berechtigen  zu  solcher  Hoffnung.
EDWIN  REYNOLDS,
Milwaukee,  Wis.
Erfinder  der  Reynolds-Corliss-Maschine,  Präsident  des  amerikanischen ­
  Vereins  der  Maschineningenieure  und  Hauptingenieur
der  Allis-Chalmers-Gesellschaft,  die  die  größten  stabilen  Dampfmaschinen ­
  herstellt.
JOHN  D.  ROCKEFELLER,
New  York  City.
Präsident  der  „Standard  Oil  Co.“  und  eine  anerkannte  Macht  auf
finanziellem  und  industriellem  Gebiet.
WASHINGTON  AUGUSTUS  ROEBLING,
New  York  City.
Brücken-Ingenieur;  Vizepräsident  der  Gesellschaft  John  A.  Roebling
and  Sons,  Fabrikanten  von  Telegraphen-Kabeln.  Er  war  am
Bau  der  Pittsburger,  der  Cincinnati-,  der  Covington-  und
anderer  bedeutender  Hängebrücken  beteiligt;  jetzt  ist  ihm  allein
die  Fertigstellung  der  neuen  Hängebrücke  zwischen  New  York
und  Brooklyn  übertragen.
HENRY  H.  ROGERS,
New  York  City.
Ein  Pionier  der  amerikanischen  Petroleumindustrie,  hervorragend
interessiert  an  der  „Standard  Oil  Co.“  und  an  großen  Fabrik-,
Minen-  und  Transportunternehmungen.  Ist  derzeit  Präsident  der
„Amalgamated  Copper  Co.“.
COLEMAN  SELLERS,
Philadelphia,  Pa.
Chef-Ingenieur  der  Niagarafall  -  Kraft  -  Gesellschaft.  Er  ist  Vizepräsident ­
  der  in  Philadelphia  domizilierenden,  von  Benjamin
Franklin  begründeten  Amerikanischen  Philosophischen  Gesellschaft ­
  zur  Verbreitung  von  Bildung,  sowie  Mitbegründer  und
ehemaliger  Vorsitzender  des  Amerikanischen  Vereins  der
Maschineningenieure,  Mitbegründer  und  erster  Präsident  des
Museums  und  der  Kunstgewerbeschule  in  Philadelphia.
        <pb n="182" />
        182

SAMUEL  SPENCER,
New  York  City.
Organisator  des  Eisenbahntransportwesens,  besonders  im  Süden  der
Vereinigten  Staaten,  wo  er  jetzt  den  Betrieb  auf  8649  Meilen
Eisenbahn  leitet.  Präsident  der  Southern  Bahn,  der  Süd-Georgiaund
  Florida-Eisenbahn,  der  Alabama-Südbahn,  der  Mobile-  und
Ohio-Eisenbahn,  der  Nördlichen  Alabama-Eisenbahn  und  der
Cincinnati-New-Orleans-  und  Texas-Pacific-Eisenbahn  mit  insgesamt ­
  40  660  Angestellten.
FRANK  J.  SPRAGUE,
New  York  City.
Elektrotechniker.  Nahm  besonderen  Anteil  an  der  Entwicklung  der
elektrischen  Fahrstühle  in  Amerika  und  Europa.
CHAS.  PROTEUS  STEINMETZ,
Sch.enecta.dy,  N.  Y,
Gelehrter  und  Erfinder.  Präsident  des  Amerikanischen  Instituts  der
Elektrizitätsingenieure.  Elektrotechniker  der  „General  Electric
Co.“,  die  die  meisten  elektrischen  Apparate  in  Amerika  erzeugt.
Er  stammt  aus  Breslau  in  Deutschland,  ist  Verfasser  einer
großen  Anzahl  wertvoller  Abhandlungen,  Schriften,  Bücher  usw.
über  Elektrotechnik  und  Besitzer  wichtiger  Patente  für  elektrische ­
  Kraftverwendung  und  elektrisches  Licht.  Beaufsichtigt
jetzt  in  Schenectady  den  Bau  der  neuen  10  000  Pferdekraft-Elektrizitätsgeneratoren
  für  den  Niagara,  der  weitaus  größten
Maschinen,  die  in  dieser  Art  gebaut  sind.
NIKOLA  TESLA,
New  York  City.
Elektrotechniker.  Mit  allgemeinen  Forschungen  beschäftigt.  Seine
für  den  Handel  bedeutendste  Leistung  ist  die  Herstellung  des
Induktionsmotors  mit  seinem  magnetischen  Drehfeld.  Er  ist
weithin  bekannt  als  Pionier  in  einzelnen  bedeutenden  elektrischen ­
  Fabrikationszweigen,  besonders  in  hochpotenzierter
elektrischer  Stromerzeugung.
EL1HU  THOMSON,
Swampscott,  Mass.
Elektrotechniker.  Einer  der  Begründer  der  Thomson-Houston-Elektrizitäts-Gesellschaft,
  die  im  Jahre  1892  mit  den  Edison-Unternehmungen
  als  „General  Electric  Co.“  vereint  wurde;
an  der  fortschreitenden  Entwicklung  dieser  Gesellschaft  hat  er
dauernden  tätigen  Anteil.  Urheber  bekannter  Erfindungen  auf
dem  Gebiete  elektrischer  Beleuchtung  und  Kraftverwendung,
elektrischer  Bahnen  usw.,  Erfinder  von  elektrischen  Metallbearbeitungen ­
  und  Schweißungen,  Schriftsteller  auf  Wissenschaft ­
        <pb n="183" />
        183

lichem  und  technischem  Gebiet  und  Mitglied  vieler  technischer ­
  und  wissenschaftlicher  Vereine,  u.  a.  des  Instituts  für
Zivilingenieure  in  London,  des  Amerikanischen  Instituts  für
Elektrptechniker,  dessen  Präsident  er  früher  gewesen,  und  der
Amerikanischen  Akademie  für  Kunst  und  Wissenschaft.
ROBERT  JH.  THURSTON,
Ithaca,  N.  Y.
Beratender  Ingenieur,  wissenschaftlicher  Forscher,  Entdecker  und
Erfinder;  an  der  Cornell-Universität  zu  Ithaca  Organisator  und
Direktor  der  Schule  für  Maschinentechnik  und  Mechanik,  die
unter  dem  Namen  Sibley  College  bekannt  und  die  größte  ihrer
Art  in  den  Vereinigten  Staaten  ist.  Begründer  eines  Laboratoriums ­
  für  technische  Forschungen;  hat  die  ersten  Spezialkurse
für  Maschinentechnik  in  den  Vereinigten  Staaten  organisiert  und
sich  darin  hervorgetan,  den  technischen  Berufen,  dem  technischen ­
  Unterricht  und  der  technischen  Literatur  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  System  und  wissenschaftliche  Methode  zu  geben.
Er  istHerausgeber  mehrerer  Lehrbücher  und  Zeitschriften  für  technische ­
  Wissenschaft,  Verfasser  von  zwanzig  Bänden  Abhandlungen
über  Dampfmaschinen  und  von  Hunderten  von  Aufsätzen  über
technische  Fragen  in  Fachblättern  aller  Länder.  Als  Mitglied
verschiedener  nationalen,  staatlichen,  provinziellen  und  städtischen ­
  Kommissionen  sowie  von  internationalen  Jurys  und  Vereinigungen ­
  hat  Thurston  viele  für  Staat  und  Nation  wichtige
Unternehmungen  fördern  helfen.
CHARLES  D.  WALCOTT,
Washington,  D.  C.
Direktor  des  Geologischen  Vermessungsamts  der  Vereinigten
Staaten,  desjenigen  Zweiges  der  Staatsverwaltung,  der  die
Geographie,  Geologie,  Forstwissenschaft  und  die  Binnenwasserkunde ­
  des  Landes  zu  erforschen  hat;  Organisator  und  Leiter
von  Hochschulinstituten;  Mitglied  verschiedener  amerikanischer
und  europäischer  Akademien  und  wissenschaftlicher  Vereinigungen ­
  und  Verfasser  zahlreicher  Monographien  und  Schriften.
JOHN  G.  WALKER,
Washington,  D.  C.
Kontre-Admiral  der  Marine  der  Vereinigten  Staaten  und  Präsident
der  Vereinigten-  Staaten-Isthmus-Kanal-Kommission.  Kontre-Admiral
  Walker  hat  mit  alleiniger  Ausnahme  der  asiatischen
sonst  alle  ausländischen  Stationen  der  Vereinigten  Staaten
und  auch  das  erste  Geschwader  der  neuen  amerikanischen
Marine  befehligt.  War  Vorsitzender  des  Leuchtturm-Departements ­
  im  Schatzamt  und  Bureauchef  einer  Kommission,  die
die  Aufgabe  hatte,  in  Süd-Californien  einen  geeigneten  Platz
für  einen  Tiefwasser-Handelshafen  ausfindig  zu  machen.  Et
        <pb n="184" />
        184

zog  sich  1897  vom  aktiven  Dienst  zurück  und  wurde  zum
Vorsitzenden  der  Nicaragua-Kanal-Kommission  ernannt,  um  die
Durchführbarkeit  und  die  Kosten  eines  Nicaragua-Kanalbaues
zu  prüfen  und  zu  berechnen.  1899  wurde  er  Präsident  der
Isthmus-Kanal-Kommission  und  erhielt  als  solcher  den  Auftrag,
die  gangbarste  und  praktischste  Route  durch  den  amerikanischen
Isthmus  für  einen  Kanal  auszufinden,  der  unter  der  Leitung  und
Aufsicht  und  im  Besitz  der  Vereinigten  Staaten  stehen  soll.
GEORGE  GRAY  WARD,
New  York  City.
Betriebsdirektor  der  „Postal  Telegraph  and  Commercial  Cables“
der  Vereinigten  Staaten  und  Vertreter  der  Deutschen  Atlantischen ­
  Telegraphen  -  Gesellschaft  mit  zusammen  27  000
Meilen  Telegraphendraht  und  20  000  Meilen  unterseeischer  atlantischer ­
  Kabel  (vergl.  Kapitel  VIII).
LEVI  C.  WEIR,
New  York  City.
Präsident  der  Adams-Express-Gesellschaft,  Pionier  des  Expreßgeschäfts ­
  dieses  Landes  —  einer  spezifisch  amerikanischen  Einrichtung. ­
  Ihre  Tätigkeit  erstreckt  sich  auf  ungefähr  35  000  Meilen
Eisenbahnlinien.
GEORGE  WESTINGHOUSE.
Pittsburg,  Pa.
Erfinder,  Fabrikant,  Organisator,  Präsident  der  Westinghouse-Luftbremsen-Gesellschaft,
  der  „Westinghouse  Electric  Mfg.  Co.“
(vergl.  Kapitel  II),  ebenso  von  englischen,  französischen,  deutschen
und  russischen  Luftbremsen-  und  Elektrizitätsgesellschaften  und
vierzehn  anderen  Gesellschaften  in  verschiedenen  Ländern,  die
über  20000  Arbeiter  beschäftigen.  Erfinder  der  nach  ihm  benannten
Luftbremse  und  einer  Reibungskupplung,  die  Menschenleben  und
Eigentum  sichert.  Hat  lebhaften  Anteil  genommen  an  der  Nutzbarmachung ­
  des  Kohlengases  für  den  Gebrauch  in  Häusern  und
Fabriken  und  hat  eine  praktische  Gasmaschine  erfunden.  Hat
trotz  großer  Opposition  erfolgreich  den  Wechselstrom  elektrischer
Transmissionen  und  den  Induktionsmotor  eingeführt.  Hat  die
größten  elektrischen  Maschinen  und  die  mächtige  Anlage  am
Niagara  gebaut.
EDWARD  WESTON,
Wa’oerty  Park,  N.  J.
Pionier  der  amerikanischen  Galvanoplastik;  hervorragend  in
der  Bogen-  und  Glühlicht-Beleuchtung,  im  Bau  von  Dynamo-Maschinen
  und  in  der  Entwicklung  von  Zentralstationen.  Seit
1886  hat  er  seine  Kräfte  hauptsächlich  der  Erfindung  und
        <pb n="185" />
        185

Zeichnung  von  höchst  präzisen  elektrischen  Meßinstrumenten
  für  Handelszwecke  gewidmet.  Er  hat  sich  in  den
Vereinigten  Staaten  ca.  500  Erfindungen  patentieren  lassen
und  war  vormals  Präsident  des  Amerikanischen  Instituts  für
Elektrizitätsingenieure.
FREDERICK  WEYERHAEUSER,
St.  Paal,  Minn.
Hat  1856  in  Illinois  das  Bauholzgeschäft  als  Vorsitzender  der  von
ihm  begründeten  Weyerhaeuser-Gesellschaft  begonnen;  er  ist  derzeit ­
  einer  der  größten  Besitzer  von  Bauholz-Waldungen  in  der
ganzen  Welt,  wie  er  auch  das  anerkannte  Haupt  dieser  Industrie
in  Amerika  ist.
Von  diesen  Männern,  die  sich  damals  zur  Begrüßung
des  Prinzen  Heinrich  versammelt  hatten,  sagte  die  New
Yorker  Staatszeitung:  „Der  erlauchte  Bruder  des  Deutschen
Kaisers  und  mächtigen  Schirmers  friedlicher  Bestrebungen
hat  echte  und  wahre  Amerikaner  kennen  gelernt,  Leute  von
dem  Schlag  der  Augsburger  Fugger,  Fürsten  des  Handels,
Baumeister  unserer  Größe.  Es  waren  nicht  lauter  Millionäre,
die  da  saßen,  aber  sie  gehörten  ausschließlich  zu  der  Klasse
jener  Arbeiter,  die  die  unerschöpfliche  Produktionskraft  der
Neuen  Welt  in  Millionen  umzumünzen  verstehen,  und  die
unsern  Nationalwohlstand  begründen  halfen.“
sfi*  ❖
*
In  meinen  zu  jener  Zeit  nach  Berlin  gerichteten  Mitteilungen ­
  habe  ich  in  Kenntnis  der  Stimmung,  die  hervorragende
amerikanische  Industrielle  beseelte,  dem  dringenden  Wunsche
Ausdruck  gegeben,  daß  unsere  beamteten  Deutschen  in  den
Vereinigten  Staaten  mit  den  Vertretern  des  dortigen  Gewerbefleißes, ­
  die  sie  dank  der  Amerikafahrt  des  Prinzen  Heinrich  in
der  Hauptsache  erst  durch  das  Festmahl  bei  Sherry’s  kennen
gelernt  hatten,  nunmehr  in  dauernden  und  möglichst  guten
Beziehungen  bleiben  sollten.  In  den  eben  erwähnten  Mitteilungen ­
  finden  sich  noch  einige  andere  Stellen,  die  ich  hier
einschalten  möchte.  Nachdem  ich  auf  die  Notwendigkeit  einer
        <pb n="186" />
        186

Änderung  unserer  wirtschaftlichen  Interessenvertretung  im
Ausland  hingewiesen  und  hierbei  insbesondere  den  Gedanken
erörtert  hatte,  in  den  Haupthandelspunkten  der  Vereinigten
Staaten  „wirtschaftliche  Abteilungen“  zu  schaffen,  hebt  der
Bericht  hervor,  daß  eine  derartige  Einrichtung  in  Amerika  kein
Befremden  erregen  würde,  und  daß  sich  sicherlich  ein  Anlaß
bieten  könnte,  bei  dem  sich  eine  solche  Tatsache  bequem
verlautbaren  ließe.  Ich  schrieb:  „Wie  mir  der  Präsident
der  New  Yorker  Handelskammer  gesagt  hat,  unterbreitete
er  auf  dem  Bankett  bei  Sherry’s  durch  Prinz  Heinrich
dem  Kaiser  die  Bitte,  einen  Vertreter  zur  Einweihungsfeierlichkeit ­
  des  neuen  Handelskammergebäudes  im
kommenden  November  nach  New  York  zu  entsenden
(dieser  Bitte  ist,  wie  bekannt,  durch  Delegierung  des
Prinzen  Hans  Heinrich  von  Pleß  gewillfahrt  worden);
hier  würde  eventuell  ein  willkommener  und  vortrefflicher
Anlaß  gegeben  sein,  auf  die  von  Deutschland  beabsichtigte
Einrichtung  hinzuweisen.  Zugleich  wäre  es  möglich,  die
fördernde  Mitarbeit  der  Handelskammermitglieder  bei
einer  Organisation  zu  erbitten,  die  schließlich  Deutschland
und  der  Union  gleichmäßig  zum  Nutzen  gereichen  soll.“
Hieran  knüpfte  ich  die  folgenden  Erwägungen:  „Aber
noch  manches  andere  wird  der  Verbesserung  bedürfen,  um
unsere  wirtschaftliche  Position  in  den  Vereinigten  Staaten
zu  festigen.  Die  Abhängigkeit  z.  B.  des  deutsch-amerikanischen ­
  Drahtnachrichten-Austausches  von  London  und  die
damit  verbundenen  Übelstände  sind  zwar  gegenwärtig  in
etwas  gemildert.  Doch  dauert  die  Bevormundung  an,
nicht  zum  Vorteil  für  uns.  Im  Interesse  beider  Länder
müßte  mit  aller  Bestimmtheit  dahin  gestrebt  werden,
jede  fremdländische  Vermittlung  auszuschalten  und  einen
direkten,  vom  Auslande  unkontrollierten  Drahtnachrichten-Austausch
  zwischen  Deutschland  und  den  Vereinigten
        <pb n="187" />
        187

Staaten  herbeizuführen.  Inwieweit  dies  nach  Lage  der  bestehenden ­
  Verträge  tunlich  ist,  vermag  ich  nicht  zu  beurteilen. ­
  Jedenfalls  waren  die  ursprünglichen  Verträge
zu  einer  Zeit  abgeschlossen,  in  der  weder  Deutschland
noch  die  Union  politisch  und  ökonomisch  die  jetzige  Weltstellung ­
  einnahmen.  So  wurde  jenes  sonderbare,  bis  in
unsere  Tage  reichende  Verhältnis  geschaffen,  dem  nicht  selten
objektive  Berichterstattung  abgeht,  und  dessen  charakteristische ­
  Tendenz  es  zu  sein  scheint,  durch  Unterdrückungen
oder  Entstellungen  in  der  Hauptsache  solche  Nachrichten
weiter  zu  verbreiten,  die  oft  nur  auf  den  Schutz  der  Interessen ­
  Englands  abzielen.  Sollte  es  richtig  sein,  daß  die
vorerwähnten  Verträge  in  kurzer  Frist  ablaufen,  so  wird
die  Reichsregierung,  davon  bin  ich  durchdrungen,  Mittel
und  Wege  finden,  um  Wandel  eintreten  zu  lassen.  Die
Fesseln  müssen  gelöst  werden.  Auf  amerikanischer  Seite
dürfte  man  einsichtsvollem  Verständnis  und  williger  Unterstützung ­
  begegnen.  .  .  .  Ob  und  inwieweit  es  möglich  sein
sollte,  den  systematischen  englischen  Preßintrigen  gegen  uns
und  den  kaum  unterbrochenen  und  dann  wieder  beginnenden ­
  Hetzereien  der  Jingo-Blätter  im  Land  wirksam  zu  begegnen, ­
  vermag  ich  abschließend  nicht  zu  beurteilen.  Auf
der  einen  Seite  ist  es  bei  allen  diesen  Leuten  „Geschäftssache“, ­
  auf  der  andern  Seite  liefern  ihnen  bedauerlicherweise ­
  viele  unserer  eigenen  Organe  ausgiebigen  Stoff  für
tendenziöse  Aufbauschungen  und  Sensationen.  Und  doch
habe  ich  die  Empfindung,  daß  manche  günstige  Korrektur
für  uns  möglich  wäre.“
Soweit  meine  damaligen  Mitteilungen  nach  Berlin.  An
anderer  Stelle  komme  ich  in  einem  besonderen  Abschnitt  auf
die  Gestaltung  der  deutsch-amerikanischen  Beziehungen  in
der  Presse  ausführlicher  zurück.
#  *
        <pb n="188" />
        188

Eine  hervorragende  demokratische  Zeitung  des  Westens
hatte  geraume  Zeit  nach  der  Abreise  des  Prinzen  Heinrich
an  die  Spitze  des  Blattes  die  folgende  bemerkenswerte
Äußerung  gestellt:  „Wenn  man  überall  in  Deutschland  von
der  gewaltigen  Macht  der  öffentlichen  Meinung  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  etwas  mehr  als  einen  höchst  oberflächlichen
Begriff,  wenn  man  Gelegenheit  gehabt  hätte,  den  Umschwung
zum  Guten,  wie  wir  ihn  hier  beobachten  konnten,  kennen
zu  lernen,  so  würde  man  schwerlich  zu  bestreiten  gewagt
haben,  daß  in  der  Tat  der  Besuch  des  Prinzen  Heinrich
bereits  günstige  Folgen  für  die  wechselseitigen  Beziehungen
gehabt  hat.  Als  erste  sichtbar  in  die  Augen  fallende  Folge
darf  schon  jetzt,  ohne  die  Sache  optimistisch  anzusehen,  als
Tatsache  bezeichnet  werden,  daß  es  in  Zukunft  sehr  schwer
halten  dürfte,  die  gegenseitigen  Beziehungen  durch  Verleumdungen ­
  wieder  so  zu  trüben,  wie  das  früher  der  Fall  gewesen
ist.  Und  das  ist  schon  ein  ungeheurer  Vorteil!“
Hierauf  bezugnehmend,  schloß  ich  meinen  Bericht  mit
den  Worten:  „Daß  der  Umschwung  von  Dauer  sein  möge,
ist  sicherlich  der  innigste  Wunsch  aller  derer,  denen  in
Amerika  wie  in  Deutschland  das  Wohl  der  Gesamtheit  am
Herzen  liegt.  Sie  haben  hier  unsern  Prinzen  lieb  gewonnen
um  seiner  selbst  willen;  sie  haben  ihn  aber  besonders  deswegen ­
  lieb  gewonnen,  weil  sie  seinen  Bruder  aufrichtig  und
wahr  in  ihr  Herz  geschlossen  haben,  den  sie  —  und  das  ist
die  größte  Bewunderung,  die  ein  Amerikaner  zollen  kann  —
zugleich  als  »the  greatest  business  man  of  the  world«  verehrungsvoll ­
  rühmen.“
        <pb n="189" />
        Kapitel  XIII.
Allerlei  über  die  Arbeiterfrage*

In  voraufgegangenen  Kapiteln  habe  ich  die  Arbeiterfrage
im  allgemeinen  beleuchtet  und  die  Bedeutung  besprochen,
die  ihr  für  das  wirtschaftliche  Leben  wie  voraussichtlich  in
wachsendem  Umfange  innerhalb  des  politischen  Organismus
der  Union  beizumessen  ist.  Einige  Ergänzungen  und  besondere
Einzelheiten  sollen  sich  hier  anschließen.
Wohl  nirgends  in  der  Welt  ist  der  Arbeiter  als  solcher
so  sehr  Individualist  wie  in  den  Vereinigten  Staaten;  er
ist,  wie  der  Arbeitgeber,  gleich  rücksichtslos  in  der  Verfolgung ­
  des  Endzwecks,  auch  für  seine  Person  „Geld
zu  machen“.  Nicht  daß  er  dem  andern  das  Erworbene
mißgönnt  —  wohl  aber  will  auch  er,  der  in  den  Betrieben
der  Trust-Magnaten  im  Schweiße  seines  Angesichts  schafft,
seinen  Anteil  haben.  Und  das  ist  rein  menschlich
begreiflich  und  nachempfindbar  in  einem  Land,  in  dem
die  fabelhaftesten  Summen  als  Provisionen  für  „Kombinationen“ ­
  und  Trustierungen  gezahlt  —  und  laut  bekanntgegeben ­
  werden.  Auf  beiden  Seiten  drängt  sich  selbstsüchtige ­
  Ausnutzung  der  jeweilig  vorhandenen  Chancen
scharf  in  den  Vordergrund.  Beweiskräftig  hierfür  war  u.  a.
im  April  1902  die  Haltung  der  Gruppen-Interessenten  bei
Votierung  der  „Chinesen-Ausschluß-Bill“.
Wie  bekannt,  wurden  damals  diejenigen  Bestimmungen
        <pb n="190" />
        190

des  Geary’schen  Gesetzes,  die  nicht  mit  den  Staatsgesetzen
in  Widerspruch  stehen,  verlängert  und  auch  auf  die  neu
erworbenen  Inselgebiete  übertragen.  In  der  voraufgegangenen ­
  parlamentarischen  Diskussion  wurde  einesteils  ausgeführt: ­
  Der  Industrie-Kapitalismus  brauche,  und  das  trage
durch  die  Möglichkeit  erhöhten  Wettbewerbes  zum  Wohlstände ­
  des  Landes  bei,  willige  Hände  und  billige  Arbeitskräfte. ­
  Beides  finde  er  bei  den  Chinesen,  und  deshalb  trete
er  gegen  das  Gesetz  und  für  die  Zulassung  der  Chinesen
ein.  Auf  der  andern  Seite  wurde  hervorgehoben:  Die  Aufgabe ­
  der  Arbeiter  ist,  sich  ihrer  Haut  zu  wehren,  das  zu
verteidigen,  was  sie  haben,  zu  erobern,  was  sie  noch  nicht
haben.  Jeder  Arbeiter  wisse,  daß  es  für  ihn  gar  nicht  darauf
ankomme,  ob  der  allgemeine  Reichtum  des  Landes  durch
die  wohlfeilere  Chinesenarbeit  zunehme,  sondern  einzig
darauf,  wie  diese  Chinesenarbeit  auf  die  Arbeitsgelegenheit
und  auf  die  Lebenshaltung  des  Arbeiters  einwirke.  Es  sei
aber  bekannt,  daß  der  Chinese  infolge  seiner  Anspruchslosigkeit ­
  billiger  arbeiten  könne  als  der  amerikanische
Arbeiter,  deswegen  würde  dieser  geschädigt  und  in  seiner
Lebenshaltung  herabgedrückt.  Für  „christlich-sozialisierende
liebende  Brüderlichkeit“  sei  auch  kein  Raum,  das  materielle
und  finanzielle  Interesse  der  Arbeiter  stünde  in  vorderster
Reihe.
Während  die  Organisation  der  Arbeiter-Unions  von
Tag  zu  Tag  weitere  und  erhebliche  Fortschritte  macht
und  sich  über  alle  Staatengebilde  festgefügt  dehnt,  beschränken ­
  sich  die  Arbeitgeber  auf  den  Versuch,  die
Arbeiter  dem  schiedsgerichtlichen  Verfahren  gemeinhin  geneigt ­
  zu  stimmen.  Hierin  werden  sie  durch  die  rühmliche
Tätigkeit  der  von  mir  bereits  an  anderer  Stelle  erwähnten
„National  Civic  Federation“  beziehungsweise  ihrer  „industriellen ­
  Abteilung“  nach  Tunlichkeit  unterstützt.  Die  ge ­
        <pb n="191" />
        191

schäftliche  Leitung  lag  während  meiner  Anwesenheit  in  der
Union  in  den  Händen  des  General-Sekretärs  Herrn  Easley,
eines  früheren  Journalisten  in  Kansas.  Easley  sagte  mir:
„Unsere  Organisation  —  die  sich  in  zwei  Hauptabteilungen
gliedert,  in  das  »Industrial  Department«  unter  der  Präsidentschaft ­
  von  Senator  Marcus  A.  Hanna  und  in  das
»Taxation  Department«  unter  der  Präsidentschaft  von  Professor ­
  Edwin  R.  A.  Seligmann  von  der  Columbia-Universität
in  NewYork  —  bezweckt,  für  alle  Schichten  des  Volkes  einen
gemeinsamen  Boden  zu  schaffen,  auf  dem  nationale,  wirtschaftliche ­
  und  soziale  Fragen  behandelt  und  geklärt  werden.  Die
Absicht  unserer  industriellen  Abteilung  zielt  besonders  darauf
hin,  gewerbliche  Störungen  in  diesem  Lande  auf  ein  möglichst ­
  geringes  Maß  zurückzuführen.  Wenn  die  Vereinigten
Staaten  ihre  wirtschaftliche  Suprematie  aufrechterhalten
sollen,  so  dürfen  sie  nicht  gefährdet  werden  durch  Unterbrechung ­
  des  industriellen  Betriebes.  Arbeitgeber  und
Arbeitnehmer  müssen  Hand  in  Hand  miteinander  gehen,  um
das  Beste  und  Billigste  zu  produzieren.  An  die  Stelle  von
Streiks  und  Ausschlüssen  sollen  Versöhnung  und  Schiedsspruch ­
  treten;  das  ist  der  große  Zweck,  den  wir  im
Auge  haben.  Hierzu  müssen  die  Menschen  erzogen  werden,
und  auch  das  wollen  wir  durch  unsere  Vereinigung  erreichen.
Natürlich  sind  die  Sozialisten  nicht  Freunde  unserer  Bestrebungen— ­
  sie  betrachten  die  Versöhnung  von  Kapital  und
Arbeit  als  eine  der  größten  Gefahren,  die  die  arbeitenden
Klassen  Amerikas  je  bedroht  hat.  So  wenigstens  schreiben
die  leitenden  sozialistischen  Organe.  Das  wird  aber  unsere
Bemühungen  nicht  aufhalten.“  Diese  Bemühungen  sind
bis  jetzt  nur  zum  geringsten  Teil  erfolgreich  gewesen.
Das  verschuldet  auch  der  Umstand,  daß  die  Arbeitgeber
nur  schlaff  zusammengehalten  sind  und  zumeist  eines
einheitlichen  und  konsequenten  Programmes  entbehren.
        <pb n="192" />
        192

Solches  aber  wäre  um  so  dringender  geboten,  als  die  „American
Federation  of  Labor“  ihre  und  ihrer  Vertreter  grundsätzliche
Anerkennung  überall  fordert.  Und  wenn  man  es  auch  nicht
wahr  haben  will,  so  steht  fernerhin  die  bedeutungsvolle
Tatsache  fest,  daß  aus  den  geschlossenen  Reihen  der
„American  Federation  of  Labor“  die  „Neue  Partei“  kräftig
heranreift,  auf  die  ich  in  Kapitel  III  hingewiesen  habe.
Herr  Dr.  J.  Ließ,  Sprecher  der  freien  Deutschen  Gemeinde
in  San  Francisco,  der  sich  seit  vielen  Jahren  eingehend  mit
dem  Studium  sozialpolitischer  Dinge  befaßt  hat  und  als
Kenner  der  amerikanischen  Arbeiterbewegung  gilt,  äußerte
sich  im  Frühling  1902  hierüber  zu  mir,  wie  folgt:
„Mit  der  Gründung  und  dem  Erfolge  der  Arbeiterpartei ­
  in  Californien  sowie  dem  jetzt  unverkennbar
raschen  Anwachsen  der  sozialistischen  Partei  in  den
Mittel-  und  Oststaaten  dürfte  sich  die  Parteikonstellation
wesentlich  ändern.  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  daß  sich
in  nicht  allzu  ferner  Zukunft  die  (Marxistische)  sozialistische ­
  Partei  der  Vereinigten  Staaten  mit  der  jüngeren
Arbeiterpartei  in  ähnlicher  Weise  verschmelzen  wird,
wie  einst  in  Deutschland  die  Marxistischen  »Eisenacher«
mit  den  »Lassalleanern«,  zunächst  unter  einem  Kompromißprogramm, ­
  ähnlich  dem  »Gothaer  Programm«
der  deutschen  sozialdemokratischen  Partei,  aus  dem
dann  ein  strikt  sozialistisches  Programm  und  eine
strikt  sozialistische  Arbeiterpartei  hervorgehen  dürfte.
Und  bei  der  sprung-  und  ruckweisen,  häufig  konvulsivischen ­
  Entwicklung  der  politischen  wie  der  wirtschaftlichen ­
  Dinge  in  Amerika  wird  es  in  absehbarer  Zeit  zu
heftigen,  auf  der  ganzen  Linie  geführten  politischen
Kämpfen  zwischen  Arbeit  und  Kapital  und  damit  zu  verstärkten ­
  wirtschaftlichen  Kollisionen  zwischen  beiden  Interessengruppen ­
  kommen.  Die  industrielle  Suprematie
        <pb n="193" />
        193

Amerikas  im  Weltwettbewerbe  wird  dadurch  ohne  Zweifel
vorübergehend  schwer  benachteiligt  werden,  aber  anderseits ­
  dürften  die  Vereinigten  Staaten,  in  denen  tatsächlich ­
  der  Volkswille  das  höchste  Gesetz  ist,  dereinst
das  erste  Industrieland  der  Welt  sein,  in  dem  eine
sozialistische  Arbeiterpartei  zur  Herrschaft  gelangt  und  zur
Vergesellschaftung  zunächst  der  wichtigsten  Produktionsund ­
  Distribudonsmittel  schreitet.“
»Je  $
Die  Gegensätze  zwischen  Arbeitgebertum  und  Arbeiterschaft ­
  mußten  sich  drüben  um  so  zwingender  vertiefen,  als
sie  in  der  Eigenart  der  ökonomischen  Entwicklung  ihre
natürlichen  Ursachen  fanden.  Auf  der  einen  Seite  rapide
Zunahme  zum  Großbetrieb  und  zur  Kapitalansammlung,  auf
der  andern  Seite  das  Bestreben  des  Unternehmertums,  bei
Ausweitung  des  Betriebes  die  Maschine  zum  Menschen,  den
Menschen  zur  Maschine  zu  machen.  Man  halte  sich  die
folgenden  Zahlenbewegungen  gegenwärtig:
Im  Jahre  1850  bestanden  in  der  Union  123  029  Fabriken
und  Werkstätten  mit  einer  durchschnittlichen  Arbeiterzahl  von
857  059,  einer  Kapitalausrüstung  von  533  Millionen  Dollars,
so  daß  auf  jede  Anlage  7  bis  8  Arbeiter  und  4335  $  Kapital
entfielen.  Im  Jahre  1860  war  die  Zahl  der  Anlagen  um
14,1  Proz.  auf  140  433,  die  der  Arbeiter  um  37  Proz.  auf
1311246,  das  investierte  Kapital  um  89,4  Proz.  auf  1  Milliarde
gestiegen,  so  daß  sich  auf  jede  Anlage  9  bis  10  Arbeiter  und
7121  $  Kapital  verteilten.  Im  Jahre  1870  war  die  Zahl  der
Etablissements  um  79,6  Proz.  auf  252  148,  die  der  Arbeiter
um  56,6  Proz.  auf  2  053  996,  das  investierte  Kapital  um
109,8  Proz.,  das  durchschnittliche  Anlagekapital  auf  8405  $
gestiegen.  Die  Durchschnittszahl  der  Arbeiter  in  der  ein-13
        <pb n="194" />
        194

zelnen  gewerblichen  Anlage  war  auf  8  zurückgegangen.  In
den  nächsten  10  Jahren,  bis  1880,  war  die  Zunahme  der
Anlagen  sehr  gering.  Sie  stieg  nur  um  0,7  Proz.  auf
253  852.  Doch  eine  bemerkenswerte  Konzentration  trat
ein:  Die  fast  unveränderte  Zahl  der  Betriebsstätten  beschäftigte ­
  2  732  595  Arbeiter  (33  Proz.  mehr),  fast  11  im  Durchschnitt, ­
  und  das  investierte  Kapital  hatte  in  der  Zunahme  auf
2790  Millionen  Dollars  (31,7  Proz.)  gleichen  Schritt  gehalten.
Auf  die  einzelne  Anlage  entfielen  10  000£.  Im  Jahre  1890
zählte  man  in  355  415  Arbeitsstätten  (Zunahme  40  Proz.)
4  251  613  Arbeiter  (Zunahme  55,6  Proz.),  bei  einem  Anlagekapital ­
  von  6525  Millionen  Dollars  (Zunahme  133,9  Proz.),
so  daß  im  Durchschnitt  jeder  Betrieb  12  Arbeiter  und  ein
Anlagekapital  von  18  400  $  hatte.  Im  Jahre  1900  gab  es  in
den  Vereinigten  Staaten  512  726  Betriebsstätten  (44,3  Proz.
mehr)  mit  5  321  087  Arbeitern  (25,2  Proz.  mehr)  —  10  Arbeiter ­
  auf  jede  Betriebsstätte  —  und  9875  Millionen  Dollars
Anlagekapital  (51,3  Proz.  mehr),  19  300  $  auf  die  einzelne
Anlage.  In  dem  angegebenen  fünfzigjährigen  Zeitraum  ist  demnach ­
  die  Zahl  der  Anlagen  um  316  Proz.,  die  Zahl  der  darin
beschäftigten  Arbeiter  um  456  Proz.,  das  investierte  Kapital
um  1755  Proz.  gewachsen.  Seit  dem  Jahre  1870  ist  das
Zunahmeverhältnis:  104  Proz.,  160  Proz.  und  366  Proz.  Der
Wert  der  Produktion  wurde  1850  auf  1019  Millionen  Dollars
angegeben,  1860  auf  1886  Millionen  (85,1  Proz.  mehr),  1870
auf  4232  Millionen  Dollars  (135  Proz.  mehr),  1880  auf
5370  Millionen  (27  Proz.  mehr),  1890  auf  9372  Millionen
(74,5  Proz.  mehr),  1900  auf  13  040  Millionen  Dollars
(39,1  Proz.  mehr).  Das  fünfzigjährige  Wachstum  war
1179  Proz.,  das  dreißigjährige  208  Proz.  Im  Jahre  1890
blieb  von  dem  erarbeiteten  Wert  (9372  Millionen  Dollars)
nach  Abzug  der  Löhne,  Gehälter,  Materialienkosten  und
5  Proz.  Zinsen  des  investierten  Kapitals  von  6525  Millionen
        <pb n="195" />
        195

Dollars  ein  Mehrwert  von  1046  Millionen  Dollars  oder
3000  $  per  Betriebsstätte  oder  16  Proz.  Gewinn  des  investierten ­
  Kapitals.  Im  Jahre  1900  war  der  Überschuß
1431  Millionen  Dollars  oder  fast  2800  $  pro  Betriebsstätte
oder  14,5  Proz.  Gewinn.
Die  Aufwendung  an  Arbeitslöhnen  betrug  1850:  237
Millionen,  1860:  379  Millionen  (60  Proz.  Zunahme),  1870:
776  Millionen  (104,7  Proz.  Zunahme),  1880:  948  Millionen
(22,2  Proz.  Zunahme),  1890:  1891  Millionen  (99,5  Proz.
Zunahme),  1900:  2330  Millionen  Dollars  (23,2  Proz.  Zunahme). ­
  Das  fünfzigjährige  Wachstum  war  883  Proz.,  das
dreißigjährige  200  Proz.  Der  Zuwachs  innerhalb  der  beiden
letzten  Dezennien  betrug  beinahe  250  Proz.
Im  Jahre  1850  betrug  der  jährliche  Durchschnittslohn
eines  Fabrikarbeiters  247  $,  im  Jahre  1860  um  17  Proz.
mehr,  289  $,  im  Jahre  1870  weiter  um  31  Proz.  mehr,
378  $,  im  Jahre  1880  um  8  Proz.  weniger,  347  $,  im  Jahre
1890  wieder  um  28  Proz.  mehr,  445  $,  im  Jahre  1900  um
1,6  Proz.  weniger,  438  $.  Die  Steigerung  beläuft  sich  gegenüber ­
  1880  auf  26  Proz.,  gegenüber  1870  auf  16  Proz.,
gegenüber  1860  auf  52  Proz.,  gegenüber  1850  auf  77  Proz.
Bei  dieser  Durchschnittsrechnung  ist  weder  nach  Geschlecht
noch  nach  Alter  ein  Unterschied  gemacht,  weil  in  der  genannten ­
  Beziehung  gesonderte  Angaben  erst  seit  1890  vorhanden ­
  sind.  In  diesem  Jahre  verdiente  der  erwachsene
(mehr  denn  sechzehnjährige)  männliche  Arbeiter  durchschnittlich ­
  499  $  Lohn,  im  Jahre  1900  um  1,6  Proz.  weniger,
491  $.  Die  erwachsene  (mehr  denn  sechzehnjährige)
Arbeiterin  erhielt  im  Jahre  1890  durchschnittlich  268,  im
Jahre  1900  durchschnittlich  273  $  Lohn,  also  1,9  Proz.
mehr.  Die  Kinderarbeit  wurde  1890  mit  137,  im  Jahre  1900
mit  durchschnittlich  152  $  oder  10,9  Proz.  höher  entlohnt.
Die  Gehälter  für  Geschäftsangestellte  beliefen  sich  im
13*
        <pb n="196" />
        196

Jahre  1890  auf  durchschnittlich  850,  im  Jahre  1900  auf
durchschnittlich  1017  $  oder  19,6  Proz.  mehr.
Die  Verteilung  der  Lohnsätze  auf  die  einzelnen  Betriebszweige ­
  ergibt  selbstverständlich  sehr  ungleiche  Zahlen.
Die  Spannung  zwischen  den  niedrigsten  und  höchsten  Lohnsätzen, ­
  selbst  innerhalb  der  nämlichen  Arbeitsgebiete,  ist  zeitweilig ­
  außergewöhnlich  —  oft  abhängig  davon,  in  welchem
Teil  der  Union  die  betreffenden  Löhne  gezahlt  werden,  und
dann,  ob  an  gelernte  (skilled)  Arbeiter  oder  an  ungelernte
beziehungsweise  bloße  Hand-Arbeiter.  Die  Zensus-Statistik,
die  ich  meinen  voraufgegangenen  Ausrechnungen  zugrunde
gelegt  habe,  gibt  aber  für  die  augenblicklich  geltenden  Lohnsätze ­
  kein  nur  einigermaßen  zutreffendes  Bild,  da  immer
nur  von  Durchschnittszahlen  für  einen  bestimmten  Zeitraum
die  Rede  ist.  Dagegen  bieten  die  Jahresberichte  des  „Commissioner
  of  Labour“  in  Washington  zur  Beurteilung  der
jetzigen  Lohnsätze  ungleich  wertvolleres  Material.  Diese
Jahresberichte,  die  unter  dem  Titel:  „A  Compilation  of
wages  in  commercial  countries  from  official  sources“  veröffentlicht ­
  sind,  liefern  zugleich  eine  vergleichende  Übersicht ­
  mit  den  Löhnen,  die  in  anderen  Kulturstaaten  zur
Zahlung  gelangen,  und  reichen  bis  einschließlich  1900.
Allerdings  nur  scheinbar.  Tatsächlich  sind  in  dem  sonst
vortrefflich  angelegten  Werk  oft  als  letzte  Ziffern  Lohnsätze ­
  aufgeführt,  die  sechs  bis  sieben  Jahre  alt  sind.  Als  ein
markantes  Beispiel  greife  ich  die  „founders“  (Eisengießer)
heraus,  deren  Lohnsatz  während  meines  Aufenthaltes  in  den
Vereinigten  Staaten  mindestens  2,80  $  pro  Tag  allgemein
betrug,  während  der  erwähnte  Jahresbericht  als  letzte  Lohnsätze ­
  aus  dem  Jahre  1895  im  Staate  Massachusetts  1,50  $
bis  2,07  $  bis  2,40  $  bezeichnet.  Die  Übersichtlichkeit  der
Washingtoner  Arbeit  leidet  auch  ein  wenig  darunter,  daß
die  Lohnsätze  alphabetisch  nach  Arbeiter-Kategorien  und
        <pb n="197" />
        197

nicht,  was  vorzuziehen  gewesen  wäre,  nach  Gewerbsgebieten
  angegeben  sind.  Mit  erfreulicher  Bereitwilligkeit
haben  die  Vorstände  vieler  Gewerkschaften  meiner  Bitte
Folge  geleistet  und  mir  die  damals  für  das  Jahr  1901  als
Norm  in  Betracht  kommenden  Lohnsätze  mitgeteilt.  Die
umfangreichen  Tabellen,  die  mir  zur  Verfügung  gestellt
wurden,  hier  zu  veröffentlichen,  würde  die  Grenzen  meines
Buches  über  Gebühr  erweitern.  Jedenfalls  sind  die  Lohnsätze ­
  während  der  letzten  dreißig  Jahre,  von  geringen  und
vorübergehenden  Schwankungen  abgesehen,  beständig  gestiegen. ­
  Diese  Tatsache  gewinnt  erhöhte  Bedeutung  durch
den  Umstand,  daß  sich  gleichzeitig  die  Arbeitsdauer  ständig
vermindert  hat.  In  den  staatlichen  Betrieben  ist,  wie  bereits
früher  erwähnt,  der  achtstündige  Normalarbeitstag  eingeführt;
die  organisierte  Arbeiterschaft  zahlreicher  Berufe  erstrebt
auch  in  den  Privatbetrieben  nicht  ohne  Erfolg  neben
Mindestlohn  gleichfalls  einen  vorläufig  neunstündigen
Normalarbeitstag.
In  den  Lohnsätzen  sind,  was  ich  hervorheben  will,
die  besonderen  Prämien  nicht  eingerechnet,  die  für  schnelle
Arbeitsleistung  hie  und  da  üblich  sind.  Dieses  Lohnprämien-System
  ist  die  Erfindung  Frederick  A.  Halseys,
des  Herausgebers  einer  Maschinenbau-Fachzeitschrift.
Während  die  große  Mehrheit  der  Arbeitgeber  dem  Stücklohn ­
  den  Vorzug  gab,  galt  auch  den  amerikanischen  Arbeitnehmern ­
  Akkordlohn  als  Mordlohn.  Beim  Prämiensystem
erhält  nun  der  Arbeiter  scheinbar  Zeitlohn.  Leistet  er  aber  in
der  festgesetzten  Zeit  mehr  Arbeit,  als  einer  gewissen  Normalarbeitsleistung ­
  entspricht,  oder  gebraucht  er  zu  einer  bestimmten ­
  Arbeit  weniger  als  die  Normalzeit,  so  wird  ihm
ein  Teil  seiner  Mehrleistung  als  Prämie  gezahlt.  Der  strebsame ­
  Arbeiter  erhält  also  seine  Zeit  besser  bezahlt  als  der
weniger  gewandte,  der  Fabrikant  aber  hat  den  Vorteil,  daß
        <pb n="198" />
        193

sich  die  Gestehungskosten  des  einzelnen  Stückes  um  so
viel  vermindern,  als  der  Unterschied  zwischen  der  Prämie
und  dem  tatsächlichen  Lohnsatz  jener  Mehrleistung  beträgt.
Das  Lohnprämien-System  hat  sich  bis  jetzt  im  allgemeinen
bewährt,  wie  dies  jeder  Methode  eigen  ist,  die  mit  legitimen
Mitteln  auf  den  legitimen  Erwerbssinn  anspornend  zu  wirken
sucht.  Doch  auch  damit  ist  der  Stein  der  Weisen  nicht
gefunden,  dessen  Besitz  ein  Schutzmittel  wäre  gegen  die
Betonung  einer  von  dem  Gemeininteresse  sich  sondernden
spezifischen  Wirtschaftspolitik  der  organisierten  Arbeiterschaft. ­
  Bereits  beginnt  ein  Teil  der  Arbeiterorganisationen
auch  gegen  das  Prämiensystem  Front  zu  machen,  dem  man
—  vom  Gesichtspunkte  einer  prinzipiellen  Bekämpfung  des
Akkordlohnes  nicht  ohne  Grund  —  vorwirft,  daß  es  alle
Nachteile  des  Stücklohnes  für  den  Arbeiter  in  sich  schließe,
ohne  wie  beim  reinen  Akkordsystem  dem  Arbeiter  wenigstens
dann  auch  den  vollen  Ertrag  seiner  Mehrleistung  zu  sichern.
Mit  Recht  wird  weiterhin,  und  nicht  von  seiten  der  Arbeiter
allein,  darauf  hingewiesen,  daß  sich  das  Prämiensystem  zwar
während  guter  Zeiten  im  Interesse  einer  Produktionssteigerung ­
  bewähre,  daß  es  aber  bei  weichender  Konjunktur  geeignet ­
  sei,  Überangebot  wie  Arbeitslosigkeit  zu  vermehren.
Die  amerikanischen  Löhne  sind  trotz  der  vielfach
kürzeren  Arbeitszeit  im  Durchschnitt  dreimal  so  hoch
wie  die  bei  uns  gezahlten.  Auch  darauf  ist  wiederholt ­
  hinzuweisen,  daß  die  amerikanischen  Arbeiter  sich
zu  Qualitätsarbeitern  ausgebildet  haben,  daß  sie  —  oft  auf
einem  erstaunlich  engen  Feld  —  zu  wirklichen  Spezialisten ­
  herangewachsen  sind,  sei  es  in  der  Bedienung  von
Maschinen,  sei  es  in  der  Vorarbeit  für  Maschinen,  sei  es
in  der  Beendigung  einer  von  Maschinen  bis  zu  einem  gewissen ­
  Punkt  gefertigten  Arbeit.  Die  Griffsicherheit  der
amerikanischen  Arbeiter  ist  erstaunlich.  Auf  der  andern
        <pb n="199" />
        199

Seite  darf  man  nicht  etwa  glauben,  daß  die  Monotonie  der
Arbeit  den  Arbeiter  abstumpft.  Er  sinnt  vielmehr  immer
auf  neue  Arten,  seine  Spezialität  lukrativer  zu  gestalten.
Mir  wurde  von  einem  zuverlässigen  Maschinenbau-Ingenieur
berichtet,  daß  ihm  Arbeiter  bekannt  sind,  die  sich  von
ihnen  ersonnene  Einspannungs-Vorrichtungen  in  Washington
haben  patentieren  lassen.  Diese  patentierten  Vorrichtungen
haben  die  Leistungen  der  betreffenden  Arbeiter  wesentlich
erhöhen  können.
Das  Bestreben  der  Amerikaner  —  anfänglich  aus  der  Not
des  Arbeitermangels  geboren,  dann  zum  wirtschaftlichen  Prinzip ­
  erhoben  —,  so  wenig  „Hände“  wie  möglich  zu  beschäftigen,
und  keine  Verrichtung,  für  die  eine  Maschine  gefunden
werden  konnte,  Menschen  zu  übertragen,  das  System  der  Arbeitsersparnis-Maschinen, ­
  das  man  mit  noch  besserem  Recht
das  System  der  Arbeiterersparnis-Maschinen  nennen  dürfte,
ist  so  erfolgreich  gewesen,  daß  die  Höhe  des  Arbeitslohns
in  Amerika  für  die  Produktionskosten  nicht  entfernt  dieselbe
wirtschaftliche  Bedeutung  hat  wie  bei  uns.  Es  gibt  bei  uns
keine  Industrie,  die  eine  solche  Lohnhöhe  wie  die  entsprechende ­
  Industrie  in  Amerika  vertragen  könnte.  Dies  umsoweniger, ­
  als  unsere  Produktion,  wenn  auch  willig,  allgemein
Lasten  unterworfen  ist,  die  drüben  zunächst  noch  unbekannt ­
  sind.  Doch  die  Arbeits-  oder  Arbeiterersparnis-Maschinen
  allein  waren  es  nicht,  die  manchen  Vorsprung
bewirkt  haben;  sie  sind  nur  unterstützende  Hilfskräfte  gewesen. ­
  Muß  doch  auch  im  Rahmen  dieser  Erörterungen
erneut  betont  werden,  daß  die  Hochschutzzoll-Politik  der
Vereinigten  Staaten  der  amerikanischen  Industrie  gestattet,
am  heimischen  Markte  die  Verkaufspreise  der  Produktion
beinahe  um  die  volle  Höhe  des  vielfach  fast  prohibitiven
Zolles  zu  steigern,  und  daß  diese  Preissteigerung  den  Kanal
bildet,  durch  den  der  Fabrikant  einen  recht  erheblichen  Teil
        <pb n="200" />
        200

des  Mehrlohns  aus  der  Tasche  des  Arbeiters  in  die  eigene
Tasche  zurückleitet.  Solange  die  Preissteigerung  der  Bedarfsartikel ­
  gegenüber  der  Lohnsteigerung  noch  eine  Marge
läßt,  solange  entstehen  in  ruhigen  Zeiten  und  bei  normalem
Geschäftsgang  keine  Schwierigkeiten.  In  kritischen  Tagen
freilich  und  bei  schwindender  Marge  muß  eine  Störung  des
Gleichgewichts  in  dem  gewaltigen  Bau  eintreten,  der  in
seiner  zollpolitischen  Grundlage  doch  nur  als  künstlich
bezeichnet  werden  kann.
*  *
*
Wenn  man  von  dem  Standard  of  life  der  arbeitenden
Bevölkerung  Amerikas  sprechen  will,  muß  man  vor  allem
zwischen  den  amerikanischen  Arbeitern  und  den  Arbeitern
in  Amerika  unterscheiden.  Zu  jenen  sind  mit  den  Eingeborenen ­
  alle  die  zu  rechnen,  die  sich  den  Landessitten
und  Landesanforderungen  angepaßt  haben,  da  sie  nach
drüben  gegangen  sind,  um  dort  eine  Heimat  für  sich  und
ihre  Nachkommen  zu  finden.  Man  darf  aber  nicht  die  Zuwanderer ­
  zu  ihnen  zählen,  die  nicht  willens  oder  auch  nicht
imstande  sind,  sich  der  neuen  Umgebung  einzufügen,  die
als  Fremde  in  den  Staatengebieten  der  Union  verweilen,  zu
vorübergehendem,  wenn  auch  bisweilen  wiederkehrendem
Aufenthalt.  Diese  behalten  natürlich  Art  und  Ansprüche  der
Heimat,  die  sie  nur  verlassen  haben,  um  von  den  Brosamen
zu  naschen,  die  von  den  Tischen  eines  begünstigteren  Geschlechts ­
  fallen.  Sie  sind  lediglich  Passagiere,  Gäste,  die
von  der  —  nicht  immer  zutreffenden  —  Hoffnung  geleitet
sind,  ihre  kulihafte  Genügsamkeit  würde  ihnen  das  Finden
von  Arbeitsgelegenheit  erleichtern.  Diese  „Amerikagänger“
mögen  noch  so  oft  ihren  Aufenthalt  in  Amerika  erneuern  —
amerikanische  Arbeiter  werden  sie  nicht.  In  Wohnung
und  Kleidung,  in  ihrer  ganzen  Lebenshaltung  gehen  sie
        <pb n="201" />
        201

womöglich  noch  unter  die  heimatlichen  Anforderungen
hinab,  um  eine  Ersparnis  zu  erzielen,  die  für  Amerika  unbedeutend ­
  ist,  für  die  Anschauungen  und  Verhältnisse  ihres
Geburtslandes  aber  schon  ein  kleines  Vermögen  darstellt,
das  sie  beinahe  zu  Kapitalisten  macht  und  in  die  Gentry
des  Pauperismus  einreiht.  Österreicher,  insbesondere  aus
den  slawischen  Volksstämmen,  Russen  orthodoxer  wie
katholischer  und  mosaischer  Konfession,  Iren  und  Italiener
stellen  das  Hauptkontingent  zu  dieser  Klasse,  von  der  allerdings ­
  ein  erheblicher  Teil,  in  gesundheitswidriger  Weise
innerhalb  ihrer  Viertel  zusammengepfercht,  bei  ungenügender
Ernährung  frühzeitig  den  Anstrengungen  der  Beschäftigung
und  dem  oft  ungewohnten  Klima  unterliegt.  Der  amerikanische ­
  Arbeiter  dagegen  sorgt  durch  ausreichende  und  beinahe ­
  gewählte  Nahrung  und  durch  gesunde  Wohnung  für  Erhaltung ­
  seiner  Kraft,  deren  erbedarf,  um  die  erforderte  Leistung
zu  bewältigen  und  sich  oder  seinen  Kindern  die  Möglichkeit ­
  zum  Vorwärtskommen,  zum  Übertritt  in  die  Klasse  der
wirtschaftlich  Selbständigen  so  schnell  wie  irgend  tunlich
zu  verschaffen.  Ist  doch  in  ihm  das  Bewußtsein  lebendig,
daß  nicht  wenige  der  großen  Industrie-  und  Handelsmänner
des  Landes  selbst  aus  der  Klasse  der  Vermögenslosen  hervorgegangen ­
  sind  und  täglich  neu  hervorgehen,  ebenso  wie
er  weiß,  daß  mancher,  der  heute  Hunderttausende  im  Vermögen ­
  besitzt,  vielleicht  schon  morgen  wieder  genötigt  ist,
als  Arbeiter  oder  Angestellter  von  vorn  anzufangen.  Deshalb
und  ferner  weil  in  Erziehung,  Unterricht  und  im  sozialen  Verkehr ­
  Klassen-  und  Kastenunterschiede  nur  in  beschränktem
Umfange  existieren,  erweckt  der  Luxus,  den  sich  der  Begütertere ­
  gestatten  kann,  im  Amerikaner  kein  Neidgefühl,
das  ihn  mißvergnügt  und  unlustig  macht,  sondern  eröffnet
seinem  Optimismus  immer  wieder  die  Zuversicht,  es  recht
bald  oder  erneut  zu  ähnlichen  Glücksumständen  bringen  zu
        <pb n="202" />
        202

können.  In  solcher  jeden  einzelnen  beseelenden  Hoffnung
verschlägt  es  dem  amerikanischen  Arbeiter  nichts,  daß
weder  Staat  noch  Unternehmertum  ihn  mit  zwangsweiser ­
  oder  freiwilliger  Fürsorge,  mit  Wohlfahrtseinrichtungen ­
  umgeben  haben.  Kein  Industrieller  hat  ihn
nach  Art  der  Krupp  und  Stumm  mit  Wohnhäusern  versehen, ­
  keine  staatliche  Kranken-,  Unfall-,  Invaliditäts-  oder
Altersversicherung  nimmt  ihm  die  Sorge  für  die  Zukunft  ab
oder  erleichtert  sie  ihm.  Manchmal  hat  es  mir,  wenn  ich
in  Gesprächen  mit  diesem  oder  jenem  Arbeiter  oder  Angestellten ­
  von  Industriewerken  und  Verkehrsunternehmungen
auf  unser  vorbildliches  soziales  Versorgungswerk  hinwies,
fast  den  Anschein  erweckt,  als  wolle  man  drüben  das  alles
schon  um  deswillen  nicht,  weil  man  vermeint,  selbst  den
Schein  bekämpfen  zu  müssen,  als  sei  man  nicht  stark  genug,
sich  aus  eigener  Kraft  vor  den  Folgen  der  Krankheit  oder
der  Erwerbsunfähigkeit  zu  sichern.  Dem  amerikanischen
Arbeiter  würde  vielleicht  auch  die  zugewiesene  Wohnung
nicht  behagen,  und  noch  deutlicher  als  seine  deutschen  Berufsgenossen ­
  würde  er  in  seinem  ausgeprägten  und  aufrechten
Selbstbewußtsein  es  empfinden,  daß  ein  derartiger  Besitz,  so
Angenehmes  er  auch  mit  sich  bringt,  doch  zugleich  einen
nicht  immer  willkommenen  Druck  zum  Festhalten  an  dem
bisherigen  Arbeitsverhältnis  und  seinen  manchmal  einseitig
festgesetzten  Bedingungen  in  sich  schließen  kann.  Dabei
will  der  Arbeiter  drüben  wirtschaftlich  sein,  um  ein  eigenes
Haus  zu  erwerben,  es  nach  seinem  Geschmack  einzurichten
und  auszustatten.  Die  Höhe  des  Lohnes  gewährt  ihm  die
Mittel,  die  selten  vom  Trunk  aufgezehrt  werden,  und  die
Mittel  finden  gute  Verwendung,  wenn  auch  mancherlei  Abwechslung, ­
  die  der  amerikanische  Arbeiter  sich  selbst  bei
Befriedigung  täglicher  Lebensbedürfnisse  leisten  zu  können
glaubt,  dem  nur  deutsche  Verhältnisse  Berücksichtigen ­
        <pb n="203" />
        203

den  beinahe  als  Verschwendung  erscheinen  will.  Auch
das  gemietete  Heim  gewährt  in  ausreichendem  Maße  Raum,
Licht  und  Luft  und  ist  behaglich  eingerichtet;  es  fehlt  in  der
durchschnittlich  aus  drei  bis  vier  Zimmern  bestehenden
Wohnung  nicht  die  Badestube,  die  in  den  Vereinigten
Staaten  zu  den  Ausrüstungen  selbst  der  einfacheren  Häuslichkeiten ­
  gehört;  am  Feierabend  ertönen  Gesang  und  Klavier,  und
an  den  Fenstern  prangt  der  gefällige  Schmuck  der  Blumen.
Auf  dem  Zweirad  kommen  Tausende  von  Arbeitern  aus  den
ferner  gelegenen  Wohnungen  zur  Fabrik,  auch  wo  sie  eine
Bahnverbindung  haben.  Sie  betrachten  das  als  Sport,  den  sie
gern  pflegen,  der  ihre  Gesundheit  erhält  und  ihnen  zugleich
Unterhaltung  schafft.  Freie  Volksbibliotheken,  über  das
ganze  Land  verbreitet,  von  hochherzigen  Männern  mit  fürstlicher ­
  Munifizenz  ausgestattet,  kommen  dem  regen  Leseund
  Bildungsbedürfnis  entgegen.  Ich  habe  alle  jene  erfreulichen ­
  Wahrnehmungen  ganz  besonders  in  den  Eisenindustriebezirken ­
  Pennsylvaniens  und  Ohios  gemacht;  New  Yorker
Pelzgrossisten  haben  mir  auch  erzählt,  daß  die  Händler  in  den
Arbeiterdistrikten  von  Pittsburg  und  Cleveland  zu  ihren  besten
Abnehmern  zählen.  Das  zeugt  von  dem  Vorhandensein  von
Lebensgewohnheiten,  die  nach  unserer  Anschauung  bereits
ausgesprochene  Luxusbedürfnisse  sind,  und  von  der  verbreiteten ­
  Möglichkeit,  sie  zu  befriedigen.
        <pb n="204" />
        Kapitel  XIV.
Kritik  des  Trustwesens.

Die  springenden  Punkte  in  dem  Wesen  der  Trusts,  in
ihrer  Zweckbestimmung,  in  den  festen  wie  in  den  undichten
Teilen  ihrer  Organisation  habe  ich  bei  der  summarischen
Würdigung  der  Industrie-Verbände  erläutert.  An  dieser
Stelle  will  ich  zunächst  vorausschicken,  daß  nicht  eine  jede
verwässerte  oder  schwindelhafte  Gründung,  die  sich  drüben
vollzogen  hat,  den  Trusts  zur  Last  gelegt  werden  darf.
Sehr  oft  standen  derartige  Unternehmungen  vollständig  abseits ­
  von  irgend  einem  Trust;  zu  einer  Zeit,  in  der  man  in
Europa  von  Trusts  noch  wenig  oder  gar  nichts  wußte,
wurde  in  der  Alten  Welt  gerade  so  gewissenlos  gegründet,
wie  dies  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  —  ohne  jeden
Zusammenhang  mit  einem  Trust  —  bis  jüngsthin  geschehen  ist.
Die  Bildung  von  Trusts  ist  wirtschaftlich  da  gerechtfertigt, ­
  wo  ihre  Einrichtung  tatsächlich  einen  wirtschaftlichen
Nutzen  verspricht,  wo  sie  die  Verwaltung  durch  Konzentration
wesentlich  verbilligt,  wo  sie  die  unnützen  Ausgaben,  die  mit
der  Konkurrenz  verbunden  sind,  erspart,  ohne  gleichzeitig  die
unentbehrlichen  Segnungen  der  Konkurrenz  aufzuheben;  wo
sie  die  Möglichkeit  gewährt,  die  Produktion  selbst  zu  verbilligen, ­
  indem  sie  die  Produktion  an  die  geeigneten  Stätten
verlegt,  und  wo  sie  die  bei  der  freien  Konkurrenz  nicht  immer
vermeidliche  Vergeudung  von  Kräften  verhütet.  Es  soll  sogar
        <pb n="205" />
        205

nicht  in  Abrede  gestellt  werden,  daß  es  unter  Umständen  und
bis  zu  gewissen  Grenzen  ein  wirtschaftlicher  Vorteil  bleibt,
wenn  bei  großen  Vereinigungen  aus  Rücksicht  auf  die
Geschlossenheit  der  Produktion  manche  Betriebsstätten  in
die  Konzentration  einbezogen,  d.  h.  für  sie  aufgekauft
werden,  nicht  um  aktiv  bei  der  weiteren  Produktion  beteiligt ­
  zu  sein,  sondern  um  aufgelöst  zu  werden,  in  der
Absicht,  die  arrondierte  Organisation  und  Produktionsverteilung ­
  nicht  ferner  durch  einen  lästigen  Wettbewerb  zu
stören.  Doch  müssen  hier  bestimmte  Schranken  mit  vorsichtiger ­
  Berechnung  innegehalten  werden,  damit  nicht  durch
die  Kosten  des  Aufkaufs  der  Betrieb  im  vorhinein  allzu  sehr
belastet  und  der  Vorteil  der  Konzentration  aufgehoben  werde.
In  allen  diesen  Beziehungen  ist  bei  den  amerikanischen
Trustbildungen  viel,  sehr  viel  gesündigt  worden.  Ich  glaube
nicht,  daß  man  in  der  Regel  den  ungeheuren  Umfang  der
toten  Last,  mit  der  man  die  Tragfähigkeit  der  gigantischen
Vereinigungen  belud,  im  voraus  genau  überblickt  hat.  In
den  meisten  Fällen  hat  man  wohl  einen  Voranschlag  gemacht,
ihn  aber  nach  begonnenem  Werk  dann  nicht  innehalten
können,  als  die  Summe  der  erforderlichen  Aufkäufe  sich
höher  und  immer  höher  herausstellte  und  ins  Unerschwingliche ­
  wuchs.  Hier  kam  wahrscheinlich  die  nationale
Vorliebe  für  Riesenzahlen  dem  Mut  oder  der  Bedenkenlosigkeit ­
  der  Promotoren  zu  Hilfe.
Auf  einer  Konferenz  der  „National  Civic  Federation“
sagte  der  Vertreter  des  Stahltrusts:  „Ein  Trust  hat  nur  dann
Erfolg,  wenn  die  Betriebsvereinigung  eine  Betriebsersparnis
zum  Endziel  hat  und  die  Erreichung  dieses  Endzieles  von
vornherein  als  gesichert  betrachtet  werden  kann.“  Nach
dieser  Richtung  ist  Imposantes  geleistet  worden.  Allerdings
ist  damit  nicht  gesagt,  daß  das  Imposante  auch  immer  das
Zweckmäßigste  ist  und  seine  Absicht  auf  die  Dauer  erreicht.
        <pb n="206" />
        206

Wo  das  nicht  der  Fall  war  und  ist,  verschuldete  und
verschuldet  es  teilweise  die  Sprödigkeit  der  Materie  selbst,
teilweise  die  Unvereinbarkeit  des  Groß-  und  Maschinenbetriebes ­
  mit  intimer  und  individueller  Behandlung,  die
mancher  Gebrauchsgegenstand  verlangt.  Es  hat  eben  nicht
überall,  wie  dies  der  Wunsch  der  Trustpromotoren  war,  das
individuelle  Bedürfnis  sich  in  eine  uniforme  Nachfrage  geschickt. ­
  Daher  hat  sich  auch  nicht  in  jedem  Falle  das  transatlantische ­
  Prinzip  derMassenproduktion  verwirklichen  lassen,
das  in  erster  Reihe  damit  rechnet,  daß  solche  Uniformität  in
dem  gewaltigen,  nach  Sprache,  Sitten,  Gebräuchen,  Anschauungen, ­
  Gewöhnungen  einheitlichen  Volkskörper  der  Vereinigten ­
  Staaten  bereits  vorhanden  sei,  und  daß  sich  in  gewissen
Grenzen  eine  Amerikanisierung  des  Geschmacks  werde  erreichen ­
  lassen.  Bedingungslos  freilich  muß  man  zugestehen,
daß  die  Mehrzahl  der  Trusts  vorbildlich  bemüht  gewesen
ist,  in  allen  ihren  Betrieben  ökonomische  Verbesserungen
durch  die  Verwendung  der  besten  Instrumente  undMaschinen,
ohne  Rücksicht  auf  die  Kosten,  herbeizuführen.  Die
tatsächliche  Beherrschung  der  Marktlage  durch  die  Trusts
steigert  sich  noch  dadurch,  daß  sie  innerhalb  von  Kartellen, ­
  die  sie  mit  den  nicht  zu  ihnen  gehörigen  Großbetrieben ­
  des  gleichen  Gewerbszweiges  eingehen,  den  geschlossensten, ­
  stärksten  und  daher  einflußreichsten  Machtfaktor ­
  darstellen.
Die  Trustbildung  als  solche  ist  indessen  wirtschaftlich
da  abzuweisen,  wo  sie  sich  auf  Gebiete  erstreckt,  die
ihrer  Natur  nach  zur  Organisierung  in  Trusts  überhaupt
nicht  geeignet  erscheinen  —  wo  also  weder  eine  erhebliche
Mehrleistung  noch  eine  erhebliche  Verwaltungsverbilligung
erzielt  werden  kann.  Dazu  rechne  ich  in  vorderster  Reihe
Schiffahrtstrusts.
KeineVereinigung  von  noch  sovielenSchiffen  undSchiffs-
        <pb n="207" />
        207

gesellschaften  ist  imstande,  die  Aufwendungen  für  die  eigentlichen ­
  Transportleistungen  zu  verringern,  den  Kohlenbedarf
auch  nur  um  einen  Zentner  herabzusetzen,  die  Bedienungsmannschaft ­
  irgendwie  zu  verkleinern,  dieZahl  dernotwendigen
Hilfskräfte  einzuschränken.  Jedes  einzelne  Transportschiff
ist  eine  Individualität  für  sich.  Es  ändert  seinen  Bedarf
nicht,  mag  es  nun  einzigartig  sein,  oder  mögen  zehn  oder
hundert  Schiffe  zur  nämlichen  Zeit  unter  derselben  kaufmännischen ­
  Verwaltung  stehen.  Ersparnisse  lassen  sich  allenfalls ­
  durch  die  Gewalt  des  Großbetriebs  beim  Einkauf  von
Kohlen  und  anderen  Bedarfsartikeln  sowie  durch  Zusammenlegung ­
  bisher  nicht  genügend  ausgenutzter  Schiffslinien  und
durch  Verminderung  der  Propagandakosten  herbeiführen.
In  der  Hauptsache  aber  kann  die  Vertrustung  nur  das  Ziel
verfolgen,  den  Wettbewerb  auszuschließen  —  insoweit  dies
überhaupt  auf  Ozeanen,  die  freie  Weltstraßen  sind,  erreichbar ­
  —  und  eine  Erhöhung  oder  wenigstens  eine  Stabilität
der  Frachten  zu  ermöglichen.  Demnach  sind  Schiffahrtstrusts
  im  besten  Fall  bloß  Preiskonventionen,  während  eine
Herabsetzung  der  Betriebskosten  nur  sehr  bedingt  erreichbar ­
  ist.  Das  waren  die  grundsätzlichen  Bedenken,  die
man  von  vornherein  dem  Morganschen  Schiffahrtstrust  (der
„International  Mercantile  Maritime  Co.“)  entgegenstellen
mußte.  Diese  Bedenken  wurden  gemehrt  durch  die  hier
ganz  besonders  ungesunde,  übergroße  und  durch  nichts
gerechtfertigte  Kapitalisierung,  die  ich  bereits  in  Kapitel  IV
hervorgehoben  habe.  Bei  einem  Kapital  von  150  Millionen
Dollars  —  die  ursprünglichen  Verlautbarungen  nannten
sogar  eine  beinahe  noch  um  ein  Drittel  höhere  Summe  —
stellte  sich  die  Bruttotonne  der  Trustschiffe  im  Vergleich  zur
Kapitalsbelastung  bei  der  „Hamburg-Amerikanischen  Packetfahrt
  A.-G.“  und  beim  „Norddeutschen  Lloyd“  mehr  als
doppelt  so  teuer,  wobei  noch  ferner  erschwerend  für  den
        <pb n="208" />
        208

Trust  der  Umstand  ins  Gewicht  fiel,  daß  seine  Flotte  mit
vielfach  älteren  und  langsameren  Frachtschiffen  qualitativ
weit  unter  den  meist  erstklassigen,  vielfach  sogar  eine
Klasse  für  sich  bildenden  Passagier-  und  Frachtdampfern
der  beiden  großen  deutschen  Linien  steht.  Der  Morgansche
Schiffahrtstrust  hat  bei  seiner  Begründung  noch  außerdem
uneingestandene  Nebenzwecke  vielfacher  Art  gehabt:  die
einen,  die  sich  auf  Ausdehnung  der  wirtschaftlichen  Herrschaft ­
  der  Vereinigten  Staaten  beziehen,  lassen  sich  nicht
nachweisen,  doch  ist  ihr  Vorhandensein  unzweifelhaft.  Die
anderen  gingen  darauf  aus,  die  Staatsgelder  der  Union  in
Form  von  Schiffssubsidien  möglichst  stark  für  den  privaten
Nutzen  in  Anspruch  zu  nehmen.  Man  sagte,  die  amerikanische ­
  Handelsflotte  bedürfe  der  Unterstützung,  die  zum
Bau  und  zur  Unterhaltung  einer  amerikanischen  Handelsflotte ­
  auf  dem  Stillen  Ozean  und  besonders  im  Interesse
der  amerikanischen  Seeleute  und  Schiffbauarbeiter  nötig
sei.  Seeleute  und  Schiffbauarbeiter  würden  in  Amerika
besser  bezahlt  als  anderwärts.  Sollen  die  amerikanischen
Reeder  und  Schiffbauer  konkurrenzfähig  bleiben,  so  müsse
das  Land  die  Differenz  zwischen  den  ausländischen  und
amerikanischen  Löhnen  durch  Subsidien  ausgleichen.  Auch
sei  es,  so  wurde  weiterhin  von  denen  ausgeführt,  die  Staatsgelder ­
  für  die  amerikanischen  Reedereien  und  Werften
flüssig  machen  wollten,  eine  den  Nationalstolz  verletzende
Tatsache,  daß  trotz  der  außerordentlichen  und  steigenden
Anteilnahme  der  Union  am  Welthandel  ihrer  Ozeanschifffährt ­
  nur  8,8  Proz.  der  Waren-Ein-  und  -Ausfuhr  zugute
kommen.  Die  Trustbildung  trug  der  herrschenden  Strömung
insofern  Rechnung,  als  dadurch  einige  der  durch  den  Trust
erworbenen  Schiffe  der  amerikanischen  Flagge  zugeführt
wurden.  Der  größte  Teil  allerdings  fährt,  da  nach  dem
Stande  der  amerikanischen  Gesetzgebung  im  Ausland
        <pb n="209" />
        209

14

gebaute  Schiffe  nur  unter  großen  Erschwerungen  das
star  spangled  banner  erhalten  können,  noch  heute  unter
Englands  Flagge.  Die  Schiffssubsidienbill,  die  im  Senat
Anfang  1902  angenommen  wurde,  ist  im  Repräsentantenhause ­
  zunächst  gescheitert.  Aber  selbst  wenn  die  Einführung ­
  derartiger  Subsidien  früher  oder  später  Wirklichkeit
werden  sollte,  so  wäre  damit  noch  immer  nicht  eine  gedeihliche ­
  Zukunft  des  Schiffahrtstrusts,  geschweige  denn  eine
Erfüllung  der  daran  geknüpften  imperialistischen  Pläne
gewährleistet.  Ob  im  übrigen  die  Promotoren  des  Schiifahrtstrusts
  den  bei  der  Gründung  wohl  in  allererster  Reihe,  vor
Imperialismus  und  Förderung  der  nationalen  Wirtschaft
beabsichtigten  Zweck  —  möglichst  schnell  und  möglichst
viel  Geld  zu  verdienen  —  erreicht  haben,  das  erscheint
bei  der  Kursentwicklung,  die  die  Werte  der  Kompagnie
genommen  haben,  im  höchsten  Maße  zweifelhaft.
Die  Bildungen  von  Industrie-  und  Warentrusts  sind  durch
den  Hochschutzzolltarif  großgezogen  und  gefördert  worden.
Schon  vor  Jahren  nannte  der  Präsident  der  „American  Sugar
Refinery  Co.“  vor  der  1898  durch  Kongreßakt  geschaffenen
„Industrial  Commission“  den  Tarif  „die  Mutter  aller  Trusts“;
hierdurch  würden  die  vielen  neuen  Unternehmungen  hervorgerufen, ­
  die  die  Differenz  zwischen  Kostenpreis  und
Auslandspreis  plus  Zoll  einheimsen  wollten,  zugleich  um
durch  Aufrechterhaltung  des  exzessiv  hohen  Preises  das
Volk  zu  „plündern“.  Diesen  Äußerungen  wurde  vielfach
widersprochen,  insbesondere  wollte  man  den  Tarif  als
Hauptursache  nicht  gelten  lassen.  Andere  Zeugen  vor  der
Kommission  schrieben  das  Wachstum  der  Trusts  den  Eisenbahnen ­
  zu,  indem  diese  trotz  des  Verbots  des  „interstate
commerce  act“  besondere  Vorteile  in  den  Frachtraten  gewährten. ­

Der  Präsident  behauptete  dagegen  in  seiner  Botschaft
        <pb n="210" />
        210

A

1901/1902,  daß  die  großen  korporativen  Kapitalien  („the
great  corporal  fortunes“)  weder  durch  den  Zolltarif  noch
durch  eine  andere  Regierungsaktion  geschaffen,  sondern  infolge ­
  natürlicher  Ursachen  in  der  Geschäftswelt  entstanden
wären,  die  in  der  Union  gerade  so  wirkten  wie  in  anderen
Ländern.  Für  den  Präsidenten  bleibt  daher  —  zumal  bis
nach  Beendigung  der  bevorstehenden  kostspieligen  Wahlkampagne ­
  —  eine  ernsthafte  Revision  der  Tariffrage  außer
Betracht.  Es  ist  dies  für  ihn  ein  „noli  me  tangere“;  die
Trustmagnaten,  die  guten  und  allezeit  mit  großen  Summen
hilfsbereiten  Freunde  der  republikanischen  Partei,  darf  er
nicht  noch  mehr  vor  den  Kopf  stoßen.  Seine  seitherige
„Fehdeansage“  haben  sie,  wie  ich  bereits  gestreift  habe,
„gewissermaßen  überhört“.  In  dem  neu  errichteten  Handelsministerium ­
  —  Department  of  commerce  and  labour  —
ist  eine  besondere  Abteilung  unter  der  Leitung  eines
„commissioner  of  corporations“  eingerichtet.  Hier  soll
die  Trustfrage  behandelt,  sollen  Fragebogen  versandt
und  soll  Material  gesammelt  werden.  Schließlich  wird
man  sich  mit  der  öffentlichen  Darlegung  zufrieden  geben,
die,  nach  der  vom  Kongreß  noch  zu  verabschiedenden  „Littlefieldbill“,
  für  die  Geschäftsführung  der  Trusts  wie  aller
Aktiengesellschaften  überhaupt  gefordert  wird.  Dies  ist,
neben  den  bereits  an  anderer  Stelle  von  mir  erwähnten
gesetzlichen  Handhaben  aus  früherer  Zeit,  das  Arsenal,  dem
die  papiernen  Kanonenkugeln  gegen  die  Trusts  entnommen
werden  dürften.  Nach  allen  pomphaften  Ankündigungen
ein  bedeutungsloser  Ausgang!  Die  Littlefieldbill  verlangt
Klarstellung  und  ziffernmäßig  begründete  Angaben  u.  a.
darüber,  welcher  Art  die  Einlagen  in  die  zu  bildende  Gesellschaft ­
  sind,  ob  diese  Einlagen  in  barem  Geld  oder  in
Werten  erfolgten,  und  wie  diese  Werte  berechnet  worden
sind;  desgleichen  setzt  die  Bill  genaue  und  gewiß  zu
        <pb n="211" />
        211

14*

billigende  Grundsätze  für  die  Jahresbilanzierung  fest  und
legt  dem  Geschäftsführer  der  Gesellschaft  die  Verpflichtung
auf,  über  alle  an  ihn  seitens  der  Behörde  gerichteten  Anfragen ­
  unter  Eid  Auskunft  zu  erteilen.  Das  alles  ist  gewiß
wesentlich,  es  stellt  aber  nur  spezialaktiengesetzliche  Bestimmungen ­
  dar,  die  für  uns  selbstverständlich  geworden
sind;  wir  müssen  uns  mit  der  Verwunderung  abfinden,  daß
sie  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  nicht  längst  als  Gemeingut ­
  Geltung  haben.
Und  wie  es,  trotz  der  gegenteiligen  Auffassung  des
Präsidenten,  auch  nicht  dem  mindesten  Zweifel  unterliegen
kann,  daß  der  Hochschutzzolltarif,  ins  Leben  gerufen  und
aufrechterhalten  mit  von  denen,  die  an  den  Trusts  das
vitalste  Interesse  haben,  das  Wachstum  der  Riesenkombinationen ­
  in  vorderster  Reihe  begünstigt  hat  —  ebenso
unbestreitbar  ist  die  Tatsache,  daß  die  vielfach  ungesunde
und  morsche  finanzielle  Grundlage  der  einzelnen  wie  der
trustierten  amerikanischen  Aktiengesellschaften  die  wirtschaftliche ­
  Stärke  Deutschlands  im  Wettbewerb  mit  den
Vereinigten  Staaten  bedeutet  und  sie  allmählich  gemehrt  hat.
Milliarden  von  Aktienwerten  sind  drüben  in  Umlauf  gesetzt,
die  einen  fundierten  Wert  überhaupt  nicht  haben.  Die  Aktien
sind  gleichwohl  nicht  wertlos;  sie  sind  marktgängig  und
zeigen  oft  einen  verhältnismäßig  hohen  Kursstand.  Treten
aber  die  Umstände  ein,  auf  deren  Möglichkeiten  und  Einzelheiten ­
  von  mir  mehrfach  hingewiesen  worden  ist,  so
ergibt  sich  hieraus  die  unendliche  Gefahr,  die  der  Besitz
derartiger  Werte  im  Gefolge  hat.  —  Allerdings  darf  nicht
übersehen  werden,  daß  das  mittlere  und  kleinere  amerikanische ­
  Kapitalisten-Publikum  im  allgemeinen  industriellen
Kapitalsanlagen  durchaus  abhold  ist.
Von  der  Methode,  wie  drüben  gegründet  wird,  und
von  der  Art,  wie  man  dort  Werte  als  „kapitalisierte
        <pb n="212" />
        212

Promessen"  schafft,  will  ich  ein  Beispiel  anführen,  für  das
mir  während  meines  Aufenthaltes  in  New  York  die  entsprechenden ­
  Unterlagen  von  der  finanzierenden  Bankfirma
selbst,  die  zu  den  besten  des  Platzes  zählt,  gegeben  worden
sind:  Eine  in  Coplay,  Pennsylvanien,  belegene  Zementfabrik
war  ursprünglich  für  den  Preis  von  1  350  000  $  an  ein
englisches  Syndikat  verkauft  worden,  das  bei  Abschluß  des
Vertrages  als  Sicherheit  für  seine  Erfüllung  50  000  £  zu
hinterlegen  hatte.  Das  Syndikat  trat  von  dem  Vertrag
zurück  und  ließ  die  50  000  $  im  Stich.  Die  Besitzer  der
Fabrik  traten  an  die  erwähnte  Bankfirma  mit  dem  Vorschlag
heran,  sie  solle  die  Fabrik  erwerben.  Die  Firma  prüfte
das  Angebot  und  erstand  für  eine  Million  Dollars  das  gesamte ­
  Unternehmen.  Trotz  ungenügender  Leitung  war  es
den  Vorbesitzern  möglich  gewesen,  einen  Nettoverdienst
von  150  000  $  während  der  letzten  3  bis  4  Jahre  zu  erzielen. ­
  Auf  der  Grundlage  dieses  Nettoverdienstes  wurde
gegründet,  beziehungsweise  „kapitalisiert“.  Man  gab  für
500  000  $  5  proz.  Bonds,  für  875  000  $  6  proz.  Vorzugsaktien ­
  und  für  2  000  000  $  gewöhnliche  Aktien  („common
stock“)  aus.  Die  festen  Zinsverpflichtungen  der  neuen
Gesellschaft  beliefen  sich  also  auf  77  500  $,  nämlich  5  Proz.
von  500  000  $  (25  000)  und  6  Proz.  von  875  000  $  (52  500).
Was  mehr  als  77  500  $  netto  verdient  wurde,  kam  den
gewöhnlichen  Aktien  zugui.  Das  Mehr  betrug  nach  den
seitherigen  Ergebnissen  65  000  $  —  oder  3 J /4  Proz.  auf  die
2  Millionen  Dollars  gewöhnlicher  Aktien.  Am  1.  April  1901
wurde  das  Unternehmen  der  neuen  Gesellschaft  übergeben.
In  den  ersten  6  Monaten  hatte  es  einen  Nettoverdienst  von
rund  100  000  $.  Hiervon  waren  für  500  000  $  5  proz.
Obligationen  12  500  $  und  für  875  000  $  6  proz.  Vorzugsaktien ­
  26  250  $,  zusammen  38  750  $  an  Zinsen  zu  entrichten,
und  es  blieben  61  250  $  für  den  common  stock  oder
        <pb n="213" />
        213

6Vg  Proz.  pro  rata  temporis.  Man  plazierte  in  kürzester
Frist  750  000  /  Vorzugsaktien.  Jeder  Käufer  erhielt  mit
100  Vorzugsaktien,  die  er  zum  Parikurs  übernahm,  100
nicht  bevorzugte  Aktien  gleichsam  als  Prämie.  1  Million
Dollars  Aktien  (common  stock)  verblieb  wahrscheinlich  als
Nutzen  dem  Bankhaus,  das  im  übrigen,  wie  es  mir  mit
einem  gewissen  naiven  Stolze  mitteilte,  für  die  Finanzierung
keinen  Cent  Kommission  genommen  hätte!
Aus  diesem  Beispiel,  das  als  charakteristisch  bezeichnet
werden  darf,  ist  ersichtlich,  daß  die  Kapitalisierungen  demnach ­
  nicht  unter  Inferierung  tatsächlicher  Wertobjekte  an
Grund  und  Boden,  an  Gebäuden,  Maschinen,  Patenten,  Vorräten ­
  und  Debitoren  erfolgen,  sondern  im  wesentlichen  —  und
das  ist  der  günstigere  Fall—auf  Grund  des  seitherigen  Ertrages
der  Anlagen,  wenn  nicht  gar  auf  Grund  voraussichtlicher
Erträge.  Freilich  muß  hier  eingeschaltet  werden,  daß
derartige  Gründungs-  oder  Konsolidierungs-Vorgänge  nicht
etwa  geheimnisvoll  vollzogen  werden;  sie  sind  mehr  oder
weniger  stadt-und  landbekannt,  und  sogenannte  „Enthüllungen“
würden  kaum  sonderlich  überraschen.  Selbst  die  Veröffentlichung ­
  der  Geheimgeschichte  der  Carnegie  Co.  durch  den
früheren  Sekretär  des  Herrn  Carnegie  hat  sonderliche
Sensation  nicht  hervorgerufen,  da  der  allerdings  für  unsere
Anschauungen  befremdliche  Inhalt  den  zahlreichen  Eingeweihten ­
  in  Amerika  wenig  Neues  sagte.  Die  Gleichgültigkeit
des  Amerikaners  wird  sich  aber  allemal  in  das  Gegenteil
verkehren,  wenn  authentisch  wird,  daß  der  Aufbau  derartiger
Konsolidierungen  für  betrügerische  Handlungen  ausgenützt
worden  ist.
Der  „common  stock“  beziehentlich  die  „common  shares“
stellen  eben  fast  immer  keinen  andern  innern  Wert  dar  als
die  „gute  Hoffnung“.  Ende  1901  fragte  ich  in  einer  Besprechung )
die  ich  mit  den  leitenden  Herren  des  Stahltrusts  hatte,  dessen
        <pb n="214" />
        214

damals  allgewaltigen  und  nochnichtdiskreditiertenPräsidenten
Charles  M.  Schwab:  „Repräsentiert  das  Kapital  Ihrer  Gesellschaft ­
  den  tatsächlichen  Wert  des  greifbaren  Eigentums
oder  sind  darin  eingeschlossen:  zukünftige  Wertsteigerungen
und  »good  will«,  wie  Kundschaft,Fabrikmarken,Patenteusw.?“
Herr  Schwab  antwortete  mir:  „Die  Beurteilung  der  Kapitalisation
  der  Gesellschaft  hängt  davon  ab,  welchen  Wert
man  ihrem  Besitz  an  Kohlen  und  Erzgruben  beimißt.  Die
Ertragsfähigkeit  derselben  ergibt  sich,  wenn  man  berechnet,
welche  Pachtsummen  sie  bringen  würden.  Unser  im  Nordwesten ­
  gelegener  Besitz  an  Erzgruben  umfaßt  80  Proz.  allen,
soweit  bekannt,  im  Lande  vorhandenen  Erzbesitzes;  die
gesamte  Koks-Produktion  von  Connellsville,  Pa.,  des  größten
Koks-Distriktes  des  Landes,  ist  die  unsere.  Mit  Rücksicht
auf  den  immensen  Wert  dieses  Eigentums  ist  nach  meiner
Ansicht  die  Kapitalisation  der  Gesellschaft  noch  zu  niedrig.
Bei  der  Übernahme  der  verschiedenen  Gesellschaften  durch
unsere  Korporation  haben  alle  Wertfaktoren  volle  Berücksichtigung ­
  gefunden.“  „Immerhin,“  so  fügte  er  hinzu,  „ist  der
innere  Wert  der  Stammaktien  nicht  fundiert  —  er  hängt  von
der  zukünftigen  Ertragsfähigkeit  unserer  Gesellschaft  ab.“
Der  Vorsitzende  des  Verwaltungsausschusses,  der  von
mir  wiederholt  erwähnte  E.  H.  Gary,  wies  in  dieser  Besprechung ­
  —  die  ich  auch  in  ihren  sonstigen  nicht  uninteressanten ­
  Einzelheiten  hier  etwas  ausführlicher  wiedergeben ­
  möchte  —  auf  seine  kurz  zuvor  vor  der  „Industrial
Commission“  gemachten  Äußerungen  hin.  „Als  Folge
der  Konsolidation  großer  Stahl-  und  Eiseninteressen,
durch  Gründung  einer  großen  Korporation,  ist,“  so  sagte
Gary,  „in  der  Eisen-  und  Stahlbranche  ein  Element  der
Stabilität  geschaffen  worden,  welches  die  bisherigen  Interessen-Vereinigungen
  und  gemeinsamen  Abmachungen  bei
weitem  nicht  im  gleichen  Maße  erreichen  konnten.  Die
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        215

Konsolidation  schließt  die  Zusicherung  ruhiger  geschäftlicher
Entwicklung  ein,  sie  bedeutet,  daß  man  sich  verpflichtet,
Frieden  zu  halten.  Die  enorme  Kapitalisation  der  neuen
Korporation  garantiert,  daß  kein  Versuch  gemacht  werden
wird,  uns  zu  unterdrücken.  Das  Stahlgeschäft  des  Landes  liegt
bei  erfahrenen  Geschäftsleuten,  zwischen  denen  keine  persönliche ­
  Animosität  herrscht.  Die  Besorgnis,  die  Stahl-  und
Eisenproduktion  des  Landes  werde  der  völligen  Kontrolle  des
neuen  Stahltrusts  unterliegen,  ist  aber  unbegründet,  denn  in
Händen  der  außerhalb  stehenden  Firmen  und  Gesellschaften
liegt  noch  immer  ein  großer  Teil  solcher  Produktion.“
Und  auf  meine  Frage,  welche  Politik  der  Stahltrust
Europa  und  speziell  Deutschland  gegenüber  zu  führen  beabsichtige, ­
  antwortete  Herr  Schwab  u.  a.:  „Solange  Deutschland ­
  seinen  hohen  Zolltarif  behält,  können  wir  den  dortigen ­
  Fabrikanten  im  Lande  selbst  nicht  viel  Konkurrenz
machen.  Der  einzige  Artikel,  den  wir  in  großen  Quantitäten
nach  dort  liefern,  ist  Draht,  auch  in  Röhren  liefern  wir  einiges
dorthin.  Im  ganzen  machen  wir  indes  nicht  viel  Geschäfte
mit  Deutschland.  Jedoch  Deutschlands  Außenmärkte  werden
wir  erwerben.  Schon  jetzt  versenden  wir  ansehnliche  Mengen
Draht  über  Antwerpen  nach  Holland,  und  genanntes  Land
ist  ein  Hauptabsatzgebiet  für  das  deutsche  Fabrikat.  Trotz
der  höheren  Löhne,  die  wir  unseren  Arbeitern  zahlen,
können  wir  Exportware  billiger  hersteilen,  als  die  deutschen
Fabrikanten  solche  Ware  anbieten  können,  aber  wir  sind
gegenwärtig  zu  sehr  durch  Inlandgeschäfte  in  Anspruch
genommen.  Wenn  aber  bei  uns  das  Geschäft  flau
werden  sollte,  werden  wir  unsere  Fabriken  dadurch  im
Gange  zu  erhalten  suchen,  daß  wir  den  Export  forcieren. ­
  Die  hierfür  nötigen  Organisations-Einrichtungen
bedürfen  im  gegebenen  Moment  nur  noch  des  Ausbaus.
Wollten  wir  allerdings  alle  unsere  Produkte  im  Auslande
        <pb n="216" />
        216

verkaufen,  so  würden  wir  nichts  daran  verdienen.  Den  Hauptschaden. ­
  würde  England  zu  tragen  haben.  Dorthin  haben  wir
bereits  früher  Stahlknüppel  zu  16,50/  pro  Tonne  verkauft,
die  der  englische  Fabrikant  billigst  mit  19  /  berechnen  konnte.“
Als  wir  uns  trennten,  sagte  Herr  Schwab:  „Die  Deutschen
sind  ausgezeichnete  Fabrikanten  und  die  besten  Techniker
der  Welt  —  nächst  den  Amerikanern.“  Bald  nach  der
betreffenden  Unterredung  ging  Herr  Schwab  nach  Europa
und  kehrte  von  dort  Mitte  Februar  1902  nach  New  York
zurück.  Die  amerikanische  Presse  hatte  die  Europa-Fahrt
des  Herrn  Schwab  mit  der  peinlichsten  Aufmerksamkeit
begleitet.  Von  dem  Augenblick  aber,  in  dem  bekannt  wurde,
daß  der  Präsident  der  größten  Industriegesellschaft  der
Vereinigten  Staaten  an  den  grünen  Tischen  von  Monte  Carlo
waghalsig  spiele,  geriet  das  Prestige  des  sonst  in  jubelnden
Tönen  gefeierten  „Übermenschen“  ins  Sinken:  Die  Zeitungen
aller  Schattierungen  —  ich  habe  dies  genau  verfolgt  —  zuerst
ungläubig,  dann  die  Tatsachen  feststellend,  legten  Verwahrung
dagegen  ein,  daß  der  Mann,  der  berufen  sei,  das  Wirtschaftsleben ­
  und  die  Wirtschaftsstärke  der  Union  auch  nach  außen
hin  zu  repräsentieren,  das  Ansehen  des  gesamten  Volkes
vor  der  Welt  herabsetze.  Und  die  Entrüstung,  die  sich  der
Öffentlichkeit  bemächtigte,  war  echt  —  sie  entsprang  aus
der  nationalen  Selbstbewertung,  die  ich  zu  den  rühmlichsten
Eigenschaften  des  Amerikaners  zähle
Aus  der  Daseins-Episode  eines  einzelnen,  der  innerhalb ­
  mächtiger  ökonomischer  Neubildungen  an  erster  Stelle
gestanden  hat,  zum  Allgemeinen  und  Ganzen  zurückkehrend,
möchte  ich  hier  eines  überaus  lehrreichen  Vortrages
gedenken,  den  einer  der  sachkundigsten  amerikanischen
Juristen,  Herr  William  E.  Werner,  Richter  am  New  Yorker
Appellations-Gerichtshof,  im  November  1901  vor  der
„Rochester  Credit  Mens  Association“  über  das  Trustwesen
        <pb n="217" />
        217

gehalten  hat.  Herr  Werner  verlangte,  daß  das  greifbare  Besitztum ­
  („tangible  assets“)  einer  jeden  korporativen  Gesellschaft,
eines  jeden  Trusts  nicht  überkapitalisiert  werden  dürfe,  und
er  forderte,  ohne  daß  damit  Geschäftsgeheimnisse  preisgegeben ­
  werden  sollten,  die  weitgehendste  Öffentlichkeit,  für
die  staatliche  Normen  festzustellen  seien.  Im  Zusammenhang ­
  mit  der  Erörterung  der  Stellung  der  Arbeiter  zu  den
Trusts  klangen  seine  Ausführungen  in  die  nachstehenden
Sätze  aus:  „Die  Fragen,  die  die  großen  wirtschaftlichen
Wandlungen  der  Gegenwart  uns  aufdrängen,  können  noch
nicht  beantwortet  werden.  Ihre  Lösung  hängt  von  Bedingungen ­
  ab,  die  noch  embryonisch  sind.  Auf  die  widerspruchvollstenVoraussagen
  werden  erst  allmählich  endgültige
Ergebnisse  folgen.  Daß  die  großen  wirtschaftlichen  Wandlungen, ­
  deren  Zeugen  wir  sind,  mit  unberechenbarer  Macht
zum  Guten  wie  zum  Bösen  beladen  sind,  kann  kein  Vernünftiger ­
  leugnen.  Die  Häufungen  von  Milliarden  ziehen
den  Rausch  selbstsüchtiger  und  zügelloser  Macht  nach  sich;
es  wird  aber  die  Zeit  kommen,  wo  Mensch  und  Dollar  in
tödlichen  Streit  miteinander  geraten,  und  auf  des  Menschen
Seite  wird  der  Sieg  sein.  Wenn  anderseits  die  Geldkönige ­
  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  sich  erinnern  werden,
daß  die  Arbeiter  die  eigentlichen  Produzenten  sind,  und
daß  ohne  sie  kein  dauerndes  Gedeihen  des  Kapitals  möglich
ist,  so  eröffnet  sich  uns  der  Ausblick  auf  eine  einsichtige
und  weise  abwägende  Erkenntnis  der  gegenseitigen  Interessen
und  Rechte;  und  das  Ergebnis  wird  sein,  daß  Kapital  und
Arbeit,  anstatt  gegeneinander  in  Schlachtordnung  zu  stehen,
zusammen  arbeiten  zum  allgemeinen  Besten.“  —
Nicht  minder  anregend  als  die  Vorlesung  des  Herrn
Werner  war  für  mich  ein  Diskussions-Abend,  den  die
„Free  Trade  League“  in  Boston  —  wenige  Wochen  später,
im  Dezember  1901  —  in  Sachen  des  Spiegelglas-Trusts
        <pb n="218" />
        218

(„Plate  dass  Trust“)  veranstaltet  hatte.  Dem  „Plate  dass
Trust“  in  Pittsburg  gehören  die  Fabriken  in  Creighton,
Tarentum,  Ford-City,  Charleroi,  Elwood,  Kokomo,  Crystal-City
  und  Walton  an;  der  Trust  kontrolliert  80  Proz.  der
gesamten  Spiegelglasfabrikation  des  Landes.  Innerhalb  der
letzten  drei  Jahre  bis  1901  hatte  der  Trust  ■—  das  wurde
in  der  Diskussion  ausgeführt  —  seine  Preise  um  100
bis  150  Proz.  erhöht.  Die  Erhöhung  rechtfertige  sich
nur  zum  Teil  durch  die  erhöhten  Preise  für  das  Rohmaterial,
die  Erhöhung  der  Löhne  könne  nicht  wesentlich  in  Betracht
kommen,  denn  sie  sei  sehr  unbedeutend.  Der  Trust  habe
es  verstanden,  den  Tarif-Bonus  selbst  über  den  Zoll  hinaus
auszunützen,  und  charakteristisch  wurde  hervorgehoben:  Ein
gigantischer  Trust,  wie  der  für  Spiegelglas,  brauche  kein  vollkommenes ­
  Monopol,  um  imstande  zu  sein,  exorbitante  Preise
zu  erpressen;  die  nicht  mittrustierten,  also  unabhängigen
Fabriken,  mit  20  Proz.  Produktion,  seien  ganz  zufrieden.
Der  große  Trust  hielte  „den  Regenschirm“  für  sie  mit,  und
„es  gibt  kein  Heilmittel  außer  dem  einfachen,  gerechten,
vom  gesunden  Menschenverstand  empfohlenen  Heilmittel,
das  in  der  Abschaffung  des  Schutzzolls  besteht.“
In  ähnlichem  Sinne  sprach  sich  damals  zu  mir  einer
der  klügsten,  erfahrensten  und  angesehensten  New  Yorker
Anwälte  aus,  der  sich  über  den  Zusammenhang  zwischen
Trustwesen  und  Schutzzoll  in  einem  an  mich  gerichteten
Promemoria  äußerte,  dem  ich  einige  markante  Stellen
entnehme.  Einleitend  betonte  mein  Freund:  „Ich  schreibe
Ihnen  weder  als  Pessimist  noch  als  Demokrat,  sondern  als
Republikaner,  und  zwar  als  ein  solcher,  der  der  Meinung
ist,  daß  »Protection«  nicht  in  »Prohibition«  ausarten  darf.
Der  Schutzzoll  sollte  bei  uns  gerechterweise  nur  insoweit  zugelassen ­
  werden,  als  er  einen  »fairen«  Unterschied  zwischen
der  amerikanischen  und  der  Auslands-Arbeit  zu  bilden  und
        <pb n="219" />
        219

aufrechtzuerhalten  hätte.“  Dann  streift  mein  Freund  die
allgemeine  Entwicklung  des  Trustwesens:
„  Durch  die  allmählich  zunehmende  Prosperität
des  Landes  in  Landwirtschaft  und  Gewerbe,  gemehrt  durch
den  Übergang  zu  kraftvolleren  Handelsgesellschaftsformen,
ohne  die  so  große  Unternehmungen,  wie  Bahnbauten,  Errichtung ­
  von  Dampfschiffahrts-Gesellschaften,  Betrieb  von
Minen  und  andere,  nicht  hätten  ins  Werk  gesetzt  werden
können,  entstand  naturgemäß  eine  ungewöhnliche  Rivalität
zwischen  den  in  den  gleichen  Geschäftszweigen  arbeitenden
Interessenten,  zumeist  zum  Schaden  eines  jeden  der  Beteiligten. ­
  Daher  kam  es,  daß  sich  neue  Gesellschaften  bildeten, ­
  und  daß  Interessen-Kombinationen  geschaffen  wurden,
die  die  ehemaligen  Rivalen  vereinigten.  Ein  eifersüchtiger
und  schädlicher  Wettbewerb  blieb  trotzdem  nicht  aus;  er
steigerte  sich  derart  und  nach  so  vielen  Richtungen  hin,  daß
noch  festere  Gliederungen  gefunden  werden  mußten.  So
war  die  Trustierung  die  fast  naturgemäße  Konsequenz  in
unserm  Lande.  Der  Trust  umfaßte  das  Ganze  des  betreffenden ­
  Geschäftszweigs  oder  einen  Teil  von  beherrschender
Größe,  indem  er  den  Kapitalstock  der  verschiedenen
rivalisierenden  Gesellschaften  erwarb,  die  Konkurrenz  ausschaltete ­
  und  ein  Monopol  schuf  —  d.  h.  ein  tatsächliches
Monopol  —  in  solchen  Geschäftszweigen,  in  denen  das
Naturprodukt,  wie  Öl,  Zucker,  Tabak,  das  den  Gegenstand
der  Trustierung  bildete,  leicht  kontrolliert  werden  konnte.
Der  Erfolg  dieser  Trusts  veranlaßte  natürlich  auch  die
Interessenten  anderer  Geschäftsgebiete,  die  schwer  geschädigt
waren  durch  die  starke  Konkurrenz  und  durch  die  großen
Ausgaben,  die  bei  gemeinschaftlichem  Betrieb  verringert
oder  gespart  werden  konnten,  das  Beispiel  der  großen
Organisatoren  des  neuen  Systems  nachzuahmen  und  sich
hierfür  —  sich  der  Judikatur  des  Landes  anpassend  —  unter
        <pb n="220" />
        220

dem  »Korporationsgesetz«  (vergl.  Kapitel  III)  zusammenzuschließen. ­
  Wo  aber  das  Monopol,  das  diese  Vereinigungen
zu  erwerben  suchten,  nicht  durch  den  Besitz  von  Patenten
gesichert  werden  konnte,  wie  in  der  Elektrizitätsbranche
oder  bei  der  Kontrolle  irgend  eines  Naturprodukts,
rief  der  geschäftliche  Erfolg  die  Konkurrenz  von  seiten
einzelner  oder  anderer  Gesellschaftsvereinigungen  hervor,
die  oft  in  der  Lage  waren,  bei  niedrigerer  Kapitalisierung  und
durch  Anwendung  noch  sparsamerer  Methoden  erfolgreiche
Rivalen  solcher  Trusts  zu  werden,  die  nicht  nur  nach  dem
Wert  ihres  greifbaren  Eigentums  und  ihrer  erworbenen
Aktiva  kapitalisiert  worden  waren,  sondern  deren  common
stock  —  manchmal  auch  ein  erheblicher  Teil  des  preferred
stock  —  nur  auf  einer  möglichen  Ertragsfähigkeit  basierte
und  in  Wirklichkeit  keinen  Wert  besaß.  Es  ist  daher
kein  ungewöhnliches  Schauspiel,  daß  große  Trusts,  die  mit
den  verführerischsten  Aussichten  begonnen  hatten,  sich
binnen  zwei  oder  drei  Jahren  nach  ihrer  Begründung  ander
Schwelle  des  Bankrotts  befanden.  Ich  erinnere  mich  einer
Gesellschaft,  die  ihre  Aktien  innerhalb  der  letzten  drei
Jahre  al  pari  verkauft  hatte;  heute  werden  diese  Aktien
beinahe  nur  nominell  notiert;  ohne  die  einzig  dastehende
Prosperität  des  Landes  wäre  die  Gesellschaft  schon  längst
bankrott  und  untergegangen  Es  gibt  in  der  Tat  kaum
einen  der  jüngeren  industriellen  Trusts,  dessen  common
oder  preferred  stock  nicht  weit  unter  dem  ursprünglichen
Einführungspreis  notierte.“
Mein  Freund  bespricht  dann  im  Zusammenhang  mit
dem  weit  verbreiteten  Mißtrauen  gegen  die  finanziellen
Grundlagen  einzelner  mächtiger  Trustgebilde  die  damalige
Kursentwicklung  der  Werte  des  „Stahltrusts“:  „In  dem
Augenblick  des  größten  Gedeihens,  da  der  Trust  einen  Gewinn ­
  von  mehr  als  50  Millionen  für  6  Monate  ausweist,  sind
        <pb n="221" />
        221

seine  Aktien  weichend,  —  trotz  der  derart  erfolgreichen  Bewältigung ­
  des  Streiks,  daß  ein  gleicher  Versuch  der  Arbeiter
sich  nicht  so  leicht  wiederholen  dürfte;  trotz  der  Fülle  von  Aufträgen, ­
  die  die  Grenze  der  Ausführbarkeit  fast  übersteigen;
trotz  der  Gewißheit,  daß  keine  ebenbürtige  Konkurrenz  in
vielen  Jahren  erstehen  kann;  trotz  der  legitimen  und,  wie  man
glaubt,  im  Interesse  der  Aktionäre  erfolgenden  Unterstützung
durch  die  hervorragendsten  Finanzhäuser  des  Landes;  trotz
günstiger  Geschäftslage  und  außerordentlicher  Aufträge  für
den  Export.  Hieraus  bereits  kann  man  entnehmen,  wie  verhängnisvoll ­
  sich  erst  der  Kursrückgang  gestalten  muß,  wenn
eines  dieser  günstigen  Momente  oder  gar  mehrere  zusammen
inFortfall  kommen.“  Und  dann  sagt  der  sachkundige  Gewährsmann: ­
  „Die  Aktien  des  »Zucker-Trusts«,  dessen  Geschäft
auf  einem  unentbehrlichen  Bedarfsartikel,  nicht  auf  einem
Luxusgegenstand  beruht,  sind  gleichfalls  fortwährenden  Preisschwankungen ­
  unterworfen,  obgleich  die  auf  die  Vorzugsaktien
entfallenden  Dividenden,  wenn  man  das  Vorhandensein  eines
realen  Gegenwerts  für  die  Aktien  voraussetzen  könnte,  einen
doppelt  so  hohen  Preis  rechtfertigen  würden  als  den  derzeit ­
  notierten.  Hinsichtlich  der  Aktien  des  »Öl-Trusts«  ist
es  wahr,  daß  sie  hoch  im  Preise  stehen;  aber  erstens  steht
das  Monopol  dieses  Trusts  fast  vereinzelt  da,  und  zweitens
haben  seine  Leiter  ihren  Besitz  an  Eisenbahnen  und
anderen  Kapitalanlagen  zu  seinen  Gunsten  verwendet,  woraus
großer  Nutzen  für  den  Trust  erwuchs,  der  seine  Tätigkeit
nicht  bloß  auf  das  eigentliche  Ölgeschäft  beschränkte.“  „Viele
der  jüngst  gebildeten  Trusts,“  und  das  wird  von  meinem
Freunde  mit  als  das  Wesentlichste  bezeichnet,  „sind  von
einem  Zolltarif  abhängig,  der  ursprünglich  nur  bezweckt
hatte,  eine  in  den  Anfängen  befindliche  Industrie  zu  entwickeln, ­
  nicht  aber  Monopole  zu  schaffen.  Diese  Industrien
stecken  aber  keineswegs  mehr  in  den  Kinderschuhen,  sondern
        <pb n="222" />
        222

sind  riesenhaft  emporgewachsen;  selbst  unter  den  Männern,
die  am  eifrigsten  für  die  Erhaltung  eines  protektiven,  sogar
eines  prohibitiven  Tarifs  sind,  gibt  es  Stimmen,  die  Vorschlägen, ­
  in  allen  den  Fällen,  wo  das  Gedeihen  der  Trusts
wesentlich  von  der  Beibehaltung  des  Schutzzoll-Tarifs  abhängig ­
  ist,  diesen  Tarif  zu  beseitigen.  Diese  Erwägung  im
Verein  mit  der  Tatsache,  daß  der  Tarif  so  ungleich  schützt,
daß  Waren  amerikanischer  Erzeugung  im  Ausland  billiger  verkauft ­
  werden  können  und  tatsächlich  verkauft  werden  als  im
Inland,  ihrem  Herstellungsort,  wird,  wie  ich  glaube,  bald  zu
Angriffen  auf  die  bestehenden  Schutz-  und  Prohibitiv-Zölle
führen  müssen.  Ist  eine  solche  Änderung  vollzogen,  so  wird
die  Grundlage,  auf  der  so  manche  Trusts  aufgerichtet  sind,
ins  Wanken  geraten,  und  sie  werden,  wenn  sie  schon  nicht
fallen,  doch  an  Bedeutung  erheblich  verlieren.“
Das  Promemoria,  das  weit  über  ein  Jahr  vor  Einbringung
der  „Littlefieldbill“  niedergeschrieben  ist,  schließt  mit  der
folgenden  über  die  Grenzen  dieser  Bill  hinausgehenden
Forderung:  „Es  müssen,  soll  die  Wohlfahrt  des  Landes
geschützt  und  zugleich  fernerhin  gefördert  werden,  ernste
legislatorische  Maßnahmen  getroffen  werden,  um  alle  an
dem  zwischenstaatlichen  Handel  in  der  Union  („interstate
commerce“)  beteiligten  Trusts  zu  untersuchen  und  zu  überwachen. ­
  Es  müssen  in  kurzen  Zwischenräumen  Berichte
eingefordert  werden,  die  unparteiisch  von  der  Regierung
zu  prüfen  sind.  Man  wird  einschränkende  Bestimmungen
zu  ergreifen  haben,  um  das  große  Publikum  über  die  Wertlosigkeit ­
  mancher  Gesellschafts-Verbände  zu  unterrichten,
deren  Begründer  die  Ertragsfähigkeit  ihrer  Unternehmungen
bedeutend  übertrieben  und  den  wirklichen  Wert  des  Eigentums ­
  lächerlich  überschätzt  haben.  Werden  solche  Gesetze
erlassen  und  gewissenhaft  durchgeführr,  so  wird  das  zu
einer  allgemeinen  Kräftigung  nicht  unerheblich  beisteuern.“
        <pb n="223" />
        223

Den  vorangegangenen  bedeutungsvollen  Darlegungen
eines  hervorragenden  amerikanischen  Juristen  und  Politikers
möchte  ich  schließlich  einige  Auslassungen  anreihen,  die  mir
ein  auf  anderm  Gebiet  an  erster  Stelle  stehender  Mann,  ein
Groß-Industrieller  in  der  „Rockefeller“-Gruppe,  zur  Trustfrage ­
  übermittelte.  Aus  der  praktischen  Beobachtung  und
Betätigung  der  Dinge  heraus  betont  er  die  überragenden
Vorteile  der  Konzentration  und  Ausgaben-Verminderung
im  Trustwesen  besonders  bei  konsequenter  Durchführung
des  Prinzips  der  „self-sufficiency“,  der  Selbst-Versorgung ­
  kapitals-  und  betriebsmäßig  vereinigter  Werke  mit
allen  Produktions-  und  Beförderungsmitteln  (vergleiche
Kapitel  III).  Dann  macht  er  die  folgenden  Ausstellungen;
»Ein  unwillkommenes  Moment  liegt  jedoch  darin,  daß
in  vielen  Fällen  diejenigen,  die  die  Trusts  oder  Konsolidierungen ­
  leiten,  nicht  so  angestrengt  arbeiten,  noch  dem
Geschäfte  die  gleiche  Aufmerksamkeit  schenken,  als  wenn
es  tatsächlich  ihr  eigenes  wäre.  Auch  glaube  ich,  daß  allgemein ­
  ein  Fehler  in  der  Verwaltung  der  Trusts  darin
besteht,  daß  die  Verwaltungsorgane  geneigt  sind,  zu  hohe
Dividenden  zu  zahlen.  Sie  haben  Versprechungen  gemacht
und  möchten  sich  den  Aktionären  gefällig  zeigen,  oder  sie
wollen  Aktien  an  den  Mann  bringen.  Oft  verkrüppelt  („it
cripples“)  es  die  Unternehmungen,  daß  dieselben  Gesellschaften, ­
  die  große  Dividenden  bezahlen,  aber  Geld  für
Ameliorationen  oder  neue  Anlagen  benötigen,  sich  zunächst
Geld  gegen  Wechsel  leihen,  bevor  sie  Bonds  ausgeben,  oder
sich  schließlich  an  ihre  Aktionäre  wenden,  um  neues
Kapital  zu  erlangen.  Meines  Erachtens  ist  es  ganz  besonders
zu  tadeln,  wenn  die  Trusts  es  versuchen,  eine  ziemlich  gute
Dividendenrate  zu  einer  regelmäßigen  Dividende  zu  machen.
Nach  meiner  Meinung  sollte,  wie  dies  ja  allgemein  in  Europa
geschieht,  die  genau  detaillierte  Bilanz  an  bestimmten
        <pb n="224" />
        224

Daten  gezogen  werden,  so  daß  die  Direktoren  einen  Einblick ­
  in  die  Qualität  des  wirklichen  oder  vermeintlichen  Überschusses ­
  erlangen,  um  dann,  fern  von  jeder  absichtlichen  Regelmäßigkeit, ­
  nur  einen  Teil  aus  dem  tatsächlichen  Gewinn  als
Dividende  auszuscheiden,  während  der  andere  Teil  in  Vorsicht
unbedingt  dem  Reservefonds  zugewiesen  werden  müßte.“
*  $
*
Es  ist  unverkennbar,  daß  in  breiten  Kreisen  der  werktätigen ­
  amerikanischen  Bevölkerung  ein  andauernd  zunehmender ­
  Antagonismus  gegen  das  moderne  Trustwesen  vorhanden
ist.  Nicht  prinzipiell  gegen  die  Form  der  Bildung,  zumal
wenn  sich  diese  auf  ehrlicher  Grundlage  vollzieht.  Wer
etwas  anderes  behauptete,  würde  die  Sachlage  verkennen.
Gegensätzlichkeit  und  Gegnerschaft  richten  sich  vielmehr
und  mit  einwandsfreier  Berechtigung  gegen  die  finanziellen
Unklarheiten  und  Unregelmäßigkeiten,  gegen  die  Kapitalsverwässerungen, ­
  gegen  die  Auswüchse,  die  hinter  dem  Wall
des  Hochschutzzolltarifes  die  Kosten  für  die  Lebenshaltung
der  Nation  aufs  höchste  verteuernd  anspannen.  Gegensätzlichkeit ­
  und  Gegnerschaft  gelten  nicht  denen  unter  den  Trust-Beherrschern
  und  Trust-Zugehörigen,  die  in  weisem  Abwägen
Maß  zu  halten  wissen  und  mit  des  Landes  Größe  zu  spielen
vermeiden,  sondern  denen,  die  in  Siegestrunkenheit  und
Siegeszuversicht  die  Gefahren  finanzieller  Monarchien
heraufbeschwören,  ohne  des  kapitalistischen  und  Menschen-Nachwuchses
  sicher  zu  sein,  und  gewiß  erst  recht  denen,
die  ohne  Verantwortlichkeitsgefühl  das  Gemeinwohl  leichtfertig ­
  gefährden,  um  zuletzt  unter  Verlust  der  eigenen  Ehre
das  Vertrauen  zu  der  Ehrenhaftigkeit  des  ganzen  Landes  zu
erschüttern.
        <pb n="225" />
        225

15

Übersicht
über  die  in  den  Vereinigten  Staaten  vorhandenen
Trusts  und  ihr  Nominalkapital.
Meine  in  Kapitel  III  gegebenen  Feststellungen  über  die  in  den
Vereinigten  Staaten  arbeitenden  Trusts  schlossen  mit  dem  1.  Juni  1902
ab.  Die  nachfolgende  Übersicht,  in  der  gewöhnliche  Aktien  (common
shares)  und  Vorzugsaktien  (preferred  shares)  zusammengezogen  sind,
erstreckt  sich  bis  zum  1.  September  1903  und  begreift  in  Ergänzung
der  früheren  Angaben  jetzt  überall  die  Bonds-Emissionen  —  insoweit
zu  ermitteln  —  ein,  die  hier  dem  Nominalkapital  zugezählt  sind.  In
einem  einzigen  Fall  —  „United  States  Steel  Corporation“  —  sind  Aktien
und  Bonds  gesondert  aufgeführt.  Kanadische  und  mexikanische  Trusts
mit  dem  Geschäftssitz  in  der  Union  sind  nicht  berücksichtigt,  Konsolidierungen ­
  von  Eisenbahnen  nur  mit  dem  Merger  der  „Northern  Securities ­
  Co.“  Die  „United  States  Shipbuilding  Co.“,  über  die  zur  Zeit  der
Konkurs  verhängt  ist,  wurde  selbstverständlich  nicht  mehr  mit  aufgeführt. ­
  Im  Süden  und  Westen  des  Landes  existieren  noch  einzelne
kleinere  Trusts  bezw.  Konsolidationen,  über  die  nähere  Angaben  nicht
vorliegen.  Zu  der  Übersicht  sind  die  zuverlässigsten  amerikanischen
Quellen  offizieller  wie  privater  Natur  herangezogen.  Da  aber  drüben  das
jeweilig  in  Umlauf  befindliche  Kapital  einzelner  Trusts  selbst  in  kurzen
Zwischenräumen  außerordentlich  schwankt  und  oft  abhängig  von  der
Möglichkeit  ist,  Aktien  oder  Bonds  zu  plazieren,  so  ist  überall  das  viel
beständigere  Ziffern  aufweisende,  ursprüngliche  Gründungs-Nominalkapital
aufgeführt  worden.  Trotzdem  verbietet  sich  die  bei  unseren  deutschen
Gesellschaften  selbstverständliche  Gewähr  für  die  einwandfreie  Richtigkeit
aller  Angaben.  Wurde  ich  doch,  als  ich  in  einigen  Zweifelsfällen  bei
den  maßgebenden  Stellen  in  der  Union  Rückfrage  hielt,  noch
während  der  Drucklegung  benachrichtigt,  daß  sich  einzelne  Zahlen
wiederum  und  zum  Teil  sogar  wesentlich  verschoben  hätten.  Immerhin
dürfte  die  Aufstellung  erstmalig  eine  interessante  und  in  großen  Zügen
zutreffende  Gesamtliste  aller  der  vielgestaltigen  und  oft  seltsamen
Gewerbszwecken  dienenden  Gesellschaften  darstellen,  die  auf  Grund
ihrer  Entstehung  und  Wirksamkeit  als  Trustgebilde  betrachtet  sein
wollen  und  in  der  weit  überwiegenden  Zahl  nach  der  von  mir  gegebenen
Begriffsbegrenzung  auch  als  solche  angesprochen  werden  dürften.  Einzelfirmen ­
  sind  selbst  da,  wo  die  Geschlossenheit  ihrer  Geschäftsbetriebe
der  charakteristischen  Wesenheit  eines  Trusts  entsprechen  würde,  wie
dies  bei  einzelnen  Großbrauereien,  Lokomotivfabriken  usw.  der  Fall  ist,
nicht  mit  aufgeführt.
        <pb n="226" />
        226

Das  gesamte  Nominalkapital  erreicht  zur  Zeit  die  Höhe  von
8  697  700  000  $  und  verteilt  sich  auf  die  einzelnen  Branchen  in

folgender  Weise:  Mill,
Dollars
Bahnausrüstungs-Gesellschaften  335.5
Brauerei-  und  Brennerei-Gesellschaften  130.0
Chemische,  Öl-  und  Farben-Gesellschaften  389.8
Eisen-  und  Stahl-,  Eisen-  und  Stahl-Fabrikat-Gesellschaften  .  .  2  308.0
Elektrizitäts-,  Beleuchtungs-  und  Heizungs-Gesellschaften  .  .  .  696.2
Glas-  und  Töpferwaren-Gesellschaften  153.2
Holz-Gesellschaften  132.0
Kohle-  und  Koks-Gesellschaften  282.2
Leder-  und  Gummi-Gesellschaften  234.9
Maschinen-Gesellschaften  377.1
Metall-Gesellschaften,  außer  Eisen  und  Stahl  703.4
Nahrungsmittel-Gesellschaften  600.9
Papier-Gesellschaften  190.7
Tabak-Gesellschaften  309.9
Telegraph-  und  Telephon-Gesellschaften  488.9
Textilwaren-Gesellschaften  197.5
Verkehrs-Unternehmungen  595.0
Diverse  Gesellschaften  572.5
8  697.7

Bahnausrüstung.

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

American  Car  &amp;amp;  Foundry  Co.,  St.  Louis,  Mo.

Waggons

60.0

American  Equipment  Co.,  Chicago,  111.  .  .

Bahnwaggons

15.0

American  Locomotive  Co.,  New  York  .  .  .

Lokomotiven

51.3

American  Railway  Equipment  Co.,  Chicago, ­
  111

Bahnausrüstung

22.0

Consolidated  Railway,  Lighting  &amp;amp;  Refrigerating
  Co.,  New  York

Waggon  -  Beleuchtung

20.0

Continental  Railway  Equipment  Co.,  Chicago, ­
  111

Bahnwaggons

8.2

Pneumatic  Signal  Co.,  Rochester,  N.  Y..  .

Bahnsignale

3.0

Pressed  Steel  Car  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .  .

Stahlwaggons

28.5

Pullman  Co.,  Chicago,  111

Palastwagen

74.0

Railway  Steel  Spring  Co.,  New  York  .  .  .

Waggonfedern

27.0

Safety  Car  Heating  &amp;amp;  Lighting  Co.,  New
York

Waggon-Heizung

5.0
        <pb n="227" />
        227

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Steel  Tired  Wheel  Co.,  New  York  ....

Waggonräder

4.0

Union  Switch  &amp;amp;  Signal  Co.,  Swissdale,  Pa.

Bahnsignale

1.5

Westinghouse  Air  Brake  Co.,  Pittsburg,  Pa.

Luftbremsen

11.0

Westinghouse  Automatic  Air  &amp;amp;  Steam
Coupler  Co.,  St.  Louis,  Mo

Luftbremsen

5.0

Brauerei  und  Bre

nnerei.

835.5

American  Malting  Co.,  New  York  ....

Malz

24.0

Distillers  Securities  Corp.,  New  York  .  .

Spirituosen

48.5

Gottlieb  Bauerschmidt-Strauss  Brewing  Co.,
Baltimore,  Md

Lagerbier

5.0

Massachusetts  Breweries  Co.,  Boston,
Mass

Lagerbier

15.0

Pennsylvania  Central  Brewing  Co.,
Scranton,  Pa

Lagerbier

8.3

People’s  Brewing  Co.  of  Trenton,  Trenton,
N.  J

Lagerbier

2.2

Pittsburg  Brewing  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .  .

Lagerbier

13.0

United  Breweries,  Chicago,  111

Lagerbier

14.0

Chemikalien,  Öle  un

d  Farben.

130.0

American  Agricultural  -  Chemical  Co.j
New  York

Kunstdünger

40.5

American  Alkali  Co.,  Philadelphia,  Pa.  .  .

Pottasche

30.0

American  Cotton  Oil  Co.,  New  York  .  .  .

Baumwollöl

37.8

American  Linseed  Co.,  New  York  ....

Leinöl

33.0

American  Petroleum  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .

Petroleum

20.0

Barret  Mfg.  Co.,  Philadelphia,  Pa

Kohlenteer,

Chemikalien

5.0

Continental  Cotton  Oil  Co.,  New  York  .  .

Baumwollöl

6.0

Cotton  Oil  &amp;amp;  Fibre  Co.,  Philadelphia,  Pa.

Baumwollöl

3.0

Fisheries  Co.,  New  York

Fischöl

3.5

General  Chemical  Co.,  New  York  ....

Schwere  Chemik.

25.0

15*
        <pb n="228" />
        228

•)  Hierunter  auch  solche  Gesellschaften,  die  daneben  Kohle  vertreiben.

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Michigan  Diamond  Oil  Co.,  Detroit,  Mich.

Erdöle

26.0

Pure  Oil  Co.,  New  York

Erdöle

10.0

Standard  Oil  Co.,  New  York

Erdöle

100.0

Virginia-Carolina  Chemical  Co.,  Richmond,
  Va

Kunstdünger

50.0

Eisen  und  Stahl,  sowie  Fa

jrikate  daraus.  *)

889.8

Alabama  Consolidated  Coal  &amp;amp;  Iron  Co.,
Baltimore,  Md

Eisen,  Kohle

5.5

Alabama  &amp;amp;  Georgia  Iron  Co.,  New  York

Eisen

1.3

Alabama  Steel  &amp;amp;  Wire  Corp.,  Birmingham,
Ala

Stahldraht

5.0

American  Axe  &amp;amp;  Tool  Co.,  Pittsburg,  Pa.

Äxte  u.  Werkzeuge

2.0

American  Fork  &amp;amp;  Hoe  Co.,  Cleveland,  0.

Heugabeln

4.0

American  Hardware  Co.,  New  Britain,
Conn

Eisenkurzwaren

5.0

American  Iron  &amp;amp;  Steel  Mfg.  Co.,  Lebanon,
Pa

Stangeneisen

20.0

American  Pipe  Mfg.  Co.,  Philadelphia,  Pa.

Eisenröhren

2.0

American  Plow  Co.,  Chicago,  111

Pflüge

75.0

American  Screw  Co.,  Providence,  R.  I.  .  .

Schrauben

3.2

American  Steel  Foundries  Co.,  New  York

Gußstahl

40.0

American  Stove  Co.,  New  York

Eisenöfen

5.0

Arnes  Shovel  &amp;amp;  Tool  Co.,  Boston,  Mass.  .

Schaufeln

5.0

Bon  Air  Coal  &amp;amp;  Iron  Co.,  Nashville,  Tenn.

Eisen,  Kohle

5.0

Cambria  Steel  Co.,  Pittsburg,  Pa

Stahl

50.0

Carter  Steel  &amp;amp;  Iron  Co.,  Knoxville,  Tenn.

Eisenerz

5.0

Central  Foundry  Co.,  New  York

Gußeis.  Röhren

18.0

Colorado  Fuel  &amp;amp;  Iron  Co.,  Denver,  Col.  .

Eisen,  Stahl

45.0

Columbus  &amp;amp;  Hocking  Coal  &amp;amp;  Iron  Co.,
Columbus,  O

Eisen,  Kohle

7.5

Crucible  Steel  Co.,  Pittsburg,  Pa

Tiegelstahl

55.0

Empire  Steel  &amp;amp;  Iron  Co.,  New  York  .  .  .

Roheisen

10.0
        <pb n="229" />
        229

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Federal  Mining  &amp;amp;  Smelting  Co.,  New
York

Eisenerze

30.0

Herring-Hall-Marvin  Safe  Co.,  New  York  .

Eisenspinden

3.2

Jones  &amp;amp;  Laughlins  Steel  Co.,  Pittsburg,
Pa

Eisen,  Stahl

40.0

Lackawanna  Steel  Co.,  Buffalo,  N.  Y.  .  .

Eisen,  Stahl

50.0

Mohawk  Valley  Steel  &amp;amp;  Wire  Co.,  Brunswick, ­
  Ga

Stahldraht

60.0

National  Roofing  &amp;amp;  Corrugating  Co.,
Wheeling,  W.  Va

Eisenbleche

5.0

National  Saw  Co.,  Newark,  N.  J

Sägen

1.0

National  Shear  Co.,  Fremont,  0

Scheren

3.0

National  Steel  &amp;amp;  Wire  Co.,  Pittsburg,  Pa..

Stahldraht

5.0

New  York  Wire  Cloth  Co.,  New  York  .  .  .

Drahtgewebe

1.0

Niles-Bement-Pond  Co.,  New  York  ....

Werkzeuge

8.0

Pacific  Hardware  &amp;amp;  Steel  Co.,  San  Francisco, ­
  Cal

Eisenkurzwaren

10.0

Pennsylvania  Steel  Co.,  Philadelphia,  Pa.

Stahlschienen

57.5

Pittsburg  Stove  &amp;amp;  Range  Co.,  Pittsburg,
Pa

Eisenöfen

2.0

Pope  Mfg.  Co.,  New  York

Fahrräder

22.5

Republic  Iron  &amp;amp;  Steel  Co.,  Chicago,  111.  .

Schmiedeeisen

55.0

Sloss-Sheffield  Steel  &amp;amp;  Iron  Co.,  Birmingham, ­
  Ala

Eisen,  Stahl

24.0

Standard  Chain  Co.,  Pittsburg,  Pa

Eisenketten

3.0

Standard  Sanitary  Mfg.  Co.,  Pittsburg,
Pa

Emaill.  Badewannen

5.0

Standard  Screw  Co.,  Chicago,  111

Schrauben

1.5

Steel  Tile  &amp;amp;  Metal  Ceiling  Co.,  New  York

Metallbelag

10.0

Susquehanna  Iron  &amp;amp;  Steel  Co.,  Philadelphia, ­
  Pa

Eisen,  Stahl

1.5

Tennessee  Coal,  Iron  &amp;amp;  Railroad  Co.,
Nashville,  Tenn

Eisen,  Stahl

23.0

Thomas  Iron  Co.,  Easton,  Pa

Roheisen

2.5

Union  Steel  &amp;amp;  Chain  Co.,  New  York  .  .  .

Eisenketten

30.0

U.  S.  Cast  Iron  &amp;amp;  Pipe  Foundry  Co.,
New  York

Gußröhren

31.5
        <pb n="230" />
        —  230  -

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

United  States  Steel  Corporation,  New  York

Eisen-,Stahl-Fabrikate

Aktien  .  .  .

818.6

Bonds  .  .  .

610.7

Virginia  Iron,Coal&amp;amp;CokeCo.,Richmond,Va.

Eisen,  Kohle

20.0

Washburn  Wire  Co.,  Phillipsdale,  R.  I.  .  .

Draht

4.0

Yale  &amp;amp;  Town  Mfg.  Co..  Stamford,  Conn.  .

Patentschlösser

1.0

Elektrizität,  Beleuchtung

und  Heizung.

2308.0

American  Light  &amp;amp;  Traction  Co.,
New  York

Elektr.  Beleucht.

40.0

American  Radiator  Co.,  Chicago,  111.  .  .  .

Dampfheizung

10.0

Bay  State  Gas  Co.,  Boston,  Mass

Gasbeleuchtung

112.0

California  Gas  &amp;amp;  Electric  Corporation,
San  Francisco,  Cal

Gas-  u;  elektr.  Bel.

22.5

Chicago  Edison  Co.,  Chicago,  111

Elektr.  Beleucht.

13.0

Consolidated  Gas  Co.  of  New  York,
New  York

Gasbeleuchtung

143.0

Electric  Boat  Co.,  New  York

Elektr.  Boote

10.0

Electric  Co.  of  America,  Philadelphia,  Pa.

Elektr.  Beleucht.

5.0

Electric  Storage  Battery  Co.,  Philadelphia,
Pa

Elektr.  Batterien

18.0

Electric  Vehicle  Co.,  New  York

Motorwagen

19.6

General  Electric  Co.,  Schenectady,  N.  Y.  .

Elektr.  Maschinen

45.0

International  Power  Co.,  New  York.  .  .  .

Elektr.  Triebkraft

8.0

Manhattan  Transit  Co.,  New  York  ....

Motorwagen

10.0

Massachusetts  Electric  Co.,  Boston,  Mass.

Elektr.  Beleucht.

30.0

Massachusetts  Gas  Co.,  Boston,  Mass.  .  .

Gasbeleuchtung

51.0

National  Carbon  Co.,  Cleveland,  O.  ...

Kohlebatterien

10.0

Ohio  &amp;amp;  Indiana  Consol.  Natural  &amp;amp;  Illuminating
  Gas  Co.,  Cleveland,  O.  .  .  .

Naturgas

16.3

Philadelphia  Co.,  Philadelphia,  Pa

Gasbeleuchtung

48.1

Pittsburg  Oil  &amp;amp;  Gas  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .

Öl  und  Gas

7.5

Union  Carbide  Co.,  Chicago,  111

Calciumcarbid-Bel.

6.0

United  Electric  Light  &amp;amp;  Power  Co.,  Balti-Elektr.

  Beleuchtung

more,  Md

und  Krafterzeugung

8.2
        <pb n="231" />
        231

Name  und  Domizil

Branche

Milk
j  Dollars

United  Gas  Improvement  Co.,  Philadelphia,

Pa

Gasbeleuchtung

28.0

Welsbach  Co.,  Philadelphia,  Pa

Gasbrenner

10.0

Westinghouse  Electric  &amp;amp;  Mfg.  Co.,  Pitts-Elektr.

  Apparate  u.

bürg,  Pa

Maschinen

25.0

696.2

Glas-  und  Töpferwaren.

American  Pipe  Mfg.  Co.,  Philadelphia,  Pa.

Tonröhren

2.0

American  Refractories  Co.,  Pittsburg,  Pa..

Feuerfeste  Ziegeln

20.0

American  Sewer  Pipe  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .

Verglaste,  tönerne

Abzugröhren

12.5

Americ.  Soda  Fountain  Co.,  Boston,  Mass.

Sodafontänen

3.7

American  Window  dass  Co.,  Pittsburg,  Pa.

Fensterglas

17.0

Baltimore  Brick  Co.,  Baltimore,  Md.  .  .  .

Ziegelsteine

4.5

Harbison-Walker  Refractories  Co.,  Pittsbürg,

  Pa

Feuerfeste  Ziegeln

.31.0

Hydraulic  Press  Brick  Co.,  St.  Louis,  Mo.

Preßziegeln

3.0

Illinois  Brick  Co.,  Chicago,  111

Ziegelsteine

9.0

Macbeth-Evans  dass  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .

Lampenzylinder

2.0

Mississippi  Wire  dass  Co.,  New  York  .  .

Drahtglas

2.0

National  Fire  Proofing  Co.,  Pittsburg,  Pa..

Feuersichere  Ziegeln

5.0

National  dass  Co.,  Pittsburg,  Pa  ....

Tischgläser

12.5

New  England  Brick  Co.,  Boston,  Mass..  .

Ziegelsteine

5.0

Penn-American  Plate  dass  Co.,Pittsburg,  Pa.

Tafelglas

2.0

Pittsburg  Plate  dass  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .

Tafelglas

.  10.0

Trenton  Potteries  Co.,  Trenton,  N.  J.  .  .

Irdenwaren

3.0

U.  S.  dass  Co.,  Pittsburg,  Pa

Glaswaren

6.0

Western  Stone  Co.,  Chicago,  111

Bausteine

3.0

153.2

Holz.

American  Barrel  &amp;amp;  Package  Corp.,  NewYork

Fässer

5.0

American  Lumber  Co.,  Chicago,  111.  .  .  .

Bauholz

8.0

American  Sash  &amp;amp;  Door  Co.,  Chicago,  III.

Fenster-  u.Türrahmen

6.0

American  School  Furniture  Co.,  NewYork

Schulmöbel

11.5
        <pb n="232" />
        232

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Celluloid  Co.,  New  York

Celluloid

6.0

Heywood  Bros.  &amp;amp;  Wakefield  Co.,  Gardner,
Mass

Rohrgeflecht

6.0

International  Barrel  Co.,  Chicago,  111.  .  .

Fässer

20.0

International  Pulp  Co.,  New  York  ....

Holzbrei

5.0

Kirby  Lumber  Co.,  Houston,  Texas  .  .  .

Bauholz

10.0

Marsden  Co.,  Philadelphia,  Pa

Cellulose

50.0

Pioneer  Pole  &amp;amp;  Shaft  'Co.,  Canton,  O.  .  .

Wagendeichseln

3.0

Yellow  Pine  Co.,  New  York

Fichtenholz

1.5

Kohle  und  Koks.

132.0

American  Coal  Products  Co.,  New  York  .

Koks

15.0

Bessemer  Coke  Co.,  Chicago,  111

Koks

2.5

Central  Coal  &amp;amp;  Coke  Co.,  Kansas  City,
Mo

Kohle

7.0

Clarksburg  Fuel  Co.,  New  York

Kohle

5.5

Consolidated  Coal,  Iron  &amp;amp;  Land  Co.,  Philadelphia,
  Pa

Kohle

2.5

Consolidation  Coal  Co.,  Baltimore,  Md.  .

Kohle

12.0

Crane’s  Nest  Co.,  Bristol,  Va

Koks

20.0

Fairmont  Coal  Co.,  Fairmont,  W.  Va..  .  .

Kohle

12.0

Kanawha  &amp;amp;  Hocking  Coal  &amp;amp;  Coke  Co.,
Columbus,  O

Kohle,  Koks

3.5

Keystone  Coal  &amp;amp;  Coke  Co.,  Greensburg,
Pa

Kohle,  Koks

2.5

Lehigh  Coal  &amp;amp;  Navigation  Co.,  Philadelphia,
  Pa

Kohle  und  Schiffahrt

32.5

Lehigh  &amp;amp;  Wilkesbarre  Coal  Co.,  Philadelphia, ­
  Pa

Kohle

36.0

Monongahela  River  Consolidated  Coal  &amp;amp;
Coke  Co.,  Pittsburg,  Pa

Hartkohle

40.0

Pittsburg  Coal  Co.,  Pittsburg,  Pa

Hartkohle

64.0

Pocahontas  Collieries  Co.,  Philadelphia,
Pa

Kohle

5.7

Somerset  Coal  Co.,  New  York

Kohle

8.0
        <pb n="233" />
        233

•
Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Springfield  Coal  Mining  Co.,  Springfield,  O.

Kohle

2.5

U.  S.  Coal  &amp;amp;  Oil  Co.,  Cleveland,  0.  .  .  .

Kohle  und  Öl

,6.0

Wheeling  Consolidated  Coal  Co.,  Wheeling,
  W.  Va

Kohle

5.0

Leder  und  Gut

nmi.

282.2

American  Chicle  Co.,  New  York

Kaugummi

9.0

American  Hard  Rubber  Co.,  New  York  .  .

Hartgummi

2.5

American  Hide  &amp;amp;  Leather  Co.,  New  Brunswick, ­
  N.  J

Oberleder

44.0

Atlantic  Rubber  Shoe  Co.,  New  York  .  .

Gummischuhe

10.0

Consolidated  Rubber  Tire  Co.,  New  York

Gummiräder

8.0

International  Automobile  &amp;amp;  VehicleTireCo.,
New  York

Gummiräder

3.0

Rubber  Goods  Mfg.  Co,,  New  York  .  .  .

Gummiwaren

45.0

U.  S.  Leather  Co.,  New  York

Sohlenleder

51.4

U.  S.  Rubber  Co.,  New  York

Gummischuhe

62.0

Maschinen

284.1)

Allis-Chalmers  Co.,  Chicago,  111

Schwere  Maschinen

36.0

American  Machine  &amp;amp;  Ordnance  Co.,  Bridgeport, ­
  Conn

Maschin.,  Geschütze

10.0

American  Seeding  Machine  Co.,  Springfield, ­
  0

Säemaschinen

15.0

American  Window  Glass  Machine  Co.,
Pittsburg,  Pa

Glasmaschinen

20.0

American  Woodworking  Machinery  Co.,
New  York

Holzbearbeit.  -  Masch.

1.8

American  Wringer  Co.,  New  York  ....

Waschmaschinen

2.5

Automobile  &amp;amp;  Cycle  Parts  Co.,  Baltimore, ­
  Md

Motorwagen

3.3

E.  W.  Bliss  Co.,  Brooklyn,  New  York  .  .

Blechwalzen

2.0

Chicago  Pneumatic  Tool  Co.,  Chicago,  111.

Pneumat.  Werkzeuge

7.0

Compound  Air  Co.,  New  York

Motoren

8.0
        <pb n="234" />
        234

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Continental  Gin  Co.,  Birmingham,  Del.  .

Egreniermaschinen

3.0

Deering  Harvester  Co.,  Chicago,  111.  .  .  .

Landwirtschaftsmasch.

120.0

Elliot-Fisher  Co.,  New  York

Schreibmaschinen

10.0

International  Elevating  Co.,  New  York  .  .

Getreide-Elevatoren

2.5

International  Fire  Engine  Co.,  New  York  .

Feuerspritzen

1.0

International  Motor  Car  Co.,  Jersey  City,  N.  J.

Motorwagen

2.0

International  Steam  Pump  Co.,  New  York

Dampfpumpen

30.0

InternationalTimeRecordCo.,Binghampton,

N.  Y

Registrier-Apparate

2.0

Otis  Elevator  Co.,  New  York

Personen-Aufzüge

13.0

Planters’  Compress  Co.,  Boston,  Mass..  .

Baumwollpressen

10.0

Standard  Shoe  Machinery  Co.,  New  York

Schuhmaschinen

4.0

Textile  FinishingMachinery  Co.,  Providence,

R.  I

Färbermaschinen

2.0

Underwood  Typewriter  Co.,  New  York  .  .

Schreibmaschinen

3.5

Union  Typewriter  Co.,  Jersey  City,  N.  J.  .

Schreibmaschinen

20.0

United  Engineering  &amp;amp;  Foundry  Co.,  Pittsburg, ­
  Pa

Walzwerkmaschinen

3.5

U.  S.  Bobbin  &amp;amp;  Shuttle  Co.,  Providence,  R.  I.

Nähmaschinenteile

20.0

U.  S.  Shoe  Machinery  Co.,  Boston,  Mass.

Schuhmaschinen

25.0

Metalle,  außer  Eisen

und  Stahl.

377.1

Amalgamated  Copper  Co.,  New  York.  .  .

Kupfer

155.0

American  Brass  Co.,  Waterbury,  Conn..  ,

Messingwaren

10.0

American  Can  Co.,  New  York

Blechbüchsen

88.0

American  Shot  &amp;amp;  Lead  Co.,  St.  Louis,  Mo.

Bleiwaren

3.0

Americ.  Smelting  &amp;amp;  Refining  Co.,  New  York

Blei-u.  Silberschmelz.

100.0

American  Type  Founders-Co.,  New  York.

Bleitypen

6.9

Copper  Range  Consolidated  Co.,  Boston,
Mass.  .  .

Kupfer

28.5

Federal  Smelting  &amp;amp;  Refining  Co.,  New  York

Silberschmelze

30.0

Guggenheim  Exploration  Co.,  New  York  .

Silber-  und  Golderz

15.0

International  Nickel  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .  .

Nickel

34.4

International  Silver  Co.,  New  York.  .  .  .

Silbererz

18.8

International  Silver  Co.,  Pittsburg,  Pa.  .  .

Silberwaren

23.7
        <pb n="235" />
        235

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Magnus  Metal  Co.,  Buffalo,  N.  Y

Messingwaren

3.0

National  Enameling  &amp;amp;  Stamping  Co.,

Schmelz-  und

New  York

Stanzmaschinen

30.0

National  Lead  Co.,  New  York

Bleiweiß

30.0

National  Ship  Plating  Co.,  New  York  .  .  .

Schiffskupfer

1.5

United  Copper  Co.,  New  York

Kupfer

80.0

United  Lead  Co.,  New  York

Bleifabrikate

27.1

U.  S.  Reduction  &amp;amp;  Refining  Co.,  Colorado
Springs,  Col.  .  .  .  '.

Goldschmelzerei

15.0

Vulcan  Detinning  Co.,  New  York

Zinnextrahierung

3.5

Nahrungsmit

tel.

703.4

Alaska-Penninsular  Packing  Co.,  San  Francisco, ­
  Cal

Fischkonserven

2.7

Amalgamated  Sugar  Co.,  Ogden,  Utah  .  .

Rübenzucker

4.0

American  Beet  Sugar  Co.,  New  York.  .  .

Rübenzucker

20.0

American  Caramel  Co.,  York,  Pa

Zuckerwaren

2.6

American  Cereal  Co.,  Akron,  O

Cerealien

4.5

American  Hominy  Co.,  Chicago  111.  .  .  .

Maisbrei

5.0

American  Packers’  Association,  Wilmington,

Frucht-  und  Gemüse-Del.



Konserven

2.0

American  Pastry  Mfg.  Co.,  New  York  .  .

Fruchtkuchen

1.5

American  Sugar  Refining  Co.,  New  York  .

Zucker

90.0

Armour  &amp;amp;  Co.,  Chicago,  111

Fleischprodukte

20.0

A.  Booth  &amp;amp;  Co.,  Chicago,  111

Fische,  Austern

5.5

Borden’s  Condensed  Milk  Co.,  New  York  .

Kondens.  Milch

25.0

California  Fruit  Canners  Ass.,  San  Francisco, ­
  Cal

Fruchtkonserven

3.5

California  Wine  Association,  San  Francisco,
Cal

Wein

10.0

Colonial  Sugar  Co.,  New  York

Rohrzucker

3.0

Columbia  River  Packers  Ass.,  Astoria,  0.  .

Fischkonserven

2.0

Corn  Products  Co.,  Chicago,  111

Glukose

80.0

Fruits  Product  Co.,  Rochester,  N.  Y.  .  .  .

Essig  und  Apfelwein

2.0

Great  Western  Cereal  Co.,  Chicago,  111.  .

Cerealien

4.5
        <pb n="236" />
        236

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

International  Salt  Co.,  New  York

Salz

42.0

National  Biscuit  Co.,  Chicago,  111

Biscuits

56.4

National  Candy  Co.,  St.  Louis,  Mo.  .  .  .

Zuckerwaren

9.0

National  Packing  Co.,  Chicago,  111

Fleischprodukte

15.0

National  Rice  Milling  Co.,  New  Orleans,  La.

Reismühlen

1.5

National  Sugar  Refining  Co.,  New  York  .

Maiszucker

20.0

Pacific  Coast  Biscuit  Co.,  Seattle,  Wash.  .

Biscuits

2.5

People’s  Pure  Milk  Co.,  New  York  ....

Milch

25.0

Pillsbury  -  Washburn  Flour  Mills  Co.,

Minneapolis,  Minn

Weizenmehl

9.0

Quaker  Oats  Co.,  Chicago,  111

11.5

Royal  Baking  Powder  Co.,  New  York.  .  .

Backpulver

20.0

Seacoast  Canning  Co.,  New  York  ....

Sardinen

2.0

Sea  Coast  Packing  Co.,  Chicago,  111.  .  .  .

Sardinen

8.0

John  P.  Squire  &amp;amp;  Co.,  Boston,  Mass..  .  .

Schweineprodukte

7.5

Standard  Milling  Co.,  New  York

Weizenmehl

17.2

Swift  &amp;amp;  Co.,  Chicago,  111

Fleisch

30.0

United  Fruit  Co.,  Boston,  Mass

Südfrüchte

260

U.  S.  Biscuit  Co.,  New  York

Biscuits

4.5

Utah  Beet  Sugar  Co.,  San  Francisco,  Cal.

Rübenzucker

6.0

600.9

Papier.

American  Book  Co.,  New  York

Bücher

5.0

American  Colortype  Co.,  New  York.  .  .  .

Buntdruck

4.0

American  Lithographie  Co.,  New  York  .  .

Lithographien

7.0

American  Writing  Paper  Co.,  Springfield,

Mass

Schreibpapier

42.0

Cleveland-Akron  Bag  Co.,  Cleveland,  O.  .

Papierdüten

2.0

Frank  A.  Munsey  Co.,  New  York

Zeitschriften

10.0

International  Paper  Co.,  Corinth,  N.  Y.  .  .

Zeitungspapier

55.0

Standard  Wall  Paper  Co.,  Sandyhill,  N.  Y.

Tapeten

1.2

Union  Bag  &amp;amp;  Paper  Co.,  Chicago,  111.  .  .

Papierdüten

27.5

Union  Waxed  &amp;amp;  Parchment  Paper  Co.,

Wachs-  und

New  York

Pergamentpapier

2.5

United  Box  Board  &amp;amp;  Paper  Co.,  New  York

Pappe

20.0
        <pb n="237" />
        237

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

U.  S.  Envelope  Co.,  Springfield,  Mass.  .  .

Briefumschläge

7.0

U.  S.  Playing  Card  Co.,  Cincinnati,  0.  .  .

Spielkarten

4.0

U.  S.  Printing  Co.,  Cincinnati,  0

Plakate

3.5

Tabak.
American  Cigar  Co.,  New  York

Zigarren

190.7
15.0

American  Snuff  Co.,  New  York

Schnupftabak

25.0

American  Stogies  Co.,  New  York

Stogie-Zigarren

11.9

Consolidated  Tobacco  Co.,  Philadelphia,  Pa.

Tabak

198.0

Havana-Tobacco  Co.,  New  York

Havanna-Tabak

45.0

United  Cigars  Manufacturers  Co.,  New  York

Zigarren

7.0

U.  S.  Cigar  Co.,  New  York

Zigarren

8.0

Telegraph  und  Te

dephon.

309.9

American  Bell  Telephone  &amp;amp;  Telegraph  Co.,
Boston,  Mass

Telephon  u.  Telegr.

288.0

American  Wireless  Telegraph  Co.,  Philadelphia,

  Pa

Funkentelegraphie

7.5

Consolidated  Telephone  Companies  of
Pennsylvania,  Scranton,  Pa

Telephon

6.6

New  York  &amp;amp;  New  Jersey  Telephone  Co.,
Brooklyn,  N.  Y

Telephon

10.8

Telephone,Telegraph  &amp;amp;CableCo.,  NewYork

Telegr.  u.  Telephon

9.0

Western  Telegraph  &amp;amp;  Telephone  Co.,
Boston,  Mass

Telegr.  u.  Telephon

42.0

Western  Union  Telegraph  Co.,  New  York

Telegr.  u.  Telephon

125.0

Textilwarer

1.

4S8.9

American  Cotton  Co.,  New  York

Baumwolle

in  zylindr.  Ballen

9.0

American  Feit  Co.,  New  York

Filzwaren

5.0

American  Thread  Co.,  New  York

Zwirn

18.0

American  Woolen  Co.,  Boston,  Mass.  .  .

Wolltuche

50.0

Associated  Merchants’  Co.,  New  York.  .  .

Schnittwaren

15.0
        <pb n="238" />
        238

Name  und  Domizil

Branche

Mill.
Dollars

Bigelow  Carpet  Co.,  Boston,  Mass

Teppiche

4.0

Dwight  Mfg.  Co.,  Boston,  Mass

Baumwollstoffe

1.5

Hartford  Carpet  Co.,  Hartford,  Conn.  .  .

Teppiche

5.0

New  England  Cotton  Yarn  Co.,  New

Bedford,  Mass

Baumwollgarn

17.5

Southern  Textile  Co.,  New  York

Baumwollstoffe

14.0

Standard  Table  Oil  Cloth  Co.,  New  York.

Öltuch

10.0

U.  S.  Cotton  Duck  Corp.,  Baltimore,  Md.

Segelleinwand

44.0

U.  S.  Finishing  Co.,  New  York

Textilfärberei

4.5

197.5

Verkehrs“Unternehmungen.

International  Mercantile  Marine  Co.,

New  York

Ozeanverkehr

195.0

Northern  Securities  Co.,  New  York.  .  .  .

Bahnverkehr

400.0

595.0

Diverse.

Aeolian-Weber  Piano  &amp;amp;Pianola  Co.,  NewYork

Pianos

10.0

American  Cement  Co.,  Philadelphia,  Pa.  .

Zement

2.9

American  Glue  Co.,  Boston,  Mass

Leim

2.5

American  Graphophone  Co.,  Washington,

D.  C

Phonographen

2.0

American  Grass  Twine  Co.,Milwaukee,  Wisc.

Bindfaden

15.0

American  Ice  Co.,  New  York

Eis

41.7

American  Pneumatic  Service  Co.,  Boston,

Mass

Pneumat.  Röhren

15.0

American  Shipbuilding  Co.,  Cleveland,  O.

Schiffsbau

30.0

American  VulcanizedFibre  Co.,  Wilmington,

Del

Vulkanis.  Fasern

3.5

American  Witch  Hazel  Corp.,  New  York  .

Zauberhasel

4.0

Atlas-Portland  Cement  Co.,  New  York  .  .

Portland-Zement

6.5

Brunswick-Collender  Co.,  New  York  .  .  .

Billards

1.5

Butterick  Co.,  New  York

Modemuster

12.0

Casein  Co.  of  America,  Bellows  Falls,  Vt.

Farben  usw.

6.5

Central  Fireworks  Co.,  New  York  ....

Feuerwerk

3.5
        <pb n="239" />
        239

Name  und  Domizil  i  Branche  _  ..
|  Dollars

Chicago  Junction  Railway  and  Union  Stock
Yards  Co.,  Chicago,  111

Viehhöfe

27.0

Consolidated  Lime  Co.,  Montgomery,  Ala.

Kalk

2.5

Consolidated  Match  Co.,  Chicago,  111.  .  .

Zündhölzer

10.0

Consolidated  Naval  Stores  Co.,  Savannah,
Ga

Schiffsbedürfnisse

3.0

Consolidated  Rosendale  -  Cement  Co.,
Newark,  N.  J

Zement

1.5

Diamond  Match  Co.,  Chicago,  111

Zündhölzer

15.0

E.  J.  Dupont-De  Nemours  Co.,  New  York

Explosivstoffe

50.0

Eastman  Kodak  Co.,  New  York

Photogr.  Apparate

35.0

George  A.  Füller  Co.,  New  York

Häuserbau

25.0

General  Aristo  Co.,  Rochester,  New  York.

Gelatine

5.0

General  Asphalt  Co.,  New  York

Asphalt

30.0

International  Emery  &amp;amp;  Corundum  Co.,
New  York

Schmirgel

2.0

H.  W.  Johns-Manville  Co.,  Milwaukee,  Wisc.

Asbest

3.0

Keystone  Watch  Co.,  Philadelphia,  Pa.  .  .

Uhrgehäuse

3.5

Knickerbocker  Ice  Co.,  Chicago,  111.  .  .  .

Eis

9.0

National  Asphalt  Co.,  Jersey  City,  N.  J.  .

Asphalt

54.0

National  Casket  Co.,  New  York

Särge

6.0-National

  Novelty  Co.,  New  York

Galanteriewaren

10.0

New  England  Consolidated  Ice  Co.,  Boston,

Mass

Eis

14.0

Rochester  Optical  &amp;amp;  Camera  Co.,  Rochester,
N.  Y

Optische  Waren

3.7

Standard  Rope  &amp;amp;  Twine  Co.,  New  York  .

Seilerwaren

21.5

U.  S.  Gypsum  Co.,  Chicago,  111

Gips

7.5

U.  S.  Realty  &amp;amp;  Construction  Co.,  New  York

Häuserbau

66.0

U.  S.  Whip  Co.,  Westfield,  Mass

Peitschen

3.0

Waterbury  &amp;amp;  Co.,  New  York

Seilerwaren

1.2

Western  Stone  Co.,  Chicago,  111

Granit

2.5

Wisconsin  Lime  &amp;amp;  Cement  Co.,  Chicago,  111.

Kalk

5.0

572.5
        <pb n="240" />
        Kapitel  XV.
Amerikaner  über  Amerika.

In  der  zweiten  Hälfte  November  1901  erstattete  ich
von  New  York  aus  einen  ausführlicheren  Stimmungs-Bericht
nach  Berlin.  Einige  Stellen  aus  dem  Bericht  will  ich  zunächst ­
  den  Betrachtungen  in  diesem  Kapitel  vorausschicken.
Ich  schrieb:
„  Die  Gemüter  sind  hier  überall  auf  das
höchste  erregt;  man  spricht  nur  von  den  finanziellen  wie
allgemeinen  Transaktionen,  die  zwischen  amerikanischen
Bankiers  und  unseren  deutschen  Dampfergesellschaften  vollzogen ­
  werden  sollen.  Morgan  und  Konsorten  wollen,  wie  man
hier  zu  sagen  pflegt,  die  »Kontrolle«  über  »Hapag«  (Hamburg-Amerika-Linie)
  und  »Lloyd«  erwerben  oder  erobern.  Unter
Zugrundelegung  dieses  Zukunftsbildes  sind  die  Zeitungen
angefüllt  von  Lobpreisungen  über  die  wirtschaftliche  Kraft
der  Union;  mit  begeisterten  Worten  werden  die  raschen
ökonomischen  Fortschritte,  die  glänzenden  Aussichten  der
agrarischen  wie  der  industriellen  Produktion  und  die  alle
anderen  Nationen  überragenden  Fähigkeiten  amerikanischer
Unternehmer  und  amerikanischer  Arbeiter  geschildert.  Ich
habe  es  angesichts  der  ganzen  Sachlage  für  meine  Pflicht  gehalten, ­
  mich  in  den  maßgebenden  Finanzkreisen  über  die
Tendenz  der  Morganschen  Bestrebungen  des  genaueren  zu
unterrichten,  Das  Ergebnis  dieser  Informationen  habe  ich
        <pb n="241" />
        241

drahtlich  zu  übermitteln  mir  erlaubt.  Es  steht  fest,  daß
Käufe  in  »Hapag«-Aktien  von  hier  auf  den  freien  Märkten  in
Hamburg  und  Berlin  vorgenommen  worden  sind  —  vielleicht ­
  ursprünglich  angesichts  des  billigen  Aktienkurses  in
spekulativer  Absicht  und  mit  dem  Ziel,  bei  genügendem
Materialbesitz  eine  Einführung  an  den  amerikanischen  Börsen
in  die  Wege  zu  leiten.  Diese  Absicht  und  dieses  Ziel  können
aber  zu  einer  weiteren  Ausgestaltung  über  das  rein  geschäftliche ­
  Vorhaben  hinaus  führen,  wenn  der  Wunsch  nach
amerikanischer  wirtschaftlicher  Weltherrschaft  den  leitenden
Männern  den  als  »national«  betrachteten  und  vielfach  von  der
öffentlichen  Meinung  mit  Nachdruck  propagierten  Gedanken
suggeriert,  auch  einen  unmittelbaren  und  bestimmenden
Einfluß  auf  unsere  großen  Dampferlinien  gewinnen  zu  wollen.
Geld  spielt  augenblicklich  hier  keine  Rolle.  Die  Finanzgruppen ­
  verfügen  über  Unsummen.  Der  Präsident  der
»National  City  Bank  of  New  York«  wies  mir  an  der  Hand  seiner
Bücher  nach,  daß  die  City  Bank  zur  Zeit  über  800  Millionen
Mark  Baardepositen  verfüge.  Und  zum  Konzern  der  Bank
gehören  die  Harriman  und  beide  Rockefellers  als  Direktoren
bezw.  Aufsichtsräte,  deren  Vermögen  auf  1200  Millionen
Dollars  angegeben  wird.  Also,  kommt  Geld  für  reine  Aktienerwerbungen ­
  in  Betracht,  dann  wird  es  auch  Herrn  Morgan
nicht  daran  fehlen.  Ob  und  inwieweit  es  möglich  sein  wird,
in  diesem  Falle  hemmend  einzuwirken,  läßt  sich  kurzerhand
nicht  entscheiden.  Jedenfalls  ist  die  Frage  ernsthaftester
Erwägung  wert.  Aktienkäufe  lassen  sich  an  den  freien  Märkten
nicht  verbieten.  Vielleicht  sind  Änderungen  in  den  Statuten
der  betreffenden  Gesellschaften  tunlich,  die  unseren  deutschen
Interessen  Schutz  gewähren.  Das  müßte  eventuell  bald  geschehen, ­
  eheeine  AktienmajoritätinaußerdeutscheHändeübergeht,
  eine  Majorität,  die  eine  Änderung  der  Statuten  unmöglich ­
  machen  würde.  Der  hiesige  deutsche  Generalkonsul  hat

ie
        <pb n="242" />
        242

wohl  schon  vor  einigen  Wochen  über  diese  Angelegenheit
nach  Berlin  gemeldet;  die  Bestimmungen  des  deutschen
Handelsgesetzbuches  würden  statutenmäßige  Änderungen  in
dem  Sinne  zulassen,  daß  nur  Inländer  dem  Aufsichtsrate  angehören ­
  dürfen.  Damit  würde  aber  nicht  verhindert  werden,
daß  diese  Inländer  —  »Puppen«  einer  ausländischen  Aktienmajorität ­
  sein  könnten.  Tritt  die  ganze  Frage  hier  wirklich  in
ein  ernsteres  Stadium,  so  wird  es  sich  zunächst  immer  nur
um  diejenige  »Kontrolle  der  Interessen«  handeln,  die
man  durch  großen  Aktienbesitz  sichern  kann.  Eine
weiterhin  in  Betracht  kommende  Verständigung  hinsichtlich
der  Frachtsätze  zwischen  amerikanischen,  deutschen  und
anderen  Linien  hat,  was  ich  übrigens  noch  bemerken
möchte,  mit  den  jetzt  schwebenden  Gerüchten  nichts
zu  tun.  Das  steht  auf  einem  ganz  andern  Blatt
Es  wäre  eine  Vermessenheit,  über  die  Eindrücke,  die
ich  in  mich  aufnehme,  schon  jetzt  etwas  Abschließendes
sagen  zu  wollen.  Aber  eins  möchte  ich  hervorheben:
das  Wirtschaftsleben  hat  tatsächlich  hier  übermächtige
Dimensionen  angenommen.  Ein  riesenhaftes  Eisenbahnnetz, ­
  eine  unbureaukratische  Behandlung  des  gigantischen
Verkehrs,  ein  gutes  Kanalsystem,  zahlreiche,  herrliche  Häfen,
enorme  Kapitalskraft,  kühner  Wagemut  und  Unternehmungsgeist, ­
  zähe  Energie  und  Arbeitsamkeit,  ausgedehnteste  Verwendung ­
  von  Maschinen  zur  Entlastung  der  menschlichen
Arbeitskraft  erleichtern  den  beispiellosen  kommerziellen
und  industriellen  Aufschwung  der  Union.  Und  das  alles
wird  auch  in  zahllosen  öffentlichen  Reden  und  von  der  Presse
jeder  Parteirichtung  den  Hörern  und  Lesern  immer  wieder
unter  populärer  und  geschickter  Verarbeitung  des  die
Wirtschaftsentwicklung  illustrierenden  statistischen  Materials
zum  Bewußtsein  gebracht.  Wenn  man  so  die  Amerikaner
über  Amerika  sprechen  hört,  wenn  man  alles  das,  was
        <pb n="243" />
        243

10*

darüber  geschrieben  wird,  liest,  so  versteht  man  es,  daß
die  große  Menge  der  Bevölkerung  zu  dem  Glauben  kommt,
die  Etablierung  der  Weltherrschaft  der  amerikanischen
Industrie,  wie  sie  auch  in  den  Absichten  der  Trusts  liegen
soll,  stände  unmittelbar  bevor
Der  Respekt  vor  der  deutschen  Arbeit  ist  hier
so  groß  wie  die  Bewunderung  für  die  Tatkraft  unseres
Kaisers;  das  ist  wahr  und  ehrlich  gemeint  und  empfunden. ­
  Mehr  als  einmal  hat  man  mir  gesagt:  »We
are  so  fond  of  him,  he  should  come  to  the  U.  S.!«
Und  die  das  sagten,  waren  nicht  Deutsche,  die  zwar  im
Auslande  gute  Amerikaner  geworden,  sondern  echte  und
rechte  eingeborene  Bürger  des  Landes.  »Die  Bewunderung
für  den  Kaiser,  die  in  der  überwiegenden  Mehrheit  des
amerikanischen  Volkes  *  lebendig  ist,«  so  äußerte  sich
der  Schiffbauer  Charles  H.  Cramp  zu  mir,  »bildet  ein
Kapital  für  die  Gestaltung  guter  Beziehungen  zwischen
Deutschland  und  den  Vereinigten  Staaten.  Das  Kapital
ist  vorhanden  —  es  wartet  nur  darauf,  daß  es  voll  nutzbar
gemacht  werde.«“
Einige  Monate  nach  den  Begebenheiten,  über  die  ich
vorstehend  berichtet  hatte,  hat  mich  unser  damaliger  Botschafter ­
  bei  dem  Präsidenten  Roosevelt  eingeführt.  Ich
will  nicht  die  auf  zahlreiche  Gebiete  sich  erstreckenden
Einzelheiten  unserer  gemeinsamen  Unterredung  mit  dem
Oberhaupt  der  Vereinigten  Staaten  wiedergeben.  Nur  eine
Anführung  sei  mir  gestattet  zum  Zeugnis  dafür,  daß  in
Amerika  an  bedeutsamster  Stelle  die  Auffassung  von
der  harmonischen  Ausgestaltung  der  Beziehungen  beider
Länder  geteilt  wird.  Präsident  Roosevelt,  der  bald
englisch,  bald  —  meisterhaft  —  deutsch  sprach,  unsere
Denker  und  Dichter  liebt,  ihre  vornehmlichsten  Werke
kennt,  das  Nibelungenlied  seinen  Kindern  wiederholt
        <pb n="244" />
        244

vorgelesen  hat,  wies  auf  die  damals  nahe  bevorstehende  Ankunft ­
  des  Prinzen  Heinrich  hin  und  hob  in  freudiger  Erregung
hervor,  daß  der  Prinz  als  des  Kaisers  und  des  Deutschen
Reiches  Vertreter  mit  inniger  Sympathie  überall  im  Lande
begrüßt  werden  würde.  Zugleich  betonte  er  mit  Nachdruck,
daß  nur  ein  klärender  und  dauernder  Meinungsaustausch
zwischen  beiden  Nationen  geeignet  sei,  alles  Mißverständliche
nach  und  nach  verschwinden  zu  lassen.
An  diese  letzten  Worte  knüpfe  ich  hier  vornehmlich
an.  Mehr  und  gewaltiger  als  irgendwo  sonst  stürmt  gerade
auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  das  rein  Äußerliche  auf
Sinn  und  Nerven  ein  und  läßt  in  seinem  kaleidoskopartigen,
bunt-  und  wildbewegten  Getriebe  nur  allmähliche  Sammlung ­
  aufkommen.  Diese  aber  gewinnt  man  in  zunehmendem
Ausmaß  und  gelangt  zu  einer  abgeklärten  und  unparteiischen
Beurteilung,  wenn  es  gelingt,  Fühlung  und  Aussprache  mit
den  Kreisen  der  Bevölkerung  zu  erhalten  —  mit  politischen ­
  wie  unpolitischen,  mit  Arbeitgebern  wie  mit  Arbeitnehmern, ­
  mit  Männern  der  Volkswirtschaft  und  der  Rechtskunde. ­
  Auf  die  Notwendigkeit  einer  derartigen  Studienbehandlung ­
  im  eigenen  wie  im  Gesamtinteresse  habe  ich
wiederholt  hingewiesen,  ebenso  darauf,  daß  fern  von  jeder
Hast  und  Nervosität  überall  in  den  Vereinigten  Staaten  ein
geradezu  aufrichtiges  und  herzliches  Bestreben  vorhanden
ist,  sich  dem  Fremden  unumschränkt  zur  Verfügung  zu
stellen.  Dieser  wohltuenden  Bereitwilligkeit  verdanke  ich
nicht  nur  wertvolles  statistisches  und  technisches  Material,
dessen  Nachprüfung  mir  auch  fast  immer  ermöglicht
worden  ist,  sondern  auch  eine  Fülle  charakteristischer
Äußerungen,  mündlicher  und  schriftlicher  Auslassungen,
die  ich  in  ihrer  ursprünglichen  Fassung  von  Fall  zu
Fall  unter  Bezeichnung  der  Quelle,  der  sie  entstammten,
meinen  Arbeiten  angereiht  oder  in  sie  eingefügt  habe.
        <pb n="245" />
        245

Daß  der  amerikanische  Unternehmungsgeist  nach  seinen
vielfachen  und  großen  Erfolgen  zuweilen  die  Treffsicherheit
in  der  Abschätzung  der  Möglichkeitsgrenzen  verliert  und
sich  durch  ein  gesteigertes  Selbstbewußtsein  zu  phantasievoller ­
  Übertreibung  verleiten  läßt,  erscheint  begreiflich
und  entschuldbar.  Ich  erinnere  an  die  in  Kapitel  V  wiedergegebenen ­
  imperialistischen  Zukunftspläne  des  Senators
Beveridge  und  an  die  Darlegungen  eines  sonst  so  kühl
abwägenden  Mannes  wie  des  Herrn  Austin.  Beide  Kundgebungen ­
  werden  aber  fast  noch  überboten  durch  eine
Rede,  die  bei  dem  133.  Jahresbankett  der  Handelskammer
von  New  York  der  Senator  von  Süd-Carolina,  Herr
J.  L.  McLaurin  —  er  ist  „lawyer“  und  gilt  unter  seinen
Landsleuten  für  einen  ruhigen  Politiker  —  gehalten  hatte.
Herr  Laurin  sagte:  „Hinsichtlich  des  Geistes  der  Regierung,
der  erfinderischen  Fähigkeiten,  der  Wissenschaften,  der
Kunst  und  des  industriellen  Unternehmersinns  hat  unsere
Nation  heute  alle  anderen  übertroffen  und  fordert  sie  zu
einem  Wettkampf  um  die  Handelsoberhoheit  heraus.“  Ich
habe  diese  Worte  selbst  mitangehört  und  habe  gesehen,
welche  berauschende  Wirkung  sie  auf  die  Teilnehmer  jenes
Festmahles  ausübten,  die  fast  ausnahmslos  Mitglieder  des
Handelsstandes  und  der  Industrie  New  Yorks  waren.  Und
eine  berauschende  Wirkung  sollten  sie  auch  ausüben,  diese
Worte  und  alle  andern  auf  einen  gleichen  Ton  gestimmten.
Wenn  das  Horoskop  der  nationalen  Zukunft  gestellt  wird,  sind
Äußerungen  wie  die  vorerwähnten  notwendig,  insbesondere
der  breiten  Masse  gegenüber,  die  in  einem  unbeugsamen
Glauben  an  den  geschilderten  Zustand,  in  einem  glückseligen
hypnotischen  Starren  auf  das  Vorhandene  oder  auf  die
angekündigte  kommende  Erscheinung  die  Kosten  des  vaterländischen ­
  Ruhmes  und  seine  mancnmal  nicnt  leichten  Lasten
ohne  Murren  zu  tragen  hat  oder  hierzu  angespornt  werden
        <pb n="246" />
        246

soll.  Freilich  muß  man  in  gerechter  Verteilung  von  Licht
und  Schatten  zugeben  und  hervorheben,  daß  übertreibende
Stimmungsmacherei  nicht  überall  im  „Land  der  unbegrenzten
Möglichkeiten“  verblüffend  oder  verwirrend  wirkt  oder  gar
ihre  Absicht  erreicht.  Zudem  ist  nicht  ein  jeder  Posaunenbläser ­
  von  Beruf  oder  Neigung.  Bei  der  Erörterung  der
Trusts  und  der  Arbeiterfrage  sind  wir  ernsten  Mahnungen
um  das  Wohl  ihres  Vaterlandes  besorgter  Männer  zur
Genüge  begegnet,  denen  der  phänomenale  wirtschaftliche
Aufschwung  trotzdem  nicht  den  Blick  ins  Weite  und  über  das
Ganze  getrübt  hat.  Als  beweiskräftig  hierfür  mag  auch  eine
finanztechnische  Auslassung  angefügt  werden,  die  mir  im
Beginn  des  Jahres  1902  von  einem  ersten  Bankenmann
der  Union  zuging.  „Wir  leben,“  so  schrieb  er  mir,
„gewiß  in  einer  Periode  blühender  Entwicklung.  Doch
manches,  was  schweren  Schaden  bringen  kann,  wird
leichthin  übersehen.  Durch  den  sogenannten  »Interessengemeinschafts-Plan« ­
  erstrebt  man,  wie  bekannt,
Eisenbahn  -  Konsolidationen,  die  direkt  durchzuführen
die  Gesetze  gegen  Konsolidation  von  Parallelbahnen
verhindern.  Infolge  dieser  Methode  gelangen  Eisenbahn-Obligationen ­
  zur  Ausgabe,  die  durch  das  Aktienkapital ­
  anderer  Bahnen  gesichert  sind.  Dies  geschieht
aber  nicht  in  der  gewöhnlichen  Form,  in  der  »Collateral
Trust«  -  Obligationen  in  der  Vergangenheit  ausgegeben
wurden,  nämlich  auf  Unterlage  des  rollenden  Materials
unter  dessen  Wert  oder  durch  Hinterlegung  von  Eisenbahnbonds ­
  oder  selbst  Aktien  anderer  Eisenbahnen  unter
ihrem  Kostenpreis,  sondern  durch  Hinterlegung  von
Aktien  zu  enormen  Kursen,  in  vielen  Fällen  zu  dem
höchsten  Preis,  der  je  notiert  worden  ist.  So  sehen  wir  viele
Hunderte  von  Millionen  von  Eisenbahn-Obligationen  mit
festen  jährlichen  Lasten  an  die  Stelle  von  Aktien  treten,
        <pb n="247" />
        247

die  vordem  keine  Zinsgarantie  erforderten.  Und  hierdurch
wird  eine  Situation  geschaffen,  deren  Gefahren  in  steigendem
Maße  zunehmen  müssen.“
Das  Volk  hat  zumeist  von  den  wirtschaftlichen  Schattenseiten ­
  keine  rechte  Vorstellung.  Die  allgemeine  Geschäftslage ­
  ist  gut;  die  Erwerbsmöglichkeiten  in  der  Industrie,
im  Warenhandel  und  im  Verkehrswesen  sind  reichlich  vorhanden ­
  und  gewähren,  wie  ich  dies  wiederholt  betont  habe,
sicheres,  oft  glänzendes  Auskommen.  Von  einem  ausschlaggebenden ­
  Einfluß  der  Börse  und  vornehmlich  des  Börsenspiels ­
  auf  die  rein  kaufmännische  und  gewerbliche  Betätigung
verspürt  man  nichts  und  will  auch  davon  durchaus  nichts
wissen.
Im  Frühjahr  1902  besuchte  ich  die  im  Entstehen
begriffenen  großartigen  Anlagen  der  „Pacific  Coast  Oil  Co.“
in  San  Francisco,  eine  Schöpfung  der  „Standard  Oil  Co.“.
Der  General-Direktor  der  Werke,  Herr  W.  S.  Rheem,
ein  hervorragender  Ingenieur,  kühl  in  der  Beurteilung  aller
Dinge,  sagte  mir,  als  ich  mich,  angesichts  der  damals  bekannt
gewordenen  Krisis  der  Webb-Meyerschen  Industriewerte  an
der  New  Yorker  Börse,  über  die  allgemeine  Lage  bedenklich
äußerte,  ungefähr,  was  folgt:  „Lassen  Sie  sich  nur  nicht  durch
Börsen  -  Ereignisse  beirren.  Hohe  oder  niedrige  Kurse,
Hausse,  Baisse  oder  gar  Panik  haben  mit  der  Industrie  der
Union  wenig  zu  tun.  Natürlich  haben  auch  wir  industrielle
Etablissements,  die  in  ihrer  weit  angelegten  Ausdehnung
keine  Existenzberechtigung  besitzen,  oder  die  auf  ungesunder
finanzieller  Basis  aufgebaut  sind.  Solche  Fabriken  und  die
Kapitalswerte,  die  für  sie  ausgegeben  sind,  gehen  bei  uns,
wie  überall  in  der  Welt,  zugrunde.  Für  die  Vorkommnisse
an  der  Börse  sind  die  Erzeugungsstätten  amerikanischen
Gewerbefleißes  nicht  verantwortlich  zu  machen.“
Auf  der  andern  Seite  ist  im  Volke  der  Argwohn
        <pb n="248" />
        »

248

wachsend  lebendig,  daß  die  sogenannte  „Morganisierung“,
die  Beherrschung  oder  Kontrollierung  alles  möglichen  und
unmöglichen  durch  einen  einzelnen  oder  einzelne,  dem  Lande
nicht  nur  finanziellen,  sondern  auch  moralischen  Schaden  zufügen ­
  muß.  Während  ich  in  Cleveland  war,  wurde  —  und  dies
mag  die  eben  erwähnte  Tatsache  illustrieren  —  ein  satirisches
Gedicht  auf  Herrn  Morgan  unter  der  Arbeiterschaft
zur  Verteilung  gebracht.  Dieses  Gedicht  trug  die  Überschrift ­
  „It’s  Morgan’s“.  Ich  lasse  es  in  dem  englischen  Urtext ­
  folgen;  die  charakteristische  Färbung,  insbesondere  den
„Slang“,  würde  ich  in  deutscher  Übertragung  nicht  wiederzugeben ­
  vermögen.  Das  Lied,  für  das  auch  eine  eigene
Melodie  ersonnen  worden  ist,  hat  den  nachstehenden  Wortlaut:
„IT’S  MORGAN’S.“
I  carae  to  a  mill  by  the  riverside,
A  half  mile  long  and  nearly  as  wide;
With  a  forest  of  Stacks  and  army  of  men,
Toiling  at  furnace,  and  shovel,  and  pen.
„What  a  magnificent  plant!“  I  cried,
And  the  man  with  the  smudge  on  his  face  replied  —
„It’s  Morgan’s.“
I  entered  a  train  and  rode  all  day
In  a  regal  coach,  on  a  right  of  way
Which  reached  out  it’s  arms  all  over  the  land
In  a  System  too  large  to  understand.
„A  splendid  property  this!“  I  cried,
And  a  man  with  a  plate  on  his  face  replied  —
„It’s  Morgan’s.“
I  sailed  on  a  great  ship,  trim  and  true
From  pennon  to  keel,  and  cabin  to  crew,
The  ship  was  one  of  a  monster  fleet  —
A  first  dass  navy  could  scarce  compete.
„What  a  beautiful  craft  she  is!“  I  cried,
And  the  man  with  akimbo  legs  replied  —
„It’s  Morgan’s.“
        <pb n="249" />
        249

I  dwelt  in  a  nation  filled  with  pride;
Her  people  were  many,  her  lands  were  wide;
Her  record  in  Science  and  war  and  art
Proved  greatness  of  mind  and  muscle  and  heart.
„What  a  grand  old  country  it  is!“  I  cried,
And  a  man  with  his  ehest  in  the  air  replied  —
„It’s  Morgan’s.“
I  went  to  heaven.  The  jasper  walls
Towered  high  and  wide,  and  the  golden  halls
Shone  bright  beyond.  Bat  a  stränge  new  mark
Was  over  the  gate,  viz:  —  „Private  Park.“
„Why,  what’s  the  meaning  of  this?“  I  cried,
And  a  saint  with  a  livery  on  replied  —
„It’s  Morgan’s.“
1  went  to  the  only  place  left.  „I’ll  take
A  Chance  on  the  boat  on  the  brimstone  Lake.
Or  perhaps  I  may  be  allowed  to  sit
On  the  griddled  floor  of  the  bottomless  pit.“
But  a  leering  lout  with  thorns  on  his  face
Cried  out  as  he  forked  me  out  of  the  place  —
„It’s  Morgan’s.“
Und  in  der  Ostrich-Farm  in  Pasadena  zeigte  man  mir
den  größten  und  fettesten  Strauß  aus  Afrikas  Gefilden;
sie  nannten  ihn  „Morgan“.
*
In  „Scribners  Magazine“  las  ich  Ende  des  Jahres  1901
eine  Reihe  von  Artikeln,  die  den  früheren  Unterstaatssekretär
im  Schatzamt  zu  Washington,  jetzigen  Vizepräsidenten  der
National  City  Bank  of  New  York,  Herrn  Frank  A.  Vanderlip,
zum  Verfasser  hatten  und  „the  American  commercial  invasion
  of  Europe“  betitelt  waren.  Die  Aufsätze  waren  mit
bunt  durcheinandergewürfelten  Bilderchen  versehen,  die
einen  Zusammenhang  mit  dem  Text  nicht  erkennen  ließen.
Ich  wüßte  wenigstens  nicht  zu  sagen,  welcher  Zusammenhang ­
  zwischen  dem  Portal  der  Länderbank  in  Wien,  der
        <pb n="250" />
        250

Börse  in  Wien,  dem  Schatzamt  in  Wien,  Mörtel  mischenden
österreichischen  Frauen,  der  Bank  von  Italien  in  Rom,  dem
österreichisch-ungarischen  Minister  des  Auswärtigen  Grafen
Goluchowsky,  dem  früheren  ungarischen  Premier-Minister
Coloman  Szell,  dem  Reichsbank-Direktor  Dr.  Koch,  den
Hamburger  Docks,  der  Bank  von  England  in  London  und  der
—  „Handelsüberflutung  Europas  durch  Amerika“  bestünde.
Nachdem  die  Artikel-Reihe  in  „Scribners  Magazine“  abgeschlossen ­
  war,  ließ  Herr  Vanderlip  späterhin  einen  Sonderabdruck ­
  veranstalten,  dem  die  gleichen  Bilderchen  und
noch  mehr  davon  —  zumeist  selbsthergestellte  Kodak-Aufnahmen ­
  —  eingefügt  waren,  und  den  die  City  Bank  vornehmlich ­
  an  ihre  Freunde  und  an  ihre  Klientel  zur  Versendung ­
  brachte.  Der  Verfasser  schildert  in  unterhaltsamem
Plauderton  die  Eindrücke,  die  er  auf  einer  Reise  durch
Europa  im  Jahre  1901  gewonnen  hat,  Eindrücke,  die  in  ihm
die  Überzeugung  gefestigt  haben,  daß  die  überreichen  Bodenund
  Erd-Produkte  und  die  Industrie-Erzeugnisse  der  Vereinigten ­
  Staaten  in  die  ganze  Welt  eindringen  und  sie
beherrschend  überfluten  werden  —  „dank  der  Überlegenheit
der  amerikanischen  Arbeiterschaft,  des  allgemeineren  Gebrauchs ­
  von  Maschinen,  der  niedrigeren  Steuern,  der
geringen  militärischen  Belastung,  der  Homogenität  des
Volkes,  der  großen  Ausdehnung  des  heimischen  Marktes
und  des  für  industrielle  Unternehmungen  so  außerordentlich ­
  geschärften  Sinnes.“  Man  wird  viele  der  angeführten
Vorzüge,  auf  die  sich  der  amerikanische  Wettbewerb
stützt,  bedingungslos  anerkennen  müssen,  ohne  überall
zu  den  Schlußfolgerungen  des  Herrn  Vanderlip  zu  gelangen. ­
  Eine  vertiefte  Behandlung  des  Stoffes  hat  er  im
übrigen  wohl  kaum  beabsichtigt.  Manches  erweckt  vielmehr ­
  den  Eindruck,  als  ob  es  mit  Vorbedacht  humoristisch
gewürzt  sei.  Wenn  der  Verfasser  z.  B.  sagt:  „Amerika  hat
        <pb n="251" />
        251

Kohlen  nach  Newcastle  gesandt,  Kattun  nach  Manchester,
Messerwaren  nach  Sheffield,  Kartoffeln  nach  Irland,  Champagner ­
  nach  Frankreich,  Uhren  nach  der  Schweiz  und
»Rheinweine«  nach  Deutschland,“  so  darf  das  eben  nicht
ernst  genommen  werden.  Herr  Vanderlip  widerruft  auch
teilweise  diese  Behauptung,  indem  er  an  einer  andern
Stelle  bemerkt:  „Es  ist  buchstäblich  wahr,  daß  wir
Baumwollstoffe  in  Manchester,  Eisen  in  Lancashire  und
Stahl  in  Sheffield  verkauft  haben.“  Es  ist  in  der  Tat
„buchstäblich“  wahr,  aber  es  beweist  keineswegs  die
Konkurrenzfähigkeit  der  amerikanischen  Produktion  mit  der
englischen  in  England  selbst,  oder  gar  die  Überlegenheit  der
amerikanischen  Erzeugung,  sondern  die  Tatsache  zeigt  einzig,
daß  es  eine  Zeit  gegeben  hat,  in  der  die  Baumwolle-Fabrikanten ­
  in  Manchester,  die  Eisen-Produzenten  in  Lancashire
und  die  Stahlproduzenten  in  Sheffield  durch  die  übergroßen  bei
ihnen  gemachten  Bestellungen,  die  sie  nicht  absagen  wollten,
gezwungen  waren,  um  ihre  Kunden  zu  befriedigen,  sogar  bei
der  amerikanischen  Konkurrenz  als  Käufer  aufzutreten.  Wenn
Herr  Vanderlip  ernsthaft  hätte  sagen  wollen,  daß  Amerika
Kohlen  nach  Newcastle  bringen,  das  heißt,  in  Newcastle
regelmäßig  billiger  seine  Kohlen  verkaufen  könne,  als
der  Gestehungspreis  der  Kohle  in  Newcastle  selbst  ist,
so  hätte  er  nicht  an  anderer  Stelle  seiner  Schrift  behaupten
dürfen,  daß  z.  B.  Italien  durch  seinen  Mangel  an  Kohle  zu
dauernder  industrieller  Inferiorität  verurteilt  sei;  denn  Italien
hätte  doch  die  amerikanische  Kohle  nach  der  Vanderlipschen
Behauptung  immer  noch  billiger  haben  können,  als  England
die  eigene  Kohle,  und  wäre  somit  in  der  industriellen
Konkurrenzfähigkeit,  soweit  sie  auf  der  Billigkeit  der
Kohle  beruht,  zum  mindesten  nicht  schlechter  als  England
gestellt.  Die  schwachen  und  undichten  Teile  der  wirtschaftlichen ­
  Rüstung  der  Vereinigten  Staaten  läßt  Herr  Vanderlip
        <pb n="252" />
        252

fast  unerörtert.  Da,  wo  es  geschieht,  wird  die  Materie
nur  ganz  oberflächlich  gestreift.  Er  spottet  über  die
englischen  Arbeiter,  die  nur  ihrem  Klassenbewußtsein
folgen,  indem  sie  der  Arbeitslosigkeit  durch  Verminderung
der  Arbeitsleistung  des  einzelnen  begegnen  zu  können
glauben,  während  doch  die  Durchführung  dieses  Prinzips
die  allgemeine  Arbeitsgelegenheit  mindert.  In  diesem  Geiste
der  englischen  Arbeiterschaft  erblickt  er  sogar  einen  der
Hauptgründe  für  die  Überlegenheit  Amerikas  über  das
„Mutterland“.  Daß  aber  die  amerikanische  Arbeiterschaft
genau  der  gleichen  Ansicht  sehr  vernehmbaren  Ausdruck ­
  gegeben,  daß  sie  ganz  aus  denselben  Erwägungen
heraus  die  Akkordarbeit  mit  den  äußersten  Mitteln  bekämpft
hat  und  neuerdings  auch  gegen  das  Lohnprämien-System
energisch  Front  zu  machen  versucht,  das  wird  in
diesem  Zusammenhang  mit  Stillschweigen  übergangen.
Herr  Vanderlip  weiß  es  aber  recht  gut;  denn  an  einer
früheren  Stelle,  an  der  er,  und  zwar  ebenfalls  im  Hinblick  auf
England,  die  „Beschränkungen,  welche  die  Arbeiterkörperschaften ­
  der  Tagesleistung  eines  Arbeiters  auferlegt  haben“,  erwähnt, ­
  bemerkt  er  zutreffend:  „Diesem  Geist  sind  wir  häufiger
in  unserm  eigenen  Lande  begegnet,  und  dies  kann,  wenn  erfolgreich ­
  fortentwickelt,  unseren  Fabrikanten  sehr  schnell  den
Boden  entziehen.“  Diese  und  noch  einige  wenige  allgemeine
Andeutungen  stellen  alles  dar,  womit  sich  der  Autor  über
das  gewaltige  Problem  der  amerikanischen  Arbeiterfrage
vernehmen  läßt.  Er  gedenkt  fernerhin  auch  nicht  mit  einem
einzigen  erklärenden  oder  aufklärenden  Wort  der  Trustbildungen, ­
  weder  in  ihrer  ursprünglichen  noch  in  ihrer  jetzigen
Form,  weder  in  ihren  Ursachen  noch  in  ihren  Wirkungen.
Für  die  von  ihm  betonte  Überlegenheit  und  für  die  „bei  erhöhter ­
  Arbeit  und  intensiver  Ausnutzung  aller  Vorteile“  in
Aussicht  genommene  „dauernde  Vorherrschaft“  der  Ver ­
        <pb n="253" />
        einigten  Staaten  sind  die  finanziellen  und  sonstigen  Lücken
der  Milliarden-Unternehmungen  anscheinend  ohneBedeutung.
Alles,  was  Herr  Vanderlip  von  den  amerikanischen  Trusts
sagt,  beschränkt  sich  auf  die  folgende  Redewendung:  „Es  ist
möglich,  daß  die  von  diesem  russischen  Staatsmann  (gemeint
ist  der  frühere  russische  Finanzminister  Herr  von  Witte)  so
hoch  geschätzte  Einmütigkeit  der  Bestrebungen  in  gewissem
Grade  sich  durch  diejenigen  Kombinationen  erreichen  lassen
wird,  die  wir  »Trusts«  nennen,  welche  einen  großen  Einfluß  auf
verschiedenen  Gebieten  üben,  und  die  in  dem  kommerziellen
Wettkampfe  ihr  volles  Gewicht  in  die  Wagschale  werfen
können.“  Und  dieser  Redewendung  wird  unter  Verkennung ­
  des  Tatsächlichen  der  Satz  angefügt:  „Europäische ­
  Volkswirte  und  industrielle  Führer  sind  zweifellos ­
  durch  die  Vorteile,  welche  wir  durch  diese  großen
Trusts  erreichen,  mehr  beunruhigt  als  durch  irgendwelche
andere  Chancen  zu  unseren  Gunsten!“  Auch  mancherlei
anderes  in  der  kleinen  Schrift  verlangte,  abgesehen  von
Richtigstellung  statistischer  Zahlen,  entschiedene  Zurückweisung. ­
  Eine  einzige,  geradezu  gehässige  Bemerkung  greife
ich  heraus.  Es  heißt  wörtlich:  „Aus  allen  Teilen  Europas
kommen  beständig  Deputationen  von  technischen  Sachverständigen ­
  nach  den  Vereinigten  Staaten,  die  sich  unsere
Gutmütigkeit  und  Gastfreundschaft  zunutze  machen.  Sie
loben  unsere  Maschinen  und  fertigen  Zeichnungen  davon ­
  an;  sie  schmeicheln  unserm  Stolz,  indem  sie  unsere
Methoden  lobend  anerkennen,  und  sie  machen  sich  ausführliche ­
  Notizen.  Und  die  Resultate  machen  sich  bereits
in  beinahe  allen  europäischen  Fabriken  bemerkbar.“  Diese
Beschuldigung,  die  natürlich  Deutschland  mit  einschließt,
richtet  sich  von  selbst.  Ähnliches  ist  sogar  von  den
gelbsten  Journalen  der  Jingo-Presse  unserm  Gewerbefleiß
noch  nicht  zur  Last  gelegt  worden.  Und  Herr  Vanderlip
        <pb n="254" />
        254

hätte  sich  von  so  unsubstantiierter  Anklage  umsomehr  fernhalten ­
  müssen,  als  er  an  einer  andern  Stelle,  vielleicht  im
Gegensatz  zu  der  Auffassung  vieler  seiner  Landsleute,  es
ausspricht:  „Ferner  ungünstig  wirkt  ein  Umstand,  der  in
Europa  weit  mehr  anerkannt  wird  als  bei  uns  zu  Hause.
Wir  nehmen  keine  führende  Position  in  der  wissenschaftlichen ­
  Forschung,  welche  kommerzieller  Betätigung  vorausgeht, ­
  ein.  In  den  letzten  Jahren  sind  viele  bemerkenswerte
Entdeckungen  auf  dem  Gebiete  der  Chemie,  Elektrizität
und  anderen  wissenschaftlichen  Gebieten,  welche  in  direkter
Beziehung  zur  Industrie  stehen,  durch  Ausländer  gemacht
worden.  Die  Röntgenstrahlen  und  die  drahtlose  Telegraphie
sind  Beispiele,  welche  jedem  einfallen.“
Wahrlich,  wenn  sich  die  Amerikaner  unsere  Wissenschaft ­
  und  unsere  Wissenschaftler  holen  —  und  dies  erfüllt  uns
mit  stolzer  Genugtuung,  nicht  mit  Argwohn  und  Verdacht  —,
warum  sollten  wir  nicht  bei  uns  bisweilen  Maschinen  zur
An-  und  Verwendung  bringen,  die  sich  drüben  bewährt
haben,  Maschinen,  deren  Patente  wir  für  unser  gutes
Geld  erwerben,  oder  für  deren  Benutzung  wir  Lizenzen
bezahlen?
Die  Aufsätze  des  Herrn  Vanderlip,  der  sich  vor  kurzem
neuerdings  in  Europa  aufgehalten  hat,  um,  wie  verlautete,
seine  daselbst  früher  gewonnenen  Eindrücke  zu  revidieren,
haben  bei  ihrem  ersten  Erscheinen  kein  besonderes  Aufsehen ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  hervorgerufen.  Wenn
daher  eine  führende  deutsche  Zeitung  zu  denjenigen  Faktoren, ­
  die  zu  einer  Überspannung  der  amerikanischen
Kapitalskraft  geführt  haben,  auch  die  Vanderlipsche  Schrift
rechnet,  „die  in  den  Vereinigten  Staaten  die  Überhebung ­
  geweckt  hatte,  sie  wären  berufen,  Europa  mit  ihrer
Industrie  und  ihrem  Kapital  zu  beherrschen“,  so  wird  damit
den  Plaudereien  eine  Beachtung  zuerkannt,  die  sie  weder
        <pb n="255" />
        255

in  Anspruch  nehmen,  noch  auch  drüben  jemals  gefunden
haben.  Auch  nicht  dadurch,  daß  der  Verfasser  mit
dem  schon  oben  erwähnten  damaligen  russischen  Finanzminister ­
  Herrn  von  Witte  eine  Begegnung  hatte,  deren  Einzelheiten ­
  er  aufs  genaueste  schildert,  teils  im  Zusammenhang,
teils  sie  hie  und  da  einstreuend.  Der  russische  Staatsmann
hatte  seinem  amerikanischen  Besucher  vorgerechnet,  was
Europa  an  Militärlasten  zu  tragen  habe  —  ungleich  mehr  als
Amerika  —,  hatte  von  Frankreich  als  von  dem  „kleinen
Rentner“  unter  den  Staaten  gesprochen,  mit  wohlwollender
Anerkennung  von  Deutschlands  Fortschritten,  die  überschnell
seien  und  deshalb  einen  Rückschlag  als  unvermeidlich  erwarten ­
  ließen  —  und  hatte  endlich  dem  amerikanischen  Reichtum ­
  Bewunderung  gezollt.  Vielleicht  unabsichtlich  stellte  Herr
von  Witte  zugleich  fest,  daß  es  —  wenigstens  zu  jener  Zeit  —
Englands  Kapitalmacht  sei,  die  befruchtend  auf  die  ganze  Welt
einwirke,  indem  er  erwähnte,  daß  der  Transvaalkrieg  und  die
damit  verbundene  Einziehung  und  Zurückhaltung  englischer
Kapitalien  es  seien,  die  die  damalige  industrielle  Krisis  in
Rußland  und  anderwärts  hervorgerufen  haben.  Ungleich  mehr
als  diese  Äußerungen  des  Herrn  von  Witte  wurde  übrigens
drüben  die  klare,  sachverständige  und  vorurteilsfreie  Antwort ­
  beachtet,  die  der  Direktor  der  Berliner  „Union-Elektrizitäts-Gesellschaft“
  Herr  Louis  J.  Magee  Herrn  Vanderlip
auf  die  Frage  gegeben  hatte,  „welches  die  Vorzüge  Deutschlands ­
  und  Amerikas  voreinander  seien“.
Ich  würde  mich  bei  dieser  vor  bald  zwei  Jahren
erschienenen  Schrift  eines  „Amerikaners  über  Amerika“  nicht
so  lange  aufgehalten  haben,  wenn  sie  nicht  bei  uns  in
Deutschland  dadurch  besonders  bekannt  geworden  wäre,
daß  ein  angesehener  preußischer  Magnat  und  Groß-Industrieller, ­
  Herr  Graf  Tiele-Winckler,  nach  Rückkehr  von
einer  Studienreise  durch  die  Vereinigten  Staaten,  das  Büchel ­
        <pb n="256" />
        256

chen  vor  einiger  Zeit  übersetzt  hätte  und  diese  Übersetzung
—  auf  Abdruck  der  Kodak-Bilderchen  wurde  geschmackvollerweise
  verzichtet  —  mit  einem  kleinen  Vorwort  versehen
haben  würde.  In  diesem  Vorwort  empfiehlt  Herr  Graf  Tiele-Winckler
  die  Schrift  Vanderlips  seinen  Landsleuten  zum
Studium.  Er  überläßt  ihnen  zwar,  aus  den  Vanderlipschen
Darlegungen  die  Folgerungen  selbst  zu  ziehen,  doch  macht
er  auch  aus  seinen  eigenen  Folgerungen  kein  Hehl,  indem
er  es  für  das  letzte  Rettungsmittel  erklärt,  daß  das  „ergraute
Europa“,  den  Ernst  der  Lage  und  den  drohenden  wirtschaftlichen ­
  Bankrott  erkennend,  „aus  seinem  hypnotischen  Zustand
erwachen  und  sich  entschließen  wird,  unter  Beiseitesetzung
der  bestehenden  Interessengegensätze  sich  zusammenzuschließen ­
  und  die  alten  Waffen  aus  der  Rüstkammer  zu
holen,  deren  Amerika  sich  ihm  gegenüber  so  erfolgreich
bedient  hat:  Schutz  des  legitimen  Markts  nach  dem  Rezept
McKinleys,  Wilsons  und  Dingleys!“
Ich  kann  in  den  Klagegesang,  den  auf  Grund  der
Vanderlipschen  Schrift  Herr  Graf  Tiele  -  Winckler  dem
„ergrauten  Europa“  wehmutsvoll  singt,  ebensowenig  einstimmen, ­
  wie  ich  seiner  Anregung  zu  einem  zollpolitischen
Zusammenschluß  Europas  zu  folgen  vermag.  Dieses  schon
deshalb  nicht,  weil  die  unter  den  Völkern  Europas  bestehenden ­
  Interessengegensätze  so  tief  in  den  einzelnen
nationalen  Eigenarten  wurzeln,  sowohl  politisch  als  auch
wirtschaftlich  so  schwer  zu  überbrücken  wären,  daß  eine
praktische  Durchführung  des  mehr  oder  weniger  utopistischen
  Planes  zu  festen  Formen,  wenn  überhaupt,  so  erst
in  Jahrzehnten  heranreifen  könnte.  Sollen  die  Völker
Europas  solange  müßig  Zusehen,  solange  die  Hände  in  den
Schoß  legen?  Würde  anderseits,  wenn  eine  derartige  zollpolitische ­
  Union  zustande  käme  —  bildlich  gesprochen  —,
hierdurch  ein  Würfelchen  Kohle,  ein  Stückchen  Eisenerz,
        <pb n="257" />
        257

eine  Staude  Baumwolle,  ein  Körnchen  Brotfrucht,  ein  zehntel
Liter  Petroleum,  ein  Karat  Gold  mehr  in  Europa  für  die
Weltversorgung  vorhanden  sein?  Allerdings  ist  das  Beiwort, ­
  das  Herr  Graf  Tiele-Winckler  der  Alten  Welt  beilegt, ­
  indem  er  sie  „ergraut“  nennt,  nicht  das  richtig  kennzeichnende. ­
  Wer  grau  und  ergraut  geworden  ist,  dem  gibt
kein  Elixir  Jugend  und  Jugendsinn  zurück  und  frohen
frischen  Wagemut  und  die  Stärke  zu  mannhaftem  Erstreiten.
Soll  ein  Beiwort  gefunden  werden,  das  dem  derzeitigen  Zustande ­
  einigermaßen  nahe  kommt,  so  möchte  ich  mich  der
Auffassung  eines  klugen  amerikanischenFreundes  anschließen,
der  mir  sagte:  „Europa  ist  »anämisch«  geworden.“  Das
lasse  ich  eher  gelten.  Blutarm  wohl;  aber  Blutarmut  ist  zu
heilen,  gewiß  dann,  wenn  der  Körper  an  sich  heil  ist.  In
Europas  Ländern  und  insonderheit  in  Deutschlands  Landen
fließen  Hunderte  von  Quellen,  die  die  Verschlechterung  des
Blutes  beseitigen  und  die  unserm  sonst  gesunden  Wirtschafts-Organismus ­
  neue  verjüngende  und  blutbildende
Elemente  zuleiten  können.  Und  einzig  und  allein  dadurch, ­
  daß  wir  all  die  reichen,  in  unserm  Volke
ruhenden  Kräfte  zu  frischem  Leben  erwecken  und  ihnen
den  Weg  zu  voller  Entfaltung  freimachen,  können  wir
die  Aufgaben  erfüllen,  deren  Erreichung  wir  im  Wettbewerb ­
  mit  den  Vereinigten  Staaten  zielbewußt  zuzusteuern ­
  haben,  ohne  abzuwarten,  bis  sich  dereinst  Abwehrkoalitionen ­
  von  Ländern  bilden.  Gewiß,  der  Kampf
ist  für  uns  ■  trotz  mancher  Undichtigkeit  in  der  glänzenden ­
  Rüstung  des  Mitbewerbers  zeitweilig  unendlich  schwer
und  hart.  Aber  auch  der  einsichtige  Amerikaner  weiß
und  empfindet  ganz  genau,  daß  er  keineswegs  hoffen  darf,
selbst  das  „ergraute“  Europa  industriell  über  den  Haufen
rennen  und  in  kommerzielle  Abhängigkeit  nehmen  zu
können.  Nicht  Erd-  und  Bodenschätze  der  Union,  kein  Trust

17
        <pb n="258" />
        258

und  keine  Vereinigung  aller  Trusts  wären  imstande,  dieses
Ziel  zu  erreichen,  das  ein  unmögliches  Ziel  ist.  Gewiß
wird  in  dem  friedlichen  Wettbewerb  der  Nationen  um  das
wirtschaftliche  Gedeihen  nicht  immer  der  Fortschritt  überall
gleich  sein,  sondern  es  wird  der  größere  Fleiß,  es  wird
die  größere  Intelligenz  stets  und  überall  den  größeren  Lohn
finden.  Doch  das  Gedeihen  des  einen  Teils  beruht  nicht  auf
dem  Mißerfolg  des  andern  Teils,  vielmehr  ist  die  Harmonie
der  Kräfte  nicht  bloß  möglicherweise  imstande,  sondern
von  vornherein  und  grundsätzlich  darauf  gerichtet,  ein
allgemeines  Gedeihen  hervorzurufen.  Jede  Nation  strebt
nach  einem  „Platz  an  der  Sonne“  und  darf  es  tun;  und
niemals  ist  eine  Nation  dadurch,  daß  sie  dieses  Ziel
erreicht,  ein  Hindernis  für  eine  andere  Nation,  zu  dem
gleichen  Ziel  zu  gelangen.  Es  ist  eine  besondere  und  schöne
Eigenart  des  ökonomischen  Fortschreitens,  daß  es,  an  jeder
einzelnen  Wirkungsstätte  nach  demselben  Ziele  der  sittlichen
und  wirtschaftlichen  Hebung  der  Völker  strebend,  dennoch
je  nach  der  Geschichte  und  den  Lebensbedingungen  jedes
Landes  durchaus  verschiedene  Erscheinungs-  und  Äußerungsformen ­
  annimmt.  Auch  vom  Leben  der  Völker  gilt,  was
Lessing  seinen  welterfahrenen  Weisen  vom  Einzelindividuum
sagen  läßt:  „Nur  muß  der  eine  nicht  den  andern  mäkeln;
nur  muß  der  Knorr  den  Knubben  hübsch  vertragen.“  Und
um  so  eher  wird  sich  solche  Erkenntnis  durchringen,  je
klarer  allüberall  zum  Bewußtsein  gelangt,  daß  es  in  der
Natur  jedes  berechtigten  wirtschaftlichen  Strebens  liegt,
Segnungen  zu  ergießen  nicht  bloß  auf  seine  Urheber,
sondern  auf  die  ganze  Menschheit.
        <pb n="259" />
        259

Bei  der  Überfahrt  nach  den  Vereinigten  Staaten  habe
ich  einen  Mann  kennen  gelernt  und  bin  mit  ihm  späterhin
aufrichtig  befreundet  geworden,  der,  Franzose  von  Geburt,
das  älteste  unter  elf  Kindern,  in  jungen  Jahren  nach  der
Neuen  Welt  ausgewandert  war.  Musiker  von  Beruf,  spielte
er  drüben  zunächst  in  einem  kleinen  Orchester  des  Westens.
Dann  wurde  er  Leiter  dieses  Orchesters,  später  Kapellmeister ­
  bei  irgend  einer  Oper  Alles  war  auf  der
andern  Seite  des  Ozeans  noch  in  Gärung  und  im  Werden.
Grund  und  Boden  waren  beinahe  für  nichts  käuflich.  Anfang ­
  der  achtziger  Jahre  erwarb  er  mit  kleinen  Ersparnissen
als  Anzahlung  weite  Flächen  im  Louisiana-Gebiet.  Die
Geige  und  den  Dirigentenstab  hängte  er  an  den  Nagel  und
widmete  sich  mit  eisernem  Fleiß  der  Bewirtschaftung  seines
Besitztums.  Er  pflanzte  Reis  und  Mais,  Zucker  und  Tabak
und  Baumwolle.  Damit  mehrte  sich  der  Wert  des  Anwesens, ­
  das  immer  ertragreicher  wurde.  Mit  der  zunehmenden ­
  und  gedeihlichen  Ausgestaltung  des  Landes  selbst
machte  die  Entwicklung  in  den  Betrieben  meines  Freundes
ungeahnte  Fortschritte.  Er  war  finanziell  in  der  Lage,  nun
auch  auf  seinen  Farmen  maschinelle  Einrichtungen  und  industrielle ­
  Anlagen  zu  schaffen  und  sich  an  Eisenbahnen  zu
beteiligen,  die  die  Erzeugnisse  seines  Bodens  und  seiner
Industrie  den  Verbrauchsstätten  nahe  .brachten.  Alle  paar
Jahre  ging  er  auf  einige  Wochen  oder  Monate  nach  der
Alten  Welt,  um  zu  beobachten  und  sich  durch  Augenschein
zu  überzeugen,  was  Technik  und  Gewerbe  daselbst  Neues
hervorgebracht  hätten,  und  was  etwa  davon  für  drüben  zu
übernehmen  wäre.  Bei  diesen  Reisen  ist  die  Sehnsucht
immer  mächtiger  in  ihm  geworden,  in  die  alte  Europa-Heimat
  dauernd  zurückzukehren.  Nachfünfundzwanzigjahren
einer  an  Arbeit  und  an  Erfolg  der  Arbeit  überreichen  Tätigkeit ­
  hat  sich  mein  Freund  vor  kurzem  an  den  Ufern  des
17*
        <pb n="260" />
        260

Sees  bei  Lugano  angekauft.  Dort  hat  er  seine  alte  Liebhaberei, ­
  die  Musik,  wieder  in  weitestem  Umfang  aufgenommen; ­
  mit  einem  von  ihm  zusammengestellten  Orchester,
dem  erste  Tonkünstler  angehören,  veranstaltet  er  in  den
prächtigen  Sälen  seines  herrlich  gelegenen  Schlosses  regelmäßig ­
  Konzerte,  deren  Erträge  er  wohltätigen  Zwecken  mit
freigebiger  Hand  zuführt.  Zur  Feier  der  „Unabhängigkeits-Erklärung“
  versammelte  er  jüngsthin  seine  bei  ihm  und  in
der  Nähe  des  Schlosses  an  den  Ufern  des  Sees  weilenden
amerikanischen  Mitbürger.  Und  in  einer  von  Patriotismus
getragenen  Ansprache  sagte  Louis  Lombard  —  das  ist  meines
Freundes  Name  —  zu  ihnen  u.  a.  das  folgende:
„While  appreciating  these  blessings  of  the  United  States
we  should  not  be  too  disdainful  of  things  European.  We
ought  not  to  forget  that,  without  the  bountifulness  of  our
soil  we  might  not  be  better  off  than  is  the  Old  World.
It  would  be  unjust,  too,  not  to  credit  to  Europe’s
account  the  truths  it  discovered  and  without  which  we
might  now  be  semibarbarians,  —  principles  from  which
we  benefitted  through  our  elaboration  of  them,  not  our
invention.
Some  of  us  beiieve  the  Eagle  cannot  screech  too  high.
While  in  occassional  instances  it  may  be  wise  to  point  out
our  superiority,  it  is  fast  growing  less  necessary  to  boast
of  our  Country’s  majesty.“
„Während  wir  all  die  Segnungen  der  Vereinigten
Staaten  gewiß  zu  würdigen  haben,  dürfen  wir  doch  nicht
europäische  Dinge  mit  Geringschätzung  behandeln.  Wir
dürfen  nicht  vergessen,  daß  ohne  den  Reichtum  unseres
Bodens  wir  wahrscheinlich  in  keiner  besseren  Lage  wären
als  die  Alte  Welt.  Es  würde  ebenso  ungerecht  sein,  wollten
wir  nicht  dem  Konto  Europas  die  Wahrheiten  gutschreiben,
die  es  entdeckt  hat,  und  ohne  die  wir  jetzt  noch  halbe
        <pb n="261" />
        —  261  —
Barbaren  wären  —  Wahrheits-Grundsätze,  von  denen  wir
Nutzen  gezogen  haben  nicht  durch  unsern  Erfindungsgeist,
sondern  durch  unser  Erfassen.
Manche  von  uns  glauben,  der  Adler  könne  nicht  laut
genug  schreien.  Wohl  mag  es  gelegentlich  Augenblicke
geben,  in  denen  es  klug  sein  könnte,  auf  unsere  Überlegenheit ­
  hinzuweisen.  Aber  ebenso  dringlich  notwendig  ist  es,
mit  der  Majestät  unseres  Landes  weniger  zu  prahlen.“
        <pb n="262" />
        Kapitel  XVI.
Die  deutsch-amerikanischen  Beziehungen
im  Handelsverkehr  und  in  der  Presse*

„In  seiner  letzten  inhaltsreichen  Rede  zu  Buffalo,“
so  schrieb  ich  zu  Anfang  des  Jahres  1902  nach  Berlin,
„war  zwar  McKinley,  der  wohl  von  allen  republikanischen ­
  Staatsmännern  den  klarsten  und  weitesten  Blick
hatte,  am  wärmsten  für  eine  weitere  Ausgestaltung  der
Reziprozitätsverträge  eingetreten.  Präsident  Roosevelt,  wenngleich ­
  er  den  geldmächtigen  Hintermännern  der  herrschenden ­
  Partei  durchaus  nicht  verpflichtet  ist,  scheint,
wohl  weniger  aus  wirtschaftlichen  Gründen  als  aus  Erwägungen ­
  politischer  Zugehörigkeit,  zumal  im  Hinblick  auf
die  von  ihm  erstrebte  Wiederwahl,  zu  einem  tatkräftigen
Vorwärtsgehen  auf  der  von  seinem  Vorgänger  gekennzeichneten ­
  Bahn  nicht  geneigt  zu  sein  Bemerkenswert ­
  ist  auch  die  Tatsache,  daß  die  New  Yorker
Handelskammer  ursprünglich  die  Annahme  einer  Resolution
ablehnte,  die  den  Beschluß  des  »Nationalen  Reziprozitäts-Konvents«
  in  Washington  mißbilligen  sollte.  Dieser  Beschluß ­
  ging  dahin,  Reziprozität  durch  Zolltarif-Ermäßigungen ­
  nur  insoweit  zu  empfehlen,  als  dadurch  nicht
irgend  welche  Interessen  der  einheimischen  Fabrikanten,
Kaufleute  und  Landwirte  geschädigt  werden,  so  daß  hier ­
        <pb n="263" />
        263

durch  jede  Anwendung  reziproker  Zolltarif-Zugeständnisse ­
  ausgeschlossen  ist.  Der  Proponent,  Herr  Gustav  H.
Schwab  —  der  hiesige  Vertreter  des  Norddeutschen
Lloyd  —,  der  in  der  New  Yorker  Handelskammer  einem
Ausschuß  »für  den  Handel  mit  dem  Auslande  und  für
die  Zollgesetzgebung  im  allgemeinen«  präsidiert,  blieb
in  der  Minorität;  sein  Antrag,  der  mit  den  Worten  schloß:
»die  Kammer  betrachtet  mit  Besorgnis  die  vom  Nationalen
Reziprozitäts-Konvent  befürwortete  Politik,  die  geeignet  erscheint, ­
  gegen  das  Land  zum  großen  Nachteil  für  seine
Handelsinteressen  eine  feindliche  Gesetzgebung  seitens
anderer  Nationen  heraufzubeschwören«,  wurde  an  den  Ausschuß ­
  zurückverwiesen,  um  zunächst  an  alle  Mitglieder  der
Handelskammer  zugleich  mit  dem  Bericht  über  den  Verlauf ­
  der  Washingtoner  Reziprozitäts-Konferenz  in  Druckvorlage ­
  übersandt  zu  werden.  Erst  sechs  Wochen  später
wurde  in  einer  erneuten  Plenarsitzung  der  Kammer  die
oben  erwähnte  Resolution  mit  Mehrheit  angenommen.
Man  darf  sich  also  bezüglich  der  Reziprozitäts-Verträge ­
  keinerlei  Illusionen  hingeben.  Im  Zusammenhang
hiermit  hat  mir  neulich  ein  hervorragender  Deutsch-Amerikaner,
  und  ich  glaube,  zutreffend,  gesagt:  »Wer  sich
lange  und  eingehend  hier  an  Ort  und  Stelle  mit  dem  Studium
des  geradezu  ungeheuerlichen  Komplexes  beschäftigt,  der
in  seiner  Summe  amerikanisches  Wirtschaftswesen  repräsentiert, ­
  könnte  ernstlich  auch  dem  Testament  McKinleys
nicht  viel  höheren  Wert  beimessen,  als  jenem  andern  berühmten ­
  Peters  des  Großen.«
Die  schon  so  lange  pendierende  Reziprozitäts-Vorlage
mit  Frankreich  vom  24.  Juli  1899,  die  im  Gegensatz  zu
dem  kurzfristigen  deutsch-amerikanischen  »agreement«  als
»Konvention«  mit  einer  fünfjährigen  Vertragsdauer  bezeichnet
        <pb n="264" />
        264

ist,  wird  voraussichtlich  auch  in  dieser  Session  nicht  zur
Verabschiedung  gelangen.  Allerdings  setzen  die  Franzosen
alle  Hebel  in  Bewegung.  Und  es  darf  nicht  unausgesprochen ­
  bleiben,  daß  sie  mit  großem  Geschick  operieren
und  die  ihnen  ohnehin  zugewandte  Gunst  der  Amerikaner
nicht  ohne  Erfolg  zu  mehren  suchen.  Vor  einigen  Monaten
hatte  die  französische  Regierung  den  früheren  Handelsminister, ­
  Herrn  Jules  Siegfried,  nach  hier  gesandt.  Er
propagierte  die  für  sein  Land  zu  vertretenden  Interessen
sehr  gewandt;  von  allen  Seiten  wurden  Feste  und  Banketts
zur  Ehrung  für  ihn  arrangiert.  Er  schmeichelte  den  Amerikanern ­
  durch  die  Meldung,  die  Franzosen  wollten  eine
französische  Industrie-  und  Handelsschule,  wahrscheinlich
in  Philadelphia,  errichten,  »seien  doch  die  Vereinigten  Staaten
das  vorbildliche  Land,  in  dem  die  heranwachsende  französische ­
  Jugend  auf  kaufmännischem  und  gewerblichem
Gebiete  am  meisten  sehen  und  lernen  könne«.  Nach  Paris
zurückgekehrt,  veranstaltete  Herr  Siegfried  große  Versammlungen. ­
  Die  von  ihm  vorgebrachten  Argumente  zugunsten
eines  Reziprozitätsvertrages  zwischen  den  beiden  Ländern
machten,  wie  emphatisch  an  alle  amerikanischen  Zeitungen
gekabelt  wurde,  großen  Eindruck.  Trotzdem  bezweifeln
hiesige  politisch  unterrichtete  Kreise  einen  Erfolg  des  Liebeswerbens,
  wenigstens  für  die  nächste  Zeit.  Kommt  aber  die
»Konvention«  jetzt  oder  später  zustande,  so  werden  auch
wir  die  Frankreich  eingeräumten  Zollerleichterungen  zu
beanspruchen  haben.  Allerdings  ist  die  amerikanische
Auslegung  des  MeistbegünstigungsbegrifFs  in  der  Hauptsache ­
  nichts  anderes  als  ein  Sophisma;  ich  habe  neulich
in  einem  Interview  im  »New  York  Sun«  gesagt:  »Our
trade  treaties  with  the  United  States  now  are  like  a
bag  that  is  full  of  holes.  We  want  to  sew  up  the
holes.«  (»Unsere  Handelsverträge  mit  den  Vereinigten
        <pb n="265" />
        265

Staaten  gleichen  derzeit  einem  Sack,  der  voller  Löcher
ist.  Diese  Löcher  müssen  fest  zugenäht  werden.«)  Und
das  wird  tatsächlich  auch  notwendig  sein.  Die  Vereinigten ­
  Staaten  von  Amerika  waren  frei,  ihren  autonomen
Tarif  nach  Gefallen  zu  ändern  und  die  erhöhten  Positionen
auch  Deutschland  gegenüber  in  Geltung  zu  bringen.  Von
dieser  Freiheit  haben  sie  wiederholt  und  ausgiebig  im  Sinne
extremen  Schutzzolles  Gebrauch  gemacht.  Das  war  selbstverständlich ­
  zum  Schaden  des  deutschen  Exports,  der  dem
amerikanischen  Wettbewerb  eine  von  unserer  Seite  allezeit
loyal  aufrechtgehaltene  Stabilität  des  deutschen  Zolls  gewahrt ­
  sah,  während  Amerika  seine  Zollschranke  erhöhen
durfte.  Sonne  und  Wind  sind  hier  nicht  gleichmäßig
verteilt  —  allerdings  ist  zuzugeben,  daß  die  Lage  der  derzeitigen ­
  Verträge  den  Vorwurf  fernhalten  muß,  daß  die
Vereinigten  Staaten  etwas  getan  hätten,  was  an  und  für
sich  inkorrekt  gewesen  wäre.  Gerade  aber  deswegen,  und
weil  die  Vereinigten  Staaten  wirtschaftlich  und  industriell
erstarkt  sind,  verlangen  die  Beziehungen  zwischen  Deutschland ­
  und  Amerika  eine  Regelung,  die  Stetigkeit  verbürgt
und  den  Interessen  beider  Länder  ebenmäßig  gerecht
wird

Hierbei  wird  es  mit  erforderlich  werden,  die  amerikanische ­
  Presse  in  größerem  Umfang  und  in  wirkungsvollerer
Art  belehrend  heranzuziehen,  zugleich  aber  auch  den  Nachrichtendienst ­
  zwischen  den  beiden  Ländern  auf  eine  breitere
Grundlage,  als  es  seither  im  großen  und  ganzen  der  Fall
gewesen  ist,  und  vor  allem  auf  möglichst  zutreffende  und
vertiefte  Informationen  zu  stellen.
Presse  und  Nachrichtendienst  beanspruchen  bei  der
hohen  Bedeutung,  die  ihnen  gerade  in  den  Vereinigten
Staaten,  besonders  auch  auf  wirtschaftlichem  Gebiete,  zu ­
        <pb n="266" />
        266

kommt,  die  eingehendste  und  sorgfältigste  Behandlung.
In  den  Vereinigten  Staaten  gilt  die  Presse  als  erste  Großmacht; ­
  es  ist  bekannt,  daß  von  den  50  000  Zeitungen  und
Zeitschriften,  die  gegenwärtig  auf  der  Erde  existieren  sollen,
über  40  Proz.,  nämlich  ungefähr  21  000,  darunter  2200
Tageszeitungen,  in  Amerika  erscheinen.  An  Wochenschriften ­
  werden  ungefähr  16  000,  an  Monatsschriften  2400
gezählt.  In  deutscher  Sprache  sind  nahezu  900  Publikationen,
einschließlich  73  Tageszeitungen,  geschrieben.  Nach  einer
Richtung  ist  in  der  amerikanischen  Presse  ein  besonderes
Charakteristikum  hervorzuheben:  Die  unentwegte  Betonung
und  Verfechtung  der  nationalen  Größe  des  Landes  ist  hier
in  allen  Organen  suprema  lex.  Lange  Leitartikel  sind  in  den
Tageszeitungen  nicht  gebräuchlich  —  nur  kurze,  aber  scharf
pointierte  »editorielle«  Notizen.  In  der  Hauptsache  aktuelle
Nachrichten  und  Neuigkeiten  up  to  date.  —  Alles  mit  einer
Schnelligkeit  des  Dienstes  und  mit  einer  technischen  Herstellung, ­
  die  verblüffend  wirken.  Die  Verbreitung  der
Zeitungen  ist  enorm  und  der  Straßenverkauf  so  bedeutend
wie  wohl  in  keinem  Land  der  Welt.  Die  Journalisten  gehören ­
  hier  zumeist  nicht  zu  den  Leuten,  die  »ihren  Beruf
verfehlt  haben«.  Der  amerikanische  Journalismus  bildet,  wie
das  Lawyertum,  oft  das  Durchgangsstadium  zu  kommunalen
und  staatlichen  Stellungen.  Der  Zeitungsreporter  selbst
findet  nirgends  verschlossene  Türen,  vielmehr  überall  und
zu  jeder  Tages-  oder  selbst  Nachtzeit  weitestes  Entgegenkommen. ­
  Selbstverständlich  treten  hierbei  in  der  oft  rücksichtslosen ­
  Preisgabe  des  Privat-  und  Familienlebens  bedauerliche ­
  Auswüchse  in  die  Erscheinung.
Bei  der  Erörterung  internationaler  Verhältnisse  bringt
die  Presse  der  Union  fast  ausnahmslos,  trotz  politischer  und
wirtschaftlicher  Zwischenfälle,  den  Franzosen  und  Russen
aufrichtiges  Wohlwollen  entgegen.  Noch  heute  erweisen  sich
        <pb n="267" />
        267

die  Amerikaner  Frankreich  gegenüber  dankbar  für  das,  was
Lafayette  bei  ihrem  Ringen  um  die  Unabhängigkeit  für  sie
getan  hat,  und  sie  vergessen  nicht,  daß  Rußland  während
des  amerikanischen  Bürgerkrieges  die  Engländer  von
dem  offenen  Eingreifen  zugunsten  der  Südstaaten  abgehalten ­
  hat.
Politisch  unfreundlich  Deutschland  gegenüber  bleibt
ein  Teil  der  amerikanischen  Presse,  voran  die  sogenannte
Jingo-Presse.  Wenn  man  das  auch  nicht  tragisch  nehmen
soll,  so  darf  doch  nicht  verkannt  werden,  daß  diese  Angriffe
in  weiten  Kreisen  gelesen  werden  und,  was  schlimmer  ist,
daß  ihnen  oft  Glauben  geschenkt  wird
Daß  anderseits  das  Gehetze,  das  auch  in  einem  Teil  der
deutschen  Presse  gegen  die  Vereinigten  Staaten  üblich  ist,  die
Situation  zeitweilig  verschärft,  braucht  nicht  besonders  hervorgehoben ­
  zu  werden;  in  manchen  heimischen  Zeitungen
macht  sich  zudem  mangels  einer  sachkundigen  Vertretung
in  Amerika  bisweilen  eine  ungenügende  Kenntnis  der  hiesigen
Verhältnisse  unliebsam  und  schädigend  breit.
In  allen  diesen  Dingen  sollte  Abhilfe  geschaffen
werden;  ich  glaube,  es  dürfte  nicht  schwer  sein,  die  Wege
zu  finden,  auf  denen  man  allmählich  einen  Wandel
herbeiführen  könnte,  der,  soweit  ich  gehört  habe,  nicht
nur  in  den  Gruppen  der  hier  ansässigen  deutschen  Gewerbetreibenden, ­
  sondern  auch  in  unseren  beamteten
deutschen  Kreisen  als  notwendig  erachtet  wird.  Aber
auch  die  ruhig  denkenden  und  um  das  Wohl  ihres
Vaterlandes  besorgten  Amerikaner  haben  den  lebhaften
Wunsch,  daß  unsere  beiden  Nationen  sich  immer  mehr
und  mehr  kennen,  verstehen  und  schätzen  lernen.
Ein  gut  eingerichteter  und  funktionierender,  von  anderen
Staaten  wie  von  sonstigen  Einflüssen  unabhängiger  Preß-
        <pb n="268" />
        268

und  Nachrichtendienst,  der  in  Deutschland  wie  in  Amerika
Aufklärung  bringt  und  Verständnis  schafft,  wird  dazu  berufen ­
  sein,  an  der  Milderung  und  Überbrückung  vorhandener ­
  oder  mutwillig  geschaffener  Gegensätze  in
vorderster  Reihe  mitzuwirken  und  die  Grundlagen  für
unsere  Handelsvertrags-Politik  auch  auf  der  andern  Seite
des  Ozeans  zu  vermehrter  Erkenntnis  zu  bringen.“
Diese  Auslassungen  halte  ich  in  den  grundlegenden
Erwägungen  auch  jetzt  in  jedem  Betracht  aufrecht.

*

*

*

Die  Unklarheiten  und  Einseitigkeiten  des  sogenannten
„Saratoga“-Abkommens  vom  22.  August  1891  sind  erst
durch  das  Handelsabkommen  vom  10.  Juli  1900  im  wesentlichen ­
  abgetan  worden.  Erst  dieses  Abkommen  stellt
unsere  Beziehungen  mit  den  Vereinigten  Staaten  auch  für
uns  auf  den  Boden  unbestreitbarer  Gegenseitigkeit  —
von  Leistung  und  Gegenleistung  —  und  sichert  volle
Aktionsfreiheit,  nach  Ablauf  von  drei  Monaten  die  Kündigung
jeder  der  beiden  Parteien  vorbehaltend.  Es  ist  eigentümlich,
daß  in  der  von  dem  Washingtoner  Schatzamt  veröffentlichten ­
  Zusammenstellung  der  bestehenden  oder  in  Vorlage
befindlichen  Reziprozitäts-Vereinbarungen  und  Handelsverträge ­
  wohl  die  sich  an  das  obige  Abkommen  anschließende
„Proklamation“  des  Präsidenten  vom  13.  Juli  1900  zum
Abdruck  gebracht  ist,  nicht  aber  das  erwähnte  Abkommen ­
  selbst  in  seinem  beachtenswerten  Wortlaut.  Die
„Proklamation“  führt  die  Namen  der  Boden-  und  Industrie-Erzeugnisse
  auf,  für  die  der  Präsident  gemäß  den  „Bestimmungen ­
  der  Sektion  3  des  Tarifgesetzes  der  Vereinigten
        <pb n="269" />
        269

Staaten  von  Amerika  vom  24.  Juli  1897“  ermäßigte  Zollsätze ­
  bewilligt,  da  nach  seiner  Ansicht  „gegenseitige  gleichwertige ­
  Zugeständnisse  zugunsten  von  Erzeugnissen  der
Vereinigten  Staaten  von  Amerika  erlangt  sind“.  Es  kommen
bei  den  Deutschland  konzedierten  Ermäßigungen  zumeist
unwesentliche  Einfuhr-Objekte  in  Betracht  unwesentlich
gegenüber  der  von  uns  bei  diesem  Anlaß  ein  für  allemal
festgestellten  Tatsache,  daß  wir  die  seither  gewissermaßen
als  selbstverständliche  Folge  der  historischen  Entwicklung
der  deutsch-amerikanischen  Handelsbeziehungen  gewährleistete ­
  einwandfreie  Meistbegünstigung  künftig  nur  auf  Grund
von  Leistung  und  Gegenleistung  anzuerkennen  bereit  sind.
In  dem  Abkommen  heißt  es  nämlich:  „Als  Gegenleistung
sichert  die  kaiserlich  deutsche  Regierung  den  Erzeugnissen ­
  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  bei  der  Einfuhr
nach  Deutschland  diejenigen  Zollsätze  zu,  welche  durch  die
in  den  Jahren  1891—1894  zwischen  Deutschland  einerseits
und  Belgien,  Italien,  Österreich-Ungarn,  Rumänien,  Rußland, ­
  Schweiz  und  Serbien  anderseits  abgeschlossenen
Handelsverträge  diesen  Ländern  zugestanden  worden
sind.“
Deswegen  vermisse  ich  in  der  Washingtoner  Zusammenstellung ­
  den  Originalwortlaut  des  Abkommens  von
1900  nur  ungern  —  eine  allgemeinere  Kenntnis  dieses
Aktenstückes  wäre  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  oft
recht  nützlich,  würde  man  doch  erst  hierdurch  volle  Klarheit ­
  darüber  gewinnen,  welch  guten  Kunden  man  an
Deutschland  eventuell  verlieren  könnte,  falls  die  „Gegenleistung“ ­
  drüben  vernachlässigt  und  außer  acht  gelassen
würde  und  Deutschland  das  Abkommen  kündigte.  In  allen
Artikeln,  bei  denen  durch  das  Abkommen  von  1900  die
Zollsätze  zugunsten  Deutschlands  vermindert  worden  sind,
erreichte  die  deutsche  Ausfuhr  nach  der  Union  in  1901
        <pb n="270" />
        270

insgesamt  nur  einen  Wert  von  5%  Millionen  Mark  oder
etwa  1,5  Proz.  der  deutschen  Gesamtausfuhr  nach  den  Vereinigten ­
  Staaten,  und  etwa  900  000  Mark  Zölle  wurden
erspart.  Das  gleiche  Abkommen  aber  berührte  von  der
Einfuhr  Amerikas  nach  Deutschland  Waren  im  Werte
von  rund  290  Millionen  Mark  gleich  etwa  30  Proz.  dieser
Einfuhr.  Dadurch,  daß  diese  Waren  nicht  nach  dem
deutschen  Generaltarif,  sondern  nach  dem  Vertragstarif
verzollt  werden  brauchten,  wurden  beinahe  25  Millionen
Mark  Zoll  erspart!
Während  sich  McKinley  zu  der  Auffassung  durchgerungen ­
  hatte,  daß  die  Reziprozitätsfrage  als  das  wichtigste ­
  wirtschaftliche  Problem  zu  betrachten  sei,  das  dem
amerikanischen  Volk  zur  Lösung  vorliegt,  will  Präsident
Roosevelt  Reziprozität  nur  als  „Magd  des  Zollschutzes“  („as
the  handmaiden  of  protection“)  behandelt  wissen.  Er  empfiehlt ­
  aus  diesem  Gesichtspunkt  Reziprozität  nur  insoweit,
als  dadurch  die  amerikanische  Industrie  und  die  amerikanische ­
  Arbeiterwelt  nicht  geschädigt  werden.  Und  mit
dieser  dehnbaren  und  elastischen  Umgrenzung  wird  es  von
seiten  der  Washingtoner  Regierung  zu  Änderungen  in  der
Tarifpolitik  der  Vereinigten  Staaten  gewiß  sobald  nicht
kommen.  Schon  aus  manchen  anderen  Ursachen  nicht,
die  ich  früher  genügend  beleuchtet  habe.  Man  sagt  oft,
wenn  man  von  einer  nicht  gerade  kranken,  aber  dennoch
unregelmäßigen  Herztätigkeit  spricht,  daß  sie  nervös  ist.
Das  trifft  auch  auf  Deutschlands  Ausfuhrhandel  mit  den  Vereinigten ­
  Staaten  zu.  Er  ist  nicht  krank,  aber  er  ist  störenden
nervösen  Zufälligkeiten  ausgesetzt.  Er  ist  nicht  stabil  und
hat  nicht  die  ungehinderte  und  freie  Entfaltung  genommen,
die  er  gewonnen  haben  würde,  wenn  er  auf  den  festen
Boden  scharf  umschriebener  und  vor  allem  stetiger  Verträge
gestellt  worden  wäre  —  unter  Ausschaltung  von  chikanösen
        <pb n="271" />
        271

Abschätzungs  (appraiser)  -  Verfahren  und  Zollplackereien,,
unter  denen  unser  Export  und  die  ihm  zugrunde  liegenden
Berechnungen  nur  zu  oft  zu  leiden  haben.  Von  der  uns
durch  das  obenerwähnte  Abkommen  von  1900  gewährleisteten ­
  Aktionsfreiheit  haben  wir  seither  gemäß  der
sonstigen  handelspolitischen  Sachlage,  insbesondere  in  Rücksicht ­
  darauf,  daß  eine  Neuordnung  unserer  gesamten  handelsvertraglichen ­
  Beziehungen  bevorsteht,  noch  keinen  Gebrauch ­
  zu  machen  für  angemessen  erachtet.  Wird  dies
aber  in  absehbarer  Zeit  geschehen,  so  wird  hierbei  nicht
nur  der  gegenwärtige  Stand,  sondern  auch  die  Entwicklung
des  Außenhandels  beider  Länder,  und  zwar  sowohl  des
Gesamtaußenhandels  als  auch  des  Güteraustausches  zwischen
Deutschland  und  der  Union,  zu  sehr  genauer  Berücksichtigung ­
  zu  gelangen  haben.
Auf  das  Kalenderjahr  gerechnet,  betrug  der  Import  der
Union  im  Jahre  1900:  829  149  714  /;  1901:  880  419  910  /;
1902:  969320  953$.  Der  Export  betrug  1900:  1477  946113/;
1901:  1465  375  860  /;  1902:  1  360  701  935  /.  Untersucht
man  nun  nach  den  hauptsächlichsten  Absatz-  und  Herkunftsgebieten ­
  die  Zusammensetzung  dieser  Ziffern,  so  gelangt
man  zu  dem  folgenden  Resultat:

Exporte  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika

nach:

1900

1901
Dollars

1902

Europa  .  .  1

116  399  524

1  099  574  016

985  539  843'

Nord-Amerika

198  788  019

199  239  040

204  201  508

Süd-Amerika  .

41  248  051

42  553  758

38  622  906

Asien  ....

58  726  173

59  068  723

62  585  097

Australien  .  .

39  805  176

35  288  230

33  567  924

Afrika....

22  979  170

29  652  093

36  184  657
        <pb n="272" />
        272

Importe  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika

von:

1900

1901
Dollars

1902

Europa  .  .  .

441  610461

454  496  214

513  780  860

Nord-Amerika

130  361  453

158  731  376

172  965  828

Süd-Amerika  .

102  706  633

120  384  181

109  386  558

Asien  .  .  .  .

120  378219

125  093  643

142  223  175

Australien  .  .

23  067  642

10  813  409

18  405  937

Afrika  .  .  .

11  025  306

10  901  087

12  558  595

Wie  ich  bereits  in  Kapitel  II  gestreift  habe,  entfällt  also
bei  den  Importziffern  ungefähr  die  Hälfte  auf  Europa,
beim  Export  sind  es  fast  75  Proz.;  d.  h.  der  Export  der
Vereinigten  Staaten  nach  Europa,  der  heute,  absolut  genommen, ­
  weit  mehr  als  doppelt  so  groß  wie  der  Import
von  dort  ist,  verhält  sich  relativ  wie  50:  75.  Während  als
Importländer  für  die  Vereinigten  Staaten  die  außereuropäischen ­
  Gebiete  mit  50  Proz.  in  Betracht  kommen,  ist
das  für  den  Export  nur  mit  25  Proz.  der  Fall.  Oder
aber,  der  amerikanische  Wettbewerb  tritt  direkt  am  stärksten
in  Europa,  und  dort  England,  Deutschland,  Holland  —  das
wohl  im  wesentlichen  als  Durchfuhrland  dient  —  und
Frankreich  gegenüber  in  die  Erscheinung,  wohin  insgesamt
rund  85  Proz.  der  nach  Europa  gerichteten  amerikanischen
Ausfuhr  gehen.
Innerhalb  der  Entwicklung  des  Gesamtaußenhandels
der  Union  ist  es  natürlich  für  uns  von  besonderem
Wert,  die  Gestaltung  der  deutsch-amerikanischen  Handelsbeziehungen ­
  zu  betrachten.  Läßt  man  den  für  den  Warenhandel ­
  belanglosen  Edelmetallverkehr  außer  Betracht,  so
betrug:
        <pb n="273" />
        273

im  Jahre

die  Einfuhr  der  Union
nach  Deutschland

die  Ausfuhr  Deutschlands
nach  der  Union

1889  .  .

317,4

Millionen  Mark

394,8  Millionen  Mark

1890  .  .

397,2

V

416,4

yy

yy

1891  .  .

403,0

yy

357,7

yy

yy

1892  .  .

534,9

yy

346,5

yy

yy

1893  .  .

426,6

yy

354,2

yy

yy

1894  .  .

449,8

V

n

270,3

yy

yy

1895  .  .

482,8

»

yy

368,4

yy

yy

1896  .  .

528,3

yy

383,2

yy

yy

1897  .  .

652,7

»

yy

397,4

yy

yy

1898  .  .

876,1

yy

332,9

yy

yy

1899  .  .

893,8

V

yy

377,5

yy

yy

1900  .  .

1003,6

yy

yy

439,5

yy

yy

1901  .  .

985,8

yy

yy

384,7

yy

yy

1902  .  .

893,0

yy

yy

449,1

yy

yy

Während  also  noch  im  Jahre  1890  Deutschland  für
19,2  Millionen  Mark  mehr  nach  Amerika  ausführte,  als  es
von  dort  empfing,  während  noch  im  Jahre  1893  Amerika
im  Verkehr  mit  Deutschland  einen  Überschuß  von
nur  72,4  Millionen  Mark  hatte,  überstieg  der  Wert  der
amerikanischen  Einfuhr  nach  Deutschland  den  der  deutschen
Ausfuhr  in  die  Union  1902  um  443,9,  1901  sogar  um  601,1
und  in  den  letzten  zehn  Jahren  insgesamt  um  die  ungeheure
Summe  von  3435,3  Millionen  Mark.
Angesichts  solcher  Entwicklung  darf  uns  die  augenblickliche ­
  Steigerung  unserer  Einfuhr  nach  drüben
nicht  im  geringsten  berauschen.  Es  ist  allerdings  zutreffend, ­
  daß  die  Vereinigten  Staaten  von  1870  bis  zum
Jahre  1902  weit  über  das  Verhältnis  hinaus,  in  dem  die
Gesamt-Einfuhr  zunahm,  ihren  Verbrauch  an  deutschen
Waren  um  277,6  Proz.  erhöht  haben,  und  daß  die  deutsche

18
        <pb n="274" />
        274

Einfuhr  in  ihrem  Wachstum  auch  durch  den  Dingley-Tarif
nicht  behindert  worden  ist,  indem  sie  sich  selbst  von  1898
bis  1902  um  mehr  als  30  Proz.  steigern  konnte.  Und
diese  Tatsachen  gewinnen  für  uns  noch  an  Bedeutung,
wenn  man  die  Einfuhr  aus  den  übrigen  Industriestaaten
Europas  ins  Auge  faßt.  Hier  hat  —  immer  die  Jahre
1870  und  1902  miteinander  in  Vergleich  gestellt  —
nur  Belgien  mit  425,6  Proz.  Zunahme  einen  Vorrang
vor  Deutschland,  was  indes  bei  dem  geringen  absoluten
Umfange  der  belgischen  Einfuhr  nicht  von  Belang  ist.
(Bei  Italien  mit  360,1  Proz.  Zunahme  handelt  es  sich  in  der
Hauptsache  um  Agrarprodukte.)  Die  beiden  neben  Deutschland
vornehmlich  in  Betracht  kommenden  europäischen  Importländer ­
  nach  Amerika  haben  bei  weitem  nicht  die  gleichen
Fortschritte  gemacht.  Die  Einfuhr  aus  Frankreich,  die  in  1902
rund  82  Millionen  Dollars  betrug,  hat  seit  1870  nur  um
94  Proz.  zugenommen  und  die  aus  England,  das  mit  165,7
Millionen  Dollars  freilich  noch  immer  an  der  Spitze  der  für
Amerikas  Waren-Einfuhr  maßgeblichen  Länder  steht,  sogar
nur  um  9,1  Proz.  Schließlich  soll  auch  nicht  unbeachtet
bleiben,  daß  infolge  des  Wachstums  der  amerikanischen
Einfuhr  im  Fiskaljahre  1902/03  der  Ausfuhrüberschuß  der
Vereinigten  Staaten  mit  rund  394  Millionen  Dollars  geringer
ist,  als  er  in  jedem  der  letzten  fünf  Jahre  war,  und  gegen
1901/02  um  18,  gegen  1900/01  sogar  um  41  Proz.  zurückbleibt, ­
  trotzdem  sich  der  Gesamtaußenhandel  der  Union  um  7
beziehungsweise  5,8  Proz.  gehoben  hatte.  Bei  der  Betrachtung ­
  aller  dieser  der  deutschen  Volkswirtschaft  günstigen
Umstände  darf  aber  nicht  übersehen  werden,  daß  der  Gesamtexport ­
  der  Vereinigten  Staaten  in  den  letzten  dreißig  Jahren
um  nahezu  500  Proz.  zugenommen  hat,  und  daß  die  Union
selbst  über  Großbritannien  hinaus  an  die  erste  Stelle  der
Weltexportländer  rücken  konnte.  Und  der  steigende  Import
        <pb n="275" />
        275

europäischer  Erzeugnisse  in  dieser  Periode  war  nur  deswegen ­
  möglich,  weil  die  Union  immer  kaufkräftiger  erstarkte,
im  übrigen  aber  die  Waren  und  Erzeugnisse  der  Alten  Welt
oft  zu  nehmen  gezwungen  war,  weil  ungeachtet  höchster
Anspannung  und  glänzendster  technischer  Ausrüstung  die
Industrien  des  Landes  den  Heimatsbedarf  nicht  zu  befriedigen ­
  vermochten.
Zu  diesem  überallhin  klar  erkennbaren  Tatbestand
traten  die  wuchtigen  Erfolge,  die  Unternehmungslust  und
Organisationstalent  der  Amerikaner  in  der  Erschließung
und  Ausnutzung  des  paradiesischen  Naturreichtums  des
Landes  siegreich  davongetragen  hatten,  und  ferner  der
Umstand,  daß  der  Export  nicht  nur  hinsichtlich  der  Verwertung ­
  der  überreichen  Mineral-  und  Bodenschätze  und
der  Produkte  einer  ausgedehnten  und  hochentwickelten
Agrarwirtschaft  alle  anderen  Länder  überflügelt  hatte,  sondern ­
  auch  hinsichtlich  der  Industrieerzeugnisse  in  einem
zwar  erheblich  langsameren,  aber  durchaus  zielbewußten
Fortschreiten  begriffen  schien,  und  daß  er  sich,  wenigstens
zu  Ende  des  vorigen  und  zu  Beginn  des  jetzigen  Jahrhunderts, ­
  noch  dazu  geradlinig  und  ohne  Unterbrechung
nach  oben  fortpflanzte.  Alle  diese  Erscheinungen  haben
jene  Stimmung  gezeitigt,  die  bei  uns,  wie  überall  in  der
Welt,  in  dem  Schlagwort  „die  amerikanische  Gefahr“
tönenden  Ausdruck  gefunden  hat.  „Ich  halte  es  aber“,
so  hob  ich  in  einem  meiner  vor  nahezu  zwei  Jahren
erstatteten  Berichte  mit  allem  Nachdruck  hervor,  „für
grundfalsch,  dieses  Schlagwort  in  Deutschland  so  vehement
zu  pointieren,  wie  es  ohne  Unterlaß  bei  uns  geschieht.
Es  ist  auch,  abgesehen  von  sachlichen  Momenten,  ein
taktischer  Fehler,  der  uns  in  der  öffentlichen  Meinung  drüben
unnötig  herunterdrückt  und  der  uns  klein  macht  einer
Nation  gegenüber,  bei  der  doch  —  obwohl  sich  in  ihr  eine
18*
        <pb n="276" />
        276

idealere  Lebensauffassung  immer  mehr  und  tüchtig  Bahn
bricht  —  das  Kalkül  mit  Tatsachen  und  Geld  und  Geldeswert ­
  in  der  vordersten  Reihe  aller  Erwägungen  und  Entschlüsse ­
  steht:  Wissen  doch  die  ruhigen  und  vernünftigen
Geschäftsleute  Amerikas,  daß  Deutschland  so  reich  und
industriestark  ist,  daß  es  im  Außenhandel  der  Vereinigten ­
  Staaten  schon  seit  einer  Reihe  von  Jahren
die  zweite  Stelle  einnimmt,  und  daß  die  Union  uns
für  die  Unterbringung  wesentlicher  Boden-  und  Erdprodukte ­
  dringend  benötigt.  Auch  hat  der  Amerikaner  nur
vor  denen  Respekt,  die  ihm  furchtlos  und  selbstbewußt
entgegentreten.  Gewiß,  wir  wollen  sehen  und  beobachten, ­
  wir  wollen  mit  zäher  Ausdauer  arbeiten  und  im  gegebenen ­
  Fall  energisch  handeln  —  aber  das  ewige  und
laute,  in  alle  Welt  dringende  Reden  von  der  »amerikanischen
Gefahr«  ist  des  deutschen  Volkes  unwürdig.  Wir  müssen
uns  Gewehr  bei  Fuß  halten,  das  gebe  ich  zu.  Auch
konzediere  ich  bedingungslos,  daß  keine  Nation  der  Welt
so  konkurrenzfreudig  und  wettbewerbsfähig  ist  wie  zur
Zeit  die  amerikanische.  Alles  das  kann  und  darf  aber  für
uns  nur  ein  erhöhter  Ansporn  sein  zu  vermehrter  Tätigkeit,
immerhin  bei  weisem  Maßhalten,  zu  weiterer  Ausgestaltung
unserer  technischen  und  maschinellen  Einrichtungen  und  —
ohne  daß  ich  einem  unheilvollen  Zollkriege  auch  nur  im
geringsten  das  Wort  rede  —  zu  der  Forderung,  daß  im
ebenmäßigen  Interesse  unserer  Ausfuhr  wie  unserer  Einfuhr
ausgleichende,  gerechte  und  langdauernde  Tarifverträge
wie  mit  allen  übrigen  Kulturstaaten  so  auch  mit  Amerika
möglichst  bald  zum  Abschluß  gelangen.“
Können  wir  uns  auch  nicht  gleich  hoher  Exportzahlen
rühmen,  der  Gesamtumfang  des  deutschen  Außenhandels
übersteigt  noch  immer  —  auf  die  letzte  vergleichbare
Periode,  auf  das  Kalenderjahr  1902  berechnet  —  infolge
        <pb n="277" />
        277

der  bei  weitem  größeren  deutschen  Einfuhr  den  Gesamtaußenhandel ­
  Amerikas  um  nahezu  1000  Millionen  Mark.
Gewiß  auch  ein  vollwertiger  Beweis  für  die  Aufnahmefähigkeit ­
  unseres  Landes,  ein  stolzer  Erfolg  für  seinen  ausdauernden, ­
  allen  Widerwärtigkeiten  trotzenden  und  sie  überwindenden ­
  Fleiß,  für  sein  gewerbliches  Können,  für  die  Kraft
der  industriellen  Betätigung  und  für  die  Tüchtigkeit  und
Zuverlässigkeit  der  rein  kommerziellen  Handhabung.  Und
hier  folge  ich  gern  und  mit  Genugtuung  einer  Äußerung  des
Herrn  Vanderlip,  mit  dem  ich  an  anderer  Stelle  über  vieles
zu  rechten  hatte,  wenn  er  in  seiner  Schrift  sagt:  „Wenn  der
endliche  Sieg,  den  eine  Nation  über  ungünstige  Verhältnisse
erringt,  der  Maßstab  für  die  Größe  derselben  ist,  so  ist
Deutschland  die  größte  Nation  der  Welt.“
#  *
»Je
Ungeachtet  der  schnell  vorwärts  schreitenden  Industrialisierung ­
  des  Landes  ist  die  Union,  als  Produktionsland  wie
als  Exportland  betrachtet,  allerdings  auch  heute  noch  vorwiegend ­
  Agrarstaat.  Noch  immer  besteht  die  Ausfuhr  zu  rund
zwei  Dritteln  aus  Erzeugnissen  des  Bodens,  des  Ackerbaus  und
der  Viehzucht;  speziell  bei  der  Einfuhr  nach  Deutschland
spielen  die  landwirtschaftlichen  und  Bodenerzeugnisse,  sowohl ­
  was  die  absoluten  Ziffern,  als  auch  was  ihr  rasches
Wachstum  anbelangt,  eine  noch  weit  beträchtlichere  Rolle.
Ordnet  man  die  hervorragendsten  Einfuhrartikel  aus  den
Vereinigten  Staaten  nach  Deutschland  dem  Werte  nach,  so
ergibt  sich  für  1902  die  folgende  Skala:
Es  betrug  der  Wert  für

Rohe  Baumwolle  .  .  .

Millionen

Mark

Weizen

Schweineschmalz  .  .  .

Rohes  Kupfer  ....

»
        <pb n="278" />
        278

Ger.  Petroleum  55,3  Millionen  Mark
Ölkuchen  22,6  „  „
Bau-  und  Nutzholz  gesägt  usw.  21,2  „  „
Oleomargarin  19,2  „  „
Baumwollensamenöl  18,8  „  „
Phosphorsaurer  Kalk  ....  14,7  „  „
Terpentinöl  usw.  14,5  „  „
Einfach  zubereitetes  Fleisch  .  .  14,1  „  „
Getrocknetes  Obst  12,8  „  „
Maschinen  und  Maschinenteile
außer  Lokomotiven,  Lokomobilen ­
  und  Nähmaschinen  .  11,9  „  „
Also  erst  an  14.  Stelle  mit  verhältnismäßig  nicht  erheblicher ­
  Ziffer  folgt  der  erste  industrielle  Artikel,  während
der  industrielle  Gesamtimport  nur  etwa  10  Proz.  der
amerikanischen  Einfuhr  nach  Deutschland  ausmacht.
Im  Lande  selbst  bedroht  uns  also  eine  amerikanische
Industriekonkurrenz  zur  Zeit  nur  wenig;  auch  brauchen  wir
uns  durch  die  sich  neuerdings  in  verstärktem  Maße
geltend  machenden  Bestrebungen  auf  Ausweitung  des
amerikanischen  Industrie-Imports  nach  Deutschland  —  Lederund
  Baumwollwaren  sollen  neben  Spezialartikeln  der  Eisenund
  Maschinenbranche  zuerst  in  Aussicht  genommen
sein  —  nicht  sonderlich  alarmieren  zu  lassen.  Im  Hinblick
aber  auf  den  Wettbewerb,  den  wir  auf  dem  Gebiete  des
Welthandels  mit  der  amerikanischen  Expansion  auszukämpfen ­
  haben,  und  der  sich  in  Zukunft  wesentlich  verschärfen ­
  dürfte,  wollen  wir  wach  und  wachsam  bleiben,
wie  es  die  Amerikaner  hervorragend  im  allgemeinen  sind
und  es  besonders  uns  gegenüber  allezeit  gewesen  waren.
Die  amerikanische  Konkurrenz  besteht  nicht  seit  gestern
und  vorgestern.  Daß  sich  ihr  Umfang  und  ihre  Kraft  für
uns  oft  besorgniserregend  gemehrt  haben,  beruht  zum
        <pb n="279" />
        279

Teil  auch  darauf,  daß  wir  unzureichend  unterrichtet
waren.  Natürlich  spreche  ich  nicht  von  den  wenigen
Großen  in  Handel  und  Industrie,  die  sich  wohl  immer  auf
dem  laufenden  gehalten  haben,  ohne  Ansehung  der  Kosten,
die  ihnen  hierdurch  verursacht  wurden.  Auch  nicht  davon,
daß  plötzlich  seit  einem  Jahre,  in  ordentlicher  Flutbewegung,
deutsche  wißbegierige  Finanziers,  Industrielle,  Wirtschaftspolitiker ­
  üsw.  ins  „Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten“
wandern  und  damit  zu  meiner  herzlichen  Genugtuung  dem
Rate  folgen,  den  ich  während  meines  Aufenthaltes  in  den
Vereinigten  Staaten  und  nach  meiner  Rückkehr  in  Wort
und  Schrift  erteilt  habe.  Schließlich  sind  es  aber  verhältnismäßig ­
  immer  nur  wenige,  die  es  seither  taten,
wenn  ich  auch  zugeben  muß,  daß  das,  was  sie  über  Land
und  Leute  von  drüben  erzählen  oder  nacherzählen  —
bei  lediglich  30-  bis  40tägigem  Aufenthalt  geht  das  manchmal ­
  nicht  anders  —  klärend  in  breite  Kreise  dringt.  Ich
habe  vielmehr  die  Gesamtheit  unserer  in  Gewerbe  und  in
Landwirtschaft  arbeitenden  Bevölkerung  im  Auge;  ihr  war
die  Möglichkeit  nicht  geboten  worden,  aus  allgemein  zugängigen, ­
  sachverständigen  und  zugleich  aktuellen  Berichten
Einblick  in  die  kommerzielle,  technische  und  ökonomische
Entwicklung  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  zu  erhalten,
Neues  zu  erfahren  oder  es  für  den  eigenen  Betrieb  zu  verwerten ­
  und  frische  Beziehungen  für  den  Güteraustausch  zu
schaffen.
Die  amerikanischen  Konsuln,  die  weder  Diplomaten
noch  Verwaltungsbeamte,  sondern  zumeist  Kaufleute  sind,
wußten  und  wissen  in  der  Hauptsache,  worauf  es  den  einzelnen ­
  Erwerbsgruppen  ankommt.  Sie  betätigen  dies  in  weitestem ­
  Umfang,  sie  sehen  sich  Geschäfte  und  Betriebe  ihres
Bezirkes  —  soweit  zugängig  —  mit  eigenen  Augen  an,
arbeiten  ohne  Zurückhaltung  an  allen  Ecken  und  Enden  mit
        <pb n="280" />
        280

und  versuchen,  wo  immer  nur  möglich,  lebendige  Fühlung
zu  gewinnen  und  sie  zu  erhalten.  Hierin  werden  sie  unterstützt ­
  durch  die  vielen  Hilfstruppen,  die  von  drüben  zur
Information  nach  hier  fortdauernd  entsandt  werden,  und  vor
allem  auch  durch  das  Material,  das  die  Behörden  in
Washington  der  Industrie  und  der  Landwirtschaft  wöchentlich ­
  und  monatlich,  oft  täglich,  durch  statistische  und  monographische ­
  Berichte  über  einzelne  Gewerbe,  über  Saatenstand ­
  in  der  Union  oder  in  fremden  Ländern,  belehrend  und
ratend,  mit  Schnelligkeit  und  Sorgfalt  zur  Verfügung  stellen
und,  mehr  als  das,  kostenlos  ins  Haus  schicken.
Wer  allerdings  am  grünen  Tisch  bleibt  und  erwartet,
daß  ihn  dort  die  Dinge  aufsuchen,  wird  von  einer  wirksamen ­
  Einflußnahme  ausgeschlossen  sein  und  sich  der
allgemeinen  Förderung  undienlich  erweisen.  Solcher  Einwirkung ­
  sich  zu  enthalten,  mag  vornehm  scheinen;  in
Wahrheit  ist  es  nur  bequem.  Freilich  ist  der  Untätige
sicher  vor  Begehung  nachweisbarer  positiver  Fehler;  doch
der  größte  Fehler  ist  die  Untätigkeit  selbst.
Schon  bei  Besprechung  der  wirtschaftlichen  Generalstabskarten ­
  im  amerikanisch-deutschen  Wettbewerb  habe
ich  darauf  hingewiesen,  daß  uns  der  ganze  Apparat
für  eine  richtige  wirtschaftliche  Interessenvertretung  im
Ausland  fehlt.  Zu  wenig  ist  von  uns  im  rechten  Augenblick ­
  beachtet  worden,  daß  die  Zeiten  unwiederbringlich
vorüber  sind,  in  denen  die  Beziehungen  von  Staat  zu  Staat
fast  bis  zur  Ausschließlichkeit  politischer  Art  gewesen  sind
und  demgemäß  am  besten  von  Politikern  und  Diplomaten
aufrechterhalten  und  gepflegt  wurden.  Der  Wirkungskreis
und  das  Aufgabengebiet  dieser  diplomatischen  Vertreter
minderte  sich  ungefähr  in  dem  gleichen  Maß,  in  dem  allgemein ­
  die  Verkehrsgeschwindigkeit  zunahm,  und,  besonders ­
  in  einzelnen  Ländern,  in  dem  Umfang,  in  dem  die
        <pb n="281" />
        281

politischen  Fragen  hinter  den  wirtschaftlichen  Aufgaben
zurücktreten  mußten.  Aber  der  äußere  Aufbau  des  diplomatischen ­
  Vertretungskörpers  ist  in  allem  Wandel  der  Zeiten
fast  unverändert  geblieben,  obwohl  der  Umschwung  in  der
Schnelligkeit  der  Nachrichtenübermittlung,  den  die  Älteren
unter  uns  noch  selbst  miterlebt  haben,  eine  Konzentrierung
der  verantwortlichen  Entscheidungen  mit  sich  brachte,  und
obwohl  Charakter  und  Tendenz  der  internationalen  Beziehungen ­
  andere  geworden  sind.  Diesem  Wandel  der
Zeiten  ist  in  keiner  Weise  ausreichend  Rechnung  getragen
worden,  zumal  die  mit  gesteigerter  Notwendigkeit  erforderte ­
  wirtschaftliche  Interessenvertretung  in  der  Hauptsache ­
  zu  einem  diplomatischen  Anhängsel  geworden  ist,  und
das  in  einer  Periode,  in  der  es  politische  Stärke  ohne  wirtschaftliche ­
  Macht  nicht  geben  kann.  Derartige  Betrachtungen
sollen  gewiß  keinen  Vorwurf  gegen  die  Tüchtigkeit  der
wenigen  Männer  enthalten,  die  berufen  worden  sind,
als  Handels-  und  Gewerbe-Attaches  des  schwierigen
Amtes  der  wirtschaftlichen  und  gewerblichen  Spezial-Sachverständigen
  für  das  Deutsche  Reich  im  Ausland
zu  walten.  Man  hat  diese  Männer  alle  ohne  die  Mittel
und  somit  ohne  die  Möglichkeit  gelassen,  die  großen
und  weitgesteckten  Aufgaben  zu  erfüllen,  die  man  mehr
dunkel  ahnte  als  klar  erkannte,  da  man  die  Anstellung
vollzog.  Ich  will  früher  Gesagtes  hier  nicht  wiederholen,
allerdings  gern  hervorheben,  daß  in  der  Beschleunigung
und  Vertiefung  der  behördlichen  Berichterstattung  während
der  letzten  Zeit,  soweit  dies  bei  dem  jetzigen  Zuschnitt
möglich  ist,  im  allgemeinen  wie  speziell  für  Amerika
ein  erkennbarer  Umschwung  zum  Besseren  eingetreten  ist.
In  den  Dienst  der  von  mir  angeregten  „wirtschaftlichen
Abteilungen“,  nur  das  sei  kurz  nochmals  betont  und  in  wenigen ­
  Einzelheiten  ausgeführt,  wären  z.  B.  einzubeziehen:  ein
        <pb n="282" />
        282

Ingenieur  für  Maschinenwesen  im  allgemeinen,  ein  Elektrotechniker, ­
  ein  zugleich  mit  der  Kohlen-  und  Petroleum-Industrie
  vertrauter  Geologe,  ein  praktischer  Landwirt,  ein
Chemiker,  ein  Textil-Experte,  ein  in  Finanz-  und  Börsenfragen ­
  bewanderter  Sachverständiger  und  ein  Eisenbahner.
Die  „wirtschaftlichen  Abteilungen“  sollen,  gleichsam  ideelle
Bank-Institute,  in  allen  Ländern,  in  denen  sie  vom  Reiche
begründet  werden,  ihre  Aufgaben  darin  sehen,  Dividenden
in  Form  von  Nutzen  für  die  Allgemeinheit  zu  erzielen,  indem
sie  billige  Bezugsquellen  und  gute  Absatzgebiete,  Verkehrs-Möglichkeiten ­
  und  -Erleichterungen  feststellen,  vorteilhafte ­
  Arbeitsorganisationen  und  Produktionsbedingungen
bekanntgeben  und  eine  aktuelle,  auf  den  Tag  gestellte
Berichterstattung  an  die  einzelnen  Erwerbsgruppen  der
Industrie,  des  Handels  und  der  Landwirtschaft  mit  Sorgsamkeit ­
  vermitteln  —  immer  gestützt  auf  die  Tätigkeit  der  zur
Abteilung  gehörigen  Spezial-Sachverständigen,  auf  deren
Beobachtungen  daheim  am  Sitz  der  Abteilung  und  auf
Studienfahrten  durch  das  Land.  Selbstverständlich  wird
keineswegs  alles,  was  derart  zu  unserer  Kenntnis  gelangt,
selbst  wenn  sich  die  betreffende  Einrichtung  hinsichtlich
der  Gütererzeugung  oder  -Verteilung  drüben  bewährt  hat,
rein  mechanisch  übernommen  werden  können.  Überall  wird
vielmehr  Anpassung  an  unsere  Eigenart  die  notwendige  Voraussetzung ­
  bilden  müssen.  Vieles,  was  in  Amerika  seinen
Zweck  erreicht,  würde  bei  uns  unter  anderen  Verhältnissen
versagen.  Bei  der  Schilderung  der  Kohlen-Schrämmaschinen
habe  ich  hiervon  ein  Beispiel  gegeben.  Ich  überlasse  aber
das  Technische  und  Maschinelle  im  übrigen  den  Fachleuten
und  spreche  in  der  Hauptsache  von  den  kommerziellen  Betrieben ­
  beziehungsweise  von  der  kommerziellen  Ausnutzung
der  Industrieerzeugnisse  für  den  Weltmarkt.  Allerdings  hat
man  in  den  mittleren  amerikanischen  Geschäftshäusern  noch
        <pb n="283" />
        283

kaum  recht  begonnen,  die  Bedeutung  des  Exports  und  die
spezifischen  Anforderungen,  die  er  stellt,  gebührend  zu
würdigen  und  sich  dafür  entsprechend  zu  organisieren.  Desto
mehr  aber  ist  dies  in  den  Großbetrieben  der  Fall.  In  der
New  Yorker  Baumwollenwarenfirma  „The  H.  B.  Claflin  Co.“,
bei  den  „Sterling  silver  and  plated  wäre  works  Tiffany  Co.“
in  Forest  Hill,  in  Pittsburg  und  Cleveland,  in  den  „Edgar
Thomsons  Works“,  den  „Pennsylvania  Tube  Works“  und
in  den  Werken  der  „American  Steel  &amp;amp;  Wire  Co.“,  in
den  Werken  der  „Deering  Harvester  Co.“  in  Chicago,
habe  ich  mich  überzeugen  können,  daß  dort  alles  für  die
Außenmärkte  in  ebenso  großartiger  wie  übersichtlicher  Weise
organisiert  ist.  Die  Preiskataloge,  die  die  Amerikaner  verschicken, ­
  sind  nach  Ausstattung  wie  nach  Inhalt  geradezu
mustergültig.  Sie  sind  mit  einer  Vornehmheit  undEleganz  hergestellt, ­
  daß  sie  das  Entzücken  jedes  Druckers  bilden.  Freilich
könnte  unsere  hochentwickelte  graphische  Industrie  ähnliche
Kunstwerke  liefern,  wenn  bei  uns  ein  Fabrikant  das  'Herz
haben  würde,  für  Entwurf  und  Ausführung  der  Zeichnungen,
für  Papier  und  Ausschmückung  auch  nur  annähernd  die
gleichen  Kosten  aufzuwenden.  Drüben  aber  erscheint  für  die
Propagierung  der  Waren  das  Beste  gerade  gut  genug.  So
gediegen  wie  die  Ausstattung,  so  praktisch  ist  der  Inhalt.
Überall  sind  die  Preise  unter  genauer  Gewichtsangabe  frei
Hafen  oder  Bahnstation  angegeben  und  in  bezug  auf
Berechnungsart  und  Lieferungsbedingungen  sorgfältig  den
spezifischen  Verhältnissen  des  Käufers  angepaßt.  Diesem
werden  Muster  und  Probesendungen  nie  besonders  berechnet, ­
  zugleich  aber  werden  ihm  alle  der  Bekanntmachung
der  Waren  dienenden  Mittel  bereitwilligst  und  in  jedem
gewünschten  Umfange  unentgeltlich  zur  Verfügung  gestellt;
kurzum,  überall  herrscht  in  der  Aufmachung  und  in  dem
Bestreben,  die  Produkte  in  der  ganzen  Welt  bekanntzu ­
        <pb n="284" />
        284

geben,  die  weiteste  Großzügigkeit.  Frei  von  der  beim
Deutschen  auch  im  Welthandel  bisweilen  betätigten  bureaukratischen
  Kleinlichkeit,  wagt  der  Amerikaner  für  die
Möglichkeit,  sich  eine  neue  Absatzquelle  zu  eröffnen,  die
größten  Summen  und  jedes  Opfer  an  Zeit  und  Mühen.  Das
und  vieles  andere,  nicht  gewisse  jenseits  des  Ozeans  beliebte
Äußerlichkeiten  der  Reklame,  sind  Dinge,  die  wir,  unbeschadet
unserer  Tüchtigkeit  in  anderen  uns  für  den  internationalen
Wettbewerb  befähigenden  Dingen,  in  der  uns  zusagenden
Form  übernehmen  sollten,  oder  über  deren  Vorhandensein
und  über  deren  etwaige  Wirkungen  wir  zum  mindesten  unterrichtet ­
  sein  müßten.  Die  Summe  aller  kommerziellen  und
wirtschaftlichen  Wahrnehmungen  würde  zugleich  eine  unausgesetzte ­
  Handelsvertrags-Vorbereitung  bilden  und  die  vollständigste, ­
  übersichtlichste,  einheitlichste  Sammlung  des  erforderlichen ­
  Materials  schaffen,  nicht  in  langen  Pausen  ad  hoc
zusammengeholt,  sondern  gleichsam  natürlich  gewachsen.
❖
„In  wirtschaftlicher  Beziehung  erkennt  man  in  den
Vereinigten  Staaten  überall  des  Reiches  mächtige  Errungenschaften ­
  an.  Niemals  wird  man  drüben  die  Rechtschaffenheit
und  Ehrlichkeit  des  deutschen  Mitbewerbers  grundsätzlich
bezweifeln  und  anfeinden.“  So  entgegnete  ich  vor  einiger
Zeit,  als  wieder  einmal  in  einem  gelesenen  heimischen  Blatt  ein
herabsetzendes  Verdikt  über  die  gesamte  amerikanische  Geschäftswelt ­
  gefällt  wurde,  indem  derVerfasser  des  betreffenden
Angriffes  wörtlich  sagte:  „Die  amerikanische  Konkurrenz  trägt
das  Zeichen  der  Illoyalität,  der  Unanständigkeit,  des  unlauteren
Wettbewerbs.“  Diese  Behauptung  wurde  mit  einem  Beispiel
begründet.  Danach  hätte  sich  ein  amerikanischer  Strumpfwaren-Fabrikant
  an  den  zuständigen  amerikanischen  Konsul
        <pb n="285" />
        285

in  Deutschland  gewandt,  und  dieser  hätte  „genau  ausgekundschaftet, ­
  welche  Muster  an  Strumpfwaren  in  Deutschland ­
  angefertigt  und  in  Südamerika  eingeführt  waren.  Die
ahmte  der  Amerikaner  nach  und  überschwemmte  bald  darauf ­
  Südamerika  mit  seiner  Ware,  indem  er  die  bisherigen
Preise  unterbot“.  Ich  betonte,  daß  es  nicht  von  gerechter
Abwägung  zeuge,  aus  einem  einzigen  Fall,  der  übrigens  in
allen  Einzelheiten  nachzuprüfen  wäre,  die  obige  allgemeine
Schlußfolgerung  zu  ziehen,  und  hob  dann  das  Folgende
hervor:  „In  Amerika  herrscht  in  kaufmännischer  Beziehung
Treu  und  Glauben  wie  bei  uns.  Illoyale  Geschäftsleute
gibt  es  drüben  wie  überall.  Aber  wie  diesseits,  so  werden
auch  auf  der  andern  Seite  des  Ozeans  im  geschäftlichen
Verkehr  strenge  Reellität  und  anständige  Handlungsweise ­
  betätigt  .  Wie  der  nationale  Geist  die
Amerikaner  zu  den  höchsten  Opfern  befähigt,  so  ist  er  auch
von  der  größten  Empfindlichkeit.  Der  Amerikaner  ist  sich
bewußt,  daß  die  Unternehmungen  seines  Landes,  mit  unvermeidlichen ­
  Ausnahmen,  auf  solide  Grundlage  gestellt
sind,  und  daß  sich  die  Erledigung  der  geschäftlichen  Transaktionen ­
  fair  und  loyal  vollzieht.  Wenn  demgegenüber  —
es  mag  aus  welchen  Beweggründen  immer  geschehen  —
das  gesamte  amerikanische  Geschäftsgebaren  dauernd  als
unanständig  und  unlauter  bezeichnet  wird,  so  wird  der
Nährboden  für  die  Entfaltung  gefährlicher  Keime  geschaffen. ­
  Man  unterschätze  nicht  die  hervorragende
Stellung,  die  gerade  der  Kaufmann  im  öffentlichen  wie  im
sozialen  Leben  der  Vereinigten  Staaten  einnimmt!  In  der
Neuen  Welt  ganz  besonders  waren  die  Kaufleute  und
Industriellen  die  zielbewußten  Pioniere  und  Bannerträger
der  Kultur  durchs  ganze  Land,  von  Nord  nach  Süd,  von  der
atlantischen  bis  zur  pazifischen  Küste.  Neben  unentwegtem
Vorwärtsschauen,  unbeirrtem  Vorwärtsgehen,  neben  der
        <pb n="286" />
        286

Beharrlichkeit  der  Arbeit  und  neben  der  Anspannung  aller
Kräfte  war  zugleich  die  Betätigung  strenger  Rechtlichkeit
allezeit  oberster  Grundsatz.  Ein  Makel  blieb  an  denen
haften  die,  noch  so  reich  geworden,  je  einmal  nur  gezögert
hatten,  ein  gegebenes  Wort  einzulösen.  So  bedarf  es  bei
den  gegen  das  amerikanische  Geschäfts-  und  Wirtschaftsleben ­
  gerichteten  Angriffen,  soweit  sie  unbillig  und  ungerechtfertigt ­
  sind,  nur  noch  der  Aufbauschung  von  übelwollender ­
  amerikanischer  Seite,  —  um  bei  einer  vorkommenden ­
  Verwicklung  bedenkliche  Spannungen  zu
erzeugen  und  unsere  Beziehungen  erheblich  zu  trüben.“
Ich  würde  auf  den  ganzen  Vorgang  nicht  zurückkommen, ­
  wenn  er  nicht  typisch  wäre  für  die  Art,  wie  eine
große  Volksgesamtheit  in  Bausch  und  Bogen  abgeurteilt
wird,  und  wie  die  herabgesetzt  werden,  deren  „uns  über
den  Ozean  entgegengestreckte  Hand  wir  in  herzlicher  Freundschaft ­
  gern  ergreifen  und  im  Gefühl,  daß  Blut  dicker  ist
als  Wasser“.
Daß  im  „Land  der  unbegrenzten  Möglichkeiten“
das  wirtschaftliche  Getriebe  nicht  überall  strahlend  und
vorbildlich  ist,  habe  ich  in  diesem  Buch  vielfach  erwähnt
und  erörtert.  Auch  die  politische  Korruption,  die  sich
namentlich  in  großen  städtischen  Verwaltungen  für  jedermann ­
  sichtbar  und  desto  unheimlicher  und  unbehaglicher
wirkend  in  den  Vordergrund  drängt,  ist  eine  nicht  wegzuleugnende ­
  Tatsache.  Aber  es  darf  nicht  übersehen
werden,  daß  man  drüben  in  der  Hast  einer  sich  in  den
materiellen  Erfolgen  förmlich  überstürzenden  Entwicklung
noch  nicht  Zeit  gefunden  hat,  sich  zu  den  gefesteten  und  bis
ins  einzelne  geordneten  Einrichtungen  und  Vorkehrungen
durchzuläutern,  die  ein  Ergebnis  unserer  alten  Kultur  sind.
Auch  ist  Gründlichkeit  erst  möglich,  nachdem  eine  gewisse
Stetigkeit  erreicht  worden  ist.  Die  vorhandenen  Mängel
        <pb n="287" />
        287

kennt  der  Amerikaner  selbst  recht  gut,  er  leidet  unter
ihnen  und  möchte  sie  gern  abstellen.  Doch  verletzt
fühlt  er  sich,  wenn  in  einem  gewissen  Teil  der  europäischen ­
  und  nicht  zum  mindesten  der  deutschen  Presse
seine  Ehrenhaftigkeit  in  Frage  gestellt,  wenn  die  Skrupellosigkeit ­
  gleichsam  als  landesüblich  und  legitim  bezeichnet
wird,  wenn  man  die  Bewegungsfreiheit,  die  er  im  Geschäft
verlangt,  in  ursächlichen  Zusammenhang  mit  dem  unlauteren
Wettbewerb  bringt  und  behauptet,  daß  dieser  besonders
lustig  drüben  blühe.  Und  der  Nationalstolz  des  Amerikaners
bäumt  sich  erst  recht  auf,  wenn  immer  nur  von  den
Schattenseiten  seiner  Volkswirtschaft,  von  ihrem  baldigen
oder  voraussichtlichen  Zusammenbruch  gesprochen  wird,
ohne  Anerkennung,  oft  ohne  Erwähnung  des  Großen,  das
drüben  geschaffen  worden  ist  und  noch  täglich  geschaffen  wird.
Diese  einseitige  und  ungerechte  Aufzeichnung  namentlich
der  Tagesgeschichte  durch  die  Tagespresse  ist  es,  die  zur
Entfremdung  führt  und  alle  von  weitblickenden  Männern
gelegten  Keime  zu  gegenseitigem  Erkennen  immer  aufs  neue
gefährdet.  Natürlich  fehlt  es  glücklicherweise  nicht  an  zutreffend ­
  unterrichteten,  nur  sachlich  abwägenden  deutschen
Blättern,  die,  unterstützt  von  kenntnisreichen  und  gewissenhaften ­
  Korrespondenten,  weithin  Aufklärung  und  Belehrung
tragen;  aber  leichtfertige,  unbillige  und  höhnische  Urteile
treten  nur  allzuoft  in  den  Vordergrund.
Wir  sollten  zurückdenken  an  jene  Zeit,  in  der  der
„deutsche  Michel“  der  Gegenstand  des  Spottes  in  der
Welt  war.  Was  wir  in  liebendem  Herzen  für  den  „deutschen ­
  Michel“  und  von  ihm  ersehnten,  das  verkleideten  wir
selbst  unter  Scherzen,  damit  in  dem  lachenden  Auge  die
Träne  nicht  erkannt  werde;  in  dem  Bilde  des  „deutschen
Michel“  war  unseres  Lebens  Leben,  in  ihm  pulsierte  unser
Herzschlag.  Wenn  aber  ein  Fremder  wagte,  was  wir  selbst
        <pb n="288" />
        288

in  Scherz  oder  Satire  taten,  so  empörte  sich  unser  Gefühl
dagegen  als  gegen  eine  Heiligtumsschändung.
Den  ungelenken  „Onkel  Sam“  nähmen  die  Amerikaner
allenfalls  noch  in  Kauf.  Aber  wie  verschwindet  das  Beiwort ­
  des  „deutschen  Michel“  und  des  „Onkel  Sam“  gegenüber ­
  den  Kosenamen,  mit  denen  man  so  oft  den  Amerikaner
schmückend  auszeichnet!  Zu  seiner  Verzerrung  werden  in
das  Bild  des  ursprünglich  Grotesken  immer  mehr  verunstaltende ­
  Züge  hineingezeichnet.  Man  macht  aus  ihm
den  Barnum,  den  gewerbsmäßigen  Humbug-Mann,  der
nicht  aus  lustiger  Laune,  sondern  zu  Schwindelzwecken
übertreibt,  bei  dem  alles  täuschender  Schein  ist.  Man
nennt  ihn  einen  seelenlosen  Dollarjäger,  man  spricht  von
der  Reverenz  vor  dem  Dollar  und  glaubt  nicht  einmal
an  die  Echtheit  des  Dollar,  den  man  für  Talmi  hält.
Aber  damit  nicht  genug!  Auch  den  echten  Dollar  läßt  man
den  Amerikaner,  der  nicht  immer  so  viel  Kunstverständnis ­
  besitzt  wie  Reichtum,  nicht  einmal  mit  Ruhe  in  der
Alten  Welt  ausgeben.  Wenn  der  Amerikaner  bei  uns
Bilder  und  Kunstgegenstände  kauft  —  insbesondere  in
Zeiten,  in  denen  wir  für  derartige  Anlagen  nur  geringe
Mittel  übrig  haben  —  wenn  er  vielleicht  auch  manchmal ­
  überteuert  wird,  mittelmäßige  Ware  erhält  und  dafür
viel,  sehr  viel  Geld  ausgibt,  so  werden  die  transatlantische
Konkurrenz  im  Kunsthandel  und  ihre  Gefahr  für  Europa
rügend  und  weithin  schallend  besprochen.  Dabei  wird  der
amerikanische  Käufer  im  allgemeinen  wegen  seiner  schlechten
Einkäufe  verspottet,  und  ferner  wird  angedeutet,  daß  nach
dem  Bankrott  der  Trusts,  den  der  betreifende  Kunstkritiker
natürlich  mit  Sicherheit  voraussagt,  der  verteuernde  Wettbewerb ­
  der  Amerikaner  verschwinden  werde.  Diejenigen,
die  solche  Aufsätze  schreiben,  wollten  wohl  den  nicht  eben
sehr  neuen  Gedanken  zum  Ausdruck  bringen,  daß  man
        <pb n="289" />
        289

19

durch  die  bloße  Macht  des  Geldes  Kunstsammlungen  nicht
improvisieren  könne,  aber  diese  Zensoren  sind  sich  über
die  ungünstige  Tragweite  ihrer  unfreundlich  formulierten
Auslassungen  kaum  im  klaren,  denn  sonst  würden  sie  für
das,  was  sie  zu  sagen  hätten,  andere  Linien  einhalten.
Es  fällt  mir  allerdings  nicht  entfernt  ein,  einen  Teil  der
amerikanischen  Presse  von  der  Mitschuld  an  der  zeitweiligen
Verhetzung  zwischen  den  beiden  Nationen  freizusprechen.
Das  wäre  auch  gar  zu  beschämend  für  uns.  Auch  in  der
Neuen  Welt  ist  man  gewiß  bisweilen  taktlos  und  vorurteilsvoll,
und  zudem  nicht  selten  durchaus  einseitig  unterrichtet.  Wo
dies  der  Fall  ist,  wollen  wir  nicht  als  Rivalen  auftreten
und  den  anderen  nicht  den  Ruhm  solcher  Überlegenheit
streitig  machen.
Es  ist  unfraglich  und  wird  von  niemandem,  der  Land
und  Leute  auf  beiden  Seiten  des  Ozeans  kennt,  bestritten
werden  können,  daß  der  Presse  und  dem  Nachrichtendienst
beider  Länder  eine  der  größten  Aufgaben  in  der  Gestaltung
der  deutsch-amerikanischen  Beziehungen  zugewiesen  ist  in
weittragender  Bedeutung  und  in  schwerer  Verantwortlichkeit.
Es  kann  mir  selbstverständlich  nicht  beikommen,  all  die
hierunter  einzubeziehenden  Fragen  namentlich  unter  politischen ­
  Gesichtspunkten  erschöpfen  zu  wollen.  Was  die
deutsche  Presse  anbetrifft,  so  meine  ich,  daß  sie  die  Mittel  besitzt, ­
  sich  zutreffend  über  die  ökonomischen  und  allgemeinen
Vorgänge  in  den  Vereinigten  Staaten  und  über  die  dort  maßgebende ­
  Stimmung  zu  unterrichten.  Hierbei  jede  Kritik  in
weitestem  Umfang  —  gewiß,  und  dies,  wo  erforderlich,  zugleich
in  gebührender  Hervorhebung  unserer  eigenen  Vorzüge  und
unter  Zurückweisung  unberechtigter  Angriffe.  Nur  beachte
man  allezeit,  daß  lediglich  eine  vorsichtige,  besonnene
und  ausgleichende  journalistische  Tätigkeit  den  Einfluß  der
amerikanischen  „Jingo“-Presse  zu  mindern  und  den  Glauben
        <pb n="290" />
        290

an  die  Richtigkeit  ihrer  häufigen  Tatarenmeldungen  zu
erschüttern  vermag.  Ein  gegenseitiges  Eingehen  auf  die
Eigenheit  des  andern  —  wobei  weder  die  Amerikaner
noch  die  Deutschen  ihrer  nationalen  Würde  etwas  zu  vergeben ­
  brauchen  —  ist  durchaus  notwendig.  Dann  werden
hüben  wie  drüben  Unschicklichkeiten  vermieden  werden,
deren  schädliche  Folgen  sich  für  die  Gesamtheit  der  Beziehungen ­
  fühlbar  machen  müssen.
Zur  Ungezogenheit  in  der  Presse  einem  fremden  Staat
gegenüber  gehört  weder  Mut  noch  Wissen,  wohl  aber  ein
gut  Teil  Gewissenlosigkeit.  Wenigstens  bei  uns.  Denn  bei
uns  darf  die  Erkenntnis  als  Gemeingut  angesehen  werden,
daß,  mit  dem  Fürsten  Bismarck  zu  reden,  am  letzten  Ende
jeder  Staat  die  Fensterscheiben  bezahlen  muß,  die  seine
Presse  eingeschlagen  hat.
        <pb n="291" />
        291

*i

In  meiner  früheren  langjährigen  geschäftlichen  Tätigkeit
habe  ich  viele  Tausende  wichtiger  Rechnungsabschlüsse
verschickt.  Sie  alle  waren  von  mir  mit  Genauigkeit  und
Sorgfalt  aufgestellt.  Doch  nicht  einen  habe  ich  versandt
ohne  den  Zusatz,  den  kaufmännische  Vorsicht  gebietet:
„Salvo  errore  et  omissione“.
Mit  den  Worten  „salvo  errore  et  omissione“  schließe
ich  auch  meine  Beobachtungen  über  das  Wirtschaftsleben
der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  ab  —  meine  Eintragungen ­
  in  das  Soll  und  Haben  des  „Landes  der  unbegrenzten ­
  Möglichkeiten“.
        <pb n="292" />
        Nachwort

Man  spricht  wiederum  von  einem  verhängnisvollen
Umschlag  in  der  amerikanischen  Volkswirtschaft  und  von
einer  amerikanischen  Krisis.  Ich  halte  das  für  unrichtig.
Wohl  gehen  heftige  Zuckungen  durch  das  Land,  die  stürmische ­
  Hochkonjunktur  der  letzten  Jahre  hat  ausgesetzt,
und  die  Eisen-  und  Stahlpreise  bröckeln  ab.  Eine  Krisis
aber  besteht  zur  Zeit  weder  auf  gewerblichem  noch  auf
geschäftlichem  Gebiet.  Nicht  die  Industrie  ist  bislang  von
einer  Kalamität  heimgesucht  worden,  nicht  der  Verkehr  auf
den  Schienenstraßen  ist  rückläufig,  nicht  der  Handel  liegt
danieder,  nicht  die  Ernten  haben  versagt  und  nicht  die
Kohlen-  und  Erzgruben  und  die  Ölquellen.  Nur  ein  außergewöhnlicher ­
  Rückgang  in  den  Kursen  fast  aller,  selbst  der
solidesten  und  bestfundierten,  Börsenwerte  vollzieht  sich
mit  geringen  Intervallen  seit  vielen  Monaten.  Die  Spekulanten ­
  hatten  sich  verrannt  und  zahlen  nun  für  ihre  Ausschreitungen ­
  in  mehr  oder  minder  erheblichen  Liquidationsverlusten ­
  Buße.  Die  Reichen  unter  den  Spielern  ganz
besonders.  Hierfür  hat  man  drüben  die  treffende  Bezeichnung ­
  „the  rieh  man’s  panic“  gefunden.  Daneben  ist  durch
den  Preisfall  auch  das  Privatpublikum,  insoweit  es  sein
Kapital  in  Wertpapieren  anlegt,  in  Mitleidenschaft  gezogen.
In  Deutschland  war  die  Börse  immer  das  Barometer,
von  dem  man  das  kommende  wirtschaftliche  Wetter  ablesen
        <pb n="293" />
        293

konnte,  das  empfindlichste  Organ  des  volkswirtschaftlichen
Körpers,  dasjenige,  das  auf  alle  Eindrücke  und  Einflüsse  am
schnellsten  reagierte.  Die  Besorgnis  vor  einem  Ende
günstiger  Industrie-  und  Verkehrs-Konjunkturen  trat  daher
bei  uns  in  der  Bewegung  der  Börsenwerte  stets  am  frühesten
und  nachhaltigsten  in  die  Erscheinung.  In  den  Vereinigten
Staaten  war  seither  eine  gleiche  Beziehung  nicht  vorhanden,
und  ich  glaube  auch  nicht,  daß  sie  sich  diesmal  herausbilden
wird.  Börsenkrisen  hat  es  dort  in  allen  Perioden  gegeben,
selbst  in  solchen,  in  denen  der  Wohlstand  des  Landes  unzweifelhaft ­
  war  und  für  lange  Zeit  unerschütterlich  blieb.  Wäre
in  der  Tat  die  jetzige  amerikanische  Börsenderoute  auch  als
Vorläuferin  einer  allgemeinen  amerikanischen  Krisis  zu  betrachten, ­
  so  hätten  sich  innerhalb  von  Handel,  Gewerbe  und
Verkehr  schon  ganz  andere  Symptome  offenbaren  müssen,
umsomehr  als  der  Rückgang  der  Wertpapiere  bereits  mit
Beginn  des  Jahres  eingesetzt  hat.  Das  schließt  nicht  aus,
daß  einzelne  Trusts  und  Gesellschaften  die  Kursdepression
zu  ihrem  innern  Vorteil  ausnutzen.  Sie  verzichten  vielleicht
auf  den  zur  Zeit  aussichtslosen  Versuch,  durch  Erklärung
hoher  Dividenden  den  Kurs  ihrer  eigenen  Aktien  auf  den
früheren  Stand  zurückzubringen,  und  begnügen  sich  mit  der
Ausschüttung  einer  geringeren  Dividende,  die  den  tatsächlichen ­
  Verhältnissen  besser  entspricht.  Dadurch  erreichen  sie
Schonung  ihrer  finanziellen  Kräfte,  geordnetere  Verhältnisse
und  positive  Stärkung.  Wenn  im  übrigen  auch  Börsenkrisen
drüben  zeitlich  einmal  mit  einer  abgleitenden  Industriebewegung ­
  zusammenfallen  können,  so  liegt  doch  gegenwärtig  überwiegend ­
  und  wesentlich  nur  ein  Börsenläuterungsprozeß  vor.
Damit  hat  sich  zugleich  eine  Reinigungsaktion  angebahnt,  die,
über  Wallstreet  hinaus,  in  gewisse  fraudulöse  Gründungs-  und
Geldbeschaffungsvorgänge  innerhalb  großer  Industrie-Unter-*

nehmungen  grell  hineinleuchtend,  ähnliche  Machenschaften
        <pb n="294" />
        294

zum  Besten  des  Landes  für  alle  Zukunft  wirksam  verhindern ­
  dürfte.
Die  an  den  Börsen  der  Union  periodisch  wiederkehrende ­
  Geldknappheit,  die  sich  bei  der  Erledigung  der
Engagements  während  der  letzten  Monate  erschwerend  bemerkbar ­
  gemacht  hatte,  wird  wahrscheinlich  zur  Schaffung
eines  geeigneten  Notenzirkulationssystems  Anlaß  geben,  vermutlich ­
  nach  deutschem  Muster.  Die  historische  Entwicklung ­
  des  Verhältnisses  der  Union  zu  den  Einzelstaaten  im
Verein  mit  politischen  Bedenklichkeiten,  von  denen  heute  nicht
einmal  mehr  ein  Schatten  vorhanden  ist,  hat  in  Amerika
zweimal  den  Versuch  einer  Zentral-Notenbank  scheitern
lassen  und  auf  diesem  Gebiete  eine  unkräftige  Dezentralisation
gepflegt.  Die  jüngsten  Vorschläge  des  amerikanischen  Schatzsekretärs, ­
  die  darauf  abzielen,  eine  elastischere  Gestaltung
des  Geldmarktes  dadurch  herbeizuführen,  daß  den  Nationalbanken ­
  die  mit  einer  Steuer  zu  belegende  Ausgabe  ungedeckter ­
  Noten  zugestanden  wird,  halten  sich  in  allzu  engen
Grenzen,  so  daß  sie  nur  Flickwerk  in  Aussicht  stellen.
Zudem  besteht  in  maßgebenden  Kreisen  des  Senats  eine
Gegnerschaft  gegen  jede  Art  ungedeckter  Notenausgabe.
Aber  die  einmal  gewonnene  Erkenntnis  von  der  Notwendigkeit ­
  durchgreifender  Neuerungen  wird  zweckentsprechende ­
  Reformen  in  der  einen  oder  andern  Gestalt  in
nicht  ferner  Frist  der  Reife  näherbringen.
Die  Möglichkeit  einer  die  Weltwirtschaft  in  Mitleidenschaft ­
  ziehenden,  gewissermaßen  in  Treibhauswärme  gezüchteten ­
  Exportpolitik  der  amerikanischen  Industrie  ist
vorhanden;  doch  eine  solche  künstliche  Politik  wird  allenfalls ­
  nur  vorübergehend  sein,  da  sie  in  ihrer  Kostspieligkeit
auf  die  Dauer  der  praktischen  Auffassung  der  Amerikaner
widerstreiten  und  an  der  Zugeknöpftheit  ihrer  Taschen  zersplittern ­
  wird.  Auch  bin  ich  überzeugt,  daß  man  vielmehr,
        <pb n="295" />
        295

wenn  erforderlich,  zu  einer  allgemeineren  Einschränkung  der
Produktion  übergehen  würde,  wie  man  solches  in  mäßigen
Grenzen  schon  in  bezug  auf  Kohle  und  Eisen  —  hauptsächlich
wohl  infolge  übertriebener  Forderungen  der  Arbeiter  —  während ­
  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1903  getan  hat.  Allerdings
bleibt  die  amerikanische  Industrie  ins  Große  gerichtetund  strebt
nach  Leistung  gewaltiger  Arbeit.  Es  zeigen  sich  aber,  selbst
wenn  die  nach  dem  seitherigen  beispiellosen  Anwachsen  eingetretene ­
  Verminderung  des  Konsums  eine  Zeitlang  anhalten
oder  gar  mit  Nachdruck  zunehmen  sollte,  für  eine  nicht  ferne
Zukunft  Aufgaben  von  solchem  Belang,  daß  an  ihrer  Durchführung ­
  sogar  die  Betriebsstätten  anderer  Nationen  teilnehmen ­
  könnten:  Das  transpazifische  Kabel,  das  das  Festland
der  Union  über  Honolulu  mit  China  und  den  Philippinen
verknüpfen  soll,  ist  im  Werke.  Die  panamerikanische  Eisenbahn-Gesellschaft, ­
  die  einen  Schienenweg  von  New  York
bis  Buenos  Ayres  legen  will,  ist  begründet.  Das  Marineamt
in  Washington  hat  100  Millionen  Dollars,  teilweise  zum  Bau
von  Turbinen-Spähschiffen,  verlangt.  Der  Isthmus-Kanal
wird  auf  der  einen  oder  andern  Trace  in  Angriff  genommen
werden.  Amerikanische  Regsamkeit  kann  auf  die  Ausgestaltung ­
  amerikanischer  Verhältnisse  gerichtet  bleiben  und
darin  auf  absehbare  Zeit  hinaus  volles  Genügen  finden.
Neben  denen,  die  von  einer  zersetzenden  Reaktion
sprechen,  die  dermalen  die  Märkte  der  Union  heimsuche,
gibt  es  andere,  die  für  das  Jahr  1904  die  Krisis  Voraussagen. ­
  Sie  stützen  sich  dabei  auf  ihr  subjektives  Empfinden ­
  über  die  Fortdauer  utid  Zuspitzung  augenblicklicher ­
  ökonomischer  Erscheinungen  und  zudem  auf  gewisse ­
  Analogien  aus  der  Vergangenheit.  Im  Hinblick  auf
die  bevorstehende  Präsidentschaftswahl  erinnern  sie  an
die  Erregung,  die  gewöhnlich  Präsidentschaftswahl  -  Kampagnen ­
  mit  sich  bringen,  und  an  den  Kampf  der  Parteien,
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        296

von  dessen  Entscheid  die  Richtung  der  Staatswirtschaftspolitik ­
  bestimmt  wird.  Angesichts  der  bevorstehenden
Weltausstellung  weisen  sie  dann  auf  die  kommerzielle
Notlage  hin,  die  alsbald  nach  der  Weltausstellung  in
Chicago  1893  eintrat.  Aber  nur  einen  zu  kurzen  Zeitabschnitt ­
  überblicken  sie,  und  sie  übersehen  bei  ihrer
schwarzmalenden  Kündung:  Der  wirtschaftliche  Riese
Amerika  findet  die  starken  Wurzeln  seiner  Kraft  im
Boden  seines  Landes,  und  dieser  gewährt  ihm  nach
jedem  Sturm  und  Drang  für  stets  neues  Aufschnellen
jene  „unbegrenzten  Möglichkeiten“,  von  denen  ich  immer
gesprochen  habe.  Und  Amerika,  glücklicher  als  Antäus,
ist  von  der  Mutter  Erde  und  damit  von  der  nimmer
versiegenden  Quelle  seiner  Kraft  niemals  loszureißen.

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In  den  Vereinigten  Staaten  hat  sich  neben  der  wirtschaftlichen ­
  eine  tiefgreifende  politische  und  ethische
Wandlung  rapide,  fast  vor  unseren  Augen,  vollzogen.  Beinahe ­
  typisch  zeigt  sich  das  in  der  Person  des  jetzigen
Präsidenten,  der  sich  als  schlichter  Privatmann  an  die  Spitze
der  Rauh-Reiter  gestellt  hatte,  um  als  Sohn  seines  Landes
mit  seinen  Volksgenossen  an  einem  Kriege  teilzunehmen,  der
die  breiten  Massen  begeisterte.  Dieser  Volksmann  ist  im  Laufe
weniger  Jahre  zu  einem  Freund  höfischen  und  zeremoniellen
Wesens  geworden,  wie  man  es  in  Amerika  früher  kaum  gekannt ­
  und  sicher  nicht  geliebt  hatte.  Er  veranstaltet  Flottenparaden ­
  wie  ein  Monarch  und  ordnet  Flottendemonstrationen
an  wie  das  angestammte  Oberhaupt  einer  europäischen
Großmacht;  und  die  Amerikaner,  die  früher  im  besten  Fall
darüber  gespottet  haben  würden,  haben,  insbesondere  so ­
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        297

weit  sie  in  dem  Präsidenten  den  Vertreter  ihrer  Partei
sehen,  ihre  Freude  daran.  Präsident  Roosevelt,  von  dem
ich  schon  früher  sagte,  daß  er  ein  instinktives  Feingefühl
für  kommende  populäre  Verschiebungen  besitzt,  hat  auch
hier  herausempfunden,  wie  die  ganze  Neigung  eines  wesentlichen ­
  Teiles  des  amerikanischen  Volkes  gegenwärtig  auf  das
Repräsentative  gerichtet  ist.  Der  Amerikaner  will  sein  Land
in  strahlendem  Glanze  sehen  und  will,  daß  von  dem  Glanze
gesprochen  wird.
Die  Monroedoktrin,  deren  Grundgedanke  ablehnende
Abwehr  ist,  war  das  Charakteristikum  Amerikas  im  vorigen
Jahrhundert.  Sein  Charakteristikum  im  begonnenen  fahrnundert
  ist  der  expansive  Imperialismus.  Man  täte  indessen ­
  unrecht  und  würde  den  innern,  gleichsam  psychologischen ­
  Zusammenhang  unterschätzen,  wollte  man  die
eben  gekennzeichnete  Wandlung  nicht  in  ursächliche  Verbindung ­
  damit  bringen,  daß  sich  in  den  Vereinigten  Staaten
immer  größere  Lebensauffassungen  kraftvoll  vorbereiten
und  formen.  Man  kann  sogar  sagen,  daß  der  Imperialismus
selbst  in  gewissem  Sinn  eine  Art  Idealismus  darstellt  gegenüber ­
  der  bei  aller  Selbstsicherheit  etwas  hausbackenen
Monroedoktrin.
Hohe  sittliche  Kräfte  sind  im  amerikanischen  Volke
lebendig,  weisen  jede  Gemeinschaft  mit  Unlauterkeit  und
Unsauberkeit  an  Personen  und  Dingen  zurück  und  ringen
nach  immer  festerer  Ausgestaltung.  Überall  ist  das  markige
Bestreben  nach  Weiterbildung  erkennbar.  Wissenschaft
und  Kunst  pflanzen  sich  beständig  und  tiefer  ein,  und  das
Unabhängigkeitsgefühl  ist  gepaart  mit  aufrichtiger  Wertschätzung ­
  der  schaffenden  Arbeit.
Wo  solche  Gesinnungen  heimisch  sind,  da  ist  man,
mögen  noch  manche  Nebel  den  Pfad  verhüllen,  doch  zielklar ­
  auf  dem  Wege  zu  stets  höherem  und  erhebenderem
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        298

Idealismus.  Und  auch  diese  Entfaltung  wird  keinen
Stillstand  kennen.  Das  amerikanische  Volk,  aus  einem
Völkergemisch  entstanden,  hat  durch  das  Zusammenwirken
der  mit  der  Geburt  überlieferten  und  durch  Klima  und  Boden
beeinflußten  Charakter-Elemente  seine  Besonderheit  erhalten
und  ist  eine  sich  deutlich  abhebende  Volks  -  Individualität
geworden.  Auf  die  Entwicklung  seiner  Psyche  war  seine
wirtschaftliche  Entwicklung  selbstverständlich  von  Einwirkung. ­
  Der  Sieger,  der  die  für  die  Kultur  eroberte
Wildnis  eines  Weltteiles  umgestaltet  hat  und  die  umgestaltete
beherrscht,  ist  naturgemäß  in  Fühlen  und  Denken  ein  ganz
anderer,  als  es  der  Pionier  gewesen  ist,  der  im  Kampf  gegen
die  Wildnis  beinahe  zum  Sohn  der  Wildnis  geworden  war.
Unermeßlich  waren  die  Flächen,  die  sich  drüben  dem
Fortschreiten  und  dem  Fortschritt  darboten,  und  wie  im
Fluge  wurde  ein  unermeßlicher  Raum  zur  Kulturstätte
gewandelt.  In  wenige  Jahre  drängte  sich  der  Werdegang
von  Städten  zusammen,  der  sich  in  Europa  über  Jahrhunderte ­
  erstreckte;  ganze  Metropolen  wurden  gleichsam
improvisiert,  und  die  mutige  Tatkraft  eines  wagnisfrohen
Geschlechts  überwand  spielend,  was  unüberwindlich  schien.
Gerade  der  Deutsche,  der  sein  Vaterland  liebt  und
stolz  ist  auf  all  das  Große  und  Schöne,  das  deutsches
Können,  deutsche  Arbeitsfreude  und  deutsche  Zuverlässigkeit ­
  für  die  Menschheit  geschaffen  haben,  darf  so  eines
fremden  Volkes  Aufstieg  neidlos  rühmen.
Einen  Zaubergarten  habe  ich  die  Vereinigten  Staaten
genannt.  Unverwischlich  wird  der  Eindruck  in  mir
haften,  den  Amerika  mir  auf  Geist  und  Gemüt  gemacht
hat,  das  Land  und  seine  Bewohner,  die  ich  wie  in  ihren
werktätigen  Betrieben,  so  in  ihren  gastlichen  Häusern  und
anheimelnden  Häuslichkeiten,  in  ihren  Familien  und  in
ihrem  Familiensinn  sehen  konnte  und  wahrhaft  würdigen
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        —  299

lernte.  Habe  ich  der  Schwächen  gedacht,  die  ich  drüben
gefunden,  so  geschah  es  sicher  nicht  in  der  Absicht  der
Herabsetzung  und  Verkleinerung,  und  willige  Anerkennung
hatte  ich  für  alles  Gute  bei  unseren  überseeischen  Mitbewerbern. ­

Goldene  Gaben  und  eiserner  Fleiß  haben  sich  bei  den
Amerikanern  vereinigt,  Glück  und  Verdienst  haben  sich  bei
ihnen  verkettet.  In  ihren  weiten  Gebieten  ist  Raum  für
Sparta  und  Athen,  für  Rom  und  Jerusalem  —  für  Capua
und  Byzanz  ist  in  der  Neuen  Welt  kein  Platz.
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        Altenburg
Pierersche  Hofbuchdruckerei
Stephan  Oeibel  &amp;amp;  Co.
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Mill.

Name  und  Domizil

Branche

Dollars

g:;

U.  S.  Envelope  Co.,  Springfield,  Mass.  .  .

Briefumschläge

7.0

:

U.  S.  Playing  Card  Co.,  Cincinnati,  O.  .  .

Spielkarten

4.0

F.

U.  S.  Printing  Co..  Cincinnati,  O

Plakate

3.5

i:

190.7

Tabak.

:!

American  Cigar  Co.,  New  York

Zigarren

15.0

F_

American  Snuff  Co.,  New  York

Schnupftabak

25.0

American  Stogies  Co.,  New  York

Stogie-Zigarren

11.9

Consolidated  Tobacco  Co.,  Philadelphia,  Pa.

Tabak

198.0

Havana-Tobacco  Co.,  New  York

Havanna-Tabak

45.0

United  Cigars  Manufacturers  Co.,  New  York

Zigarren

7.0

F-U.

  S.  Cigar  Co.,  New  York

Zigarren

8.0

309.9

F--Telegraph

  und  Telephon.

American  Bell  Telephone  &amp;amp;  Telegraph  Co.,

F-_

Boston,  Mass

Telephon  u.  Telegr.

288.0

American  Wireless  Telegraph  Co.,  Philai--



  Pa

Funkentelegraphie

7.5

Consolidated  Telephone  Companies  of

i:

Pennsylvania,  Scranton,  Pa

Telephon

6.6

ä : ;

New  York  &amp;amp;  New  Jersey  Telephone  Co.,

i:

*  Brooklyn,  N.  Y

Telephon

10.8

f.

Telephone,Telegraph  &amp;amp;Cable  Co.,  NewYork

Telegr.  u.  Telephon

9.0

Western  Telegraph  &amp;amp;  Telephone  Co.,

Jp

Boston,  Mass

Telegr.  u.  Telephon

42.0

81-Western

  Union  Telegraph  Co.,  New  York

Telegr.  u.  Telephon

125.0

4S8.9

£;

Textilwaren.

American  Cotton  Co.,  New  York

Baumwolle

s:

in  zylindr.  Ballen

9.0

:

American  Feit  Co.,  New  York

Filzwaren

5.0

American  Thread  Co.,  New  York

Zwirn

18.0

American  Woolen  Co.,  Boston,  Mass.  .  .

Wolltuche

50.0

°  Associated  Merchants’  Co.,  New  York.  .  .

Schnittwaren

15.0
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  </text>
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