53 vollkommen beherrscht. Andererseits verwendet die Weberei zur Herstellung ihrer Produkte zum weitaus größten Teile gerade diese Garne. Eine Zollherabsetzung für die niederen Garnnummern erscheint deshalb nicht nur berechtigt, sondern im beiderseitiger Interesse geradezu dringend geboten, für die Spinnerei, weil sie geeignet ist, der Überproduktion Einhalt zu gebieten, für die Weberei, weil sie ihre Selbstkosten erniedrigt. Die feineren Garne nun werden haupt sächlich zu Tüll, Spitzen und Stickereien und zu Gardinenstoffen ver arbeitet. Die Ausfuhr in diesen Artikeln repräsentiert einen großen Wert, der Weberei liegt deshalb daran, die Exportmöglichkeit zu verbessern. Solange die deutsche Feinspinnerei Garn nicht mindestens in gleich guter Qualität und zu demselben Preise als die englische und schweizerische liefern kann, ist die Weberei auf ausländisches Garn angewiesen. Wie wir gesehen haben, ist nun der Prozentanteil ausländischen Garnes an dem Verbrauch der Nummern 46 bis 60 in verhältnismäßig kurzer Zeit ganz beträchtlich zurückgegangen, und dies bei einem Zollsatz von 24 M. Man kann daher annehmen, daß ein Bedürfnis nach einem Erziehungszoll im Sinne Fiedrich Lists nicht mehr vorliegt, wenn die Einfuhr 1900 auch immer noch etwa die Hälfte des Verbrauchs ausmachte. Rücksichtnahme auf die Export interessen der Weberei hat deshalb Veranlassung gegeben den Zoll etwas zu erniedrigen. Man kann sicher annehmen, daß diese Maß nahme die Spinnerei nicht schädigen wird. Etwas anderes ist es mit den höheren Garnnummern. Von einer Beherrschung des inneren Marktes kann nicht entfernt die Rede sein; immerhin ist die Produktion ziemlich bedeutend gestiegen, das Be streben der deutschen Spinnerei, dem Bedarf der Weberei an Fein garnen selbst gerecht zu werden, ist also unverkennbar und verdient volle Unterstützung durch eine geeignete Zollpolitik. Andererseits machten die Weber geltend, daß sich ihre Lage verschlimmert habe. Die vorhandenen Produktionsmittel ständen nicht im richtigen Ver hältnis zu den Absatzmöglichkeiten, der Export stoße auf immer mehr Schwierigkeiten. Namentlich die Einführung des Dingley-Tarifs von 1897 in den Vereinigten Staaten habe dem Export dorthin sehr ge schadet, ferner die rasche Entwicklung der Textilindustrie in bisherigen Absatzgebieten, die Aufbietungen der Konkurrenten u. a. m. Wie 1 878/79, so glaubte man auch diesmal wieder darauf hinweisen zu müssen, daß die Weberei ca. siebenmal soviel Personen beschäftigt als die Spinnerei und daß die Weberei schon aus sozialpolitischen Gründen — der vielen Selbständigen und der Hausindustriellen wegen