11 «ns die Hoheitsrechte der einzelnen Bundesstaaten, früher wohl auch Rücksichten dynastischer Natur, sind die schwersten Hemmnisse für einen vollen Sieg des nationalen Gedankens im deutschen Verkehrswesen gewesen. Ähnliche Rücksichten bestanden in Preußen, aber den preußischen Partikularismus konnte Bismarcks starke Hand überwinden. Er setzte es durch, daß Preußen seine .Eisenbahnen dem Reich zu Eigentum anbot und bezüglich der Entschädigung alle Forderungen auf gab, welche nach dem Bismarckschen Ausdruck*) eine Bereicherung des Staates auf Kosten des Reiches eingeschlossen hätte, und sich vielmehr mit einer angemessenen Entschädigung zufrieden erklärte. Als die Organe des Reiches versagten, führte Preußen die Ordnung seines Eisenbahnwesens selbständig, insbesondere durch umfassende Er weiterung feines Eisenbahnbesitzes**), durch. Der Plan eines wirklich einheitlichen deutschen Eisenbahnnetzes schien für immer gescheitert, um so mehr, als auch die übrigen deutschen Staats bahnnetze sich immer mehr in sich festigten. Freilich war man seitens der Bundesregierungen ständig bemüht, allmählich größere Einheit lichkeit im deutschen Eisenbahnwesen herzustellen***). Aber all das auf diesem Gebiet Erreichte blieb Stückwerk und muhte Stückwerk bleiben, solange die Staatseisenbahnen jedes Landes Glieder des einzelstaat lichen Organismus und des einzelftaatlichen Haushalts blieben. Das aber blieben sie nicht nur, sondern wurden es in steigendem Maße. Je größere Bedeutung aber die Eisenbahnen, namentlich im Haushalt des Einzelstaates, gewannen, desto größer mußte der Wider stand des einzelstaatlichen Partikularismus gegen den Reichsbahn- gedanken werden. Dies zu erläutern genügt vielleicht ein Hinweis auf die außerordentliche Bedeutung der Eisenbahnen für den preußischen Staatshaushalt: In Preußen bestand und besteht eine enge sachliche und formale Verkoppelung der Cisenbahnwirtschaft mit der Staatswirtschaft, Ein nahmen und Ausgaben der Staatseisenbahnen verschwinden in den all gemeinen Staatseinnahmen und -ausgaben, von denen die Eisenbahn posten im Staatshaushalt weit mehr als die Hälfte ausmachen. Mate riell konnte der Finanzminister nicht ohne die reichen Überschüsse der Eisenbahnen auskommen, wenn er nicht zu namhaften Steuererhöhungen greifen wollte. *) Votum des Fürsten Bismarck als Präsident des Staatsministeriums vom 9. März 1876. Poschinger, Aktenstücke S. 216. **)_ Immediatbericht des Reichskanzlers Fürst Bismarck vom 9. Mai 1876, v. d. Leyen S. 121 ff. ***) Eine Zusammenstellung hierüber findet sich in der kleinen Arbeit des Verfassers „Der nationale Gedanke und die Eisenbahnen", Berlin 1911 bei Georg Stille.