26 tionskrisis, die durch den amerikanischen Bürgerkrieg hervorgerufen wurde. Die Nordstaaten der Union blockierten die Häfen der Süd staaten, von denen aus bis dahin Europa mit Baumwolle versorgt worden war, wie New-Orleans, Galveston, Mobile, Savannah, Charleston u. a. mit großer Energie; die Folge davon war eine Stockung der Ausfuhr von Baumwolle aus den Südstaaten, so daß der Baumwoll industrie Europas unermeßlicher Schaden erwuchs. Es war eine Krisis, wie sie keine andere Industrie je erlebt hat. Die Bestellungen für Spinner und Weber waren da, aber der Rohstoff fehlte, eine Baumwollhungersnot — „cotton famine“ — trat ein, die grenzenloses Elend über ganze Bevölkerungsklassen brachte. Am stärksten wurde England als der Hauptkonsument der Baumwolle betroffen, aber auch der Kontinent befand sich in einer mißlichen Lage. Die Maschinen, die zum großen Teil für die Verarbeitung amerikanischer Baumwolle eingerichtet waren, mußten durch andere ersetzt oder doch so um geändert werden, daß sie für indische und levantinische geeignet waren. Viele Spinnereien waren der Notlage nicht entfernt ge wachsen, die Maschinen mußten feiern, die Arbeiter mußten sehen, wie sie anderswo Brot bekamen. Die technischen Umgestaltungen und die enorme Preissteigerung der Baumwolle brachten aber auch größeren Spinnereien Verluste. Nur diejenigen kapitalstarken Eta blissements, die sich rechtzeitig mit großen Vorräten versehen hatten, machten dadurch, daß deren Wert um das Fünf- bis Siebenfache stieg, Millionen Gewinne 1 ). Die Webereien wurden erst in zweiter Linie betroffen, aber da für die Hand- und Hausweber die Kapital anforderung zu groß war, so kam die Krisis auch hier wesentlich der Entwicklung zum Großbetrieb zu Hilfe. So hat die Krisis, im ganzen genommen, der normalen Weiterentwicklung der deutschen Baumwollindustrie keinen Einhalt geboten, hauptsächlich deshalb, weil unser Hauptkonkurrent England so schwer von ihr getroffen wurde und dann, weil die deutsche Baumwolleinfuhr noch zu einem wesent lichen Teil aus Ostindien und anderen Produktionsgebieten stammte, so daß es nicht schwer fiel, diese schon bestehenden Handelsbezieh ungen weiter auszunutzen. Von 17 Mill. kg verarbeiteter Baumwolle im Jahre 1859 waren 10,7 Mill. aus Amerika eingeführt, im Jahre 1867 wurden 31,4 Mill. kg Baumwolle in Deutschland verarbeitet, und davon waren 10,4 Mill. aus Amerika eingeführt, der ganze Rest aus Ostindien und anderen Ländern 1 2 ). 1) Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinenindustrie. Stenographische Protokolle über die mündliche Vernehmung der Sachverständigen, Berlin 1879, S. 76. 2) Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinenindustrie. Statistische Ermittlungen, Heft II, Berlin 1879, S. 29 und 2—29.