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        <title>Die Vertretung der Industrie in den sächsischen Ständekammern</title>
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            <forname>Max</forname>
            <surname>Langhammer</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>882519581</idno>
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        <pb n="1" />
        Veröffentlichungen  des  Verbandes  Sächsischer ­
  Industrieller

/

H.1.—4.  vergriffen
        <pb n="2" />
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Ueröffentlichungen

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Uerbandes  Sächsischer  industrieller
Sitz  der  üerbandsleituna  und  Gescbäftsfiihruna:  Dresden-H.

19

Y.  Heft.

Die  Vertretung  der  Industrie  in  den
sächsischen  Ständekammern.

Vortrag’
gbhalten  auf  der  am  4.  Dezember  1903  abgehaltenen  Generalversammlung ­
  des  Verbandes  Sächsischer  Industrieller  von
1
Max  Langhammer
Fabrikbesitzer
Mitglied  der  Zweiten  Ständekammer.
-aÄs-Dresden

  1904.
Kommissionsverlag  von  Sohulze  &amp;amp;  Uhlig.
        <pb n="3" />
        V  eröffentlichungen

j

des

Verbandes  Sächsischer  Industrieller

(Landesverband  Königreich  Sachsen  des  Bundes  der  Industriellen).

—

Bisher  erschienen:

Heft  1:

Heft  2:

Heft  3:

Heft  4:

„Die  Wirkung  der  Warenhaussteuer  auf  die
dustrie.“  Referat  gehalten  auf  der  Generalversam
lung  des  Bundes  der  Industriellen  am  9.  Oktober  1
in  Berlin.

Bericht  über  die  Generalversammlung  des  V
bandes  Sächsischer  Industrieller  am  28.  Ok
ber  1902  ZU  Dresden.  Enthaltend:  Jahresbericht  -
Verbandes  und  Referate  über  „Die  sächsische  Steu
gesetzgebung  und  die  Industrie“,  „Die  Bedeutung  c
Orientmarktes  für  die  deutsche  Industrie.“
„Die  Ansprüche  der  Handwerker-Organisation
gegenüber  den  Industriellen.“  Referat  gehalten  ,  g
der  Mitglieder-Versammlung  des  Verbandes  Sächsisch
Industrieller  am  4.  März  1903  in  Leipzig.
„Die  Bedeutung  der  Kanalfrage  für  das  Koni
reich  Sachsen.  Referat  gehalten  auf  der  Mitglied«
Versammlung  des  Verbandes  Sächsischer  Industrie'
am  4.  März  1903  zu  Leipzig.

Heft  1:

Heft  2:

Heft  3:

Heft  4:
        <pb n="4" />
        -i-  Vortrag
p  gehalten  auf  der  am  4.  Dezember  1903  abgehaltenen  Generalversammlung ­
  des  Verbandes  Sächsischer  Industrieller  von

Max  ^Langhammer
Fabrikbesitzer
Mitglied  der  Zweiten  Ständekammer.

-a^s-Dresden

  1904.
Kommissionsverlag  von  Schulze.&amp;amp;  Uhlig.

~t&amp;gt;&amp;lt;»
        <pb n="5" />
        Die  diesjährige  Generalversammlung  begann  mit  einer  Mitgliederversammlung, ­
  die  von  Herrn  Fabrikbesitzer  G.  Max
Schmidt-Meissen  in  Vertretung  des  erkrankten  ersten  Vorsitzenden ­
  Herrn  Franz  Hoff  mann  -Dresden  gegen  4  Uhr
nachmittags  im  Hotel  Bristol  eröffnet  wurde.
Den  wichtigsten  Punkt  der  Beratung  bildete  der  von  dem
Syndikus  des  Verbandes,  Herrn  Dr.  S  tr  e  s  e  m  ann-Dresden,
erstattete  Bericht  über  die  Tätigkeit  des  Verbandes  im  verflossenen ­
  Geschäftsjahr.  Der  Bericht  konstatierte  mit  Genugtuung ­
  die  ausserordentliche  Stärkung  der  Organisation:  die
Neubeitritte  zum  Verband  ergeben  nach  Abzug  der  verhältnismässig ­
  geringen  Zahl  von  Austritten  für  den  Verband  einen
Zuwachs  von  279  Mitgliedsfirmen,  sodass  der  im  Frühjahr ­
  1902  mit  einem  Bestände  von  180  Mitgliedsfirmen  begründete ­
  Verband  heute  bereits  mehr  als  600  Fabrikbetriebe
mit  gegen  100000  beschäftigten  Arbeitern,  d.  h.  einen  bedeutsamen ­
  Prozentsatz  der  sächsischen  Industrie  vertritt.  Korporativ
ist  dem  Verbände  in  den  letzten  Tagen  der  Leipziger  Brauereiverein ­
  beigetreten,  der  30  sächsische  Brauereien  zu  Mitgliedern
zählt.  Der  Verbandsvorstand,  in  den  die  Herren  Fabrikbesitzer
Langhammer-Chemnitz,  Hofrat  Dr.  Kolbe-Dresden  und  Fabrikbesitzer ­
  Rittberger-Limbach  neueingetreten  sind,  hielt  sechs
Sitzungen  ab,  eine  allgemeine  Verbandsversammlung  fand  ausserdem ­
  in  Leipzig  im  März  d.  J.  statt:  Zu  allen  grossen
Fragen  des  sächsischen  Wirtschaftslebens  hat  der  Verband
Stellung  genommen,  so  zur  Personentarifreform,  zur  Kanalfrage,
zu  der  wichtigen  Frage  der  Abrenzung  von  Fabrik  und  Handwerk, ­
  ganz  besonders  jedoch  zu  den  durch  die  sogenannte
Steuerreform  angeregten  Fragen.  Die  Grundlage  für  die  Tätigkeit ­
  des  Verbandes  gab  die  auf  der  letzten  Generalversammlung
im  Anschluss  an  das  Referat  von  Dr.  Stresemann  über  die
„Sächsische  Steuergesetzgebung  und  die  Industrie“ ­
  angenommene  Resolution,  in  der  die  Wünsche  der
sächsischen  Industriellen  in  bezug  auf  Steuer  einschätzung,
Steuerreform  und  vor  allem  im  Anschluss  an  die  Bevorzugung ­
  der  landwirtschaftlichen  Kreise  bei  der  letzten  Steuerreform ­
  durch  die  Mehrheit  der  Ständekammern  die  grundsätzlichen ­
  Forderungen  auf  ander  weite  Zusammensetzung
der  sächsischenStändekammern  ausgesprochen  wurden.
Bei  den  Ausführungsbestimmungen  über  die  neue  Ergänzungssteuer
  ist  verschiedenen  Anregungen  des  Verbandes  in  bezug
auf  die  Vornahme  der  Steuereinschätzung  stattgegeben  worden.
Die  von  der  Regierung  angestrebte  Verweisung  der  Gemeinden  auf
        <pb n="6" />
        .  —  4  —  .
eine  Gemeindegewerbesteuer  wird  voraussichtlich  in  der  kommenden ­
  Landtagssession  ihre  Erledigung  -  finden,  seitens  des  Verbandes ­
  ist  ein  ausführlich  begründeter  Einspruch  geg'en  diese
Steuer  an  das  Ministerium  gerichtet  und  ausserdem  in  Anschreiben ­
  an  die  Landtagskandidaten  der  Wunsch  ausgedrückt
worden,  dass  sie  dieser  Steuer  ihre  Zustimmung  versagen
möchten.  Da  diese  Steuerfragen  zur  Kompetenz  des  Landtags
gehören  und  die  Einsprüche  des  Verbandes  anlässlich  der  letzten
Beratungen  über  die  Steuerreform  ohne  Berücksichtigung  blieben,
so  bildet  die  Aenderung  der  jetzigen  Zusammensetzung  der
Ständekammern  ein  Hauptbestreben  des  Verbandes.  Er  richtete
an  das  Ministerium  eine  von  verschiedenen  Städten  und  Korporationen ­
  unterstützte  Eingabe  betreffs  Neueinteilung  der  Landtagswahlkreise, ­
  sowie  wegen  Aenderung  der  Zusammensetzung
der  Ersten  Ständekammer  und  Vertretung  der  Industrie  in  der
letzteren.  Ferner  richtete  der  Verband  an  alle  für  den  Landtag
bei  den  diesjährigen  Wahlen  aufgestellten  Kandidaten  Anschreiben, ­
  worin  er  die  Wünsche  des  Verbandes  zu  verschiedenen
Fragen  darlegte  und  um  Unterstützung  derselben  bat.  In  verschiedenen ­
  Kreisen  veranlasste  der  Verband  seine  Mitglieder
zur  Aufstellung  industriefreundlicher  Kandidaten,  um  dadurch
das  industrielle  Element  im  Landtage  zu  stärken,  und  hatte  die
Genugtuung,  dass  von  seinen  Mitgliedern  zwei  als  Abgeordnete
wieder  und  vier,  darunter  zwei  Vorstandsmitglieder,  neu  in  den
Landtag  gewählt  wurden,  in  dem  der  Verband  jetzt  durch  acht
Mitglieder  vertreten  ist.  Der  Verband  legt  dieser  praktischen
Betätigung  an  der  Wirtschaftspolitik  die  grösste  Bedeutung  bei
und  wird  auch  in  Zukunft  sich  bemühen,  die  industriefreundlichen ­
  Elemente  im  Landtage  immer  mehr  zu  stärken,  da  er  nur
dann  einen  Erfolg  seiner  bei  dem  Landtage  vorgebrachten
Wünsche  erhoffen  kann,  wenn  dessen  Zusammensetzung  und
die  der  Ersten  Ständekammer  eine  andere  geworden  ist.  Der
Verband  glaubt  aus  verschiedenen  Anzeichen  erkennen  zu  können,
dass  seine  Tätigkeit  bereits  den  Erfolg  gehabt  hat,  die  sächsischen
Industriellen  in  ganz  anderer  Weise  als  früher  für  die  Teilnahme
an  den  Fragen  des  sächsischen  Wirtschaftslebens  aufgerüttelt
und  zur  Vertretung  ihrer  Interessen  veranlasst  zu  haben.  Um
die  Arbeiten  des  Verbandes  auch  weiteren  Kreisen  zugänglich
zu  machen,  sind  die  Verhandlungen  des  Verbandes  im  Wortlaute
in  den,,  Veröffentlichungen  des  Verbandes  Sächsischer  Industrieller“
herausgegeben  worden,  von  denen  bisher  vier  Hefte  erschienen
sind,  die  die  Wirkung  der  Warenhaussteuer  auf  die  Industrie,
die  Frage  der  .Steuerreform,  die  Bedeutung  der  Kanalfrage  für
das  Königreich  Sachsen  und  die  Ansprüche  der  Handwerkerorganisationen ­
  gegenüber  den  Industriebetrieben  behandeln.  Der
Verkehr  des  Verbandes  mit  seinen  Mitgliedern  und  anderen
        <pb n="7" />
        Kreisen  ist  sehr  rege  gewesen.  Die  verschiedenen  Anregungen
und  Anfragen  aus  Mitgliederkreisen  haben  sachgemässe  Erledigung ­
  gefunden.  Der  Redner  forderte  zum  Schluss  rege
Weiterarbeit  auch  der  Mitglieder  für  den  Ausbau  des  Verbandes,
da  dessen  ausserordentlich  gesteigerte  Tätigkeit  -—  z.  B.  bezifferte ­
  sich  die  Zahl  der  Postausgänge  im  Berichtsjahre  auf
über  30  000  —  auch  ausserordentliche  Mittel  verlange,  zumal
bei  den  jetzigen  bedrängten  Mitteln  auch  die  Geschäftsführung
des  Verbandes  von  dem  Referenten  nur  nebenamtlich  ausgeführt
werden  könne  und  der  Verband  darnach  streben  müsse,  seine
Tätigkeit  entsprechend  seiner  wachsenden  Bedeutung  immer
weiter  auszudehnen.
An  den  mit  lebhaftem  Beifall  aufgenommenen  Vortrag
schloss  sich  die  Vorlage  des  Kassenberichtes  durch  den  Schatzmeister ­
  Herrn  Erich  Harlan,  aus  dem  hervorging,  dass  sich  die
Einnahmen  des  Verbandes  im  Berichtsjahre  etwa  verdoppelt
haben.*)  Der  Kassenabschluss  weist  einen  Bestand  von  etwa
900  Mk.  auf.  Hierauf  wurde  dem  Vorstande  Entlastung  erteilt
und  dem  Syndikus  des  Verbandes  durch  Herrn  Fabrikbesitzer
Schmidt  der  Dank  des  Verbandes  für  seine  erfolgreiche  Tätigkeit  ausgesprochen. ­
  In  denVorstand  wählte  man  von  den  ausgelosten  Herren
die  Herren  Augustin  -  Leipzig,  Hofmann  -  Zwickau,  Kemnitzer-Zwickau,
  Lehmann-Dresden,  Pfund-Dresden,  sowie  Rechtsanwalt
Peltasohn-Leipzig  und  Freih.  Speck  v.  Sternburg-Leipzig  als  Vertreter ­
  des  Leipziger  Brauereivereins.  Nachdem  noch  verschiedene
Anregungen  für  die  künftige  Tätigkeit  des  Verbandes  gegeben
worden  waren,  wurde  die  Versammlung  gegen  '/ 2 6  Uhr  von
dem  Vorsitzenden  geschlossen.

An  die  Mitgliederversammlung  schloss  sich  gegen  3 / i 6  Uhr
eine  allgemeine  Versammlung,  die  sehr  stark  besucht  war  und
den  Saal  des  Hotels  Bristol  bis  auf  den  letzten  Platz  füllte.
Herr  Fabrikbesitzer  Max  Schmidt-Meissen  eröffnete  dieselbe
mit  folgender
Begrüssungsansprache:
Meine  sehr  geehrten  Herren!  In  Vertretung  unseres  heute
leider  erkrankten  Vorsitzenden  Herrn  Franz  Hoffmann,  dem  wir
recht  baldige  Genesung  wünschen,  eröffne  ich  die  heutige  allgemeine ­
  Versammlung  und  heisse  die  sämtlichen  Herren  willkommen. ­

Insbesondere  gereicht  es  mir  zur  Genugtuung  und  Ehre,
^ertreter  hoch  ansehnlicher  Korporationen  hier  begrüssen  zu

)  Vgl.  den  als  Anlage  beigegebenen  Kassenbericht.
        <pb n="8" />
        Bei  den  freundlichen  Beziehungen,  in  denen  wir  zu  der
Dresdner  Handelskammer  stehen,  erübrigen  sich  weitere
Ausführungen.  Ich  gebe  nur  der  Freude  Ausdruck,  unseren
hochverehrten  Herrn  Kommerzienrat  Collenbusch  als  Vertreter
der  Handelskammer  in  unserer  Mitte  begrüssen  zu  können.
Mit  besonderer  Freude  begrüsse  ich  ferner  Herrn  Kommerzienrat ­
  Opitz  als  Vertreter  der  alt  angesehenen  Dresdner
Kaufmannschaft,  ferner  Herrn  Fabrikbesitzer  Müller  als
Vertreter  der  Freien  Vereinigung  Dresdner  Kaufleute ­
  und  Industrieller,  Herrn  Fabrikdirektor  Schumann
als  Vertreter  des  Verbandes  der  Metallindustriellen
für  die  Kreishauptmannschaft  Dresden  und  ausserdem ­
  die  von  den  uns  angeschlossenen  Verbänden  —  und  zwar
dem  Verein  der  Industriellen  von  Dresden-Löbtau
und  dem  Leipziger  Brauereiverbande  —  entsandten
Delegierten.
Dass  auch  der  Bund  der  Industriellen  die  Reise  nicht
gescheut  hat  und  die  Herren  Direktor  Rascher  und  Generalsekretär ­
  Dr.  Wendlandt  zu  uns  gesendet  hat,  erfüllt  uns  mit
grossem  Danke.
Meine  sehr  geehrten  Herren!  Der  Verband  Sächsischer
Industrieller,  der  Sie  heute  zu  sich  geladen  hat,  ist  noch  eine
junge  Pflanze,  die  aber  in  der  Zeit  ihres  bisherigen  Wirkens
schon  ein  kräftiges  Wachstum  zu  verzeichnen  gehabt  hat,  obwohl
sie  nicht  im  Sonnenscheine  obrigkeitlicher  Gunst,  sondern  im
scharfen  Winde  der  Kritik  und  mannigfacher  Anfeindungen  sich
entwickeln  musste.  Dass  sie  trotzdem  so  gut  gediehen  ist,  das
zeigt,  wie  fest  sie  im  Boden  gewurzelt  ist.
Dieser  Boden  ist  aber  auch  der  denkbar  günstigste,  denn
es  ist  der  Industrieboden  Sachens,  unseres  Vaterlandes.  Dass
in  diesem  Lande  die  Industrie  bis  vor  kurzem  einer  Gesamtvertretung ­
  entbehrte,  muss  eigentlich  wunder  nehmen.  Die  Verhältnisse ­
  in  Sachsen  machten  aber  ihre  Enstehung  zu  einer
gebieterischen  Notwendigkeit,  da  die  sächische  Industrie  in  den
gesetzgebenden  Körperschaften  des  Landes  nicht  diejenige  Berücksichtigung ­
  fand,  auf  die  sie  berechtigterweise  hätte  Anspruch
machen  können.  Ich  enthalte  mich  eines  näheren  Eingehens
hierauf,  da  dieses  Thema  den  Hauptteil  unsrer  heutigen  Beratungen ­
  bildet.  Wie  manigfältig  die  Fragen  sind,  zu  denen  eine
Gesamtvertretung  der  sächsischen  Industrie  Stellung  nehmen
kann  und  muss,  hat  uns  der  Geschäftsbericht  über  die  Tätigkeit
unseres  Verbandes  im  verflossenen  Geschäftsjahre  gezeigt,  den
wir  in  der  heutigen  Mitgliederversammlung  entgegengenommen
haben.
Dass  unser  Verband  den  Beweis  seiner  Notwendigkeit,
seiner  Existenzberechtigung  erbracht  hat,  ist  aber  durch  die
        <pb n="9" />
        7

Tatsache  festgestellt,  dass  die  Mitgliederzahl  ständig  im  \Y  achsen
begriffen  ist.  Vor  ca.  anderthalb  Jahren  mit  einem  Bestände
von  180  Mitgliedern  begründet,  gehören  ihm  heute  bereits  mehr
als  600  sächsische  Fabrikbesitzer  an,  die  mehr  als  100  000  Arbeiter
beschäftigen,  sodass  er  heute  schon  einen  bedeutsamen  Teil  der
sächsischen  Industrie  vertritt.  Dass  er  sich  weiter  in  dieser
Weise  entwickeln  möge  zum  Segen  unseres  Vaterlandes,  ist
unser  aller  Wunsch.
Bei  diesen  Bestrebungen,  die  wir  verfolgen,  haben  wir  zu
unserer  Regierung  das  Vertrauen,  dass  sie  unsere  Vorschläge
wohlwollend  prüft  und  als  unparteiische  Beobachterin  im  Kampfe
der  Interessen  der  sächischen  Industrie  auch  den  Einfluss  bezüglich ­
  ihrer  Wünsche  einräumt,  der  ihrer  Bedeutung  für  unser
engeres  Vaterland  entspricht.  Wir  haben  das  Vertrauen  auch
zu  unserem  Könige,  dessen  Wunsch  insonderheit  darauf  gerichtet ­
  ist,  die  Wohlfahrt  seines  Landes  und  seiner  Bewohner
zu  fördern.
Lassen  Sie  uns  seiner  in  dieser  Stunde  gedenken,  meine
Herren,  lassen  Sie  unsere  Gedanken  ferner  schweifen  zum  Kaiserschlosse ­
  in  Potsdam,  hoffend,  dass  die  Krankheit,  welche  Sr.
Majestät  den  Kaiser  ergriffen  hat,  ohne  Schaden  für  die  Zukunft
bald  vorübergehen  möge  !
Wir  bringen  unsere  Wünsche  und  Gesinnungen  zum  Ausdruck, ­
  indem  wir  uns  von  unseren  Sitzen  erheben  und  ausrufen:
Se.  Majestät  Kaiser  Wilhelm  und  Se.  Majestät  König  Georg,
sie  leben  hoch!  hoch  !  hoch!  (Begeisterte  Zustimmung.)
Das  Wort  hat  Herr  Kommerzienrat  Collenbusch.
Herr  Kommerzienrat  Collenbusch,  Präsident  der
Handelskammer  :  Meine  hochverehrten  Herren  !  Ihr  sehr  geehrter
Herr  Vorsitzender  hat  die  Güte  gehabt,  mich  als  Vertreter  der
Handelskammer  hier  in  Ihrem  Kreise  zu  begrüssen.
Ich  gehöre  allerdings  bereits  als  Mitglied  Ihrem  hochgeehrten ­
  Verbände  an.  Das-  kann  mich  aber  durchaus  nicht
hindern,  namens  der  Handelskammer  ganz  besonders  noch  zu
danken  für  den  freundlichen  Empfang,  der  mir  hier  in  Vertretung ­
  der  Handelskammer  zuteil  geworden  ist.
Ihre  Bestrebungen  sind  auch  diejenigen  der  Handelskammer,
Schutz  der  Industrie  und  des  Handels.  In  sehr  erheblichem
Maasse  ist  es  das  Werk  und  die  Aufgabe  der  Handelskammer,
der  Industrie  zu  dienen.  Sie  ist  dazu  berufen,  die  Wünsche,
hie  bei  ihr  angebracht  werden,  zu  vertreten  und  zu  fördern  und
auch  ihrerseits  Wünsche  zu  äussern,  die  zum  Besten  der
ndustrie  und  des  Handels  an  die  Behörden  zu  bringen  sind,
lese  Wünsche  müssen  sich  natürlich  immer  in  der  Nähe  des
rreichbaren  bewegen,  und  soweit  ich  Gelegenheit  gehabt  habe,
        <pb n="10" />
        die  Bestrebungen  des  Verbandes  hier  zu  beobachten,  so  ist  das
bis  jetzt  der  Fall  gewesen.
Ich  wünsche  von  Herzen,  dass  Sie  Ihre  jetzige  vortreffliche ­
  Führung  stets  behalten  mögen.  Eine  derartige
Führung  schliesst  ja  in  sich  die  Hoffnung  aufErreichung
der  —  wie  ich  ganz  besonders  betonen  muss  —  in  diesem  Falle
völlig  berechtigten  Wünsche  hier  in  Sachsen.
Mein  Wunsch,  den  ich  speciell  äussere,  lautet  dahin:  Möge
der  Verband  unter  seiner  jetzigen  vortrefflichen  Führung  weiter
gedeihen!  Den  Beweis  für  seine  Lebensfähigkeit  hat  er  nach
denjZahlen,  die  hier  vorgetragen  worden  sind,  vollständig  erbracht,
und  so  ist  die  Hoffnung  und  der  Wunsch,  die  ich  hier  ausspreche,
ganz  gewiss  berechtigt,  dass  der  Verband  Sächsischer  Industrieller
weiter  blühen  und  gedeihen  möge  und  dass  noch  viele  der
Aussenstehenden  sich  Ihrem  geehrten  Verbände  anschliessen
möchten.  (Lebhafter  Beifall.)
Herr  Kommerzienrat  Opitz,  Vorsitzender  der  Dresdner
Kaufmannschaft:  Meine  sehr  geehrten  Herren.  Ich  möchte  mich
nur  der  Aussprache  und  den  Wünschen  meines  geehrten  LIerrn
Vorredners  in  jeder  Richtung  voll  und  ganz  anschliessen  und
speziell  noch  meinen  Dank  aussprechen  für  die  gütige  Einladung,
dass  ich  Ihren  heutigen  Verhandlungen  beiwohnen  darf.  (Lebhafter ­
  Beifall).
Vorsitzender:  Wir  kommen  nun  zu  Punkt  2  der  Tagesordnung: ­
  2.  Vortrag  des  Herrn  Fabrikbesitzers  Max  Langhammer-Chemnitz, ­
  Mitglied  der  zweiten  Ständekammer,  über:
„Die  Vertretung  der  Industrie  in  den  sächsischen
Ständekammern.“
Meine'hochverehrten  Herren!  Gestatten  Sie  mir,  dass  ich
zunächst  einige  persönliche  Bemerkungen  mache,  bevor  ich  über
das  Thema  spreche.  Ich  bitte  um  Ihre  Nachsicht,  weil  ich
unter  den  Einwirkungen  einer  starken  Erkältung  leide,  die  mir
namentlich  physisch  Beschränkung  beim  Sprechen  auferlegt,  und
dann,  meine  Herren,  noch  etwas  weiteres.
Ich  werde  mir  Mühe  geben,  den  Gegenstand,  zu  welchem
ich  sprechen  soll,  in  der  objektivsten  Weise  zu  behandeln,  aber
es  geht  bei  dem  Thema  nicht  anders,  nämlich,  ich  muss  dasselbe ­
  vom  politischen  Gesichtspunkte  aus  betrachten,  denn  es
ist  ein  politisches  Thema.
Es  wurde  bei  der  vorhergegangenen  Diskussion  der  Wunsch
ausg'edrückt,  dass  man  die  Politik  über  den  Haufen  werfen
und  nur  noch  wirtschaftliche  Fragen  in  den  Landes-  und  Reichsvertretungen ­
  erörtern  und  lösen  solle.
Ja,  meine  Herren,  ich  kann  mir  nun  nicht  denken,  wie  das
        <pb n="11" />
        9

gemacht  werden  soll,  ich  halte  es  für  ausgeschlossen,  dass
dadurch  der  Zustand  im  öffentlichen  Leben  gebessert  und  gehoben ­
  wird  und  dann  weiss  ich  nicht,  wie  man  wirtschaftliche
Fragen  mit  Verzicht  auf  politische  Gesichtspunkte  behandeln
und  lösen  will.  (Sehr  richtig.)
Ich  meine,  der  Wunsch,  der  vorhin  ausgesprochen  wurde,
würde  in  seiner  Wirkung  für  unser  gesamtes  öffentliches  Leben
die  allerschädlichste  Wirkung  hervorbringen.  Wir  leiden  schon
jetzt  an  dem  Uebermass  von  Leidenschaft,  welche  gerade
der  Kampf  um  wirtschaftliche  Fragen  in  alle
Schichten  der  Bevölkerung  hineingetragen  hat.
Grosse  und  allgemeine  Gesichtspunkte  gehen  dabei  immer  mehr
verloren,  es  bleibt  schliesslich  nur  noch  das  Streiten  um  Beutelund ­
  Magenfragen  übrig.  Nur  diejenige  politische  Partei  hat
ihre  Berechtigung,  die  auch  wirtschaftliche  Fragen  vom  politischen ­
  Standpunkt  aus  betrachtet,  welche  die  Lösung  solcher
Fragen  in  Einklang  mit  dem  Gesamtinteresse  und  Gesamtwohl
des  Volkes  zu  bringen  sucht.
Meine  Herren!  Ich  bin  mir  ja  bewusst,  dass  ich  heute  in
einer  Vereinigung  wirtschaftlicher  Elemente  spreche.  Ich  kenne
den  Zweck  unserer  Vereinigung  und  werde  nach  Möglichkeit
versuchen,  alles  Parteipolitische  bei  der  Besprechung
des  Themas  auszuscheiden,  aber  das  kann  ich  im  vornherein
schon  versichern,  dass  eine  völlige  Trennung  mir  nicht  gojingen
wird,  auch  in  den  Fragen,  um  die  es  sich  heute  handelt,  wird
die  politische  Ueberzeugung  aus  mir  sprechen.  Davon  kann
mich  auch  nicht  die  Neutralität  unserer  Vereinigung  abhalten.
Meine  hochverehrten  Herren!  Das  W  ahlrecht  und
im  Zusammenhänge  damit  die  Wahlrechtsreform
ist  eine  eminent  politische  Frage.  Sie  betrifft  die
Verfassung  unseres  Staatswesens,  sie  betrifft  diejenigen  Rechte
des  einzelnen  Staatsbürgers,  durch  welche  ihm  Einfluss  auf  die
Vertretung  im  Reiche  und  Bundesstaate  gewährt  und  damit  der
politische  Einfluss  des  Einzelnen  verfassungsmässig  festgestellt
^vvird,  und  das  ist  doch  sicher  politisch  bedeutsam.  Wer  Einfluss
auf  die  Gesetzgebung  gewinnen  will,  der  muss  nicht  nur  das
Wahlrecht  selbst  ausüben,  der  muss  auch  im  Sinne  des  W  ahlrechtes
  seine  Mitbürger  für  seine  politische  Anschauung  zu  gewinnen ­
  suchen,  und  dieser  Gesichtspunkt  führt  ganz  selbstverständlich ­
  auch  auf  die  Prüfung  der  Frage:  Wie  ist  unser
W  ahlrecht  beschaffen,  gewährt  es  uns  den-■^
 etl *£ e n  Einfluss,  den  wir  auf  Grund  unserer
Stellung  im  Staatswesen  verlangen  müssend
Nach  dieser  Richtung  hin,  glaube  ich,  hat  gerade  die
deutsche  Industrie,  das  Gewerbe  und  der  Handel  seine  Interessen
\'  rnachlässigt,  wir  haben  uns  zu  viel  dem  wirtschaftlichen  Er-
        <pb n="12" />
        j  werb  hingegeben  und  dabei  vergessen,  dass  zur  erfolgreichen
j  Durchführung  unseres  Erwerbsinteresses  auch  der  politische
j  Einfluss,  der  Einfluss  auf  die  Gesetzgebung  notwendig  und
zweckmässig  ist.
'  Ich  habe  das  schon  in  der  vorausgegangenen  Diskussion
bei  einem  anderen  Gegenstände  unserer  Tagesordnung  ausgeführt. ­
  Dass  ich  recht  damit  habe,  beweist  doch  wohl  der
Umstand,  dass  verschiedene  Erwerbskreise  sich  dieser  politischen
Macht  bewusst  sind  und  sich  dieses  Machtmittel  zu  eigen  machen.
Sie  ersehen  es  auch  daraus,  dass  politische  Parteien  um  die
Gunst  einzelner  Erwerbskreise  werben,  um  dadurch  ihre  Machtstellung ­
  zu  verstärken  und  zu  vergrössern.
Ich  verweise  dabei  nur  auf  die  Landwirtschaft,  welche
durch  den  Bund  der  Landwirte  nicht  nur  eine  wirtschaftliche,
sondern  eine  politische  Organisation  mit  grosser  Machtentfaltung
gegründet  und  durchgeführt  hat,  ich  verweise  auf  die  Handwerker, ­
  die  sich  der  besonderen  Vorliebe  der  konservativen
und  Mittelstandsparteien  erfreuen,  ich  verweise  auf  die  Arbeiter,
welche  durch  die  Sozialdemokratie  politisch  als  Klassenpartei
organisiert  worden  ist.
Diesen  Tatsachen  gegenüber,  meine  hochverehrten  Herren,
gibt  es  nur  eine  Möglichkeit,  nämlich,  dass  auch  die  deutsche
Industrie,  das  deutsche  Gewerbe  und  der  deutsche  Handel  sich
besser  organisieren  und  ihrer  wirtschaftlichen  Stellung  entsprechend ­
  politischen  Einfluss  zu  gewinnen  suchen  müssen.
(Sehr  richtig.)
Ich  scheue  mich  nicht,  das  auch  in  ,  einer  Vereinigung
auszusprechen,  die  zunächst  den  Zweck  verfolgt,  sich  wirtschaftlich ­
  zu  organisieren.  Der  Zweck  ist  aber  nur  zu  erreichen
durch  Anschluss  an  politische  Parteien.  Wie  wichtig  dieser
Anschluss  ist,  beweisen  doch  Vorgänge  innerhalb  unserer  Gesetzgebung, ­
  Vorgänge,  welche  die  Interessen  der  Industrie  und
des  Handels  in  höchstem  Maasse  berühren.  Ich  verweise  auf
die  Zollgesetze,  ich  verweise  auf  die  Handelsverträge,  ich  verweise ­
  auf  die  Bestrebungen  der  sozialpolitischen  Fürsorge  für
unsere  Arbeiter.
Hier  fehlt  überall  der  nachdrückliche  Einfluss  unseres
Standes.
Wie  zweckmässig  ein  stärkerer  Einfluss  der  Industrie  auf
die  Gesetzgebung  sein  wird,  beweist  der  Verlauf  der  Verhandlungen ­
  über  neue  Handelsverträge.
Die  Thronrede  des  deutschen  Kaisers,  welche  heute  in
den  Blättern  veröffentlicht  wurde,  enthält  über  die  Aussichten
für  den  Abschluss  günstiger  Handelsverträge  keine  Andeutung.
Es  ist  in  dieser  nur  die  Rede  davon,  dass  der  Handelsvertrag
mit  England  und  seinen  Kolonien  zunächst  auf  ein  Jahr  fort ­
        <pb n="13" />
        11

gesetzt  werden  soll,  über  die  zukünftigen  Handelsbeziehungen
zu  wichtigen  Exportgebieten,  wie  Russland,  Italien,  Schweiz,
Nordamerika  usw.  schweigt  sich  die  Thronrede  vollständig  aus,
und  das  ist  jedenfalls  ein  Zeichen  dafür,  dass  die  Schwierigkeiten ­
  für  den  Abschluss  günstiger  Handelsverträge  viel  grösser^
sind  als  man  ursprünglich  annahm.
Die  Schwierigkeiten  sind  nach  meiner  Meinung  verstärkt
worden  durch  die  Annahme  des  Zolltarifs,  der  in  allererster
Linie  agrarische  Interessen  berücksichtigt  hat.
Auch  hier  zeigt  sich,  wie  verhältnismässig  gering  der  Einfluss ­
  der  Industrie  und  des  Handels  auf  den  Gang  der  Gesetzgebung ­
  im  Reiche  und  in  den  Bundesstaaten  bisher  gewesen  ist.
Wenn  ich  nun  frage:  warum  hat  die  deutsche  Industrie
so  verhältnissmässig  wenig  Einfluss  in  den  gesetzgebenden
Körperschaften,  so  gibt  es  darauf  nur  eine  Antwort:
Uns  fehlen  umfassende  und  zweckmässige
Organisationen,  uns  fehlt  die  Zähigkeit  und
Kraft  zur  Agitation  für  unsere  Zwecke  und  Ziele,
uns  fehlt  diejenige  Rücksichtslosigkeit,  mit  der
andere  Erwerbskreise  in  den  politischen  und
wirtschaftlichen  Kampf  ein  greifen.  (Sehr  richtig.)
Dabei  rede  ich  nicht  etwa  einer  einseitigen  Interessenvertretung ­
  das  Wort,  in  dieser  Beziehung  stimme  ich  mit  meinem
verehrten  Vorredner,  Herrn  Kommerzienrat  Collenbusch,  völlig
überein,  nämlich:  »die  Ziele,  die  wir  .erstreben,
müssen  sich  in  den  Grenzen  der  Möglichkeit  bewegen, ­
  wir  dürfen  nichts  verlangen,  was  gegen
die  allgemeinen  Interessen  des  deutschen  Volk  es
sich  richtet,  wir  dürfen  nur  dasverlangen,  was
mit  den  Interessen  anderer  Erwerbskreise  in
Einklang  zu  bringen  ist.  Wir  dürfen  aber  auch
unsere  Interessen  nicht  hintenan  stellen  lassen.“
(Bravo  !  Sehr  richtig  !)
Meine  sehr  geehrten  Herren!  Nach  meiner  Ueberzeugung
hat  die  deutsche  Industrie  auf  diesem  Gebiete  zum  grossen
Teile  eine  völlig  unangebrachte  Bescheidenheit  geübt.  Wir
müssen  mit  mehr  Nachdruck  anderen  Erwerbskreisen  gegenüber ­
  unsere  Stimmen  für  unsere  Interessen  erheben,  wir  müssen
dabei  eintreten  für  die  Förderung  sozialer  Aufgaben,  deren
förderliche  Lösung  ja  mit  dem  Wohle  der  deutschen  Industrie
m  engem  Zusammenhänge  steht.
Wie  sehr  hat  es  aber  in  unseren  Kreisen  an  tatkräftiger
-  litarbeiterschaft  für  solche  Zwecke  und  Ziele  gefehlt.
In  vielen  Industriebezirken,  auch  in  meiner  Heimatstadt,
u  ir( I  oft  geklagt,  dass  im  Stadtverordnetenkollegium  die  Industrie
        <pb n="14" />
        nicht  ihrer  Bedeutung  entsprechend  vertreten  sei.  Warum  ist
das  aber  so  ?
Wir  sind  selbst  daran  schuld,  uns  fehlen  die  Mitarbeiter
für  öffentliche  Interessen.  Mit  dem  Klagen  allein  ist  es  nicht
getan,  wir  müssen,  um  etwas  zu  erreichen,  tätig  und  energisch
unsere  Arbeitskraft  zur  Verfügung  stellen.  Ich  hoffe,  dass  diese
Erkenntnis  sich  immer  mehr  Bahn  bricht  und  auch  der  Verband
Sächsischer  Industrieller  hat  dabei  mitgewirkt,  dass  wir  uns
unserer  Bedeutung  im  Öffentlichen  Leben  mehr  bewusst  werden
und  dieses  Bewusstsein  durch  ,  zähe  und  energische  Arbeit  zum
Ausdruck  bringen.
Es  gibt  genug  unter  uns,  die  für  alle  möglichen  Dinge
noch  Zeit  finden,  denen  es  aber  unbequem  ist,  sich  in  die
öffentliche  Arena  zu  begeben.  (Sehr  richtig.)
Ich  hoffe  und  wünsche,  dass  unser  Verband  auch  in  dieser
Beziehung  eine  erfolgreiche  Tätigkeit  entfalten  wird.  Wollen
wir  uns  ein  Beispiel  nehmen  an  der  Sozialdemokratie  auf  der
linken  Seite  und  an  den  Agrariern  auf  der  rechten  Seite.
Dem  hohen  Druck,  der  von  beiden  Seiten  auf  uns  ausgeübt ­
  wird,  ist  es  zu  danken,  dass  auch  in  unsere  Reihen  mehr
Bewegung  kommt,  dass  sich  Organisationen  gründen,  die  dem
Uebermass  der  Forderungen  jener  entgegentreten  und  die  Interessen ­
  der  Industrie  mehr  betonen  als  bisher.
Wir  fühlen  ja  in  Sachsen  die  Zähigkeit  des  Agrariertums
nicht  so,  wie  z.  B.  in  Ostpreussen;  unsere  Konservativen,  zu
denen  sich  die  Landwirtschaft  in  der  Hauptsache  zählt,  sie
treten  mit  ihren  Forderungen  m  assvoller  auf.  Das  kommt  wohl
daher,  dass  unsere  Landwirte  in  engster  Berührung  mit  dem
übrigen  Erwerbsleben  stehen,  und  zwar  nicht  nur  in  sozialer,
sondern  auch  in  wirtschaftlicher  Beziehung.  Dadurch  bricht
sich  in  diesen  Kreisen  die  Erkenntnis  immer  mehr  Bahn,  dass
die  verschiedenen  Erwerbsstände  auf  einander  angewiesen  sind.
Ein  Umstand  müsste  uns  aber  in  der  Industrie  fester  zusammenschliessen,
  uns  zu  einer  energischen  und  widerstandskräftigen ­
  Arbeit  für  unsere  Zwecke  und  Ziele  anregen,  und  das
ist  der  Umstand,  dass  die  Sozialdemokratie  die  Industriearbeiter
immer  mehr  und  mehr  politisch  und  wirtschaftlich  organisiert
und  das  Bewusstsein  des  Klasseninteresses  in  diesen  Kreisen
verstärkt  und  vergrössert.
Dadurch  entsteht  für  den  sozialen  und  wirtschaftlichen
Frieden  eine  immer  grössere  Gefahr,  eine  Gefahr,  die  die  Eintracht ­
  unserer  gemeinschaftlichen  Interessen  in  erheblichem
Masse  stört.
Das  zwingt  uns  auch  unsererseits,  uns  besser  wie  bisher
zu  organisieren,  um  dieser  Gefahr  gegenüber  ein  Gegengewicht
zu  rechter  Zeit  bieten  zu  können.  Ohne  eine  recht ­
        <pb n="15" />
        13

zeitige  Organisation,  ohne  einen  festen  Zusammenschluss ­
  der  übrigen  Erwerbsklassen
werden  wir  in  Deutschland  die  Gefahr  der
Sozialdemokratie  niemals  überwinden  und  besiegen ­
  können.  (Sehr  richtig.)
Diese  Ueberzeugung  in  den  Kreisen  der  sächsischen  Industrie ­
  zu  fördern  und  zu  befestigen,  das  muss  eine  der  vornehmsten ­
  Aufgaben  des  Bundes  der  Industriellen  sein.
Meine  hochverehrten  Herren!  Ich  komme  nun  auf  das
Thema  zu  sprechen,  welches  mir  vom  Vorstand  unseres  \  ereins
zur  Behandlung  übertragen  wurde,  nämlich  auf  die  krage  der
Wahlrechtsreform  in  Sachsen.  Wir  behandeln  das  Thema  in
unserer  Vereinigung,  weil  nach  unserer  Ueberzeugung  die  Vertretung ­
  der  Industrie  in  den  beiden  sächsischen  Kammern  nicht
so  ist,  wie  es  die  Bedeutung  der  Industrie  erfordert.
Ich  habe  mir  zunächst  nun  klar  gemacht,  wodurch  die
Wahlrechtsfrage  aktuell  und  brennend  geworden  ist.  Das  geschah ­
  durch  Vorgänge  bei  der  gesetzgeberischen  Tätigkeit
Sachsens,  welche  in  einer  recht  erkenntlichen  Weise  auf  uns
eingewirkt  haben.
Eine  solche  Einwirkung  gehört  leider  bei  den  Angehörigen
der  Industrie  dazu,  um  dieselben  für  ihre  Interessen  mobil  zu
machen.
Der  Kaufmann  und  Industrielle  ist  durch  seine  Erziehung
und  Erfahrung  sehr  leicht  geneigt,  Geschäfte  abzuschliessen,
bei  denen  selbst  ein  ganz  kleiner  und  bescheidener  Gewinn
noch  übrig  bleibt.
Die  Geschäfte,  die  wir  aber  bei  einem  Teile  der  Gesetzgebung ­
  gemacht  haben,  lassen  überhaupt  keinen  Gewinn  mehr
für  uns  übrig.
Beweis  dafür  ist  die  Steuergesetzgebung  Sachsens,  die  mit
eindringlichen  Worten  uns  an  die  Wahrung  unsrer  Interessen
mahnt.  Ich  erinnere  nur  an  die  Ergänzungssteuer,  welche  vom
i.  Januar  1904  ab  in  Kraft  tritt  und  Handel  und  Gewerbe  einseitig ­
  aufs  neue  belastet.
Meine  Herren,  ich  brauche  mich  über  diese  Vorgänge  ja
nicht  eingehend  auszusprechen,  sie  sind  uns  genügend  bekannt.
Bei  den  Etatberatungen  in  der  Zweiten  Kammer  des
sächsischen  Landtages  ist  selbstverständlich  auch  von  der  Ergänzungssteuer ­
  gesprochen  worden.  Man  hat  den  Konservativen
den  Vorwurf  gemacht,  dass  bei  der  Ausgleichsverhandlung  mit
der  Ersten  Kammer,  die  verfassungsmässig  vorgeschrieben  ist,
wenn  eine  Uebereinstimmung  bei  der  Verabschiedung  von  Gesntzen
  nicht  vorhanden  war,  dass  sie  bei  dieser  Ausgleichsverlandlung
  schliesslich  für  die  Ergänzungssteuer  in  der  jetzigen
'  °rm  gestimmt  haben.
        <pb n="16" />
        14

Was  war  denn  nun  Schlimmes  an  dieser  Steuer  ?  Sie
brachte  eine  einseitige  Belastung  der  Erwerbsstände  mit  und
zwar  dadurch,  dass  sie  dasjenige  Kapital  nicht  trifft,  welches
in  landwirtschaftlichen  Betrieben  und  in  landwirtschaftlichen
Genossenschaften  investiert  ist.  Hierin  liegt  offenbar  eine  Bevorzugung ­
  der  Landwirtschaft  gegenüber  dem  Handel  und  der
Industrie.
Die  konservative  Fraktion  in  der  Zweiten  Kammer  des
sächsischen  Landtages  begründet  ihre  Zustimmung  zu  dieser
Ergänzungssteuer  damit,  dass  die  Steuereinnahme  von  314  Mill.
Mark  aus  dieser  Steuer  notwendig  war,  um  die  vom  Landtag
bewilligten  Wohnungsgelder  der  Beamten  decken  zu  können.
Hätten  die  Konservativen  nicht  zugestimmt,  dann  würde
den  Beamten  dieser  Vorteil  zunächst  nicht  zugeführt  worden  sein.
Ja,  meine  Herren,  ich  meine,  das  rechtfertigt  die  Zustimmung ­
  der  Konservativen  durchaus  nicht.  Man  musste  die
Verantwortung  hierbei  ausschliesslich  den  Mitgliedern  der  Ersten
Kammer  überlassen.  Man  durfte  aber  nicht  einseitig  Industrie
und  Handel  zu  Gunsten  der  Landwirtschaft  deshalb  belasten.
Meine  Herren,  Sie  wissen,  welchen  Sturm  der  Entrüstung
dieses  Steuergesetz  in  Sachsen  erzeugt  hat.  Die  Unzufriedenheit ­
  wurde  noch  verstärkt  durch  unsere  höchst  missliche  Finanzlage, ­
  die  uns  ja  voriges  Jahr  den  25prozentigen  Steuerzuschlag
brachte,  eine  Massregel,  die  so  recht  eindringlich  jedem  Steuerzahler ­
  ein  Bild  von  der  misslichen  Finanzlage  Sachsens  vorführte. ­
  Wie  wir  in  diese  Finanzwirtschaft  hineingekommen
sind,  wurde  am  Montag  von  Herrn  Finanzminister  Rüger
klargelegt.
Wenn  mich  etwas  an  der  Rede  gefreut  hat,  so  war  es  die
ungeschminkte  Darstellung  der  Sachlage,  das  offene  und  ehrliche ­
  Bekennen  der  grossen  Fehler,  welche  die  Staatsregierung
auf  der  einen  und  die  Majorität  der  Ständekammern  auf  der
andern  Seite  gemacht  haben.
Ich  will  auf  diese  Dinge  nicht  näher  eingehen,  ich  muss
diese  Vorgänge  aber  vorführen,  um  zu  erklären,  warum  endlich
auch  in  unseren  Reihen  ein  lebhafteres  Interesse  für  den  Gang
der  Gesetzgebung  und  für  die  Zusammensetzung  der  sächsischen
.Ständekammern  zutage  tritt.
An  jener  Rede  hat  mir  noch  das  gefallen,  dass  der  Herr
Finanzminister  den  Weg  bezeichnet  hat,  welchen  die  Regierung
beschreiten  will,  um  eine  Gesundung  unserer  Finanz-  und  Steuerwirtschaft ­
  herbeizuführen.  Die  Finanzpolitik,  die  wir  in  Sachsen
üben  müssen,  muss  die  einer  weisen  wirtschaftlichen  Sparsamkeit ­
  sein,  einer  Sparsamkeit,  die  schon  in  guten  Zeiten  ihren
Anfang  nimmt.
        <pb n="17" />
        Ein  weiterer  Grund,  um  die  Frage  der  Wahlrechtsreform
lebhaft  in  den  Vordergrund  zu  rücken,  war  auch  durch  den
Ausfall  unserer  letzten  Reichstagswahlen  gegeben.
Derselbe  ist  in  hohem  Grade  betrübend,  denn  Sachsen  ist
dadurch  im  Reiche  nur  bis  auf  einen  Abgeordneten  durch
Sozialdemokraten  vertreten.  Industrie  und  Flandel  finden  in
unserm  höchsten  Volksparlament  keine  Vertretung.
Meine  Flerren,  es  war  kein  Zufall,  dass  in  Sachsen  von
23  Wahlkreisen  22  den  Sozialdemokraten  zufielen.  Das  war
der  Ausdruck  der  höchsten  Unzufriedenheit,  und  zwar  nicht
nur  derjenigen,  die  durch  die  deutschen  Verhältnisse,  sondern
der  Unzufriedenheit,  die  vor  allen  Dingen  auch  durch  die
sächsischen  Verhältnisse  erzeugt  worden  war.  (Sehr  wahr.)
Demgegenüber  gibt  es  nur  einen  Weg,  der  zum  Erfolge
führt,  wir  müssen  auch  in  Sachsen  so  regieren,  dass  Zufriedenheit ­
  in  alle  Kreise  hineingetragen  wird.  Und  wenn  die  Regierung ­
  einen  solchen  Weg  beschreitet,  so  wird  sie  sicher  Unterstützung ­
  auch  in  unseren  Kreisen  finden.
Die  Unzufriedenheit  in  Sachsen  ist  unbedingt  auch  durch
die  Wahlrechtsverschlechterung  des  Landtagwahlrechts  im  Jahre
1896  vermehrt  worden.  Wer  diese  Wirkung  leugnet,  macht  die
Augen  zu  und  will  die  Dinge  nicht  sehen,  wie  sie  wirklich
sind.  Die  Ungerechtigkeit  jener  Wahlrechtsverschlechterung
liegt  darin,  dass  ein  grosser  Teil  der  Staatsbürger  eine  verfassungsmässige ­
  Vertretung  in  der  Zweiten  Kammer  des  Landtages ­
  nicht  mehr  findet.
Das  jetzige  Wahlgesetz  mit  der  bekannten  Wahlkreiseinteilung ­
  macht  es  auch  unmöglich,  dass  Industrie  und  Handel
für  sich  die  rechte  Vertretung  durch  die  Wahlen  herbeiführen
kann.

Lassen  Sie  mich  noch  Ihre  Aufmerksamkeit  auf  ein  paar
Punkte  der  Thronrede  lenken,  welche  der  König  von  Sachsen  bei
Eröffnung  des  Landtages  an  seine  Stände  gerichtet  hat.  Sie  sind
in  mancher  Beziehung  charakteristisch  für  die  Auffassung,  welche
die  Staatsregierung  beherrscht.
Da  finden  Sie  zunächst  folgenden  Satz:  _
„Zu  meiner  lebhaften  Befriedigung  mehren  sich  jedoch  die
Anzeichen  dafür,  dass  wenigstens  auf  den  Gebieten  des  Handels
und  zahlreicher  Industriezweige  die  schwersten  Zeiten  des  Druckes
als  überwunden  gelten  können.
Die  Landwirtschaft  liegt  noch  immer  darnieder.  Es  wird
nach  wie  vor  das  ernsthafte  Bestreben  meiner  Regierung  sein,
'las  Gedeihen  auch  dieses  hochwichtigen  Zweiges  der  vaterländischen ­
  Volkswirtschaft  zu  fördern.“  .
Ich  bemerke  zunächst,  dass  aus  diesem  ersten.  leile  der
Ausführungen  ein  gutes  Stück  Optimismus  herausspricht.
        <pb n="18" />
        Ich  will  zugeben,  dass  mehr  Arbeitsgelegenheit  für  Teile
der  Industrie  in  der  letzten  Zeit  entstanden  ist,  aber  dabei  ist
nicht  ausser  acht  zu  lassen,  dass  sich  auch  die  Arbeitsgelegenheit ­
  bei  den  einzelnen  Industriezweigen  gerade  in  letzter  Zeit
abwechselnd  verschoben  hat.  Es  giebt  Industriezweige,'  die  jetzt
besser  beschäftigt  sind  als  im  Vorjahre,  es  gibt  aber  auch
solche,  deren  Beschäftigung  wesentlich  schlechter  als  bisher  geworden ­
  ist.
Ich  möchte  deshalb  warnen,  aus  diesen  Vorgängen  heraus
einen  sicheren  Schluss  auf  die  Besserung  der  Lage  der  Industrie
ziehen  zu  wollen.
Das  Charakteristische  an  der  jetzigen  Situation  ist  aber,
dass  selbst  bei  besserer  Beschäftigung  sich  der  Verdienst  auf
der  minimalsten  Grenze  in  der  grossen  Hauptsache  hält  und
ich  glaube,  das  wird  leider  noch  recht  lange  so  bleiben.  Ehe
die  Nachteile  der  letzten  Periode  überwunden  sind,  wird  der
Handel  und  die  Industrie  mit  ausserordentlich  geringem  Nutzen
arbeiten  müssen.  (Sehr  richtig).
Ich  kann  auch  den  Satz  der  Thronrede  nicht  für  völlig  zutreffend ­
  halten,  dass  die  Landwirtschaft  noch  immer  darniederliege. ­

Die  Aufwärtsbewegung,  die  sich  etwa  in  der  Industrie  gezeigt ­
  hat,  hat  die  Landwirtschaft  auch  mitgemacht.  Hier  herrscht
unbedingt  ein  gewisser  notwendiger  Zusammenhang  zwischen
beiden  Zweigen  der  Volkswirtschaft.
Nun  wird  weiter  in  der  Thronrede  gesagt,  dass  es  das
ernsthafte  Bestreben  der  Regierung  sei,  das  Gedeihen  auch
dieses  hochwichtigen  Zweiges  der  vaterländischen  Volkswirtschaft ­
  (also  der  Landwirtschaft)  zu  fördern.
Gut,  damit  kann  man  einverstanden  sein,  wenn  diese  Förderung ­
  nicht  immer  wieder  auf  Kosten  der  Allgemeinheit  geschieht. ­
  (Sehr  richtig).  Ich  darf  dem  hinzufügen,  dass  die  staatliche ­
  Fürsorge  für  die  Landwirtschaft  auf  Kosten  der  Allgemeinheit ­
  bisher  eine  aussergewöhnlich  grosse  gewesen  ist.
In  der  Thronrede  gibt  man  eine  gleiche  Versicherung ­
  seitens  der  Regierung  für  die  Industrie
nicht  ab.  Jedenfalls  hat  man  in  diesen  Kreisen  die  Anschauung, ­
  dass  wir  uns  aus  eigener  Kraft  helfen  werden,  und  nur
diejenige  Staatshilfe  in  Anspruch  nehmen  wollen,  die  der  Allgemeinheit ­
  keinen  Schaden  zufügt.  (Bravo).
Wenn  das  die  Auffassung  der  Regierung  ist,  so  hat  sie
recht,  und  es  ist  sicher  ein  ehrenvolles  Zeugnis  für  die  Industrie.
Klagen  aus  landwirtschaftlichen  Kreisen  waren  in  guten
und  schlechten  Jahren  vorhanden;  dass  sie  in  schlechten  Jahren
noch  stärker  auftreten  wie  in  guten,  ist  ja  ganz  natürlich.  In
diesen  Kreisen  ist  aber  über  die  Gebühr  geklagt  worden.
        <pb n="19" />
        17

Die  Klagen  in  der  Industrie  haben  sich  auf  ein  sehr  geringes ­
  Maass  beschränkt  und  selbst  in  schlechten  Zeiten  sind
wir  uns  bewusst  gewesen,  dass  man  mit  Klagen  allein  nicht
vorwärts  kommt.  Wir  haben  auch  diese  Zeiten  mit  Vertrauen
auf  die  Zukunft  durchlebt  und  überwunden;  wir  haben  in  guten
Zeiten  uns  diejenigen  Reserven  geschaffen,  die  notwendig  waren,
um  schlechte  Zeiten  überstehen  zu  können.  Gewiss  wollen  wir
uns  auf  unsere  eigene  Kraft  verlassen,  aber  das  können  wir
auch  verlangen,  dass  es  uns  durch  eine  gesunde  Wahlreform
möglich  wird,  auf  die  politischen  Verhältnisse  unseres  Landes
einen  grösseren  Einfluss  als  bisher  ausüben  zu  können,  um  dadurch ­
  die  Interessen  der  heimischen  Industrie  mit  fördern  zu
helfen.
In  der  Thronrede  wird  am  Schlüsse  von  den  Wünschen
nach  Aenderung  des  Wahlrechtes  für  die  Zweite  Kammer  gesprochen. ­
  Man  vertröstet  das  Volk,  dass  eine  Denkschrift  den
Ständen  zunächst  übergeben  wird,  in  welcher  alle  die  Erfahrungen ­
  und  Wünsche  niedergelegt  werden  sollen,  die  an  die
Regierung  bis  jetzt  herangetreten  sind.
Das  ist  ja  alles  recht  gut  und  schön,  aber  es  fehlt  in  der
Ihronrede  jeder  Hinweis  darauf,  dass  man  auch  an  eine  Reform
der  Ersten  Kammer  herantreten  will.
Selbst  wenn  die  Zweite  Kammer  noch  so  günstig  im
Sinne  des  Handels  und  Gewerbes  zusammengesetzt  ist,  wird  die
Erste  Kammer  in  der  jetzigen  Zusammensetzung  wie  ein  Bleigewicht ­
  wirken  können.  Es  ist  deshalb  unsere  Pflicht,  mit
allem  Nachdruck  darauf  hinzuwirken,  dass  die  Regierung  auch
an  eine  Reform  der  Ersten  Kammer  endlich  herantritt.  (Sehr
richtig.)
Meine  hochverehrten  Herren!  Ich  will  nun,  um  die  Berechtigung ­
  eines  solchen  Verlangens  zu  beweisen,  Ihnen  Tatsachen ­
  und  ziffernmässige  Beweise  vorführen.  In  letzterer  Beziehung ­
  werde  ich  mich  bei  mündlichem  Vortrag  nach  Möglichkeit ­
  beschränken.
Zunächst  will  ich  über  die  jetzige  Zusammensetzung  der
Ersten  Kammer  berichten  ;  es  fehlt  vielen  ein  genaues  Detailbild ­
  hiervon.
Die  Erste  Kammer  besteht  aus:
den  volljährigen  Prinzen,
12  auf  Lebenszeit  gewählten  Abgeordneten,  Besitzern
von  Rittergütern  und  anderen  grossen  ländlichen
Gütern,
io  vom  König  nach  freier  Wahl  auf  Lebenszeit  ernannten ­
  Rittergutsbesitzern,
3  Vertretern  der  Standherrschaften,
2  Vertretern  der  Rezessherrschaften,
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zu  diesen  Abgeordneten,  also  zu  dem  königlichen  Prinzen  und
27  Vertretern  des  platten  Landes  und  der  Landwirtschaft  kommen
8  Bürgermeister  von  Städten,
5  vom  König  nach  freier  Wahl  auf  Lebenszeit  ernannte ­
  Mitglieder:  zu  diesen  5  Mitgliedern  gehören ­
  zur  Zeit  2  Herren  der  Industrie  und
Z-  dem  Handel  an.
Meine  hochverehrten  Herren!  Sie  werden  aus  diesen  Angaben ­
  ersehen,  dass  die  Zusammensetzung  der  ersten  Kammer
durchaus  nicht  den  Interessen  unseres  hochindustriellen  Landes
entspricht.
Es  kommen  hierzu  noch
der  katholische  Dekan  des  Hochstiftes  St.  Pauli  zu
Bautzen,
der  evangelische  Hofprediger,
der  evangelische  Superindent  zu  Leipzig,
ein  Vertreter  der  Universität  Leipzig,
(es  entbehrt  also  die  technische  Hochschule  in
Dresden  jeder  Vertretung,  während  in  Preussen
neuerdings  nicht  weniger  als  4  Vertreter  der
technischen  Hochschule  durch  allerhöchstes  Vertrauen ­
  in  das  Herrenhaus  berufen  worden  sind);
ferner  ein  Vertreter  des  Plochstiftes  Meissen  und
ein  Vertreter  des  Hochstiftes  Wurzen.
Die  zuletztgenannten  Vertretungen  betreffen  Organisationen,
die  nach  meiner  Auffassung  für  die  jetzige  Zusammensetzung
des  Staates  recht  unwesentlich  geworden  sind.
Dem  gegenüber  weise  ich  ausdrücklich  darauf  hin,  dass
nach  §  62  der  Landtagsordnung:  beide  Kammern  in  ihren
Rechten  und  Befugnissen  gleich  sind.
Selbst  also  wenn  es  gelänge,  in  der  Zweiten  Kammer  eine
Handel  und  Industrie  freundliche  Majorität  herzustellen,  so  können
unter  Umständen  die  Bestrebungen  dieser  durch  die  Erste  Kammer
unterbunden  und  verhindert  werden.  Ich  glaube,  daraus  sieht
man  schon  zur  Genüge,  dass  die  Zusammensetzung  der  Ersten
Kammer  nicht  annähernd  so  ist,  wie  wir  es  für  unseren  Handel
und  unsere  Industrie  wünschen  müssen.
Aus  der  vorstehenden  Zusammenstellung  ergibt  sich,  dass
der  Ersten  Kammer  des  Industriestaates  Sachsen  27  Vertreter
des  platten  Landes  und  der  Landwirtschaft  angehören  und  dass
der  Landwirtschaft  kraft  Gesetzes  die  Befugnis  verliehen  wird,
aus  ihrer  Mitte  Delegierte  in  diese  Körperschaft  zu  entsenden,
während  kein  einziger  Industrieller  oder  Kaufmann  das  Recht
auf  Sitz  und  Stimme  in  der  Ersten  Kammer  hat.
Dabei  verkenne  ich  nicht,  dass  die  Erste  Kammer  an  und
für  sich  keine  Vertretung  der  einzelnen  Berufsstände  darstellen
        <pb n="21" />
        19

soll,  sondern  dass  sie  in  erster  Linie  als  eine  verfassungsmässige
Vertretung  des  grundbesitzenden  Adels  gedacht  wurde,  und
insofern  gewissermassen  ein  Gegengewicht  gegen  die  mehr
fluktuierende  Zusammensetzung  der  Zweiten  Kammer  bilden  soll.
Die  Verhältnisse  haben  sich  aber  geändert  und  es  ist
notorisch,  dass  den  Handelskammern  z.  B  als  gesetzliche  Vertreter ­
  von  Industrie,  Handel  und  Gewerbe  ein  gleiches  Stimm-  „
recht  wie  der  Landwirtschaft  nicht  eingeräumt  worden  ist.  1
Dabei  hat  sich  aus  dem  früher  vorherrschenden  landwirtschaftlichen ­
  Staat  ein  vorherrschend  industrieller  entwickelt.
Bei  Erlass  der  Verfassung  für  die  Erste  Kammer  war  die
Grundsteuer  die  weitaus  wichtigste  direkte  Leistung  an  den
Staat;  heute  wird  diese  durch  die  Einkommensteuer,  zu  der
demnächst  noch  die  Ergänzungssteuer  hinzutritt,  weit  übertroffen.
Die  beiden  letzten  Steuerarten  werden  aber  ganz  überwiegend
von  Industrie  und  Handel  beziehentlich  von  der  Stadtbevölkerung
aufgebracht.
Meine  hochverehrten  Herren,  ich  will  nunmehr  Ziffern  anführen, ­
  welche  Ihnen  die  Veränderung  der  Zusammensetzung
der  Erwerbsstände  in  Sachsen  zeigen  sollen.
Die  Gruppierung  der  Erwerbsstände  innerhalb  der  Bevölkerung ­
  weist  sich  nach  den  Berufszählungen  wie  folgt  nach:
1882  1895
Landwirtschaftliche  Bevölkerung  18,8  Proz.  13,8  Proz.
Industrielle  Bevölkerung  .  .  .  56,3  „  58,0  „
Verkehr  treibende  Bevölkerung  12,0  „  14,0  „
Neue  Zahlen  sind  noch  nicht  bekannt,  da  die  nächste  Berufszählung ­
  erst  1905  stattfinden  wird,  es  ist  aber  nach  dem
grossen  Aufschwung  der  Industrie  seit  1895  anzunehmen,  dass
sich  das  Verhältnis  des  Anteils  der  industriellen  Bevölkerung
im  Verhältnis  zur  Gesamtbevölkerung  noch  weit  mehr  erhöht  hat.
Sie  sehen  also  aus  diesen  Ziffern,  dass  der  Anteil  der  industriellen ­
  Bevölkerung  an  der  Gesamtbevölkerung  ein  wesentlich ­
  grösserer  ist,  wie  der  der  landwirtschaftlichen,  dass  der
Anteil  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  sogar  von  18  Proz.
auf  13,8  Proz.  zurückgegangen  ist.
Nach  meiner  Ueberzeugung  müsste  den  Handelskammern
unbedingt  die  Befugnis  verliehen  werden,  Delegierte  zur  Ersten
Kammer  zu  entsenden.  Sogar  Oesterreich  hat  sich  zu  solchen
Maassnahmen  verstanden.
Die  Zweite  sächsische  Kammer  besteht_  zur.  Zeit^  aus
45  Abgeordneten  der  ländlichen  Wahlkreise  und
37  Abgeordneten  der  städtischen  Wahlkreise.
Die  Einteilung  in  städtische  und  ländliche  Wahlkreise
gibt  an  sich  schon  zu  erheblichen  Bedenken  Anlass,  sie  wird
        <pb n="22" />
        20

im  Volk  als  eine  unbillige  Einrichtung  empfunden.  Um  das
zu  beweisen,  lassen  Sie  mich  folgende  Zahlen  anführen.
Nach  der  Zählung  von  1900  umfassten  die  45  ländlichen
Wahlkreise  2,110,552  Einwohner,  die  37  städtischen  Wahlkreise
2,091,664  Einwohner,  dagegen  zählten  1834  die  Stadtgemeinden
523,771,  die  Landgemeinden  1,071,897  Einwohner,  die  städtischen
Wahlkreise  umfassen  also  nahezu  gleichviel,  heute  wahrscheinlich ­
  wesentlich  mehr  Einwohner,  als  die  ländlichen  Wahlkreise.
Nach  den  vielfachen  Einverleibungen  im  Jahre  1903  sind
die  Stadtgemeinden  auf  2,202,414  Einwohner  angewachsen,  die
Landgemeinden  auf  1,999,802  Einwohner  gesunken.
•Noch  deutlicher  tritt  die  Benachteiligung  der  Städte  hervor,
wenn  man  die  steuerliche  Leistung  von  Stadt  und  Land,
welche  die  dem  Wahlgesetz  zugrunde  liegende  Basis  bildet,  ins
Auge  fasst.
Nach  den  amtlichen  Steuerlisten  von  1900  betrug  das
steuerliche  Einkommen  nach,  Abzug  der  Schuldzinsen
bei  der  Landbevölkerung  822  165582  Mark,
bei  der  städtischen  Bevölkerung  1  393  907  844  Mark,
die  dem  Staate  gezahlten  direkten  Steuern  beziffern  sich
bei  der  ländlichen  Bevölkerung  auf  9  752  205  Mark,
bei  der  städtischen  Bevölkerung  auf  25490392  Mark.
In  dem  zwanzigjährigen  Zeiträume  von  1880  bis  1900  beläuft ­
  sich  die  Zunahme  der  Steuerbeträge
in  den  Städten  auf  17668434,  das  ist  225,9  Proz.,
in  den  Dörfern  auf  5458119,  das  ist  127,9  P roz -
Betrachtet  man  die  Erträge,  welche  die  Grundsteuer  in
dem  Zeiträume  von  1890  bis  1900  ergeben  hat,  so  zeigt  sich,
dass  dieselben  in
Dresden-Stadt  von  8  895  79  t  auf  12  863  113  Einheiten,  gleich
44,6  Proz.  Zunahme,
Leipzig-Stadt  von  13719064  auf  20366014  Einheiten,  gleich
48.5  Proz.  Zunahme,
Chemnitz-Stadt  von  2  142  471  auf  3  524247  Einheiten,  gleich
64.5  Proz.  Zunahme
gestiegen  sind,  während  die  vorwiegend  landwirtschaftlichen
Steuerbezirke
Kamenz  von  46369  Mk.  auf  49753  Mk.,  gleich  7,3  Proz.,
Oschatz  ,,  77  9 21  „  r&amp;gt;  80  148  „  „  2,9  „
Borna  „105547  „  »  110071  „  „  4,2  „
stiegen,  und  die  Bruttoerträge  von
Dresden-Stadt  von  351  833  Mk.  auf  538  630  Mk.,  gleich  53,1  Proz.
Leipzig-Stadt  „  540127  „  „  806174  „  „  49,2  „
Chemnitz-Stadt  „  91642  „  „  142811  „  „  55,8  „
        <pb n="23" />
        21

dagegen  im  „
Kam  enzer  Steuerbezirk  von  46  36g  Mk.  auf  49  753  Mk.  gleich  7,3  rroz.
Oschatzer  „  „  77921  „  „  80148  „  «  2,9  „
Bornaer  „  „  105547  «  «110071  „  _  »  4’ 2  _»
stiegen,  sodass  also  auch  diese  Erträge  in  den  städtischen.  Bezirken ­
  ungleich  schneller  und  höher  angewachsen  sind,  wie  in
den  ländlichen.
Von  der  Einkommensteuer  entfielen:
auf  die  Städte:  auf  das  platte  Land:
1898:  22550847  Mark,  8478256  Mark
1875:  720432  „  382367  „
bei  dem  einfachen  Steuersatz,  und  von  dem  emgeschätzten
Einkommen
auf  die  Städte  :  auf  das  platte  Land  :
1898:  1259  253  137  Mark,  743109609  Mark,
1875:  556  594847  „  400985937  „
Mit  dem  Inkrafttreten  der  Ergänzungssteuer  wird  sich  die
Ungleichheit  in  der  Steuerbelastung  noch  vergrössern.
Diese  vorstehenden  Zahlen  ergeben,  dass  die  Fortschritte
im  Wirtschaftsleben  der  letzten  Jahrzehnte  zur  Zeit  vor  allem
auf  die  mächtige  Entwicklung  der  Städte  zurückzuführen  sind
und  dass  sich  namentlich  die  industrielle  Leistung  der  Städte  im
Vergleich  mit  der  des  Landes  derartig  gehoben  hat,  dass  ihre
Vertretung  in  der  Zweiten  Ständekammer  als  angemessen  nicht
mehr  bezeichnet  werden  kann.
Noch  ärger  wird  das  Missverhältnis  dadurch,  dass  sich  in
den  einzelnen  Wahlkreisen  eine  ganz  ausserordentliche  Verschiebung ­
  der  Bevölkerungsziffer  vollzogen  hat.
So  umfassen  z.  B.  die  zwei  städtischen  Wahlkreise  in
Chemnitz  nach  der  Zählung  vom  1.  Dezember  1900  206913  Einwohner, ­
  jeder  also  rund  103456  Einwohner,  dagegen
der  27.  ländliche  Wahlkreis  ca.  30000  Einwohner,
*  4-  »  „  «  27  600  „
»  l 7-  ,  „  „26400  „
Es  haben  also  im  17.  ländlichen  Wahlkreise  ca.  26400  Einwohner ­
  ebenso  viel  Wahlrecht  wie  in'Chemnitz  103  456  Einwohner.
Wenn  man  nun  noch  eine  Aufrechnung  für  die  einzelnen
Städte  in  Bezug  auf  die  Zusammensetzung  der  Bevölkerung'sziffer
der  Steuerbeträge  gegenüber  ländlichen  Bezirken  macht,  so  ersieht
man  mit  unzweifelhafter  Klarheit,  dass  die  Verhältnisse  beim
Wahlrecht  sich  immer  mehr  zu  Ungunsten  der  städtischen  Bevölkerung ­
  verschoben  haben.
Es  sind  auch  in  diesem  Saale  Tafeln  ausgestellt,  aus  denen
die  V  erteilung  der  Bevölkerung  auf  die  verschiedenen  Erwerbszweige ­
  ersichtlich  ist.  Ich  bitte  Sie,  Ihr  Interesse  auch  dieser
Statistik  zuzuwenden.
        <pb n="24" />
        Ich  werde  auf  eine  weitere  Beweisführung  an  der  Hand
dieses  Materials  verzichten,  um  den  Vortrag  nicht  allzu  weit
auszudehnen.  Ich  glaube,  dass  meine  Schlussfolgerung  vollständig ­
  berechtigt  ist,  wenn  ich  sage:
Auf  Grund  der  von  mir  angeführten  Tatsachen ­
  und  ziffernmässigen  Beweise  ist  die  Forderung ­
  der  Industrie,  eine  Reform  der  ersten
Kammer  und  des  Wahlrechts  zur  zweiten  Ständekammer ­
  anzustreben,  eine  durchaus  berechtigte.
(Sehr  richtig.)
Meine  sehr  verehrten  Herren,  wer  aber  etwa  nun  glaubt,
dass  diese  Forderung  so  leicht  durchzuführen  ist,  der  befindet
sich  auf  dem  Holzwege.  Mit  den  paar  Petitionen  wird  man  dem
Widerstand  gegenüber,  der  sich  bietet,  noch  lange  keine
Bresche  legen.
Wir  müssen  über  die  Verhältnisse  die  Bevölkerung  und
unsere  Berufsgenossen  immer  mehr  aufklären,  von  Seiten  der
Handelskammern,  aller  Industrievereinigungen  und  ihrer  Vertreter
im  sächsischen  Landtage  muss  man  fortgesetzt  für  diese  Aufklärungsarbeit ­
  tätig  sein.  Nur  dadurch  kommt  man  im  öffentlichen ­
  Leben  einen  Schritt  weiter.  Das  Interesse  der  gesamten
Bevölkerung  muss  immer  mehr  angeregt  und  in  Bewegung
gehalten  werden,  damit  der  Ressonnanzboden  für  unsere  Bestrebungen ­
  überall  ein  günstiger  bleibe  und  werde.
Auch  bei  der  Etatdebatte  in  der  zweiten  Kammer  scheint
bei  den  Angehörigen  der  konservativen  Fraktion  und  der  Landwirtschaft ­
  eine  Berechtigung  für  unsere  Forderung  anerkannt  zu
werden.  Hoffentlich  helfen  diese  Herren,  um  die  Forderung  in
die  Tat  umzusetzen.
Die  Forderung,  welche  ich  bezüglich  der  Zusammensetzung
der  ersten  Kammer  aufstellte,  wird  wohl  von  allen  heute  Anwesenden ­
  als  berechtigte  anerkannt  und  vertreten  werden.  Die
Zahl  der  Vertreter  der  Industrie,  des  Handels  und  des  Gewerbes
in  der  ersten  Kammer  muss  annähernd  der  Bevölkerung  und
der  Steuerleistung  entsprechen.  Unsere  gesetzmässige  Vertretung
muss  gleich  wie  die  Landwirtschaft  ein  Recht  erhalten,  um  Vertreter ­
  in  die  erste  Kammer  zu  wählen  und  zu  entsenden.
Nach  Schluss  meines  Vortrages  wird  Ihnen  eine  Resolution
vorgelegt  werden,  die  hoffentlich  einstimmige  Annahme  finden
wird.
Für  die  Wahlrechtsreform  für  die  zweite  Kammer  wird  es
!  sich  nach  meiner  Meinung  in  erster  Linie  darum  handeln,  dass
wir  die  Forderung  einer  Neueinteilung'  der  Wahlkreise  aufstellen.
Die  Ziffern,  die  ich  Ihnen  vortrug,  haben  ja  gezeigt,  dass  die
Einteilung  der  Kreise  nicht  mehr  der  Entwickelung  und  Leistung
unserer  städtischen  und  industriellen  Bevölkerung  entsprechen.
        <pb n="25" />
        Wir  müssen  also  erwarten,  dass  die  Regierung  in  allererster
Linie  der  Wahlrechtsreform  eine  Neueinteilung  und  gerechte
Verteilung  der  Wahlkreise  voranstellt.
Nach  meiner  Meinung  muss  der  Unterschied  zwischen
ländlichen  und/  städtischen  Wahlkreisen  überhaupt  fallen,  es
müssen  Wahlkreise  geschaffen  werden  von  annähernd  derselben
Bevölkerungsziffer.  Die  Verschiebungen,  die  etiva  in  den  nächsten
Jahrzehnten  statt  finden,  werden  grosse  Ungleichheiten  zunächst
nicht  erzeugen.  Der  Begriff  ländliche  Wahlkreise  trifft  heute
auf  viele  so  bezeichnete  überhaupt  nicht  mehr  zu.
Noch  einige  Forderungen  will  ich  hervorheben,  die  mir
für  die  Wahlrechtsreform  als  geeignet  erscheinen  und  auf  die
sich  selbst  Männer  von  verschiedenen  politischen  Richtungen
vereinigen  können
Zunächst  bin  ich  dagegen,  dass  man  das  Reichstagswahlrecht
  auf  die  Wahlen  zum  sächsischen  Landtag  überträgt.  Ich
kann  das  gleiche  Wahlrecht  in  diesem  Sinne  nicht  befürworten.
Bei  dem  Wahlrecht  zum  Landtage  muss  auch  die  Leistung,  die
der  Einzelne  dem  Staate  gegenüber  vollbringt,  zum  Ausdruck
kommen.  Bei  Einführung  des  Reichstagswahlrechtes  für  den
Landtag  würden  in  absehbarer  Zeit  Industrie  und  Handel  sicher
von  der  Vertretung  im  Landtage  ausgeschlossen  sein.  Das  kann
nicht  der  Zweck  eines  Wahlrechtes  sein.
Ferner  bin  ich  ein  Gegner  jeder  Wahl  nach  Berufständen.
Denken  Sie  sich  einmal,  meine  hochverehrten  Herren,  was  hiervon ­
  die  Folge  sein  würde.
Der  wirtschaftliche  Interessenkampf  beherrscht  leider  in
viel  zu  hohem  Maasse  die  öffentliche  Tätigkeit.  Wollen  wir
aber  nach  Berufsständen  zum  Landtag  wählen,  dann  würde  dieser
Interessenkampf  noch  in  viel  schärferer  Form  hervortreten,  wie
es  jetzt  schon  der  Fall  ist.  Bei  diesem  Kampfe  gewinnen  gewöhnlich ­
  diejenigen  die  Oberhand,  die  am  rücksichtslosesten
ihre  Stimme  erheben  und  Vorgehen;  bei  der  Eigenart  der  Angehörigen ­
  der  Industrie  und  des  Handels  würden  wir  wahrscheinlich ­
  bei  einem  solchen  Wahl-System  die  allerschlechtesten
Geschäfte  machen.

Lassen  sie  uns  mit  dafür  sorgen,  dass  wieder  grössere
Gesichtspunkte  im  öffentlichen  Leben  zur  Geltung  kommen.  Die
folgen  eines  Wahlsystems  nach  Berufsständen  würden  wahrscheinlich ­
  die  sein,  dass  wir  im  Landtage  die  Minorität  bleiben
und  dass  sich  dann  nicht  einzelne  politische  Parteien  gegenüber
stehen,  sondern  einzelne  Erwerbsgruppen,  die  für  das  eigene
Interesse  kämpfen  und  nur  da  zu  Konzessionen  bereit  sind,  wo
ihnen  auf  der  anderen  Seite  solche  gemacht  werden.  An  Gemeinsinn ­
  fehlt  es  ohnedies  schon,  lassen  Sie  uns  dafür  sorgen,  dass
        <pb n="26" />
        24

derselbe  durch  ein  solches  Wahlsystem  nicht  noch  weiter  verloren ­
  geht.  (Sehr  recht.)
Meine  hochverehrten  Herren,  es  ist  ohne  Zweifel,  dass  mau
im  Jahre  1896  durch  Einführung  des  Dreiklassenwahlsystems
einen  schweren  politischen  Fehler  gemacht  hat.  Wenn  man
damals  die  Gefahr  einer  sozialdemokratischen  Majorität  in  der
Zweiten  Kammer  beseitigen  wollte,  so  war  es  wohl  richtiger,
wenn  man  das  68  er  Gesetz  bestehen  liess  und  den  Zensus
wesentlich  erhöhte.  Heute  das  Dreiklassenwahlsystem  zu  beseitigen, ­
  wird  viel  schwerer  fallen,  als  man  glaubt.
Eine  weitere  Forderung,  auf  die  wir  uns  sicher  auch  hier
vereinigen  können,  würde  darin  bestehen,  dass  die  Ausübung
des  Wahlrechtes  eine  geheime  sein  muss.
Wir  sehen  es  ja  in  Preussen,  wie  die  öffentliche  Stimmenabgabe ­
  entweder  die  Gesinnungstüchtigkeit  untergräbt  oder  viele
Männer  abhält,  ihr  Wahlrecht  auszuüben.
Ich  bin  nun  weiter  der  Meinung,  dass  man  auch  auf  die
Aufrechterhaltung  eines  direkten  Wahlrechtes  sich  vereinigen
sollte.  Das  Interesse  an  politischen  Wahlen  wird  abgeschwächt,
wenn  das  Wahlrecht  ein  indirektes,  dass  heisst  ein  solches
durch  Wahlmänner  ist.  Man  verliert  dadurch  das  Interesse  an
der  Persönlichkeit  des  zu  Wählenden  und  an  dessen  politischem
Programm.
Ob  man  das  allgemeine  Wahlrecht,  wie  es  jetzt  in  verbesserter ­
  Form  besteht,  aufrecht  erhalten  kann,  will  ich  nicht
weiter  ausführen.  Das  wird  von  den  einschränkenden  Bestimmungen ­
  für  die  Ausübung  des  Wahlrechtes  abhängen,
welche  notwendig  sind,  um  zu  verhindern,  dass  die  Sozialdemokratie ­
  als  Majorität  in  den  Landtag  einzieht.
Ich  erinnere  dabei,  dass  auch  die  Sozialdemokratie  unter
Führung  des  Herrn  v.  Vollmar  bereit  gewesen  ist,  in  Bayern
das  allgemeine  Wahlrecht  einzuschränken.  Man  vereinigte  sich
im  vorigen  Jahre  dort  dahin,  dass  die  Altersgrenze  für  die
Wahlberechtigung  vom  21.  auf  das  25.  Lebensjahr  heraufgesetzt
wurde.  Das  bedeutet  eine  Wahlentrechtung  für  ca.  125  00O
Männer.
Weiter  bin  ich  der  Meinung,  dass  man  bei  der  Reform
des  Wahlrechtes  darauf  zukommen  sollte,  ein  gewisses  Plural'
System  einzuführen.  Man  müsste  dabei  die  Bildung  des  Wählers,
die  Steuerleistung,  die  Tätigkeit  im  Ehrenamte  berücksichtigen
und  das  Stimmrecht  des  einzelnen  dementsprechend  erhöhen-Jedenfalls
  müssen  wir  zunächst  einmal  abwarten,  was  die
in  Aussicht  gestellte  Denkschrift  der  Regierung  in  der  Sache
bringt.  Ich  bin  allerdings  nicht  der  Meinung,  dass  in  diesef
Denkschrift  etwas  wesentlich  Neues  oder  UeberraschendeS
stehen  wird.
        <pb n="27" />
        Weiter  meine  ich,  dass  man  trotzdem  schon  vorher  sich
selber  klar  machen  kann,  wie  eine  gesunde  Wahlrechtsreform
aussehen  muss.
Das  wollen  wir  uns  aber  vornehmen,  nochmals  in  unserer
Vereinigung  Stellung  zur  Wahlrechtsreform  zu  nehmen,  sobald
diese  Denkschrift  erschienen  ist.  Sie  werden  wohl  alle  damit
einverstanden  sein,  dass  die  Reform  der  Ersten  Kammer  und
des  Wahlrechtes  zur  Zweiten  Kammer  nicht  auf  die  lange  Bank
geschoben  werden  darf;  es  wird  ohnedies  nicht  allzu  schnell
damit  gehen.  Lassen  Sie  uns  aber  dafür  sorgen,  dass  dieses
langsame  Tempo  etwas  •  beschleunigt  wird.  Sie  wissen  ja,  meine
verehrten  Herren,  dass  für  eine  Verfassungsänderung  eine  zweimalige ­
  Landtagssession  notwendig  ist.  Das  lässt  an  sich  die
Möglichkeit  zu,  die  Sache  bis  zum  Jahre  1905  zu  verschleppen.
Es  gibt  aber  verfassungsmässige  Mittel  und  Wege,  um  eine
solche  Reform  schon  in  dieser  Session  zur  Verabschiedung  zu
bringen.
Meine  hochverehrten  Herren!  Das  ist  in  grossen  Zügen
das,  was  man  zur  Begründung  unserer  Stellung  der  Reform
der  Ersten  Kammer  und  des  Wahlrechtes  zur  Zweiten  Kammer
gegenüber  sagen  kann.  Ich  will  mich  in  weitere  Details  nicht
einlassen  und  gebe  mich  der  Hoffnung  hin,  dass  das  Bild,
welches  ich  Ihnen  von  den  Verhältnissen  entworfen  habe,  klar
und  anschaulich  war.
Ein  angesehenes  Mitglied  der  Zweiten  Kammer  forderte
am  Schlüsse  seiner  Rede  bei  der  Etatberatung  das  sächsische
Volk  auf,  wieder  sächisch  denken  und  fühlen  zu  lernen.  Ich
bin  mit  dem  Apell  ja  ganz  einverstanden,  aber  damit  dieser
Wunsch  in  Erfüllung  geht,  muss  vor  allen  Dingen  die  Staatsregierung ­
  und  müssen  die  Stände  des  Landes  dafür  sorgen,
dass  die  notwendige  Zufriedenhrit  in  allen  Kreisen  unseres
sächsischen  Volkes  wieder  einkehrt  und  zwar  durch  ein  Regiment, ­
  das  gerecht  ist  und  in  steuerlicher  und  finanzlicher  Beziehung
  berechtigte  Anforderungen  und  Wünsche  befriedigt,
die  Steuerkraft  des  Volkes  schont.
Meine  Herren  !  Auch  der  Verband  Sächsischer  Industrieller
kann  an  seinem  Teile  dazu  beitragen,  auf  die  Schäden  in
unserem  Lande  aufmerksam  zu  machen,  den  Weg,  der  zu  einer
Desundung  führen  kann,  zu  zeigen  und  endlich  diejenigen  Bestrebungen ­
  lebhaft  zu  unterstützen,  welche  Zufriedenheit  in  alle
kreise  des  Volkes  erwecken  werden.
In  diesem  Sinne  hat  unser  Verband  schon  seit  einigen
de  ''T  . wac ^ er  gearbeitet  und  insbesondere  die  Aufmerksamkeit
hin  el  k^* 6  Uri&amp;lt; ^  ^ eren  Angehörigen  auf  öffentliche  Fragen
        <pb n="28" />
        ..

26

Wenn  wir  in  dieser  Arbeit  unentwegt  fortfahren,  wenn  wir
unsere  Erwerbsgenossen  täglich  mahnen,  Jeder  an  seinem  Teile
Kraft  und  Zeit  in  den  öffentlichen  Dienst  zu  stellen,  so  werden
wir  gewiss  unserem  engeren  Vaterlande  einen  grossen  und
wesentlichen  Dienst  erweisen.  (Grossen  Beifall.)
Vorsitzender:  Meine  Herren.  Ich  hoffe  auf  Ihre  Zustimmung, ­
  wenn  ich  mir  gestatte,  in  Ihrer  Vertretung  Herrn
Landtagsabgeordneten  Langhammer  den  verbindlichsten  Dank
für  seine  ausgezeichnete  Rede  darzubringen.
Ich  stelle  nun  diesen  Vortrag  zur  Besprechung.
Das  Wort  hat  zunächst  Herr  Direktor  Rascher.
Herr  Direktor  R  a  s  c  h  e  r  -  Berlin  :  Der  geehrte  Herr  Vorredner, ­
  Herr  Langhammer,  hat  mir  voll  und  ganz  aus  der  Seele
gesprochen  mit  seiner  Mahnung,  dass  auch  wir  uns  enger  zusammenschliessen
  müssen,  um  endlich  einmal  diesen  etwas  zu
sehr  ins  Kraut  geschossenen  Bäumen  der  Sozialdemokratie  entgegenzutreten ­
  und  die  zu  weit  vorgeschossenen  Zweige  etwas
zu  beschneiden.
Wir  gerade  in  Berlin  haben  kürzlich  erst  wieder  unter  den
unvernünftigen  Forderungen  der  sozialdemokratischen  Gewerk
schäften  und  dieser  Sozialdemokraten  überhaupt  zu  leiden  gehabt.
Sie  wissen  alle,  dass  wir  erst  vor  kurzem  den  grossen  Metallarbeiterstreik ­
  dort  beendet  haben.  Fs  war  dies  ein  sehr  weitgehender ­
  Streik.  Es  handelte  sich  viel  weniger  um  die  Lohnfrage, ­
  es  war  einfach  eine  Machtfragc  darum:  wer  hat  in  der
Fabrik  zu  bestimmen,  der  Chef  oder  der  Arbeiter?  Die  Forderungen ­
  der  sozialdemokratischen  Gewerkschaften  gingen  ja  dahin,
dass  sie  bestimmen  wollten,  in  welcher  Weise  gearbeitet  werden
sollte,  ob  gearbeitet  werden  sollte,  wie  lange  gearbeitet  werden
sollte,  welche  Löhne  gezahlt  würden.  Ja,  meine  Herren,  wenn
wir  erst  einmal  dahin  kommen,  dass  wir  nicht  mehr  bestimmen,
sondern  die  sozialdemokratischen  Gewerkschaften,  dann  können
wir  alle  zusammen  einpacken,  dann  werden  unsere  Geschäfte
mehr  und  mehr  zurückgehen  und  schliesslich  vollständig  entschlafen. ­

Wir  haben  in  Berlin  gesehen,  dass  nur  durch  den  Zusammenschluss ­
  den  Forderungen  der  Sozialdemokratie  entgegengetreten ­
  werden  kann,  und  ich  glaube,  wenn  wir  uns  alle  Zusammenschlüssen, ­
  auch  die  Industriellen  in  Sachsen,  in  Bayern
und  überall  im  weiten  deutschen  Vaterlande,  dass  wir  sehr  wohl
imstande  sind,  diesen  sozialdemokratischen  Forderungen  auch
stets  mit  gleichem  Erfolge  entgegenzutreten.  Wenn  Sie  einmal
in  die  gleiche  Lage  kommen  sollten,  werden  wir  in  Berlin
Ihnen  sicher  auf  das  weiteste  entgegenkommen.
Vorsitzender;  Ich  möchte  darauf  aufmerksam  machen,
dass  wir  bei  der  Besprechung  nicht  soweit  ausschweifen  möchten,
        <pb n="29" />
        27  —

sondern
uns  enger  an  den  betreffenden  Punkt  der  Tagesordnung
bmden,  j n  diesem  Falle  also  an  Punkt  2.  Herr  Dr.  Stresemann
hat  das  Wort.

Herr  Dr.  S  t  r  e  s  e  m  a  n  n:  Herr  Langhammer  hat  in  seinem
Referate  bereits  darauf  hingewiesen,  dass  es  ausserordentlichen
Schwierigkeiten  begegnen  würde,  diejenigen  Wünsche  durchzusetzen, ­
  die  unser  Verband  sozusagen  schon  bei  seiner  Begründung ­
  als  seine  Hauptaufgabe  mit  auf  das  Panier  geschrieben
und  nun  in  den  1  : h  Jahren  seines  Bestehens  in  der  breiten
Oeffentlichkeit  verfolgt  hat.
Meine  Herren!  Ich  möchte  in  dieser  Beziehung  noch  auf
einen  Einwand  zukommen,  der  seiner  Zeit  gegen  uns  erhoben
worden  ist,  als  wir  zuerst  unsere  Forderung  auf  Vertretung  der
Industrie  in  der  Ersten  Ständekammer  in  der  Oeffentlichkeit
erhoben.  Es  geschah  dies  im  Februar  dieses  Jahres  auf  unserer
Leipziger  Versammlung,  wo  unser  verehrter  Herr  Vorsitzender,
Herr  Fabrikbesitzer  Hoffmann,  in  seiner  Begrüssungsrede  auch
für  den  Gedanken  eintrat,  den  heute  Herr  Langhammer  uns
entwickelt  hat,  dass  nämlich  die  sächsische  Industrie  die  Pflicht
hätte,  sich  zusammenzuschliessen,  um  den  Zustand  zu  beseitigen,
|  dass  die  Industrie  in  einer  sächsischen  Kammer  ohne  deren
Zutun  kein  wichtiges  Gesetz,  dass  das  sächsische  Erwerbsleben
i  betrifft,  zu  stände  kommen  kann,  überhaupt  nicht  vertreten  ist.
Damals  ist  dieser  Standpunkt  unseres  Verbandes  scharf
angegriffen  worden  und  zwar  von  einem  Berliner  Blatte,  das
gerade  sehr  oft  über  sächsische  Verhältnisse  schreibt  und  dessen
Leiter  früher  einen  sächsischen  Reichstagswahlkreis  vertrat,
von  der  „Deutschen  Tageszeitung“.
Es  hiess  in  dieser  Notiz,  der  Verband  Sächsischer  Industrieller ­
  habe  in  das  „beliebt  gewordene  Klagelied  über  die
ungenügende  Vertretung  in  der  Ersten  Kammer 1  eingestimmt,
und  sein  Vorsitzender  habe  sich  dabei  der  Verbreitung  unwahrer
Behauptungen  schuldig  gemacht.  Dies  sucht  das  Blatt  dadurch
zu  beweisen,  dass  es  sagt,  es  sei  davon  gesprochen  worden,
die  Industrie  wäre  in  der  -Ersten  Kammer  nicht  vertreten,  das
wäre  unrichtig.  Sie  sei  im  Gegenteil  vertreten  einmal  durch
zwei  Industrielle,  die  vom  König  aus  freier  Wahl  in  die  Kammer
berufen  wären,  zum  anderen  durch  die  acht  Bürgermeister,  und
es  z  eugte  von  der  weiten  Voraussicht  der  sächsischen  Regierung, ­
  dass  sie  die  Vertretung  von  Handel  und  Industrie  in
die  Hände  der  Bürgermeister  gelegt  hätte.  Die  Vertreter  der
Industrie  wären  unter  einander  so  uneinig  in  den  wichtigsten
Fragen,  dass  sie  nur  zu  Zwiespalten  unter  sich  selbst  kämen,
wenn  sie  Vertreter  aus  ihrer  Mitte  wählen  sollten,  dagegen
hätten  die  Bürgermeister  einen  derartigen  Einblick  in  das  öffent-
        <pb n="30" />
        —  28  —
liehe  Leben,  dass  sie  viel  besser  die  allgemeinen  Interessen
vertreten  könnten.  (Lebhafte  Heiterkeit.)
Nun,  meine  Herren,  glaube  ich,  die  Frage,  ob  sich  bei
her  Wahl  von  Industriellen,  die  aus  ihren  Kreisen  für  die  Erste
Kammer  gewählt  werden  sollen,  Schwierigkeiten  für  die  Industriellen ­
  ergeben,  ist  eine  Frage,  die  man  den  Industriellen
ruhig  selbst  überlassen  könnte;  und  wenn  andererseits  darauf
hingewiesen  wird,  dass  gerade  durch  die  Vertreter  der  In-  1
dustrie,  welche  von  ihren  Berufsgenossen  gewählt  werden,
Interessenvertreter  in  die  Kammer  kämen,  so  kann  man  doch
in  aller  Mässigung  darauf  hinweisen,  dass  diejenigen  Herren,
welche  die  Landwirtschaft  in  die  Erste  Kammer  entsendet  und
die  von  ihren  landwirtschaftlichen  Berufsgenossen  gewählt
werden,  doch  jedenfalls  in  demselben  Maasse  Interessenvertreter ­
  waren.
Es  bleibt  leider  richtig,,  dass  die  Industriellen  nicht  diejenige ­
  Einheitlichkeit  in  der  Auffassung  aller  wichtigen  Fragen
haben,  wie  die  Landwirtschaft,  die  uns  heute  als  ein  geschlossenes ­
  Ganze  gegenüb  ersteht,  ebenso  wie  die  Arbeiterschaft,
die  durch  ihre  einheitliche  Zusammensetzung  geradeso  ausserordentlichen ­
  Einfluss  hat  gegenüber  der  in  so  viele  Verbände,
Fachvereine  und  lokale  Organisationen  zersplitterten  Industrie.
Aber,  meine  Herren,  wenn  Sie  berechnen,  dass  in  Sachsen
in  reinen  Fabrikbetrieben  gegen  45obis  500000  Arbeiter  beschäftigt
werden,  und  dass  unser  Verband  nach  zweijährigem  Bestehen
bereits  600  Fabrikbetriebe  mit  gegen  100000  beschäftigten
Arbeitern  vertritt,  dass  andererseits  aber  auch  die  ausserhalb
des  Verbandes  stehenden  Fabrikanten  noch  niemals  sich  dahin
ausgesprochen  haben,  dass  sie  etwa  Gegner  unserer  Bestrebungen ­
  seien,  so  ist  schon  bewiesen,  dass  die  sächsische  Industrie
sich  in  dieser  Frage  vollständig  einig  ist.
Und  es  bleibt  doch  weiterhin  ein  starkes  Stück,  unserem
Verbände  die  Verbreitung  unwahrer  Behauptungen  vorzuwerfen.
Wir  haben  davon  gesprochen,  dass  die  Industrie  in  der
1.  Kammer  gesetzmässig  nicht  vertreten  ist,  und  es  ist  i
keine  gesetzmässige  Vertretung,  wenn  von  den  5  Vertretern,  die
Sr.  Majestät  der  König  aus  freier  Wahl  beruft,  zufällig  2  Herren
Industrielle  sind.  Es  steht  nirgends  in  der  Verfassung,  dass
2  von  diesen  5  Herren  Industrielle  sein  müssen,  es  steht  vollständig ­
  Sr.  Majestät  frei,  diese  5  Herren  auch  alle  aus  der
iLandwirtschaft  zu  wählen,  und  ein  Recht  auf  gesetzmässige
Vertretung  in  der  Ersten  Ständekammer  hat  tatsächlich  die
sächsische  Industrie  zurzeit  nicht!
Dass  wir  gleichsam  vertreten  waren  durch  die  Bürgermeister, ­
  braucht  wohl  nicht  weiter  widerlegt  zu  werden.  Erstens
ist  diese  Zahl  von  8  Bürgermeistern  gegenüber  27  landwirtschaft-
        <pb n="31" />
        29

liehen  Interessenvertretern  eine  ganz  unzureichen  e,  un  .  _
lässt  man  die  Landwirtschaft  doch  auch  nicht  durc  _
meindevorstände,  sondern  durch  die  eigenen  eru  sge
vertreten  und  kann  dies  den  sächsischen  Industue  en
doch  auch  wohl  zugestehen.  .
Nun  haben  Herr  Langhammer  und  Herr  Kommerzienrat
Collenbusch  in  seiner  Begrüssungsansprache  darauf  hinge  wiese  ,
dass  man  nur  mit  denjenigen  Forderungen  durchkömmen  onn  &amp;gt;
die  in  absehbarer  Zeit  erreichbar  seien,  die  sich  in  den  renze
des  Erreichbaren  hielten.  ,
Gewiss,  meine  Herren,  aber  ebenso  mit  Recht  ist  aucn
von  den  beiden  Herren  darauf  hingewiesen  worden,  dass  ie
Industriellen  vielfach  eine  Zurückhaltung  geübt  haben,  die  wci
über  das  hinausgehen,  was  man  im  Interesse  des  Gemeinwohles
an  persönlichen  Wünschen  zurückstellen  kann.  (Sehr  richtig!)
Ich  habe  in  Chemnitz  die  Auffassung  gehört,  dass  einer
der  Herren  sagte:  „Gewiss,  wir  würden  es  sehr,  begrüssen,
wenn  unsere  5  Handelskammern  je  einen  Vertreter ­
  in  die  Erste  Kammer  schickten.“
Ja,  meine  Herren,  dass  heisst  wirklich  die  Zurückhaltung
und  Bescheidenheit  sehr  weit  getrieben,  und  ich  glaube,  dass
man  eine  solche  Forderung,  wenn  die  übrigen  verfassungsmässigen ­
  Schwierigkeiten  erst  beseitigt  sind,  mit  einem  gewissen ­
  Augurenlächeln  bewilligen  würde,  denn  dann  hätte  man
von  anderer  Seite  2  Fliegen  mit  einem  Schlage  getroffen.
Erstens  wären  wir  gesetzmässig  vertreten,  jene  5  Herren
aber,  und  wären  sie  auch  in  der  Lage,  ihre  glänzenden  Reden
zu  halten  und  von  so  gründlicher  Bildung,  dass  sie  die  Interessen ­
  der  Industrie  persönlich  in  einer  Weise  vertreten,  wie
es  nur  irgend  möglich  wäre,  so  würden  sie  doch  an  den  Beschlüssen ­
  der  Ständekammern  nichts  ändern,  sie  würden  nach
wie  vor  eine  kleine  Minorität,  die  vielleicht  gewillt  ist,  die
Interessen  von  Handel  und  Industrie  zu  vertreten,  etwas  verstärken, ­
  ohne  die  Mehrheit  zu  tangieren;  und  man  hätte  denselben ­
  Zustand  wie  jetzt,  man  hätte  auf  der  anderen  Seite  aber
Oel  in  die  Wogen  der  Erregung  gegossen  und  hätte  dert  besten
Beweis  dafür,  dass  heute  ungerechtfertigte  Zustände  bestehen,
•der  Industrie  aus  den  Segeln  genommen!
Es  ist  von  Herrn  Langhammer  sehr  richtig  darauf  hingewiesen ­
  worden,  dass  auf  die  Dauer  eine  Ständekammer,  der
im  Sinne  des  Gesetzes,  wie  unserer  1.  Kammer,  der  .Stempel
einer  berufsmässigen  Vertretung  aufgedrückt  ist,  auch  Rücksicht
nehmen  muss  auf  diejenige  Entwicklung  des  Landes,  die  'tiün
einmal  vor  sich  gegangen  ist,  auf  diejenigen  wirtschaftlichen
Kreise,  aus  denen  sich  die  Bevölkerung  heute  zusammensetzC;
und  wenn  Sie  aus  den  Worten  des  Herrn  Langhammer  eilt-
        <pb n="32" />
        30

nommen  haben,  dass  lediglich  nach  der  Kopfzahl  diejenigen
Personen,  welche  heute  in  der  Industrie  ihr  Brot  finden,  bereits
beinahe  vierfach  so  gross  ist,  als  diejenigen,  die  heute  in  der
Landwirtschaft  arbeiten,  so,  glaube  ich,  wird  man  unter  allen
Umständen  eine  derartige  Zurückhaltung  bekämpfen  müssen,  dass
die  Industrie  sich  durch  5  Mitglieder  gegenüber  27  landwirtschaftlichen ­
  Vertretern  vertreten  sehen  will.  Wir  müssen  demgegenüber ­
  in  unserer  Resolution  klar  und  deutlich  sagen,  dass
wir  es  als  eine  Forderung  der  Gerechtigkeit  ansehen,  eine  Vertretung ­
  zu  haben,  die  der  Bedeutung  und  Leistungsfähigkeit ­
  der  sächsischen  Industrie  entspricht,
und  dass  man  allen  den  Bestrebungen  gegenüber,  die  zu  leicht
zu  Kompromissen  geneigt  sind,  sich  klar  macht,  dass  ein  derartiger ­
  Kompromiss  schlechter  ist,  als  gar  nichts
und  dass  wir  zum  mindesten  dieselbe  Vertretung  fordern  müssen,
wie  sie  heute  der  Landwirtschaft  zugestanden  ist.  (Lebhafter
Beifall.)

Herr  Handelskammersyndikus  Schulze,  Landtagsabgeordneter ­
  :  Ich  will  nur  wenige  Punkte  ergänzen,  die  nicht  berührt ­
  worden  sind,  und  mich  sonst  nicht  zu  dem  umfassenden
Vortrage  äussern.  Die  wenigen  Punkte  möchte  ich  aber  Vorbringen, ­
  um  gewissen  Einwänden  im  voraus  zu  begegnen.
Wenn  man  daraufhinweist,  dass  der  Grundbesitz  in
der  Ersten  Kammer  so  überwiegend,  ja  beinahe  ausschliesslich, ­
  vertreten  ist,  so  erklärt  sich  das  zunächst  aus
der  Geschichte.  Es  erklärt  sich  daraus,  dass  der  Grundbesitz
früher  eine  ganz  andere  Bedeutung  gehabt  hat,  nicht  nur  weil
er  nach  der  Zahl  seiner  Vertreter  verhältnismässig  viel  bedeutender ­
  war  als  jetzt  und  insbesondere  viel  bedeutender,  als
die  Industrie  damals  war,  die  erst  im  Aufblühen  war,  als  die
Verfassung  von  1831  gegeben  wurde,  sondern  auch  deswegen,
weil  der  Grundbesitz  damals  ganz  andere  Leistungen  aufbrachte,
als  jetzt.
Unsere  Verfassung  ist  hauptsächlich  gerade  darauf  gegründet, ­
  dass  der  Leistung  die  Gegenleistung  gegenübersteht.
Die  grossen  Vorrechte,  welche  die  Grundbesitzer  in  der
Ersten  Kammer  haben,  haben  sie  hauptsächlich  deswegen  bekommen, ­
  weil  damals,  als  ihnen  diese  Vorrechte  zugebilligt
wurden,  die  Hauptsteuer  die  Grundsteuer  war  —  darauf  muss
immer  wieder  hingewiesen  werden  —  während  alle  anderen
direkten  Steuern  seitdem  überhaupt  erst  entstanden  sind.  Damals ­
  dachte  noch  kein  Mensch  an  eine  Einkommensteuer.  Ich
glaubej  man  hätte  jemanden  ausgelacht,  der  diese  je  für  mög-
        <pb n="33" />
        fl

31  —

lieh  gehalten  hätte.  Sachsen  führte  1875  wohl  die  erste  Einkommensteuer ­
  in  Deutschland  überhaupt  ein.
Also,  damals  dachte  noch  niemand  an  eine  Einkommensteuer, ­
  geschweige  denn  an  eine  Ergänzungssteuer,  die  ja  eine
ziemlich  neue  Erfindung  ist.  Damals  beruhte  fast  alles  auf  der
Grundsteuer,  und  diese  war  viel  höher,  sie  ist  wiederholt  sehr
stark  herabgesetzt  worden,  Von  9  Pfg.  vor  gar  nicht  langer
Zeit  (1879)  auf  4  Pfg.,  und  wenn  es  nach  der  Ersten  Kammer
gegangen  wäre,  so  wäre  sie  sogar  im  letzten  Landtage  auf
3  Pfg.  ermässigt  worden  oder  ganz  weggefallen.
Früher  wurde  diese  Grundsteuer  sodann  fast  ausschliesslich ­
  von  der  Landwirtschaft  getragen.  Heute  ist  das  ganz
anders.  Heute  wird  von  der  Grundsteuer  schon  die  grosse
Hälfte  von  dem  städtischen  Grundbesitz  getragen.  Wenn  Sie
dazu  noch  alles  rechnen,  was  für  Fabriken  und  Miethäuser  auf
dem  sogen,  platten  Lande  in  Dorfgemeinden  an  Grundsteuer
gezahlt  wird,  so  kommt  noch  viel  mehr  für  die  nicht  landwirtschaftliche ­
  Grundsteuer  heraus.
Aber  was  spielt  überhaupt  die  Grundsteuer  noch  für  eine
Rolle  im  ganzen  Staatsbudget?  Bei  über  333  Millionen,  mit
welchen  unser  sächsisches  Budget  balanciert,  spielt  die  Grundsteuer ­
  nur  noch  eine  Rolle  von  etwas  über  4  Millionen  Mark.
Und  darauf  sollen  sich  diese  ausserordentlich  grossen  Vorrechte
bauen,  welche  die  Grundbesitzer  betreffs  ihrer  Vertretung  in
der  Ersten  Kammer  und  betreffs  einer  ganzen  Reihe  anderer
Bestimmungen  haben  ?
Ich  möchte  aber  immer  wieder  dem  Einwande  entgegentreten, ­
  als  ob  die  Industrie  irgendwie,  wenn  sie  die  Forderung
aufstellt,  dass  sie  ebenso  viele  Sitze  in  der  Ersten  Kammer
haben  will,  wie  die  Landwirtschaft  jetzt  hat,  etwas  Einseitiges
verlangt.  Das  ist  durchaus  nichts  Einseitiges,  das  ist  noch
lange  nicht  einmal  das,  nicht  die  Hälfte  dessen,  was  ihr  nach
ihrer  eigenen  Leistung  zukommt,  und  ist  durchaus  gerecht,  auch
von  allgemeinen  Gesichtspunkten  aus.
Wollen  Sie  sich  einmal  vergegenwärtigen:  Was  ist
überhaupt  ganz  Sachsen  ohne  die  Industrie?  (Sehr
richtig!)
Meine  Herren!  Bedenken  Sie  den  geringen  Flächenumfang,
die  geringe  Ergibigkeit  des  Bodens,  dass  einen  grossen  Teil
von  Sachsen  das  landwirtschaftlicharme  Erzgebirge  einnimmt,
das,  vielleicht  mit  Unrecht,  als  sächsisches  Sibirien  bezeichnet
wird,  und  dass  der  früher  so  glänzende  Erzbergbau  auch  hat
ableben  müssen,  dass  nur  noch  der  Kohlenbergbau  etwas  ergibt;
nach  alledem  könnten  wir  in  Sachsen  gar  nicht  mehr  bestehen,
wenn  nicht  fast  alle  Menschen  hier  von  Industrie  und  Handel
e  ten.  Ich  glaube  nicht,  dass  ohne  die  Industrie  sich  in  Sachsen

Uh
-  m
        <pb n="34" />
        —  32  —
vjel  mehr  Menschen  ernähren  könnten,  wie  in  Mecklenburg.
Wenn  Sie  das  berechnen,  würde  Sachsen  nicht  über  4  Millionen
Einwohner  ernähren,  sondern  vielleicht  knapp  1  Million.
Deshalb  möchte  ich,  dass  wir  den  anderen  Berufsständen
recht  oft  klar  machen,  von  wem  sie  wiederum  denn  eigentlich
leben.  Wie  viele  könnten  denn  bei  uns  vom  Handel  leben,  wenn
nicht  die  Industrie  und  die  industrielle  Arbeiterbevölkerung  die
Hauptprodukte  des  Handels  verbrauchte  und  verzehrte?  Wie
viele  von  seinen  Beamten  könnte  Sachsen  bezahlen  ohne  die
Steuern  der  Industrie?  Das  möchte  auch  einmal  bedacht  werden
von  den  vielen  Beamten,  die  da  glauben,  sich  immer  auf  die  Seite
der  agrarischen  Partei  schlagen  zu  müssen.  Wie  viele  Juristen
und  Aerzte  hätten  denn  Beschäftigung,  wenn  weder  die  Jndustrie
noch  die  Arbeiterbevölkerung  ihnen  Klienten  stellten?
Beinahe  alles  hängt  in  Sachsen  von  der  Jndustrie  ab,  und
die  Landwirtschaft  selbst  am  allermeisten,  denn  unsere  Landwirtschaft ­
  ist  keine  derartig  glänzende,  sie  produziert  nicht  so
billig,  dass  es  ihr  gleichgültig  sein  könnte,  was  ihr  in  Sachsen
die  Jndustrie  abnimmt,  indem  sie  etwa  sonst  billig  exportieren
könnte.  Daran  ist  in  Sachsen  nicht  zu  denken.  Unsere  Landwirtschaft ­
  muss  ihre  Produkte  in  allernächster  Nähe  absetzen;
und  wenn  sie  verhältnissmässig  besser  bestehen  kann  als  in
anderen  Teilen  des  deutschen  Reiches  —  denn  das  ist  keine
Frage,  dass  unsre  sächsische  Landwirtschaft  nicht  so  notleidend
ist,  wie  die  in  manchen  anderen  Teilen  Deutschlands  —  und
ich  bin  kein  solcher  ausgesprochener  Feind  der  Agrarier,  dass
ich  nicht  zugäbe,  dass  es  in  Deutschland  Gegenden  gibt,  wo  die
Landwirtschaft  notleidet  —  wenn  es  in  Sachsen  nicht  so  schlimm
ist,  dann  ist  die  Industrie  daran  schuld,  weil  die  Landwirte  auch
hochwertige  Produkte  produzieren  können,  nicht  bloss  Hafer,
Gerste  und  Roggen,  auch  etwas  Weizen,  sondern  vor  allen
Dingen  auch  die  teueren  Produkte  der  Viehzucht  und  der
Molkerei  und  viele  andere  Produkte,  Gemüse  und  dergFichen-Das
  möchten  die  Herren  Agrarier  doch  auch  im  Auge  bemalten-Noch
  einen  anderen  Punkt  möchte  ich  erwähnen.  Ein
Wahlrecht  mag  beschaffen  sein,  wie  es  will,  und  es  mag;
noch  mehr  Cautelen  schaffen,  als  dasjenige,  mit  dem  Sachsen
geglaubt  hat,  sich  gegen  das  stete  Vordringen  der  Sozialdemokratie ­
  wehren  zu  sollen,  einer  hochgradigen  Unzufriedenheit ­
  gegenüber  wird  kein  Wahlrecht  je  auf  die  Dauer  Standhaftem,, ­
  Jjj
Dafür  hat  es  in  Preussen  in  den  60er  Jahren  ein  Beispie*
gegeben.  Man  hatte  damals  in  Preussen  dasselbe  Wahlrecht
wie  wir  es  heute  haben,  ein  Klassenwahlrecht,  sogar  mit  offener
Wahl,  sodass  man  meinen  sollte,  es  könnte  unter  einer  starke^
Regierung  überhaupt  keine  andere  als  eine  regierungsfreundlich®
        <pb n="35" />
        — 1  &amp;amp;  _1_ "
Partei  aufkomtnen.  Trotzdem  gelangte  aber  damals  T^i-65,
als  grosse  Unzufriedenheit,  allerdings  auc  c  Radikalen
Gründen  bestand,  eine  sehr  grosse  Mehrheit  t  on  g t  - errsc haft
Freisinnigen  im  preussischen  Abgeordnetenhause  z  Re  W
und  es  ist  damals  zu  den  stärksten  Konflikten
1Un ^  DieseT  Beispiel  zeigt,  dass  selbst  ein  derartiges  Ivlassenwahlrecht
  starken  Ungerechtigkeiten  gegenüber  nie  i rP rhtes
wird,  und  wir  riskieren,  dass  wir  trotz  dieses  Klassenwahlrechtes
auch  in  Sachsen  noch  Sozialdemokraten  in  ccn  an
kommen,  und  wenn  auch  der  eine  oder  andere  mcr  s  ’
riskieren  wir  aber  sogar,  dass  wir  auch  eine  Me  r  e  .
Richtung  bekommen,  die  wir  nicht  wollen,  und  dass  w
den  Grund  zur  Unzufriedenheit  bestehen  lassen.  .  ,
Wenn  schliesslich  immer  betont  worden  ist,  dass  11
Ersten  Kammer  der  Grundbesitz  auch  deswegen  vei  re  ^
sein  müsste,  weil  er  etwas  Stabiles  sei,  so  ist  das  auc  1  cm
Schlagwort,  das  für  unsere  Verhältnisse  absolut  nicht  me  r  1
dem  Masse  zutrifft,  wie  es  früher  zugetroffen  haben  mag.  ^
Ich  gebe  zu,  dass  der  frühere  Grundbesitz,  der  wemg
wechselte  und  nur  schwer  wechseln  konnte,  eine  andere  Bedeutung
hatte,  als  der  heutige,  und  vor  allen  Dingen,  dass  die  Indus  ne,
soweit  sie  damals  überhaupt  bestand,  doch  noch  nicht  so  ge
festigt  war,  dass  sie  als  besonders  stabil  bezeichnet  werden  onn  •
Aber  heute  ist  das  ganz  anders.
Ich  will  absehen  von  den  vielen  Industrieen,  wecie  5 1
juristische  Gesellschaftsform  haben,  den  Aktiengesellscra  e  ,
den  Gesellschaften  mit  beschränkter  Haftung,  denn,  solange  sie
gut  geleitet  werden,  müsste  ihnen  gewissermassen  em  ewige
Leben  beschieden  sein,  da  sie  nicht  von  einzelnen  Mensc  en
abhängen  und  nicht  davon  abhängen,  ob  jemand  einen  Nac  '
kommen  hat.  Aber  auch  Privatunternehmungen,  die  nicht  1,1
juristische  Form  gekleidet  sind,  sind  jetzt  oft  stabiler  als  früher.
Wenn  Sie  sich  solche  Gebäudekomplexe  denken,  wie  sie
ganz  spezialisiert  für  die  einzelnen  Industrieen  hergestellt  worden
sind,  sodass  sie  für  andere  Industrieen  gar  nicht  benutzt  werden
können,  so  wird  man  nicht  plötzlich  sagen  können:  «Wir
wollen  morgen  dauernd  schliessen!“,  das  ist  ja  gar  nicht  möglich, ­
  es  muss  ein  solches  industrielles  Etablissement  bestehen
bleiben,  selbst  wenn  es  einmal  ein  Jahr  ausser  Betrieb  bleibt.
Glauben  Sie  vielleicht,  dass  ein  Etablissement,  wie  die
grosse  Sebnitzer  Papierfabrik,  die  vielleicht  in  dieser  Beziehung
am  aller  ungünstigsten  daran  gewesen  ist,  vom  Erdboden  verschwindet, ­
  dass  das  ein  Nichts  wird?  Es  wird  stets  bestehen
bleiben  und  immer  wieder  in  irgend  einer  Form  weiter  bestehen,
und  insofern  möchte  ich  meinen:
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        Der  Grundbesitz  der  Industrie  ist  heute  auch  stabil.  Sie
ist  auch  in  der  Beziehung  ein  Grundpfeiler  des  Staates,  und
wenn  es  sich  um  die  Bedeutung  Sachsens  im  deutschen
Reiche  handelt,  so  denkt  man  daher  auswärts  nicht  an  unsere
Landwirtschaft,  sondern  vor  allen  Dingen  ist  Sachsen  bekannt
wegen  seiner  Industrie.
Sachsen  ist  der  Industriestaat  comme  il  faut.  (Beifall).
Da  sich  weiter  niemand  zum  Wort  gemeldet  hat,  wird  die
nachfolgende  von  dem  Gesamtvorstand  empfohlene  Resolution
einstim  mig  angenommen.
,,Der  Verband  Sächsischer  Industrieller  fordert  im  Sinne
seiner  bisherigen  Bestrebungen  eine  Aenderungder  Wahlkreiseinteilung ­
  für  die  Wahlen  zur  Zweiten  Ständekammer
unter  Aufhebung  der  nicht  mehr  haltbaren  Unterscheidung
zwischen  städtischen  und  ländlichen  Wahlkreisen  und  dafür
Schaffung  von  geographisch  zusammenhängenden  Kreisen  von
gleicher  Bevölkerungsziffer  i.  Er  spricht  sich  gegen  eine
berufsständische  Vertretung  in  der  Zweiten  Ständekammer ­
  aus,  da  hierdurch  die  Interessen-Kämpfe  sich  nur  verschärfen ­
  würden  und  die  Gefahr  bestände,  dass  die  einzelnen
Abgeordneten  sich  nur  als  Vertreter  bestimmter  Stände  und
Berufe,  nicht  aber  mehr  als  Vertreter  der  Allgemeinheit  betrachten ­
  würden.  Auch  für  den  Fall,  dass  Regierung  und
Landtag  eine  solche  berufsständische  Vertretung  in  der  Zweiten
Ständekammer  schüfen,  würde  der  Verband  dies  nicht  als  Erfüllung ­
  seiner  Forderung  auf  Vertretung  von  Handel,  Gewerbe
und  Industrie  in  der  Ersten  Kammer  ansehen.  Bei  der  Bedeutung ­
  der  Ersten  Ständekammer,  an  deren  Zustimmung  das
Zustandekommen  jedes  wichtigen  Gesetzes  geknüpft  ist,  und  bei
dem  fast  ausschliesslich  agrarischen  Einflüsse  in  dieser  Kammer,
welcher  sich  bei  den  Beratungen  über  die  Steuerreform  in  der
einseitigsten  Weise  geltend  gemacht  hat,  fordert  der  Verband
vielmehr  als  ein  Gebot  unaufschiebbarer  Gerechtigkeit,  dass
Handel,  Industrie'und  Gewerbe  ihrer  Bedeutung  und
Leistungsfähigkeit  entsprechend  eine  Vertretung  in  der
Ersten  Ständekammer  zugebilligt  erhalten,  auf  welche
die  Landwirtschaft  ein  gesetzmässiges  Anrecht  hat,  damit  der
unhaltbare  Zustand  beseitigt  werde,  dass  diese  bedeutenden
Erwerbsgruppen  zurzeit  in  der  Ersten  Ständekammer  jeder
gesetzmässigen  Vertretung  entbehren.“
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        the  scale  towards

25

;ol

eiter  meine  ich,  dass  man  trotzdem  schon  vorher  sich
lar  machen  kann,  wie  eine  gesunde  Wahlrechtsreform
muss.
,  wollen  wir  uns  aber  vornehmen,  nochmals  in  unserer
[ung  Stellung  zur  Wahlrechtsreform  zu  nehmen,  sobald
mkschrift  erschienen  ist.  Sie  werden  wohl  alle  damit
nden  sein,  dass  die  Reform  der  Ersten  Kammer  und
ilrechtes  zur  Zweiten  Kammer  nicht  auf  die  lange  Bank
en  werden  darf;  es  wird  ohnedies  nicht  allzu  schnell
ehen.  Lassen  Sie  uns  aber  dafür  sorgen,  dass  dieses
e  Tempo  etwas  beschleunigt  wird.  Sie  wissen  ja,  meine
n  Herren,  dass  für  eine  Verfassungsänderung  eine  zwei-Landtagssession
  notwendig  ist..  Das  lässt  an  sich  die
keit  zu,  die  Sache  bis  zum  Jahre  1905  zu  verschleppen.
aber  verfassungsmässige  Mittel  und  Wege,  um  eine
Reform  schon  in  dieser  Session  zur  Verabschiedung  zu
ine  hochverehrten  Herren  !  Das  ist  in  grossen  Zügen
s  man  zur  Begründung  unserer  Stellung  der  Reform
-en  Kammer  und  des  Wahlrechtes  zur  Zweiten  Kammer
&amp;gt;er  sagen  kann.  Ich  will  mich  in  weitere  Details  nicht
und  gebe  mich  der  Hoffnung  hin,  dass  das  Bild,
ich  Ihnen  von  den  Verhältnissen  entworfen  habe,  klar
Ichaulich  war.
fi  angesehenes  Mitglied  der  Zweiten  Kammer  forderte
lusse  seiner  Rede  bei  der  Etatberatung  das  sächsische
pf,  wieder  sächisch  denken  und  fühlen  zu  lernen.  Ich
dem  Apell  ja  ganz  einverstanden,  aber  damit  dieser
in  Erfüllung  geht,  muss  vor  allen  Dingen  die  Staatsg
  und  müssen  die  Stände  des  Landes  dafür  sorgen,
e  notwendige  Zufriedenhrit  in  allen  Kreisen  unseres
hen  Volkes  wieder  einkehrt  und  zwar  durch  ein  Regir
 s  g ere cht  ist  und  in  steuerlicher  und  finanzlicher  Beberechtigte
  Anforderungen  und  Wünsche  befriedigt,
lerkraft  des  Volkes  schont.
eine  Herren  !  Auch  der  Verband  Sächsischer  Industrieller
fi  seinem  teile  dazu  beitragen,  auf  die  Schäden  in
Lande  aufmerksam  zu  machen,  den  Weg,  der  zu  einer
•  ln &amp;amp;  führen  kann,  zu  zeigen  und  endlich  diejenigen  Befen
  lebhaft  zu  unterstützen,  welche  Zufriedenheit  in  alle
des  Volkes  erwecken  werden.
diesem  Sinne  hat  unser  Verband  schon  seit  einigen
wacker  gearbeitet  und  insbesondere  die  Aufmerksamkeit
ßf»  un d  deren  Angehörigen  auf  öffentliche  Fragen
        <pb n="38" />
        ﻿
        <pb n="39" />
        ﻿
      </div>
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