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        <title>Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland</title>
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hinzu, der die Aussichten für die Zukunft nicht in rosigem Lichte 
erscheinen läßt. Es wird nämlich zusehends schwieriger, neue Ab 
satzmärkte für Baumwollwaren zu finden und die alten Kunden fest 
zuhalten. Überall, in Europa, Amerika, Ostindien, Ägypten und 
Japan blüht eine eigene Baumwollindustrie auf, und außerdem findet 
zwischen den europäischen Exportwebern ein Wettlauf statt, um sich 
gegenseitig den Rang streitig zu machen. Dabei ist natürlich der 
jenige im Vorteil, der die billigsten Frachten, die billigsten Löhne, 
die geringsten Steuern u. a. zu zahlen hat und der die beste geo 
graphische Lage zu gewissen Absatzgebieten hat. Nächst England 
macht nun Italien seit wenigen Jahren die größten Anstrengungen 
uns zuvorzukommen, es kann sich dabei auf jene natürlichen Vorteile 
stützen. Namentlich in Südamerika, Brasilien und Argentinien, wohin 
die italienische Auswanderung planmäßig gelenkt wird, hat es uns 
manche wertvolle Position abgerungen. Während England sich be 
strebt, Zwietracht zwischen der Union und Deutschland zu stiften, 
indem es bald dem einen, bald dem anderen der beiden Länder Er- 
eberungsgelüste in Südamerika vorwirft, hat Italien längst in fried 
licher Eroberung Besitz ergriffen von den besten Teilen Brasiliens, 
Argentiniens und Chiles. Die beste Waffe des Italieners bei dieser 
modernen Kolonisation ist seine immerwährende Staatsangehörigkeit, 
die er auch behält als Bürger eines fremden Staates. Dadurch hat 
er einen unschätzbaren Vorzug vor dem Deutschen im Auslande 
voraus. 
Wenn vorhin neben Italien an erster Stelle England genannt 
wurde, so ist das natürlich in anderer Weise zu verstehen. Tatsäch 
lich ist ja England das erste Handelsland der Welt, und auch sein 
Handel mit Baumwollwaren übertrifft bei weitem den der Deutschen; 
das beruht auf der Überlegenheit der Industrie. Indessen hat der 
deutsche Kaufmann im Laufe der Zeit einen Vorteil um den andern 
errungen, und heute liegt die Sache so, daß der Engländer nicht 
nur seine alten Positionen mühsam zu verteidigen hat, sondern viel 
fach ist ihm der Deutsche geradezu voraus, und der englische Kauf 
mann muß sich anstrengen, die Konkurrenz mit ihm zu bestehen. 
Statistische Belege hierfür lassen sich unschwer beibringen r ). Die 
leitenden Stellen in England haben sich bemüht, den Gründen nach 
zuforschen, die den englischen Kaufmann aus seiner beherrschenden 
Stellung verdrängen, und ein amtliches Memorandum „On the british 
l) Vgl. u. a. das Büchlein von E. E. Williams: „Made in Germany“. Der 
Konkurrenzkampf der deutschen Industrie gegen die englische. Übersetzt von C. Will mann. 
Dresden u. Leipzig 1896.</div>
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