<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>W.</forname>
            <surname>Lochmüller</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>882518925</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        ﻿Abhandlungen

des

♦

staatswissenschaftlichen Seminars

zu Jena

herausgegeben von

Professor Dr. J. Pierstorff.

Dritter Band.

Verlag von Gustav Fischer in Jena.
1906.
        <pb n="2" />
        ﻿Alle Rechte Vorbehalten.
        <pb n="3" />
        ﻿Inhalt des dritten Bandes.

Heft 1: Boelcke, M., Dr., Die Entwicklung der Finanzen im
Großherzogtum Sachsen-Weimar von 1851 bis zur Gegen-
wart. , Finanzwissenschaftliche Studie.

Heft II; Christoph, Franz, Dr., Die ländlichen Gemeingüter
(Allmenden) in Preußen.

Heft III; Lochmüller, W., Dr., Zur Entwicklung der Baumwoll-
industrie in Deutschland.

Heft IV; Hauser, R., Dr., Die deutschen Überseebanken.
        <pb n="4" />
        ﻿ZUR ENTWICKLUNG DER
BAUMWOLLINDUSTRIE
IN DEUTSCHLAND.

VON

DR W. LOCHMÜLLER.

MIT 3 KURVEN IM TEXT.

VERLAG VON GUSTAV FISCHER IN JENA.
1906.

Diese Abhandlung bildet zugleich das dritte Heft des dritten
Bandes der „Abhandlungen“ des staatswissenschaftlichen Seminars
zu Jena, herausgegeben von Prof. Dr. Pierstorff.
        <pb n="5" />
        ﻿Verlag von GUSTAV FISCHER in JENA,

Wandlungen des staat$u)i$sensd)aftlid)en Semi-
nars zu 3ena. Herausgegeben von Prof. Dr. J. Pierstorff.

Bd. 1:

Heft i: Stubmann, Peter, Dr. phil., Holland und sein deutsches
Hinterland in ihrem gegenseitigen Warenverkehr, mit besonderer
Berücksichtigung der holländischen Haupthäfen seit der Mitte des
19. Jahrhunderts. Eine handelsstatistische Studie. 1901. Preis: 2 Mark
50 Pf.

Heft 2: Klien, Ernst, Dr., Minimallohn und Arbeiterbeamtentum.
1902. Preis; 6 Mark.

Heft 3: Hailer, Hermann, Dr., Studien über den deutschen Brot-
Getreidehandel in den Jahren 1880—1899, insbesondere über den
Einfluß der Staffeltarife und der Aufhebung des Identitätsnachweises.
1902. Preis: 4 Mark.

Heft 4: Huschke, Leo, Dr., Landwirtschaftliche Reinertragsberech-
nungen bei Klein-, Mittel- und Großbetrieb, dargelegt an typischen
Beispielen Mittelthüringens. 1902. Preis: 4 Mark 60 Pf.

Heft 5.- Wichmann, Fritz, Dr., Der Kampf um die Weinverbesse-
rung im Deutschen Reiche. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte
der Gegenwart nebst einer Produktionsstatistik des deutschen Wein-
baues. 1902. Preis: 4 Mark 50 Pf.

Heft 6: Becker, Max, Dr., Der argentinische Weizen im Weltmärkte.
Eine volks- und weltwirtschaftliche Studie. 1904. Preis; 6 Mark.

Bd. II:

Heft 1: Klutmann, Alex, Dr., Die Haubergswirtschaft. Ihr Wesen,
ihre geschichtliche Entwicklung und ihre Reformbedürftigkeit. Auf
Grund der Verhältnisse im Kreise Olpe i. W. 1905. Preis: 3 Mark.

Heft II: Heß, Walter, Dr. phil., Einfache und höhere Arbeit. Eine
sozialpolitische Untersuchung zum Arbeitsvertrag des bürgerlichen
Gesetzbuchs. 1905. Preis: 2 Mark.

Heft III: Trescher, Erich, Dr., Die Entwickelung des Steuerwesens
im Herzogtum Sachsen-Gotha. 1906. Preis; 3 Mark.

Bd. III:

Heft 1: Boelcke, M., Dr., Die Entwicklung der Finanzen im Groß-
herzogtum-Sachsen-AVeimar von 1851 bis zur Gegenwart. Finanz-
wissenschaftliche Studie. 1906. Preis: 4 Mark.

Heft 2: Christoph, Franz, Dr., Die ländlichen Gemeingüter (All-
menden) in Preußen, 1906. Preis: 3 Mark.

Dolh$u)irt$cbaftIid)e und u)irtsd)aft$ge$d)id)tlid)e

mihanrMlirmtm Herausgegeben von Dr. Wilhelm Stieda, 0. ö. Prof.
Jl L'ljCll lUilll	der Nationalökonomie in Leipzig. Neue Folge.

Heft 1: Sternberg, Wilhelm, Dr. jur. et phil., Das Verkehrsgewerbe
Leipzigs. 1905. Preis: 2 Mark 60 Pf.

Heft 2: Rost, Dr. Bernhard, Über das Wesen und die Ursachen
unserer heutigen Wirtschaftskrisis. 1905. Preis: 1 Mark.

Heft 3: Hartmeyer, Hans, Der Weinhandel im Gebiete der Hanse
im Mittelalter. 1905. Preis: 2 Mark 50 Pf.

Heft 4: Busuiocescu, Demeter, Dr„ Das Tabakmonopol in Ru-
mänien Mit 2 Karten und 8 lithographischen Darstellungen. 1905.
Preis: 6 Mark.

Heft 5: Albrecht, Paul, Dr. phil., Das Doraänenwesen im Herzogtum
Sachsen-Altenburg. 1906. Preis: 3 Mark.

Heft 6: Meltzing, Otto, Das Bankhaus der Medici und seine Vor-
läufer. 1906. Preis: 3 Mark 50 Pf.

Heft 7: März, Johannes, Die Fayencefabrik zu Mosbach in Baden.
1906. Preis: 3 Mark.
        <pb n="6" />
        ﻿Abhandlungen

des

staatswissenschaftlichen Seminars

zu Jena

herausgegeben von

Professor Dr. J. Pierstorff.

Dritter Band. Drittes Heft.

Verlag von Gustav Fischer in Jena
1906.
        <pb n="7" />
        ﻿ZUR ENTWICKLUNG DER
BAUMWOLLINDUSTRIE
IN DEUTSCHLAND.

MIT 3 KURVEN IM TEXT.

VERLAG VON GUSTAV FISCHER IN JENA.
1906.

4L
        <pb n="8" />
        ﻿	
Alle Rechte Vorbehalten.
        <pb n="9" />
        ﻿Vorwort.

Ursprünglich von der Absicht ausgehend, die Entwicklung des
deutschen Baumwollhandels im Zusammenhänge mit der der Baum-
wollindustrie darzustellen, kam ich alsbald zu der Erkenntnis, daß
die letztere allein schon ein sehr gründliches Studium verlangt. Die
Resultate dieses Studiums nun sind in der folgenden Arbeit nieder-
gelegt.

Trotzdem ich mich bemüht habe, das Thema möglichst wenig
einseitig und von Grund aus im logischen Zusammenhänge behandelt
zu haben, kann ich der Arbeit doch nicht den Titel geben: „Die Ent-
wicklung der deutschen Baumwollindustrie“. Denn dazu ist einmal
die Vorgeschichte, etwa bis zu den epochemachenden Erfindungen,
aus Mangel an Quellen zu kurz weggekommen, und andererseits
konnte die Behandlung des Themas unmöglich eine nach allen Seiten
erschöpfende sein, so brachte es die Natur meiner Quellen mit sich,
daß die Entwicklung vorwiegend vom Standpunkt des Produzenten
aus betrachtet wurde. Die vorhandene Literatur, die mir namentlich
für die letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts in überreichem
Maße zur Verfügung stand, hoffe ich zur Genüge benutzt zu haben1),
die reiche englische Literatur habe ich hauptsächlich in den zwei
Werken herangezogen: Th. Ellison, The Cotton Trade of Great
Britain, London 1886 und M. B. Hammond, The Cotton In-
dustry, Ithaca 1897. In dem zuletzt genannten Buche findet der
Leser eine reichhaltige Zusammenstellung der englischen Literatur.

1)	Leider war es mir nicht mehr möglich, die Arbeit von Dr. R. Wilbrandt,
Die Weber in der Gegenwart. Jena 1906, gebührend zu berücksichtigen. Die Tendenz des
Buches reizt vielfach zum Widerspruch.
        <pb n="10" />
        ﻿VT

Am ausführlichsten sind diejenigen Kapitel der Arbeit, die die
letzten Jahrzehnte bis zur Gegenwart behandeln. Um dieselben inhalt-
lich interessant und reich zu gestalten, wurde mir von privater Seite
so liebenswürdige Unterstützung zuteil, daß es mir eine große Freude,
folgenden Herren auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank
auszusprechen: Herrn Regierungsrat Geib im Kais, statistischen Amt
zu Berlin, Herrn Kommerzienrat Groß in Augsburg, Herrn
Professor A. Oppel in Bremen und ganz besonders Herrn Dr. K.
Kuntze in Dresden.

Jena, im Juli 1905.

Der Verfasser.
        <pb n="11" />
        ﻿Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Einleitung. Die Baumwollpflanze. Die Baumwolle als Spinnfaser.................... i

Kapitel I. Die Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie bis zum Ende des

18. Jahrhunderts.............................................................  8

Kapitel II. Die Einbürgerung der Maschine (1800—1850)............................ 15

Kapitel III. Die Befestigung der Stellung der Baumwollspinnerei......................23

Kapitel IV. Die Zeit nach dem deutsch-französischen Kriege bis zum Zolltarifgesetz

von 1879..................................................................... 27

Kapitel V. Überblick über die Entwicklung bis zur Gegenwart..........................34

Kapitel VI. Der neue deutsche Zolltarif vom 25. Dezember 1902....................41

Kapitel VII. Die Ereignisse auf dem Baumwollmarkt....................................57

Kapitel VIII. Organisationsbestrebungen und Arbeiterverhältnisse.....................65

Kapitel IX, Statistische Mitteilungen................................................76

Kapitel X. Rückblick.................................................................92

Schluß..............................................................................101

Anlagen. Organisation der Bremer Baumwollbörse. Handelsstatistik. Großhandels-
preise. Lohnentwicklung.............................................................102
        <pb n="12" />
        ﻿Einleitung.

Zur allgemeinen Orientierung über den Rohstoff der deutschen
Bauinwollindustrie möchte ich in Kürze einige Angaben über die
Baumwollpflanze, ihren Anbau, ihre Ernte und ihre mannigfache Ver-
wendung vorausschicken.

Die Baumwolle ist das Erzeugnis einer Strauch- oder baum-
artigen Pflanze, die zur Gattung Gossypium und als solche zur Fa-
milie der Malvazeen gehört. Die Pflanze kommt in den wärmeren,
gemäßigten Gebieten der Erde vor, zum Teil wild, zum Teil seit
langer Zeit kultiviert. Aus ihrer Blüte gehen Fruchtkapseln hervor,
die eine Anzahl von behaarten Samenkörnern umschließen. Reifen
die Kapseln, so brechen sie auf, und die Samenhaare — eben die
Baumwolle — quellen hervor. Nach der Länge der Fasern, des
„Stapels“, und nach der Farbe der Blütenblätter unterscheidet man
fünf Grundformen der Pflanze, von denen folgende drei für den
Handel hauptsächlich in Betracht kommen1):

1.	Gossypium barbadense oder Sea Island-Baumwolle. Ihr
Anbau ist in Westindien, der Südostküste und auf den ihr vor-
gelagerten Inseln der Union, Ägypten und in Westafrika
verbreitet. Sie verlangt große Wärme und feuchte Luft.
Der Ertrag ist verhältnismäßig gering, aber die Länge des
Stapels macht die Sea Island zu der wertvollsten Baum-
wollsorte.

2.	Gossypium hirsutum oder Upland-Baumwolle. Sie ist die
für Anbau, Handel und Verarbeitung bei weitem wichtigste aller
Baumwollarten — liefert sie doch allein ca. 6o°/0 der Welt-
produktion.

3.	Gossypium herbaceum. Diese Art ist in Ostindien heimisch,
zeichnet sich durch große Fruchtbarkeit aus und verlangt
beim Anbau die geringste Sorgfalt, indessen steht sie an
Güte den genannten Sorten nach.

1)	Vgl. zu dem Folgenden A. Oppel, Die Baumwolle, Leipzig 1902, Kapitel II.
Abhandlungen d. staatsw. Seminars z. Jena, Bd. III, Heft 3.	1

Lochmüller, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie.
        <pb n="13" />
        ﻿Eine geringere Rolle spielen daneben G. peruvianum und G.
arboreum. Jene wird im tropischen Südamerika, auf den Antillen
und in Ägypten, diese in Ostindien angebaut.

Gegenwärtig wird Baumwollbau namentlich in dem Süden der
Vereinigten Staaten, in Ostindien, in Ägypten, in China und in Süd-
amerika betrieben; erst in neuester Zeit wird auch Mittelasien, Tur-
kestan und Transkaspien, und Westafrika der Baumwollkultur dienst-
bar gemacht. Es gibt aber noch außerdem manche Gebiete, in denen
die Baumwollkultur betrieben oder der Betrieb weiter ausgedehnt
werden könnte. Zu ihnen gehören vor allen Dingen Brasilien und
Kleinasien; auch auf Kuba wird neuerdings die Aufmerksamkeit
gelenkt.

Ihr bestes Fortkommen findet die Baumwollpflanze in solchen
Flachländern, die während der durchschnittlich ein halbes Jahr dauern-
den Wachstumszeit eine mittlere Temperatur von —(— r80 bis -\-26° C-
und keine anhaltende Regenperiode, aber doch ausreichende Feuchtig-
keit besitzen1); der Boden muß viel Kieselsäure enthalten.

Man sät den Samen in Reihen von i bis 1,3 m Abstand. Die
Zeit der Aussaat ist je nach der klimatischen Lage des Landes ver-
schieden, in Nordamerika dauert sie von Anfang April bis Anfang
Mai, in Ägypten ist sie früher, in Ostindien später. Etwa fünf
Monate nach der Aussaat beginnt die Ernte, die wegen des ungleichen
Reifens der Fruchtkapseln immer eine längere Zeit in Anspruch
nimmt und sehr kostspielig ist. Oppel gibt z. B. an, daß in den
Vereinigten Staaten ein fleißiger Arbeiter selten mehr als hundert
Pfund pro Tag pflücken kann und daß das Abzupfen eines Zentners
Fasern 50 cs. kostet1 2 3). Nicht alle Knospen gelangen zum Blühen, und
nicht alle Blüten tragen Frucht. Aus den von A, Oppel angegebenen
Beobachtungen8) ist ersichtlich, daß von den erschienenen Knospen
im Durchschnitt nicht mehr als 17,5% zurn Reifen kommen. Die
Sorge um Verhütung und Bekämpfung der den heranwachsenden
Pflanzen gefährlichen Krankheiten und Schädlinge, deren schlimmste
der „cotton worin“ und der „boll worin“ sind, erfordert die pein-
lichste Reinhaltung der Felder und die sorgsamste Beobachtung der
Pflanzen.

Wenn die den Kapseln entquollene Baumwolle eingesammelt
ist, wird sie zunächst von Unreinigkeiten befreit und dann auf eine
Entsamungsmaschine, eine sog. Gin, gebracht, um die Fasern von den

1)	A. Oppel, a. a. O. S. 61.

2)	Ebenda S. 75 u. 76.

3)	Ebenda S. 69.
        <pb n="14" />
        ﻿3

Samenkörnern loszulösen. Danach wird sie mittels einer Presse in
große Ballen verpackt, diese werden mit eisernen Bändern verschnürt,
und die Baumwolle ist fertig zum Export. Eine große Pflanze kann
im besten Falle bis zu 21/2 Pfd. rohe Baumwolle liefern. Man
schätzt den Ertrag von 1 acre (= 0,405 ha) auf 75 Pfd. (Indien)
bis 340 Pfd. (Ägypten), im Mittel ca. 185 Pfd. englisch an ent-
körnter Baumwolle (je nach Klima und Sorte verschieden)1). Die
für den Baumwollbau benutzten Bodenflächen betrugen in der Union
im Mittel für das letzte Jahrzehnt des ig. Jahrhunderts über 21 Milk
acres = 8,5 Milk ha. Das Gesamtbaumwollareal in der Union, in
Indien, Ägypten, Japan und Russisch Asien betrug durchschnittlich
15,6 Milk ha1 2 3 *). Von der Welternte lieferten im Durchschnitt der Jahre
1 8q 1 bis 1899 die Vereinigten Staaten 2038,3 Milk kg = 62,3 °/0,
Ostindien und die ostindische Inselgruppe 497 Milk kg = 15,3%,
China 258,7 Milk kg = 7,9% und Ägypten 238,7 Milk kg = 7,3 %8)-

Die Baumwollfaser bildet eine einzige langgestreckte Zelle, die,
mit bloßem Auge betrachtet, als ein Härchen von gleichem Aussehen,
aber ungleicher Länge erscheint, unter dem Mikroskop dagegen als
eine abgeflachte, etwas gedrehte Röhre. Ihr Hohlraum ist vorzüglich
dazu geeignet, Farbstoffe in sich aufzunehmen, ursprünglich nämlich
ist die Farbe der Fasern im allgemeinen weiß oder schmutzig weiß.
Bei der Beurteilung der Güte der Fasern kommen vor allem Länge
und Feinheit in Betracht, ferner die Festigkeit, Glätte, Farbe und
Reinheit. Von jeder Sorte unterscheidet man verschiedene Qualitäten,
für deren Bezeichnung die von der Liverpool Cotton Association ein-
geführten Prädikate: 1. fair, 2. middling fair, 3. good middling,

4.	middling, 5. low middling, 6. good ordinary, 7. ordinary gel-
ten. Dazwischen schiebt man, namentlich auf amerikanischen Märkten,
zur genauen Bezeichnung der Qualität noch zahlreiche Unterklassen ein.
In Bremen hat man für Upland folgende neuen Klassen aufgestellt;

i.	middling fair, 2. fully good middling, 3. good middling,
4- fully middling, 5. middling, 6. fully low middling, fj. low
middling etc. wie oben.

Für indische Baumwolle gibt es dort nur vier Klassen.

Um das Preisverhältnis der verschiedenen Qualitäten ersichtlich
zu machen, seien die Bremen Notierungen vom 8. Juli 1905 wieder-
gegeben. Dieselben verstehen sich in Pfg. pro 1/2 kg.

1)	Berechnet nach Oppel, a. a. O. S. 103 f.

2)	A. Oppel, a. a. O. S. 90.

3)	S. „Berichte über Handel und Industrie“, Ed. I, 1899/1900, Berlin igoo, S. 413.

1*
        <pb n="15" />
        ﻿4

Middling Fully good good Fully Midd- Fully low Low Good
fair	middling middl. middl. ling middling middl. ordinary

Upland 597*	58V4	57 V« S&amp;7 4	56	5474	S31/«	5*V»

Ordinary

491/,

Indische Baumwolle kostete an demselben Tage:

Extra superfine	Fine	Fully good	Good

M. ginned Broach	...	—	51	4Q1/2	48

Oomrawuttee II ...	—	46%	45V4	44

Khandeish ginned ...	—	—	44

Büatee..................—	457*	44 Vs	43 Vi

Bhownuggar..............—	47	4S74	441/»

Bengal...............42V4	4&gt;	397«	38V4

do. m. ginned	.	.	.	43V,	42V4	4c&gt;74	39l/2

M. ginned Scinde	. .	.	42'/,	41 x/4	3974

Der Handel mit Rohbaumwolle ist im Laufe der Zeit, ent-
sprechend der Ausdehnung der Baum Wollindustrie, zu einem überaus
wichtigen Gliede im Wirtschaftsleben der Kulturvölker geworden.
Die größte Bedeutung hat er für die Vereinigten Staaten, da diese
die Produktion beherrschen, und für Großbritannien als das Haupt-
industrieland der Welt. Hierhin kam die Baumwolle aus Ostindien,
China, Brasilien, Ägypten, hierhin auch richteten sich die amerikani-
schen Sendungen, sobald der amerikanische Export aufblühte, denn
der Engländer beherrschte mit seiner Handelsflotte das Meer. Kein
Wunder, daß in England der erste große Markt und Stapelplatz für
Baumwolle entstand: London. Doch verlor London bald, nachdem
die Zufuhren aus Nordamerika angefangen hatten sich zu mehren,
aus hier nicht näher zu erörternden Gründen seine Stellung an Liver-
pool. Liverpool ist bis zum heutigen Tage der bedeutendste Baum-
wollmarkt der Welt. In Europa folgten ihm bis zu den siebziger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts erst in weitem Abstande Havre
und Marseille, dann Hamburg und Bremen. Heute hat sich dies
Verhältnis sehr zu Deutschlands Gunsten verschoben. Havre, der
größte französische Baumwollmarkt, tritt weit zurück hinter Bremen.
Von diesen Einfuhrhäfen aus wird die Baumwolle überall hin ver-
schickt, wo sich Spindeln drehen, um sie zu verarbeiten zu Garn
und Zwirn.

Die Baumwolle spielt nicht nur als Spinnfaser eine große Rolle,
sondern vermöge ihrer chemischen Beschaffenheit findet sie auch sonst
vielfach Verwendung. Ein Gemisch von starker Salpeter- und Schwefel-
säure verwandelt sie in Schießbaumwolle oder Kollodiumwolle; löst
man sie in konzentrierter Schwefelsäure auf, so entsteht Dextrin. Be-
        <pb n="16" />
        ﻿5

Handlung mit Kupferoxydammoniak und einer Säure hat Entstehung
von Zellulose zur Folge. Die bloße Faser wird vielfach zu Watte
verarbeitet und diese wieder durch Imprägnierung mit geeigneten
Substanzen zu Verbandwatte. Auch die Samenkörner sind von großem
Wert. Aus ihnen wird ein Öl gepreßt, das in Frankreich häufig als
Ersatz bezw. zur Verfälschung des Olivenöls dient. Aus den Rück-
ständen gewinnt man Ölkuchen, die als Viehfutter Verwendung finden.
Die Verarbeitung der Baumwollsaat beschränkt sich beinahe auf Nord-
amerika und steht sozusagen unter der Kontrolle einer großen Ge-
sellschaft, der „American Cotton Oil Company“.

Weitaus die größte Bedeutung hat die Baumwolle aber doch
als Spinn- und Webstoff. Die Verarbeitung der Baumwolle zu Garn,
ferner zu Zwirn, Tüchern, Strümpfen, Hemden, Spitzen, Samt usw.
usw., die ursprünglich nur in den Produktionsländern in primitiver
Weise gehandhabt wurde, ist heute eine Weltindustrie geworden, die
nicht nur unmittelbar einer großen Anzahl von Menschen Brot gibt,
sondern ihren Wirkungskreis auch mittelbar auf so viel andere
Industrien — ich nenne nur die Eisenindustrie und die chemische
Industrie — und andere Gebiete der Volkswirtschaft erstreckt, daß
von ihrem Gedeihen das Wohl großer Volksschichten, ja ganzer Länder
abhängt.

Die Baumwollindustrie zerfällt naturgemäß in die beiden Zweige
der Spinnerei und Weberei, ferner aber gehören dazu Färbereien,
Bleichereien, Appreturanstalten und Druckereien. Ohne in die Technik
dieser einzelnen Zweige der Industrie einzudringen, glaube ich doch
einige technische Grundbegriffe angeben bezw. erklären zu müssen.
Beim Spinnen des Garns haben wir drei Vorgänge zu unterscheiden:

i.	das Ausziehen gleichmäßig verteilter, von allen Unreinigkeiten be-
freiter Fasern, 2. das Zusammen drehen derselben zu beliebig langen
Fäden und 3. das Aufwickeln der Fäden. Diese Arbeiten können
mehr oder weniger mit der Hand oder mit maschinellen Einrichtungen
vorgenommen werden; man unterscheidet demnach eine Hand- und
Maschinenspinnerei. Bei der Handspinnerei ist die einzige mechanische
Vorrichtung das Spinnrad, bei der Maschinenspinnerei b bleibt fast die
ganze Behandlung vom Eintreffen der Baumwolle in der Fabrik an
den Maschinen überlassen. Maschinen öffnen die Baumwollballen,
reinigen und lockern die Baumwollflocken, besorgen die regelmäßige
Verteilung und Parallellage der Fasern, Maschinen liefern das Vor-

1)	Vgl. hierzu Lüger, Lexikon der gesamten Technik, Artikel „Baumwollspinnerei“,
Bd. II, S. 72 ff.
        <pb n="17" />
        ﻿6

gespinst, Maschinen verwandeln es schließlich in Garn. Diese letzten
sind die eigentlichen Spinnmaschinen. Die niedrigste Stufe stellen die
sogenannten „Mulemaschinen“ dar, eine höhere die „Watermaschinen“,
die höchste Form der Spinnmaschine ist der Selfaktor oder Selbst-
spinner. Das Spinnrad bewegte nur eine einzige Spindel, die heutigen
Spinnmaschinen vereinigen je weit über tausend Spindeln, bedürfen
aber gleichwohl zu ihrer Bedienung nur weniger geschulter Personen.

Das fertige Garn besitzt verschiedene Feinheitsgrade, die durch
Nummern ausgedrückt werden. Im allgemeinen, auch bei uns, ist
hierbei das englische System maßgebend '). Die englische Garn-
nummer gibt an, wieviel „Hanks“ oder „Strähne“ (= 840 Yard =
768,082 m) auf ein Pfund englisch (= 0,4536 kg) gehen. Je höher
die Nummer, desto zarter, desto feiner ist daher das Garn. Nun
kann man aber nicht aus jeder beliebigen Baumwollsorte jede be-
liebige Nummer spinnen, vielmehr eignen sich für die feinsten Num-
mern, etwa über Nr. 100 hinaus, nur die amerikanische, ägyptische
und peruanische Sea-Island-Baumwolle. Die ausgedehnteste Verwen-
dung findet die amerikanische Upland-Baumwolle, nämlich etwa für
die Nummern 35 bis 60. Zu gröberen Nummern genügt die schlech-
teste Baumwolle, die ostindische* 2). Auch die Maschinen sind nicht
gleichermaßen fähig, verschiedene Baumwollsorten zu verspinnen, zu
den geringsten Nummern werden, wie schon angedeutet, die Mule-
maschinen gebraucht.

Das Produkt der Spinnerei ist zum größten Teil gewöhnliches
Garn, zu einem kleinen Teil Fertigfabrikat, also Nähgarn und -zwirn,
das seinerseits auch aus gewöhnlichem Garn hergestellt wird. Das
Halbfabrikat wandert in die Weberei. Die Herstellung von Geweben
erfolgt auf dem Webstuhl. (Hier kommen neben dem Handwebstuhl
namentlich die Schaft- und die Jacquardmaschine in Betracht, neuer-
dings auch der Northropwebstuhl.) Der Teil der Fäden, die die
Länge des Gewebes bilden sollen, läuft in grader und paralleler Rich-
tung, man nennt sie Kette oder Zettel; ein anderer Teil von Fäden
kreuzt sie unter einem bestimmten Winkel oder wellenförmig und
heißt Schuß oder Einschlag. Es können nun mehrere Lagen über-
und durcheinander gewebt und Zeichnungen und Muster darein ge-

il Der Versuch, eine einheitliche Garnnummerierung nach metrischem System durch-
zuführen, der schon sehr oft gemacht wurde, ist bisher stets an dem Widerstande Englands
gescheitert, auch gelegentlich des II. internationalen Baumwollkongresses, der Anfang Juli 1905
in Manchester stattfand. Im Gegensatz dazu haben sich die internationalen Textilarbeiter-
kongresse zu Mailand und Lüttich für die metrische Garnnummerierung ausgesprochen.

2)	A. Oppel, a. a. 0. S. 252 f.
        <pb n="18" />
        ﻿7

webt werden. Erfindergeist, Technik und Geschmack finden hier ein
großes Feld der Tätigkeit. Färberei und Druckerei und die anderen
Veredelungsbetriebe arbeiten großenteils als Lohnindustrie Hand in
Hand mit der Weberei.

Alles, was durch Spinnen, Weben, Färben und Drucken in
Wolle, Leinen und Seide hergestellt wird, wird auch in Baumwolle
gearbeitet und so täuschend nachgeahmt, daß diese oft als Substrat
für Wolle und Seide1) dient. Der billige Preis der Baumwollstoffe
ermöglicht den ärmeren Volksklassen die Anschaffung; künstlerische
Ausführung und Feinheit des Gewebes aber lassen Baumwollwaren
auch den wohlhabenden Klassen als begehrenswert erscheinen.

Schon aus diesen wenigen Bemerkungen erhellt, welche große
Bedeutung unserer Industrie im Leben der Völker zukommt. Auf
dem Wege des Tauschhandels gelangen Baumwolltücher selbst in
die Hände der Naturvölker im entlegensten Winkel der Welt; die
bunten Farben der geringsten Baumwollfetzen verschaffen uns die
Kenntnis neuer Regionen, neuer Genüsse, sie bahnen der Kultur
ihren Weg. i)

i)	Über das chemische Verfahren der „Mercerisation“, das der Baumwolle Seiden-
glanz verleiht, vgl. A. Oppel, a. a. O. S. 129 ff.
        <pb n="19" />
        ﻿Kapitel I.

Die Entwicklung der deutschen Baumwoliindustrie bis zum
Ende des 18. Jahrhunderts.

In Deutschland fand die Baumwollindustrie Eingang von Italien aus
über die Schweiz etwa im 14. Jahrhundert. In Ulm, Regensburg
und Augsburg wurde die neue Spinnfaser zuerst eingeführt. Baum-
wollenes Garn wurde, mit Leinengarn vermischt, ersteres als Einschlag,
letzteres als Kette, zur Herstellung eines Gewebes verwandt, das mit
dem Namen Barchent belegt wurde. Die Barchentweberei wurde
namentlich in Ulm zu hoher Blüte gebracht1). Von hier aus ver-
breitete sich die Weberei nach dem Elsaß und den noch heutigentags
blühenden Textilindustrieplätzen Mittel- und Unterfrankens: Nürnberg,
Bamberg, Bayreuth, Kulmbach, Hof und sprang von hier nach Sachsen
hinüber; hier siedelte sich die Industrie, namentlich in Plauen1 2), Chemnitz,
Zwickau und den Dörfern auf dem Erzgebirge an. Der Markt für
den Rohstoff, der damals allein aus der Levante, nämlich aus Cypern
und Mazedonien, kam, war Venedig. Von hier aus kam er über die
uralte Handelsstraße, den Brennerpaß, nach Süddeutschland. Nach
der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien, dem Ursitz des Baum-
wollbaues und der Baumwollindustrie3), trat eine Wandlung in den
Welthandelsbeziehungen ein, die Marseille, Amsterdam und Rotterdam
an den bisher von Venedig und Genua eingenommenen Platz setzte.
Nun wurden auch hier, in Holland, Textilbetriebe errichtet und in
der Folge auch in der deutschen Nachbarschaft am Unterrhein, in
Krefeld, München-Gladbach, Rheyd und anderen Städten, in denen
schon Leinen- und Seidenweberei betrieben wurde. Die .Spinnerei
ist erst nach der Weberei und zwar zunächst in Süddeutschland, dann

1)	Vgl. E. Nübling, Ulms Baumwollweherei im Mittelalter, Leipzig 1890.

2)	Nach L. Bein, Die Industrie des sächsischen Voigtlandes, Leipzig 1884, II.,
S. 37, legten holländische Flüchtlinge im 16. Jahrhundert den Grund zu der berühmten
voigtländischen Schleierindustrie und damit zur Baumwolhveberei.

3)	Vgl. A. Oppel, a. a. O. S. 10.
        <pb n="20" />
        ﻿--- Q

in der Rheinprovinz, Brandenburg und im Königreich Sachsen in
Aufnahme gekommen. Dieser Umstand verdient deshalb Beachtung,
weil noch heute Spinnereien und Webereien auf zollpolitischem Ge-
biete miteinander in Fehde liegen. Jene behaupten, sie hätten nicht
so lange Zeit und so viel Gelegenheit gehabt, sich zu kräftigen wie
die Webereien, sie verlangen deshalb hohen Zollschutz, diese, die
schon früh durch Einfuhrverbote von Baumwollwaren und später
durch Zölle geschützt wurden und denen an dem billigen Bezüge
ihres Rohmaterials, des Garnes, liegt, huldigen freihändlerischen Prin-
zipien l).

Die Weberei wurde ursprünglich nach Gustav Schmoller2)
in der Form der Familien Wirtschaft betrieben; die Mitglieder einer
Familie, einer Guts- oder Klostergemeinschaft verfertigten für den
eigenen Bedarf, sich gegenseitig helfend und ablösend, Stoffe im
eigenen Heim. Was sie etwa über Bedarf produzierten, verkauften
sie an die Nachbarn oder, was auf dasselbe hinauskommt, vertauschten
es gegen Waren ihres Bedürfnisses. Eine höhere Entwicklungsstufe
ist die gewerbsmäßige Lohnweberei für Kunden: Der Bürger oder
der Bauer übergibt dem Weber ein Quantum Garn und läßt daraus
Stoffe herstellen, er bezahlt dem Weber den Aufwand an Zeit und
Arbeit. Daraus entwickelt sich dann bald die selbständige, hand-
werksmäßige Weberei, die nicht nur auf Bestellung, sondern für den
Markt arbeitet. Ist der Markt ein lokal begrenzter, so ist dieser
Zustand noch nicht sehr verschieden von dem vorher geschilderten,
die Absatz Verhältnisse sind bekannt, die Produktion richtet sich da-
nach. Die letzte große Umwälzung erfährt die Weberei mit dem
Zeitpunkt, wo mit der Verbesserung der Verkehrswege und der Nach-
richtenvermittlung der Blick hinausschweift über die Grenzen der
nächsten Umgebung, des engeren Vaterlandes und schließlich über
den Ozean nach neu erschlossenen Gebieten: der Weber produziert
für einen Absatz im großen, er produziert auf Lager, er wird Spe-
kulant. Der Produktionsprozeß kann dabei auf der alten Stufe der
Lohnweberei verharren, wenn ein Fabrikant oder Händler eine An-
zahl „selbständiger“ Webermeister in ihrem eigenen Heim beschäftigt,
oder es schiebt sich eine ganz neue, rein kapitalistische Produktions-
form ein, das Verlagssystem: der Fabrikant, der Auftraggeber ist der
Verleger. Das Abhängigkeitsverhältnis der Hausindustriellen kann
ein verschiedenes sein. Entweder er steht zum Fabrikanten in einem

1)	Später bietet sich Gelegenheit näher darauf einzugehen.

2)	G. Schmoller, Die Entwicklung und Krisis der deutschen Weberei, Berlin 1873.
L „Deutsche Streitfragen“, Jahrg. II, Heft 25, S. 9.
        <pb n="21" />
        ﻿IO

ähnlichen Verhältnis, wie der Lohnweber zum Kunden, nur daß die
Arbeitsmittel, der Webstuhl, nicht ihm gehören, oder er kauft das
Garn auf eigene Rechnung und Gefahr und verwebt es auf einem
vom Fabrikanten entliehenen Webstuhl und verkauft das Produkt an
den Fabrikanten.

Die Spinnerei dagegen scheint bis zum Aufkommen der Ma-
schinenarbeit höchstens bis zur Stufe des Lohnwerks (im landwirt-
schaftlichen Nebenbetrieb) gelangt zu sein.

Im Mittelalter war die Ausübung des Webens eingehenden,
zünftigen Kontrollmaßregeln unterworfen, die den Zweck hatten, das
Gewerbe auf einer soliden Basis zu erhalten und eine gewisse Garantie
für die gute, sich gleich bleibende Qualität der Ware zu bilden. Ob
der Zweck immer erreicht wurde, bleibe dahingestellt. Jedenfalls
stand unser Vaterland bis zum Ausbruch des dreißigjährigen Krieges
in bezug auf Verarbeitung der Baumwolle und Flandel mit Baum-
wollstoffen an der Spitze der Baumwollindustrieländer Europas.

Der unselige Religionskrieg, der so viele Floffnungen im Keime
erstickte, riß auch eine Bresche in die deutsche Baumwollindustrie,
und es währte mehr als ein volles Jahrhundert, bis auf den Trümmern
wieder neues Leben erwuchs. Zuerst raffte man sich in Sachsen zu
neuer Tatkraft auf1). Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ungefähr
entstanden hier Webereien für Kattun, Piquee und Musselin, nament-
lich aber gelangte die Strumpfwirkerei in Chemnitz und Umgegend
zu einer großen Blüte. In anderen Teilen Deutschlands, namentlich
in und um Augsburg und in Norddeutschland hatte von Holland aus
die Kattundruckerei Eingang gefunden, ebenso in einem Gebiet, das
damals zwar nicht unter deutscher Herrschaft stand, aber innerlich
doch zu Deutschland gehörte, im Oberelsaß. Von Nürnberg aus kam
die Kattundruckerei auch nach Plauen1 2). 1755 gewährte Kurfürst
Friedrich August II. einer Gesellschaft das Privileg für den voigt-
ländischen Kreis betr. gedruckter Waren bis zum Jahre 1785.

Im sächsischen Voigtlande lebten auch die alten Zunftgebräuche
wieder auf3). Der Mittelpunkt der ganzen Fabrikation war die Schau,
der jeder fertige Stoff übergeben werden mußte. In der strengen
Durchführung der Schau lag die Gewähr für die Güte der Produkte.
Um das Jahr 1764 zählte die Innung der Baumwollwarenhändler des
Voigtlandes 80 bis 90 Mitglieder, für deren Rechnung etwa 1000
Stühle in Betrieb waren; auf der Leipziger Ostermesse dieses Jahres

1)	A, Oppel, a. a. O. S. 651.

2)	L. Bein, a. a. O. S. 64.

3)	L. Bein, a. a. O. S. 73-—75, 79.
        <pb n="22" />
        ﻿umfaßte der Umsatz der Händler 6000 Stück Ware im Werte von
36—40000 Talern1). Dann führten aber die Zeiten des siebenjährigen
Krieges die Steigerung der Rohstoffpreise und die Veränderungen
in der Fabrikationsweise eine Absatzstockung herbei. Der Preis der
mazedonischen Baumwolle, der um das Jahr x6i8 pro Ztr. 12 — i8Tlr.,
1683 26—28 Tlr. betrug, stieg 1770 auf 36 Tlr., die smyrnaische galt
46—48 Tlr., westindische 50—51 Tlr.2). Demgegenüber blieben die
Warenpreise gedrückt. Angesichts dieser Verhältnisse schloß die
Plauener Händlerinnung mit einigen Innungsverwandten im Voigt-
lande 1772 ein Übereinkommen ab, das auf die Erzielung von Minimal-
preisen gerichtet war, allerdings ohne damit auf die Dauer Erfolg zu
haben3). Jedenfalls ist es interessant zu beobachten, daß schon damals
der Versuch gemacht wurde, durch Preiskonventionen Preisschleude-
reien vorzubeugen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts beginnt für Spinnerei und
Weberei eine ganz neue Epoche, die hervorgerufen wird durch die
Erfindung zeit- und arbeitsparender Maschinen: wir treten ein in das
Zeitalter des Fabriksystems. Es ist ein Umschwung, der nicht nur
die Baum wollindustrie, aber diese zu allererst, um gestaltete, der zuerst
England, dann den europäischen Kontinent und Amerika ergriff und
die wirtschaftlichen Verhältnisse der Welt verschob. Die Spinn-
maschine und der mechanische Webstuhl legten den Grund zu der
Baumwollindustrie, wie sie heute besteht. Aber man vergißt gewöhn-
lich hinzuzufügen, daß diese Erfindungen fast wertlos gewesen wären,
wenn nicht gleichzeitig die Erfindung der Sägenentkörnungsmaschine,
der „Sawgin“, hinzugekommen wäre. Erst diese ermöglichte es, der
Nachfrage, die proportional der Leistungsfähigkeit der Spinnmaschinen
wuchs, gerecht zu werden. Schließlich kam noch hinzu, daß die
Kraft des Dampfes an die Stelle der ursprünglichen Wasserkraft und
die Steinkohle an die der Holzkohle trat.

Die genannten Erfindungen sind an die Namen von Ange-
hörigen des britischen Volkes geknüpft4). Der Engländer J. Har-
greaves brache die Spindel des alten Spinnrades aus der wagerechten
in eine vertikale Stellung und erreichte durch dies einfache Kunst-

1)	L. Bein, a. a. O. S. 76.

2)	Ebenda S. 84.

3)	Ebendaselbst.

4)	Man begegnet zwar verschiedenen Meinungen bezgl. der Personen der ersten Er-
finder, u. a. findet man auch den Hinweis darauf, daß die Engländer sich hie und da auf
Erfindungen von Deutschen stützen konnten. Diese tragen indessen mehr den Charakter von
technischen Spielereien an sich, praktische Brauchbarkeit erlangten erst die Maschinen
d« genannten Briten.
        <pb n="23" />
        ﻿stück, daß mehrere Spindeln auf einem Rahmen nebeneinander auf-
gereiht und durch ein und dasselbe Trittrad in Bewegung gesetzt
werden konnten. R. Arkwright — nach einer anderen Version
gebührt die Priorität in bezug auf die Erfindung der Spinnmaschine
seinem Landsmann John Wyatt — erfand im Jahre 176g die „Water-
frame“, so genannt, weil sie für Wasserbetrieb eingerichtet war. Das
Prinzip dieser Spinnmaschine beruht darauf, daß bei ihr das Aus-
ziehen, Drehen und Aufwickeln des Fadens gleichzeitig erfolgt.
Samuel Crompton bekam zehn Jahre später ein Patent auf eine
Maschine, die die Vorzüge jener beiden vereinigte, die sog. Mule-Jenny.
Die Wasser- und die Mulespinnmaschine sind heute noch, freilich mit
mannigfachen Verbesserungen, allenthalben in Gebrauch. Etwa
50 Jahre nach den genannten Erfindungen gelang es, im wesentlichen
das Ziel zu erreichen, die Spinnmaschinen zu selbsttätig wirkenden
zu machen (selfactor). Auch dies Verdienst kommt einem Engländer
zu: Mr. Roberts. Das Prinzip des mechanischen Webstuhls wurde
1785 von Dr. E. Cartwright gefunden. Bis dessen Erfindung frei-
lich für die Praxis brauchbar wurde, verging noch eine Reihe von
Jahren. Die Spinnmaschinen und der mechanische Webstuhl hatten
eine Lage geschaffen, die insofern unvollkommen war, als die Aus-
nützung der maschinellen Leistungsfähigkeit eine ganz bedeutende
Steigerung der Baumwollerträge zur Voraussetzung hatte1). Die
„Sawgin“ des Amerikaners Eli Whitney füllte diese Lücke aus,
denn durch sie wurde erst die nötige schnelle und billige Entkör-
nung der geernteten Baumwolle möglich. Ihr Erfolg zeigt sich darin,
daß die Baumwollernte, d. i. die Menge der entkörnten Baumwolle,
der Südstaaten der Union von 2 Milk Pfd. im Jahre 1790 auf io Mill.
Pfd. im Jahre 1796, knapp zwei Jahre nach der Whitneyschen Er-
findung, stieg. Vier Jahre später betrug sie sogar schon 40 Mill. Pfd.1 2).

Wir sehen, die Begründer der modernen Baumwollindustrie sind
in England und Amerika zu suchen. Dies Phänomen bedarf einer
kurzen Begründung.

Die Entstehung der englischen Baumwollindustrie3) fällt in eine
viel spätere Zeit als die der kontinentalen. Erst Ende des 16. Jahr-

1)	Die Nachfrage nach Baumwolle wuchs derartig, daß der Preis von mazedonischer
Baumwolle, der in dem Zeitraum 1786—1795 durchschnittlich 352/3 Xlr. pro Ztr. betrug,
im Jahre 1799 bis auf 65 Xlr. stieg, der von Smyrna-Baumwolle sogar bis auf 70 Xlr.
(L. Bein, a. a. O. Tabelle la).

2)	Th. Ellison, Zur Geschichte des Baumwollhandels der Vereinigten Staaten,
Leipzig 1895, S. 7.

3)	Vgl. hierzu G. von Schulze-Gävernitz, Der Großbetrieb, Leipzig 1892,
S. 25 ff.
        <pb n="24" />
        ﻿i3

hunderts wurde sie von holländischen Flüchtlingen dorthin verpflanzt.
Zunächst wurde ihr Wachstum durch die alten privilegierten Zünfte
der Woll-, Leinen- und Seidenweber unterdrückt. Neben ihnen spielt
die Baumwollspinnerei und -Weberei nur eine bescheidene Rolle. Im
Jahre 1721 erging ein Verbot, Baumwollstoffe zu tragen. Schon vor-
her war die Einfuhr ostindischer Baumwollzeuge verboten worden.
Diese Maßnahmen aber stärkten nur die junge Industrie, obwohl sie
gerade das Gegenteil beabsichtigten. Der Rohstoff kam damals aus
Cypern und Kleinasien, der Einfuhrhafen für sie war London. Die
Industrie fand einen festen Stützpunkt in Manchester und der Graf-
schaft Lancashire. Deutschland, das vorher Europa mit seinen Baum-
wollfabrikaten versorgt hatte, litt unter den Nachwehen des großen
Religionskrieges. England trat jetzt — mit Beginn des 18. Jahr-
hunderts — an seine Stelle. Von vornherein hatte es den Vorzug,
daß hier die Industrie sich auf wenige Städte konzentrierte; infolge-
dessen konnte eine Spinner- und Weberbevölkerung großgezogen
werden, die es in der nötigen Handfertigkeit zur Vollkommenheit
brachte. England war ferner das erste Land, in dem der Kaufmann
das Tempo des wirtschaftlichen Fortschritts angab. Nach der Be-
siegung Hollands wurde es dessen Nachfolger in der Beherrschung
des Weltmeeres, seine maritime Lage, die Zahl und Güte seiner
Häfen förderten den Handelsverkehr. Der englische Kaufmann ver-
tritt gegenüber der feudalen Denkweise des Mittelalters, die — mit den
Worten von G. v. Schulze-Gävernitz — der Einzelwirtschaft nur
das an Gütern zukommen läßt, „was Sitte und Recht bestimmt'*, eine
moderne Denkweise, deren Richtung durch das Streben nach Gewinn
angogoben wird1). Je mehr die Konkurrenz und die Entfaltung der
kaufmännischen Intelligenz hervortreten, desto verschiedener gestaltet
sich das Schicksal der Einzelunternehmungen, desto rascher weicht
das alte Gewerberecht der Gewerbefreiheit, desto intensiver ist der
Antrieb zu wirtschaftlichen und technischen Fortschritten. Persön-
liche Freiheit und Sicherheit des Eigentums, Voraussetzungen des
Handels, waren in England am weitesten entwickelt. Zunftordnungen,
die der freien gewerblichen Betätigung der Kräfte Fesseln anlegten,
bestanden noch für die Wollindustrie2), aber nicht für die Baumwoll-
industrie. Auf dem Kontinent war Produktion und Absatz gesetzlich
geregelt, jede Abweichung unter Strafe gestellt, auch fehlte jeder
Ansporn zum technischen Fortschritt, denn jedem zünftigen Weber
und Verleger — das Recht des Webens und des Verlegens der

1)	G. von Schulze-Gävernitz, a. a. O. S. 31.

2)	Ebenda S. 35.
        <pb n="25" />
        ﻿14

Baumwollgewebe war aber an die Zugehörigkeit zur Zunft gebunden
— war „auf Grund der überlieferten Ordnung ein auskömmliches
Dasein gesichert“ *). Die englische Baumwollindustrie war erst durch
den Handel ins Land gekommen; der Handel aber wurde seitens
der Regierung in jeder Weise begünstigt, und ihm verdankte die
Industrie die Möglichkeit, sich frei von alten Zunftregeln entwickeln
zu können. Nun war die Konkurrenz Indiens für England damals
so gefährlich wie die Englands heute für uns, sie trieb daher den
Erfindergeist wohl am meisten an, auf neue, billige Produktions-
methoden zu sinnen1 2). Eingang und günstigsten Boden fanden diese
zuerst in der Baumwollspinnerei und -Weberei.

In Nordamerika anderseits waren die Vorbedingungen für den
Anbau der Baumwolle die denkbar besten. Boden und Klima des
Südens waren vorzüglich für die Baumwollkultur geeignet. Daß die
Pflanzer Virginias und Karolinas, trotzdem 1789 zur Beförderung der
einheimischen Baumwollkultur ein Einfuhrzoll auf Baumwolle gelegt
wurde, Tabak und Indigo weiter zu bauen vorzogen, hatte seinen Grund
darin, daß die Baumwollkultur infolge der großen Auslagen für das
Entkörnen völlig unrentabel war3). Vor dem Jahre 1790 wurde nur
in ganz geringen Mengen Baumwolle ausgeführt, und dies wenige
war Sea-Island-Baumwolle, Als nun die Nachfrage in England so
erheblich stieg, bemühte man sich, die natürlichen Vorteile vor anderen
Produktionsgebieten durch Verbilligung der Entsamungskosten aus-
zunutzen. Der Erfolg dieser Bemühungen war Elli Whitneys Er-
findung. Jetzt wurde die Kultur ausgedehnt, und die Güte und Wohl-
feilheit der amerikanischen Upland-Baumwolle stellte die ostindische
und die aus der Levante vollständig in den Schatten,

Die Epoche der genannten grundlegenden Erfindungen erreichte
ihr Ende ungefähr um die Wende des 18. Jahrhunderts, der Selfaktor
wurde allerdings erst Mitte des vorigen Jahrhunderts erfunden. Es
folgten fernerhin freilich immer neue Verbesserungen, namentlich an
den Vorbereitungsmaschinen, so daß von einem Stillstand keine Rede
sein kann. Erst vor wenigen Jahren wurde eine Erfindung gemacht,
die für die Weberei wahrscheinlich die gleiche Bedeutung gewinnt
wie die des Selfaktors für die Spinnerei, ich meine den Northrop-
Webstuhl, der zeitweise ohne Beaufsichtigung fortzuarbeiten vermag.
Aber alle neueren Erfindungen erreichen an Bedeutung doch nicht

1)	G. v. Schulze-Gävernitz, a. a. O. S. 35.

2)	Einfuhrverbote und ähnliche besondere Maßnahmen zur Ausschließung der in-
dischen Konkurrenz (vgl. darüber v. Schulze-Gävernitz, a. a. O.) blieben wirkungslos.

3)	Th. Ellison, a. a. O. S. 6.
        <pb n="26" />
        ﻿i5

jene alten. Diese brachten, wie gesagt, einen neuen Zug in die
Baumwollindustrie aller Länder. In den nächsten Kapiteln wollen
wir nun, soweit möglich, die Entwicklung der deutschen Baumwoll-
industrie unter der Herrschaft der Maschine und des Fabriksystems
verfolgen.

Kapitel II.

Die Einbürgerung der Maschine.

England setzte alles daran, den Nießbrauch der Spinn- und Webe-
maschinen für sich allein zu behalten, es erließ deshalb Ausfuhrver-
bote für Maschinen, Maschinenteile und Zeichnungen und setzte die
strengsten Strafen auf die Übertretung. Jedoch blieb diese Maßregel
schließlich wirkungslos. Auswanderung von Fabrikanten und Ar-
beitern, heimliches Kopieren der Zeichnungen, heimliche Anfertigung
von Modellen, Diebstahl, alles das brach ihr die Spitze ab. Es dauerte
nicht lange, so hatten die Maschinen überall, wo Baumwollverarbeitung
betrieben wurde, Eingang gefunden. In Deutschland wurde 1782 die
erste Spinnmaschine aufgestellt und zwar im Königreich Sachsen1).
Freilich gingen noch viele Jahre ins Land, bis der handwerksmäßige
Betrieb überall durch den Fabrikbetrieb verdrängt wurde. Zu einem
großen Teil ist dieser Umschwung noch heute nicht vollendet. Zwei
Momente waren es, die den Übergang beschleunigten: die Über-
flutung des Kontinents mit englischen Garnen und Geweben und
die Kontinentalsperre. Dem englischen Massenangebot gegenüber
war die alte Spinnmethode machtlos. In der Stille wurden daher
unter Aufwendung großer Kosten Spinn- und Webemaschinen an-
geschafft, sie kamen meist durch französische Vermittelung von Bel-
gien her. 1790 gingen in Mittweida bereits 50 mechanische Web-
stühle, etwas später fanden die Spinnmaschinen im Rheinlande Ein-
gang, und 1803 wurde im Elsaß die erste mechanische Spinnerei ein-
gerichtet1 2). 1808 wurde bereits der Jacquardstuhl eingeführt3). Als
dann die Kontinentalsperre der ausgedehnten Exporttätigkeit der
englischen Fabrikanten zeitweilig einen Riegel vorschob, entstand

1)	A. Oppel, a. a. O. S. 655.

2)	Ebenda.

3)	G. Schm oll er, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe, Halle 1870, S. 496.
        <pb n="27" />
        ﻿i6

überall auf dem Kontinent eine eigene Fabrikindustrie. In Deutsch-
land war es Rheinland, Westfalen und das Königreich Sachsen1), wo
die Spinnereien zuerst mit Maschinen ausgerüstet wurden. Sie waren
dadurch imstande, den einheimischen Garnbedarf zu decken. Die
Stellung der Industrie war aber noch nicht so gefestigt, daß sie nach
den Napoleonischen Kriegen, sich selbst überlassen, weiter gedeihen
konnte. Bei der Einrichtung von Fabrikbetrieben fehlte es vielfach
an Sachkenntnis und Erfahrung, und das Privatkapital hielt sich fern.
So gingen viele Spinnereien wieder ein. Die Weberei zwar war der
englischen Konkurrenz weniger ausgesetzt, bei der Spinnerei aber
machte sich das Fehlen eines Zollschutzes unliebsam bemerkbar.
Auch nachdem Preußen im Jahre 1818 den Zentner Baumwollgarn
mit einem Einfuhrzoll von einem Taler belegt hatte, schien es so,
als sollte England der Lieferant der deutschen Weber bleiben.

England besaß in mehrfacher Hinsicht einen natürlichen Vor-
sprung. Der Grund hierfür ist einerseits in günstigen Naturchancen
zu suchen, andererseits aber in der Konzentration der Industrie auf
ein verhältnismäßig kleines Gebiet und in der schon frühzeitig durch-
gebildeten Arbeitsteilung. Dazu kommt, daß England gerade in der
Zeit, wo sich die Maschinenarbeit einbürgern mußte, im Innern von
Krieg verschont blieb, ferner wurde der Baum Wollindustrie seitens
der Gesetzgebung jeder erdenkliche Schutz zuteil. So konnte sich
hier die Umgestaltung verhältnismäßig schnell entwickeln, und die
ersten Unternehmer konnten in kurzer Zeit große Vermögen er-
werben.

Deutschland dagegen hatte sehr viel unter Kriegsnot zu leiden,
und die freie Entfaltung der industriellen und kaufmännischen Kräfte
stieß auf Schritt und Tritt auf Flindernisse: die Unsicherheit und
Mannigfaltigkeit der Rechtsverhältnisse, die- mangelnde Organisation
des Handels, des Geld-, Kredit- und Bankwesens, des Verkehrswesens,
hauptsächlich aber die Verschiedenheit der Münzen, Maße und Ge-
wichte und die zahlreichen Binnenzollschranken stellten sich einer
gedeihlichen Entwicklung feindlich in den Weg.

Der erste Schritt zur Besserung war die Gründung des deutschen
Zollvereins. Dadurch fielen die Verkehrsbeschränkungen im Innern
fort und erhielten die Zollverhältnisse nach außen eine gemeinsame
Regelung. Mit dem Wegfall der Binnenzölle war eine nicht geringe
Verbilligung der Produktionskosten verbunden und eine Erweiterung
des Absatzes. Damit aber wurde die Industrie aus einer mehr lokalen

) Hier betrug die Spindelzahl 1814 schon 276625 (L. Bein, a. a. O. S. 167 Anrn.).
        <pb n="28" />
        ﻿•7

zu einer nationalen. Um der übermäßigen Einfuhr von Baumwollgarn
zu steuern wurde der Zollsatz auf 2 Tlr. erhöht (1832), gleichzeitig
wurde die Einfuhr der Rohbaumwolle, die vorher aus finanziellen
Gründen mit einem geringen Zollsatz belegt war, freigegeben. Die
Regierungen suchten die Spinnereien dadurch zu unterstützen, daß
sie Geldprämien gewährten und englische und amerikanische Muster-
maschinen an sie verliehen1). Indessen war die Beschaffung der-
selben mit großen Umständen und Kosten verbunden. 1785 wurde
z. B. ein Deutscher mit 500 £ bestraft, weil er Manchester besucht
hatte und Baumwollarbeiter nach Deutschland locken wollte, 1786
ein anderer Deutscher mit 200 £, weil er Maschinen nach Deutschland
exportieren wollte2). Daher bedeutete es für die gesamte deutsche
Baumwollindustrie ein großes Glück, als England 1842 seine Tore
zur Ausfuhr von Textilmaschinen öffnete. Die deutsche Maschinen-
industrie war nicht fähig, die nötigen Spinn- und Webmaschinen zu
liefern. — Auch heute noch sind wir in dieser Hinsicht nur zu sehr
von unsern Vettern jenseits des Kanals abhängig. —- Erst nachdem
unsere deutschen Fabrikanten ihre bis dahin recht handwerksmäßigen
Fabriken im größeren Umfange mit modernen Maschinen ausrüsten
konnten, war die Spinnerei fest auf die Füße gestellt. Das dritte
Moment endlich, das den Aufschwung des Handels und der Industrie
seit Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts veranlaßte,
ist die Entwicklung des Eisenbahnwesens. Nebenher schreiten die Aus-
bildung des Bankwesens, des Handelsrechts und der Gewerbegesetz-
gebung und — last not least — die Errichtung von Gewerbe-, Real-
und höheren technischen Schulen.

In den dreißiger und vierziger Jahren beginnt zuerst das private
Kapital in die Spinnerei einzuströmen, es werden Aktiengesellschaften
gegründet, zunächst mit persönlichen Anteilscheinen, späterhin mit
Aktien, die auf den Inhaber lauten. Als glücklicher Umstand kam
hinzu, daß das ganze vierte Jahrzehnt im allgemeinen unter günstiger
Konjunktur stand. Als dann im fünften ein Rückschlag eintrat, war
der Vorteil so offenkundig auf seiten der nach englischem Muster
zuerst als persönliche, später als unpersönliche Aktiengesellschaft ein-
gerichteten Spinnereien, daß von da an die Hausindustrie in der
Spinnerei dem Untergang geweiht war. Daß die Spinnerei sich so-
weit entwickeln konnte, ohne daß sie durch Zölle sonderlich geschützt
oder gar künstlich groß gezogen worden wäre, kann als ein Zeichen

1)	Bienengräber, Statistik des Verkehrs und Verbrauchs, Berlin 1868, S. 196.
Vgl. auch L. Bein, a. a. O. S. 120, 136, 154.

2)	Th. Ellison, The Cotton Trade of Great Britain, London 1886, p. 28.

9

Abhandlungen d. staatsw. Seminars 7.. Jena, Bd. IIT, Heft 3.
Lochmüller, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie.
        <pb n="29" />
        ﻿dafür angesehen werden, daß Fleiß und Ausdauer der Unternehmer
ihr Lebensfähigkeit verbürgten.

Rund 60 Jahre hatte es also gedauert, um dem Fabriksystem
in der Baumwollspinnerei zum Siege zu verhelfen. Wie stand es
nun mit den andern Zweigen der Industrie, namentlich der Weberei?
Die deutsche Weberei ist, wie wir sahen, bedeutend älter als die
Spinnerei. Die alten Betriebsmethoden, bei denen der Händler vielfach
dem Hausweber den Webstuhl leihweise überließ, hatten dort viel
fester Wurzel geschlagen als hier. Die Spinnerei dagegen war kaum
jemals über die Produktionsstufe des Lohnwerks hinaus gediehen.
Sobald dann der Preis der Baumwolle so enorm sank, war der fabrik-
mäßige Betrieb das von selbst Gegebene. Zudem war für die Produkte
der Weberei von alters her ein aufnahmefähiger Markt vorhanden,
Baumwollwaren nahmen unter den Ausfuhrgegenständen immer einen
hervorragenden Rang ein. Bei der Weberei und den späteren Be-
arbeitungsstadien des Gewebes kommt es ferner vielfach auf künst-
lerische oder doch individuelle Ausstattung der Ware an. Die Weberei
erfordert wenig Kapital, wenige und einfache Maschinen, wenige
technische Kenntnisse. Schließlich waren die Produktionskosten, die
Löhne der Hausweber so gering1), daß irgendwelche Konkurrenz auf
dem Weltmärkte nicht zu fürchten war. Zum Überfluß mußten aus-
ländische Webwaren noch hohen Eingangszoll entrichten (1822: 150 M.
pro Zentner = 10% vom Wert; dieser Satz ging auch in den Zoll-
vereinstarif von 1832 über und blieb bis 1865 bestehen)1 2). Es fehlte
also der Druck der internationalen Konkurrenz. Aus allen diesen
Gründen behauptet sich in der Weberei, besonders aber in der Strumpf-
wirkerei, einmal der Handbetrieb und dann der alte, hausindustrielle
Charakter des Betriebes teilweise bis heute. Der Anstoß zum Fort-
schritt liegt hier mehr auf sozialem Gebiete. Die mechanische Weberei
dehnte sich vor allem da aus, wo sie sich an große Spinnereien an-
lehnen konnte, im Königreich Sachsen, in Westfalen, der Rhein-
provinz und in Oberbayern. Die Vorteile des fabrikmäßigen Groß-
betriebes kamen auch hier sehr bald zur Geltung.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Vorzüge des Großbe-
triebes eingehend zu diskutieren. Sie seien vielmehr nur kurz her-
vorgehoben; Steigerung und Stetigkeit des Arbeitsverdienstes, Ver-
besserung und Gleichmäßigkeit der Produkte und schließlich die all-

1)	G. Schmoll er, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert,
Halle 1870, S. 566: ,,Der Lohn eines Handwebers im Voigtlande und im Erzgebirge be-
trug in den zwanziger Jahren nicht über 2 Groschen täglich.“

2)	\V. Lexis, Zollgeschichte der Baumwolle, H. d. St., Bd. II, S. 328.
        <pb n="30" />
        ﻿19

gemeine Erniedrigung der Generalunkosten. Im übrigen verweise
ich vor allem auf des mehrfach zitierte Buch von G. v. Schulze-
Gävernitz; „Der Großbetrieb, ein wirtschaftlicher und sozialer Fort-
schritt“. Leipzig 1892.

Der Übergang vom Handwerk und der Hausindustrie zum fabrik-
mäßigen Großbetrieb gestaltet sich nicht überall gleichmäßig und
glatt. Er bringt viele kleine Existenzen um ihr Brot, der Betrieb
selbst ist im Anfang teuer und unregelmäßig. Hier ist die Maschine
der verhaßte Tyrann, gegen den sich die Erbitterung der Arbeiter
in zahllosen Exzessen Luft macht1). Aber sobald diese „Kinderkrank-
heiten des Großbetriebes“ überwunden sind, treten die Vorteile zutage,
und mancher Hausindustrielle gibt seine Selbständigkeit auf, um dafür
die Anwartschaft auf höheren und sicheren Verdienst einzutauschen.
Die Stücklöhne werden geringer, dabei steigert sich der Wochen-
verdienst des Arbeiters, weil er mit der Maschine mehr schaffen
kann. Dies Verhältnis tritt noch mehr zutage, je größer der Betrieb,
je größer die Kraftmaschinen sind. Der Preis der Maschinen und
die Betriebskosten wachsen nämlich nicht proportional der Kraft-
leistung, sondern diese wächst in viel stärkerem Maße1 2 3), entsprechend
können auch die Löhne steigen. Beim Hausbetrieb War der Verdienst
des Arbeiters je nach den Konjunkturen ein bedenklich hin und her
schwankender, beim Großbetrieb ist er nahezu ein fester.

Um die Mitte des Jahrhunderts beginnt auf allen Gebieten des
wirtschaftlichen Lebens in Deutschland die moderne Entwicklung. Es
ist darum nicht mehr wie billig, wenn wir hier einmal Halt machen
und Umschau halten.

Lesen wir Berichte über die Entwicklung der deutschen Baum-
wollindustrie bis ungefähr zu dieser Zeit — die übrigens dünn gesät
sind —, so finden wir durchgängig Klagen darüber, daß die Spinnereien
nicht mit der Zeit fortschreiten. Bienengräber bemerkt8), die ersten
Spinnereien seien vielfach ohne Sachkenntnis und Kapital einge-
richtet worden und hätten zu ihrem Nachteil veraltete Maschinen-
systeme viel zu lange beibehalten. Ebenso klagt A. Beer in seiner
„Allgemeinen Geschichte des Welthandels“4 *), daß die deutschen Spinne-

1)	G. von Schulze-Gävernitz, a. a. O., S. 64. — L. Bein, a. a. O. S. 209.

2)	Vgl. die eingehende Berechnung bei R. Jannasch, Die Produktionsbedingungen
der europäischen Baumwollindustrie, Zeitschrift des Kgl. Preuß. Stat. Bureaus, Jahrg. 1881,
S- 300.

3)	A. a. O. S. 194.

4)	Ad. Beer, Allgemeine Geschichte des Welthandels, Wien 1864—1884, Bd. III,

i, S. 82.

2*
        <pb n="31" />
        ﻿20

reien sich die Fortschritte der Technik nicht genügend zunutze
machten, so wären z. B. in Sachsen noch im Jahre 1840 die 1801
eingerichteten Spinnmaschinen in Tätigkeit gewesen. — Der Mangel
an Kapital ist unbedingt dem Umstande zuzuschreiben, daß eine
sichere Kapitalanlage in Spinnereiunternehmen so lange nicht gemacht
werden konnte, als unsichere Zollverhältnisse bestanden und die Renta-
bilität der deutschen Spinnereien vollkommen von der Marktlage in
England abhängig machten. Die Erklärung für jene andere Wahr-
nehmung, die sich übrigens kaum über die vierziger Jahre hinaus be-
zieht, die Nichtberücksichtigung des technischen Fortschritts betreffend,
scheint mir R. Jannasch zu geben, wenn er sagt1): „Bei den großen
Krisen hat der Umstand eine bedenkliche Rolle gespielt, daß die
deutschen Fabrikanten ihre Fabrikgebäude mit der größten Solidität
gebaut hatten. Der baumwollindustrielle Betrieb unterliegt aber nun
fortdauernd technischen, d. h. maschinentechnischen Neuerungen. Um
den modernen Ansprüchen zu genügen, mußten die Gebäude mit
großem Kostenaufwand umgebaut werden. Außerdem ist durch die
kostspieligen Bauten das Betriebskapital verringert worden“. Im
Gegensatz dazu baut der englische und noch mehr der amerikanische
Unternehmer „leicht, hält sich dadurch Betriebskapital frei, scheut
dagegen keine Kosten bei der Anschaffung billiger und arbeitsparender
Maschinen“. Also die allzu große Solidität beim Bau der Fabrik ver-
hinderte den deutschen Unternehmer, jede technische Neuerung sofort
mitzumachen. Dabei ist es aber — das möchte ich ergänzend hinzu-
fügen -— zum mindesten zu bezweifeln, ob der deutsche Fabrikant
überhaupt in der Lage war, dem technischen Fortschritt in dem Maße
zu folgen, wie das der englische und amerikanische tun konnten.
Ihm waren ja, wie ich glaube nachgewiesen zu haben, bis zum Jahre
1842, wo die Aufhebung des englischen Maschinenausfuhrverbots er-
folgte, bis zu einem gewissen Grade die Hände gebunden. Die In-
dustrie mußte eben ihre Lernjahre durchkämpfen.

Es war schon darauf hingewiesen worden, daß die wirtschaft-
lich-rechtlichen Verhältnisse Deutschlands noch in den Kinderschuhen
steckten und sich den gewerblichen Umwandlungen erst allmählich
anpassen mußten. So ist die Entwicklung bis zu dem angenommenen
Zeitpunkt nur Schritt für Schritt vorwärts gegangen, aber jedenfalls
ist sie ständig vorwärts gegangen und nicht zurück. Die Handels-
krisen der Jahre 1825 — 26, 1836 und 1839 und zu Ende der vierziger
Jahre hielten sie zeitweilig auf, aber sprachen deutlich zugunsten der
kapitalkräftigen, nach englischem Muster eingerichteten Unternehmun-

1) A. a. O. S. 299.
        <pb n="32" />
        ﻿--- 2 1 ---

gen. Am besten geschützt gegen die Zufälligkeiten der Konjunktur
war die Weberei und die mit ihr verwandten Gewerbe, denn der
Zoll war so hoch bemessen, daß er für die gröberen Gewebe gerade-
zu prohibitiv wirkte.

Einige Zahlen mögen als Beleg für die geschilderte Entwick-
lung dienen und gleichsam erst das rechte Licht über vorstehende
Schilderung verbreiten.

Die Anzahl der Spindeln im Zollverein betrug nach Dieterici1)
im Jahre 1840 658 358; davon entfielen auf das Königreich Sachsen
370805, auf Preußen 153497, ferner auf Bayern 40000, auf Baden
38000 und auf Württemberg 33000. Fünf Jahre später wurde bei
den Verhandlungen Industrieller in Berlin die Spindelzahl auf 815000
angegeben, indessen ist diese Zahl zu hoch gegriffen. Nach Dieteri-
cis Berechnung stellt sie sich nur auf 750298, von denen auf Sachsen
allein 474998 kommen2). Die Produktion von Garn, die nur auf
rechnerischem Wege geschätzt werden konnte, betrug pro anno:
im Durchschnitt der Jahre	Zentner

1837—1839	129906

1840—1842	176 524

1843 — 1845	221 552 3)

Die Bedeutung dieser Zahlen tritt erst recht hervor, wenn wir das
Verhältnis kennen, in welchem die inländische Produktion zu dem
inländischen Garnbedarf steht; dies können wir aber leicht daraus
ermessen, wie der Anteil des importierten ausländischen Garnes an
ebendemselben Garnkonsum ständig zurückgeht. Dieterici gibt an
derselben Stelle wie oben4) eine Tabelle an, nach der im dreijährigen
Durchschnitt pro anno betrug:

	1. Garn- einfuhr	2. Garn- ausfuhr	3. Mehr- einfuhr	4. Garn- verbrauch.
	Zentner	Zentner	Zentner	Zentner
1837—1839	366065	52 627	313 798	443 704
1840—1842	453 841	52 968	400 873	577 397
1843-1845	462 372	45 370	417 002	■ 638 554
1846—1848	459 706	40 768	418 908	638 378
1849—1853	492 817	32 618	46019g	767184

1)	F. W. Dieterici, Statistische Übersicht der wichtigsten Gegenstände des Ver-
kehrs und Verbrauchs im preußischen Staat und im deutschen Zoilverband, Berlin 1838;
mit fünf Fortsetzungen, i84l —1857, II. Forts., S. 341 *

2)	C. F. W. Dieterici, a. a. O. IV. Forts., S. 365.

3)	Ebenda, V. Forts., S. 553. Dieterici berechnet diese Zahlen, indem er 20 °/0
der Mehreinfuhr von Rohbaumwolle als Spinnabfall und 1/11 als Abgang zur Wattefabrikation
m Abzug bringt.

4)	A. a. O. V. Forts., S. 553 u. 554.
        <pb n="33" />
        ﻿22

Das Verhältnis der Garneinfuhr zum Garnverbrauch gestaltet sich,
wenn wir Dieterici weiter zitieren, in derselben Reihenfolge wie
74,29 : 100; 72,5 : 100; 68,16 : 100; 68,24 : 100 und 62,21 : 100. Zu
den absoluten Zahlen können wir, da die Handelsstatistik damals
noch in den Kinderschuhen steckte, nur wenig Vertrauen hegen.
Indessen machen wir die Wahrnehmung, daß die Garneinfuhr zwar,
absolut genommen, unaufhaltsam anwächst, aber einen immer kleiner
werdenden Anteil an dem gesamten Verbrauch ausmacht. Und diese
Wahrnehmung ist zweifellos richtig, denn wenn auch die absolute
Genauigkeit der Zahlen zu wünschen übrig läßt, so wird dadurch
ihre relative Vergleichbarkeit nicht berührt.

Die Anzahl der Webstühle betrug im Jahre 1840 etwa 150 000l),
zumeist Handwebstühle; davon entfielen 60000 auf Sachsen, etwa
49000 auf Preußen und 12000 auf Bayern, ßienengräber berech-
net die inländische Produktion und den Überschuß der Ausfuhr von
Baumwollwebwaren über die Einfuhr von solchen folgendermaßen1 2):

Es betrug

Im Durchschnitt	Die inländische Produktion	Die Mehrausfuhr
der Jahre	(Zentner)	(Zentner)
1836—1840	357 964	72 791
1841—1845	489617	66 942

Die Einfuhr von Baumwollwaren exkl. Garn machte in dem Trien-
nium 1843 bis 1845 durchschnittlich jährlich nur 1,86% der in-
ländischen Produktion aus3). An der Ausfuhr ist in hohem Grade
Sachsens Strumpfwirkerei beteiligt, die nach dem Erlaß des preußi-
schen Zollgesetzes von 1818 ein Absatzgebiet in transatlantischen
Gegenden suchte und fand4). (Im Jahre 1840 gab es im sächsischen
Erzgebirge allein 22000 Strumpfwirkern)eister, denen 38000 Gehilfen
zur Seite standen, wie A. Oppel, S. 657, an gibt.)

1)	Dieterici, a. a. O., II. Forts., S. 494.

2)	Bienengräber, a. a. O. S. 214.

3)	Dieterici, a. a. O., II. Forts., SU 500.

4)	Ad. Beer, a. a. O. S. 84.
        <pb n="34" />
        ﻿Die Befestigung der Stellung der Baumwollspinnerei.

Schon von 1836 an waren von süddeutschen, besonders den
württembergischen Industriellen wiederholt Anträge auf Erhöhung
des Garnzolles auf 4—5 Tlr. ergangen, namentlich auf der Zollkonferenz
in Stuttgart, 1842 *). Man begründete diese Forderung in erster
Linie damit, daß England, indem es zum Freihandel überginge, mit
billigeren Produktionskosten arbeiten, dabei die Löhne und die Lebens-
haltung der Arbeiter erhöhen und so der zollvereinsländischen In-
dustrie auf dem inneren Markt in verstärktem Grade Konkurrenz be-
reiten würde. Bei der Ausfuhr von Fertigfabrikaten sollte dann eine
Rückvergütung des Zolles im Betrage von 2 Tlr. gewährt werden.
Dagegen wurde von norddeutscher Seite aus1 2) geltend gemacht, daß
viele Spinnereien, die mit gehörigem Kapital und technischer Voll-
kommenheit ausgerüstet und mit Geschick geleitet worden seien,
schon ohne höheren Zoll sehr gut beständen. Die Zollerhöhung
schädige die Webereien, die Rückvergütung bei der Ausfuhr würde
nicht zur Geltung kommen können, es wäre unmöglich zu entscheiden,
welchen Anteil inländisches und welchen importiertes Garn an dem
fertigen Produkt habe, die Zollrückvergütung könne also leicht die
Gestalt einer Ausfuhrprämie annehmen. In der Spinnerei seien un-
gefähr 16300 Arbeiter tätig, und der Mehrwert der Produkte, der
in den Spinnereien erzeugt würde, betrage nur 3 l/a Mill. Tlr., in der
Weberei dagegen, die 200000 Arbeitern Beschäftigung gewähre, be-
trage er über 60 Milk — Mit anderen Worten: die Spinner verlangten
Sicherung des heimischen Marktes, den sie noch nicht beherrschten3).
Die freihändlerische Bewegung der Zeit aber wollte gerade den
schwächlichen Hausweber und Strumpfwirker, deren Existenz eine
gar kümmerliche war, unterstützen4). So wurde eine Art Kompromiß
geschaffen; der Garnzoll wurde 1846 zwar erhöht, aber nur auf 3 Tlr.

1)	Dieterici, a. a. O. S. 380 fr.

2)	Nach W. Weber, Der deutsche Zollverein, Leipzig 1869, S. 218, hatte die eng-
lische Regierung in Berlin mit Erfolg gegen die geplante Garnzollerhöhung Propaganda ge-
macht.

3)	W. Lotz, Die Ideen der deutschen Handelspolitik von 1860—1891, Schriften
des V. f. Sozialpolitik, Bd. L, S. 25.

4)	W. Lotz a. a. O. S. 14. Lotz weist mit Recht auf den Unterschied in der
Lreihandelsbewegung zwischen England und Deutschland, hin.
        <pb n="35" />
        ﻿24

Die Württemberger Spinner hatten schon darauf hingewiesen, daß
die verschiedenen Garnnummern nicht gleichmäßig verzollt werden
dürften, daß hier vielmehr einzig und allein das Wertzollsystem am
Platze sei, sie predigten aber tauben Ohren. Der Zollschutz fiel für
die feineren Nummern fast gar nicht ins Gewicht, daher nahm die
Produktion naturgemäß immermehr die Richtung auf gröbere Nummern ')
und behielt sie im allgemeinen auch bei, obwohl einige der nach 1850
gegründeten großen Betriebe auch die Spinnerei feiner Garne auf-
nahmen. Jedenfalls ist die Entwicklung der Spinnerei — der Erfolg
der Zollerhöhung — von 1846 an etwa eine durchaus stetige. Wir
können das am besten beurteilen, wenn wir den Rückgang der Garn-
einfuhr im Verhältnis zum Garn verbrauch ins Auge fassen. Es betrug

Die Garneinfuhr
Prozent des Verbrauchs

Im Durchschnitt der Jahre

1846—1848
184g—1851
1852—1854
1855-1857
1858—1860

68,24

64,26

55.40

50,51

39,88

In den neun Jahren 1837 bis 1845 hebt sich also, wie wir sahen,
der Anteil der inländischen Garnproduktion am Garnverbrauch von
25,7 1 °/0 auf 3i,84°/o, d. h. jährlich um 0,68 °/0, nach der Zollerhöhung
aber in 15 Jahren von 31,76% auf 60,12%, das sind aber jährlich
bSQ %3)-

Die Gegenüberstellung spricht deutlich für die günstige Wirkung
des Schutzzolles. Gleichzeitig ist aus der Tabelle ersichtlich, daß das
schnelle Tempo der Entwicklung erst 1853 einsetzt. Dies ist ein-
mal dem Umstande zuzuschreiben, daß mit diesem Jahre der Zoll-
verein sich über ganz Deutschland außer Österreich erstreckte; zwei-
tens aber stieg in den fünfziger Jahren die Ausfuhr von Webwaren
nach Amerika und folglich der Garnverbrauch der Webereien rapid.
Darum waren diese Jahre auch der Neugründung von Aktienunter-
nehmungen besonders günstig, so fällt z. B. in das Jahr 1851 die
Gründung der „Baumwollspinnerei am Stadtbach“ zu Augsburg, einer
unserer größten Spinnereien, von der wir später noch einiges hören
werden. 1857 zählte man schon 2 Milk Spindeln,' 1861 aber 2T35 1954)-
In der Zeit von 1850 bis 1870 traten eine ganze Anzahl von Aktien-

1)	Ad. Beer, a. a. O. S. 83.

2)	Nach Dietericis und Bienengräbers Angaben berechnet.

3)	Allzu genau sind auch diese Berechnungen aus dem Grunde nicht zu nehmen,
weil die handelsstatistischen Ergebnisse zu damaliger Zeit zu wenig Vertrauen verdienen.

4)	Bienengräber, a. a. O. S. 195.
        <pb n="36" />
        ﻿25

gesell schäften ins Leben, von denen 1900 noch 25 bestanden1). Über-
wiegend waren das Spinnereien, wie die Spinnerei überhaupt mehr
unter kapitalistischen Gesichtspunkten betrieben wurde. Die Steige-
rung des Exports nach Amerika war im Gegensatz dazu wieder
Wasser auf die Mühle der Handweberei. In den vierziger Jahren
hatte eine allgemeine Überproduktion von Webwaren die Hand- und
Hausweberei mit dem Untergange bedroht, jetzt aber stiegen die
Löhne wieder derartig, daß die Anzahl der Handwebstühle Zunahmen.
In Sachsen betrug sie im Jahre 1846 17739 und im Jahre 1861
31508, die Maschinenstühle waren in derselben Zeit von 150 auf
1418 gewachsen1 2). Die Produktion, bezw. die Mehrausfuhr von
Baumwollwaren (oder Garn) entwickelte sich wie folgt8):

Die Mehrausfuhr
(Zentner)

83 826

155 444
172 426

Im Durchschnitt
der Jahre
1846—1850
1851 —1835
1856—1861

Die inländische Produktion
(Zentner)

547 503
699 263

999 749

Im Jahre 1861 waren im ganzen Zollverein vorhanden 26445g
Handstühle und 23491 Maschinenstühle (gleich 8,2%)4 5). Über die
Entwicklung der Betriebsgrößen in dieser Zeit enthält Bienen-
gräbers „Statistik des Verkehrs und Verbrauchs im Zollverein“
interessante Mitteilungen, von denen ich einige hier wiedergebe3):
In dem rheinisch-westfälischen Industriebezirk kamen 1843 auf eine
Spinnerei 932 Spindeln, 1861 aber 6509, in Sachsen hat eine Spinnerei
1830 durchschnittlich 4300, 1861: 4593 Spindeln, in Bayern, wo 1861
bereits 21 Aktienspinnereien mit einem Kapital von 21,3 Milk Gulden
bestehen, enthält eine Spinnerei 1846 durchschnittlich 4594, 1861 aber
16267 Spindeln. In Württemberg sind es 8578 und in Baden 14100
Spindeln, die 1861 im Durchschnitt auf einen Betrieb entfallen. Es
geht klar hieraus hervor, daß die Betriebskonzentration am weitesten
in Süddeutschland und zwar hauptsächlich in Bayern Fortschritte ge-
macht hat.

Zu Beginn der sechziger Jahre trat ein Ereignis ein, das die
Entwicklung auf einige Jahre hinaus unterbrach; die große Produk-

1)	Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften für 1900/1901.

2)	G. Schmollet, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe, S. 566.

3)	Bienengräber, a. a. O. S. 214.

4)	G. Schmollet, a. a. O. S. 562 nebst Anm. Die Stelle enthält offenbar zwei
Druckfehler; die 904 Fabriken unterhalten 113008 Handstühle, und die Anzahl der Ma-
schinenstühle beträgt nur 8,2 °/0 der Gesamtzahl. Vgl. auch A. Oppel, a. a. O. S. 656.

5)	A. a. O. S. 198 ff. Die Durchschnittszahlen habe ich z. T. danach berechnet.
        <pb n="37" />
        ﻿26

tionskrisis, die durch den amerikanischen Bürgerkrieg hervorgerufen
wurde. Die Nordstaaten der Union blockierten die Häfen der Süd-
staaten, von denen aus bis dahin Europa mit Baumwolle versorgt
worden war, wie New-Orleans, Galveston, Mobile, Savannah, Charleston
u. a. mit großer Energie; die Folge davon war eine Stockung der
Ausfuhr von Baumwolle aus den Südstaaten, so daß der Baumwoll-
industrie Europas unermeßlicher Schaden erwuchs. Es war eine
Krisis, wie sie keine andere Industrie je erlebt hat. Die Bestellungen
für Spinner und Weber waren da, aber der Rohstoff fehlte, eine
Baumwollhungersnot — „cotton famine“ — trat ein, die grenzenloses
Elend über ganze Bevölkerungsklassen brachte. Am stärksten wurde
England als der Hauptkonsument der Baumwolle betroffen, aber auch
der Kontinent befand sich in einer mißlichen Lage. Die Maschinen,
die zum großen Teil für die Verarbeitung amerikanischer Baumwolle
eingerichtet waren, mußten durch andere ersetzt oder doch so um-
geändert werden, daß sie für indische und levantinische geeignet
waren. Viele Spinnereien waren der Notlage nicht entfernt ge-
wachsen, die Maschinen mußten feiern, die Arbeiter mußten sehen,
wie sie anderswo Brot bekamen. Die technischen Umgestaltungen
und die enorme Preissteigerung der Baumwolle brachten aber auch
größeren Spinnereien Verluste. Nur diejenigen kapitalstarken Eta-
blissements, die sich rechtzeitig mit großen Vorräten versehen hatten,
machten dadurch, daß deren Wert um das Fünf- bis Siebenfache
stieg, Millionen Gewinne1). Die Webereien wurden erst in zweiter
Linie betroffen, aber da für die Hand- und Hausweber die Kapital-
anforderung zu groß war, so kam die Krisis auch hier wesentlich
der Entwicklung zum Großbetrieb zu Hilfe. So hat die Krisis, im
ganzen genommen, der normalen Weiterentwicklung der deutschen
Baumwollindustrie keinen Einhalt geboten, hauptsächlich deshalb, weil
unser Hauptkonkurrent England so schwer von ihr getroffen wurde
und dann, weil die deutsche Baumwolleinfuhr noch zu einem wesent-
lichen Teil aus Ostindien und anderen Produktionsgebieten stammte,
so daß es nicht schwer fiel, diese schon bestehenden Handelsbezieh-
ungen weiter auszunutzen. Von 17 Mill. kg verarbeiteter Baumwolle
im Jahre 1859 waren 10,7 Mill. aus Amerika eingeführt, im Jahre
1867 wurden 31,4 Mill. kg Baumwolle in Deutschland verarbeitet,
und davon waren 10,4 Mill. aus Amerika eingeführt, der ganze Rest
aus Ostindien und anderen Ländern1 2).

1)	Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinenindustrie. Stenographische Protokolle
über die mündliche Vernehmung der Sachverständigen, Berlin 1879, S. 76.

2)	Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinenindustrie. Statistische Ermittlungen,
Heft II, Berlin 1879, S. 29 und 2—29.
        <pb n="38" />
        ﻿21

Der Anteil des einheimischen Garns am Verbrauch stieg in der
Periode 1861 bis 1865 auf 73,6 % und in der Periode 1866 bis 1870
auf 77,4 %x). Wenn jedoch G. Schmoller behauptet, in der Zeit
von 1850 bis 1870 sei die deutsche Baumwollspinnerei zu „vollstän-
diger Ebenbürtigkeit“ mit der englischen herangewachsen2), so trifft
das nicht zu. Noch heute kann das Ausland gewisse Garne billiger
und besser liefern als die deutsche Spinnerei, weil dort die Produk-
tionsbedingungen bessere sind.

Kapitel IV.

Die Zeit nach dem deutsch-französischen Kriege bis zum
Zolltarifgesetz von 1879.

Nach der siegreichen Beendigung des Krieges gegen Frankreich
tritt die Entwicklung unserer Industrie wiederum in ein neues Stadium.
Was zunächst die allgemeinen Wirkungen für Handel und Industrie
anbelangt, die sich als Folgen der Reichseinheit ergeben, so glaube
ich mich hier mit einem kurzen Hinweis darauf begnügen zu können,
da sie ja die Baumwollindustrien nicht speziell betreffen3). Manche
der bedeutungsvollen Maßnahmen wurzeln schon in früheren Jahren,
zum Teil schon in der Gründerzeit des sechsten Jahrzehnts, wie die
Organisation des Bankwesens und die Ausbildung des Handelsrechts.

l) L. Beins (a. a. O. S. 349), Berechnung der inländischen Garnproduktion lautet
anders als die hier von Bienen gräber mitgeteilte. Sie sei der Vollständigkeit halber eben-
falls angeführt:

Deckung des Garnbedarfs im Zollverein
durch inländische Spinnereien durch das Ausland

	0/  '0	0/  / 0
1836—1840	29,3	70,7
1841—1845	32,6	67,4
1846—1850	35.5	64,5
1851—1855	47,o	53,o
• 1856—1860	59.9	40,1
1861—1865	76,4	23,6
1866—1870	79.7	20,3

2)	G. Schmoller, a. a. O. S. 455.

3)	Eine zusammenhängende ansprechende Darstellung davon gibt z. B. W. Sombart,
Der moderne Kapitalismus, 2 Bände, Leipzig 1902. bezw. Die deutsche Volkswirtschaft im
19. Jahrhundert, Berlin 1903.
        <pb n="39" />
        ﻿Auch Ansätze zu einer Gewerbegesetzgebung, zur Gewerbefreiheit
und Koalisationsfreiheit finden sich schon vor 1870. Nach der Neu-
gründung des Deutschen Reiches folgt aber nun die einheitliche Re-
gelung, bezw. die Neuorganisation dieser und anderer Einrichtungen
auf dem Gebiete der Gesetzgebung und Verwaltung. Hierhin gehört
die Reform des Münzwesens und des Maß- und Gewichtssystems,
die Neuordnung des Notenbankwesens, die Reform des Gewerberechts
in der Gewerbeordnung und den Novellen dazu, schließlich die Ver-
einheitlichung des Postrechts. Alle diese Maßnahmen im Verein mit
dem Einströmen des französischen Geldes und verschiedenen Ursachen
psychologischen Charakters rufen auf den meisten Gebieten des wirt-
schaftlichen Lebens eine unnatürliche Hausseperiode hervor, die in
gewagten Spekulationen und irrationellen Gründungen sich nicht genug
tun kann. Unsere Industrie wird von diesem Erwerbstaumel fast gar
nicht mit fortgerissen. Das hatte seinen guten Grund.

Durch den Friedensschluß mit Frankreich war das Elsaß wieder
deutsch geworden. Dies war aber die Flochburg der französischen
Baumwollindustrie gewesen. Der Zuwachs, den die deutsche Spinnerei
an Spindeln erfuhr, stellt sich auf 56 °/0, derjenige an mechanischen
Webstühlen beläuft sich auf 88 °/0 und der an Druckmaschinen sogar
auf volle ioo^o1). Hier waren unter dem Schutze des französischen
Wertzollsystems Feinspinnereien entstanden und zur Blüte gelangt,
noch besser entwickelt waren von jeher Baumwolldruckereien und
-Färbereien, also die Zweige der Veredlungsindustrie. Das deutsche
Zollsystem schien nun den elsässischen Fabrikanten nicht die Garantien
zu bieten für eine Fortsetzung des Schutzes, den ihre Feinspinnerei
bis dahin genossen hatte; sie befürworteten daher lebhaft das Projekt,
wonach aus dem Elsaß ein neutraler Staat geschaffen werden sollte1 2 3),
ähnlich der Schweiz. In den Friedensvertrag, der die Annexion des
Elsaß aussprach, wurden deshalb Bedingungen aufgenommen, die den
Fabrikanten bis zum Ende des Jahres 1872 den Absatz von Waren
nach Frankreich erleichtern sollten. Zuerst durften Waren aus dem
Elsaß ganz zollfrei, dann zu einem Viertel und schließlich zur Hälfte
des französischen Eingangszolles die Grenze passieren8). Sobald aber
diese Übergangszeit verstrichen war, strömten die Waren in das Reich
und bereiteten namentlich den süddeutschen Spinnern nicht geringe
Konkurrenz. Die Befürchtung der Elsässer war begründet gewesen,

1)	H. Her kn er, Die oberelsässische Baum Wollindustrie und ihre Arbeiter, Straßburg
1887, S. 274.

2)	Ebenda S. 276.

3)	Ebenda S. 279.
        <pb n="40" />
        ﻿29

denn der deutsche Garnzoll, der 1865 sogar wieder auf 2 Thlr. herab-
gesetzt worden war, war nicht imstande, die Spinnerei feinerer Garne
wirksam zu schützen; damit war den Schweizer und englischen Garnen
Tür und Tor geöffnet. Nach Herkners Berechnung1) betrug der
Zollsatz bei

20 (französisch)	2 5°/0 der Produktionskosten
28	16%	„
34	8°/o	»
80	3% &gt;,
150	1 % » »
200	0,5 °/o »

Die Handelskammer in Augsburg bezeichnet in ihrem Bericht
für 1869 den Zoll schon für Garne über No. 25 englisch (= No. 21
französisch) als unzureichend1 2). So wurde die elsässische Spinnerei
geradezu gezwungen, sich ebenfalls der Fabrikation gröberer Nummern
zuzuwenden3). Dies führte alsbald zu einer Überproduktion, die zum
Ausbruch der Krisis von 1874 und 1877 nicht wenig beitrug.

Wenn also von einer überschwänglich günstigen Konstellation
nach 1870/71 keine Rede sein kann, so nahm die Industrie immer-
hin an dem allgemeinen Aufschwung teil, weil die Kaufkraft der
Bevölkerung gestiegen war; das zeigen die zahlreichen Lohner-
höhungen in den siebziger Jahren. Im Elsaß z. B. beträgt die Lohn-
steigerung in den Jahren 1860 bis 1878 5o°/04). Das bedeutete aber
wiederum eine Verschlechterung der Lage der deutschen Industrie
gegenüber der englischen. Deren Konkurrenz wurde noch deshalb
um so fühlbarer, weil in dem bisherigen Hauptabsatzgebiet Englands,
Nordamerika, eine eigene Industrie erstarkt war und weil in Ostasien
Hungersnöte den Absatz erschwerten. Als dann in Deutschland
selbst auf die „Gründerperiode“ eine allgemeine wirtschaftliche Depres-
sion folgte, die Kaufkraft der Bevölkerung plötzlich nachließ, wurden
von allen Seiten Rufe nach Zollerhöhungen laut.

1)	H. Herkner a. a. 0. S. 283.

2)	Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer für Schwaben und Neuburg
1869, S. 2.

3)	H. Herkner, a. a. O. S. 284. Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinen-
industrie. Stenogr. Protokolle, S. 294, 373.

4)	G. von Schulze-Gävernitz, a. a. O. S. 133. Vergleichsweise beträgt sie im
rheinisch-westfälischen Industriebezirk von 1869—1873 20—25 °/0 (Jahresbericht der Handels-
kammer zu München-Gladbach pro 1873, S. 8). Vgl. ferner die graphische Darstellung am
Schluß der Arbeit.
        <pb n="41" />
        ﻿3°

Eine schon 1870 an den Zollbundesrat gerichtete, von 180 Eta-
blissements Unterzeichnete Bitte um Zollerhöhung für die feineren Quali-
täten in Baumwollproduktenx) verhallte ungehört. Nunmehr drängten
die süddeutschen Spinner im Verein mit den Eisenindustriellen (Grün-
dung des Zentral verband es deutscher Industrieller) energisch auf Er-
höhung und Abstufung des Garnzolles, um womöglich das Elsaß
wieder auf den Weg der Feinspinnerei zurückzuführen und dadurch
eine Arbeitsteilung zu schaffen. Im Sinne der erwähnten Eingabe
wurde 1878 eine Enquete über Produktions- und Absatzverhältnisse
der Textilindustrie veranstaltet. Der Bericht der Enquete-Kommission
stellte zwar fest, daß es den Spinnereien, die „von vornherein auf
einer normalen finanziellen Grundlage aufgebaut waren ... an einer
gesunden Entwicklung nicht gefehlt hat“2). So hatte das Durch-
schnittserträgnis der Aktienspinnereien in der Zeit von 1856 bis 1878
6,53% betragen2). Ziehen wir aber die Berichte der berufenen Ver-
tretungen von Handel und Industrie, der Handels- und Gewerbe-
kammern zu Rate, von denen für die Baumwollindustrie zunächst in
Betracht kommen die zu Augsburg und Bayreuth, Chemnitz und
Plauen, München-Gladbach und Mülhausen i. E., so finden wir
mit großer Übereinstimmung die Hoffnung auf Erhöhung der Zoll-
sätze ausgesprochen.

Dieselbe Erwartung hegten aber auch alle Spinner, die als
Sachverständige mündlich von der Enquete-Kommission vernommen
wurden, und von 15 Sachverständigen der Webereibranche waren
nur zwei gegen eine Erhöhung der Garnzölle, alle anderen befür-
worteten sie oder hielten doch eine gleichzeitige Erhöhung der Ge-
webezölle für eine ausreichende Kompensation.

Bei dieser mündlichen Vernehmung ergab sich zunächst, daß die
Spinnerei im Gegensatz zur Weberei in Zeiten der Not insofern einen
schwierigeren Stand einnimmt, als in ihr viel größere Kapitalien in-
vestiert sind. Dann kamen vor allem immer wieder die Vorzüge
Englands zur Sprache, die diesem Lande notwendig geringere Produk-
tionskosten gewährleisteten und zum Teil heute noch gewährleisten.
England hatte billigere Kohlen, billigere Maschinen, billigere Re-
paraturen, billigeren Rohstoff, billigeres Geld, es hatte besseres Klima,
keine erschwerenden Bedingungen in bezug auf Fabrikgesetzgebung,
keine Militärpflicht und infolgedessen eine große Schar ausharrender

1)	J. Gensei, Die Rohstoffe und Erzeugnisse der Textilindustrie im Zolltarif 1879,
Supplementheft 5 zu Conrads Jahrbüchern f. N. u. St., Jena 1880, S. 70.

2)	Ebenda S. 72,

3)	Ebendaselbst. Es ist nicht ersichtlich, ob Dividende oder Reinertrag gemeint ist.
        <pb n="42" />
        ﻿31

geschulter Arbeiter1), die Fabrikanlagen standen nicht auf eigenem
Grund und Boden, es brauchte also nur eine Rente gezahlt zu werden,
die Gebäude selbst waren nicht aus Stein und Holz, sondern aus
Eisen und Stahl erbaut, das Land durchzog ein System von Kanälen,
so daß ein Minimum von Fracht zu zahlen war1 2). Auch war es von
Nutzen, daß das eingezahlte Kapital bei den korporativen Spinnereien
kaum die Hälfte von dem betrug, was gerade zum Bau des Etablisse-
ments nötig war, und daß die Aktien auf ganz kleine Beträge von
wenigen £ lauteten3), so daß selbst Arbeiter Aktionäre werden konnten
und persönlich am Gedeihen der Unternehmung interessiert waren.
Wenn eine deutsche Spinnerei für 25000 Spindeln im Durchschnitt
ein Anlagekapital von 11/2 Mill. M. brauchte, so brauchte eine englische
noch nicht einmal halb soviel. In ähnlicher Weise verschieden waren
auch die Produktionskosten der einzelnen Garnnummern, auf deren
Ermittelung die erdenklichste Mühe verwendet worden war. Um
das zu verdeutlichen, wollen wir als Beispiel die gangbare No. 33
englisch (Kettgarn) nehmen. In England betrug pro Kilogramm
dieser No. der Arbeitslohn 16 Pfg-, Generalunkosten (d. h. Unter-
haltung von Gebäuden und Maschinen, Brennmaterial, Versicherungs-
spesen, Besoldungen, Steuern) 9 Pfg. und Zinsen und Amortisation
12 !/2 Pfg., Sa. 36—40 Pfg., im Elsaß betrugen dieselben Posten 24 l/2,
22 und 20 Pfg., Sa. 65 — 67 Pfg.; das ist ein Unterschied von 6ow/0
zugunsten Englands4 5). Als Gesamtresultat ergab sich mit Evidenz,
daß der Unterschied in den Produktionskosten schon von No. 16 ab
durch den Zoll nicht mehr ausgeglichen wurde6), und zwar je höher
hinauf, desto weniger. Mit Recht machte der Elsässer Charles
Grad in dem „Verein für Sozialpolitik“ auch auf die sozialpolitische
Seite der Frage aufmerksam, indem er ausführte: die feineren Garne
geben fünf- bis zehnmal mehr Gewinn für den Arbeiter als die ge-
meinen; eine weitere Ausdehnung der Fabrikation gemeiner Garne
und Einschränkung der Feingarnfabrikation brächte mithin auch den
Arbeitern Verlust6).

Was nun die Zollwünsche der Spinner anbetrifft, so gingen sie
namentlich hinsichtlich der Nummergrenzen recht auseinander. Die
vom Bundesrat beschlossenen Sätze waren pro 100 kg.: rohes ein-

1)	Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinenindustrie. Stenogr. Protokolle, S. 14.

2)	Ebenda S. 80.

3)	Ebenda S. 287.

4)	Ebenda S. 296.

5)	Ebenda S. 300, 344, 363, 393.

6)	Schriften des V. f. S., Bd. XVI, Leipzig 1879, S. 109.
        <pb n="43" />
        ﻿32

faches Garn bis No. ig engl. 12 M., No. 20 bis 45 18 M., No. 46
bis 59 24 M., No. 60 bis 79 30 M., über No. 79 36 M. Der „Zentral-
verband deutscher Industrieller“ hatte für die eindrähtigen rohen Garne
folgende Zollsätze beantragt:

bis No. 22 engl. 12 M. pro 100 kg
über No. 22 bis No. 44 18 „	„	„ „

»»	,, 44	24 »	»	»

Der Reichstag ging in Anlehnung an die Vorschläge des Bundes-
rats noch über diese letzten Anträge hinaus, wobei den Spinnern
gewiß ihre relativ „leichte Organisationsfähigkeit“ l) zu statten kam,
und differenzierte die Zollsätze noch mehr nach dem Werte. Von
1879 an haben zu zahlen Garne, eindrähtig, roh

bis No. 17 en		gl-	12	M. pro ioo kg
über No.	17 bis No.	45	18	33	33	D	33
„ „	45 -	..	60	24	33	»3	3»	33
„ „	60 „	79	3°	33	5 3	33	53
33	33	79		36	33	33	33	33 )

Die zweidrähtigen und die gefärbten Garne haben dementsprechend
höheren Zoll zu entrichten. Gewebe wurden ebenfalls nach einem
Staffeltarif bezollt, dessen Sätze sich zwischen 80 und 350 M. be-
wegten.

Das Interesse der Weberei spricht im allgemeinen gegen die
Verteuerung der feinen Garne, aber einerseits hatte der Freihandel
abgewirtschaftet und andererseits war die Fülle der kleinen selb-
ständigen Webermeister, denen nur eine beschränkte Anzahl Groß-
industrieller gegenüberstehen, im Gegensatz zu den Spinnern „un-
geeignet zur Propaganda ihrer Interessen“1 2 3). Durch die hohen Zölle
auf feine Webwaren wird dieser Nachteil einigermaßen kompensiert.
Dem Gesetzgeber kam es darauf an, Deutschland auch in bezug auf
Feingarne vom Auslande unabhängig zu machen. Und das war für
die Allgemeinheit sicher mehr von Vorteil als eine kleinbürgerlich-
sentimentale Rücksichtnahme auf jene zurückgebliebenen Existenzen.
In der 6. Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik am 21.
und 22. April 1879 war es, wo der Freihändler Dr. J. Gen sei die
typische Anschauung des Freihandels in die Worte kleidete: Die

1)	W. Lotz, a. a. O. S. 126.

2)	Ein Antrag des Elsässers Dollfus auf eingehende Klassifikation und dement-
sprechende Zollabstufung für die Nummern über No. 79 wurde abgelehnt (Reichstagsdruck-
sachen, 4. Legislaturperiode, II. Session, 1879, No. 305).

3)	W. Lotz, a. a. O. S. 126.
        <pb n="44" />
        ﻿33

wichtigste Industrie ist „diejenige, welche die meisten Hände be-
schäftigt, namentlich die meisten selbständigen Hände, die am meisten
den Charakter der Kleinindustrie bewahrt hat“1). Demgegenüber be-
tonte Professor G. Schm oller mit Recht, es gebe viele volkswirt-
schaftliche Schwache, die besser zugrunde gingen, als erhalten würden,
er verlange Schutz einer an sich lebensfähigen, aber im Moment hart
bedrängten Industrie1 2). Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt, speziell
vom sozialen aus betrachtet, ist es nur mit Freuden zu begrüßen,
wenn die Garnzollerhöhung zu einer Einschränkung des unrentablen
Kleinbetriebes der Weberei führte, denn es Hegt auf der Hand, daß
ein gesetzgeberischer Einfluß in sozialer Hinsicht an den unkontrollier-
baren Arbeiterverhältnissen des Weberei-Verlagssystems und der
selbständigen Hausweberei auf schwer überbrückbare Schwierigkeiten
stoßen muß. Der Weberei-Kleinbetrieb wird nur da dem Großbe-
trieb vorzuziehen sein, wo es sich um eigentliche Kunstweberei handelt.

Die höhere Verzollung der Feingarne beruhte auf der Annahme
der Spinner, daß nur ein kleiner Teil der Garnimporte aus solchen
Nummern bestände, die in Deutschland keinesfalls herzustellen seien, der
größere Teil derselben aber unter entsprechendem Zollschutz entbehrlich
gemacht werden könne. Bestimmte Anhaltspunkte dafür, statistisches
Material, lagen allerdings nicht vor. Deshalb bezeichnen W. Lotz3)
und J. Gensei4) die Feingarnzölle in gleicher Weise als ein Experi-
ment. Lotz bestreitet das Gelingen desselben vollständig, Gensei
sieht darin eine unberechtigte Bevorzugung der Spinnerei-Aktien-
gesellschaften und einzelner großer Spinnereien gegenüber den „Inter-
essen der vorwiegend als Hausindustrie betriebenen und großenteils
auf Export angewiesenen Weberei, Wirkerei, Posamentenfabriken usw.“.
Es ist leider nicht möglich zu entscheiden, ob nach Inkrafttreten des
Zolltarifs die Einfuhr feiner Garne aus England und der Schweiz im
Vergleich zu früher nachgelassen hat, denn unsere Handelsstatistik
liefert erst seit 1880 eine Einteilung der Garne nach Nummern, ent-
sprechend derjenigen des Zolltarifs. Tatsache ist, daß sowohl die
Spinnerei feiner Garne vereinzelt neu aufgenommen und fortgesetzt
werden konnte, als auch, daß der Weberei nicht nur kein Schaden
erwachsen ist, sondern, wo sie mit Spinnerei verbunden war, sogar
Vorteil.

Die größte Hoffnung der süddeutschen Spinner hat sich freilich

1)	Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. XVI, Leipzig 1879, S. 19.

2)	Ebenda S. 19.

3)	A. a. O. S. 175-

4)	A. a. O. S. 83.

Abhandlungen d. ataatsw. Seminars z Jena, Bd. III, Heft 3.	3

Loch in ü Iler, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie.
        <pb n="45" />
        ﻿34

nur zum Teil erfüllt, die nämlich, daß das Elsaß wieder die Fein-
spinnerei in der alten Weise aufnehmen würde. Dazu kam der Zoll-
schutz offenbar zu spät. Für grobe und mittlere Nummern wird da-
gegen die günstige Wirkung der neuen Zölle allseitig anerkannt.
So blieb die Konkurrenz der eisässischen Spinnerei und Weberei,
letztere allerdings weniger, auf dem inneren Markte bestehen.

Zudem ist ja die Zollpolitik — das möchte man auch im gegen-
wärtigen Augenblick den Industriellen immer wieder verhalten, wenn
sie angesichts der neuen Handelsverträge „den Untergang der Indu-
strie“ befürchten — nur eines der Momente, die auf den Geschäfts-
gang der Industrie Einfluß haben, insofern als sie sie von den Wechsel-
fällen der Produktions- und Absatzverhältnisse auswärtiger Märkte,
in erster Linie des englischen, in gewisser Weise unabhängig macht.
Als weitere Momente kommen hinzu der Preis des Rohstoffes, die
Gütertarife auf Eisenbahnen und Wasserstraßen, die Konkurrenz der
Verkäufer, die Launen der Mode und schließlich die Kaufkraft der
Bevölkerung, sei es auf dem inneren Markte, sei es auf den aus-
ländischen Absatzplätzen. Da diese Momente nie konstant sind, wird
der Geschäftsgang der Industrie immer ein schwankender sein.

Kapitel V.

Überblick über die Entwicklung bis zur Gegenwart.

Die Jahre nach 1880 werden durch das Hervortreten sozial-
politischer Gesichtspunkte in der Reichsgesetzgebung charakterisiert.
Das Krankenversicherungsgesetz vom 15. Juni 1883 und das Unfall-
versicherungsgesetz vom 6. Juli 1884, welche die Arbeiterversicherungs-
gesetzgebung einleiteten, wurden seitens der Fabrikanten mit geteilten
Empfindungen aufgenommen, jedenfalls nicht gerade freundlich,
vielfach wurden sie geradezu als unnötige Schikane empfunden.
Teilweise, namentlich in Süddeutschland, bestanden schon früher
F'abrikkrankenkassen, deren Organisation nichts zu wünschen übrig
ließ. In Norddeutschland war das weniger der Fall. Es ist hier
nicht der Ort, auf das Wesen der deutschen Arbeiterversicherung
einzugehen; nur das eine verdient hervorgehoben zu werden, was den
        <pb n="46" />
        ﻿35

Wert derselben ausmacht; die Versicherungsgesetzgebung gibt dem
Arbeiter ein Recht auf Fürsorge, er ist nicht mehr der Willkür des
Fabrikanten anheimgegeben, die freilich unter Umständen — das
darf man nicht verkennen — für ihn vorteilhafter sein kann.

Auch die Gewerbeordnung von 1869 erfährt in dieser Periode
Änderungen, die auf eine Besserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter
und ihrer Familien hinzielen. So sehr sich auch anfänglich viele Fabri-
kanten auf ihren manchesterlichen Standpunkt versteiften und gegen
einen Eingriff des Staats in ihre vermeintlichen eigenen Angelegen-
heiten sträubten, heute werden sie das Recht und die Pflicht des
Staates und die segensreichen Wirkungen einer einheitlichen Regelung
dieser Fragen ohne Einschränkung anerkennen.

Zur Durchführung der Unfallversicherung bilden sich allent-
halben Berufgenossenschaften. Für die Textilindustrie gibt es deren
insgesamt acht; für die Baumwollindustrie kommen nur folgende vier
in Betracht; 1. die rheinisch-westfälische mit dem Sitz in M.- Gladbach,

2.	die süddeutsche mit dem Sitz in Augsburg, 3. die elsaß-lothringi-
sche mit dem Sitz in Mülhausen i. E. und 4. die sächsische Textil-
Berufsgenossenschaft mit dem Sitz in Leipzig. Ich tue davon deshalb
Erwähnung, weil diese Zusammenschlüsse auch für die Industriellen
Bedeutung gewinnen.

Trotzdem der Zolltarif von 1879 seitens der Baumwollspinner
mit Freuden begrüßt worden war und die Hoffnung vorherrschte,
daß die Konkurrenz der englischen Industrie auf dem deutschen Markte
immer weniger fühlbar werden würde, zeigte sich doch schon in den
Jahren 1883 und 1884, die, wie gesagt, die Arbeiterversicherung
einleiteten und damit den Fabrikanten, wenigstens nach ihrer Meinung,
neue Lasten auferlegten, daß diese Hoffnung eitel war, denn die
Engländer warfen während eines Teiles des Jahres ihre Überproduktion
an Garnen auf den deutschen Markt und drückten dadurch die Preise
ganz erheblich. Ein Streik der Weber im Blackburndistrikt Anfang
1884 verurteilte dann die Webereien zum Stillstand und verschlimmerte
die Lage für die deutschen Weber, indem nun erst recht englische
Gewebe zu Schleuderpreisen auf den deutschen Markt kamen. Im
Jahre darauf befanden sich diese dagegen, unterstützt durch gutes
Wetter und die Mode, in ungewöhnlich günstiger Geschäftskonstellation,
und die Spinner verspürten den Druck der englischen Kon-
kurrenz. Auch diesmal war es wieder die englische Überproduktion,
die zu einer förmlichen Deroute auf dem Garnmarkte in Manchester
führte. Die Folge davon war, daß die englischen Garne weit unter
den Herstellungskosten nach Deutschland exportiert wurden. Dazu

3*
        <pb n="47" />
        ﻿36

kam die durch die elsässische Konkurrenz hervor gerufene Über-
produktion in Deutschland selbst. Trotzdem also die Preise ihres
Rohmaterials niedrige waren, wandten sich die Baumwollzwirnereien
und Nähfadenfabriken, die die ägyptischen Mako- und Sea-Island-
Baumwollgarne verarbeiten, von neuem mit der Bitte um Zollerhöhung
für Zwirne und Nähfaden an die Regierung, weil die deutsche
Zwirnerei auf den Bezug ausländischen, namentlich englischen Fein-
garns angewiesen sei und daher mit höheren Produktionskosten als
z. B. die englische arbeiten müsse. Um diesen Unterschied auszu-
gleichen, reiche der bisherige Zoll nicht aus. Trotz der Angriffe, die
man gegen diese Wünsche erhob1), wurde die Zollerhöhung auch 1885
gewährt. Aus dem Referat, das über jene Anträge in einer Sitzung
der Augsburger Handelskammer erstattet wurde, verdient hervor-
gehoben zu werden, „daß es den Elsässer Spinnereien durch die Tarif-
reform von 1879 ermöglicht worden sei, sich der Produktion feiner
Garne von neuem zu widmen und die unter dem früheren deutschen
Zollsystem bedeutend herabgefallene Durchschnittsnummer ansehnlich
zu erhöhen. Zurzeit liefen im Elsaß 450000 Spindeln auf feine
Garne (über No. 60 englisch) und weitere 50—100000 Spindeln seien
dafür organisiert“ 1 2).

Die Jahre nach 1885 brachten immer reichere Baumwollernten
und damit billige Rohstoffpreise, gleichzeitig erhöhten reiche Getreide-
ernten Wohlstand und Kaufkraft der Bevölkerung, so daß zunächst die
Webereien prosperierten und zu Betriebsvergrößerungen schritten.
Dann kam wieder eine wenn auch kurze Zeitspanne, wo die Spinne-
reien günstiger dastanden, während die Webereien unter Überproduktion
zu leiden hatten. Anfangs der neunziger Jahre brachte der mit
Schwankungen verbundene Rückgang der Baumwollpreise, die all-
seitige Überproduktion und der allgemeine wirtschaftliche Rückgang
eine für beide Hauptzweige der Baumwollindustrie gleich schlimme
Stockung des Geschäftsganges. Ein Mittel, der Notlage etwas zu
begegnen, wird zum Teil in Produktionseinschränkungen gesehen,
ein anderes ist die Ausfuhr um jeden Preis, selbst unter den Her-
stellungskosten — ganz so, wie es die Praxis der englischen Baumwoll-
industriellen schon seit jeher gewesen war. Gegen die Preisfluktua-
tionen der Rohbaumwolle, denen die der Garne und Gewebe nur im
beschränkten Maße, jedenfalls durchaus nicht proportional, zu folgen
vermögen und die schon damals recht gefährlich zu werden anfangen,

1)	W. Lotz, a. a. O. S. 177.

2)	Jahresbericht der Handels- und. Gewerbek. f. Schwaben u. Neuburg 1884, S. 47-
        <pb n="48" />
        ﻿— 37

muß der Einzelne unter geschickter Ausnützung der Konjunkturen
operieren.

Der Bezug der Baumwolle war bis Ende der siebziger Jahre
und sogar noch bis in die achtziger Jahre hinein hauptsächlich über
Liverpool und Havre, teilweise auch direkt aus den Produktions-
gebieten, erfolgt. Die Bemühungen der Kaufleute Bremens, das schon
lange in engster Handelsbeziehung zu Nordamerika stand, waren
darauf gerichtet gewesen, den Baumwollhandel mehr und mehr von
Liverpool, Havre und den holländisch-belgischen Häfen ab- und nach
Bremen hinzuziehen. So war Ende 1872 die Gründung der „Bremer
Baumwollbörse“ zustande gekommen, deren Organisation in vielen
Punkten von der jener anderen Börsen abwich. Es war auch
gelungen, den Baumwollhandel Bremens zu heben1); aber erst, nachdem
die Spinner große finanzielle Verluste erlitten hatten, die sich natur-
gemäß aus verunglückten Preiskalkulationen ergeben mußten, kamen
sie den Wünschen der Bremer Händler entgegen. So bildet denn
die Bremer Baumwollbörse seit dem Jahre 1886 eine Vereinigung
der deutschen Baum Wollspinner und -Händler und entwickelt sich,
ähnlich wie Liverpool für England und früher für ganz Europa, zum
nationaldeutschen Baumwollmarkt für Deutschland und Österreich.
Daß die Spinner dadurch noch keineswegs gegen alle Zufälligkeiten
der Preiskonstellationen geschützt sind, liegt auf der Hand, aber es
ist wenigstens ein bedeutsamer Schritt zur Unabhängigkeit von England
getan.

Wie sehr das Gedeihen der deutschen Baumwollindustrie sonst
von den englischen Verhältnissen abhängig war, zeigt wiederum mit
Evidenz das Jahr 1892. Zu Beginn ist die Lage trostlos, am Ende
aber aussichtsreicher denn je. In England standen nämlich infolge

1)	Im Jahre 1881 betrug die Einfuhr von Baumwolle

in Liverpool	13 966 687	Ztr.

,, Havre ca.	3000000	,,

,, Bremen .	2096368	,,

„ London .	850464	„

„ Hamburg	633900	„

Von der gesamten deutschen Baumwolleinfuhr kamen über England 876 693 Tonnen,
über Bremen 104818 und über Hamburg 31695 Tonnen (R. Jannasch, Die Rohstoff-
märkte und ihre Bedeutung für den Welthandel, Ztschr. des Kgl. Prß. Slat. Bureaus, Jahrg. 1883,
S. 282/83). Die Steigerung der Importe Bremens ist aits folgenden Zahlen ersichtlich:

Bremens Baumwolleinfuhr betrug durchschnittlich
1847—51	66858	Ztr.	1877—81	1412 443	Ztr.

1857—61	498613	„	1887—91	2875414	„

1867—71	680205	„	1892—96	4208912	„

(Quelle; Deutsches Handelsarchiv, Jahrg. 1898, I, S. 266).
        <pb n="49" />
        ﻿38

von Arbeitseinstellungen zeitweise ca. 15 Millionen Spindeln (mehr
als doppelt soviel, als in Deutschland überhaupt vorhanden waren!)
still. Dieser Umstand bewirkte, daß die deutschen Spinnereien und
Webereien unter günstigen Bedingungen nach England, exportieren
konnten. Das Jahr hätte sich ohne diesen Glücksumstand wahr-
scheinlich als ein recht schlechtes erwiesen, war doch im Jahre zuvor
der mit so vieler Mühe erkämpfte Zoll auf Feingarne (über No. 60)
im Handelsvertrag mit der Schweiz von 30 und 36 M. auf 24 M.,
d. h. um 20 bezw. 33% herabgesetzt worden. Diese Inkonsequenz
in der Zollpolitik sollte sich in den folgenden Jahren durch eine er-
heblich höhere Garneinfuhr rächen.

Die Weberei ist von jeher zu einem großen Teil fest mit dem
Weltmarkt verwachsen, weil sie die Exportindustrie comme il faut
verkörpert. Folglich üben auch die geringsten Veränderungen in
den Weltmarktverhältnissen ihre Wirkung auf die Lage der Weberei
aus. So spielt die Handelspolitik der Konsumtionsländer, die Lage
des Geldmarktes und die Entwicklung des internationalen Handels-
rechts eine mehr oder weniger bedeutende Rolle dabei. Wie die
Veränderungen der Intensität des elektrischen Stroms sofort an einem
Ausschlag des Zeigers am Galvanometer erkennbar werden, so zeigen
sich jene Mutationen bei ihrem Eintritt oder schon vorher, wenn
derselbe vermutet wird, darin, daß die Weber entweder beim Ein-
käufen der Garne Zurückhaltung üben (nämlich, wenn sie erwarten,
daß die Preise heruntergehen werden) oder sich reichlich damit ver-
sorgen, oder beim Eingehen von Verkaufskoutrakten je nach Auf-
fassung der Lage Vorsicht walten lassen.

Für den Spinner fallen diese Dinge weniger ins Gewicht, weil
sein Absatzgebiet das Inland ist; dafür ist er viel mehr den Wechsel-
fällen in der Haltung der Rohstoffmärkte und in den Produktions-
bedingungen ausgesetzt. So tritt gegen Ende des abgelaufenen Jahr-
hunderts nach den guten Jahren 1895 und 1896 eine Verschlechterung
in der Lage der Spinnerei ein, die infolge von Lohnerhöhungen,
Steigerung der Preise für Kohlen und sonstige Betriebsmaterialien
im Gegensatz zu dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung solche
Ausdehnung annimmt, daß die allgemeine Depression, die zu Beginn
des gegenwärtigen Jahrhunderts darauf folgte, gar nicht sonderlich
dagegen absticht.

Das Exportgeschäft der Weberei war schon durch die abnorme
Entwertung des Silbers um die Mitte der neunziger Jahre in eine
recht prekäre Lage geraten; neuerdings kommt noch ein Faktor
        <pb n="50" />
        ﻿39

hinzu, der die Aussichten für die Zukunft nicht in rosigem Lichte
erscheinen läßt. Es wird nämlich zusehends schwieriger, neue Ab-
satzmärkte für Baumwollwaren zu finden und die alten Kunden fest-
zuhalten. Überall, in Europa, Amerika, Ostindien, Ägypten und
Japan blüht eine eigene Baumwollindustrie auf, und außerdem findet
zwischen den europäischen Exportwebern ein Wettlauf statt, um sich
gegenseitig den Rang streitig zu machen. Dabei ist natürlich der-
jenige im Vorteil, der die billigsten Frachten, die billigsten Löhne,
die geringsten Steuern u. a. zu zahlen hat und der die beste geo-
graphische Lage zu gewissen Absatzgebieten hat. Nächst England
macht nun Italien seit wenigen Jahren die größten Anstrengungen
uns zuvorzukommen, es kann sich dabei auf jene natürlichen Vorteile
stützen. Namentlich in Südamerika, Brasilien und Argentinien, wohin
die italienische Auswanderung planmäßig gelenkt wird, hat es uns
manche wertvolle Position abgerungen. Während England sich be-
strebt, Zwietracht zwischen der Union und Deutschland zu stiften,
indem es bald dem einen, bald dem anderen der beiden Länder Er-
eberungsgelüste in Südamerika vorwirft, hat Italien längst in fried-
licher Eroberung Besitz ergriffen von den besten Teilen Brasiliens,
Argentiniens und Chiles. Die beste Waffe des Italieners bei dieser
modernen Kolonisation ist seine immerwährende Staatsangehörigkeit,
die er auch behält als Bürger eines fremden Staates. Dadurch hat
er einen unschätzbaren Vorzug vor dem Deutschen im Auslande
voraus.

Wenn vorhin neben Italien an erster Stelle England genannt
wurde, so ist das natürlich in anderer Weise zu verstehen. Tatsäch-
lich ist ja England das erste Handelsland der Welt, und auch sein
Handel mit Baumwollwaren übertrifft bei weitem den der Deutschen;
das beruht auf der Überlegenheit der Industrie. Indessen hat der
deutsche Kaufmann im Laufe der Zeit einen Vorteil um den andern
errungen, und heute liegt die Sache so, daß der Engländer nicht
nur seine alten Positionen mühsam zu verteidigen hat, sondern viel-
fach ist ihm der Deutsche geradezu voraus, und der englische Kauf-
mann muß sich anstrengen, die Konkurrenz mit ihm zu bestehen.
Statistische Belege hierfür lassen sich unschwer beibringen r). Die
leitenden Stellen in England haben sich bemüht, den Gründen nach-
zuforschen, die den englischen Kaufmann aus seiner beherrschenden
Stellung verdrängen, und ein amtliches Memorandum „On the british

l) Vgl. u. a. das Büchlein von E. E. Williams: „Made in Germany“. Der
Konkurrenzkampf der deutschen Industrie gegen die englische. Übersetzt von C. Will mann.
Dresden u. Leipzig 1896.
        <pb n="51" />
        ﻿4o

Trade Methods“1) kommt zu folgenden Schlüssen; Der englische
Kaufmann paßt sich zu wenig den Forderungen seiner Kunden an.
Ihm schadet vor allem seine Abneigung gegen das sonst übliche
metrische System, ferner die gegen den Kleinhandel und seine Re-
serve in der Kreditgewährung. Der Deutsche ist ihm von Hause
aus überlegen durch die Art des Unterrichts, durch die Sprach-
kenntnisse der Reisenden und dann durch das System, junge Deutsche
über die ganze Welt zu schicken, um selbständig Kenntnisse und
Erfahrungen auf dem Weltmärkte zu sammeln.

Eine weitere Erörterung dieser Verhältnisse würde uns zu weit
vom Thema abführen, indessen glaubte ich sie wenigstens in dieser
Kürze berühren zu müssen, da die Industrie, zunächst die Weberei,
Wirkerei usw. und in zweiter Linie die Spinnerei sehr von dem
Handel, von den Erfolgen des deutschen Kaufmanns auf dem Welt-
markt abhängt. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf auf-
merksam machen, daß man aus einer reinen Vergleichung der handels-
statistischen Nachweise nicht den geringsten Schluß ziehen kann auf
die Prosperität der Industrie. Der Wert, den die Handelsstatistik
z. B. für die einzelnen Positionen der Gattung „Baumwollwaren“ in
der Ausfuhr angibt, ist ein von Sachverständigen nach Jahresschluß
berechneter, er fällt daher nicht zusammen mit dem Preis, der den
deutschen Exporteuren gezahlt wird. In den Zeiten der Überproduk-
tion wird oft billiger an das Ausland verkauft als auf dem ein-
heimischen Markt und sogar unter den Herstellungskosten, also mit
Verlust, denn es ist immerhin vorteilhafter, die Waren mit Verlust
zu verkaufen, als den ganzen Geschäfts- und Betriebsapparat Still-
stehen zu lassen. So wird man also ein Anwachsen der Export-
ziffern, sei es der Menge oder dem Werte nach, stets mit Vorsicht
aufzunehmen haben.

x) Pari. Paper C. 9078. Zitiert bei K. Rathgen, Die englische Handelspolitik
am Ende des 19. Jahrhunderts. Schriften d. V. f. Sozialpolitik, Bd. XCI, S. 125. Die
Originalquelle stand mir leider nicht zu Gebote.
        <pb n="52" />
        ﻿4i

Kapitel VI.

Der neue deutsche Zolltarif vom 25. Dezember

In den letzten Jahren wurden die Interessen der deutschen
Baumwollindustrie hauptsächlich von zwei Momenten stark in An-
spruch genommen. Das eine ist das Zustandekommen des neuen
Zolltarifgesetzes, das andere die abnorme Preisbewegung der Baum-
wolle. Wir wenden uns zunächst der Zollfrage zu.

Der im Sommer 1901 veröffentlichte Zolltarifentwurf unterzieht
die bisherigen Zollsätze der Baumwollindustrieprodukte einer recht
gründlichen Revision. Er begegnete mannigfachem Widerspruch.
Die Wünsche der Interessenten fanden z. T. Berücksichtigung in der
an den Reichstag gelangten Vorlage des Bundesrats1). Auf diese
wollen wir uns im folgenden stützen. Die Zolltarifvorlage, die sich,
wie bekannt, eng an das französische Klassifikationssystem anlehnt,
teilt zunächst die Garne in sieben Wertklassen — bisher waren es
fünf —, sodann kommt sie dem lange gehegten und oftmals ge-
äußerten Wunsche der Fertigfabrikatenindustrie entgegen, indem sie
die Gewebe nach dem Gewicht, das auf einen Quadratmeter geht,
und nach der Anzahl der Fäden klassifiziert. Die in Betracht kom-
menden Zollsätze der Vorlage einzeln aufzuführen, erübrigt sich. Die
Zölle für Grobgarne sind herabgesetzt, ebenso die für Strumpf- und
Wirkwaren, alle übrigen Zölle sind gegenüber dem geltenden General-
tarif entweder ziemlich bedeutend erhöht oder in der bisherigen Höhe
belassen.

Das Angriffsobjekt bilden wie immer die Garnzölle. Das El-
sässer Industrielle Syndikat forderte, wie es die elsässische Fein-
spinnerei, die unter den deutschen Feinspinnern eine ähnliche Stel-
lung — wenigstens in Zollfragen — einnimmt wie der Bund der
Landwirte unter den Agrariern, stets getan hat, für die Feingarne
über No. 60 ganz bedeutend höhere Sätze. An Stelle der vom
Bundesrat vorgeschlagenen 30, 36 und 42 M. wollte es 40, 50 und
65 M. gesetzt wissen2). Es konnte sich dabei mit gewissem Rechte

1)	Siehe S. 48.

2)	Vgl. K. Kuntze, Die Baumwollindustrie. Artikel im „Handbuch der Wirt-
schaftskunde Deutschlands“. Leipzig 1903, Bd. 111, S. 610 ff.
        <pb n="53" />
        ﻿42

darauf berufen, daß der Niedergang der elsässischen Feinspinnerei
zum größeren Teil veranlaßt worden sei durch das Verhalten der
Regierung, die den Feingarnzoll im Handelsvertrag mit der Schweiz
auf 24 M. reduzierte. Das Elsaß ist gerade der schweizerischen Kon-
kurrenz am ehesten ausgesetzt. Wäre die Regierung auf dem ein-
mal betretenen Wege geblieben, so hätte sich höchstwahrscheinlich
die elsässische Feinspinnerei in erfreulicher Weise, so wie wir es
schon oben1) mit Zahlen belegen konnten, weiterentwickelt. In Ober-
bayern und in Sachsen hat dagegen in den Jahren 1890 bis iqoo die
Feinspinnerei Fortschritte gemacht. Daher begrüßten die bayerischen
und sächsischen Spinner die Wiederherstellung der Sätze des Tarifs
von 1879 für Garne über No. 60 mit aufrichtiger Freude, aber nur
in der Erwartung, daß diese als Minimalsätze gelten und nicht etwa
durch Handelsverträge herabgesetzt würden. Allseitige Verurteilung
fand die Reduktion der Zölle auf Garne unter No. 32 auf 9 und 15 M.
Es ist erklärlich, daß die Beschlüsse der Reichstagskommission in
erster Lesung, die weit unter die Vorschläge des Bundesrats her-
untergingen, einen Sturm der Entrüstung entfesselten. Die Handels-
kammer zu Mülhausen i. E. nennt die Kommissionsbeschlüsse un-
begründet1 2 3) und prophezeit der deutschen Baumwollindustrie den
Untergang8), falls die niedrigen Sätze der Kommissionsbeschlüsse
Gesetz würden. — Auch die Beschlüsse in der zweiten Lesung
blieben noch hinter den Vorschlägen des Bundesrats zurück. Über
die zahlreichen Proteste dagegen ging man zur Tagesordnung über.
Die Interessenvertretungen unserer Industrie sprechen sich im all-
gemeinen aber doch zu pessimistisch aus, um diese Stimmen unge-
hört verhallen zu lassen. Wir werden umso eher in eine unpartei-
ische Prüfung der Garnzollfrage eingehen können, als jetzt, nach dem
Ende des Tarifkampfes, der Blick durch nichts getrübt wird.

Von seiten der Weber war gegenüber den Wünschen der Spinner
geltend gemacht worden4): 1. Die Spinner hätten ihr 187g gegebenes
Versprechen, sich der Fabrikation von Feingarn zuwenden zu wollen,
nicht gehalten. 2. Die Grobgarnzölle seien zu hoch gewesen, so daß
die Grobgarnspinnerei ungleich größeren Gewinn abgeworfen hätte.
Die geringe Rentabilität der Jahre nach 1898 beruhe auf der Über-
produktion, die durch Spinnereien an der deutsch-holländischen Grenze
geschürt werde, die ihrerseits gerade infolge der hohen Garnzölle

1)	Siehe S. 36.

2)	Jahresbericht für 1902, S. 19.

3)	Ebenda, S. 23.

4)	K. Kuntze, a. a. O. S. 6iof.
        <pb n="54" />
        ﻿43

mit fremdem Kapital gegründet worden seien. 3. Es sei keine Aus-
sicht vorhanden, daß etwa die englischen Spinner die höheren Zölle
auf Feingarne tragen würden, da wir eben von England abhängig
seien und die inländische Produktion von Feingarnen gering sei.
4. Höhere Zölle bedeuteten eine Erschwerung der Konkurrenzfähigkeit
der deutschen Baumwollweberei auf fremden Märkten, da ihre wich-
tigsten fremden Konkurrenten gar keine oder nur geringe Garnzölle
zu leisten hätten und außerdem die Baumwollindustrie auf diesen
Märkten immer mehr erstarkte. 5. Die Zölle schützten uns auch
nicht vor Exportaktionen, wie sie z. B. die österreichischen Spinner
1897 ins Werk gesetzt hätten1). — Ferner wurde in der Reichstags-
kommission behauptet, die deutsche Baumwollspinnerei bedürfe 6.
wegen ihrer Prosperität der von der Regierung vorgeschlagenen Zölle
nicht. Schließlich wurde auch 7. das Sinken der Baumwollpreise für
die Herabsetzung der Garnzölle geltend gemacht.

Wenn wir nun aus der Reihe der uns zu Gebote stehenden
Handelskammer-Berichte, die sich mehr oder weniger entrüstet zu
den Kommissionsbeschlüssen äußern, hauptsächlich einen auswählen,
um an dessen Hand die Garnzollfrage zu beleuchten, so geschieht
das, weil dieser, nämlich der Jahresbericht der Handelskammer zu
M.-Gladbach für 1902, S. 12 bis 14, eine maßvolle Haltung bewahrt.
Es kommt aber viel darauf an, einen möglichst objektiven Bericht
als Grundlage zu wählen, sind doch die Gegensätze zwischen Spinnern
und Webern noch nie so hart aufeinander geprallt, als gerade beim
Kampf um den jüngsten Zolltarif. Die Handelskammer zu Bayreuth
macht der Kommission geradezu den Vorwurf, daß sie für die Weberei
Vorteile auf Kosten der Spinner erstrebe1 2). Indem wir uns an den
erwähnten Bericht anlehnen, sind wir uns übrigens wohlbewußt, daß
auch der objektivste Handelskammerbericht auf den subjektiven Be-
richten der Industriellen beruht, die eben Berichte einsenden.

Gehen wir nunmehr auf die einzelnen „Anklagepunkte“ ein, so
zeigt sich zunächst einmal, daß der erste derselben in sich selbst zu-
sammenfällt, denn wir wissen aus dem früher Gesagten, daß es nur
die Schuld der schwankenden Regierungspolitik war, wenn die Fein-
spinnerei sich nicht weiter entwickelte. Der Spinnerei kann daraus
unmöglich ein Vorwurf gemacht werden.

1)	Das österreichische Spinnerkartell gewährte 1897, um den heimischen Markt zu
entlasten, seinen Mitgliedern Exportprämien, so daß Deutschland mit österreichischen Grob-
garnen überschwemmt wurde.

2)	Jahresbericht der Handels- und Gew.-K. f. Oberfranken pro 1902, S. 53.
        <pb n="55" />
        ﻿44

Was die Ermäßigung der Zölle auf Grobgarne anbetrifft, so
stimmt ihr der angegebene Bericht, wenn auch schweren Herzens, im
Interesse der Weberei zu. — Tatsächlich herrscht in der Grobgarn-
spinnerei oft, nicht nur in den letzten Jahren, Überproduktion. Sie
ist nun einmal — allerdings nicht nur wegen des auf Grobgarnen
ruhenden Zolles — am rentabelsten und zieht daher viele Unter-
nehmer an; der Zoll aber, der der deutschen Grobgarnspinnerei eine
Art Monopol verschafft, muß ja die an und für sich schon vor-
handene Anziehungskraft noch erhöhen, er leistet direkt einer Über-
produktion Vorschub. Der höhere Zoll nützt also weder der Spinnerei
noch der Weberei, sondern er schädigt unter Umständen beide. Ein
niedrigerer Zoll dagegen sorgt einmal dafür, daß die Preise sich nicht
über den Weltmarktpreis erheben und hält andererseits allzuviel Zu-
zug fern. Dabei bedeutet aber der Zollsatz, wie ihn die Kommission
in der zweiten Lesung festsetzte, das erforderliche Mindestmaß des
Zollschutzes, soll die deutsche Baumwollindustrie künftighin der aus-
ländischen Konkurrenz Stand halten.

Die Frage, die in dem nächsten Einwand angeschnitten wird:
wer bezahlt die Zölle? läßt sich nicht allgemein beantworten. Wären
wir bei dem Bezüge der Feingarne allein auf das Ausland angewiesen,
dann freilich würden wir selbst den Zoll tragen müssen; es handelt
sich doch aber darum, die bei uns bestehenden Feinspinnereibetriebe
gegen die Konkurrenz des Auslands auf dem Inlandsmarkte zu schützen.
Zu dem Zwecke aber muß der Zoll so hoch sein, daß wenigstens die
Verschiedenheiten in den Produktionskosten etwas ausgeglichen
werden. Freilich gegen „Exportaktionen“, bei denen fremde Garne
auf dem deutschen Markt verschleudert werden, gibt es kein Allheil-
mittel, das sind aber nur Ausnahmefälle, unsere Spinnerei macht sich
auf dieselbe Weise Luft. Kurzum, deshalb darf die Spinnerei wieder-
um nicht die Interessen der Weberei verletzen.

Die Exportfähigkeit der Weberei wird nicht sowohl durch die
Höhe der Garnzölle, als vielmehr durch die Zollsätze der Länder be-
einflußt, nach denen exportiert wird. Dann kommt es darauf an, ob
diese Länder etwa billiger produzieren, oder ob wir mit niedrigeren
Selbstkosten arbeiten. Dabei kommt denn freilich die Höhe der
Garnzölle in Betracht. Vergleichen wir aber einmal die Garnzölle
in den verschiedenen Ländern, so sehen wir, daß Deutschland dabei
lange nicht an erster Stelle stand5). Die Weberei, eine Exportindustrie
par excellence, bedarf eines Erziehungszolles nicht mehr, wohl aber

i) Ein typisches Beispiel für die Höhe der Garn- und Gewebezölle (reduziert auf
Kilogramm und Mark) gibt J. Grunzei, System der Handelspolitik, Leipzig 1901, S. 362.
        <pb n="56" />
        ﻿45

die Spinnerei. Das Wort „Erziehungszoll“ ist zwar nicht recht am
Platze, denn auf gesicherter Grundlage arbeitet die Spinnerei immer-
hin, aber daß wir unsern Bedarf an Feingarnen noch immer aus dem
Auslande beziehen müssen, zeigt, daß wenigstens dieser Zweig der
Spinnerei eines Schutzes bedürftig ist. Die Weberei würde durch
hohe Garnzölle nur dann benachteiligt, wenn es den Spinnern ge-
länge, den Zollschutz im Preise ihrer Fabrikate voll zum Ausdruck
zu bringen. Daran verhindert aber die Spinner ihre Konkurrenz
unter sich, die, wie wir sehen werden, so groß ist, daß sogar die
„Gefahr der Kartellbildung“ noch in weitem Felde liegt. Also wenn
man nicht direkt einen Industriezweig" auf Kosten des anderen be-
günstigen will, so muß man die Berechtigung der Wünsche der
Spinner wohl anerkennen.

Die Beschlüsse der Zolltarifkommission beruhen anscheinend auf
der Annahme, daß die Spinnerei prosperiere — behauptete doch der
Reichstagsabgeordnete Münch-Ferber aus Hof in Bayern, die
Baumwollspinnerei sei die rentabelste aller Industrien ‘) — und des-
halb der von der Regierung vorgeschlagenen Zölle nicht bedürfe.
Diese Annahme ist aber unrichtig. Wenn man die Geschäftsergeb-
nisse der Aktienspinnereien in dem Zeitraum 1890 bis igoo zusammen-
stellt und dabei von der Voraussetzung normaler Produktionsbeding-
ungen ausgeht — drei unter sehr günstigen Bedingungen arbeitende
Unternehmungen bleiben unberücksichtigt1 2) —, so ergibt sich, daß
41 Aktienspinnereien eine Durchschnittsdividende von 4,08 °/o ver~
teilten; 12 dieser Gesellschaften erzielten überhaupt keine Dividende.
Die Ursachen dieser wenig erfreulichen Lage liegen aber auf einem
Gebiete, auf das die Spinner gar keinen Einfluß ausüben können.
Die Verschlechterung der Geschäftsergebnisse der Spinnerei wird zu-
nächst veranlaßt durch die Preisgestaltung der Rohbaumwolle, in
zweiter Linie erst durch Überproduktion und die Erhöhung der Pro-
duktionskosten. Das beweist u. a, folgende, von authentischer Seite
herrührende, für Mitteldeutschland geltende Berechnung, wobei vor-
ausgeschickt werden muß, daß die normalen Produktionskosten von
Garn No. 20 15 bis 16 Pfg. betragen:

1)	Stenogr. Berichte über die Verhandlungen des Reichstags, 10. Legislaturperiode,
II. Session 1900—1903, Bd. IV, S. 3172 (D).

2)	A. a. O. S. 13. Gemeint sind offenbar die „Baumwollspinnerei Mittweida“, die
„Baumwollspinnerei am Stadtbach“ in Augsburg und die „Vogtländische Baumwollspinnerei“
in Hof, die in der Periode 1890—1899 bez. 16,4, 13,65 und 11,1 °/0 Dividende ausschütten
konnten.
        <pb n="57" />
        ﻿46

I. Bremen notierte am t. Sept. 1897 per ® Good Oomrawuttee II 36	9)

Fracht und Spesen bis zur Spinnerei 1,5	„

15 % Abfall 5.625 „
Mithin kostet das ® gereinigte Baumwolle 43,125 9)
Garnpreis No. 20	61,5	9)

ab 3°/0 Verkaufsspesen 1,845 „	(2 °/0 Skonto, 1 °/0 Provision)

netto 59,655 9)

43.125 „

16,530 9) — Spinnlohn.

II. Bremen notierte am 1. Sept. 1899	33	9)

Fracht und Spesen 1,5	,,

15 »/„ Abfall 5,175 „
I % gereinigte Baumwolle 39,ö75 fy

Garnpreis No. 20	51

ab 3 °/0 Verkaufsspesen 1,53	,,

netto 49,47 d)

39,675 „

9,795 9) = Spinnlohn.

III. Bremen notierte am i. Mai igoo	51,75	9)

Fracht und Spesen 1,5	„

15 °/0 Abfall 7,0875 „
i gereinigte Baumwolle 61,2375 c)

Garnpreis No. 20	75	$

3 °l0 Verkaufsspesen 2,25	„

netto 72,75	$

61,2375 „

11,5125 9i — Spinnlohn.

Es geht hieraus hervor, daß die Spinnerei seit 1899 mit Verlust
arbeitete; um den Betrieb aufrecht zu erhalten, wurde möglichst viel
produziert. — Folge: Überproduktion. Man kann hiernach den
Spinnern nur einen kleinen Teil der Schuld beimessen. Die Notlage
verschuldeten sie nicht selbst.

Die Gründe, weshalb die deutsche Baumwollspinnerei vorläufig
auf die Hochhaltung der Garnzölle dringen muß, liegen darin, daß
die englischen Spinnereien wesentlich billiger produzieren als die
deutschen. Anlage und Unterhaltung eines Betriebes ist in England
bedeutend billiger als in Deutschland. Da wir noch vielfach auf den
Bezug englischer Textilmaschinen angewiesen sind, entstehen uns
hohe Kosten. Man hat berechnet, daß durch die Kosten für Ver-
packung, Fracht, Zoll und Montage durchschnittlich Mehrauslagen
von 25 bis 3o°/0 entstehen1). England hat ferner nicht mit Aus-
gaben für soziale Zwecke zu rechnen und hat den Vorteil des billigen
Kohlenbezugs voraus, auch die Preise des Rohmaterials und die

1) Jahresbericht der Handels- und Gew.-K. für Oberfranken pro 1901. Bayreuth
1902, S. 66.
        <pb n="58" />
        ﻿47

Frachtkosten im Lande selbst sind gewöhnlich nicht so hoch wie in
Deutschland, weil nur kurze Entfernungen zwischen Hafen und Fabrik
zu überwinden sind. Außerdem sind die englischen Spinnereien in
der Lage, immer nur einzelne, ja manchmal nur eine einzige Nummer
zu spinnen; „auf diese Weise erzielen sie eine viel größere Produktions-
fähigkeit, sie erziehen sich für diese Nummern besonders geschickte
Arbeiter, die an und für sich schon an Leistungsfähigkeit den deutschen
Arbeitern überlegen sind. Demgegenüber sind die deutschen Spinner
gezwungen, dem Wunsche der Garn Verbraucher entsprechend alle
möglichen Nummern, Qualitäten und Aufmachungen in Schuß und
Kette zu liefern, was die Leistungsfähigkeit bedeutend vermindert“,
denn dazu gehören eine große Anzahl von Vorbereitungsmaschinen
und verschieden geschulte Arbeiter.

Der letzte und für oberflächliche Kenntnis vielleicht wichtigste
Einwand der Garnverbraucher gegen die Höhe der Garnzölle war
der, daß die Garnpreise seit 1879 derartig gesunken seien, daß der
Zoll heute relativ höher sei als damals. Der Rückgang der Garn-
preise ist aber eine Folge der Verbilligung des Rohstoffs, die gewiß
der Baumwollindustrie anderer mit uns konkurrierender Länder zum
mindesten ebenso zugute kommt wie der deutschen. Der Zoll muß also
in Beziehung gesetzt werden zu den Produktionskosten, d. h. zu den
Kosten der Arbeit, Geschäftsunkosten, Verzinsung und Amortisation
des Anlagekapitals. Erwägt man nun, daß nicht allein der Arbeits-
lohn gestiegen ist, sondern auch die Steuerlast und der Aufwand für
soziale Zwecke, so wird man zu dem Schluß kommen müssen, daß
die Produktionskosten in Deutschland, verglichen mit denen in Eng-
land, relativ sogar höher geworden sind. Es ist also hieraus keines-
falls eine Berechtigung zur Zollherabsetzung abzuleiten, eher um-
gekehrt.

Wenn nun die Spinner nicht auf Zollerhöhung drangen, sondern
nur auf Beibehaltung des bis dahin gültigen Zollsatzes, so lag darin
nach ihrer Ansicht eine Selbstbescheidung, eine Konzession im Sinne
der Solidarität der Interessen der gesamten deutschen Baumwoll-
industrie, deren einer Zweig gerade soviel Anspruch auf Schutz hat
wie der andere. Der Ansturm der Weber hatte seinen Grund in
dem an sich durchaus berechtigten Streben, die Exportquote möglichst
hoch zu halten; dabei kommt aber in Betracht, daß ein großer Teil
der Weberei-Selbständigen mit einem Minimum von Kapital arbeitet;
jede Ungunst der Konjunktur, jede Unbill der politischen Witterung
versetzt sie in tausend Ängste. Diese weit verbreitete Kategorie von
Unternehmern ist es vor allem, die die Garnzölle bekämpft. Ihre
        <pb n="59" />
        ﻿48

numerische Übermacht, bezw. die Vertretung ihrer Interessen im
Reichstag wußte denn auch die Spinner mit ihren mäßigen Wünschen
aus dem Felde zu schlagen. Die Sätze, die die Zolltarifkommission
in der zweiten Lesung festgestellt hatte, wurden schließlich, wie be-
kannt, en bloc angenommen. Es möge nunmehr die Zusammen-
stellung der Zollsätze folgen, wie sie seit 1879 bestanden und wie
sie neuerdings umgemodelt worden sind.

Zollsätze auf eindrähtige, rohe, baumwollene Garne.

Position Zoll
440 pr. 100 kg

bis No. 11 engl. \
17	■,	(

25

32

45

47

60

&lt;&gt;3

79

l

(

\

I

Bisheriger

Tarif

»

1

83

100
102
über 102

Vertrags-

Sätze

18.-

24.—

24.—

1

(

f

1

i

1

\

(

V orlage
des

Bundes rats

9

&gt;5

18

24

3°

36

42

!

Reichslags-
kommission
1. Lesung

2. Lesung.
Gesetz vom
25./12. 1902,

6.—

4-—	1 1 CO —
10.—	| 14-
14*	1 '8-
20.—	/ 2 2. —
24-—	j	28.—
3°-—	}	34 —
3f&gt;-—	40.—

Zu einer objektiven Prüfung der Garnzollfrage ist vor allem
einwandfreies, statistisches Material nötig. Das liefern die Handels-
kammerberichte nur in beschränktem Maße und, wie uns scheint, in
etwas einseitiger Weise. Andererseits muß man anerkennen, daß sie
die Garnzollfrage mit einer Sachkenntnis und mit einer Ausführlichkeit
behandeln, die man z. B. in der amtlichen Begründung zu der Zoll-
tarifvorlage1) vergeblich sucht. Das ist der Grund, weshalb wir erst
in zweiter Linie auf die Reichstagsdrucksachen als Quelle zurück-
greifen. Die „Begründung zu dem Entwurf eines Zolltarifgesetzes“
gibt von dem Entwicklungsgang der Baumwollspinnerei, von den
mancherlei Momenten, die in neuerer Zeit ungünstig auf ihn ein-
gewirkt haben, wie z. B. die Konkurrenz Englands, Österreichs und
auch der Vereinigten Staaten, nur eine schwache Vorstellung, dafür
enthält sie aber schätzbare Zusammenstellungen produktionsstatistischer
Art. Zunächst wird eine Orientierung über die inländische Garn- i)

i)	4. Anlageband zu den stenographischen Berichten über die Reichstagsverhandlungen:
zu No. 373 (A) der Drucksachen des Reichstags, 10. Legislaturperiode, II. Session, 1900
bis 1903, S. 246.
        <pb n="60" />
        ﻿49

Produktion für eine Reihe von Jahren auf Grund verschiedener
Berechnungen gegeben, daneben die Einfuhr und Ausfuhr von Baum-
wollgarn und durch Addition der Mehreinfuhr zur inländischen Pro-
duktion der inländische Konsum von Garn berechnet. Schließlich
wird dann die Einfuhr zu dem Verbrauch in Verhältnis gesetzt. Bei
der Prüfung dieser Zahlen sind mir kleine Fehler aufgefallen. Ich
will deshalb die Berechnung selbständig nach ein und demselben
Gesichtspunkt vornehmen: die Produktion berechne ich aus den vom
„Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich“ angegebenen Zahlen
für den Verbrauch von Baumwolle (Rohbaumwolle und Baumwoll-
abfälle), indem ich als Abgang zur Wattefabrikation und als Verlust
beim Spinnen 20 °/0 in Abzug bringe. Es ergibt sich folgende
Tabelle:

Im Durchschnitt des  Quinquenniums	Inländische  Produktion  (dz)	Verbrauch  (dz)	Anteil der  Einfuhr am  Verbrauch  °/  Io
1871—1875	931 120	1 096 450	19,8
1876—1880	996 390	1 085 I IO	■ 7.5
1881—1885	1218 630	1 330 300	15,0
1886—1890	1 608 370	1 750 810	12,1
1891—1895	2 019 050	2 I 15 120	8,4
1896—1900	2 418 530	2 555 i4o	9,0
speziell 1897	2 303 100l)	—	—
1901	2612 610	2 652 330	6,05
1902	2 685 too	2 726 140	(&gt;,3
1903	2 957 9°o	3 029 760	b,3

In der Zeit von 1871/75 bis 1896/1900 ist die Produktion mithin um
160% angewachsen, der Verbrauch aber nur um 133%. Berechnet
man aus den Verbrauchszahlen die Produktion von Webwaren (= ca.
95°/o des Garnverbrauchs), so steigt diese — natürlich — ebenfalls
nur um 133%. Vergleicht man damit vollends das Wachstum der
Bevölkerung des Deutschen Reiches, das nur etwa 3o°/0 beträgt, so
ist der Schluß berechtigt, daß zum mindesten in der Spinnerei die
Produktion der Nachfrage weit vorausgeeilt ist. Diese Überproduktion
kann aber, wie wir gleich sehen werden, nur die Grobgarne, etwa
bis No. 45, betreffen.

Für die Zwecke des neuen Zolltarifentwurfs war im Jahre 1897
eine industrielle Enquete unternommen worden, die recht interessante
Resultate ergab. Um gleichzeitig einen Begriff von den Werten zu

1) Diese Zahl stimmt mit der nachher angegebenen der amtlichen Produktionsstatistik
von 1897 mit noch nicht 1 °/0 Abweichung überein.

Abhandlungen d. staatsw. Seminars z. Jena, Bd. III, Heft 3.

Lochmüller, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie.
        <pb n="61" />
        ﻿5°

geben, die die gesamte Baumwollindustrie Deutschlands schafft, lasse
ich hier einen Auszug aus den vom Reichsamt des Innern im Ein-
vernehmen mit dem Wirtschaftlichen Ausschuß1) veranstalteten Pro-
duktionserhebungen von 1897 folgen, wie ihn die Beilage zu No. 45
der „Nachrichten für Handel und Industrie“ vom 10. April 1900 ent-
hält :

Erzeugung von	Menge  (kg)	Wert  (M.)
1. Baumwollgarn zum Weben		242 400 080	315 000 000
2. Baumwoll-, Näh-, Häkel- und Stickgarn		7 485 244	29198 838
3. Baumwoll web waren			448 416 560
4. Wirkwaren, Posamenten, Stickereien usw			300 829 931

Hierzu ist zu bemerken, daß die Position 1 alle Halbfabrikate
umfaßt; die Positionen 2 und 3 stellen baumwollene Fertigfabrikate
dar; unter 4 endlich sind nicht nur baumwollene Wirkwaren usw.,
sondern auch wollene und seidene zusammengefaßt. Bei der Wert-
berechnung ist die Steigerung des Wertes nicht berücksichtigt, den
ein großer Teil der Fabrikate in selbständigen Veredelungsbetrieben,
Bleichereien, Färbereien, Druckereien usw. erfahren hat; ebenso fehlen
in der Zusammenstellung die Fabrikate der Hausindustrie. Anderer-
seits muß man bedenken, daß im Garnwert der Wert der Rohbaum-
wolle, im Wert der Webereiprodukte der des Garnes steckt. Folgende
von privater Seite stammende Berechnung diene deshalb zur Ergän-
zung jener Daten: die Einfuhr von Rohbaumwolle im Jahre 1897
hatte einen Wert von 230981000 M., die Ausfuhr einen solchen von
22799000 M., folglich bleibt für die Mehreinfuhr ein Wert von
208182000 M. Der Verkaufswert der aus jener Baumwolle gefer-
tigten Garne war (s. o.) 315 Milk M., so daß an Löhnen, Produktions-
kosten, Unternehmergewinn usw. 106 818 000 M. von der Spinnerei
gezahlt wurden. Die Mehreinfuhr von Garn hatte einen Wert von
40 201 000 M., dazu jene 315 000000 M. addiert, ergibt: 355 201 000 M.
als die Summe, die als Garnwert in dem Wert der Webereiprodukte
steckt. Dieser selbst berechnet sich folgendermaßen;

Baumwoll-Näh-, Häkel- und Stickgarn...........29 198 838 M.

„	Webwaren.......................448 416 560 „

Webwaren aus Baumwolle und anderen Stoffen (1/3)	38 314 239 „

Gardinenstoffe ............................... 13 321 514 ,,

Wirkwaren (2/3)...............................94220120 „

Posamenten usw. (1/8)......................... 20 000 000 ,,

Gesamtwert 634471271 M.

1) Ihm gehören als Vertreter unserer Industrie an: Ein Spinner, zehn Spinnweber
und zehn Weber.
        <pb n="62" />
        ﻿5i

Rechnet man dazu die Werterhöhung in selbständigen Ver-
edelungsbetrieben und in der Hausindustrie, so ergibt sich als Ge-
samtwert rund 700 Mill. M., d. h. mit anderen Worten: die garnver-
brauchende Industrie zahlt an Löhnen, Produktionskosten, Unter-
nehmergewinn etc. 345 Mill. M. (700 minus 355 Milk), d. i. dreiein-
viertel mal soviel als die Spinnerei.

Speziell für Baumwollgarn, soweit es zum Weben gebraucht
wird, wurden bei Gelegenheit jener Enquete folgende Daten fest-
gestellt:

Nummer (englisch)	Produktion  (Doppelzentner)	Einfuhr in dz	Ausfuhr in dz	Verbrauch in dz	Anteil der Einfuhr am Verbrauch  in %
bis No. 17	989 721	18 791	21830	986 682	i.9
über No. 17 bis No. 45	1 303 175	142 876	15 624	1430427	10,0
»	» 45 &gt;&gt; &gt;. 60	23 299	42 331	1646	63 984	66,2
„	„ 60	■, 79	7 373	28 401	668	35	80,9
„	79	2 422	23 309	2 461	23 270	100,2
Sa.	2 325 990	255 708	42 223	2 539 469	10,07

Auch diese Tabelle bedarf vielleicht insofern einer Ergänzung,
als der Wert der einzelnen Nummergruppen noch nicht bekannt ist.
Wir können denselben nur annähernd bestimmen, indem wir die „Ein-
heitswerte“ der Handelsstatistik zugrunde legen. Wir gelangen zu
folgenden Resultaten;

Nummer (englisch)	Einheitswert pro dz	Wert der Produktion in Millionen M.
bis No. 17	130 M.	128,7
No. 18 bis No. 45	160 ,,	208,5
„ 46 „	.. 60	230 ..	5,5
„ 61 „	„ 79	320 „	2,4
über No. 79	510 ..	1,2

Daß dieses Resultat (Gesamtwert 346,3 Mill. M.) nicht mit dem
der Enquete übereinstimmt, liegt daran, daß die „Einheitswerte“ von
Sachverständigen berechnete Durchschnittswerte sind. Die absolute
Richtigkeit obiger Zahlenangaben steht dahin. Es möchte beispiels-
weise zu bezweifeln sein, daß von Garn über 79 mehr exportiert
wurde, als produziert worden ist. Es bleibt freilich die Möglichkeit,
daß von dem importierten Garn ein Teil veredelt und in dieser neuen
Gestalt wieder exportiert worden ist, denn seit 1897 wird ja der Ver-
edelungsverkehr zum Spezialhandel gerechnet. Die handelsstatistischen
Nachweise entbehren in jener Richtung noch der vollen Zuverlässig-

4*
        <pb n="63" />
        ﻿52

keit1). Immerhin geht aus der Tabelle hervor, was wir schon vorhin
andeuteten: die Überproduktion kann sich nur auf die niederen Garn-
nummern erstrecken, da bei den Nummern über No. 45 die Produktion
im Verhältnis zur Einfuhr wenig ins Gewicht fällt. Ehe wir hieraus
einen Schluß ziehen, wollen wir erst noch eine zweite, ähnliche Zu-
sammenstellung geben, die sich auf das Jahr 1900 bezieht. In der
Anlage O zu dem mündlichen Bericht der Zolltarifkommission1 2 3) findet
sich eine Ergänzung zu der zuletzt mitgeteilten Tabelle hinsichtlich
der inländischen Garnproduktion, die ich meinerseits durch die An-
gabe der Zahlen für Einfuhr, Ausfuhr und Verbrauch in der be-
kannten Weise vervollständige. (Siehe die untenstehende Tabelle.)
Diese Tabelle ist insofern nicht recht mit der vorhergehenden ver-
gleichbar, als das Jahr 1897 eine abnorme Steigerung der Garnein-
fuhr brachte, auf die schon früher (S. 43 Anmerkung 2) hingewiesen
worden ist. Diese Steigerung betraf die Nummern bis 45. Es kann
daher nicht überraschen, daß der Anteil der Einfuhr an dem Ver-

		Anteil an				Anteil der
Garnnummer	Produktion	derGesamt-	Einfuhr	Ausfuhr	V erbrauch	Einfuhr am
(englisch)	(in dz)	Produktion  0/  10	(in dz)	(in dz) :3)	(in dz)	Verbrauch  0/  Io
bis No. 17	1036 646	4°.9	2 729	29 372	1010 003	0.3
No. 18 bis No. 30 &gt;7 31 ??	&gt;&gt; 45	981824 457 242	l8,0	[ 82834	33 74°	1 488 160	5.6
„ 46 „	„	60	46854	1,8	41 43°	2 810	85 474	48,5
77	,,	f,	/9	10 448	0.4	28 146	992	37 602	74.9
„ 80 „	„ IOO  über No. 100	2 298 704	0,1  0,0	} 36298	2 421	36879	98,4
Summa	2 536 016	IOO	191 437	69335	2 658118	7.2

brauch gerade dieser Nummern verhältnismäßig so bedeutend zurück-
gegangen ist. Dagegen ist es erfreulich, daß der Anteil der Einfuhr
am Verbrauch bei den Nummern 46 bis 60 von 66,2 °/0 im Jahre
1897 auf 48,5% im Jahre 1900, bei den Nummern 61 bis 79 von
80,9°/o auf 74.9% und bei den Nummern über 79 von 100,2% auf
98,4% gesunken ist.

Zunächst ist hiernach der Schluß berechtigt, daß die deutsche
Baumwollspinnerei in den Garnen bis zu No. 45 den inneren Markt

1)	Ich behalte mir vor, an anderer Stelle den Nachweis dafür zu bringen.

2)	Aktenstück 704 b der Drucksachen des Reichstags. 10. Legislaturper., II. Sess.
1900—1903, Anlage-Band VII, S. 4892.

3)	Die Handelsstatistik behandelt bei der Einfuhr reines Baumwollgarn und Vigogne-
garn (mit Wolle gemischt) zusammen, bei der Ausfuhr jedoch getrennt; ich habe deshalb
die Ausfuhr jederPosition entsprechend (um 21,5 °/0) erhöht.
        <pb n="64" />
        ﻿53

vollkommen beherrscht. Andererseits verwendet die Weberei zur
Herstellung ihrer Produkte zum weitaus größten Teile gerade diese
Garne. Eine Zollherabsetzung für die niederen Garnnummern erscheint
deshalb nicht nur berechtigt, sondern im beiderseitiger Interesse
geradezu dringend geboten, für die Spinnerei, weil sie geeignet ist,
der Überproduktion Einhalt zu gebieten, für die Weberei, weil sie
ihre Selbstkosten erniedrigt. Die feineren Garne nun werden haupt-
sächlich zu Tüll, Spitzen und Stickereien und zu Gardinenstoffen ver-
arbeitet. Die Ausfuhr in diesen Artikeln repräsentiert einen großen
Wert, der Weberei liegt deshalb daran, die Exportmöglichkeit zu
verbessern. Solange die deutsche Feinspinnerei Garn nicht mindestens
in gleich guter Qualität und zu demselben Preise als die englische
und schweizerische liefern kann, ist die Weberei auf ausländisches
Garn angewiesen. Wie wir gesehen haben, ist nun der Prozentanteil
ausländischen Garnes an dem Verbrauch der Nummern 46 bis 60 in
verhältnismäßig kurzer Zeit ganz beträchtlich zurückgegangen, und
dies bei einem Zollsatz von 24 M. Man kann daher annehmen, daß
ein Bedürfnis nach einem Erziehungszoll im Sinne Fiedrich Lists
nicht mehr vorliegt, wenn die Einfuhr 1900 auch immer noch etwa
die Hälfte des Verbrauchs ausmachte. Rücksichtnahme auf die Export-
interessen der Weberei hat deshalb Veranlassung gegeben den Zoll
etwas zu erniedrigen. Man kann sicher annehmen, daß diese Maß-
nahme die Spinnerei nicht schädigen wird.

Etwas anderes ist es mit den höheren Garnnummern. Von einer
Beherrschung des inneren Marktes kann nicht entfernt die Rede sein;
immerhin ist die Produktion ziemlich bedeutend gestiegen, das Be-
streben der deutschen Spinnerei, dem Bedarf der Weberei an Fein-
garnen selbst gerecht zu werden, ist also unverkennbar und verdient
volle Unterstützung durch eine geeignete Zollpolitik. Andererseits
machten die Weber geltend, daß sich ihre Lage verschlimmert habe.
Die vorhandenen Produktionsmittel ständen nicht im richtigen Ver-
hältnis zu den Absatzmöglichkeiten, der Export stoße auf immer mehr
Schwierigkeiten. Namentlich die Einführung des Dingley-Tarifs von
1897 in den Vereinigten Staaten habe dem Export dorthin sehr ge-
schadet, ferner die rasche Entwicklung der Textilindustrie in bisherigen
Absatzgebieten, die Aufbietungen der Konkurrenten u. a. m. Wie
1878/79, so glaubte man auch diesmal wieder darauf hinweisen zu
müssen, daß die Weberei ca. siebenmal soviel Personen beschäftigt
als die Spinnerei und daß die Weberei schon aus sozialpolitischen
Gründen — der vielen Selbständigen und der Hausindustriellen wegen
        <pb n="65" />
        ﻿54

— mehr geschützt werden müsse als jene. Einen Ausweg aus diesem
Dilemma zu finden, war sicherlich keine leichte Aufgabe.

Am besten geeignet zu einem Kompromiß erschien schließlich
das System der Zollrückvergütung, mit dem man anderwärts gute
Erfahrungen gemacht haben wollte. Auf diese Weise, glaubte man,
würde die deutsche Feinspinnerei in kurzer Zeit in den Stand gesetzt
werden, mit der ausländischen auf dem inneren Markte erfolgreich
zu konkurrieren, und die Weberei könnte für den Export ausländisches
Garn so gut wie zollfrei beziehen, es wäre also beiden Teilen zugleich
geholfen. Es sind aber verschiedene Bedenken dagegen nicht außer
acht zu lassen. Es würde z. B. gegen die internationalen Gepflogen-
heiten verstoßen, wenn die Zollrückvergütung eine Exportprämie
würde. Wie soll aber der Nachweis geführt werden, daß in einer
gewissen Menge von Webwaren, die zur Ausfuhr angemeldet werden,
eine bestimmte Menge ausländischen Garnes enthalten ist?

In den Kreisen der Garnverbraucher, deren Mittelpunkt der
zu Beginn des Jahres 1898 gegründete „Verband deutscher Baum-
wollgarn-Konsumenten“ (Sitz: Dresden) ist, hat man sich eingehend
mit der Frage beschäftigt. Auch mit den Spinnern wurden deshalb
viele Verhandlungen gepflogen, ohne daß indessen eine Einigung er-
zielt worden wäre. Im April 1900 machte der Verband etwa folgende
Vorschläge zu einem Gesetz betreffend Garnzollrückvergütung1). Die
Rückvergütung soll auf Stoffe aus reiner Baumwolle und auf Stoffe
aus Baumwolle und aus anderen Materialien gewährt werden. Es
ist bei der Ausfuhr das Rohgewicht des zu der fertigen Ware ver-
brauchten Garns und dessen Nummer, bew. wieviel Garn jeder Nummer
in der Ware enthalten ist, zu deklarieren. Die Rückvergütung soll
dann entweder unter Annahme nur eines Satzes für einfache und
eines für mehrdrähtige Garne oder unter Bildung von Klassen bis
No. 45, 60 und über 60 unter Abstufung des zurückzugewährenden
Zolles gewährt werden. Der Identitätsnachweis, der sich bei Garn
schwer führen ließe — will man nicht den ganzen Produktions-
prozeß von Anfang bis zu Ende überwachen —fällt fort, an seine
Stelle soll das Äquivalenzprinzip treten, denn keine Firma soll in
1 oder 1 V2 Jahren mehr Zoll rückvergütet erhalten, als sie selbst in
dieser Zeit an Zoll gezahlt hat — das läßt sich ja jederzeit durch die
zollamtliche Buchführung nachweisen. Will jemand Baumwollwaren
ausführen und erhebt Anspruch auf Zollrestitution, obwohl er selbst
kein ausländisches Garn eingeführt hat — auch das soll gestattet

1)	Den Drucksachen des Verbandes entnommen. Vgl. auch J. Grunzei, System
der Handelspolitik. Leipzig 1901, S. 507 u. 508.
        <pb n="66" />
        ﻿55

sein —, so hat er die Rückvergütung durch denjenigen beantragen
zu lassen, welcher Garne verzollt eingeführt hat, d. h. dieser muß bei
seinem Einfuhramte anmelden, daß an seiner Stelle und für seine
Rechnung ein anderer Waren ausführt und entsprechende Zollrück-
vergütung erhalten soll. Die Scheine, die von jenem Einfuhramt
ausgestellt werden und zum Empfange der Rückvergütung berech-
tigen, dürfen nur auf den Namen des Einführenden und des Aus-
führenden, sowie des Fabrikanten lauten. Ein Handel oder Über-
tragung auf Dritte soll strafbar sein. Ausgeschlossen von der Rück-
vergütung sollen komplizierte Imxusartikel sein, deren Wert mehr
durch Löhne, künstliche Ausführung etc., als durch den Materialwert
bestimmt werden.

Man wird nicht behaupten können, daß durch diese Vorschläge
alle Bedenken beseitigt würden. Schon die Aufgabe des Identitäts-
nachweises würde eine langwierige und scharfe zollamtliche Kontrolle
nach sich ziehen. Noch mehr aber müßte dies der Fall sein, wenn
jener Vorschlag, nach dem jemand mit Anspruch auf Rückvergütung
ausführen darf, auch wenn er keine Garne verzollt eingeführt hat,
Gesetz würde. Ursprünglich dachte man bei diesem Vorschlag etwa
an folgenden einfachen Fall: A führt aus England Garn ein und
verarbeitet es roh, gibt die halbfertige Ware an B weiter, der die-
selbe färbt, appretiert usw., und läßt sie für seine Rechnung gleich-
zeitig durch B oder eine Mittelsperson C exportieren. Dagegen wäre
nichts einzuwenden. Aber die Sache kann auch so liegen, daß der
Zollschutz für die deutsche Feinspinnerei vollkommen illusorisch ge-
macht werden würde. Denn es ist folgender Fall sehr gut denkbar:
Der Importeur verarbeitet das ausländische Feingarn — nach dem früher
Gesagten käme für die Rückvergütung nur Garn über No. 63 bis 102
und über No. 102 in Betracht — selbst und verkauft die fertige Ware im
Inland, ebenso verkauft er seinen Einfuhrschein, der dem Exporteur
das Recht auf Zollrückzahlung gibt, sagen wir einmal für die Hälfte
des Betrages, den dieser zurückgezahlt erhält. Der Exporteur da-
gegen verkauft seine Ware, in der keine Faser ausländisches Garn
enthalten ist, an das Ausland, er bezieht also Garn aus dem Inland
ebenso billig und gut, als er es aus dem Auslande beziehen könnte
(falls der Zoll den Unterschied in den Produktionskosten ausgleicht)
und erhält dafür noch ein versteckte Ausfuhrprämie. Importeur und
Exporteur teilen sich also in die Zollrückvergütung, und ersterer
kann sich dabei für seine Ware, trotzdem sie aus ausländischem Garn
hergestellt ist, auf dem Binnenmärkte mit billigerem Preise begnügen
als der Konkurrent.
        <pb n="67" />
        ﻿56

Eine Zollrückvergütung für Baumwollgarne kennt man Bisher
in Frankreich, Italien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika.
In Frankreich wird der Zoll bei der Ausfuhr von Geweben, Tüll,
Spitzen usw. zu 6o°/o zurückerstattet und zwar nach vier Nummer-
gruppen 4). Am weitherzigsten ist die Union, das Land des Hoch-
schutzzolles2). Sie gewährt den Zoll abzüglich i °/0 zurück, wenn der
Exporteur eidlich erklärt, daß die Ware aus importiertem Garn her-
gestellt, daß die Ware in den Vereinigten Staaten fabriziert wurde
und tatsächlich zur Ausfuhr gelangt ist. Man will in Amerika mit
diesem System bisher gute Erfahrungen gemacht haben. In Deutsch-
land ist aber vorläufig nicht daran zu denken, daß dem Kaufmann
ein so weitgehendes Vertrauen entgegengebracht wird. Die Zoll-
kontrolle würde im Gegenteil bedeutend verschärft und mit solchen
Weitläufigkeiten verbunden werden, daß man, um dem aus dem Wege
zu gehen, vielfach gar keinen Gebrauch von der Vergünstigung
machen würde. In dieser Erkenntnis wurden denn auch in dem er-
wähnten Verbände Stimmen dafür laut, daß die Zollrückerstattung
für die Garn Verbraucher zwar nützlich, aber praktisch nicht durch-
führbar sei, besser sei eine Zollherabsetzung3).

Und tatsächlich bringen die neuen Handelsverträge, die ja
unser handelspolitisches Verhältnis zu den meisten Staaten bestimmen,
eine mäßige Herabminderung einiger Zollsätze des autonomen Tarifs.
Der Zoll auf Garn über No. 63 bis No, 83 englisch ist von 28 auf
25 M. und der auf Garn über No. 83 bis No. 102 von 34 auf 28 M.
erniedrigt worden. Alle anderen Sätze bleiben dagegen bestehen,
auch der Zoll von 40 M. auf Garn über No. 102.

Damit hat man sowohl der Feinspinnerei als auch der Weberei
Entgegenkommen gezeigt. Von seiten der letzteren gestand man
schon nach der zweiten Lesung: „Es gibt wenig Industrien, die mit
dem Ausgang der zollpolitischen Arbeiten derart in ihren berechtigten
Ansprüchen zufriedengestellt wären wie gerade die baumwollgarnver-
brauchende“4). Aber auch die Spinnerei kann recht zufrieden sein
und getrost der Zukunft entgegensehen.

1)	J. Grunzei a. a. O. S. 506.

2)	Vgl. hierüber wie über die ganze Frage: Dr. Etienne und Dr. Vosberg-Rekow,
Zollrückvergütung. Schriften der Zentralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen 1903,
H. 22. Darin ist auch die wichtige Frage des etwaigen Zollausfalls behandelt. Ferner
F. Lusensky, Der zollfreie Veredelungsverkehr. Berlin 1903.

3)	Zeitschrift für die gesamte Textilindustrie (Leipzig) vom 13. April 1899, S. 415.

4)	Drucksache des Verbandes deutscher Baumwollgarnkonsumenten v. 23. Dez. 1902.
        <pb n="68" />
        ﻿57

Kapitel VII.

Die Ereignisse auf dem Baumwollmarkt.

Nächst der Zolltarif Vorlage nahm in jüngster Zeit die eigen-
artige Verfassung der Rohstoffmärkte in Amerika die Aufmerksam-
keit der Baumwollindustriellen in Anspruch.

Wenn man bisher geglaubt hat, daß die Baumwollpreise an der
Börse in Liverpool gemacht werden, so haben die jüngsten Ereig-
nisse auf dem Baumwollmarkt erst in New-Orleans, dann in New-
York uns eines besseren belehrt. Die Union ist das erste Baum-
wolle produzierende Land, sie allein liefert mehr als die Hälfte der
für die Baumwollindustrie der Welt verfügbaren Baumwolle. Ihre
Baumwollindustrie ist nächst der englischen die bedeutendste, ist aber
in schnellerem Wachstum begriffen als diese. Es ist daher wohl er-
klärlich, daß der Schwerpunkt des Baumwollhandels nach Nord-
amerika gerückt ist. Die Organisation des New-Yorker Baumwoll-
handels, der in „future-deli ver}^“-Geschäften, d. h. im Terminhandel,
gipfelt, ermöglicht eine ausgedehnte Spekulation in Baumwolle. Das
sollten unsere Spinner zu ihrem Schaden sowohl Ende des Jahres 1900
als auch Ende 1903 und am schlimmsten Anfang 1904 merken. Es
hatten sich nämlich, veranlaßt durch die hinter den Vorjahren zurück-
bleibenden Ernteerträge der Saison 1899/1900 bezw. 1903/1904 und
— was schlimmer ist — durch das Zurückbleiben der Baumwoll-
ernten gegenüber dem Konsum, verschiedene kapitalkräftige Leute,
die dem eigentlichen Baumwollgeschäft fern standen, zusammengetan,
um an den beiden größten amerikanischen Baumwollbörsen eine
künstliche Hausse zu inszenieren. Die Aktionen dieser Baumwoll-
Corners endeten zwar im Frühjahr 1904 mit dem Bankerott des
Führers der Haussepartei, des Mr. Daniel Sully; die Spinner aller
Länder aber, die amerikanische Baumwolle verspinnen, mußten jene
Machenschaften mit Verlusten bezahlen, die sich in Deutschland auf
60 Milk M. belaufen sollen.

Wenn durch diese Geschehnisse die Abhängigkeit von Nord-
amerika eklatant geworden ist, so war sie doch auch schon vorher
vorhanden, eben weil sich alle Käufer von Baumwolle auf die Nach-
richten verlassen müssen, die das Agrikulturbureau in Washington
in bestimmten Zwischenräumen ausgibt über die Größe der Produktions-
flächen, den Saatenstand, die Witterungsverhältnisse, die Ernte-
bewegung, die sichtbaren Vorräte, die Verschiffungen etc. etc. Die
        <pb n="69" />
        ﻿5»	-

wichtigsten Angaben betreffen die Größe der Anbaufläche, ferner den
Erntestand und die Bewegung der Ernte zum Markt. Die beiden
letzten Daten werden in Prozentzahlen gegeben dergestalt, daß für
den Erntestand eine gewisse Durchschnittsbeschaffenheit der Baum-
wollpflanzen als Norm gilt, der die Ziffer 100 beigelegt wird, während
niedrigere Ziffern einen Abfall der Beschaffenheit gegenüber dieser
Norm zum Ausdruck bringen. Die Bewegung der Ernte zum Markt
ist jedes Jahr eine überraschend gleichmäßige. Das Erntejahr be-
ginnt am i. September, und es kommen im Durchschnitt etwa 7 °/o
der Ernte noch in demselben Monat zum Markt, bis Ende Dezember
sind schon über 1 2/3 der Jahresernte auf den Markt gebracht und bis
Ende Februar ca. 87,5 °/0, dann geht es langsamer weiter1). Ob
M. B. Hammonds Behauptung, daß man auf Grund dieser Kenntnis
nach den ersten 2—3 Monaten sehr bestimmt („very closely“) sagen
könne, wie die Ernte für das ganze Jahr ausfallen werde2), so unbe-
dingt richtig ist, bleibe dahingestellt. Eine solche Folgerung läßt
sich jedenfalls aus den Zahlen für den Erntestand viel eher ziehen.
Einen typischen Bericht des Agricultural-Bureau in Washington
gibt z. B. der Wochenbericht der Firma Scheffer &amp; Drascher in
Hamburg vom 8. Oktober 1904;

	1904	1903	1902	1901	1900
Anbaufläche (acres)	31 730 000	28 907 000	28 878 000	27 532 000	25 421 000
Erntestand i. Juni	83	74Ü	95ü	81,5	82,5
in °/0	1. August .	.	91,6	79Ü	81,9  64	77,2	76
1. September .	84,t	81,2		7i,4	68,2
1. Oktober	75-8	65,1	58,3	61,4	67
Ernteergebnis (Ballen)	?	IO 400 OOO	10 800 000	IO 701 OOO	10 425 OOO
Höchster Preis f. Midd-					
ling (Pf.)	....	?	68	5°Vs	52	69
niedrigster Preis f. Midd-					
ling (Pf.)	....	?	45	4i	39	41

Es kommt viel darauf an, daß sich die Händler und Spinner
auf diese Zahlen verlassen können. Nun hatte man schon 1903 davon
gemunkelt, daß vielleicht einige Dunkelmänner auf die entscheidenden
Stellen in Washington einen bestimmten Einfluß ausübten, eine Ver-
mutung, die — so ungeheuerlich sie auch klingt — in den mannigfach
geschilderten Zuständen im „Lande der Zukunft“ einen Rückhalt fand.
Infolge der Bemühungen der Cotton Planters Association ist es im
Jahre 1905 tatsächlich gelungen nachzuweisen, daß der rollende Dollar
sein Werk getan hat. Die New-Yorker Staatszeitung berichtete am
8. Juli igo53) über das Resultat der eingeleiteten Untersuchung: Der

1)	M. B. Hammond, The Cotton Industry, p. 293.

2)	Ebendaselbst.

3)	Sonntagsblatt der New-Yorker Staats-Zeitung, 9. Juli 1905, S. 31.
        <pb n="70" />
        ﻿59

Hilfsstatistiker Edwin S. Holmes habe sich des Verrats des amtlichen
Berichts schuldig gemacht, indem er im voraus Mitteilungen bezüglich
des Ernteberichts an New-Yorker Makler habe gelangen lassen. Speziell
teilt sie folgendes mit: „Van Riper (ein Makler) traf mit Haas (dem
Vermittler zwischen Holmes und Van Riper) im Hotel Waldorf zu-
sammen und erhielt beispielsweise dort die Mitteilung für den Monat
Juni d. J., der Stand der Baumwolle werde mit 75 % bezeichnet
werden, und man werde konstatieren, daß die Anbaufläche der Baum-
wolle gegen das Vorjahr um 12 lft oder 13% zurückgegangen sei.
Nach diesen Mitteilungen . . . teilte Haas Van Riper mit, er werde
nach Washington gehen und sehen, ob er nicht veranlassen könne,
daß man den Prozentsatz etwas höher und die Anbaufläche etwas
geringer angebe, damit der Bericht für Baissiers etwas gün-
stiger laute. Tatsächlich fiel der amtliche Bericht auch etwas mehr
in diesem Sinne aus“. Van Riper selbst gestand ein, daß, nachdem
er am 1. Juni die mitgeteilte Information erhalten hatte, schleunigst
ein Mittelsmann nach Washington gefahren sei, um dafür zu sorgen,
daß die Zahlen etwas „gedehnt“ würden. Am Morgen des 3. Juni
habe dieser gemeldet, daß es ihm gelungen sei, die Schätzung des
Erntestandes auf 77% heraufzubringen, die Ackerfläche aber auf eine
Reduktion von 11°/0, was als günstig für die Baisse konstatiert
werden könnte. — Präsident Roosevelt selbst wandte der Sache
seine besondere Aufmerksamkeit zu und drang auf strenge Bestrafung
der Schuldigen. Auch wird, um Ähnliches in Zukunft unmöglich zu
machen, von nun an ein anderes Verfahren im Statistischen Bureau
des Ackerbau-Departements zur Anwendung gelangen. Jedenfalls
weist der Vorfall nachdrücklich auf die große Gefahr der Abhängigkeit
von Nordamerika hin.

Es fällt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, das System der
„future dclivery“-Geschäfte eingehend zu besprechen. Es ist schon
so viel über Wesen und Form, Vor- und Nachteile des Terminhandels
geschrieben worden, daß ich mich füglich mit einem Hinweis auf die
Literatur begnügen kann1). Sonndorfer3) gibt folgende Definition 1 2

1)	Ich nenne vor allem A. Bayerdörffer, Der Kaffee- bezw. der Zuckertermin-
handel. Conrads Jahrbücher 1891, Bd. I, 3. Folge, S. 648 ff. bezw. S. 586 ff. C.J. Fuchs,
Der Warenterminhandel, seine Technik und volkswirtschaftliche Bedeutung. SchmoIlers
Jahrbuch 1891, Bd. XV, S. 52 ff. R. Sonndorfer, Die Technik des Welthandels. Wien
und Leipzig 1889, S. 19 ff. Die präziseste Darstellung des Terminhandels gibt Wermert,
Börse, Börsengesetz und Börsengeschäfte, S. 200ff. Vgl. ferner noch G. Cohn, Über das
Börsenspiel, Schmollers Jahrb. 1895, Bd. XIX, S. 29fr.

2)	A. a. O. S. 22.

s
        <pb n="71" />
        ﻿6o

des Warenterminhandels: „Börsentermingeschäfte in Waren sind solche
Zeitgeschäfte, für die durch die Usancen des betreffenden Platzes im
voraus derart gleichartige Vertragsabschließungsbedingungen fest-
gesetzt sind, daß lediglich durch die Normierung des Preises der
Einzelvertrag perfekt wird und diese so geschaffene Fungibilität der
Verträge es dem Käufer bezw. Verkäufer ermöglicht, bei der Ab-
wicklung sie in der Regel, je nach Wahl, in ein Lieferungsgeschäft
effektiver Ware oder in ein reines Differenzgeschäft zu verwandeln.“
Der eigentlichen Natur nach ist das Termingeschäft von dem Differenz-
geschäft grundverschieden, denn das Termingeschäft stellt einen Kauf-
vertrag dar, und das Differenzgeschäft ist „ein Vertrag sui generis,
der alternativ nur zu einer einseitigen Leistung verpflichtet, ohne
Gegenleistung von der anderen Seite“1). Weder beim Termingeschäft,
noch beim Differenzgeschaft ist eine effektive Lieferung der Ware
ausgeschlossen, aber tatsächlich übertreffen die bloßen Differenz-
zahlungen die effektiven Warenlieferungen, namentlich in Amerika,
um ein Vielfaches, z. B. verhielt sich1 2) im Jahre 1892/93 die Pro-
duktion zu dem Umsatz an der Baumwollbörse in New-York wie
1 zu 9. Die Differenzgeschäfte sind überhaupt nur möglich, wenn
eine ganze Reihe von Käufern bezw. Verkäufern Kontrakte über
dieselbe Menge und auf denselben Termin abgeschlossen hat, diese
bilden dann einen sogenannten Ring. Ist nun die Nachfrage be-
sonders groß, weil die Nachrichten über die künftige Ernte ungünstige
sind, so kann ein kapitalkräftiger Ring oder Corner die Preise für
Termine sowohl wie für Prompt Verkäufe, die durch jene beeinflußt
werden, kolossal in die Höhe schrauben. Der Corner muß zu-
sammenbrechen, sobald die Nachfrage nachläßt. Tatsächlich wurde
denn auch der Bankerott der Herren Brown, Sully und Genossen
durch eine einmütig durchgeführte Betriebseinschränkung der Spinner
Englands herbeigeführt.

Ein Steigen der Baumwollpreise kommt gewöhnlich, wenn es
sich in mäßigen Grenzen hält und vor allen Dingen, wenn es ohne
Schwankungen geschieht, den Spinnern sowohl wie den Webern zu-
nächst zustatten, denn die Konsumenten erwarten weitere Preis-
steigerungen und versehen sich daher mit Vorräten über den Bedarf
hinaus. Gehen dann die Preise wieder zurück, so fallen die Garn-
und Gewebepreise fast regelmäßig in stärkerem Maße, so daß viel-
fach mit Verlust gearbeitet oder der Betrieb eingeschränkt werden
muß. Denn als erschwerender Umstand kommt in Betracht, daß die

1)	Wermert a. a. O. S. 388 f.

2)	Ebenda S. 228.
        <pb n="72" />
        ﻿deutschen Spinner nicht wie die englischen jederzeit Baumwolle kaufen
können. Da die Sitze der Baum Wollindustrie von Bremen und
Hamburg, den beiden deutschen Märkten für Baumwolle, weit ent-
fernt sind, sind die Spinner genötigt, Vorräte zu halten. Sie werden
aber ihre Einkäufe vergrößern, wenn sie glauben, daß sich steigende
Tendenz in der Preisbewegung bemerkbar macht. Beim Sinken der
Preise haben sie also unter Umständen doppelten Verlust, einmal
durch die Wert Verminderung des Rohstoffvorrates und zweitens durch
den schleppenden Garnabsatz. Betrachten wir die beigegebene gra-
phische Darstellung der Baumwoll- und Garnpreise, so springt dies
Verhältnis sogleich in die Augen. Zugleich ist daraus zu ersehen,
wie sich der Abstand zwischen Rohstoff- und Garnpreisen merklich
verringert, der Wert des Rohstoffs, der im Preise des Fabrikats zum
Ausdruck kommt, macht also einen immer größeren Prozentsatz des-
selben aus. Wir können das auch zahlenmäßig belegen: 1870 be-
trugen die Produktionskosten von 1 kg Garn Nr. 28 des französischen
(metrischen) Systems = Nr. 33 englisch am Oberrhein 88 Centimes1)
= 70,4 Pfennig. Für das Jahr 1902 berechnet ein Augsburger In-
dustrieller dieselben für Nr. 20 englisch auf 32 Pfennig und für
Nr. 36 Zettelgarn auf 53 Pfennig1 2). — Der Verkauf der Garne ge-
schieht meist im Großhandel börsenmäßig; dabei geht das Bestreben
der Garnproduzenten natürlich dahin, sich soweit als möglich mit
Aufträgen zu versehen, d. h. sie werden danach trachten, Kontrakte
auf Lieferung (sechs oder noch mehr Monate Lieferungsfrist) abzu-
schließen. Nun ist es Sache ihres kaufmännischen Geschicks die
nötige Rohbaumwolle zu den günstigsten Bedingungen einzukaufen.
Da der einzelne selten über soviel Routine verfügen wird, daß er
aus jeder Meldung des Aglrikultur-Departments in Washington
zu erkennen vermag, was er im gegebenen Augenblick zu tun hat,
zu kaufen oder nicht, so sind die deutschen Spinner in ihrer Gesamtheit
Mitglieder der Bremer Baumwollbörse geworden; deren vorzügliche
Organisation3) und deren Nachrichtendienst, der neuerdings durch die
eigene deutsche Kabelverbindung mit Nordamerika noch eine wesent-
liche Verbesserung erfahren hat, machen sie ziemlich unabhängig von
Liverpool, New-York und Orleans. Aber der Spinner ist nun
einmal darauf angewiesen, die Ware im Wege des Zeithandels, also
des Lieferungs- oder Terminhandels, zu kaufen, er steht deshalb auch
dem Terminhandel an sich nicht feindlich gegenüber, nur protestiert

1)	R. Jannasch, a. a. O. S. 304.

2)	Jahresbericht der Handels- u. Gewerbekammer für Schwaben u. Neuburg 1902,5. 173.

3)	S. Anlage.
        <pb n="73" />
        ﻿62

er gegen die Spekulation der „Outsiders“. In Bremen gibt es de facto
keinen Terminhandel mehr seit dem April 1894, aber eine solche
planmäßig mit großen Geldmitteln ins Werk gesetzte künstliche Auf-
wärtstreiberei der Preise, wie sie Sully und seine Gefolgschaft in
New-York ermöglichen konnten, muß überall eine Panik verursachen.
Wir sehen denn auch die Preise in Bremen ganz bedeutend in die
Höhe schnellen. Das normale Preisniveau war seit Jahren etwa 40
bis 45 Pfg. pro Pfd. gewesen. Im Jahre 1900 stieg der Preis aber
zeitweilig, im September auf 61,24 Pfg- für Middling Upland,
Ende Dezember 1903 war der Preis wiederum auf 69,5 Pfg. ge-
stiegen, und er stieg weiter, bis er am 2. Februar 1904 den Höhe-
punkt mit 85,25 Pfg. pro 1/i kg erreichte. Von da an gingen die
Preise langsam, aber unter fortwährenden Schwankungen zurück,
blieben aber noch lange außergewöhnlich hoch. Bei dieser Sach-
lage ist eine richtige Berechnung, ein sicherer Einkauf schwer mög-
lich, die Industrie kommt also durch die Abhängigkeit von Amerika
in eine ganz prekäre Lage.

Das Mißverhältnis zwischen den Preisen kann bestehen zwischen
Rohbaumwolle und Garn, ebensogut aber auch zwischen Garn und
Gewebe, ein Gesetz läßt sich nicht erkennen. Jeder der drei Zweige
der Baumwollindustrie, die Spinnerei, die Weberei und die Veredelung,
ist ja gewiß von den beiden andern abhängig, aber jeder produziert
doch selbständig, geht seine eigenen Wege, am wenigsten freilich die
Druckerei, Färberei, Appretur, diese spielen mehr die Rolle einer
Lohnindustrie. Kurzum, die Preisbildung unterliegt in jedem Industrie-
zweig eigenen Gesetzen, die allerdings unter Umständen teilweise
oder sogar ganz die gleichen sein können. Um die Preisbewegung
seit 1879 verfolgen zu können, ist auf Grund der in den „Viertel-
jahrsheften zur Statistik des Deutschen Reichs“ seit eben jenem Jahre
regelmäßig veröffentlichten „Großhandelspreise wichtiger Waren an
deutschen Plätzen“ ebenso wie für Baumwollgarn auch für Baumwoll-
tücher (Kattun) eine graphische Darstellung gegeben. Wir können
beide Darstellungen daraufhin vergleichen, wie sich die Marge, d. h.
die Differenz zwischen Rohstoff- und Garnpreis einerseits und zwischen
Garn- und Kattunpreis andererseits, entwickelt hat. Die Typen sind
so gewählt, daß sie einander entsprechen; allerdings muß darauf hin-
gewiesen werden, daß infolge der zunehmenden Verschlechterung der
ostindischen Baumwolle, über die allgemein geklagt wird, vielfach
die Sorte „Good Oomrawuttee II“ schon nicht mehr zur Herstellung
von Garn No. 20 genügt. Vergleicht man die Linienzüge für die
verschiedenen Margen, so fallen die scharfen Ecken auf, die namentlich
        <pb n="74" />
        ﻿63

bei der Marge zwischen Garn- und Kattunpreisen markant sind.
Diejenigen Punkte der Linienzüge, die im Vergleich zu den beiden
benachbarten Tiefpunkte darstellen, seien als Minima bezeichnet, die-
jenigen dagegen, die im Vergleich zu den beiden Nachbarpunkten
höchste Stellen sind, Maxima. Nennen wir noch der Kürze halber
die Marge zwischen Middling Upland-Baumwolle und Garn No. 36/42:
„Marge I“, diejenige zwischen Good Oomrawuttee II und Garn No. 20/20:
„Marge II“ und schließlich die zwischen Garn No. 36/42 und Kattun
19/18-fadig: „Marge III“, so erhalten wir folgendes Schema;

	Ein	Minimum trat ein	in den Jahren			
für Marge I	•	884	•	1886	•	1889	■	1892			1902
„	„ n		00  00  tya	1892	■	1899	1901/02	
„	„ in	1880 1883	•	1888	■ 1891	•	1897	•	1901	
	Ein	Maximum trat ein	in den Jahren			
für Marge I	■	1883	00  00  Lrx  OO  00  M  OO  OO	1890	1895	•		
„	11	■	1883	I	889	•	1895	•	1900	1903
„ in	1882	•	■	1886	1890 1892	1895	.	1900	1903

Berücksichtigt man, daß die Marge III nur mit Marge I ver-
glichen werden kann, so ergibt sich, daß für Spinnerei und Weberei
zugleich nur zweimal (1890 und 1895) derselbe Fall eintrat, nämlich
ein Maximum. Für die Spinnerei allein (Marge I und Marge II)
waren die Jahre 1892 und 1902 ungünstig, die Jahre 1883 und 1895
günstig. Das Jahr 1883 war für die Weberei im Gegensatz dazu ein
schlechtes. Gleichzeitig erkennen wir, daß die Baumwollpreise sich
auf einem Minimum befanden. Aber nicht etwa der relativen Billig-
keit der Baumwolle hat die Spinnerei die guten Resultate zu ver-
danken, sondern den geringen Schwankungen der Baumwollpreise im
Laufe des Jahres: Middling Upland kostete pro too kg in Bremen
während des Jahres 1883 im Januar 109,6 M., der Preis fiel bis Mitte
Juli auf 105,4 M., stieg bis Oktober auf 113,12 M., um sich ungefähr
auf dieser Höhe bis zum Jahresschluß zu halten. —- Eine so geringe
Differenz zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Preise inner-
halb eines Jahres ist äußerst selten. — Auf diese Weise konnte sich
die Spinnerei für ihre Aufträge stets gut und billig „eindecken“. Der
Konsument von Webwaren dagegen erwartete auf Grund von Nach-
richten über eine neue Riesenernte in den Vereinigten Staaten ein
weiteres Fallen der Preise und ging deshalb mit Einkäufen behutsam
vor, so daß das Angebot seitens der Weber größer war als die Nach-
frage; es kam aber als ungünstiges Moment noch hinzu, daß die
        <pb n="75" />
        ﻿64

Mode mehr die ganz groben Gewebe vorzog. 1886 haben wir, ob-
wohl die Preisschwankungen der Baumwolle noch geringer waren
als 1883, das Widerspiel dazu. Eigentlich sollte man dieselbe Kon-
stellation erwarten, wie sie 1883 vorhanden war, denn auch der Durch-
schnittspreis der Baumwolle befand sich wieder auf einem Minimum.
Daß dem nicht so war, hatte seinen Grund in der englischen Spinnerei-
Überproduktion. Die Engländer verkauften ihre Garne Frühjahr und
Sommer hindurch zu niedrigen Preisen in Deutschland und zwangen
dadurch die deutschen Spinner, noch geringere Preise zu verlangen.
Die Weberei zog, da die Mode dem Absatz äußerst günstig war,
ihren Vorteil daraus. Auch 1892 ist für die Spinnerei ein äußerst
ungünstiges, für die Weberei ein äußerst günstiges Jahr. Diesmal
war es aber die eigene Überproduktion von Garnen und das Nicht-
zustandekommen einer einheitlichen Betriebseinschränkung, die den
Spinnern Verlust brachte. Auch die Erwartung einer neuen Riesen-
ernte im Jahre 1892/93 und damit noch billigerer Preise trug- einen
Teil der Schuld. Die Jahre 1890 und 1895 konnten für die Spinnerei
und die Weberei zugleich so günstige Resultate ergeben, weil die
Spinner das Jahr mit sehr billigen Baumwollvorräten vom Jahre vor-
her antreten und sich in der ersten Hälfte des Jahres noch ebenso
billig mit weiteren Vorräten versehen konnten und die Weber durch
die Mode und die anhaltend günstige Witterung guten Absatz hatten.
Über das Jahr 1902, das für die ganze Spinnerei ein Minimum in
der Marge brachte, warf die Unsicherheit in den Zollverhältnissen
seine Schatten. Die Baumwollproduktion hatte gegenüber dem ge-
steigerten Konsum in den letzten Jahren keine Überschüsse mehr ge-
liefert, die Spinnereien in den Südstaaten der Union legten immer
mehr Beschlag auf einen großen Teil der amerikanischen Ernte, so
daß nicht nur das Niveau der Baumwollpreise hoch blieb, sondern
auch die Spekulation zum Eingreifen veranlaßt wurde, was ziemlich
bedeutende Preisschwankungen zur Folge hatte. Vom Beginn des
Frühjahrs an rechnete man mit einer ausnahmsweise großen Ernte,
daher fielen die Preise im Terminhandel unausgesetzt bis über die
Mitte des Jahres hinaus; der Konsum verhielt sich daher sehr zurück-
haltend und die Spinnerei mußte Absatz um jeden Preis erzwingen.
Gegen Ende des Jahres trieben schlechte Erntenachrichten die Preise
wieder in die Höhe.

Wir sehen, die Rentabilität der Spinnerei hängt sehr von der
Preisbewegung der Rohbaumwolle ab, die der Weberei stützt sich
mehr auf die Mode und die Witterung. Aber rapides Sinken und
Steigen der Rohstoffpreise drückt gewöhnlich den Preis von Garnen
        <pb n="76" />
        ﻿6,5

9

und Geweben auch herunter bezw. hinauf, und zwar in stärkerem
Maße. Um das erkennen zu können, muß man schon die Preis-
bewegung innerhalb eines Jahres studieren und dabei auch das Ver-
hältnis der Preislinie zur Durchschnittslinie im Auge behalten.

Die Darstellung der Garn- und Rohstoffpreise läßt — worauf
schon früher hingewiesen wurde — bei flüchtiger Betrachtung be-
sonders eins erkennen: die Marge hat, wenn man von einem oder
zwei Ausnahmejahren absieht, beständig sinkende Tendenz. Von 1880
bis 1902 ist sie beispielsweise gefallen bei Garn No. 36/42 von 85
auf 5q Pfennige und bei Garn No. 20/20 von 67 auf 59 Pfennige.
Diese letzte Ziffer würde noch niedriger ausfallen, wenn der Garn-
preis zu einer besseren Baumwollsorte, etwa „Fully good Oomra“, in
Beziehung gesetzt würde. Da zu den Preisen für Baumwolle loko
Bremen noch Fracht und Spesen bis zur Spinnerei hinzukommen,
außerdem auf mindestens 12 °/o Abgang gerechnet werden muß, so
kommt die Baumwolle dem Spinner tatsächlich um etwa 15% teurer
zu stehen, als aus der Darstellung ersichtlich. Das Sinken des Fa-
brikationsgewinnes ist also recht bedenklicher Natur. Den größten
Druck auf die Preisbildung übt, wie wir gesehen haben, die Haltung
der Rohstoffmärkte und dann die unbeschränkt fortwuchernde Über-
produktion aus. Eine gewisse Konstanz der Preise ist, wenn über-
haupt, nur mittelst einer Übereinkunft der interessierten Kreise zu
erreichen.

Daß solche Vereinbarungen schon recht frühzeitig geschlossen
wurden, wird das nächste Kapitel lehren.

Kapitel VIII.

Organisationsbestrebungen. Arbeiterverhältnisse.

Bei einer früheren Gelegenheit (S. 11) konnten wir erwähnen,
daß bereits 1772 die Innung der Baumwollwarenhändler Plauens mit
einigen Innungsverwandten des Vogtlandes eine Art Preiskonven-
tion zur Festsetzung von Minimalpreisen abschloß, um einer unbe-
rechtigten Preisdrückerei zu wehren. Es war das ein Akt der Selbst-
hilfe, wie ihn erst die Gegenwart wieder häufiger vor unseren Blicken
entrollt. Das hängt damit zusammen, daß inzwischen die Formen
des wirtschaftlichen Lebens andere geworden sind. Die Produktion

Abhandlungen d. staatsw. Seminars z. Jena, Bd. III, lieft 3.	0

Lochmüller, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie,
        <pb n="77" />
        ﻿66

ist aus dem Rahmen des Handwerks herausgetreten und eine fabrik-
mäßige geworden. Mit der Auflösung der alten Innungen ging auch
der Zusammenhang verloren, den die Angehörigen desselben Ge-
werbes zu ihrem Vorteil bis dahin gehabt hatten. Erst äußere Um-
stände mißlicher Art führten wieder einen Zusammenschluß herbei,
dessen Wesen allerdings ein durchaus modernes Gepräge trägt.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gewannen die Be-
strebungen der sächsischen Spinner, die englische Konkurrenz zu
unterdrücken, festere Form in der Gestalt des im Jahre 1846 ge-
gründeten „Vereins sächsischer Spinnerei-Besitzer“. Derselbe besteht
noch heute, umfaßt wohl sämtliche Baumwollspinnereien, Zwirnereien
und Nähfadenfabriken Sachsens und zählte 1902 53 Mitglieder mit
17000 Arbeitern1). Diese Vereinigung blieb für lange Zeit hinaus
die einzige derartige Organisation. 1869 bezw. 1870 folgten, ver-
anlaßt durch die Not der sechziger Jahre, die Baumwollindustriellen
des Elsaß bezw. Bayerns und Württembergs jenem Beispiel. Die
einen schlossen sich zu dem „Elsässischen Industriellen Syndikat“ zu-
sammen, das alsbald der Sammelpunkt für alle hochschutzzöllnerischen
Bestrebungen wurde, die andern zu dem „Verein süddeutscher Baum-
woll-Industrieller“, der nicht nur auf zollpolitischem Gebiete, sondern
auch in bezug auf die Hebung des deutschen Baumwollhandels und
der deutschen Baumwollindustrie eine überaus rege Tätigkeit ent-
faltete. 1903 zählte dieser letzte Verband 88 Mitglieder mit nahezu
50000 Arbeitern, 2301 476 Spindeln und 41 078 Webstühlen1 2). Wieder
nach einer Reihe von Jahren, nämlich 1887, trat der „Verband rhei-
nisch-westfälischer Baumwollspinner“ ins Leben, der 1902 45 Mit-
glieder mit 14000 Arbeitern hatte.

Das grundlegende Prinzip aller dieser Verbände war eine Eini-
gung über die Verkaufsbedingungen, die Erkenntnis der Solidarität
der Interessen und in gewissem Sinne die- zwingende Not der Ver-
hältnisse waren der zusammenhaltende Kitt. Bevor z. B. der zuletzt
angeführte Verband bestand, machte sich der einzelne Spinner eine
falsche Vorstellung von den vorhandenen Garnvorräten und der
Nachfrage, er glaubte am klügsten zu handeln, wenn er für seine
Person soviel als möglich losschlug, mochte der Erlös seine Unkosten
decken oder nicht. Durch den Zusammenschluß wurde er eines
besseren belehrt; es ergab sich rechnungsmäßig, daß der Vorrat an

1)	Verzeichnis der im Deutschen Reiche bestehenden Vereine gewerblicher Unter-
nehmer zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen. Zusammengestellt im Reichsamt des
Innern. Berlin 1903, S. 234.

2)	Jahresbericht des Verbandes 1903.
        <pb n="78" />
        ﻿6?

unverkauften Garnen unter den Verbandsmitgliedern verschwindend
klein, die Versorgung mit Bestellungen dagegen ausreichend war,
um neue Verkäufe eine Zeitlang entbehren zu können. Durch ge-
meinsames Vorgehen gelang es, die Notierungen für Garne soweit
zu erhöhen, daß neue, vorteilhafte Lieferungsabschlüsse Zustande-
kommen konnten *). Die regelmäßige Fühlung, in welche die Berufs-
genossen zu einander traten, ohne bindende Preis Vereinbarungen zu
schließen, trug allein schon zur Erreichung lohnender Betriebsergeb-
nisse bei.

Mit der Zeit aber wurde man inne, daß eine so lockere Vereinigung
doch nicht imstande war, dem Geschäftsgänge der Industrie während
einer länger dauernden Depression die wünschenswerte Stetigkeit zu
erhalten. So hatte die aufsteigende Konjunktur von der Mitte der
neunziger Jahre an eine Preisteuerung vieler Betriebsmaterialien, Er-
höhung der Löhne und Überproduktion hervorgerufen. Als mit dem
Ende des Jahres 1897 die Konjunktur in Rohbaumwolle ungünstig
wurde und der Zunahme des Angebots seitens der Spinnereien eine
Abnahme der Nachfrage infolge des unbefriedigenden Weberei-
geschäftes gegenübertrat, versuchte man, eine allgemeine Betriebs-
einschränkung durchzuführen — allein, es war vergeblich, jeder Spinner
suchte für seine Person soviel Vorteil als möglich herauszuschlagen.
Erst nach langen Verhandlungen einigten sich die Spinner von Rhein-
land, Westfalen und benachbarten Bezirken auf folgender Grundlage:
Regulierung der Preise auf Grund der Tageswerte der Baumwolle
und unter Annahme eines mäßigen Satzes für die Spinnkosten. Es
gelang dem Kartell tatsächlich, die Preise der Gespinste parallel
denen der Baumwolle zu regulieren. Um ferner den Inlandmarkt zu
entsetzen, um einen Ausgleich zwischen Produktion und Konsumtion
herbeizuführen, gewährte es seinen Mitgliedern noch in dem Jahre
seiner Gründung, 1899, Ausfuhrprämien in Höhe von 10 bis 15 °/0.
Es befolgte damit weiter nichts als die Politik anderer Kartelle und
leistete jedenfalls der deutschen Spinnerei die größten Dienste. Die
deutschen Baumwollweber aber, die sich inzwischen auch zusammen-
geschlossen hatten, faßten diese Maßnahmen als speziell gegen sie
gerichtet auf und erhoben lauten Protest dagegen.

Der größte Teil der Weber hatte sowohl im Hinblick auf die
Organisationen der Spinner, als namentlich auch auf die kommenden
Zolltarifkämpfe am 17. Februar 1898 den „Verband deutscher Baum-
wollgarnkonsumenten“ gegründet1 2). Man erwartete von dem Zu-

1)	Jahresbericht der Handelskammer zu M.-Gladbach für 1887, S. 15.

2)	Verzeichnis der im Deutschen Reiche bestehenden Vereine gewerblicher Unter-
nehmer. Berlin 1903, S. 232.	*
        <pb n="79" />
        ﻿68

sammenschluß weniger einen Einfluß auf Preise und Produktion, als
zunächst nur Einwirkung auf Zollgesetzgebung und Verkehrswesen
in freihändlerischem Sinne und Information der Mitglieder über Fragen
der Zoll- und Handelspolitik und des Tarifwesens. Ausdrücklich ist
aber im Statut noch gesagt, daß der Verband einen Zusammenschluß
sämtlicher deutscher Garnverbraucher anstrebt. Er zählte 1902 340
Mitglieder mit 100000 Arbeitern. In demselben Jahre wie jener
wurden noch gegründet der „Verband süddeutscher Baumwollgarn-
konsumenten“ und die „Vereinigung rheinisch-westfälischer Handels-
kammern und Garnkonsumenten“. Vereinigungen mit ausgesprochenem
Kartellcharakter sind der „Verband deutscher Buntwebereien“ und
die Zanella-Konvention. Über sonst etwa bestehende Konventionen
oder Kartelle ist uns nichts bekannt.

Die erstgenannte große Vereinigung der Weber suchte ver-
geblich eine Verständigung mit den Spinnern anzubahnen; in Dresden,
Chemnitz, Frankfurt a./M. pflog man Verhandlungen, sie führten aber
zu keinem Resultat. Die Spinner, auf denen der Druck der Ver-
hältnisse der Rohstoffmärkte lastete, erhofften vielmehr durch ein
Zusammengehen unter sich mehr Vorteil. So konzentrierten sich 1899
der westdeutsche, sächsische und nordbayrische Verband zu einem
deutschen Spinner-Kartell, das die Politik des M.-Gladbacher Ver-
bandes fortsetzen und nur so lange tätig bleiben sollte, als die Notlage
der Spinner andauern würde1). Die Bestrebungen des Kartells wurden
unterstützt durch die anhaltende Aufwärtsbewegung der Baumwoll-
preise vom September 1899 an. Als aber im Herbst 1900 ein
Abschlag der Baumwollpreise erfolgte, versagte die Organisation. Die
getroffenen Vereinbarungen wurden durch die einzelnen Mitglieder
skrupellos umgangen, eine allgemeine Produktionseinschränkung war
mit Rücksicht auf die ungleiche Verteilung der Vorräte unmöglich,
wäre wohl auch durch den Nichtbeitritt der elsässischen und süd-
deutschen Spinner zum Kartell illusorisch gemacht worden. Unter
diesen Umständen hatte die vereinbarte Preisfestsetzung keinen Wert
mehr, und das Kartell mußte sich auflösen — das geschah im Früh-
jahr 1901. Seitdem hat man u. W. nicht wieder den Versuch ge-
macht, die über ganz Deutschland verbreitete Industrie zu kartellieren,
nur innerhalb einzelner Verbände ist es gelungen, im Jahre 1902
auf kurze Zeit eine Betriebseinschränkung einmütig durchzuführen.
Die fortdauernd günstige Konjunktur der letzten Jahre hat denn auch
die Notwendigkeit der Kartellierung picht so klar hervortreten lassen.

) ,,Berliner Börsen-Kurier“ vom 9. Oktober 1899.
        <pb n="80" />
        ﻿6g

Wohl aber hat die mangelnde Sicherheit und Stabilität der Baumwoll-
märkte die Industriellen auf Abhilfe sinnen lassen. Denn gegen
Überproduktion kann Einsicht und guter Wille mobil gemacht werden,
gegen die Fluktuationen der Baumwollpreise dagegen ist der einzelne
wehrlos.

Das hat man nicht nur in Deutschland erkannt, sondern mehr
noch in England, Frankreich und Belgien. Diese Länder sind in noch
höherem Grade als Deutschland auf den Bezug der Baumwolle aus
Nordamerika angewiesen. Es erscheint mir ferner nicht unwichtig,
daß die Börsen in Liverpool, Havre, Antwerpen alle — im
Gegensatz zu Bremen, wo die sogenannten cif-Verkäufe, d. h. Ver-
käufe nach Kost, Versicherung, Frachtbedingungen!), im Schwange
sind — den Terminhandel kultivieren1 2). Ob nun dies gerade die
Ursache ist, daß die Spinner jener Länder unter der schlechten Ver-
fassung des New-Yorker Marktes mehr zu leiden hatten als die
deutschen, will ich nicht untersuchen. Nach allem, was über die Verluste
der Spinner bekannt geworden ist, ist es jedenfalls offenbar, daß die
deutschen Spinner weniger schwer von den Wirkungen der amerika-
nischen Spekulation betroffen worden sind als diejenigen anderer
Länder. Dennoch hat man auch in Deutschland keinen Augenblick
daran gezweifelt, daß die Frage der Baumwollversorgung von inter-
nationaler Bedeutung ist.

Nachdem Verhandlungen über eine allgemeine Produktions-
einschränkung und die Möglichkeit der Verbreitung der Baumwoll-
kultur in nicht amerikanischen Ländern zwischen dem englischen,
französischen und belgischen Spinnerkartell vorausgegangen waren,
erfolgte Anfang April 1904 seitens der „English Master Cotton
Spinners’-Federation“ im Verein mit dem Schweizer „Spinner-,
Zwirner- und Weberverein“ eine Einladung an sämtliche Verbände
von Baumwollspinnern und Baumwollindustriellen zu einem inter-
nationalen Kongreß. Dieser fand vom 23. bis 27. Mai 1904 in Zürich
statt. Vertreten waren England, Deutschland, Frankreich, Rußland,
Österreich, Belgien, die Schweiz, Italien und Portugal, allerdings fehlten
die Vereinigten Staaten. Verhandelt wurde über Baumwollkultur, die
Baumwoll-„Corner“ und über die Organisation der Industrie in Ver-

1)	Bedingungen der Bremer Baumwollbörse. Bremen 1901, §§ 88 ff.

2)	Über die Liverpooler Baumwollbörse vgl. C. J. Fuchs, Die Organisation des
Liverpooler Baumwollhandels in Vergangenheit und Gegenwart. Schm oll ers Jahrbuch,
Jahrg. 1890, S. 107 ff. (fußt auf Th. Ellison, The Cotton Trade of Great Britain, London
1886.) Über die amerikanischen Baumwollbörsen vgl. M. B. Hammond, The Cotton
Industry, Part I. Ithaca N.Y. 1897, S. 286 ff.
        <pb n="81" />
        ﻿70

bänden. Das wichtigste Resultat des Kongresses ist die Bildung
eines internationalen Komitees mit der Aufgabe, „die gemeinsamen
Interessen der Industrie zu überwachen und die Vereinigungen von
Baumwollindustriellen in Kenntnis zu halten, wie gegen eine ihnen
gemeinsam drohende Gefahr im Interesse aller vorzugehen sei“1).
Eine solche internationale Organisation setzt, wie der betreffende
Referent, Herr Macara, der Präsident der größten, obengenannten,
englischen Spinnervereinigung, nahelegte, eine starke, d. h. große
und kapitalkräftige Organisation in den einzelnen Ländern voraus.
Mit der Zustimmung Deutschlands zu diesem Beschluß haben die
deutschen Spinner also gleichzeitig die Verpflichtung übernommen,
eine solche straffe Organisation unter sich zu schaffen. So
erfreulich eine internationale Regelung der Frage an und für sich
sein mag, so darf man auch nicht außer acht lassen, daß die Ver-
hältnisse in dem einen Lande doch ganz andere sind als in dem
andern. Das Komitee wird voraussichtlich vorkommendenfalls mit
Produktionseinschränkungen Vorgehen; nicht jede Unternehmung ist
aber in derselben glücklichen Lage wie die andere, nur die kapital-
kräftige Spinnerei kann das ohne Bedenken durchführen. Auf dem
Kongreß selbst erlebte es Herr Macara, als er den Vorschlag einer
allseitigen Betriebseinschränkung machte, um die amerikanische Spe-
kulation abzuschrecken, daß die deutschen und österreichischen Spinner
ihm die Gefolgschaft weigerten. Es ist daher nur zu wünschen, daß
die Zusammensetzung des Komitees der Stimmenzahl nach, die auf
die Vertreter entfällt, der Verschiedenheit der Verhältnisse Berück-
sichtigung zuteil werden läßt und vor allem nicht England allein von
vornherein die Majorität zusichert. Für Deutschland muß es daneben
unbedingt eine Hauptaufgabe bleiben, den Baumwollanbau zu fördern
in Gegenden, die von der amerikanischen Spekulation unabhängig
sind. Für uns kommen als solche in Betracht Westafrika, Ostafrika,
Kleinasien und Brasilien, das sind Gegenden, die uns als Kolonien
gehören oder in denen wir hervorragende wirtschaftliche und Handels-
interessen haben. Sehr rührig ist in dieser Beziehung das kolonial-
wirtschaftliche Komitee, dessen deutsch-koloniale Baumwollunterneh-
mungen durch die Kaiserliche Regierung, die Textilindustrie und eine
Wohlfahrtslotterie zu Zwecken der deutschen Schutzgebiete unterstützt
werden. Am meisten Erfolg versprechen die Unternehmungen in
Togo und Deutsch-Ostafrika. Bedeutungsvoll für die weitere Aus- i)

i)	Offizieller Bericht der Verhandlungen des ersten internationalen Kongresses der
Delegierten von Verbänden von Baum Wollspinnern und Baumwollindustriellen. Manchester
1904, S. 72.
        <pb n="82" />
        ﻿7i

breitung der Baumwollkultur ist der Reichstagsbeschluß vom 16. Juni
1904, der den Bau der Eisenbahnen Lome-Palime und Dares-
salam-Mrogoro bewilligte. Im übrigen verweise ich auf die Be-
richte des Kolonialwirtschaftlichen Komitees und verschiedene Artikel
in dem „Tropenpflanzer“ und den „Beiheften“ dazu1). Die Anlage
der Arbeit läßt es nicht zu, auf diese sehr interessanten Dinge näher
einzugehen.

Die Frage der Organisation der Baumwollindustriellen leitet uns
über zu der der Arbeiterorganisationen und auf das Verhältnis von
Arbeitgebern und Arbeitnehmern überhaupt. Um dies Verhältnis
und die Lebenslage der Arbeiter richtig beurteilen zu können, müßte
man aber über unparteiische Quellen verfügen und außerdem eine
gründliche Kenntnis der realen Verhältnisse besitzen. Die Berichte
der Handelskammern, die uns für einen großen Teil der Arbeit als
Unterlage dienen konnten, versagen in diesem Punkte, denn sie be-
ruhen auf Darstellungen der Unternehmer. Die Berichte der Fabrik-
inspektoren sind auch nicht alle objektiv abgefaßt, sie geben vielfach
kein richtiges Bild von der Sachlage. Die Berichte der Arbeiter-
sekretariate und der Gewerkschaften und -Vereine leiden wieder an
dem Fehler, daß sie politische Zwecke und objektive Sachlichkeit
nicht genügend auseinander halten. Man kann die Angaben eben
nicht kritiklos übernehmen, der Einfluß des einseitigen Interessen-
standpunktes macht sich zu sehr geltend.

Nicht einmal eine Lohnstatistik vermögen wir mit der erforder-
lichen Gründlichkeit und Sorgfalt aufzustellen, denn diejenigen Unter-
nehmer, die den Handelskammern Mitteilungen über die gezahlten
Löhne machen, unterscheiden weder Spinner-, bezw. Weber- und
Gehilfenlöhne, noch auch die Löhne der Aufseher und die von männ-
lichen und weiblichen Arbeitskräften voneinander; ebensowenig ist
das bei der Statistik der Berufsgenossenschaften der Fall, die zudem
nur die anrechnungsfähigen Löhne verzeichnet. Aus früheren Jahren
liegen meines Wissens nur zwei Arbeiten vor, die sich mit Lohnver-
hältnissen der Arbeiter befassen; es sind die bereits wiederholt er-

1)	Das Kolonialwirtschaftliche Komitee hat bisher vier eingehende Berichte heraus-
gegeben. Vgl. ferner Karl Supf, Zur Baumwollfrage. „Tropenpflanzer“, 4. Jahrg. No. 6
(Juni 1900), S. 263 ff. „Beihefte zum Tropenpflanzer“, Bd. III, No. 2 (März 1902) S. 40 ff.
Ebenda, Bd. III, No. 4 (Dez. 1902), S. 121 ff. Ebenda, Bd. IV, No. 3 u. 4 (Juli 1903)
S. 81 ff., besonders interessant Die Kalkulationen auf S. 83. Schließlich erwähne ich noch
C. Kaerger, Brasilianische Wirtschaftsbilder, 2. Auflage. Berlin 1892, S. 236 ff., 363 ff.
und S. 511 ff.
        <pb n="83" />
        ﻿72

wähnten Schriften: H. Herkner, die oberelsässischeBaumwollindustrie
und ihre Arbeiter, Straßburg 1887 und G. v. Schulze-Gävernitz, Der
Großbetrieb ein wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt. Leipzig 1892.
Die Angaben beruhen auf persönlichen Informationen. Herkner gibt
für das Jahr 1885 folgende Durchschnittslöhne an1);

Ein erwachsener Spinner	verdiente	pro	Tag	M.	3,60

Eine erwachsene Arbeiterin	„	„	,,	„	1,70—2,00

Ein erwachsener Weber	„	„	„	„	3,30

Eine erwachsene Weberin	„	„	„	,,	1,20—200

Umgerechnet auf ein Jahr (zu 300 Arbeitstagen) würden das
sein; der Lohn eines Spinners 1080 M., der eines Webers 990 M.
Nach v. Schulze-Gävernitz1 2) betrug für das Jahr 1895 der Jahres-
verdienst eines Spinners in Mülhausen ca. 1195 M., in Bayern und
Württemberg ca. 1040 M. und in Sachsen ca. 1135 M. Die Löhne
der Gehilfen waren dementsprechend 640, 452 und 572 M., die der
Aufseher aber 1781, 1336 und 1602 M. Wenn man bedenkt, daß
die gering bezahlten weiblichen und jugendlichen Arbeitskräfte mehr
als die Hälfte der Arbeiterzahl ausmachen, so ist leicht ersichtlich,
daß die Durchschnittsziffer der Gesamtlöhne dadurch weit herunter-
gedrückt wird. Als Jahresverdienst der Webereiarbeiter gibt von
Schulze-Gävernitz für 1895 die Summe von 624 M. an3), eine Ziffer,
deren geringe Höhe eben darauf zurückzuführen ist. Einzelne An-
gaben über Löhne und Arbeitszeiten in den letzten Jahren finden
sich hier und da verstreut in der Zeitschriftenliteratur. So entnehmen
wir z. B. einer Notiz in der „Sozialen Praxis“4), daß der Lohn der
Weber in Crimmitschau im Jahre 1903 18 bis 22 M., der der Färber
daselbst 13 bis 14 M. pro Woche betrug. W. Hasbach zieht in
einem Aufsatz über die englische Industrie5) einen Vergleich zwischen
englischen und deutschen Arbeiterlöhnen und kommt zu folgenden
Resultaten: Der Durchschnittslohn eines Baum Wollspinners betrage
in der Rheinprovinz 3,70—3,80 M., in Bayern, im Vogtlande und im
Elsaß 3—3,15 M. täglich, in Oldham dagegen 5 s. 6 d. bis 6 s. Ein
Weber verdiene pro Woche in Schlesien 9 — 10 M., in Sachsen 12 M.,
am Rhein 15 —16 M. In Lancashire brächte es ein tüchtiger Weber
auf 24 s. Nimmt man mit Hasbach an, daß die Lebensmittelpreise

1)	A. a. O. S. 308.

2)	A. a. 0. S. 138/39.

3)	A. a. O. S. 147 u. 151.

4)	I3-Bahrg- &gt;903. S. 404.

5)	W. Hasbach, Zur Charakteristik der englischen Industrie. In Schmollers
Jahrbuch f. Ges. u. Verw., N. F., Bd. XXVII, 1903, S. 382.
        <pb n="84" />
        ﻿73

in England ebenso hoch sind wie in Deutschland, so stände sich also
der englische Arbeiter bei weitem besser als der deutsche1). Weiter
meint aber derselbe Autor, der deutsche Arbeiter leiste trotz des geringeren
Lohnes nicht weniger als der englische, und gerade dieser Umstand
habe den Einfluß der Ungunst der Natur und der geschichtlichen
Entwicklung aufgehoben 1 2). Es wäre nun interessant zu wissen, wie
sich die Löhne der Hausweber zu denen der anderen verhalten, aber
nur wenige konkrete Angaben stehen uns da zu Gebote. Vor allem
finden wir in dem Band LXXXIV der „Schriften des Vereins für
Sozialpolitik“3) eine Anzahl von Untersuchungen über Llausindustrie
und Heimarbeit. Die Löhne der Hausweber werden meist im Akkord-
satz gezahlt, sie bewegen sich zwischen 13 und 60 Pfg. pro Meter4).
Fragen wir danach, was denn nun ein Hausweber im Durchschnitt
verdienen kann, wenn er täglich 12 bis 14 Stunden arbeitet, so lautet
die Auskunft recht verschieden. Im Elsaß — hier hat sich die Haus-
weberei nur in Markirch gehalten — sind die Verhältnisse am besten5),
im südlichen Schwarzwald6) und im schlesischen Eulengebirge7) am
schlechtesten. Dort soll der höchstmögliche Tagesverdienst 3,50 M.
betragen, hier 1 M., ja auf den Kämmen des Eulengebirges beträgt
der Verdienst bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit 5 — 6 M. in der Woche
und noch weniger8 *). In dem Handelskammerbezirk Bayreuth war der
Tageslohn im Jahre 1902, einem Jahre, in dem die Löhne der Handweber
allerdings bedeutend zurückblieben, für zwei Personen zusammen 2 M.tt).
Und trotzdem hält sich die Hand- und Hausweberei noch immer!

Anschaulicher als Einzeldaten ist eine Übersicht über die Ent-
wicklung der Löhne. Von Nutzen hierfür sind die Daten der „Baum-
wollspinnerei am Stadtbach“ in Augsburg10). Deren Lohnsätze sind
durchschnittlich höher als die übrigen mir von Bajmrn und Sachsen
bekannten und niedriger als die im rheinisch-westfälischen Industrie-
bezirk und im Oberelsaß üblichen, sie können daher wohl als Durch-
schnittslöhne für ganz Deutschland gelten. Wenn wir die beiliegende
graphische Darstellung betrachten, so sehen wir, daß die Löhne in

1)	W. Hasbach, S. 386.

2)	Ebenda S. 391.

3)	Leipzig 1899, S. 191 ff., S. 385—399, S. 465—506.

4)	R. Liefmann, Die Hausweberei im Elsaß. Daselbst, S. 226.

5)	Ebenda S. 226.

6)	Heinrich Bernheim, Die Hausindustrie des südlichen Schwarzwaldes, S. 396.

7)	u. 8) A. Glücksmann, Die Hausweber im schlesischen Eulengebirge, S. 498.

R. Wilbrandt, Die Weber in der Gegenwart. Jena 1906, S. 55 ff.

9l Jahresbericht der Handels- u. Gew.-Kammer für Oberfranken pro 1902, S. X44.

10) Jahresbericht der Handels- u. Gew.-Kammer für Schwaben u. Neuburg 1903, S. 4 u. 5.
        <pb n="85" />
        ﻿der Zeit vom Jahre 1865 bis zum Jahre 1903 zwei deutliche Perioden
der Steigerung durchgemacht haben, zwischen denen eine Zeit re-
lativer Beständigkeit liegt. Die Löhne stiegen einmal von 1866 bis
1875 fast ohne Unterbrechung von 370 auf 510 M., d. h. um ca.
38°/0, und das andere Mal von 1889 bis 1895 um 30,3%, sie fielen
zwischen 1875 und 1889 unterteilweise nicht geringen Schwankungen
von 510 auf 495 M. Zur Beurteilung der Lebenshaltung der Arbeiter
müßte man die von Ort zu Ort wechselnden Bedürfnisse und Lebens-
mittelpreise in Betracht ziehen, über welch letztere die Reichsstatistik
ja regelmäßig Veröffentlichungen bringt. Es sei deshalb die Lohn-
höhe in Beziehung gesetzt zu dem Preise eines Doppelzentners Weizen-
mehl im Münchener Großhandel. Wie man sieht, zeigt dieser eine
teilweise ganz entgegengesetzte Richtung, im allgemeinen aber ab-
nehmende Tendenz, das Steigen der Arbeitslöhne tritt auf diese
Weise noch deutlicher in Erscheinung. Aber dieser Vergleich ist
nur ein Notbehelf und kann nicht über den Mangel an Kenntnis der
wirklich bestehenden Verhältnisse hinweghelfen. Daß die Arbeiter-
verhältnisse sich seit dem Bestehen der Gewerbeordnung und seit
dem Beginn der sozialpolitischen Ära wesentlich gebessert haben,
bedarf keiner weiteren Erörterung. Namentlich in bezug auf die
Arbeitszeit wird der Arbeiter immer besser gestellt.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts betrug die Arbeitszeit
14, ja 15 und 16 Stunden in den Spinnereien, die Arbeiter mußten
ihr Essen in Hast und Eile verzehren und führten kaum ein menschen-
würdiges Dasein; nach 1870 wurde meist die zwölfstündige Arbeits-
zeit eingeführt —• aber noch 1886 mußte unter den Spinnereibesitzern
des Handelskammerbezirks M.-Gladbach eine förmliche Verein-
barung abgeschlossen werden, die eine länger als 12 Stunden währende
Arbeitszeit nur ganz ausnahmsweise zuließ') —, in Süddeutschland
hatte man schon Ende der achtziger Jahre die elfstündige Arbeitszeit
als Regel. Seit Anfang der neunziger Jahre scheint der Elfstunden-
tag allgemein üblich geworden zu sein. Im Jahre 1902 erging nun
eine Umfrage des Reichskanzlers bei den Gewerbeinspektionen, ob
es zweckmäßig und durchführbar sei, die tägliche Arbeitszeit für
Arbeiterinnen über 16 Jahre von 11 auf 10 Stunden herabzusetzen.
Da eine derartige Verkürzung der Arbeitszeit für die weiblichen
Arbeiter, die vielfach mit den Vorbereitungsarbeiten betraut sind, in
der Spinnerei und Weberei gleichzeitig dieselbe Arbeitszeitverkürzung
für alle, auch die männlichen, in dem ganzen Betriebe beschäftigten

1) Jahresbericht der Handelskammer zu M.-GIadbach pro 1886, S. 13.
        <pb n="86" />
        ﻿Arbeitskräfte zur Folge haben würde, erklärten die Industriellen mit
großer Mehrheit, daß eine solche Maßnahme namentlich die Spinnerei
schädigen würde, aber auch der Weberei in ihrer Exportfähigkeit
schwere Fesseln anlegen würde. Ohne sich der Einsicht zu ver-
schließen, daß unter Umständen bei geringerer Arbeitszeit die Arbeits-
leistung eine größere wird, vertrat man die Meinung, daß in der
Spinnerei ein solcher Ausgleich der Arbeitskürzung durch intensivere
Arbeitsleistung deshalb so gut wie ausgeschlossen sei, weil bei der
Vervollkommnung der Maschinen die Handarbeit keinen wesentlichen
Einfluß auf die Leistung ausübe. Eher sei dies in der Weberei mög-
lich, und man habe auch schon hier und da von einem guten Erfolg
der Arbeitsverkürzung zu berichten gewußt. Man müsse aber be-
denken, daß die deutsche Exportindustrie auf dem Weltmarkt mit
Ländern in Wettbewerb zu treten habe, die noch ganz unbeschränkte
Arbeitszeit, teilweise sogar Tag- und Nachtarbeit für Arbeiter, Ar-
beiterinnen und Kinder hätten, wie Italien, und nicht „durch die
sozialpolitische Gesetzgebung belastet“ seien. Die Einführung des
zehnstündigen Maximalarbeitstages könne daher nur auf dem Wege
einer internationalen Vereinbarung geregelt werden. Daß die Fabri-
kanten sich durch die Fürsorge des Reichs für die Arbeiter nur be-
lastet fühlen, ist sicherlich eine etwas kurzsichtige Auffassung. Denn
wenn uns auch die Arbeiterschutzgesetze anderen Ländern gegenüber
zunächst benachteiligen, so muß man doch bedenken, daß am letzten
Ende noch immer das Land über ein anderes den Sieg davonge-
tragen hat, das am weitesten in der Humanität fortgeschritten war.
Der Streik der Weber in Crimmitschau, der noch in aller Erinne-
rung lebt, hätte nicht so große Dimensionen gewinnen können, wenn
die Fabrikanten im Anfänge Verständnis für die Forderungen der
Weber, die eben hauptsächlich die Einführung des Zehnstundentages
im Auge hatten, gezeigt hätten. Allerdings späterhin, als die Weber
es darauf anlegten, eine Probe von der Macht der Sozialdemokratie
zu geben, wäre ein Nachgeben der Fabrikanten verfehlt gewesen.
Der Crimmitschauer Streik war der einzige große Streik im bis-
herigen Leben der deutschen Baumwollindustrie. Sonderbar, daß ge-
rade er sich zu einer sozialdemokratischen Kundgebung auswachsen
mußte und den Zusammenschluß der Unternehmer im deutschen
Arbeitgeberverband herbeiführte! Übrigens erinnert F. v. Rotten-
burg mit Recht daran, daß in England, als am 8 Juni 1847 die be-
rühmte Zehnstundenbill erlassen wurde, die Arbeitgeber den Ruin der
ganzen Industrie voraussagten*). Ihre Prophezeiung ist nicht ein-
1) F. v. Rottenburg, Die Kartellfrage in Theorie und Praxis. Leipzig 1903, S. 51.
        <pb n="87" />
        ﻿?6

getroffen, ja die Industrie hat Fortschritte gemacht. Wer wollte aber
bezweifeln, daß unsere ßaumwollindustrie jetzt mindestens [ebensoweit
ist als die englische in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts?
Die Behauptung ist daher nicht zu kühn, daß der Zehnstundentag die
deutsche Baumwollindustrie keineswegs in ihrer Entwicklung auf-
halten würde.

Am Schlüsse dieses Kapitels möchte ich darauf hinweisen, daß
die Regierung einen sichtbaren Anlauf genommen hat, die Arbeiter-
verhältnisse ständig zu kontrollieren. Im Jahre 1902 ging von ihr die
Einberufung eines Arbeitsbeirates der sozialstatistischen Abteilung
des Kais. Statistischen Amtes aus. Aufgabe desselben wird in erster
Linie die Berichterstattung über den Arbeitsmarkt sein, aber auch
auf Lohnstatistik, Wohnungswesen, Sozialpolitik der Gemeinden und
Gewerbegerichte sollen sich die Mitteilungen des Arbeitsbeirates er-
strecken. Damit wäre eine große Lücke in der amtlichen Statistik
ausgefüllt, und es wäre nur zu wünschen, daß sich diese Einrichtung
bald zu einem selbständigen Reichsarbeitsamt erweiterte.

Kapitel IX.

Statistische Mitteilungen.

Am Ende des Entwicklungsganges der deutschen Baumwoll-
industrie angelangt, bleibt uns noch übrig, einige statistische Angaben
zu machen. Wenn wir damit vielleicht auch nichts Neues bringen, so
tragen sie dazu bei, das Gesagte zu illustrieren und zu verdeutlichen.

Wie die Baumwolle als Konsumartikel eine immer größere Rolle
spielt, das zeigen folgende, verschiedenen Jahrgängen des statistischen
Jahrbuchs für das Deutsche Reich entnommene Zahlen für den Ver-
brauch von Rohbaumwolle im ganzen und pro Kopf der Bevölkerung.
Er betrug im jährlichen Durchschnitt:

		im ganzen (Tonnen)	pro Kopf der Bevölk. (kg-)
1836—	1840	8 917	o,34
1841 —	184s	13 246	o,47
1846—	1850	15 782	o,53
1851—	1855	26 441	0,83
1856—	1860	46 529	i,39
1861 —-	1865	46 831	b33
        <pb n="88" />
        ﻿—	77	—

i866 —1870
1871 —1875
1876—1880
1881 — 1885
1886—1890
1891—1895
1896—1900

1901

1902

1903

im ganzen
(Tonnen)

68 281
116 390
124 549
152 329
201 046
251 2 381
302 316
326 376
335 &lt;&gt;37
369 738

pro Kopf
der Bevölk.
(kg)
1,81
2,84
2,86
3,34
4,19
4.95
5,54
5-73
5,79
6,30

Aus diesen Verbrauchszahlen ist schon an früherer Stelle (s.

S.	49) die Produktion von Garn berechnet worden.

Die Anzahl der Spindeln belief sich (vgl. auch S. 21 und 24)

1875 auf 42653361).
Martin2) in:

Großbritannien
Verein. Staaten
Deutschland .
F rankreich
Rußland .
Österreich .

Im Vergleich dazu

1877

.	.	,	.	39527920

.	.	.	.	10 OOO OOO

.	.	.	.	4 600 OOO

•	•	•	•	4875324

.	.	.	.	2 500 OOO

.	.	.	.	I 558 OOO

betrug dieselbe nach

1892

4° 511 934*)

14 600 OOO
6 000 000**)

4 800 OOO
4 900 000
2 600 000

*) Tätige Spindeln, **) einschließlich Vigognespindeln.

Die Spindelzahl stieg fernerhin in Deutschland auf 6260424
im Jahre 1895, auf 738162g in 1898 und 8434601 in 1901. Die
Zahl der mechanischen Webstühle war dagegen 1895: 170533; 1898:
194726 und 1901. 2118183). Des Vergleichs halber führe ich nach
Büchers Zeitschrift folgende Zahlen an:

Tabelle4 *).

	Spindeln	Millionen)	Kraftstühle	
	um 1890	Anf. 1904	um 1890	Anf. 1904
Großbritannien		44 5°4	49 727	615 714	719 398
Vereinigte Staaten ....	•5 497	21 314	250 OOO	488 OOO
Deutsches Reich ....	5 500	8 434	245 OOO (?)	2 I 2 OOO
Rußland		4 600	6 850	90 OOO	158 OOO
Frankreich		4 9&gt;4	6 150	72 784	108 OOO
Ostindien		3 272	5 OOO	24 670	43 000
Spanien		1 885	2 614	7 559	68 000
Italien		1 800	2 700	30 OOO	I I O OOO
Österreich-Ungarn ....	2 898	3 250	49 650	I IO OOO

1)	R. Jannasch, a. a. O. S. 315.

2)	R. Martin, Der wirtschaftliche Aufschwung der Baumwollindustrie im König-
reich Sachsen. Schm oll er s Jahrbuch 1893, S. 666.

3)	Diese Zahlen entstammen verschiedenen Notizen in der Volkswirtschaftlichen Chronik.

4)	Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Herausgegeben von Büchei,

60. Jahrg., Tübingen 1904, S. 379.
        <pb n="89" />
        ﻿78

Interessant ist eine Gegenüberstellung der Ergebnisse der drei
im Deutschen Reich bisher veranstalteten Gewerbezählungen in bezug
auf die Baumwollindustriei). Um den Vergleich durchzuführen, müssen
wir uns vorher über die Vergleichbarkeit der Zahlen, über ihren In-
halt und über das, was wir aus ihnen entnehmen wollen, klar sein.
Zunächst muß wohl daraufhingewiesen werden, daß bei allen statistischen
Erhebungen — sie mögen an sich noch so sorgfältig vorgenommen
werden — Fehler unterfließen, deren Ursprung in der großen Fülle der
Einzeldaten liegt, nämlich Rechenfehler. Eine andre Art von Fehlern
wird dadurch verursacht, daß von seiten derer, die über die gewerb-
lichen Verhältnisse Auskunft zu geben haben, vielleicht unwissentlich
unrichtige Angaben gemacht werden. Würden diese Fehler bei allen
drei gewerbestatistischen Aufnahmen in derselben Weise wiederkehren,
so würde dadurch die innere Vergleichbarkeit der Zahlen nicht be-
einflußt. Tatsächlich ist aber die Genauigkeit der Massenbeobachtungen
nicht immer die gleiche gewesen. Die Reichsstatistik selbst sagt, die
für die 1875 er Zählung erlassenen Vorschriften ließen „nach mehreren
Richtungen hin diejenige Präzision vermissen, welche für ein richtiges
Verständnis der gestellten Fragen und damit für die Erlangung zu-
verlässiger Angaben unumgänglich notwendig ist2)“. Schon darum
erscheint es gerechtfertigt, die Zählung von 1875 nicht mit denen
von 1882 und 1895 zu vergleichen. Es kommt aber noch ein Um-
stand hinzu, der speziell in betreff der Baumwollweberei von größter
Wichtigkeit ist. Die erste Gewerbezählung fand nämlich im Winter
statt, die andern beiden dagegen im Sommer. Nun wird die Weberei
erfahrungsgemäß zu einem großen Teil hausindustriell betrieben. Im
Sommer aber liegen die kleinen Leute, die im Winter am Webstuhl
stehen, fast durchweg der Landwirtschaft ob. Es kann uns daher
gar nicht wundern, daß die Zahl der in der Weberei Beschäftigten
im Jahre 1875 eine viel größere war als 1882 und 1895. Wir können
es ferner auch deshalb nicht recht wagen, alle drei Zählungen mit-
einander zu vergleichen, weil nur die beiden letzten spezielle Nach-
weise über die Hausindustrie enthalten. Es dürfte sich aber empfehlen,
die Entwicklung der Hausindustrie gesondert zu betrachten. Wir
wollen die Frage zu beantworten suchen: wie verhalten sich Hand-
werk, Hausindustrie, kleine Fabriken und Großbetrieb zu einander,

1)	Gewerbezählung vom i. Dez. 1875: Statistik des Deutschen Reichs, Bd. XXXIV,
1. Teil, und Bd. XXXV, 2. Teil. — Gewerbezählung vom 5. Juni 1882: Statistik des
Deutschen Reichs, Neue Folge, Bd. VI. — Gewerbezählung vom 14. Juni 1895: Statistik
des Deutschen Reichs, Neue Folge, Bd. LXIII.

2)	Statistik des Deutschen Reichs, N. F., Bd. VI, S. 105*.
        <pb n="90" />
        ﻿79

und welches ist die Entwicklungstendenz, die sich darin offenbart?
Zum Handwerk rechnen wir dabei die Betriebe mit höchstens io Per-
sonen, zu den kleinen Fabriken diejenigen mit 11—50 Personen. Da
die „Nebenbetriebe1)“ von der Reichsstatistik selbst nur nebensächlich
behandelt werden — sie werden auch nur in Allein- und Gehilfen-
betriebe geschieden —, wollen wir nur die Hauptbetriebe berück-
sichtigen. Die Plausindustrie, deren Werkstätten nicht von den Hand-
werks- und Fabrikbetrieben getrennt wurden, wird zwar auch nicht
nach Größenklassen klassifiziert, wir können aber rechnungsmäßig
mit ziemlicher Genauigkeit herausfinden, welche Werkstätten dem
Handwerk, welche den kleinen Fabriken zuzurechnen sind — haus-
industrielle Großbetriebe dürfte es kaum geben1 2).

Nach diesen Vorbemerkungen schreiten wir zur Statistik selbst,
und zwar betrachten wir 1. die Entwicklung der Baumwollspinnerei,

2.	die der Baumwollweberei und 3. die der Baumwollbleicherei,
-Färberei etc. Von einer Berücksichtigung anderer Zweige der Baum-
wollindustrie müssen wir absehen, da die Reichsstatistik bei der
Häkelei und Stickerei, der Posamentenfabrikation, der Strickerei und
Wirkerei, der Handschuhfabrikation und der Spitzenverfertigung keine
Unterscheidung nach den verwandten Rohstoffen trifft.

I.	Baumwollspinnerei.

Bei der Gewerbezählung am 1. Dezember 1875 wurden im ganzen
1597 Betriebe ermittelt. Von diesen waren 1477 Hauptbetriebe (mit
Einschluß der hausindustriellen Werkstätten). In allen Betrieben zu-
sammen waren 66675 Personen (33385 Männer, 33290 Frauen) be-
schäftigt. Die Gliederung der Hauptbetriebe nach Betriebsformen
gestaltete sich folgendermaßen: Die Zahl der Handwerksbetriebe be-
trug 1081, die der kleinen Fabriken 138 und die der Großbetriebe
258. Wie sich die Personenzahl auf diese Größenklassen verteilt,
entzieht sich leider unserer Kenntnis. Die 258 fabrikmäßigen Groß-
betriebe können wir noch in drei Kategorien zerlegen. Es entfielen

auf die	Betriebe	mit 51 bis 200	Personen:	162	Betriebe

» u i)	201 ,,	1000	,,	93 ft

„	„	„	„ über 1000	„	3

1)	„Betriebe, in denen keine Person mit ihrer Hauptbeschäftigung tätig ist“ (Stat.
d. Dtsch. R., N. F., Bd. VI, i. Teil, S. 24*).

2)	Ludwig Sinzheimer, Über die Grenzen der Weiterbildung des fabrikmäßigen
Großbetriebs in Deutschland. Stuttgart 1893, S. 40 u. 41.
        <pb n="91" />
        ﻿8o

Demgegenüber weisen die Gewerbezählungen vom 5. Juni 1882 und
14. Juni 1895 nach (Tabelle A);

Jahr	Betriebe  überhaupt	Davon  Hauptbetriebe	Personen der Hauptbetriebe			Von allen Be- trieben s. Alleinbetriebe	Tn °i -L11 10 ausge- drückt
			Männer	Frauen	Zusammen		
1882  !895	2 446	5 842  1991	27 577 34 386	33 393 40 421	60 970  74 807	5 977  1767	88,5  7 2,2

Wir sehen also; Rückgang der Zahl der Betriebe, Zunahme der be-
schäftigten Personen. Die Erklärung dafür ist mit zwei Worten
gegeben: Der Rückgang der Zahl der Betriebe ist der Abnahme der
hausindustriellen Werkstätten zuzuschreiben; daneben haben wir eine
stetige Vergrößerung der Fabrikbetriebe. Um das zu beweisen, be-
darf es nur weniger Zahlen. 1882 waren unter allen Betrieben 5499
(darunter 4694 Hauptbetriebe), d. h. 81,5%, Hausindustrie-Werkstätten,
der Betrieb wurde „zu Haus für fremde Rechnung“ ausgeübt, wie
die Definition der Reichsstatistik lautet. 1895 aber waren es nur
noch 1432, d. h. 58,5 °/0 (darunter 1079 Hauptbetriebe). Die Personen-
zahl der hausindustriellen Werkstätten (Hauptbetriebe) war 1882:
4943 und 1895: 1296 (nach den Angaiben der Unternehmer nur 1200
bezw. 635) *). Für die nicht hausindustriellen Hauptbetriebe bleiben
demnach im Jahre 1882 1148 mit 56027 Personen, im Jahre 1895
912 mit 73511 Personen übrig. Wie gliedern sich nun die Haupt-
betriebe nach Betriebsformen? In der folgenden Tabelle B erscheinen
zunächst die hausindustriellen Werkstätten zusammen mit den Hand-
werks- und Fabrikbetrieben.

B.	Die Betriebe bezw. hausindustriellen Werkstätten
nach Größenklassen.

		Zahl der Hauptbetriebe mit				Personen	
Jahr	1. höchstens 10		2. 11-	-50		3. 51 und mehr	
	absolut	°/  Io	absolut		°/  Io	absolut	°/  Io
1882	5 466	93,5	127		2,2	249	4,3
1895	1572	78,9	ns		5,8	304	H,3

1) Der Umfang der Hausindustrie ist sowohl 1882 wie 1895 auf zwiefache Weise
zur Ermittelung gelangt: durch Nachfrage bei den Unternehmern und duich Nachfrage bei
den Hausindustriellen selbst. Als hausindustrieller Betrieb wurde dabei einmal das Verlags-
geschäft und dann die Werkstätte der Hausindustriellen angesehen. Unter der Gesamtzahl
der ,,Betriebe“ wurden nun von der Reichsstatistik die hausindustriellen Werkstätten
mit inbegriffen. Da diese Angaben auf den Auskünften der Hausindustriellen be-
ruhen, müssen wir konsequenterweise auch die Zahl der in der Hausindustrie Beschäftigten
danach feststellen, trotzdem die Reichsstatistik selbst die Angaben der Unternehmer dafür
für richtiger hält (Stat. d. Dtsch. R., N. F., Bd. VI, 1. Teil, S. 83*). Letzteres mag zu-
treffen im ganzen, im einzelnen jedenfalls wäre es unstatthaft, einmal diese, einmal jene
Angaben zugrunde zu legen.
        <pb n="92" />
        ﻿8i

Um die hausindustriellen Werkstätten gesondert klassifizieren
zu können, müssen wir, wie gesagt, eine kleine Rechnung vornehmen.
1882 waren z. B. vorhanden 4694 Hauptbetriebe unter den haus-
industriellen Werkstätten. 4585 davon waren Alleinwerkstätten, ge-
hören also sicher zu der 1. Rubrik in obiger Tabelle. Von den 109
hausindustriellen Gehilfenbetrieben können wir, wenn wir die Rech-
nung analog L. Sinzheim er durchführen1), noch 93 der ersten
Größenklasse überweisen, so daß 16 für die zweite übrig bleiben. Die
Rechnung beruht darauf, daß man annimmt, die hausindustriellen
Gehilfenwerkstätten der 1. Größenklasse beschäftigen durchschnittlich
2 Personen, diejenigen der 2. Größenklasse 11 Personen. Bezeichnet
dann x die Anzahl der Werkstätten, die noch der 1. Größenklasse,
y die Zahl der Werkstätten, die der 2. Größenklasse zu überweisen
sind, so ist 2 x -)- 11 y = 358, denn 358 ist die Zahl der Personen,
die auf alle hausindustriellen Gehilfenbetriebe entfallen, und ferner
ist x -)- y = 109. Aus den beiden Gleichungen ergibt sich, daß
annähernd x = 93, y = 16, d. h., daß 93 hausindustrielle Gehilfen-
werkstätten mit 187 Personen zu den Betrieben mit höchstens 10 Per-
sonen zu rechnen sind, die Testierenden 16 mit 171 Personen aber
zu den Betrieben mit 11—50 Personen gehören. Dieselbe Rechnung
sei für 1895 durchgeführt. Wir erhalten dann folgendes Resultat:

C. Zahl der hausindustriellen Werkstätten mit .... Personen'-).

Jahr	höchstens 10	11—50	Zusammen
1882	4678 (4585 Alleinbetriebe -f- 93 Geh.-Betriebe)	16	4694
1895	1062 (1015	„	+47	»	)	17	1079

Nunmehr erhalten wir folgendes Bild von der Gliederung der
Hauptbetriebe nach Betriebsformen;

D. Die Betriebe nach Betriebsformen3).

	Handwerksmäßige		Hausindustrielle				Fabrikmäßige Groß-	
Jahr	Betriebe		Werkstätten				betriebe	
	absolut	0/  Io	absolut	0/  10	absolut	°/  10	absolut	°i  Io
1882	788	■ 3.5	4694	80,3	111	1.9	249	4.3
1895	510	25,6	1079	54&gt;2	98	4,9	304	15.3

» 1) L. Sinzheimer, a. a. O. S. 43—45.

2)	Nach den Angaben der Unternehmer beschäftigten im Jahre 1882 80 Betriebe
Personen in der Hausindustrie, davon 48 bis zu 10 Personen, 28 11—50 Personen und 4
über 50 Personen, zusammen, wie bereits erwähnt, 1200 Personen. 1895 beschäftigten
54 Betriebe 635 Personen in der Hausindustrie.

3)	L. Sinzheimer stellt sich im Widerspruch mit der Reichsstatistik auf den Stand-
punkt, daß die hausindustriellen Werkstätten gar keine „Betriebe“ seien, sie bildeten viel-

Abhandlungen d. staatsw. Seminars z. Jena, Bd. III, Heft 8.	6

Lochmüller, Entwicklung der deutschen Baum Wollindustrie,
        <pb n="93" />
        ﻿82

Wie sich die Gewerbtätigen auf die verschiedenen Betriebs-
formen verteilen, zeigt die nachfolgende Tabelle:

E. Verteilung der Gewerbtätigen auf die verschiedenen
Betriebsformen (jährlicher Durchschnitt).

				Personen in				
Jahr	handwerksmäßigen		hausindustriellen		kleinen Fabrik-		fabrikmäßigen Groß-	
	Betrieben		Werkstätten		betrieben		betrieben	
	absolut	0/  '0	absolut	°/  Io	absolut	°/  Io	absolut	°/  '0
1882	1617	2,6	4943	8,1	3242	5.3	51338	84,0
1895	1142	1.5	1296	1.7	2928	3,9	69 441	92,9

Hiernach ist evident, daß die Entwicklung ganz entschieden
nach Vermehrung und Vergrößerung der Großbetriebe strebt auf
Kosten namentlich der Hausindustrie. Innerhalb der Großbetriebe
verschiebt sich das Verhältnis etwas zugunsten der mittleren Groß-
betriebe, wie wir das aus der Tabelle F ersehen.

F(a). Umfang der fabrikmäßigen Großbetriebe nach
Größenklassen.

	Zahl der fabrikmäßigen			Auf einen Betrieb kommen			Von allen fabrikmäßigen		
	Großbetriebe mit		.. Per-	durchschnittlich Personen bei			Großbetrieben sind °L die		
Jahr		sonen		den Betrieben mit		.. . Pers.	Betriebe mit . . .		Personen
	0  0  w  LO	201—1000	üb. 1000	51—200	201 —1000	über 1000	51—200	201—1000	über 1000
1882	165	83	1	112,3	381,4	1150	66,3	33,3	0,4
1895	178	&gt;25	1	115,0	381,7	1256	58,6	4M	0,3

F(b). Verteilung der Gewerbtätigen innerhalb der fabrik
mäßigen Großbetriebe.

Jahr	Es kommen Personen auf die Betriebe mit . . . Personen						
	51—2 absolut	OO  01  lo	201 — I  absolut	DOO  °/  Io	mehr als  absolut	1000  °/  lo	Zusammen
1882  1895	&gt;8 533  20475	36.1  29,5	31655  47 7'0	61.6  68.7	1150  1256	2.3  1,8	51 338 69441

mehr unter sich und mit dem Stammbetrieb ein organisches Ganze (a. a. O. S. 46), Dann
müßte aber die ganze Statistik auf anderen Grundlagen aufgebaut sein. Um zu zeigen, wie
das Resultat anders lauten würde, wenn wir die Sinzheimersche Methode akzeptierten,
sei noch folgende Tabelle gegeben:

Gliederung der Betriebe nach Betriebsformen.

	Handwerksmäßige		Haus industrielle				Fabrikmäßige	
Jahr	Betriebe		Betriebe				Großbetriebe	
	absolut	0 /  ‘0	absolut	°/  lo	absolut	°/  lo	absolut	0/  '0
1882	788	64,2	80	6.5	I I I	9,0	249	20,3
1895	510	52,8	54	s.e	98	10,1	304	3‘.5

Auf diese Weise bekämen wir mehr Betriebe heraus, als die Reichsstatistik mit Abzug der
hausindustriellen Werkstätten angibt.
        <pb n="94" />
        ﻿83

II.	Baumwollweberei.

Die Gewerbezählung von 1875 weist unter den 97 588 Betrieben
überhaupt nach: 93 501 Hauptbetriebe, von denen weitaus die meisten,
nämlich 92 620, höchstens fünf Gehilfen hatten. In allen Betrieben
zusammen sollen beschäftigt gewesen sein 136541 Männer und
56948 Frauen. Die 881 Hauptbetriebe mit mehr als fünf Gehilfen
(mit zusammen 70437 Personen) verteilen sich folgendermaßen; Be-
triebe mit 6 —10 Personen 177, Betriebe mit 11—-50 Personen 363,
mit 51—200 Personen 253, 86 hatten 201 —1000 Personen und 2
mehr als 1000 Personen. Die vergleichenden Tabellen folgen analog
denen unter I.

A.

Jahr	Betriebe	Haupt-	Personen der Hauptbetriebe			Von allen Betrieben	In
	überhaupt	betriebe	Männer	Frauen	Zusammen	s. Alleinbetriebe	°/  Io
1882	56 217	48 949	76 384	49 576	125 960	44 035	78,3
1895	32 751	28 997	74 756	72 365	147 121	23 270	71,1

B. Die Betriebe bezw. die hausindustriellen Werkstätten
nach Größenklassen.

	Zahl der Hauptbetriebe			mit . .	. Personen	
Jahr	1. höchstens 10		2. I I-	-50	3. 51 und mehr	
	absolut	°/  Io	absolut	°/  / 0	absolut	01  Io
1882	48 454	98,9	202	0.5	293	0,6
1895	28 240	97,3	282	1,0	476	‘,7

C.	Zahl der hausindustriellen Werkstätten mit
. . . Personen1).

Jahr	höchstens 10	n—so	Zusammen
1882	40 382 (31876 + 8506)	202	40584
1895	24 021 (17 830 + 6x91)	282	24 303

D.	Gliederung der Betriebe nach Betriebsformen.

Jahr	Handwerksm. Betriebe		Hausindustr. W erkstätten		Kleine Fabriken		Fabrikmäß. Großbetr.	
	absolut	°/„	absolut	0/  Io	absolut	0/  Io	absolut	°/  Io
1882	8072	■6,5	40584	82,9	'S. 1 2)		293	0,6
1895	4218	H,5	24 302	83.8	■st		476	1,7

1)	Nach den Angaben der Unternehmer beschäftigten 1882 im ganzen 905 Betriebe
31 904 Personen in der Hausindustrie, davon 147 über 50 Personen. 1895 beschäftigten
607 Betriebe 29 330 Personen in der Hausindustrie, davon 134 über 50.

2)	Es wurde hier angenommen, daß kleine Fabriken nicht vorhanden waren, sondern
mit zu den hausindustriellen Werkstätten gehörten.

6*
        <pb n="95" />
        ﻿- 84 -

E. Verteilung der Gewerbtätigen auf die Betriebsformen.

	Personen in:							
Jahr	Handwerksbetrieben		Hausindustr. Werkstätten		Klein. Fabriken		Fabrikin. Großbetr.	
	absolut	°/  lo	absolut	°/  Io	absolut	°/  10	absolut	0/  10
1882	16 090	12,8	52 295	4'- 7	'Sl	ia	57 206	45.5
1895	15 012	10,2	33 208	22,6	's.	^a	98 got	67,2

F. Umfang der fabrikmäßigen Großbetriebe nach Größen-
klassen.

Jahr	Zahl der fabrikm. Großbetriebe mit .. . Personen						Es kamen Personen auf die Be- triebe mit . . . Personen						Auf einen Betrieb kommen durchschn. Personen b. d. Betr. mit . .. Personen		
	5 *—	200	201 —	IOOO	über tooo		51—	200	201 —	OOO	über 1000		51 bis	201 bis	über
	absol.	0/  / 0	absol.	0/  Io	absol.	°/  / 0	absol.	°J  Io	absol.	7«	absol.	0/  Io	200	IOOO	IOOO
1882	204	69,6	87	29,7	2	0,7	21 117	36.9	33 31/	58,2	2772	4.9	103-5	383,0	1386
1895	332	69.7	137	28,8	7	1,5	36408	sM	52442	53.0	1005 1	10,2	109,7	382,8	1435-9

III.	Baumwollbleicherei, -Färberei etc.

1875 waren vorhanden 968 Betriebe, darunter 756 Hauptbetriebe.
Die Personenzahl aller Betriebe betrug 20277 (15619 Männer, 4658
Frauen). Schon damals kamen die meisten Personen, nämlich 19206,
auf Betriebe mit mehr als 5 Gehilfen. 6—10 Personen hatten 51 Be-
triebe, 11—50 Personen 102, die Großbetriebe mit über 50 Personen
beliefen sich auf 75.	1882 und 1895 stellten sich die Verhältnisse

wie folgt: (A) 1882 waren unter 1281 Betrieben 1162 Hauptbetriebe
mit 23756 Personen (18241 Männer, 5515 Frauen). 406 Betriebe =
31,7% waren Alleinbetriebe. i895 waren 1223 Betriebe insgesamt
vorhanden, darunter nog Plauptbetriebe. In den Hauptbetrieben
waren tätig 24393 Männer, 8225 Frauen, zusammen 32618 Personen.
Die Alleinbetriebe (440) machten 36 °/0 der Gesamtheit aus. Der
Kürze halber sei diesmal gleich das Resultat der Tabellen B und C
mitgeteilt:

D. Gliederung der Hauptbetriebe nach Betriebsformen.

&gt;-&lt;	Handwerksm. Betriebe		Hausind.	Werkstätten		Kleine Fabriken		Fabrikm. Großbetrieb	
c3	absolut	0/  Io	absolut		0/  lo	absolut	°f  lo	absolut	0/  lo
1882	665	57,2	271		23,3	'45	12,6	81	6,9
1895	425	38,3	300		27,1  .	161	'4,5	123	20,1
        <pb n="96" />
        ﻿85

E.	Verteilung der Gewerbtätigen auf die verschiedenen

Betriebsformen.

	Personen in							
	handwerksm. Betrieben		hausind. Werkstätten		kleinen	ETabriken	fabrikm .Großbetrieben	
p-j	absolut	°/  Io	absolut	°/  Io	absolut	0/  Io	absolut	°l  Io
1882	2612	11,0	492 ■)	2,1	3572	15,4	17 080	71,5
1895	2073	6,3	727 b	2,2	4296	15,3	25 522	78,2

F.	Umfang der fabrikmäßigen Großbetriebe nach Größen-
klassen.

Jahr	Zahl der fabrikm. Großbetriebe mit ... Personen						Zahl d. Personen in den Betrieben mit .. . Personen						Auf einen Betrieb kom- men durchschn. Person, bei den Betrieben mit . .. Personen		
	5i —  absol.	200  0/  Io	201 —  absol.	1000  °/o	über  absol.	000  °/  Io	BI“  absol.	200  °/  Io	201	  absol.	[OOO  %	über  absol.	OOO  0/  Io	51 bis 200	201 bis  1000	über  1000
1882  1895	60  88	744  71,6	18  31	22,2  25,2	3  4	3,7  3,2	5924  8312	34,7  32,5	7 653  12 575	44,8 49,3	3503  4635	20,5  I 8.2	98,7  94,5	425,2  405,6	1167,7  u58,8

Ziehen wir nunmehr das Fazit aus unseren Untersuchungen, so
sehen wir durchaus nicht dieselbe Entwicklung bei den drei Haupt-
zweigen der Baumwollindustrie. Zwar überall finden wir Abnahme
der Betriebe, Zunahme der Personenzahl, was auf die Vergrößerung
der Betriebe schließen läßt. Im Gegensatz zu Spinnerei und Weberei
aber nehmen wir bei der Bleicherei etc. eine Zunahme sowohl der
Allcinbetriebe (Tab. A) als auch der hausindustriellcn Werkstätten
(Tab. D u. E) wahr. Vergleichen wir die Entwicklung der anderen
Betriebsformen, so ist es am richtigsten, wir betrachten nicht das
Wachstum bezw. den Rückgang absolut, sondern das gegenseitige
Verhältnis, also die Prozentzahlen. Alsdann ergibt sich, daß die
Handwerksbetriebe und die kleinen Fabriken der Personenzahl nach
überall einen deutlichen Rückgang erfahren haben, nach der Zahl
der Betriebe freilich ist in beiderlei Hinsicht bei der Spinnerei eine
Zunahme zu verzeichnen. Allen drei Zweigen gemeinsam ist aber
wieder das beträchtliche Anwachsen des Großbetriebes. Die Zahl
der in Großbetrieben tätigen Personen ist bei der Spinnerei gestiegen
von 84°/0 in 1882 auf 92,9% in 1895, bei der Weberei von 45,5%
auf 67,2, bei der Bleicherei etc. von 71,5 auf 78,2 °/0, am stärksten

1)	Nach den Angaben der Unternehmer beschäftigten

1882	5 Betriebe 38 Personen in der Hausindustrie,

1895	2°	&gt;, H5 ..
        <pb n="97" />
        ﻿86

also in der Weberei. Innerhalb der Großbetriebe nun weisen ver-
hältnismäßig die größte Zunahme auf die Betriebe mit 201—-iooo
Personen, mit Ausnahme der Weberei: hier sind es die ganz großen
Betriebe mit mehr als 1000 Personen. Nun noch ein Wort über die
Benutzung von Motoren. In der Spinnerei benutzten Motoren:

	Betriebe	Davon W  absolut	rasserkraft  PS	Damp  absolut	f kraft  PS	Verwendete Pferde- stärken (PS) i. g.
1882  1895	515  524	296  271	28 548	355  4:9	115 669	144316

In der Weberei benutzten Motoren;

	Betriebe	Davon Wasserkraft		Dampfkraft		Verwendete Pferde-
		absolut	PS	absolut	PS	stärken (PS) i. g.
1882	430	190	—	356	—	—
1895	1359	214	12855	1079	48 036	61201

In der Bleicherei etc. benutzten Motoren:

	Betriebe	Davon V  absolut	rasserkraft  PS	Damp  absolut	fkraft  PS	Verwendete Pferde- stärken (PS) i. g.
1882  1895	389  483	64  52	1086	xoo  396	18 559	19 700

Die ausgedehnteste Verwendung fand also die Dampfkraft, die
Motorenbenutzung überhaupt überwiegt in der Spinnerei, weil diese
die meisten Maschinen zum Betriebe benötigt.

Im Anschluß hieran bietet ein betriebsstatistischer Vergleich
zwischen Deutschland und England hervorragendes Interesse. Die
Zahlen beziehen sich für Deutschland auf das Jahr 1895, für Eng-
land auf das Jahr 1891. In der Spinnerei verteilten sich die Betriebe
wie folgt1):

	Deutschland	England
Es bildete Prozente der Gesamtzahl	der Betriebe;	
der Kleinbetrieb .	•	75.9	1,0
„ Mittelbetrieb .	.	8,8	20,1
„ Großbetrieb ,	.	•	15.3	78,9

Diese Gegenüberstellung würde zu einem voreiligen Schluß ver-
leiten, wenn wir sie nicht durch eine ähnliche ergänzten, die sich auf
die Zahl der in den Hauptbetrieben tätigen Personen bezieht. Die
Personenzahl verteilt sich auf die Betriebsarten in folgender Weise:

1) Ich entnehme diese wie auch die folgenden Angaben der Arbeit von G. Brodnitz,
Vergleichende Studien über Betriebsstatistik und Betriebsformen der englischen Textilindustrie,
Jena 1902, S. 17 ff. Unter Kleinbetrieb sind die Betriebe mit höchstens 5 Personen, unter
Mittelbetrieb die mit 6—50 Personen zu verstehen.
        <pb n="98" />
        ﻿87

Deutschland	England

Die in den Betrieben tätigen Personen bildeten Prozente der Gesamtzahl:
im	Kleinbetrieb	...	2,4	0,03

,,	Mittelbetrieb	.	.	.	4,8	4,02

„	Großbetrieb	.	.	.	92,8	95,95

In der Weberei verhalten sich die Betriebsgrößen in England
ganz ähnlich wie in der Spinnerei, in Deutschland jedoch überwiegt
der Kleinbetrieb sowohl hinsichtlich der Zahl der Betriebe als auch
der Personenzahl nach weit mehr als in der Spinnerei.

Die entsprechenden Zahlen stellen sich für die Betriebsarten in
der Weberei:

Es kamen	Deutschland		England	
im Verhältnis zur	Zahl der Betriebe	Personenzahl	Zahl der Betriebe	Personenzahl
auf  Kleinbetrieb ....	96,8 »/0	26,6 •/„	0"  00	0,04 °/0
Mittelbetrieb ....	’ri °/o	6,2 70	2 2 2 ^ i	4.44 %
Großbetrieb ....	».6 °/o	67,2 7o	76,0 °/0	95.52 7o

Die Entwicklung geht also im großen und ganzen in Deutsch-
land in demselben Sinne vor sich wie in England, nämlich sie führt
hier wie dort zur Stärkung des Großbetriebs, und zwar tritt das am
deutlichsten in der Spinnerei hervor. Bei näherer Spezialisierung
der Großbetriebe nach der Zahl der Arbeiter zeigt sich sogar noch
eine stärkere Konzentration in Deutschland. Keine Betriebsstatistik
ist bisher imstande gewesen anzugeben, inwieweit das Bestreben
nach Vergrößerung der einzelnen Spinnerei oder Weberei abgelöst
bezw. begleitet wird von dem andern, den Betrieb „vertikal“ aus-
zudehnen, das heißt verschiedene Phasen der Produktion, ausgehend
vom Rohstoff bis zum Fertigfabrikat, unter einem Dache zu ver-
einigen. Es scheint so, als ob dies Bestreben immer mehr Platz
greift, denn es gibt eine Grenze, über die hinaus weitere Konzen-
tration keinerlei Rentabilität mehr mit sich bringt. Beschreibt doch
schon Band iiq N. F. der „Statistik für das Deutsche Reich“ S. 161
ein derartiges, groß angelegtes Unternehmen, nämlich das Etablisse-
ment von H. Wünsches Erben, das in der Zusammenfassung aller
zur Herstellung von Baumwollwaren — abgesehen von der Spinnerei
— nötigen Industriezweige einem Trust gleicht. Hoffentlich gibt die
nächste Gewerbestatistik sowohl darüber, wie auch über die Arbeiter-
und Produktionsverhältnisse genau Aufschluß. Sie ist noch in man-
cher Beziehung einer Verbesserung fähig, jedenfalls wäre es dringend
erwünscht, daß dieser Zweig der Statistik zentralisiert würde; viel-
        <pb n="99" />
        ﻿88

leicht könnte er dem zu schaffenden Reichsarbeitsaint als Aufgabe
zugewiesen werden *).

Die Zahl der überhaupt in der Baumwollindustrie Deutschlands
tätigen Personen beläuft sich nach Dr. K. Kuntzes Berechnung* 2)
auf über ein Drittel aller Gewerbtätigen der deutschen Textilindustrie,
nämlich 254546 in Spinnerei, Weberei und Veredelung und schätzungs-
weise 100000 in der Weberei gemischter Waren, Strickerei und
Wirkerei, Stickerei und Spitzenfabrikation etc. Vergleichsweise waren
in der englischen Baum Wollindustrie beschäftigt im Jahre 1895:
205 230 Männer und 333 653 Frauen, zusammen also 538 883 Personen,
im Jahre 1901: 193830 Männer und 328793 Frauen, zusammen
522623 Personen3).

Bezüglich der örtlichen Verteilung der Industrie stehen mir
zwei Quellen zu Gebote. In dem an früherer Stelle herangezogenen
„mündlichen Bericht der Zolltarifkommission“4 5), der eine Produktions-
statistik für das Jahr 1900 enthält, findet sich auch eine Berechnung
darüber, wie sich die Produktion auf das Reich verteilt. Es ent-
fallen auf die Süddeutschen Bundesstaaten, in erster Linie Bayern,
32,2 °/o der Gesamtproduktion von Baumwollgarn, auf Rheinland-
Westfalen 31,3%, auf Elsaß-Lothringen 15,2% und auf das König-
reich Sachsen 15,1 °/0. Von der Produktion der mittleren und feinen
Garne (über No. 45) lieferten diese vier Industriezentren in derselben
Reihenfolge 17,4% bezw. 13,0°/0, 39,2 °/0 und 30,4%. den Löwen-
anteil haben also Elsaß-Lothringen und Sachsen. In der Gesamt-
produktion kommt den Nummern über 45, um daran zu erinnern,
allerdings nur 2,3% zu (s. S. 52). Das von der Bremer Baumwoll-
börse 1898 herausgegebene „Verzeichnis der Baumwoll-Spinnereien
in Deutschland, Österreich, Russisch-Polen, Schweiz, Holland und
Belgien“6) enthält spezielle Angaben über die Firmen, die Anzahl
der Spindeln und den jährlichen Baumwpllverbrauch derselben. Es
liegt uns fern, daraus eine trockene Aufzählung von Daten zu geben.
Nur einige wenige Angaben mögen hier Platz finden: Die Zahl der
Spindeln, die 1898 auf eine Spinnerei in Deutschland im Durchschnitt
kamen, betrug 42 144, sie dürfte seither noch gewachsen sein. Die

t) Als vorbildliche Produktionsstatistik könnte die des Staates Connecticut U. S. of A.
dienen. Vgl. Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs, 1898, Bd. I, S. 157.

2)	A. a. O., S. 157.

3)	Statistical Abstract for the United Kingdom. 51 th, No. 1904, S. 231.

4)	Aktenstück 704 b der Reichstagsdrucksachen. 10. Legislaturperiode, 2. Session
1900—1903, Anlageband VII, S. 4892.

5)	Zu haben bei H. M. Hauschild in Bremen.
        <pb n="100" />
        ﻿8q

größten Spinnereien der Spindelzahl nach sind 1901/02 die „Leipziger
Baumwollspinnerei“ in Leipzig-Lindenau mit 200000 Spindeln (nur
Mako-Spinnerei), die „Baumwollspinnerei am Stadtbach“ in Augsburg
mit 137462 (1903: 140653) Spindeln und die „Mechanische Baum-
wollspinnerei und Weberei“ in Augsburg mit 126600 Spindeln. Es
folgen die „Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei“ in Bamberg,
die „Chemnitzer Aktienspinnerei“ in Chemnitz und das „Etablissement
Herzog“ in Logelbach b. Kolmar i/E. An Rentabilität werden diese
Unternehmungen teilweise durch andere, kleinere, übertroffen, z. B.
die „Baumwollspinnerei Mittweida“ in Mittweida und die „Vogtländische
Baumwollspinnerei“ in Hof. Erwähnen will ich ferner, daß einige
deutsche Spinnereien Filialen im Ausland, in Russisch-Polen, Böhmen,
Holland, ja sogar in Schweden unterhalten. Bekannt ist, daß die
Baumwollindus/rie Rußlands zu einem großen Teil in den Händen
von deutschen Unternehmern ruht. So fließen der heimischen Volks-
wirtschaft tatsächlich noch mehr Kapitalien zu, als man nach einer
oberflächlichen Betrachtung annehmen sollte.

Im Jahre 1900 bestanden nach dem Handbuch der deutschen
Aktiengesellschaften für 1900/1901 auf dem Gebiet der Baumwoll-
spinnerei und Weberei 114 Aktiengesellschaften mit einem Aktien-
kapital inkl. Hjrpotheken und Anleihen von 247,24 Mill. M. 44 davon
waren Spinnereien, die getrennt von Weberei betrieben wurden,
9 waren reine Aktienwebereien, g Gardinenfabriken und 9 Nähfaden-
fabriken, die übrigen Gesellschaften vereinigten Spinnerei und Weberei
in einem Betrieb. Die Durchschnittsdividende der reinen Aktien-
spinnereien betrug nach G. Gothein1) im Jahre:

1891	CS  00	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899	1900	1901
!&gt;8 %	3.i %	4.2 %	5.4 7o	8,8 %	io," 7o	&lt;7 &lt;7 0 / /&gt;/ 10	8,6 °/0	2,5 °U	O	1.4 7o

Die Durchschnittsdividende der Spinn Webereien betrug analog:

1891	1892	1893	1894	1895	1896	1897	1898
%	4.5 7o	6&gt;'-	5.8 %	7.2 7«	7.2 7o	7o	6.4 7o

Demgegenüber haben nach einer von Spinnerei-Direktor Th. W.
Schmidt in Hof herrührenden Berechnung1 2) erzielt:

1)	G. Gothein, M. d. R., Der deutsche Außenhandel. Materialien und Betrach-
tungen. Berlin 1901, S. 210. Die Zahlen für 1899—1901 sind ergänzt nach H. Sy bei
in „Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik“, Bd. CV. Leipzig 1903, S. 149.

2)	H. Sy bei, a. a. O. S. 149 Anmerkung.
        <pb n="101" />
        ﻿go

Die 9 reinen Aktienwebereien im Jahre
v 9

Die 9 Gardinenfabriken

V 9	»

Die 9 Nähfadenfabriken

v 9	&gt;j

i899/i9°o einen Durchschnittsgewinn von 6,2 °/0,
t 900/1 go i	„	„	„	4,3 7„,

1899/1900	„	„	„	11,4%,

1900/1901	„	„	„	18,0 ®/0,

1899/1900	„	„	„	ii,o°/0,

1900/1901	„	„	„	11,1%.

Die Aktiengesellschaft „Baumwollspinnerei am Stadtbach“ in
Augsburg konnte im Jahre 1903 die Feier des fünfzigsten Be-
triebsjahres begehen, sie hat aus diesem Anlaß eine Denkschrift her-
ausgegeben, aus der wir schon früher Nutzen gezogen haben. Es
mögen hier noch einige Angaben folgen, da sie nicht sowohl für das
Unternehmen speziell, als auch zugleich für die Entwicklung der
Spinnerei überhaupt charakteristisch sind2): Das produzierte Garn ist
durchschnittlich von der Nummer 29 gewesen. Bis Ende der sech-
ziger Jahre hielt sich die Durchschnittsnummer auf über 30, dann
ging sie — wahrscheinlich eine Folge der Einverleibung Elsaß-Loth-
ringens — zeitweise bis auf No. 28 zurück, stieg aber bald wieder,
bis Ende der achtziger Jahre von neuem ein Rückgang eintrat, vom
Beginn der neunziger Jahre an hält sie sich ungefähr auf der Höhe
von 28 bis 29. Um zu verdeutlichen, wie die Zunahme der Spindeln,
des Verbrauchs von Rohbaumwolle und der Garnproduktion unter-
einander im Verhältnis stehen, sei ferner folgende kurze Tabelle mit-
geteilt :

Jahrgang	Baumwollver- brauch in Ballen	Tätige  Spindeln	Produktion von Garn in kg
1860	12 257	86 288	1 971 424
1870	17 053	94 535	2118 629
1880	17 030	110 569	2 458 357
1890	18339	110 784	2 948 208
1895	18 623	13' 5°8	3 448 421
1900	21 421	136 046	4051 766
1901	20 056	132 625	3 880 141
1902	22 316	I4I 422	4 444 5*7
&gt;9°3	24521	140653	4 72i 099

Man erkennt unschwer den technischen Fortschritt, die Ver-
billigung der Produktionskosten: Die Spindelzahl hat sich vermehrt
von 1860 bis 1903 um 63%, der Baumwollverbrauch um ioo°/0, und
dabei ist die Produktion gestiegen um fast 140°/,,.	1860 verbrauchte

eine Spindel jährlich 28,4 kg Baumwolle, um daraus 22,8 kg Garn
herzustellen, 1903 war der Verbrauch pro Spindel 34,8 kg und die
Produktion 33,6 kg, also ein ganz bedeutender Fortschritt. Dasselbe
ergibt sich, wenn man die industrielle Erziehung der Arbeiter ver-

1)	S. S. 102 Anmerkung.
        <pb n="102" />
        ﻿91

folgt. 1865 hatte ein Arbeiter erst 77 Spindeln zu bedienen, 1875
sind es 86, zehn Jahre später 102, und im Jahre 1900 doppelt soviel
als vor 30 Jahren, nämlich 159.

Zum Schluß sei es uns gestattet, über den Handel mit Baum-
wolle und Baumwollwaren die Hauptzahlen zusammenzustellen. Georg
Gothein gibt in seinem schon genannten ausführlichen Werke schätz-
bare Zusammenstellungen, allerdings unter Hervorkehrung seines frei-
sinnigen Parteistandpunktes. Er fordert u. a. Herabsetzung des Zolls
auf feine Garnnummern, um den Export von Webwaren zu fördern,
er meint, das würde der deutschen Baumwollindustrie wenig Schaden
tun, „da nur wenige Betriebe das Spinnen dieser feinen Nummern
aufgenommen haben und dasselbe in Deutschland infolge seiner klima-
tischen Verhältnisse stets nur eine Treibhauskultur bleiben dürfte“ —
eine Ansicht, die er an der Hand des von uns früher gegebenen
Tatsachenmaterials kaum aufrecht erhalten kann. Weiterhin be-
klagt er den Rückgang der Warenausfuhr nach Brasilien, die mit
dem Rückgang der deutschen Auswanderung dorthin infolge des
von der Heydtschen Reskripts gleichen Schritt gehalten hätte. In
den Anlagen habe ich auf Grund der Spezialhandelsstatistik') die
Handelsbeziehungen zu den wichtigsten Ländern dem Werte nach
selbständig dargelegt. Den Löwenanteil der Einfuhr beanspruchen rohe
Baumwolle und Baumwollabfälle, es folgen Baumwollgarne über
No. 79 und No. 18 bis 45, dann rohe, dichte Gewebe, die sehr zahl-
reich im Veredelungsverkehr eingehen (seit 1897 zum Spezialhandel
gehörig) und schließlich Spitzen und Stickereien. In der Ausfuhr
dominieren Gewebe aller Art, Strumpfwaren, Spitzen und Stickereien,
Posamentierwaren und Näh-, Häkel- und Stickgarne, auch wird viel
rohe und in den Anfangsstadien der Verarbeitung befindliche Baum-
wolle ausgeführt. Für die Erkenntnis der industriellen Entwicklung
genügt es m. E., wenn wir die Entwicklung des auswärtigen Handels
einmal im ganzen nach Warengattungen und dann in den wichtigsten
Waren mit den wichtigsten Ländern — und das ist Europa und die
Union — kennen. In der Einfuhr ist besonders die Entwicklung
der Garneinfuhr der feineren Nummern beachtenswert, namentlich
das unaufhaltsame Ansteigen bei Großbritannien. Noch auf einen
.Punkt sei die Aufmerksamkeit des Lesers gelenkt, nämlich auf die
Einfuhr von roher Baumwolle. Es ist ganz auffallend, welch ein
großer Teil derselben früher auf dem Wege des Zwischenhandels,

0 Vgl* „Der auswärtige Handel des deutschen Zollgebietes 1880—1897“, heraus-
gegeben vom Reichsamt des Innern [nicht vom Kais. Stat. Amt!] Berlin 1898 und ferner
Bd. CLII, N. F. der Statistik f. d. D. R.
        <pb n="103" />
        ﻿92

über Österreich, die Schweiz, Italien, Belgien, Holland, Frankreich
und England zu uns kam. Mit Beginn der neunziger Jahre hört das
fast ganz auf. Es sind verhältnismäßig nur noch unbedeutende
Mengen, die wir nicht direkt beziehen. Über Triest beziehen wir
noch ägyptische Baumwolle, die dann zum Teil erst auf dem Umwege
über die Schweiz zu uns kommt. Sonst aber hat uns die Bremer
Baumwollbörse nahezu vom Zwischenhandel unabhängig gemacht.
Die mancherlei Momente kennen zu lernen, die auf den auswärtigen
Handel in Baumwolle eingewirkt haben, das wäre das Thema einer
besonderen Arbeit.

Kapitel X.

Rückblick.

Wenn der Wanderer einen hohen Berg erklommen hat, pflegt
er Umschau und Rückschau zu halten. So wollen auch wir einmal
den durchmessenen Weg rückblickend überschauen von einem be-
stimmten Gesichtspunkt aus. Kein anderer Gesichtspunkt ist aber
für uns geeigneter, als der: Wie reiht sich der Entwicklungsgang
der Baumwollindustrie ein in den allgemeinen industriellen Entwick-
lungsgang, in die sogenannte kapitalistische Produktionsweise?

Zunächst fällt uns eins auf, wenn wir Anfang und Ende unseres
Weges vergleichen: der Ausgangspunkt war die Zunftverfassung,
Regelung der Produktion und des Absatzes, und das Ende ist wieder
nicht anderes als der Versuch, Produktion und Absatz zu stabilieren.
Was liegt nun dazwischen? — Die handwerksmäßige Produktion —
der Anfang unseres Weges — beruht auf der Stabilität und Sicherheit
des Marktes, der Bedarf einer ungefähr konstanten Anzahl von
Menschen ist für sie maßgebend. Sobald der Gesichtskreis sich er-
weitert, sobald die heimische Industrie aus der lokalen Gebundenheit
heraustritt, ja sogar in die Welthandelsbeziehungen verflochten wird,
hört die Übersehbarkeit des Marktes auf, in die Produktion wird ein
Moment der Unstetigkeit getragen. Gleichzeitig werden Verbesserung
der Produktionstechnik, Verbilligung und Verbesserung der Produkte
die Triebkräfte der Produktion. Der Unternehmer wird Spekulant,
jeder sucht dem Konkurrenten den Vorrang streitig zu machen, ihn
zu unterbieten. Auf diese Weise werden zwar dem Erfindergeist
fortwährend neue Aufgaben gestellt, das Resultat ist aber notwendig
        <pb n="104" />
        ﻿93

das, daß das Angebot den Bedarf übertrifft. Sobald der Unternehmer
die Gewalt über die Maschine verliert, auf deren gleichmäßigem
Gang die Sicherheit des Betriebes beruht, springt als gütiger Helfer
der Handel ein. Er weckt hier und da Bedürfnisse, die vorher nicht
vorhanden waren und schafft dem Produzenten Abflußkanäle für die
Überproduktion, Nun aber behält der Handel den Hebel der Maschine
in der Hand. Dem Produzenten ist eine Schätzung des gegenwärtigen
und zukünftigen Bedarfs und der späteren Produktionsbedingungen
nur in beschränktem Maße möglich, eine einigermaßen richtige Vor-
ausbestimmbarkeit der Preise wird für ihn illusorisch1)- Für die
deutsche Spinnerei liegt die Sache insofern günstig, als sie durch die
Zugehörigkeit zur Bremer Baumwollbörse mit dem Baumwollhandel
koaliert ist, der Spinner hält also sozusagen die Fäden, die ihn mit
dem Baumwollpflanzer verbinden, selbst in der Hand. — Wie schlimm
es trotzdem mit der Übersehbarkeit der Einkaufsbedingungen bestellt
ist, ist früher gezeigt worden. — Auf der anderen Seite, als Ver-
mittler zwischen Weber und Konsument, hat der Handel dafür un-
bedingtes Übergewicht. Er merkt zuerst, ob und wTann das Angebot
die Nachfrage übersteigt, und nun ist er jederzeit imstande, dem Pro-
duzenten die Preise zu diktieren.

In der Baumwollindustrie liegt der Antrieb zu immer größerer
Konkurrenz auf dem Weltmarkt schon in den verhältnismäßig vor-
aussetzungslosen Ansiedelungsbedingungen. Nur die Feinspinnerei
bedarf eines gewissen Feuchtigkeitsgehaltes der Luft, der aber auch
künstlich erzeugt werden kann. Sonst wird sich die Industrie da
ansiedeln, wo billige Kohlen oder Wasserkräfte oder billige Arbeits-
kräfte vorhanden sind. Die Mannigfaltigkeit, die sich darin bietet,
ist aber ziemlich groß. Ferner weist Tschierschky nachdrücklich auf
die geringe kapitalistische Kapazität der Einzelunternehmung hin
Hausindustrie und kleinkapitalistische Unternehmung spielen in der
Baum Wollindustrie noch 1895 — hier kommt es auf die Zahl der
Betriebe an — die erste Rolle. „Der Hausindustrielle, der sich etwa
als verlegter Weber vom Plandarbeiter mit einem (Web-) Stuhl zum
hausindustriellen Betriebsleiter mit nach und nach mehreren, zuerst
mehr oder minder dem Verleger gehörigen Stühlen, sowie dement-
sprechender Zahl von Gehilfen durch Besitzerwerb der Stühle vom

1)	Ich folge hierbei der Darstellung von S. Tschierschky, Kartell und Trust,
Göttingen 1903, S. 25ff. Dieser stützt sich seinerseits auf die Ausführungen in Sombarts
„Kapitalismus“, Bd. II, S. 68ff. — Vgl. auch E. Harmening, Die notwendige Ent-
wicklung der Industrie zum Trust. Berlin 1904. (Sonderdruck aus dem „Archiv f. Rassen-
und Gesellschafts-Biologie“, 2. Heft, 1904.)
        <pb n="105" />
        ﻿94

Verleger emanzipiert hat und sich alsdann mit erspartem Kapital,
unterstützt durch (landwirtschaftliches) Nebeneinkommen und Roh-
stoffkredite etc., zum kl ein kapitalistischen „Fabrikanten“ und „Kon-
kurrenten“ der fabrikmäßigen Industrie entwickelte — er spielt auch
heute noch in der deutschen Textilindustrie eine Figur“1), das glaubt
Tschierschky als persönlicher Kenner der Verhältnisse behaupten
zu können1 2). Durch das Studium der Handels- und Gewerbekammer-
berichte muß sich auch uns die Überzeugung aufdrängen, daß, sobald
ein oder anderthalb Jahre die Konjunktur einigermaßen günstig ist,
gerade die kleinen Unternehmungen wie Pilze nach dem Regen aus dem
Boden schießen. Und sie sind es denn auch größtenteils, die die
Aufbesserung der Lage des ganzen Industriezweiges ungeheuer er-
schweren. Sie arbeiten mit den geringsten Selbstkosten und ziehen
die Preise auch für die Konkurrenten herunter und verhindern anderer-
seits jede Selbsthilfe, „weil diese Unterschicht | von Fabrikanten] quan-
titativ und qualitativ weder föderativ noch weniger aber kapitalistisch
zu organisieren ist“3). Unter dem Druck dieser Verhältnisse machen
sich nun zwei verschiedene Tendenzen bemerkbar, nämlich die Ten-
denz zur Ausschaltung des Zwischenhandels und das Bestreben nach
einer strafferen Organisation der Unternehmer unter sich. Der Fabrikant
wird in zunehmendem Grade selbst Fländler, errichtet Fabriknieder-
lagen, verkauft direkt an den Konsumenten. Die Koalition der deutschen
Spinner und Händler bezweckt nichts anderes als direkten Einkauf
beim Produzenten. Auf der anderen Seite aber geht damit das Streben
nach strafferer Organisation Hand in Hand. Mit der Gewerbefreiheit
kommt man zur Zügellosigkeit der Produktion, zur Überproduktion,
die immer wieder zu Krisen führen muß. Jetzt heißt es wieder:
Rückkehr zu genossenschaftlicher Regelung von Produktion und
Absatz, aber nicht von seiten des Staates, sondern aus der Initiative
der Gewerbetreibenden selbst heraus.

Schon von Beginn der kapitalistischen Produktionsweise an
tritt das persönliche Moment, die persönliche Tüchtigkeit des Unter-
nehmers zurück gegenüber der Macht des Kapitals. Mit dem größeren
Einströmen und der größeren Konzentration des Kapitals macht die
Einzelfirma immer mehr der unpersönlichen Aktiengesellschaft oder
Kommanditgesellschaft auf Aktien oder der Gesellschaft mit be-

1)	Vgl. Heinr. Bern heim, Die Hausindustrie des südlichen Schwarzwaldes. Schriften
des V. f. Sozialpolitik, Bd. LXXXIV, Leipzig 1899, S. 391. Eine treffliche Illustration
zu Tschierschkys Behauptung!

2)	A. a. O., S. 35.

3)	Ebenda, S. 38.
        <pb n="106" />
        ﻿95

schränkter Haftung Platz. Damit schreitet nicht nur die Vergröße-
ung der Einzelbetriebe fort, sondern auch die Vereinigung mehrerer
Betriebe in einer einzigen Unternehmung — so werden Spinnereien
unter sich, Webereien unter sich, Spinnerei und Weberei und die
dazu gehörigen Vorbereitungs- und Veredelungsbetriebe kombiniert
— zum Zwecke der besseren Kapitalausnutzung. Durch die Ver-
größerung des Betriebes, durch die Aufstellung leistungsfähigerer
Maschinen spart man an den Kosten für Beleuchtung, Heizung, Lohn,
Ausgaben für Reparaturen etc., bei der Vereinigung mehrerer Pro-
duktionsstadien in einem Betriebe erspart man vor allem die vielen
Spesen, die man sonst dem Zwischenhandel zahlen müßte, und man
umgeht z. T. die Schwierigkeiten, die die Zollpolitik für den einen
oder anderen Zweig der Industrie mit sich bringt. Größtmöglichen
Gewinn zu erzielen ist die Parole; diejenige Betriebsorganisation, die
das am besten erreicht, die dem in ihr investierten Kapital die größte
Rente sichert, muß als Siegerin im Kampfe um die industrielle Vor-
macht hervorgehen, ihr gehört die Zukunft. Die Forderung, die man
an eine solche Organisation stellen muß, ist die; sie muß Produktion
und Absatz der produzierten Güter beherrschen. Solange es eine
Vielheit von Konkurrenten gibt, ist die persönliche Einzelunternehmung
sowohl wie die Aktiengesellschaft dazu außerstande. Man hat es
daher zunächst mit einer Vereinbarung versucht, die eine Preis- und
Produktionsregulierung bezweckte. Aber siehe da! Sobald die Zeit
der allgemeinen Notlage vorüber und wieder einigermaßen ruhigen
Verhältnissen gewichen war, ging die Konvention sehr schnell in die
Brüche. Dabei glaube ich nicht einmal, daß man die Schuld daran
den „Kleinen“ in die Schuhe schieben darf, wenigstens nicht ihnen
allein. Vorläufig — wer vermag zu sagen, wie lange noch? — gibt
es noch eine beschränkte Anzahl von Betrieben, die auch in schweren
Zeiten vorzüglich prosperieren; sie sind teilweise aus persönlichen
Unternehmungen hervorgegangen, werden womöglich von Nach-
kommen des ursprünglichen Gründers geleitet und besitzen nicht nur
ein großes Maß von Selbstbewußtsein, sondern auch von Pietät, das
sie nur im Notfälle einer Kartellvereinbarung beitreten läßt, weil sie
nicht gegen den Strom schwimmen können. Das andere Extrem sind
die kleinen Betriebe, sie haben von den Preiskonventionen nur Vor-
teil, wenn und solange die Schwankungen der Rohstoffpreise abnorm
sind; sobald diese wieder in das gewohnte Fahrwasser zurückkehren,
suchen sie sich kraft des persönlichen Könnens ihrer Leiter hie und
da Vorteile, mögen sie noch so klein sein, zu erringen. Jeder Unter-
nehmer glaubt dabei dem andern überlegen zn sein, jedenfalls wird er
        <pb n="107" />
        ﻿96

sich ebenso wie der Unternehmer jener ersten Kategorie nur in
Fällen der Not entschließen, etwas von seiner Selbständigkeit preis-
zugeben. Ein unpersönliches Moment, das eine Verständigung unge-
mein erschwert, ist die geographische Verzettelung der Betriebe. So
ist man bisher tatsächlich kaum über eine bloße Regelung der Preise
und der Verkaufsbedingungen und allenfalls über eine ganz vorüber-
gehende gemeinschaftliche Produktionseinschränkung hinausgekommen.

Wenn ein Kartell dauernden Nutzen haben soll, darf es nicht
diese lockere Organisation beibehalten. Einkauf, Produktion und Ab-
satz müssen von einer Zentrale aus, die zugleich die Form eines
Kontrollbureaus hat, einheitlich zu regeln sein. Die Voraussetzung
dazu würde sein, daß diese Zentrale auch die nötige Macht, d. h. das
nötige Geld, in Händen hat, um ihre Maßnahmen durchführen zu
können.

Auf dem Gebiet des Handels mit Rohbaumwolle hat es sich
nun in letzter Zeit etwas geregt. Es haben sich Koalitionen voll-
zogen, die vielleicht — man hat über ihre Wirksamkeit noch nichts
gehört — einen Wandel herbeizuführen berufen sind und vor allem
eine Organisation, eine Regulierung des Einkaufs erleichtern. Im
Mai 1903 erfolgte in Atlanta (Ga. U. S. of A.) die Konstituierung
der „Southeastern Cotton Buyers Association“ mit dem Zweck, den
Baum Wollhandel in Georgia, Alabama, Nord- und Süd-Carolina „unter
ihre alleinige Kontrolle zu bringen und zum Besten der Pflanzer
sowohl als der Verbraucher des Spinnstoffes zu regulieren“1)- Sie
will auch die Händler der übrigen Baumwollstaaten zur Gründung
gleicher Vereinigungen veranlassen. Für alle diese Vereinigungen
soll eine Zentralstelle in New-Orleans geschaffen werden, also in dem
Mittelpunkt des sog. Cotton-Belts, des Baumwollanbaugebietes. Ob
und inwieweit die Bemühungen der Vereinigung geglückt sind, darüber
haben wir nichts in Erfahrung bringen können. Es ist damit jeden-
falls der erste Schritt dazu getan, den Baumwollhandel der Union zu
konzentrieren. Die deutschen Händler, bezw. die deutschen Spinner
hätten also statt mit einer Vielheit von amerikanischen „Cotton Buyers“
nur mehr mit einer Vereinigung solcher zu verhandeln. Der eminente
Vorteil einer solchen Vereinfachung liegt auf der Hand. Eine andere
Zusammenschließung — zweifelhafter Natur — ist die „Southern
Cotton Corporation“. Sie will das Lagerhaussystem der Getreide-
branche auf den Baumwollhandel anwenden. Sie will zunächst1 2)
Lagerräume mit den neuesten mechanischen Vorrichtungen errichten,

1)	Nachrichten für Handel und Industrie 1903, I, No. 86.

2)	S. „Leipziger Neueste Nachrichten“ vom 7. Sept. 1904.
        <pb n="108" />
        ﻿97

die dem größeren Teil der Gesamternte erforderlichenfalls Unterkunft
bieten; ferner will sie als Selbstkäuferin auftreten, den Pflanzern
Vorschüsse gewähren, „kurzum ein umfassendes Bankgeschäft be-
treiben, das als Sicherheit die lagernden Ballen besitzt“. Die Gesell-
schaft soll mit einem Grundkapital von 20 Milk Dollars arbeiten, die
feuerfesten Lagerräume sollen 10 Millionen Ballen (!) Raum gewähren,
damit wäre den Pflanzern Gelegenheit gegeben, ihre Ernte aufzu-
bewahren, falls die Preiskonjunkturen für sie schlecht sind. Soweit
ließe sich wohl nichts gegen das Unternehmen einwenden, denn man
muß bedenken, daß bei der letzten Hausse Spinner und Pflanzer die
Leidtragenden gewesen sind, den Gewinn haben die Spekulanten
eingeheimst. Aber die Medaille hat auch eine Kehrseite: Die Ge-
sellschaft beabsichtigt Lagerscheine auszugeben, die der Spekulation
dienen sollen; und dann: an der Spitze der Gründung steht Mr. Daniel
J. Sully. Ja, wenn die Lagerhäuser öffentlich wären, jedermann
durch zuverlässige Berichte immer über die vorhandenen Waren-
mengen orientiert wäre! Aber so, ohne staatliche Kontrolle, haben
die Baumwollkonsumenten keinen Vorteil, nur Nachteil davon zu er-
warten. Direkt gegen die Uberspekulation gerichtet ist der Plan der
Baumwollbörse in New-York, ein Clearing-House zu errichten. Es
würde das ungefähr dieselben Funktionen zu erfüllen haben, die die
Hamburger Warenliquidationskasse zu erfüllen hat. Damit wäre aller-
dings eine übermäßige Spekulation unterbunden, und es wäre zu
wünschen, daß der Plan sobald wie möglich ausgeführt würde. Wie
schon gesagt, hat man auch auf dem 1. internationalen Kongreß von
Baumwollindustrielien über Baumwoll-„Corner“ und ihre Bekämpfung
eingehend diskutiert. Es sind sogar zwei bestimmte Vorschläge ge-
macht worden. Der eine, von Mr. J. L. Tattersall, bezweckte die
Gründung einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, der sowohl
Pflanzer wie Spinner angehören sollten. Das wäre nichts anderes
als eine Übertragung der Organisation der Bremer Baumwollbörse
auf eine internationale Assoziation. Der andere Vorschlag ging von
Herrn Küffler (Österreich) aus und regte die Bildung einer inter-
nationalen Einkaufsgenossenschaft der Spinner an. So bestechend
diese Vorschläge auch sein mögen, ihrer praktischen Durchführbarkeit
stehen doch große Hindernisse entgegen. Das hat man auch auf
dem Kongreß eingesehen, nachdem man sich die Sache ruhig über-
legt hatte. Die Verbrüderung der Welt ist noch nicht so weit ge-
diehen, daß sie für ein derartiges großes Unterfangen ein geeignetes
Fundament bildete. Die nüchternste Auffassung von der Sachlage
legte ein andrer Engländer, Mr. J. B. Tattersall, an den Tag, in-

Abhandlungen d. staatsw. Seminars z. Jena, Bd. III, Heft B.	7

Lochmüller, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie.
        <pb n="109" />
        ﻿dem er sagte1): nach meinem Dafürhalten sind beide Vorschläge
gleich dem Weltfrieden unausführbar; das einzige Mittel zur Aus-
rottung der Baumwoll-„Corner“ ist eine Vermehrung der Baum-
wollzufuhr. Deutschland wird sich also selbst schützen müssen.
Schaffen wir eine Einkaufsagentur im Sinne des Herrn Kuffler.
Dazu würde nur ein bestimmter Beitrag pro Spindel nötig sein, und
jedes Mitglied müßte sich verpflichten, für jede 10000 Spindeln 100
oder 150 Ballen pro Jahr zum Durchschnittskostenpreise von der
Agentur zu kaufen2). Dann gäbe es keine Baumwollnot, und ein
Corner wäre machtlos.

Auch in bezug auf die Regelung des Absatzes sind Fortschritte
gemacht worden. Im Herbst 1903 wurde von dem Verband deutscher
Baumwollgarn-Konsumenten gemeinsam mit anderen Verbänden ein
Entwurf von Verkaufs- und Lieferungsbedingungen im Baum Woll-
handel geschaffen, ln der Anfang September vorigen Jahres statt-
gehabten Generalversammlung wurde dieser Entwurf zum größten
Teile gutgeheißen3). „Von besonderer Bedeutung ist dabei, daß die
Versammlung auch der Schaffung von Schiedsgerichten zustimmte,
welche zwecks einer raschen, sachgemäßen und billigen Beilegung
von Beanstandungen und Erledigung von Streitfällen unter Aus-
schluß des ordentlichen Gerichtsverfahrens geschaffen werden sollte.“
Von dieser gemeinsamen Abrede bis zum Verkaufssyndikat, zur Ver-
kaufszentrale ist es nicht allzu weit.

Wie aber soll eine Kontingentierung der Produktion durch-
geführt werden? Auf dem Züricher Kongreß mußte Herr Direktor
Walter erklären, daß es bisher noch nie gelungen sei, die deutschen
Spinnereien zu einem einheitlichen Vorgehen bezüglich der Pro-
duktionseinschränkung zu bewegen. Als Grund dafür führte er die
verschiedenartigen Verhältnisse, die geographische Zerstreutheit, die
Nachwirkungen der früheren Kleinstaaterei und schließlich den In-
differentismus der Spinner in Deutschland an4). Vereinzelt, in Bayern
und in Rheinland-Westfalen z. B., ist es ja gelungen; aber auch das
bestorganisierte Kartell ist nicht imstande, irgend einen Einfluß auf
die technische Durchführung der Produktion auszuüben. Es kann
nur „bremsen“ und steuern, aber damit wird der Antrieb zur Ver-
besserung der Produktionstechnik — das möchte ich im Gegensatz
zu Tschierschky doch behaupten — unterdrückt, er ist, wenn das

1)	Offizieller Bericht S. 82.

2)	Ebenda S. 50 und 53.

3)	„Leipziger Neueste Nachrichten“ vom 12. September 1904.

4)	A. a. O. S. 79 f.
        <pb n="110" />
        ﻿99

Maximum der Produktion vorgeschrieben ist — und darum handelt
es sich bei uns —, zumal bei längerer Dauer des Kartells, kein so
elementarer als bei freier Produktion. Eine vollständige Kontingen-
tierung der Produktion nach Leistungsfähigkeit und Rentabilität ist
noch nicht einmal versucht worden und ist bei einem Kartell auch
nicht durchführbar. Nein, eine Beherrschung der Produktion ist nur
möglich, wenn von der Zentrale aus zu jeder Zeit „je nach dem Ver-
hältnis der Produktion zum Absatz und gegenüber jedem beliebigen
Werke die Aufgabe des Betriebes im Besten der Gesamtheit schlecht-
weg dekretiert werden kann1).“

Man kann nicht ernstlich daran glauben, daß ein Kartell oder
Syndikat eine Gesundung der Verhältnisse auf die Dauer herbei-
führen kann. Ein Kartell, eine vertragsmäßige Vereinigung von
selbständigen Unternehmern auf Zeit. Und nun gar dieser Unzahl
von kleinen und kleinsten Unternehmern gegenüber. Zugegeben,
daß eine Einkaufsorganisation auf dem Boden eines Kartells möglich
ist. Die Erfüllung des Endzweckes des Kartells muß daran scheitern,
daß es auf der Basis eines kündbaren Vertrages beruht. „Viele
Köche verderben den Brei!“ Es wirken zu viele Sonderinteressen
im Kartell zusammen, die Folge ist, daß vor jeder einschneidenden
Maßregel lange Verhandlungen gepflogen werden müssen, oder es
kommt zu Reibereien und Prozessen. Im letzten Grunde folgt hieraus
auch der Mangel an Kapitalkraft; der Fortbestand des Kartells ist
zu unsicher, als daß auf dieser Basis große Kapitalien gesammelt
werden könnten. Darin liegt aber das Unvermögen begründet, eine
Kontingentierung der Produktion, eine Ausgleichung der Produktions-
bedingungen zu finden. AbsichÜich wurde der Begriff „Trust“ bis-
her nicht erwähnt. Wir sind jetzt ganz von selbst dahin gelangt,
den Trust als das — wenigstens theoretisch — erstrebenswerte Ziel
der baumwollindustriellen Organisation zu erkennen. Die Frage der
praktischen Durchführbarkeit bedarf denn doch einer gründlicheren
Prüfung, als daß sie im Rahmen dieser Arbeit noch behandelt werden
könnte. Nach dem früher Gesagten leuchtet übrigens ohne weiteres
ein, daß die Spinnerei bei weitem mehr Fähigkeit zur Trustorganisa-
tiort besitzt als die Weberei.

Der Trust beruht zunächst einmal nicht auf der Basis von Ver-
trägen, sondern auf der Basis von Besitz. Das einzelne Unternehmen
verliert seine Selbständigkeit, der Einzelunternehmer wird Trust-
aktionär, die Leitung liegt in der Hand einer umsichtigen, starken
Persönlichkeit, Einkauf, Produktion, Absatz sind konzentriert. Daraus

i) E. Harmening, a. a. O. S. 15.

7
        <pb n="111" />
        ﻿IOO

folgt, daß der Trust allein fähig ist, den Betrieb unter dem Gesichts-
punkt möglichst großer Wirtschaftlichkeit zu leiten. Der Trust kann
nicht nur gleichartige Unternehmungen, sondern ganz besonders auch
die verschiedenen Produktionsstufen zusammenfassen 1j. Die Voraus-
setzung dazu ist allerdings eine ganz bedeutende Kapitalkraft. Damit
kommen wir aber zu einer, vielmehr zu der Hauptschwäche der Trust-
bildung, die zwar nicht notwendig, aber leicht mit der Ausdehnung
eines Trusts zutage tritt, und zwar bisher namentlich in der Union,
d. i. die „Überkapitalisation“. Die Industrie ist heute schon fast zu
sehr mit den großen Banken, den Kapitalreservoirs, verwachsen, es
gibt wohl kein Gebiet des industriellen Lebens, wo nicht die Banken
ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben. Auch ein Trust wird
der Mitwirkung einer oder mehrerer Banken nicht entbehren können.
Es ist nun ein Zug der Zeit, bei der Gründung großer Unternehmun-
gen recht optimistische Rentabilitätsberechnungen anzustellen und
daraufhin loszuwirtschaften. Wirft man sich daher einer Spekulations-
bank im wahren Sinne des Wortes in die Arme, so tritt zu leicht
der Fall ein, daß Outsider-Werke nicht zu dem „billigen Gelegen-
heitswert“ während einer Krise, sondern womöglich über den Normal-
wert hinaus, den sie unter normalen Produktions- und Absatz Verhält-
nissen haben würden, angekauft werden. Der Trust ist dann von
vornherein ein Koloß auf tönernen Füßen und seine Rentabilität sehr
in Frage gestellt. Der ganze Profit fließt dann in die Taschen der
Bankaktionäre und die Industrie wird von den Großbanken ins Schlepp-
tau genommen. Die günstigen Wirkungen eines Trusts hängen also
davon ab, ob die Primärwerke selbst kapitalkräftig genug sind
oder die Hilfe von Banken in ausgedehntem Maße in Anspruch
nehmen müssen und zweitens davon, daß der Wert der anzukaufenden
Werke richtig taxiert wird. Sind diese Grundbedingungen erfüllt, so
ist der Trust jeder anderen Wirtschaftsform überlegen.

Fassen wir kurz das Ergebnis zusammen: Die Industrie muß
auf dem einmal begonnenen Wege fortschreiten, die Entwicklung
zum Großbetrieb und zur Konzentration, zur betrieblichen sowohl
wie zur örtlichen, muß immer bestimmtere Formen annehmen; alles
das sind Vorbedingungen zu einer straffen Organisation, deren -
vorläufig — letztes Ziel aber ist der Trust.

i) Tschierschky sieht S. 104 seiner Arbeit über „Kartell und Trust“ einen Trust
in der Baumwollindustrie der nordamerikanischen Südstaaten voraus, die erwähnten Zu-
sammenschlüsse scheinen tatsächlich darauf hinzudrängen.
        <pb n="112" />
        ﻿Schluß.

Wenige Worte bleiben uns noch zu sagen übrig.

Die deutsche Baum Wollindustrie steht als Weltindustrie an dritter
Stelle. Die erste nimmt die englische, die zweite die der Vereinigten
Staaten ein. In England beherrscht die Baumwolle fast das ganze
wirtschaftliche Leben, und vielleicht der vierte Teil des englischen
Volkes lebt von der Nahrung, die gegen Baumwollwaren eingetauscht
wird. Die Entwickelung der Baumwollindustrie der Union hat in
verhältnismäßig kurzer Zeit ungeahnte Formen angenommen, das
Tempo der Entwickelung übertrifft das der englischen und der deut-
schen bedeutend, und dabei beginnt erst jetzt die eigentliche Aus-
nutzung der natürlichen Vorteile des Landes, das schon lange die
meisten Kohlen und das meiste Eisen fördert.

Wie nun, wenn die Baumwollindustrie in New-England und den
Südstaaten der Union so fortfährt sich zu entwickeln? Woher soll
dann die europäische, die deutsche Baumwollindustrie den nötigen
Rohstoff beziehen? Das ist die bange Frage, die heute in der Luft
schwebt und an deren Lösung unsere Kolonialpolitiker unausgesetzt
arbeiten.

Schon vor mehr als 100 Jahren, als man von amerikanischer
Baumwolle nicht viel wußte, sah ein weitschauender Geist, J. G. Fichte,
voraus, daß wir dereinst in eine solche Lage kommen würden. In
seinem „geschlossenen Handelsstaat“ weist er darauf hin, daß es auch
in unserm Klima an Substraten für Baumwolle nicht fehlen würde,
wenn man sich die Mühe nähme, verschiedene wolletragende Pflanzen
zu veredeln. „Tragen nicht mehrere Grasarten, Stauden, Bäume in
unseren Klimaten eine wohl ebenso feine und durch Kultur noch
sehr zu veredelnde Wolle?“1) Er erinnert gleichzeitig daran, daß
unsere Getreidearten ursprünglich nichts anderes als Gras waren. Die
Perspektive, die sich damit seinem Blick eröffnete, war eine für uns
auf den ersten Blick überraschende. Die ausgedehnte Kultur der
wollenreichsten Pflanzenart, die Erfindung der zweckmäßigsten Ma-
schinen zur Einsammlung und Zubereitung der Wolle würden uns i)

i)	J. G. Fichte, Der geschlossene Handelsstaat 1800, S. 262—63 Anmerkung.
        <pb n="113" />
        ﻿102

nicht nur in dieser Hinsicht unabhängig machen, sondern wahrschein-
lich eine neue Blütezeit für die deutsche Baumwollindustrie herbei-
führen.

Mag man nun auch eine solche Ansicht als Schwärmerei auf-
fassen, sicher ist ein beachtenswerter Gedanke dabei, dessen Ausführ-
barkeit auch für uns im Bereich praktischer Möglichkeit liegt: Wir
müssen unbedingt unsere Hoffnung darauf setzen und mit aller Kraft
dahin streben, daß wir auf eigenem, tropischem Gebiet den Anbau
der dort vorhandenen Baumwollstaude so kultivieren, daß die Ab-
hängigkeit von Nordamerika mindestens sehr gemildert wird. Es ist
nicht nur die Pflicht, sondern auch der eigene Vorteil jedes Deutschen,
der an der Baumwollindustrie interessiert ist, zum weiteren, ener-
gischen Ausbau der Baumwollkultur die Hand zu bieten.

Hoffen wollen wir ferner, daß der Gegensatz zwischen Spinnern
und Webern zum Heile der ganzen Industrie verschwindet und einer
friedlichen Verständigung Platz macht.

Schließlich ist auch eine Verständigung zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern für die Industrie von Vorteil und daher mit allen
Kräften anzustreben. Tarifverträge auf vernünftiger Basis bieten
dazu eine gute und die einzig richtige Handhabe. Diese Erkenntnis
muß sich jedem aufdrängen, der die moderne industrielle Entwicke-
lung verfolgt.
        <pb n="114" />
        ﻿Anlagen.
        <pb n="115" />
        ﻿Die Organisation der Bremer Baumwollbörse.

Die „Bremer Baumwollbörse“ ist ein mit den Rechten einer
juristischen Person ausgestatteter Verein, der die Wahrung und
Förderung der Interressen aller am deutschen Baumwollhandel
und an der deutschen Baumwollindustrie Beteiligten bezweckt, ins-
besondere durch Hebung des Bremer Baumwollhandels (s. § i)1).
Daher können die Mitgliedschaft erwerben nicht nur die Importeure,
Händler, Makler usw., also die Personen, bei denen die Fäden des
Bremer Baumwollhandels zusammenlaufen, sondern auch jedes Unter-
nehmen der deutschen Baumwollindustrie (s. § 4). Die Genehmigung
eines Beitrittsgesuches hängt vom Vorstande ab (s. § 5). Die Mit-
glieder haben einen jährlichen Beitrag zu leisten, sind verpflichtet,
die von der Organisation erstrebten Ziele nach Kräften zu fördern
und haben sich vor allem den „Bedingungen der Bremer Baumwoll-
börse“, d. i. eine Zusammenstellung der im Bremer Baumwollhandel
geltenden Usancen, zu unterwerfen (s. §§ 6 u. 7). Die Mitgliedschaft
wird auf Zeit suspendiert, falls ein Mitglied seine Zahlungen einstellt
oder das Konkursverfahren eröffnet wird und wenn ein Mitglied sich
weigert, einen Schiedsgerichtsspruch anzuerkennen oder fällige Bei-
träge zu leisten (s. §§ 9 —11).

Die Bremer Baumwollbörse besitzt drei „Organe“: a) die General-
versammlung, b) den Vorstand und die Kommissionen, c) das Baum-
wollprobenzimmer (s. § 3). a) Die Generalversammlung ist die Ver-
tretung aller Mitglieder, sie nimmt den Rechenschaftsbericht ent-
gegen und stellt das Budget auf, ihr liegt die Wahl des Vorstandes
ob (s. § 13). Bei Abstimmungen entscheidet die absolute (bei Wahlen
die relative) Mehrheit. Nur Beschlüsse auf Abänderung der Satzungen
und der „Bedingungen“ bedürfen einer Mehrheit von 2/s der abge-

1)	Die Paragraphen verweisen auf die „Satzung der Bremer Baumwollbörse. Revi-
diert am 26. März 1904.“ Bremen 1904.
        <pb n="116" />
        ﻿— io6 —■

gebenen Stimmen (s. § 17). b) Der Vorsteht besteht aus 12 in
Bremen wohnhaften Mitgliedern und 7 Baumwollspinnern (s. § 18).
Von den 7 Spinnermitgliedern wählt je 1 Mitglied:

1.	der Verein süddeutscher Baumwollindustrieller;

2.	das elsässische industrielle Syndikat;

3.	der Verein sächsischer Spinnereibesitzer;

4.	der Verband rheinisch-westfälischer Baum Wollspinner;

5.	der Verband der Crimmitschauer und Werdauer Vigogne-
spinner.

Das 6. Mitglied wird von den 5 Delegierten dieser Verbände
und das 7. Mitglied von dem Verein der Baumwollspinner Öster-
reichs gewählt (s. § 20). Der Vorstand wählt seinerseits aus seiner
Mitte einen Präsidenten und zwei Vizepräsidenten (s. § 22). Eben-
falls aus der Mitte des Vorstandes werden fünf Kommissionen ge-
wählt, die 1. mit der Bestellung von Schiedsrichtern, 2. mit der Prü-
fung und Neuaufstellung von Standards, 3. mit der Führung der
Statistik, 4. mit der Feststellung des Marktwertes betraut sind. Einer
fünften Kommission liegt die Vorbereitung von Änderungen der „Be-
dingungen“ ob (s. § 23). c) Das Baumwoll-Probenzimmer, das dem
Vorstande unterstellt ist, ist das geschäftsführende und Exekutivorgan
des Vereins. Von ihm werden die Muster zurechtgemacht, die Baum-
wollsorten klassiert und abgeschätzt. Zu diesem Zwecke ernennt der
Vorstand in Gemeinschaft mit dem Direktor des Probenzimmers
Klassierer, welche ihre ganze Arbeitskraft ausschließlich der Bremer
Baumwollbörse zu widmen und vor Antritt ihres Amtes einen Eid
zu leisten haben, daß sie ihre Pflichten gewissenhaft und un-
parteiisch erfüllen wollen (s. § 26).

Für die Beamten der Bremer Baumwollbörse besteht eine Ruhe-
gehalts- und Witwen- und Waisenpensionskasse, deren Verwaltung
und Geschäftsführung der Vorstand überwacht (s. § 29).

Der Unterschied dieser Organisation von der des Liverpooler
Baumwollhandels liegt zunächst einmal darin, daß die „Bremer Baum-
wollbörse“ ein Verein, die „Liverpool Cotton Association“ da-
gegen eine Aktiengesellschaft ist, hervorgegangen aus der Organi-
sation der Baumwollmakler, der „Cotton Brokers Association“
und der der Importeure, der „Cotton Exchange“1). Die Ver-
gebung von Aktien an andere als Mitglieder der Stammgesellschaften
ist dort abhängig von der Wahl der Aktionäre und 3/4 Mehrheit der
Stimmen des Direktoriums2). In den Händen dieses Direktoriums

1)	Th. Ellison, The Cotton Trade, S. 278.

2)	Ebendaselbst.
        <pb n="117" />
        ﻿i°7

ruht die Verwaltung der Gesellschaft. Es besteht aus 18 Mitgliedern,
von denen die Cotton Brokers’ Association io, die Cotton Ex-
change 8 wählt; mindestens zwei derselben sollen Spinner sein1).
Sind die Spinner nicht von Haus aus Mitglieder einer der beiden
Stammgesellschaften, so können sie nur außerordentliche Mitglieder
werden und haben als solche nicht Sitz und Stimme in der Ver-
waltung1 2). In Liverpool fehlt also die enge Allianz von Händ-
lern und Spinnern, ferner fehlt auch der beeidigte Klassierer.

Unter dem Titel „Bedingungen der Bremer Baumwollbörse“ ist
nun alles zusammengestellt, was dem Bremer Baumwollhandel sein
Gepräge verleiht: die Handelsusancen und die Bestimmungen, die für
Spinner und Händler von gemeinsamem Interesse sind. Die darin
niedergelegten Bestimmungen sind für alle Mitglieder des Vereins
verbindlich, insofern nicht ausdrücklich abweichende Vereinbarungen
getroffen sind3). Es können in Bremen folgende Arten von Ver-
käufen abgeschlossen werden:

1.	Verkäufe von loco Baumwolle;

2.	Verkäufe mit einer bestimmten Lieferzeit (auf Lieferung);

3.	Verkäufe auf Ankunft (to arrive);

4.	Verkäufe mit der Klausel „franco Waggon“;

5.	Verkäufe nach Kost, Frachtbedingungen.

Wir wollen zur Erläuterung die einzelnen Kaufverträge einer
kurzen Besprechung unterziehen.

Die erste Art, das Lokogeschäft, ist die ursprüngliche Art des
Vertragsabschlusses: Handel mit sog. prompter, d. h. bereitliegender,
sichtbarer Ware. Er ist hervorgegangen aus dem alten Meßhandel
in Baumwolle, den wir bis zum Anfänge des ig. Jahrhunderts aus-
gebildet finden in Leipzig sowohl wie in Frankfurt a. M.4) Der Käufer
ist dabei verpflichtet, die Ware innerhalb 10 Tagen nach dem Tage
des Kaufes zu empfangen und abzunehmen (B. § 52). Der Kauf kann
abgeschlossen werden mit der Klausel, daß nichts unter einer be-
stimmten Klasse geliefert werden darf. Der Käufer muß dann auch
die von der Garantie abfallenden Ballen empfangen, der Verkäufer
hat ihm aber außer der Vergütung nach dem Marktwert noch eine
Strafvergütung von 1 Pfg. pro l/2 kg zu machen (B. § 56). Die
Zahlung des Kaufpreises hat bei dem Empfang der Baumwolle in

1)	Th. Ellison, The Cotton Trade, S. 279.

2)	Ebenda, S. 278.	.	\

3)	„Bedingungen der Bremer Baumwollbörse. Revidiert am 23. März 1901.“ Bremen
1901, § I.

4)	L. Bein, a. a. O. passim.
        <pb n="118" />
        ﻿bar mit 5 °/0 p. a. Diskont für 3 Monate, vom Tage des Verkaufs
an gerechnet, zu erfolgen (B. § 60).

Der Lokohandel erwies sich als unzureichend, sobald größere
Mengen von Baumwolle gebraucht wurden, der Verlust von Zeit und
Geld, der durch die Anlage großer Lager erwachsen wäre, die Ver-
schärfung der Konkurrenz drängten auf Abkürzung der zwischen
Produktion und Konsumtion vergehenden Zeit. Aus diesem Bestreben
heraus ist der Lieferungshandel nach Muster hervorgegangen. Er ist
seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die bei weitem überwiegende
Art des Vertragsabschlusses. Zunächst noch ein individueller Liefe-
rungshandel, wird er im letzten Drittel des Jahrhunderts zum gene-
rellen Lieferungshandel auf Grund von Durchschnittsproben, sog.
Standards. Bei dieser Art des Kaufs braucht der Käufer nicht ein-
mal die Probe zu sehen. Die Standards sind die Normaltypen der
Warenqualitäten, ähnlich wie der in Paris aufbewahrte Platinstab
das Normal-Metermaß darstellt. In Bremen werden die Standards
mindestens einmal jährlich auf Grund der Standards der Liverpool
Cotton Association durch eine Kommission festgestellt und durch
den Direktor des Baumwoll-Probenzimmers aufbewahrt. Die Lieferungs-
kaufverträge in Bremen lassen sich kurz folgendermaßen charakteri-
sieren.

Bei den Verkäufen „auf Lieferung“ ist die Baumwolle binnen
der im Vertrage festgesetzten Zeit zu liefern, und zwar mindestens
in Posten von 10000 kg (B. § 62). Wird die Lieferzeit nicht inne-
gehalten, so steht dem Käufer das Recht zu, den Kaufvertrag zu
„regulieren“ (s. weiter unten).

Das Gewicht der Lieferung soll bei amerikanischer Baumwolle
durchschnittlich netto betragen;

22 593 kg	per	100	Ballen	Texasbaumwolle,

21 528 „	,,	100	„	Gulfbaumwolle,

20 675 ,,	„	100	„	aller anderen Provenienzen.

Das Gewicht indischer Baumwolle soll netto betragen;

178	kg	per	Ballen	Surate, Bengal,

227	„	,,	,,	Timivelly.

Eine Abweichung von 5 °/0 ist erlaubt (B. § 66).

Verkäufe „auf Ankunft (to arrive)“ sind solche, bei denen die
Zeit oder Art der Abladung, bezw. die stattfindende Entlöschung
der Baumwolle vereinbart worden ist. Für den Fall, daß eine Partie
Baumwolle ganz oder teilweise durch höhere Gewalt verloren geht,
ist der Verkauf für die verloren gegangene Baumwolle erloschen.

Lautet der Kaufvertrag auf „franco Waggon“, so hat der Ver-
käufer die Baumwolle in versandfertigem Zustande zu liefern und die
        <pb n="119" />
        ﻿o9

Transportkosten bis an den Waggon und die Verladungskosten zu
tragen.

Bei den Verkäufen „nach Kost, Fracht-Bedingungen“ (cf) hat
der Verkäufer alle Kosten bis zum Bestimmungshafen zu übernehmen,
außer der Seeversicherung. Wenn auch die Seeversicherung durch
den Verkäufer erfolgt (cif), so hat dieser 5°/0 imaginären Gewinn
auf den Netto-Fakturabetrag mitzuversichern.

Die Maklergebühr beträgt bei allen Verkäufen gleichmäßig */*%,
wovon 1/i°/o der Verkäufer und 1/i°/0 der Käufer zu zahlen hat (§ 8).
Alle etwa entstehenden Streitigkeiten sind durch ein Schiedsgericht
zu entscheiden (§ 9). Die Klassierungen und Abschätzungen erfolgen
durch die beeidigten Klassierer, denen vor Abgabe ihrer Entscheidung
die Namen der Parteien nicht bekannt sind (§ ig). Die Gebühren
für die Abschätzung werden von der Partei getragen, gegen die die
Entscheidung ausfällt. Bei Verkäufen auf Basis einer Klasse hat
jede Partei die Hälfte zu zahlen (B. § 25). Im Falle der Nicht-
erfüllung der gesetzlichen oder vertragsmäßigen Bestimmungen oder
im Falle des Verzuges seitens einer Partei hat die Gegenpartei unter
Ausschluß aller sonstigen gesetzlichen Rechte nur das Recht der
„Regulierung des Vertrages“ (§ 6). Die Baumwolle ist dann zum
Marktwert des Tages, an welchem die Regulierung verlangt wird,
mit einer Straf Vergütung von einem Pfennig per x/2 kg gegen den
Kaufpreis zu verrechnen (§ 38). Dieses Prinzip der Regulierungen
ist das einzige spekulative Element im Bremer Baum Wollhandel, denn
es gibt dem Verkäufer Gelegenheit, von seinem Kontrakt zurück-
zutreten, falls die Preise zu sehr für ihn steigen. Aber es kann kein
Differenzgeschäft daraus werden, es ist ja nur ein einseitiges Recht
des Käufers, den Kaufvertrag zu regulieren (to dose). In Liver-
pool dagegen finden die Regulierungen (periodical settlements) all-
wöchentlich statt1), sie hängen mit dem Abrechnungssystem des
Cotton Clearing House zusammen und stellen eine Summe von wirk-
lichen Differenzgeschäften dar1 2). Das Cotton Clearing House stellt
die Preisdifferenzen fest und übernimmt den Empfang und die Aus-
zahlung derselben von und an den betreffenden Kontrahenten. Sie
brauchen nicht bar gezahlt zu werden, sondern sie werden analog
dem Verfahren beim Kontokorrentverkehr gebucht, so daß schließlich
nur die Schuld, welche sich aus sämtlichen an dem „settlement-day“
erledigten Kontrakten einer Firma ergibt, beglichen wird3).

1)	Th. Ellison, a. a. O., S. 296.

2)	Ebenda, S. 295.

3)	Ebendaselbst.
        <pb n="120" />
        ﻿Der deutsche Außenhandel in Baumwolle und BaumwoUfabrikaten (Spezialhandel) 1889—1903.

I. Einfuhr.	(Die Menge in 1000 t.)

Statisti- sche No-		1889	1890	1891	1892	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899I1900 1901			1902	1903
i5	Baumwolle, rohe		224,0	250,6	259,7^240,9		247,7	277,8	301,0	281,5	302,5357,0		330,9	313,1	332.9	348,3	382,5
l6	Baum wollabf alle	  Baumwollgarn, auch Vigognegarn, eindrähtig, roh:		17.6	17,8	20,6	23,9	21.5	27,5	27,6	29,1	34,0	36,2	45,4	40,7	43,■	49,4
19		1,3	0,5	0,2	0,1	0,2	0,2	0,2	0,2	1,8	0,3	o,1	0,2	0,1	o,1	0,3
20	über No. 17—45		6.3	5,5	4,3	3,8	4,4	5,9	7,4	7,1	8,2	6,2	4,8	4.0	3,0	3,1	3,4
21	,,	„	45—60		1,2	1.5	1.3	i,3	1,6	1,8	2,2	2,0	2,2	2,3	1,8	1,6	i,3	1,4	1,5
22	„	„	60—79		1,0	I,1	0,9	o,9	0,9	0,9	1,0	1,2	1,6	1,5	1,0	D2	1*2	1,1	1,0
23	,,	-.79	  Zweidrähtig, roh:	0.3	0,3	0.3	0,6	0,7	0,6	0,9	1,0	1,0	1.3	1,8	1,8	1,4	i,7	1,9
24	bis No. 17		0,2	0,1	0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	O, T	0.1	0,1	0,1	0,0	0,0	0,1	0,0
25	über No. 17—45		6,1	5.i	4.5	4.4	4,5	4,3	5,2	5,5	6,0	5,3	4,7	4,2	2,9	2,8	3,5
26	„	•„	45—60		1,9	i.4	1.3	1,3	1,4	1,5	1,8	i,9	2,0	2,3	2,5	2,5	2,1	2,3	2,6
27	»	» 60—79		0,7	o.7	0,7	0,8	0,8	0,8	1,0	1,0	1,2	1.3	i,4	1,6	1,5	1,9	1,9
28	..	»79	  Ein- und zweidrähtiges, gebleicht oder gefärbt:	'-4	i,4	1,2	M	1,5	1,02	1,6	‘,4	1,4	1,6	i,7	1,8	1,7	t,8	1,8
29	bis No. 17		0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,0	0,1	0,0	0,0	0,1
OJ  O  1  u»  K»	über No. 17—79		0,4	0,3	0,3	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1
33	..	»79		0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0
34	Drei- und mehrdrähtig		0,3	0,3	0,2	0,2	0,3	0,3	0,3	0,4	0,4	0,4	0,4	0,4	0,3	0,4	0,4
35	Zweidrähtiges, wiederholt gezwirntes; Zwirn, akkommod. Baumwollwaren:	o.5	o,S	0,5	0,5	0,5	0,5	0.5	0,5	0,5	o,4	0,5	0,4	0,4	0,4	0,4
38	Gewebe, dichte, gebleicht etc		o,3	o,3	0,4	0,4	0,6	0,6	0,8	o,9	5.3	3-6	3,4	3,5	3.2	3,3	3,3
39	Tüll, roh, ungemustert		0,2	0,1	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,4	0,5	0,4	o,4	o,3	o,3	0,2	0,2
40	Gewebe, dichte, gebleicht etc		0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,3	o,4	0,4	o,4	o,5	o,5	0.5	0,5	o,5
41	Sammet, aufgeschn		0,2	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1
42	Gewebe, dichte, gefärbt		0,4	0,4	0,4	0,4	0,5	0,5	0,6	0,6	0,7	0,8	0,8	0,8	0,8	0,9	0,9
45	,,	undichte, rohe	  ,,	gebleicht, gefärbt		0,0	0,0	0,0	0,0	O,1	0,0	0,1	0,1	0,5	0,3	0,3	o,3	0,3	0,4	0,4
48		0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,2	0,2	0,3	0,3	0,3	o,3	0,3	0,3	0,4
53	Schmirgeltuch		0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	o,1	0,1	0,1	O,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1
44	Strumpfwaren, bw		0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0.0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0
43	Posamentier- und Knopfmacherwaren		0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0
49—50	Spitzen und Stickereien		0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,1	0,2	0,2
        <pb n="121" />
        ﻿Der deutsche Außenhandel in Baumwolle und ßaumwollfabrikaten (Spezialhandel) 1889

II. Ausfuhr.	(Die Menge in 1000 t.)

1903.

Statisti- sche So.		CO  CO  VO	1			  CO  vO  O	1891	1892	1893	1894	IO  O  00	1896	1897	1898	1899	0  0  CN	1901	1902	1903
*5	Baumwolle, 1 ohe		19,5	23,9	22,4	21,9	21,1	23.5	33,8	39,3	29,5	34.1	36,1	33,9	30,7	37,8	38,4
16	Baumwollabfälle		10,6	I 1,2	10,0	9,8	n,7	n,i	11,2	13,3	14.3	13,6	14,5	i7,i	16,3	18,0	23,8
17	Baumwolle, Kard. etc		1.3	1.3	1,3	1,0	1,0	i,3	1,6	1,8	1,7	i,5	1,5	'S	1.4	1,5	1,6
18	Baumwollwatte	  Baumwollengarn, eindrähtig, roh;	0,2	0,2	0,2	0.3	0,2	o,3	0,4	o,5	0,5	0,6	0,6	0,8	0,8	1,1	1,3
19	bis No. 17		0,2	0,6	1,4	1,6	1,0	0,6	0,5	0,6	0,6	0,8	i,7	2,6	2,4	3,2	2,5
20	über No. 17—45		0,2	0,4	o,S	0,6	0,3	0,2	0,1	0,2	0,2	0,2	o,5	1,6	2,7	„2,0	1,3
21	»	5)	45—60		O,1	0,1	0,1	o,1	0,1	0,1	O,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	o,1	0,1	0,1
22	&gt;,	»	60—79			0,0	0,0	0,1	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0
23	»79		0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0
24—28	Zweidrähtiges, roh	  Ein- und zweidrähtiges, gebleicht etc.;	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,2	0,3
29	bis No. 17		2,0	1,3	1,7	1,7	1,8	2,2	2,0	1,6	1,6	1,9	2,0	1.8	1,9	2,0	2,0
3°	über No. 17—45		0,2	0,2	0,5	0,6	0,4	0,4	0,5	0,5	1,4	1,3	1,2	1,1	1,4	1,7	1,7
31—32	..	45—79		0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	o,1	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2
33	»	,,79		0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,1	0,2
34	Drei- und mehrdrähtig		0,6	0,7	0,7	0,6	0,5	0,6	0,6	0,6	o,6	0,6	0,7	0,7	0,7	0,8	0,9
35	Zweidrähtiges, wiederholt gezwirntes; Zwirn, akkommod.	1,1	1,2	1,3	1,2	1,2	1,2	1,3	1,2	i,3	1,5	1.5	1,6	1,8	2,0	2,1
37	Vigognegarn	  Baumwollwaren;	2,1	2,4	3,3	3,0	2,4	2,0	2,5	2,1	1,8	1,5	1,5	1,2	o,7	0,5	0,4
38	Gewebe, dichte, rohe	  „	gebleicht etc		0.3	0,3	0,3	0,4	0,4	0,3	0,3	0,4	o,5	0,4	0,6	0,6	0,6	0,5	0,9
40		1.7	1,6	1,8	1.7	i,7	1,7	i,9	1,8	1,8	1,8	1,9	2,3	2,3	2,8	3,4
41	Sammet, aufgeschn		0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	o,3	o,5	0,5	0,6	0,8	0,8	0,9	0,8
42	Gewebe, dichte, gefärbt		12,7	13.4	14,5	18,2	17,7	14,5	16,7	16,6	17,7	17,7	18,6	20,4	18,8	22,6	24,8
45	,,	undichte, roh		0,0	0,0	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,0	°,i	0,1	0,1	0,1	0,1	°,i
46	Gardinenstoffe, rohe		0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0
47	„	andere		0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,3	0,2	0,2	0,2	0,2	0,1	0,1	0,2	0,2
48	Andere undichte Gewebe, gebleicht etc		0,6	0,6	0,6	0,6	0,6	0,6	0,8	0,8	°,9	o,8	0,9	1,0	1,1	1,2	1,3
	Baumwollwaren, unvollständig deklar		0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0.0	0,0	0,0	0,0
53	Schmirgeltuch		0.1	0,1	o,1	0,2	0,2	0,3	0,4	0,4	o,5	0,6	0,7	0,7	0,7	0,7	0,8
52	Fischernetze		0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	0,1	0,1	0,1  9,8	0,1	0,1	0,1	O,1	0,1	0,2	0,2
44	Strumpfwaren		7,5	8,3	6,6	8,6	8,8	9.1	11,3		9,8	9,5	9,9	10,6	9,4	10,5	10,9
43	Posamentierwaren		2,3	2,9	2,9	2,8	2,9	3,3	3,4	3,2	2,9	3,i	3,0	3,2	2,9	2,7	2,7
49—5°	Spitzen und Stickereien		0,6	0,6	0,6	o,5	o,5	0,6	o,7	0,8	1,0	1,0	1.1	1,3	1,3	1,6	1,9
        <pb n="122" />
        ﻿Der deutsche Außenhandel in Baumwolle und Baumwollfabrikaten (Spezialhandeli 1889—1903.

I. Einfuhr.	Der Wert in Millionen M. Nur Waren über 0,1 Mill. M. sind aufgeführt

Statisti- sche No.	Artikel	1889	1890	1891	1892	1893	1894	1895	1896	00  vO  VI	1898	1899	1900	1901	1902	1903
iS	Baumwolle, rohe		270,9	280,6	226,0	■87,5	210,5	i9i,7	220,7	226,6	231,0	237,5	228,5	318,0	296,2	319,7	395,1
16	Baumwollabfälle	  Baumwollgarn, auch Vigognegarn, eindrähtig, roh:	9.1	9,5	8,0	8,2	10,7	7,9	10,7	n,9	12,2	13,3	14,8	22,7	19,5	21,6	28,2
19	bis No. 17		&gt;.9	0,8	0,2	0,2	o,3	o,3	0,2	0,3	1,9	0,3	0,1	0,2	0,1	0,1	°,4
20	über No. I"—45		12,3	10,9	7,7	6,2	8,0	9,8	12,5	11,9	12,4	8.5	7,2	7,4	4,9	4,9	Ö,2
21	..	..	45—6o		2,9	3,5	2,8	2,7	3,7	3,6	4,7	4,2	4.4	4,3	3,8	4,0	2,9	3,1	3,9
22	„	„	60—79		3,7	3,9	3,'	2,8	3,0	2,9	3,3	3,9	5,i	4,5	3,2	4.9	3,9	3.3	3,4
23	,,	»79	  Zweidrähtiges, roh:	i,7	1,4	i,3	2,6	3,4	3,o	4,3	4,7	4,5	5,9	8,4	9,5	6,9	7,7	9,7
24	bis No. 17		o,3	0,1	0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,0	0,1	0,1
25	über No. 17—45		13,1	n,2	9,1	8,2	8,9	7,8	9,3	9,9	9,9	7,9	7.4	8,2	5,1	S,o	6.7
26	,,	•,. 45—60		5,6	4,3	3,7	3,3	3.8	3,9	4,8	5,1	5,1	5,6	6,5	7,5	5,6	5,9	7,3
2-	„	„	60—79		2,8	3,1	3,o	3,3	3,6	3,3	4,1	4,4	4,3	4,4	5,2	6,6	5,7	6,8	7&gt;5
28	&gt;»79	* • 		  Ein- und zweidrähtiges, gebleicht und gefärbt:	8,0	8,0	6.5	7,9	7,9	6,8	9,1	8,2	7,3	8,5	9,6	10,6	9,7	10,2	10,1
29	bis No. 17		0,2	0,1	0,1	0,1	0,2	0,2	0,2	0,1	0,1	0,1	0,0	0,1	0,0	0,1	0,2
30—32	über No. 17—79		0,8	0,7	0,5	0,4	o,5	o,3	0,3	0,4	0,4	o,4	0,3	0,3	0,2	0,2	0,2
33	»	»79		o,t	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,2	0,1	0,1	0,1	0,1	0,2	0,2	0,2	0,2
34	Drei- und mehrdrähtig		V	1 1	0,9	1,0	I,1	1,0	1,2	1,4	1,4	i,4	i,5	1,6	1,2	1,6	1,9
35	Zweidrähtiges, wiederholt gezwirntes; Zwirn akkomm. Baumwollwaren:	2,4	2,4	2,6	2,2	2,3	2,2	2,4	2,2	2,2	1,9	2,3	2,3	1,9	2,0	2,1
38	Gewebe, dichte, rohe		0,8	0,9	0.9	1,1	1,6	1,5	2,1	2,3	'5,9	10,5	io,3	11,5	10,3	11,0	ii, 5
39	Tüll, roh, ungemustert		4.1	3,2	3,8	2,5	2,7	3,8	3,6	5.5	9,o	6,3	6,0	5.8	4,8	3,4	3,0
40	Gewebe, dichte, gebleicht etc		0,5	0,6	o,5	o,5	0,6	0,6	0,9	1,0	i,3	i,3	1,6	1,9	i,7	1.9	2,0
41	Sammet, aufgeschn		0,2	0,1	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,4	0,4	o,5	0,5	0,6	0,7	0,5
42	Gewebe, dichte, gefärbt		1,2	1.4	',2	I,	1,4	1,4	1,6	1,6	2,1	2,6	3,o	3,0	2,9	3,4	3.6
45	,,	undichte, rohe		0,1	0,1	0,1	0,1	0,2	0,2	0,3	0,5	2,3	1,6	i,7	2.5	2,0	3,'	2,7
48	,,	gebleicht, gefärbt		0,3	0,4	0,3	0,3	0,4	0,6	0,8	1,1	i,S	1.4	1,6	2,2	2,3	2,8	3,1
53	Schmirgeltuch		0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	°&gt;I	0,1	0,1	0,1	0,1
44	Strumpfwaren, bw		0,3	0,3	0,3	0,3	0,3	0,4	0,4	0,4	o,3	o,3	o,3	0,3	0,2	0,3	0,3
43	Posamentier- und Knopfmacherwaren		0,4	0.3	o,4	°,3	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,3	0,2	0,2	0,2
49—5°	Spitzen und Stickereien		4,5	4,2	3.7	2,6	2,6	2,6	4,0	5,9	7,1	6,3	7,'	6,9	6.2	7,7	9.1
        <pb n="123" />
        ﻿Abhandlungen d. staatsw. Seminars z. Jena, Bd. III, Heft 3.
Lochmüller, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie.

Der deutsche Außenhandel in Baumwolle und Baumwollfabrikaten (Spezialhandel) 1889—1903.

II. Einfuhr.	(Der Wert in Millionen M. Nur Waren über 0,1 Mill. M. sind aufgeführt.)

Statisti- sche No.	Artikel	188g	1890	1891	00  vo	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899	1900	IQOI	1902	1903
i5	Baumwolle, rohe		23,5	28,9	i9,5	17.3	18,4	16,5	25,2	32,1	22,8	23.0	25.3	34.9	27,7	35,1	40,4
16	Baum wollabf alle		5,7	6,0	4,5	3.9	5.2	4,!	4,4	5,7	6,0	5-3	5,9	8,6	7,8	9,0	13.5
17	Baumwolle, Kard. etc		2,3	2,2	2,0	M	1,6	1,4	t,7	1,9		1.4	1,5	1,8	1,5	1.8	2,0
18	Baumwollwatte	  Baumwollgarn, eindrähtig, roh.	o,3	0,4	0,3	o,5	0,4	o,5	°,7	0,8	0,9	o,9	0,9	i,4	1,4	1,9	2,2
19	bis No. 17		°,4	0,9	1,9	2,0	1.3	0,7	0,6	o,8	0,7	0,8	1,8	3.4	2,7	4,1	3,6
20	über No. 17—45		o,5	0,7	0,9	1,1	0,7	o,3	0,2	o,3	0,3	0,3	0,8	3.2	4.7	3,3	2,4
21	„	„	45—6o		0,2	0,2	0,2	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,2	0,2	0,2	0,2
22	„	„ 60—79		0,1	0,1	0,2	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,!	0,1	0,1	0,1	0,1
23	„	„79			0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,!	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,1
24—28	Zweidrähtiges, roh	  Ein- und zweidrähtiges, gebleicht etc.	0,2	0,2	O,1	0,1	0,1	0,1	0,1	0,2	0,2	0,2	0,3	0.4	0,3	°,4	0.7
29	bis No. 17		4,6	2,9	3.4	3.3	3.1	2,6	2,6	2,6	2,3	2,5	2,7	3,0	3,0	3,4	3,6
30	über No. 17—45		0,6	0,6		■,3	0,9	0,7	0,9	1,1	4.4	3,9	3.6	3,8	4P	4,8	5,1
31—32	„	„ 45—79 		0,1	0,0	0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	0,1	0,5	0,6	0,8	0,8	0,6	0,8	0,8
33	„	„79		0,1	0,1	0,2	0,1	0,1	0,1	0,1	0,4	1,5	1,3	1,4	1,2	1,0	1,0	1,2
34	Drei- und mehrdrähtig		2,6	3,4	2,8	2,7	2,2	2,3	2,4	2,3	2,4	2,5	2,9	3.5	2.7	3,6	3,8
35	Zweidrähtiges, wiederholt gezwirntes, Zwirn, akkomm.	5,6	6,1	5.9	5.7	6,0	5,6	6,3	5,7	6,4	4.8	6,6	7,7	8,8	9,4	10,3
37	Vigognegarn 	  Baumwollwaren.	4,1	4-4	5,3	4,2	3,3	2.5	2,9	2,4	2,0	1,5	1,7	1,7	0,8	0,0	0,5  3,0
38	Gewebe, dichte, rohe		0,9	o,7	0,7	1,0	1,0	o,7	0,7	o,9	1,3	1,3	1,8	2,1	1.9	&gt;,8	
40	„	,,	gebleicht etc		5.8	5,8	5,7	5,4	5,7	5,3	6,1	5,7	6,4	6,2	6,8	9,05	8,6	I 1,0	13,7
41	Sammet, aufgeschn		1,2	1,1	1.1	1,2	1.3	1,2	1,5	t,7	3.4	3,2	3-9	5,1	5,2	5,6	5.4
42	Gewebe, dichte, gefärbt		48,2	51,0	30,6	6l,8	63,6	49,2	57,5	57,2	62,7	61,1	67,9	79,7	69,5	81,2	94,2
45	„	undichte, roh		0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,6	o,5	0,7	o,7	o,7	0,4
46	Gardinenstoffe, rohe		0,0	0,0	0,0	0,1	0,1	o,1	0,0	0,1	0,1	0,1	o,1	0,1	0,0	0,0	0,0
47	„	andere		1.4	1,6	1,3	1,2	I, I	1,2	1,3	1,0	0,9	0,8	0,8	0,8	0,8	0,9	1,0
48	Andere undichte Gewebe, gebleicht etc		2,9	3,0	2,8	2,9	3,1	3.2	4.1	4,6	5,2	5,2	6,3	8.1	8,7	9,8	11,3
	Baumwollwaren, unvollständig deklar		0,0	0,0	0,0	0,0	0,1	0,1	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	0,2	o,3	0,3
53	Schmirgeltuch		O,1	0,1	0,1	0,2	0,2	0,3	0,4	0,4	0,5	0,6	0,7	0,5	0,5	0,6	0,7
	Fischernetze		0,1	0,1	0.1	0,2	0,3	0,2	0,3	0,2	°,3	0,3	0,4	0,5	0,5	0,9	1,0
44	Strumpfwaren		58.3	57,9	42,9	S1 &gt;8	48,4	47,5	58.5	67,9	53,6	52,2	61,9	71,1	59.6	72,9	82,0
43	Posamentierwaren		15,2	19,0	19,0	18,4	20,1	2t, I	21,7	23,4	18,8	20,0	19,8	22,0	19,8	18,4	18,8
49—50	Spitzen und Stickereien		27,3	27,4	21,6	12,8	9,3	11,7	I4,o	20,6	24,1129,8		35,5	45,0	44,0	55,4	70,4
        <pb n="124" />
        ﻿I. Entwicklung des Handelsverkehrs

E = Einfuhr, A = Ausfuhr.	Ein- und Ausfuhr in 1000 M.

Stat.  No.	Artikel	1880	1881	1882	1883	1884	1885	1886	1887	1888
15—16	Rohe Baumwolle .	f E	4216	3 218	7 979	6 492	7 397	6000	4030	8 244	10 918
	und Baumwollabtälle .	\ A	7341	11 733	&gt;3 732	15 954	13 &gt;99	8850	10 882	&gt;4 4'7	17 004
	( E			.			—	—	—	—	—
■7	B., Kardätschte etc. .	&lt; ^	1 &gt;9	1 IO	118	246	139	2O0	573	1 087	1 693
	( E							—	—	—	—	—
&gt;9—37	Baumwollgarn •	*	* k a	4&gt;°4	3074	3 339	3 060	3 114	2065	1 969	1 909	2016
38-53	Baumwollwaren .	... A  darunter	3595	4 742	5 835	6613	7 5i4	7443	7 3'8	6 592	6112
42	Gewebe, dichte, gefärbt etc. i ^	1259	1 749	2 083	2 362	2 603	2872	2 028	1 864	1 549
49—50	Spitzen und Stickereien \	276	279	350	406	910	1395	1 860	1 871	1 386

2.	Entwicklung des Handelsverkehrs

Ein- und Ausfuhr in 1000 M.

Stat.  No.	Artikel		1880	1881	1882	1883	1884	1885	1886	1887	1888
15 —16	Baumwolle, rohe	E	4012	3821	5128	4625	2682	1020	977	875	1076
	Baumwollabfälle		1513  55°9	&gt;455  6853	1713  8008	1386  6170	ii93  5722	815  5715	1246  5496	736  5153	1352  f&gt;754
19—37	Baumwollgarn	.	*  darunter eindrähtiges, roh	lA	1878	1440	1472	1368	1619	891	IO4O	1288	1124
22—23	über No. 60 .	E	2753	3208	4233	2503	2407	2522	2316	2033	2979
38-53	Baumwollwaren .  darunter	[E	1763	2290	2449	2347	2314	2306	1922	'599	1556
49—50	Spitzen und Stickereien	1	804	1092	1280	1336	1484	1700	1268	1118	1005
38-53	Baumwollwaren . darunter	u	5704	5600	6831	6960	7686	4922	5291	5246	4890
42	Gewebe, dichte, gefärbt		2398	2697	355°	3276	354°	2289	2473	2259	1931

3.	Entwicklung des Handelsverkehrs

Ein- und Ausfuhr in

Stat.  No.	Artikel	1880	1881	1882	1883	1884	1885	1886	1887	1888
15	Rohe Baumwolle1) .	. &lt; ?	11 020	10971	10 581	8789	8199	&lt;&gt;559	6128	1669	2408
19-37	Baumwollgarn	A	00  OJ	2 021	1 484	1788	1963	1312	1362	1980	1260
	darunter									
	Garnfertigfabrikate .	. A	1519	1 615	1 249	1349	1519	79i	1060	1622	1006
38-53	Baumwollwaren ... 1	3 048	4 4°'	4632	5°54	5706	5044	4480	6068	3115
	darunter Gewebe, dichte, &gt; A									
	gefärbte etc.	. j	I 702	2 194	2 475	2421	2616	2222	1770	2348	1127

i) Bis 1884 war No. 15 und 16 verbunden, aber die Baumwollabfalle (No. 16) bilden nur

—	1 15	—

mit Österreich-Ungarn 1880—1903.

im Spezialhandel.

1889	1890	1891	1892	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899	1900	1901	1902	1903
‘5 3i7	10 589	4305	3 224	3 5°3	2178	2135	2 621	1 998	1 840	2 189	3 175	2 5°5	2 895	3 584
20 250	24911	15 994	15 026	17118	13 935	17 172	20 227	15 675	16 136	15 577	20 I44	17 398	21 884	22293
I 912	1882	1 533	I 127	1 228	1 256	1521	1 697	1 498	1 230	1 269	1518	1 39i	1 572	1645
1 995	2 018	2 451	3 008	2 470	2 372	2 597	2 079	2 495	2 442	2 834	2 833	3 680	3 929	4 544
4 494	4 302	4611	4 &gt;75	4 156	4399	5 210	4 966	5 756	6 346	5 7io	6 089	5 851	0385	7250
1381	1 128	I 210	1366	I I92	I I I 1	974	1 081	1 366	1 359	1 347	1 294	1 35°	1 341	1563
I 219	1301	1544	945	789	I O9I	1758	I 2 I I	1 237	1 377	978	1 103	1 089	■ 583	2234

mit der Schweiz 1880—1903.

im Spezialhandel.

1889	1890	1891	1892	1893	1894	OO  vO  Ln	1896	1897	1898	1899	1900	IQOI	1902	1903
947  2122  6813  1209	1289  1705  545'  1280	745  1085  4918  1156	507  813  4655  1012	539  1065  5375  996	488  824  6026  1055	661  2268  6847  I I42	737  3i37  6524  1062	667 1 432 6 157 1 597	693  i 512 6 656 1 340	746  ' 577 8 293 1 7°3	1	HS  2	130 9 228 1 938	755 2 012 5 897 1 S3i	896 2 45° 5 46' 1 948	1312  2764  5895  1948
2360  •856	1837  1988	1644  1712	200*  1338	2167  1546	2016  1581	2908  3183	3040  4175	2 768  13 505	3 705 10 172	5 131 11 345	5 444 11 789	3 509 10352	3 534  11 275	3669  11 242
1232  4915	1387  5°55	1068  4753	720  4595	658  5318	686  5039	1722  6038	2600  6412	3 37i 8 285	3 4°8 8 406	3 997 9 144	4 251 9511	3 496 8 934	3 712 10 094	4183  10537
1905	1962	&gt;999	2053	2346	2087	2458	2599	4 304	4 215	4 576	4 797	4 159	4 769	5056

mit Italien 1880—1903.

looo M. im Spezialhandel.

1889	1890	I89I	1892	1893	1894	'895	1896	1897	1898	1899	1900	1901	1902	1903
5671	6174	1629	500	I 20	29	29	30	34	&gt;4	84	294	63	95	ns
1683	1386	1231	1212	1137	909	QI9	33  863	44  1380	41  967	1374	936	834	1022	225  1207
1008  3777	959  2756	961  2551	991  2469	IOI9  2191	839  1513	832  1846	803  1845	1252  2328	891  24IO	I I9I 2781	829  2725	749  2333	920  2919	IOC I 3108
1545	1056	939	I I IO	949	499	759	765	948	1057	1079	865	818	1061	1128

einen sehr geringen Teil des Einfuhrwertes.

A

8*
        <pb n="125" />
        ﻿4.	Entwicklung des Handelsverkehrs

Ein- und Ausfuhr in

Stat.  No.	Artikel		1880	1881	1882	1883	1884	1885	1886	1887	1888
15	Rohe Baumwolle1) .	|E	4742	3845	14 162	28 220	34 172	4O 122	38 530	43 3f&gt;8	37 29°
		» A	762	633	606	718	I I I 2	28	9«	129	94
&gt;9-37	Baumwollgarn .	E	983	827	1 238	586	498	799	543	7*4	76!
29—33	darunter ein- und zwei- drähtiges, gebl. etc. .	E	.85	223	125	'3i	'S'	227	153	195	221
19—37	Baumwollgarn	\A	1169	1179	I 070	979	920	741	831'	860	842
35	darunter Zwirn .	.	.	1	863	753	684	406	297	337	479	454	462
42	Gewebe, dichte, gefärbte, bedruckte etc. .	A	883	io57	I 4OO	1 538	1 895	1 628	2 252	2 427	2 556
44a/c	Strumpf waren ....	A	397	77«	1 055	733	718	1 051	1 075	1154	1 33°
49—5°	Spitzen, Stickereien .	A	36	96	126	172	490	725	835	902	853

i) Bis 1884 sind No. 15 und 16 miteinander verbunden; in der Einfuhr nimmt aber No. 15 (rohe B.)

Stat.  No.	Artikel		1880	1881
*5  16	Rohe Baumwolle Baumwollabfälle .	i&gt;	16 927	20 47O
■5  16	Rohe Baumwolle . Baumwollabfälle .	i&gt;	1 034	1268
19	Baumwollgarn, eindräht., roh, bis No. 17	.	.	A	144	■41
29—33	Ein- und zweidrähtiges gebleicht, gefärbt .	.	A	152	70
42	Gewebe, dichte, gefärbt bedruckt etc.	A	1 442	1 87 1
43	Posamentier waren etc. .	A	6l6	827
44 a/c	Strumpf- und Wirkwaren	A	I I69	I 721
49—50	Spitzen und Stickereien	A	255	303

5. Entwicklung des Handelsverkehrs

Ein- und Ausfuhr in

1882	1883	1884	00  00  Ln	1886	1887	00  00  1 “
19 340	12 435	14 728	110 555  1 304	8215  424	11 947 652	12 495 958
1 142	1 125	1 718	f	60  l 75o	42  778	13  872	105  1 121
138	85	92	117	134	158	142
43	64	54	78	94	144	2 70
2 538	2 284	2 875	3 US	3484	3 758	3 621
I 019	1 054	1 068	1 061	1171	I 225	1 439
2 174	2 225	2 80g	2 750	2864	3 131	2 942
t&gt; 16	382	560	1 150	1315	1 208	1 536

6. Entwicklung des Handelsverkehrs

Ein- und Ausfuhr in

Stat.  No.	Artikel	1880	1881	1882	1883	1884	1885	1886	1887	18
15	Rohe Baumwolle .	. A	1060	3650	2139	2995	2838	3664	2043	3511	15
16	Baumwollabfälle1) .	. E	441	501	930	509	772	109	*S3	201	
19—37  42	Baumwollabfälle2) .	. A  Baumwollgarn	A  Gewebe, dichte, gefärbt,	5274	4558	4586	1972	932	306  1052	215  1165	244  830	2  5
44a/c	bedruckt etc.	A	449	425	525	333	243	202	186	151  762	1
	Strumpf- und Wirkwaren A	1076	i i8q	1408	1285	1087	850	820		5
49—50	Spitzen und Stickereien A	597	423	389	487	675	985	1235	1020	7

1888

79

1) Bis 1884 mit No. 15 vereinigt.

2) Bis 1884 in der Ausfuhr von Rohbaumwolle mit

— I 17	—

mit Belgien 1880—1903.

iooo M. im Spezialhandel.

1889	1890	1891	1892	OO  vO	1894	1895	1896	1897	1898	1899	1900	IQOI	1902	1903
43 852	42 34i	11 859	3528	4°99	2153	1017	509	3°	5»	397	360	139	149	I 2 I
52	99	165	82	145	64	56	94	22	42	39	257	17	■57	47
459	535	269	269	525	522	485	456	341	288	278	432	382	568	824
144	145	72	151	27b	245	231	204	167	IOO	58	98	62	74	177
53V	870	1 152	911	733	687	5i3	463	560	442	579	689	596	616	784
223	544	406	401	276	361	325	217	222	150	217	308	212	268	317
• 593	1559	I 804	1944	1610	1386	1728	i99i	2184	2086	2272	2675	2283	2733	3128
650	572	817	804	849	1372	'857	1534	1514	1307	1572	1874	l8l I	2398	2208
621	783	787	485	332	435	6bg	402	600	789	802	803	834	IO4O	848

den bei weitem ersten Platz ein, bei der Ausfuhr ist das Verhältnis umgekehrt (Baumwollabfälle ca. 75%)-

mit den Niederlanden 1880—1903.

looo M. im Spezialhandel.

1889	1890	1891	1892	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899	1900	1901	1902	1903
10 061 1216  I 127  1 343	7126  1668  279  1358	3157  992  259  1011	'559  1148  197  909	633  '5°7  361  1149	232  '3'5  74i  969	100  1701  1147  1225	i&amp;5  1969  1802  1628	2138  980  1790	12  2395  886  1813	'85  2627  1355  2010	573 3510 2200  3051	102 2683 r 160 2882	37  2836  2385  3022	246  3&amp;'5  2400  4253
60	446	1209	1037	b54	228	215	394	35o	358	1119	2185	i57i	2419	2578
337	340	309	556	823	575	708	687	787	1057	1132	1418	1544	1900	i75b
3 800  1 182  1 921 i 104	3883  1116 1699 892	4025  1212  1899  890	4019  1187  2005  548	4107  1508  2203  473	3853  1554  2118  540	3786  1444  3376  867	4400  1459  2769  610	542i  1375  2122  697	4638  1383  2663  I 224	4840  1381  2902  1266	5639  1506 3203 1576	5291  1273  2332  1422	6436  '474  2836  1520	6656  '459  3235  1550

mit Rußland 1880-1903.

*ooo M. im Spezialhandel.

1889	1890	1891	1892	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899	1900	1901	1902	1903
2401	4256	3518	2701	1554	1971	5SH	7903	5898	5675	8275	n 374	8054	8937	14 5i3
64	116	80	40	10	6	O	O	O	5	O	4	1		1
83	33	178	90	176	255	301	273	312	i39	47	81	I l8	7i	236
745	774	675	509	362	595	846	707	IOOO	1095	130	i 318	1318	1323	1 655
200	195	195	195	181	189	229	279	246	256	326	417	388	303	426
719	57b	155	59	48	196	384	388	348	273	522	73°	774	'095	1 603
515	526	387	36°	iS»	215	372	323	324	258	34i	257	389	43i	494

enthalten.
        <pb n="126" />
        ﻿7.	Entwicklung des Handelsverkehrs

Ein und Ausfuhr in 1000 M.

Stat.	Artikel										
No.			1880	1881	1882	1883	I884	.885	1886	1887	1888
15  16	Rohe Baumwolle Baumwollabfälle .	.  Baumwollabfälle !)	E\  El  A	18 645  I 920	'5 355  2 051	10439  2 062	I I 227  2 OO9	8 700  ' 758	(7 547  l 723  885	8582  1 009  793	'4 473 892 810	9843  981  901
O  1  to  OJ	Baumwollgarn, eindräht.,										
	roh		A	4 74°	3 79'	3 845	2 638	' 874	2 093	1 988	1318	835
19—37	Baumwollgarn überhaupt	A	7 739	6 75'	5 245	2 822	3 202	2 769	2 630	1 95°	1568
42	Gewebe, dichte, gefärbte										
	etc			A	8 779	9 734	10855	8 076	7 '46	6075	4 866	4 'S'	3484
0  LO  Cb	Spitzen und Stickereien .	1 E	1 73'	2 33'	2 764	2 352,	2 036	1 628	912	525	423
		l A	96	'5°	308	228	630	925	' '95	1 636	1841

i) Bis 1884 mit No. 15 (rohe Baumwolle) vereinigt.

8.	Entwicklung des Handelsverkehrs

Ein- und Ausfuhr in 1000 M.

Stat.	Artikel										.
No.			1880	1881	1882	1883	1884	1885	1886	1887	1888
*5  l6	Rohe Baumwolle Baumwollabfälle .	.	.  Baumwollgarn, eindräht.,	a	'S 293	16 536	25 424	33 937	37373)	23 601 899	23 '99 862	28 307  ' 729	25 109 1 897
19 — 21	roh, bis No. 60 .	.	E	6 483	7 496	7 974	17 009	15924	'3 494	'3 54&amp;	11 980	12 643
24—26	über No. 60	.	,	.  Baumwollgarn, zweidr.,	E	248	589	1 810	■ 305	' 277	16 693	2 268	1 871	2 186
	roh, bis No. 60	.	.	E	7 942	10 086	" 753	14 285	■5321	'3 74'	■4 349	15 692	16 679
27—28	über No. 60	.	.	.	E	6 709	7 039	8307	9303	9758	8 45'	10 096	9 904	9 724
35  29—33	Zwirn, akkommodiert. . Baumwollgarn, ein- und	E	2 076  1 813	1 377	1 740  1 3'6	1706  1619	2645	1 981	' 732	2 277	2 309
	zweidrähtig, gelbl. etc.	A		1 259			1590	2 694	2 O9O	1 149	1164
37	Vigognegam ....	A	5 998	4 820	3 040	3055	1880	2 O99	' 832	1 386	841
38	Gewebe, dichte, rohe .	E	430	367	366	383	627	6'5	535	56'	658
39	Tüll, roh, ungern.	E	545	1 168	I I 14	2 069	2210	5 090	7 538	5 5°8	3843
42	Gewebe, dichte, gefärbt	/E	300	268	373	437	436	37'	387	474	556
	etc		\ A	1 744	2 393	3 569	3 '4'	2 627	2 988	3 012	3 079	3 74'
43	Posamentierwaren etc. .	A	2 386	3 373	4 68g	4 559	4978	4 534	5 208	5 881	4 873
44 a—c	Strumpf- und Wirkwaren	A	3 046	5 99i	7 641	6 218	6340	7 464	5 863	5 923	6 199
49—50	Spitzen und Stickereien	f E	2 664	3 500	5 732	6 160	5688	7 476	4 524	3 461	2 22 I
		l A	327	861	I O4O	2 926	8 '59	11 230	'4 955	19 SOI	1583
48	Undichte Gewebe, gebh,	(E	—	—	—	—		'83	247	'57	135
	gefärbt, bedrucktl)	IA	41	30	105	90	'5'	78	92	I l6	'54

1) Bis 1884 war No. 48 mit No. 47 vereinigt dargestellt; es ist nicht zu erkennen, wieviel des

— no-

rmt Frankreich 1880—1903.

im Spezialhandel.

00  00  O	1890	1891	1892	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899	I90Ö	1901	1902	1903
9289	6841	566	667	1007	500	428	109	128	56	342	458	277	290	553
I I I 2	1061	1 229	1227	&gt; 313	996	'344	1404	1679	'594	1602	2292	22 1 7	2692	3629
972	102 1	700	733	948	72'	683	902	901	841	838	1249	"77	122 1	'545
7S1	952	1216	1216	767	537	495	509	449	376	395	1983	2376	1161	547
1480	1646	1927	2018	1683	1281	1079	1082	I 141	99'	927	2608	2913	1886	1536
3682	3227	3213	3197	2811	2125	2488	2544	3646	2973	2642	2807	2586	2467	1936
443	337	357	7,2z,	288	323	357	740	593	564	692	651	585	707	1236
■523	1831	3616	2080	843	790	'449	809	"59	'533	2190	2309	'995	2342	2586

mit Großbritannien 1880 — 1903.

im Spezialhandel.

188g	1890	1891	1892	1893	1894	1895	1896	1897	1898	1899	1900	1901	1902	1903
23 420	9713	8 729	7 946	8 709	4035	2 298	2 816	4 275	2 I I I	' 734	' 395	576	535	570
2 251	1787	' 744	2 476	3 066	I 92I	2 719	2 977	2 830	3 602	4 979	4 9'5	4 437	4 999	4892
'3 364	12 290	8 228	7 236	9 '96	9 948	'3 842	13033	12 419	10450	8 252	8 098	5 937	6 478	8216
2 929	3 265	2 606	3 348	4 223	3 898	3 74'	5 454	6 828	6 722	8 458	8385	7 299	7 422	9424
'8 530	15 !20	12 466	1 I 202	I 2 200	I I 249	'3 722	14 999	14 782	'3 279	15 620	'5 472	10 537	10 770	'3937
10 978	" '55	9 43'	11 136	" 5'9	9 764	12 865	12 361	" 3'2	12 661	16 564	16 987	'4 94'	16 57'	'7 149
2 214	2 234	2 499	2 OI4	2138	2 045	2 29I	2130	2 051	1 762	2 138	2 152	' 794	1 806	' 939
3 065	1 388	' '3'	92 I	961	' 588	' 438	1 627	' 372	1 446	' 253	' '95	' 392	' 836	1799
3 172	3_596	4 626	3 563	2 7'5	1 621	2 028	1780	1 482	1 084	' 275	' 423	643	439	262
661	766	780	846	I 212	I I 2 I	I 402	1 613	7 480	4 586	4 '54	5 985	5 '80	9 '44	6485
3 75S	2 910	3 438	2 325	2 466	3 574	3 338	5 219	8 476	5 988	5 922	5 356	4 54'	3 291	2941
798	929	843	794	I OO4	' 039	1 "8	I I I I	1 461	1 83 1	2 O99	2 146	2 059	2 425	2 442
3 569	4 45°	6 450	8 097	9 487	8368	10 227	12 115	'3 5'8	13045	'3 4'9	15858	13 806	16 226	17 602
6 028	8 772	9 127	9 45°	9 664	"43'	I 2 205	8942	5 79o	7 723	6 839	7 206	6 665	5 4'7	5868
3 759	3 348	3 340	3 545	3 778	4 '5'	6412	7 280	6 '95	7 566	10342	'4 278	'3 079	17 022	18479
2 556	2 264	' 974	■ 385	' 53f&gt;	1 486	' 554	2 184	2 656	2 160	2 008	1 622	' 744	2 763	2885
11 114	9 983	6 450	2 328	' 520	1 967	3 489	3682	8 637	'3 85'	'7 052	21 156	19 009	23 "'	32 "3
176	228	204	180	261	387	473	692	942	907	1 003	1 477	' 658	1 982	2 339
708	850	788	725	725	860	960	783	' 073	1 036	' 598	' 723	2 139	2 47'	2339

Wertes auf die Waren unter No. 48 entfällt.
        <pb n="127" />
        ﻿120

9,	Entwicklung des Handelsverkehrs mit den

Spezialhandel

A. Einfuhr in das

Stat.  No.	Artikel	1880	1881	1882	1883	1884	1885	i88b	1887	1888	1889	1890
15  16	Rohe Baumwolle . ^ Baumwollabfäüe . j	54 275	i-O  0  0  vO	44 5H	59 64'	43 812J	S2 744 95	50 Ol8 20	72 864  36	67 745  I IO	120 86} 648	140162 878

B. Ausfuhr aus dem

29/33	Baumwollgarn, eindr.J												
	u. zweidrähtig, ge-J bleicht, gefärbt . |	■3	73	5		I I	4	8	19	'7	39	5°	36
40	Gewebe, gebleicht u.												
	appretiert .	.	.	330	'75	86		80	179	214	42	102	97	IO4	69
42	Gewebe, dichte, ge-												
	färbt, bedruckt	■ 353	2 463	1 949		919	I 022	954	1 375	2 478	i 985	2 107	2 229
43	Posamentierwar. etc.	944	9'3	1 147	I	496	1312	1 487	' 394	I 41 I	1 077	2 27 I	2 290
44a/c	Strumpf- und Wirk-												
	waren ....	■9 55«	20 828	24 619	25	220	17 511	18 062	26 200	25 561	19 887	31779	35 012
49/5°	Spitzen u. Stickereien	1 078	534	899	I	691	■ 350	1 320	4 595	4065	2 430	4885	6 751

10.	Entwicklung der Ausfuhr nach

Spezialhandel

Stat.  No.	Artikel	1880	1881	1882	1883	1884	1885	1886	1887	1888
19—37  42	Baumwollengarn1) .... Gewebe, dichte, gefärbt, be-	29	29	3'	58	65	65	56	98	70
	druckt 		850	1510	1 806	' 559	1 363	1 105	1 167	1 816	1 54°
44	Strumpf- und Wirkwaren	222	355	328	596	712	384	578	745	627

i) Bis 1896 nur nach Rumänien.

I 2 I

Vereinigten Staaten von Amerika 1880—1903.

in 1000 M.

deutsche Zollgebiet.

1891	1892	'893	1894	IO  00	1896	1897	1898	1899	IQOO	1901	1902	■9°3
'38 533 776	125 132  584	■30 655  1 666	133 350  I 070	169 806  ■ 843	■59 752 ■ 765	171 22} 2465	■88 732 2 3&gt;4	■74 492  2 323	258 797 6 484	233 254 5 ■ &gt;4	244305  5 379	281 492 8 274

deutschen Zollgebiet.

37	■5	2	&gt;	2	I I	85	93	256	724	53i	5io	563
67	■45	226	365	00  t'N.	651	753	918	905	1 082	1 169	2 130	3 90i
1 918	2 152	■ 430	I 224	2 265	■ 950	2 713	2 756	3 025	3 437	3 403	3 U6	3 380
1 764	■ 603	■ 521	■ S01	■ 93 ■	2 695	3 9H	3 344	2 983	3 605	4 308	2 726	2 557
20 643	26 755	23 233	22 369	35 568	23 736	23 173	18 691	20 690	25 190	16 437	22 062	26 382
2 559	2 605	2 069	3 75 ■	6 993	3 559	7 222	5 304	6 666	9853	12 061	■4 399	■8 157

Rumänien und Serbien 1880 -1903.

in 1000 M.

1 -  00  00  0	1890	1891	1892	'893	1894	■895	1896	1897	1898	1899	IQOO	1901	1902	1903
121	110	274	3'4	410	459	414	37i	527	454	503	306	402	S9i	523
2 367	2 350	3 499	4 268	3 642	2 809	1 778	2 459	3 372	3 275	3 in	■ 484	4 036	5 550	4971
I 096	734	959	661	957	■ 083	758	■ 'SS	I 012	885	930	433	768	I 224	991
        <pb n="128" />
        ﻿122

1

I. Großhandelspreise von Baumwolle und Baumwollgarn 1879 — 1904 (pro kg in Pfennigen).

Pfen.
        <pb n="129" />
        ﻿r

2. Großhandelspreise von Baumwollgarn und Kattun 1879—1904.

123
        <pb n="130" />
        ﻿124

3. Die Entwicklung der Gesamtlöhne in der „Baumwollspinnerei am
Stadtbach“ in Augsburg

(bis 1887 ausschließlich, von da an einschließlich Tagelöhner).

Auf einen Arbeiter
kommen an Lohn
        <pb n="131" />
        ﻿Benutzte Literatur.

1)	Handwörterbuch der Staats Wissenschaften, 2. Auflage, Jena 1902.

2)	Wörterbuch der Volkswirtschaft, Jena 1898.

3)	A. Bayerdörffer, Der Kaffee- bezw. der Zuckerterminhandel. (Conrads Jahrbücher

für Nationalökonomie und Statistik, 3. Folge, Bd. I, 1891).

4)	Ad. Beer, Allgemeine Geschichte des Welthandels, Wien 1864—1884, Bd. III, 1.

5)	L. Bein, Die Industrie des sächsischen Voigtlandes, 2. Teil, Leipzig 1884.

6)	Bienengräber, Statistik des Verkehrs und Verbrauchs im Zollverein 1842—1864,

Berlin 1868.

7)	G. Brodnitz, Vergleichende Studien über Betriebsstatistik und Betriebsformen der

englischen Textilindustrie, Jena 1902.

8)	G. Cohn, Über das Börsenspiel (Schmollers Jahrbuch 1895, Bd. XIX).

9)	F. W. Dieterici, Statistische Übersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs

und Verbrauchs im preußischen Staat und im deutschen Zollverband, Berlin 1838
bis 1857.

10)	T. Ellison, The Cotton Trade of Great Britain, London 1886.

11)	Th. Ellison, Zur Geschichte des Baumwollhandels der Vereinigten Staaten, Leipzig

1895. (Übersetzt von H. Brüggemann.)

12)	Dr. Etienne und Dr. Vosberg-Rekow, Zollrückvergütung (Schriften der Zentral-

stelle für Vorbereitung von Handelsverträgen 1903, Heft 22).

13)	J. G. Fichte, Der geschlossene Handelsstaat 1800.

14)	C. J. Fuchs, Der Warenterminhandel, seine Technik und volkswirtschaftliche Bedeutung

(Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung und Verwaltung 1891, Bd. XV).

15)	Derselbe, Die Organisation des Liverpooler Baumwollhandels in Vergangenheit und

Gegenwart. (Schmollers Jahrbuch f. Gesetzg. u. Verw., Jahrg. 1890.)

16)	J. Gensei, Die Rohstoffe und Erzeugnisse der Textilindustrie im Zolltarif 1879 (Hilde-

brand-Conrads Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Supplementheft V,
Jena 1880).

17)	G. Gothein, Der deutsche Außenhandel. Materialien und Betrachtungen. Berlin 1901.

18)	J. Grunzei, System der Handelspolitik, Leipzig 1901.

19)	Derselbe, Über Kartelle, Leipzig 1902.

20)	E. Harmening, Die notwendige Entwicklung der Industrie zum Trust. (Sonderdruck

aus dem „Archiv f. Rassen- und Gesellschafts-Biologie“, 2. Heft, Berlin 1904.)

21)	W. Hasbach, Zur Charakteristik der englischen Industrie. In Schmollers Jahrbuch

für Ges. und Verw., Neue Folge, Bd. XXVII, 1903.

22)	M. B. Hammond, The Cotton Industry, 1. Part, Ithaca N. Y. 1897.

23)	H. Herkner, Die oberelsäßische Baum Wollindustrie und ihre Arbeiter, Slraßburg 1887.
        <pb n="132" />
        ﻿2 6

24)	E. Jaffe, Die englische Baumwollindustrie und die Organisation des Exporthandels.

In Schmollers Jahrbuch, Neue Folge, Bd. XXIV, 1900.

25)	R. Jan nasch, Die Produktionsbedingungen der europäischen Baumwollindustrie mit

besonderer Berücksichtigung des Oberrheins. (Zeitschrift des Kgl. preußischen stati-
stischen Bureaus, 1881.)

26)	C. Kaerger, Brasilianische Wirtschaftsbilder, 2. Auflage, Berlin 1892.

27)	K. Kuntze, Die Baumwollindustrie. Artikel im ,,Handbuch der Wirtschaftskunde Deutsch-

lands“, Bd. III, Leipzig 1903. (Auch selbständig erschienen, Berlin 1902.)

28)	W. Lotz, Die Ideen der deutschen Handelspolitik von 1860—1891. (Schriften des

Vereins für Sozialpolitik, Bd. L, 1891.)

29)	O. Lüg er, Lexikon der gesamten Technik, Stuttgart und Leipzig, Artikel ,,Baum Woll-

spinnerei“, Bd. II.

30)	F. Lusensky, Der zollfreie Veredelungsverkehr, Berlin 1903.

31)	R. Martin, Der wirtschaftliche Aufschwung der Baumwollindustrie im Königreich

Sachsen. (Schmollers Jahrbuch für G. u. V., Bd. XVII, 1893.)

32)	E. Nübling, Ulms Baumwollweberei im Mittelalter, Leipzig 1890.

33)	A. Oppel, Die Baumwolle, Leipzig 1902.

34)	K. Rathgen, Die englische Handelspolitik am Ende des 19. Jahrhunderts. (Schriften

des Ver. f. Sozialpolitik, Bd. XCI.)

35)	F. von Rottenburg, Die Kartellfrage in Theorie und Praxis, Leipzig 1903.

36)	G. Schmoller, Die Entwicklung und Krisis der deutschen Weberei. In „Deutsche

Streit- und Zeitfragen“, Jahrg. 2, Heft 25, Berlin 1873.

37)	G. Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im neunzehnten Jahr-

hundert, Halle 1870.

38)	G. von Schulze-Gävernitz, Der Großbetrieb, ein wirtschaftlicher und sozialer Fort-

schritt, Leipzig 1892.

39)	Derselbe, The Cotton Trade in England and on the Continent, London und Manchester

1895-

40)	Ludwig Sinzheimer, Über die Grenzen der Weiterbildung des fabrikmäßigen Groß-
betriebes in Deutschland, Stuttgart 1893.

31) W. Sombart, Der moderne Kapitalismus, 2 Bände, Leipzig 1902.

42)	R. Sonndorfer, Die Technik des Welthandels, Wien und Leipzig 1889.

43)	H. Sy bei, Die Baum Wollindustrie. (Schriften d. V. f. Sozialpolitik, Bd. CV, Leipzig

1903.)

44)	S. Tschierschky, Kartell und Trust, Göttingen 1903.

45)	"W". Weber, Der deutsche Zollverein, Leipzig 1869.

46)	G. Wenn er t, Börse, Börsengesetz und Börsengeschäfte, Leipzig 1904.

47)	E. E. Williams, „Made in Germany“. Der Konkurrenzkampf der deutschen Industrie

gegen die englische. Übersetzt von C. Will mann. Dresden und Leipzig 1896.

48)	Statistical Abstract for the United Kingdom, 5 Uh, No. 1904.

49)	Bedingungen der Bremer Baumwollbörse, Bremen 1901.

50)	„Berichte über Handel und Industrie“, Bd. I, 1899/1900, Berlin 1900.

51)	Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags, 10. Legislaturperiode,

II. Session 1900—1903, Bd. IV, Anlageband 4 und 7.

52)	Offizieller Bericht der Verhandlungen des ersten internationalen Kongresses der Dele-

gierten von Verbänden von Baumwollmeisterspinnern und Baumwoll-Industriellen
(Zürich, 23.—27. Mai 1904), Manchester 1904.

53)	Die Berichte des Kolonial-Wirtschaftlichen Kommites.

54)	Volkswirtschaftliche Chronik, namentlich seit 1900.
        <pb n="133" />
        ﻿12?

55)	Drucksachen des Verbandes Deutscher Baumwollgarnkonsumenten.

56)	Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften für 1900/1901.

57)	Die Jahresberichte der Handels- und Gewerbekammern zu Augsburg, Bayreuth, Chem-

nitz, Plauen, Leipzig, M.-Gladbach, Bremen, Berlin, Mülhausen i. E.

58)	Nachrichten für Handel und Industrie seit 1900.

59)	Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. XVI und LXXXIV.

60)	,,Tropenpflanzer“, 4. Jahrg., No. 6 (Juni 1900), „Beihefte zum Tr.“, Bd. III, No. 2 u.

4, Bd. IV, No. 3 u. 4.

61)	„Verzeichnis der Baumwoll-Spinnereien in Deutschland, Österreich, Russisch-Polen,

Schweiz, Holland und Belgien, revidiert 1898“, Bremen 1898.

62)	Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen* Reichs.

63)	Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, herausgegeben von Bücher, 60. Jahrg.,

1904.

64)	Die offizielle deutsche Außenhandelsstatistik und das Statistische Jahrbuch für das

Deutsche Reich.

65)	„Frankfurter Zeitung*4, „Leipziger Neueste Nachrichten4,,New-Yorker Staatszeitung“,

„Berliner Börsen-Courier“.

Druck von Ant. Kämpfe in Jena.
        <pb n="134" />
        ﻿schränkter Haftun|

ung der Einzelbet:!

Betriebe in einer I |

unter sich, Webeil |

dazu gehörigen Vf |

— zum Zwecke J |
s §

größerung des B ~
Maschinen spart i
Ausgaben für Re|yo
duktionsstadien in rj
Spesen, die man j
umgeht z. T. die
oder anderen Zwe
Gewinn zu erzielei
das am besten err
Rente sichert, muJ
macht hervorgehei
an eine solche Orj
und Absatz der ]
Vielheit von Konki
sowohl wie die A
daher zunächst mi
Produktionsregulie
der allgemeinen N
Verhältnissen gew:
Brüche. Dabei gj
den „Kleinen“ in
allein. Vorläufig ■
es noch eine besch
Zeiten vorzüglich
Unternehmungen
kommen des urspr
ein großes Maß vc
sie nur im Notfall
nicht gegen den S
die kleinen Betriel
teil, wenn und sol; m
sind; sobald diese «
suchen sie sich kr; 12.
da Vorteile, mögef o
nehmer glaubt dat g_

i/&gt;

o

o

DD

C! oo

O

»imit schreitet nicht nur die Vergröße-
rndem auch die Vereinigung mehrerer
ternehmung — so werden Spinnereien
sich, Spinnerei und Weberei und die
||- und Veredelungsbetriebe kombiniert

r* Kapitalausnutzung. Durch die Ver-
geh die Aufstellung leistungsfähigerer
.osten für Beleuchtung, Heizung, Lohn,
^	^ bei der Vereinigung mehrerer Pro-

ebe erspart man vor allem die vielen
vischenhandel zahlen müßte, und man
^ ten, die die Zollpolitik für den einen
trie mit sich bringt. Größtmöglichen
ole; diejenige Betriebsorganisation, die
m in ihr investierten Kapital die größte
n im Kampfe um die industrielle Vor-
die Zukunft. Die Forderung, die man
tllen muß, ist die: sie muß Produktion
Güter beherrschen. Solange es eine
, ist die persönliche Einzelunternehmung
;haft dazu außerstande. Man hat es
inbarung versucht, die eine Preis- und
^kte. Aber siehe da! Sobald die Zeit
)er und wieder einigermaßen ruhigen
ing die Konvention sehr schnell in die
ht einmal, daß man die Schuld daran
schieben darf, wenigstens nicht ihnen
ag zu sagen, wie lange noch? — gibt
hl von Betrieben, die auch in schweren
; sie sind teilweise aus persönlichen
gen, werden womöglich von Nach-
fünders geleitet und besitzen nicht nur
ußtsein, sondern auch von Pietät, das
--sllvereinbarung beitreten läßt, weil sie
imen können. Das andere Extrem sind
i von den Preiskonventionen nur Vor-
wankungen der Rohstoffpreise abnorm
s gewohnte Fahrwasser zurückkehren,
Midien Könnens ihrer Leiter hie und
■ klein sein, zu erringen. Jeder Unter-
:n überlegen zn sein, jedenfalls wird er
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
