dafür angesehen werden, daß Fleiß und Ausdauer der Unternehmer ihr Lebensfähigkeit verbürgten. Rund 60 Jahre hatte es also gedauert, um dem Fabriksystem in der Baumwollspinnerei zum Siege zu verhelfen. Wie stand es nun mit den andern Zweigen der Industrie, namentlich der Weberei? Die deutsche Weberei ist, wie wir sahen, bedeutend älter als die Spinnerei. Die alten Betriebsmethoden, bei denen der Händler vielfach dem Hausweber den Webstuhl leihweise überließ, hatten dort viel fester Wurzel geschlagen als hier. Die Spinnerei dagegen war kaum jemals über die Produktionsstufe des Lohnwerks hinaus gediehen. Sobald dann der Preis der Baumwolle so enorm sank, war der fabrik mäßige Betrieb das von selbst Gegebene. Zudem war für die Produkte der Weberei von alters her ein aufnahmefähiger Markt vorhanden, Baumwollwaren nahmen unter den Ausfuhrgegenständen immer einen hervorragenden Rang ein. Bei der Weberei und den späteren Be arbeitungsstadien des Gewebes kommt es ferner vielfach auf künst lerische oder doch individuelle Ausstattung der Ware an. Die Weberei erfordert wenig Kapital, wenige und einfache Maschinen, wenige technische Kenntnisse. Schließlich waren die Produktionskosten, die Löhne der Hausweber so gering 1 ), daß irgendwelche Konkurrenz auf dem Weltmärkte nicht zu fürchten war. Zum Überfluß mußten aus ländische Webwaren noch hohen Eingangszoll entrichten (1822: 150 M. pro Zentner = 10% vom Wert; dieser Satz ging auch in den Zoll vereinstarif von 1832 über und blieb bis 1865 bestehen) 1 2 ). Es fehlte also der Druck der internationalen Konkurrenz. Aus allen diesen Gründen behauptet sich in der Weberei, besonders aber in der Strumpf wirkerei, einmal der Handbetrieb und dann der alte, hausindustrielle Charakter des Betriebes teilweise bis heute. Der Anstoß zum Fort schritt liegt hier mehr auf sozialem Gebiete. Die mechanische Weberei dehnte sich vor allem da aus, wo sie sich an große Spinnereien an lehnen konnte, im Königreich Sachsen, in Westfalen, der Rhein provinz und in Oberbayern. Die Vorteile des fabrikmäßigen Groß betriebes kamen auch hier sehr bald zur Geltung. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Vorzüge des Großbe triebes eingehend zu diskutieren. Sie seien vielmehr nur kurz her vorgehoben; Steigerung und Stetigkeit des Arbeitsverdienstes, Ver besserung und Gleichmäßigkeit der Produkte und schließlich die all- 1) G. Schmoll er, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert, Halle 1870, S. 566: ,,Der Lohn eines Handwebers im Voigtlande und im Erzgebirge be trug in den zwanziger Jahren nicht über 2 Groschen täglich.“ 2) \V. Lexis, Zollgeschichte der Baumwolle, H. d. St., Bd. II, S. 328.