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        <title>Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland</title>
        <author>
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            <forname>W.</forname>
            <surname>Lochmüller</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>882518925</idno>
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        Abhandlungen
des
♦
staatswissenschaftlichen  Seminars
zu  Jena

herausgegeben  von

Professor  Dr.  J.  Pierstorff.

Dritter  Band.

Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
1906.
        <pb n="2" />
        Alle  Rechte  Vorbehalten.
        <pb n="3" />
        Inhalt  des  dritten  Bandes.

Heft  1:  Boelcke,  M.,  Dr.,  Die  Entwicklung  der  Finanzen  im
Großherzogtum  Sachsen-Weimar  von  1851  bis  zur  Gegenwart. ­
  ,  Finanzwissenschaftliche  Studie.
Heft  II;  Christoph,  Franz,  Dr.,  Die  ländlichen  Gemeingüter
(Allmenden)  in  Preußen.
Heft  III;  Lochmüller,  W.,  Dr.,  Zur  Entwicklung  der  Baumwollindustrie ­
  in  Deutschland.
Heft  IV;  Hauser,  R.,  Dr.,  Die  deutschen  Überseebanken.
        <pb n="4" />
        ZUR  ENTWICKLUNG  DER
BAUMWOLLINDUSTRIE
IN  DEUTSCHLAND.

VON

DR  W.  LOCHMÜLLER.

MIT  3  KURVEN  IM  TEXT.

VERLAG  VON  GUSTAV  FISCHER  IN  JENA.
1906.

Diese  Abhandlung  bildet  zugleich  das  dritte  Heft  des  dritten
Bandes  der  „Abhandlungen“  des  staatswissenschaftlichen  Seminars
zu  Jena,  herausgegeben  von  Prof.  Dr.  Pierstorff.
        <pb n="5" />
        Verlag  von  GUSTAV  FISCHER  in  JENA,

Wandlungen  des  staat$u)i$sensd)aftlid)en  Seminars ­
  zu  3ena.  Herausgegeben  von  Prof.  Dr.  J.  Pierstorff.
Bd.  1:
Heft  i:  Stubmann,  Peter,  Dr.  phil.,  Holland  und  sein  deutsches
Hinterland  in  ihrem  gegenseitigen  Warenverkehr,  mit  besonderer
Berücksichtigung  der  holländischen  Haupthäfen  seit  der  Mitte  des
19.  Jahrhunderts.  Eine  handelsstatistische  Studie.  1901.  Preis:  2  Mark
50  Pf.
Heft  2:  Klien,  Ernst,  Dr.,  Minimallohn  und  Arbeiterbeamtentum.
1902.  Preis;  6  Mark.
Heft  3:  Hailer,  Hermann,  Dr.,  Studien  über  den  deutschen  Brot-Getreidehandel
  in  den  Jahren  1880—1899,  insbesondere  über  den
Einfluß  der  Staffeltarife  und  der  Aufhebung  des  Identitätsnachweises.
1902.  Preis:  4  Mark.
Heft  4:  Huschke,  Leo,  Dr.,  Landwirtschaftliche  Reinertragsberechnungen
  bei  Klein-,  Mittel-  und  Großbetrieb,  dargelegt  an  typischen
Beispielen  Mittelthüringens.  1902.  Preis:  4  Mark  60  Pf.
Heft  5.-  Wichmann,  Fritz,  Dr.,  Der  Kampf  um  die  Weinverbesserung ­
  im  Deutschen  Reiche.  Ein  Beitrag  zur  Wirtschaftsgeschichte
der  Gegenwart  nebst  einer  Produktionsstatistik  des  deutschen  Weinbaues. ­
  1902.  Preis:  4  Mark  50  Pf.
Heft  6:  Becker,  Max,  Dr.,  Der  argentinische  Weizen  im  Weltmärkte.
Eine  volks-  und  weltwirtschaftliche  Studie.  1904.  Preis;  6  Mark.
Bd.  II:
Heft  1:  Klutmann,  Alex,  Dr.,  Die  Haubergswirtschaft.  Ihr  Wesen,
ihre  geschichtliche  Entwicklung  und  ihre  Reformbedürftigkeit.  Auf
Grund  der  Verhältnisse  im  Kreise  Olpe  i.  W.  1905.  Preis:  3  Mark.
Heft  II:  Heß,  Walter,  Dr.  phil.,  Einfache  und  höhere  Arbeit.  Eine
sozialpolitische  Untersuchung  zum  Arbeitsvertrag  des  bürgerlichen
Gesetzbuchs.  1905.  Preis:  2  Mark.
Heft  III:  Trescher,  Erich,  Dr.,  Die  Entwickelung  des  Steuerwesens
im  Herzogtum  Sachsen-Gotha.  1906.  Preis;  3  Mark.
Bd.  III:
Heft  1:  Boelcke,  M.,  Dr.,  Die  Entwicklung  der  Finanzen  im  Großherzogtum-Sachsen-AVeimar ­
  von  1851  bis  zur  Gegenwart.  Finanzwissenschaftliche
  Studie.  1906.  Preis:  4  Mark.
Heft  2:  Christoph,  Franz,  Dr.,  Die  ländlichen  Gemeingüter  (Allmenden) ­
  in  Preußen,  1906.  Preis:  3  Mark.
Dolh$u)irt$cbaftIid)e  und  u)irtsd)aft$ge$d)id)tlid)e
mihanrMlirmtm  Herausgegeben  von  Dr.  Wilhelm  Stieda,  0.  ö.  Prof.
Jl  L'ljCll  lUilll  der  Nationalökonomie  in  Leipzig.  Neue  Folge.
Heft  1:  Sternberg,  Wilhelm,  Dr.  jur.  et  phil.,  Das  Verkehrsgewerbe
Leipzigs.  1905.  Preis:  2  Mark  60  Pf.
Heft  2:  Rost,  Dr.  Bernhard,  Über  das  Wesen  und  die  Ursachen
unserer  heutigen  Wirtschaftskrisis.  1905.  Preis:  1  Mark.
Heft  3:  Hartmeyer,  Hans,  Der  Weinhandel  im  Gebiete  der  Hanse
im  Mittelalter.  1905.  Preis:  2  Mark  50  Pf.
Heft  4:  Busuiocescu,  Demeter,  Dr„  Das  Tabakmonopol  in  Rumänien ­
  Mit  2  Karten  und  8  lithographischen  Darstellungen.  1905.
Preis:  6  Mark.
Heft  5:  Albrecht,  Paul,  Dr.  phil.,  Das  Doraänenwesen  im  Herzogtum
Sachsen-Altenburg.  1906.  Preis:  3  Mark.
Heft  6:  Meltzing,  Otto,  Das  Bankhaus  der  Medici  und  seine  Vorläufer. ­
  1906.  Preis:  3  Mark  50  Pf.
Heft  7:  März,  Johannes,  Die  Fayencefabrik  zu  Mosbach  in  Baden.
1906.  Preis:  3  Mark.
        <pb n="6" />
        Abhandlungen
des
staatswissenschaftlichen  Seminars
zu  Jena

herausgegeben  von

Professor  Dr.  J.  Pierstorff.

Dritter  Band.  Drittes  Heft.

Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena
1906.
        <pb n="7" />
        ZUR  ENTWICKLUNG  DER
BAUMWOLLINDUSTRIE
IN  DEUTSCHLAND.

MIT  3  KURVEN  IM  TEXT.

VERLAG  VON  GUSTAV  FISCHER  IN  JENA.
1906.

4L
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        Alle  Rechte  Vorbehalten.
        <pb n="9" />
        Vorwort.

Ursprünglich  von  der  Absicht  ausgehend,  die  Entwicklung  des
deutschen  Baumwollhandels  im  Zusammenhänge  mit  der  der  Baumwollindustrie ­
  darzustellen,  kam  ich  alsbald  zu  der  Erkenntnis,  daß
die  letztere  allein  schon  ein  sehr  gründliches  Studium  verlangt.  Die
Resultate  dieses  Studiums  nun  sind  in  der  folgenden  Arbeit  niedergelegt. ­

Trotzdem  ich  mich  bemüht  habe,  das  Thema  möglichst  wenig
einseitig  und  von  Grund  aus  im  logischen  Zusammenhänge  behandelt
zu  haben,  kann  ich  der  Arbeit  doch  nicht  den  Titel  geben:  „Die  Entwicklung ­
  der  deutschen  Baumwollindustrie“.  Denn  dazu  ist  einmal
die  Vorgeschichte,  etwa  bis  zu  den  epochemachenden  Erfindungen,
aus  Mangel  an  Quellen  zu  kurz  weggekommen,  und  andererseits
konnte  die  Behandlung  des  Themas  unmöglich  eine  nach  allen  Seiten
erschöpfende  sein,  so  brachte  es  die  Natur  meiner  Quellen  mit  sich,
daß  die  Entwicklung  vorwiegend  vom  Standpunkt  des  Produzenten
aus  betrachtet  wurde.  Die  vorhandene  Literatur,  die  mir  namentlich
für  die  letzten  Dezennien  des  vorigen  Jahrhunderts  in  überreichem
Maße  zur  Verfügung  stand,  hoffe  ich  zur  Genüge  benutzt  zu  haben 1 ),
die  reiche  englische  Literatur  habe  ich  hauptsächlich  in  den  zwei
Werken  herangezogen:  Th.  Ellison,  The  Cotton  Trade  of  Great
Britain,  London  1886  und  M.  B.  Hammond,  The  Cotton  Industry,
  Ithaca  1897.  In  dem  zuletzt  genannten  Buche  findet  der
Leser  eine  reichhaltige  Zusammenstellung  der  englischen  Literatur.
1)  Leider  war  es  mir  nicht  mehr  möglich,  die  Arbeit  von  Dr.  R.  Wilbrandt,
Die  Weber  in  der  Gegenwart.  Jena  1906,  gebührend  zu  berücksichtigen.  Die  Tendenz  des
Buches  reizt  vielfach  zum  Widerspruch.
        <pb n="10" />
        VT

Am  ausführlichsten  sind  diejenigen  Kapitel  der  Arbeit,  die  die
letzten  Jahrzehnte  bis  zur  Gegenwart  behandeln.  Um  dieselben  inhaltlich ­
  interessant  und  reich  zu  gestalten,  wurde  mir  von  privater  Seite
so  liebenswürdige  Unterstützung  zuteil,  daß  es  mir  eine  große  Freude,
folgenden  Herren  auch  an  dieser  Stelle  meinen  herzlichsten  Dank
auszusprechen:  Herrn  Regierungsrat  Geib  im  Kais,  statistischen  Amt
zu  Berlin,  Herrn  Kommerzienrat  Groß  in  Augsburg,  Herrn
Professor  A.  Oppel  in  Bremen  und  ganz  besonders  Herrn  Dr.  K.
Kuntze  in  Dresden.
Jena,  im  Juli  1905.

Der  Verfasser.
        <pb n="11" />
        Inhalts-Verzeichnis.
Seite
Einleitung.  Die  Baumwollpflanze.  Die  Baumwolle  als  Spinnfaser  i
Kapitel  I.  Die  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie  bis  zum  Ende  des
18.  Jahrhunderts  8
Kapitel  II.  Die  Einbürgerung  der  Maschine  (1800—1850)  15
Kapitel  III.  Die  Befestigung  der  Stellung  der  Baumwollspinnerei  23
Kapitel  IV.  Die  Zeit  nach  dem  deutsch-französischen  Kriege  bis  zum  Zolltarifgesetz
von  1879  27
Kapitel  V.  Überblick  über  die  Entwicklung  bis  zur  Gegenwart  34
Kapitel  VI.  Der  neue  deutsche  Zolltarif  vom  25.  Dezember  1902  41
Kapitel  VII.  Die  Ereignisse  auf  dem  Baumwollmarkt  57
Kapitel  VIII.  Organisationsbestrebungen  und  Arbeiterverhältnisse  65
Kapitel  IX,  Statistische  Mitteilungen  76
Kapitel  X.  Rückblick  9 2
Schluß  101
Anlagen.  Organisation  der  Bremer  Baumwollbörse.  Handelsstatistik.  Großhandelspreise. ­
  Lohnentwicklung  102
        <pb n="12" />
        Einleitung.

Zur  allgemeinen  Orientierung  über  den  Rohstoff  der  deutschen
Bauinwollindustrie  möchte  ich  in  Kürze  einige  Angaben  über  die
Baumwollpflanze,  ihren  Anbau,  ihre  Ernte  und  ihre  mannigfache  Verwendung ­
  vorausschicken.
Die  Baumwolle  ist  das  Erzeugnis  einer  Strauch-  oder  baumartigen ­
  Pflanze,  die  zur  Gattung  Gossypium  und  als  solche  zur  Familie ­
  der  Malvazeen  gehört.  Die  Pflanze  kommt  in  den  wärmeren,
gemäßigten  Gebieten  der  Erde  vor,  zum  Teil  wild,  zum  Teil  seit
langer  Zeit  kultiviert.  Aus  ihrer  Blüte  gehen  Fruchtkapseln  hervor,
die  eine  Anzahl  von  behaarten  Samenkörnern  umschließen.  Reifen
die  Kapseln,  so  brechen  sie  auf,  und  die  Samenhaare  —  eben  die
Baumwolle  —  quellen  hervor.  Nach  der  Länge  der  Fasern,  des
„Stapels“,  und  nach  der  Farbe  der  Blütenblätter  unterscheidet  man
fünf  Grundformen  der  Pflanze,  von  denen  folgende  drei  für  den
Handel  hauptsächlich  in  Betracht  kommen 1 ):
1.  Gossypium  barbadense  oder  Sea  Island-Baumwolle.  Ihr
Anbau  ist  in  Westindien,  der  Südostküste  und  auf  den  ihr  vorgelagerten ­
  Inseln  der  Union,  Ägypten  und  in  Westafrika
verbreitet.  Sie  verlangt  große  Wärme  und  feuchte  Luft.
Der  Ertrag  ist  verhältnismäßig  gering,  aber  die  Länge  des
Stapels  macht  die  Sea  Island  zu  der  wertvollsten  Baumwollsorte. ­

2.  Gossypium  hirsutum  oder  Upland-Baumwolle.  Sie  ist  die
für  Anbau,  Handel  und  Verarbeitung  bei  weitem  wichtigste  aller
Baumwollarten  —  liefert  sie  doch  allein  ca.  6o°/ 0  der  Weltproduktion. ­

3.  Gossypium  herbaceum.  Diese  Art  ist  in  Ostindien  heimisch,
zeichnet  sich  durch  große  Fruchtbarkeit  aus  und  verlangt
beim  Anbau  die  geringste  Sorgfalt,  indessen  steht  sie  an
Güte  den  genannten  Sorten  nach.
1)  Vgl.  zu  dem  Folgenden  A.  Oppel,  Die  Baumwolle,  Leipzig  1902,  Kapitel  II.
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  III,  Heft  3.  1
Lochmüller,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie.
        <pb n="13" />
        Eine  geringere  Rolle  spielen  daneben  G.  peruvianum  und  G.
arboreum.  Jene  wird  im  tropischen  Südamerika,  auf  den  Antillen
und  in  Ägypten,  diese  in  Ostindien  angebaut.
Gegenwärtig  wird  Baumwollbau  namentlich  in  dem  Süden  der
Vereinigten  Staaten,  in  Ostindien,  in  Ägypten,  in  China  und  in  Südamerika ­
  betrieben;  erst  in  neuester  Zeit  wird  auch  Mittelasien,  Turkestan
  und  Transkaspien,  und  Westafrika  der  Baumwollkultur  dienstbar ­
  gemacht.  Es  gibt  aber  noch  außerdem  manche  Gebiete,  in  denen
die  Baumwollkultur  betrieben  oder  der  Betrieb  weiter  ausgedehnt
werden  könnte.  Zu  ihnen  gehören  vor  allen  Dingen  Brasilien  und
Kleinasien;  auch  auf  Kuba  wird  neuerdings  die  Aufmerksamkeit
gelenkt.
Ihr  bestes  Fortkommen  findet  die  Baumwollpflanze  in  solchen
Flachländern,  die  während  der  durchschnittlich  ein  halbes  Jahr  dauernden ­
  Wachstumszeit  eine  mittlere  Temperatur  von  —(—  r8 0  bis  -\-26°  Cund
  keine  anhaltende  Regenperiode,  aber  doch  ausreichende  Feuchtigkeit ­
  besitzen 1 );  der  Boden  muß  viel  Kieselsäure  enthalten.
Man  sät  den  Samen  in  Reihen  von  i  bis  1,3  m  Abstand.  Die
Zeit  der  Aussaat  ist  je  nach  der  klimatischen  Lage  des  Landes  verschieden, ­
  in  Nordamerika  dauert  sie  von  Anfang  April  bis  Anfang
Mai,  in  Ägypten  ist  sie  früher,  in  Ostindien  später.  Etwa  fünf
Monate  nach  der  Aussaat  beginnt  die  Ernte,  die  wegen  des  ungleichen
Reifens  der  Fruchtkapseln  immer  eine  längere  Zeit  in  Anspruch
nimmt  und  sehr  kostspielig  ist.  Oppel  gibt  z.  B.  an,  daß  in  den
Vereinigten  Staaten  ein  fleißiger  Arbeiter  selten  mehr  als  hundert
Pfund  pro  Tag  pflücken  kann  und  daß  das  Abzupfen  eines  Zentners
Fasern  50  cs.  kostet 1  2  3 ).  Nicht  alle  Knospen  gelangen  zum  Blühen,  und
nicht  alle  Blüten  tragen  Frucht.  Aus  den  von  A,  Oppel  angegebenen
Beobachtungen 8 )  ist  ersichtlich,  daß  von  den  erschienenen  Knospen
im  Durchschnitt  nicht  mehr  als  17,5%  zurn  Reifen  kommen.  Die
Sorge  um  Verhütung  und  Bekämpfung  der  den  heranwachsenden
Pflanzen  gefährlichen  Krankheiten  und  Schädlinge,  deren  schlimmste
der  „cotton  worin“  und  der  „boll  worin“  sind,  erfordert  die  peinlichste ­
  Reinhaltung  der  Felder  und  die  sorgsamste  Beobachtung  der
Pflanzen.
Wenn  die  den  Kapseln  entquollene  Baumwolle  eingesammelt
ist,  wird  sie  zunächst  von  Unreinigkeiten  befreit  und  dann  auf  eine
Entsamungsmaschine,  eine  sog.  Gin,  gebracht,  um  die  Fasern  von  den

1)  A.  Oppel,  a.  a.  O.  S.  61.
2)  Ebenda  S.  75  u.  76.
3)  Ebenda  S.  69.
        <pb n="14" />
        3

Samenkörnern  loszulösen.  Danach  wird  sie  mittels  einer  Presse  in
große  Ballen  verpackt,  diese  werden  mit  eisernen  Bändern  verschnürt,
und  die  Baumwolle  ist  fertig  zum  Export.  Eine  große  Pflanze  kann
im  besten  Falle  bis  zu  2 1 / 2  Pfd.  rohe  Baumwolle  liefern.  Man
schätzt  den  Ertrag  von  1  acre  (=  0,405  ha)  auf  75  Pfd.  (Indien)
bis  340  Pfd.  (Ägypten),  im  Mittel  ca.  185  Pfd.  englisch  an  entkörnter ­
  Baumwolle  (je  nach  Klima  und  Sorte  verschieden) 1 ).  Die
für  den  Baumwollbau  benutzten  Bodenflächen  betrugen  in  der  Union
im  Mittel  für  das  letzte  Jahrzehnt  des  ig.  Jahrhunderts  über  21  Milk
acres  =  8,5  Milk  ha.  Das  Gesamtbaumwollareal  in  der  Union,  in
Indien,  Ägypten,  Japan  und  Russisch  Asien  betrug  durchschnittlich
15,6  Milk  ha 1  2  3  * ).  Von  der  Welternte  lieferten  im  Durchschnitt  der  Jahre
1  8q  1  bis  1899  die  Vereinigten  Staaten  2038,3  Milk  kg  =  62,3  °/ 0 ,
Ostindien  und  die  ostindische  Inselgruppe  497  Milk  kg  =  15,3%,
China  258,7  Milk  kg  =  7,9%  und  Ägypten  238,7  Milk  kg  =  7,3  % 8 )-Die
  Baumwollfaser  bildet  eine  einzige  langgestreckte  Zelle,  die,
mit  bloßem  Auge  betrachtet,  als  ein  Härchen  von  gleichem  Aussehen,
aber  ungleicher  Länge  erscheint,  unter  dem  Mikroskop  dagegen  als
eine  abgeflachte,  etwas  gedrehte  Röhre.  Ihr  Hohlraum  ist  vorzüglich
dazu  geeignet,  Farbstoffe  in  sich  aufzunehmen,  ursprünglich  nämlich
ist  die  Farbe  der  Fasern  im  allgemeinen  weiß  oder  schmutzig  weiß.
Bei  der  Beurteilung  der  Güte  der  Fasern  kommen  vor  allem  Länge
und  Feinheit  in  Betracht,  ferner  die  Festigkeit,  Glätte,  Farbe  und
Reinheit.  Von  jeder  Sorte  unterscheidet  man  verschiedene  Qualitäten,
für  deren  Bezeichnung  die  von  der  Liverpool  Cotton  Association  eingeführten ­
  Prädikate:  1.  fair,  2.  middling  fair,  3.  good  middling,
4.  middling,  5.  low  middling,  6.  good  ordinary,  7.  ordinary  gelten. ­
  Dazwischen  schiebt  man,  namentlich  auf  amerikanischen  Märkten,
zur  genauen  Bezeichnung  der  Qualität  noch  zahlreiche  Unterklassen  ein.
In  Bremen  hat  man  für  Upland  folgende  neuen  Klassen  aufgestellt;
i.  middling  fair,  2.  fully  good  middling,  3.  good  middling,
4-  fully  middling,  5.  middling,  6.  fully  low  middling,  f j.  low
middling  etc.  wie  oben.
Für  indische  Baumwolle  gibt  es  dort  nur  vier  Klassen.
Um  das  Preisverhältnis  der  verschiedenen  Qualitäten  ersichtlich
zu  machen,  seien  die  Bremen  Notierungen  vom  8.  Juli  1905  wiedergegeben. ­
  Dieselben  verstehen  sich  in  Pfg.  pro  1 / 2  kg.

1)  Berechnet  nach  Oppel,  a.  a.  O.  S.  103  f.
2)  A.  Oppel,  a.  a.  O.  S.  90.
3)  S.  „Berichte  über  Handel  und  Industrie“,  Ed.  I,  1899/1900,  Berlin  igoo,  S.  413.
1*
        <pb n="15" />
        4

Middling  Fully  good  good  Fully  Midd-  Fully  low  Low  Good
fair  middling  middl.  middl.  ling  middling  middl.  ordinary
Upland  597*  58V4  57  V«  S&amp;amp;7  4  56  5474  S3 1 /«  5*V»
Ordinary
49 1 /,
Indische  Baumwolle  kostete  an  demselben  Tage:
Extra  superfine  Fine  Fully  good  Good

M.  ginned  Broach  ...  —  51  4Q 1 / 2  48
Oomrawuttee  II  ...  —  46%  45V4  44
Khandeish  ginned  ...  —  —  44
Büatee  —  457*  44  Vs  43  Vi
Bhownuggar  —  47  4S7 4  44 1 /»
Ben gal  4 2 V 4  4&amp;gt;  397«  3 8 V 4
do.  m.  ginned  .  .  .  43V,  4 2 V 4  4 c&amp;gt;7 4  39 l / 2
M.  ginned  Scinde  .  .  .  42'/,  41  x / 4  397 4

Der  Handel  mit  Rohbaumwolle  ist  im  Laufe  der  Zeit,  entsprechend ­
  der  Ausdehnung  der  Baum  Wollindustrie,  zu  einem  überaus
wichtigen  Gliede  im  Wirtschaftsleben  der  Kulturvölker  geworden.
Die  größte  Bedeutung  hat  er  für  die  Vereinigten  Staaten,  da  diese
die  Produktion  beherrschen,  und  für  Großbritannien  als  das  Hauptindustrieland ­
  der  Welt.  Hierhin  kam  die  Baumwolle  aus  Ostindien,
China,  Brasilien,  Ägypten,  hierhin  auch  richteten  sich  die  amerikanischen ­
  Sendungen,  sobald  der  amerikanische  Export  aufblühte,  denn
der  Engländer  beherrschte  mit  seiner  Handelsflotte  das  Meer.  Kein
Wunder,  daß  in  England  der  erste  große  Markt  und  Stapelplatz  für
Baumwolle  entstand:  London.  Doch  verlor  London  bald,  nachdem
die  Zufuhren  aus  Nordamerika  angefangen  hatten  sich  zu  mehren,
aus  hier  nicht  näher  zu  erörternden  Gründen  seine  Stellung  an  Liverpool. ­
  Liverpool  ist  bis  zum  heutigen  Tage  der  bedeutendste  Baumwollmarkt
  der  Welt.  In  Europa  folgten  ihm  bis  zu  den  siebziger
Jahren  des  vergangenen  Jahrhunderts  erst  in  weitem  Abstande  Havre
und  Marseille,  dann  Hamburg  und  Bremen.  Heute  hat  sich  dies
Verhältnis  sehr  zu  Deutschlands  Gunsten  verschoben.  Havre,  der
größte  französische  Baumwollmarkt,  tritt  weit  zurück  hinter  Bremen.
Von  diesen  Einfuhrhäfen  aus  wird  die  Baumwolle  überall  hin  verschickt, ­
  wo  sich  Spindeln  drehen,  um  sie  zu  verarbeiten  zu  Garn
und  Zwirn.
Die  Baumwolle  spielt  nicht  nur  als  Spinnfaser  eine  große  Rolle,
sondern  vermöge  ihrer  chemischen  Beschaffenheit  findet  sie  auch  sonst
vielfach  Verwendung.  Ein  Gemisch  von  starker  Salpeter-  und  Schwefelsäure ­
  verwandelt  sie  in  Schießbaumwolle  oder  Kollodiumwolle;  löst
man  sie  in  konzentrierter  Schwefelsäure  auf,  so  entsteht  Dextrin.  Be-
        <pb n="16" />
        5

Handlung  mit  Kupferoxydammoniak  und  einer  Säure  hat  Entstehung
von  Zellulose  zur  Folge.  Die  bloße  Faser  wird  vielfach  zu  Watte
verarbeitet  und  diese  wieder  durch  Imprägnierung  mit  geeigneten
Substanzen  zu  Verbandwatte.  Auch  die  Samenkörner  sind  von  großem
Wert.  Aus  ihnen  wird  ein  Öl  gepreßt,  das  in  Frankreich  häufig  als
Ersatz  bezw.  zur  Verfälschung  des  Olivenöls  dient.  Aus  den  Rückständen ­
  gewinnt  man  Ölkuchen,  die  als  Viehfutter  Verwendung  finden.
Die  Verarbeitung  der  Baumwollsaat  beschränkt  sich  beinahe  auf  Nordamerika ­
  und  steht  sozusagen  unter  der  Kontrolle  einer  großen  Gesellschaft, ­
  der  „American  Cotton  Oil  Company“.
Weitaus  die  größte  Bedeutung  hat  die  Baumwolle  aber  doch
als  Spinn-  und  Webstoff.  Die  Verarbeitung  der  Baumwolle  zu  Garn,
ferner  zu  Zwirn,  Tüchern,  Strümpfen,  Hemden,  Spitzen,  Samt  usw.
usw.,  die  ursprünglich  nur  in  den  Produktionsländern  in  primitiver
Weise  gehandhabt  wurde,  ist  heute  eine  Weltindustrie  geworden,  die
nicht  nur  unmittelbar  einer  großen  Anzahl  von  Menschen  Brot  gibt,
sondern  ihren  Wirkungskreis  auch  mittelbar  auf  so  viel  andere
Industrien  —  ich  nenne  nur  die  Eisenindustrie  und  die  chemische
Industrie  —  und  andere  Gebiete  der  Volkswirtschaft  erstreckt,  daß
von  ihrem  Gedeihen  das  Wohl  großer  Volksschichten,  ja  ganzer  Länder
abhängt.

Die  Baumwollindustrie  zerfällt  naturgemäß  in  die  beiden  Zweige
der  Spinnerei  und  Weberei,  ferner  aber  gehören  dazu  Färbereien,
Bleichereien,  Appreturanstalten  und  Druckereien.  Ohne  in  die  Technik
dieser  einzelnen  Zweige  der  Industrie  einzudringen,  glaube  ich  doch
einige  technische  Grundbegriffe  angeben  bezw.  erklären  zu  müssen.
Beim  Spinnen  des  Garns  haben  wir  drei  Vorgänge  zu  unterscheiden:
i.  das  Ausziehen  gleichmäßig  verteilter,  von  allen  Unreinigkeiten  befreiter ­
  Fasern,  2.  das  Zusammen  drehen  derselben  zu  beliebig  langen
Fäden  und  3.  das  Aufwickeln  der  Fäden.  Diese  Arbeiten  können
mehr  oder  weniger  mit  der  Hand  oder  mit  maschinellen  Einrichtungen
vorgenommen  werden;  man  unterscheidet  demnach  eine  Hand-  und
Maschinenspinnerei.  Bei  der  Handspinnerei  ist  die  einzige  mechanische
Vorrichtung  das  Spinnrad,  bei  der  Maschinenspinnerei  b  bleibt  fast  die
ganze  Behandlung  vom  Eintreffen  der  Baumwolle  in  der  Fabrik  an
den  Maschinen  überlassen.  Maschinen  öffnen  die  Baumwollballen,
reinigen  und  lockern  die  Baumwollflocken,  besorgen  die  regelmäßige
Verteilung  und  Parallellage  der  Fasern,  Maschinen  liefern  das  Vor-1)
  Vgl.  hierzu  Lüger,  Lexikon  der  gesamten  Technik,  Artikel  „Baumwollspinnerei“,
Bd.  II,  S.  72  ff.
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        6

gespinst,  Maschinen  verwandeln  es  schließlich  in  Garn.  Diese  letzten
sind  die  eigentlichen  Spinnmaschinen.  Die  niedrigste  Stufe  stellen  die
sogenannten  „Mulemaschinen“  dar,  eine  höhere  die  „Watermaschinen“,
die  höchste  Form  der  Spinnmaschine  ist  der  Selfaktor  oder  Selbstspinner. ­
  Das  Spinnrad  bewegte  nur  eine  einzige  Spindel,  die  heutigen
Spinnmaschinen  vereinigen  je  weit  über  tausend  Spindeln,  bedürfen
aber  gleichwohl  zu  ihrer  Bedienung  nur  weniger  geschulter  Personen.
Das  fertige  Garn  besitzt  verschiedene  Feinheitsgrade,  die  durch
Nummern  ausgedrückt  werden.  Im  allgemeinen,  auch  bei  uns,  ist
hierbei  das  englische  System  maßgebend  ').  Die  englische  Garnnummer ­
  gibt  an,  wieviel  „Hanks“  oder  „Strähne“  (=  840  Yard  =
768,082  m)  auf  ein  Pfund  englisch  (=  0,4536  kg)  gehen.  Je  höher
die  Nummer,  desto  zarter,  desto  feiner  ist  daher  das  Garn.  Nun
kann  man  aber  nicht  aus  jeder  beliebigen  Baumwollsorte  jede  beliebige ­
  Nummer  spinnen,  vielmehr  eignen  sich  für  die  feinsten  Nummern, ­
  etwa  über  Nr.  100  hinaus,  nur  die  amerikanische,  ägyptische
und  peruanische  Sea-Island-Baumwolle.  Die  ausgedehnteste  Verwendung ­
  findet  die  amerikanische  Upland-Baumwolle,  nämlich  etwa  für
die  Nummern  35  bis  60.  Zu  gröberen  Nummern  genügt  die  schlechteste ­
  Baumwolle,  die  ostindische *  2 ).  Auch  die  Maschinen  sind  nicht
gleichermaßen  fähig,  verschiedene  Baumwollsorten  zu  verspinnen,  zu
den  geringsten  Nummern  werden,  wie  schon  angedeutet,  die  Mulemaschinen ­
  gebraucht.
Das  Produkt  der  Spinnerei  ist  zum  größten  Teil  gewöhnliches
Garn,  zu  einem  kleinen  Teil  Fertigfabrikat,  also  Nähgarn  und  -zwirn,
das  seinerseits  auch  aus  gewöhnlichem  Garn  hergestellt  wird.  Das
Halbfabrikat  wandert  in  die  Weberei.  Die  Herstellung  von  Geweben
erfolgt  auf  dem  Webstuhl.  (Hier  kommen  neben  dem  Handwebstuhl
namentlich  die  Schaft-  und  die  Jacquardmaschine  in  Betracht,  neuerdings ­
  auch  der  Northropwebstuhl.)  Der  Teil  der  Fäden,  die  die
Länge  des  Gewebes  bilden  sollen,  läuft  in  grader  und  paralleler  Richtung, ­
  man  nennt  sie  Kette  oder  Zettel;  ein  anderer  Teil  von  Fäden
kreuzt  sie  unter  einem  bestimmten  Winkel  oder  wellenförmig  und
heißt  Schuß  oder  Einschlag.  Es  können  nun  mehrere  Lagen  überund ­
  durcheinander  gewebt  und  Zeichnungen  und  Muster  darein  geil ­

  Der  Versuch,  eine  einheitliche  Garnnummerierung  nach  metrischem  System  durchzuführen, ­
  der  schon  sehr  oft  gemacht  wurde,  ist  bisher  stets  an  dem  Widerstande  Englands
gescheitert,  auch  gelegentlich  des  II.  internationalen  Baumwollkongresses,  der  Anfang  Juli  1905
in  Manchester  stattfand.  Im  Gegensatz  dazu  haben  sich  die  internationalen  Textilarbeiterkongresse ­
  zu  Mailand  und  Lüttich  für  die  metrische  Garnnummerierung  ausgesprochen.
2)  A.  Oppel,  a.  a.  0.  S.  252  f.
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        7

webt  werden.  Erfindergeist,  Technik  und  Geschmack  finden  hier  ein
großes  Feld  der  Tätigkeit.  Färberei  und  Druckerei  und  die  anderen
Veredelungsbetriebe  arbeiten  großenteils  als  Lohnindustrie  Hand  in
Hand  mit  der  Weberei.
Alles,  was  durch  Spinnen,  Weben,  Färben  und  Drucken  in
Wolle,  Leinen  und  Seide  hergestellt  wird,  wird  auch  in  Baumwolle
gearbeitet  und  so  täuschend  nachgeahmt,  daß  diese  oft  als  Substrat
für  Wolle  und  Seide 1 )  dient.  Der  billige  Preis  der  Baumwollstoffe
ermöglicht  den  ärmeren  Volksklassen  die  Anschaffung;  künstlerische
Ausführung  und  Feinheit  des  Gewebes  aber  lassen  Baumwollwaren
auch  den  wohlhabenden  Klassen  als  begehrenswert  erscheinen.
Schon  aus  diesen  wenigen  Bemerkungen  erhellt,  welche  große
Bedeutung  unserer  Industrie  im  Leben  der  Völker  zukommt.  Auf
dem  Wege  des  Tauschhandels  gelangen  Baumwolltücher  selbst  in
die  Hände  der  Naturvölker  im  entlegensten  Winkel  der  Welt;  die
bunten  Farben  der  geringsten  Baumwollfetzen  verschaffen  uns  die
Kenntnis  neuer  Regionen,  neuer  Genüsse,  sie  bahnen  der  Kultur
ihren  Weg.  i)
i)  Über  das  chemische  Verfahren  der  „Mercerisation“,  das  der  Baumwolle  Seidenglanz ­
  verleiht,  vgl.  A.  Oppel,  a.  a.  O.  S.  129  ff.
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        Kapitel  I.
Die  Entwicklung  der  deutschen  Baumwoliindustrie  bis  zum
Ende  des  18.  Jahrhunderts.

In  Deutschland  fand  die  Baumwollindustrie  Eingang  von  Italien  aus
über  die  Schweiz  etwa  im  14.  Jahrhundert.  In  Ulm,  Regensburg
und  Augsburg  wurde  die  neue  Spinnfaser  zuerst  eingeführt.  Baumwollenes ­
  Garn  wurde,  mit  Leinengarn  vermischt,  ersteres  als  Einschlag,
letzteres  als  Kette,  zur  Herstellung  eines  Gewebes  verwandt,  das  mit
dem  Namen  Barchent  belegt  wurde.  Die  Barchentweberei  wurde
namentlich  in  Ulm  zu  hoher  Blüte  gebracht 1 ).  Von  hier  aus  verbreitete ­
  sich  die  Weberei  nach  dem  Elsaß  und  den  noch  heutigentags
blühenden  Textilindustrieplätzen  Mittel-  und  Unterfrankens:  Nürnberg,
Bamberg,  Bayreuth,  Kulmbach,  Hof  und  sprang  von  hier  nach  Sachsen
hinüber;  hier  siedelte  sich  die  Industrie,  namentlich  in  Plauen 1  2 ),  Chemnitz,
Zwickau  und  den  Dörfern  auf  dem  Erzgebirge  an.  Der  Markt  für
den  Rohstoff,  der  damals  allein  aus  der  Levante,  nämlich  aus  Cypern
und  Mazedonien,  kam,  war  Venedig.  Von  hier  aus  kam  er  über  die
uralte  Handelsstraße,  den  Brennerpaß,  nach  Süddeutschland.  Nach
der  Entdeckung  des  Seeweges  nach  Ostindien,  dem  Ursitz  des  Baumwollbaues ­
  und  der  Baumwollindustrie 3 ),  trat  eine  Wandlung  in  den
Welthandelsbeziehungen  ein,  die  Marseille,  Amsterdam  und  Rotterdam
an  den  bisher  von  Venedig  und  Genua  eingenommenen  Platz  setzte.
Nun  wurden  auch  hier,  in  Holland,  Textilbetriebe  errichtet  und  in
der  Folge  auch  in  der  deutschen  Nachbarschaft  am  Unterrhein,  in
Krefeld,  München-Gladbach,  Rheyd  und  anderen  Städten,  in  denen
schon  Leinen-  und  Seidenweberei  betrieben  wurde.  Die  .Spinnerei
ist  erst  nach  der  Weberei  und  zwar  zunächst  in  Süddeutschland,  dann
1)  Vgl.  E.  Nübling,  Ulms  Baumwollweherei  im  Mittelalter,  Leipzig  1890.
2)  Nach  L.  Bein,  Die  Industrie  des  sächsischen  Voigtlandes,  Leipzig  1884,  II.,
S.  37,  legten  holländische  Flüchtlinge  im  16.  Jahrhundert  den  Grund  zu  der  berühmten
voigtländischen  Schleierindustrie  und  damit  zur  Baumwolhveberei.
3)  Vgl.  A.  Oppel,  a.  a.  O.  S.  10.
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        Q
in  der  Rheinprovinz,  Brandenburg  und  im  Königreich  Sachsen  in
Aufnahme  gekommen.  Dieser  Umstand  verdient  deshalb  Beachtung,
weil  noch  heute  Spinnereien  und  Webereien  auf  zollpolitischem  Gebiete ­
  miteinander  in  Fehde  liegen.  Jene  behaupten,  sie  hätten  nicht
so  lange  Zeit  und  so  viel  Gelegenheit  gehabt,  sich  zu  kräftigen  wie
die  Webereien,  sie  verlangen  deshalb  hohen  Zollschutz,  diese,  die
schon  früh  durch  Einfuhrverbote  von  Baumwollwaren  und  später
durch  Zölle  geschützt  wurden  und  denen  an  dem  billigen  Bezüge
ihres  Rohmaterials,  des  Garnes,  liegt,  huldigen  freihändlerischen  Prinzipien ­
  l ).
Die  Weberei  wurde  ursprünglich  nach  Gustav  Schmoller 2 )
in  der  Form  der  Familien  Wirtschaft  betrieben;  die  Mitglieder  einer
Familie,  einer  Guts-  oder  Klostergemeinschaft  verfertigten  für  den
eigenen  Bedarf,  sich  gegenseitig  helfend  und  ablösend,  Stoffe  im
eigenen  Heim.  Was  sie  etwa  über  Bedarf  produzierten,  verkauften
sie  an  die  Nachbarn  oder,  was  auf  dasselbe  hinauskommt,  vertauschten
es  gegen  Waren  ihres  Bedürfnisses.  Eine  höhere  Entwicklungsstufe
ist  die  gewerbsmäßige  Lohnweberei  für  Kunden:  Der  Bürger  oder
der  Bauer  übergibt  dem  Weber  ein  Quantum  Garn  und  läßt  daraus
Stoffe  herstellen,  er  bezahlt  dem  Weber  den  Aufwand  an  Zeit  und
Arbeit.  Daraus  entwickelt  sich  dann  bald  die  selbständige,  handwerksmäßige ­
  Weberei,  die  nicht  nur  auf  Bestellung,  sondern  für  den
Markt  arbeitet.  Ist  der  Markt  ein  lokal  begrenzter,  so  ist  dieser
Zustand  noch  nicht  sehr  verschieden  von  dem  vorher  geschilderten,
die  Absatz  Verhältnisse  sind  bekannt,  die  Produktion  richtet  sich  danach. ­
  Die  letzte  große  Umwälzung  erfährt  die  Weberei  mit  dem
Zeitpunkt,  wo  mit  der  Verbesserung  der  Verkehrswege  und  der  Nachrichtenvermittlung ­
  der  Blick  hinausschweift  über  die  Grenzen  der
nächsten  Umgebung,  des  engeren  Vaterlandes  und  schließlich  über
den  Ozean  nach  neu  erschlossenen  Gebieten:  der  Weber  produziert
für  einen  Absatz  im  großen,  er  produziert  auf  Lager,  er  wird  Spekulant. ­
  Der  Produktionsprozeß  kann  dabei  auf  der  alten  Stufe  der
Lohnweberei  verharren,  wenn  ein  Fabrikant  oder  Händler  eine  Anzahl ­
  „selbständiger“  Webermeister  in  ihrem  eigenen  Heim  beschäftigt,
oder  es  schiebt  sich  eine  ganz  neue,  rein  kapitalistische  Produktionsform ­
  ein,  das  Verlagssystem:  der  Fabrikant,  der  Auftraggeber  ist  der
Verleger.  Das  Abhängigkeitsverhältnis  der  Hausindustriellen  kann
ein  verschiedenes  sein.  Entweder  er  steht  zum  Fabrikanten  in  einem
1)  Später  bietet  sich  Gelegenheit  näher  darauf  einzugehen.
2)  G.  Schmoller,  Die  Entwicklung  und  Krisis  der  deutschen  Weberei,  Berlin  1873.
L  „Deutsche  Streitfragen“,  Jahrg.  II,  Heft  25,  S.  9.
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        IO

ähnlichen  Verhältnis,  wie  der  Lohnweber  zum  Kunden,  nur  daß  die
Arbeitsmittel,  der  Webstuhl,  nicht  ihm  gehören,  oder  er  kauft  das
Garn  auf  eigene  Rechnung  und  Gefahr  und  verwebt  es  auf  einem
vom  Fabrikanten  entliehenen  Webstuhl  und  verkauft  das  Produkt  an
den  Fabrikanten.
Die  Spinnerei  dagegen  scheint  bis  zum  Aufkommen  der  Maschinenarbeit ­
  höchstens  bis  zur  Stufe  des  Lohnwerks  (im  landwirtschaftlichen ­
  Nebenbetrieb)  gelangt  zu  sein.
Im  Mittelalter  war  die  Ausübung  des  Webens  eingehenden,
zünftigen  Kontrollmaßregeln  unterworfen,  die  den  Zweck  hatten,  das
Gewerbe  auf  einer  soliden  Basis  zu  erhalten  und  eine  gewisse  Garantie
für  die  gute,  sich  gleich  bleibende  Qualität  der  Ware  zu  bilden.  Ob
der  Zweck  immer  erreicht  wurde,  bleibe  dahingestellt.  Jedenfalls
stand  unser  Vaterland  bis  zum  Ausbruch  des  dreißigjährigen  Krieges
in  bezug  auf  Verarbeitung  der  Baumwolle  und  Flandel  mit  Baumwollstoffen ­
  an  der  Spitze  der  Baumwollindustrieländer  Europas.
Der  unselige  Religionskrieg,  der  so  viele  Floffnungen  im  Keime
erstickte,  riß  auch  eine  Bresche  in  die  deutsche  Baumwollindustrie,
und  es  währte  mehr  als  ein  volles  Jahrhundert,  bis  auf  den  Trümmern
wieder  neues  Leben  erwuchs.  Zuerst  raffte  man  sich  in  Sachsen  zu
neuer  Tatkraft  auf 1 ).  Seit  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  ungefähr
entstanden  hier  Webereien  für  Kattun,  Piquee  und  Musselin,  namentlich ­
  aber  gelangte  die  Strumpfwirkerei  in  Chemnitz  und  Umgegend
zu  einer  großen  Blüte.  In  anderen  Teilen  Deutschlands,  namentlich
in  und  um  Augsburg  und  in  Norddeutschland  hatte  von  Holland  aus
die  Kattundruckerei  Eingang  gefunden,  ebenso  in  einem  Gebiet,  das
damals  zwar  nicht  unter  deutscher  Herrschaft  stand,  aber  innerlich
doch  zu  Deutschland  gehörte,  im  Oberelsaß.  Von  Nürnberg  aus  kam
die  Kattundruckerei  auch  nach  Plauen 1  2 ).  1755  gewährte  Kurfürst
Friedrich  August  II.  einer  Gesellschaft  das  Privileg  für  den  voigtländischen ­
  Kreis  betr.  gedruckter  Waren  bis  zum  Jahre  1785.
Im  sächsischen  Voigtlande  lebten  auch  die  alten  Zunftgebräuche
wieder  auf 3 ).  Der  Mittelpunkt  der  ganzen  Fabrikation  war  die  Schau,
der  jeder  fertige  Stoff  übergeben  werden  mußte.  In  der  strengen
Durchführung  der  Schau  lag  die  Gewähr  für  die  Güte  der  Produkte.
Um  das  Jahr  1764  zählte  die  Innung  der  Baumwollwarenhändler  des
Voigtlandes  80  bis  90  Mitglieder,  für  deren  Rechnung  etwa  1000
Stühle  in  Betrieb  waren;  auf  der  Leipziger  Ostermesse  dieses  Jahres

1)  A,  Oppel,  a.  a.  O.  S.  651.
2)  L.  Bein,  a.  a.  O.  S.  64.
3)  L.  Bein,  a.  a.  O.  S.  73-—75,  79.
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        umfaßte  der  Umsatz  der  Händler  6000  Stück  Ware  im  Werte  von
36—40000  Talern 1 ).  Dann  führten  aber  die  Zeiten  des  siebenjährigen
Krieges  die  Steigerung  der  Rohstoffpreise  und  die  Veränderungen
in  der  Fabrikationsweise  eine  Absatzstockung  herbei.  Der  Preis  der
mazedonischen  Baumwolle,  der  um  das  Jahr  x6i8  pro  Ztr.  12  —  i8Tlr.,
1683  26—28  Tlr.  betrug,  stieg  1770  auf  36  Tlr.,  die  smyrnaische  galt
46—48  Tlr.,  westindische  50—51  Tlr. 2 ).  Demgegenüber  blieben  die
Warenpreise  gedrückt.  Angesichts  dieser  Verhältnisse  schloß  die
Plauener  Händlerinnung  mit  einigen  Innungsverwandten  im  Voigtlande ­
  1772  ein  Übereinkommen  ab,  das  auf  die  Erzielung  von  Minimalpreisen ­
  gerichtet  war,  allerdings  ohne  damit  auf  die  Dauer  Erfolg  zu
haben 3 ).  Jedenfalls  ist  es  interessant  zu  beobachten,  daß  schon  damals
der  Versuch  gemacht  wurde,  durch  Preiskonventionen  Preisschleudereien
  vorzubeugen.
Gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  beginnt  für  Spinnerei  und
Weberei  eine  ganz  neue  Epoche,  die  hervorgerufen  wird  durch  die
Erfindung  zeit-  und  arbeitsparender  Maschinen:  wir  treten  ein  in  das
Zeitalter  des  Fabriksystems.  Es  ist  ein  Umschwung,  der  nicht  nur
die  Baum  wollindustrie,  aber  diese  zu  allererst,  um  gestaltete,  der  zuerst
England,  dann  den  europäischen  Kontinent  und  Amerika  ergriff  und
die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  der  Welt  verschob.  Die  Spinnmaschine ­
  und  der  mechanische  Webstuhl  legten  den  Grund  zu  der
Baumwollindustrie,  wie  sie  heute  besteht.  Aber  man  vergißt  gewöhnlich ­
  hinzuzufügen,  daß  diese  Erfindungen  fast  wertlos  gewesen  wären,
wenn  nicht  gleichzeitig  die  Erfindung  der  Sägenentkörnungsmaschine,
der  „Sawgin“,  hinzugekommen  wäre.  Erst  diese  ermöglichte  es,  der
Nachfrage,  die  proportional  der  Leistungsfähigkeit  der  Spinnmaschinen
wuchs,  gerecht  zu  werden.  Schließlich  kam  noch  hinzu,  daß  die
Kraft  des  Dampfes  an  die  Stelle  der  ursprünglichen  Wasserkraft  und
die  Steinkohle  an  die  der  Holzkohle  trat.
Die  genannten  Erfindungen  sind  an  die  Namen  von  Angehörigen ­
  des  britischen  Volkes  geknüpft 4 ).  Der  Engländer  J.  Hargreaves
  brache  die  Spindel  des  alten  Spinnrades  aus  der  wagerechten
in  eine  vertikale  Stellung  und  erreichte  durch  dies  einfache  Kunst-1)
  L.  Bein,  a.  a.  O.  S.  76.
2)  Ebenda  S.  84.
3)  Ebendaselbst.
4)  Man  begegnet  zwar  verschiedenen  Meinungen  bezgl.  der  Personen  der  ersten  Erfinder, ­
  u.  a.  findet  man  auch  den  Hinweis  darauf,  daß  die  Engländer  sich  hie  und  da  auf
Erfindungen  von  Deutschen  stützen  konnten.  Diese  tragen  indessen  mehr  den  Charakter  von
technischen  Spielereien  an  sich,  praktische  Brauchbarkeit  erlangten  erst  die  Maschinen
d«  genannten  Briten.
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        stück,  daß  mehrere  Spindeln  auf  einem  Rahmen  nebeneinander  aufgereiht ­
  und  durch  ein  und  dasselbe  Trittrad  in  Bewegung  gesetzt
werden  konnten.  R.  Arkwright  —  nach  einer  anderen  Version
gebührt  die  Priorität  in  bezug  auf  die  Erfindung  der  Spinnmaschine
seinem  Landsmann  John  Wyatt  —  erfand  im  Jahre  176g  die  „Waterframe“,
  so  genannt,  weil  sie  für  Wasserbetrieb  eingerichtet  war.  Das
Prinzip  dieser  Spinnmaschine  beruht  darauf,  daß  bei  ihr  das  Ausziehen, ­
  Drehen  und  Aufwickeln  des  Fadens  gleichzeitig  erfolgt.
Samuel  Crompton  bekam  zehn  Jahre  später  ein  Patent  auf  eine
Maschine,  die  die  Vorzüge  jener  beiden  vereinigte,  die  sog.  Mule-Jenny.
Die  Wasser-  und  die  Mulespinnmaschine  sind  heute  noch,  freilich  mit
mannigfachen  Verbesserungen,  allenthalben  in  Gebrauch.  Etwa
50  Jahre  nach  den  genannten  Erfindungen  gelang  es,  im  wesentlichen
das  Ziel  zu  erreichen,  die  Spinnmaschinen  zu  selbsttätig  wirkenden
zu  machen  (selfactor).  Auch  dies  Verdienst  kommt  einem  Engländer
zu:  Mr.  Roberts.  Das  Prinzip  des  mechanischen  Webstuhls  wurde
1785  von  Dr.  E.  Cartwright  gefunden.  Bis  dessen  Erfindung  freilich ­
  für  die  Praxis  brauchbar  wurde,  verging  noch  eine  Reihe  von
Jahren.  Die  Spinnmaschinen  und  der  mechanische  Webstuhl  hatten
eine  Lage  geschaffen,  die  insofern  unvollkommen  war,  als  die  Ausnützung ­
  der  maschinellen  Leistungsfähigkeit  eine  ganz  bedeutende
Steigerung  der  Baumwollerträge  zur  Voraussetzung  hatte 1 ).  Die
„Sawgin“  des  Amerikaners  Eli  Whitney  füllte  diese  Lücke  aus,
denn  durch  sie  wurde  erst  die  nötige  schnelle  und  billige  Entkörnung
  der  geernteten  Baumwolle  möglich.  Ihr  Erfolg  zeigt  sich  darin,
daß  die  Baumwollernte,  d.  i.  die  Menge  der  entkörnten  Baumwolle,
der  Südstaaten  der  Union  von  2  Milk  Pfd.  im  Jahre  1790  auf  io  Mill.
Pfd.  im  Jahre  1796,  knapp  zwei  Jahre  nach  der  Whitneyschen  Erfindung, ­
  stieg.  Vier  Jahre  später  betrug  sie  sogar  schon  40  Mill.  Pfd. 1  2 ).
Wir  sehen,  die  Begründer  der  modernen  Baumwollindustrie  sind
in  England  und  Amerika  zu  suchen.  Dies  Phänomen  bedarf  einer
kurzen  Begründung.
Die  Entstehung  der  englischen  Baumwollindustrie 3 )  fällt  in  eine
viel  spätere  Zeit  als  die  der  kontinentalen.  Erst  Ende  des  16.  Jahr1) ­
  Die  Nachfrage  nach  Baumwolle  wuchs  derartig,  daß  der  Preis  von  mazedonischer
Baumwolle,  der  in  dem  Zeitraum  1786—1795  durchschnittlich  35 2 / 3  Xlr.  pro  Ztr.  betrug,
im  Jahre  1799  bis  auf  65  Xlr.  stieg,  der  von  Smyrna-Baumwolle  sogar  bis  auf  70  Xlr.
(L.  Bein,  a.  a.  O.  Tabelle  la).
2)  Th.  Ellison,  Zur  Geschichte  des  Baumwollhandels  der  Vereinigten  Staaten,
Leipzig  1895,  S.  7.
3)  Vgl.  hierzu  G.  von  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  Leipzig  1892,
S.  25  ff.
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        i3

hunderts  wurde  sie  von  holländischen  Flüchtlingen  dorthin  verpflanzt.
Zunächst  wurde  ihr  Wachstum  durch  die  alten  privilegierten  Zünfte
der  Woll-,  Leinen-  und  Seidenweber  unterdrückt.  Neben  ihnen  spielt
die  Baumwollspinnerei  und  -Weberei  nur  eine  bescheidene  Rolle.  Im
Jahre  1721  erging  ein  Verbot,  Baumwollstoffe  zu  tragen.  Schon  vorher ­
  war  die  Einfuhr  ostindischer  Baumwollzeuge  verboten  worden.
Diese  Maßnahmen  aber  stärkten  nur  die  junge  Industrie,  obwohl  sie
gerade  das  Gegenteil  beabsichtigten.  Der  Rohstoff  kam  damals  aus
Cypern  und  Kleinasien,  der  Einfuhrhafen  für  sie  war  London.  Die
Industrie  fand  einen  festen  Stützpunkt  in  Manchester  und  der  Grafschaft ­
  Lancashire.  Deutschland,  das  vorher  Europa  mit  seinen  Baumwollfabrikaten
  versorgt  hatte,  litt  unter  den  Nachwehen  des  großen
Religionskrieges.  England  trat  jetzt  —  mit  Beginn  des  18.  Jahrhunderts ­
  —  an  seine  Stelle.  Von  vornherein  hatte  es  den  Vorzug,
daß  hier  die  Industrie  sich  auf  wenige  Städte  konzentrierte;  infolgedessen ­
  konnte  eine  Spinner-  und  Weberbevölkerung  großgezogen
werden,  die  es  in  der  nötigen  Handfertigkeit  zur  Vollkommenheit
brachte.  England  war  ferner  das  erste  Land,  in  dem  der  Kaufmann
das  Tempo  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  angab.  Nach  der  Besiegung ­
  Hollands  wurde  es  dessen  Nachfolger  in  der  Beherrschung
des  Weltmeeres,  seine  maritime  Lage,  die  Zahl  und  Güte  seiner
Häfen  förderten  den  Handelsverkehr.  Der  englische  Kaufmann  vertritt ­
  gegenüber  der  feudalen  Denkweise  des  Mittelalters,  die  —  mit  den
Worten  von  G.  v.  Schulze-Gävernitz  —  der  Einzelwirtschaft  nur
das  an  Gütern  zukommen  läßt,  „was  Sitte  und  Recht  bestimmt'*,  eine
moderne  Denkweise,  deren  Richtung  durch  das  Streben  nach  Gewinn
angogoben  wird 1 ).  Je  mehr  die  Konkurrenz  und  die  Entfaltung  der
kaufmännischen  Intelligenz  hervortreten,  desto  verschiedener  gestaltet
sich  das  Schicksal  der  Einzelunternehmungen,  desto  rascher  weicht
das  alte  Gewerberecht  der  Gewerbefreiheit,  desto  intensiver  ist  der
Antrieb  zu  wirtschaftlichen  und  technischen  Fortschritten.  Persönliche ­
  Freiheit  und  Sicherheit  des  Eigentums,  Voraussetzungen  des
Handels,  waren  in  England  am  weitesten  entwickelt.  Zunftordnungen,
die  der  freien  gewerblichen  Betätigung  der  Kräfte  Fesseln  anlegten,
bestanden  noch  für  die  Wollindustrie 2 ),  aber  nicht  für  die  Baumwollindustrie.
  Auf  dem  Kontinent  war  Produktion  und  Absatz  gesetzlich
geregelt,  jede  Abweichung  unter  Strafe  gestellt,  auch  fehlte  jeder
Ansporn  zum  technischen  Fortschritt,  denn  jedem  zünftigen  Weber
und  Verleger  —  das  Recht  des  Webens  und  des  Verlegens  der
1)  G.  von  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  O.  S.  31.
2)  Ebenda  S.  35.
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        14

Baumwollgewebe  war  aber  an  die  Zugehörigkeit  zur  Zunft  gebunden
—  war  „auf  Grund  der  überlieferten  Ordnung  ein  auskömmliches
Dasein  gesichert“  *).  Die  englische  Baumwollindustrie  war  erst  durch
den  Handel  ins  Land  gekommen;  der  Handel  aber  wurde  seitens
der  Regierung  in  jeder  Weise  begünstigt,  und  ihm  verdankte  die
Industrie  die  Möglichkeit,  sich  frei  von  alten  Zunftregeln  entwickeln
zu  können.  Nun  war  die  Konkurrenz  Indiens  für  England  damals
so  gefährlich  wie  die  Englands  heute  für  uns,  sie  trieb  daher  den
Erfindergeist  wohl  am  meisten  an,  auf  neue,  billige  Produktionsmethoden ­
  zu  sinnen 1  2 ).  Eingang  und  günstigsten  Boden  fanden  diese
zuerst  in  der  Baumwollspinnerei  und  -Weberei.
In  Nordamerika  anderseits  waren  die  Vorbedingungen  für  den
Anbau  der  Baumwolle  die  denkbar  besten.  Boden  und  Klima  des
Südens  waren  vorzüglich  für  die  Baumwollkultur  geeignet.  Daß  die
Pflanzer  Virginias  und  Karolinas,  trotzdem  1789  zur  Beförderung  der
einheimischen  Baumwollkultur  ein  Einfuhrzoll  auf  Baumwolle  gelegt
wurde,  Tabak  und  Indigo  weiter  zu  bauen  vorzogen,  hatte  seinen  Grund
darin,  daß  die  Baumwollkultur  infolge  der  großen  Auslagen  für  das
Entkörnen  völlig  unrentabel  war 3 ).  Vor  dem  Jahre  1790  wurde  nur
in  ganz  geringen  Mengen  Baumwolle  ausgeführt,  und  dies  wenige
war  Sea-Island-Baumwolle,  Als  nun  die  Nachfrage  in  England  so
erheblich  stieg,  bemühte  man  sich,  die  natürlichen  Vorteile  vor  anderen
Produktionsgebieten  durch  Verbilligung  der  Entsamungskosten  auszunutzen. ­
  Der  Erfolg  dieser  Bemühungen  war  Elli  Whitneys  Erfindung. ­
  Jetzt  wurde  die  Kultur  ausgedehnt,  und  die  Güte  und  Wohlfeilheit ­
  der  amerikanischen  Upland-Baumwolle  stellte  die  ostindische
und  die  aus  der  Levante  vollständig  in  den  Schatten,
Die  Epoche  der  genannten  grundlegenden  Erfindungen  erreichte
ihr  Ende  ungefähr  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts,  der  Selfaktor
wurde  allerdings  erst  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  erfunden.  Es
folgten  fernerhin  freilich  immer  neue  Verbesserungen,  namentlich  an
den  Vorbereitungsmaschinen,  so  daß  von  einem  Stillstand  keine  Rede
sein  kann.  Erst  vor  wenigen  Jahren  wurde  eine  Erfindung  gemacht,
die  für  die  Weberei  wahrscheinlich  die  gleiche  Bedeutung  gewinnt
wie  die  des  Selfaktors  für  die  Spinnerei,  ich  meine  den  Northrop-Webstuhl,
  der  zeitweise  ohne  Beaufsichtigung  fortzuarbeiten  vermag.
Aber  alle  neueren  Erfindungen  erreichen  an  Bedeutung  doch  nicht
1)  G.  v.  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  O.  S.  35.
2)  Einfuhrverbote  und  ähnliche  besondere  Maßnahmen  zur  Ausschließung  der  indischen ­
  Konkurrenz  (vgl.  darüber  v.  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  O.)  blieben  wirkungslos.
3)  Th.  Ellison,  a.  a.  O.  S.  6.
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        i5

jene  alten.  Diese  brachten,  wie  gesagt,  einen  neuen  Zug  in  die
Baumwollindustrie  aller  Länder.  In  den  nächsten  Kapiteln  wollen
wir  nun,  soweit  möglich,  die  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie ­
  unter  der  Herrschaft  der  Maschine  und  des  Fabriksystems
verfolgen.

Kapitel  II.
Die  Einbürgerung  der  Maschine.

England  setzte  alles  daran,  den  Nießbrauch  der  Spinn-  und  Webemaschinen ­
  für  sich  allein  zu  behalten,  es  erließ  deshalb  Ausfuhrverbote ­
  für  Maschinen,  Maschinenteile  und  Zeichnungen  und  setzte  die
strengsten  Strafen  auf  die  Übertretung.  Jedoch  blieb  diese  Maßregel
schließlich  wirkungslos.  Auswanderung  von  Fabrikanten  und  Arbeitern, ­
  heimliches  Kopieren  der  Zeichnungen,  heimliche  Anfertigung
von  Modellen,  Diebstahl,  alles  das  brach  ihr  die  Spitze  ab.  Es  dauerte
nicht  lange,  so  hatten  die  Maschinen  überall,  wo  Baumwollverarbeitung
betrieben  wurde,  Eingang  gefunden.  In  Deutschland  wurde  1782  die
erste  Spinnmaschine  aufgestellt  und  zwar  im  Königreich  Sachsen 1 ).
Freilich  gingen  noch  viele  Jahre  ins  Land,  bis  der  handwerksmäßige
Betrieb  überall  durch  den  Fabrikbetrieb  verdrängt  wurde.  Zu  einem
großen  Teil  ist  dieser  Umschwung  noch  heute  nicht  vollendet.  Zwei
Momente  waren  es,  die  den  Übergang  beschleunigten:  die  Überflutung ­
  des  Kontinents  mit  englischen  Garnen  und  Geweben  und
die  Kontinentalsperre.  Dem  englischen  Massenangebot  gegenüber
war  die  alte  Spinnmethode  machtlos.  In  der  Stille  wurden  daher
unter  Aufwendung  großer  Kosten  Spinn-  und  Webemaschinen  angeschafft, ­
  sie  kamen  meist  durch  französische  Vermittelung  von  Belgien ­
  her.  1790  gingen  in  Mittweida  bereits  50  mechanische  Webstühle, ­
  etwas  später  fanden  die  Spinnmaschinen  im  Rheinlande  Eingang, ­
  und  1803  wurde  im  Elsaß  die  erste  mechanische  Spinnerei  eingerichtet ­
 1  2 ).  1808  wurde  bereits  der  Jacquardstuhl  eingeführt 3 ).  Als
dann  die  Kontinentalsperre  der  ausgedehnten  Exporttätigkeit  der
englischen  Fabrikanten  zeitweilig  einen  Riegel  vorschob,  entstand
1)  A.  Oppel,  a.  a.  O.  S.  655.
2)  Ebenda.
3)  G.  Schm  oll  er,  Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe,  Halle  1870,  S.  496.
        <pb n="27" />
        i6

überall  auf  dem  Kontinent  eine  eigene  Fabrikindustrie.  In  Deutschland ­
  war  es  Rheinland,  Westfalen  und  das  Königreich  Sachsen 1 ),  wo
die  Spinnereien  zuerst  mit  Maschinen  ausgerüstet  wurden.  Sie  waren
dadurch  imstande,  den  einheimischen  Garnbedarf  zu  decken.  Die
Stellung  der  Industrie  war  aber  noch  nicht  so  gefestigt,  daß  sie  nach
den  Napoleonischen  Kriegen,  sich  selbst  überlassen,  weiter  gedeihen
konnte.  Bei  der  Einrichtung  von  Fabrikbetrieben  fehlte  es  vielfach
an  Sachkenntnis  und  Erfahrung,  und  das  Privatkapital  hielt  sich  fern.
So  gingen  viele  Spinnereien  wieder  ein.  Die  Weberei  zwar  war  der
englischen  Konkurrenz  weniger  ausgesetzt,  bei  der  Spinnerei  aber
machte  sich  das  Fehlen  eines  Zollschutzes  unliebsam  bemerkbar.
Auch  nachdem  Preußen  im  Jahre  1818  den  Zentner  Baumwollgarn
mit  einem  Einfuhrzoll  von  einem  Taler  belegt  hatte,  schien  es  so,
als  sollte  England  der  Lieferant  der  deutschen  Weber  bleiben.
England  besaß  in  mehrfacher  Hinsicht  einen  natürlichen  Vorsprung. ­
  Der  Grund  hierfür  ist  einerseits  in  günstigen  Naturchancen
zu  suchen,  andererseits  aber  in  der  Konzentration  der  Industrie  auf
ein  verhältnismäßig  kleines  Gebiet  und  in  der  schon  frühzeitig  durchgebildeten ­
  Arbeitsteilung.  Dazu  kommt,  daß  England  gerade  in  der
Zeit,  wo  sich  die  Maschinenarbeit  einbürgern  mußte,  im  Innern  von
Krieg  verschont  blieb,  ferner  wurde  der  Baum  Wollindustrie  seitens
der  Gesetzgebung  jeder  erdenkliche  Schutz  zuteil.  So  konnte  sich
hier  die  Umgestaltung  verhältnismäßig  schnell  entwickeln,  und  die
ersten  Unternehmer  konnten  in  kurzer  Zeit  große  Vermögen  erwerben. ­

Deutschland  dagegen  hatte  sehr  viel  unter  Kriegsnot  zu  leiden,
und  die  freie  Entfaltung  der  industriellen  und  kaufmännischen  Kräfte
stieß  auf  Schritt  und  Tritt  auf  Flindernisse:  die  Unsicherheit  und
Mannigfaltigkeit  der  Rechtsverhältnisse,  die-  mangelnde  Organisation
des  Handels,  des  Geld-,  Kredit-  und  Bankwesens,  des  Verkehrswesens,
hauptsächlich  aber  die  Verschiedenheit  der  Münzen,  Maße  und  Gewichte ­
  und  die  zahlreichen  Binnenzollschranken  stellten  sich  einer
gedeihlichen  Entwicklung  feindlich  in  den  Weg.
Der  erste  Schritt  zur  Besserung  war  die  Gründung  des  deutschen
Zollvereins.  Dadurch  fielen  die  Verkehrsbeschränkungen  im  Innern
fort  und  erhielten  die  Zollverhältnisse  nach  außen  eine  gemeinsame
Regelung.  Mit  dem  Wegfall  der  Binnenzölle  war  eine  nicht  geringe
Verbilligung  der  Produktionskosten  verbunden  und  eine  Erweiterung
des  Absatzes.  Damit  aber  wurde  die  Industrie  aus  einer  mehr  lokalen

)  Hier  betrug  die  Spindelzahl  1814  schon  276625  (L.  Bein,  a.  a.  O.  S.  167  Anrn.).
        <pb n="28" />
        •7

zu  einer  nationalen.  Um  der  übermäßigen  Einfuhr  von  Baumwollgarn
zu  steuern  wurde  der  Zollsatz  auf  2  Tlr.  erhöht  (1832),  gleichzeitig
wurde  die  Einfuhr  der  Rohbaumwolle,  die  vorher  aus  finanziellen
Gründen  mit  einem  geringen  Zollsatz  belegt  war,  freigegeben.  Die
Regierungen  suchten  die  Spinnereien  dadurch  zu  unterstützen,  daß
sie  Geldprämien  gewährten  und  englische  und  amerikanische  Mustermaschinen ­
  an  sie  verliehen 1 ).  Indessen  war  die  Beschaffung  derselben ­
  mit  großen  Umständen  und  Kosten  verbunden.  1785  wurde
z.  B.  ein  Deutscher  mit  500  £  bestraft,  weil  er  Manchester  besucht
hatte  und  Baumwollarbeiter  nach  Deutschland  locken  wollte,  1786
ein  anderer  Deutscher  mit  200  £,  weil  er  Maschinen  nach  Deutschland
exportieren  wollte 2 ).  Daher  bedeutete  es  für  die  gesamte  deutsche
Baumwollindustrie  ein  großes  Glück,  als  England  1842  seine  Tore
zur  Ausfuhr  von  Textilmaschinen  öffnete.  Die  deutsche  Maschinenindustrie ­
  war  nicht  fähig,  die  nötigen  Spinn-  und  Webmaschinen  zu
liefern.  —  Auch  heute  noch  sind  wir  in  dieser  Hinsicht  nur  zu  sehr
von  unsern  Vettern  jenseits  des  Kanals  abhängig.  —-  Erst  nachdem
unsere  deutschen  Fabrikanten  ihre  bis  dahin  recht  handwerksmäßigen
Fabriken  im  größeren  Umfange  mit  modernen  Maschinen  ausrüsten
konnten,  war  die  Spinnerei  fest  auf  die  Füße  gestellt.  Das  dritte
Moment  endlich,  das  den  Aufschwung  des  Handels  und  der  Industrie
seit  Ende  der  dreißiger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  veranlaßte,
ist  die  Entwicklung  des  Eisenbahnwesens.  Nebenher  schreiten  die  Ausbildung ­
  des  Bankwesens,  des  Handelsrechts  und  der  Gewerbegesetzgebung ­
  und  —  last  not  least  —  die  Errichtung  von  Gewerbe-,  Realund
  höheren  technischen  Schulen.
In  den  dreißiger  und  vierziger  Jahren  beginnt  zuerst  das  private
Kapital  in  die  Spinnerei  einzuströmen,  es  werden  Aktiengesellschaften
gegründet,  zunächst  mit  persönlichen  Anteilscheinen,  späterhin  mit
Aktien,  die  auf  den  Inhaber  lauten.  Als  glücklicher  Umstand  kam
hinzu,  daß  das  ganze  vierte  Jahrzehnt  im  allgemeinen  unter  günstiger
Konjunktur  stand.  Als  dann  im  fünften  ein  Rückschlag  eintrat,  war
der  Vorteil  so  offenkundig  auf  seiten  der  nach  englischem  Muster
zuerst  als  persönliche,  später  als  unpersönliche  Aktiengesellschaft  eingerichteten ­
  Spinnereien,  daß  von  da  an  die  Hausindustrie  in  der
Spinnerei  dem  Untergang  geweiht  war.  Daß  die  Spinnerei  sich  soweit ­
  entwickeln  konnte,  ohne  daß  sie  durch  Zölle  sonderlich  geschützt
oder  gar  künstlich  groß  gezogen  worden  wäre,  kann  als  ein  Zeichen
1)  Bienengräber,  Statistik  des  Verkehrs  und  Verbrauchs,  Berlin  1868,  S.  196.
Vgl.  auch  L.  Bein,  a.  a.  O.  S.  120,  136,  154.
2)  Th.  Ellison,  The  Cotton  Trade  of  Great  Britain,  London  1886,  p.  28.
9

Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  7..  Jena,  Bd.  IIT,  Heft  3.
Lochmüller,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie.
        <pb n="29" />
        dafür  angesehen  werden,  daß  Fleiß  und  Ausdauer  der  Unternehmer
ihr  Lebensfähigkeit  verbürgten.
Rund  60  Jahre  hatte  es  also  gedauert,  um  dem  Fabriksystem
in  der  Baumwollspinnerei  zum  Siege  zu  verhelfen.  Wie  stand  es
nun  mit  den  andern  Zweigen  der  Industrie,  namentlich  der  Weberei?
Die  deutsche  Weberei  ist,  wie  wir  sahen,  bedeutend  älter  als  die
Spinnerei.  Die  alten  Betriebsmethoden,  bei  denen  der  Händler  vielfach
dem  Hausweber  den  Webstuhl  leihweise  überließ,  hatten  dort  viel
fester  Wurzel  geschlagen  als  hier.  Die  Spinnerei  dagegen  war  kaum
jemals  über  die  Produktionsstufe  des  Lohnwerks  hinaus  gediehen.
Sobald  dann  der  Preis  der  Baumwolle  so  enorm  sank,  war  der  fabrikmäßige ­
  Betrieb  das  von  selbst  Gegebene.  Zudem  war  für  die  Produkte
der  Weberei  von  alters  her  ein  aufnahmefähiger  Markt  vorhanden,
Baumwollwaren  nahmen  unter  den  Ausfuhrgegenständen  immer  einen
hervorragenden  Rang  ein.  Bei  der  Weberei  und  den  späteren  Bearbeitungsstadien ­
  des  Gewebes  kommt  es  ferner  vielfach  auf  künstlerische ­
  oder  doch  individuelle  Ausstattung  der  Ware  an.  Die  Weberei
erfordert  wenig  Kapital,  wenige  und  einfache  Maschinen,  wenige
technische  Kenntnisse.  Schließlich  waren  die  Produktionskosten,  die
Löhne  der  Hausweber  so  gering 1 ),  daß  irgendwelche  Konkurrenz  auf
dem  Weltmärkte  nicht  zu  fürchten  war.  Zum  Überfluß  mußten  ausländische ­
  Webwaren  noch  hohen  Eingangszoll  entrichten  (1822:  150  M.
pro  Zentner  =  10%  vom  Wert;  dieser  Satz  ging  auch  in  den  Zollvereinstarif ­
  von  1832  über  und  blieb  bis  1865  bestehen) 1  2 ).  Es  fehlte
also  der  Druck  der  internationalen  Konkurrenz.  Aus  allen  diesen
Gründen  behauptet  sich  in  der  Weberei,  besonders  aber  in  der  Strumpfwirkerei, ­
  einmal  der  Handbetrieb  und  dann  der  alte,  hausindustrielle
Charakter  des  Betriebes  teilweise  bis  heute.  Der  Anstoß  zum  Fortschritt ­
  liegt  hier  mehr  auf  sozialem  Gebiete.  Die  mechanische  Weberei
dehnte  sich  vor  allem  da  aus,  wo  sie  sich  an  große  Spinnereien  anlehnen ­
  konnte,  im  Königreich  Sachsen,  in  Westfalen,  der  Rheinprovinz ­
  und  in  Oberbayern.  Die  Vorteile  des  fabrikmäßigen  Großbetriebes ­
  kamen  auch  hier  sehr  bald  zur  Geltung.
Es  kann  nicht  unsere  Aufgabe  sein,  die  Vorzüge  des  Großbetriebes ­
  eingehend  zu  diskutieren.  Sie  seien  vielmehr  nur  kurz  hervorgehoben; ­
  Steigerung  und  Stetigkeit  des  Arbeitsverdienstes,  Verbesserung ­
  und  Gleichmäßigkeit  der  Produkte  und  schließlich  die  all-1)
  G.  Schmoll  er,  Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe  im  19.  Jahrhundert,
Halle  1870,  S.  566:  ,,Der  Lohn  eines  Handwebers  im  Voigtlande  und  im  Erzgebirge  betrug ­
  in  den  zwanziger  Jahren  nicht  über  2  Groschen  täglich.“
2)  \V.  Lexis,  Zollgeschichte  der  Baumwolle,  H.  d.  St.,  Bd.  II,  S.  328.
        <pb n="30" />
        19

2*

gemeine  Erniedrigung  der  Generalunkosten.  Im  übrigen  verweise
ich  vor  allem  auf  des  mehrfach  zitierte  Buch  von  G.  v.  Schulze-Gävernitz;
  „Der  Großbetrieb,  ein  wirtschaftlicher  und  sozialer  Fortschritt“. ­
  Leipzig  1892.
Der  Übergang  vom  Handwerk  und  der  Hausindustrie  zum  fabrikmäßigen ­
  Großbetrieb  gestaltet  sich  nicht  überall  gleichmäßig  und
glatt.  Er  bringt  viele  kleine  Existenzen  um  ihr  Brot,  der  Betrieb
selbst  ist  im  Anfang  teuer  und  unregelmäßig.  Hier  ist  die  Maschine
der  verhaßte  Tyrann,  gegen  den  sich  die  Erbitterung  der  Arbeiter
in  zahllosen  Exzessen  Luft  macht 1 ).  Aber  sobald  diese  „Kinderkrankheiten ­
  des  Großbetriebes“  überwunden  sind,  treten  die  Vorteile  zutage,
und  mancher  Hausindustrielle  gibt  seine  Selbständigkeit  auf,  um  dafür
die  Anwartschaft  auf  höheren  und  sicheren  Verdienst  einzutauschen.
Die  Stücklöhne  werden  geringer,  dabei  steigert  sich  der  Wochenverdienst ­
  des  Arbeiters,  weil  er  mit  der  Maschine  mehr  schaffen
kann.  Dies  Verhältnis  tritt  noch  mehr  zutage,  je  größer  der  Betrieb,
je  größer  die  Kraftmaschinen  sind.  Der  Preis  der  Maschinen  und
die  Betriebskosten  wachsen  nämlich  nicht  proportional  der  Kraftleistung, ­
  sondern  diese  wächst  in  viel  stärkerem  Maße 1  2  3 ),  entsprechend
können  auch  die  Löhne  steigen.  Beim  Hausbetrieb  War  der  Verdienst
des  Arbeiters  je  nach  den  Konjunkturen  ein  bedenklich  hin  und  her
schwankender,  beim  Großbetrieb  ist  er  nahezu  ein  fester.
Um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  beginnt  auf  allen  Gebieten  des
wirtschaftlichen  Lebens  in  Deutschland  die  moderne  Entwicklung.  Es
ist  darum  nicht  mehr  wie  billig,  wenn  wir  hier  einmal  Halt  machen
und  Umschau  halten.
Lesen  wir  Berichte  über  die  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie ­
  bis  ungefähr  zu  dieser  Zeit  —  die  übrigens  dünn  gesät
sind  —,  so  finden  wir  durchgängig  Klagen  darüber,  daß  die  Spinnereien
nicht  mit  der  Zeit  fortschreiten.  Bienengräber  bemerkt 8 ),  die  ersten
Spinnereien  seien  vielfach  ohne  Sachkenntnis  und  Kapital  eingerichtet ­
  worden  und  hätten  zu  ihrem  Nachteil  veraltete  Maschinensysteme ­
  viel  zu  lange  beibehalten.  Ebenso  klagt  A.  Beer  in  seiner
„Allgemeinen  Geschichte  des  Welthandels“ 4  * ),  daß  die  deutschen  Spinne1) ­

  G.  von  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  O.,  S.  64.  —  L.  Bein,  a.  a.  O.  S.  209.
2)  Vgl.  die  eingehende  Berechnung  bei  R.  Jannasch,  Die  Produktionsbedingungen
der  europäischen  Baumwollindustrie,  Zeitschrift  des  Kgl.  Preuß.  Stat.  Bureaus,  Jahrg.  1881,
S-  300.
3)  A.  a.  O.  S.  194.
4)  Ad.  Beer,  Allgemeine  Geschichte  des  Welthandels,  Wien  1864—1884,  Bd.  III,
i,  S.  82.
        <pb n="31" />
        20

1)  A.  a.  O.  S.  299.

reien  sich  die  Fortschritte  der  Technik  nicht  genügend  zunutze
machten,  so  wären  z.  B.  in  Sachsen  noch  im  Jahre  1840  die  1801
eingerichteten  Spinnmaschinen  in  Tätigkeit  gewesen.  —  Der  Mangel
an  Kapital  ist  unbedingt  dem  Umstande  zuzuschreiben,  daß  eine
sichere  Kapitalanlage  in  Spinnereiunternehmen  so  lange  nicht  gemacht
werden  konnte,  als  unsichere  Zollverhältnisse  bestanden  und  die  Rentabilität ­
  der  deutschen  Spinnereien  vollkommen  von  der  Marktlage  in
England  abhängig  machten.  Die  Erklärung  für  jene  andere  Wahrnehmung, ­
  die  sich  übrigens  kaum  über  die  vierziger  Jahre  hinaus  bezieht, ­
  die  Nichtberücksichtigung  des  technischen  Fortschritts  betreffend,
scheint  mir  R.  Jannasch  zu  geben,  wenn  er  sagt 1 ):  „Bei  den  großen
Krisen  hat  der  Umstand  eine  bedenkliche  Rolle  gespielt,  daß  die
deutschen  Fabrikanten  ihre  Fabrikgebäude  mit  der  größten  Solidität
gebaut  hatten.  Der  baumwollindustrielle  Betrieb  unterliegt  aber  nun
fortdauernd  technischen,  d.  h.  maschinentechnischen  Neuerungen.  Um
den  modernen  Ansprüchen  zu  genügen,  mußten  die  Gebäude  mit
großem  Kostenaufwand  umgebaut  werden.  Außerdem  ist  durch  die
kostspieligen  Bauten  das  Betriebskapital  verringert  worden“.  Im
Gegensatz  dazu  baut  der  englische  und  noch  mehr  der  amerikanische
Unternehmer  „leicht,  hält  sich  dadurch  Betriebskapital  frei,  scheut
dagegen  keine  Kosten  bei  der  Anschaffung  billiger  und  arbeitsparender
Maschinen“.  Also  die  allzu  große  Solidität  beim  Bau  der  Fabrik  verhinderte ­
  den  deutschen  Unternehmer,  jede  technische  Neuerung  sofort
mitzumachen.  Dabei  ist  es  aber  —  das  möchte  ich  ergänzend  hinzufügen ­
  -—  zum  mindesten  zu  bezweifeln,  ob  der  deutsche  Fabrikant
überhaupt  in  der  Lage  war,  dem  technischen  Fortschritt  in  dem  Maße
zu  folgen,  wie  das  der  englische  und  amerikanische  tun  konnten.
Ihm  waren  ja,  wie  ich  glaube  nachgewiesen  zu  haben,  bis  zum  Jahre
1842,  wo  die  Aufhebung  des  englischen  Maschinenausfuhrverbots  erfolgte, ­
  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die  Hände  gebunden.  Die  Industrie ­
  mußte  eben  ihre  Lernjahre  durchkämpfen.
Es  war  schon  darauf  hingewiesen  worden,  daß  die  wirtschaftlich-rechtlichen ­
  Verhältnisse  Deutschlands  noch  in  den  Kinderschuhen
steckten  und  sich  den  gewerblichen  Umwandlungen  erst  allmählich
anpassen  mußten.  So  ist  die  Entwicklung  bis  zu  dem  angenommenen
Zeitpunkt  nur  Schritt  für  Schritt  vorwärts  gegangen,  aber  jedenfalls
ist  sie  ständig  vorwärts  gegangen  und  nicht  zurück.  Die  Handelskrisen ­
  der  Jahre  1825  —  26,  1836  und  1839  und  zu  Ende  der  vierziger
Jahre  hielten  sie  zeitweilig  auf,  aber  sprachen  deutlich  zugunsten  der
kapitalkräftigen,  nach  englischem  Muster  eingerichteten  Unternehmun ­
        <pb n="32" />
        2  1

gen.  Am  besten  geschützt  gegen  die  Zufälligkeiten  der  Konjunktur
war  die  Weberei  und  die  mit  ihr  verwandten  Gewerbe,  denn  der
Zoll  war  so  hoch  bemessen,  daß  er  für  die  gröberen  Gewebe  geradezu ­
  prohibitiv  wirkte.
Einige  Zahlen  mögen  als  Beleg  für  die  geschilderte  Entwicklung ­
  dienen  und  gleichsam  erst  das  rechte  Licht  über  vorstehende
Schilderung  verbreiten.
Die  Anzahl  der  Spindeln  im  Zollverein  betrug  nach  Dieterici 1 )
im  Jahre  1840  658  358;  davon  entfielen  auf  das  Königreich  Sachsen
370805,  auf  Preußen  153497,  ferner  auf  Bayern  40000,  auf  Baden
38000  und  auf  Württemberg  33000.  Fünf  Jahre  später  wurde  bei
den  Verhandlungen  Industrieller  in  Berlin  die  Spindelzahl  auf  815000
angegeben,  indessen  ist  diese  Zahl  zu  hoch  gegriffen.  Nach  Dietericis
  Berechnung  stellt  sie  sich  nur  auf  750298,  von  denen  auf  Sachsen
allein  474998  kommen 2 ).  Die  Produktion  von  Garn,  die  nur  auf
rechnerischem  Wege  geschätzt  werden  konnte,  betrug  pro  anno:
im  Durchschnitt  der  Jahre  Zentner
1837—1839  129906
1840—1842  176  524
1843  —  1845  221  552  3 )
Die  Bedeutung  dieser  Zahlen  tritt  erst  recht  hervor,  wenn  wir  das
Verhältnis  kennen,  in  welchem  die  inländische  Produktion  zu  dem
inländischen  Garnbedarf  steht;  dies  können  wir  aber  leicht  daraus
ermessen,  wie  der  Anteil  des  importierten  ausländischen  Garnes  an
ebendemselben  Garnkonsum  ständig  zurückgeht.  Dieterici  gibt  an
derselben  Stelle  wie  oben 4 )  eine  Tabelle  an,  nach  der  im  dreijährigen
Durchschnitt  pro  anno  betrug:

1.  Garneinfuhr ­


2.  Garnausfuhr


3.  Mehreinfuhr ­


4.  Garnverbrauch. ­


Zentner

Zentner

Zentner

Zentner

1837—1839

366065

52  627

313  798

443  704

1840—1842

453  841

52  968

400  873

577  397

1843-1845

462  372

45  370

417  002

■  638  554

1846—1848

459  706

40  768

418  908

638  378

1849—1853

492  817

32  618

46019g

767184

1)  F.  W.  Dieterici,  Statistische  Übersicht  der  wichtigsten  Gegenstände  des  Verkehrs ­
  und  Verbrauchs  im  preußischen  Staat  und  im  deutschen  Zoilverband,  Berlin  1838;
mit  fünf  Fortsetzungen,  i84l  —1857,  II.  Forts.,  S.  34 1  *
2)  C.  F.  W.  Dieterici,  a.  a.  O.  IV.  Forts.,  S.  365.
3)  Ebenda,  V.  Forts.,  S.  553.  Dieterici  berechnet  diese  Zahlen,  indem  er  20  °/ 0
der  Mehreinfuhr  von  Rohbaumwolle  als  Spinnabfall  und  1 / 11  als  Abgang  zur  Wattefabrikation
m  Abzug  bringt.
4)  A.  a.  O.  V.  Forts.,  S.  553  u.  554.
        <pb n="33" />
        22

Das  Verhältnis  der  Garneinfuhr  zum  Garnverbrauch  gestaltet  sich,
wenn  wir  Dieterici  weiter  zitieren,  in  derselben  Reihenfolge  wie
74,29  :  100;  72,5  :  100;  68,16  :  100;  68,24  :  100  und  62,21  :  100.  Zu
den  absoluten  Zahlen  können  wir,  da  die  Handelsstatistik  damals
noch  in  den  Kinderschuhen  steckte,  nur  wenig  Vertrauen  hegen.
Indessen  machen  wir  die  Wahrnehmung,  daß  die  Garneinfuhr  zwar,
absolut  genommen,  unaufhaltsam  anwächst,  aber  einen  immer  kleiner
werdenden  Anteil  an  dem  gesamten  Verbrauch  ausmacht.  Und  diese
Wahrnehmung  ist  zweifellos  richtig,  denn  wenn  auch  die  absolute
Genauigkeit  der  Zahlen  zu  wünschen  übrig  läßt,  so  wird  dadurch
ihre  relative  Vergleichbarkeit  nicht  berührt.
Die  Anzahl  der  Webstühle  betrug  im  Jahre  1840  etwa  150  000 l ),
zumeist  Handwebstühle;  davon  entfielen  60000  auf  Sachsen,  etwa
49000  auf  Preußen  und  12000  auf  Bayern,  ßienengräber  berechnet ­
  die  inländische  Produktion  und  den  Überschuß  der  Ausfuhr  von
Baumwollwebwaren  über  die  Einfuhr  von  solchen  folgendermaßen 1  2 ):
Es  betrug

Im  Durchschnitt

Die  inländische  Produktion

Die  Mehrausfuhr

der  Jahre

(Zentner)

(Zentner)

1836—1840

357  964

72  791

1841—1845

489617

66  942

Die  Einfuhr  von  Baumwollwaren  exkl.  Garn  machte  in  dem  Triennium
  1843  bis  1845  durchschnittlich  jährlich  nur  1,86%  der  inländischen ­
  Produktion  aus 3 ).  An  der  Ausfuhr  ist  in  hohem  Grade
Sachsens  Strumpfwirkerei  beteiligt,  die  nach  dem  Erlaß  des  preußischen ­
  Zollgesetzes  von  1818  ein  Absatzgebiet  in  transatlantischen
Gegenden  suchte  und  fand 4 ).  (Im  Jahre  1840  gab  es  im  sächsischen
Erzgebirge  allein  22000  Strumpfwirkern)eister,  denen  38000  Gehilfen
zur  Seite  standen,  wie  A.  Oppel,  S.  657,  an  gibt.)

1)  Dieterici,  a.  a.  O.,  II.  Forts.,  S.  494.
2)  Bienengräber,  a.  a.  O.  S.  214.
3)  Dieterici,  a.  a.  O.,  II.  Forts.,  SU  500.
4)  Ad.  Beer,  a.  a.  O.  S.  84.
        <pb n="34" />
        Die  Befestigung  der  Stellung  der  Baumwollspinnerei.

Schon  von  1836  an  waren  von  süddeutschen,  besonders  den
württembergischen  Industriellen  wiederholt  Anträge  auf  Erhöhung
des  Garnzolles  auf  4—5  Tlr.  ergangen,  namentlich  auf  der  Zollkonferenz
in  Stuttgart,  1842  *).  Man  begründete  diese  Forderung  in  erster
Linie  damit,  daß  England,  indem  es  zum  Freihandel  überginge,  mit
billigeren  Produktionskosten  arbeiten,  dabei  die  Löhne  und  die  Lebenshaltung ­
  der  Arbeiter  erhöhen  und  so  der  zollvereinsländischen  Industrie ­
  auf  dem  inneren  Markt  in  verstärktem  Grade  Konkurrenz  bereiten ­
  würde.  Bei  der  Ausfuhr  von  Fertigfabrikaten  sollte  dann  eine
Rückvergütung  des  Zolles  im  Betrage  von  2  Tlr.  gewährt  werden.
Dagegen  wurde  von  norddeutscher  Seite  aus 1  2 )  geltend  gemacht,  daß
viele  Spinnereien,  die  mit  gehörigem  Kapital  und  technischer  Vollkommenheit ­
  ausgerüstet  und  mit  Geschick  geleitet  worden  seien,
schon  ohne  höheren  Zoll  sehr  gut  beständen.  Die  Zollerhöhung
schädige  die  Webereien,  die  Rückvergütung  bei  der  Ausfuhr  würde
nicht  zur  Geltung  kommen  können,  es  wäre  unmöglich  zu  entscheiden,
welchen  Anteil  inländisches  und  welchen  importiertes  Garn  an  dem
fertigen  Produkt  habe,  die  Zollrückvergütung  könne  also  leicht  die
Gestalt  einer  Ausfuhrprämie  annehmen.  In  der  Spinnerei  seien  ungefähr ­
  16300  Arbeiter  tätig,  und  der  Mehrwert  der  Produkte,  der
in  den  Spinnereien  erzeugt  würde,  betrage  nur  3  l / a  Mill.  Tlr.,  in  der
Weberei  dagegen,  die  200000  Arbeitern  Beschäftigung  gewähre,  betrage ­
  er  über  60  Milk  —  Mit  anderen  Worten:  die  Spinner  verlangten
Sicherung  des  heimischen  Marktes,  den  sie  noch  nicht  beherrschten 3 ).
Die  freihändlerische  Bewegung  der  Zeit  aber  wollte  gerade  den
schwächlichen  Hausweber  und  Strumpfwirker,  deren  Existenz  eine
gar  kümmerliche  war,  unterstützen 4 ).  So  wurde  eine  Art  Kompromiß
geschaffen;  der  Garnzoll  wurde  1846  zwar  erhöht,  aber  nur  auf  3  Tlr.

1)  Dieterici,  a.  a.  O.  S.  380  fr.
2)  Nach  W.  Weber,  Der  deutsche  Zollverein,  Leipzig  1869,  S.  218,  hatte  die  englische ­
  Regierung  in  Berlin  mit  Erfolg  gegen  die  geplante  Garnzollerhöhung  Propaganda  gemacht. ­

3)  W.  Lotz,  Die  Ideen  der  deutschen  Handelspolitik  von  1860—1891,  Schriften
des  V.  f.  Sozialpolitik,  Bd.  L,  S.  25.
4)  W.  Lotz  a.  a.  O.  S.  14.  Lotz  weist  mit  Recht  auf  den  Unterschied  in  der
Lreihandelsbewegung  zwischen  England  und  Deutschland,  hin.
        <pb n="35" />
        24

Die  Württemberger  Spinner  hatten  schon  darauf  hingewiesen,  daß
die  verschiedenen  Garnnummern  nicht  gleichmäßig  verzollt  werden
dürften,  daß  hier  vielmehr  einzig  und  allein  das  Wertzollsystem  am
Platze  sei,  sie  predigten  aber  tauben  Ohren.  Der  Zollschutz  fiel  für
die  feineren  Nummern  fast  gar  nicht  ins  Gewicht,  daher  nahm  die
Produktion  naturgemäß  immermehr  die  Richtung  auf  gröbere  Nummern  ')
und  behielt  sie  im  allgemeinen  auch  bei,  obwohl  einige  der  nach  1850
gegründeten  großen  Betriebe  auch  die  Spinnerei  feiner  Garne  aufnahmen.
  Jedenfalls  ist  die  Entwicklung  der  Spinnerei  —  der  Erfolg
der  Zollerhöhung  —  von  1846  an  etwa  eine  durchaus  stetige.  Wir
können  das  am  besten  beurteilen,  wenn  wir  den  Rückgang  der  Garneinfuhr ­
  im  Verhältnis  zum  Garn  verbrauch  ins  Auge  fassen.  Es  betrug

Die  Garneinfuhr
Prozent  des  Verbrauchs

Im  Durchschnitt  der  Jahre

1846—1848
184g—1851
1852—1854
1855-1857
1858—1860

68,24
64,26
55.40
50,51
39,88

In  den  neun  Jahren  1837  bis  1845  hebt  sich  also,  wie  wir  sahen,
der  Anteil  der  inländischen  Garnproduktion  am  Garnverbrauch  von
25,7  1  °/ 0  auf  3i,84°/o,  d.  h.  jährlich  um  0,68  °/ 0 ,  nach  der  Zollerhöhung
aber  in  15  Jahren  von  31,76%  auf  60,12%,  das  sind  aber  jährlich
bSQ  % 3 )-Die
  Gegenüberstellung  spricht  deutlich  für  die  günstige  Wirkung
des  Schutzzolles.  Gleichzeitig  ist  aus  der  Tabelle  ersichtlich,  daß  das
schnelle  Tempo  der  Entwicklung  erst  1853  einsetzt.  Dies  ist  einmal ­
  dem  Umstande  zuzuschreiben,  daß  mit  diesem  Jahre  der  Zollverein ­
  sich  über  ganz  Deutschland  außer  Österreich  erstreckte;  zweitens ­
  aber  stieg  in  den  fünfziger  Jahren  die  Ausfuhr  von  Webwaren
nach  Amerika  und  folglich  der  Garnverbrauch  der  Webereien  rapid.
Darum  waren  diese  Jahre  auch  der  Neugründung  von  Aktienunternehmungen ­
  besonders  günstig,  so  fällt  z.  B.  in  das  Jahr  1851  die
Gründung  der  „Baumwollspinnerei  am  Stadtbach“  zu  Augsburg,  einer
unserer  größten  Spinnereien,  von  der  wir  später  noch  einiges  hören
werden.  1857  zählte  man  schon  2  Milk  Spindeln,'  1861  aber  2T35  195 4 )-In
  der  Zeit  von  1850  bis  1870  traten  eine  ganze  Anzahl  von  Aktien-1)

  Ad.  Beer,  a.  a.  O.  S.  83.
2)  Nach  Dietericis  und  Bienengräbers  Angaben  berechnet.
3)  Allzu  genau  sind  auch  diese  Berechnungen  aus  dem  Grunde  nicht  zu  nehmen,
weil  die  handelsstatistischen  Ergebnisse  zu  damaliger  Zeit  zu  wenig  Vertrauen  verdienen.
4)  Bienengräber,  a.  a.  O.  S.  195.
        <pb n="36" />
        25

gesell  schäften  ins  Leben,  von  denen  1900  noch  25  bestanden 1 ).  Überwiegend ­
  waren  das  Spinnereien,  wie  die  Spinnerei  überhaupt  mehr
unter  kapitalistischen  Gesichtspunkten  betrieben  wurde.  Die  Steigerung ­
  des  Exports  nach  Amerika  war  im  Gegensatz  dazu  wieder
Wasser  auf  die  Mühle  der  Handweberei.  In  den  vierziger  Jahren
hatte  eine  allgemeine  Überproduktion  von  Webwaren  die  Hand-  und
Hausweberei  mit  dem  Untergange  bedroht,  jetzt  aber  stiegen  die
Löhne  wieder  derartig,  daß  die  Anzahl  der  Handwebstühle  Zunahmen.
In  Sachsen  betrug  sie  im  Jahre  1846  17739  und  im  Jahre  1861
31508,  die  Maschinenstühle  waren  in  derselben  Zeit  von  150  auf
1418  gewachsen 1  2 ).  Die  Produktion,  bezw.  die  Mehrausfuhr  von
Baumwollwaren  (oder  Garn)  entwickelte  sich  wie  folgt 8 ):

Die  Mehrausfuhr
(Zentner)
83  826
155  444
172  426

Im  Durchschnitt
der  Jahre
1846—1850
1851  —1835
1856—1861

Die  inländische  Produktion
(Zentner)
547  503
699  263
999  749

Im  Jahre  1861  waren  im  ganzen  Zollverein  vorhanden  26445g
Handstühle  und  23491  Maschinenstühle  (gleich  8,2%) 4  5 ).  Über  die
Entwicklung  der  Betriebsgrößen  in  dieser  Zeit  enthält  Bienengräbers ­
  „Statistik  des  Verkehrs  und  Verbrauchs  im  Zollverein“
interessante  Mitteilungen,  von  denen  ich  einige  hier  wiedergebe 3 ):
In  dem  rheinisch-westfälischen  Industriebezirk  kamen  1843  auf  eine
Spinnerei  932  Spindeln,  1861  aber  6509,  in  Sachsen  hat  eine  Spinnerei
1830  durchschnittlich  4300,  1861:  4593  Spindeln,  in  Bayern,  wo  1861
bereits  21  Aktienspinnereien  mit  einem  Kapital  von  21,3  Milk  Gulden
bestehen,  enthält  eine  Spinnerei  1846  durchschnittlich  4594,  1861  aber
16267  Spindeln.  In  Württemberg  sind  es  8578  und  in  Baden  14100
Spindeln,  die  1861  im  Durchschnitt  auf  einen  Betrieb  entfallen.  Es
geht  klar  hieraus  hervor,  daß  die  Betriebskonzentration  am  weitesten
in  Süddeutschland  und  zwar  hauptsächlich  in  Bayern  Fortschritte  gemacht ­
  hat.
Zu  Beginn  der  sechziger  Jahre  trat  ein  Ereignis  ein,  das  die
Entwicklung  auf  einige  Jahre  hinaus  unterbrach;  die  große  Produk1) ­

  Handbuch  der  deutschen  Aktiengesellschaften  für  1900/1901.
2)  G.  Schmollet,  Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe,  S.  566.
3)  Bienengräber,  a.  a.  O.  S.  214.
4)  G.  Schmollet,  a.  a.  O.  S.  562  nebst  Anm.  Die  Stelle  enthält  offenbar  zwei
Druckfehler;  die  904  Fabriken  unterhalten  113008  Handstühle,  und  die  Anzahl  der  Maschinenstühle ­
  beträgt  nur  8,2  °/ 0  der  Gesamtzahl.  Vgl.  auch  A.  Oppel,  a.  a.  O.  S.  656.
5)  A.  a.  O.  S.  198  ff.  Die  Durchschnittszahlen  habe  ich  z.  T.  danach  berechnet.
        <pb n="37" />
        26

tionskrisis,  die  durch  den  amerikanischen  Bürgerkrieg  hervorgerufen
wurde.  Die  Nordstaaten  der  Union  blockierten  die  Häfen  der  Südstaaten, ­
  von  denen  aus  bis  dahin  Europa  mit  Baumwolle  versorgt
worden  war,  wie  New-Orleans,  Galveston,  Mobile,  Savannah,  Charleston
u.  a.  mit  großer  Energie;  die  Folge  davon  war  eine  Stockung  der
Ausfuhr  von  Baumwolle  aus  den  Südstaaten,  so  daß  der  Baumwollindustrie ­
  Europas  unermeßlicher  Schaden  erwuchs.  Es  war  eine
Krisis,  wie  sie  keine  andere  Industrie  je  erlebt  hat.  Die  Bestellungen
für  Spinner  und  Weber  waren  da,  aber  der  Rohstoff  fehlte,  eine
Baumwollhungersnot  —  „cotton  famine“  —  trat  ein,  die  grenzenloses
Elend  über  ganze  Bevölkerungsklassen  brachte.  Am  stärksten  wurde
England  als  der  Hauptkonsument  der  Baumwolle  betroffen,  aber  auch
der  Kontinent  befand  sich  in  einer  mißlichen  Lage.  Die  Maschinen,
die  zum  großen  Teil  für  die  Verarbeitung  amerikanischer  Baumwolle
eingerichtet  waren,  mußten  durch  andere  ersetzt  oder  doch  so  umgeändert ­
  werden,  daß  sie  für  indische  und  levantinische  geeignet
waren.  Viele  Spinnereien  waren  der  Notlage  nicht  entfernt  gewachsen, ­
  die  Maschinen  mußten  feiern,  die  Arbeiter  mußten  sehen,
wie  sie  anderswo  Brot  bekamen.  Die  technischen  Umgestaltungen
und  die  enorme  Preissteigerung  der  Baumwolle  brachten  aber  auch
größeren  Spinnereien  Verluste.  Nur  diejenigen  kapitalstarken  Etablissements, ­
  die  sich  rechtzeitig  mit  großen  Vorräten  versehen  hatten,
machten  dadurch,  daß  deren  Wert  um  das  Fünf-  bis  Siebenfache
stieg,  Millionen  Gewinne 1 ).  Die  Webereien  wurden  erst  in  zweiter
Linie  betroffen,  aber  da  für  die  Hand-  und  Hausweber  die  Kapitalanforderung ­
  zu  groß  war,  so  kam  die  Krisis  auch  hier  wesentlich
der  Entwicklung  zum  Großbetrieb  zu  Hilfe.  So  hat  die  Krisis,  im
ganzen  genommen,  der  normalen  Weiterentwicklung  der  deutschen
Baumwollindustrie  keinen  Einhalt  geboten,  hauptsächlich  deshalb,  weil
unser  Hauptkonkurrent  England  so  schwer  von  ihr  getroffen  wurde
und  dann,  weil  die  deutsche  Baumwolleinfuhr  noch  zu  einem  wesentlichen ­
  Teil  aus  Ostindien  und  anderen  Produktionsgebieten  stammte,
so  daß  es  nicht  schwer  fiel,  diese  schon  bestehenden  Handelsbeziehungen ­
  weiter  auszunutzen.  Von  17  Mill.  kg  verarbeiteter  Baumwolle
im  Jahre  1859  waren  10,7  Mill.  aus  Amerika  eingeführt,  im  Jahre
1867  wurden  31,4  Mill.  kg  Baumwolle  in  Deutschland  verarbeitet,
und  davon  waren  10,4  Mill.  aus  Amerika  eingeführt,  der  ganze  Rest
aus  Ostindien  und  anderen  Ländern 1  2 ).
1)  Reichsenquete  für  die  Baumwoll-  und  Leinenindustrie.  Stenographische  Protokolle
über  die  mündliche  Vernehmung  der  Sachverständigen,  Berlin  1879,  S.  76.
2)  Reichsenquete  für  die  Baumwoll-  und  Leinenindustrie.  Statistische  Ermittlungen,
Heft  II,  Berlin  1879,  S.  29  und  2—29.
        <pb n="38" />
        2 1

Der  Anteil  des  einheimischen  Garns  am  Verbrauch  stieg  in  der
Periode  1861  bis  1865  auf  73,6  %  und  in  der  Periode  1866  bis  1870
auf  77,4  % x ).  Wenn  jedoch  G.  Schmoller  behauptet,  in  der  Zeit
von  1850  bis  1870  sei  die  deutsche  Baumwollspinnerei  zu  „vollständiger ­
  Ebenbürtigkeit“  mit  der  englischen  herangewachsen 2 ),  so  trifft
das  nicht  zu.  Noch  heute  kann  das  Ausland  gewisse  Garne  billiger
und  besser  liefern  als  die  deutsche  Spinnerei,  weil  dort  die  Produktionsbedingungen ­
  bessere  sind.

Kapitel  IV.
Die  Zeit  nach  dem  deutsch-französischen  Kriege  bis  zum
Zolltarifgesetz  von  1879.

Nach  der  siegreichen  Beendigung  des  Krieges  gegen  Frankreich
tritt  die  Entwicklung  unserer  Industrie  wiederum  in  ein  neues  Stadium.
Was  zunächst  die  allgemeinen  Wirkungen  für  Handel  und  Industrie
anbelangt,  die  sich  als  Folgen  der  Reichseinheit  ergeben,  so  glaube
ich  mich  hier  mit  einem  kurzen  Hinweis  darauf  begnügen  zu  können,
da  sie  ja  die  Baumwollindustrien  nicht  speziell  betreffen 3 ).  Manche
der  bedeutungsvollen  Maßnahmen  wurzeln  schon  in  früheren  Jahren,
zum  Teil  schon  in  der  Gründerzeit  des  sechsten  Jahrzehnts,  wie  die
Organisation  des  Bankwesens  und  die  Ausbildung  des  Handelsrechts.

l)  L.  Beins  (a.  a.  O.  S.  349),  Berechnung  der  inländischen  Garnproduktion  lautet
anders  als  die  hier  von  Bienen  gräber  mitgeteilte.  Sie  sei  der  Vollständigkeit  halber  ebenfalls ­
  angeführt:
Deckung  des  Garnbedarfs  im  Zollverein
durch  inländische  Spinnereien  durch  das  Ausland

0/
'0

0/
/  0

1836—1840

29,3

70,7

1841—1845

3 2 ,6

67,4

1846—1850

35.5

64,5

1851—1855

47,o

53,o

•  1856—1860

59.9

40,1

1861—1865

76,4

23,6

1866—1870

79.7

20,3

2)  G.  Schmoller,  a.  a.  O.  S.  455.
3)  Eine  zusammenhängende  ansprechende  Darstellung  davon  gibt  z.  B.  W.  Sombart,
Der  moderne  Kapitalismus,  2  Bände,  Leipzig  1902.  bezw.  Die  deutsche  Volkswirtschaft  im
19.  Jahrhundert,  Berlin  1903.
        <pb n="39" />
        Auch  Ansätze  zu  einer  Gewerbegesetzgebung,  zur  Gewerbefreiheit
und  Koalisationsfreiheit  finden  sich  schon  vor  1870.  Nach  der  Neugründung ­
  des  Deutschen  Reiches  folgt  aber  nun  die  einheitliche  Regelung, ­
  bezw.  die  Neuorganisation  dieser  und  anderer  Einrichtungen
auf  dem  Gebiete  der  Gesetzgebung  und  Verwaltung.  Hierhin  gehört
die  Reform  des  Münzwesens  und  des  Maß-  und  Gewichtssystems,
die  Neuordnung  des  Notenbankwesens,  die  Reform  des  Gewerberechts
in  der  Gewerbeordnung  und  den  Novellen  dazu,  schließlich  die  Vereinheitlichung ­
  des  Postrechts.  Alle  diese  Maßnahmen  im  Verein  mit
dem  Einströmen  des  französischen  Geldes  und  verschiedenen  Ursachen
psychologischen  Charakters  rufen  auf  den  meisten  Gebieten  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens  eine  unnatürliche  Hausseperiode  hervor,  die  in
gewagten  Spekulationen  und  irrationellen  Gründungen  sich  nicht  genug
tun  kann.  Unsere  Industrie  wird  von  diesem  Erwerbstaumel  fast  gar
nicht  mit  fortgerissen.  Das  hatte  seinen  guten  Grund.
Durch  den  Friedensschluß  mit  Frankreich  war  das  Elsaß  wieder
deutsch  geworden.  Dies  war  aber  die  Flochburg  der  französischen
Baumwollindustrie  gewesen.  Der  Zuwachs,  den  die  deutsche  Spinnerei
an  Spindeln  erfuhr,  stellt  sich  auf  56  °/ 0 ,  derjenige  an  mechanischen
Webstühlen  beläuft  sich  auf  88  °/ 0  und  der  an  Druckmaschinen  sogar
auf  volle  ioo^o 1 ).  Hier  waren  unter  dem  Schutze  des  französischen
Wertzollsystems  Feinspinnereien  entstanden  und  zur  Blüte  gelangt,
noch  besser  entwickelt  waren  von  jeher  Baumwolldruckereien  und
-Färbereien,  also  die  Zweige  der  Veredlungsindustrie.  Das  deutsche
Zollsystem  schien  nun  den  elsässischen  Fabrikanten  nicht  die  Garantien
zu  bieten  für  eine  Fortsetzung  des  Schutzes,  den  ihre  Feinspinnerei
bis  dahin  genossen  hatte;  sie  befürworteten  daher  lebhaft  das  Projekt,
wonach  aus  dem  Elsaß  ein  neutraler  Staat  geschaffen  werden  sollte 1  2  3 ),
ähnlich  der  Schweiz.  In  den  Friedensvertrag,  der  die  Annexion  des
Elsaß  aussprach,  wurden  deshalb  Bedingungen  aufgenommen,  die  den
Fabrikanten  bis  zum  Ende  des  Jahres  1872  den  Absatz  von  Waren
nach  Frankreich  erleichtern  sollten.  Zuerst  durften  Waren  aus  dem
Elsaß  ganz  zollfrei,  dann  zu  einem  Viertel  und  schließlich  zur  Hälfte
des  französischen  Eingangszolles  die  Grenze  passieren 8 ).  Sobald  aber
diese  Übergangszeit  verstrichen  war,  strömten  die  Waren  in  das  Reich
und  bereiteten  namentlich  den  süddeutschen  Spinnern  nicht  geringe
Konkurrenz.  Die  Befürchtung  der  Elsässer  war  begründet  gewesen,
1)  H.  Her  kn  er,  Die  oberelsässische  Baum  Wollindustrie  und  ihre  Arbeiter,  Straßburg
1887,  S.  274.
2)  Ebenda  S.  276.
3)  Ebenda  S.  279.
        <pb n="40" />
        29

denn  der  deutsche  Garnzoll,  der  1865  sogar  wieder  auf  2  Thlr.  herabgesetzt ­
  worden  war,  war  nicht  imstande,  die  Spinnerei  feinerer  Garne
wirksam  zu  schützen;  damit  war  den  Schweizer  und  englischen  Garnen
Tür  und  Tor  geöffnet.  Nach  Herkners  Berechnung 1 )  betrug  der
Zollsatz  bei

20  (französisch)

2  5°/ 0  der  Produktionskosten

28

16%  „

34

8°/o  »

80

3%  &amp;gt;,

150

1  %  »  »

200

0,5  °/o  »

Die  Handelskammer  in  Augsburg  bezeichnet  in  ihrem  Bericht
für  1869  den  Zoll  schon  für  Garne  über  No.  25  englisch  (=  No.  21
französisch)  als  unzureichend 1  2 ).  So  wurde  die  elsässische  Spinnerei
geradezu  gezwungen,  sich  ebenfalls  der  Fabrikation  gröberer  Nummern
zuzuwenden 3 ).  Dies  führte  alsbald  zu  einer  Überproduktion,  die  zum
Ausbruch  der  Krisis  von  1874  und  1877  nicht  wenig  beitrug.
Wenn  also  von  einer  überschwänglich  günstigen  Konstellation
nach  1870/71  keine  Rede  sein  kann,  so  nahm  die  Industrie  immerhin ­
  an  dem  allgemeinen  Aufschwung  teil,  weil  die  Kaufkraft  der
Bevölkerung  gestiegen  war;  das  zeigen  die  zahlreichen  Lohnerhöhungen ­
  in  den  siebziger  Jahren.  Im  Elsaß  z.  B.  beträgt  die  Lohnsteigerung ­
  in  den  Jahren  1860  bis  1878  5o°/ 0 4 ).  Das  bedeutete  aber
wiederum  eine  Verschlechterung  der  Lage  der  deutschen  Industrie
gegenüber  der  englischen.  Deren  Konkurrenz  wurde  noch  deshalb
um  so  fühlbarer,  weil  in  dem  bisherigen  Hauptabsatzgebiet  Englands,
Nordamerika,  eine  eigene  Industrie  erstarkt  war  und  weil  in  Ostasien
Hungersnöte  den  Absatz  erschwerten.  Als  dann  in  Deutschland
selbst  auf  die  „Gründerperiode“  eine  allgemeine  wirtschaftliche  Depression ­
  folgte,  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  plötzlich  nachließ,  wurden
von  allen  Seiten  Rufe  nach  Zollerhöhungen  laut.

1)  H.  Herkner  a.  a.  0.  S.  283.
2)  Jahresbericht  der  Handels-  und  Gewerbekammer  für  Schwaben  und  Neuburg
1869,  S.  2.
3)  H.  Herkner,  a.  a.  O.  S.  284.  Reichsenquete  für  die  Baumwoll-  und  Leinenindustrie. ­
  Stenogr.  Protokolle,  S.  294,  373.
4)  G.  von  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  O.  S.  133.  Vergleichsweise  beträgt  sie  im
rheinisch-westfälischen  Industriebezirk  von  1869—1873  20—25  °/ 0  (Jahresbericht  der  Handelskammer ­
  zu  München-Gladbach  pro  1873,  S.  8).  Vgl.  ferner  die  graphische  Darstellung  am
Schluß  der  Arbeit.
        <pb n="41" />
        3°

Eine  schon  1870  an  den  Zollbundesrat  gerichtete,  von  180  Etablissements ­
  Unterzeichnete  Bitte  um  Zollerhöhung  für  die  feineren  Qualitäten ­
  in  Baumwollprodukten x )  verhallte  ungehört.  Nunmehr  drängten
die  süddeutschen  Spinner  im  Verein  mit  den  Eisenindustriellen  (Gründung ­
  des  Zentral  verband  es  deutscher  Industrieller)  energisch  auf  Erhöhung ­
  und  Abstufung  des  Garnzolles,  um  womöglich  das  Elsaß
wieder  auf  den  Weg  der  Feinspinnerei  zurückzuführen  und  dadurch
eine  Arbeitsteilung  zu  schaffen.  Im  Sinne  der  erwähnten  Eingabe
wurde  1878  eine  Enquete  über  Produktions-  und  Absatzverhältnisse
der  Textilindustrie  veranstaltet.  Der  Bericht  der  Enquete-Kommission
stellte  zwar  fest,  daß  es  den  Spinnereien,  die  „von  vornherein  auf
einer  normalen  finanziellen  Grundlage  aufgebaut  waren  ...  an  einer
gesunden  Entwicklung  nicht  gefehlt  hat“ 2 ).  So  hatte  das  Durchschnittserträgnis ­
  der  Aktienspinnereien  in  der  Zeit  von  1856  bis  1878
6,53%  betragen 2 ).  Ziehen  wir  aber  die  Berichte  der  berufenen  Vertretungen ­
  von  Handel  und  Industrie,  der  Handels-  und  Gewerbekammern ­
  zu  Rate,  von  denen  für  die  Baumwollindustrie  zunächst  in
Betracht  kommen  die  zu  Augsburg  und  Bayreuth,  Chemnitz  und
Plauen,  München-Gladbach  und  Mülhausen  i.  E.,  so  finden  wir
mit  großer  Übereinstimmung  die  Hoffnung  auf  Erhöhung  der  Zollsätze ­
  ausgesprochen.
Dieselbe  Erwartung  hegten  aber  auch  alle  Spinner,  die  als
Sachverständige  mündlich  von  der  Enquete-Kommission  vernommen
wurden,  und  von  15  Sachverständigen  der  Webereibranche  waren
nur  zwei  gegen  eine  Erhöhung  der  Garnzölle,  alle  anderen  befürworteten ­
  sie  oder  hielten  doch  eine  gleichzeitige  Erhöhung  der  Gewebezölle ­
  für  eine  ausreichende  Kompensation.
Bei  dieser  mündlichen  Vernehmung  ergab  sich  zunächst,  daß  die
Spinnerei  im  Gegensatz  zur  Weberei  in  Zeiten  der  Not  insofern  einen
schwierigeren  Stand  einnimmt,  als  in  ihr  viel  größere  Kapitalien  investiert ­
  sind.  Dann  kamen  vor  allem  immer  wieder  die  Vorzüge
Englands  zur  Sprache,  die  diesem  Lande  notwendig  geringere  Produktionskosten ­
  gewährleisteten  und  zum  Teil  heute  noch  gewährleisten.
England  hatte  billigere  Kohlen,  billigere  Maschinen,  billigere  Reparaturen, ­
  billigeren  Rohstoff,  billigeres  Geld,  es  hatte  besseres  Klima,
keine  erschwerenden  Bedingungen  in  bezug  auf  Fabrikgesetzgebung,
keine  Militärpflicht  und  infolgedessen  eine  große  Schar  ausharrender
1)  J.  Gensei,  Die  Rohstoffe  und  Erzeugnisse  der  Textilindustrie  im  Zolltarif  1879,
Supplementheft  5  zu  Conrads  Jahrbüchern  f.  N.  u.  St.,  Jena  1880,  S.  70.
2)  Ebenda  S.  72,
3)  Ebendaselbst.  Es  ist  nicht  ersichtlich,  ob  Dividende  oder  Reinertrag  gemeint  ist.
        <pb n="42" />
        3 1

geschulter  Arbeiter 1 ),  die  Fabrikanlagen  standen  nicht  auf  eigenem
Grund  und  Boden,  es  brauchte  also  nur  eine  Rente  gezahlt  zu  werden,
die  Gebäude  selbst  waren  nicht  aus  Stein  und  Holz,  sondern  aus
Eisen  und  Stahl  erbaut,  das  Land  durchzog  ein  System  von  Kanälen,
so  daß  ein  Minimum  von  Fracht  zu  zahlen  war 1  2 ).  Auch  war  es  von
Nutzen,  daß  das  eingezahlte  Kapital  bei  den  korporativen  Spinnereien
kaum  die  Hälfte  von  dem  betrug,  was  gerade  zum  Bau  des  Etablissements ­
  nötig  war,  und  daß  die  Aktien  auf  ganz  kleine  Beträge  von
wenigen  £  lauteten 3 ),  so  daß  selbst  Arbeiter  Aktionäre  werden  konnten
und  persönlich  am  Gedeihen  der  Unternehmung  interessiert  waren.
Wenn  eine  deutsche  Spinnerei  für  25000  Spindeln  im  Durchschnitt
ein  Anlagekapital  von  1 1 / 2  Mill.  M.  brauchte,  so  brauchte  eine  englische
noch  nicht  einmal  halb  soviel.  In  ähnlicher  Weise  verschieden  waren
auch  die  Produktionskosten  der  einzelnen  Garnnummern,  auf  deren
Ermittelung  die  erdenklichste  Mühe  verwendet  worden  war.  Um
das  zu  verdeutlichen,  wollen  wir  als  Beispiel  die  gangbare  No.  33
englisch  (Kettgarn)  nehmen.  In  England  betrug  pro  Kilogramm
dieser  No.  der  Arbeitslohn  16  Pfg-,  Generalunkosten  (d.  h.  Unterhaltung ­
  von  Gebäuden  und  Maschinen,  Brennmaterial,  Versicherungsspesen, ­
  Besoldungen,  Steuern)  9  Pfg.  und  Zinsen  und  Amortisation
12  !/ 2  Pfg.,  Sa.  36—40  Pfg.,  im  Elsaß  betrugen  dieselben  Posten  24  l / 2 ,
22  und  20  Pfg.,  Sa.  65  —  67  Pfg.;  das  ist  ein  Unterschied  von  6o w / 0
zugunsten  Englands 4  5 ).  Als  Gesamtresultat  ergab  sich  mit  Evidenz,
daß  der  Unterschied  in  den  Produktionskosten  schon  von  No.  16  ab
durch  den  Zoll  nicht  mehr  ausgeglichen  wurde 6 ),  und  zwar  je  höher
hinauf,  desto  weniger.  Mit  Recht  machte  der  Elsässer  Charles
Grad  in  dem  „Verein  für  Sozialpolitik“  auch  auf  die  sozialpolitische
Seite  der  Frage  aufmerksam,  indem  er  ausführte:  die  feineren  Garne
geben  fünf-  bis  zehnmal  mehr  Gewinn  für  den  Arbeiter  als  die  gemeinen; ­
  eine  weitere  Ausdehnung  der  Fabrikation  gemeiner  Garne
und  Einschränkung  der  Feingarnfabrikation  brächte  mithin  auch  den
Arbeitern  Verlust 6 ).
Was  nun  die  Zollwünsche  der  Spinner  anbetrifft,  so  gingen  sie
namentlich  hinsichtlich  der  Nummergrenzen  recht  auseinander.  Die
vom  Bundesrat  beschlossenen  Sätze  waren  pro  100  kg.:  rohes  ein1) ­

  Reichsenquete  für  die  Baumwoll-  und  Leinenindustrie.  Stenogr.  Protokolle,  S.  14.
2)  Ebenda  S.  80.
3)  Ebenda  S.  287.
4)  Ebenda  S.  296.
5)  Ebenda  S.  300,  344,  363,  393.
6)  Schriften  des  V.  f.  S.,  Bd.  XVI,  Leipzig  1879,  S.  109.
        <pb n="43" />
        32

faches  Garn  bis  No.  ig  engl.  12  M.,  No.  20  bis  45  18  M.,  No.  46
bis  59  24  M.,  No.  60  bis  79  30  M.,  über  No.  79  36  M.  Der  „Zentralverband ­
  deutscher  Industrieller“  hatte  für  die  eindrähtigen  rohen  Garne
folgende  Zollsätze  beantragt:
bis  No.  22  engl.  12  M.  pro  100  kg
über  No.  22  bis  No.  44  18  „  „  „  „
»»  ,,  44  24  »  »  »
Der  Reichstag  ging  in  Anlehnung  an  die  Vorschläge  des  Bundesrats ­
  noch  über  diese  letzten  Anträge  hinaus,  wobei  den  Spinnern
gewiß  ihre  relativ  „leichte  Organisationsfähigkeit“  l )  zu  statten  kam,
und  differenzierte  die  Zollsätze  noch  mehr  nach  dem  Werte.  Von
1879  an  haben  zu  zahlen  Garne,  eindrähtig,  roh

bis  No.  17  en

gl-12



M.  pro  ioo  kg

über  No.

17  bis  No.

45

18

33  33  D  33

„  „

45  -  ..

60

24

33  »3  3»  33

„  „

60  „

79

3°

33  5  3  33  53

33  33

79

36

33  33  33  33  )

Die  zweidrähtigen  und  die  gefärbten  Garne  haben  dementsprechend
höheren  Zoll  zu  entrichten.  Gewebe  wurden  ebenfalls  nach  einem
Staffeltarif  bezollt,  dessen  Sätze  sich  zwischen  80  und  350  M.  bewegten. ­

Das  Interesse  der  Weberei  spricht  im  allgemeinen  gegen  die
Verteuerung  der  feinen  Garne,  aber  einerseits  hatte  der  Freihandel
abgewirtschaftet  und  andererseits  war  die  Fülle  der  kleinen  selbständigen ­
  Webermeister,  denen  nur  eine  beschränkte  Anzahl  Großindustrieller ­
  gegenüberstehen,  im  Gegensatz  zu  den  Spinnern  „ungeeignet ­
  zur  Propaganda  ihrer  Interessen“ 1  2  3 ).  Durch  die  hohen  Zölle
auf  feine  Webwaren  wird  dieser  Nachteil  einigermaßen  kompensiert.
Dem  Gesetzgeber  kam  es  darauf  an,  Deutschland  auch  in  bezug  auf
Feingarne  vom  Auslande  unabhängig  zu  machen.  Und  das  war  für
die  Allgemeinheit  sicher  mehr  von  Vorteil  als  eine  kleinbürgerlichsentimentale ­
  Rücksichtnahme  auf  jene  zurückgebliebenen  Existenzen.
In  der  6.  Generalversammlung  des  Vereins  für  Sozialpolitik  am  21.
und  22.  April  1879  war  es,  wo  der  Freihändler  Dr.  J.  Gen  sei  die
typische  Anschauung  des  Freihandels  in  die  Worte  kleidete:  Die
1)  W.  Lotz,  a.  a.  O.  S.  126.
2)  Ein  Antrag  des  Elsässers  Dollfus  auf  eingehende  Klassifikation  und  dementsprechende ­
  Zollabstufung  für  die  Nummern  über  No.  79  wurde  abgelehnt  (Reichstagsdrucksachen, ­
  4.  Legislaturperiode,  II.  Session,  1879,  No.  305).
3)  W.  Lotz,  a.  a.  O.  S.  126.
        <pb n="44" />
        33

wichtigste  Industrie  ist  „diejenige,  welche  die  meisten  Hände  beschäftigt, ­
  namentlich  die  meisten  selbständigen  Hände,  die  am  meisten
den  Charakter  der  Kleinindustrie  bewahrt  hat“ 1 ).  Demgegenüber  betonte ­
  Professor  G.  Schm  oller  mit  Recht,  es  gebe  viele  volkswirtschaftliche ­
  Schwache,  die  besser  zugrunde  gingen,  als  erhalten  würden,
er  verlange  Schutz  einer  an  sich  lebensfähigen,  aber  im  Moment  hart
bedrängten  Industrie 1  2 ).  Vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt,  speziell
vom  sozialen  aus  betrachtet,  ist  es  nur  mit  Freuden  zu  begrüßen,
wenn  die  Garnzollerhöhung  zu  einer  Einschränkung  des  unrentablen
Kleinbetriebes  der  Weberei  führte,  denn  es  Hegt  auf  der  Hand,  daß
ein  gesetzgeberischer  Einfluß  in  sozialer  Hinsicht  an  den  unkontrollierbaren ­
  Arbeiterverhältnissen  des  Weberei-Verlagssystems  und  der
selbständigen  Hausweberei  auf  schwer  überbrückbare  Schwierigkeiten
stoßen  muß.  Der  Weberei-Kleinbetrieb  wird  nur  da  dem  Großbetrieb ­
  vorzuziehen  sein,  wo  es  sich  um  eigentliche  Kunstweberei  handelt.
Die  höhere  Verzollung  der  Feingarne  beruhte  auf  der  Annahme
der  Spinner,  daß  nur  ein  kleiner  Teil  der  Garnimporte  aus  solchen
Nummern  bestände,  die  in  Deutschland  keinesfalls  herzustellen  seien,  der
größere  Teil  derselben  aber  unter  entsprechendem  Zollschutz  entbehrlich
gemacht  werden  könne.  Bestimmte  Anhaltspunkte  dafür,  statistisches
Material,  lagen  allerdings  nicht  vor.  Deshalb  bezeichnen  W.  Lotz 3 )
und  J.  Gensei 4 )  die  Feingarnzölle  in  gleicher  Weise  als  ein  Experiment. ­
  Lotz  bestreitet  das  Gelingen  desselben  vollständig,  Gensei
sieht  darin  eine  unberechtigte  Bevorzugung  der  Spinnerei-Aktiengesellschaften ­
  und  einzelner  großer  Spinnereien  gegenüber  den  „Interessen ­
  der  vorwiegend  als  Hausindustrie  betriebenen  und  großenteils
auf  Export  angewiesenen  Weberei,  Wirkerei,  Posamentenfabriken  usw.“.
Es  ist  leider  nicht  möglich  zu  entscheiden,  ob  nach  Inkrafttreten  des
Zolltarifs  die  Einfuhr  feiner  Garne  aus  England  und  der  Schweiz  im
Vergleich  zu  früher  nachgelassen  hat,  denn  unsere  Handelsstatistik
liefert  erst  seit  1880  eine  Einteilung  der  Garne  nach  Nummern,  entsprechend ­
  derjenigen  des  Zolltarifs.  Tatsache  ist,  daß  sowohl  die
Spinnerei  feiner  Garne  vereinzelt  neu  aufgenommen  und  fortgesetzt
werden  konnte,  als  auch,  daß  der  Weberei  nicht  nur  kein  Schaden
erwachsen  ist,  sondern,  wo  sie  mit  Spinnerei  verbunden  war,  sogar
Vorteil.
Die  größte  Hoffnung  der  süddeutschen  Spinner  hat  sich  freilich
1)  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  XVI,  Leipzig  1879,  S.  19.
2)  Ebenda  S.  19.
3)  A.  a.  O.  S.  175-4)
  A.  a.  O.  S.  83.
Abhandlungen  d.  ataatsw.  Seminars  z  Jena,  Bd.  III,  Heft  3.  3
Loch  in  ü  Iler,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie.
        <pb n="45" />
        34

nur  zum  Teil  erfüllt,  die  nämlich,  daß  das  Elsaß  wieder  die  Feinspinnerei ­
  in  der  alten  Weise  aufnehmen  würde.  Dazu  kam  der  Zollschutz ­
  offenbar  zu  spät.  Für  grobe  und  mittlere  Nummern  wird  dagegen ­
  die  günstige  Wirkung  der  neuen  Zölle  allseitig  anerkannt.
So  blieb  die  Konkurrenz  der  eisässischen  Spinnerei  und  Weberei,
letztere  allerdings  weniger,  auf  dem  inneren  Markte  bestehen.
Zudem  ist  ja  die  Zollpolitik  —  das  möchte  man  auch  im  gegenwärtigen ­
  Augenblick  den  Industriellen  immer  wieder  verhalten,  wenn
sie  angesichts  der  neuen  Handelsverträge  „den  Untergang  der  Industrie“ ­
  befürchten  —  nur  eines  der  Momente,  die  auf  den  Geschäftsgang ­
  der  Industrie  Einfluß  haben,  insofern  als  sie  sie  von  den  Wechselfällen ­
  der  Produktions-  und  Absatzverhältnisse  auswärtiger  Märkte,
in  erster  Linie  des  englischen,  in  gewisser  Weise  unabhängig  macht.
Als  weitere  Momente  kommen  hinzu  der  Preis  des  Rohstoffes,  die
Gütertarife  auf  Eisenbahnen  und  Wasserstraßen,  die  Konkurrenz  der
Verkäufer,  die  Launen  der  Mode  und  schließlich  die  Kaufkraft  der
Bevölkerung,  sei  es  auf  dem  inneren  Markte,  sei  es  auf  den  ausländischen ­
  Absatzplätzen.  Da  diese  Momente  nie  konstant  sind,  wird
der  Geschäftsgang  der  Industrie  immer  ein  schwankender  sein.

Kapitel  V.
Überblick  über  die  Entwicklung  bis  zur  Gegenwart.

Die  Jahre  nach  1880  werden  durch  das  Hervortreten  sozialpolitischer ­
  Gesichtspunkte  in  der  Reichsgesetzgebung  charakterisiert.
Das  Krankenversicherungsgesetz  vom  15.  Juni  1883  und  das  Unfallversicherungsgesetz ­
  vom  6.  Juli  1884,  welche  die  Arbeiterversicherungsgesetzgebung ­
  einleiteten,  wurden  seitens  der  Fabrikanten  mit  geteilten
Empfindungen  aufgenommen,  jedenfalls  nicht  gerade  freundlich,
vielfach  wurden  sie  geradezu  als  unnötige  Schikane  empfunden.
Teilweise,  namentlich  in  Süddeutschland,  bestanden  schon  früher
F'abrikkrankenkassen,  deren  Organisation  nichts  zu  wünschen  übrig
ließ.  In  Norddeutschland  war  das  weniger  der  Fall.  Es  ist  hier
nicht  der  Ort,  auf  das  Wesen  der  deutschen  Arbeiterversicherung
einzugehen;  nur  das  eine  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  was  den
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        35

3*

Wert  derselben  ausmacht;  die  Versicherungsgesetzgebung  gibt  dem
Arbeiter  ein  Recht  auf  Fürsorge,  er  ist  nicht  mehr  der  Willkür  des
Fabrikanten  anheimgegeben,  die  freilich  unter  Umständen  —  das
darf  man  nicht  verkennen  —  für  ihn  vorteilhafter  sein  kann.
Auch  die  Gewerbeordnung  von  1869  erfährt  in  dieser  Periode
Änderungen,  die  auf  eine  Besserung  der  Lebensverhältnisse  der  Arbeiter
und  ihrer  Familien  hinzielen.  So  sehr  sich  auch  anfänglich  viele  Fabrikanten ­
  auf  ihren  manchesterlichen  Standpunkt  versteiften  und  gegen
einen  Eingriff  des  Staats  in  ihre  vermeintlichen  eigenen  Angelegenheiten ­
  sträubten,  heute  werden  sie  das  Recht  und  die  Pflicht  des
Staates  und  die  segensreichen  Wirkungen  einer  einheitlichen  Regelung
dieser  Fragen  ohne  Einschränkung  anerkennen.
Zur  Durchführung  der  Unfallversicherung  bilden  sich  allenthalben ­
  Berufgenossenschaften.  Für  die  Textilindustrie  gibt  es  deren
insgesamt  acht;  für  die  Baumwollindustrie  kommen  nur  folgende  vier
in  Betracht;  1.  die  rheinisch-westfälische  mit  dem  Sitz  in  M.-  Gladbach,
2.  die  süddeutsche  mit  dem  Sitz  in  Augsburg,  3.  die  elsaß-lothringische ­
  mit  dem  Sitz  in  Mülhausen  i.  E.  und  4.  die  sächsische  Textil-Berufsgenossenschaft
  mit  dem  Sitz  in  Leipzig.  Ich  tue  davon  deshalb
Erwähnung,  weil  diese  Zusammenschlüsse  auch  für  die  Industriellen
Bedeutung  gewinnen.
Trotzdem  der  Zolltarif  von  1879  seitens  der  Baumwollspinner
mit  Freuden  begrüßt  worden  war  und  die  Hoffnung  vorherrschte,
daß  die  Konkurrenz  der  englischen  Industrie  auf  dem  deutschen  Markte
immer  weniger  fühlbar  werden  würde,  zeigte  sich  doch  schon  in  den
Jahren  1883  und  1884,  die,  wie  gesagt,  die  Arbeiterversicherung
einleiteten  und  damit  den  Fabrikanten,  wenigstens  nach  ihrer  Meinung,
neue  Lasten  auferlegten,  daß  diese  Hoffnung  eitel  war,  denn  die
Engländer  warfen  während  eines  Teiles  des  Jahres  ihre  Überproduktion
an  Garnen  auf  den  deutschen  Markt  und  drückten  dadurch  die  Preise
ganz  erheblich.  Ein  Streik  der  Weber  im  Blackburndistrikt  Anfang
1884  verurteilte  dann  die  Webereien  zum  Stillstand  und  verschlimmerte
die  Lage  für  die  deutschen  Weber,  indem  nun  erst  recht  englische
Gewebe  zu  Schleuderpreisen  auf  den  deutschen  Markt  kamen.  Im
Jahre  darauf  befanden  sich  diese  dagegen,  unterstützt  durch  gutes
Wetter  und  die  Mode,  in  ungewöhnlich  günstiger  Geschäftskonstellation,
und  die  Spinner  verspürten  den  Druck  der  englischen  Konkurrenz. ­
  Auch  diesmal  war  es  wieder  die  englische  Überproduktion,
die  zu  einer  förmlichen  Deroute  auf  dem  Garnmarkte  in  Manchester
führte.  Die  Folge  davon  war,  daß  die  englischen  Garne  weit  unter
den  Herstellungskosten  nach  Deutschland  exportiert  wurden.  Dazu
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        36

kam  die  durch  die  elsässische  Konkurrenz  hervor  gerufene  Überproduktion ­
  in  Deutschland  selbst.  Trotzdem  also  die  Preise  ihres
Rohmaterials  niedrige  waren,  wandten  sich  die  Baumwollzwirnereien
und  Nähfadenfabriken,  die  die  ägyptischen  Mako-  und  Sea-Island-Baumwollgarne
  verarbeiten,  von  neuem  mit  der  Bitte  um  Zollerhöhung
für  Zwirne  und  Nähfaden  an  die  Regierung,  weil  die  deutsche
Zwirnerei  auf  den  Bezug  ausländischen,  namentlich  englischen  Feingarns ­
  angewiesen  sei  und  daher  mit  höheren  Produktionskosten  als
z.  B.  die  englische  arbeiten  müsse.  Um  diesen  Unterschied  auszugleichen, ­
  reiche  der  bisherige  Zoll  nicht  aus.  Trotz  der  Angriffe,  die
man  gegen  diese  Wünsche  erhob 1 ),  wurde  die  Zollerhöhung  auch  1885
gewährt.  Aus  dem  Referat,  das  über  jene  Anträge  in  einer  Sitzung
der  Augsburger  Handelskammer  erstattet  wurde,  verdient  hervorgehoben ­
  zu  werden,  „daß  es  den  Elsässer  Spinnereien  durch  die  Tarifreform ­
  von  1879  ermöglicht  worden  sei,  sich  der  Produktion  feiner
Garne  von  neuem  zu  widmen  und  die  unter  dem  früheren  deutschen
Zollsystem  bedeutend  herabgefallene  Durchschnittsnummer  ansehnlich
zu  erhöhen.  Zurzeit  liefen  im  Elsaß  450000  Spindeln  auf  feine
Garne  (über  No.  60  englisch)  und  weitere  50—100000  Spindeln  seien
dafür  organisiert“  1  2 ).
Die  Jahre  nach  1885  brachten  immer  reichere  Baumwollernten
und  damit  billige  Rohstoffpreise,  gleichzeitig  erhöhten  reiche  Getreideernten ­
  Wohlstand  und  Kaufkraft  der  Bevölkerung,  so  daß  zunächst  die
Webereien  prosperierten  und  zu  Betriebsvergrößerungen  schritten.
Dann  kam  wieder  eine  wenn  auch  kurze  Zeitspanne,  wo  die  Spinnereien ­
  günstiger  dastanden,  während  die  Webereien  unter  Überproduktion
zu  leiden  hatten.  Anfangs  der  neunziger  Jahre  brachte  der  mit
Schwankungen  verbundene  Rückgang  der  Baumwollpreise,  die  allseitige ­
  Überproduktion  und  der  allgemeine  wirtschaftliche  Rückgang
eine  für  beide  Hauptzweige  der  Baumwollindustrie  gleich  schlimme
Stockung  des  Geschäftsganges.  Ein  Mittel,  der  Notlage  etwas  zu
begegnen,  wird  zum  Teil  in  Produktionseinschränkungen  gesehen,
ein  anderes  ist  die  Ausfuhr  um  jeden  Preis,  selbst  unter  den  Herstellungskosten ­
  —  ganz  so,  wie  es  die  Praxis  der  englischen  Baumwollindustriellen
  schon  seit  jeher  gewesen  war.  Gegen  die  Preisfluktuationen ­
  der  Rohbaumwolle,  denen  die  der  Garne  und  Gewebe  nur  im
beschränkten  Maße,  jedenfalls  durchaus  nicht  proportional,  zu  folgen
vermögen  und  die  schon  damals  recht  gefährlich  zu  werden  anfangen,

1)  W.  Lotz,  a.  a.  O.  S.  177.
2)  Jahresbericht  der  Handels-  und.  Gewerbek.  f.  Schwaben  u.  Neuburg  1884,  S.  47-
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        —  37

muß  der  Einzelne  unter  geschickter  Ausnützung  der  Konjunkturen
operieren.
Der  Bezug  der  Baumwolle  war  bis  Ende  der  siebziger  Jahre
und  sogar  noch  bis  in  die  achtziger  Jahre  hinein  hauptsächlich  über
Liverpool  und  Havre,  teilweise  auch  direkt  aus  den  Produktionsgebieten, ­
  erfolgt.  Die  Bemühungen  der  Kaufleute  Bremens,  das  schon
lange  in  engster  Handelsbeziehung  zu  Nordamerika  stand,  waren
darauf  gerichtet  gewesen,  den  Baumwollhandel  mehr  und  mehr  von
Liverpool,  Havre  und  den  holländisch-belgischen  Häfen  ab-  und  nach
Bremen  hinzuziehen.  So  war  Ende  1872  die  Gründung  der  „Bremer
Baumwollbörse“  zustande  gekommen,  deren  Organisation  in  vielen
Punkten  von  der  jener  anderen  Börsen  abwich.  Es  war  auch
gelungen,  den  Baumwollhandel  Bremens  zu  heben 1 );  aber  erst,  nachdem
die  Spinner  große  finanzielle  Verluste  erlitten  hatten,  die  sich  naturgemäß ­
  aus  verunglückten  Preiskalkulationen  ergeben  mußten,  kamen
sie  den  Wünschen  der  Bremer  Händler  entgegen.  So  bildet  denn
die  Bremer  Baumwollbörse  seit  dem  Jahre  1886  eine  Vereinigung
der  deutschen  Baum  Wollspinner  und  -Händler  und  entwickelt  sich,
ähnlich  wie  Liverpool  für  England  und  früher  für  ganz  Europa,  zum
nationaldeutschen  Baumwollmarkt  für  Deutschland  und  Österreich.
Daß  die  Spinner  dadurch  noch  keineswegs  gegen  alle  Zufälligkeiten
der  Preiskonstellationen  geschützt  sind,  liegt  auf  der  Hand,  aber  es
ist  wenigstens  ein  bedeutsamer  Schritt  zur  Unabhängigkeit  von  England
getan.
Wie  sehr  das  Gedeihen  der  deutschen  Baumwollindustrie  sonst
von  den  englischen  Verhältnissen  abhängig  war,  zeigt  wiederum  mit
Evidenz  das  Jahr  1892.  Zu  Beginn  ist  die  Lage  trostlos,  am  Ende
aber  aussichtsreicher  denn  je.  In  England  standen  nämlich  infolge
1)  Im  Jahre  1881  betrug  die  Einfuhr  von  Baumwolle
in  Liverpool  13  966  687  Ztr.
,,  Havre  ca.  3000000  ,,
,,  Bremen  .  2096368  ,,
„  London  .  850464  „
„  Hamburg  633900  „
Von  der  gesamten  deutschen  Baumwolleinfuhr  kamen  über  England  876  693  Tonnen,
über  Bremen  104818  und  über  Hamburg  31695  Tonnen  (R.  Jannasch,  Die  Rohstoffmärkte ­
  und  ihre  Bedeutung  für  den  Welthandel,  Ztschr.  des  Kgl.  Prß.  Slat.  Bureaus,  Jahrg.  1883,
S.  282/83).  Die  Steigerung  der  Importe  Bremens  ist  aits  folgenden  Zahlen  ersichtlich:
Bremens  Baumwolleinfuhr  betrug  durchschnittlich
1847—51  66858  Ztr.  1877—81  1412  443  Ztr.
1857—61  498613  „  1887—91  2875414  „
1867—71  680205  „  1892—96  4208912  „
(Quelle;  Deutsches  Handelsarchiv,  Jahrg.  1898,  I,  S.  266).
        <pb n="49" />
        38

von  Arbeitseinstellungen  zeitweise  ca.  15  Millionen  Spindeln  (mehr
als  doppelt  soviel,  als  in  Deutschland  überhaupt  vorhanden  waren!)
still.  Dieser  Umstand  bewirkte,  daß  die  deutschen  Spinnereien  und
Webereien  unter  günstigen  Bedingungen  nach  England,  exportieren
konnten.  Das  Jahr  hätte  sich  ohne  diesen  Glücksumstand  wahrscheinlich ­
  als  ein  recht  schlechtes  erwiesen,  war  doch  im  Jahre  zuvor
der  mit  so  vieler  Mühe  erkämpfte  Zoll  auf  Feingarne  (über  No.  60)
im  Handelsvertrag  mit  der  Schweiz  von  30  und  36  M.  auf  24  M.,
d.  h.  um  20  bezw.  33%  herabgesetzt  worden.  Diese  Inkonsequenz
in  der  Zollpolitik  sollte  sich  in  den  folgenden  Jahren  durch  eine  erheblich ­
  höhere  Garneinfuhr  rächen.
Die  Weberei  ist  von  jeher  zu  einem  großen  Teil  fest  mit  dem
Weltmarkt  verwachsen,  weil  sie  die  Exportindustrie  comme  il  faut
verkörpert.  Folglich  üben  auch  die  geringsten  Veränderungen  in
den  Weltmarktverhältnissen  ihre  Wirkung  auf  die  Lage  der  Weberei
aus.  So  spielt  die  Handelspolitik  der  Konsumtionsländer,  die  Lage
des  Geldmarktes  und  die  Entwicklung  des  internationalen  Handelsrechts ­
  eine  mehr  oder  weniger  bedeutende  Rolle  dabei.  Wie  die
Veränderungen  der  Intensität  des  elektrischen  Stroms  sofort  an  einem
Ausschlag  des  Zeigers  am  Galvanometer  erkennbar  werden,  so  zeigen
sich  jene  Mutationen  bei  ihrem  Eintritt  oder  schon  vorher,  wenn
derselbe  vermutet  wird,  darin,  daß  die  Weber  entweder  beim  Einkäufen ­
  der  Garne  Zurückhaltung  üben  (nämlich,  wenn  sie  erwarten,
daß  die  Preise  heruntergehen  werden)  oder  sich  reichlich  damit  versorgen, ­
  oder  beim  Eingehen  von  Verkaufskoutrakten  je  nach  Auffassung ­
  der  Lage  Vorsicht  walten  lassen.
Für  den  Spinner  fallen  diese  Dinge  weniger  ins  Gewicht,  weil
sein  Absatzgebiet  das  Inland  ist;  dafür  ist  er  viel  mehr  den  Wechselfällen ­
  in  der  Haltung  der  Rohstoffmärkte  und  in  den  Produktionsbedingungen ­
  ausgesetzt.  So  tritt  gegen  Ende  des  abgelaufenen  Jahrhunderts ­
  nach  den  guten  Jahren  1895  und  1896  eine  Verschlechterung
in  der  Lage  der  Spinnerei  ein,  die  infolge  von  Lohnerhöhungen,
Steigerung  der  Preise  für  Kohlen  und  sonstige  Betriebsmaterialien
im  Gegensatz  zu  dem  allgemeinen  wirtschaftlichen  Aufschwung  solche
Ausdehnung  annimmt,  daß  die  allgemeine  Depression,  die  zu  Beginn
des  gegenwärtigen  Jahrhunderts  darauf  folgte,  gar  nicht  sonderlich
dagegen  absticht.
Das  Exportgeschäft  der  Weberei  war  schon  durch  die  abnorme
Entwertung  des  Silbers  um  die  Mitte  der  neunziger  Jahre  in  eine
recht  prekäre  Lage  geraten;  neuerdings  kommt  noch  ein  Faktor
        <pb n="50" />
        39

hinzu,  der  die  Aussichten  für  die  Zukunft  nicht  in  rosigem  Lichte
erscheinen  läßt.  Es  wird  nämlich  zusehends  schwieriger,  neue  Absatzmärkte ­
  für  Baumwollwaren  zu  finden  und  die  alten  Kunden  festzuhalten. ­
  Überall,  in  Europa,  Amerika,  Ostindien,  Ägypten  und
Japan  blüht  eine  eigene  Baumwollindustrie  auf,  und  außerdem  findet
zwischen  den  europäischen  Exportwebern  ein  Wettlauf  statt,  um  sich
gegenseitig  den  Rang  streitig  zu  machen.  Dabei  ist  natürlich  derjenige ­
  im  Vorteil,  der  die  billigsten  Frachten,  die  billigsten  Löhne,
die  geringsten  Steuern  u.  a.  zu  zahlen  hat  und  der  die  beste  geographische ­
  Lage  zu  gewissen  Absatzgebieten  hat.  Nächst  England
macht  nun  Italien  seit  wenigen  Jahren  die  größten  Anstrengungen
uns  zuvorzukommen,  es  kann  sich  dabei  auf  jene  natürlichen  Vorteile
stützen.  Namentlich  in  Südamerika,  Brasilien  und  Argentinien,  wohin
die  italienische  Auswanderung  planmäßig  gelenkt  wird,  hat  es  uns
manche  wertvolle  Position  abgerungen.  Während  England  sich  bestrebt, ­
  Zwietracht  zwischen  der  Union  und  Deutschland  zu  stiften,
indem  es  bald  dem  einen,  bald  dem  anderen  der  beiden  Länder  Ereberungsgelüste
  in  Südamerika  vorwirft,  hat  Italien  längst  in  friedlicher ­
  Eroberung  Besitz  ergriffen  von  den  besten  Teilen  Brasiliens,
Argentiniens  und  Chiles.  Die  beste  Waffe  des  Italieners  bei  dieser
modernen  Kolonisation  ist  seine  immerwährende  Staatsangehörigkeit,
die  er  auch  behält  als  Bürger  eines  fremden  Staates.  Dadurch  hat
er  einen  unschätzbaren  Vorzug  vor  dem  Deutschen  im  Auslande
voraus.
Wenn  vorhin  neben  Italien  an  erster  Stelle  England  genannt
wurde,  so  ist  das  natürlich  in  anderer  Weise  zu  verstehen.  Tatsächlich ­
  ist  ja  England  das  erste  Handelsland  der  Welt,  und  auch  sein
Handel  mit  Baumwollwaren  übertrifft  bei  weitem  den  der  Deutschen;
das  beruht  auf  der  Überlegenheit  der  Industrie.  Indessen  hat  der
deutsche  Kaufmann  im  Laufe  der  Zeit  einen  Vorteil  um  den  andern
errungen,  und  heute  liegt  die  Sache  so,  daß  der  Engländer  nicht
nur  seine  alten  Positionen  mühsam  zu  verteidigen  hat,  sondern  vielfach ­
  ist  ihm  der  Deutsche  geradezu  voraus,  und  der  englische  Kaufmann ­
  muß  sich  anstrengen,  die  Konkurrenz  mit  ihm  zu  bestehen.
Statistische  Belege  hierfür  lassen  sich  unschwer  beibringen  r ).  Die
leitenden  Stellen  in  England  haben  sich  bemüht,  den  Gründen  nachzuforschen, ­
  die  den  englischen  Kaufmann  aus  seiner  beherrschenden
Stellung  verdrängen,  und  ein  amtliches  Memorandum  „On  the  british
l)  Vgl.  u.  a.  das  Büchlein  von  E.  E.  Williams:  „Made  in  Germany“.  Der
Konkurrenzkampf  der  deutschen  Industrie  gegen  die  englische.  Übersetzt  von  C.  Will  mann.
Dresden  u.  Leipzig  1896.
        <pb n="51" />
        4 o

Trade  Methods“ 1 )  kommt  zu  folgenden  Schlüssen;  Der  englische
Kaufmann  paßt  sich  zu  wenig  den  Forderungen  seiner  Kunden  an.
Ihm  schadet  vor  allem  seine  Abneigung  gegen  das  sonst  übliche
metrische  System,  ferner  die  gegen  den  Kleinhandel  und  seine  Reserve ­
  in  der  Kreditgewährung.  Der  Deutsche  ist  ihm  von  Hause
aus  überlegen  durch  die  Art  des  Unterrichts,  durch  die  Sprachkenntnisse
  der  Reisenden  und  dann  durch  das  System,  junge  Deutsche
über  die  ganze  Welt  zu  schicken,  um  selbständig  Kenntnisse  und
Erfahrungen  auf  dem  Weltmärkte  zu  sammeln.
Eine  weitere  Erörterung  dieser  Verhältnisse  würde  uns  zu  weit
vom  Thema  abführen,  indessen  glaubte  ich  sie  wenigstens  in  dieser
Kürze  berühren  zu  müssen,  da  die  Industrie,  zunächst  die  Weberei,
Wirkerei  usw.  und  in  zweiter  Linie  die  Spinnerei  sehr  von  dem
Handel,  von  den  Erfolgen  des  deutschen  Kaufmanns  auf  dem  Weltmarkt ­
  abhängt.  Ich  möchte  in  diesem  Zusammenhang  darauf  aufmerksam ­
  machen,  daß  man  aus  einer  reinen  Vergleichung  der  handelsstatistischen ­
  Nachweise  nicht  den  geringsten  Schluß  ziehen  kann  auf
die  Prosperität  der  Industrie.  Der  Wert,  den  die  Handelsstatistik
z.  B.  für  die  einzelnen  Positionen  der  Gattung  „Baumwollwaren“  in
der  Ausfuhr  angibt,  ist  ein  von  Sachverständigen  nach  Jahresschluß
berechneter,  er  fällt  daher  nicht  zusammen  mit  dem  Preis,  der  den
deutschen  Exporteuren  gezahlt  wird.  In  den  Zeiten  der  Überproduktion ­
  wird  oft  billiger  an  das  Ausland  verkauft  als  auf  dem  einheimischen ­
  Markt  und  sogar  unter  den  Herstellungskosten,  also  mit
Verlust,  denn  es  ist  immerhin  vorteilhafter,  die  Waren  mit  Verlust
zu  verkaufen,  als  den  ganzen  Geschäfts-  und  Betriebsapparat  Stillstehen ­
  zu  lassen.  So  wird  man  also  ein  Anwachsen  der  Exportziffern, ­
  sei  es  der  Menge  oder  dem  Werte  nach,  stets  mit  Vorsicht
aufzunehmen  haben.

x)  Pari.  Paper  C.  9078.  Zitiert  bei  K.  Rathgen,  Die  englische  Handelspolitik
am  Ende  des  19.  Jahrhunderts.  Schriften  d.  V.  f.  Sozialpolitik,  Bd.  XCI,  S.  125.  Die
Originalquelle  stand  mir  leider  nicht  zu  Gebote.
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        4i

Kapitel  VI.
Der  neue  deutsche  Zolltarif  vom  25.  Dezember

In  den  letzten  Jahren  wurden  die  Interessen  der  deutschen
Baumwollindustrie  hauptsächlich  von  zwei  Momenten  stark  in  Anspruch ­
  genommen.  Das  eine  ist  das  Zustandekommen  des  neuen
Zolltarifgesetzes,  das  andere  die  abnorme  Preisbewegung  der  Baumwolle. ­
  Wir  wenden  uns  zunächst  der  Zollfrage  zu.

Der  im  Sommer  1901  veröffentlichte  Zolltarifentwurf  unterzieht
die  bisherigen  Zollsätze  der  Baumwollindustrieprodukte  einer  recht
gründlichen  Revision.  Er  begegnete  mannigfachem  Widerspruch.
Die  Wünsche  der  Interessenten  fanden  z.  T.  Berücksichtigung  in  der
an  den  Reichstag  gelangten  Vorlage  des  Bundesrats 1 ).  Auf  diese
wollen  wir  uns  im  folgenden  stützen.  Die  Zolltarifvorlage,  die  sich,
wie  bekannt,  eng  an  das  französische  Klassifikationssystem  anlehnt,
teilt  zunächst  die  Garne  in  sieben  Wertklassen  —  bisher  waren  es
fünf  —,  sodann  kommt  sie  dem  lange  gehegten  und  oftmals  geäußerten ­
  Wunsche  der  Fertigfabrikatenindustrie  entgegen,  indem  sie
die  Gewebe  nach  dem  Gewicht,  das  auf  einen  Quadratmeter  geht,
und  nach  der  Anzahl  der  Fäden  klassifiziert.  Die  in  Betracht  kommenden ­
  Zollsätze  der  Vorlage  einzeln  aufzuführen,  erübrigt  sich.  Die
Zölle  für  Grobgarne  sind  herabgesetzt,  ebenso  die  für  Strumpf-  und
Wirkwaren,  alle  übrigen  Zölle  sind  gegenüber  dem  geltenden  Generaltarif ­
  entweder  ziemlich  bedeutend  erhöht  oder  in  der  bisherigen  Höhe
belassen.
Das  Angriffsobjekt  bilden  wie  immer  die  Garnzölle.  Das  Elsässer ­
  Industrielle  Syndikat  forderte,  wie  es  die  elsässische  Feinspinnerei, ­
  die  unter  den  deutschen  Feinspinnern  eine  ähnliche  Stellung ­
  —  wenigstens  in  Zollfragen  —  einnimmt  wie  der  Bund  der
Landwirte  unter  den  Agrariern,  stets  getan  hat,  für  die  Feingarne
über  No.  60  ganz  bedeutend  höhere  Sätze.  An  Stelle  der  vom
Bundesrat  vorgeschlagenen  30,  36  und  42  M.  wollte  es  40,  50  und
65  M.  gesetzt  wissen 2 ).  Es  konnte  sich  dabei  mit  gewissem  Rechte
1)  Siehe  S.  48.
2)  Vgl.  K.  Kuntze,  Die  Baumwollindustrie.  Artikel  im  „Handbuch  der  Wirtschaftskunde ­
  Deutschlands“.  Leipzig  1903,  Bd.  111,  S.  610  ff.
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        42

darauf  berufen,  daß  der  Niedergang  der  elsässischen  Feinspinnerei
zum  größeren  Teil  veranlaßt  worden  sei  durch  das  Verhalten  der
Regierung,  die  den  Feingarnzoll  im  Handelsvertrag  mit  der  Schweiz
auf  24  M.  reduzierte.  Das  Elsaß  ist  gerade  der  schweizerischen  Konkurrenz ­
  am  ehesten  ausgesetzt.  Wäre  die  Regierung  auf  dem  einmal ­
  betretenen  Wege  geblieben,  so  hätte  sich  höchstwahrscheinlich
die  elsässische  Feinspinnerei  in  erfreulicher  Weise,  so  wie  wir  es
schon  oben 1 )  mit  Zahlen  belegen  konnten,  weiterentwickelt.  In  Oberbayern ­
  und  in  Sachsen  hat  dagegen  in  den  Jahren  1890  bis  iqoo  die
Feinspinnerei  Fortschritte  gemacht.  Daher  begrüßten  die  bayerischen
und  sächsischen  Spinner  die  Wiederherstellung  der  Sätze  des  Tarifs
von  1879  für  Garne  über  No.  60  mit  aufrichtiger  Freude,  aber  nur
in  der  Erwartung,  daß  diese  als  Minimalsätze  gelten  und  nicht  etwa
durch  Handelsverträge  herabgesetzt  würden.  Allseitige  Verurteilung
fand  die  Reduktion  der  Zölle  auf  Garne  unter  No.  32  auf  9  und  15  M.
Es  ist  erklärlich,  daß  die  Beschlüsse  der  Reichstagskommission  in
erster  Lesung,  die  weit  unter  die  Vorschläge  des  Bundesrats  heruntergingen, ­
  einen  Sturm  der  Entrüstung  entfesselten.  Die  Handelskammer ­
  zu  Mülhausen  i.  E.  nennt  die  Kommissionsbeschlüsse  unbegründet ­
 1  2  3 )  und  prophezeit  der  deutschen  Baumwollindustrie  den
Untergang 8 ),  falls  die  niedrigen  Sätze  der  Kommissionsbeschlüsse
Gesetz  würden.  —  Auch  die  Beschlüsse  in  der  zweiten  Lesung
blieben  noch  hinter  den  Vorschlägen  des  Bundesrats  zurück.  Über
die  zahlreichen  Proteste  dagegen  ging  man  zur  Tagesordnung  über.
Die  Interessenvertretungen  unserer  Industrie  sprechen  sich  im  allgemeinen ­
  aber  doch  zu  pessimistisch  aus,  um  diese  Stimmen  ungehört
  verhallen  zu  lassen.  Wir  werden  umso  eher  in  eine  unparteiische ­
  Prüfung  der  Garnzollfrage  eingehen  können,  als  jetzt,  nach  dem
Ende  des  Tarifkampfes,  der  Blick  durch  nichts  getrübt  wird.
Von  seiten  der  Weber  war  gegenüber  den  Wünschen  der  Spinner
geltend  gemacht  worden 4 ):  1.  Die  Spinner  hätten  ihr  187g  gegebenes
Versprechen,  sich  der  Fabrikation  von  Feingarn  zuwenden  zu  wollen,
nicht  gehalten.  2.  Die  Grobgarnzölle  seien  zu  hoch  gewesen,  so  daß
die  Grobgarnspinnerei  ungleich  größeren  Gewinn  abgeworfen  hätte.
Die  geringe  Rentabilität  der  Jahre  nach  1898  beruhe  auf  der  Überproduktion, ­
  die  durch  Spinnereien  an  der  deutsch-holländischen  Grenze
geschürt  werde,  die  ihrerseits  gerade  infolge  der  hohen  Garnzölle
1)  Siehe  S.  36.
2)  Jahresbericht  für  1902,  S.  19.
3)  Ebenda,  S.  23.
4)  K.  Kuntze,  a.  a.  O.  S.  6iof.
        <pb n="54" />
        43

mit  fremdem  Kapital  gegründet  worden  seien.  3.  Es  sei  keine  Aussicht ­
  vorhanden,  daß  etwa  die  englischen  Spinner  die  höheren  Zölle
auf  Feingarne  tragen  würden,  da  wir  eben  von  England  abhängig
seien  und  die  inländische  Produktion  von  Feingarnen  gering  sei.
4.  Höhere  Zölle  bedeuteten  eine  Erschwerung  der  Konkurrenzfähigkeit
der  deutschen  Baumwollweberei  auf  fremden  Märkten,  da  ihre  wichtigsten ­
  fremden  Konkurrenten  gar  keine  oder  nur  geringe  Garnzölle
zu  leisten  hätten  und  außerdem  die  Baumwollindustrie  auf  diesen
Märkten  immer  mehr  erstarkte.  5.  Die  Zölle  schützten  uns  auch
nicht  vor  Exportaktionen,  wie  sie  z.  B.  die  österreichischen  Spinner
1897  ins  Werk  gesetzt  hätten 1 ).  —  Ferner  wurde  in  der  Reichstagskommission ­
  behauptet,  die  deutsche  Baumwollspinnerei  bedürfe  6.
wegen  ihrer  Prosperität  der  von  der  Regierung  vorgeschlagenen  Zölle
nicht.  Schließlich  wurde  auch  7.  das  Sinken  der  Baumwollpreise  für
die  Herabsetzung  der  Garnzölle  geltend  gemacht.
Wenn  wir  nun  aus  der  Reihe  der  uns  zu  Gebote  stehenden
Handelskammer-Berichte,  die  sich  mehr  oder  weniger  entrüstet  zu
den  Kommissionsbeschlüssen  äußern,  hauptsächlich  einen  auswählen,
um  an  dessen  Hand  die  Garnzollfrage  zu  beleuchten,  so  geschieht
das,  weil  dieser,  nämlich  der  Jahresbericht  der  Handelskammer  zu
M.-Gladbach  für  1902,  S.  12  bis  14,  eine  maßvolle  Haltung  bewahrt.
Es  kommt  aber  viel  darauf  an,  einen  möglichst  objektiven  Bericht
als  Grundlage  zu  wählen,  sind  doch  die  Gegensätze  zwischen  Spinnern
und  Webern  noch  nie  so  hart  aufeinander  geprallt,  als  gerade  beim
Kampf  um  den  jüngsten  Zolltarif.  Die  Handelskammer  zu  Bayreuth
macht  der  Kommission  geradezu  den  Vorwurf,  daß  sie  für  die  Weberei
Vorteile  auf  Kosten  der  Spinner  erstrebe 1  2 ).  Indem  wir  uns  an  den
erwähnten  Bericht  anlehnen,  sind  wir  uns  übrigens  wohlbewußt,  daß
auch  der  objektivste  Handelskammerbericht  auf  den  subjektiven  Berichten ­
  der  Industriellen  beruht,  die  eben  Berichte  einsenden.
Gehen  wir  nunmehr  auf  die  einzelnen  „Anklagepunkte“  ein,  so
zeigt  sich  zunächst  einmal,  daß  der  erste  derselben  in  sich  selbst  zusammenfällt, ­
  denn  wir  wissen  aus  dem  früher  Gesagten,  daß  es  nur
die  Schuld  der  schwankenden  Regierungspolitik  war,  wenn  die  Feinspinnerei
  sich  nicht  weiter  entwickelte.  Der  Spinnerei  kann  daraus
unmöglich  ein  Vorwurf  gemacht  werden.
1)  Das  österreichische  Spinnerkartell  gewährte  1897,  um  den  heimischen  Markt  zu
entlasten,  seinen  Mitgliedern  Exportprämien,  so  daß  Deutschland  mit  österreichischen  Grobgarnen ­
  überschwemmt  wurde.
2)  Jahresbericht  der  Handels-  und  Gew.-K.  f.  Oberfranken  pro  1902,  S.  53.
        <pb n="55" />
        44

Was  die  Ermäßigung  der  Zölle  auf  Grobgarne  anbetrifft,  so
stimmt  ihr  der  angegebene  Bericht,  wenn  auch  schweren  Herzens,  im
Interesse  der  Weberei  zu.  —  Tatsächlich  herrscht  in  der  Grobgarnspinnerei ­
  oft,  nicht  nur  in  den  letzten  Jahren,  Überproduktion.  Sie
ist  nun  einmal  —  allerdings  nicht  nur  wegen  des  auf  Grobgarnen
ruhenden  Zolles  —  am  rentabelsten  und  zieht  daher  viele  Unternehmer ­
  an;  der  Zoll  aber,  der  der  deutschen  Grobgarnspinnerei  eine
Art  Monopol  verschafft,  muß  ja  die  an  und  für  sich  schon  vorhandene ­
  Anziehungskraft  noch  erhöhen,  er  leistet  direkt  einer  Überproduktion ­
  Vorschub.  Der  höhere  Zoll  nützt  also  weder  der  Spinnerei
noch  der  Weberei,  sondern  er  schädigt  unter  Umständen  beide.  Ein
niedrigerer  Zoll  dagegen  sorgt  einmal  dafür,  daß  die  Preise  sich  nicht
über  den  Weltmarktpreis  erheben  und  hält  andererseits  allzuviel  Zuzug ­
  fern.  Dabei  bedeutet  aber  der  Zollsatz,  wie  ihn  die  Kommission
in  der  zweiten  Lesung  festsetzte,  das  erforderliche  Mindestmaß  des
Zollschutzes,  soll  die  deutsche  Baumwollindustrie  künftighin  der  ausländischen ­
  Konkurrenz  Stand  halten.
Die  Frage,  die  in  dem  nächsten  Einwand  angeschnitten  wird:
wer  bezahlt  die  Zölle?  läßt  sich  nicht  allgemein  beantworten.  Wären
wir  bei  dem  Bezüge  der  Feingarne  allein  auf  das  Ausland  angewiesen,
dann  freilich  würden  wir  selbst  den  Zoll  tragen  müssen;  es  handelt
sich  doch  aber  darum,  die  bei  uns  bestehenden  Feinspinnereibetriebe
gegen  die  Konkurrenz  des  Auslands  auf  dem  Inlandsmarkte  zu  schützen.
Zu  dem  Zwecke  aber  muß  der  Zoll  so  hoch  sein,  daß  wenigstens  die
Verschiedenheiten  in  den  Produktionskosten  etwas  ausgeglichen
werden.  Freilich  gegen  „Exportaktionen“,  bei  denen  fremde  Garne
auf  dem  deutschen  Markt  verschleudert  werden,  gibt  es  kein  Allheilmittel, ­
  das  sind  aber  nur  Ausnahmefälle,  unsere  Spinnerei  macht  sich
auf  dieselbe  Weise  Luft.  Kurzum,  deshalb  darf  die  Spinnerei  wiederum ­
  nicht  die  Interessen  der  Weberei  verletzen.
Die  Exportfähigkeit  der  Weberei  wird  nicht  sowohl  durch  die
Höhe  der  Garnzölle,  als  vielmehr  durch  die  Zollsätze  der  Länder  beeinflußt, ­
  nach  denen  exportiert  wird.  Dann  kommt  es  darauf  an,  ob
diese  Länder  etwa  billiger  produzieren,  oder  ob  wir  mit  niedrigeren
Selbstkosten  arbeiten.  Dabei  kommt  denn  freilich  die  Höhe  der
Garnzölle  in  Betracht.  Vergleichen  wir  aber  einmal  die  Garnzölle
in  den  verschiedenen  Ländern,  so  sehen  wir,  daß  Deutschland  dabei
lange  nicht  an  erster  Stelle  stand 5 ).  Die  Weberei,  eine  Exportindustrie
par  excellence,  bedarf  eines  Erziehungszolles  nicht  mehr,  wohl  aber

i)  Ein  typisches  Beispiel  für  die  Höhe  der  Garn-  und  Gewebezölle  (reduziert  auf
Kilogramm  und  Mark)  gibt  J.  Grunzei,  System  der  Handelspolitik,  Leipzig  1901,  S.  362.
        <pb n="56" />
        45

die  Spinnerei.  Das  Wort  „Erziehungszoll“  ist  zwar  nicht  recht  am
Platze,  denn  auf  gesicherter  Grundlage  arbeitet  die  Spinnerei  immerhin, ­
  aber  daß  wir  unsern  Bedarf  an  Feingarnen  noch  immer  aus  dem
Auslande  beziehen  müssen,  zeigt,  daß  wenigstens  dieser  Zweig  der
Spinnerei  eines  Schutzes  bedürftig  ist.  Die  Weberei  würde  durch
hohe  Garnzölle  nur  dann  benachteiligt,  wenn  es  den  Spinnern  gelänge, ­
  den  Zollschutz  im  Preise  ihrer  Fabrikate  voll  zum  Ausdruck
zu  bringen.  Daran  verhindert  aber  die  Spinner  ihre  Konkurrenz
unter  sich,  die,  wie  wir  sehen  werden,  so  groß  ist,  daß  sogar  die
„Gefahr  der  Kartellbildung“  noch  in  weitem  Felde  liegt.  Also  wenn
man  nicht  direkt  einen  Industriezweig"  auf  Kosten  des  anderen  begünstigen ­
  will,  so  muß  man  die  Berechtigung  der  Wünsche  der
Spinner  wohl  anerkennen.
Die  Beschlüsse  der  Zolltarifkommission  beruhen  anscheinend  auf
der  Annahme,  daß  die  Spinnerei  prosperiere  —  behauptete  doch  der
Reichstagsabgeordnete  Münch-Ferber  aus  Hof  in  Bayern,  die
Baumwollspinnerei  sei  die  rentabelste  aller  Industrien  ‘)  —  und  deshalb ­
  der  von  der  Regierung  vorgeschlagenen  Zölle  nicht  bedürfe.
Diese  Annahme  ist  aber  unrichtig.  Wenn  man  die  Geschäftsergebnisse ­
  der  Aktienspinnereien  in  dem  Zeitraum  1890  bis  igoo  zusammenstellt ­
  und  dabei  von  der  Voraussetzung  normaler  Produktionsbedingungen ­
  ausgeht  —  drei  unter  sehr  günstigen  Bedingungen  arbeitende
Unternehmungen  bleiben  unberücksichtigt 1  2 )  —,  so  ergibt  sich,  daß
41  Aktienspinnereien  eine  Durchschnittsdividende  von  4,08  °/o  ver ~
teilten;  12  dieser  Gesellschaften  erzielten  überhaupt  keine  Dividende.
Die  Ursachen  dieser  wenig  erfreulichen  Lage  liegen  aber  auf  einem
Gebiete,  auf  das  die  Spinner  gar  keinen  Einfluß  ausüben  können.
Die  Verschlechterung  der  Geschäftsergebnisse  der  Spinnerei  wird  zunächst ­
  veranlaßt  durch  die  Preisgestaltung  der  Rohbaumwolle,  in
zweiter  Linie  erst  durch  Überproduktion  und  die  Erhöhung  der  Produktionskosten. ­
  Das  beweist  u.  a,  folgende,  von  authentischer  Seite
herrührende,  für  Mitteldeutschland  geltende  Berechnung,  wobei  vorausgeschickt ­
  werden  muß,  daß  die  normalen  Produktionskosten  von
Garn  No.  20  15  bis  16  Pfg.  betragen:

1)  Stenogr.  Berichte  über  die  Verhandlungen  des  Reichstags,  10.  Legislaturperiode,
II.  Session  1900—1903,  Bd.  IV,  S.  3172  (D).
2)  A.  a.  O.  S.  13.  Gemeint  sind  offenbar  die  „Baumwollspinnerei  Mittweida“,  die
„Baumwollspinnerei  am  Stadtbach“  in  Augsburg  und  die  „Vogtländische  Baumwollspinnerei“
in  Hof,  die  in  der  Periode  1890—1899  bez.  16,4,  13,65  und  11,1  °/ 0  Dividende  ausschütten
konnten.
        <pb n="57" />
        46

I.  Bremen  notierte  am  t.  Sept.  1897  per  ®  Good  Oomrawuttee  II  36  9)
Fracht  und  Spesen  bis  zur  Spinnerei  1,5  „
15  %  Abfall  5.625  „
Mithin  kostet  das  ®  gereinigte  Baumwolle  43,125  9)
Garnpreis  No.  20  61,5  9)

ab  3°/ 0  Verkaufsspesen  1,845  „  (2  °/ 0  Skonto,  1  °/ 0  Provision)
netto  59,655  9)
43.125  „
16,530  9)  —  Spinnlohn.
II.  Bremen  notierte  am  1.  Sept.  1899  33  9)
Fracht  und  Spesen  1,5  ,,
15  »/„  Abfall  5,175  „
I  %  gereinigte  Baumwolle  39,ö75  fy
Garnpreis  No.  20  51
ab  3  °/ 0  Verkaufsspesen  1,53  ,,
netto  49,47  d)
39,675  „
9,795  9)  =  Spinnlohn.
III.  Bremen  notierte  am  i.  Mai  igoo  51,75  9)
Fracht  und  Spesen  1,5  „
15  °/ 0  Abfall  7,0875  „
i  gereinigte  Baumwolle  61,2375  c)
Garnpreis  No.  20  75  $
3  °l0  Verkaufsspesen  2,25  „
netto  72,75  $
61,2375  „
11,5125  9i  —  Spinnlohn.
Es  geht  hieraus  hervor,  daß  die  Spinnerei  seit  1899  mit  Verlust
arbeitete;  um  den  Betrieb  aufrecht  zu  erhalten,  wurde  möglichst  viel
produziert.  —  Folge:  Überproduktion.  Man  kann  hiernach  den
Spinnern  nur  einen  kleinen  Teil  der  Schuld  beimessen.  Die  Notlage
verschuldeten  sie  nicht  selbst.
Die  Gründe,  weshalb  die  deutsche  Baumwollspinnerei  vorläufig
auf  die  Hochhaltung  der  Garnzölle  dringen  muß,  liegen  darin,  daß
die  englischen  Spinnereien  wesentlich  billiger  produzieren  als  die
deutschen.  Anlage  und  Unterhaltung  eines  Betriebes  ist  in  England
bedeutend  billiger  als  in  Deutschland.  Da  wir  noch  vielfach  auf  den
Bezug  englischer  Textilmaschinen  angewiesen  sind,  entstehen  uns
hohe  Kosten.  Man  hat  berechnet,  daß  durch  die  Kosten  für  Verpackung, ­
  Fracht,  Zoll  und  Montage  durchschnittlich  Mehrauslagen
von  25  bis  3o°/ 0  entstehen 1 ).  England  hat  ferner  nicht  mit  Ausgaben ­
  für  soziale  Zwecke  zu  rechnen  und  hat  den  Vorteil  des  billigen
Kohlenbezugs  voraus,  auch  die  Preise  des  Rohmaterials  und  die
1)  Jahresbericht  der  Handels-  und  Gew.-K.  für  Oberfranken  pro  1901.  Bayreuth
1902,  S.  66.
        <pb n="58" />
        47

Frachtkosten  im  Lande  selbst  sind  gewöhnlich  nicht  so  hoch  wie  in
Deutschland,  weil  nur  kurze  Entfernungen  zwischen  Hafen  und  Fabrik
zu  überwinden  sind.  Außerdem  sind  die  englischen  Spinnereien  in
der  Lage,  immer  nur  einzelne,  ja  manchmal  nur  eine  einzige  Nummer
zu  spinnen;  „auf  diese  Weise  erzielen  sie  eine  viel  größere  Produktionsfähigkeit, ­
  sie  erziehen  sich  für  diese  Nummern  besonders  geschickte
Arbeiter,  die  an  und  für  sich  schon  an  Leistungsfähigkeit  den  deutschen
Arbeitern  überlegen  sind.  Demgegenüber  sind  die  deutschen  Spinner
gezwungen,  dem  Wunsche  der  Garn  Verbraucher  entsprechend  alle
möglichen  Nummern,  Qualitäten  und  Aufmachungen  in  Schuß  und
Kette  zu  liefern,  was  die  Leistungsfähigkeit  bedeutend  vermindert“,
denn  dazu  gehören  eine  große  Anzahl  von  Vorbereitungsmaschinen
und  verschieden  geschulte  Arbeiter.
Der  letzte  und  für  oberflächliche  Kenntnis  vielleicht  wichtigste
Einwand  der  Garnverbraucher  gegen  die  Höhe  der  Garnzölle  war
der,  daß  die  Garnpreise  seit  1879  derartig  gesunken  seien,  daß  der
Zoll  heute  relativ  höher  sei  als  damals.  Der  Rückgang  der  Garnpreise ­
  ist  aber  eine  Folge  der  Verbilligung  des  Rohstoffs,  die  gewiß
der  Baumwollindustrie  anderer  mit  uns  konkurrierender  Länder  zum
mindesten  ebenso  zugute  kommt  wie  der  deutschen.  Der  Zoll  muß  also
in  Beziehung  gesetzt  werden  zu  den  Produktionskosten,  d.  h.  zu  den
Kosten  der  Arbeit,  Geschäftsunkosten,  Verzinsung  und  Amortisation
des  Anlagekapitals.  Erwägt  man  nun,  daß  nicht  allein  der  Arbeitslohn ­
  gestiegen  ist,  sondern  auch  die  Steuerlast  und  der  Aufwand  für
soziale  Zwecke,  so  wird  man  zu  dem  Schluß  kommen  müssen,  daß
die  Produktionskosten  in  Deutschland,  verglichen  mit  denen  in  England, ­
  relativ  sogar  höher  geworden  sind.  Es  ist  also  hieraus  keinesfalls ­
  eine  Berechtigung  zur  Zollherabsetzung  abzuleiten,  eher  umgekehrt. ­

Wenn  nun  die  Spinner  nicht  auf  Zollerhöhung  drangen,  sondern
nur  auf  Beibehaltung  des  bis  dahin  gültigen  Zollsatzes,  so  lag  darin
nach  ihrer  Ansicht  eine  Selbstbescheidung,  eine  Konzession  im  Sinne
der  Solidarität  der  Interessen  der  gesamten  deutschen  Baumwollindustrie, ­
  deren  einer  Zweig  gerade  soviel  Anspruch  auf  Schutz  hat
wie  der  andere.  Der  Ansturm  der  Weber  hatte  seinen  Grund  in
dem  an  sich  durchaus  berechtigten  Streben,  die  Exportquote  möglichst
hoch  zu  halten;  dabei  kommt  aber  in  Betracht,  daß  ein  großer  Teil
der  Weberei-Selbständigen  mit  einem  Minimum  von  Kapital  arbeitet;
jede  Ungunst  der  Konjunktur,  jede  Unbill  der  politischen  Witterung
versetzt  sie  in  tausend  Ängste.  Diese  weit  verbreitete  Kategorie  von
Unternehmern  ist  es  vor  allem,  die  die  Garnzölle  bekämpft.  Ihre
        <pb n="59" />
        4 8

numerische  Übermacht,  bezw.  die  Vertretung  ihrer  Interessen  im
Reichstag  wußte  denn  auch  die  Spinner  mit  ihren  mäßigen  Wünschen
aus  dem  Felde  zu  schlagen.  Die  Sätze,  die  die  Zolltarifkommission
in  der  zweiten  Lesung  festgestellt  hatte,  wurden  schließlich,  wie  bekannt, ­
  en  bloc  angenommen.  Es  möge  nunmehr  die  Zusammenstellung ­
  der  Zollsätze  folgen,  wie  sie  seit  1879  bestanden  und  wie
sie  neuerdings  umgemodelt  worden  sind.

Zollsätze  auf  eindrähtige,  rohe,  baumwollene  Garne.

Position  Zoll
440  pr.  100  kg

bis  No.  11  engl.  \
17  ■,  (

25
3 2
45
47
60
&amp;lt;&amp;gt;3
79

l
(
\
I

Bisheriger
Tarif

»
1

83
100
102
über  102

Vertrags-Sätze


18.-24.—



24.—

1
(

f
1
i
1

\
(

V  orlage
des
Bundes  rats

9
&amp;gt;5
18
2 4
3°
36
4 2

!

Reichslagskommission

1.  Lesung

2.  Lesung.
Gesetz  vom
25./12.  1902,

6.—

4-—

1  1
CO  —

10.—

|  14-1

 4*

1  ' 8 -

20.—

/  2  2.  —

2 4-—

j  28.—

3°-—

}  34  —

3f&amp;gt;-—

40.—

Zu  einer  objektiven  Prüfung  der  Garnzollfrage  ist  vor  allem
einwandfreies,  statistisches  Material  nötig.  Das  liefern  die  Handelskammerberichte ­
  nur  in  beschränktem  Maße  und,  wie  uns  scheint,  in
etwas  einseitiger  Weise.  Andererseits  muß  man  anerkennen,  daß  sie
die  Garnzollfrage  mit  einer  Sachkenntnis  und  mit  einer  Ausführlichkeit
behandeln,  die  man  z.  B.  in  der  amtlichen  Begründung  zu  der  Zolltarifvorlage ­
 1 )  vergeblich  sucht.  Das  ist  der  Grund,  weshalb  wir  erst
in  zweiter  Linie  auf  die  Reichstagsdrucksachen  als  Quelle  zurückgreifen. ­
  Die  „Begründung  zu  dem  Entwurf  eines  Zolltarifgesetzes“
gibt  von  dem  Entwicklungsgang  der  Baumwollspinnerei,  von  den
mancherlei  Momenten,  die  in  neuerer  Zeit  ungünstig  auf  ihn  eingewirkt ­
  haben,  wie  z.  B.  die  Konkurrenz  Englands,  Österreichs  und
auch  der  Vereinigten  Staaten,  nur  eine  schwache  Vorstellung,  dafür
enthält  sie  aber  schätzbare  Zusammenstellungen  produktionsstatistischer
Art.  Zunächst  wird  eine  Orientierung  über  die  inländische  Garn-  i)

i)  4.  Anlageband  zu  den  stenographischen  Berichten  über  die  Reichstagsverhandlungen:
zu  No.  373  (A)  der  Drucksachen  des  Reichstags,  10.  Legislaturperiode,  II.  Session,  1900
bis  1903,  S.  246.
        <pb n="60" />
        49

Produktion  für  eine  Reihe  von  Jahren  auf  Grund  verschiedener
Berechnungen  gegeben,  daneben  die  Einfuhr  und  Ausfuhr  von  Baumwollgarn ­
  und  durch  Addition  der  Mehreinfuhr  zur  inländischen  Produktion ­
  der  inländische  Konsum  von  Garn  berechnet.  Schließlich
wird  dann  die  Einfuhr  zu  dem  Verbrauch  in  Verhältnis  gesetzt.  Bei
der  Prüfung  dieser  Zahlen  sind  mir  kleine  Fehler  aufgefallen.  Ich
will  deshalb  die  Berechnung  selbständig  nach  ein  und  demselben
Gesichtspunkt  vornehmen:  die  Produktion  berechne  ich  aus  den  vom
„Statistischen  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich“  angegebenen  Zahlen
für  den  Verbrauch  von  Baumwolle  (Rohbaumwolle  und  Baumwollabfälle),
  indem  ich  als  Abgang  zur  Wattefabrikation  und  als  Verlust
beim  Spinnen  20  °/ 0  in  Abzug  bringe.  Es  ergibt  sich  folgende
Tabelle:

Im  Durchschnitt
des
Quinquenniums

Inländische
Produktion
(dz)

Verbrauch
(dz)

Anteil  der
Einfuhr  am
Verbrauch
°/
Io

1871—1875

931  120

1  096  450

19,8

1876—1880

996  390

1  085  I  IO

■  7.5

1881—1885

1218  630

1  330  300

15,0

1886—1890

1  608  370

1  750  810

12,1

1891—1895

2  019  050

2  I  15  120

8,4

1896—1900

2  418  530

2  555  i 4 o

9,0

speziell  1897

2  303  100 l )

—

—

1901

2612  610

2  652  330

6,05

1902

2  685  too

2  726  140

(&amp;gt;,3

1903

2  957  9°o

3  029  760

b,3

In  der  Zeit  von  1871/75  bis  1896/1900  ist  die  Produktion  mithin  um
160%  angewachsen,  der  Verbrauch  aber  nur  um  133%.  Berechnet
man  aus  den  Verbrauchszahlen  die  Produktion  von  Webwaren  (=  ca.
95°/o  des  Garnverbrauchs),  so  steigt  diese  —  natürlich  —  ebenfalls
nur  um  133%.  Vergleicht  man  damit  vollends  das  Wachstum  der
Bevölkerung  des  Deutschen  Reiches,  das  nur  etwa  3o°/ 0  beträgt,  so
ist  der  Schluß  berechtigt,  daß  zum  mindesten  in  der  Spinnerei  die
Produktion  der  Nachfrage  weit  vorausgeeilt  ist.  Diese  Überproduktion
kann  aber,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  nur  die  Grobgarne,  etwa
bis  No.  45,  betreffen.
Für  die  Zwecke  des  neuen  Zolltarifentwurfs  war  im  Jahre  1897
eine  industrielle  Enquete  unternommen  worden,  die  recht  interessante
Resultate  ergab.  Um  gleichzeitig  einen  Begriff  von  den  Werten  zu
1)  Diese  Zahl  stimmt  mit  der  nachher  angegebenen  der  amtlichen  Produktionsstatistik
von  1897  mit  noch  nicht  1  °/ 0  Abweichung  überein.
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  III,  Heft  3.
Lochmüller,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie.
        <pb n="61" />
        5°

geben,  die  die  gesamte  Baumwollindustrie  Deutschlands  schafft,  lasse
ich  hier  einen  Auszug  aus  den  vom  Reichsamt  des  Innern  im  Einvernehmen ­
  mit  dem  Wirtschaftlichen  Ausschuß 1 )  veranstalteten  Produktionserhebungen ­
  von  1897  folgen,  wie  ihn  die  Beilage  zu  No.  45
der  „Nachrichten  für  Handel  und  Industrie“  vom  10.  April  1900  enthält ­
  :

Erzeugung  von

Menge
(kg)

Wert
(M.)

1.  Baumwollgarn  zum  Weben

242  400  080

315  000  000

2.  Baumwoll-,  Näh-,  Häkel-  und  Stickgarn

7  485  244

29198  838

3.  Baumwoll  web  waren

448  416  560

4.  Wirkwaren,  Posamenten,  Stickereien  usw

300  829  931

Hierzu  ist  zu  bemerken,  daß  die  Position  1  alle  Halbfabrikate
umfaßt;  die  Positionen  2  und  3  stellen  baumwollene  Fertigfabrikate
dar;  unter  4  endlich  sind  nicht  nur  baumwollene  Wirkwaren  usw.,
sondern  auch  wollene  und  seidene  zusammengefaßt.  Bei  der  Wertberechnung ­
  ist  die  Steigerung  des  Wertes  nicht  berücksichtigt,  den
ein  großer  Teil  der  Fabrikate  in  selbständigen  Veredelungsbetrieben,
Bleichereien,  Färbereien,  Druckereien  usw.  erfahren  hat;  ebenso  fehlen
in  der  Zusammenstellung  die  Fabrikate  der  Hausindustrie.  Andererseits ­
  muß  man  bedenken,  daß  im  Garnwert  der  Wert  der  Rohbaumwolle, ­
  im  Wert  der  Webereiprodukte  der  des  Garnes  steckt.  Folgende
von  privater  Seite  stammende  Berechnung  diene  deshalb  zur  Ergänzung ­
  jener  Daten:  die  Einfuhr  von  Rohbaumwolle  im  Jahre  1897
hatte  einen  Wert  von  230981000  M.,  die  Ausfuhr  einen  solchen  von
22799000  M.,  folglich  bleibt  für  die  Mehreinfuhr  ein  Wert  von
208182000  M.  Der  Verkaufswert  der  aus  jener  Baumwolle  gefertigten ­
  Garne  war  (s.  o.)  315  Milk  M.,  so  daß  an  Löhnen,  Produktionskosten, ­
  Unternehmergewinn  usw.  106  818  000  M.  von  der  Spinnerei
gezahlt  wurden.  Die  Mehreinfuhr  von  Garn  hatte  einen  Wert  von
40  201  000  M.,  dazu  jene  315  000000  M.  addiert,  ergibt:  355  201  000  M.
als  die  Summe,  die  als  Garnwert  in  dem  Wert  der  Webereiprodukte
steckt.  Dieser  selbst  berechnet  sich  folgendermaßen;

Baumwoll-Näh-,  Häkel-  und  Stickgarn  29  198  838  M.
„  Webwaren  448  416  560  „
Webwaren  aus  Baumwolle  und  anderen  Stoffen  ( 1 / 3 )  38  314  239  „
Gardinenstoffe  13  321  514  ,,
Wirkwaren  ( 2 / 3 )  94220120  „
Posamenten  usw.  ( 1 / 8 )  20  000  000  ,,
Gesamtwert  634471271  M.

1)  Ihm  gehören  als  Vertreter  unserer  Industrie  an:  Ein  Spinner,  zehn  Spinnweber
und  zehn  Weber.
        <pb n="62" />
        5i

Rechnet  man  dazu  die  Werterhöhung  in  selbständigen  Veredelungsbetrieben ­
  und  in  der  Hausindustrie,  so  ergibt  sich  als  Gesamtwert ­
  rund  700  Mill.  M.,  d.  h.  mit  anderen  Worten:  die  garnverbrauchende
  Industrie  zahlt  an  Löhnen,  Produktionskosten,  Unternehmergewinn ­
  etc.  345  Mill.  M.  (700  minus  355  Milk),  d.  i.  dreieinviertel ­
  mal  soviel  als  die  Spinnerei.
Speziell  für  Baumwollgarn,  soweit  es  zum  Weben  gebraucht
wird,  wurden  bei  Gelegenheit  jener  Enquete  folgende  Daten  festgestellt: ­


Nummer  (englisch)

Produktion
(Doppelzentner)

Einfuhr
in  dz

Ausfuhr
in  dz

Verbrauch
in  dz

Anteil  der
Einfuhr  am
Verbrauch
in  %

bis  No.  17

989  721

18  791

21830

986  682

i.9

über  No.  17  bis  No.  45

1  303  175

142  876

15  624

1430427

10,0

»  »  45  &amp;gt;&amp;gt;  &amp;gt;.  60

23  299

42  331

1646

63  984

66,2

„  „  60  ■,  79

7  373

28  401

668

35

80,9

„  79

2  422

23  309

2  461

23  270

100,2

Sa.

2  325  990

255  708

42  223

2  539  469

10,07

Auch  diese  Tabelle  bedarf  vielleicht  insofern  einer  Ergänzung,
als  der  Wert  der  einzelnen  Nummergruppen  noch  nicht  bekannt  ist.
Wir  können  denselben  nur  annähernd  bestimmen,  indem  wir  die  „Einheitswerte“ ­
  der  Handelsstatistik  zugrunde  legen.  Wir  gelangen  zu
folgenden  Resultaten;

Nummer  (englisch)

Einheitswert
pro  dz

Wert  der  Produktion
in  Millionen  M.

bis  No.  17

130  M.

128,7

No.  18  bis  No.  45

160  ,,

208,5

„  46  „  ..  60

230  ..

5,5

„  61  „  „  79

320  „

2,4

über  No.  79

5 10  ..

1,2

Daß  dieses  Resultat  (Gesamtwert  346,3  Mill.  M.)  nicht  mit  dem
der  Enquete  übereinstimmt,  liegt  daran,  daß  die  „Einheitswerte“  von
Sachverständigen  berechnete  Durchschnittswerte  sind.  Die  absolute
Richtigkeit  obiger  Zahlenangaben  steht  dahin.  Es  möchte  beispielsweise ­
  zu  bezweifeln  sein,  daß  von  Garn  über  79  mehr  exportiert
wurde,  als  produziert  worden  ist.  Es  bleibt  freilich  die  Möglichkeit,
daß  von  dem  importierten  Garn  ein  Teil  veredelt  und  in  dieser  neuen
Gestalt  wieder  exportiert  worden  ist,  denn  seit  1897  wird  ja  der  Veredelungsverkehr ­
  zum  Spezialhandel  gerechnet.  Die  handelsstatistischen
Nachweise  entbehren  in  jener  Richtung  noch  der  vollen  Zuverlässig-4*
        <pb n="63" />
        52

keit 1 ).  Immerhin  geht  aus  der  Tabelle  hervor,  was  wir  schon  vorhin
andeuteten:  die  Überproduktion  kann  sich  nur  auf  die  niederen  Garnnummern ­
  erstrecken,  da  bei  den  Nummern  über  No.  45  die  Produktion
im  Verhältnis  zur  Einfuhr  wenig  ins  Gewicht  fällt.  Ehe  wir  hieraus
einen  Schluß  ziehen,  wollen  wir  erst  noch  eine  zweite,  ähnliche  Zusammenstellung ­
  geben,  die  sich  auf  das  Jahr  1900  bezieht.  In  der
Anlage  O  zu  dem  mündlichen  Bericht  der  Zolltarifkommission 1  2  3 )  findet
sich  eine  Ergänzung  zu  der  zuletzt  mitgeteilten  Tabelle  hinsichtlich
der  inländischen  Garnproduktion,  die  ich  meinerseits  durch  die  Angabe ­
  der  Zahlen  für  Einfuhr,  Ausfuhr  und  Verbrauch  in  der  bekannten ­
  Weise  vervollständige.  (Siehe  die  untenstehende  Tabelle.)
Diese  Tabelle  ist  insofern  nicht  recht  mit  der  vorhergehenden  vergleichbar, ­
  als  das  Jahr  1897  eine  abnorme  Steigerung  der  Garneinfuhr ­
  brachte,  auf  die  schon  früher  (S.  43  Anmerkung  2)  hingewiesen
worden  ist.  Diese  Steigerung  betraf  die  Nummern  bis  45.  Es  kann
daher  nicht  überraschen,  daß  der  Anteil  der  Einfuhr  an  dem  VerAnteil ­

  an

Anteil  der

Garnnummer

Produktion

derGesamt-Einfuhr



Ausfuhr

V  erbrauch

Einfuhr  am

(englisch)

(in  dz)

Produktion
0/
10

(in  dz)

(in  dz)  :3 )

(in  dz)

Verbrauch
0/
Io

bis  No.  17

1036  646

4°.9

2  729

29  372

1010  003

0.3

No.  18  bis  No.  30
&amp;gt;7  3 1  ??  &amp;gt;&amp;gt;  45

981824
457  242

l8,0

[  82834

33  74°

1  488  160

5.6

„  46  „  „  60

46854

1,8

4 1  43°

2  810

85  474

48,5

77  ,,  f,  /9

10  448

0.4

28  146

992

37  602

74.9

„  80  „  „  IOO
über  No.  100

2  298
704

0, 1
0,0

}  36298

2  421

36879

98,4

Summa

2  536  016

IOO

191  437

69335

2  658118

7.2

brauch  gerade  dieser  Nummern  verhältnismäßig  so  bedeutend  zurückgegangen ­
  ist.  Dagegen  ist  es  erfreulich,  daß  der  Anteil  der  Einfuhr
am  Verbrauch  bei  den  Nummern  46  bis  60  von  66,2  °/ 0  im  Jahre
1897  auf  48,5%  im  Jahre  1900,  bei  den  Nummern  61  bis  79  von
80,9°/o  auf  74.9%  und  bei  den  Nummern  über  79  von  100,2%  auf
98,4%  gesunken  ist.
Zunächst  ist  hiernach  der  Schluß  berechtigt,  daß  die  deutsche
Baumwollspinnerei  in  den  Garnen  bis  zu  No.  45  den  inneren  Markt

1)  Ich  behalte  mir  vor,  an  anderer  Stelle  den  Nachweis  dafür  zu  bringen.
2)  Aktenstück  704  b  der  Drucksachen  des  Reichstags.  10.  Legislaturper.,  II.  Sess.
1900—1903,  Anlage-Band  VII,  S.  4892.
3)  Die  Handelsstatistik  behandelt  bei  der  Einfuhr  reines  Baumwollgarn  und  Vigognegarn ­
  (mit  Wolle  gemischt)  zusammen,  bei  der  Ausfuhr  jedoch  getrennt;  ich  habe  deshalb
die  Ausfuhr  jederPosition  entsprechend  (um  21,5  °/ 0 )  erhöht.
        <pb n="64" />
        53

vollkommen  beherrscht.  Andererseits  verwendet  die  Weberei  zur
Herstellung  ihrer  Produkte  zum  weitaus  größten  Teile  gerade  diese
Garne.  Eine  Zollherabsetzung  für  die  niederen  Garnnummern  erscheint
deshalb  nicht  nur  berechtigt,  sondern  im  beiderseitiger  Interesse
geradezu  dringend  geboten,  für  die  Spinnerei,  weil  sie  geeignet  ist,
der  Überproduktion  Einhalt  zu  gebieten,  für  die  Weberei,  weil  sie
ihre  Selbstkosten  erniedrigt.  Die  feineren  Garne  nun  werden  hauptsächlich ­
  zu  Tüll,  Spitzen  und  Stickereien  und  zu  Gardinenstoffen  verarbeitet. ­
  Die  Ausfuhr  in  diesen  Artikeln  repräsentiert  einen  großen
Wert,  der  Weberei  liegt  deshalb  daran,  die  Exportmöglichkeit  zu
verbessern.  Solange  die  deutsche  Feinspinnerei  Garn  nicht  mindestens
in  gleich  guter  Qualität  und  zu  demselben  Preise  als  die  englische
und  schweizerische  liefern  kann,  ist  die  Weberei  auf  ausländisches
Garn  angewiesen.  Wie  wir  gesehen  haben,  ist  nun  der  Prozentanteil
ausländischen  Garnes  an  dem  Verbrauch  der  Nummern  46  bis  60  in
verhältnismäßig  kurzer  Zeit  ganz  beträchtlich  zurückgegangen,  und
dies  bei  einem  Zollsatz  von  24  M.  Man  kann  daher  annehmen,  daß
ein  Bedürfnis  nach  einem  Erziehungszoll  im  Sinne  Fiedrich  Lists
nicht  mehr  vorliegt,  wenn  die  Einfuhr  1900  auch  immer  noch  etwa
die  Hälfte  des  Verbrauchs  ausmachte.  Rücksichtnahme  auf  die  Exportinteressen ­
  der  Weberei  hat  deshalb  Veranlassung  gegeben  den  Zoll
etwas  zu  erniedrigen.  Man  kann  sicher  annehmen,  daß  diese  Maßnahme ­
  die  Spinnerei  nicht  schädigen  wird.
Etwas  anderes  ist  es  mit  den  höheren  Garnnummern.  Von  einer
Beherrschung  des  inneren  Marktes  kann  nicht  entfernt  die  Rede  sein;
immerhin  ist  die  Produktion  ziemlich  bedeutend  gestiegen,  das  Bestreben ­
  der  deutschen  Spinnerei,  dem  Bedarf  der  Weberei  an  Feingarnen ­
  selbst  gerecht  zu  werden,  ist  also  unverkennbar  und  verdient
volle  Unterstützung  durch  eine  geeignete  Zollpolitik.  Andererseits
machten  die  Weber  geltend,  daß  sich  ihre  Lage  verschlimmert  habe.
Die  vorhandenen  Produktionsmittel  ständen  nicht  im  richtigen  Verhältnis ­
  zu  den  Absatzmöglichkeiten,  der  Export  stoße  auf  immer  mehr
Schwierigkeiten.  Namentlich  die  Einführung  des  Dingley-Tarifs  von
1897  in  den  Vereinigten  Staaten  habe  dem  Export  dorthin  sehr  geschadet, ­
  ferner  die  rasche  Entwicklung  der  Textilindustrie  in  bisherigen
Absatzgebieten,  die  Aufbietungen  der  Konkurrenten  u.  a.  m.  Wie
1 878/79,  so  glaubte  man  auch  diesmal  wieder  darauf  hinweisen  zu
müssen,  daß  die  Weberei  ca.  siebenmal  soviel  Personen  beschäftigt
als  die  Spinnerei  und  daß  die  Weberei  schon  aus  sozialpolitischen
Gründen  —  der  vielen  Selbständigen  und  der  Hausindustriellen  wegen
        <pb n="65" />
        54

—  mehr  geschützt  werden  müsse  als  jene.  Einen  Ausweg  aus  diesem
Dilemma  zu  finden,  war  sicherlich  keine  leichte  Aufgabe.
Am  besten  geeignet  zu  einem  Kompromiß  erschien  schließlich
das  System  der  Zollrückvergütung,  mit  dem  man  anderwärts  gute
Erfahrungen  gemacht  haben  wollte.  Auf  diese  Weise,  glaubte  man,
würde  die  deutsche  Feinspinnerei  in  kurzer  Zeit  in  den  Stand  gesetzt
werden,  mit  der  ausländischen  auf  dem  inneren  Markte  erfolgreich
zu  konkurrieren,  und  die  Weberei  könnte  für  den  Export  ausländisches
Garn  so  gut  wie  zollfrei  beziehen,  es  wäre  also  beiden  Teilen  zugleich
geholfen.  Es  sind  aber  verschiedene  Bedenken  dagegen  nicht  außer
acht  zu  lassen.  Es  würde  z.  B.  gegen  die  internationalen  Gepflogenheiten ­
  verstoßen,  wenn  die  Zollrückvergütung  eine  Exportprämie
würde.  Wie  soll  aber  der  Nachweis  geführt  werden,  daß  in  einer
gewissen  Menge  von  Webwaren,  die  zur  Ausfuhr  angemeldet  werden,
eine  bestimmte  Menge  ausländischen  Garnes  enthalten  ist?
In  den  Kreisen  der  Garnverbraucher,  deren  Mittelpunkt  der
zu  Beginn  des  Jahres  1898  gegründete  „Verband  deutscher  Baumwollgarn-Konsumenten“ ­
  (Sitz:  Dresden)  ist,  hat  man  sich  eingehend
mit  der  Frage  beschäftigt.  Auch  mit  den  Spinnern  wurden  deshalb
viele  Verhandlungen  gepflogen,  ohne  daß  indessen  eine  Einigung  erzielt ­
  worden  wäre.  Im  April  1900  machte  der  Verband  etwa  folgende
Vorschläge  zu  einem  Gesetz  betreffend  Garnzollrückvergütung 1 ).  Die
Rückvergütung  soll  auf  Stoffe  aus  reiner  Baumwolle  und  auf  Stoffe
aus  Baumwolle  und  aus  anderen  Materialien  gewährt  werden.  Es
ist  bei  der  Ausfuhr  das  Rohgewicht  des  zu  der  fertigen  Ware  verbrauchten ­
  Garns  und  dessen  Nummer,  bew.  wieviel  Garn  jeder  Nummer
in  der  Ware  enthalten  ist,  zu  deklarieren.  Die  Rückvergütung  soll
dann  entweder  unter  Annahme  nur  eines  Satzes  für  einfache  und
eines  für  mehrdrähtige  Garne  oder  unter  Bildung  von  Klassen  bis
No.  45,  60  und  über  60  unter  Abstufung  des  zurückzugewährenden
Zolles  gewährt  werden.  Der  Identitätsnachweis,  der  sich  bei  Garn
schwer  führen  ließe  —  will  man  nicht  den  ganzen  Produktionsprozeß ­
  von  Anfang  bis  zu  Ende  überwachen  —fällt  fort,  an  seine
Stelle  soll  das  Äquivalenzprinzip  treten,  denn  keine  Firma  soll  in
1  oder  1  V 2  Jahren  mehr  Zoll  rückvergütet  erhalten,  als  sie  selbst  in
dieser  Zeit  an  Zoll  gezahlt  hat  —  das  läßt  sich  ja  jederzeit  durch  die
zollamtliche  Buchführung  nachweisen.  Will  jemand  Baumwollwaren
ausführen  und  erhebt  Anspruch  auf  Zollrestitution,  obwohl  er  selbst
kein  ausländisches  Garn  eingeführt  hat  —  auch  das  soll  gestattet
1)  Den  Drucksachen  des  Verbandes  entnommen.  Vgl.  auch  J.  Grunzei,  System
der  Handelspolitik.  Leipzig  1901,  S.  507  u.  508.
        <pb n="66" />
        55

sein  —,  so  hat  er  die  Rückvergütung  durch  denjenigen  beantragen
zu  lassen,  welcher  Garne  verzollt  eingeführt  hat,  d.  h.  dieser  muß  bei
seinem  Einfuhramte  anmelden,  daß  an  seiner  Stelle  und  für  seine
Rechnung  ein  anderer  Waren  ausführt  und  entsprechende  Zollrückvergütung ­
  erhalten  soll.  Die  Scheine,  die  von  jenem  Einfuhramt
ausgestellt  werden  und  zum  Empfange  der  Rückvergütung  berechtigen, ­
  dürfen  nur  auf  den  Namen  des  Einführenden  und  des  Ausführenden, ­
  sowie  des  Fabrikanten  lauten.  Ein  Handel  oder  Übertragung ­
  auf  Dritte  soll  strafbar  sein.  Ausgeschlossen  von  der  Rückvergütung ­
  sollen  komplizierte  Imxusartikel  sein,  deren  Wert  mehr
durch  Löhne,  künstliche  Ausführung  etc.,  als  durch  den  Materialwert
bestimmt  werden.
Man  wird  nicht  behaupten  können,  daß  durch  diese  Vorschläge
alle  Bedenken  beseitigt  würden.  Schon  die  Aufgabe  des  Identitätsnachweises ­
  würde  eine  langwierige  und  scharfe  zollamtliche  Kontrolle
nach  sich  ziehen.  Noch  mehr  aber  müßte  dies  der  Fall  sein,  wenn
jener  Vorschlag,  nach  dem  jemand  mit  Anspruch  auf  Rückvergütung
ausführen  darf,  auch  wenn  er  keine  Garne  verzollt  eingeführt  hat,
Gesetz  würde.  Ursprünglich  dachte  man  bei  diesem  Vorschlag  etwa
an  folgenden  einfachen  Fall:  A  führt  aus  England  Garn  ein  und
verarbeitet  es  roh,  gibt  die  halbfertige  Ware  an  B  weiter,  der  dieselbe ­
  färbt,  appretiert  usw.,  und  läßt  sie  für  seine  Rechnung  gleichzeitig ­
  durch  B  oder  eine  Mittelsperson  C  exportieren.  Dagegen  wäre
nichts  einzuwenden.  Aber  die  Sache  kann  auch  so  liegen,  daß  der
Zollschutz  für  die  deutsche  Feinspinnerei  vollkommen  illusorisch  gemacht ­
  werden  würde.  Denn  es  ist  folgender  Fall  sehr  gut  denkbar:
Der  Importeur  verarbeitet  das  ausländische  Feingarn  —  nach  dem  früher
Gesagten  käme  für  die  Rückvergütung  nur  Garn  über  No.  63  bis  102
und  über  No.  102  in  Betracht  —  selbst  und  verkauft  die  fertige  Ware  im
Inland,  ebenso  verkauft  er  seinen  Einfuhrschein,  der  dem  Exporteur
das  Recht  auf  Zollrückzahlung  gibt,  sagen  wir  einmal  für  die  Hälfte
des  Betrages,  den  dieser  zurückgezahlt  erhält.  Der  Exporteur  dagegen ­
  verkauft  seine  Ware,  in  der  keine  Faser  ausländisches  Garn
enthalten  ist,  an  das  Ausland,  er  bezieht  also  Garn  aus  dem  Inland
ebenso  billig  und  gut,  als  er  es  aus  dem  Auslande  beziehen  könnte
(falls  der  Zoll  den  Unterschied  in  den  Produktionskosten  ausgleicht)
und  erhält  dafür  noch  ein  versteckte  Ausfuhrprämie.  Importeur  und
Exporteur  teilen  sich  also  in  die  Zollrückvergütung,  und  ersterer
kann  sich  dabei  für  seine  Ware,  trotzdem  sie  aus  ausländischem  Garn
hergestellt  ist,  auf  dem  Binnenmärkte  mit  billigerem  Preise  begnügen
als  der  Konkurrent.
        <pb n="67" />
        56

Eine  Zollrückvergütung  für  Baumwollgarne  kennt  man  Bisher
in  Frankreich,  Italien  und  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.
In  Frankreich  wird  der  Zoll  bei  der  Ausfuhr  von  Geweben,  Tüll,
Spitzen  usw.  zu  6o°/o  zurückerstattet  und  zwar  nach  vier  Nummergruppen ­
  4 ).  Am  weitherzigsten  ist  die  Union,  das  Land  des  Hochschutzzolles ­
 2 ).  Sie  gewährt  den  Zoll  abzüglich  i  °/ 0  zurück,  wenn  der
Exporteur  eidlich  erklärt,  daß  die  Ware  aus  importiertem  Garn  hergestellt, ­
  daß  die  Ware  in  den  Vereinigten  Staaten  fabriziert  wurde
und  tatsächlich  zur  Ausfuhr  gelangt  ist.  Man  will  in  Amerika  mit
diesem  System  bisher  gute  Erfahrungen  gemacht  haben.  In  Deutschland ­
  ist  aber  vorläufig  nicht  daran  zu  denken,  daß  dem  Kaufmann
ein  so  weitgehendes  Vertrauen  entgegengebracht  wird.  Die  Zollkontrolle ­
  würde  im  Gegenteil  bedeutend  verschärft  und  mit  solchen
Weitläufigkeiten  verbunden  werden,  daß  man,  um  dem  aus  dem  Wege
zu  gehen,  vielfach  gar  keinen  Gebrauch  von  der  Vergünstigung
machen  würde.  In  dieser  Erkenntnis  wurden  denn  auch  in  dem  erwähnten ­
  Verbände  Stimmen  dafür  laut,  daß  die  Zollrückerstattung
für  die  Garn  Verbraucher  zwar  nützlich,  aber  praktisch  nicht  durchführbar ­
  sei,  besser  sei  eine  Zollherabsetzung 3 ).
Und  tatsächlich  bringen  die  neuen  Handelsverträge,  die  ja
unser  handelspolitisches  Verhältnis  zu  den  meisten  Staaten  bestimmen,
eine  mäßige  Herabminderung  einiger  Zollsätze  des  autonomen  Tarifs.
Der  Zoll  auf  Garn  über  No.  63  bis  No,  83  englisch  ist  von  28  auf
25  M.  und  der  auf  Garn  über  No.  83  bis  No.  102  von  34  auf  28  M.
erniedrigt  worden.  Alle  anderen  Sätze  bleiben  dagegen  bestehen,
auch  der  Zoll  von  40  M.  auf  Garn  über  No.  102.
Damit  hat  man  sowohl  der  Feinspinnerei  als  auch  der  Weberei
Entgegenkommen  gezeigt.  Von  seiten  der  letzteren  gestand  man
schon  nach  der  zweiten  Lesung:  „Es  gibt  wenig  Industrien,  die  mit
dem  Ausgang  der  zollpolitischen  Arbeiten  derart  in  ihren  berechtigten
Ansprüchen  zufriedengestellt  wären  wie  gerade  die  baumwollgarnverbrauchende“ ­
 4 ).  Aber  auch  die  Spinnerei  kann  recht  zufrieden  sein
und  getrost  der  Zukunft  entgegensehen.
1)  J.  Grunzei  a.  a.  O.  S.  506.
2)  Vgl.  hierüber  wie  über  die  ganze  Frage:  Dr.  Etienne  und  Dr.  Vosberg-Rekow,
Zollrückvergütung.  Schriften  der  Zentralstelle  für  Vorbereitung  von  Handelsverträgen  1903,
H.  22.  Darin  ist  auch  die  wichtige  Frage  des  etwaigen  Zollausfalls  behandelt.  Ferner
F.  Lusensky,  Der  zollfreie  Veredelungsverkehr.  Berlin  1903.
3)  Zeitschrift  für  die  gesamte  Textilindustrie  (Leipzig)  vom  13.  April  1899,  S.  415.
4)  Drucksache  des  Verbandes  deutscher  Baumwollgarnkonsumenten  v.  23.  Dez.  1902.
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        57

Kapitel  VII.
Die  Ereignisse  auf  dem  Baumwollmarkt.

Nächst  der  Zolltarif  Vorlage  nahm  in  jüngster  Zeit  die  eigenartige ­
  Verfassung  der  Rohstoffmärkte  in  Amerika  die  Aufmerksamkeit ­
  der  Baumwollindustriellen  in  Anspruch.
Wenn  man  bisher  geglaubt  hat,  daß  die  Baumwollpreise  an  der
Börse  in  Liverpool  gemacht  werden,  so  haben  die  jüngsten  Ereignisse ­
  auf  dem  Baumwollmarkt  erst  in  New-Orleans,  dann  in  New-York
  uns  eines  besseren  belehrt.  Die  Union  ist  das  erste  Baumwolle ­
  produzierende  Land,  sie  allein  liefert  mehr  als  die  Hälfte  der
für  die  Baumwollindustrie  der  Welt  verfügbaren  Baumwolle.  Ihre
Baumwollindustrie  ist  nächst  der  englischen  die  bedeutendste,  ist  aber
in  schnellerem  Wachstum  begriffen  als  diese.  Es  ist  daher  wohl  erklärlich, ­
  daß  der  Schwerpunkt  des  Baumwollhandels  nach  Nordamerika ­
  gerückt  ist.  Die  Organisation  des  New-Yorker  Baumwollhandels, ­
  der  in  „future-deli  ver}^“-Geschäften,  d.  h.  im  Terminhandel,
gipfelt,  ermöglicht  eine  ausgedehnte  Spekulation  in  Baumwolle.  Das
sollten  unsere  Spinner  zu  ihrem  Schaden  sowohl  Ende  des  Jahres  1900
als  auch  Ende  1903  und  am  schlimmsten  Anfang  1904  merken.  Es
hatten  sich  nämlich,  veranlaßt  durch  die  hinter  den  Vorjahren  zurückbleibenden ­
  Ernteerträge  der  Saison  1899/1900  bezw.  1903/1904  und
—  was  schlimmer  ist  —  durch  das  Zurückbleiben  der  Baumwollernten ­
  gegenüber  dem  Konsum,  verschiedene  kapitalkräftige  Leute,
die  dem  eigentlichen  Baumwollgeschäft  fern  standen,  zusammengetan,
um  an  den  beiden  größten  amerikanischen  Baumwollbörsen  eine
künstliche  Hausse  zu  inszenieren.  Die  Aktionen  dieser  Baumwoll-Corners
  endeten  zwar  im  Frühjahr  1904  mit  dem  Bankerott  des
Führers  der  Haussepartei,  des  Mr.  Daniel  Sully;  die  Spinner  aller
Länder  aber,  die  amerikanische  Baumwolle  verspinnen,  mußten  jene
Machenschaften  mit  Verlusten  bezahlen,  die  sich  in  Deutschland  auf
60  Milk  M.  belaufen  sollen.
Wenn  durch  diese  Geschehnisse  die  Abhängigkeit  von  Nordamerika ­
  eklatant  geworden  ist,  so  war  sie  doch  auch  schon  vorher
vorhanden,  eben  weil  sich  alle  Käufer  von  Baumwolle  auf  die  Nachrichten ­
  verlassen  müssen,  die  das  Agrikulturbureau  in  Washington
in  bestimmten  Zwischenräumen  ausgibt  über  die  Größe  der  Produktionsflächen, ­
  den  Saatenstand,  die  Witterungsverhältnisse,  die  Erntebewegung, ­
  die  sichtbaren  Vorräte,  die  Verschiffungen  etc.  etc.  Die
        <pb n="69" />
        5»  -

wichtigsten  Angaben  betreffen  die  Größe  der  Anbaufläche,  ferner  den
Erntestand  und  die  Bewegung  der  Ernte  zum  Markt.  Die  beiden
letzten  Daten  werden  in  Prozentzahlen  gegeben  dergestalt,  daß  für
den  Erntestand  eine  gewisse  Durchschnittsbeschaffenheit  der  Baumwollpflanzen
  als  Norm  gilt,  der  die  Ziffer  100  beigelegt  wird,  während
niedrigere  Ziffern  einen  Abfall  der  Beschaffenheit  gegenüber  dieser
Norm  zum  Ausdruck  bringen.  Die  Bewegung  der  Ernte  zum  Markt
ist  jedes  Jahr  eine  überraschend  gleichmäßige.  Das  Erntejahr  beginnt ­
  am  i.  September,  und  es  kommen  im  Durchschnitt  etwa  7  °/o
der  Ernte  noch  in  demselben  Monat  zum  Markt,  bis  Ende  Dezember
sind  schon  über  1  2 / 3  der  Jahresernte  auf  den  Markt  gebracht  und  bis
Ende  Februar  ca.  87,5  °/ 0 ,  dann  geht  es  langsamer  weiter 1 ).  Ob
M.  B.  Hammonds  Behauptung,  daß  man  auf  Grund  dieser  Kenntnis
nach  den  ersten  2—3  Monaten  sehr  bestimmt  („very  closely“)  sagen
könne,  wie  die  Ernte  für  das  ganze  Jahr  ausfallen  werde 2 ),  so  unbedingt ­
  richtig  ist,  bleibe  dahingestellt.  Eine  solche  Folgerung  läßt
sich  jedenfalls  aus  den  Zahlen  für  den  Erntestand  viel  eher  ziehen.
Einen  typischen  Bericht  des  Agricultural-Bureau  in  Washington
gibt  z.  B.  der  Wochenbericht  der  Firma  Scheffer  &amp;amp;  Drascher  in
Hamburg  vom  8.  Oktober  1904;

1904

1903

1902

1901

1900

Anbaufläche  (acres)

31  730  000

28  907  000

28  878  000

27  532  000

25  421  000

Erntestand  i.  Juni

83

74Ü

95ü

81,5

82,5

in  °/ 0  1.  August  .  .

91,6

79Ü

81,9
64

77,2

76

1.  September  .

84,t

81,2

7i,4

68,2

1.  Oktober

75-8

65,1

58,3

61,4

67

Ernteergebnis  (Ballen)

?

IO  400  OOO

10  800  000

IO  701  OOO

10  425  OOO

Höchster  Preis  f.  Middling

  (Pf.)  ....

?

68

5°Vs

52

69

niedrigster  Preis  f.  Middling

  (Pf.)  ....

?

45

4i

39

41

Es  kommt  viel  darauf  an,  daß  sich  die  Händler  und  Spinner
auf  diese  Zahlen  verlassen  können.  Nun  hatte  man  schon  1903  davon
gemunkelt,  daß  vielleicht  einige  Dunkelmänner  auf  die  entscheidenden
Stellen  in  Washington  einen  bestimmten  Einfluß  ausübten,  eine  Vermutung, ­
  die  —  so  ungeheuerlich  sie  auch  klingt  —  in  den  mannigfach
geschilderten  Zuständen  im  „Lande  der  Zukunft“  einen  Rückhalt  fand.
Infolge  der  Bemühungen  der  Cotton  Planters  Association  ist  es  im
Jahre  1905  tatsächlich  gelungen  nachzuweisen,  daß  der  rollende  Dollar
sein  Werk  getan  hat.  Die  New-Yorker  Staatszeitung  berichtete  am
8.  Juli  igo5 3 )  über  das  Resultat  der  eingeleiteten  Untersuchung:  Der
1)  M.  B.  Hammond,  The  Cotton  Industry,  p.  293.
2)  Ebendaselbst.
3)  Sonntagsblatt  der  New-Yorker  Staats-Zeitung,  9.  Juli  1905,  S.  31.
        <pb n="70" />
        59

s

Hilfsstatistiker  Edwin  S.  Holmes  habe  sich  des  Verrats  des  amtlichen
Berichts  schuldig  gemacht,  indem  er  im  voraus  Mitteilungen  bezüglich
des  Ernteberichts  an  New-Yorker  Makler  habe  gelangen  lassen.  Speziell
teilt  sie  folgendes  mit:  „Van  Riper  (ein  Makler)  traf  mit  Haas  (dem
Vermittler  zwischen  Holmes  und  Van  Riper)  im  Hotel  Waldorf  zusammen ­
  und  erhielt  beispielsweise  dort  die  Mitteilung  für  den  Monat
Juni  d.  J.,  der  Stand  der  Baumwolle  werde  mit  75  %  bezeichnet
werden,  und  man  werde  konstatieren,  daß  die  Anbaufläche  der  Baumwolle ­
  gegen  das  Vorjahr  um  12  l f t  oder  13%  zurückgegangen  sei.
Nach  diesen  Mitteilungen  .  .  .  teilte  Haas  Van  Riper  mit,  er  werde
nach  Washington  gehen  und  sehen,  ob  er  nicht  veranlassen  könne,
daß  man  den  Prozentsatz  etwas  höher  und  die  Anbaufläche  etwas
geringer  angebe,  damit  der  Bericht  für  Baissiers  etwas  günstiger ­
  laute.  Tatsächlich  fiel  der  amtliche  Bericht  auch  etwas  mehr
in  diesem  Sinne  aus“.  Van  Riper  selbst  gestand  ein,  daß,  nachdem
er  am  1.  Juni  die  mitgeteilte  Information  erhalten  hatte,  schleunigst
ein  Mittelsmann  nach  Washington  gefahren  sei,  um  dafür  zu  sorgen,
daß  die  Zahlen  etwas  „gedehnt“  würden.  Am  Morgen  des  3.  Juni
habe  dieser  gemeldet,  daß  es  ihm  gelungen  sei,  die  Schätzung  des
Erntestandes  auf  77%  heraufzubringen,  die  Ackerfläche  aber  auf  eine
Reduktion  von  11°/ 0 ,  was  als  günstig  für  die  Baisse  konstatiert
werden  könnte.  —  Präsident  Roosevelt  selbst  wandte  der  Sache
seine  besondere  Aufmerksamkeit  zu  und  drang  auf  strenge  Bestrafung
der  Schuldigen.  Auch  wird,  um  Ähnliches  in  Zukunft  unmöglich  zu
machen,  von  nun  an  ein  anderes  Verfahren  im  Statistischen  Bureau
des  Ackerbau-Departements  zur  Anwendung  gelangen.  Jedenfalls
weist  der  Vorfall  nachdrücklich  auf  die  große  Gefahr  der  Abhängigkeit
von  Nordamerika  hin.
Es  fällt  außerhalb  des  Rahmens  dieser  Arbeit,  das  System  der
„future  dclivery“-Geschäfte  eingehend  zu  besprechen.  Es  ist  schon
so  viel  über  Wesen  und  Form,  Vor-  und  Nachteile  des  Terminhandels
geschrieben  worden,  daß  ich  mich  füglich  mit  einem  Hinweis  auf  die
Literatur  begnügen  kann 1 ).  Sonndorfer 3 )  gibt  folgende  Definition  1  2

1)  Ich  nenne  vor  allem  A.  Bayerdörffer,  Der  Kaffee-  bezw.  der  Zuckerterminhandel. ­
  Conrads  Jahrbücher  1891,  Bd.  I,  3.  Folge,  S.  648  ff.  bezw.  S.  586  ff.  C.J.  Fuchs,
Der  Warenterminhandel,  seine  Technik  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung.  SchmoIlers
Jahrbuch  1891,  Bd.  XV,  S.  52  ff.  R.  Sonndorfer,  Die  Technik  des  Welthandels.  Wien
und  Leipzig  1889,  S.  19  ff.  Die  präziseste  Darstellung  des  Terminhandels  gibt  Wermert,
Börse,  Börsengesetz  und  Börsengeschäfte,  S.  200ff.  Vgl.  ferner  noch  G.  Cohn,  Über  das
Börsenspiel,  Schmollers  Jahrb.  1895,  Bd.  XIX,  S.  29fr.
2)  A.  a.  O.  S.  22.
        <pb n="71" />
        6o

des  Warenterminhandels:  „Börsentermingeschäfte  in  Waren  sind  solche
Zeitgeschäfte,  für  die  durch  die  Usancen  des  betreffenden  Platzes  im
voraus  derart  gleichartige  Vertragsabschließungsbedingungen  festgesetzt ­
  sind,  daß  lediglich  durch  die  Normierung  des  Preises  der
Einzelvertrag  perfekt  wird  und  diese  so  geschaffene  Fungibilität  der
Verträge  es  dem  Käufer  bezw.  Verkäufer  ermöglicht,  bei  der  Abwicklung ­
  sie  in  der  Regel,  je  nach  Wahl,  in  ein  Lieferungsgeschäft
effektiver  Ware  oder  in  ein  reines  Differenzgeschäft  zu  verwandeln.“
Der  eigentlichen  Natur  nach  ist  das  Termingeschäft  von  dem  Differenzgeschäft ­
  grundverschieden,  denn  das  Termingeschäft  stellt  einen  Kaufvertrag ­
  dar,  und  das  Differenzgeschäft  ist  „ein  Vertrag  sui  generis,
der  alternativ  nur  zu  einer  einseitigen  Leistung  verpflichtet,  ohne
Gegenleistung  von  der  anderen  Seite“ 1 ).  Weder  beim  Termingeschäft,
noch  beim  Differenzgeschaft  ist  eine  effektive  Lieferung  der  Ware
ausgeschlossen,  aber  tatsächlich  übertreffen  die  bloßen  Differenzzahlungen ­
  die  effektiven  Warenlieferungen,  namentlich  in  Amerika,
um  ein  Vielfaches,  z.  B.  verhielt  sich 1  2 )  im  Jahre  1892/93  die  Produktion ­
  zu  dem  Umsatz  an  der  Baumwollbörse  in  New-York  wie
1  zu  9.  Die  Differenzgeschäfte  sind  überhaupt  nur  möglich,  wenn
eine  ganze  Reihe  von  Käufern  bezw.  Verkäufern  Kontrakte  über
dieselbe  Menge  und  auf  denselben  Termin  abgeschlossen  hat,  diese
bilden  dann  einen  sogenannten  Ring.  Ist  nun  die  Nachfrage  besonders ­
  groß,  weil  die  Nachrichten  über  die  künftige  Ernte  ungünstige
sind,  so  kann  ein  kapitalkräftiger  Ring  oder  Corner  die  Preise  für
Termine  sowohl  wie  für  Prompt  Verkäufe,  die  durch  jene  beeinflußt
werden,  kolossal  in  die  Höhe  schrauben.  Der  Corner  muß  zusammenbrechen, ­
  sobald  die  Nachfrage  nachläßt.  Tatsächlich  wurde
denn  auch  der  Bankerott  der  Herren  Brown,  Sully  und  Genossen
durch  eine  einmütig  durchgeführte  Betriebseinschränkung  der  Spinner
Englands  herbeigeführt.
Ein  Steigen  der  Baumwollpreise  kommt  gewöhnlich,  wenn  es
sich  in  mäßigen  Grenzen  hält  und  vor  allen  Dingen,  wenn  es  ohne
Schwankungen  geschieht,  den  Spinnern  sowohl  wie  den  Webern  zunächst ­
  zustatten,  denn  die  Konsumenten  erwarten  weitere  Preissteigerungen ­
  und  versehen  sich  daher  mit  Vorräten  über  den  Bedarf
hinaus.  Gehen  dann  die  Preise  wieder  zurück,  so  fallen  die  Garnund
  Gewebepreise  fast  regelmäßig  in  stärkerem  Maße,  so  daß  vielfach ­
  mit  Verlust  gearbeitet  oder  der  Betrieb  eingeschränkt  werden
muß.  Denn  als  erschwerender  Umstand  kommt  in  Betracht,  daß  die

1)  Wermert  a.  a.  O.  S.  388  f.
2)  Ebenda  S.  228.
        <pb n="72" />
        deutschen  Spinner  nicht  wie  die  englischen  jederzeit  Baumwolle  kaufen
können.  Da  die  Sitze  der  Baum  Wollindustrie  von  Bremen  und
Hamburg,  den  beiden  deutschen  Märkten  für  Baumwolle,  weit  entfernt ­
  sind,  sind  die  Spinner  genötigt,  Vorräte  zu  halten.  Sie  werden
aber  ihre  Einkäufe  vergrößern,  wenn  sie  glauben,  daß  sich  steigende
Tendenz  in  der  Preisbewegung  bemerkbar  macht.  Beim  Sinken  der
Preise  haben  sie  also  unter  Umständen  doppelten  Verlust,  einmal
durch  die  Wert  Verminderung  des  Rohstoffvorrates  und  zweitens  durch
den  schleppenden  Garnabsatz.  Betrachten  wir  die  beigegebene  graphische ­
  Darstellung  der  Baumwoll-  und  Garnpreise,  so  springt  dies
Verhältnis  sogleich  in  die  Augen.  Zugleich  ist  daraus  zu  ersehen,
wie  sich  der  Abstand  zwischen  Rohstoff-  und  Garnpreisen  merklich
verringert,  der  Wert  des  Rohstoffs,  der  im  Preise  des  Fabrikats  zum
Ausdruck  kommt,  macht  also  einen  immer  größeren  Prozentsatz  desselben ­
  aus.  Wir  können  das  auch  zahlenmäßig  belegen:  1870  betrugen ­
  die  Produktionskosten  von  1  kg  Garn  Nr.  28  des  französischen
(metrischen)  Systems  =  Nr.  33  englisch  am  Oberrhein  88  Centimes 1 )
=  70,4  Pfennig.  Für  das  Jahr  1902  berechnet  ein  Augsburger  Industrieller ­
  dieselben  für  Nr.  20  englisch  auf  32  Pfennig  und  für
Nr.  36  Zettelgarn  auf  53  Pfennig 1  2 ).  —  Der  Verkauf  der  Garne  geschieht ­
  meist  im  Großhandel  börsenmäßig;  dabei  geht  das  Bestreben
der  Garnproduzenten  natürlich  dahin,  sich  soweit  als  möglich  mit
Aufträgen  zu  versehen,  d.  h.  sie  werden  danach  trachten,  Kontrakte
auf  Lieferung  (sechs  oder  noch  mehr  Monate  Lieferungsfrist)  abzuschließen. ­
  Nun  ist  es  Sache  ihres  kaufmännischen  Geschicks  die
nötige  Rohbaumwolle  zu  den  günstigsten  Bedingungen  einzukaufen.
Da  der  einzelne  selten  über  soviel  Routine  verfügen  wird,  daß  er
aus  jeder  Meldung  des  Aglrikultur-Departments  in  Washington
zu  erkennen  vermag,  was  er  im  gegebenen  Augenblick  zu  tun  hat,
zu  kaufen  oder  nicht,  so  sind  die  deutschen  Spinner  in  ihrer  Gesamtheit
Mitglieder  der  Bremer  Baumwollbörse  geworden;  deren  vorzügliche
Organisation 3 )  und  deren  Nachrichtendienst,  der  neuerdings  durch  die
eigene  deutsche  Kabelverbindung  mit  Nordamerika  noch  eine  wesentliche ­
  Verbesserung  erfahren  hat,  machen  sie  ziemlich  unabhängig  von
Liverpool,  New-York  und  Orleans.  Aber  der  Spinner  ist  nun
einmal  darauf  angewiesen,  die  Ware  im  Wege  des  Zeithandels,  also
des  Lieferungs-  oder  Terminhandels,  zu  kaufen,  er  steht  deshalb  auch
dem  Terminhandel  an  sich  nicht  feindlich  gegenüber,  nur  protestiert
1)  R.  Jannasch,  a.  a.  O.  S.  304.
2)  Jahresbericht  der  Handels-  u.  Gewerbekammer  für  Schwaben  u.  Neuburg  1902,5.  173.
3)  S.  Anlage.
        <pb n="73" />
        62

er  gegen  die  Spekulation  der  „Outsiders“.  In  Bremen  gibt  es  de  facto
keinen  Terminhandel  mehr  seit  dem  April  1894,  aber  eine  solche
planmäßig  mit  großen  Geldmitteln  ins  Werk  gesetzte  künstliche  Aufwärtstreiberei ­
  der  Preise,  wie  sie  Sully  und  seine  Gefolgschaft  in
New-York  ermöglichen  konnten,  muß  überall  eine  Panik  verursachen.
Wir  sehen  denn  auch  die  Preise  in  Bremen  ganz  bedeutend  in  die
Höhe  schnellen.  Das  normale  Preisniveau  war  seit  Jahren  etwa  40
bis  45  Pfg.  pro  Pfd.  gewesen.  Im  Jahre  1900  stieg  der  Preis  aber
zeitweilig,  im  September  auf  61,24  Pfg-  für  Middling  Upland,
Ende  Dezember  1903  war  der  Preis  wiederum  auf  69,5  Pfg.  gestiegen, ­
  und  er  stieg  weiter,  bis  er  am  2.  Februar  1904  den  Höhepunkt ­
  mit  85,25  Pfg.  pro  1 / i  kg  erreichte.  Von  da  an  gingen  die
Preise  langsam,  aber  unter  fortwährenden  Schwankungen  zurück,
blieben  aber  noch  lange  außergewöhnlich  hoch.  Bei  dieser  Sachlage ­
  ist  eine  richtige  Berechnung,  ein  sicherer  Einkauf  schwer  möglich, ­
  die  Industrie  kommt  also  durch  die  Abhängigkeit  von  Amerika
in  eine  ganz  prekäre  Lage.
Das  Mißverhältnis  zwischen  den  Preisen  kann  bestehen  zwischen
Rohbaumwolle  und  Garn,  ebensogut  aber  auch  zwischen  Garn  und
Gewebe,  ein  Gesetz  läßt  sich  nicht  erkennen.  Jeder  der  drei  Zweige
der  Baumwollindustrie,  die  Spinnerei,  die  Weberei  und  die  Veredelung,
ist  ja  gewiß  von  den  beiden  andern  abhängig,  aber  jeder  produziert
doch  selbständig,  geht  seine  eigenen  Wege,  am  wenigsten  freilich  die
Druckerei,  Färberei,  Appretur,  diese  spielen  mehr  die  Rolle  einer
Lohnindustrie.  Kurzum,  die  Preisbildung  unterliegt  in  jedem  Industriezweig ­
  eigenen  Gesetzen,  die  allerdings  unter  Umständen  teilweise
oder  sogar  ganz  die  gleichen  sein  können.  Um  die  Preisbewegung
seit  1879  verfolgen  zu  können,  ist  auf  Grund  der  in  den  „Vierteljahrsheften ­
  zur  Statistik  des  Deutschen  Reichs“  seit  eben  jenem  Jahre
regelmäßig  veröffentlichten  „Großhandelspreise  wichtiger  Waren  an
deutschen  Plätzen“  ebenso  wie  für  Baumwollgarn  auch  für  Baumwolltücher ­
  (Kattun)  eine  graphische  Darstellung  gegeben.  Wir  können
beide  Darstellungen  daraufhin  vergleichen,  wie  sich  die  Marge,  d.  h.
die  Differenz  zwischen  Rohstoff-  und  Garnpreis  einerseits  und  zwischen
Garn-  und  Kattunpreis  andererseits,  entwickelt  hat.  Die  Typen  sind
so  gewählt,  daß  sie  einander  entsprechen;  allerdings  muß  darauf  hingewiesen ­
  werden,  daß  infolge  der  zunehmenden  Verschlechterung  der
ostindischen  Baumwolle,  über  die  allgemein  geklagt  wird,  vielfach
die  Sorte  „Good  Oomrawuttee  II“  schon  nicht  mehr  zur  Herstellung
von  Garn  No.  20  genügt.  Vergleicht  man  die  Linienzüge  für  die
verschiedenen  Margen,  so  fallen  die  scharfen  Ecken  auf,  die  namentlich
        <pb n="74" />
        63

bei  der  Marge  zwischen  Garn-  und  Kattunpreisen  markant  sind.
Diejenigen  Punkte  der  Linienzüge,  die  im  Vergleich  zu  den  beiden
benachbarten  Tiefpunkte  darstellen,  seien  als  Minima  bezeichnet,  diejenigen ­
  dagegen,  die  im  Vergleich  zu  den  beiden  Nachbarpunkten
höchste  Stellen  sind,  Maxima.  Nennen  wir  noch  der  Kürze  halber
die  Marge  zwischen  Middling  Upland-Baumwolle  und  Garn  No.  36/42:
„Marge  I“,  diejenige  zwischen  Good  Oomrawuttee  II  und  Garn  No.  20/20:
„Marge  II“  und  schließlich  die  zwischen  Garn  No.  36/42  und  Kattun
19/18-fadig:  „Marge  III“,  so  erhalten  wir  folgendes  Schema;

Ein

Minimum  trat  ein

in  den  Jahren

für  Marge  I

•

884  •  1886  •

1889  ■  1892

1902

„  „  n

00
00
tya

1892

■  1899

1901/02

„  „  in

1880  1883

•  1888

■  1891  •

1897  •

1901

Ein

Maximum  trat  ein

in  den  Jahren

für  Marge  I

■  1883

00
00
Lrx
OO
00
M
OO
OO

1890

1895  •

„  11

■  1883

I

889  •

1895  •

1900

1903

„  in

1882  •

■  1886

1890  1892

1895  .

1900

1903

Berücksichtigt  man,  daß  die  Marge  III  nur  mit  Marge  I  verglichen ­
  werden  kann,  so  ergibt  sich,  daß  für  Spinnerei  und  Weberei
zugleich  nur  zweimal  (1890  und  1895)  derselbe  Fall  eintrat,  nämlich
ein  Maximum.  Für  die  Spinnerei  allein  (Marge  I  und  Marge  II)
waren  die  Jahre  1892  und  1902  ungünstig,  die  Jahre  1883  und  1895
günstig.  Das  Jahr  1883  war  für  die  Weberei  im  Gegensatz  dazu  ein
schlechtes.  Gleichzeitig  erkennen  wir,  daß  die  Baumwollpreise  sich
auf  einem  Minimum  befanden.  Aber  nicht  etwa  der  relativen  Billigkeit ­
  der  Baumwolle  hat  die  Spinnerei  die  guten  Resultate  zu  verdanken, ­
  sondern  den  geringen  Schwankungen  der  Baumwollpreise  im
Laufe  des  Jahres:  Middling  Upland  kostete  pro  too  kg  in  Bremen
während  des  Jahres  1883  im  Januar  109,6  M.,  der  Preis  fiel  bis  Mitte
Juli  auf  105,4  M.,  stieg  bis  Oktober  auf  113,12  M.,  um  sich  ungefähr
auf  dieser  Höhe  bis  zum  Jahresschluß  zu  halten.  —-  Eine  so  geringe
Differenz  zwischen  dem  niedrigsten  und  dem  höchsten  Preise  innerhalb ­
  eines  Jahres  ist  äußerst  selten.  —  Auf  diese  Weise  konnte  sich
die  Spinnerei  für  ihre  Aufträge  stets  gut  und  billig  „eindecken“.  Der
Konsument  von  Webwaren  dagegen  erwartete  auf  Grund  von  Nachrichten ­
  über  eine  neue  Riesenernte  in  den  Vereinigten  Staaten  ein
weiteres  Fallen  der  Preise  und  ging  deshalb  mit  Einkäufen  behutsam
vor,  so  daß  das  Angebot  seitens  der  Weber  größer  war  als  die  Nachfrage; ­
  es  kam  aber  als  ungünstiges  Moment  noch  hinzu,  daß  die
        <pb n="75" />
        64

Mode  mehr  die  ganz  groben  Gewebe  vorzog.  1886  haben  wir,  obwohl ­
  die  Preisschwankungen  der  Baumwolle  noch  geringer  waren
als  1883,  das  Widerspiel  dazu.  Eigentlich  sollte  man  dieselbe  Konstellation ­
  erwarten,  wie  sie  1883  vorhanden  war,  denn  auch  der  Durchschnittspreis ­
  der  Baumwolle  befand  sich  wieder  auf  einem  Minimum.
Daß  dem  nicht  so  war,  hatte  seinen  Grund  in  der  englischen  Spinnerei-Überproduktion.
  Die  Engländer  verkauften  ihre  Garne  Frühjahr  und
Sommer  hindurch  zu  niedrigen  Preisen  in  Deutschland  und  zwangen
dadurch  die  deutschen  Spinner,  noch  geringere  Preise  zu  verlangen.
Die  Weberei  zog,  da  die  Mode  dem  Absatz  äußerst  günstig  war,
ihren  Vorteil  daraus.  Auch  1892  ist  für  die  Spinnerei  ein  äußerst
ungünstiges,  für  die  Weberei  ein  äußerst  günstiges  Jahr.  Diesmal
war  es  aber  die  eigene  Überproduktion  von  Garnen  und  das  Nichtzustandekommen ­
  einer  einheitlichen  Betriebseinschränkung,  die  den
Spinnern  Verlust  brachte.  Auch  die  Erwartung  einer  neuen  Riesenernte ­
  im  Jahre  1892/93  und  damit  noch  billigerer  Preise  trug-  einen
Teil  der  Schuld.  Die  Jahre  1890  und  1895  konnten  für  die  Spinnerei
und  die  Weberei  zugleich  so  günstige  Resultate  ergeben,  weil  die
Spinner  das  Jahr  mit  sehr  billigen  Baumwollvorräten  vom  Jahre  vorher ­
  antreten  und  sich  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  noch  ebenso
billig  mit  weiteren  Vorräten  versehen  konnten  und  die  Weber  durch
die  Mode  und  die  anhaltend  günstige  Witterung  guten  Absatz  hatten.
Über  das  Jahr  1902,  das  für  die  ganze  Spinnerei  ein  Minimum  in
der  Marge  brachte,  warf  die  Unsicherheit  in  den  Zollverhältnissen
seine  Schatten.  Die  Baumwollproduktion  hatte  gegenüber  dem  gesteigerten ­
  Konsum  in  den  letzten  Jahren  keine  Überschüsse  mehr  geliefert, ­
  die  Spinnereien  in  den  Südstaaten  der  Union  legten  immer
mehr  Beschlag  auf  einen  großen  Teil  der  amerikanischen  Ernte,  so
daß  nicht  nur  das  Niveau  der  Baumwollpreise  hoch  blieb,  sondern
auch  die  Spekulation  zum  Eingreifen  veranlaßt  wurde,  was  ziemlich
bedeutende  Preisschwankungen  zur  Folge  hatte.  Vom  Beginn  des
Frühjahrs  an  rechnete  man  mit  einer  ausnahmsweise  großen  Ernte,
daher  fielen  die  Preise  im  Terminhandel  unausgesetzt  bis  über  die
Mitte  des  Jahres  hinaus;  der  Konsum  verhielt  sich  daher  sehr  zurückhaltend ­
  und  die  Spinnerei  mußte  Absatz  um  jeden  Preis  erzwingen.
Gegen  Ende  des  Jahres  trieben  schlechte  Erntenachrichten  die  Preise
wieder  in  die  Höhe.
Wir  sehen,  die  Rentabilität  der  Spinnerei  hängt  sehr  von  der
Preisbewegung  der  Rohbaumwolle  ab,  die  der  Weberei  stützt  sich
mehr  auf  die  Mode  und  die  Witterung.  Aber  rapides  Sinken  und
Steigen  der  Rohstoffpreise  drückt  gewöhnlich  den  Preis  von  Garnen
        <pb n="76" />
        6,5

9
und  Geweben  auch  herunter  bezw.  hinauf,  und  zwar  in  stärkerem
Maße.  Um  das  erkennen  zu  können,  muß  man  schon  die  Preisbewegung ­
  innerhalb  eines  Jahres  studieren  und  dabei  auch  das  Verhältnis ­
  der  Preislinie  zur  Durchschnittslinie  im  Auge  behalten.
Die  Darstellung  der  Garn-  und  Rohstoffpreise  läßt  —  worauf
schon  früher  hingewiesen  wurde  —  bei  flüchtiger  Betrachtung  besonders ­
  eins  erkennen:  die  Marge  hat,  wenn  man  von  einem  oder
zwei  Ausnahmejahren  absieht,  beständig  sinkende  Tendenz.  Von  1880
bis  1902  ist  sie  beispielsweise  gefallen  bei  Garn  No.  36/42  von  85
auf  5q  Pfennige  und  bei  Garn  No.  20/20  von  67  auf  59  Pfennige.
Diese  letzte  Ziffer  würde  noch  niedriger  ausfallen,  wenn  der  Garnpreis ­
  zu  einer  besseren  Baumwollsorte,  etwa  „Fully  good  Oomra“,  in
Beziehung  gesetzt  würde.  Da  zu  den  Preisen  für  Baumwolle  loko
Bremen  noch  Fracht  und  Spesen  bis  zur  Spinnerei  hinzukommen,
außerdem  auf  mindestens  12  °/o  Abgang  gerechnet  werden  muß,  so
kommt  die  Baumwolle  dem  Spinner  tatsächlich  um  etwa  15%  teurer
zu  stehen,  als  aus  der  Darstellung  ersichtlich.  Das  Sinken  des  Fabrikationsgewinnes ­
  ist  also  recht  bedenklicher  Natur.  Den  größten
Druck  auf  die  Preisbildung  übt,  wie  wir  gesehen  haben,  die  Haltung
der  Rohstoffmärkte  und  dann  die  unbeschränkt  fortwuchernde  Überproduktion ­
  aus.  Eine  gewisse  Konstanz  der  Preise  ist,  wenn  überhaupt, ­
  nur  mittelst  einer  Übereinkunft  der  interessierten  Kreise  zu
erreichen.
Daß  solche  Vereinbarungen  schon  recht  frühzeitig  geschlossen
wurden,  wird  das  nächste  Kapitel  lehren.

Kapitel  VIII.
Organisationsbestrebungen.  Arbeiterverhältnisse.

Bei  einer  früheren  Gelegenheit  (S.  11)  konnten  wir  erwähnen,
daß  bereits  1772  die  Innung  der  Baumwollwarenhändler  Plauens  mit
einigen  Innungsverwandten  des  Vogtlandes  eine  Art  Preiskonvention ­
  zur  Festsetzung  von  Minimalpreisen  abschloß,  um  einer  unberechtigten ­
  Preisdrückerei  zu  wehren.  Es  war  das  ein  Akt  der  Selbsthilfe, ­
  wie  ihn  erst  die  Gegenwart  wieder  häufiger  vor  unseren  Blicken
entrollt.  Das  hängt  damit  zusammen,  daß  inzwischen  die  Formen
des  wirtschaftlichen  Lebens  andere  geworden  sind.  Die  Produktion
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  III,  lieft  3.  0
Lochmüller,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie,
        <pb n="77" />
        66

ist  aus  dem  Rahmen  des  Handwerks  herausgetreten  und  eine  fabrikmäßige ­
  geworden.  Mit  der  Auflösung  der  alten  Innungen  ging  auch
der  Zusammenhang  verloren,  den  die  Angehörigen  desselben  Gewerbes ­
  zu  ihrem  Vorteil  bis  dahin  gehabt  hatten.  Erst  äußere  Umstände ­
  mißlicher  Art  führten  wieder  einen  Zusammenschluß  herbei,
dessen  Wesen  allerdings  ein  durchaus  modernes  Gepräge  trägt.
Um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  gewannen  die  Bestrebungen ­
  der  sächsischen  Spinner,  die  englische  Konkurrenz  zu
unterdrücken,  festere  Form  in  der  Gestalt  des  im  Jahre  1846  gegründeten ­
  „Vereins  sächsischer  Spinnerei-Besitzer“.  Derselbe  besteht
noch  heute,  umfaßt  wohl  sämtliche  Baumwollspinnereien,  Zwirnereien
und  Nähfadenfabriken  Sachsens  und  zählte  1902  53  Mitglieder  mit
17000  Arbeitern 1 ).  Diese  Vereinigung  blieb  für  lange  Zeit  hinaus
die  einzige  derartige  Organisation.  1869  bezw.  1870  folgten,  veranlaßt ­
  durch  die  Not  der  sechziger  Jahre,  die  Baumwollindustriellen
des  Elsaß  bezw.  Bayerns  und  Württembergs  jenem  Beispiel.  Die
einen  schlossen  sich  zu  dem  „Elsässischen  Industriellen  Syndikat“  zusammen, ­
  das  alsbald  der  Sammelpunkt  für  alle  hochschutzzöllnerischen
Bestrebungen  wurde,  die  andern  zu  dem  „Verein  süddeutscher  Baumwoll-Industrieller“,
  der  nicht  nur  auf  zollpolitischem  Gebiete,  sondern
auch  in  bezug  auf  die  Hebung  des  deutschen  Baumwollhandels  und
der  deutschen  Baumwollindustrie  eine  überaus  rege  Tätigkeit  entfaltete. ­
  1903  zählte  dieser  letzte  Verband  88  Mitglieder  mit  nahezu
50000  Arbeitern,  2301  476  Spindeln  und  41  078  Webstühlen 1  2 ).  Wieder
nach  einer  Reihe  von  Jahren,  nämlich  1887,  trat  der  „Verband  rheinisch-westfälischer ­
  Baumwollspinner“  ins  Leben,  der  1902  45  Mitglieder ­
  mit  14000  Arbeitern  hatte.
Das  grundlegende  Prinzip  aller  dieser  Verbände  war  eine  Einigung ­
  über  die  Verkaufsbedingungen,  die  Erkenntnis  der  Solidarität
der  Interessen  und  in  gewissem  Sinne  die-  zwingende  Not  der  Verhältnisse ­
  waren  der  zusammenhaltende  Kitt.  Bevor  z.  B.  der  zuletzt
angeführte  Verband  bestand,  machte  sich  der  einzelne  Spinner  eine
falsche  Vorstellung  von  den  vorhandenen  Garnvorräten  und  der
Nachfrage,  er  glaubte  am  klügsten  zu  handeln,  wenn  er  für  seine
Person  soviel  als  möglich  losschlug,  mochte  der  Erlös  seine  Unkosten
decken  oder  nicht.  Durch  den  Zusammenschluß  wurde  er  eines
besseren  belehrt;  es  ergab  sich  rechnungsmäßig,  daß  der  Vorrat  an
1)  Verzeichnis  der  im  Deutschen  Reiche  bestehenden  Vereine  gewerblicher  Unternehmer ­
  zur  Wahrung  ihrer  wirtschaftlichen  Interessen.  Zusammengestellt  im  Reichsamt  des
Innern.  Berlin  1903,  S.  234.
2)  Jahresbericht  des  Verbandes  1903.
        <pb n="78" />
        6?

unverkauften  Garnen  unter  den  Verbandsmitgliedern  verschwindend
klein,  die  Versorgung  mit  Bestellungen  dagegen  ausreichend  war,
um  neue  Verkäufe  eine  Zeitlang  entbehren  zu  können.  Durch  gemeinsames ­
  Vorgehen  gelang  es,  die  Notierungen  für  Garne  soweit
zu  erhöhen,  daß  neue,  vorteilhafte  Lieferungsabschlüsse  Zustandekommen ­
  konnten  *).  Die  regelmäßige  Fühlung,  in  welche  die  Berufsgenossen ­
  zu  einander  traten,  ohne  bindende  Preis  Vereinbarungen  zu
schließen,  trug  allein  schon  zur  Erreichung  lohnender  Betriebsergebnisse ­
  bei.
Mit  der  Zeit  aber  wurde  man  inne,  daß  eine  so  lockere  Vereinigung
doch  nicht  imstande  war,  dem  Geschäftsgänge  der  Industrie  während
einer  länger  dauernden  Depression  die  wünschenswerte  Stetigkeit  zu
erhalten.  So  hatte  die  aufsteigende  Konjunktur  von  der  Mitte  der
neunziger  Jahre  an  eine  Preisteuerung  vieler  Betriebsmaterialien,  Erhöhung ­
  der  Löhne  und  Überproduktion  hervorgerufen.  Als  mit  dem
Ende  des  Jahres  1897  die  Konjunktur  in  Rohbaumwolle  ungünstig
wurde  und  der  Zunahme  des  Angebots  seitens  der  Spinnereien  eine
Abnahme  der  Nachfrage  infolge  des  unbefriedigenden  Webereigeschäftes ­
  gegenübertrat,  versuchte  man,  eine  allgemeine  Betriebseinschränkung ­
  durchzuführen  —  allein,  es  war  vergeblich,  jeder  Spinner
suchte  für  seine  Person  soviel  Vorteil  als  möglich  herauszuschlagen.
Erst  nach  langen  Verhandlungen  einigten  sich  die  Spinner  von  Rheinland, ­
  Westfalen  und  benachbarten  Bezirken  auf  folgender  Grundlage:
Regulierung  der  Preise  auf  Grund  der  Tageswerte  der  Baumwolle
und  unter  Annahme  eines  mäßigen  Satzes  für  die  Spinnkosten.  Es
gelang  dem  Kartell  tatsächlich,  die  Preise  der  Gespinste  parallel
denen  der  Baumwolle  zu  regulieren.  Um  ferner  den  Inlandmarkt  zu
entsetzen,  um  einen  Ausgleich  zwischen  Produktion  und  Konsumtion
herbeizuführen,  gewährte  es  seinen  Mitgliedern  noch  in  dem  Jahre
seiner  Gründung,  1899,  Ausfuhrprämien  in  Höhe  von  10  bis  15  °/ 0 .
Es  befolgte  damit  weiter  nichts  als  die  Politik  anderer  Kartelle  und
leistete  jedenfalls  der  deutschen  Spinnerei  die  größten  Dienste.  Die
deutschen  Baumwollweber  aber,  die  sich  inzwischen  auch  zusammengeschlossen ­
  hatten,  faßten  diese  Maßnahmen  als  speziell  gegen  sie
gerichtet  auf  und  erhoben  lauten  Protest  dagegen.
Der  größte  Teil  der  Weber  hatte  sowohl  im  Hinblick  auf  die
Organisationen  der  Spinner,  als  namentlich  auch  auf  die  kommenden
Zolltarifkämpfe  am  17.  Februar  1898  den  „Verband  deutscher  Baumwollgarnkonsumenten“ ­
  gegründet 1  2 ).  Man  erwartete  von  dem  Zu1) ­
  Jahresbericht  der  Handelskammer  zu  M.-Gladbach  für  1887,  S.  15.
2)  Verzeichnis  der  im  Deutschen  Reiche  bestehenden  Vereine  gewerblicher  Unternehmer. ­
  Berlin  1903,  S.  232.  *
        <pb n="79" />
        68

sammenschluß  weniger  einen  Einfluß  auf  Preise  und  Produktion,  als
zunächst  nur  Einwirkung  auf  Zollgesetzgebung  und  Verkehrswesen
in  freihändlerischem  Sinne  und  Information  der  Mitglieder  über  Fragen
der  Zoll-  und  Handelspolitik  und  des  Tarifwesens.  Ausdrücklich  ist
aber  im  Statut  noch  gesagt,  daß  der  Verband  einen  Zusammenschluß
sämtlicher  deutscher  Garnverbraucher  anstrebt.  Er  zählte  1902  340
Mitglieder  mit  100000  Arbeitern.  In  demselben  Jahre  wie  jener
wurden  noch  gegründet  der  „Verband  süddeutscher  Baumwollgarnkonsumenten“ ­
  und  die  „Vereinigung  rheinisch-westfälischer  Handelskammern ­
  und  Garnkonsumenten“.  Vereinigungen  mit  ausgesprochenem
Kartellcharakter  sind  der  „Verband  deutscher  Buntwebereien“  und
die  Zanella-Konvention.  Über  sonst  etwa  bestehende  Konventionen
oder  Kartelle  ist  uns  nichts  bekannt.
Die  erstgenannte  große  Vereinigung  der  Weber  suchte  vergeblich ­
  eine  Verständigung  mit  den  Spinnern  anzubahnen;  in  Dresden,
Chemnitz,  Frankfurt  a./M.  pflog  man  Verhandlungen,  sie  führten  aber
zu  keinem  Resultat.  Die  Spinner,  auf  denen  der  Druck  der  Verhältnisse ­
  der  Rohstoffmärkte  lastete,  erhofften  vielmehr  durch  ein
Zusammengehen  unter  sich  mehr  Vorteil.  So  konzentrierten  sich  1899
der  westdeutsche,  sächsische  und  nordbayrische  Verband  zu  einem
deutschen  Spinner-Kartell,  das  die  Politik  des  M.-Gladbacher  Verbandes ­
  fortsetzen  und  nur  so  lange  tätig  bleiben  sollte,  als  die  Notlage
der  Spinner  andauern  würde 1 ).  Die  Bestrebungen  des  Kartells  wurden
unterstützt  durch  die  anhaltende  Aufwärtsbewegung  der  Baumwollpreise
  vom  September  1899  an.  Als  aber  im  Herbst  1900  ein
Abschlag  der  Baumwollpreise  erfolgte,  versagte  die  Organisation.  Die
getroffenen  Vereinbarungen  wurden  durch  die  einzelnen  Mitglieder
skrupellos  umgangen,  eine  allgemeine  Produktionseinschränkung  war
mit  Rücksicht  auf  die  ungleiche  Verteilung  der  Vorräte  unmöglich,
wäre  wohl  auch  durch  den  Nichtbeitritt  der  elsässischen  und  süddeutschen ­
  Spinner  zum  Kartell  illusorisch  gemacht  worden.  Unter
diesen  Umständen  hatte  die  vereinbarte  Preisfestsetzung  keinen  Wert
mehr,  und  das  Kartell  mußte  sich  auflösen  —  das  geschah  im  Frühjahr ­
  1901.  Seitdem  hat  man  u.  W.  nicht  wieder  den  Versuch  gemacht, ­
  die  über  ganz  Deutschland  verbreitete  Industrie  zu  kartellieren,
nur  innerhalb  einzelner  Verbände  ist  es  gelungen,  im  Jahre  1902
auf  kurze  Zeit  eine  Betriebseinschränkung  einmütig  durchzuführen.
Die  fortdauernd  günstige  Konjunktur  der  letzten  Jahre  hat  denn  auch
die  Notwendigkeit  der  Kartellierung  picht  so  klar  hervortreten  lassen.

)  ,,Berliner  Börsen-Kurier“  vom  9.  Oktober  1899.
        <pb n="80" />
        6g

Wohl  aber  hat  die  mangelnde  Sicherheit  und  Stabilität  der  Baumwollmärkte
  die  Industriellen  auf  Abhilfe  sinnen  lassen.  Denn  gegen
Überproduktion  kann  Einsicht  und  guter  Wille  mobil  gemacht  werden,
gegen  die  Fluktuationen  der  Baumwollpreise  dagegen  ist  der  einzelne
wehrlos.
Das  hat  man  nicht  nur  in  Deutschland  erkannt,  sondern  mehr
noch  in  England,  Frankreich  und  Belgien.  Diese  Länder  sind  in  noch
höherem  Grade  als  Deutschland  auf  den  Bezug  der  Baumwolle  aus
Nordamerika  angewiesen.  Es  erscheint  mir  ferner  nicht  unwichtig,
daß  die  Börsen  in  Liverpool,  Havre,  Antwerpen  alle  —  im
Gegensatz  zu  Bremen,  wo  die  sogenannten  cif-Verkäufe,  d.  h.  Verkäufe ­
  nach  Kost,  Versicherung,  Frachtbedingungen!),  im  Schwange
sind  —  den  Terminhandel  kultivieren 1  2 ).  Ob  nun  dies  gerade  die
Ursache  ist,  daß  die  Spinner  jener  Länder  unter  der  schlechten  Verfassung ­
  des  New-Yorker  Marktes  mehr  zu  leiden  hatten  als  die
deutschen,  will  ich  nicht  untersuchen.  Nach  allem,  was  über  die  Verluste
der  Spinner  bekannt  geworden  ist,  ist  es  jedenfalls  offenbar,  daß  die
deutschen  Spinner  weniger  schwer  von  den  Wirkungen  der  amerikanischen ­
  Spekulation  betroffen  worden  sind  als  diejenigen  anderer
Länder.  Dennoch  hat  man  auch  in  Deutschland  keinen  Augenblick
daran  gezweifelt,  daß  die  Frage  der  Baumwollversorgung  von  internationaler ­
  Bedeutung  ist.
Nachdem  Verhandlungen  über  eine  allgemeine  Produktionseinschränkung ­
  und  die  Möglichkeit  der  Verbreitung  der  Baumwollkultur
  in  nicht  amerikanischen  Ländern  zwischen  dem  englischen,
französischen  und  belgischen  Spinnerkartell  vorausgegangen  waren,
erfolgte  Anfang  April  1904  seitens  der  „English  Master  Cotton
Spinners’-Federation“  im  Verein  mit  dem  Schweizer  „Spinner-,
Zwirner-  und  Weberverein“  eine  Einladung  an  sämtliche  Verbände
von  Baumwollspinnern  und  Baumwollindustriellen  zu  einem  internationalen ­
  Kongreß.  Dieser  fand  vom  23.  bis  27.  Mai  1904  in  Zürich
statt.  Vertreten  waren  England,  Deutschland,  Frankreich,  Rußland,
Österreich,  Belgien,  die  Schweiz,  Italien  und  Portugal,  allerdings  fehlten
die  Vereinigten  Staaten.  Verhandelt  wurde  über  Baumwollkultur,  die
Baumwoll-„Corner“  und  über  die  Organisation  der  Industrie  in  Ver-1)

  Bedingungen  der  Bremer  Baumwollbörse.  Bremen  1901,  §§  88  ff.
2)  Über  die  Liverpooler  Baumwollbörse  vgl.  C.  J.  Fuchs,  Die  Organisation  des
Liverpooler  Baumwollhandels  in  Vergangenheit  und  Gegenwart.  Schm  oll  ers  Jahrbuch,
Jahrg.  1890,  S.  107  ff.  (fußt  auf  Th.  Ellison,  The  Cotton  Trade  of  Great  Britain,  London
1886.)  Über  die  amerikanischen  Baumwollbörsen  vgl.  M.  B.  Hammond,  The  Cotton
Industry,  Part  I.  Ithaca  N.Y.  1897,  S.  286  ff.
        <pb n="81" />
        70

bänden.  Das  wichtigste  Resultat  des  Kongresses  ist  die  Bildung
eines  internationalen  Komitees  mit  der  Aufgabe,  „die  gemeinsamen
Interessen  der  Industrie  zu  überwachen  und  die  Vereinigungen  von
Baumwollindustriellen  in  Kenntnis  zu  halten,  wie  gegen  eine  ihnen
gemeinsam  drohende  Gefahr  im  Interesse  aller  vorzugehen  sei“ 1 ).
Eine  solche  internationale  Organisation  setzt,  wie  der  betreffende
Referent,  Herr  Macara,  der  Präsident  der  größten,  obengenannten,
englischen  Spinnervereinigung,  nahelegte,  eine  starke,  d.  h.  große
und  kapitalkräftige  Organisation  in  den  einzelnen  Ländern  voraus.
Mit  der  Zustimmung  Deutschlands  zu  diesem  Beschluß  haben  die
deutschen  Spinner  also  gleichzeitig  die  Verpflichtung  übernommen,
eine  solche  straffe  Organisation  unter  sich  zu  schaffen.  So
erfreulich  eine  internationale  Regelung  der  Frage  an  und  für  sich
sein  mag,  so  darf  man  auch  nicht  außer  acht  lassen,  daß  die  Verhältnisse ­
  in  dem  einen  Lande  doch  ganz  andere  sind  als  in  dem
andern.  Das  Komitee  wird  voraussichtlich  vorkommendenfalls  mit
Produktionseinschränkungen  Vorgehen;  nicht  jede  Unternehmung  ist
aber  in  derselben  glücklichen  Lage  wie  die  andere,  nur  die  kapitalkräftige ­
  Spinnerei  kann  das  ohne  Bedenken  durchführen.  Auf  dem
Kongreß  selbst  erlebte  es  Herr  Macara,  als  er  den  Vorschlag  einer
allseitigen  Betriebseinschränkung  machte,  um  die  amerikanische  Spekulation ­
  abzuschrecken,  daß  die  deutschen  und  österreichischen  Spinner
ihm  die  Gefolgschaft  weigerten.  Es  ist  daher  nur  zu  wünschen,  daß
die  Zusammensetzung  des  Komitees  der  Stimmenzahl  nach,  die  auf
die  Vertreter  entfällt,  der  Verschiedenheit  der  Verhältnisse  Berücksichtigung ­
  zuteil  werden  läßt  und  vor  allem  nicht  England  allein  von
vornherein  die  Majorität  zusichert.  Für  Deutschland  muß  es  daneben
unbedingt  eine  Hauptaufgabe  bleiben,  den  Baumwollanbau  zu  fördern
in  Gegenden,  die  von  der  amerikanischen  Spekulation  unabhängig
sind.  Für  uns  kommen  als  solche  in  Betracht  Westafrika,  Ostafrika,
Kleinasien  und  Brasilien,  das  sind  Gegenden,  die  uns  als  Kolonien
gehören  oder  in  denen  wir  hervorragende  wirtschaftliche  und  Handelsinteressen ­
  haben.  Sehr  rührig  ist  in  dieser  Beziehung  das  kolonialwirtschaftliche ­
  Komitee,  dessen  deutsch-koloniale  Baumwollunternehmungen
  durch  die  Kaiserliche  Regierung,  die  Textilindustrie  und  eine
Wohlfahrtslotterie  zu  Zwecken  der  deutschen  Schutzgebiete  unterstützt
werden.  Am  meisten  Erfolg  versprechen  die  Unternehmungen  in
Togo  und  Deutsch-Ostafrika.  Bedeutungsvoll  für  die  weitere  Aus-  i)
i)  Offizieller  Bericht  der  Verhandlungen  des  ersten  internationalen  Kongresses  der
Delegierten  von  Verbänden  von  Baum  Wollspinnern  und  Baumwollindustriellen.  Manchester
1904,  S.  72.
        <pb n="82" />
        7i

breitung  der  Baumwollkultur  ist  der  Reichstagsbeschluß  vom  16.  Juni
1904,  der  den  Bau  der  Eisenbahnen  Lome-Palime  und  Daressalam-Mrogoro ­
  bewilligte.  Im  übrigen  verweise  ich  auf  die  Berichte ­
  des  Kolonialwirtschaftlichen  Komitees  und  verschiedene  Artikel
in  dem  „Tropenpflanzer“  und  den  „Beiheften“  dazu 1 ).  Die  Anlage
der  Arbeit  läßt  es  nicht  zu,  auf  diese  sehr  interessanten  Dinge  näher
einzugehen.
Die  Frage  der  Organisation  der  Baumwollindustriellen  leitet  uns
über  zu  der  der  Arbeiterorganisationen  und  auf  das  Verhältnis  von
Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  überhaupt.  Um  dies  Verhältnis
und  die  Lebenslage  der  Arbeiter  richtig  beurteilen  zu  können,  müßte
man  aber  über  unparteiische  Quellen  verfügen  und  außerdem  eine
gründliche  Kenntnis  der  realen  Verhältnisse  besitzen.  Die  Berichte
der  Handelskammern,  die  uns  für  einen  großen  Teil  der  Arbeit  als
Unterlage  dienen  konnten,  versagen  in  diesem  Punkte,  denn  sie  beruhen ­
  auf  Darstellungen  der  Unternehmer.  Die  Berichte  der  Fabrikinspektoren ­
  sind  auch  nicht  alle  objektiv  abgefaßt,  sie  geben  vielfach
kein  richtiges  Bild  von  der  Sachlage.  Die  Berichte  der  Arbeitersekretariate ­
  und  der  Gewerkschaften  und  -Vereine  leiden  wieder  an
dem  Fehler,  daß  sie  politische  Zwecke  und  objektive  Sachlichkeit
nicht  genügend  auseinander  halten.  Man  kann  die  Angaben  eben
nicht  kritiklos  übernehmen,  der  Einfluß  des  einseitigen  Interessenstandpunktes ­
  macht  sich  zu  sehr  geltend.
Nicht  einmal  eine  Lohnstatistik  vermögen  wir  mit  der  erforderlichen ­
  Gründlichkeit  und  Sorgfalt  aufzustellen,  denn  diejenigen  Unternehmer, ­
  die  den  Handelskammern  Mitteilungen  über  die  gezahlten
Löhne  machen,  unterscheiden  weder  Spinner-,  bezw.  Weber-  und
Gehilfenlöhne,  noch  auch  die  Löhne  der  Aufseher  und  die  von  männlichen ­
  und  weiblichen  Arbeitskräften  voneinander;  ebensowenig  ist
das  bei  der  Statistik  der  Berufsgenossenschaften  der  Fall,  die  zudem
nur  die  anrechnungsfähigen  Löhne  verzeichnet.  Aus  früheren  Jahren
liegen  meines  Wissens  nur  zwei  Arbeiten  vor,  die  sich  mit  Lohnverhältnissen ­
  der  Arbeiter  befassen;  es  sind  die  bereits  wiederholt  er-1)

  Das  Kolonialwirtschaftliche  Komitee  hat  bisher  vier  eingehende  Berichte  herausgegeben. ­
  Vgl.  ferner  Karl  Supf,  Zur  Baumwollfrage.  „Tropenpflanzer“,  4.  Jahrg.  No.  6
(Juni  1900),  S.  263  ff.  „Beihefte  zum  Tropenpflanzer“,  Bd.  III,  No.  2  (März  1902)  S.  40  ff.
Ebenda,  Bd.  III,  No.  4  (Dez.  1902),  S.  121  ff.  Ebenda,  Bd.  IV,  No.  3  u.  4  (Juli  1903)
S.  81  ff.,  besonders  interessant  Die  Kalkulationen  auf  S.  83.  Schließlich  erwähne  ich  noch
C.  Kaerger,  Brasilianische  Wirtschaftsbilder,  2.  Auflage.  Berlin  1892,  S.  236  ff.,  363  ff.
und  S.  511  ff.
        <pb n="83" />
        72

wähnten  Schriften:  H.  Herkner,  die  oberelsässischeBaumwollindustrie
und  ihre  Arbeiter,  Straßburg  1887  und  G.  v.  Schulze-Gävernitz,  Der
Großbetrieb  ein  wirtschaftlicher  und  sozialer  Fortschritt.  Leipzig  1892.
Die  Angaben  beruhen  auf  persönlichen  Informationen.  Herkner  gibt
für  das  Jahr  1885  folgende  Durchschnittslöhne  an 1 );
Ein  erwachsener  Spinner  verdiente  pro  Tag  M.  3,60
Eine  erwachsene  Arbeiterin  „  „  ,,  „  1,70—2,00
Ein  erwachsener  Weber  „  „  „  „  3,30
Eine  erwachsene  Weberin  „  „  „  ,,  1,20—200
Umgerechnet  auf  ein  Jahr  (zu  300  Arbeitstagen)  würden  das
sein;  der  Lohn  eines  Spinners  1080  M.,  der  eines  Webers  990  M.
Nach  v.  Schulze-Gävernitz 1  2 )  betrug  für  das  Jahr  1895  der  Jahresverdienst ­
  eines  Spinners  in  Mülhausen  ca.  1195  M.,  in  Bayern  und
Württemberg  ca.  1040  M.  und  in  Sachsen  ca.  1135  M.  Die  Löhne
der  Gehilfen  waren  dementsprechend  640,  452  und  572  M.,  die  der
Aufseher  aber  1781,  1336  und  1602  M.  Wenn  man  bedenkt,  daß
die  gering  bezahlten  weiblichen  und  jugendlichen  Arbeitskräfte  mehr
als  die  Hälfte  der  Arbeiterzahl  ausmachen,  so  ist  leicht  ersichtlich,
daß  die  Durchschnittsziffer  der  Gesamtlöhne  dadurch  weit  heruntergedrückt ­
  wird.  Als  Jahresverdienst  der  Webereiarbeiter  gibt  von
Schulze-Gävernitz  für  1895  die  Summe  von  624  M.  an 3 ),  eine  Ziffer,
deren  geringe  Höhe  eben  darauf  zurückzuführen  ist.  Einzelne  Angaben ­
  über  Löhne  und  Arbeitszeiten  in  den  letzten  Jahren  finden
sich  hier  und  da  verstreut  in  der  Zeitschriftenliteratur.  So  entnehmen
wir  z.  B.  einer  Notiz  in  der  „Sozialen  Praxis“ 4 ),  daß  der  Lohn  der
Weber  in  Crimmitschau  im  Jahre  1903  18  bis  22  M.,  der  der  Färber
daselbst  13  bis  14  M.  pro  Woche  betrug.  W.  Hasbach  zieht  in
einem  Aufsatz  über  die  englische  Industrie 5 )  einen  Vergleich  zwischen
englischen  und  deutschen  Arbeiterlöhnen  und  kommt  zu  folgenden
Resultaten:  Der  Durchschnittslohn  eines  Baum  Wollspinners  betrage
in  der  Rheinprovinz  3,70—3,80  M.,  in  Bayern,  im  Vogtlande  und  im
Elsaß  3—3,15  M.  täglich,  in  Oldham  dagegen  5  s.  6  d.  bis  6  s.  Ein
Weber  verdiene  pro  Woche  in  Schlesien  9  —  10  M.,  in  Sachsen  12  M.,
am  Rhein  15  —16  M.  In  Lancashire  brächte  es  ein  tüchtiger  Weber
auf  24  s.  Nimmt  man  mit  Hasbach  an,  daß  die  Lebensmittelpreise

1)  A.  a.  O.  S.  308.
2)  A.  a.  0.  S.  138/39.
3)  A.  a.  O.  S.  147  u.  151.
4)  I3-B ahr g-  &amp;gt;903.  S.  404.
5)  W.  Hasbach,  Zur  Charakteristik  der  englischen  Industrie.  In  Schmollers
Jahrbuch  f.  Ges.  u.  Verw.,  N.  F.,  Bd.  XXVII,  1903,  S.  382.
        <pb n="84" />
        73

in  England  ebenso  hoch  sind  wie  in  Deutschland,  so  stände  sich  also
der  englische  Arbeiter  bei  weitem  besser  als  der  deutsche 1 ).  Weiter
meint  aber  derselbe  Autor,  der  deutsche  Arbeiter  leiste  trotz  des  geringeren
Lohnes  nicht  weniger  als  der  englische,  und  gerade  dieser  Umstand
habe  den  Einfluß  der  Ungunst  der  Natur  und  der  geschichtlichen
Entwicklung  aufgehoben  1  2 ).  Es  wäre  nun  interessant  zu  wissen,  wie
sich  die  Löhne  der  Hausweber  zu  denen  der  anderen  verhalten,  aber
nur  wenige  konkrete  Angaben  stehen  uns  da  zu  Gebote.  Vor  allem
finden  wir  in  dem  Band  LXXXIV  der  „Schriften  des  Vereins  für
Sozialpolitik“ 3 )  eine  Anzahl  von  Untersuchungen  über  Llausindustrie
und  Heimarbeit.  Die  Löhne  der  Hausweber  werden  meist  im  Akkordsatz ­
  gezahlt,  sie  bewegen  sich  zwischen  13  und  60  Pfg.  pro  Meter 4 ).
Fragen  wir  danach,  was  denn  nun  ein  Hausweber  im  Durchschnitt
verdienen  kann,  wenn  er  täglich  12  bis  14  Stunden  arbeitet,  so  lautet
die  Auskunft  recht  verschieden.  Im  Elsaß  —  hier  hat  sich  die  Hausweberei ­
  nur  in  Markirch  gehalten  —  sind  die  Verhältnisse  am  besten 5 ),
im  südlichen  Schwarzwald 6 )  und  im  schlesischen  Eulengebirge 7 )  am
schlechtesten.  Dort  soll  der  höchstmögliche  Tagesverdienst  3,50  M.
betragen,  hier  1  M.,  ja  auf  den  Kämmen  des  Eulengebirges  beträgt
der  Verdienst  bei  fünfzehnstündiger  Arbeitszeit  5  —  6  M.  in  der  Woche
und  noch  weniger 8  * ).  In  dem  Handelskammerbezirk  Bayreuth  war  der
Tageslohn  im  Jahre  1902,  einem  Jahre,  in  dem  die  Löhne  der  Handweber
allerdings  bedeutend  zurückblieben,  für  zwei  Personen  zusammen  2  M. tt ).
Und  trotzdem  hält  sich  die  Hand-  und  Hausweberei  noch  immer!
Anschaulicher  als  Einzeldaten  ist  eine  Übersicht  über  die  Entwicklung ­
  der  Löhne.  Von  Nutzen  hierfür  sind  die  Daten  der  „Baumwollspinnerei ­
  am  Stadtbach“  in  Augsburg 10 ).  Deren  Lohnsätze  sind
durchschnittlich  höher  als  die  übrigen  mir  von  Bajmrn  und  Sachsen
bekannten  und  niedriger  als  die  im  rheinisch-westfälischen  Industriebezirk ­
  und  im  Oberelsaß  üblichen,  sie  können  daher  wohl  als  Durchschnittslöhne ­
  für  ganz  Deutschland  gelten.  Wenn  wir  die  beiliegende
graphische  Darstellung  betrachten,  so  sehen  wir,  daß  die  Löhne  in
1)  W.  Hasbach,  S.  386.
2)  Ebenda  S.  391.
3)  Leipzig  1899,  S.  191  ff.,  S.  385—399,  S.  465—506.
4)  R.  Liefmann,  Die  Hausweberei  im  Elsaß.  Daselbst,  S.  226.
5)  Ebenda  S.  226.
6)  Heinrich  Bernheim,  Die  Hausindustrie  des  südlichen  Schwarzwaldes,  S.  396.
7)  u.  8)  A.  Glücksmann,  Die  Hausweber  im  schlesischen  Eulengebirge,  S.  498.
R.  Wilbrandt,  Die  Weber  in  der  Gegenwart.  Jena  1906,  S.  55  ff.
9l  Jahresbericht  der  Handels-  u.  Gew.-Kammer  für  Oberfranken  pro  1902,  S.  X44.
10)  Jahresbericht  der  Handels-  u.  Gew.-Kammer  für  Schwaben  u.  Neuburg  1903,  S.  4  u.  5.
        <pb n="85" />
        der  Zeit  vom  Jahre  1865  bis  zum  Jahre  1903  zwei  deutliche  Perioden
der  Steigerung  durchgemacht  haben,  zwischen  denen  eine  Zeit  relativer ­
  Beständigkeit  liegt.  Die  Löhne  stiegen  einmal  von  1866  bis
1875  fast  ohne  Unterbrechung  von  370  auf  510  M.,  d.  h.  um  ca.
38°/ 0 ,  und  das  andere  Mal  von  1889  bis  1895  um  30,3%,  sie  fielen
zwischen  1875  und  1889  unterteilweise  nicht  geringen  Schwankungen
von  510  auf  495  M.  Zur  Beurteilung  der  Lebenshaltung  der  Arbeiter
müßte  man  die  von  Ort  zu  Ort  wechselnden  Bedürfnisse  und  Lebensmittelpreise ­
  in  Betracht  ziehen,  über  welch  letztere  die  Reichsstatistik
ja  regelmäßig  Veröffentlichungen  bringt.  Es  sei  deshalb  die  Lohnhöhe ­
  in  Beziehung  gesetzt  zu  dem  Preise  eines  Doppelzentners  Weizenmehl ­
  im  Münchener  Großhandel.  Wie  man  sieht,  zeigt  dieser  eine
teilweise  ganz  entgegengesetzte  Richtung,  im  allgemeinen  aber  abnehmende ­
  Tendenz,  das  Steigen  der  Arbeitslöhne  tritt  auf  diese
Weise  noch  deutlicher  in  Erscheinung.  Aber  dieser  Vergleich  ist
nur  ein  Notbehelf  und  kann  nicht  über  den  Mangel  an  Kenntnis  der
wirklich  bestehenden  Verhältnisse  hinweghelfen.  Daß  die  Arbeiterverhältnisse ­
  sich  seit  dem  Bestehen  der  Gewerbeordnung  und  seit
dem  Beginn  der  sozialpolitischen  Ära  wesentlich  gebessert  haben,
bedarf  keiner  weiteren  Erörterung.  Namentlich  in  bezug  auf  die
Arbeitszeit  wird  der  Arbeiter  immer  besser  gestellt.
Um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  betrug  die  Arbeitszeit
14,  ja  15  und  16  Stunden  in  den  Spinnereien,  die  Arbeiter  mußten
ihr  Essen  in  Hast  und  Eile  verzehren  und  führten  kaum  ein  menschenwürdiges ­
  Dasein;  nach  1870  wurde  meist  die  zwölfstündige  Arbeitszeit ­
  eingeführt  —•  aber  noch  1886  mußte  unter  den  Spinnereibesitzern
des  Handelskammerbezirks  M.-Gladbach  eine  förmliche  Vereinbarung ­
  abgeschlossen  werden,  die  eine  länger  als  12  Stunden  währende
Arbeitszeit  nur  ganz  ausnahmsweise  zuließ')  —,  in  Süddeutschland
hatte  man  schon  Ende  der  achtziger  Jahre  die  elfstündige  Arbeitszeit
als  Regel.  Seit  Anfang  der  neunziger  Jahre  scheint  der  Elfstundentag ­
  allgemein  üblich  geworden  zu  sein.  Im  Jahre  1902  erging  nun
eine  Umfrage  des  Reichskanzlers  bei  den  Gewerbeinspektionen,  ob
es  zweckmäßig  und  durchführbar  sei,  die  tägliche  Arbeitszeit  für
Arbeiterinnen  über  16  Jahre  von  11  auf  10  Stunden  herabzusetzen.
Da  eine  derartige  Verkürzung  der  Arbeitszeit  für  die  weiblichen
Arbeiter,  die  vielfach  mit  den  Vorbereitungsarbeiten  betraut  sind,  in
der  Spinnerei  und  Weberei  gleichzeitig  dieselbe  Arbeitszeitverkürzung
für  alle,  auch  die  männlichen,  in  dem  ganzen  Betriebe  beschäftigten

1)  Jahresbericht  der  Handelskammer  zu  M.-GIadbach  pro  1886,  S.  13.
        <pb n="86" />
        Arbeitskräfte  zur  Folge  haben  würde,  erklärten  die  Industriellen  mit
großer  Mehrheit,  daß  eine  solche  Maßnahme  namentlich  die  Spinnerei
schädigen  würde,  aber  auch  der  Weberei  in  ihrer  Exportfähigkeit
schwere  Fesseln  anlegen  würde.  Ohne  sich  der  Einsicht  zu  verschließen, ­
  daß  unter  Umständen  bei  geringerer  Arbeitszeit  die  Arbeitsleistung ­
  eine  größere  wird,  vertrat  man  die  Meinung,  daß  in  der
Spinnerei  ein  solcher  Ausgleich  der  Arbeitskürzung  durch  intensivere
Arbeitsleistung  deshalb  so  gut  wie  ausgeschlossen  sei,  weil  bei  der
Vervollkommnung  der  Maschinen  die  Handarbeit  keinen  wesentlichen
Einfluß  auf  die  Leistung  ausübe.  Eher  sei  dies  in  der  Weberei  möglich, ­
  und  man  habe  auch  schon  hier  und  da  von  einem  guten  Erfolg
der  Arbeitsverkürzung  zu  berichten  gewußt.  Man  müsse  aber  bedenken, ­
  daß  die  deutsche  Exportindustrie  auf  dem  Weltmarkt  mit
Ländern  in  Wettbewerb  zu  treten  habe,  die  noch  ganz  unbeschränkte
Arbeitszeit,  teilweise  sogar  Tag-  und  Nachtarbeit  für  Arbeiter,  Arbeiterinnen ­
  und  Kinder  hätten,  wie  Italien,  und  nicht  „durch  die
sozialpolitische  Gesetzgebung  belastet“  seien.  Die  Einführung  des
zehnstündigen  Maximalarbeitstages  könne  daher  nur  auf  dem  Wege
einer  internationalen  Vereinbarung  geregelt  werden.  Daß  die  Fabrikanten ­
  sich  durch  die  Fürsorge  des  Reichs  für  die  Arbeiter  nur  belastet ­
  fühlen,  ist  sicherlich  eine  etwas  kurzsichtige  Auffassung.  Denn
wenn  uns  auch  die  Arbeiterschutzgesetze  anderen  Ländern  gegenüber
zunächst  benachteiligen,  so  muß  man  doch  bedenken,  daß  am  letzten
Ende  noch  immer  das  Land  über  ein  anderes  den  Sieg  davongetragen ­
  hat,  das  am  weitesten  in  der  Humanität  fortgeschritten  war.
Der  Streik  der  Weber  in  Crimmitschau,  der  noch  in  aller  Erinnerung ­
  lebt,  hätte  nicht  so  große  Dimensionen  gewinnen  können,  wenn
die  Fabrikanten  im  Anfänge  Verständnis  für  die  Forderungen  der
Weber,  die  eben  hauptsächlich  die  Einführung  des  Zehnstundentages
im  Auge  hatten,  gezeigt  hätten.  Allerdings  späterhin,  als  die  Weber
es  darauf  anlegten,  eine  Probe  von  der  Macht  der  Sozialdemokratie
zu  geben,  wäre  ein  Nachgeben  der  Fabrikanten  verfehlt  gewesen.
Der  Crimmitschauer  Streik  war  der  einzige  große  Streik  im  bisherigen ­
  Leben  der  deutschen  Baumwollindustrie.  Sonderbar,  daß  gerade ­
  er  sich  zu  einer  sozialdemokratischen  Kundgebung  auswachsen
mußte  und  den  Zusammenschluß  der  Unternehmer  im  deutschen
Arbeitgeberverband  herbeiführte!  Übrigens  erinnert  F.  v.  Rottenburg ­
  mit  Recht  daran,  daß  in  England,  als  am  8  Juni  1847  die  berühmte ­
  Zehnstundenbill  erlassen  wurde,  die  Arbeitgeber  den  Ruin  der
ganzen  Industrie  voraussagten*).  Ihre  Prophezeiung  ist  nicht  ein-1)
  F.  v.  Rottenburg,  Die  Kartellfrage  in  Theorie  und  Praxis.  Leipzig  1903,  S.  51.
        <pb n="87" />
        ?6

getroffen,  ja  die  Industrie  hat  Fortschritte  gemacht.  Wer  wollte  aber
bezweifeln,  daß  unsere  ßaumwollindustrie  jetzt  mindestens  [ebensoweit
ist  als  die  englische  in  den  vierziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts?
Die  Behauptung  ist  daher  nicht  zu  kühn,  daß  der  Zehnstundentag  die
deutsche  Baumwollindustrie  keineswegs  in  ihrer  Entwicklung  aufhalten ­
  würde.
Am  Schlüsse  dieses  Kapitels  möchte  ich  darauf  hinweisen,  daß
die  Regierung  einen  sichtbaren  Anlauf  genommen  hat,  die  Arbeiterverhältnisse ­
  ständig  zu  kontrollieren.  Im  Jahre  1902  ging  von  ihr  die
Einberufung  eines  Arbeitsbeirates  der  sozialstatistischen  Abteilung
des  Kais.  Statistischen  Amtes  aus.  Aufgabe  desselben  wird  in  erster
Linie  die  Berichterstattung  über  den  Arbeitsmarkt  sein,  aber  auch
auf  Lohnstatistik,  Wohnungswesen,  Sozialpolitik  der  Gemeinden  und
Gewerbegerichte  sollen  sich  die  Mitteilungen  des  Arbeitsbeirates  erstrecken. ­
  Damit  wäre  eine  große  Lücke  in  der  amtlichen  Statistik
ausgefüllt,  und  es  wäre  nur  zu  wünschen,  daß  sich  diese  Einrichtung
bald  zu  einem  selbständigen  Reichsarbeitsamt  erweiterte.

Kapitel  IX.
Statistische  Mitteilungen.

Am  Ende  des  Entwicklungsganges  der  deutschen  Baumwollindustrie ­
  angelangt,  bleibt  uns  noch  übrig,  einige  statistische  Angaben
zu  machen.  Wenn  wir  damit  vielleicht  auch  nichts  Neues  bringen,  so
tragen  sie  dazu  bei,  das  Gesagte  zu  illustrieren  und  zu  verdeutlichen.
Wie  die  Baumwolle  als  Konsumartikel  eine  immer  größere  Rolle
spielt,  das  zeigen  folgende,  verschiedenen  Jahrgängen  des  statistischen
Jahrbuchs  für  das  Deutsche  Reich  entnommene  Zahlen  für  den  Verbrauch ­
  von  Rohbaumwolle  im  ganzen  und  pro  Kopf  der  Bevölkerung.
Er  betrug  im  jährlichen  Durchschnitt:

im  ganzen
(Tonnen)

pro  Kopf
der  Bevölk.
(kg-)

1836—

1840

8  917

o,34

1841  —

184s

13  246

o,47

1846—

1850

15  782

o,53

1851—

1855

26  441

0,83

1856—

1860

46  529

i,39

1861  —-1865



46  831

b33
        <pb n="88" />
        —  77  —

i866  —1870
1871  —1875
1876—1880
1881  —  1885
1886—1890
1891—1895
1896—1900
1901
1902
1903

im  ganzen
(Tonnen)
68  281
116  390
124  549
152  329
201  046
25 1  2  381
302  316
326  376
335  &amp;lt;&amp;gt;37
3 6 9  73 8

pro  Kopf
der  Bevölk.
(kg)
1,81
2,84
2,86
3,34
4, 1 9
4.95
5,54
5-73
5,79
6,30

Aus  diesen  Verbrauchszahlen  ist  schon  an  früherer  Stelle  (s.

S.  49)  die  Produktion  von  Garn  berechnet  worden.
Die  Anzahl  der  Spindeln  belief  sich  (vgl.  auch  S.  21  und  24)

1875  auf  4265336 1 ).
Martin 2 )  in:
Großbritannien
Verein.  Staaten
Deutschland  .
F  rankreich
Rußland  .
Österreich  .

Im  Vergleich  dazu
1877
.  .  ,  .  39527920
.  .  .  .  10  OOO  OOO
.  .  .  .  4  600  OOO
•  •  •  •  4875324
.  .  .  .  2  500  OOO
.  .  .  .  I  558  OOO

betrug  dieselbe  nach
1892
4°  511  934*)
14  600  OOO
6  000  000**)
4  800  OOO
4  900  000
2  600  000

*)  Tätige  Spindeln,  **)  einschließlich  Vigognespindeln.

Die  Spindelzahl  stieg  fernerhin  in  Deutschland  auf  6260424
im  Jahre  1895,  auf  738162g  in  1898  und  8434601  in  1901.  Die
Zahl  der  mechanischen  Webstühle  war  dagegen  1895:  170533;  1898:
194726  und  1901.  211818 3 ).  Des  Vergleichs  halber  führe  ich  nach
Büchers  Zeitschrift  folgende  Zahlen  an:

Tabelle 4  * ).

Spindeln

Millionen)

Kraftstühle

um  1890

Anf.  1904

um  1890

Anf.  1904

Großbritannien

44  5°4

49  727

615  7 1 4

719  398

Vereinigte  Staaten  ....

•5  497

21  314

250  OOO

488  OOO

Deutsches  Reich  ....

5  500

8  434

245  OOO  (?)

2  I  2  OOO

Rußland

4  600

6  850

90  OOO

158  OOO

Frankreich

4  9&amp;gt;4

6  150

72  784

108  OOO

Ostindien

3  272

5  OOO

24  670

43  000

Spanien

1  885

2  614

7  559

68  000

Italien

1  800

2  700

30  OOO

I  I  O  OOO

Österreich-Ungarn  ....

2  898

3  250

49  650

I  IO  OOO

1)  R.  Jannasch,  a.  a.  O.  S.  315.
2)  R.  Martin,  Der  wirtschaftliche  Aufschwung  der  Baumwollindustrie  im  Königreich ­
  Sachsen.  Schm  oll  er  s  Jahrbuch  1893,  S.  666.
3)  Diese  Zahlen  entstammen  verschiedenen  Notizen  in  der  Volkswirtschaftlichen  Chronik.
4)  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft.  Herausgegeben  von  Büchei,
60.  Jahrg.,  Tübingen  1904,  S.  379.
        <pb n="89" />
        78

Interessant  ist  eine  Gegenüberstellung  der  Ergebnisse  der  drei
im  Deutschen  Reich  bisher  veranstalteten  Gewerbezählungen  in  bezug
auf  die  Baumwollindustrie i ).  Um  den  Vergleich  durchzuführen,  müssen
wir  uns  vorher  über  die  Vergleichbarkeit  der  Zahlen,  über  ihren  Inhalt ­
  und  über  das,  was  wir  aus  ihnen  entnehmen  wollen,  klar  sein.
Zunächst  muß  wohl  daraufhingewiesen  werden,  daß  bei  allen  statistischen
Erhebungen  —  sie  mögen  an  sich  noch  so  sorgfältig  vorgenommen
werden  —  Fehler  unterfließen,  deren  Ursprung  in  der  großen  Fülle  der
Einzeldaten  liegt,  nämlich  Rechenfehler.  Eine  andre  Art  von  Fehlern
wird  dadurch  verursacht,  daß  von  seiten  derer,  die  über  die  gewerblichen ­
  Verhältnisse  Auskunft  zu  geben  haben,  vielleicht  unwissentlich
unrichtige  Angaben  gemacht  werden.  Würden  diese  Fehler  bei  allen
drei  gewerbestatistischen  Aufnahmen  in  derselben  Weise  wiederkehren,
so  würde  dadurch  die  innere  Vergleichbarkeit  der  Zahlen  nicht  beeinflußt. ­
  Tatsächlich  ist  aber  die  Genauigkeit  der  Massenbeobachtungen
nicht  immer  die  gleiche  gewesen.  Die  Reichsstatistik  selbst  sagt,  die
für  die  1875  er  Zählung  erlassenen  Vorschriften  ließen  „nach  mehreren
Richtungen  hin  diejenige  Präzision  vermissen,  welche  für  ein  richtiges
Verständnis  der  gestellten  Fragen  und  damit  für  die  Erlangung  zuverlässiger ­
  Angaben  unumgänglich  notwendig  ist 2 )“.  Schon  darum
erscheint  es  gerechtfertigt,  die  Zählung  von  1875  nicht  mit  denen
von  1882  und  1895  zu  vergleichen.  Es  kommt  aber  noch  ein  Umstand ­
  hinzu,  der  speziell  in  betreff  der  Baumwollweberei  von  größter
Wichtigkeit  ist.  Die  erste  Gewerbezählung  fand  nämlich  im  Winter
statt,  die  andern  beiden  dagegen  im  Sommer.  Nun  wird  die  Weberei
erfahrungsgemäß  zu  einem  großen  Teil  hausindustriell  betrieben.  Im
Sommer  aber  liegen  die  kleinen  Leute,  die  im  Winter  am  Webstuhl
stehen,  fast  durchweg  der  Landwirtschaft  ob.  Es  kann  uns  daher
gar  nicht  wundern,  daß  die  Zahl  der  in  der  Weberei  Beschäftigten
im  Jahre  1875  eine  viel  größere  war  als  1882  und  1895.  Wir  können
es  ferner  auch  deshalb  nicht  recht  wagen,  alle  drei  Zählungen  miteinander ­
  zu  vergleichen,  weil  nur  die  beiden  letzten  spezielle  Nachweise ­
  über  die  Hausindustrie  enthalten.  Es  dürfte  sich  aber  empfehlen,
die  Entwicklung  der  Hausindustrie  gesondert  zu  betrachten.  Wir
wollen  die  Frage  zu  beantworten  suchen:  wie  verhalten  sich  Handwerk, ­
  Hausindustrie,  kleine  Fabriken  und  Großbetrieb  zu  einander,

1)  Gewerbezählung  vom  i.  Dez.  1875:  Statistik  des  Deutschen  Reichs,  Bd.  XXXIV,
1.  Teil,  und  Bd.  XXXV,  2.  Teil.  —  Gewerbezählung  vom  5.  Juni  1882:  Statistik  des
Deutschen  Reichs,  Neue  Folge,  Bd.  VI.  —  Gewerbezählung  vom  14.  Juni  1895:  Statistik
des  Deutschen  Reichs,  Neue  Folge,  Bd.  LXIII.
2)  Statistik  des  Deutschen  Reichs,  N.  F.,  Bd.  VI,  S.  105*.
        <pb n="90" />
        79

und  welches  ist  die  Entwicklungstendenz,  die  sich  darin  offenbart?
Zum  Handwerk  rechnen  wir  dabei  die  Betriebe  mit  höchstens  io  Personen, ­
  zu  den  kleinen  Fabriken  diejenigen  mit  11—50  Personen.  Da
die  „Nebenbetriebe 1 )“  von  der  Reichsstatistik  selbst  nur  nebensächlich
behandelt  werden  —  sie  werden  auch  nur  in  Allein-  und  Gehilfenbetriebe ­
  geschieden  —,  wollen  wir  nur  die  Hauptbetriebe  berücksichtigen. ­
  Die  Plausindustrie,  deren  Werkstätten  nicht  von  den  Handwerks- ­
  und  Fabrikbetrieben  getrennt  wurden,  wird  zwar  auch  nicht
nach  Größenklassen  klassifiziert,  wir  können  aber  rechnungsmäßig
mit  ziemlicher  Genauigkeit  herausfinden,  welche  Werkstätten  dem
Handwerk,  welche  den  kleinen  Fabriken  zuzurechnen  sind  —  hausindustrielle ­
  Großbetriebe  dürfte  es  kaum  geben 1  2 ).
Nach  diesen  Vorbemerkungen  schreiten  wir  zur  Statistik  selbst,
und  zwar  betrachten  wir  1.  die  Entwicklung  der  Baumwollspinnerei,
2.  die  der  Baumwollweberei  und  3.  die  der  Baumwollbleicherei,
-Färberei  etc.  Von  einer  Berücksichtigung  anderer  Zweige  der  Baumwollindustrie ­
  müssen  wir  absehen,  da  die  Reichsstatistik  bei  der
Häkelei  und  Stickerei,  der  Posamentenfabrikation,  der  Strickerei  und
Wirkerei,  der  Handschuhfabrikation  und  der  Spitzenverfertigung  keine
Unterscheidung  nach  den  verwandten  Rohstoffen  trifft.

I.  Baumwollspinnerei.
Bei  der  Gewerbezählung  am  1.  Dezember  1875  wurden  im  ganzen
1597  Betriebe  ermittelt.  Von  diesen  waren  1477  Hauptbetriebe  (mit
Einschluß  der  hausindustriellen  Werkstätten).  In  allen  Betrieben  zusammen ­
  waren  66675  Personen  (33385  Männer,  33290  Frauen)  beschäftigt. ­
  Die  Gliederung  der  Hauptbetriebe  nach  Betriebsformen
gestaltete  sich  folgendermaßen:  Die  Zahl  der  Handwerksbetriebe  betrug ­
  1081,  die  der  kleinen  Fabriken  138  und  die  der  Großbetriebe
258.  Wie  sich  die  Personenzahl  auf  diese  Größenklassen  verteilt,
entzieht  sich  leider  unserer  Kenntnis.  Die  258  fabrikmäßigen  Großbetriebe ­
  können  wir  noch  in  drei  Kategorien  zerlegen.  Es  entfielen
auf  die  Betriebe  mit  51  bis  200  Personen:  162  Betriebe
»  u  i)  201  ,,  1000  ,,  93  ft
„  „  „  „  über  1000  „  3

1)  „Betriebe,  in  denen  keine  Person  mit  ihrer  Hauptbeschäftigung  tätig  ist“  (Stat.
d.  Dtsch.  R.,  N.  F.,  Bd.  VI,  i.  Teil,  S.  24*).
2)  Ludwig  Sinzheimer,  Über  die  Grenzen  der  Weiterbildung  des  fabrikmäßigen
Großbetriebs  in  Deutschland.  Stuttgart  1893,  S.  40  u.  41.
        <pb n="91" />
        8o

Demgegenüber  weisen  die  Gewerbezählungen  vom  5.  Juni  1882  und
14.  Juni  1895  nach  (Tabelle  A);

Jahr

Betriebe
überhaupt

Davon
Hauptbetriebe

Personen  der  Hauptbetriebe

Von  allen  Betrieben ­
  s.
Alleinbetriebe

Tn  °i
- L11  10
ausgedrückt ­


Männer

Frauen

Zusammen

1882
!895

2  446

5  842
1991

27  577
34  386

33  393
40  421

60  970
74  807

5  977
1767

88,5
7  2,2

Wir  sehen  also;  Rückgang  der  Zahl  der  Betriebe,  Zunahme  der  beschäftigten ­
  Personen.  Die  Erklärung  dafür  ist  mit  zwei  Worten
gegeben:  Der  Rückgang  der  Zahl  der  Betriebe  ist  der  Abnahme  der
hausindustriellen  Werkstätten  zuzuschreiben;  daneben  haben  wir  eine
stetige  Vergrößerung  der  Fabrikbetriebe.  Um  das  zu  beweisen,  bedarf ­
  es  nur  weniger  Zahlen.  1882  waren  unter  allen  Betrieben  5499
(darunter  4694  Hauptbetriebe),  d.  h.  81,5%,  Hausindustrie-Werkstätten,
der  Betrieb  wurde  „zu  Haus  für  fremde  Rechnung“  ausgeübt,  wie
die  Definition  der  Reichsstatistik  lautet.  1895  aber  waren  es  nur
noch  1432,  d.  h.  58,5  °/ 0  (darunter  1079  Hauptbetriebe).  Die  Personenzahl ­
  der  hausindustriellen  Werkstätten  (Hauptbetriebe)  war  1882:
4943  und  1895:  1296  (nach  den  Angaiben  der  Unternehmer  nur  1200
bezw.  635)  *).  Für  die  nicht  hausindustriellen  Hauptbetriebe  bleiben
demnach  im  Jahre  1882  1148  mit  56027  Personen,  im  Jahre  1895
912  mit  73511  Personen  übrig.  Wie  gliedern  sich  nun  die  Hauptbetriebe ­
  nach  Betriebsformen?  In  der  folgenden  Tabelle  B  erscheinen
zunächst  die  hausindustriellen  Werkstätten  zusammen  mit  den  Handwerks- ­
  und  Fabrikbetrieben.

B.  Die  Betriebe  bezw.  hausindustriellen  Werkstätten
nach  Größenklassen.

Zahl  der  Hauptbetriebe  mit

Personen

Jahr

1.  höchstens  10

2.  11--50



3.  51  und  mehr

absolut

°/
Io

absolut

°/
Io

absolut

°/
Io

1882

5  466

93,5

127

2,2

249

4,3

1895

1572

78,9

ns

5,8

304

H,3

1)  Der  Umfang  der  Hausindustrie  ist  sowohl  1882  wie  1895  auf  zwiefache  Weise
zur  Ermittelung  gelangt:  durch  Nachfrage  bei  den  Unternehmern  und  duich  Nachfrage  bei
den  Hausindustriellen  selbst.  Als  hausindustrieller  Betrieb  wurde  dabei  einmal  das  Verlagsgeschäft ­
  und  dann  die  Werkstätte  der  Hausindustriellen  angesehen.  Unter  der  Gesamtzahl
der  ,,Betriebe“  wurden  nun  von  der  Reichsstatistik  die  hausindustriellen  Werkstätten
mit  inbegriffen.  Da  diese  Angaben  auf  den  Auskünften  der  Hausindustriellen  beruhen, ­
  müssen  wir  konsequenterweise  auch  die  Zahl  der  in  der  Hausindustrie  Beschäftigten
danach  feststellen,  trotzdem  die  Reichsstatistik  selbst  die  Angaben  der  Unternehmer  dafür
für  richtiger  hält  (Stat.  d.  Dtsch.  R.,  N.  F.,  Bd.  VI,  1.  Teil,  S.  83*).  Letzteres  mag  zutreffen ­
  im  ganzen,  im  einzelnen  jedenfalls  wäre  es  unstatthaft,  einmal  diese,  einmal  jene
Angaben  zugrunde  zu  legen.
        <pb n="92" />
        8i

Um  die  hausindustriellen  Werkstätten  gesondert  klassifizieren
zu  können,  müssen  wir,  wie  gesagt,  eine  kleine  Rechnung  vornehmen.
1882  waren  z.  B.  vorhanden  4694  Hauptbetriebe  unter  den  hausindustriellen
  Werkstätten.  4585  davon  waren  Alleinwerkstätten,  gehören ­
  also  sicher  zu  der  1.  Rubrik  in  obiger  Tabelle.  Von  den  109
hausindustriellen  Gehilfenbetrieben  können  wir,  wenn  wir  die  Rechnung ­
  analog  L.  Sinzheim  er  durchführen 1 ),  noch  93  der  ersten
Größenklasse  überweisen,  so  daß  16  für  die  zweite  übrig  bleiben.  Die
Rechnung  beruht  darauf,  daß  man  annimmt,  die  hausindustriellen
Gehilfenwerkstätten  der  1.  Größenklasse  beschäftigen  durchschnittlich
2  Personen,  diejenigen  der  2.  Größenklasse  11  Personen.  Bezeichnet
dann  x  die  Anzahl  der  Werkstätten,  die  noch  der  1.  Größenklasse,
y  die  Zahl  der  Werkstätten,  die  der  2.  Größenklasse  zu  überweisen
sind,  so  ist  2  x  -)-  11  y  =  358,  denn  358  ist  die  Zahl  der  Personen,
die  auf  alle  hausindustriellen  Gehilfenbetriebe  entfallen,  und  ferner
ist  x  -)-  y  =  109.  Aus  den  beiden  Gleichungen  ergibt  sich,  daß
annähernd  x  =  93,  y  =  16,  d.  h.,  daß  93  hausindustrielle  Gehilfenwerkstätten ­
  mit  187  Personen  zu  den  Betrieben  mit  höchstens  10  Personen ­
  zu  rechnen  sind,  die  Testierenden  16  mit  171  Personen  aber
zu  den  Betrieben  mit  11—50  Personen  gehören.  Dieselbe  Rechnung
sei  für  1895  durchgeführt.  Wir  erhalten  dann  folgendes  Resultat:

C.  Zahl  der  hausindustriellen  Werkstätten  mit  ....  Personen'-).

Jahr

höchstens  10

11—50

Zusammen

1882

4678  (4585  Alleinbetriebe  -f-  93  Geh.-Betriebe)

16

4694

1895

1062  (1015  „  +47  »  )

17

1079

Nunmehr  erhalten  wir  folgendes  Bild  von  der  Gliederung  der
Hauptbetriebe  nach  Betriebsformen;
D.  Die  Betriebe  nach  Betriebsformen 3 ).

Handwerksmäßige

Hausindustrielle

Fabrikmäßige  Groß-Jahr



Betriebe

Werkstätten

betriebe

absolut

0/
Io

absolut

0/
10

absolut

°/
10

absolut

°i
Io

1882

788

■  3.5

4694

80,3

111

1.9

249

4.3

1895

5 10

25,6

1079

54&amp;gt;2

98

4,9

304

15.3

»  1)  L.  Sinzheimer,  a.  a.  O.  S.  43—45.
2)  Nach  den  Angaben  der  Unternehmer  beschäftigten  im  Jahre  1882  80  Betriebe
Personen  in  der  Hausindustrie,  davon  48  bis  zu  10  Personen,  28  11—50  Personen  und  4
über  50  Personen,  zusammen,  wie  bereits  erwähnt,  1200  Personen.  1895  beschäftigten
54  Betriebe  635  Personen  in  der  Hausindustrie.
3)  L.  Sinzheimer  stellt  sich  im  Widerspruch  mit  der  Reichsstatistik  auf  den  Standpunkt, ­
  daß  die  hausindustriellen  Werkstätten  gar  keine  „Betriebe“  seien,  sie  bildeten  viel-Abhandlungen
  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  III,  Heft  8.  6
Lochmüller,  Entwicklung  der  deutschen  Baum  Wollindustrie,
        <pb n="93" />
        82

Wie  sich  die  Gewerbtätigen  auf  die  verschiedenen  Betriebsformen ­
  verteilen,  zeigt  die  nachfolgende  Tabelle:
E.  Verteilung  der  Gewerbtätigen  auf  die  verschiedenen
Betriebsformen  (jährlicher  Durchschnitt).

Personen  in

Jahr

handwerksmäßigen

hausindustriellen

kleinen  Fabrikfabrikmäßigen

  Groß-Betrieben



Werkstätten

betrieben

betrieben

absolut

0/
'0

absolut

°/
Io

absolut

°/
Io

absolut

°/
'0

1882

1617

2,6

4943

8,1

3242

5.3

51338

84,0

1895

1142

1.5

1296

1.7

2928

3,9

69  441

92,9

Hiernach  ist  evident,  daß  die  Entwicklung  ganz  entschieden
nach  Vermehrung  und  Vergrößerung  der  Großbetriebe  strebt  auf
Kosten  namentlich  der  Hausindustrie.  Innerhalb  der  Großbetriebe
verschiebt  sich  das  Verhältnis  etwas  zugunsten  der  mittleren  Großbetriebe, ­
  wie  wir  das  aus  der  Tabelle  F  ersehen.

F(a).  Umfang  der  fabrikmäßigen  Großbetriebe  nach
Größenklassen.

Zahl  der  fabrikmäßigen

Auf  einen  Betrieb  kommen

Von  allen  fabrikmäßigen

Großbetriebe  mit

..  Perdurchschnittlich

  Personen  bei

Großbetrieben  sind  °L  die

Jahr

sonen

den  Betrieben  mit

..  .  Pers.

Betriebe  mit  .  .  .

Personen

0
0
w
LO

201—1000

üb.  1000

51—200

201  —1000

über  1000

51—200

201—1000

über  1000

1882

165

83

1

112,3

381,4

1150

66,3

33,3

0,4

1895

178

&amp;gt;25

1

115,0

381,7

1256

58,6

4M

0,3

F(b).  Verteilung  der  Gewerbtätigen  innerhalb  der  fabrik
mäßigen  Großbetriebe.

Jahr

Es  kommen  Personen  auf  die  Betriebe  mit  .  .  .  Personen

5 1 — 2
absolut

OO
01
lo

201  —  I
absolut

DOO
°/
Io

mehr  als
absolut

1000
°/
lo

Zusammen

1882
1895

&amp;gt;8  533
20475

36.1
29,5

3 1 655
47  7'0

61.6
68.7

1150
1256

2.3
1,8

5 1  338
69441

mehr  unter  sich  und  mit  dem  Stammbetrieb  ein  organisches  Ganze  (a.  a.  O.  S.  46),  Dann
müßte  aber  die  ganze  Statistik  auf  anderen  Grundlagen  aufgebaut  sein.  Um  zu  zeigen,  wie
das  Resultat  anders  lauten  würde,  wenn  wir  die  Sinzheimersche  Methode  akzeptierten,
sei  noch  folgende  Tabelle  gegeben:

Gliederung  der  Betriebe  nach  Betriebsformen.

Handwerksmäßige

Haus  industrielle

Fabrikmäßige

Jahr

Betriebe

Betriebe

Großbetriebe

absolut

0  /
‘0

absolut

°/
lo

absolut

°/
lo

absolut

0/
'0

1882

788

64,2

80

6.5

I  I  I

9,0

249

20,3

1895

510

52,8

54

s.e

98

10,1

304

3‘.5

Auf  diese  Weise  bekämen  wir  mehr  Betriebe  heraus,  als  die  Reichsstatistik  mit  Abzug  der
hausindustriellen  Werkstätten  angibt.
        <pb n="94" />
        83

II.  Baumwollweberei.
Die  Gewerbezählung  von  1875  weist  unter  den  97  588  Betrieben
überhaupt  nach:  93  501  Hauptbetriebe,  von  denen  weitaus  die  meisten,
nämlich  92  620,  höchstens  fünf  Gehilfen  hatten.  In  allen  Betrieben
zusammen  sollen  beschäftigt  gewesen  sein  136541  Männer  und
56948  Frauen.  Die  881  Hauptbetriebe  mit  mehr  als  fünf  Gehilfen
(mit  zusammen  70437  Personen)  verteilen  sich  folgendermaßen;  Betriebe ­
  mit  6  —10  Personen  177,  Betriebe  mit  11—-50  Personen  363,
mit  51—200  Personen  253,  86  hatten  201  —1000  Personen  und  2
mehr  als  1000  Personen.  Die  vergleichenden  Tabellen  folgen  analog
denen  unter  I.
A.

Jahr

Betriebe

Haupt-Personen

  der  Hauptbetriebe

Von  allen  Betrieben

In

überhaupt

betriebe

Männer

Frauen

Zusammen

s.  Alleinbetriebe

°/
Io

1882

56  217

48  949

76  384

49  576

125  960

44  035

78,3

1895

32  75 1

28  997

74  756

72  365

147  121

23  270

71,1

B.  Die  Betriebe  bezw.  die  hausindustriellen  Werkstätten
nach  Größenklassen.

Zahl  der  Hauptbetriebe

mit  .  .

.  Personen

Jahr

1.  höchstens  10

2.  I  I--50



3.  51  und  mehr

absolut

°/
Io

absolut

°/
/  0

absolut

01
Io

1882

48  454

98,9

202

0.5

293

0,6

1895

28  240

97,3

282

1,0

476

‘,7

C.  Zahl  der  hausindustriellen  Werkstätten  mit
.  .  .  Personen 1 ).

Jahr

höchstens  10

n—so

Zusammen

1882

40  382  (31876  +  8506)

202

40584

1895

24  021  (17  830  +  6x91)

282

24  303

D.  Gliederung  der  Betriebe  nach  Betriebsformen.

Jahr

Handwerksm.  Betriebe

Hausindustr.  W  erkstätten

Kleine  Fabriken

Fabrikmäß.  Großbetr.

absolut

°/„

absolut

0/
Io

absolut

0/
Io

absolut

°/
Io

1882

8072

■6,5

40584

82,9

'S.  1  2 )

293

0,6

1895

4218

H,5

24  302

83.8

■st

476

1,7

1)  Nach  den  Angaben  der  Unternehmer  beschäftigten  1882  im  ganzen  905  Betriebe
31  904  Personen  in  der  Hausindustrie,  davon  147  über  50  Personen.  1895  beschäftigten
607  Betriebe  29  330  Personen  in  der  Hausindustrie,  davon  134  über  50.
2)  Es  wurde  hier  angenommen,  daß  kleine  Fabriken  nicht  vorhanden  waren,  sondern
mit  zu  den  hausindustriellen  Werkstätten  gehörten.

6*
        <pb n="95" />
        -  8 4  -

E.  Verteilung  der  Gewerbtätigen  auf  die  Betriebsformen.

Personen  in:

Jahr

Handwerksbetrieben

Hausindustr.  Werkstätten

Klein.  Fabriken

Fabrikin.  Großbetr.

absolut

°/
lo

absolut

°/
Io

absolut

°/
1 0

absolut

0/
10

1882

16  090

12,8

52  295

4'-  7

'Sl

ia

57  206

45.5

1895

15  012

10,2

33  208

22,6

's.

^a

98  got

67,2

F.  Umfang  der  fabrikmäßigen  Großbetriebe  nach  Größenklassen. ­


Jahr

Zahl  der  fabrikm.  Großbetriebe
mit  ..  .  Personen

Es  kamen  Personen  auf  die  Betriebe ­
  mit  .  .  .  Personen

Auf  einen  Betrieb
kommen  durchschn.
Personen  b.  d.  Betr.
mit  .  ..  Personen

5  *—

200

201  —

IOOO

über  tooo

5 1 —

200

201  —

OOO

über  1000

51  bis

201  bis

über

absol.

0/
/  0

absol.

0 /
Io

absol.

°/
/  0

absol.

°J
Io

absol.

7«

absol.

0/
Io

200

IOOO

IOOO

1882

204

69,6

87

29,7

2

0,7

21  117

36.9

33  31/

58,2

2772

4.9

103-5

383,0

1386

1895

332

69.7

137

28,8

7

1,5

36408

sM

52442

53.0

1005  1

10,2

109,7

382,8

1435-9

III.  Baumwollbleicherei,  -Färberei  etc.
1875  waren  vorhanden  968  Betriebe,  darunter  756  Hauptbetriebe.
Die  Personenzahl  aller  Betriebe  betrug  20277  (15619  Männer,  4658
Frauen).  Schon  damals  kamen  die  meisten  Personen,  nämlich  19206,
auf  Betriebe  mit  mehr  als  5  Gehilfen.  6—10  Personen  hatten  51  Betriebe, ­
  11—50  Personen  102,  die  Großbetriebe  mit  über  50  Personen
beliefen  sich  auf  75.  1882  und  1895  stellten  sich  die  Verhältnisse
wie  folgt:  (A)  1882  waren  unter  1281  Betrieben  1162  Hauptbetriebe
mit  23756  Personen  (18241  Männer,  5515  Frauen).  406  Betriebe  =
31,7%  waren  Alleinbetriebe.  i895  waren  1223  Betriebe  insgesamt
vorhanden,  darunter  nog  Plauptbetriebe.  In  den  Hauptbetrieben
waren  tätig  24393  Männer,  8225  Frauen,  zusammen  32618  Personen.
Die  Alleinbetriebe  (440)  machten  36  °/ 0  der  Gesamtheit  aus.  Der
Kürze  halber  sei  diesmal  gleich  das  Resultat  der  Tabellen  B  und  C
mitgeteilt:

D.  Gliederung  der  Hauptbetriebe  nach  Betriebsformen.

&amp;gt;-&amp;lt;

Handwerksm.  Betriebe

Hausind.

Werkstätten

Kleine  Fabriken

Fabrikm.  Großbetrieb

c3

absolut

0 /
Io

absolut

0/
lo

absolut

°f
lo

absolut

0/
lo

1882

665

57,2

271

23,3

'45

12,6

81

6,9

1895

425

38,3

3 00

27,1
.

161

'4,5

123

20,1
        <pb n="96" />
        85

E.  Verteilung  der  Gewerbtätigen  auf  die  verschiedenen
Betriebsformen.

Personen  in

handwerksm.  Betrieben

hausind.  Werkstätten

kleinen

ETabriken

fabrikm  .Großbetrieben

p-j

absolut

°/
Io

absolut

°/
Io

absolut

0/
Io

absolut

°l
Io

1882

2612

11,0

492  ■)

2,1

3572

15,4

17  080

71,5

1895

2073

6,3

727  b

2,2

4296

15,3

25  522

78,2

F.  Umfang  der  fabrikmäßigen  Großbetriebe  nach  Größenklassen. ­


Jahr

Zahl  der  fabrikm.  Großbetriebe
mit  ...  Personen

Zahl  d.  Personen  in  den  Betrieben
mit  ..  .  Personen

Auf  einen  Betrieb  kommen ­
  durchschn.  Person,
bei  den  Betrieben  mit
.  ..  Personen

5i  —
absol.

200
0/
Io

201  —
absol.

1000
°/o

über
absol.

000
°/
Io

BI“
absol.

200
°/
Io

201
absol.

[OOO
%

über
absol.

OOO
0/
Io

51  bis
200

201  bis
1000

über
1000

1882
1895

60
88

744
71,6

18
31

22,2
25,2

3
4

3,7
3,2

5924
8312

34,7
32,5

7  653
12  575

44, 8
49,3

3503
4635

20,5
I  8.2

9 8 ,7
94,5

425,2
405,6

1167,7
u58,8

Ziehen  wir  nunmehr  das  Fazit  aus  unseren  Untersuchungen,  so
sehen  wir  durchaus  nicht  dieselbe  Entwicklung  bei  den  drei  Hauptzweigen ­
  der  Baumwollindustrie.  Zwar  überall  finden  wir  Abnahme
der  Betriebe,  Zunahme  der  Personenzahl,  was  auf  die  Vergrößerung
der  Betriebe  schließen  läßt.  Im  Gegensatz  zu  Spinnerei  und  Weberei
aber  nehmen  wir  bei  der  Bleicherei  etc.  eine  Zunahme  sowohl  der
Allcinbetriebe  (Tab.  A)  als  auch  der  hausindustriellcn  Werkstätten
(Tab.  D  u.  E)  wahr.  Vergleichen  wir  die  Entwicklung  der  anderen
Betriebsformen,  so  ist  es  am  richtigsten,  wir  betrachten  nicht  das
Wachstum  bezw.  den  Rückgang  absolut,  sondern  das  gegenseitige
Verhältnis,  also  die  Prozentzahlen.  Alsdann  ergibt  sich,  daß  die
Handwerksbetriebe  und  die  kleinen  Fabriken  der  Personenzahl  nach
überall  einen  deutlichen  Rückgang  erfahren  haben,  nach  der  Zahl
der  Betriebe  freilich  ist  in  beiderlei  Hinsicht  bei  der  Spinnerei  eine
Zunahme  zu  verzeichnen.  Allen  drei  Zweigen  gemeinsam  ist  aber
wieder  das  beträchtliche  Anwachsen  des  Großbetriebes.  Die  Zahl
der  in  Großbetrieben  tätigen  Personen  ist  bei  der  Spinnerei  gestiegen
von  84°/ 0  in  1882  auf  92,9%  in  1895,  bei  der  Weberei  von  45,5%
auf  67,2,  bei  der  Bleicherei  etc.  von  71,5  auf  78,2  °/ 0 ,  am  stärksten
1)  Nach  den  Angaben  der  Unternehmer  beschäftigten
1882  5  Betriebe  38  Personen  in  der  Hausindustrie,
1895  2 °  &amp;gt;,  H5  ..
        <pb n="97" />
        86

also  in  der  Weberei.  Innerhalb  der  Großbetriebe  nun  weisen  verhältnismäßig ­
  die  größte  Zunahme  auf  die  Betriebe  mit  201—-iooo
Personen,  mit  Ausnahme  der  Weberei:  hier  sind  es  die  ganz  großen
Betriebe  mit  mehr  als  1000  Personen.  Nun  noch  ein  Wort  über  die
Benutzung  von  Motoren.  In  der  Spinnerei  benutzten  Motoren:

Betriebe

Davon  W
absolut

r asserkraft
PS

Damp
absolut

f  kraft
PS

Verwendete  Pferdestärken ­
  (PS)  i.  g.

1882
1895

515
524

296
271

28  548

355
4 : 9

115  66 9

144316

In  der  Weberei  benutzten  Motoren;

Betriebe

Davon  Wasserkraft

Dampfkraft

Verwendete  Pferdeabsolut



PS

absolut

PS

stärken  (PS)  i.  g.

1882

430

190

—

356

—

—

1895

1359

214

12855

1079

48  036

61201

In  der  Bleicherei  etc.  benutzten  Motoren:

Betriebe

Davon  V
absolut

r asserkraft
PS

Damp
absolut

fkraft
PS

Verwendete  Pferdestärken ­
  (PS)  i.  g.

1882
1895

389
483

64
52

1086

xoo
396

18  559

19  700

Die  ausgedehnteste  Verwendung  fand  also  die  Dampfkraft,  die
Motorenbenutzung  überhaupt  überwiegt  in  der  Spinnerei,  weil  diese
die  meisten  Maschinen  zum  Betriebe  benötigt.
Im  Anschluß  hieran  bietet  ein  betriebsstatistischer  Vergleich
zwischen  Deutschland  und  England  hervorragendes  Interesse.  Die
Zahlen  beziehen  sich  für  Deutschland  auf  das  Jahr  1895,  für  England ­
  auf  das  Jahr  1891.  In  der  Spinnerei  verteilten  sich  die  Betriebe
wie  folgt 1 ):

Deutschland

England

Es  bildete  Prozente  der  Gesamtzahl

der  Betriebe;

der  Kleinbetrieb  .

•  75.9

1,0

„  Mittelbetrieb  .  .

8,8

20,1

„  Großbetrieb  ,  .

•  15.3

78,9

Diese  Gegenüberstellung  würde  zu  einem  voreiligen  Schluß  verleiten, ­
  wenn  wir  sie  nicht  durch  eine  ähnliche  ergänzten,  die  sich  auf
die  Zahl  der  in  den  Hauptbetrieben  tätigen  Personen  bezieht.  Die
Personenzahl  verteilt  sich  auf  die  Betriebsarten  in  folgender  Weise:
1)  Ich  entnehme  diese  wie  auch  die  folgenden  Angaben  der  Arbeit  von  G.  Brodnitz,
Vergleichende  Studien  über  Betriebsstatistik  und  Betriebsformen  der  englischen  Textilindustrie,
Jena  1902,  S.  17  ff.  Unter  Kleinbetrieb  sind  die  Betriebe  mit  höchstens  5  Personen,  unter
Mittelbetrieb  die  mit  6—50  Personen  zu  verstehen.
        <pb n="98" />
        87

Deutschland  England
Die  in  den  Betrieben  tätigen  Personen  bildeten  Prozente  der  Gesamtzahl:
im  Kleinbetrieb  ...  2,4  0,03
,,  Mittelbetrieb  .  .  .  4,8  4,02
„  Großbetrieb  .  .  .  92,8  95,95

In  der  Weberei  verhalten  sich  die  Betriebsgrößen  in  England
ganz  ähnlich  wie  in  der  Spinnerei,  in  Deutschland  jedoch  überwiegt
der  Kleinbetrieb  sowohl  hinsichtlich  der  Zahl  der  Betriebe  als  auch
der  Personenzahl  nach  weit  mehr  als  in  der  Spinnerei.
Die  entsprechenden  Zahlen  stellen  sich  für  die  Betriebsarten  in
der  Weberei:

Es  kamen

Deutschland

England

im  Verhältnis  zur

Zahl  der  Betriebe

Personenzahl

Zahl  der  Betriebe

Personenzahl

auf
Kleinbetrieb  ....

96,8  »/ 0

26,6  •/„

0"
00

0,04  °/ 0

Mittelbetrieb  ....

’ri  °/o

6,2  7 0

2  2  2  ^  i

4.44  %

Großbetrieb  ....

».6  °/o

67,2  7o

76,0  °/ 0

95.52  7o

Die  Entwicklung  geht  also  im  großen  und  ganzen  in  Deutschland ­
  in  demselben  Sinne  vor  sich  wie  in  England,  nämlich  sie  führt
hier  wie  dort  zur  Stärkung  des  Großbetriebs,  und  zwar  tritt  das  am
deutlichsten  in  der  Spinnerei  hervor.  Bei  näherer  Spezialisierung
der  Großbetriebe  nach  der  Zahl  der  Arbeiter  zeigt  sich  sogar  noch
eine  stärkere  Konzentration  in  Deutschland.  Keine  Betriebsstatistik
ist  bisher  imstande  gewesen  anzugeben,  inwieweit  das  Bestreben
nach  Vergrößerung  der  einzelnen  Spinnerei  oder  Weberei  abgelöst
bezw.  begleitet  wird  von  dem  andern,  den  Betrieb  „vertikal“  auszudehnen, ­
  das  heißt  verschiedene  Phasen  der  Produktion,  ausgehend
vom  Rohstoff  bis  zum  Fertigfabrikat,  unter  einem  Dache  zu  vereinigen. ­
  Es  scheint  so,  als  ob  dies  Bestreben  immer  mehr  Platz
greift,  denn  es  gibt  eine  Grenze,  über  die  hinaus  weitere  Konzentration ­
  keinerlei  Rentabilität  mehr  mit  sich  bringt.  Beschreibt  doch
schon  Band  iiq  N.  F.  der  „Statistik  für  das  Deutsche  Reich“  S.  161
ein  derartiges,  groß  angelegtes  Unternehmen,  nämlich  das  Etablissement ­
  von  H.  Wünsches  Erben,  das  in  der  Zusammenfassung  aller
zur  Herstellung  von  Baumwollwaren  —  abgesehen  von  der  Spinnerei
—  nötigen  Industriezweige  einem  Trust  gleicht.  Hoffentlich  gibt  die
nächste  Gewerbestatistik  sowohl  darüber,  wie  auch  über  die  Arbeiterund ­
  Produktionsverhältnisse  genau  Aufschluß.  Sie  ist  noch  in  mancher ­
  Beziehung  einer  Verbesserung  fähig,  jedenfalls  wäre  es  dringend
erwünscht,  daß  dieser  Zweig  der  Statistik  zentralisiert  würde;  viel ­
        <pb n="99" />
        88

leicht  könnte  er  dem  zu  schaffenden  Reichsarbeitsaint  als  Aufgabe
zugewiesen  werden  *).
Die  Zahl  der  überhaupt  in  der  Baumwollindustrie  Deutschlands
tätigen  Personen  beläuft  sich  nach  Dr.  K.  Kuntzes  Berechnung *  2 )
auf  über  ein  Drittel  aller  Gewerbtätigen  der  deutschen  Textilindustrie,
nämlich  254546  in  Spinnerei,  Weberei  und  Veredelung  und  schätzungsweise ­
  100000  in  der  Weberei  gemischter  Waren,  Strickerei  und
Wirkerei,  Stickerei  und  Spitzenfabrikation  etc.  Vergleichsweise  waren
in  der  englischen  Baum  Wollindustrie  beschäftigt  im  Jahre  1895:
205  230  Männer  und  333  653  Frauen,  zusammen  also  538  883  Personen,
im  Jahre  1901:  193830  Männer  und  328793  Frauen,  zusammen
522623  Personen 3 ).
Bezüglich  der  örtlichen  Verteilung  der  Industrie  stehen  mir
zwei  Quellen  zu  Gebote.  In  dem  an  früherer  Stelle  herangezogenen
„mündlichen  Bericht  der  Zolltarifkommission“ 4  5 ),  der  eine  Produktionsstatistik ­
  für  das  Jahr  1900  enthält,  findet  sich  auch  eine  Berechnung
darüber,  wie  sich  die  Produktion  auf  das  Reich  verteilt.  Es  entfallen ­
  auf  die  Süddeutschen  Bundesstaaten,  in  erster  Linie  Bayern,
32,2  °/o  der  Gesamtproduktion  von  Baumwollgarn,  auf  Rheinland-Westfalen
  31,3%,  auf  Elsaß-Lothringen  15,2%  und  auf  das  Königreich ­
  Sachsen  15,1  °/ 0 .  Von  der  Produktion  der  mittleren  und  feinen
Garne  (über  No.  45)  lieferten  diese  vier  Industriezentren  in  derselben
Reihenfolge  17,4%  bezw.  13,0°/ 0 ,  39,2  °/ 0  und  30,4%.  den  Löwenanteil ­
  haben  also  Elsaß-Lothringen  und  Sachsen.  In  der  Gesamtproduktion ­
  kommt  den  Nummern  über  45,  um  daran  zu  erinnern,
allerdings  nur  2,3%  zu  (s.  S.  52).  Das  von  der  Bremer  Baumwollbörse ­
  1898  herausgegebene  „Verzeichnis  der  Baumwoll-Spinnereien
in  Deutschland,  Österreich,  Russisch-Polen,  Schweiz,  Holland  und
Belgien“ 6 )  enthält  spezielle  Angaben  über  die  Firmen,  die  Anzahl
der  Spindeln  und  den  jährlichen  Baumwpllverbrauch  derselben.  Es
liegt  uns  fern,  daraus  eine  trockene  Aufzählung  von  Daten  zu  geben.
Nur  einige  wenige  Angaben  mögen  hier  Platz  finden:  Die  Zahl  der
Spindeln,  die  1898  auf  eine  Spinnerei  in  Deutschland  im  Durchschnitt
kamen,  betrug  42  144,  sie  dürfte  seither  noch  gewachsen  sein.  Die

t)  Als  vorbildliche  Produktionsstatistik  könnte  die  des  Staates  Connecticut  U.  S.  of  A.
dienen.  Vgl.  Vierteljahrshefte  zur  Statistik  des  Deutschen  Reichs,  1898,  Bd.  I,  S.  157.
2)  A.  a.  O.,  S.  157.
3)  Statistical  Abstract  for  the  United  Kingdom.  51  th,  No.  1904,  S.  231.
4)  Aktenstück  704  b  der  Reichstagsdrucksachen.  10.  Legislaturperiode,  2.  Session
1900—1903,  Anlageband  VII,  S.  4892.
5)  Zu  haben  bei  H.  M.  Hauschild  in  Bremen.
        <pb n="100" />
        8q

größten  Spinnereien  der  Spindelzahl  nach  sind  1901/02  die  „Leipziger
Baumwollspinnerei“  in  Leipzig-Lindenau  mit  200000  Spindeln  (nur
Mako-Spinnerei),  die  „Baumwollspinnerei  am  Stadtbach“  in  Augsburg
mit  137462  (1903:  140653)  Spindeln  und  die  „Mechanische  Baumwollspinnerei ­
  und  Weberei“  in  Augsburg  mit  126600  Spindeln.  Es
folgen  die  „Mechanische  Baumwollspinnerei  und  Weberei“  in  Bamberg,
die  „Chemnitzer  Aktienspinnerei“  in  Chemnitz  und  das  „Etablissement
Herzog“  in  Logelbach  b.  Kolmar  i/E.  An  Rentabilität  werden  diese
Unternehmungen  teilweise  durch  andere,  kleinere,  übertroffen,  z.  B.
die  „Baumwollspinnerei  Mittweida“  in  Mittweida  und  die  „Vogtländische
Baumwollspinnerei“  in  Hof.  Erwähnen  will  ich  ferner,  daß  einige
deutsche  Spinnereien  Filialen  im  Ausland,  in  Russisch-Polen,  Böhmen,
Holland,  ja  sogar  in  Schweden  unterhalten.  Bekannt  ist,  daß  die
Baumwollindus/rie  Rußlands  zu  einem  großen  Teil  in  den  Händen
von  deutschen  Unternehmern  ruht.  So  fließen  der  heimischen  Volkswirtschaft ­
  tatsächlich  noch  mehr  Kapitalien  zu,  als  man  nach  einer
oberflächlichen  Betrachtung  annehmen  sollte.
Im  Jahre  1900  bestanden  nach  dem  Handbuch  der  deutschen
Aktiengesellschaften  für  1900/1901  auf  dem  Gebiet  der  Baumwollspinnerei ­
  und  Weberei  114  Aktiengesellschaften  mit  einem  Aktienkapital ­
  inkl.  Hjrpotheken  und  Anleihen  von  247,24  Mill.  M.  44  davon
waren  Spinnereien,  die  getrennt  von  Weberei  betrieben  wurden,
9  waren  reine  Aktienwebereien,  g  Gardinenfabriken  und  9  Nähfadenfabriken, ­
  die  übrigen  Gesellschaften  vereinigten  Spinnerei  und  Weberei
in  einem  Betrieb.  Die  Durchschnittsdividende  der  reinen  Aktienspinnereien ­
  betrug  nach  G.  Gothein 1 )  im  Jahre:

1891

CS
00

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899

1900

1901

! &amp;gt;8  %

3.i  %

4.2  %

5.4  7o

8,8  %

io,"  7o

&amp;lt;7  &amp;lt;7  0  /
/&amp;gt;/  10

8,6  °/ 0

2,5  °U

O

1 .4  7o

Die  Durchschnittsdividende  der  Spinn  Webereien  betrug  analog:

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1898

%

4.5  7o

6&amp;gt; '-5.8

  %

7.2  7«

7.2  7o

7o

6.4  7o

Demgegenüber  haben  nach  einer  von  Spinnerei-Direktor  Th.  W.
Schmidt  in  Hof  herrührenden  Berechnung 1  2 )  erzielt:
1)  G.  Gothein,  M.  d.  R.,  Der  deutsche  Außenhandel.  Materialien  und  Betrachtungen. ­
  Berlin  1901,  S.  210.  Die  Zahlen  für  1899—1901  sind  ergänzt  nach  H.  Sy  bei
in  „Schriften  d.  Ver.  f.  Sozialpolitik“,  Bd.  CV.  Leipzig  1903,  S.  149.
2)  H.  Sy  bei,  a.  a.  O.  S.  149  Anmerkung.
        <pb n="101" />
        go

Die  9  reinen  Aktienwebereien  im  Jahre
v  9
Die  9  Gardinenfabriken
V  9  »
Die  9  Nähfadenfabriken
v  9  &amp;gt;j

i899/ i 9°o  einen  Durchschnittsgewinn  von  6,2  °/ 0 ,
t  900/1  go  i  „  „  „  4,3  7„,
1899/1900  „  „  „  11,4%,
1900/1901  „  „  „  18,0  ®/ 0 ,
1899/1900  „  „  „  ii,o°/ 0 ,
1900/1901  „  „  „  11,1%.

Die  Aktiengesellschaft  „Baumwollspinnerei  am  Stadtbach“  in
Augsburg  konnte  im  Jahre  1903  die  Feier  des  fünfzigsten  Betriebsjahres ­
  begehen,  sie  hat  aus  diesem  Anlaß  eine  Denkschrift  herausgegeben, ­
  aus  der  wir  schon  früher  Nutzen  gezogen  haben.  Es
mögen  hier  noch  einige  Angaben  folgen,  da  sie  nicht  sowohl  für  das
Unternehmen  speziell,  als  auch  zugleich  für  die  Entwicklung  der
Spinnerei  überhaupt  charakteristisch  sind 2 ):  Das  produzierte  Garn  ist
durchschnittlich  von  der  Nummer  29  gewesen.  Bis  Ende  der  sechziger ­
  Jahre  hielt  sich  die  Durchschnittsnummer  auf  über  30,  dann
ging  sie  —  wahrscheinlich  eine  Folge  der  Einverleibung  Elsaß-Lothringens ­
  —  zeitweise  bis  auf  No.  28  zurück,  stieg  aber  bald  wieder,
bis  Ende  der  achtziger  Jahre  von  neuem  ein  Rückgang  eintrat,  vom
Beginn  der  neunziger  Jahre  an  hält  sie  sich  ungefähr  auf  der  Höhe
von  28  bis  29.  Um  zu  verdeutlichen,  wie  die  Zunahme  der  Spindeln,
des  Verbrauchs  von  Rohbaumwolle  und  der  Garnproduktion  untereinander ­
  im  Verhältnis  stehen,  sei  ferner  folgende  kurze  Tabelle  mitgeteilt ­
  :

Jahrgang

Baumwollverbrauch ­
  in  Ballen

Tätige
Spindeln

Produktion
von  Garn  in  kg

1860

12  257

86  288

1  971  424

1870

17  053

94  535

2118  629

1880

17  030

110  569

2  458  357

1890

18339

110  784

2  948  208

1895

18  623

13'  5°8

3  448  4 21

1900

21  421

136  046

4051  766

1901

20  056

132  625

3  880  141

1902

22  316

I4I  422

4  444  5*7

&amp;gt;9°3

24521

140653

4  72i  099

Man  erkennt  unschwer  den  technischen  Fortschritt,  die  Verbilligung ­
  der  Produktionskosten:  Die  Spindelzahl  hat  sich  vermehrt
von  1860  bis  1903  um  63%,  der  Baumwollverbrauch  um  ioo°/ 0 ,  und
dabei  ist  die  Produktion  gestiegen  um  fast  140°/,,.  1860  verbrauchte
eine  Spindel  jährlich  28,4  kg  Baumwolle,  um  daraus  22,8  kg  Garn
herzustellen,  1903  war  der  Verbrauch  pro  Spindel  34,8  kg  und  die
Produktion  33,6  kg,  also  ein  ganz  bedeutender  Fortschritt.  Dasselbe
ergibt  sich,  wenn  man  die  industrielle  Erziehung  der  Arbeiter  ver1) ­

  S.  S.  102  Anmerkung.
        <pb n="102" />
        9 1

folgt.  1865  hatte  ein  Arbeiter  erst  77  Spindeln  zu  bedienen,  1875
sind  es  86,  zehn  Jahre  später  102,  und  im  Jahre  1900  doppelt  soviel
als  vor  30  Jahren,  nämlich  159.
Zum  Schluß  sei  es  uns  gestattet,  über  den  Handel  mit  Baumwolle ­
  und  Baumwollwaren  die  Hauptzahlen  zusammenzustellen.  Georg
Gothein  gibt  in  seinem  schon  genannten  ausführlichen  Werke  schätzbare ­
  Zusammenstellungen,  allerdings  unter  Hervorkehrung  seines  freisinnigen ­
  Parteistandpunktes.  Er  fordert  u.  a.  Herabsetzung  des  Zolls
auf  feine  Garnnummern,  um  den  Export  von  Webwaren  zu  fördern,
er  meint,  das  würde  der  deutschen  Baumwollindustrie  wenig  Schaden
tun,  „da  nur  wenige  Betriebe  das  Spinnen  dieser  feinen  Nummern
aufgenommen  haben  und  dasselbe  in  Deutschland  infolge  seiner  klimatischen ­
  Verhältnisse  stets  nur  eine  Treibhauskultur  bleiben  dürfte“  —
eine  Ansicht,  die  er  an  der  Hand  des  von  uns  früher  gegebenen
Tatsachenmaterials  kaum  aufrecht  erhalten  kann.  Weiterhin  beklagt ­
  er  den  Rückgang  der  Warenausfuhr  nach  Brasilien,  die  mit
dem  Rückgang  der  deutschen  Auswanderung  dorthin  infolge  des
von  der  Heydtschen  Reskripts  gleichen  Schritt  gehalten  hätte.  In
den  Anlagen  habe  ich  auf  Grund  der  Spezialhandelsstatistik')  die
Handelsbeziehungen  zu  den  wichtigsten  Ländern  dem  Werte  nach
selbständig  dargelegt.  Den  Löwenanteil  der  Einfuhr  beanspruchen  rohe
Baumwolle  und  Baumwollabfälle,  es  folgen  Baumwollgarne  über
No.  79  und  No.  18  bis  45,  dann  rohe,  dichte  Gewebe,  die  sehr  zahlreich ­
  im  Veredelungsverkehr  eingehen  (seit  1897  zum  Spezialhandel
gehörig)  und  schließlich  Spitzen  und  Stickereien.  In  der  Ausfuhr
dominieren  Gewebe  aller  Art,  Strumpfwaren,  Spitzen  und  Stickereien,
Posamentierwaren  und  Näh-,  Häkel-  und  Stickgarne,  auch  wird  viel
rohe  und  in  den  Anfangsstadien  der  Verarbeitung  befindliche  Baumwolle ­
  ausgeführt.  Für  die  Erkenntnis  der  industriellen  Entwicklung
genügt  es  m.  E.,  wenn  wir  die  Entwicklung  des  auswärtigen  Handels
einmal  im  ganzen  nach  Warengattungen  und  dann  in  den  wichtigsten
Waren  mit  den  wichtigsten  Ländern  —  und  das  ist  Europa  und  die
Union  —  kennen.  In  der  Einfuhr  ist  besonders  die  Entwicklung
der  Garneinfuhr  der  feineren  Nummern  beachtenswert,  namentlich
das  unaufhaltsame  Ansteigen  bei  Großbritannien.  Noch  auf  einen
.Punkt  sei  die  Aufmerksamkeit  des  Lesers  gelenkt,  nämlich  auf  die
Einfuhr  von  roher  Baumwolle.  Es  ist  ganz  auffallend,  welch  ein
großer  Teil  derselben  früher  auf  dem  Wege  des  Zwischenhandels,
0  Vgl*  „Der  auswärtige  Handel  des  deutschen  Zollgebietes  1880—1897“,  herausgegeben ­
  vom  Reichsamt  des  Innern  [nicht  vom  Kais.  Stat.  Amt!]  Berlin  1898  und  ferner
Bd.  CLII,  N.  F.  der  Statistik  f.  d.  D.  R.
        <pb n="103" />
        92

über  Österreich,  die  Schweiz,  Italien,  Belgien,  Holland,  Frankreich
und  England  zu  uns  kam.  Mit  Beginn  der  neunziger  Jahre  hört  das
fast  ganz  auf.  Es  sind  verhältnismäßig  nur  noch  unbedeutende
Mengen,  die  wir  nicht  direkt  beziehen.  Über  Triest  beziehen  wir
noch  ägyptische  Baumwolle,  die  dann  zum  Teil  erst  auf  dem  Umwege
über  die  Schweiz  zu  uns  kommt.  Sonst  aber  hat  uns  die  Bremer
Baumwollbörse  nahezu  vom  Zwischenhandel  unabhängig  gemacht.
Die  mancherlei  Momente  kennen  zu  lernen,  die  auf  den  auswärtigen
Handel  in  Baumwolle  eingewirkt  haben,  das  wäre  das  Thema  einer
besonderen  Arbeit.

Kapitel  X.
Rückblick.

Wenn  der  Wanderer  einen  hohen  Berg  erklommen  hat,  pflegt
er  Umschau  und  Rückschau  zu  halten.  So  wollen  auch  wir  einmal
den  durchmessenen  Weg  rückblickend  überschauen  von  einem  bestimmten ­
  Gesichtspunkt  aus.  Kein  anderer  Gesichtspunkt  ist  aber
für  uns  geeigneter,  als  der:  Wie  reiht  sich  der  Entwicklungsgang
der  Baumwollindustrie  ein  in  den  allgemeinen  industriellen  Entwicklungsgang, ­
  in  die  sogenannte  kapitalistische  Produktionsweise?
Zunächst  fällt  uns  eins  auf,  wenn  wir  Anfang  und  Ende  unseres
Weges  vergleichen:  der  Ausgangspunkt  war  die  Zunftverfassung,
Regelung  der  Produktion  und  des  Absatzes,  und  das  Ende  ist  wieder
nicht  anderes  als  der  Versuch,  Produktion  und  Absatz  zu  stabilieren.
Was  liegt  nun  dazwischen?  —  Die  handwerksmäßige  Produktion  —
der  Anfang  unseres  Weges  —  beruht  auf  der  Stabilität  und  Sicherheit
des  Marktes,  der  Bedarf  einer  ungefähr  konstanten  Anzahl  von
Menschen  ist  für  sie  maßgebend.  Sobald  der  Gesichtskreis  sich  erweitert, ­
  sobald  die  heimische  Industrie  aus  der  lokalen  Gebundenheit
heraustritt,  ja  sogar  in  die  Welthandelsbeziehungen  verflochten  wird,
hört  die  Übersehbarkeit  des  Marktes  auf,  in  die  Produktion  wird  ein
Moment  der  Unstetigkeit  getragen.  Gleichzeitig  werden  Verbesserung
der  Produktionstechnik,  Verbilligung  und  Verbesserung  der  Produkte
die  Triebkräfte  der  Produktion.  Der  Unternehmer  wird  Spekulant,
jeder  sucht  dem  Konkurrenten  den  Vorrang  streitig  zu  machen,  ihn
zu  unterbieten.  Auf  diese  Weise  werden  zwar  dem  Erfindergeist
fortwährend  neue  Aufgaben  gestellt,  das  Resultat  ist  aber  notwendig
        <pb n="104" />
        93

das,  daß  das  Angebot  den  Bedarf  übertrifft.  Sobald  der  Unternehmer
die  Gewalt  über  die  Maschine  verliert,  auf  deren  gleichmäßigem
Gang  die  Sicherheit  des  Betriebes  beruht,  springt  als  gütiger  Helfer
der  Handel  ein.  Er  weckt  hier  und  da  Bedürfnisse,  die  vorher  nicht
vorhanden  waren  und  schafft  dem  Produzenten  Abflußkanäle  für  die
Überproduktion,  Nun  aber  behält  der  Handel  den  Hebel  der  Maschine
in  der  Hand.  Dem  Produzenten  ist  eine  Schätzung  des  gegenwärtigen
und  zukünftigen  Bedarfs  und  der  späteren  Produktionsbedingungen
nur  in  beschränktem  Maße  möglich,  eine  einigermaßen  richtige  Vorausbestimmbarkeit ­
  der  Preise  wird  für  ihn  illusorisch 1 )-  Für  die
deutsche  Spinnerei  liegt  die  Sache  insofern  günstig,  als  sie  durch  die
Zugehörigkeit  zur  Bremer  Baumwollbörse  mit  dem  Baumwollhandel
koaliert  ist,  der  Spinner  hält  also  sozusagen  die  Fäden,  die  ihn  mit
dem  Baumwollpflanzer  verbinden,  selbst  in  der  Hand.  —  Wie  schlimm
es  trotzdem  mit  der  Übersehbarkeit  der  Einkaufsbedingungen  bestellt
ist,  ist  früher  gezeigt  worden.  —  Auf  der  anderen  Seite,  als  Vermittler ­
  zwischen  Weber  und  Konsument,  hat  der  Handel  dafür  unbedingtes ­
  Übergewicht.  Er  merkt  zuerst,  ob  und  w T ann  das  Angebot
die  Nachfrage  übersteigt,  und  nun  ist  er  jederzeit  imstande,  dem  Produzenten ­
  die  Preise  zu  diktieren.
In  der  Baumwollindustrie  liegt  der  Antrieb  zu  immer  größerer
Konkurrenz  auf  dem  Weltmarkt  schon  in  den  verhältnismäßig  voraussetzungslosen ­
  Ansiedelungsbedingungen.  Nur  die  Feinspinnerei
bedarf  eines  gewissen  Feuchtigkeitsgehaltes  der  Luft,  der  aber  auch
künstlich  erzeugt  werden  kann.  Sonst  wird  sich  die  Industrie  da
ansiedeln,  wo  billige  Kohlen  oder  Wasserkräfte  oder  billige  Arbeitskräfte ­
  vorhanden  sind.  Die  Mannigfaltigkeit,  die  sich  darin  bietet,
ist  aber  ziemlich  groß.  Ferner  weist  Tschierschky  nachdrücklich  auf
die  geringe  kapitalistische  Kapazität  der  Einzelunternehmung  hin
Hausindustrie  und  kleinkapitalistische  Unternehmung  spielen  in  der
Baum  Wollindustrie  noch  1895  —  hier  kommt  es  auf  die  Zahl  der
Betriebe  an  —  die  erste  Rolle.  „Der  Hausindustrielle,  der  sich  etwa
als  verlegter  Weber  vom  Plandarbeiter  mit  einem  (Web-)  Stuhl  zum
hausindustriellen  Betriebsleiter  mit  nach  und  nach  mehreren,  zuerst
mehr  oder  minder  dem  Verleger  gehörigen  Stühlen,  sowie  dementsprechender ­
  Zahl  von  Gehilfen  durch  Besitzerwerb  der  Stühle  vom
1)  Ich  folge  hierbei  der  Darstellung  von  S.  Tschierschky,  Kartell  und  Trust,
Göttingen  1903,  S.  25ff.  Dieser  stützt  sich  seinerseits  auf  die  Ausführungen  in  Sombarts
„Kapitalismus“,  Bd.  II,  S.  68ff.  —  Vgl.  auch  E.  Harmening,  Die  notwendige  Entwicklung ­
  der  Industrie  zum  Trust.  Berlin  1904.  (Sonderdruck  aus  dem  „Archiv  f.  Rassenund
  Gesellschafts-Biologie“,  2.  Heft,  1904.)
        <pb n="105" />
        94

Verleger  emanzipiert  hat  und  sich  alsdann  mit  erspartem  Kapital,
unterstützt  durch  (landwirtschaftliches)  Nebeneinkommen  und  Rohstoffkredite ­
  etc.,  zum  kl  ein  kapitalistischen  „Fabrikanten“  und  „Konkurrenten“ ­
  der  fabrikmäßigen  Industrie  entwickelte  —  er  spielt  auch
heute  noch  in  der  deutschen  Textilindustrie  eine  Figur“ 1 ),  das  glaubt
Tschierschky  als  persönlicher  Kenner  der  Verhältnisse  behaupten
zu  können 1  2 ).  Durch  das  Studium  der  Handels-  und  Gewerbekammerberichte
  muß  sich  auch  uns  die  Überzeugung  aufdrängen,  daß,  sobald
ein  oder  anderthalb  Jahre  die  Konjunktur  einigermaßen  günstig  ist,
gerade  die  kleinen  Unternehmungen  wie  Pilze  nach  dem  Regen  aus  dem
Boden  schießen.  Und  sie  sind  es  denn  auch  größtenteils,  die  die
Aufbesserung  der  Lage  des  ganzen  Industriezweiges  ungeheuer  erschweren. ­
  Sie  arbeiten  mit  den  geringsten  Selbstkosten  und  ziehen
die  Preise  auch  für  die  Konkurrenten  herunter  und  verhindern  andererseits ­
  jede  Selbsthilfe,  „weil  diese  Unterschicht  |  von  Fabrikanten]  quantitativ ­
  und  qualitativ  weder  föderativ  noch  weniger  aber  kapitalistisch
zu  organisieren  ist“ 3 ).  Unter  dem  Druck  dieser  Verhältnisse  machen
sich  nun  zwei  verschiedene  Tendenzen  bemerkbar,  nämlich  die  Tendenz ­
  zur  Ausschaltung  des  Zwischenhandels  und  das  Bestreben  nach
einer  strafferen  Organisation  der  Unternehmer  unter  sich.  Der  Fabrikant
wird  in  zunehmendem  Grade  selbst  Fländler,  errichtet  Fabrikniederlagen, ­
  verkauft  direkt  an  den  Konsumenten.  Die  Koalition  der  deutschen
Spinner  und  Händler  bezweckt  nichts  anderes  als  direkten  Einkauf
beim  Produzenten.  Auf  der  anderen  Seite  aber  geht  damit  das  Streben
nach  strafferer  Organisation  Hand  in  Hand.  Mit  der  Gewerbefreiheit
kommt  man  zur  Zügellosigkeit  der  Produktion,  zur  Überproduktion,
die  immer  wieder  zu  Krisen  führen  muß.  Jetzt  heißt  es  wieder:
Rückkehr  zu  genossenschaftlicher  Regelung  von  Produktion  und
Absatz,  aber  nicht  von  seiten  des  Staates,  sondern  aus  der  Initiative
der  Gewerbetreibenden  selbst  heraus.
Schon  von  Beginn  der  kapitalistischen  Produktionsweise  an
tritt  das  persönliche  Moment,  die  persönliche  Tüchtigkeit  des  Unternehmers ­
  zurück  gegenüber  der  Macht  des  Kapitals.  Mit  dem  größeren
Einströmen  und  der  größeren  Konzentration  des  Kapitals  macht  die
Einzelfirma  immer  mehr  der  unpersönlichen  Aktiengesellschaft  oder
Kommanditgesellschaft  auf  Aktien  oder  der  Gesellschaft  mit  be1) ­

  Vgl.  Heinr.  Bern  heim,  Die  Hausindustrie  des  südlichen  Schwarzwaldes.  Schriften
des  V.  f.  Sozialpolitik,  Bd.  LXXXIV,  Leipzig  1899,  S.  391.  Eine  treffliche  Illustration
zu  Tschierschkys  Behauptung!
2)  A.  a.  O.,  S.  35.
3)  Ebenda,  S.  38.
        <pb n="106" />
        95

schränkter  Haftung  Platz.  Damit  schreitet  nicht  nur  die  Vergrößeung
  der  Einzelbetriebe  fort,  sondern  auch  die  Vereinigung  mehrerer
Betriebe  in  einer  einzigen  Unternehmung  —  so  werden  Spinnereien
unter  sich,  Webereien  unter  sich,  Spinnerei  und  Weberei  und  die
dazu  gehörigen  Vorbereitungs-  und  Veredelungsbetriebe  kombiniert
—  zum  Zwecke  der  besseren  Kapitalausnutzung.  Durch  die  Vergrößerung ­
  des  Betriebes,  durch  die  Aufstellung  leistungsfähigerer
Maschinen  spart  man  an  den  Kosten  für  Beleuchtung,  Heizung,  Lohn,
Ausgaben  für  Reparaturen  etc.,  bei  der  Vereinigung  mehrerer  Produktionsstadien ­
  in  einem  Betriebe  erspart  man  vor  allem  die  vielen
Spesen,  die  man  sonst  dem  Zwischenhandel  zahlen  müßte,  und  man
umgeht  z.  T.  die  Schwierigkeiten,  die  die  Zollpolitik  für  den  einen
oder  anderen  Zweig  der  Industrie  mit  sich  bringt.  Größtmöglichen
Gewinn  zu  erzielen  ist  die  Parole;  diejenige  Betriebsorganisation,  die
das  am  besten  erreicht,  die  dem  in  ihr  investierten  Kapital  die  größte
Rente  sichert,  muß  als  Siegerin  im  Kampfe  um  die  industrielle  Vormacht ­
  hervorgehen,  ihr  gehört  die  Zukunft.  Die  Forderung,  die  man
an  eine  solche  Organisation  stellen  muß,  ist  die;  sie  muß  Produktion
und  Absatz  der  produzierten  Güter  beherrschen.  Solange  es  eine
Vielheit  von  Konkurrenten  gibt,  ist  die  persönliche  Einzelunternehmung
sowohl  wie  die  Aktiengesellschaft  dazu  außerstande.  Man  hat  es
daher  zunächst  mit  einer  Vereinbarung  versucht,  die  eine  Preis-  und
Produktionsregulierung  bezweckte.  Aber  siehe  da!  Sobald  die  Zeit
der  allgemeinen  Notlage  vorüber  und  wieder  einigermaßen  ruhigen
Verhältnissen  gewichen  war,  ging  die  Konvention  sehr  schnell  in  die
Brüche.  Dabei  glaube  ich  nicht  einmal,  daß  man  die  Schuld  daran
den  „Kleinen“  in  die  Schuhe  schieben  darf,  wenigstens  nicht  ihnen
allein.  Vorläufig  —  wer  vermag  zu  sagen,  wie  lange  noch?  —  gibt
es  noch  eine  beschränkte  Anzahl  von  Betrieben,  die  auch  in  schweren
Zeiten  vorzüglich  prosperieren;  sie  sind  teilweise  aus  persönlichen
Unternehmungen  hervorgegangen,  werden  womöglich  von  Nachkommen ­
  des  ursprünglichen  Gründers  geleitet  und  besitzen  nicht  nur
ein  großes  Maß  von  Selbstbewußtsein,  sondern  auch  von  Pietät,  das
sie  nur  im  Notfälle  einer  Kartellvereinbarung  beitreten  läßt,  weil  sie
nicht  gegen  den  Strom  schwimmen  können.  Das  andere  Extrem  sind
die  kleinen  Betriebe,  sie  haben  von  den  Preiskonventionen  nur  Vorteil, ­
  wenn  und  solange  die  Schwankungen  der  Rohstoffpreise  abnorm
sind;  sobald  diese  wieder  in  das  gewohnte  Fahrwasser  zurückkehren,
suchen  sie  sich  kraft  des  persönlichen  Könnens  ihrer  Leiter  hie  und
da  Vorteile,  mögen  sie  noch  so  klein  sein,  zu  erringen.  Jeder  Unternehmer ­
  glaubt  dabei  dem  andern  überlegen  zn  sein,  jedenfalls  wird  er
        <pb n="107" />
        96

sich  ebenso  wie  der  Unternehmer  jener  ersten  Kategorie  nur  in
Fällen  der  Not  entschließen,  etwas  von  seiner  Selbständigkeit  preiszugeben. ­
  Ein  unpersönliches  Moment,  das  eine  Verständigung  ungemein ­
  erschwert,  ist  die  geographische  Verzettelung  der  Betriebe.  So
ist  man  bisher  tatsächlich  kaum  über  eine  bloße  Regelung  der  Preise
und  der  Verkaufsbedingungen  und  allenfalls  über  eine  ganz  vorübergehende ­
  gemeinschaftliche  Produktionseinschränkung  hinausgekommen.
Wenn  ein  Kartell  dauernden  Nutzen  haben  soll,  darf  es  nicht
diese  lockere  Organisation  beibehalten.  Einkauf,  Produktion  und  Absatz ­
  müssen  von  einer  Zentrale  aus,  die  zugleich  die  Form  eines
Kontrollbureaus  hat,  einheitlich  zu  regeln  sein.  Die  Voraussetzung
dazu  würde  sein,  daß  diese  Zentrale  auch  die  nötige  Macht,  d.  h.  das
nötige  Geld,  in  Händen  hat,  um  ihre  Maßnahmen  durchführen  zu
können.
Auf  dem  Gebiet  des  Handels  mit  Rohbaumwolle  hat  es  sich
nun  in  letzter  Zeit  etwas  geregt.  Es  haben  sich  Koalitionen  vollzogen, ­
  die  vielleicht  —  man  hat  über  ihre  Wirksamkeit  noch  nichts
gehört  —  einen  Wandel  herbeizuführen  berufen  sind  und  vor  allem
eine  Organisation,  eine  Regulierung  des  Einkaufs  erleichtern.  Im
Mai  1903  erfolgte  in  Atlanta  (Ga.  U.  S.  of  A.)  die  Konstituierung
der  „Southeastern  Cotton  Buyers  Association“  mit  dem  Zweck,  den
Baum  Wollhandel  in  Georgia,  Alabama,  Nord-  und  Süd-Carolina  „unter
ihre  alleinige  Kontrolle  zu  bringen  und  zum  Besten  der  Pflanzer
sowohl  als  der  Verbraucher  des  Spinnstoffes  zu  regulieren“ 1 )-  Sie
will  auch  die  Händler  der  übrigen  Baumwollstaaten  zur  Gründung
gleicher  Vereinigungen  veranlassen.  Für  alle  diese  Vereinigungen
soll  eine  Zentralstelle  in  New-Orleans  geschaffen  werden,  also  in  dem
Mittelpunkt  des  sog.  Cotton-Belts,  des  Baumwollanbaugebietes.  Ob
und  inwieweit  die  Bemühungen  der  Vereinigung  geglückt  sind,  darüber
haben  wir  nichts  in  Erfahrung  bringen  können.  Es  ist  damit  jedenfalls ­
  der  erste  Schritt  dazu  getan,  den  Baumwollhandel  der  Union  zu
konzentrieren.  Die  deutschen  Händler,  bezw.  die  deutschen  Spinner
hätten  also  statt  mit  einer  Vielheit  von  amerikanischen  „Cotton  Buyers“
nur  mehr  mit  einer  Vereinigung  solcher  zu  verhandeln.  Der  eminente
Vorteil  einer  solchen  Vereinfachung  liegt  auf  der  Hand.  Eine  andere
Zusammenschließung  —  zweifelhafter  Natur  —  ist  die  „Southern
Cotton  Corporation“.  Sie  will  das  Lagerhaussystem  der  Getreidebranche ­
  auf  den  Baumwollhandel  anwenden.  Sie  will  zunächst 1  2 )
Lagerräume  mit  den  neuesten  mechanischen  Vorrichtungen  errichten,

1)  Nachrichten  für  Handel  und  Industrie  1903,  I,  No.  86.
2)  S.  „Leipziger  Neueste  Nachrichten“  vom  7.  Sept.  1904.
        <pb n="108" />
        97

die  dem  größeren  Teil  der  Gesamternte  erforderlichenfalls  Unterkunft
bieten;  ferner  will  sie  als  Selbstkäuferin  auftreten,  den  Pflanzern
Vorschüsse  gewähren,  „kurzum  ein  umfassendes  Bankgeschäft  betreiben, ­
  das  als  Sicherheit  die  lagernden  Ballen  besitzt“.  Die  Gesellschaft ­
  soll  mit  einem  Grundkapital  von  20  Milk  Dollars  arbeiten,  die
feuerfesten  Lagerräume  sollen  10  Millionen  Ballen  (!)  Raum  gewähren,
damit  wäre  den  Pflanzern  Gelegenheit  gegeben,  ihre  Ernte  aufzubewahren, ­
  falls  die  Preiskonjunkturen  für  sie  schlecht  sind.  Soweit
ließe  sich  wohl  nichts  gegen  das  Unternehmen  einwenden,  denn  man
muß  bedenken,  daß  bei  der  letzten  Hausse  Spinner  und  Pflanzer  die
Leidtragenden  gewesen  sind,  den  Gewinn  haben  die  Spekulanten
eingeheimst.  Aber  die  Medaille  hat  auch  eine  Kehrseite:  Die  Gesellschaft ­
  beabsichtigt  Lagerscheine  auszugeben,  die  der  Spekulation
dienen  sollen;  und  dann:  an  der  Spitze  der  Gründung  steht  Mr.  Daniel
J.  Sully.  Ja,  wenn  die  Lagerhäuser  öffentlich  wären,  jedermann
durch  zuverlässige  Berichte  immer  über  die  vorhandenen  Warenmengen ­
  orientiert  wäre!  Aber  so,  ohne  staatliche  Kontrolle,  haben
die  Baumwollkonsumenten  keinen  Vorteil,  nur  Nachteil  davon  zu  erwarten. ­
  Direkt  gegen  die  Uberspekulation  gerichtet  ist  der  Plan  der
Baumwollbörse  in  New-York,  ein  Clearing-House  zu  errichten.  Es
würde  das  ungefähr  dieselben  Funktionen  zu  erfüllen  haben,  die  die
Hamburger  Warenliquidationskasse  zu  erfüllen  hat.  Damit  wäre  allerdings ­
  eine  übermäßige  Spekulation  unterbunden,  und  es  wäre  zu
wünschen,  daß  der  Plan  sobald  wie  möglich  ausgeführt  würde.  Wie
schon  gesagt,  hat  man  auch  auf  dem  1.  internationalen  Kongreß  von
Baumwollindustrielien  über  Baumwoll-„Corner“  und  ihre  Bekämpfung
eingehend  diskutiert.  Es  sind  sogar  zwei  bestimmte  Vorschläge  gemacht ­
  worden.  Der  eine,  von  Mr.  J.  L.  Tattersall,  bezweckte  die
Gründung  einer  Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung,  der  sowohl
Pflanzer  wie  Spinner  angehören  sollten.  Das  wäre  nichts  anderes
als  eine  Übertragung  der  Organisation  der  Bremer  Baumwollbörse
auf  eine  internationale  Assoziation.  Der  andere  Vorschlag  ging  von
Herrn  Küffler  (Österreich)  aus  und  regte  die  Bildung  einer  internationalen ­
  Einkaufsgenossenschaft  der  Spinner  an.  So  bestechend
diese  Vorschläge  auch  sein  mögen,  ihrer  praktischen  Durchführbarkeit
stehen  doch  große  Hindernisse  entgegen.  Das  hat  man  auch  auf
dem  Kongreß  eingesehen,  nachdem  man  sich  die  Sache  ruhig  überlegt ­
  hatte.  Die  Verbrüderung  der  Welt  ist  noch  nicht  so  weit  gediehen, ­
  daß  sie  für  ein  derartiges  großes  Unterfangen  ein  geeignetes
Fundament  bildete.  Die  nüchternste  Auffassung  von  der  Sachlage
legte  ein  andrer  Engländer,  Mr.  J.  B.  Tattersall,  an  den  Tag,  in-Abhandlungen
  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  III,  Heft  B.  7
Lochmüller,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie.
        <pb n="109" />
        dem  er  sagte 1 ):  nach  meinem  Dafürhalten  sind  beide  Vorschläge
gleich  dem  Weltfrieden  unausführbar;  das  einzige  Mittel  zur  Ausrottung ­
  der  Baumwoll-„Corner“  ist  eine  Vermehrung  der  Baumwollzufuhr.
  Deutschland  wird  sich  also  selbst  schützen  müssen.
Schaffen  wir  eine  Einkaufsagentur  im  Sinne  des  Herrn  Kuffler.
Dazu  würde  nur  ein  bestimmter  Beitrag  pro  Spindel  nötig  sein,  und
jedes  Mitglied  müßte  sich  verpflichten,  für  jede  10000  Spindeln  100
oder  150  Ballen  pro  Jahr  zum  Durchschnittskostenpreise  von  der
Agentur  zu  kaufen 2 ).  Dann  gäbe  es  keine  Baumwollnot,  und  ein
Corner  wäre  machtlos.
Auch  in  bezug  auf  die  Regelung  des  Absatzes  sind  Fortschritte
gemacht  worden.  Im  Herbst  1903  wurde  von  dem  Verband  deutscher
Baumwollgarn-Konsumenten  gemeinsam  mit  anderen  Verbänden  ein
Entwurf  von  Verkaufs-  und  Lieferungsbedingungen  im  Baum  Wollhandel ­
  geschaffen,  ln  der  Anfang  September  vorigen  Jahres  stattgehabten ­
  Generalversammlung  wurde  dieser  Entwurf  zum  größten
Teile  gutgeheißen 3 ).  „Von  besonderer  Bedeutung  ist  dabei,  daß  die
Versammlung  auch  der  Schaffung  von  Schiedsgerichten  zustimmte,
welche  zwecks  einer  raschen,  sachgemäßen  und  billigen  Beilegung
von  Beanstandungen  und  Erledigung  von  Streitfällen  unter  Ausschluß ­
  des  ordentlichen  Gerichtsverfahrens  geschaffen  werden  sollte.“
Von  dieser  gemeinsamen  Abrede  bis  zum  Verkaufssyndikat,  zur  Verkaufszentrale ­
  ist  es  nicht  allzu  weit.
Wie  aber  soll  eine  Kontingentierung  der  Produktion  durchgeführt ­
  werden?  Auf  dem  Züricher  Kongreß  mußte  Herr  Direktor
Walter  erklären,  daß  es  bisher  noch  nie  gelungen  sei,  die  deutschen
Spinnereien  zu  einem  einheitlichen  Vorgehen  bezüglich  der  Produktionseinschränkung ­
  zu  bewegen.  Als  Grund  dafür  führte  er  die
verschiedenartigen  Verhältnisse,  die  geographische  Zerstreutheit,  die
Nachwirkungen  der  früheren  Kleinstaaterei  und  schließlich  den  Indifferentismus ­
  der  Spinner  in  Deutschland  an 4 ).  Vereinzelt,  in  Bayern
und  in  Rheinland-Westfalen  z.  B.,  ist  es  ja  gelungen;  aber  auch  das
bestorganisierte  Kartell  ist  nicht  imstande,  irgend  einen  Einfluß  auf
die  technische  Durchführung  der  Produktion  auszuüben.  Es  kann
nur  „bremsen“  und  steuern,  aber  damit  wird  der  Antrieb  zur  Verbesserung ­
  der  Produktionstechnik  —  das  möchte  ich  im  Gegensatz
zu  Tschierschky  doch  behaupten  —  unterdrückt,  er  ist,  wenn  das
1)  Offizieller  Bericht  S.  82.
2)  Ebenda  S.  50  und  53.
3)  „Leipziger  Neueste  Nachrichten“  vom  12.  September  1904.
4)  A.  a.  O.  S.  79  f.
        <pb n="110" />
        99

Maximum  der  Produktion  vorgeschrieben  ist  —  und  darum  handelt
es  sich  bei  uns  —,  zumal  bei  längerer  Dauer  des  Kartells,  kein  so
elementarer  als  bei  freier  Produktion.  Eine  vollständige  Kontingentierung ­
  der  Produktion  nach  Leistungsfähigkeit  und  Rentabilität  ist
noch  nicht  einmal  versucht  worden  und  ist  bei  einem  Kartell  auch
nicht  durchführbar.  Nein,  eine  Beherrschung  der  Produktion  ist  nur
möglich,  wenn  von  der  Zentrale  aus  zu  jeder  Zeit  „je  nach  dem  Verhältnis ­
  der  Produktion  zum  Absatz  und  gegenüber  jedem  beliebigen
Werke  die  Aufgabe  des  Betriebes  im  Besten  der  Gesamtheit  schlechtweg ­
  dekretiert  werden  kann 1 ).“
Man  kann  nicht  ernstlich  daran  glauben,  daß  ein  Kartell  oder
Syndikat  eine  Gesundung  der  Verhältnisse  auf  die  Dauer  herbeiführen ­
  kann.  Ein  Kartell,  eine  vertragsmäßige  Vereinigung  von
selbständigen  Unternehmern  auf  Zeit.  Und  nun  gar  dieser  Unzahl
von  kleinen  und  kleinsten  Unternehmern  gegenüber.  Zugegeben,
daß  eine  Einkaufsorganisation  auf  dem  Boden  eines  Kartells  möglich
ist.  Die  Erfüllung  des  Endzweckes  des  Kartells  muß  daran  scheitern,
daß  es  auf  der  Basis  eines  kündbaren  Vertrages  beruht.  „Viele
Köche  verderben  den  Brei!“  Es  wirken  zu  viele  Sonderinteressen
im  Kartell  zusammen,  die  Folge  ist,  daß  vor  jeder  einschneidenden
Maßregel  lange  Verhandlungen  gepflogen  werden  müssen,  oder  es
kommt  zu  Reibereien  und  Prozessen.  Im  letzten  Grunde  folgt  hieraus
auch  der  Mangel  an  Kapitalkraft;  der  Fortbestand  des  Kartells  ist
zu  unsicher,  als  daß  auf  dieser  Basis  große  Kapitalien  gesammelt
werden  könnten.  Darin  liegt  aber  das  Unvermögen  begründet,  eine
Kontingentierung  der  Produktion,  eine  Ausgleichung  der  Produktionsbedingungen ­
  zu  finden.  AbsichÜich  wurde  der  Begriff  „Trust“  bisher ­
  nicht  erwähnt.  Wir  sind  jetzt  ganz  von  selbst  dahin  gelangt,
den  Trust  als  das  —  wenigstens  theoretisch  —  erstrebenswerte  Ziel
der  baumwollindustriellen  Organisation  zu  erkennen.  Die  Frage  der
praktischen  Durchführbarkeit  bedarf  denn  doch  einer  gründlicheren
Prüfung,  als  daß  sie  im  Rahmen  dieser  Arbeit  noch  behandelt  werden
könnte.  Nach  dem  früher  Gesagten  leuchtet  übrigens  ohne  weiteres
ein,  daß  die  Spinnerei  bei  weitem  mehr  Fähigkeit  zur  Trustorganisatiort
  besitzt  als  die  Weberei.
Der  Trust  beruht  zunächst  einmal  nicht  auf  der  Basis  von  Verträgen, ­
  sondern  auf  der  Basis  von  Besitz.  Das  einzelne  Unternehmen
verliert  seine  Selbständigkeit,  der  Einzelunternehmer  wird  Trustaktionär, ­
  die  Leitung  liegt  in  der  Hand  einer  umsichtigen,  starken
Persönlichkeit,  Einkauf,  Produktion,  Absatz  sind  konzentriert.  Daraus

i)  E.  Harmening,  a.  a.  O.  S.  15.

7
        <pb n="111" />
        IOO

folgt,  daß  der  Trust  allein  fähig  ist,  den  Betrieb  unter  dem  Gesichtspunkt ­
  möglichst  großer  Wirtschaftlichkeit  zu  leiten.  Der  Trust  kann
nicht  nur  gleichartige  Unternehmungen,  sondern  ganz  besonders  auch
die  verschiedenen  Produktionsstufen  zusammenfassen  1 j.  Die  Voraussetzung ­
  dazu  ist  allerdings  eine  ganz  bedeutende  Kapitalkraft.  Damit
kommen  wir  aber  zu  einer,  vielmehr  zu  der  Hauptschwäche  der  Trustbildung, ­
  die  zwar  nicht  notwendig,  aber  leicht  mit  der  Ausdehnung
eines  Trusts  zutage  tritt,  und  zwar  bisher  namentlich  in  der  Union,
d.  i.  die  „Überkapitalisation“.  Die  Industrie  ist  heute  schon  fast  zu
sehr  mit  den  großen  Banken,  den  Kapitalreservoirs,  verwachsen,  es
gibt  wohl  kein  Gebiet  des  industriellen  Lebens,  wo  nicht  die  Banken
ein  gewichtiges  Wort  mitzusprechen  haben.  Auch  ein  Trust  wird
der  Mitwirkung  einer  oder  mehrerer  Banken  nicht  entbehren  können.
Es  ist  nun  ein  Zug  der  Zeit,  bei  der  Gründung  großer  Unternehmungen ­
  recht  optimistische  Rentabilitätsberechnungen  anzustellen  und
daraufhin  loszuwirtschaften.  Wirft  man  sich  daher  einer  Spekulationsbank ­
  im  wahren  Sinne  des  Wortes  in  die  Arme,  so  tritt  zu  leicht
der  Fall  ein,  daß  Outsider-Werke  nicht  zu  dem  „billigen  Gelegenheitswert“ ­
  während  einer  Krise,  sondern  womöglich  über  den  Normalwert ­
  hinaus,  den  sie  unter  normalen  Produktions-  und  Absatz  Verhältnissen ­
  haben  würden,  angekauft  werden.  Der  Trust  ist  dann  von
vornherein  ein  Koloß  auf  tönernen  Füßen  und  seine  Rentabilität  sehr
in  Frage  gestellt.  Der  ganze  Profit  fließt  dann  in  die  Taschen  der
Bankaktionäre  und  die  Industrie  wird  von  den  Großbanken  ins  Schlepptau ­
  genommen.  Die  günstigen  Wirkungen  eines  Trusts  hängen  also
davon  ab,  ob  die  Primärwerke  selbst  kapitalkräftig  genug  sind
oder  die  Hilfe  von  Banken  in  ausgedehntem  Maße  in  Anspruch
nehmen  müssen  und  zweitens  davon,  daß  der  Wert  der  anzukaufenden
Werke  richtig  taxiert  wird.  Sind  diese  Grundbedingungen  erfüllt,  so
ist  der  Trust  jeder  anderen  Wirtschaftsform  überlegen.
Fassen  wir  kurz  das  Ergebnis  zusammen:  Die  Industrie  muß
auf  dem  einmal  begonnenen  Wege  fortschreiten,  die  Entwicklung
zum  Großbetrieb  und  zur  Konzentration,  zur  betrieblichen  sowohl
wie  zur  örtlichen,  muß  immer  bestimmtere  Formen  annehmen;  alles
das  sind  Vorbedingungen  zu  einer  straffen  Organisation,  deren  -
vorläufig  —  letztes  Ziel  aber  ist  der  Trust.
i)  Tschierschky  sieht  S.  104  seiner  Arbeit  über  „Kartell  und  Trust“  einen  Trust
in  der  Baumwollindustrie  der  nordamerikanischen  Südstaaten  voraus,  die  erwähnten  Zusammenschlüsse ­
  scheinen  tatsächlich  darauf  hinzudrängen.
        <pb n="112" />
        Schluß.

Wenige  Worte  bleiben  uns  noch  zu  sagen  übrig.
Die  deutsche  Baum  Wollindustrie  steht  als  Weltindustrie  an  dritter
Stelle.  Die  erste  nimmt  die  englische,  die  zweite  die  der  Vereinigten
Staaten  ein.  In  England  beherrscht  die  Baumwolle  fast  das  ganze
wirtschaftliche  Leben,  und  vielleicht  der  vierte  Teil  des  englischen
Volkes  lebt  von  der  Nahrung,  die  gegen  Baumwollwaren  eingetauscht
wird.  Die  Entwickelung  der  Baumwollindustrie  der  Union  hat  in
verhältnismäßig  kurzer  Zeit  ungeahnte  Formen  angenommen,  das
Tempo  der  Entwickelung  übertrifft  das  der  englischen  und  der  deutschen ­
  bedeutend,  und  dabei  beginnt  erst  jetzt  die  eigentliche  Ausnutzung ­
  der  natürlichen  Vorteile  des  Landes,  das  schon  lange  die
meisten  Kohlen  und  das  meiste  Eisen  fördert.
Wie  nun,  wenn  die  Baumwollindustrie  in  New-England  und  den
Südstaaten  der  Union  so  fortfährt  sich  zu  entwickeln?  Woher  soll
dann  die  europäische,  die  deutsche  Baumwollindustrie  den  nötigen
Rohstoff  beziehen?  Das  ist  die  bange  Frage,  die  heute  in  der  Luft
schwebt  und  an  deren  Lösung  unsere  Kolonialpolitiker  unausgesetzt
arbeiten.
Schon  vor  mehr  als  100  Jahren,  als  man  von  amerikanischer
Baumwolle  nicht  viel  wußte,  sah  ein  weitschauender  Geist,  J.  G.  Fichte,
voraus,  daß  wir  dereinst  in  eine  solche  Lage  kommen  würden.  In
seinem  „geschlossenen  Handelsstaat“  weist  er  darauf  hin,  daß  es  auch
in  unserm  Klima  an  Substraten  für  Baumwolle  nicht  fehlen  würde,
wenn  man  sich  die  Mühe  nähme,  verschiedene  wolletragende  Pflanzen
zu  veredeln.  „Tragen  nicht  mehrere  Grasarten,  Stauden,  Bäume  in
unseren  Klimaten  eine  wohl  ebenso  feine  und  durch  Kultur  noch
sehr  zu  veredelnde  Wolle?“ 1 )  Er  erinnert  gleichzeitig  daran,  daß
unsere  Getreidearten  ursprünglich  nichts  anderes  als  Gras  waren.  Die
Perspektive,  die  sich  damit  seinem  Blick  eröffnete,  war  eine  für  uns
auf  den  ersten  Blick  überraschende.  Die  ausgedehnte  Kultur  der
wollenreichsten  Pflanzenart,  die  Erfindung  der  zweckmäßigsten  Maschinen ­
  zur  Einsammlung  und  Zubereitung  der  Wolle  würden  uns  i)
i)  J.  G.  Fichte,  Der  geschlossene  Handelsstaat  1800,  S.  262—63  Anmerkung.
        <pb n="113" />
        102

nicht  nur  in  dieser  Hinsicht  unabhängig  machen,  sondern  wahrscheinlich ­
  eine  neue  Blütezeit  für  die  deutsche  Baumwollindustrie  herbeiführen. ­

Mag  man  nun  auch  eine  solche  Ansicht  als  Schwärmerei  auffassen, ­
  sicher  ist  ein  beachtenswerter  Gedanke  dabei,  dessen  Ausführbarkeit ­
  auch  für  uns  im  Bereich  praktischer  Möglichkeit  liegt:  Wir
müssen  unbedingt  unsere  Hoffnung  darauf  setzen  und  mit  aller  Kraft
dahin  streben,  daß  wir  auf  eigenem,  tropischem  Gebiet  den  Anbau
der  dort  vorhandenen  Baumwollstaude  so  kultivieren,  daß  die  Abhängigkeit ­
  von  Nordamerika  mindestens  sehr  gemildert  wird.  Es  ist
nicht  nur  die  Pflicht,  sondern  auch  der  eigene  Vorteil  jedes  Deutschen,
der  an  der  Baumwollindustrie  interessiert  ist,  zum  weiteren,  energischen ­
  Ausbau  der  Baumwollkultur  die  Hand  zu  bieten.
Hoffen  wollen  wir  ferner,  daß  der  Gegensatz  zwischen  Spinnern
und  Webern  zum  Heile  der  ganzen  Industrie  verschwindet  und  einer
friedlichen  Verständigung  Platz  macht.
Schließlich  ist  auch  eine  Verständigung  zwischen  Arbeitgebern
und  Arbeitnehmern  für  die  Industrie  von  Vorteil  und  daher  mit  allen
Kräften  anzustreben.  Tarifverträge  auf  vernünftiger  Basis  bieten
dazu  eine  gute  und  die  einzig  richtige  Handhabe.  Diese  Erkenntnis
muß  sich  jedem  aufdrängen,  der  die  moderne  industrielle  Entwickelung ­
  verfolgt.
        <pb n="114" />
        Anlagen.
        <pb n="115" />
        Die  Organisation  der  Bremer  Baumwollbörse.

Die  „Bremer  Baumwollbörse“  ist  ein  mit  den  Rechten  einer
juristischen  Person  ausgestatteter  Verein,  der  die  Wahrung  und
Förderung  der  Interressen  aller  am  deutschen  Baumwollhandel
und  an  der  deutschen  Baumwollindustrie  Beteiligten  bezweckt,  insbesondere ­
  durch  Hebung  des  Bremer  Baumwollhandels  (s.  §  i) 1 ).
Daher  können  die  Mitgliedschaft  erwerben  nicht  nur  die  Importeure,
Händler,  Makler  usw.,  also  die  Personen,  bei  denen  die  Fäden  des
Bremer  Baumwollhandels  zusammenlaufen,  sondern  auch  jedes  Unternehmen ­
  der  deutschen  Baumwollindustrie  (s.  §  4).  Die  Genehmigung
eines  Beitrittsgesuches  hängt  vom  Vorstande  ab  (s.  §  5).  Die  Mitglieder ­
  haben  einen  jährlichen  Beitrag  zu  leisten,  sind  verpflichtet,
die  von  der  Organisation  erstrebten  Ziele  nach  Kräften  zu  fördern
und  haben  sich  vor  allem  den  „Bedingungen  der  Bremer  Baumwollbörse“, ­
  d.  i.  eine  Zusammenstellung  der  im  Bremer  Baumwollhandel
geltenden  Usancen,  zu  unterwerfen  (s.  §§  6  u.  7).  Die  Mitgliedschaft
wird  auf  Zeit  suspendiert,  falls  ein  Mitglied  seine  Zahlungen  einstellt
oder  das  Konkursverfahren  eröffnet  wird  und  wenn  ein  Mitglied  sich
weigert,  einen  Schiedsgerichtsspruch  anzuerkennen  oder  fällige  Beiträge ­
  zu  leisten  (s.  §§  9  —11).
Die  Bremer  Baumwollbörse  besitzt  drei  „Organe“:  a)  die  Generalversammlung, ­
  b)  den  Vorstand  und  die  Kommissionen,  c)  das  Baumwollprobenzimmer
  (s.  §  3).  a)  Die  Generalversammlung  ist  die  Vertretung ­
  aller  Mitglieder,  sie  nimmt  den  Rechenschaftsbericht  entgegen ­
  und  stellt  das  Budget  auf,  ihr  liegt  die  Wahl  des  Vorstandes
ob  (s.  §  13).  Bei  Abstimmungen  entscheidet  die  absolute  (bei  Wahlen
die  relative)  Mehrheit.  Nur  Beschlüsse  auf  Abänderung  der  Satzungen
und  der  „Bedingungen“  bedürfen  einer  Mehrheit  von  2 / s  der  abge-1)

  Die  Paragraphen  verweisen  auf  die  „Satzung  der  Bremer  Baumwollbörse.  Revidiert ­
  am  26.  März  1904.“  Bremen  1904.
        <pb n="116" />
        —  io6  —■
gebenen  Stimmen  (s.  §  17).  b)  Der  Vorsteht  besteht  aus  12  in
Bremen  wohnhaften  Mitgliedern  und  7  Baumwollspinnern  (s.  §  18).
Von  den  7  Spinnermitgliedern  wählt  je  1  Mitglied:
1.  der  Verein  süddeutscher  Baumwollindustrieller;
2.  das  elsässische  industrielle  Syndikat;
3.  der  Verein  sächsischer  Spinnereibesitzer;
4.  der  Verband  rheinisch-westfälischer  Baum  Wollspinner;
5.  der  Verband  der  Crimmitschauer  und  Werdauer  Vigognespinner. ­

Das  6.  Mitglied  wird  von  den  5  Delegierten  dieser  Verbände
und  das  7.  Mitglied  von  dem  Verein  der  Baumwollspinner  Österreichs ­
  gewählt  (s.  §  20).  Der  Vorstand  wählt  seinerseits  aus  seiner
Mitte  einen  Präsidenten  und  zwei  Vizepräsidenten  (s.  §  22).  Ebenfalls ­
  aus  der  Mitte  des  Vorstandes  werden  fünf  Kommissionen  gewählt, ­
  die  1.  mit  der  Bestellung  von  Schiedsrichtern,  2.  mit  der  Prüfung ­
  und  Neuaufstellung  von  Standards,  3.  mit  der  Führung  der
Statistik,  4.  mit  der  Feststellung  des  Marktwertes  betraut  sind.  Einer
fünften  Kommission  liegt  die  Vorbereitung  von  Änderungen  der  „Bedingungen“ ­
  ob  (s.  §  23).  c)  Das  Baumwoll-Probenzimmer,  das  dem
Vorstande  unterstellt  ist,  ist  das  geschäftsführende  und  Exekutivorgan
des  Vereins.  Von  ihm  werden  die  Muster  zurechtgemacht,  die  Baumwollsorten ­
  klassiert  und  abgeschätzt.  Zu  diesem  Zwecke  ernennt  der
Vorstand  in  Gemeinschaft  mit  dem  Direktor  des  Probenzimmers
Klassierer,  welche  ihre  ganze  Arbeitskraft  ausschließlich  der  Bremer
Baumwollbörse  zu  widmen  und  vor  Antritt  ihres  Amtes  einen  Eid
zu  leisten  haben,  daß  sie  ihre  Pflichten  gewissenhaft  und  unparteiisch ­
  erfüllen  wollen  (s.  §  26).
Für  die  Beamten  der  Bremer  Baumwollbörse  besteht  eine  Ruhegehalts- ­
  und  Witwen-  und  Waisenpensionskasse,  deren  Verwaltung
und  Geschäftsführung  der  Vorstand  überwacht  (s.  §  29).
Der  Unterschied  dieser  Organisation  von  der  des  Liverpooler
Baumwollhandels  liegt  zunächst  einmal  darin,  daß  die  „Bremer  Baumwollbörse“ ­
  ein  Verein,  die  „Liverpool  Cotton  Association“  dagegen ­
  eine  Aktiengesellschaft  ist,  hervorgegangen  aus  der  Organisation ­
  der  Baumwollmakler,  der  „Cotton  Brokers  Association“
und  der  der  Importeure,  der  „Cotton  Exchange“ 1 ).  Die  Vergebung ­
  von  Aktien  an  andere  als  Mitglieder  der  Stammgesellschaften
ist  dort  abhängig  von  der  Wahl  der  Aktionäre  und  3 / 4  Mehrheit  der
Stimmen  des  Direktoriums 2 ).  In  den  Händen  dieses  Direktoriums

1)  Th.  Ellison,  The  Cotton  Trade,  S.  278.
2)  Ebendaselbst.
        <pb n="117" />
        i°7

ruht  die  Verwaltung  der  Gesellschaft.  Es  besteht  aus  18  Mitgliedern,
von  denen  die  Cotton  Brokers’  Association  io,  die  Cotton  Exchange ­
  8  wählt;  mindestens  zwei  derselben  sollen  Spinner  sein 1 ).
Sind  die  Spinner  nicht  von  Haus  aus  Mitglieder  einer  der  beiden
Stammgesellschaften,  so  können  sie  nur  außerordentliche  Mitglieder
werden  und  haben  als  solche  nicht  Sitz  und  Stimme  in  der  Verwaltung ­
 1  2 ).  In  Liverpool  fehlt  also  die  enge  Allianz  von  Händlern ­
  und  Spinnern,  ferner  fehlt  auch  der  beeidigte  Klassierer.
Unter  dem  Titel  „Bedingungen  der  Bremer  Baumwollbörse“  ist
nun  alles  zusammengestellt,  was  dem  Bremer  Baumwollhandel  sein
Gepräge  verleiht:  die  Handelsusancen  und  die  Bestimmungen,  die  für
Spinner  und  Händler  von  gemeinsamem  Interesse  sind.  Die  darin
niedergelegten  Bestimmungen  sind  für  alle  Mitglieder  des  Vereins
verbindlich,  insofern  nicht  ausdrücklich  abweichende  Vereinbarungen
getroffen  sind 3 ).  Es  können  in  Bremen  folgende  Arten  von  Verkäufen ­
  abgeschlossen  werden:
1.  Verkäufe  von  loco  Baumwolle;
2.  Verkäufe  mit  einer  bestimmten  Lieferzeit  (auf  Lieferung);
3.  Verkäufe  auf  Ankunft  (to  arrive);
4.  Verkäufe  mit  der  Klausel  „franco  Waggon“;
5.  Verkäufe  nach  Kost,  Frachtbedingungen.
Wir  wollen  zur  Erläuterung  die  einzelnen  Kaufverträge  einer
kurzen  Besprechung  unterziehen.
Die  erste  Art,  das  Lokogeschäft,  ist  die  ursprüngliche  Art  des
Vertragsabschlusses:  Handel  mit  sog.  prompter,  d.  h.  bereitliegender,
sichtbarer  Ware.  Er  ist  hervorgegangen  aus  dem  alten  Meßhandel
in  Baumwolle,  den  wir  bis  zum  Anfänge  des  ig.  Jahrhunderts  ausgebildet ­
  finden  in  Leipzig  sowohl  wie  in  Frankfurt  a.  M. 4 )  Der  Käufer
ist  dabei  verpflichtet,  die  Ware  innerhalb  10  Tagen  nach  dem  Tage
des  Kaufes  zu  empfangen  und  abzunehmen  (B.  §  52).  Der  Kauf  kann
abgeschlossen  werden  mit  der  Klausel,  daß  nichts  unter  einer  bestimmten ­
  Klasse  geliefert  werden  darf.  Der  Käufer  muß  dann  auch
die  von  der  Garantie  abfallenden  Ballen  empfangen,  der  Verkäufer
hat  ihm  aber  außer  der  Vergütung  nach  dem  Marktwert  noch  eine
Strafvergütung  von  1  Pfg.  pro  l / 2  kg  zu  machen  (B.  §  56).  Die
Zahlung  des  Kaufpreises  hat  bei  dem  Empfang  der  Baumwolle  in
1)  Th.  Ellison,  The  Cotton  Trade,  S.  279.
2)  Ebenda,  S.  278.  .  \
3)  „Bedingungen  der  Bremer  Baumwollbörse.  Revidiert  am  23.  März  1901.“  Bremen
1901,  §  I.
4)  L.  Bein,  a.  a.  O.  passim.
        <pb n="118" />
        bar  mit  5  °/ 0  p.  a.  Diskont  für  3  Monate,  vom  Tage  des  Verkaufs
an  gerechnet,  zu  erfolgen  (B.  §  60).
Der  Lokohandel  erwies  sich  als  unzureichend,  sobald  größere
Mengen  von  Baumwolle  gebraucht  wurden,  der  Verlust  von  Zeit  und
Geld,  der  durch  die  Anlage  großer  Lager  erwachsen  wäre,  die  Verschärfung ­
  der  Konkurrenz  drängten  auf  Abkürzung  der  zwischen
Produktion  und  Konsumtion  vergehenden  Zeit.  Aus  diesem  Bestreben
heraus  ist  der  Lieferungshandel  nach  Muster  hervorgegangen.  Er  ist
seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  die  bei  weitem  überwiegende
Art  des  Vertragsabschlusses.  Zunächst  noch  ein  individueller  Lieferungshandel, ­
  wird  er  im  letzten  Drittel  des  Jahrhunderts  zum  generellen ­
  Lieferungshandel  auf  Grund  von  Durchschnittsproben,  sog.
Standards.  Bei  dieser  Art  des  Kaufs  braucht  der  Käufer  nicht  einmal ­
  die  Probe  zu  sehen.  Die  Standards  sind  die  Normaltypen  der
Warenqualitäten,  ähnlich  wie  der  in  Paris  aufbewahrte  Platinstab
das  Normal-Metermaß  darstellt.  In  Bremen  werden  die  Standards
mindestens  einmal  jährlich  auf  Grund  der  Standards  der  Liverpool
Cotton  Association  durch  eine  Kommission  festgestellt  und  durch
den  Direktor  des  Baumwoll-Probenzimmers  aufbewahrt.  Die  Lieferungskaufverträge ­
  in  Bremen  lassen  sich  kurz  folgendermaßen  charakterisieren. ­

Bei  den  Verkäufen  „auf  Lieferung“  ist  die  Baumwolle  binnen
der  im  Vertrage  festgesetzten  Zeit  zu  liefern,  und  zwar  mindestens
in  Posten  von  10000  kg  (B.  §  62).  Wird  die  Lieferzeit  nicht  innegehalten, ­
  so  steht  dem  Käufer  das  Recht  zu,  den  Kaufvertrag  zu
„regulieren“  (s.  weiter  unten).
Das  Gewicht  der  Lieferung  soll  bei  amerikanischer  Baumwolle
durchschnittlich  netto  betragen;
22  593  kg  per  100  Ballen  Texasbaumwolle,
21  528  „  ,,  100  „  Gulfbaumwolle,
20  675  ,,  „  100  „  aller  anderen  Provenienzen.
Das  Gewicht  indischer  Baumwolle  soll  netto  betragen;
178  kg  per  Ballen  Surate,  Bengal,
227  „  ,,  ,,  Timivelly.
Eine  Abweichung  von  5  °/ 0  ist  erlaubt  (B.  §  66).
Verkäufe  „auf  Ankunft  (to  arrive)“  sind  solche,  bei  denen  die
Zeit  oder  Art  der  Abladung,  bezw.  die  stattfindende  Entlöschung
der  Baumwolle  vereinbart  worden  ist.  Für  den  Fall,  daß  eine  Partie
Baumwolle  ganz  oder  teilweise  durch  höhere  Gewalt  verloren  geht,
ist  der  Verkauf  für  die  verloren  gegangene  Baumwolle  erloschen.
Lautet  der  Kaufvertrag  auf  „franco  Waggon“,  so  hat  der  Verkäufer ­
  die  Baumwolle  in  versandfertigem  Zustande  zu  liefern  und  die
        <pb n="119" />
        o 9

Transportkosten  bis  an  den  Waggon  und  die  Verladungskosten  zu
tragen.
Bei  den  Verkäufen  „nach  Kost,  Fracht-Bedingungen“  (cf)  hat
der  Verkäufer  alle  Kosten  bis  zum  Bestimmungshafen  zu  übernehmen,
außer  der  Seeversicherung.  Wenn  auch  die  Seeversicherung  durch
den  Verkäufer  erfolgt  (cif),  so  hat  dieser  5°/ 0  imaginären  Gewinn
auf  den  Netto-Fakturabetrag  mitzuversichern.
Die  Maklergebühr  beträgt  bei  allen  Verkäufen  gleichmäßig  */*%,
wovon  1 / i °/o  der  Verkäufer  und  1 / i °/ 0  der  Käufer  zu  zahlen  hat  (§  8).
Alle  etwa  entstehenden  Streitigkeiten  sind  durch  ein  Schiedsgericht
zu  entscheiden  (§  9).  Die  Klassierungen  und  Abschätzungen  erfolgen
durch  die  beeidigten  Klassierer,  denen  vor  Abgabe  ihrer  Entscheidung
die  Namen  der  Parteien  nicht  bekannt  sind  (§  ig).  Die  Gebühren
für  die  Abschätzung  werden  von  der  Partei  getragen,  gegen  die  die
Entscheidung  ausfällt.  Bei  Verkäufen  auf  Basis  einer  Klasse  hat
jede  Partei  die  Hälfte  zu  zahlen  (B.  §  25).  Im  Falle  der  Nichterfüllung ­
  der  gesetzlichen  oder  vertragsmäßigen  Bestimmungen  oder
im  Falle  des  Verzuges  seitens  einer  Partei  hat  die  Gegenpartei  unter
Ausschluß  aller  sonstigen  gesetzlichen  Rechte  nur  das  Recht  der
„Regulierung  des  Vertrages“  (§  6).  Die  Baumwolle  ist  dann  zum
Marktwert  des  Tages,  an  welchem  die  Regulierung  verlangt  wird,
mit  einer  Straf  Vergütung  von  einem  Pfennig  per  x / 2  kg  gegen  den
Kaufpreis  zu  verrechnen  (§  38).  Dieses  Prinzip  der  Regulierungen
ist  das  einzige  spekulative  Element  im  Bremer  Baum  Wollhandel,  denn
es  gibt  dem  Verkäufer  Gelegenheit,  von  seinem  Kontrakt  zurückzutreten, ­
  falls  die  Preise  zu  sehr  für  ihn  steigen.  Aber  es  kann  kein
Differenzgeschäft  daraus  werden,  es  ist  ja  nur  ein  einseitiges  Recht
des  Käufers,  den  Kaufvertrag  zu  regulieren  (to  dose).  In  Liverpool ­
  dagegen  finden  die  Regulierungen  (periodical  settlements)  allwöchentlich ­
  statt 1 ),  sie  hängen  mit  dem  Abrechnungssystem  des
Cotton  Clearing  House  zusammen  und  stellen  eine  Summe  von  wirklichen ­
  Differenzgeschäften  dar 1  2 ).  Das  Cotton  Clearing  House  stellt
die  Preisdifferenzen  fest  und  übernimmt  den  Empfang  und  die  Auszahlung ­
  derselben  von  und  an  den  betreffenden  Kontrahenten.  Sie
brauchen  nicht  bar  gezahlt  zu  werden,  sondern  sie  werden  analog
dem  Verfahren  beim  Kontokorrentverkehr  gebucht,  so  daß  schließlich
nur  die  Schuld,  welche  sich  aus  sämtlichen  an  dem  „settlement-day“
erledigten  Kontrakten  einer  Firma  ergibt,  beglichen  wird 3 ).

1)  Th.  Ellison,  a.  a.  O.,  S.  296.
2)  Ebenda,  S.  295.
3)  Ebendaselbst.
        <pb n="120" />
        Der  deutsche  Außenhandel  in  Baumwolle  und  BaumwoUfabrikaten  (Spezialhandel)  1889—1903.

I.  Einfuhr.  (Die  Menge  in  1000  t.)

Statistische ­
  No-1889



1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899I1900  1901

1902

1903

i5

Baumwolle,  rohe

224,0

250,6

259,7^240,9

247,7

277,8

301,0

281,5

302,5357,0

330,9

313,1

332.9

348,3

382,5

l6

Baum  wollabf  alle
Baumwollgarn,  auch  Vigognegarn,  eindrähtig,  roh:

17.6

17,8

20,6

23,9

21.5

27,5

27,6

29,1

34,0

36,2

45,4

40,7

43,■

49,4

19

1,3

0,5

0,2

0,1

0,2

0,2

0,2

0,2

1,8

0,3

o, 1

0,2

0,1

o, 1

0,3

20

über  No.  17—45

6.3

5,5

4,3

3,8

4,4

5,9

7,4

7,1

8,2

6,2

4,8

4.0

3,0

3, 1

3,4

21

,,  „  45—60

1,2

1.5

1.3

i,3

1,6

1,8

2,2

2,0

2,2

2,3

1,8

1,6

i,3

1,4

1,5

22

„  „  60—79

1,0

I , 1

0,9

o,9

0,9

0,9

1,0

1,2

1,6

1,5

1,0

D2

1*2

1,1

1,0

23

,,  -.79
Zweidrähtig,  roh:

0.3

0,3

0.3

0,6

0,7

0,6

0,9

1,0

1,0

1.3

1,8

1,8

1,4

i,7

1 ,9

24

bis  No.  17

0,2

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

O,  T

0.1

0,1

0,1

0,0

0,0

0,1

0,0

25

über  No.  17—45

6,1

5.i

4.5

4.4

4,5

4,3

5,2

5,5

6,0

5,3

4,7

4,2

2,9

2,8

3,5

26

„  •„  45—60

1,9

i.4

1.3

1,3

1,4

1,5

1,8

i,9

2,0

2,3

2,5

2,5

2,1

2,3

2,6

27

»  »  60—79

0,7

o.7

0,7

0,8

0,8

0,8

1,0

1,0

1,2

1.3

i,4

1,6

1,5

1,9

1,9

28

..  »79
Ein-  und  zweidrähtiges,  gebleicht  oder  gefärbt:

'-4

i,4

1,2

M

1,5

1,02

1,6

‘,4

1,4

1,6

i,7

1,8

1,7

t,8

1,8

29

bis  No.  17

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,0

0,1

0,0

0,0

0,1

OJ
O
1
u»
K»

über  No.  17—79

0,4

0,3

0,3

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

33

..  »79

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

34

Drei-  und  mehrdrähtig

0,3

0,3

0,2

0,2

0,3

0,3

0,3

0,4

0,4

0,4

0,4

0,4

0,3

0,4

0,4

35

Zweidrähtiges,  wiederholt  gezwirntes;  Zwirn,  akkommod.
Baumwollwaren:

o.5

o,S

0,5

0,5

0,5

0,5

0.5

0,5

0,5

o,4

0,5

0,4

0,4

0,4

0,4

38

Gewebe,  dichte,  gebleicht  etc

o,3

o,3

0,4

0,4

0,6

0,6

0,8

o,9

5.3

3-6

3,4

3,5

3.2

3,3

3,3

39

Tüll,  roh,  ungemustert

0,2

0,1

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,4

0,5

0,4

o,4

o,3

o,3

0,2

0,2

40

Gewebe,  dichte,  gebleicht  etc

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,3

o,4

0,4

o,4

o,5

o,5

0.5

0,5

o,5

41

Sammet,  aufgeschn

0,2

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

42

Gewebe,  dichte,  gefärbt

0,4

0,4

0,4

0,4

0,5

0,5

0,6

0,6

0,7

0,8

0,8

0,8

0,8

0,9

0,9

45

,,  undichte,  rohe
,,  gebleicht,  gefärbt

0,0

0,0

0,0

0,0

O, 1

0,0

0,1

0,1

0,5

0,3

0,3

o,3

0,3

0,4

0,4

48

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,2

0,2

0,3

0,3

0,3

o,3

0,3

0,3

0,4

53

Schmirgeltuch

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

o, 1

0,1

0,1

O, 1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

44

Strumpfwaren,  bw

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0.0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

43

Posamentier-  und  Knopfmacherwaren

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

49—50

Spitzen  und  Stickereien

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,1

0,2

0,2
        <pb n="121" />
        Der  deutsche  Außenhandel  in  Baumwolle  und  ßaumwollfabrikaten  (Spezialhandel)  1889
II.  Ausfuhr.  (Die  Menge  in  1000  t.)

1903.

Statistische ­
  So.

CO
CO
VO

1
CO
vO
O

1891

1892

1893

1894

IO
O
00

1896

1897

1898

1899

0
0
CN

1901

1902

1903

*5

Baumwolle,  1  ohe

19,5

23,9

22,4

2 1 ,9

21,1

23.5

33,8

39,3

29,5

34.1

36,1

33,9

30,7

37,8

38,4

16

Baumwollabfälle

10,6

I  1,2

10,0

9,8

n,7

n,i

11,2

13,3

14.3

13,6

14,5

i7,i

16,3

18,0

23,8

17

Baumwolle,  Kard.  etc

1 .3

1.3

1,3

1,0

1,0

i,3

1,6

1,8

1,7

i,5

1,5

'S

1.4

1,5

1,6

18

Baumwollwatte
Baumwollengarn,  eindrähtig,  roh;

0,2

0,2

0,2

0.3

0,2

o,3

0,4

o,5

0,5

0,6

0,6

0,8

0,8

1,1

1,3

19

bis  No.  17

0,2

0,6

1,4

1,6

1,0

0,6

0,5

0,6

0,6

0,8

i,7

2,6

2,4

3,2

2,5

20

über  No.  17—45

0,2

0,4

o,S

0,6

0,3

0,2

0,1

0,2

0,2

0,2

o,5

1,6

2,7

„2,0

1,3

21

»  5)  45—60

O, 1

0,1

0,1

o, 1

0,1

0,1

O, 1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

o, 1

0,1

0,1

22

&amp;gt;,  »  60—79

0,0

0,0

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

23

»79

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

24—28

Zweidrähtiges,  roh
Ein-  und  zweidrähtiges,  gebleicht  etc.;

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0, 1

0,1

0,1

0,1

0,2

0,3

29

bis  No.  17

2,0

1,3

1,7

1,7

1,8

2,2

2,0

1,6

1,6

1,9

2,0

1.8

1,9

2,0

2,0

3°

über  No.  17—45

0,2

0,2

0,5

0,6

0,4

0,4

0,5

0,5

1,4

1,3

1,2

1,1

1,4

1,7

1,7

31—32

..  45—79

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

o, 1

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

33

»  ,,79

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,1

0,2

34

Drei-  und  mehrdrähtig

0,6

0,7

0,7

0,6

0,5

0,6

0,6

0,6

o,6

0,6

0,7

0,7

0,7

0,8

0,9

35

Zweidrähtiges,  wiederholt  gezwirntes;  Zwirn,  akkommod.

1,1

1,2

1,3

1,2

1,2

1,2

1,3

1,2

i,3

1,5

1.5

1,6

1,8

2,0

2,1

37

Vigognegarn
Baumwollwaren;

2,1

2,4

3,3

3,0

2,4

2,0

2,5

2,1

1,8

1,5

1,5

1,2

o,7

0,5

0,4

38

Gewebe,  dichte,  rohe
„  gebleicht  etc

0.3

0,3

0,3

0,4

0,4

0,3

0,3

0,4

o,5

0,4

0,6

0,6

0,6

0,5

0,9

40

1.7

1,6

1,8

1.7

i,7

1,7

i,9

1,8

1,8

1,8

1,9

2,3

2,3

2,8

3,4

41

Sammet,  aufgeschn

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

o,3

o,5

0,5

0,6

0,8

0,8

0,9

0,8

42

Gewebe,  dichte,  gefärbt

12,7

13.4

14,5

18,2

17,7

14,5

16,7

16,6

17,7

17,7

18,6

20,4

18,8

22,6

24,8

45

,,  undichte,  roh

0,0

0,0

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,0

°,i

0,1

0,1

0,1

0,1

°,i

46

Gardinenstoffe,  rohe

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

47

„  andere

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,3

0,2

0,2

0,2

0,2

0,1

0,1

0,2

0,2

48

Andere  undichte  Gewebe,  gebleicht  etc

0,6

0,6

0,6

0,6

0,6

0,6

0,8

0,8

°,9

o,8

0,9

1,0

1,1

1,2

1,3

Baumwollwaren,  unvollständig  deklar

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0.0

0,0

0,0

0,0

53

Schmirgeltuch

0.1

0,1

o, 1

0,2

0,2

0,3

0,4

0,4

o,5

0,6

0,7

0,7

0,7

0,7

0,8

52

Fischernetze

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,1

0,1

0,1
9,8

0,1

0,1

0,1

O, 1

0,1

0,2

0,2

44

Strumpfwaren

7,5

8,3

6,6

8,6

8,8

9.1

11,3

9,8

9,5

9,9

10,6

9,4

10,5

10,9

43

Posamentierwaren

2,3

2,9

2,9

2,8

2,9

3,3

3,4

3,2

2,9

3,i

3,0

3,2

2,9

2,7

2,7

49—5°

Spitzen  und  Stickereien

0,6

0,6

0,6

o,5

o,5

0,6

o,7

0,8

1,0

1,0

1.1

1,3

1,3

1,6

1,9
        <pb n="122" />
        Der  deutsche  Außenhandel  in  Baumwolle  und  Baumwollfabrikaten  (Spezialhandeli  1889—1903.

I.  Einfuhr.  Der  Wert  in  Millionen  M.  Nur  Waren  über  0,1  Mill.  M.  sind  aufgeführt

Statistische ­
  No.

Artikel

1889

1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

00
vO
VI

1898

1899

1900

1901

1902

1903

iS

Baumwolle,  rohe

270,9

280,6

226,0

■87,5

210,5

i9i,7

220,7

226,6

231,0

237,5

228,5

318,0

296,2

319,7

395,1

16

Baumwollabfälle
Baumwollgarn,  auch  Vigognegarn,  eindrähtig,  roh:

9.1

9,5

8,0

8,2

10,7

7,9

10,7

n,9

12,2

13,3

14,8

22,7

19,5

21,6

28,2

19

bis  No.  17

&amp;gt;.9

0,8

0,2

0,2

o,3

o,3

0,2

0,3

1,9

0,3

0,1

0,2

0,1

0,1

°,4

20

über  No.  I"—45

12,3

10,9

7,7

6,2

8,0

9,8

12,5

11,9

12,4

8.5

7,2

7,4

4,9

4,9

Ö,2

21

..  ..  45—6o

2,9

3,5

2,8

2,7

3,7

3,6

4,7

4,2

4.4

4,3

3,8

4,0

2,9

3,1

3,9

22

„  „  60—79

3,7

3,9

3,'

2,8

3,0

2,9

3,3

3,9

5,i

4,5

3,2

4.9

3,9

3.3

3,4

23

,,  »79
Zweidrähtiges,  roh:

i,7

1,4

i,3

2,6

3,4

3,o

4,3

4,7

4,5

5,9

8,4

9,5

6,9

7,7

9,7

24

bis  No.  17

o,3

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,0

0,1

0,1

25

über  No.  17—45

13,1

n,2

9,1

8,2

8,9

7,8

9,3

9,9

9,9

7,9

7.4

8,2

5,1

S,o

6.7

26

,,  •,.  45—60

5,6

4,3

3,7

3,3

3.8

3,9

4,8

5,1

5,1

5,6

6,5

7,5

5,6

5,9

7,3

2-„

  „  60—79

2,8

3,1

3,o

3,3

3,6

3,3

4,1

4,4

4,3

4,4

5,2

6,6

5,7

6,8

7&amp;gt;5

28

&amp;gt;»79  *  •
Ein-  und  zweidrähtiges,  gebleicht  und  gefärbt:

8,0

8,0

6.5

7,9

7,9

6,8

9,1

8,2

7,3

8,5

9,6

10,6

9,7

10,2

10,1

29

bis  No.  17

0,2

0,1

0,1

0,1

0,2

0,2

0,2

0,1

0,1

0,1

0,0

0,1

0,0

0,1

0,2

30—32

über  No.  17—79

0,8

0,7

0,5

0,4

o,5

o,3

0,3

0,4

0,4

o,4

0,3

0,3

0,2

0,2

0,2

33

»  »79

o,t

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,2

0,1

0,1

0,1

0,1

0,2

0,2

0,2

0,2

34

Drei-  und  mehrdrähtig

V

1  1

0,9

1,0

I, 1

1,0

1,2

1,4

1,4

i,4

i,5

1,6

1,2

1,6

1,9

35

Zweidrähtiges,  wiederholt  gezwirntes;  Zwirn  akkomm.
Baumwollwaren:

2,4

2,4

2,6

2,2

2,3

2,2

2,4

2,2

2,2

1,9

2,3

2,3

1,9

2,0

2,1

38

Gewebe,  dichte,  rohe

0,8

0,9

0.9

1,1

1,6

1,5

2,1

2,3

'5,9

10,5

io,3

11,5

10,3

11,0

ii,  5

39

Tüll,  roh,  ungemustert

4.1

3,2

3,8

2,5

2,7

3,8

3,6

5.5

9,o

6,3

6,0

5.8

4,8

3,4

3,0

40

Gewebe,  dichte,  gebleicht  etc

0,5

0,6

o,5

o,5

0,6

0,6

0,9

1,0

i,3

i,3

1,6

1,9

i,7

1.9

2,0

41

Sammet,  aufgeschn

0,2

0,1

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,4

0,4

o,5

0,5

0,6

0,7

0,5

42

Gewebe,  dichte,  gefärbt

1,2

1.4

',2

I,

1,4

1,4

1,6

1,6

2,1

2,6

3,o

3,0

2,9

3,4

3.6

45

,,  undichte,  rohe

0,1

0,1

0,1

0,1

0,2

0,2

0,3

0,5

2,3

1,6

i,7

2.5

2,0

3,'

2,7

48

,,  gebleicht,  gefärbt

0,3

0,4

0,3

0,3

0,4

0,6

0,8

1,1

i,S

1.4

1,6

2,2

2,3

2,8

3,1

53

Schmirgeltuch

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

°&amp;gt; I

0,1

0,1

0,1

0,1

44

Strumpfwaren,  bw

0,3

0,3

0,3

0,3

0,3

0,4

0,4

0,4

o,3

o,3

o,3

0,3

0,2

0,3

0,3

43

Posamentier-  und  Knopfmacherwaren

0,4

0.3

o,4

°,3

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,3

0,2

0,2

0,2

49—5°

Spitzen  und  Stickereien

4,5

4,2

3.7

2,6

2,6

2,6

4,0

5,9

7,1

6,3

7,'

6,9

6.2

7,7

9.1
        <pb n="123" />
        Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  III,  Heft  3.
Lochmüller,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie.

Der  deutsche  Außenhandel  in  Baumwolle  und  Baumwollfabrikaten  (Spezialhandel)  1889—1903.

II.  Einfuhr.  (Der  Wert  in  Millionen  M.  Nur  Waren  über  0,1  Mill.  M.  sind  aufgeführt.)

Statistische ­
  No.

Artikel

188g

1890

1891

00
vo

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899

1900

IQOI

1902

1903

i5

Baumwolle,  rohe

23,5

28,9

i9,5

17.3

18,4

16,5

25,2

32,1

22,8

23.0

25.3

34.9

27,7

35,1

40,4

16

Baum  wollabf  alle

5,7

6,0

4,5

3.9

5.2

4,!

4,4

5,7

6,0

5-3

5,9

8,6

7,8

9,0

13.5

17

Baumwolle,  Kard.  etc

2,3

2,2

2,0

M

1,6

1,4

t,7

1,9

1.4

1,5

1,8

1,5

1.8

2,0

18

Baumwollwatte
Baumwollgarn,  eindrähtig,  roh.

o,3

0,4

0,3

o,5

0,4

o,5

°,7

0,8

0,9

o,9

0,9

i,4

1,4

1,9

2,2

19

bis  No.  17

°,4

0,9

1,9

2,0

1.3

0,7

0,6

o,8

0,7

0,8

1,8

3.4

2,7

4,1

3,6

20

über  No.  17—45

o,5

0,7

0,9

1,1

0,7

o,3

0,2

o,3

0,3

0,3

0,8

3.2

4.7

3,3

2,4

21

„  „  45—6o

0,2

0,2

0,2

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,2

0,2

0,2

0,2

22

„  „  60—79

0,1

0,1

0,2

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,!

0,1

0,1

0,1

0,1

23

„  „79

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,!

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,1

24—28

Zweidrähtiges,  roh
Ein-  und  zweidrähtiges,  gebleicht  etc.

0,2

0,2

O, 1

0,1

0,1

0,1

0,1

0,2

0,2

0,2

0,3

0.4

0,3

°,4

0.7

29

bis  No.  17

4,6

2,9

3.4

3.3

3.1

2,6

2,6

2,6

2,3

2,5

2,7

3,0

3,0

3,4

3,6

30

über  No.  17—45

0,6

0,6

■,3

0,9

0,7

0,9

1,1

4.4

3,9

3.6

3,8

4P

4,8

5,1

31—32

„  „  45—79

0,1

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,1

0,5

0,6

0,8

0,8

0,6

0,8

0,8

33

„  „79

0,1

0,1

0,2

0,1

0,1

0,1

0,1

0,4

1 ,5

1,3

1,4

1,2

1,0

1,0

1,2

34

Drei-  und  mehrdrähtig

2,6

3,4

2,8

2,7

2,2

2,3

2,4

2,3

2,4

2,5

2,9

3.5

2.7

3,6

3,8

35

Zweidrähtiges,  wiederholt  gezwirntes,  Zwirn,  akkomm.

5,6

6,1

5.9

5.7

6,0

5,6

6,3

5,7

6,4

4.8

6,6

7,7

8,8

9,4

10,3

37

Vigognegarn
Baumwollwaren.

4, 1

4-4

5,3

4,2

3,3

2.5

2,9

2,4

2,0

1,5

1,7

1,7

0,8

0,0

0,5
3,0

38

Gewebe,  dichte,  rohe

0,9

o,7

0,7

1,0

1,0

o,7

0,7

o,9

1,3

1,3

1,8

2,1

1.9

&amp;gt;,8

40

„  ,,  gebleicht  etc

5.8

5,8

5,7

5,4

5,7

5,3

6,1

5,7

6,4

6,2

6,8

9,05

8,6

I  1,0

13,7

41

Sammet,  aufgeschn

1,2

1,1

1.1

1,2

1.3

1,2

1,5

t,7

3.4

3,2

3-9

5,1

5,2

5,6

5.4

4 2

Gewebe,  dichte,  gefärbt

48,2

51,0

30,6

6l,8

63,6

49,2

57,5

57,2

62,7

61,1

67,9

79,7

69,5

81,2

94,2

45

„  undichte,  roh

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,6

o,5

0,7

o,7

o,7

0,4

46

Gardinenstoffe,  rohe

0,0

0,0

0,0

0,1

0,1

o, 1

0,0

0,1

0,1

0,1

o, 1

0,1

0,0

0,0

0,0

47

„  andere

1.4

1,6

1,3

1,2

I,  I

1,2

1,3

1,0

0,9

0,8

0,8

0,8

0,8

0,9

1,0

48

Andere  undichte  Gewebe,  gebleicht  etc

2,9

3,0

2,8

2,9

3,1

3.2

4.1

4,6

5,2

5,2

6,3

8.1

8,7

9,8

11,3

Baumwollwaren,  unvollständig  deklar

0,0

0,0

0,0

0,0

0,1

0,1

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

0,2

o,3

0,3

53

Schmirgeltuch

O, 1

0,1

0,1

0,2

0,2

0,3

0,4

0,4

0,5

0,6

0,7

0,5

0,5

0,6

0,7

Fischernetze

0,1

0,1

0.1

0,2

0,3

0,2

0,3

0,2

°,3

0,3

0,4

0,5

0,5

0,9

1,0

44

Strumpfwaren

58.3

57,9

42,9

S 1  &amp;gt;8

48,4

47,5

58.5

67,9

53,6

52,2

61,9

71,1

59.6

72,9

82,0

43

Posamentierwaren

15,2

19,0

19,0

18,4

20,1

2t,  I

21,7

23,4

18,8

20,0

19,8

22,0

19,8

18,4

18,8

49—50

Spitzen  und  Stickereien

27,3

27,4

21,6

12,8

9,3

1 1,7

I 4,o

20,6

24,1129,8

35,5

45,0

44,0

55,4

70,4
        <pb n="124" />
        —  1  15  —

A

8*

I.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs

E  =  Einfuhr,  A  =  Ausfuhr.  Ein-  und  Ausfuhr  in  1000  M.

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

1888

15—16

Rohe  Baumwolle  .  f  E

4216

3  218

7  979

6  492

7  397

6000

4030

8  244

10  918

und  Baumwollabtälle  .  \  A

734 1

11  733

&amp;gt;3  732

15  954

13  &amp;gt;99

8850

10  882

&amp;gt;4  4'7

17  004

(  E

.

—

—

—

—

—

■7

B.,  Kardätschte  etc.  .  &amp;lt;  ^

1  &amp;gt;9

1  IO

118

246

139

2O0

573

1  087

1  693

(  E

—

—

—

—

—

&amp;gt;9—37

Baumwollgarn  •  *  *  k  a

4&amp;gt;°4

3074

3  339

3  060

3  114

2065

1  969

1  909

2016

38-53

Baumwollwaren  .  ...  A
darunter

3595

4  742

5  835

6613

7  5i4

7443

7  3'8

6  592

6112

4 2

Gewebe,  dichte,  gefärbt  etc.  i  ^

1259

1  749

2  083

2  362

2  603

2872

2  028

1  864

1  549

49—50

Spitzen  und  Stickereien  \

276

279

350

406

910

1395

1  860

1  871

1  386

2.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs
Ein-  und  Ausfuhr  in  1000  M.

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

1888

15  —16

Baumwolle,  rohe

E

4012

3821

5128

4625

2682

1020

977

875

1076

Baumwollabfälle

1513
55°9

&amp;gt;455
6853

1713
8008

1386
6170

ii93
5722

815
5715

1246
5496

736
5153

1352
f&amp;gt;754

19—37

Baumwollgarn  .  *
darunter  eindrähtiges,  roh

l A

1878

1440

1472

1368

1619

891

IO4O

1288

1124

22—23

über  No.  60  .

E

2753

3208

4233

2503

2407

2522

2316

2033

2979

38-53

Baumwollwaren  .
darunter

[ E

1763

2290

2449

2347

2314

2306

1922

'599

1556

49—50

Spitzen  und  Stickereien

1

804

1092

1280

1336

1484

1700

1268

1118

1005

38-53

Baumwollwaren  .
darunter

u

5704

5600

6831

6960

7686

4922

5291

5246

4890

42

Gewebe,  dichte,  gefärbt

2398

2697

355°

3276

354°

2289

2473

2259

1931

3.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs
Ein-  und  Ausfuhr  in

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

1888

15

Rohe  Baumwolle 1 )  .  .  &amp;lt;  ?

11  020

10971

10  581

8789

8199

&amp;lt;&amp;gt;559

6128

1669

2408

19-37

Baumwollgarn  A

00
OJ

2  021

1  484

1788

1963

1312

1362

1980

1260

darunter

Garnfertigfabrikate  .  .  A

1519

1  615

1  249

1349

1519

79i

1060

1622

1006

38-53

Baumwollwaren  ...  1

3  048

4  4°'

4632

5°54

5706

5044

4480

6068

3115

darunter  Gewebe,  dichte,  &amp;gt;  A

gefärbte  etc.  .  j

I  702

2  194

2  475

2421

2616

2222

1770

2348

1127

i)  Bis  1884  war  No.  15  und  16  verbunden,  aber  die  Baumwollabfalle  (No.  16)  bilden  nur

mit  Österreich-Ungarn  1880—1903.
im  Spezialhandel.

1889

1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899

1900

1901

1902

1903

‘5  3i7

10  589

4305

3  224

3  5°3

2178

2135

2  621

1  998

1  840

2  189

3  175

2  5°5

2  895

3  584

20  250

24911

15  994

15  026

17118

13  935

17  172

20  227

15  675

16  136

15  577

20  I44

17  398

21  884

22293

I  912

1882

1  533

I  127

1  228

1  256

1521

1  697

1  498

1  230

1  269

1518

1  39i

1  572

1645

1  995

2  018

2  451

3  008

2  470

2  372

2  597

2  079

2  495

2  442

2  834

2  833

3  680

3  929

4  544

4  494

4  302

4611

4  &amp;gt;75

4  156

4399

5  210

4  966

5  756

6  346

5  7io

6  089

5  851

0385

7250

1381

1  128

I  210

1366

I  I92

I  I  I  1

974

1  081

1  366

1  359

1  347

1  294

1  35°

1  34 1

1563

I  219

1301

1544

945

789

I  O9I

1758

I  2  I  I

1  237

1  377

978

1  103

1  089

■  583

2234

mit  der  Schweiz  1880—1903.
im  Spezialhandel.

1889

1890

1891

1892

1893

1894

OO
vO
Ln

1896

1897

1898

1899

1900

IQOI

1902

1903

947
2122
6813
1209

1289
1705
545'
1280

745
1085
4918
1156

507
813
4655
1012

539
1065
5375
996

488
824
6026
1055

661
2268
6847
I  I42

737
3i37
65 2 4
1062

667
1  432
6  157
1  597

693
i  512
6  656
1  340

746
'  577
8  293
1  7°3

1  HS
2  130
9  228
1  938

755
2  012
5  897
1  S3i

896
2  45°
5  4 6 '
1  948

1312
2764
5895
1948

2360
•856

1837
1988

1644
1712

200*
1338

2167
1546

2016
1581

2908
3183

3040
4 1 75

2  768
13  505

3  705
10  172

5  131
11  345

5  444
11  789

3  509
10352

3  534
11  275

3669
11  242

1232
4915

1387
5°55

1068
4753

720
4595

658
5318

686
5039

1722
6038

2600
6412

3  37i
8  285

3  4°8
8  406

3  997
9  144

4  251
9511

3  496
8  934

3  712
10  094

4183
10537

1905

1962

&amp;gt;999

2053

2346

2087

2458

2599

4  304

4  215

4  576

4  797

4  159

4  769

5056

mit  Italien  1880—1903.
looo  M.  im  Spezialhandel.

1889

1890

I89I

1892

1893

1894

'895

1896

1897

1898

1899

1900

1901

1902

1903

5671

6174

1629

500

I  20

29

29

30

34

&amp;gt;4

84

294

63

95

ns

1683

1386

1231

1212

1137

909

QI9

33
863

44
1380

41
967

1374

936

834

1022

225
1207

1008
3777

959
2756

961
2551

991
2469

IOI9
2191

839
1513

832
1846

803
1845

1252
2328

891
24IO

I  I9I
2781

829
2725

749
2333

920
2919

IOC  I
3108

1545

1056

939

I  I  IO

949

499

759

765

948

1057

1079

865

818

1061

1128

einen  sehr  geringen  Teil  des  Einfuhrwertes.
        <pb n="125" />
        —  I  17  —

4.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs
Ein-  und  Ausfuhr  in

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

1888

15

Rohe  Baumwolle 1 )  .

|E

4742

3845

14  162

28  220

34  172

4O  122

38  530

43  3f&amp;gt;8

37  29°

»  A

762

633

606

718

I  I  I  2

28

9«

129

94

&amp;gt;9-37

Baumwollgarn  .

E

983

827

1  238

586

498

799

543

7*4

76!

29—33

darunter  ein-  und  zweidrähtiges,
  gebl.  etc.  .

E

.85

223

125

'3i

'S'

227

153

195

221

19—37

Baumwollgarn

\ A

1169

1179

I  070

979

920

741

831'

860

842

35

darunter  Zwirn  .  .  .

1

863

753

684

406

297

337

479

454

462

42

Gewebe,  dichte,  gefärbte,
bedruckte  etc.  .

A

883

io57

I  4OO

1  538

1  895

1  628

2  252

2  427

2  556

44 a / c

Strumpf  waren  ....

A

397

77«

1  055

733

718

1  051

1  075

1154

1  33°

49—5°

Spitzen,  Stickereien  .

A

36

96

126

172

490

725

835

902

853

i)  Bis  1884  sind  No.  15  und  16  miteinander  verbunden;  in  der  Einfuhr  nimmt  aber  No.  15  (rohe  B.)

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

*5
16

Rohe  Baumwolle
Baumwollabfälle  .

i&amp;gt;

16  927

20  47O

■5
16

Rohe  Baumwolle  .
Baumwollabfälle  .

i&amp;gt;

1  034

1268

19

Baumwollgarn,  eindräht.,
roh,  bis  No.  17  .  .

A

144

■4 1

29—33

Ein-  und  zweidrähtiges
gebleicht,  gefärbt  .  .

A

152

70

42

Gewebe,  dichte,  gefärbt
bedruckt  etc.

A

1  442

1  87  1

43

Posamentier  waren  etc.  .

A

6l6

827

44  a / c

Strumpf-  und  Wirkwaren

A

I  I69

I  721

49—50

Spitzen  und  Stickereien

A

255

303

5.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs
Ein-  und  Ausfuhr  in

1882

1883

1884

00
00
Ln

1886

1887

00
00
1  “

19  340

12  435

14  728

1 10  555
1  304

8215
424

11  947
652

12  495
95 8

1  142

1  125

1  718

f  60
l  75o

42
778

13
872

105
1  121

138

85

92

117

134

158

142

43

64

54

78

94

144

2  70

2  538

2  284

2  875

3  US

3484

3  758

3  621

I  019

1  054

1  068

1  061

1171

I  225

1  439

2  174

2  225

2  80g

2  750

2864

3  131

2  94 2

t&amp;gt;  16

382

560

1  150

1315

1  208

1  53 6

6.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs
Ein-  und  Ausfuhr  in

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

18

15

Rohe  Baumwolle  .  .  A

1060

3650

2139

2995

2838

3664

2043

35 11

15

16

Baumwollabfälle 1 )  .  .  E

441

501

930

509

772

109

*S3

201

19—37
42

Baumwollabfälle 2 )  .  .  A
Baumwollgarn  A
Gewebe,  dichte,  gefärbt,

5274

4558

4586

1972

932

306
1052

215
1165

244
830

2
5

44 a /c

bedruckt  etc.  A

449

425

525

333

2 43

202

186

151
762

1

Strumpf-  und  Wirkwaren  A

1076

i  i8q

1408

1285

1087

850

820

5

49—50

Spitzen  und  Stickereien  A

597

423

389

487

675

985

1235

1020

7

1888

79

1)  Bis  1884  m it  No.  15  vereinigt.

2)  Bis  1884  in  der  Ausfuhr  von  Rohbaumwolle  mit

mit  Belgien  1880—1903.

iooo  M.  im  Spezialhandel.

1889

1890

1891

1892

OO
vO

1894

1895

1896

1897

1898

1899

1900

IQOI

1902

1903

43  852

42  34i

11  859

3528

4°99

2153

1017

509

3°

5»

397

360

139

149

I  2  I

52

99

165

82

145

64

56

94

22

42

39

257

17

■57

47

459

535

269

269

525

522

485

456

341

288

278

432

382

568

824

144

145

72

151

27b

245

231

204

167

IOO

58

98

62

74

177

53V

870

1  152

911

733

687

5i3

463

560

442

579

689

596

616

784

223

544

406

401

276

361

325

217

222

150

217

308

212

268

317

•  593

1559

I  804

1944

1610

1386

1728

i99i

2184

2086

2272

2675

2283

2733

3128

650

572

817

804

849

1372

'857

1534

1514

1307

1572

1874

l8l  I

2398

2208

621

783

787

485

332

435

6bg

402

600

789

802

803

834

IO4O

848

den  bei  weitem  ersten  Platz  ein,  bei  der  Ausfuhr  ist  das  Verhältnis  umgekehrt  (Baumwollabfälle  ca.  75%)-mit

  den  Niederlanden  1880—1903.

looo  M.  im  Spezialhandel.

1889

1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899

1900

1901

1902

1903

10  061
1216
I  127
1  343

7126
1668
279
1358

3157
992
259
1011

'559
1148
197
909

633
'5°7
361
1149

232
'3'5
74i
969

100
1701
1147
1225

i&amp;amp;5
1969
1802
1628

2138
980
1790

12
2395
886
1813

'85
2627
1355
2010

573
35 10
2200
3051

102
2683
r  160
2882

37
2836
2385
3022

246
3&amp;amp;'5
2400
4253

60

446

1209

1037

b 54

228

215

394

35o

358

1119

2185

i57i

2419

2578

337

340

309

556

823

575

708

687

787

1057

1132

1418

1544

1900

i75 b

3  800
1  182
1  921
i  104

3883
1116
1699
892

4025
1212
1899
890

4019
1187
2005
548

4107
1508
2203
473

3853
1554
2118
540

3786
1444
3376
867

4400
1459
2769
610

542i
1375
2122
697

4638
1383
2663
I  224

4840
1381
2902
1266

5639
1506
3203
1576

5291
1273
2332
1422

6436
'474
2836
1520

6656
'459
3235
1550

mit  Rußland  1880-1903.
*ooo  M.  im  Spezialhandel.

1889

1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899

1900

1901

1902

1903

2401

4256

3518

2701

1554

1971

5SH

7903

5898

5675

8275

n  374

8054

8937

14  5i3

64

116

80

40

10

6

O

O

O

5

O

4

1

1

83

33

178

90

176

255

301

273

312

i39

47

81

I  l8

7i

236

745

774

675

509

362

595

846

707

IOOO

1095

130

i  318

1318

1323

1  655

200

1 95

195

195

181

189

229

279

246

256

326

417

388

303

426

719

57b

155

59

48

196

384

388

348

273

522

73°

774

'095

1  603

515

526

387

36°

iS»

215

372

323

324

258

34i

257

389

43i

494

enthalten.
        <pb n="126" />
        1)  Bis  1884  war  No.  48  mit  No.  47  vereinigt  dargestellt;  es  ist  nicht  zu  erkennen,  wieviel  des

Wertes  auf  die  Waren  unter  No.  48  entfällt.

7.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs

Ein  und  Ausfuhr  in  1000  M.

Stat.

Artikel

No.

1880

1881

1882

1883

I884

.885

1886

1887

1888

15
16

Rohe  Baumwolle
Baumwollabfälle  .  .
Baumwollabfälle  ! )

E\
El
A

18  645
I  920

'5  355
2  051

10439
2  062

I  I  227
2  OO9

8  700
'  758

(7  547
l  723
885

8582
1  009
793

'4  473
892
810

9843
981
901

O
1
to
OJ

Baumwollgarn,  eindräht.,

roh

A

4  74°

3  79'

3  845

2  638

'  874

2  093

1  988

1318

835

19—37

Baumwollgarn  überhaupt

A

7  739

6  75'

5  245

2  822

3  202

2  769

2  630

1  95°

1568

42

Gewebe,  dichte,  gefärbte

etc

A

8  779

9  734

10855

8  076

7  '46

6075

4  866

4  'S'

3484

0
LO
Cb

Spitzen  und  Stickereien  .

1  E

1  73'

2  33'

2  764

2  352,

2  036

1  628

912

525

423

l  A

96

'5°

308

228

630

925

'  '95

1  636

1841

i)  Bis  1884  mit  No.  15  (rohe  Baumwolle)  vereinigt.

8.  Entwicklung  des  Handelsverkehrs
Ein-  und  Ausfuhr  in  1000  M.

Stat.

Artikel

.

No.

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

1888

*5
l6

Rohe  Baumwolle
Baumwollabfälle  .  .  .
Baumwollgarn,  eindräht.,

a

'S  293

16  536

25  424

33  937

37373)

23  601
899

23  '99
862

28  307
'  729

25  109
1  897

19  —  21

roh,  bis  No.  60  .  .

E

6  483

7  496

7  974

17  009

15924

'3  494

'3  54&amp;amp;

11  980

12  643

24—26

über  No.  60  .  ,  .
Baumwollgarn,  zweidr.,

E

248

589

1  810

■  305

'  277

16  693

2  268

1  871

2  186

roh,  bis  No.  60  .  .

E

7  942

10  086

"  753

14  285

■5321

'3  74'

■4  349

15  692

16  679

27—28

über  No.  60  .  .  .

E

6  709

7  039

8307

9303

9758

8  45'

10  096

9  904

9  724

35
29—33

Zwirn,  akkommodiert.  .
Baumwollgarn,  ein-  und

E

2  076
1  813

1  377

1  740
1  3'6

1706
1619

2645

1  981

'  732

2  277

2  309

zweidrähtig,  gelbl.  etc.

A

1  259

1590

2  694

2  O9O

1  149

1164

37

Vigognegam  ....

A

5  998

4  820

3  040

3055

1880

2  O99

'  832

1  386

841

38

Gewebe,  dichte,  rohe  .

E

430

367

366

383

627

6'5

535

5 6 '

658

39

Tüll,  roh,  ungern.

E

545

1  168

I  I  14

2  069

2210

5  090

7  538

5  5° 8

3843

42

Gewebe,  dichte,  gefärbt

/ E

300

268

373

437

436

37'

387

474

556

etc

\  A

1  744

2  393

3  569

3  '4'

2  627

2  988

3  012

3  079

3  74'

43

Posamentierwaren  etc.  .

A

2  386

3  373

4  68g

4  559

4978

4  534

5  208

5  881

4  873

44  a—c

Strumpf-  und  Wirkwaren

A

3  046

5  99i

7  641

6  218

6340

7  464

5  863

5  923

6  199

49—50

Spitzen  und  Stickereien

f  E

2  664

3  500

5  732

6  160

5688

7  476

4  524

3  461

2  22  I

l  A

327

861

I  O4O

2  926

8  '59

11  230

'4  955

19  SOI

1583

48

Undichte  Gewebe,  gebh,

( E

—

—

—

—

'83

247

'57

135

gefärbt,  bedruckt l )

IA

41

30

105

90

'5'

78

92

I  l6

'54

—  normt ­

  Frankreich  1880—1903.

im  Spezialhandel.

00
00
O

1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899

I90Ö

1901

1902

1903

9289

6841

566

667

1007

500

428

109

128

56

342

458

277

290

553

I  I  I  2

1061

1  229

1227

&amp;gt;  313

996

'344

1404

1679

'594

1602

2292

22  1  7

2692

3629

972

102  1

700

733

948

72'

683

902

901

841

838

1249

"77

122  1

'545

7S 1

952

1216

1216

767

537

495

509

449

376

395

1983

2376

1161

547

1480

1646

1927

2018

1683

1281

1079

1082

I  141

99'

927

2608

2913

1886

1536

3682

3227

3213

3197

2811

2125

2488

2544

3646

2973

2642

2807

2586

2467

1936

443

337

357

7,2z,

288

323

357

740

593

564

692

651

585

707

1236

■523

1831

3616

2080

843

790

'449

809

"59

'533

2190

2309

'995

2342

2586

mit  Großbritannien  1880  —  1903.

im  Spezialhandel.

188g

1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1898

1899

1900

1901

1902

1903

23  420

9713

8  729

7  946

8  709

4035

2  298

2  816

4  275

2  I  I  I

'  734

'  395

576

535

570

2  251

1787

'  744

2  476

3  066

I  92I

2  719

2  977

2  830

3  602

4  979

4  9'5

4  437

4  999

4892

'3  364

12  290

8  228

7  236

9  '96

9  948

'3  842

13033

12  419

10450

8  252

8  098

5  937

6  478

8216

2  929

3  265

2  606

3  348

4  223

3  898

3  74'

5  454

6  828

6  722

8  458

8385

7  299

7  422

9424

'8  530

15  !20

12  466

1  I  202

I  2  200

I  I  249

'3  722

14  999

14  782

'3  279

15  620

'5  472

10  537

10  770

'3937

10  978

"  '55

9  43'

11  136

"  5'9

9  764

12  865

12  361

"  3' 2

12  661

16  564

16  987

'4  94'

16  57'

'7  149

2  214

2  234

2  499

2  OI4

2138

2  045

2  29I

2130

2  051

1  762

2  138

2  152

'  794

1  806

'  939

3  065

1  388

'  '3'

92  I

961

'  588

'  438

1  627

'  372

1  446

'  253

'  '95

'  392

'  836

1799

3  172

3_59 6

4  626

3  563

2  7'5

1  621

2  028

1780

1  482

1  084

'  275

'  423

643

439

262

661

766

780

846

I  212

I  I  2  I

I  402

1  613

7  480

4  586

4  '54

5  985

5  '80

9  '44

6485

3  75S

2  910

3  438

2  325

2  466

3  574

3  338

5  219

8  476

5  988

5  922

5  356

4  54'

3  291

2941

798

929

843

794

I  OO4

'  039

1  "8

I  I  I  I

1  461

1  83  1

2  O99

2  146

2  059

2  425

2  442

3  569

4  45°

6  450

8  097

9  487

8368

10  227

12  115

'3  5'8

13045

'3  4'9

15858

13  806

16  226

17  602

6  028

8  772

9  127

9  45°

9  664

"43'

I  2  205

8942

5  79o

7  723

6  839

7  206

6  665

5  4'7

5868

3  759

3  348

3  340

3  545

3  778

4  '5'

6412

7  280

6  '95

7  566

10342

'4  278

'3  079

17  022

18479

2  556

2  264

'  974

■  385

'  53f&amp;gt;

1  486

'  554

2  184

2  656

2  160

2  008

1  622

'  744

2  763

2885

11  114

9  983

6  450

2  328

'  520

1  967

3  489

3682

8  637

'3  85'

'7  052

21  156

19  009

23  "'

32  "3

176

228

204

180

261

387

473

692

942

907

1  003

1  477

'  658

1  982

2  339

708

850

788

725

725

860

960

783

'  073

1  036

'  598

'  723

2  139

2  47'

2339
        <pb n="127" />
        120

I  2  I

9,  Entwicklung  des  Handelsverkehrs  mit  den
Spezialhandel
A.  Einfuhr  in  das

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

1882

1883

1884

1885

i88b

1887

1888

1889

1890

15
16

Rohe  Baumwolle  .  ^
Baumwollabfäüe  .  j

54  275

i-O
0
0
vO

44  5H

59  64'

43  812J

S 2  744
95

50  Ol8
20

72  864
36

6 7  745
I  IO

120  86}
648

140162
878

B.  Ausfuhr  aus  dem

29/33

Baumwollgarn,  eindr.J

u.  zweidrähtig,  ge-J
bleicht,  gefärbt  .  |

■3

73

5

I  I

4

8

19

'7

39

5°

3 6

40

Gewebe,  gebleicht  u.

appretiert  .  .  .

330

'75

86

80

179

214

42

102

97

IO4

69

42

Gewebe,  dichte,  gefärbt,

  bedruckt

■  353

2  463

1  949

919

I  022

954

1  375

2  478

i  985

2  107

2  229

43

Posamentierwar.  etc.

944

9'3

1  147

I

496

1312

1  487

'  394

I  41  I

1  077

2  27  I

2  290

44 a / c

Strumpf-  und  Wirkwaren

  ....

■9  55«

20  828

24  619

25

220

17  511

18  062

26  200

25  561

19  887

31779

35  012

49/5°

Spitzen  u.  Stickereien

1  078

534

899

I

691

■  350

1  320

4  595

4065

2  430

4885

6  751

10.  Entwicklung  der  Ausfuhr  nach
Spezialhandel

Stat.
No.

Artikel

1880

1881

1882

1883

1884

1885

1886

1887

1888

19—37
42

Baumwollengarn 1 )  ....
Gewebe,  dichte,  gefärbt,  be-29



29

3'

58

65

65

56

98

70

druckt

850

1510

1  806

'  559

1  363

1  105

1  167

1  816

1  54°

44

Strumpf-  und  Wirkwaren

222

355

328

596

712

384

578

745

627

i)  Bis  1896  nur  nach  Rumänien.

Vereinigten  Staaten  von  Amerika  1880—1903.
in  1000  M.

deutsche  Zollgebiet.

1891

1892

'893

1894

IO
00

1896

1897

1898

1899

IQOO

1901

1902

■9°3

'38  533
776

125  132
584

■30  655
1  666

133  350
I  070

169  806
■  843

■59  752
■  765

171  22}
2465

■88  732
2  3&amp;gt;4

■74  492
2  323

258  797
6  484

233  254
5  ■  &amp;gt;4

244305
5  379

281  492
8  274

deutschen  Zollgebiet.

37

■5

2

&amp;gt;

2

I  I

85

93

256

724

53i

5io

563

67

■45

226

365

00
t'N.

651

753

918

905

1  082

1  169

2  130

3  90i

1  918

2  152

■  430

I  224

2  265

■  950

2  713

2  756

3  025

3  437

3  403

3  U6

3  380

1  764

■  603

■  521

■  S 01

■  93  ■

2  695

3  9H

3  344

2  983

3  605

4  308

2  726

2  557

20  643

26  755

23  233

22  369

35  568

23  736

23  173

18  691

20  690

25  190

16  437

22  062

26  382

2  559

2  605

2  069

3  75  ■

6  993

3  559

7  222

5  304

6  666

9853

12  061

■4  399

■8  157

Rumänien  und  Serbien  1880  -1903.

in  1000  M.

1  -
00
00
0

1890

1891

1892

'893

1894

■895

1896

1897

1898

1899

IQOO

1901

1902

1903

121

110

274

3'4

410

459

414

37i

527

454

503

306

402

S9i

523

2  367

2  350

3  499

4  268

3  642

2  809

1  778

2  459

3  372

3  275

3  in

■  484

4  036

5  550

4971

I  096

734

959

661

957

■  083

758

■  'SS

I  012

885

930

433

768

I  224

991
        <pb n="128" />
        1

122

I.  Großhandelspreise  von  Baumwolle  und  Baumwollgarn  1879  —  1904  (pro  kg  in  Pfennigen).

Pfen.
        <pb n="129" />
        r

2.  Großhandelspreise  von  Baumwollgarn  und  Kattun  1879—1904.

123
        <pb n="130" />
        124

3.  Die  Entwicklung  der  Gesamtlöhne  in  der  „Baumwollspinnerei  am
Stadtbach“  in  Augsburg
(bis  1887  ausschließlich,  von  da  an  einschließlich  Tagelöhner).

Auf  einen  Arbeiter
kommen  an  Lohn
        <pb n="131" />
        Benutzte  Literatur.

1)  Handwörterbuch  der  Staats  Wissenschaften,  2.  Auflage,  Jena  1902.
2)  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft,  Jena  1898.
3)  A.  Bayerdörffer,  Der  Kaffee-  bezw.  der  Zuckerterminhandel.  (Conrads  Jahrbücher
für  Nationalökonomie  und  Statistik,  3.  Folge,  Bd.  I,  1891).
4)  Ad.  Beer,  Allgemeine  Geschichte  des  Welthandels,  Wien  1864—1884,  Bd.  III,  1.
5)  L.  Bein,  Die  Industrie  des  sächsischen  Voigtlandes,  2.  Teil,  Leipzig  1884.
6)  Bienengräber,  Statistik  des  Verkehrs  und  Verbrauchs  im  Zollverein  1842—1864,
Berlin  1868.
7)  G.  Brodnitz,  Vergleichende  Studien  über  Betriebsstatistik  und  Betriebsformen  der
englischen  Textilindustrie,  Jena  1902.
8)  G.  Cohn,  Über  das  Börsenspiel  (Schmollers  Jahrbuch  1895,  Bd.  XIX).
9)  F.  W.  Dieterici,  Statistische  Übersicht  der  wichtigsten  Gegenstände  des  Verkehrs
und  Verbrauchs  im  preußischen  Staat  und  im  deutschen  Zollverband,  Berlin  1838
bis  1857.
10)  T.  Ellison,  The  Cotton  Trade  of  Great  Britain,  London  1886.
11)  Th.  Ellison,  Zur  Geschichte  des  Baumwollhandels  der  Vereinigten  Staaten,  Leipzig
1895.  (Übersetzt  von  H.  Brüggemann.)
12)  Dr.  Etienne  und  Dr.  Vosberg-Rekow,  Zollrückvergütung  (Schriften  der  Zentralstelle ­
  für  Vorbereitung  von  Handelsverträgen  1903,  Heft  22).
13)  J.  G.  Fichte,  Der  geschlossene  Handelsstaat  1800.
14)  C.  J.  Fuchs,  Der  Warenterminhandel,  seine  Technik  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung
(Schmollers  Jahrbuch  für  Gesetzgebung  und  Verwaltung  1891,  Bd.  XV).
15)  Derselbe,  Die  Organisation  des  Liverpooler  Baumwollhandels  in  Vergangenheit  und
Gegenwart.  (Schmollers  Jahrbuch  f.  Gesetzg.  u.  Verw.,  Jahrg.  1890.)
16)  J.  Gensei,  Die  Rohstoffe  und  Erzeugnisse  der  Textilindustrie  im  Zolltarif  1879  (Hildebrand-Conrads ­
  Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik,  Supplementheft  V,
Jena  1880).
17)  G.  Gothein,  Der  deutsche  Außenhandel.  Materialien  und  Betrachtungen.  Berlin  1901.
18)  J.  Grunzei,  System  der  Handelspolitik,  Leipzig  1901.
19)  Derselbe,  Über  Kartelle,  Leipzig  1902.
20)  E.  Harmening,  Die  notwendige  Entwicklung  der  Industrie  zum  Trust.  (Sonderdruck
aus  dem  „Archiv  f.  Rassen-  und  Gesellschafts-Biologie“,  2.  Heft,  Berlin  1904.)
21)  W.  Hasbach,  Zur  Charakteristik  der  englischen  Industrie.  In  Schmollers  Jahrbuch
für  Ges.  und  Verw.,  Neue  Folge,  Bd.  XXVII,  1903.
22)  M.  B.  Hammond,  The  Cotton  Industry,  1.  Part,  Ithaca  N.  Y.  1897.
23)  H.  Herkner,  Die  oberelsäßische  Baum  Wollindustrie  und  ihre  Arbeiter,  Slraßburg  1887.
        <pb n="132" />
        2  6

24)  E.  Jaffe,  Die  englische  Baumwollindustrie  und  die  Organisation  des  Exporthandels.
In  Schmollers  Jahrbuch,  Neue  Folge,  Bd.  XXIV,  1900.
25)  R.  Jan  nasch,  Die  Produktionsbedingungen  der  europäischen  Baumwollindustrie  mit
besonderer  Berücksichtigung  des  Oberrheins.  (Zeitschrift  des  Kgl.  preußischen  statistischen ­
  Bureaus,  1881.)
26)  C.  Kaerger,  Brasilianische  Wirtschaftsbilder,  2.  Auflage,  Berlin  1892.
27)  K.  Kuntze,  Die  Baumwollindustrie.  Artikel  im  ,,Handbuch  der  Wirtschaftskunde  Deutschlands“, ­
  Bd.  III,  Leipzig  1903.  (Auch  selbständig  erschienen,  Berlin  1902.)
28)  W.  Lotz,  Die  Ideen  der  deutschen  Handelspolitik  von  1860—1891.  (Schriften  des
Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  L,  1891.)
29)  O.  Lüg  er,  Lexikon  der  gesamten  Technik,  Stuttgart  und  Leipzig,  Artikel  ,,Baum  Wollspinnerei“, ­
  Bd.  II.
30)  F.  Lusensky,  Der  zollfreie  Veredelungsverkehr,  Berlin  1903.
31)  R.  Martin,  Der  wirtschaftliche  Aufschwung  der  Baumwollindustrie  im  Königreich
Sachsen.  (Schmollers  Jahrbuch  für  G.  u.  V.,  Bd.  XVII,  1893.)
32)  E.  Nübling,  Ulms  Baumwollweberei  im  Mittelalter,  Leipzig  1890.
33)  A.  Oppel,  Die  Baumwolle,  Leipzig  1902.
34)  K.  Rathgen,  Die  englische  Handelspolitik  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts.  (Schriften
des  Ver.  f.  Sozialpolitik,  Bd.  XCI.)
35)  F.  von  Rottenburg,  Die  Kartellfrage  in  Theorie  und  Praxis,  Leipzig  1903.
36)  G.  Schmoller,  Die  Entwicklung  und  Krisis  der  deutschen  Weberei.  In  „Deutsche
Streit-  und  Zeitfragen“,  Jahrg.  2,  Heft  25,  Berlin  1873.
37)  G.  Schmoller,  Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe  im  neunzehnten  Jahrhundert, ­
  Halle  1870.
38)  G.  von  Schulze-Gävernitz,  Der  Großbetrieb,  ein  wirtschaftlicher  und  sozialer  Fortschritt, ­
  Leipzig  1892.
39)  Derselbe,  The  Cotton  Trade  in  England  and  on  the  Continent,  London  und  Manchester
1895-40)
  Ludwig  Sinzheimer,  Über  die  Grenzen  der  Weiterbildung  des  fabrikmäßigen  Großbetriebes ­
  in  Deutschland,  Stuttgart  1893.
31)  W.  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus,  2  Bände,  Leipzig  1902.
42)  R.  Sonndorfer,  Die  Technik  des  Welthandels,  Wien  und  Leipzig  1889.
43)  H.  Sy  bei,  Die  Baum  Wollindustrie.  (Schriften  d.  V.  f.  Sozialpolitik,  Bd.  CV,  Leipzig
1903.)
44)  S.  Tschierschky,  Kartell  und  Trust,  Göttingen  1903.
45)  "W".  Weber,  Der  deutsche  Zollverein,  Leipzig  1869.
46)  G.  Wenn  er  t,  Börse,  Börsengesetz  und  Börsengeschäfte,  Leipzig  1904.
47)  E.  E.  Williams,  „Made  in  Germany“.  Der  Konkurrenzkampf  der  deutschen  Industrie
gegen  die  englische.  Übersetzt  von  C.  Will  mann.  Dresden  und  Leipzig  1896.
48)  Statistical  Abstract  for  the  United  Kingdom,  5  Uh,  No.  1904.
49)  Bedingungen  der  Bremer  Baumwollbörse,  Bremen  1901.
50)  „Berichte  über  Handel  und  Industrie“,  Bd.  I,  1899/1900,  Berlin  1900.
51)  Stenographische  Berichte  über  die  Verhandlungen  des  Reichstags,  10.  Legislaturperiode,
II.  Session  1900—1903,  Bd.  IV,  Anlageband  4  und  7.
52)  Offizieller  Bericht  der  Verhandlungen  des  ersten  internationalen  Kongresses  der  Delegierten ­
  von  Verbänden  von  Baumwollmeisterspinnern  und  Baumwoll-Industriellen
(Zürich,  23.—27.  Mai  1904),  Manchester  1904.
53)  Die  Berichte  des  Kolonial-Wirtschaftlichen  Kommites.
54)  Volkswirtschaftliche  Chronik,  namentlich  seit  1900.
        <pb n="133" />
        12?

55)  Drucksachen  des  Verbandes  Deutscher  Baumwollgarnkonsumenten.
56)  Handbuch  der  deutschen  Aktiengesellschaften  für  1900/1901.
57)  Die  Jahresberichte  der  Handels-  und  Gewerbekammern  zu  Augsburg,  Bayreuth,  Chemnitz, ­
  Plauen,  Leipzig,  M.-Gladbach,  Bremen,  Berlin,  Mülhausen  i.  E.
58)  Nachrichten  für  Handel  und  Industrie  seit  1900.
59)  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  XVI  und  LXXXIV.
60)  ,,Tropenpflanzer“,  4.  Jahrg.,  No.  6  (Juni  1900),  „Beihefte  zum  Tr.“,  Bd.  III,  No.  2  u.
4,  Bd.  IV,  No.  3  u.  4.
61)  „Verzeichnis  der  Baumwoll-Spinnereien  in  Deutschland,  Österreich,  Russisch-Polen,
Schweiz,  Holland  und  Belgien,  revidiert  1898“,  Bremen  1898.
62)  Vierteljahrshefte  zur  Statistik  des  Deutschen*  Reichs.
63)  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft,  herausgegeben  von  Bücher,  60.  Jahrg.,
1904.
64)  Die  offizielle  deutsche  Außenhandelsstatistik  und  das  Statistische  Jahrbuch  für  das
Deutsche  Reich.
65)  „Frankfurter  Zeitung* 4 ,  „Leipziger  Neueste  Nachrichten 4 ,,New-Yorker  Staatszeitung“,
„Berliner  Börsen-Courier“.

Druck  von  Ant.  Kämpfe  in  Jena.
        <pb n="134" />
        schränkter  Haftun|
ung  der  Einzelbet:!
Betriebe  in  einer  I  |
unter  sich,  Webeil  |
dazu  gehörigen  Vf  |
—  zum  Zwecke  J  |
s  §
größerung  des  B  ~
Maschinen  spart  i
Ausgaben  für  Re|yo
duktionsstadien  in  rj
Spesen,  die  man  j
umgeht  z.  T.  die
oder  anderen  Zwe
Gewinn  zu  erzielei
das  am  besten  err
Rente  sichert,  muJ
macht  hervorgehei
an  eine  solche  Orj
und  Absatz  der  ]
Vielheit  von  Konki
sowohl  wie  die  A
daher  zunächst  mi
Produktionsregulie
der  allgemeinen  N
Verhältnissen  gew:
Brüche.  Dabei  gj
den  „Kleinen“  in
allein.  Vorläufig  ■
es  noch  eine  besch
Zeiten  vorzüglich
Unternehmungen
kommen  des  urspr
ein  großes  Maß  vc
sie  nur  im  Notfall
nicht  gegen  den  S
die  kleinen  Betriel
teil,  wenn  und  sol;  m
sind;  sobald  diese  «
suchen  sie  sich  kr;  12.
da  Vorteile,  mögef  o
nehmer  glaubt  dat  g_
i/&amp;gt;

o

o

DD

C!  oo

O

»imit  schreitet  nicht  nur  die  Vergrößerndem ­
  auch  die  Vereinigung  mehrerer
ternehmung  —  so  werden  Spinnereien
sich,  Spinnerei  und  Weberei  und  die
||-  und  Veredelungsbetriebe  kombiniert
r*  Kapitalausnutzung.  Durch  die  Vergeh ­
  die  Aufstellung  leistungsfähigerer
.osten  für  Beleuchtung,  Heizung,  Lohn,
^  ^  bei  der  Vereinigung  mehrerer  Proebe
  erspart  man  vor  allem  die  vielen
vischenhandel  zahlen  müßte,  und  man
^  ten,  die  die  Zollpolitik  für  den  einen
trie  mit  sich  bringt.  Größtmöglichen
ole;  diejenige  Betriebsorganisation,  die
m  in  ihr  investierten  Kapital  die  größte
n  im  Kampfe  um  die  industrielle  Vordie
  Zukunft.  Die  Forderung,  die  man
tllen  muß,  ist  die:  sie  muß  Produktion
Güter  beherrschen.  Solange  es  eine
,  ist  die  persönliche  Einzelunternehmung
;haft  dazu  außerstande.  Man  hat  es
inbarung  versucht,  die  eine  Preis-  und
^kte.  Aber  siehe  da!  Sobald  die  Zeit
)er  und  wieder  einigermaßen  ruhigen
ing  die  Konvention  sehr  schnell  in  die
ht  einmal,  daß  man  die  Schuld  daran
schieben  darf,  wenigstens  nicht  ihnen
ag  zu  sagen,  wie  lange  noch?  —  gibt
hl  von  Betrieben,  die  auch  in  schweren
;  sie  sind  teilweise  aus  persönlichen
gen,  werden  womöglich  von  Nachfünders
  geleitet  und  besitzen  nicht  nur
ußtsein,  sondern  auch  von  Pietät,  das
--sllvereinbarung  beitreten  läßt,  weil  sie
imen  können.  Das  andere  Extrem  sind
i  von  den  Preiskonventionen  nur  Vorwankungen
  der  Rohstoffpreise  abnorm
s  gewohnte  Fahrwasser  zurückkehren,
Midien  Könnens  ihrer  Leiter  hie  und
■  klein  sein,  zu  erringen.  Jeder  Unter-:n
  überlegen  zn  sein,  jedenfalls  wird  er
      </div>
    </body>
  </text>
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