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        <title>Konserven und Konservenindustrie in Deutschland</title>
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            <forname>Curt</forname>
            <surname>Wagner</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>883192993</idno>
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        Abhandlungen
des
staatswissenschaftlichen  Seminars
zu  Jena

herausgegeben  von

Professor  Dr.  J.  Picrstorff.

Vierter  Band.

Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
1907.
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        s
        <pb n="3" />
        Inhalt  des  vierten  Bandes.

Heft  I;  Bosse,  A.,  Dr.,  Die  Förderung  des  Arbeiterwohnungswesens ­
  durch  die  Landesversicherungsanstalten.
Heft  II:  Karwehl,  H.,  Dr.,  Die  Entwicklung  und  Reform  des
deutschen  Knappschaftswesens.  Mit  besonderer  Berücksichtigung ­
  der  preußischen  Knappschaftsnovelle  vom  19.  Juni  1906.
Heft  HI;  Wagner,  Kurt,  Dr.,  Konserven  und  Konservenindustrie
in  Deutschland.  Mit  einem  Anhang:  Upton  Sinclairs  „The
J  ungle“.
        <pb n="4" />
        KONSERVEN
UND
KONSERVENINDUSTRIE
IN  DEUTSCHLAND.

MIT  EINEM  ANHANG
UPTON  SINCLAIRS  „THE  JUNGLE“.
VON
DR  GURT  WAGNER
TORGAU.

VERLAG  VON  GUSTAV  FISCHER  IN  JENA.
1907.
Diese  Abhandlung  bildet  zugleich  das  dritte  Heft  des  vierteil
Bandes  der  „Abhandlungen“  des  staatswissenschaftlichen  Seminars
zu  Jena,  herausgegeben  von  Prof-  Dr.  Pierstorff.
        <pb n="5" />
        VERLAG  VON  GUSTAV  FISCHER  IN  JENA.

Abhandlungen  des  staatsmissenscbaftlicben  Seminars ­
  zu  3ena.  Herausgegeben  von  Prof.  Dr.  J.  Pierstorff.
Bd.  1:
Heft  i:  Stubmann,  Peter,  Dr.  phil.,  Holland  und  sein  deutsches
Hinterland  in  ihrem  gegenseitigen  Warenverkehr,  mit  besonderer
Berücksichtigung  der  holländischen  Haupthäfen  seit  der  Mitte  des
19.  Jahrh.  Eine  handelsstatistische  Studie.  1901.  Preis;  2  Mark  50  Pf.
Heft  2:  Klien,  Ernst,  Dr.,  Minimallohn  und  Arbeiterbeamtentum.
1902.  Preis;  (1  Mark.
Heft  3:  Hailer,  Hermann,  Dr.,  Studien  über  den  deutschen  Brot-Getreidehandel
  in  den  Jahren  1880—1899,  insbesondere  über  den
Einfluß  der  Staffeltarife  und  der  Aufhebung  des  Identitätsnachweises.
1902.  Preis:  4  Mark.
Heft  4:  Huschke,  Leo,  Dr.,  Landwirtschaftliche  Reinertragsberechnungen ­
  bei  Klein-,  Mittel-  und  Großbetrieb,  dargelegt  an  typischen
Beispielen  Mittelthüringens.  1902.  Preis;  4  Mark  50  Pf.
Heft  5/  Wichmann,  Fritz,  Dr.,  Der  Kampf  um  die  Weinverbesserung ­
  im  Deutschen  Reiche.  Ein  Beitrag  zur  Wirtschaftsgeschichte
der  Gegenwart  nebst  einer  Produktionsstatistik  des  deutschen  Weinbaues. ­
  1902.  Preis:  4  Mark  50  Pf.
Heft  6:  Becker,  Max,  Dr.,  Der  argentinische  Weizen  im  Weltmärkte.
Eine  volles-  und  weltwirtschaftliche  Studie.  1904.  Preis:  6  Mark.
Bd.  II:
Heft  1:  Klutniann,  Alex,  Dr.,  Die  Haubergswirtschaft.  Ihr  Wesen,
ihre  geschichtliche  Entwicklung  und  ihre  Reformbedürftigkeit.  Auf
Grund  der  Verhältnisse  im  Kreise  Olpe  i.  W.  1905.  Preis:  3  Mark.
Heft  2:  Heß,  Walter,  Dr.  phil.,  Einfache  und  höhere  Arbeit.  Eine
sozialpolitische  Untersuchung  zum  Arbeitsvertrag  des  bürgerlichen
Gesetzbuchs.  1905.  Preis:  2  Mark.
Heft  3:  Tr  es  eher,  Erich,  Dr.,  Die  Entwickelung  des  Steuerwesens
im  Herzogtum  Sachsen-Gotha.  1906.  Preis;  3  Mark.
Heft  4:  Hermes,  A.,  Dr.,  Der  Toilban  in  Frankreich.  1907.  Preis
7  Mark.
Bd.  III:
Heft  1;  Boelcke,  M.,  Dr.,  Die  Entwicklung  der  Finanzen  im  Großherzogtum- ­
  Sachsen-Weimar  von  1851  bis  zur  Gegenwart.  Finanzwissenschaftliche ­
  Studie.  1906.  Preis:  4  Mark.
Heft  2-,  Christoph,  Franz,  Dr.,  Die  ländlichen  Gemeingüter  (Allmenden) ­
  in  Preußen.  1906.  Preis:  3  Mark.
Heft  3:  Lochmüller,  W.,  Dr.,  Zur  Entwicklung  der  Baumwollindustrie
in  Deutschland.  1906.  Preis:  3  Mark  50  Pf.
Bd.  IV:
Heft  1:  Bosse,  A.,  Dr.,  Die  Förderung  des  Arbeiterwohnungswesens
durch  die  Landesversicherungen.  1907.  Preis:  2  Mark  50  Pf.
Heft  2:  Karwehl,  H„  Dr.,  Die  Entwicklung  und  Reform  des  deutschen
Knappschafts  Wesens.  Mit  besonderer  Berücksichtigung  der  preußischen
Knappschaftsnovelle  vom  19.  Juni  1906.  1907.  Preis:  4  Mark  50  Pf.
Das  lüirtscbaftsjabr  1906.  und  Arbeitsmarkt.  Für  Volkswirte
und  Geschäftsmänner,  Arbeitgeber-  und  Arbeiterorganisationen.  Von  Richard
Calwer.  Erster  Teil:  Bändel  und  Wandel-  1907.  Preis:  9  Mark,  geb.  10  Mark.
In  Kürze  erscheint  der  11.  Teil  des  Berichts  über:  Das  Wirtsdjaftsjabr
  1905:  Jahrbuch  der  Uleltuurtsdjaft.
Uolk$iüirt$d)aftlid)e  Chronik  für  das  3abr  1906.
1907.  Preis;  16  Mark.
Die  „Volkswirtschaftliche  Chronik“,  welche  seit  dem  Januar  1898  den  Heften
der  „Jahrbücher“  beigegeben  wird,  erfuhr  von  Januar  1904  an  eine  Erweiterung. ­
  Sie  berichtet  jetzt  über  folgende  Gebiete.
I.  Produktion  im  allgemeinen.  —  Kartellwesen.  —  II.  Landwirtschaft  und  verwandte ­
  Gewerbe.  —  Ml.  Industrie,  einschließlich  Bergbau  und  Baugewerbe.  —  IV.  Handel
und  Verkehr.  —  V.  Versicherungswesen.  —  Via.  Geldmarkt  und  Börse.  —  VIb.  Die
Kursschwankungen  an  der  Berliner  Effektenbörse.  VII.  Kleingewerbe.  —  VIII.  Arbeiterverhältnisse. ­
  —  IX.  Finanzwesen.  —  X.  Soziale  Hygiene  (vierteljährlich).
        <pb n="6" />
        p

Abhandlungen
des
staatswissenschaftlichen  Seminars
zu  Jena

herausgegeben  von

Professor  Dr.  J.  Pierstorff.

Vierter  Band.  Drittes  Heft.

Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
1907.
        <pb n="7" />
        KONSERVEN
UND
KONSERVENINDUSTRIE
IN  DEUTSCHLAND.

MIT  EINEM  ANHANG
UPTON  SINCLAIRS  „THE  JUNGLE“.

VON

DR  GURT  WAGNER
torgXu.

VERLAG  VON  GUSTAV  FISCHER  IN  JENA.
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        Alle  Rechte  Vorbehalten.
        <pb n="9" />
        Vorwort.
Die  Bedeutung  der  Konserven  hat  für  unser  Wirtschaftsleben
von  Jahr  zu  Jahr  zugenommen.  Durch  diese  Tatsache  angeregt,  hat
der  Verfasser  im  folgenden  den  Versuch  gemacht,  eine  ausführlichere
Darstellung  über  die  Verwendung,  die  Herstellung  und  den  Vertrieb
der  für  Deutschland  wichtigen  Konserven  zu  geben  und  namentlich
unsere  bedeutende  deutsche  Konservenindustrie  und  ihre  Lage  eingehend ­
  zu  erörtern.  Da  über  Konserven  und  Konservenindustrie
eine  Literatur  nicht  existiert,  war  die  Beschaffung  der  Materialien
eine  überaus  schwierige.  Die  Nahrungsmittelindustrie-Berufsgenossenschaft, ­
  das  einzige  amtliche  Organ,  das  über  die  deutsche  Konservenindustrie ­
  ausführliche  Auskunft  geben  konnte,  mußte  aus  prinzipiellen
Gründen  solche  verweigern.  Der  Verfasser  war  daher  gezwungen,
an  die  einzelnen  Unternehmungen  direkte  und  wiederholte  Anfragen
zu  richten,  die  ihm  in  sehr  liebenswürdiger  und  zum  Teil  recht  ausführlicher ­
  Weise  beantwortet  wurden.  Weitere  Aufschlüsse  brachten
ihm  persönliche  Besuche,  sowie  Besuche  der  Fachausstellungen  und
Fachversammlungen.  Hierdurch  w r ar  es  möglich,  ein  Gesamtbild  über
die  ganze  Industrie  zu  gewinnen,  wie  es  auf  amtlichem  Wege  wohl
kaum  gelungen  wäre.  Die  Auskünfte  und  Berichte  über  ausländische
Verhältnisse  verdankt  der  Verfasser  teils  den  Kaiserlich  Deutschen
Generalkonsulaten  und  Konsulaten,  teils  ausländischen  Unternehmern
und  Freunden,  teils  aber  auch  deutschen  Konservenfabrikanteu,  die
die  ausländischen  Verhältnisse  in  Augenschein  nahmen.
Nach  Abschluß  der  Arbeit  erfolgte  in  Amerika  die  Herausgabe
eines  Buches,  genannt  „The  Jungle“,  das  Zustände  in  amerikanischen
        <pb n="10" />
        Vorwort.

VI

Schlachthäusern  zu  schildern  versucht,  welch  erstere  aber  zum  großen
Teil  der  Wahrheit  widersprechen.  Obwohl  diese  Angelegenheit  nicht
direkt  in  den  Rahmen  dieser  Abhandlung  gehört,  konnte  sie  doch
nicht  ganz  ignoriert  werden.  Es  wurde  daher  im  Anhang  des  Vorliegenden ­
  eine  umfassende,  auf  Tatsachen  beruhende  Betrachtung
hierüber  gegeben.
Bei  dem  Umfang  des  Gesamtgebietes  erschien  die  Beschränkung
auf  ein  engeres  Untersuchungsfeld  geboten;  es  wurde  daher  in  der
vorliegenden  Arbeit  von  einer  Behandlung  der  Fischkonservenindustrie ­
  prinzipiell  Abstand  genommen.
Es  sei  mir  gestattet,  Herrn  Geheimen  Hofrat  Professor  Dr.
Pierstorff  für  seine  reichen  Anregungen,  sein  unermüdliches  Interesse
und  sein  freundliches  Entgegenkommen  meinen  verbindlichsten  Dank
zu  sagen.
Ferner  gilt  mein  Dank  allen  den  Herren,  die  mir  in  so  bereitwilliger ­
  Weise  Material  zur  Verfügung  stellten  und  ihren  Rat  erteilten.
Torgau  a/E.,  Mai  1907.
Gurt  Wagner.
        <pb n="11" />
        Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort  V
I«  Einleitung  i
II.  Die  einzelnen  Zweige  der  deutschen  Konservenindustrie  5
III.  Absatz  und  Absatzverhältnisse  der  Konserven  9
A.  Die  Gemüsekonserven  13
1.  Die  Gemüsekonserven  im  allgemeinen  13
2.  Die  Gemüsekonservenindustrie  in  Deutschland  18
a)  Die  Industrie  in  Braunschweig  18
b)  Die  Rohprodukte  der  Braunschweiger  Industrie  und  ihre  Beschaffung  25
c)  Die  deutschen  Gemüsekonservenfabriken  36
d)  Die  Dörrgemüseindustrie  40
'  e)  Zusammenstellung  der  von  der  Konservenindustrie  verarbeiteten  Rohgemüse ­
  43
3.  Die  Arbeiterverhältnisse  .  44
4.  Die  Beschäftigungszeit  der  Arbeiter  47
5.  Die  augenblickliche  Überproduktion  in  der  Konservenindustrie  und  die
Maßnahmen  zu  ihrer  Beseitigung  58
6.  Aussichten  für  den  Export  deutscher  Gemüsekonserven  64
7.  Die  französische  Gemüsekonservenindustrie  69
B.  Die  Fleischkonserven  7°
1.  Die  Arten  der  Fleischkonserven  70
2.  Die  ausländische  Fleischkonservenindustrie  74
a)  „The  Big  six“  74
b)  Dosenfleischherstellung  und  Dosenfleischhandel  im  Auslande  ...  77
3.  Die  deutsche  Dosenfleischindustrie  82
C.  Die  Verwendung  von  Konserven  bei  der  Arraeeverpflegung  90
D.  Der  Fleischextrakt  und  seine  Herstellung  95
E.  Die  kondensierte  Milch  101
IV.  Schluß  106
Anhang:  Upton  Sinclairs  „The  Jungle“  108
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        I.  Einleitung.

Im  Jahre  1904  sind  100  Jahre  verflossen,  seit  der  Franzose
Francois  Appert,  Küchenmeister  des  Königs  Christian  VII.  von  Dänemark, ­
  ein  Verfahren,  Nahrungsmittel  in  luftdicht  verschlossenen  'Gefäßen ­
  auf  lange  Zeit  haltbar  zu  machen,  der  Öffentlichkeit  übergab.
Die  französische  Regierung  erteilte  damals  dem  Erfinder  einen  Ehrenpreis ­
  von  12000  Frcs.,  nachdem  das  Verfahren  durch  Gelehrte  geprüft ­
  worden  und  von  diesen  für  sehr  beachtenswert  befunden  war.
Appert  veröffentlichte  das  Wesen  seiner  Erfindung  in  ausführlicher
Weise  in  dem  Buche 1 );  „Le  livre  de  tous  les  menages,  ou  l’art  de
conserver  pendant  plusieurs  annees  toutes  les  substances  animales  et
vegetales“.  Man  kann  daher  das  Jahr  1804  als  das  Geburtsjahr  der
modernen  Konservenindustrie  bezeichnen.
Das  Verfahren  ist  in  der  Folgezeit  von  Gelehrten  und  Praktikern
weiter  ausgebildet  und  modifiziert  worden,  im  großen  ganzen  aber
ist  die  Appertsche  Methode  die  Grundlage  geblieben.  Wenn  beispielsweise ­
  Pasteur  und  andere  auch  auf  diesem  Gebiet  die  praktischen
Erfahrungen  Apperts  auf  eine  wissenschaftlich  exakte  Grundlage
stellten,  so  haben  sie  damit  nur  einen  Teil  der  Leistung  des  ehemaligen ­
  Koches  in  helles  Licht  gerückt.
Im  allgemeinen  bezeichnen  wir  als  Konserven  die  durch  geeignete ­
  Behandlung  auf  eine  größere  oder  geringere  Dauer  haltbar
gemachten  Nahrungs-  und  Genußmittel.  Der  große  Nutzen  dieser
Erfindung  geht  aus  folgendem  hervor;  Die  Konservenindustrie  setzt
vieh-  und  früchtereiche  Länder  in  den  Stand,  ihren  Überfluß  an  andere
weniger  gesegnete  Landstriche  abzugeben,  zugleich  aber  trägt  sie
dazu  bei,  die  ungleiche  Verteilung  der  Nahrungsmittel  über  die  Zeit
auszugleichen.  Und  nicht  nur  für  die  Beschaffung  des  normalen  alltäglichen ­
  Lebensunterhalts  der  Völker,  vor  allem  auch  für  die  Ausrüstung ­
  der  großen  modernen  Heere,  die  Verproviantierung  von
0  V.  Auflage,  Paris  1834.
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  IV,  Heft  3.  1
Wagner,  Konserven  und  Konservenindustrie  in  Deutschland.
        <pb n="13" />
        ■

—  2  —
Schiffen  und  Expeditionen  in  ferne  Länder  u.  dergl.  sind  die  Konserven
von  bedeutendem  Werte.  Expeditionen,  wie  sie  in  den  letzten  Jahrzehnten ­
  häufig  erfolgten,  würden  ohne  Konserven  kaum  oder  nur
unter  den  allergrößten  Entbehrungen  durchführbar  gewesen  sein,  und
mit  der  Verpflegung  unserer  Heere  im  Manöver  und  im  Kriege
würde  es  oft  schlecht  bestellt  sein,  wenn  der  einzelne  Mann  nicht
imstande  wäre,  ohne  übermäßige  Belastung  seine  Nahrung  in  konservierter ­
  Form  für  einige  Tage  bei  sich  zu  tragen.
Durch  das  stete  Anwachsen  unseres  heutigen  Verkehrs,  sowohl
zu  Lande  wie  zur  See,  durch  Konzentration  großer  Menschenmassen
im  Militär-  und  Anstaltswesen  u.  dergl.,  hat  sich  die  Nachfrage  nach
dauernd  haltbaren,  zum  Teil  gebrauchsfertigen  Nahrungsmitteln  entwickelt ­
  und  vergrößert.  —
Die  Natur  hat  in  alle  organischen  Erzeugnisse  den  Keim  des
Verderbens  gelegt,  im  ewigen  Wechsel  des  Entstehens  und  Vergehens
will  sie  sich  erneuern.  Das  Wasser,  das  jene  enthalten,  die  Luft,  die
sie  umgibt  und  durchdringt,  führen  durch  Fäulnis,  Gährung  und  Verwesung ­
  die  oft  rasche  Zersetzung  der  Naturerzeugnisse  herbei.  Unter
diesem  Gesetze  stehen  auch  die  Nahrungs-  und  Genußmittel.  Erst
das  vorige  Jahrhundert  mit  seinen  großen  Entdeckungen  auf  dem
Gebiete  der  Bakteriologie  hat  die  Behandlung  der  verschiedenen
Konservierungsaufgaben  zu  der  Höhe  gebracht,  auf  der  sie  heute
steht.  Man  lernte  die  Ursachen  kennen,  welche  die  Zersetzung  der
Stoffe  hervorrufen.  Man  fand  in  den  Bakterien  Lebewesen,  die  nur
unter  ganz  bestimmten  Vorbedingungen  existieren  und  die  Organismen
zerstören.  Nachdem  man  dies  erkannt  hatte,  war  es  verhältnismäßig
leicht  gemacht,  eben  diese  Vorbedingungen  zu  vernichten,  dem.  Fäulniserreger ­
  den  Boden  zu  entziehen  und  somit  den  Organismus  frisch
zu  erhalten,  ihn  zu  konservieren.
Haltbar  gemacht  werden  heute  fast  sämtliche  Nahrungsmittel.
Die  geeignete  Methode  des  Haltbarmachens  richtet  sich  nach  der  Art
und  Beschaffenheit  der  zu  erhaltenden  Substanz.
Als  Arten  des  Haltbarmachens,  von  denen  manche  seit  Jahrhunderten ­
  geübt  werden,  unterscheidet  man:
1.  das  Austrocknen,  also  Beseitigen  von  Feuchtigkeit,
2.  das  Kochen  und  Verschließen  in  luftdichten  Blech-,  Glasund
  Tongefäßen,
3.  das  Einsalzen,  also  Imprägnieren  mit  Kochsalz,
4.  das  Räuchern,  wobei  die  entstehenden  empyreumatischen
Stoffe  die  erhaltende  Kraft  darstellen.
        <pb n="14" />
        3

Die  Hauptnahrungsmittel  die  haltbar  gemacht  werden,  sind:
Fleisch  und  Fleischwaren,  Gemüse,  Fische,  Milch,  Früchte  u.  dergl.,
doch  werden  im  deutschen  Sprachgebrauch  als  Konserven  im  eigentlichen ­
  Sinne  nur  bestimmte,  auf  besondere  Art  und  Weise  haltbar
gemachte  Nahrungsmittel  bezeichnet.  Durch  Einsalzen  (Sauerkraut,
Gurken  u.  dergl.),  Räuchern,  Pökeln  oder  durch  einfaches  Trocknen  an
der  Luft  oder  in  der  Sonne  haltbar  gemachte  Nahrungsmittel  gehören
nicht  zu  den  Konserven  im  engeren  Sinne.  Der  Unterschied  zwischen
konservierten  Nahrungsmitteln  und  eigentlichen  Konserven  ist  in
einer  schwierigeren  und  peinlicheren  Behandlung  der  Stoffe  zu  suchen,
aus  welchen  die  Konserven  im  engeren  Sinne  hergestellt  werden.
Unter  Konserven  versteht  man  also:
1.  die  nach  dem  Appertschen  Verfahren  zubereiteten,  in  luftdichten ­
  Gefäßen  befindlichen  Nahrungsmittel,  (namentlich
Gemüse,  Fleisch  und  Milch,  zum  Teil  auch  Fische  und  Obst);
2.  die  durch  Ankochen  und  durch  künstliches  Schnelltrocknen
bei  großer  Hitze  und  starkem  Luftstrom)  haltbar  gemachten
Gemüse,  Dörrgemüse,  Präserven  und  Trockenkonserven  genannt. ­

Charakteristisch  ist  also  für  die  Konserven  entweder  der  Luftabschluß ­
  durch  hermetisch  verschlossene  Gefäße,  oder  die  nicht  durch
die  Natur,  sondern  durch  besondere  technische  Einrichtungen  erzielte
W  asserentziehung.
Die  neuen  Konservierungsmethoden  sollen  meistens  keine  besondere ­
  Zubereitung  der  Speisen  erzielen,  sondern  nur  möglichst  vollkommen ­
  die  Nahrungsmittel  frisch  erhalten.  Sauerkraut,  saure  Gurken,
geräucherte  Fleisch-  und  Fischwaren  usw.  haben  durch  ihre  Zubereitung ­
  das  Charakteristikum  als  frische,  von  der  Natur  gegebene
Nahrungsmittel  verloren,  und  erscheinen  als  eine  besondere  Speisenzubereitung. ­
  Gedörrte,  oder  in  Büchsen  konservierte  Gemüse  hingegen ­
  sind  nach  ihrer  Zubereitung  noch  nicht  genußfertig  und  von
direkt  dem  Felde  entnommenen  Gemüsen  nur  wenig  unterschieden.
Die  gute  Beschaffenheit  der  sogenannten  Konserven  sowie  die
erhöhte  und  peinliche  Sauberkeit,  die  in  den  modernen  Konservenfabriken ­
  beobachtet  wird,  haben  mehr  und  mehr  dazu  geführt,  das
ursprünglich  bestehende  Vorurteil  gegen  die  fabrikmäßig  konservierten ­
  Speisen  zu  beseitigen.
Auf  diese  Weise  haben  sich  die  Konserven  auch  bei  der  deutschen
Hausfrau  allmählich  und  bleibend  eingeführt.  Vor  etwa  30  Jahren
schien  die  Voreingenommenheit  der  Bevölkerung  gegen  in  Fabriken  zubereitete ­
  Konservenspeisen  noch  unüberwindlich  und  eine  Verwendung
1*
        <pb n="15" />
        r

—  4  —

solcher  vielleicht  nur  für  Forschungsreisende  und  als  Heeresproviant
ratsam.  In  früheren  Zeiten  wurden  in  viel  größerem  Maße,  als  dies
jetzt  noch  der  Fall  ist,  im  Haushalte  einzelne  Gemüsearten  zum  Teil
auf  recht  primitive  Weise  auf  bewahrt.  Heute  aber  sind  die  fabrikmäßig ­
  hergestellten  Konserven  so  wohlfeil  geworden,  daß  sich  die
Hausfrau  selten  noch  die  Mühe  nimmt,  selbst  Konserven  herzustellen.
Auch  hier  begegnet  uns  wie  so  oft  in  der  Volkswirtschaft  eine  aus
einem  Hauswerk  entstandene  Industrie.
Welche  Bedeutung  die  Produkte  dieser  neuen  Industrie  erlangt
haben,  vermag  man  aus  dem  Bedarf  unserer  großen  Schiffahrtsgesellschaften ­
  zu  erkennen.  Der  Norddeutsche  Lloyd  z.  B.  verbrauchte ­
  im  Jahre  1903:
138  20g  Pfd.  präserviertes  Rindfleisch,
38397  „  „  Hammelfleisch,
64  102  „  Cornedbeef,
sowie  an  Gemüsekonserven  und  verschiedenen  Fleischkonserven  außerdem ­
  637  800  Büchsen  und  Gläser.
In  der  Volkswirtschaft  spielen  die  Hauptrolle  die  billigeren  Konserven, ­
  die  als  Nahrungsmittel,  nicht  als  Genußmittel  dienen.
Die  Konserven  sollen  aber  nicht  nur  in  ihrer  Hauptmasse  eine
billige,  sondern  auch  eine  gute  und  nahrkräftige  Kost  bieten  und
eine  schnelle  Beköstigung -  ermöglichen.  Eine  weitere  Folgewirkung
der  Konservenfabrikation  liegt  auf  dem  Gebiete  der  Landwirtschaft.
Dieser  ist  durch  jene  ein  Weg  gebahnt,  gewisse  animalische  und
vegetabilen  Produkte  in  größerer  Menge  auf  den  Markt  zu  bringen.
In  folgender  Abhandlung  sollen  die  für  Deutschland  wichtigen
Gemüse-  und  Fleischkonserven  und  die  kondensierte  Milch,  ihre  Herstellung ­
  und  ihr  Umsatz  eine  eingehende  Besprechung  erfahren.
Auch  der  Fleischextrakt  kann  im  weiteren  Sinne  als  eine  Fleischkonserve ­
  angesehen  werden  und  da  derselbe  bisher  in  der  volkswirtschaftlichen ­
  Literatur  noch  nicht  behandelt  wurde,  dürfte  eine  Darstellung ­
  seiner  Produktion  und  des  mit  ihm  betriebenen  Handels  in
den  Rahmen  dieser  Arbeit  gehören.
        <pb n="16" />
        II.  Die  einzelnen  Zweige  der  deutschen
Konservenindustrie.

Nach  den-  zur  Verwendung  gelangenden  Rohstoffen  kann  man
die  Konservenindustrie  in  folgende  beiden  Gruppen  einteilen;
1.  Herstellung  von  Konserven  aus  pflanzlichen  Stoffen
(Gemüsekonserven,  Früchte  und  Pilze  usw.).
2.  Herstellung  von  Konserven  aus  tierischen  Stoffen  (Fleischkonserven, ­
  Milchkonserven,  Fleischextrakt).
Aus  dem  früher  ausgeführten  haben  wir  bereits  die  verschiedenen
Arten  von  Gemüse-  und  Fleischkonserven  kennen  gelernt.
Diese  einzelnen  Zweige  der  Konservenindustrie  sind  indessen
in  der  Produktion  nicht  streng  von  einander  getrennt,  sondern  greifen
oft  ineinander  über.  Wie  in  jeder  andern  Industrie,  so  gibt  es  auch
hier  Hauptprodukte  und  Nebenprodukte.  Es  lassen  sich  indessen
für  diese  Scheidung  keine  bestimmten  Gesetze  aufstellen,  vielmehr
richtet  sich  hierin  vieles  nach  den  örtlichen  Verhältnissen  und  äußeren
Umständen  der  einzelnen  Betriebe.
Die  Konservenindustrie  hat  den  großen  Nachteil,  daß  sie  bei
uns  eine  Saisonindustrie  ist.  Die  Betriebe  können  infolge  des  nur
periodischen  Vorhandenseins  ihres  Rohmaterials  nur  in  einer  bestimmten ­
  Zeit  des  Jahres  ihre  Anlagen  voll  ausnutzen.  Die  Gemüsekonservenfabriken ­
  können  nur,  so  lange  es  frische  Gemüse  in  hinreichenden ­
  Mengen  gibt,  solche  verarbeiten.  Die  Fleischkonservenfabriken ­
  müssen  ihren  Betrieb  ebenfalls  einschränken,  sobald  das
Angebot  von  Fleisch  nachläßt  oder  durch  die  Wärme  der  Jahreszeit
der  längere  Transport  frischen  Fleisches  mit  Schwierigkeiten  verknüpft ­
  ist.  Ebenso  sind  auch  die  Milchkonservenfabriken  nicht  in
der  Lage,  das  ganze  Jahr  hindurch  gleichmäßig  zu  produzieren.
Der  hieraus  diesen  Industrien  erwachsende  Nachteil,  das  in  dem
Betriebe  festgelegte  Kapital  zum  Teil  während  5—7  Monaten  des
        <pb n="17" />
        6

Jahres  vollkommen  oder  teilweise  ruhen  zu  lassen,  läßt  sich  zwar  auf
verschiedene  Weise  mildern,  aber  nicht  gänzlich  beseitigen.
Die  Fabriken  für  gedörrte  Gemüse  (Präservenfabriken)  beginnen
meist  im  Anfang  August  mit  dem  Verarbeiten  grüner  Bohnen,  woran
sich  dann  das  Verarbeiten  von  Grünkohl-,  später  Weiß-  und  Wirsingkohl ­
  usw.  anschließt.  Im  Oktober  werden  noch  Möhren  und  Kohlrüben ­
  und  im  November  und  Dezember  Kartoffeln  verarbeitet.  Mit
Ende  des  Jahres  stellen  die  meisten  derartigen  Fabriken  ihren  Hauptbetrieb ­
  ein,  und  die  meisten  Arbeiterinnen  werden  entlassen,  da  nur
noch  wenige  Kräfte  zum  Verpacken  und  zum  Verschicken  der  Waren
nötig  sind.  Von  Anfang  Januar  bis  Ende  Juli,  also  7  Monate  hindurch ­
  bleiben  die  Fabrikationsräume  und  Maschinen  für  die  Gemüseverarbeitung ­
  unbenutzt.
In  den  Fabriken  für  Dosengemüse  liegen  die  Verhältnisse  etwas
anders,  da  man  in  den  Monaten  Mai,  Juni  und  Juli  Gemüse,
welche  Deutschland  nicht  in  ausreichenden  Mengen  produziert,  aus
anderen  Ländern,  wo  sie  zu  billigen  Preisen  und  im  Überfluß  erzeugt
werden,  bezieht,  wie  z.  B.  Champignons  aus  Frankreich,  Blumenkohl
aus  Italien  usw.  Doch  ist  der  Betrieb  der  Fabriken,  die  dieses  Verfahren ­
  anwenden,  ein  derartig  eingeschränkter,  daß  er  mit  der  Zeit
der  Bohnenverarbeitnng,  z.  B.  im  Anfang  August,  wo  in  manchen
Fabriken  100—200  Ztr.  grüner,  frisch  gepflückter  Bohnen  täglich
verarbeitet  werden,  gar  nicht  zu  vergleichen  ist.
In  den  Fleischkonservenfabriken  und  Milchkonservenfabriken
liegen  diese,  von  der  Natur  gegebenen  Verhältnisse  ähnlich.
Um  diesen  Nachteilen  zu  begegnen,  hat  man  die  verschiedensten
Einrichtungen  getroffen.  Das  einfachste  würde  es  sein,  wenn  man
z.  B.  Fleischkonserven  und  Gemüsekonserven  herstellte,  und  diese
beiden  Zweige  sich  derartig  ergänzten,  daß  eine  andauernde  Fabrikation ­
  möglich  wäre.  Dies  ist  aber  nicht  immer  durchführbar.  In
den  Geg'enden,  wo  man  genügend  Rohmaterial  an  frischen  Gemüsen
in  Deutschland  erhält,  lassen  sich  meist  nicht  die  nötigen  Mengen
Rohfleisch  zur  Dosenfleischfabrikation  beschaffen.
Aber  wenn  somit  auch  nicht  überall  der  Erfolg  gesichert  ist,  so
findet  man  doch  in  sämtlichen  Betrieben  der  Konserven-Industrie  das
Bestreben  neben  der  eigentlichen  Hauptproduktion,  mit  geringer
Kapitalanlage  und  unter  möglichst  weitgehender  Verwendung -  der  bestehenden ­
  Fabrikationsräumlichkeiten,  sowie  der  Betriebsmaschinen,
des  Arbeiterstammes  usw.,  Nebenprodukte  zu  erzeugen.
So  z.  B.  geht  man  in  der  Dosengemüseindustrie  immer  mehr
dazu  über,  fertige  Speisen,  bezw.  vollkommen  zusammengestellte  Mahl-
        <pb n="18" />
        7

Zeiten  in  Dosen  zu  konservieren.  Diese  fertigen  Gerichte,  die  nur
einer  Erwärmung  der  Büchse  bedürfen,  um  zum  Genüsse  fertig  zu
sein,  haben  bereits  bei  unsern  deutschen  Offizieren  für  die  Privatbeköstigung ­
  im  Manöver,  sowie  auch  teilweise  gelegentlich  der  Chinaund
  Südwestafrikaexpeditionen  guten  Absatz  gefunden.
Die  Preisverzeichnisse  dieser  Fabriken  enthalten  daun  auch  eine
derart  großartige  Speisekarte,  daß  selbst  dem  verwöhntesten  Feinschmecker ­
  Rechnung  getragen  wird.  Sowohl  einfache  Speisen,  wie
Sauerkraut  mit  Wurst,  gelbe  Erbsen  mit  Wurst,  Huhn  mit  Reis  und
Bouillonkartoffeln,  als  auch  Kotelett  mit  Spargel,  Hasenbraten  mit
Grünkohl,  Rebhühner  und  Krammtsvögel  werden  genußfertig  ungebeten. ­
  Dabei  sind  diese  Speisen  im  Durchschnitt  nur  wenig  teurer,
als  sie  im  Gasthaus  zu  haben  sind.  In  Berlin  hat  sich  im  Jahre  1904
eine  Gesellschaft  m.  b.  H.  unter  dem  Namen  „Calorit“  zusammengetan,
welche  Konserven  herstellt,  deren  eigenartige,  aber  höchst  praktische
Packung  eine  sehr  schnelle  Erwärmung  ohne  Feuer  und  ohne  weitere
Apparate  ermöglicht.  Will  man  den  Inhalt  einer  solchen  Konservendose ­
  und  zwar  in  gewärmten  Zustande  genießen,  so  genügt  ein  Durchbohren ­
  des  doppelten  Bodens  mit  einem  spitzen  Nagel  oder  Messer
und  die  Mahlzeit  ist  nach  10  Minuten  bereits  heiß  durchwärmt  zum
Genüsse  bereit.  Die  Erwärnlung  findet  dadurch  statt,  daß  zwei  in
der  Umhüllung  zunächst  getrennt  befindliche  Substanzen  (Kalk  und
Wasser)  miteinander  vereinigt,  sich  chemisch  verbinden.  Da  sich  der
Preis  der  Caloritkonserven  trotz  der  Wärme  Vorrichtung  nur  unbedeutend ­
  höher  stellt  als  der  anderer  Konserven,  da  auch  die  Wärmevorrichtung ­
  nur  eine  geringe  Zunahme  an  Größe  und  Gewicht  bedingt, ­
  so  muß  diese  feuerlose  Konservenerwärmung  als  eine  äußerst
praktische  Erfindung  bezeichnet  werden,  der  ein  großes  Anwendungsgebiet ­
  offen  steht.
Wie  schnell  diese  Erfindung  schon  Anklang  gefunden  hat,  beweist ­
  vielleicht  am  besten  die  Meinung  eines  Arztes,  dessen  Ausführungen ­
  hier  Erwähnung  finden  mögen.
In  der  Zeitschrift  „Das  Rote  Kreuz“  schreibt  der  Chefarzt  der
Lungenheilstätte  Sorge  i.  H.  Dr.  Sobotta  über  Calorit  u.  a.:
„Noch  größere  Vorteile  aber  kann  man  sich  davon  im  Manöver
oder  gar  im  Kriege  versprechen.  Wie  schwer  hält  es  hier  oft,  das
Wasser  zum  Kochen  zu  beschaffen,  wie  schwer  und  lästig  ist  es,  bei
Regenwetter  ein  Feuer  anzuzünden,  wie  lange  dauert  es,  bis  das
Wasser  kocht.  Was  dies  im  Felde  zu  bedeuten  hat,  kann  nur  der
ermessen,  der  dies  selbst  erfahren  hat.  Die  Caloritkonserve  dagegen
        <pb n="19" />
        8

ist  ohne  jeden  Tropfen  Wasser  und  ohne  das  geringste  Feuer  binnen
einer  Viertelstunde  gebrauchsfertig.
Es  wird  vielleicht  nicht  immer  möglich  sein,  größere  Truppenkörper ­
  vollständig  mit  Kalorit  auszurüsten,  aber  des  ließe  sich  wohl
erreichen,  daß  jede  Truppe  einen  eisernen  Bestand  an  Kaloritkonserven
mit  sich  führt,  um  auch  bei  ungünstiger  Witterung  den  Soldaten  eine
warme  Mahlzeit  zu  sichern.  Vor  allem  dürfte  sich  die  Versorgung
mit  Kaloritkonserven  für  Feldwachen  empfehlen,  denen  oft  das  Anzünden ­
  von  Feuer  aus  militärischen  Gründen  (um  die  Stellung  dem
Feinde  nicht  zu  verraten)  verwehrt  werden  muß.“
Auch  die  französische  wie  die  englische  Presse  haben  dieser
deutschen  Erfindung  lobend  Erwähnung  getan.
Die  Dörrgemüsefabriken  stellen  als  Nebenprodukte  oft
Suppentafeln,  Erbswürste,  fertige  Suppen  in  Pulverform,  Bouillonkapseln ­
  usw.  her.  Es  sind  dies  alles  Waren,  die  dem  Charakter  des
Hauptproduktes  ähnlich  sind  und  was  hierbei  die  Hauptsache  ist,  denselben ­
  Absatz  und  die  gleichen  Konsumenten  haben.  Es  dürfte  allgemein ­
  bekannt  sein,  wie  gut  sich  die  Erbswurst  seit  35  Jahren  als
Volksnahrungsmittel  eingebürgert  hat.  Dem  Erfinder  der  Erbswurst
wurde  im  Jahre  1870  das  Rezept  zur  Herstellung  vom  preußischen
Staate  für  110  000  M.  abgekauft.  Bei  Ausbruch  des  Krieges  errichtete ­
  sodann  der  preußische  Staat  eine  Erbswurstfabrik  in  Haselhorst,
deren  Produktion  im  Anfang  7000  kg  betrug,  bald  aber  auf  65  000  kg
täglich  stieg.  Für  die  Ernährung  der  im  Felde  befindlichen  Truppen
wurde  die  Erbswurst  von  unschätzbarem  Wert  und  von  hier  aus  fand
sie  auch  im  Volke  mehr  und  mehr  Verbreitung.  Die  sogenannten
Suppentafeln  sind  Gemische  von  Mehlen,  Reis,  Graupen,  Nudeln,  gedörrten ­
  Gemüsen  unter  Zusatz  von  Fett,  Fleischextrakt  und  Gewürzen.
Für  die  Fleischkonservenindustrie  ist  es  leicht,  Nebenprodukte,  als
Würste,  Schinken  usw.,  zu  erzeugen.  Aber  auch  die  Milchkonservenfabriken ­
  beschäftigen  sich  meist  noch  mit  der  Herstellung  von  Kindermehlen, ­
  sterilisierter  Milch  usw.
        <pb n="20" />
        III.  Absatz  und  Absatzverhältnisse  der
Konserven 1} .

Ehe  näher  auf  die  einzelnen  Konserven  und  ihre  Herstellung
eingegangen  wird,  ist  es  nötig,  ihre  Absatzgebiete  und  Absatzverhältnisse ­
  kennen  zu  lernen,  da  diese  ja  die  Grundlage  und  Lebensbedingung ­
  für  jede  Industrie  bilden.
Die  deutsche  Konservenindustrie  ist  in  erster  Linie  auf  den
Absatz  im  Inlande  angewiesen.
Dieser  vollzieht  sich  zum  großen  Teil  ohne  jede  Vermittelung,
sodaß  direkt  an  die  Kleinhändler  (Kolonial-  und  Delikateßwarenhandlungen,
  Konsumvereine,  Spezialgeschäfte  für  Konserven,  Warenhäuser) ­
  verkauft  wird.  Sehr  belangreiche  Abnehmer  sind  die  Exporteure ­
  in  den  Hafenstädten,  die  Schiffahrtsgesellschaften,  die  Militärverwaltungen ­
  und  die  Hotels.
Die  Fabriken  sind  bestrebt,  die  Produktion  der  nächsten  Kampagne ­
  möglichst  schon  im  voraus  zu  verkaufen,  um  danach  den  Umfang ­
  ihrer  Kampagneproduktion,  sowie  die  Herstellung  der  einzelnen
Sorten  einzurichten  und  das  Risiko  etwaiger  Überproduktion  zu  vermindern. ­
  Bei  der  Unsicherheit  der  zu  erwartenden  Rohmaterialienernten ­
  sichern  sie  sich  allerdings  der  Regel  nach  durch  eine  Klausel  in
ihren  Lieferungsbedingungen,  wonach  sie  im  Falle  von  Mißernten
usw.  nur  prozentuell  zu  liefern  brauchen.  Für  die  Zahlung  ist  im
allgemeinen  das  Ziel  von  drei  Monaten  auch  für  den  Konservenhandel ­
  handelsüblich.
Die  Preise  der  Konserven  haben  sich  im  Laufe  der  Zeit,  wie
später  noch  ausführlich  nachzuweisen  ist,  bedeutend  ermäßigt.  Diese
Preisherabsetzung  ist  entschieden  förderlich  für  den  Absatz  gewesen
und  hat  dazu  beigetragen,  die  Konserven  in  den  kleinbürgerlichen
I)  Diese  Ausführungen  mußten  dem  weiteren  vorangehen,  da  unsere  Reichsstatistik
nur  Konserven  im  allgemeinen  und  nicht  spezifiziert  anführt,  die  weitere  Darlegung  aber
eine  Einteilung  in  Gemüse-  und  Fleischkonserven  usw.  gebietet.
        <pb n="21" />
        W

10

Haushalt  einzuführen.  Der  Absatz  deutscher  Konserven  im  Auslande ­
  dagegen  ist  schwieriger.  Namentlich  hat  die  deutsche  Konservenindustrie ­
  mit  der  Konkurrenz  Frankreichs  zu  kämpfen.  Gleichwohl ­
  hat  sie  es  durch  unermüdliche  Anstrengungen  und  tüchtige
Leistungen  vermocht,  auch  eine  ganze  Reihe  ausländischer  Absatzgebiete ­
  zu  gewinnen.  Hauptsächlich  wird  nach  den  Ländern  der
heißen  Zone,  wo  der  deutsche  Llandel  der  Exportindustrie  die  Wege
gebahnt  hat,  exportiert.  Für  Österreich,  Belgien,  die  Schweiz,  Rußland ­
  und  die  Vereinigten  Staaten  erschweren  hohe  Eingangszölle  die
Ausfuhr.  Diese  Schwierigkeiten  werden  in  einigen  Ländern,  wie
namentlich  in  Österreich,  noch  durch  besondere  Erschwerungen  bei
der  Einfuhrkontrolle  derart  erhöht,  daß  die  Einfuhr  nach  solchen
Ländern  fast  illusorisch  gemacht  wird.
Die  Ausfuhr  deutscher  Konserven  nach  den  einzelnen'  Ländern
gestaltete  sich  in  den  Jahren  1899  bis  1903  folgendermaßen;
Menge  und  Wert  der  Ausfuhr  deutscher  Konserven
aus  Deutschland.

A.  Nach  den  Vertragsstaaten.

Nach

1899

1900

1901

1902

1903

dz.

IOOO
M.

dz.

&amp;amp;  0
0
0

dz.

IOOO
M.

dz.

IOOO
M.

dz.

IOOO
M.

Italien

352

65

389

7-3

343

47

541

00

571

86

Belgien

71

12

144

27

100

13

75

11

103

H

Schweiz

—

250

—

261

—

282

—

268

—

267

Österreich-Ungarn  ....

1234

153

1053

134

I2 44

45

731

50

1967

97

Rußland

166

31

149

28

'S 2

20

166

24

186

26

Rumänien

6

1

1

0

—

3

1

4

I

Serbien

—

—

—

—

—

—

B.  Nach  den  übrigen  Staaten.

Verein.  Staaten  von  Amerika

3633

692

3  ‘46

609

3146

432

3075

454

3 111

445

Frankreich

2468

419

2757

484

2510

315

2416

332

2209

593

England

3295

618

3600

690

2946

403

3272

479

3782

540

Niederlande

159

28

218

39

144

19

214

30

218

32

Brit.  Indien

—

—

477

93

474

65

485

70

292

42

China

—

—

sR

111

591

81

630

93

74i

106

Japan

127

24

90

18

67

9

42

6

43

6

Soanien

210

40

283

55

271

38

379

56

528

75

Insgesamt  hat  Deutschland  ausgeführt  an  Konserven;
1899:  14522  dz  für  3  136000  M.
1900:  21  919  ,,  „  4102000  „
        <pb n="22" />
        ipoi;  32601  dz  für  3948000  M.
1902:  33  271  „  „  4  118  000  „
1903;  33  3 2 o  „  „  4  120000  „
Hiernach  ist  die  Gesamtausfuhr  an  Konserven  vom  Jahre  1899
bis  1903  um  fast  1  Million  Mark  gestiegen.
Die  Ausfuhr  würde  bedeutend  größer  sein,  wenn  die  Einfuhrzölle ­
  nach  den  einzelnen  Ländern  nicht  so  hohe  wären.  Bei  einem
Zolle  von  60  M.  pro  100  kg,  wie  ihn  die  meisten  Staaten  vorschreiben,
ist  eine  Einfuhr  billigerer  Konserven  natürlich  ausgeschlossen.

Zollsätze  für  Konserven  pro  100  kg.

Bisheriger  Zollsatz

Neuer  Zolltarif

Land

Gegenstände

allgemeiner

V  ertragsallgemeiner



Vertrags-Tarif



tarif

Tarif

tarif

I.  Vertragsländer.

20  Lire

fFür  Frankreich

Italien  ....

Konserven

20  Lire

20  Lire

|12  Lire,  infolge
{  Meistbegünsti-Belgien

  ....

Gemüse  in

Büchsen

15  Frcs.

—

15  Frcs.

I  gung  auch
|  Deutschland

,,  ....

Andere  Konserven

12  ,,

—

12  „

—

Schweiz

Gemüs  ekonserven

30  „

—

40  V

35  Fr &amp;lt;=s-,,

  ...

W  ildbretkonserven

12  „

10  F'rcs.

20  „

IO  „

„  .  .  .

Geflügelkonserven

12  „

6  „

30  „

10  „

Österreich  -  Ungarn

Konserven

40  Gulden

85  Gulden

120  Kronen

—

Rußland

p.  Pud
brutto  5  R.

—

p,  Pud  Rohgewicht ­
  10  Rubel

—

Rumänien  .

Gemüsekonserven

60  Lei

—

50  Lei

—

,,  .

Fleischkonserven

25

—

100  „

—

Serbien  .

Gemüsekonserven

20  Dinars

12  Dinars

120  Dinars

—

,,  •

Fleischkonserven

35  ..

25  ..

120

Land

Gegenstände

Zollsätze

II.  Andere  Länder.

F  rankreich

Gemüsekon  serven

16  Frcs.

&amp;gt;)

Fleischkonserven

&amp;gt;5

Wildkonserven

60  „

Großbritannien

Gemüse-  und  Fleischkonserven

Zollfrei

Niederlande

,,  ,,  ,,

25  Gulden

Spanien

150  Pesetas

Vereinigte  Staaten  ....

Gemüsekonserven

p.  1  Pfd.  engl.  2,5  Cents.

1)  55  ....

Fleischkonserven

2  5  7o  vom  Wert

Britisch-Ostindien  ....

Gemüse-  und  Fleischkonserven

-  0/
0  lo  v  *&amp;gt;

Japan

Konserven

20  °/o

China

&amp;gt;

Zollfrei
        <pb n="23" />
        Auch  durch  die  neuen  Handelsverträge  ist  für  die  deutsche
Konservenindustrie  sehr  wenig  erreicht  worden,  denn  im  günstigsten
Falle  wird  hier  alles  beim  alten  bleiben.
Bezüglich  der  Handelsvertragsländer  ist  folgendes  zu  sagen:
Rumänien  hat  seinen  Zollsatz  von  60  Lei  für  den  Doppelzentner
auf  50  Lei  ermäßigt.  Das  ist  ein  kleines  Zugeständnis,  aber  auch
wohl  das  einzige,  was  in  den  Zollverträgen  zu  gunsten  der  Konservenindustrie ­
  vorkommt.  Wie  aber  aus  der  obenstehenden  Tabelle  ersichtlich, ­
  ist  die  Ausfuhr  von  Konserven  nach  Rumänien  gering,
und  es  ist  fraglich,  ob  sie  bei  dem  neuen  Zollsätze  sich  wesentlich
heben  wird.
Für  Serbien  kommt  ein  Zollsatz  von  120  Dinar  in  Frage.  Da
jetzt  schon  bei  einem  viel  geringeren  Satze  (von  20  Dinar)  nichts
ausgeführt  worden  ist,  so  wird  das  in  Zukunft  erst  recht  ausgeschlossen ­
  sein.
Nach  Italien  wurden  im  Jahre  1903  Konserven  im  Werte  von
76000  M.  ausgeführt.  Ob  eine  wesentliche  Steigerung  der  Ausfuhr
zu  erreichen  sein  wird,  bleibt  abzuwarten.
Nach  Belgien  sind  im  Jahre  1903  für  14000  M.  Konserven  ausgeführt ­
  worden.  Dies  erscheint  sehr  wenig.  Die  Zollsätze  von  12
bis  15  Fr.  sind  aber  keineswegs  so  ungünstig,  daß  hierhin  nicht  noch
mehr  ausgeführt  werden  könnte;  in  Fachkreisen  beabsichtigt  man
denn  auch  Belgien  in  Zukunft  für  den  Absatz  besserer  Qualitäten  von
Konserven  mehr  ins  Auge  zu  fassen.
Die  Schweiz  hat  ihren  Zollsatz  von  30  auf  35  Frcs.  heraufgesetzt.
Es  ist  anzunehmen,  daß  die  geringe  Erhöhung  des  Zollsatzes  um
5  Frcs.  die  Ausfuhr  nach  der  Schweiz  nicht  wesentlich  erschweren
wird.  Österreich-Ungarn  erhob  bisher  einen  Einfuhrzoll  von  40  Gulden,
der  nach  dem  neuen  Tarif  auf  120  Kronen  —  60  Gulden  erhöht
wurde.  Mit  einem  derartigen  Zollsatz  wird  die  Einfuhr  fast  unmöglich ­
  und  das  sehr  günstige  Absatzgebiet  in  Deutsch-Böhmen  bedauerlicherweise ­
  beinahe  gesperrt.  Von  vielen  deutschen  Konservenfabriken
wird  außerdem  über  die  Schikanen,  die  bei  der  Einfuhr  von  Konserven ­
  an  der  Grenze  bereitet  werden,  geklagt.  So  sollte  bei  einer
Sendung  Fleischkonserven  jede  einzelne  Dose  zur  Untersuchung  geöffnet ­
  werden  und  die  Einfuhr  von  Gemüsekonserven  wurde  in  einem
Falle  verweigert,  da  der  behördliche  Beweis  nicht  erbracht  werden
konnte,  daß  sie  ungefärbt  seien.
Für  Rußland  ist  der  Zollsatz  von  5  Rubel  pro  Pud  brutto  auf
10  Rubel  pro  Pud  Rohgewicht  erhöht  worden.
        <pb n="24" />
        13

Zum  mindesten  muß  es  hier  auffallen,  daß  im  neuen  russischen
Zolltarif  „Rohgewicht“  und  im  alten  „brutto“  steht.  Nach  Ansicht
einiger  Fachleute  soll  unter  Rohgewicht  das  Gewicht  exkl.  der  Kisten
zu  verstehen  sein.  In  diesem  Falle  würde  man  annehmen  können,
daß  sich  die  Ausfuhr  nach  Rußland  wenigstens  nicht  wesentlich  vermindern ­
  läßt.  An  sich  ist  diese  Ausfuhr  nach  der  Statistik  sehr  ungünstig, ­
  da  1903  nur  für  26000  M.  Konserven  nach  Rußland  ausgeführt ­
  worden  sind.  Der  Handelsvertragsverein  ist  indessen  der
Meinung,  daß  brutto  und  Rohgewicht  identisch  seien;  das  würde  also
bedeuten,  daß  die  Emballagen  mit  verzollt  werden.  Auch  bei  der
Ausfuhr  nach  Rußland  werden  den  deutschen  Fabrikanten  große
Schwierigkeiten  bereitet.  Besonders  wird  die  Art  der  Untersuchung
der  Konserven  an  der  Grenze  bemängelt;  nicht  nur  werden  dabei  den
Sendungen  Proben  entnommen,  sondern  oft  verblieben  große  Mengen
der  Sendungen  im  Besitz  der  Zollbehörden,  Erst  durch  Vermittelung
der  Gesandtschaft  wurde  es  ermöglicht,  den  Ukas  zu  ermitteln,  der
die  Einführung  derart  erschwerte.  Als  Grund  für  das  Einfuhrverbot
von  Fleischkonserven  war  angegeben,  daß  in  Deutschland  keine  genügende ­
  Kontrolle  stattfände.

A.  Die  Gemüsekonserven.
1.  Die  Gemüsekonserven  im  allgemeinen.
Die  ersten  Versuche,  Gemüse  haltbar  zu  machen,  wurden  in
Frankreich  nach  dem  sogenannten  Appertschen  Verfahren  gemacht.
In  Deutschland  griff  man  dieses  Verfahren  auf  und  konservierte  Gemüse ­
  in  Blechdosen  oder  Glasbehältern  zuerst  nur  im  Haushalt  und
später  im  Fabrikbetrieb.  Nebenher  gingen  die  Versuche,  Gemüse
durch  Dörren  zu  konservieren,  wie  man  auf  solche  Weise  schon
längst  in  Amerika  das  Obst  haltbar  machte.  Auch  diese  Versuche
gelangen  am  besten  in  Paris,  wo  man  geeignete  Apparate  erfunden
hatte,  um  den  frischen  Gemüsen  den  Wassergehalt  bei  hoher  Temperatur ­
  und  großer  Windströmung  schnell  zu  entziehen.  Die  Dosengemüse ­
  erhielten  indessen  den  Vorzug  und  nur  die  französische
Julienne,  eine  Mischung  verschiedener  Gemüse,  bürgerte  sich  nach
und  nach  bei  uns  ein.  Aber  viel  später,  erst  in  den  achtziger  Jahren
des  vorigen  Jahrhunderts  entstand  auch  in  Deutschland  eine  Industrie,
die  fast  alle  Gemüse  durch  Dörrverfahren  haltbar  machte.
Wir  haben  zwei  Arten  von  Gemüsekonserven  zu  unterscheiden:
        <pb n="25" />
        •4

!.  Die  in  Blech-  oder  Glasgefäßen  mit  Wasser  eingekochten
Gemüse,  die  im  Vakunmapparat  von  allen  fäulniserregenden  Organismen ­
  befreit  und  luftdicht  verschlossen  sind.
2.  Die  gedörrten  Gemüse,  im  Handel  auch  Präserven  genannt,
denen  durch  eine  Hitze  von  90 0  das  Wasser  entzogen  und  so  der
Nährboden  für  die  zerstörenden  Mikroorganismen  genommen  wurde.
Die  Dosenkonserven  werden  natürlich  bereits  durch  die  Dosenverpackung ­
  erheblich  verteuert.  Der  Preis  der  Dosenkonserven  wird
noch  erhöht  durch  den  Transport  des  Konservierungswassers  in  den
Büchsen.  {2 1 / 2  kg  Dosengemüse  enthalten  1  kg  Wasser.)  Die  Dörrgemüse ­
  dagegen  haben  go  °/ 0  ihres  Gewichtes  durch  den  Dörrprozeß
verloren  und  sind  als  trockene  Substanz  sehr  leicht  transportabel.
Man  hat  aus  diesem  Grunde  die  billigeren  Gemüsesorten,  die  Volksnahrungsmittel ­
  bilden,  wie  Weißkohl,  Wirsing,  Kohlrüben  und  Karotten ­
  meist  nur  als  Dörrgemüse  in  den  Handel  gebracht,  während
die  feineren  Gemüsearten,  wie  Spargel,  Erbsen,  Blumenkohl,  die  an
und  für  sich  bereits  im  Handel  teurer  sind,  auch  die  Dosenverpackung
und  die  hohen  Transportkosten  eher  tragen  können.
Die  gedörrten  Gemüse  beanspruchen  nur  die  einfachste  und
billigste  Verpackung  und  sehr  geringe  Transportkosten,  da  ihr  Gewicht ­
  um  90—95  %  vermindert  und  ihr  Volum  ebenfalls  stark  abgenommen ­
  hat.
Ein  Vergleich  der  Dörrgemüse  und  Dosengemüse  bezügl.  Verpackungs-
  und  Transportkosten  gleicher  Mengen  ergibt  folgendes
Resultat:
Die  Dörrgemüse  werden  für  den  Landtransport  in  Säcken  verpackt ­
  und  die  Verpackung  von  50  kg  gedörrten  Gemüsen,  die  für
1650  einzelne  Mittagsmahlzeiten  (1  Regiment  Infantrie  =  1500  Mann)
ausreichend  sind,  kostet  daher  nur  50  Pf.  Dieses  Quantum  Dörrgemüse ­
  kostet  von  Berlin  nach  Metz  3  M.  Fracht.
Für  den  Transport  zu  Wasser  wird  das  Dörrgemüse  durch  hydraulischen ­
  Druck  zu  Blöcken  derart  fest  zusammen  gepreßt,  daß
1  cbm  hiervon  500  kg  Dörrgemüse  enthält.  Der  Preis  dieser  seemäßigen ­
  Verpackung  —  es  handelt  sich  hier  um  Dünnblechumhüllung
mit  Holzkisten  —  beträgt  1  M.  für  eine  Menge  von  50  kg.  Berücksichtigen ­
  wir  bei  dem  Vergleiche  zwischen  Dörrgemüsen  und
Dosengemüsen,  daß  2  1 / 2  kg  Dosengemüse  1  kg  Wasser  enthalten,  so
entsprechen:
50  kg  Dörrgemüse  —  700  kg  frischem  Gemüse
hierzu  kommen  .  .  .  500  „  Wasser
somit  im  ganzen  1200  kg  Dosen  gern  üse.
        <pb n="26" />
        i5

Zur  Verpackung  dieser  1200  kg  Dosengemüse  sind  ca.  125  Kisten
nötig,  die  je  2  kg  wiegen.  Das  Eigengewicht  der  Blechdosen 1 )  beträgt ­
  für  dieses  Quantum  ungefähr  50  kg.  Wir  erhalten:
1200  kg  Dosen  gemüsegewicht
250  „  Kistengewicht
50  „  Blechdosen  gewicht
1500  kg  Bruttogewicht.
Der  Transport  der  Dosengemüse  würde  also  von  Berlin  nach
Metz  90.—  M.,  also  das  sofache  der  Dörrgemüse  an  Fracht  betragen.
Die  Kosten  der  Verpackung  betragen;
500  Dosen  ä  5  Pf.  =  25.—  M.
125  Kisten  ä  25  „  —  31-25  „
56.25  M.
Während  der  Preis  der  Dörrgemüse  durch  Transport  und  Verpackung ­
  demnach  selbst  bei  großen  Entfernungen  wenig  erhöht  wird,
zählt  dies  bei  Dosengemüsen  bedeutend  mit.
Der  Verbrauch  der  Gemüsekonserven  hat  in  Deutschland  mehr
und  mehr  zugenommen.  Man  verwendet  der  geringeren  Arbeit
wegen  jetzt  in  vielen  Familien,  in  Hotels,  in  Anstalten  und  namentlich ­
  bei  der  Armeeverpflegung  konservierte  oder  gedörrte  Gemüse
auch  in  den  Jahreszeiten,  wo  man  bequem  frische  Gemüse  auf  dem
Markte  erhalten  könnte;  sind  doch  die  konservierten  Gemüse  bei
ganz  vorzüglicher  Qualität  meist  wenig  teurer  als  die  frischen  Gemüse. ­
  So  haben  die  Gemüsekonserven  auch  selbst  in  den  Instituten,
Eingang  gefunden,  wo  man  nur  niedrige  Portionspreise  zur  Verfügung ­
  hat,  z.  B.  in  Besserungsanstalten,  Rettungshäusern,  Trinkerheilstätten, ­
  Fabrikküchen  usvv.  Es  ist  das  Ziel  der  deutschen  Konservenindustrie, ­
  die  Dosengemüse  und  Dörrgemüse  so  billig  herzustellen, ­
  daß  es  auch  den  ärmeren  Volksschichten  möglich  wird,  diese
ln  ihrem  Haushalte  zur  Abwechslung  und  zur  Beschleunigung  der
Beköstigung  mit  nahrhaftem  Gemüse  zu  verwenden.  Die  Gemüsekonserven ­
  sollen  ein  Volksnahrungsmittel  werden.
Wie  später  zu  beweisen  sein  wird,  sind  die  Gemüsekonserven
zum  Teil  bereits  im  Verbrauch  nicht  teurer  als  die  frischen  Gemüse,
dabei  auf  lange  Zeit  haltbar,  Sommer  wie  Winter  verwendbar  und
stets  fertig  zubereitet,  gewaschen,  geputzt,  ja  bereits  angekocht.
Diese  letzteren  Eigenschaften  bedeuten  eine  nicht  geringe  Arbeitsund ­
  Zeitersparnis  bei  ihrer  Verwendung.
I)  Es  sind  bei  dieser  Berechnung  die  üblichen  Dosen  zu  2 l / 2  kg  Inhalt  in  Betracht
gezogen,  von  denen  4  Stück  in  einer  Kiste  verpackt  werden.
        <pb n="27" />
        —  i6  —
Hierbei  fällt  noch  ein  anderer  Umstand  ins  Gewicht:  Die  frischen
Gemüse  sind  bei  uns  in  Deutschland  in  den  Markthallen  und  bei
Grünwarenhändlern  selbst  in  der  Zeit  der  Gemüseernte  verhältnismäßig ­
  teuer,  da  sie  erst  die  Hände  von  3—4  Zwischenhändlern
passieren,  ehe  sie  zum  Konsumenten  gelangen.  Da  die  Gemüse  im
Kleinhandel  nicht  nach  Gewicht,  sondern  nach  den  verschiedensten
Einheiten  wie  Stück,  Schock,  Bündchen,  Korb  usw.  verkauft  werden,
ist  es  für  den  Konsumenten  schwierig,  einen  Preisvergleich  anzustellen.
Außerdem  geht  die  Hausfrau  mit  frischen  Gemüsen  vielfach  recht  unwirtschaftlich ­
  um,  da  meist  zuviel  eingekauft  wird  und  die  nicht  unerheblichen ­
  Abfälle  nicht  ihrem  Preise  entsprechende  Verwendung  finden.
Man  wird  nun  fragen,  wie  es  möglich  ist,  die  zubereiteten  Gemüsekonserven ­
  billiger  oder  ebenso  billig  herzustellen,  wie  die  Marktgemüse.
Wie  wir  später  im  Abschnitt  über  Rohmaterialien  noch  ausführlich ­
  sehen  werden,  bauen  die  Gemüsekonservenfabriken  die  Gemüse ­
  in  sehr  großen  Mengen  zum  Teil  selbst  an,  zum  Teil  liefern
sie  an  kleine  und  große  Landwirte  die  Saat  zum  Anbau,  verpflichten
sich  zur  Abnahme  der  ganzen  Ernte  bestimmter  Gemüseflächen  und
bestimmen  im  voraus  den  Preis  der  frischen  Gemüse.  Hier  hat  also
der  Gemüsebauer  bereits  vor  dem  Anbau  die  Gewißheit,  seine  Ernte
zu  einem  lohnenden  Preise  absetzen  zu  können,  während  bei  der
Gemüseproduktion  für  den  Frischverkauf  der  Anbauer  ein  nicht
geringes  Risiko  trägt,  das  noch  durch  den  Umstand  vermehrt  wird,
daß  sich  die  jungen  Gemüse  nicht  lange  halten.  So  ist  ein  Preisunterschied ­
  zwischen  konservierten  und  Marktgemüsen  entweder  gar
nicht  vorhanden  oder  ganz  minimal.  Die  folgende  vergleichende
Aufstellung  ergibt  die  Einzelpreise  der  frischen  Gemüse  verglichen
mit  den  gedörrten  Gemüsen  nach  Mittagsportionen  gerechnet.  Man
rechnet  für  eine  Mahlzeit  einer  erwachsenen  Person  500  g  Rohgemüse
und  30  g  Dörrgemüse.

Gegenstände

Menge
g

Preis  p.  kg
M.

pro
Portion

Schnittbohnen,  gedörrt  .

30

4-—

Pf.
12  „

,,  frisch  .  .

500

0.25

I2‘/ 2  ..

Wirsing,  gedörrt  ....

3°

2.—

6

„  frisch  ....

500

O.IO

5

Weißkohl,  gedörrt  .

30

I.—

3

„  frisch

500

0.06

3

Karotten,  gedörrt

30

I.—

3

„  frisch  ....

500

0.06

3

Kohlrüben,  gedörrt  .

3°

I.—

3

„  frisch  .  .  .

500

0.05

*V.  -

Grünkohl,  gedörrt

3°

1.70

5-i  ..

„  frisch  ....

500

O.IO

5  »&amp;gt;
        <pb n="28" />
        I?

Schwieriger  ist  der  Vergleich  in  Dosen  konservierter  Gemüse
mit  frischem  Gemüse.  Die  Dosengemüse  werden  in  sehr  verschiedenen ­
  Qualitäten  und  Packungen  in  den  Handel  gebracht;  hierzu
kommt  noch,  daß  die  Dosen  bei  gleicher  Größe  nicht  die  gleiche
Menge  an  Gemüse  enthalten,  sondern  der  Wasserzusatz  bald  mehr,
bald  weniger  groß  ist.  Wir  müssen  uns  daher  mit  der  der  Praxis
entnommenen  Behauptung  begnügen,  daß  sich  bei  Verbrauch  größerer
Mengen  der  Preis  der  gedörrten  und  in  Dosen  konservierten  Gemüse
fast  gleich  stellt.  Es  kann  vielleicht  als  Nachteil  bezeichnet  werden,
daß  die  Dosengemüse  bei  gleicher  Gewichtsangabe  verschiedene  Mengen
an  Gemüse  und  Wasser  enthalten,  daß  also  das  Wasser  bei  der  Inhaltsberechnung ­
  mitgewogen  wird.  So  enthält  eine  i  kg-Dose  nicht,
wie  man  annehmen  sollte,  i  kg  Gemüse,  sondern  nach  Angabe  verschiedener ­
  Fabriken  im  Durchschnitt  bei:

Brechspargel  I

600

g

Gemüse

„  mittel

610

11

,',  dünn

620

11

Erbsen  I  .  .  .  .

585

,,

„  II  ...  .

560

11

Schnittbohnen

600

)&amp;gt;

11

Brechbohnen  .  .

550

il

11

Perlbohnen

525

11

11

Karotten  ....

640

11

11

Kohlrabi  ....

590

11

11

Die  Menge  des  wirklichen  Inhaltes,  resp.  der  Zusatz  von  Wasser
Ist  der  Willkür  des  Fabrikanten  überlassen.  Es  würde  keine  großen
,  Betriebsschwierigkeiten  verursachen,  das  Gemüse  vor  der  Konservierung
  in  den  Dosen  nach  Gewichtseinheit  abzuwiegen  und  dann  erst
mit  dem  nötigen  Wasser  zu  bedecken.  Durch  dieses  Verfahren  würden
bann  die  einzelnen  Packungen  wenigstens  einheitlich  werden.
Vielfach  hat  sich  die  Ansicht  verbreitet,  daß  die  Gemüsekonserven ­
  nach  Ablauf  eines  Jahres  minderwertig  an  Geschmack  und
i  Qualität  werden.  Bei  den  Dörrgemüsen  ist  dies  möglich,  sofern  sie
nicht  in  dunklen  und  ganz  trockenen  Räumen  gelagert  haben.  Die
Bosengemüse  sind  dagegen  unbegrenzte  Zeit  haltbar.  Die  entgegengesetzte ­
  Meinung  ist  wohl  lediglich  dadurch  verursacht,  daß  viele
Händler  vor  Beginn  des  Frühjahrs  Räumungsverkäufe  mit  großer
Reklame  und  teilweise  auch  mit  Preisermäßigung  in  Szene  setzen.
Derartige  Verkäufe  geschehen  indessen  nur  zur  Vergrößerung  des
Absatzes.  Der  Inhalt  einer  ordnungsmäßig  konservierten  Dose  Ge-Abhandlungen
  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  IV,  Heft  3.  2
Wagner,  Konserven  und  Konservenindustrie  in  Deutschland.
        <pb n="29" />
        müsekonserven  ist  unbegrenzt  haltbar,  solange  keine  Undichtigkeit
an  der  Büchse  entsteht.  Mit  dem  geringsten  Zutritt  von  Luft  würde
allerdings  ein  Verderben  des  Inhalts  verknüpft  sein.  In  vielen  Fabriken
werden  Gemüsekonserven  aufbewahrt,  die  30  Jahre  und  älter  sind.
Beim  Öffnen  solcher  alter  Dosen  zeigt  es  sich  stets,  daß  der  Inhalt
vollkommen  frisch  konservierter  Ware  gleicht.  Die  Kaiserliche  Marine
kauft  grundsätzlich  von  den  Fabriken  nur  Gemüsekonserven,  die  bereits ­
  längere  Zeit  gelagert  haben,  da  sich  Fehler  in  der  Konservierung ­
  nach  längerer  Zeit  durch  Anschwellen  der  Büchsen  (durch
Gährung  verursacht)  zeigen.  Tritt  dieses  Anschwellen  nicht  ein,  so
ist  die  unbegrenzte  Haltbarkeit  bewiesen.  Vor  kurzer  Zeit  hatte  man
in  Gastwirtskreisen  Stimmung  dafür  gemacht,  daß  die  Konservenfabrikanten ­
  gesetzlich  gezwungen  würden,  an  den  einzelnen  Dosen
den  Tag  der  Herstellung  der  Konserven  anzubringen.  Da  aus  vorhin ­
  genannten  Gründen  Dosengemüse  durch  Alter  an  Qualität  nicht
verlieren,  würde  dies  für  die  Konsumenten  keinen  Vorteil  bringen,
die  Händler  würden  aber  durch  diese  Maßnahme  erheblich  geschädigt
werden,  da  dann  die  jüngsten  Gemüsekonserven  bevorzugt  würden,
die  älteren  indessen  unverkäuflich  blieben.

2.  Die  Oemüsekonserven-Industrie  in  Deutschland.
a)  Die  Industrie  in  Braunschweig 1 ).
Von  unbedeutenden  Versuchen  abgesehen,  waren  es  die  Gebrüder
Bethmann  in  Frankfurt  a.  M.  und  Daniel  Heinrich  Carstens  in  Lübeck 2 ),
die  im  Jahre  1845  ^ ie  ersten  größeren  Konservenfabriken  in  Deutschland ­
  begründeten.  Die  Entstehung  und  Entwicklung  dieser  Industrie
war  in  den  einzelnen  Teilen  Deutschlands  eine  sehr  verschiedene.
Sowohl  zufällige  Momente  wie  vorhandene  natürliche  Vorbedingungen
haben  zu  der  Entwicklung  beigetragen.  Die  eigentlichen  Anfänge
dieser  deutschen  Industrie  aber  und  ihre  Weiterentwicklung  haben
wir  in  der  Stadt  Braunschweig  zu  suchen,  die  mit  der  Geschichte  der
deutschen  Konservenindustrie  eng  verknüpft  ist.  Obgleich  sich  die
Konservenindustrie  in  allen  Teilen  Deutschlands  ausgebreitet  hat,  bildet
Bräunschweig  immer  noch,  nach  fast  70  Jahren,  das  Hauptproduktionsgebiet. ­
  Der  vergrößerte  Anbau  des  Spargels,  dessen  Konservierung
noch  heute  den  Hauptzweig  bildet,  und  die  Konservenindustrie  gingen

1)  Zum  Teil  aus  den  Materialien  und  Berichten  der  Braunschweiger  Handelskammer..
2)  Vgl.  Lübecksch'e  Blätter,  Nr.  14,  1895.
        <pb n="30" />
        19

Hand  in  Hand.  Ein  Transport  von  Frischspargel  war  zu  damaliger
Zeit  bei  den  wenigen  und  teuren  Verkehrsgelegenheiten  fast  unmöglich, ­
  und  so  kam  es,  daß  man  nach  einem  Erhaltungsmittel  des  bereits
s.  Zt.  berühmten  Braunschweiger  Spargels  suchte.  So  wuchs  mit  den
Anbauflächen  von  Spargel  die  Konservierung  desselben  in  Braunschweig. ­
  Nach  mündlicher  Überlieferung  hat  der  Klempnermeister
J-  H.  Pilimann  in  Braunschweig  zuerst  den  Versuch  gemacht,  Spargel
zu  konservieren.  Er  wurde  anfangs  der  vierziger  Jahre  hierzu  durch
den  Braunschweiger  Professor  Varrentrapp  veranlaßt,  der  das  Eintnachen
  von  Gemüsen  in  Blechdosen  in  Frankreich  kennen  gelernt
hatte.  Nachdem  Pilimann  die  ersten  Versuche  gelungen  waren,  machte
er  bald  die  neue  Kunst  zu  einer  kleinen  Erwerbsquelle.  Er  konservierte ­
  in  jedem  Sommer  eine  wenn  auch  geringe  Menge  Spargel,
für  deren  Absatz  Varrentrapp  zunächst  in  seinen  Bekanntenkreisen
sorgte;  in  späteren  Jahren  verkaufte  Pilimann,  wieder  durch  Vermittelung ­
  Varrentrapps,  auch  nach  größeren  auswärtigen  Plätzen,  wie
Berlin  und  Frankfurt.
Die  Produktion  blieb  allerdings  noch  in  bescheidenen  Grenzen,
sie  war  nur  ein  Nebenbetrieb  der  Klempnerei  und  ging  über  den
Rahmen  des  Handwerks,  resp.  der  Hausindustrie  nicht  hinaus.  Die
Dosen  stellte  Pilimann  selbst  her,  während  er  den  Rohspargel,  der
damals  wenig  an  gebaut  wurde,  von  den  Gärtnern  in  Braunschweig
und  der  Umgegend  kaufte.
Wohl  zehn  Jahre  hindurch  hat  Pilimann  so  als  einziger  in  Braunschweig ­
  das  Einmachen  von  Spargel  in  bescheidenem  Umfange  betrieben. ­

Später,  in  den  fünfziger  Jahren,  wurde  dann  die  Methode  des
Einmachens  von  Gemüse  auch  dem  Braunschweiger  Klempner  P.  W.
Daubert  bekannt,  der  nun  in  derselben  Weise  wie  Pilimann  neben
seinem  Handwerk  das  Konservieren  von  Spargel  betrieb.  Bis  zum
Jahre  1860  wurde  der  Anbau  von  Spargel  in  Braunschweig  in  ganz
geringem  Umfange  durch  einige  Gärtner  meist  zum  direkten  Verkauf
a n  Konsumenten  betrieben.
Erst  im  Jahre  1861  wurde  von  Gustav  Grahe  in  Braunschweig
der  Versuch  gemacht,  Spargel  in  größeren  Mengen  zu  ziehen  und
feldmäßig  Spargelanbau  zu  betreiben.  Dann  im  Jahre  1863  stellte
Grahe  selbst  konservierten  Spargel  her  und  fand  für  seine  Produktion
reichen  Absatz.  Grahe  vergrößerte  fortgesetzt  seine  Spargelanlagen
und  ermutigte  Gärtner  und  Landwirte  zum  feldmäßigen  Anbau  von
Spargel,  indem  er  sich  zur  Abnahme  von  Spargel  verpflichtete.
2»
        <pb n="31" />
        20

Einige  Jahre  später  begann  auch  der  Spargelanlagenbesitzer
A.  W.  Querner  einen  Teil  seiner  Ernte  zu  konservieren.  Zu  Beginn
der  siebziger  Jahre  entstanden  zwei  weitere  Unternehmungen  für
Spargelkonservierung.
Bald  begann  man  auch  in  diesen  Betrieben  nach  der  Spargelernte ­
  das  Einmachen  von  Erbsen,  Bohnen  und  anderer  Gemüse  in
derselben  Weise.
Von  einer  Fabrikation  im  Großen  war  damals  freilich  noch  keine
Rede.  Allerdings  war  die  Zeit  vorbei,  in  der  die  Fabrikation  ausschließlich ­
  Nebenbetrieb  der  Klempnerei  war.  In  den  sechziger  Jahren
hatte  man  für  die  Konservierung  eigene  Küchen  eingerichtet,  wenn
auch  in  einfachster  Weise.  Die  ganze  Einrichtung  bestand  aus  einem
Herd  mit  Öffnungen  für  große  und  kleine  Kessel,  die  jeder  eine  einzelne
Feuerung  hatten.  Die  kleinen  Kessel  dienten  zum  Vorkochen  der
gereinigten  und  hergerichteten  Gemüse,  während  in  den  größeren  die
gefüllten  und  mittelst  Verlötung  geschlossenen  Dosen  auf  ihre  Dichtigkeit ­
  geprüft  und  dann  nachgekocht  wurden.  Auf  diese  Weise  stellten
die  ältesten  Betriebe  jährlich  einige  tausend  Dosen  her.  Dabei  wurden
höchstens  zwei  bis  drei  männliche  Arbeiter  für  das  Kochen  und  die
Ausführung  der  Klempnerarbeiten,  für  die  Herstellung  der  Blechdosen, ­
  sowie  für  die  Verlötung  der  gefüllten  Dosen  benötigt,  während
etwa  acht  bis  zehn  Frauen  das  Reinigen  und  Herrichten  der  Rohware ­
  besorgten.
Ein  bemerkenswerter  Umschwung  in  der  Industrie  trat  im
Jahre  1873  ein.  Die  Firma  Gebr.  Grahe  baute  in  diesem  Jahre  das
erste  größere  Etablissement  und  bezog  gleichzeitig  aus  Paris  einen
sogenannten  Autoklav,  den  ersten,  der  in  Braunschweig  aufgestellt
wurde.  Der  Autoklav,  den  übrigens  bereits  im  Jahre  1874  auch
Braunschweiger  Fabriken  nach  verbessertem  System  zu  bauen  begannen, ­
  ist  ein  geschlossener  eiserner  Kessel,  in  dem  eine  —  durch
Manometer  angezeigte  —  Temperatur  von  über  100 0  erzielt  werden
kann.  Infolge  des  erhöhten  Druckes  werden  die  Gährungsbakterien
weit  sicherer  und  schneller  getötet,  so  daß  man  die  Dosen  im  Autoklav ­
  bei  weitem  nicht  so  lange  kochen  zu  lassen  nötig  hat,  als  im
offenen  Kessel.  Welche  Temperatur  man  beim  Autoklav  anwendet
—  im  allgemeinen  geht  man  nicht  unter  108 0  und  nicht  über  i2i°C
—  und  wie  lange  man  die  Dosen  kochen  läßt,  ist  Sache  der  Erfahrung. ­
  Bereits  1875  vergrößerten  Gebr.  Grahe  ihr  Etablissement
und  legten  Dampfanlagen  an.  Um  dieselbe  Zeit  begann  die  Maschinenfabrik ­
  R.  Karges  mit  der  Herstellung  von  Maschinen  für  Konservenfabriken ­
  und  richtete  nach  und  nach  die  meisten  bedeutenderen  alten
        <pb n="32" />
        und  die  neu  gegründeten  Betriebe  nach  Muster  der  französischen
Unternehmungen  fabrikmäßig  ein,  so  daß  heute  wohl  alle  größeren
Fabriken  mit  Dampfanlagen  versehen  sind.  Die  Aufwendung  eines
größeren  Kapitals  und  die  Einführung  von  Maschinen  in  Verbindung
uiit  anderen  technischen  Änderungen  im  Betriebe  waren  der  natürliche
Ausdruck  für  die  Tatsache,  daß  die  Herstellung  von  Konserven  sich
z u  einem  völlig  selbständigen  Industriezweig  entwickelt  hatte  und
nunmehr  im  großen,  d.  h.  fabrikmäßig  betrieben  wurde.  Die  Fabrikation ­
  war  nun  endgültig  aus  dem  Stadium  ihrer  Entwicklung  getreten, ­
  in  dem  sie  vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkte  aus  als
Nebenbetrieb  eines  anderen  Erwerbszweiges,  etwa  der  Landwirtschaft
oder  der  Klempnerei  anzusehen  war;  jetzt  war  für  die  größeren  Fabrikanten ­
  die  Konservenfabrik  vielmehr  der  Hauptbetrieb  und  dessen
Klempnerei  sowohl  wie  seine  bisweilen  recht  bedeutende  Spargelzucht
diente  nur  dazu,  ihm  Roh-  und  Hilfsstoffe  zu  liefern.  Dieser  Umstand ­
  trat  natürlich  nicht  überall  gleichzeitig  ein.  Von  den  Gewerbetreibenden, ­
  die  bis  dahin  Konserven  nur  nebenher  eingemacht  hatten,
ging  der  eine  früher,  der  andere  später  dazu  über,  sich  mehr  oder
weniger  ausschließlich  auf  die  Fabrikation  von  Konserven  zu  beschränken. ­
  Daneben  gab  es  eine  ganze  Anzahl  Handwerker,  besonders ­
  Klempner,  die  den  Betrieb  in  der  alten  Weise  fortsetzten,  teilweise ­
  wohl  bis  auf  den  heutigen  Tag.  So  wurden  namentlich  in  den
siebziger  Jahren,  aber  auch  später  noch  neue  Fabriken  gegründet.
Fast  alle  Klempnereien  und  sehr  viele  Private  begannen  Gemüse  einzukochen ­
  und  verschafften  sich  durch  den  Verkauf  ihrer  Erzeugnisse ­
  einen  erträglichen  Nebenerwerb.  Die  Zahl  dieser  kleineren  Betriebe ­
  läßt  sich  heute  nicht  mehr  feststellen.  Für  die  Entwicklung
der  Industrie  waren  sie  jedenfalls  nicht  von  Bedeutung,  die  Zukunft
gehörte,  das  war  damals  schon  klar,  dem  wirklichen  Fabrikbetriebe.
Wir  haben  uns  daher  nunmehr  nur  noch  mit  dieser  Form  des
damals  so  verheißungsvollen  Industriezweiges  zu  beschäftigen.
In  welchem  Verhältnis  die  Zahl  der  Konservenfabriken  im  Herzogtum ­
  Braunschweig  sich  in  den  letzten  30  Jahren  vermehrt  hat,  ersieht
tnan  aus  folgendem:  Bis  1870  waren  6  Fabriken  gegründet  worden..
Fw  Jahre  1882  weist  die  Gewerbestatistik  29  Betriebe  auf 1 ),  1907
bestehen  42  Fabriken  und  zwar  38  Haupt-  und  4  Nebenbetriebe.
Von  diesen  42  Fabriken  sind  gegründet  worden:

1)  Beiträge  zur  Statistik  des  Herzogtums  Braunschweig.  Herausgegeben  vom  Stat.
Bureau  d.  Herzogi.  Staatsminister.,  Heft  VI,  1886,  S.  139.
        <pb n="33" />
        22

vor  1860  2  Fabriken
1861  —1870  4  „
1871  —1880  6  „
1881  —1890  18  „
nach  1890  12
zusammen  42  Fabriken.
Die  weitaus  größte  Zahl  dieser  Fabriken  ist  in  der  Stadt  Braunschweig
  entstanden.  Als  sich  der  Spargelbau  jedoch  immer  mehr
ausdehnte  und  überall  im  Braunschweiger  Lande,  wo  geeigneter
Boden  vorhanden  war,  aufgenommen  wurde,  begann  man  auch  außerhalb ­
  der  Stadt  Braunschweig  Fabriken  anzulegen:  im  Kreise  Braunschweig ­
  in  Watenbüttel,  Wendeburg,  Neubrück,  Veltenhof,  Gliesmarode, ­
  Giersse,  ferner  Wolfenbüttel,  Hessen,  Königslutter,  Seesen,
Lutter  a./B.,  Gebhardshagen  und  Harlingerode,  aber  auch  in  den  benachbarten ­
  preußischen  Kreisen,  deren  wirtschaftliche  Lebensbedingungen ­
  von  denen  der  anliegenden  braunschweigischen  Kreise
nicht  verschieden  sind.  Im  ganzen  dürften  wohl  über  50  Konservenfabriken ­
  in  diesem  brauschweigischen  Wirtschaftsgebiet  liegen.
Die  42  im  Herzogtum  heute  bestehenden  Fabriken  verteilen
sich  in  folgender  Weise  auf  die  einzelnen  Kreise:

Stadt  Braunschweig  24
Kreis  „  7
„  Wolfenbüttel  6
„  Helmstedt  1
„  Gandersheim  4
„  Holzminden  —

„  Blankenburg-  —
zusammen  42
Der  größere  Teil,  der  seit  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  entstandenen ­
  Fabriken,  ist  in  der  Annahme  gegründet  worden,  daß  die
bestehenden  Unternehmungen  den  Bedarf  an  Konserven  nicht  zu
decken  vermögen,  und  daß  jedes  neue  Unternehmen,  bei  der  Ausdehnungs-
  und  Entwicklungsfähigkeit  dieser  jungen  Industrie  in
kurzer  Zeit  einen  verhältnismäßig  großen  Gewinn  abwerfen  würde.
Eine  kleinere  Anzahl  von  Gründungen  ist  auf  eine  gesunde  Unternehmungslust ­
  von  Landwirten  zurückzuführen,  die  in  dem  eigenen
Verarbeiten  ihrer  Rohprodukte  die  beste  Verwendung  derselben  erblickten ­
  und  auf  diese  Weise  ,außer  dem  Reinerträge  des  Anbaues,
den  Gewinn  der  Fabrikanten  zu  erzielen  hofften.  Einige  solcher
Fabriken  sind  als  Unternehmungen  genossenschaftlich  vereinigter
        <pb n="34" />
        23

Landwirte  entstanden  oder  doch  später  in  den  Besitz  von  Genossenschaften ­
  übergegangen  (z.  B.  Watenbüttel,  Wendeburg,  Neubrück,
Giersse).  Eine  einzelne  Firma  ist  mit  der  besonderen  Absicht  gegründet ­
  worden,  um  die  Einführung  der  bislang  in  England  fabrizierten ­
  Mixed-Pickles  und  Saucen  zu  versuchen,  eine  andere,  um  den
eigenen  großen  Bedarf  an  Konserven  in  einem  Delikatessengeschäft
zu  decken  und  die  Konkurrenz  der  Konservenfabriken  bei  der  Kundschaft ­
  der  Hoteliers  und  Restaurateure  zu  überwinden.  Wenn  trotz
dieser  zahlreichen  und  bedeutenden  Neugründungen  und  ihrer  erheblichen ­
  gegenseitigen  Konkurrenz,  die,  wie  die  nachfolgende  Tabelle
zeigt,  zum  Teil  ein  fortgesetztes  Fallen  der  Preise  zur  Folge  hatte,
die  Industrie  im  ganzen  mehr  und  mehr  emporblühte  und  die  Entwicklung ­
  bis  heute  als  eine  günstige  bezeichnet  werden  kann,  so  ist
das  ein  Beweis  für  die  große  Lebensfähigkeit  des  Industriezweiges.
(S.  Tabelle  S.  24.)
Bezüglich  der  Sortierung  der  Rohware  ist  für  die  drei  Hauptgemüsearten ­
  eine  fortgesetzte  Differenzierung  festzustellen.  Anfänglich ­
  gab  es  nur  je  eine  Sorte  Spargel,  Erbsen  und  Bohnen.  Vom
Spargelertrag  wurde  nur  der  feinste  Stangenspargel,  etwa  5o°/ 0
des  Spargelertrages  zur  Fabrikation  verwendet.  Heute  sortiert  der
Rohproduzent  den  Spargel  bereits  nach  drei  Qualitäten  (Prima-,
Sekunda-  und  Tertiaspargel).  Die  Konservenfabriken  unterscheiden
beim  Büchsenspargel  zwischen  Stangenspargel  und  Schnittspargel;
von  ersterem  gibt  es  etwa  io  Sorten,  von  letzterem  acht.  Außerdem
wird  dünner  Schnittspargel  als  Suppenspargel  konserviert;  grüne
Spargelköpfe,  Unterenden  und  Spargelspitzen  (Abschnitte)  sind  gleichfalls ­
  Versandartikel  geworden.
Bei  den  Erbsen  erhielt  man  die  verschiedenen  Qualitäten,  indem
man  dieselben  durchsiebte.  Die  Fabrikanten  unterscheiden  bei  ihnen
heute  etwa  fünf  Sorten,  bei  Stangenbohnen  zwei  Sorten  Schnittbohnen
und  fünf  Sorten  Brechbohnen.  Außer  den  Stangenbohnen  werden
seit  etwa  12  Jahren  auch  Krupp-  oder  Buschbohnen  konserviert.
Viele  Konservenfabriken  in  Braunschweig  beschränken  sich  auf
hie  Konservierung  dieser  drei  genannten  Gemüsearten:  Spargel,  Erbsen
und  Bohnen.  In  anderen  Braunschweiger  Betrieben  ist  man  jedoch
dazu  übergegangen,  auch  andere  Arten  von  Gemüsen,  allerdings
meist  in  geringeren  Mengen  einzumachen,  z.  B.  Karotten,  Kohlrabi,
Sellerie,  Rüben,  Spinat,  Blumenkohl,  Grünkohl,  Rosenkohl,  Wirsing,
Allerlei,  Tomaten  usw.  Ferner  werden  von  einzelnen  Fabriken
Pilze  (Champignons,  Steinpilze,  Pfifferlinge,  Morcheln),  Trüffeln  und
Soja,  in  Butter  zubereitete  Gemüse,  sämtliche  Kompottfrüchte,  Frucht-
        <pb n="35" />
        Engrospreise  für  Konserven  von  1872—1905  p.  1  kg.

Gegenstände

1872/76
M.

1883
M.

1888
M.

1892
M.

1894
M.

1896
M.

1898
M.

1900
M.

1901
M.

1902
M.

1903
M.

1904
M.

1905
M.

Stangenspargel,  ä  Dose,  22—24  Stangen

3.00

2.30

2.20

2.20

2.00

1.80

1.70

1.85

1-95

1.60

1.70

«•75

1.65

..  32—34  ..

-

—

—

—

1.60

1.50

i-35

1.65

«•75

«•35

1.50

1.50

«•35

..  ..  42—44

—

(.70

I.40

I.4O

I.40

1.30

115

i-45

«•55

1.20

1.30

«•35

1.20

Schnittspargel  I

1.80

1.30

1.20

1.20

1.30

1.25

«•«5

&amp;gt;■35

«■45

1.20

1.25

«■25

«■&amp;gt;5

&amp;gt;.  11

—

—

O.9O

1.00

I.IO

I.IO

105

1-25

«•35

1.00

1.15

I.IO

1.00

in

—

—

—

0,80

0.80

0.80

0.85

‘•°5

■•«5

0.80

1.00

1.00

0.90

Erbsen  I

2.00

•■5°

1.20

1.25

1.25

I.IO

1.00

‘■05

I.IO

1.00

I.IO

1.15

1.00

„11

i-5°

0.70

0.80

0.80

0.80

o-75

0.80

LO
00
d

0.85

0.80

vo
00
ö

0.85

■.85

„ui

—

—

0.65

O
CN
Ln

0.65

O.5O

0.50

o-53

0.52

0.50

0.50

0.50

0.50

Schnitt-  und  Brechbohnen  I  .  .  .  .

1.00

0
ON
Ln

0.50

0.50

0.45

o-45

0.40

O.42

0.42

0.38

0.40

0.42

o-35

„  »  II  ...  .

O.4O

3.38—0.30

°-33—°-3°

0.28

0.3  3

0.32

0.26

0.30

0.30

0.25

Auf  diese  Preise  werden  seit  1891  ungefähr  noch  5  —10  °/ 0  Rabatt  eingeräurat,  größere  Abschlüsse  werden  außerdem  noch  franko  und
inklusive  Kisten  geliefert.
        <pb n="36" />
        25

Säfte,  Marmeladen,  Pickles,  Pasteten,  Fischspeisen,  Suppen  und  endlich
auch  Fleischspeisen  (Braten,  Wild  und  Geflügel)  sowie  Würste  konserviert. ­

Die  ungefähre  Produktion  der  42  im  Herzogtum  Braunschweig
bestehenden  Fabriken  beträgt  ca.  15000000  Dosen.  Davon  entfallen ­
  auf

die  Stadt  Braunschweig
den  Kreis  „
„  „  Wolfenbüttel
„  „  Helmstedt
„  „  Gandersheim

9  625  000  Kilodosen
3360000
1  055  000
150000
710000  „
14  900  000  Kilodosen.

Diese  15000000  Dosen  werden  zum  allergrößten  Teile  von
den  Großbetrieben  hergestellt,  denen  gegenüber  die  Produktion  derjenigen ­
  Fabriken,  die  man  als  Kleinbetrieb  bezeichnet,  keine  Rolle
spielt.  Die  42  Fabriken,  heute  im  Großherzogtum  Braunschweig
nach  dem  Umfang  der  jährlichen  Produktion  angeordnet,  geben
folgendes  Bild:  Es  produzieren  im  Jahresdurchschnitt:

unter

50  000

Dosen

5

Fabriken

50000  bis

IOO  OOO

J3

6

33

100  000  „

200  OOO

33

IO

'»

200  OOO  „

500  000

33

12

3)

500  000  „  1

000  000

&amp;gt;5

7

33

über  1

OOO  OOO

33

2

53

42

Fabriken.

Der  Wert,  den  die  Gesamterzeugung  an  Konserven  darstellt,
läßt  sich  bei  der  Verschiedenheit  der  Qualitäten  nur  schwer  berechnen. ­
  Er  wird  von  Sachverständigen  auf  7—8  Mill.  M.  geschätzt.

b)  Die  Rohprodukte  der  Braunschweiger  Industrie  und  ihre
Beschaffung.
Mit  der  Erweiterung  der  Braunschweiger  Konservenindustrie
nehmen  auch  die  Gemüseflächen  in  und  um  Braunschweig  immer
mehr  zu.  Es  läßt  sich  nicht  genau  feststellen,  welche  Quanten  vom
erbauten  Rohgemüse  zur  Konservierung  verwendet  werden,  doch  kann
man  ungefähr  annehmen,  daß  2 /s  der  Gesamternte  von  Spargel,
Erbsen  und  Bohnen  zur  Konservierung  gelangen.  Die  später  folgende
Tabelle  zeigt  die  im  Durchschnitt  jährlich  zur  Verarbeitung  gelangenden ­
  Mengen  Gemüse,  die  die  x6  größten  und  maßgebenden
Braunschweiger  Fabriken  verbrauchen.  Das  Hauptprodukt  der  Braun ­
        <pb n="37" />
        26

schweigischen  Konservenindustrie  war  und  blieb  der  Spargel.  Die
Vorzüge  des  Braunschweiger  Konservenspargels  wurden  in  immer
weiteren  Kreisen  über  die  Grenzen  des  Herzogtums  hinaus  bekannt,
und  die  Nachfrage  steigerte  sich  mit  jedem  Jahre.  Die  Produktion
mußte  mit  dem  wachsenden  Bedarf  Schritt  halten.  Immer  neue
Kulturen  mußten  angelegt  werden,  immer  größer  wurde  die  Zahl
der  Spargelzüchter.
Längst  war  der  feldmäßige  Anbau  des  Spargels,  der  ursprünglich ­
  auf  den  „Bülten“ 1 )  beschränkt  war,  vor  allen  Toren  der  Stadt  in
Angriff  genommen  und  dann  allmählich  auf  die  Dörfer  ausgedehnt
worden.  Es  stellte  sich  heraus,  daß  der  ganze  Boden  der  Braunschweiger ­
  Gegend,  wohl  4  Stunden  im  Umkreise,  sich  für  die  Anlage
von  Spargel  vorzüglich  eignete.  Viele  große  und  kleine  Bauern  der
näheren  und  weiteren  Umgebung,  Eigentümer  wie  Pächter,  verwandelten ­
  deshalb  größere  oder  kleinere  Teile  ihres  bisherigen  Ackerlandes ­
  in  Spargelplantagen.  Dem  Charakter  der  Spargelkultur,  die
eine  sehr  intensive  Bewirtschaftung  verlangt,  entsprechend,  sind  die
Spargelfelder  des  einzelnen  Besitzers  in  der  Regel  nicht  sehr  umfangreich; ­
  im  Durchschnitt  umfassen  sie  etwa  15—20  Morgen.  Ein
Besitz  von  30—40  Morgen  ist  daher  schon  verhältnismäßig  groß.  Plantagen ­
  von  100  und  mehr  Morgen  gibt  es  nur  wenige;  dieselben  sind
fast  alle  im  Besitz  der  größeren  Konservenfabrikanten,  die  auf  diese
Weise  einen  Teil  ihres  Bedarfes  durch  eigene  Kulturen  decken;  der
größte  Braunschweiger  Spargelzüchter  ist  daher  wohl  immer  noch
Gustav  Grahe,  der  Spargelplantagen  von  einer  Größe  von  600  Morgen
besitzt.
Den  Übergang  zum  feldmäßigen  Spargelbau  vollzogen  die
Landwirte  natürlich  um  so  leichter,  je  mehr  in  ihren  Kreisen  die
wirtschaftlichen  Vorteile  bekannt  wurden.  In  der  Tat  gibt  es  kaum
ein  Gewächs,  welches  eine  bessere  und  sicherere  Rente  vom  Boden  zu
gewinnen  gestattet,  als  der  Spargel.  Es  wird  je  nach  der  Qualität
des  Bodens,  dem  Alter  der  Kultur,  der  Intensität  der  Bewirtschaftung
und  nach  den  Witterungsverhältnissen  von  einem  Morgen  Spargelland ­
  ein  Bruttoertrag  von  300,  400,  500  und  600  M.  (im  Durchschnitt
400  M.)  in  einem  Jahr  erzielt.  Die  Aussicht  eines  verhältnismäßig
hohen  Gewinnes  veranlaßte  übrigens  auch  viele  kleinere  Kapitalisten
aus  der  Stadt  Braunschweig  zu  Spargelkulturen.  Zahlreiche  Handwerker, ­
  Kaufleute  und  kleinere  Beamte  nahmen,  meist  gegen  hohen
Zins,  von  den  größeren  Grundbesitzern  der  Umgegend  einige  Morgen
Land  in  Pacht,  um  darauf  Spargelbau  zu  betreiben.
1)  Bülten  ist  eine  Feldfläche  in  der  Braunschweiger  Umgebung.
        <pb n="38" />
        27

Auf  diese  Weise  hat  sich  der  Spargelbau  in  der  Braun  Schweiger
Gegend  immer  mehr  ausgedehnt.  Die  folgende  Tabelle,  die  dem  Ergebnis ­
  der  vom  Herzoglichen  Staatsrainisterium  veranstalteten  Erhebungen ­
  über  die  Bodenbenutzung  entnommen  ist 1 ),  gibt  ein  anschauliches ­
  Bild  von  der  steten  Veränderung  der  Anbauflächen  des
Spargels,  der  Erbsen  und  Bohnen  in  den  einzelnen  Kreisen  des  Landes
in  den  Jahren  1878  —1900.  Nach  dieser  Berechnung  wurde  im
ganzen  Herzogtum  Braunschweig  im  Jahre  igoo  auf  2281,08  ha
Spargel  gezogen,  dagegen  im  Jahre  1893  nur  auf  1227,05  ha,  im
Jahre  1883  au f  609  ha,  1878  auf  323  ha.
(S.  Tabellen  S.  28—80.1
Die  heutige  Anbaufläche  von  Spargel  in  der  Braunschweiger
Gegend  wird  von  Sachverständigen  auf  Grund  von  Berechnungen,  die
der  Gemüsebauverein  angestellt  hat,  auf  etwa  6000  Braunschweiger
Morgen  (x  Morgen  =  3,99  ha),  der  Gesamtertrag  an  Spargel  auf
60000  Ztr.  im  Werte  von  ungefähr  2400000  M.  geschätzt,  während
1874  das  gesamte  Spargelland  auf  500  Morgen,  der  Gesamtertrag  auf
5000  Ztr.  berechnet  wurde.
Der  gewaltigen  Ausdehnung  der  Anbaufläche  und  des  Ertrages
entsprechend,  hat  sich  auch  die  Zahl  der  bei  der  Spargelfeldbewirtschaftung ­
  und  insbesondere  bei  der  Ernte  tätigen  Arbeitskräfte  außerordentlich ­
  vermehrt.  Wenn  im  Jahre  1874  etwa  500  Arbeiter  und
Arbeiterinnen  bei  der  Spargelernte  beschäftigt  waren,  so  beläuft
sich  heute  nach  Angaben  der  besten  Kenner  der  Sachlage  die  Zahl
der  in  den  Monaten  Mai  und  Juni  als  Spargelstecherinnen  angestellten
Frauen  und  Mädchen  auf  etwa  8000.  Diese  Masse  weiblicher  Arbeitskräfte ­
  läßt  sich  aus  der  Stadt  oder  näheren  Umgegend  nur  zum
kleinen  Teil  beschaffen,  zumal  die  Braunschweiger  Arbeiterinnen  die
viel  bequemere  und  lohnendere  Beschäftigung  in  den  Konservenfabriken ­
  entschieden  und  mit  Recht  vorziehen.  Die  Spargelanlagenbesitzer ­
  sind  daher  gezwungen,  sich  alljährlich  für  die  Erntezeit  weibliche ­
  Arbeitskräfte  aus  anderen  Gegenden,  aus  dem  Harze,  dem  Eichsfelde, ­
  auch  aus  Polen  kommen  zu  lassen.  Diese  Arbeiterinnen  werden
dann  zum  Teil  noch  bei  der  Erbsen-  und  Bohnenernte  als  Pflückerinnen
verwandt.

1)  Vgl.  Beiträge  zur  Statistik  des  Herzogtums  Braunschweig.  Herausgegeben  vom
Statistischen  Bureau  des  herzogl.  Staatsministeriums,  Heft  VI,  S.  55.  Die  Zahlen  für  1893
und  1900  wurden  vom  Vorstand  des  Statistischen  Bureaus  Braunschweig  in  liebenswürdiger
Weise  zur  Verfügung  gestellt.
        <pb n="39" />
        28

Anbaufläche  von  Spargel,  Erbsen  und  Bohnen
im  Herzogtum  Braunschweig.

Kreis

Amtsgerichtsbezirk

im
Jahre

Es

wurden  bestellt  mit

Spargel
ha

Erbsen
ha

Bohnen
ha

Braunschweig  .  .  .

1878

174

8

1

1883

246

8

i7

1893

247,39

29,40

15,96

1900

415,84

23,14

25,59

Riddagshausen  .  .  .

1878

78

584

14

1883

197

41g

2

&amp;gt;

1893

608,94

255.75

42,2g

o

IQOO

1068,99

249,07

99.71

c

Vechelde

1878

43

140

4

ci

1883

&amp;gt;25

70

3

CQ

1893

260,47

3i,59

32,10

1900

583,46

122,98

80,02

Rhedinghausen  .  .  .

1878

—

44

IO

1883

—

4 1

12

1893

0,13

37,90

7,79

1900

—

3',i7

9,25

In  Summa  .  .

1878

295

776

29

1883

568

538

34

1893

1116,93

354,64

98.13

1900

2068,2g

426,36

214.57

W  olfenbüttel....

1878

15

74i

62

1883

16

444

6

1893

54.03

129,28

111,67

1900

63,37

82,99

93,65

Schöppenstedt

1878

—

521

9

&amp;lt;u

1883

—

358

I

1893

—

94,88

5

1900

—

64,87

0.77

&amp;lt;D
u_(

Salder

1878

1

304

5  7

o

1883

—

76

18

£

1893

0,30

27.4 1

10,11

1900

o,°3

59,53

22,53

Harzburg

1878

—

117

1

1883

—

93

—

1893

—

105,28

125

1900

—

74,80

—

In  Summa

1878

16

1683

129

1883

26

971

25

1893

54,33

356,84

128,03

1900

63,90

282,19

116,95
        <pb n="40" />
        29

Amtsgerichtsbezirk

Es

wurden  bestellt

mit

Kreis

Jahre

Spargel

Erbsen

Bohnen

ha

ha

ha

Helmstedt  ....

1878

2

190

2

1883

5

163

7

1893

5,69

98

3,03

1900

25,24

62

—

Schöningen  ....

1878

—

375

5

1883

—

217

2

1893

—

125,83

i,5°

1900

—

78,50

1,25

o&amp;gt;

Königslutter  ....

1878

5

468

6

ui

1883

13

359

4

s

1893

44,90

"3,59

10,76

tc

1900

94,25

104,34

15,35

Calvörde

1878

—

2  I

1

1883

1

7

—

1893

—

58,68

o,75

1900

—

32,25

12,58

Versfelde

1878

1

429

6

1883

1

318

I

1893

4.95

371.65

2

1900

29,40

425,17

2,97

In  Summa  .  .

1878

8

»483

20

1883

20

1064

14

1892

55,54

768,72

17,04

1900

148,89

702,26

32,15

Gandersheim  ....

1878

—

I42

4

1883

2

102

3

1893

—

60,54

5.50

1900

—

46,27

15,"

Seesen

1878

2

159

2

£

1883

—

84

—

1893

—

20,92

2,13

rC
Ui

1900

—

21,80

1,38

0&amp;gt;
'Ö

Lutter  a.  B

1878

—

205

3

ö

1883

•

136

—

O

1893

—

123,76

6,38

1900

—

99,68

5,88

Greene

1878

—

92

1

1883

—

60

—

1893

—

59,31

30,74

1900

—

32,28

8.75

In  Summa  .  .

1878

2

598

10

1883

2

382

3

1893

—

264,53

44,75

1900

200,03

31.13
        <pb n="41" />
        3°

Kreis

Amtsgerichtsbezirk

im
Jahre

Es

wurden  bestellt  mit

Spargel
ha

Erbsen
ha

Bohnen
ha

Holzminden  ....

1878

1

132

1883

1

106

—

1893

—

74.30

3.99

1900

—

43.39

2,04

Stadtoldendorf  .  .  .

1878

—

100

—

1883

—

72

—

D

1893

—

49,33

7,04

1900

—

19.54

1,61

i
N

Eschershausen

1878

238

1

o

1883

1

164

1

1893

—

48,37

15,03

1900

—

27,99

—

Ottenstein

1878

145

—

1883

—

118

—

1893

—

85.49

0,81

1900

~

31,80

0,13

In  Summa

1878

,

615

1

1883

2

460

1

1893

—

257-49

26,77

1900

122,72

3,48

Blankenburg  ....

1878

I

313

22

1883

I

320

28

1893

0,25

121,76

25,50

1900

—

99.65

30,57

tuO

Hasselfelde  ....

1878

—

119

—

a

1883

—

ii 4

—  '

ja

1893

—

92.67

—

c

1900

'  —

52,7s

—

K

Walkenried  ....

1878

_

5

—

1883

—

1

—

1893

—

1,75

0,10

1900

1

ln  Summa

1878

I

437

22

1883

I

435

28

1893

0,25

216,18

25,60

1900

153,40

30,57

Summa  im  Herzogtum

Braunschweig  .  .

1878

323

5592

211

1883

609

3850

105

1893

1227,29

2218,40

340,3z

1900

2281,08

1886,96

429,15
        <pb n="42" />
        3i

Die  Sorge  für  den  Absatz  ihrer  Produkte  ist  für  die  Spargelzüchter ­
  keine  schwere.  Der  größte  Teil  des  Rohspargels  wird  von
den  Konservenfabrikanten  verbraucht,  die  meist  schon  im  Winter,  wie
noch  ausführlich  folgen  wird,  mit  den  Rohproduzenten  Lieferungen
abschließen.  Der  zum  Versand  gelangende  frische  Spargel  wird,  soweit ­
  er  nicht  in  der  Stadt  Braunschweig  direkt  an  die  Konsumenten
abgegeben  wird,  an  Großhändler  geliefert,  die  ihn  dann  ihrerseits  an
Kleinhändler,  Delikatessengeschäfte,  Hoteliers  usw.  vertreiben.  Die
größten  Abnehmer  des  Braunschweiger  frischen  Spargels  sind  die
großen  Städte,  soweit  sie  wie  Berlin,  Leipzig,  Hamburg,  innerhalb
einer  gewissen  Entfernungsgrenze  Hegen,  so  daß  der  frische  Spargel
bei  Eilgutversendung  unverdorben  am  Lieferungsort  ankommt.  Indessen ­
  wird  auch  an  weiter  entfernte  Orte  Spargel  versandt,  zum  Teil
sogar  über  die  See,  z.  B.  nach  Kopenhagen.  Doch  leidet  der  Spargel,
der  dann  mehrere  Tage  unterwegs  ist,  allerdings  durch  den  Versand.
Bereits  im  Jahre  1868  hat  sich,  zur  Erleichterung  des  Absatzes,  ein
Teil  der  Spargelzüchter  der  Braunschweiger  Umgegend,  auf  Veranlassung ­
  von  Th.  Bültemann,  zu  einer  Aktienspargelbaugesellschaft  zusammengeschlossen, ­
  durch  die  der  Absatz  und  Versand  von  Rohspargel ­
  einheitlich  betrieben  wurde.  Diese  Gesellschaft  verarbeitete
bis  zum  Jahre  1874  ihre  Produkte  selbst  zu  Konserven,  während  sie
in  den  späteren  Jahren  meist  an  die  Braunschweiger  Konservenfabriken ­
  lieferte.  Durch  die  genannte  Gesellschaft  werden  jährlich  die
Erträge  von  600  Morgen  Spargel  im  Werte  von  240000  M.  verkauft.
Wie  bereits  erwähnt,  wurden  schon  seit  den  sechziger  Jahren
auch  Erbsen  und  Bohnen  von  den  Braunschweiger  Fabriken  konserviert. ­
  Wie  seinerzeit  der  Spargel,  so  wurden  auch  diese  Gemüse
damals  nur  in  verhältnismäßig  geringen  Mengen  gezogen  und  die
Konservenfabrikanten  mußten,  bei  der  steigenden  Nachfrage  nach
Konservenerbsen  und  -Bohnen,  die  Bauern  der  Umgegend  fortgesetzt
zum  Anbau  dieser  Gemüse  veranlassen.  Allmählich  jedoch  gewöhnte
sich  die  ländliche  Bevölkerung  daran,  diese  Gemüse  in  größerem
Maßstabe  zu  ziehen,  zumal  damit  früher  ein  Bruttoertrag  von  ca.  400
bis  600  M.  pro  Morgen  (40—60  Zentner  Bohnen,  25—30  Zentner
Erbsen)  erzielt  werden  konnte.  Später  nahm  jedoch  der  Erbsenbau
infolge  der  fortgesetzten  Erweiterung  des  Spargelanbaues  wieder  ab;
er  ging  nach  der  oben  erwähnten  Statistik  der  Bodenbenutzung  in
den  fünfzehn  Jahren  von  1878—1893  sogar  um  die  Hälfte  zurück,
eine  Tatsache,  die  jedoch  zum  Teil  auch  auf  den  erheblichen  Rückgang ­
  der  Schafzucht,  bei  der  Erbsen  zu  Futterzwecken  reichliche
Verwendung  finden,  zurückzuführen  sein  dürfte.  Immerhin  decken
        <pb n="43" />
        32

die  Konservenfabrikanten  den  größten  Teil  ihres  Bedarfes  noch  immer
im  Braunschweiger  Lande,  um  so  lieber,  als  die  Braunschweiger  Erbse
sowohl  wie  die  Bohne  an  Qualität  hinter  der  süddeutschen  keineswegs
zurücksteht.
Um  die  Hebung  des  Gemüsebaues,  insbesondere  des  Spargelbaues ­
  im  allgemeinen,  hat  sich  der  Braunschweiger  Gemüsebau  verein,
zu  dem  sich  im  Jahre  1885  die  Gemüsebauer  der  Umgegend  zusammengeschlossen ­
  haben,  große  Verdienste  erworben.  Als  seine
Hauptaufgabe  betrachtete  es  der  Verein,  das  Interesse  der  Produzenten ­
  den  Händlern  und  Konservenfabrikanten  gegenüber  wahrzunehmen. ­
  Er  richtete  sein  Augenmerk  dabei  vor  allem  auf  die  Erzielung ­
  einheitlicher  Preise  und  einheitlicher  Sortierung.  In  erster
Beziehung  gelang  es  dem  Verein  in  der  Tat  bald,  die  Preise  für  Gemüse ­
  einheitlich  und  —  den  Fabrikanten  gegenüber  —  einseitig  festzusetzen. ­
  Infolgedessen  sahen  sich  die  Fabrikanten  nach  den  für  die
Konservenindustrie  überaus  ungünstigen  Jahren  1893  und  1894/),  im
Winter  1894/95  veranlaßt,  sich  gleichfalls  zu  einer  Vereinigung  („Vereinigte ­
  Konservenfabriken  Braunschweigs  und  Umgegend“)  zusammenzuschließen, ­
  um  in  der  Lage  zu  sein,  bei  der  Feststellung  der  Preise
für  das  Rohprodukt  mitzuwirken.
Nach  den  Angaben  einiger  Braunschweiger  Fabrikanten  und
des  Braunschweiger  Gemüsebauvereins  gestalteten  sich  die  Preise  für
Rohgemüse  in  den  Jahren  1885—1905  folgendermaßen:
(S.  Tabellen  S.  33  u.  34.)
Die  nachfolgende  Tabelle  (S.  35)  gibt  eine  Übersicht  über  den
Durchschnitts-Gemüseverbrauch  der  16  größten  und  maßgebenden
Konservenfabriken  in  Braunschweig,  die  100  Arbeiter  und  mehr  beschäftigen. ­
  Die  meisten  dieser  Fabriken  haben  eigene  Landwirtschaft,
beziehen  aber  trotzdem  aus  großen  und  kleinen  landwirtschaftlichen
Betrieben  noch  erhebliche  Mengen  Gemüse.  Die  größte  Konservenfabrik ­
  in  Braunschweig,  die  Firma  Max  Koch,  verarbeitet  im  Durchschnitt ­
  17  250  Zentner  Spargel,  die  auf  einer  Feldfläche  von  1  350  Morgen
gezogen  werden.  Hiervon  bewirtschaftet  die  Firma  selbst  200  Morgen
Spargelland,  während  420  Spargellieferanten  die  übrige  Fläche  für
die  Firma  anbauten.  Das  Höchstquantum  Erbsen,  das  die  Firma  im
Jahre  1905  verarbeitete,  betrug  19000  Zentner,  die  von  einer  Feldfläche ­
  von  400  Morgen  geerntet  wurden.  Der  eigene  Erbsenanbau

1)  In  den  Jahren  1894  und  1895  standen  die  Verkaufspreise  so  wenig  im  Verhältnis
zu  den  Einkaufspreisen,  daß  Stangenspargel  und  Erbsen  weit  unter  Selbstkostenpreis  abgegeben ­
  wurden  und  andere  Artikel  ohne  nennenswerten  Nutzen  verkauft  werden  mußten.
        <pb n="44" />
        33

Preise  für  Rohspargel.

Im  Jahre

Sorte  la

Sorte  II  a

Sorte  lila

Bemerkungen

p.Pfd.  in  Pf.

p.  Pfd.  in  Pf.

p.Pfd.  in  Pf.

1885

65

3°

bei  schwacher  Sortierung

1886

62

3 1  2

—

1887

6x

40

20

ff  yi  ff

1888

6l

38

20

1889

58

38

18

ff  ff  ff

1890

55

35

15

„  „  „

1891

58

38

*5

ff  ff  ff

1892

55

35

15

ff  &amp;gt;&amp;gt;  ff

•893

55

35

■5

&amp;gt;894

55

38

17

»&amp;gt;  »»  ff

&amp;gt;895

45

35

l6

,,  verschärfter  ,,

1896

45

35

■5

ff  ff  &amp;gt;»

1897

45

35

15

1898  h

47

38

18

„  weniger  scharfer  Sortierung

«899

5°

40

20

ff  ff  ff  ff

1900

53

43

23

1»  ff  ff  ff

1901

58

45

25

1»  ff  ff  ff

1902

40

2 5

10

ff  ff  ff  ff

I 9°3

45

3°

15

ff  ff  ff  ff

1904

45

3i

iS

ff  ff  ff  ff

J 905

45

3i

15

ff  ff  ff  ff

Preise  für  Erbsen  in  den  Jahren  1885—1905.

Im  Jahre

Erbsen  gestiefelt 2 )

Erbsen  ungestiefelt

Preis  pro  Pfund
in  Pfennigen

Preis  pro  Pfund
in  Pfennigen

1885

8

5

1886

8.5

6

1887

9

6

1888

9

6,5

1889

8,5

5

1890

8,5

5

1891

8,5

5

1892

8

5

1893

8,5

6

1894

8,5

6

1895

8

5

1896

8

5

189/

8

5

1898

8,5

5,5

1899

8,5

5,5

1900

9

6

1901

9

6,5

1902

8

5

1903

8,5

5

1904

8.75

5,25

1905

8,75

5,25

1)  Vom  Jahre  1898  ab  verstehen  sich  die  Preise  frei  Konservenfabrik.
2)  Erbsen  gestiefelt,  bedeutet,  an  Stangen  gezogen.  Erbsen  ungestiefelt  sind  Felderbsen.
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  IY,  Heft  3.  3
Wagner,  Konserven  und  Konservenindustrie  in  Deutschland.
        <pb n="45" />
        34

Preise  für  Bohnen  in  den  Jahren  1885—1905.

Im  Jahre

Krupbohnen  *)

Butterbohnen

Perlbohnen

Wachsbohnen

Preis  p.  Pfd.
in  Pf.

Preis  p.  Pfd.
in  Pf.

Preis  p.  Pfd.
in  Pf.

Preis  p.  Pfd.
in  Pf.

1885

6.5

_

12

1886

5

—

—

I  I

1887

6

—

—

12

1888

5.5

—

—

IO

1889

5

9

IO

9

1890

5

8,5

9

8,5

1891

5

8

9

8

1892

5

8

9

8

1893

5

8

9

8

1894

5

8

9

8

1895

5

8

9

8

1896

5

8

9

8

1897

5

8

9

8

1898

4

8

8

8

1899

5

9

IO

IO

1900

5

9

II

IO

1901

5

IO

II

IO

1902

4

8

9

8

1903

4

9

IO

9

1904

4,5

9,5

11

IO

1905

5

9

IO

IO

betrug  126  Morgen.  350  landwirtschaftliche  Betriebe  bewirtschafteten
die  übrige  Fläche.  Bohnen  verarbeitet  die  genannte  Firma  im  Durchschnitt ­
  jährlich  12000  Zentner  von  einer  Feldfläche  von  200  Morgen
stammend.  Jährlich  werden  von  der  Firma  selbst  90  Morgen  Bohnen
angebaut,  während  212  Bohnenlieferanten  die  übrigen  11  o  Morgen
Feld  bewirtschaften.  An  landwirtschaftlichen  Arbeitern  werden  zum
Spargelbau,  während  der  Ernte  vom  1.  Mai  bis  1.  Juli,  auf  je  zwei
Morgen  drei  Personen  beschäftigt,  somit  bei  20  000  Morgen  Spargelfläche ­
  der  Braunschweiger  Gegend  30  000  meist  weibliche  Personen.
Außerdem  werden  nach  der  Spargel  ernte  zum  Düngen;  Reinigen  und
Aufgraben  der  Wege,  sowie  Aufarbeiten  der  Anlage,  Abmähen  des
Spargelkrautes 1  2 )  und  vor  der  Ernte  im  April  während  ca.  acht  Wochen
pro  Morgen  je  1  Person  beschäftigt,  daher  bei  20000  Morgen
20000  Personen.  —  Während  der  14  tägigen  Erbsenernte  beschäftigt
die  obengenannte  Firma  ca.  800  Feldarbeiterinnen  zum  Erbsenpflücken.
1)  Unter  Krupbohnen  werden  gewöhnliche  Busch-  oder  Feldbohnen  verstanden,
während  die  anderen  Sorten  meist  an  Stangen  gezogen  werden.
2)  Das  Abmähen  und  Verbrennen  des  Spargelkrautes  nach  der  Ernte  ist  in  Braunschweig ­
  durch  gesetzliche  Vorschrift  geboten,  um  hierdurch  den  im  Spargelkraut  befindlichen
Spargelkäfer  resp.  Spargelfliege  zu  töten,  welche  bei  starker  Vermehrung  sehr  leicht  für  den.
Spargelbau  von  verheerender  Wirkung  sein  können.
        <pb n="46" />
        Stadt

Im  Durchschnitt  pro  Jahr

Diverse
Gemüse

Hierzu
wurden
angebaut

Diese  werden
bezogen  aus
wieviel

In  der  Kampagne
werden  in  der  Fabrik
beschäftigt  als

Mit
Heimarbeit
(Spargelschälen, ­


Lohnsatz
der
weiblichen
Arbeiter
pro  Tag

Durchschnitts ­
 ­

der  Heim-Braun

  schweig

Spargel

Bohnen

Erbsen

in
preuß.

landwirtschaftlichen ­


ständige

Arbeiter

ßohnenabfädeln)


arbeiter
jei  Akkord

Morgen

Betrieben

werden

Zentner

Zentner

Zentner

Zentner

männlich

weiblich

beschäftigt

M.

M.

Betrieb

l  .  .  .

2  OOO

2  400

2  4OO

3  000

300

90—100

8

60—70

30

1.5°

2.00—3.OO

2  .  .  .

9  000

11  000

I  2  OOO

4  000

Ln
O
O

5°°

30

200

120

1.60—2.00

bis  2.00

»&amp;gt;

3  ■  •  •

4  000

4  000

7  OOO

2  000

600

3°°

l6

t 4 o

IOO

I.50—2.00

verschieden

}}

4  .  .  .

6  000

10  000

6  000

5  000

1000

200

8

150

200

1.50

2.—

5  •  •  •

4  000

6  000

5  000

11  000

600

25

12

60

—

O
q
T
0
1-0

—

,,

6  .  .  .

2  OOO

3  000

3  000

2  000

0
0
LO

IOO

IO

150

bis  150

1.60

1.50—2.00

&amp;gt;  j

7  •  •  ■

5  OOO

4  000

4  000

2  000

244

85

l6

80

180

'•5°

1.20—1.50

»&amp;gt;

8  .  .  .

2  OOO

5  o°°

4  5°o

1  700

900

170

8

I40

O
u-&amp;gt;
T
0

1,50—1.80

1.50—2.5°

9  •  •  •

900

1  000

1  200

3  000

150

7°

5

40

verschieden

bis  2.—

bis  2.00

IO  .  .  .

17  200

12  000

18  000

8  000

3000

900  und
eigene  Felder

40

250

200

1.60—2.00

„  2.50

II  ...

I  4OO

3  000

2  000

I  OOO

200

80

4

60

40

1.60

1.00—2.00

12  .  .  .

1  600

2  000

800

I  200

233

40

6

80

—

1.50

—

..

13  •  •  •

2  300

6  000

4  000

3  000

320

7°

8

90

—

1.60

—

14  .  .  .

4  OOO

3  000

3  500

2  OOO

200

60

5

40

3°

1.40—1.70

2.—

»)

15  .  .  .

I  100

2  000

3  000

I  OOO

I  IO

90

4

3°

—

I -5°

—

&amp;gt;»

l6  .  .  .

500

1800

2  400

2  300

24O

70

8

27

40

1.50—1.80

1.50
        <pb n="47" />
        36

Die  Gemüsebauern  sind  zum  großen  Teil  Mitglieder  des  genannten
Braunschweiger  Vereins  für  Gemüsebau;  die  Konservenfabrikanten
haben  sich  zum  Verein  der  Konservenfabrikanten  Braunschweigs  und
Umgegend  zusammengetan.  Diese  beiden  genannten  Vereinigungen
haben  nun  für  ihre  Mitglieder  gemeinschaftliche  Lieferungsverträge
ausgearbeitet,  die  die  Preise,  die  Quantitäten  und  Qualitäten  der  einzelnen ­
  Gemüse,  die  Zahlungs-  und  Annahmebedingungen  und  die  Entscheidung ­
  bei  Differenzen  genau  bestimmen  und  nach  denen  Anbauer,
wie  Fabrikanten  Abschlüsse  machen.

c)  Die  deutschen  Gemüsekonservenfabriken.
Die  in  Deutschland  bestehenden  Dosengemüse-  und  Dörrgemüsefabriken ­
  verteilen  sich  auf  die  preußischen  Provinzen  resp.  auf  die
einzelnen  Bundesstaaten  folgendermaßen:

Dosengemüse-Fabriken


Dörrgemüse-Fabriken


Summa

Provinz  Ostpreußen

—

,,  Westpreußen

2

—

2

„  Brandenburg

12

4

16

„  Pommern

1

1

2

„  Posen

2

2

4

„  Schlesien

2

3

5

„  Sachsen

19

2

21

„  Schleswig-Holstein  .  .  .

3

—

3

„  Hannover

15

4

19

„  “Westfalen  '

—

—

,,  Hessen-Nassau  ....

4

1

5

„  Rheinland

4

i

5

Königreich  Bayern

14

3

17

„  Sachsen

9

4

13

„  Württemberg....

4

2

6

Großherzogtum  Baden

3

—

3

„  Hessen  ....

11

—

I  I

„  Mecklenb.-Schwerin

I

1

I

,,  Mecklenb.-Strelitz  .

I

—

—

„  Sachsen-Weimar

—

1

I

„  Oldenburg

3

—

3

Herzogtum  Sachsen-Meiningen  .  .

—

—

—

„  Koburg-Gotha  .  .  .

I

—

I

„  Anhalt

s

—

5

Fürstentum  Reuß  ä.  L

I

—

I

„  Reuß  j.  L

3

—

3

Herzogtum  Braunschweig.

42

—

42

Freie  Stadt  Lübeck

7

1

8

„  ,,  Bremen

2

—

2

,,  „  Hamburg

2

—

2

Reichsland  Elsaß-Lothringen

14

—

14

Fürstentum  Lippe

I

—

I

Summa

188

29

217
        <pb n="48" />
        37

Die  Topographie  der  Gemüsekonservenindustrie  in  Deutschland
läßt  folgende  allgemeine  Schlüsse  zu;
Die  Verbreitung  der  Gemüsekonservenindustrie  richtet  sich  in
gewissem  Sinne  nach  den  landwirtschaftlichen  Verhältnissen  und  den
Eigenschaften  der  Bevölkerung  der  einzelnen  Reichsteile.  Im  allgemeinen ­
  hat  die  Gemüsekonservenindustrie  in  Mittel-  und  Südwestdeutschland ­
  am  kräftigsten  Fuß  gefaßt,  während  der  Osten  nur  vereinzelte ­
  Betriebe  aufweist.  In  bestimmten  Gegenden  haben  gute
Vorbedingungen  für  die  Entwicklung  der  Gemüsekonservenindustrie
gleichartige  Unternehmungen  in  größerer  Anzahl  entstehen  lassen.
Eie  größte  Anzahl  von  Betrieben  hat  Braunschweig  aufzuweisen,
sodann  folgen  der  Zahl  nach  Sachsen,  Hannover,  Bayern  und  Elsaß-Lothringen.

Was  die  Unternehmungsformen  der  einzelnen  Betriebe  betrifft,
so  ist,  wie  die  nachstehende  Tabelle  beweist,  die  Zahl  der  Aktiengesellschaften ­
  noch  unverhältnismäßig  schwach  vertreten.  Eigenartig,
aber  durch  die  Natur  gegeben,  ist  andrerseits  der  starke  Prozentsatz,
der  auf  genossenschaftlichen  Grundlagen  arbeitenden  Betriebe.  Vor
allem  herrscht  die  Einzelunternehmung  vor.

Arten  der  Unternehmung  ,

Dosengemüse-Fabriken


Dörrgemüse-Fabriken


Summa

Einzelunternehmung

139

'9

is«

Kommanditgesellschaft  ....

4

I

5

Aktiengesellschaft

9

4

■3

Gesellschaft  m.  b.  H.  .

3i

4

35

Eingetr.  Genossenschaft  ....

5

I

6

Summa

188

29

217

Ähnlich  wie  in  Braunschweig  hat  sich  auch  die  Gemüsekonservenindustrie ­
  im  übrigen  Deutschland  entwickelt  und  ausgedehnt.
Die  nachfolgende  Tabelle  bringt  eine  Übersicht  über  den  Verbrauch
der  Rohgemüse,  die  Produktion  und  die  Arbeiterverhältnisse  der
übrigen  Dosengemüsefabriken  in  Deutschland,  die  mindestens  je  100
Arbeiter  beschäftigen.
(S.  Tabelle  S.  38  n.  39.)
Da  die  Dosengemüsefabrikation  und  die  Dörrgemüseindustrie
sich  in  sehr  wesentlichen  Punkten  voneinander  unterscheiden,  ist  es
nötig,  diese  voneinander  getrennt  zu  behandeln.  Da  wir  auf  die
Dörrgemüseindustrie  im  nächsten  Abschnitt  ausführlich  eingehen  werden,
so  sind  in  den  beiden  Tabellen  über  den  Gemüseverbrauch  und  die
Produktion  sowohl  für  Braunschweig,  wie  für  das  übrige  Deutschland
bisher  nur  Dosengemüsefabriken  angeführt  worden.
        <pb n="49" />
        9

-  38  -

Die  größeren  Dosengemüsefabriken ­
  im
übrigen  Deutschland

Im  Durchschnitt  werden  pro  Jahr  verarbeitet
in  Zentnern

Hierzu
werden
angebaut
in  preuß.
Morgen
ca.

Spargel

Bohnen

Erbsen

Diverse
Gemüse

Betrieb  i

5000

5  000

4  000

2  500

800

„  2  .  .  .

3000

6  000

16  000

0
0

920

..  3  •  •  •

IOOO

2  000

2  000

1300

220

..  4  •  •  ■

2500

I  9OO

4  000

I  IOO

450

„  5  ■  •  •

3000

1500

2  000

600

560

„  6  .  .  .

3000

1  800

4  000

80

250

„  7  •  •  ■

2000

2  500

2  000

800

280

„  8  .  .  .

1500

10  000

15  000

9  000

IOOO

„  9  •  •  •

2500

2  500

4  000

10  000

400

„  IO  .  .  .

3000

9  000

10  000

3  000

IOOO

„  II  .  .  .

600

1  000

1  700

300

125

„  12  .  .  .

IOOO

2  500

2  000

3  000

320

„  13  •  •  •

1200

3  800

4  000

700

340

„  14  .  .  .

IOO

1500

900

500

180

„  15  •  •  •

1500

2  000

5  000

600

260

„  l6  .  .  .

300

IOO

1  200

3  000

120

„  17  .  .  .

IOO

1  000

4  000

4  600  &amp;lt;

?

18  .  .  .

2000

3  000

8  000

4  900

IOOO

„  19  .  .  .

500°

8  000

12  OOO

2  000

IOOO

„  20  .  .  .

600

I  OOO

3  000

23  000

400

„  21  .  .  .

2000

I  OOO

I  200

4  200

300

„  22  .  .  .

35°o

5  000

7  000

4  000

500

»  23  ■  ■  •

4000

7  000

8  000

3  000

IOOO

„  24  .  .  .

2000

2  000

6  000

20  000

380

»  25  .  .  .

800

1  000

I  200

900

150

„  26  .  .  .

200

4  000

2  OOO

1  000

120

„  27  .  .  .

600

5  °°°

I  OOO

6  000

145

„  28  .  .  .

IOOO

3  200

300

3  5 00

?

„  29  .  .  .

&amp;lt;_n
O
O

13  848

1  834

36  181

2000

„  JO  .  .  .

300

3  000

500

16  500

‘45

77  3  1

400

3  200

I  200

5  3°o

‘3°

„  32  •  •  •

IOOO

1  200

10  OOO

5  000

800

,,  33  •  •  -

4000

5  000

1  600

I  OOO

‘So

,,  34  •  •  •

1200

2  800

5  000

3  000

450

35  •  •  ■

2500

6  000

4  600

8  000

300

36  •  ■  .

O
O
LT&amp;gt;

3  000

600

6  000

200

37  •  •  •

IOO

10  400

1  200

4  000

IOOO

i)  Dieser  Durchschnittsverdienst  der  Heimarbeiter  erscheint  deshalb  hoch,  weil  die
in  Wirklichkeit  oft  mehrere  Mitglieder  der  Arbeiterfamilie  dabei  helfen  und  sich  so  auch
        <pb n="50" />
        39

Die  Gemüse
werden
bezogen
aus  wieviel
landwirtschaftl.
Betrieben

In  der  Kam]
in  der  Fabrik
Arbeiter  1
männl.

&amp;gt;agne  werden
als  ständige
beschäftigt
weibl.

Mit
Heimarbeit
werden
beschäftigt

Lohnsatz
der
weiblichen
Arbeiter
per  Tag
M.

Täglicher
Durchschnittsverdienst ­
  der
Heimarbeiter
bei  Stücklohn 1 )
M.

800

31

98

120

i-5°

150

2

8

80

120

1.60

t.6o

306

6

40

IOO

'•5°

1.00  —  2.00

200

I  I

150

150

i-75

1.75—2.00

220

7

90

120

i-75

1.00—2.00

20

8

50

IOO

1.60

•G
Ul
i
b
0

80

8

35

120

2.—

t-n
O
1
N
b
0

20

35

130

300

2.—

1.20

200

8

80

IOO

i-75

I.50—2.00

300

3°

400

0

t.8o

—

*5°

4

40

0

1.50

—

iS

6

40

0

t.6o

—

300

30

120

75

I.

1.20

300

4

32

60

1.50

1.50

IOOO

IO

55

180

2.50

2.00

50

8

90

0

1.80

—

?

45

150

0

i.6o

—

2 5°

20

15°

50

2.—

1.25—2.50

IOO

3°

220

IOO

1.50

1.50

?

4

60

120

1.50

i-75

200

12

120

160

I.40

1.00

5°

20

50

150

i- 2 5

1.00

500

25

220

200

1.3°

1.20

160

8

25

350

1.00—3.00

1.20

p

IO

5°

160

130

1.00

?

6

20

IOO

1.60

1.20

50

5

60

130

0
GO
T
0
10

1.50

?

3

20

50

—•75—'- 2 5

1.5°

?

20

180

200

I.4O

I.50—2.00

?

10

60

120

r.6o

1.50

?

3

20

5°

1.50

1-25

?

5

3°

60

1.40

bis  1.50

300

15

IOO

120

1.50

1.—

IOO

8

IOO

IOO

1.80

bis  1.20

200

IO

60

IOO

1.80

1.00

?

5

50

80

1.60

1.00

80

iS

140

150

1.40

bis  1.00

betreffenden  Quanten  Gemüse  von  der  Fabrik  nur  je  einer  Person  zugeteilt  werden,  während
der  Verdienst  oft  teilt.
        <pb n="51" />
        40

Die  Fabrikation  und  die  Beschaffung  der  Rohmaterialien  ist  in
'  den  übrigen  deutschen  Konservenfabriken  genau  dieselbe  wie  in
Braunschweig.
d)  Die  deutsche  Dörrgemüseindustrie.
Bei  der  Herstellung  von  Dörrgemüsen  liegen  ganz  andere  Verhältnisse ­
  vor,  als  bei  der  Dosengemüsefabrikation.  Hier  fällt  vor
allem  der  Spargel,  das  Hauptprodukt  der  Dosengemüseindustrie,  weg.
Bei  der  Fabrikation  von  Dörrgemüsen  kommt  es  darauf  an,  die  billigeren ­
  Gemüse,  die  die  Dosengemüse  teils  wenig,  teils  gar  nicht
verwendet,  wie  Weißkohl,  Wirsing,  Kohlrüben  und  Mohrrüben,  zu
haltbaren  Nahrungsmitteln  zu  verarbeiten.
Das  Hauptprodukt  der  Dörrgemüse-,  oder  wie  sie  auch  zum
Unterschiede  von  den  übrigen  Konservenfabriken  genannt  werden,
der  Präservenfabriken  sind  die  gedörrten  Schnittbohnen.  Die  Anfänge ­
  der  deutschen  Dörrgemüseindustrie  sind  in  den  achtziger  Jahren
des  vorigen  Jahrhunderts  entstanden.
Die  ersten  größeren  Unternehmungen  dieser  Art  waren  die
Fabriken  Carl  Seidel  &amp;amp;  Co.  in  Münsterberg,  Warnecke  und  Keidel
in  Hildesheim  und  Schreier  &amp;amp;  Co.  in  Schweinfurt.

Im  Jahre  1885  bestanden

4  Fabriken

1885  —1890  entstanden

8

1890—1895

5

1895—1900  „

4

1900—1905

8

Summa  29  Fabriken.

Die  Herstellung  der  Dörrgemüse  ist  eine  viel  einfachere  als  die
der  Dosen  gemüse.
Das  frische  Gemüse  wird  wie  in  den  Dosengemüsefabriken  geputzt, ­
  geschält  und  geschnitten  und  dann  in  großen  durchlöcherten
Gefäßen  angekocht.  Hierauf  wird  das  so  zubereitete  Gemüse  auf
Metallhorden  ausgebreitet,  diese  Horden  je  10  auf  einen  Wagen  geschoben ­
  und  dieser  in  einen  20  m  langen  Kanal  gebracht.  Durch
große  Ventilatoren  wird  in  diesen  Kanälen,  die  mittelst  Dampfheizung
eine  Temperatur  von  80—90 0  erhalten,  ein  starker  Luftstrom  erzeugt,
sodaß  das  Gemüse  bereits  nach  drei  Stunden  seinen  ganzen  Wassergehalt ­
  (ca.  90—95  °/ 0 )  verloren  hat  und  haltbar  geworden  ist.  Die
größeren  drei  Fabriken  verarbeiten  täglich  jede  bis  200  Zentner  Rohgemüse, ­
  die  übrigen  Unternehmungen  je  50—100  Zentner.  Für  die
Dörrgemüse  ist  es  charakteristisch,  daß  kleinere  Betriebe,  wie  bei  der
        <pb n="52" />
        Dosengemüseindustrie,  nicht  existieren,  da  sich  die  Anlagen  nur  im
großen  rentieren  und  die  maschinellen  Einrichtungen  ein  bedeutend
größeres  Anlagekapital  erheischen.
Während  die  Dosengemüsefabriken  bereits  Anfang  Mai  mit  dem
Verarbeiten  von  Spargel  beginnen,  eröffnen  die  Präservenfabriken
ihre  Kampagne  erst  zur  Zeit  der  ersten  Bohnenernte  ungefähr  Anfang ­
  August.  Von  Mitte  August  ab  werden  dann  noch  Grünkohl
Blumenkohl,  Spinat,  Rosenkohl,  Zwiebeln,  Porree  und  Sellerie  gedörrt. ­
  Anfang  Oktober  beginnt  man  mit  dem  Verarbeiten  der  Kohlund
  Rübenarten,  wie  Weißkohl,  Wirsing,  Rotkohl,  Mohrrüben,  Kohlrüben, ­
  die  bis  Anfang  Januar  die  Fabriken  angestrengt  beschäftigen.
Nur  wenige  Betriebe  verarbeiten  noch  über  Januar  hinaus  Kartoffeln.
Die  meisten  Fabriken  stellen  mit  Ende  des  Jahres  ihren  Fabrikationshetrieb
  ein,  da  die  Ernte  verarbeitet  ist  oder  ein  Herbeischaffen  von
Gemüse,  vielleicht  aus  Gemüsegruben,  Kellereien  usw.  wegen  des
Frostes  mit  Schwierigkeiten  und  Verlusten  verknüpft  ist.
Einige  Fabriken  verarbeiten  während  der  Wintermonate  große
Vorräte  von  Kartoffeln  zu  Dörrprodukten.  Diese  Dörrkartoffeln,  die
in  Scheiben,  Streifen  und  als  Kartoffelgries  in  den  Handel  gebracht
werden,  erfreuen  sich  bei  der  Handels-  und  Kriegsmarine  großer
Beliebtheit,  so  daß  man  dort  selten  noch  die  Verwendung  von  Rohkartoffeln ­
  vorfindet.  Hier  haben  wir  eines  der  offensichtlichsten  Beispiele ­
  für  den  großen  Vorteil  des  leichten  Transportes  und  des
kleinen  Volumens  des  Dörrproduktes  den  Rohgemüsen  gegenüber.
Die  beifolgende  Tabelle  zeigt  eine  Übersicht  über  die  verarbeiteten ­
  Rohprodukte,  die  Arbeiter-  und  Lohn  Verhältnisse  sämtlicher
2 9  Präservenfabriken  im  Deutschen  Reiche.
(S.  Tabelle  S.  42.)
Gegenüber  den  Dosengemüsefabriken  bemerken  wir  hier  eine
im  Verhältnis  zu  dem  verarbeiteten  Gemüse  bedeutend  geringere
Arbeiterinnenzahl.  Bei  der  Dörrgemüsefabrikation  ist  eben  alles  auf
Massenherstellung  gerichtet.  Hier  fällt  fast  jede  Handarbeit  weg.
Nur  das  Bohnenabfädeln  wird  durch  Heimarbeiterinnen  in  Akkord
noch  mit  Handarbeit  bewerkstelligt,  während  das  Schälen  von  Kartoffeln ­
  und  Möhren,  das  Waschen  und  Schneiden  der  Gemüse  von
geeigneten  Maschinen  besorgt  wird.  Ähnlich  wie  in  den  Zuckerfabriken ­
  wird  auch  hier  der  Transport  der  Gemüse  innerhalb  der
Fabrik  von  einer  Arbeitsstätte  zur  andern  zum  Teil  bereits  von  Elevatoren ­
  und  Transportbändern  besorgt,  so  daß  auch  hierzu  keine
Menschenkräfte  verwendet  werden.
        <pb n="53" />
        4.4

4*.

Die  deutschen  Dörrgemüsefabriken.

Betrieb

Im  Durchschnitt  werden  jährlich  verarbeitet
in  Zentnern

In  der  Kampagne  werden
als  ständige  Arbeiter
beschäftigt

Mit  Heimarbeit
(Bohnenabfädeln)

werden
beschäftigt

Lohnsatz
der  weiblichen
Arbeiter

Durchschnittsverdienst ­
  der
Heimarbeiterinnen

Bohnen

Karotten

Kohlarten

div.  Gemüse

männlich

weiblich

M.

M.

I

13  500

21  OOO

4  900

19  800

28

180

350

1.20

1.00

2

5  o°°

7  200

7  000

I  I  OOO

12

48

140

1.70

1.70

3

3  200

1  600

3  4°o

5  00

3

20

50

1.50

0-75—1-25

4

3  000

4  OOO

5  00°

I  OOO

7

20

110

1.20

1.00

5

4  000

6  000

8  000

4  000

8

25

350

1.20

1.40

6

—

8  000

—

20  000

10

5°

‘  —

—

—

7

8  000

I  OOO

3  000

1  000

18

100

keine

1.50

—

8

2  000

3  000

5  000

4  000

5

28

100

I.40

1.20

9

8  000

15  000

12  000

10  000

20

120

300

1.30

1.00

10

2  OOO

1  000

2  000

3  000

5

20

80

1.30

1.20

11

I  000

2  000

1  000

3  000

3

18

5°

1.50

1.00

12

—

1  000

—

6  000

2

25

—

1.40

—

i3

2  000

500

3  000

8  000

4

35

IOO

1.20

I.IO

14

3  200

3  000

4  000

2  OOO

8

40

I  20

1.30

1.00

15

—

4  000

2  000

6  000

5

30

—

1.20

—

l6

5 000

8  000

8  000

12  OOO

iS

60

160

1.50

1.20

17

6  000

7  000

5  000

9  000

12

75

120

1.20

1.00

18

4  000

8  000

5  o°°

3  000

6

40

80

1.20

1.00

19

1  000

2  OOO

2  OOO

I  OOO

2

15

30

I.IO

0.80

20

500

I  OOO

2  OOO

3  000

2

12

20

1.20

1.00

21

4  000

5  000

2  OOO

9  000

10

3°

IOO

I.40

1.20

22

1  200

I  OOO

I  IOO

1  000

5

25

3°

1.30

1.00

23

800

2  OOO

3  000

2  5°o

3

15

28

I.40

1.20

24

1  000

3  oo°

2  OOO

600

2

30

60

1.20

I.IO

25

400

I  OOO

I  OOO

1  200

3

25

20

I.4O

1.00

26

2  000

4  000

IO  OOO

13  000

5

35

5°

1.50

1.50

27

4  200

5  000

4  800

9  000

8

5°

150

1.30

1.00

28

—

—

—

22  000

2

25

—

1.20

—

29

3  000

4  5°°

7  000

15  000

4

20

80

1-3°

1.50
        <pb n="54" />
        43

e)  Zusammenstellung  der  von  der  Konservenindustrie
verarbeiteten  Rohgemüse.
Bei  dieser  Aufstellung  können  wir  natürlich  nur  die  Mengen
verarbeiteter  Gemüse  derjenigen  Unternehmungen  angeben,  die  uns
hierüber  ausführliche  Auskunft  gegeben  haben.  Wenn  auch  die  angeführten ­
  Unternehmungen  die  maßgebenden  für  die  deutsche  Konservenindustrie ­
  sind,  so  dürfte  doch  wohl  die  Gesamtmenge  der  von
diesen  Betrieben  verarbeiteten  Rohgemüse  nur  2 / 3  der  überhaupt  in
Deutschland  zur  Konservierung  gelangenden  Gemüse  betragen.
In  den  genannten  Braunschweiger  Fabriken  wurden  durchschnittlich ­
  im  Jahre  verarbeitet:
63  000  Zentner  Spargel,
76  200  „  Bohnen,
78  800  „  Erbsen,
52  200  „  diverse  Gemüse.
Die  übrigen  größeren  Unternehmungen  der  Dosengemüseindustrie ­
  verarbeiten  jährlich;
63  500  Zentner  Spargel,
143750  „  Bohnen,
163600  „  Erbsen,
198200  „  diverse  Gemüse.
Die  deutschen  Dörrgemüsefabriken  benötigen  an  Rohgemüse:
88  000  Zentner  Bohnen,
129800  „  Karotten,
113  200  „  Kohlarten,
200  600  „  diverse  Gemüse.
Somit  werden  jährlich  von  diesen  Betrieben  verbraucht:
Spargel:
126500  Zentner  im  Werte  von  3795000  M.
Erbsen:
242400  Zentner  im  Werte  von  1112000  M.
Bohnen:
307  950  Zentner  im  Werte  von  1  231  000  M.
Diverse  Gemüse:
694  000  Zentner  im  Werte  von  700  000  M.
Somit  werden  der  deutschen  Landwirtschaft  durch  die  Konservenindustrie ­
  Rohprodukte  im  Werte  von  6—8  Millionen  Mark  abgenommen.
        <pb n="55" />
        44

3.  Die  Arbeiterverhältnisse.
In  der  Konservenindustrie  haben  wir  zu  unterscheiden  zwischen
Fabrikarbeitern  als  solchen,  die  in  den  Fabriken  selbst  beschäftigt
werden  und  Heimarbeitern,  die  mit  Heimarbeit  nach  Akkordlohn  für
die  Fabrik  tätig  sind.
Die  Gesamtzahl  der  in  der  Konservenindustrie  beschäftigten
Arbeiter  hat  sich  seit  den  letzten  20  Jahren  entsprechend  der  größeren
Anzahl  der  Betriebe  und  der  gesteigerten  Produktion  außerordentlich
vermehrt.  Es  läßt  sich  das  natürlich  nicht  in  den  einzelnen  Betrieben
und  verschiedenen  Teilen  Deutschlands  verfolgen.  Daher  wollen  wir
wieder  Braunschweig  als  Beispiel  anführen.
Arbeiter  und  Arbeiterinnen  in  der  Braunschweiger
Konservenindustrie.

Jahr

Arbeiter

Arbeiterinnen

1874

ca.  100

ca.  500

1886

„  200

„  1400

1898

5 10

»  54oo

1905

„  800

„  7000.

Die  obengenannte  Zahl  der  Arbeiter  wird  nur  während  der
Kampagne  in  den  Monaten  Mai  bis  Oktober  beschäftigt.  Während
der  übrigen  Zeit  des  Jahres  ist  die  Zahl  der  Arbeiter  und  besonders
der  Arbeiterinnen  ganz  bedeutend  geringer;  sie  beträgt  kaum  den
zehnten  Teil  der  in  der  Saison  beschäftigten  Arbeitskräfte.  Wie  erwähnt, ­
  füllen  die  Fabriken  diese  stillere  Zeit  hauptsächlich  mit  dem
Versand  der  im  Sommer  hergestellten  Ware  aus,  daneben  mit  dem
Einmachen  von  Fleischwaren,  Pilzen,  Wintergemüse  und  auch  teilweise ­
  mit  der  Herstellung  von  Blechdosen,  so  daß  viele  Fabriken  im
Winter  in  Blechwarenfabriken  umgewandelt  erscheinen.  So  erklärt
es  sich,  daß,  während  im  Winter  die  Zahl  der  weiblichen  Arbeiter
auf  etwa  den  zwölften  Teil  herabsinkt,  die  Zahl  der  männlichen  Arbeiter, ­
  die  zum  großen  Teil  gelernte  Klempner  sind,  sich  nur  um  die
Hälfte  verringert.  Während  die  kleinsten  Betriebe  im  Winter  sogar
ohne  Hilfskräfte  auskommen,  stellen  größere  2—3,  mittlere  10—20,
die  größten  Betriebe  sogar  40—50  Arbeiter  während  dieser  Zeit  ein.
In  der  Saison  dagegen  beschäftigen  die  Fabriken  im  Durchschnitt
145  Arbeiter,  die  kleinsten  10—20;  mittlere  Betriebe  zirka  20—100,
die  größeren  100—500.  Die  größte  Braunschweiger  Fabrik  verfügt
über  ein  Arbeiterpersonal  von  zirka  800  Personen.  Die  42  Fabriken
des  Heerzogtums  Braunschweig  verteilen  sich  auf  6  nach  der  Zahl
der  angestellten  Arbeiter  unterschiedene  Größengruppen  wie  folgt:
        <pb n="56" />
        45

Es  beschäftigen:
io—  20  Arbeiter  3  Fabriken

0
10
0
&amp;lt;M

yy

9

yy

50—100

»

13

Jt

100—200

yy

6

yy

200—500

yy

IO

yy

über  500

I

yy

42

Fabriken

Unter  den  während  der  Kampagne  in  genannter  Industrie  beschäftigten ­
  7800  Arbeitskräften  befinden  sich  nur  zirka  800  männliche ­
  Arbeiter,  die  übrigen  7000  setzen  sich  zusammen  aus  Frauen,
Witwen  und  Mädchen,  meist  Angehörige  von  Fabrikarbeitern,  die
im  Winter  vielfach  in  Unternehmungen  anderer  Branchen  tätig  sind.
Kinder  werden  in  der  Konservenindustrie  so  gut  wie  gar  nicht  beschäftigt; ­
  nur  im  Notfall  bei  gänzlichem  Arbeitermangel  stellt  die
eine  oder  andere  Fabrik  etwa  20  Kinder  zu  leichten  Beschäftigungen
für  kurze  Zeit  mit  einer  täglichen  Arbeitszeit  von  4—5  Stunden  an.
Der  Zudrang  weiblicher  Arbeitskräfte  zu  den  Konservenfabriken
ist  um  so  größer,  als  bei  einer  wenig  anstrengenden  Arbeit  fleißige
und  geschickte  Arbeiterinnen  einen  guten  Lohn  erzielen.  Die  meisten
Betriebe  sind  wohl  längst  dazu  übergegangen,  statt  des  früher  üblichen ­
  Tagelohnes,  wo  es  irgend  angängig,  die  Arbeiterinnen  mit
Akkordlohn  anzustellen,  weil  beide  Teile,  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  dabei  gewinnen.  Der  tägliche  Verdienst  der  in  den  Fabriken
tätigen  männlichen  Arbeiter  schwankt  zwischen  M.  2.50  bis  3.50;
der  weiblichen  zwischen  M.  1.60  bis  2.25.  Der  ortsübliche  Tagelohn
ist  in  den  einzelnen  Teilen  Deutschlands  sehr  verschieden;  er  beträgt
in  der  Stadt  Braunschweig:
a)  Männer  über  16  Jahre  M.  2.50,
b)  Frauen  „  16  „  ,,1.75,
a)  Burschen  unter  16  „1
b)  Mädchen  „  16  „  j  ”  l ' 2 ^'
Bei  Stundenlohn  beträgt  der  ortsübliche  Lohnsatz  der  Arbeiterinnen
ln  Braunschweig  für  die  Stunde  durchschnittlich  13  Pfennige.
Ein  großer  Teil,  der  in  der  Konservenindustrie  beschäftigten
Arbeiterinnen,
(in  Braunschweig  1898  =  1225
1905  =  1400)
arbeitet  nicht  in  den  Fabriken,  sondern  als  Heimarbeiterinnen  im
ei genen  Hause.  Diese  Heimarbeiterinnen  lassen  sich  von  den  ein ­
        <pb n="57" />
        4 6

zelnen  Fabriken  bestimmte  Mengen  Rohgemüse  zuwiegen,  und  schälen,
schneiden  oder  bearbeiten  dasselbe  in  der  eigenen  Wohnung,  oft  unter
Beihilfe  ihrer  Familienmitglieder,  um  es  dann  so  schnell  als  möglich
wieder  abzuliefern.  Andere  Fabriken  dagegen  beschäftigen  überhaupt
keine  Heimarbeiter  und  zwar,  wie  sie  behaupten,  aus  hygienischen
Gründen.  Auch  das  Spargelschälen,  Bohnenabfädeln  u.  dergl.  lassen
sie  in  Fabrikräumen  besorgen.  Wenngleich  dieses  Verfahren  dem
Laien  vielleicht  richtiger  erscheint,  so  ist  es  doch  für  Arbeitgeber
wie  Arbeiter  weniger  bequem,  denn  oft  ist  beim  Arbeitgeber  nicht
der  genügende  Raum  vorhanden,  um  auch  noch  diese  Akkordarbeiten
dort  zu  beschäftigen.  Gerade  aber  für  diese  meist  weiblichen  Arbeiter ­
  ist  es  ein  ganz  besonderer  Vorteil,  wenn  sie  sich  zu  Hause
neben  der  Wirtschaft,  ohne  die  Kinder  und  den  Mann  zu  vernachlässigen, ­
  eine  lohnende  Nebenbeschäftigung  verschaffen  können.  Auch
die  älteren  Kinder  können  die  Mutter  ohne  Anstrengung  bei  dieser
leichten  Arbeit  unterstützen  und  den  Familienverdienst  vergrößern.
Man  hat  zwar  vorgeschlagen,  diese  Heimarbeit  in  der  Konservenindustrie ­
  aus  hygienischen  Gründen  zu  verbieten.  Die  hier  geäußerten
Befürchtungen  aber  erscheinen  uns  als  übertrieben.  Wenn  man  behauptet, ­
  daß  es  unappetitlich  sei,  Gemüse  in  den  Wohnungen  der
Arbeiter  bearbeiten  zu  lassen,  so  ist  doch  zu  berücksichtigen,  daß
diese  Nahrungsmittel  in  den  Fabriken  genügend  gereinigt  werden 1 ).
Die  Braunschweiger  Konservenfabrikanten  haben  neuerdings
Bewachungsbeamte  angestellt,  die  der  Handelskammer  unterstehen
und  die  Behausungen  der  Heimarbeiter  regelmäßig  auf  Sauberkeit
und  Hygiene  zu  kontrollieren  haben.  Diese  Angestellten  haben
namentlich  ihr  Augenmerk  darauf  zu  richten,  daß  die  Gemüse  nicht
in  Kranken-  oder  Schlafzimmern  bearbeitet  oder  aufbewahrt  werden
und  sich  nicht  Tiere  in  den  Arbeitsräumen  aufhalten.
Die  Ursachen,  warum  einzelne  Fabriken  keine  Heimarbeiterinnen
beschäftigen,  sind  teilweise  rein  örtlicher  Natur.  So  z.  B.  bei  denjenigen
Konservenfabriken,  die  von  Städten  isoliert  auf  dem  Lande  liegen.
Bei  diesen  ist  es  ausgeschlossen,  Heimarbeiter  zu  erhalten  und  zu
beschäftigen.  Daher  dürften  für  diese  Betriebe  nicht  die  hygienischen
Gründe,  sondern  die  Unmöglichkeit,  Heimarbeiter  zu  beschäftigen,
maßgebend  sein.
Die  Akkordlohnsätze  für  Heimarbeiter  betragen  im  Durchschnitt ­
  für
l)  Außerdem  werden  doch  auch  in  der  Landwirtschaft  zum  Teil  auch  von  Arbeitern
landwirtschaftliche  Produkte  wie  Milch,  Butter  in  ihrer  Behausung  hergestellt.  Die  Zigarrenindustrie ­
  kommt  ebenfalls  ohne  Heimarbeit  nicht  aus.
        <pb n="58" />
        47

Mark

Spargelschälen  I.  Sorte  p.

50  kg

I-50—I-75

!,  II.  ,,  ,,

&amp;gt;&amp;gt;

2.50—3.00

HL  ..  „

3.50—4.00

„  Suppenspargel  „

,,

5.00—5.50

Bohnenabziehen  zweimal  „

O.ÖO—O.QO

„  viermal  „

&amp;gt;)

0.80—1.20

„  u.  -brechen  „

1.00—x.50

Puffbohnen  entkernen  „

1.00—1.50

Erbsen  enthülsen  p.  Liter

Kerne

O.O5

Die  Höhe  der  Akkordsätze  richtet  sich  nach  den  jeweiligen
Lohn  Verhältnissen.  Ferner  ist  zu  berücksichtigen,  ob  die  Arbeiterinnen
wehr  oder  weniger  eingeübt  sind.  In  Braunschweig  zum  Beispiel,
w o  ein  Teil  der  Bevölkerung  von  Jugend  auf  bereits  Arbeiten  in  der
Konservenindustrie  verrichtet,  gelten  deshalb  auch  meist  die  niedrigsten ­
  Akkordsätze.  Der  tägliche  Durchschnittsverdienst  der  einzelnen ­
  Heimarbeiter  ist  schwer  zu  ermitteln.  In  Braunschweig  erhält
der  Heimarbeiter,  auf  dessen  Namen  das  Gemüse  ausgeliefert  und
bearbeitet  wird  im  Durchschnitt  M.  2.50  bis  M.  3.50  per  Tag.  Man
vermag  aber  nicht  festzustellen,  wieviel  Familienmitglieder  sich  in
Arbeit  und  Lohn  teilen.
Bei  der  Rückgabe  der  bearbeiteten  Gemüse  an  die  Arbeitgeber
werden  die  Abfälle  wie  Schalen,  Bohnenfäden  usw.  wieder  mit  abgeliefert, ­
  um  feststellen  zu  können,  daß  das  zugewogene  Quantum
auch  wieder  zurückgegeben  wird.
Es  verdient  übrigens  noch  erwähnt  zu  werden,  was  allerdings
anscheinend  vielen  Konservenfabriken  nicht  bekannt  ist,  daß  auch
diese  Heimarbeiterinnen  bei  der  Berufsgenossenschaft  angemeldet
und  gegen  Unfall  versichert  werden  müssen.  Die  Nahrungsmittelmdustrie-Berufsgenossenschaft,
  der  die  Konservenfabriken  meist  angehören, ­
  hat  wiederholt  die  Erfahrung  gemacht,  daß  die  Heimarbeiter
beim  Lohnnachweise  einzelner  Konservenfabrikanten  fehlten;  ihre
Existenz  wurde  oft  der  genannten  Genossenschaft  erst  durch  Zufall
bekannt.

4.  Die  Beschäftigungszeit  der  Arbeiter.
Da  die  Beschäftigungszeit  für  die  Arbeiterinnen  in  der  Konservenindustrie
  von  großer  Wichtigkeit  ist  und  die  Arbeit  dieser  Betriebe
uut  keinem  anderen  Industriezweige  wegen  ihrer  Eigenart  zusammengestellt ­
  werden  kann,  ist  es  nötig,  hier  ausführlich  auf  die  gesetzlichen
Vorschriften  über  die  Arbeitszeit  einzugehen.
        <pb n="59" />
        4 8

Die  Reichsgewerbeordnung  vom  i.  Juni  1891  unterscheidet  drei
Gruppen  von  Arbeiterinnen:
1.  Kinder  unter  14  Jahren;
2.  jugendliche  Arbeiterinnen  von  14—16  Jahren;
3.  Arbeiterinnen  über  16  Jahre.
Bei  der  geringen  Arbeitszeit,  die  der  ersten  Gruppe  erlaubt  ist,
scheidet  diese  für  die  Konservenindustrie  fast  ganz  aus.  Auch  die
zweite  Gruppe  hat  für  diese  Industrie  nur  geringen  Wert,  da  sie  nur
10  Stunden  arbeiten  darf.  Für  die  dritte  Gruppe  nun,  die  hier  fast
ausschließlich  in  Betracht  kommt,  war  anfänglich  eine  nstündige
Arbeitszeit  vorgesehen,  die  aber  unter  verschiedenen  Kautelen  später
für  die  Konservenindustrie  auf  13  Stunden  ausgedehnt  wurde.
Die  tägliche  Arbeitszeit  und  Arbeitsleistung  ist  in  der  Konservenindustrie, ­
  insbesondere  für  die  weiblichen  Arbeiter,  nicht  immer  eine
gleichmäßige.  Sie  richtet  sich  nach  der  von  der  Witterung  und  den
Ernteverhältnissen  abhängigen  jeweiligen  Arbeitsmenge.  Während
an  einigen  Tagen  wenig  Gemüse  an  die  Fabriken  abgeliefert  wird,
häufen  sich  an  anderen  die  Vorräte  gewaltig.  Hierzu  tritt  das  leichte
Verderben  der  Gemüse,  das  ein  Aufarbeiten  der  Vorräte  bedingt.
Nach  §  137  der  Reichsgewerbeordnung  dürfen  Arbeiterinnen  in  Fabriken ­
  nicht  in  der  Nachtzeit  von  8J/2  abends  bis  5^2  Uhr  morgens
und  Sonnabends  sowie  an  Vorabenden  der  Festtage  nicht  nach  5Y2
Uhr  nachmittags  beschäftigt  werden.  Die  Beschäftigung  von  Arbeiterinnen ­
  über  16  Jahre  darf  die  Dauer  von  11  Stunden  täglich,  an
den  Vorabenden  von  Sonn-  und  Festtagen  von  10  Stunden,  nicht
überschreiten.  Der  §  138  a  gibt  nun  Ausnahmebestimmungen  vom
obigen  Gesetze  und  lautet:  Wegen  außergewöhnlicher  Häufung  der
Arbeit  kann,  auf  Antrag  des  Arbeitgebers  die  untere  Verwaltungsbehörde, ­
  auf  die  Dauer  von  zwei  Wochen,  die  Beschäftigung  von
Arbeiterinnen  über  16  Jahre  bis  10  Uhr  abends  an  den  Wochentagen,
außer  Sonnabend,  unter  der  Voraussetzung  gestatten,  daß  die  tägliche
Arbeitszeit  13  Stunden  nicht  überschreitet.  Innerhalb  eines  Kalenderjahres ­
  darf  die  Erlaubnis  einem  Arbeitgeber  für  seinen  Betrieb  oder
für  eine  Abteilung  seines  Betriebes  auf  mehr  als  40  Tage  nicht  erteilt ­
  werden.  Für  eine  2  Wochen  überschreitende  Dauer  kann  die
gleiche  Erlaubnis  nur  von  der  höheren  Verwaltungsbehörde  und  auch
von  dieser,  für  mehr  als  40  Tage  nur  dann  erteilt  werden,  wenn  die
Arbeitszeit  für  den  Betrieb  oder  die  betreffende  Abteilung  des  Betriebes ­
  so  geregelt  wird,  daß  ihre  tägliche  Dauer  im  Durchschnitt
der  Betriebstage  des  Jahres  die  regelmässige  gesetzliche  Arbeitszeit
nicht  überschreitet.
        <pb n="60" />
        49

Für  die  Erwirkung  der  Überarbeitsgenehmigung  an  Wochentagen ­
  war  die  Auslegung  des  §  138  a  Absatz  3  der  die  vorherige
Festlegung  der  Überarbeitstage  erfordert,  erschwerend,  da  die  Überarbeit ­
  somit  nach  der  beantragten  und  erhaltenen  Genehmigung
eingerichtet  werden  mußte.  Hier  zeigte  sich  nun  oft,  daß  der  Fabrikant ­
  Genehmigung  zur  Überarbeit  an  Tagen  besaß,  an  denen  er
durch  Witterungseinflüsse  nicht  einmal  bis  zum  Abend  genügend
Arbeit  hatte,  und  wenn  umgekehrt  die  Gemüsevorräte  sich  häuften,
fehlte  die  Genehmigung  zur  Überarbeit.
Diese  Gesetzbestimmungen  waren  für  die  Konservenindustrie
unhaltbar;  die  Bestrafungen  der  Konservenfabriken  nahmen  kein  Ende.
Es  war  der  Praxis  bei  allem  guten  Willen  nicht  möglich,  die  gesetzlichen ­
  Bestimmungen  einzuhalten,  außerdem  war  seinerzeit  sehr  wenig
bekannt,  daß  Verstöße  gegen  obige  Bestimmungen  im  Gesetz  als
V e  rgehen  klassifiziert  worden  sind,  danach  also  der  Strafgewalt
der  Verwaltungsbehörden  (Polizeidirektionen,  Kreisdirektionen,  Landratsämter) ­
  entzogen  waren  und  daß  jedesmal  das  Strafverfahren  wegen
Vergehen  einzutreten  hat,  also  Vor-  und  Ermittelungsverfahren  durch
den  Staatsanwalt  und  das  Hauptverfahren  vor  der  Strafkammer  stattzufinden ­
  hat.  Wird  nach  Schätzung  der  Strafkammer  der  Fall  durch
Geldstrafe  bis  zu  600  M.  zu  ahnden  sein,  so  kann  die  Strafkammer
das  Hauptverfahren  dem  betreffenden  Schöffengericht  zuweisen.  Zuständig ­
  aber  allein  ist  Staatsanwalt  und  Strafkammer,  was  sich  auf
den  §  146  der  RGO.  gründet,  welcher  lautet:
Mit  Geldstrafe  bis  zu  2000  M.  und  im  Unvermögensfalle  mit
Gefängnis  bis  zu  6  Monaten  werden  bestraft:
1.  Gewerbetreibende,  welche  dem  §  115  zuwiderhandeln;
2.  Gewerbetreibende,  welche  den  §§  135,  136,  137  oder  den  auf
Grund  der  §§  139  und  139  a  getroffenen  Verfügungen  zuwiderhandeln. ­

Im  Gegensatz  zu  Vergehen  nach  dem  Reichsstrafgesetz,  deren
Strafsummen  in  die  Staatskasse  fließen,  sind  hier  andere  Kassen  vorgesehen, ­
  nämlich  Unterstützungskasse  für  Arbeiter  des  bestraften
Fabrikanten  (wenn  eine  solche  vorhanden),  ßetriebskrankenkasse  oder
der  Ortsarmenverband.
Im  Jahre  1897  setzten  nun  die  Bestrebungen  der  deutschen
Konservenindustrie  ein,  die  darauf  hinzielten,  diese  äußerst  harten
Bedingungen  zu  beseitigen,  und  zwar  auf  der  Grundlage,  daß  nach
§  139a  Absatz  4  der  Bundesrat  ermächtigt  ist,  für  Fabrikationszweige, ­
  in  denen  regelmäßig  zu  gewissen  Zeiten  des  Jahres  ein
vermehrtes  Arbeitsbedürfnis  ein  tritt,  Ausnahmen  von  den  Bestimmungen
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  IV,  Heft  3.  4
Wagner,  Konserven  und  Konservenindustrie  in  Deutschland.
        <pb n="61" />
        50

des  §  137,  Absatz  1  und  2  mit  der  Maßgabe  zuzulassen,  daß  die
tägliche  Arbeitszeit  13  Stunden,  an  Sonnabenden  10  Stunden  nicht
überschreitet.
Ein  dahingehender  Antrag  wurde  in  einer  Petition  an  den
Bundesrat  vom  „Verein  der  Konservenfabrikanten  Braunschweigs  und
Umgegend“  und  außerdem  von  mehreren  deutschen  Konservenfabrikanten ­
  am  1.  April  1897  gestellt.
Auf  diese  Position  hin  erließ  der  Bundesrat  am  1.  März  1898
speziell  für  Konservenfabriken  folgende  Verfügung,  die  am  1.  Mai
1898  in  Kraft  trat  und  bis  30.  April  1908  Gültigkeit  hat:
I.  In  Konservenfabriken  dürfen  bei  der  Herstellung  von
Gemüse-  und  Obstkonserven  in  den  Zeiten  des  Jahres,  in  denen  ein
vermehrtes  Arbeitsbedürfnis  eintritt,  Arbeiterinnen  über  16  Jahre  an
den  Werktagen,  mit  Ausnahme  der  Sonnabende,  abweichend  von  den
Bestimmungen  des  §  137  Absatz  1  und  2  der  Gewerbeordnung  unter
den  nachstehenden  Bedingungen  beschäftigt  werden:
1.  Die  tägliche  Arbeitszeit  darf  13  Stunden  nicht  überschreiten
und  nicht  in  die  Zeit  von  10  Uhr  abends  bis  5^2  Uhr  morgens  fallen.
2.  Werden  Arbeiterinnen  über  16  Jahre  auf  Grund  dieser  Bestimmungen ­
  an  mehr  als  40  Tagen  im  Betriebsjahr  über  die  regelmäßige ­
  gesetzliche  Arbeitszeit  hinaus  beschäftigt,  so  ist  die  Arbeitszeit ­
  der  Arbeiterinnen  für  den  Betrieb  oder  die  betreffende  Abteilung
des  Betriebes  so  zu  regeln,  daß  ihre  tägliche  Dauer  im  Durchschnitt
der  Betriebstage  des  Jahres  die  regelmäßige  gesetzliche  Arbeitszeit
nicht  überschreitet.
Als  Betriebsjahr  gilt  die  Zeit  vom  1.  Mai  bis  zum  30.  April
des  folgenden  Kalenderjahres.
3.  An  einer  in  die  Augen  fallenden  Stelle  der  Betriebsstätte  ist
eine  Tafel  auszuhängen,  auf  der  der  Betriebsunternehmer  oder  der
von  ihm  Beauftragte  noch  an  demselben  Tage,  an  welchem  Überarbeit ­
  stattfindet,  neben  dem  Datum  die  Zahl  der  Arbeitsstunden  einzutragen ­
  hat,  während  welcher  Arbeiterinnen  über  16  Jahre  in  dem
Betrieb  oder  der  betreffenden  Betriebsabteilung  beschäftigt  werden.
4.  Findet  Überarbeit  an  mehr  als  40  Tagen  im  Betriebsjahre
statt,  so  werden  bei  der  Feststellung,  ob  die  Überarbeit  durch  Minderarbeit ­
  an  anderen  Tagen  des  Betriebsjahres  ausgeglichen  ist  (Ziff.  2),
für  die  Tage  ohne  Überarbeit  die  gemäß  §  138  Abs.  a.  a.  O.  der
Ortspolizeibehörde  gemachten  Angaben  über  die  regelmäßige  Arbeitszeit ­
  der  Arbeiterinnen  zugrunde  gelegt,  soweit  nicht  der  Betriebsunternehmer ­
  eine  geringere  Arbeitsdauer  nachweist.  Dieser  Nachweis
kann  jedoch  nur  dadurch  erbracht  werden,  daß  die  Zahl  der  Arbeits-
        <pb n="62" />
        5i

stunden,  während  welcher  Arbeiterinnen  über  16  Jahren  in  den  Betrieb ­
  oder  der  betr.  Betriebsabteilung  beschäftigt  werden,  nach  den
Vorschriften  der  Ziffer  3  auch  für  Tage  mit  Minderarbeit  auf  der
daselbst  vorgeschriebenen  oder  auf  einer  anderen  in  gleicher  Weise
ausgehängten  Tafel  eingetragen  ist.
II.  Die  Befugnis  der  unteren  Verwaltungsbehörden,  nach  Maßgabe ­
  des  §  138a  Abs.  5  der  Gewerbeordnung  Überarbeit  zu  gestatten, ­
  bleibt  für  die  Sonnabende  unberührt.
III.  In  den  Räumen,  in  denen  Überarbeit  stattfindet,  muß  auf
°der  neben  der  durch  §  138  Abs.  2  der  Gewerbeordnung  vorgeschriebenen ­
  Tafel  ein  Aushang  angebracht  sein,  welcher  in  deutlicher
Schrift  die  Bestimmungen  unter  I  wiedergibt.
IV.  Die  vorstehenden  Bedingungen  treten  am  1.  Mai  1898  in
Kraft  und  haben  bis  zum  30.  April  1908  Gültigkeit.
Mit  diesen  Bestimmungen  arbeiten  die  Konservenfabrikanten
jetzt  noch.  Es  stellte  sich  indessen  bald  heraus,  daß  die  gesetzlichen
Bestimmungen  unzureichend  und  mit  großem  Aufwand  verknüpft
sind  an  Kontrolle,  Erschwernis  in  der  Fabrikation,  Eintreten  des  Verderbens, ­
  Ablösung  der  Arbeiterinnen  in  den  letzten  Stationen  durch
Männerkräfte  usw.
Am  20.  Februar  1903  wurde  daher  vom  Verbände  deutscher
Konserven-  und  Präservenfabrikanten  eine  weitere  Eingabe  an  den
Bundesrat  gemacht,  die  in  den  wesentlichsten  Punkten  folgendermaßen ­
  lautete;
Ein  hoher  Bundesrat  wolle  auf  Grund  des  §  139a  Abs.  4  der
RGO.  und  in  Ergänzung  der  durch  Bundesratsverordnung  vom
1  !•  März  1898  den  deutschen  Konservenfabrikanten  schon  gewährten
Erleichterungen  verfügen,  daß  zur  Durchführung  des  Schichtwechsels
für  einen  Teil  der  Arbeiterinnen,  nämlich  für  das  Küchenpersonal,
eine  innerhalb  der  i3stündigen  Arbeitszeit  liegende  Beschäftigung
Ms  12  Uhr  abends  gestattet  werden  kann,  und  hoher  Bundesrat  wolle
ferner  verfügen,  daß  der  Arbeitsbeginn  bei  gleicher  Arbeitsdauer  auf
4V2  Uhr  morgens  angesetzt  werden  darf.
Obgleich  die  Braunschweiger  Regierung  sich  für  diese  Eingabe
dem  Reichskanzler  gegenüber  sehr  warm  erklärt  hat,  hat  der  Bundesr
 at  in  seiner  Sitzung  vom  26.  November  1903  beschlossen,  der  Eingabe ­
  keine  Folge  zu  geben.
Diese  Petition  war  dadurch  begründet,  daß  die  der  Konservenmdustrie
  gewährten  Erleichterungen  in  bezug  auf  die  Bestimmungen
der  RGO.  durch  die  Beschränkung  der  Arbeitszeit  bis  10  Uhr  abends
4*
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        52

zum  großen  Teil  wieder  aufgehoben  werden,  und  zwar  aus  folgenden
Gründen:
Der  Betrieb  der  Konservenindustrie  zerfällt  in  folgende  Hauptarbeiten, ­
  die  im  Zusammenhang  vorgenommen  werden  müssen:
1.  Reinigen,  Schälen  und  Zubereiten  der  Rohgemüse;
2.  Blanchieren 1 )  der  Gemüsearten,  Einfüllen  derselben  in  die
Dosen  und  Verschließen  der  letzteren;
3.  Sterilisieren  des  Doseninhalts,  Abkühlen  der  Dosen  und  Aufstapeln ­
  im  Lagerraum.
Die  Arbeiten  unter  3  scheiden,  da  sie  zumeist  von  männlichen
Arbeitskräften  ausgeführt  werden,  hier  aus.
Die  Arbeiten  zu  1  und  2  werden  mit  Ausnahme  des  Verschließens ­
  der  Dosen  nur  von  weiblichen  Arbeitskräften  ausgeführt
und  können,  nach  der  Natur  der  Sache  auch  nur  von  diesen  ausgeführt ­
  werden.  Die  Arbeiten  erfordern  eine  leichte,  gewandte  und
geübte  Hand,  wie  sie  nur  die  Arbeiterin  besitzt.  Von  den  letzteren
wird  die  Mehrzahl  in  der  Gruppe  I,  d.  h.  mit  dem  Reinigen,  Spülen
und  Zubereiten  des  Rohgemüses,  ein  geringer  Teil  der  Arbeiterinnen
in  der  Küche  mit  den  unter  2  angeführten  Arbeiten  beschäftigt.
Die  Petition  bezieht  sich  teils  auf  die  Gruppe  I  der  Arbeiterinnen
sowie  auf  die  zuletzt  genannte  Gruppe,  die  gewöhnlich  unter  dem
Namen  „Küchenpersonal“  zusammengefaßt  wird.  Der  frühere  Beginn
der  Arbeiten  um  4  Uhr  30  Minuten  morgens  für  die  Arbeiterinnen
der  Gruppe  I  wird  besonders  von  den  ländlichen  Konservenfabriken,
meist  Genossenschaftsfabriken,  erbeten,  die  auf  fremde  Arbeiterinnen
angewiesen  sind  und  die  sie  in  Kasernen  auf  den  Fabrikgrundstücken
unterbringen  müssen.  Da  nun  während  der  vollen  Gemüseernte  die
rein  landwirtschaftlichen  Arbeiterinnen  regelmäßig  morgens  zwischen
4  und  5  Uhr  die  Arbeit  beginnen,  so  dürfte  die  Bitte,  diesen  Fabrikanten ­
  an  Tagen  mit  außergewöhnlicher  Häufung  der  Arbeiten  ebenfalls ­
  zu  gestatten,  früher  mit  der  Arbeit  und  zwar  um  4 1 / t  Uhr  zu
beginnen,  nicht  ungerechtfertigt  erscheinen.
Der  anderen  Gruppe,  dem  Küchenpersonal,  fällt  die  Aufgabe
zu,  das  von  dem  Gros  der  Arbeiterinnen  gereinigte  und  vorbereitete
Gemüse,  das  infolge  der  Bearbeitung  leichter  ungünstigen  Veränderungen ­
  unterworfen  ist,  zur  Vermeidung  derartiger  Veränderungen
möglichst  schnell  in  die  Dosen  zu  verpacken.  Um  diese  Küchenarbeit ­
  noch  an  demselben  Tage  beendigen  zu  können,  ist  es  nötig,
daß  das  Gros  der  Arbeiterinnen  mit  dem  Zubereiten  der  Gemüse
früher  aufhört.

1)  Blanchieren  ist  das  Verkochen  der  Gemüse.
        <pb n="64" />
        53

Es  läßt  sich  daher  diese  Arbeit  nicht  auf  den  nächsten  Tag
verschieben,  der  Fabrikant  ist  vielmehr  gezwungen,  die  Zubereitung
des  Gemüses  im  Hinblick  auf  die  in  der  Küche  noch  vorzunehmenden ­
  Arbeiten,  eine  entsprechende  Zeit  vorher  einzustellen.
Die  seitens  des  Bundesrats  gewährten  Erleichterungen,  bei  dem
Eintreten  einer  außergewöhnlichen  Häufung  der  Arbeiten,  kommen
daher  infolge  des  früheren  Feierabends  des  Gros  der  Arbeiterinnen,
nicht  zur  vollen  Wirkung.  Dies  würde  vielmehr  nur  dadurch  ermöglicht ­
  werden,  daß  es  gestattet  würde,  für  das  Küchenpersonal
einen  späteren  Beginn,  dafür  aber  auch  ein  späteres  Aufhören  der
Arbeit  festzusetzen,  als  sie  für  das  Gros  der  Arbeiterinnen  besteht.
Zur  Beurteilung  der  ganzen  Frage  ist  es  wohl  nicht  nötig  auf  die
besonderen  Verhältnisse  der  Konservenindustrie  als  Saison-  und
Nahrungsmittelindustrie  ausführlicher  einzugehen,  nur  auf  einige
Hauptpunkte  mag  hingewiesen  werden.  Die  durch  die  Reichsgewerbeordnung ­
  herbeigeführte  Einschränkung  der  Frauenarbeit  hat
bereits  die  Konservenindustrie  zu  bestimmten  Maßregeln  gezwungen,
u m  sich  gegen  die  Verluste  zu  schützen,  die  durch  verstärkte  Anfuhr ­
  an  Rohgemüse  an  besonders  heißen  Tagen  entstehen.  Und  zwar
werden  von  den  meisten  Konservenfabriken  des  Sonntags,  weil  die
Sonnabendzufuhr  in  den  seltensten  Fällen  am  Liefertage  aufgearbeitet
werden  kann,  keinerlei  Rohgemüse  mehr  angenommen.  Des  ferneren
hat  die  Handhabung  der  Reichsgewerbeordnung  bereits  dahin  geführt,
daß  bei  Abschlüssen  auf  Rohgemüse  die  Klausel  aufgenommen  und
schon  bei  normalen  Ernten  auch  durchgeführt  wird,  daß  nicht  über
ein  Maximalquantum  an  Rohgemüse  pro  Aar  oder  Hektar  bebauter
Fläche  abgenommen  wird.  Solche  Maßnahmen  bilden  zwar  eine
Härte  gegen  den  Landwirt,  die  Durchführung  wird  aber  umso  begreiflicher, ­
  je  mehr  die  Konservenindustrie  technisch  in  ihrer  Bewegungsfreiheit ­
  eingeengt  wird.
Erwägungen,  ob  durch  Veränderungen  resp.  Vergrößerungen
von  Fabrikeinrichtungen  die  geschilderten  Übelstände  gemildert  werden ­
  könnten,  haben  zu  dem  Resultat  geführt,  daß  dies  für  die  Konservenindustrie, ­
  die  sowieso  schon  als  Saisonindustrie  mit  einem  übermäßig ­
  hohen  Anlagekapital  zu  rechnen  hat  und  mithin  nicht  für
außergewöhnliche  Fälle  bauliche  und  maschinelle  Einrichtungen  treffen
kann,  nicht  durchführbar  ist,  zumal  die  Arbeitshäufung  durchaus
wechselnd  und  mithin  unberechenbar  ist.  So  war  es  z.  B.  im  Jahre
i 9ö3  durch  die  abnorme  Witterung  während  der  Spargelkampagne,
die  zirka  den  vierten  Teil  der  ganzen  Spargel  ernte  in  einigen  wenigen
Tagen  (4—5)  hervorbrachte,  unmöglich,  das  zur  Anlieferung  gebrachte
        <pb n="65" />
        54

Quantum  in  den  Konservenfabriken  zur  Verarbeitung  zu  bringen.
Es  war  infolgedessen  auch  nicht  möglich,  denjenigen  Spargel,  der
eigentlich  für  den  Konsum  in  frischem  Zustande  bestimmt  war,  aber
von  dem  Markt  nicht  aufgenommen  wurde,  noch  nachträglich  in  den
Konservenfabriken  zur  Verarbeitung  zu  bringen.  Auf  diese  Weise
ist  eine  nicht  unbedeutende  Menge  Spargel  im  genannten  Jahre
im  rohen  Zustande  verdorben,  eine  Erscheinung,  die  in  volkswirtschaftlicher ­
  Beziehung  sehr  zu  bedauern  ist  und  die  durch  eine  größere
Freiheit  in  bezug  auf  die  Beschäftigungszeit  der  Arbeiterinnen,  wenn
auch  nicht  ganz  vermieden,  so  doch  wesentlich  hätte  gemildert  werden ­
  können.  Ähnliche  Erscheinungen  sind  auch  in  der  Bohnen-  und
Erbsenernte  in  den  Jahren  1897,  1899  und  1905  zu  verzeichnen  gewesen. ­

Augenblicklich  werden  nun  weitere  Anstrengungen  gemacht,
die  weibliche  Arbeitszeit  zu  verkürzen  und  zwar  liegen  dem  Bundesrate ­
  dazu  folgende  Anträge  vor:
1.  Die  zulässige  tägliche  Arbeitszeit  von  11  auf  1  o  Stunden
herabzusetzen.
2.  Am  Vorabend  der  Sonn-  und  Festtage  nur  eine  9ständige
Arbeitszeit  zuzulassen.
3.  Bei  Bewilligung  von  Überarbeit  die  tägliche  Arbeitszeit  an
Wochentagen  nicht  über  12  Stunden  und  an  Sonnabenden  nicht  über
9  Stunden  (im  letzteren  Falle  mit  einer  Endfrist  bis  7  1 / i  Uhr)  auszudehnen. ­

4.  Die  Mittagsstunden  auf  1 1 / 2  Stunde  zu  verlängern.
5.  Bei  Betrieben  mit  kontinuierlicher  Arbeit  und  bei  Saisonindustrien ­
  die  für  Beschäftigung  von  Arbeiterinnen  zugelassene  Maximalwochenarbeit ­
  von  bisher  65  Stunden  auf  59  Stunden  zu  verringern.
Nach  derselben  Richtung,  nur  noch  einen  Schritt  weiter,  geht
der  unter  Nr.  44  dem  Reichstage  eingereichte  Antrag  des  Freiherrn
von  Hertling  und  Genossen;
„Der  Reichstag  wolle  beschließen,  die  verbündeten  Regierungen
zu  ersuchen,  tunlichst  bald  dem  Reichstage  einen  Gesetzentwurf  vorzulegen, ­
  durch  welchen  die  Beschäftigung  der  verheirateten  Frauen
in  den  Fabriken  (§  137  d.  GO.)  auf  höchstens  9  Stunden  täglich,  an
den  Vorabenden  der  Sonn-  und  Festtage  auf  höchstens  6  Stunden
beschränkt  werden.“
Bei  der  Beurteilung  dieser  Einschränkung  der  Arbeitszeit  für
Arbeiterinnen,  die  für  die  deutsche  Gemüsekonservenindustrie  von
sehr  einschneidender  Bedeutung  sein  wird,  müssen  wir  uns  folgende
beide  Hauptfragen  vorlegen:
        <pb n="66" />
        55

A.  Gibt  die  Beschäftigung  der  Arbeiterinnen  in  der  Konservenindustrie ­
  in  dem  heutigen  Umfange  zu  irgend
welchen  Beanstandungen  Anlaß?
Zur  Beantwortung  dieser  Frage  ist  auf  folgende  Hauptpunkte
hinzu  weisen:
Die  Konservenindustrie  zählt  zu  den  Saisonindustrieen.  Die  Kampagne ­
  beschränkt  sich  auf  die  Zeit  von  Anfang  Mai  bis  Mitte  September. ­
  Diese  Kampagnezeit  ist  aber  nicht  eine  geschlossene,  sondern
zerfällt  wieder  in  mehrere  Arbeitsperioden,  zwischen  die  sich  mehrtägige ­
  Pausen  je  nach  der  Reife  der  zu  verarbeitenden  Konservenfrüchte ­
  einschieben.  Zählt  man  die  wirklichen  Arbeitsperioden  für
sich,  so  umfaßt  deren  Maximaldauer  im  einzelnen  keine  längere  Zeit,
als  etwa  50—60  Tage.  Im  Durchschnitt  ist  die  Kampagnezeit  für
Spargel  auf  etwa  50  Tage,  für  Erbsen  auf  23  Tage,  für  Bohnen  auf
36  Tage  anzunehmen.  Zwischen  diesen  Arbeitsperioden  liegen  Ruhefristen ­
  von  durchschnittlich  5—6  Tagen.  Die  weiblichen  Hilfskräfte
in  den  Konservenfabriken  werden  somit  nur  in  verhältnismäßig  kurzen
Abschnitten  von  mehreren  Wochen  beschäftigt,  die  ganze  übrige  Zeit
des  Jahres  sind  sie  unbeschäftigt.  In  diesen  drei  Arbeitsperioden  ist
aber  die  Arbeit  selbst  wieder  eine  ungleichmäßige.  Tage  angespannter ­
  Tätigkeit  wechseln  mit  Tagen  geringerer  Beschäftigung  ab.
Die  Arbeit  der  weiblichen  Hilfskräfte  in  der  Konservenindustrie
ist  aber  auch  ihrer  Art  nach  mit  der  weiblichen  Arbeit  in  anderen
Industrieen  nicht  zu  vergleichen.  Diese  Arbeiten  sind  an  sich  nicht
anstrengender,  als  andere  häusliche  Verrichtungen  oder  die  üblichen
Dienstleistungen  von  Frauen  außer  dem  Hause,  wie  Waschen,  Plätten,
Kochen,  Nähen  usw.  Daß  die  Beschäftigung  in  den  Konservenfabriken ­
  irgend  welche  Nachteile  für  die  Gesundheit  der  Beteiligten
hervorgerufen  hätte,  ist  bisher  nirgends  beobachtet  worden.  Hingegen
J st  festgestellt,  daß  sich  alljährlich  auf  diese  Zeit  verhältnismäßig
reichen  Arbeitsverdienstes  zahlreiche  arme  Witwen,  Frauen  und  Mädchen ­
  freuen.  Das  Armenamt  in  Braunschweig  z.  B.  erwartet  mit
Sehnsucht  die  Kampagne,  weil  dann  eine  erhebliche  Ermäßigung  der
Armenunterstützung  eintritt.  Eine  Überspannung  der  weiblichen
Kräfte  in  der  Konservenindustrie  in  gesundheitlicher  Beziehung  ist
nirgends  festzustellen;  es  Hegt  daher  auch  kein  Anlaß  vor,  den  in
der  Konservenindustrie  beschäftigten  Frauen  die  vermeintliche  Wohltat
einer  Arbeitsbeschränkung  aufzuerlegen,  gegen  die  diese  selbst  ganz
entschieden  Einspruch  erheben  würden.
Wir  gelangen  damit  zur  weiteren  Frage:
        <pb n="67" />
        56

B.  Läßt  sich  eine  weitere  Beschränkung  der  Arbeitszeit  für
Arbeiterinnen  ohne  ernstliche  Gefährdung  der  Konservenindustrie ­
  überhaupt  durchführen?
Wie  in  dem  Vorhergegangenen  schon  wiederholt  nachgewiesen
wurde,  lassen  die  inneren  und  äußeren  Verhältnisse  der  deutschen
Konservenindustrie  nicht  nur  keine  weitere  Einengung  der  für  Arbeiterinnen ­
  freigelassenen  Zeit  ohne  erhebliche  Schädigung  dieser
Industrie  zu,  sondern  erfordern  im  Gegenteil  mit  Dringlichkeit  eine
entsprechende  größere  Bewegungsfreiheit.  Bei  der  Regulierung  der
Arbeitszeit  ist  doch  wohl  ein  erheblicher  Unterschied  zu  machen,
welcher  Art  die  Arbeit  ist,  ob  diese  dauernd  oder  nur  in  beschränkten
Zeitabschnitten  geleistet  wird,  ob  sie  nach  der  Natur  ihres  Rohproduktes ­
  und  ihrer  Verarbeitung  den  gesetzlichen  Maßnahmen  sich  überhaupt ­
  anzupassen  vermag,  oder  wie  in  der  Konservenindustrie  in  so
unmittelbarer  Abhängigkeit  von  ihren  Rohstoffen  steht,  daß  sie  gar
nicht  in  der  Lage  ist,  sich  in  ein  allgemeines  Schema  einzuordnen.
Die  Konservenindustrie  kann  eine  mechanische  gleichmäßige  Behandlung, ­
  wie  sie  für  Spinnereien,  Webereien  und  ähnliche  Industriezweige ­
  durchführbar  ist,  nicht  vertragen,  weil  auch  die  Natur,  welche
dieser  Industrie  die  Rohprodukte  schafft,  nicht  gleichmäßig  produziert. ­
  Wenn  die  Sonne  über  der  Spargelplantage  einige  Tage  hindurch ­
  die  Pflanzen  im  raschen  Wachstum  aus  der  Erde  hervorsprießen
läßt,  müssen  alle  vorhandenen  Arbeitskräfte  eilends  die  Pflanzen
bergen  und  die  Ernte  muß  ebenso  eilends  durch  Zusammenwirken
aller  verfügbaren  Kräfte  geschält,  blanchiert,  gekocht,  eingelötet
werden.  In  solcher  Zeit  Einhalt  gebieten  wollen,  wäre  genau  dasselbe, ­
  wie  wenn  man  dem  Landwirt  gebieten  wollte,  wann  und  wie
er  sein  Getreide  oder  Heu  bergen  soll,  und  doch  verträgt  die  Aberntung
  von  Getreide  usw.  noch  eher  eine  Verschiebung  auf  den
nächsten  Tag,  als  der  Spargel  oder  die  Erbse,  die  wertlos  wird,  wenn
man  sie  nicht  rasch  verarbeitet.
Hiergegen  hilft  -  aber  kein  Aushilfsmittel,  welches  sonst  vielleicht ­
  bei  anderen  Industrieen  möglich  ist,  wie  z.  B.  eine  Vermehrung
der  Hilfskräfte,  und  zwar  schon  deshalb  nicht,  weil  solche  Hilfskräfte
für  bestimmte  einzelne  Tage  oder  Wochen  im  Jahre  gar  nicht  zu
haben  sind,  und  selbst  wenn  sie  vorhanden  wären,  noch  nicht  gleich
eingeschult  sind.  Der  Ausgleich  kann  auch  nicht  etwa  durch  Mehreinstellung ­
  männlicher  Hilfskräfte  erfolgen,  denn  das  Vorbereiten  der
Gemüse  ist  eben  eine  spezifisch  weibliche  Arbeitsleistung,  für  die
Männer  überhaupt  nicht  zu  gewinnen  sind.
        <pb n="68" />
        57

Wie  erwähnt,  herrscht  in  der  deutschen  Gemüsekonservenindustrie ­
  der  Brauch,,  daß  die  Gemüse  nach  Morgenzahl  abgeschlossen
werden.  Der  Fabrikant  ist  danach  verpflichtet,  alles,  was  auf  dem
v on  ihm  mit  seinen  Lieferanten  kontrahierten  Areal  wächst,  abzunehmen, ­
  gleichviel,  ob  die  Tageslieferungen  kleine  oder  große  sind  1 ).
Es  wird  ernstlich  von  seiten  der  Konservenfabrikanten  in  Erwägung ­
  gezogen  werden  müssen,  ob  die  Kontrakte  mit  den  Lieferanten ­
  künftig  nicht  besser  nach  Gewicht  abzuschließen  sind,  oder
daß  wenigstens  ein  Maximalquantum  pro  Tag  und  Morgen  festgesetzt
wird.  Damit  würde  allerdings  zweifellos  ein  erheblicher  Rückgang
des  Gemüseanbaues  verknüpft  sein.  Denn  bei  plötzlichem  Wachstum
würden  die  Landwirte  mit  erheblichen  Mengen  Rohwaren  sitzen
bleiben  und  diese  selbst  nicht  einmal  für  den  geringsten  Preis  an  den
Mann  bringen  können.  Die  Folge  würde  sein,  daß  die  vielen  Tausende ­
  von  kleinen  Landwirten  und  Anbauern  in  Zukunft  den  für  sie
so  lohnenden  Gemüsebau  nicht  mehr  betreiben  können.
In  volkswirtschaftlicher  Beziehung  wäre  der  Rückgang  des  erst
m it  Schwierigkeiten  aufgezogenen  deutschen  Gemüseanbaues  außerordentlich ­
  zu  bedauern.  Denn  gerade  die  Gegenden,  die  früher  zu
den  ärmsten  gehörten,  sind  durch  die  Konservenindustrie  zu  Wohlstand ­
  gekommen.  Viele  Tausende  von  Arbeitern,  die  in  der  Stadt
der  Arbeit  nachgehen  und  auf  dem  Lande  wohnen,  lassen  durch  ihre
Familie  den  Gemüsebau  betreiben  und  haben  dadurch  erhebliche
Nebeneinnahmen,  die  ihnen  gestatten,  sich  allmählich  ein  eigenes
Besitztum  zu  schaffen.  Gibt  es  doch  nach  den  früher  gegebenen
statistischen  Tabellen  über  die  Rohprodukte  Fabriken,  die  6—700
Lieferanten  haben,  welche  einen  Viertelmorgen  Erbsen,  einen  halben
Morgen  Bohnen,  2  Morgen  Spargel  usw.  bauen  und  außerdem  die
besten  Lieferanten  für  die  Fabriken  abgeben.  Werden  also  der
Konservenindustrie  die  dringend  erforderlichen  Erleichterungen  nicht
geschaffen,  so  wird  die  Folge  sein,  daß  sie  das  ihr  auferlegte  Risiko
Zu ®  Teil  auf  die  Landwirtschaft  abschiebt.  Da  die  Landwirtschaft
das  Risiko  aber  ebensowenig  zu  tragen  vermag,  wird  die  schließliche
Wirkung  die  sein,  daß  die  Gemüse•  bauende  Landwirtschaft  und  die
Gemüse  verarbeitende  Industrie  in  gleichem  Verhältnisse  leiden  und
ln  ihrer  Entwicklung  wahrscheinlich  dauernd  gehemmt  bleiben  werden.
Der  Verband  deutscher  Konservenfabrikanten  hat  nun  im  April
1904  eine  erneute  Eingabe  an  den  deutschen  Reichskanzler  gerichtet,

1)  Es  mag  hierbei  darauf  hingewiesen  werden,  daß  bei  Spargellieferungen  Variationen
ln  wenigen  Tagen  von  40  bis  ca.  250  Zentner  erfahrungsgemäß  entstehen  können.
        <pb n="69" />
        58

die  vom  Standpunkte  der  Konservenfabrikanten  die  allergrößten  Bedenken ­
  erhebt,  wenn  etwa  beabsichtigt  sein  sollte,  die  deutsche
Konservenindustrie  in  die  Geltung  der  geplanten  gesetzlichen  Maßnahmen ­
  einzuschließen.  In  der  Eingabe  wird  der  Beweis  erbracht,
daß  Ursachen  für  gesetzliche  Eingriffe  in  die  Arbeitszeit  der  Konservenfabriken ­
  nicht  gegeben  sind.  Diese  Eingabe  der  deutschen
Konservenindustrie  hat  von  einzelnen  Regierungen  und  auch  von
verschiedenen  Handelskammern  Unterstützung  erfahren.  —  Auch
der  Bund  der  Industriellen  in  Deutschland  beabsichtigt  die  Abfassung
einer  Denkschrift,  worin  gegen  eine  etwaige  Einführung  des  Zehnstundentages ­
  Stellung  genommen  wird.
5.  Die  momentane  Überproduktion  in  der  Gemüsekonservenindustrie
und  die  Maßnahmen  zu  ihrer  Beseitigung.
Seit  ungefähr  xo  Jahren  (1894/95)  haben  sich  die  Verhältnisse
der  Konservenindustrie  im  allgemeinen  nach  der  ungünstigen  Seite
verschoben.  Die  guten  Erträge,  welche  der  Gemüsebauer  während
der  ersten  Jahre  gegenüber  den  verhältnismäßig  geringeren  Erträgen
in  den  übrigen  landwirtschaftlichen  Produkten  aufwies,  haben  die
Neigung  für  den  Anbau  von  Gemüsen,  beziehentlich  für  die  Errichtung ­
  von  Konservenfabriken  stark  vermehrt.  Diese  Entwicklung
hat  eine  weitere  Förderung  durch  die  Bemühungen  der  landwirtschaftlichen ­
  Fachorgane,  Vereine  und  Behörden  erhalten.  Ganz  besonders ­
  aber  hat  die  Errichtung  von  Genossenschaftsfabriken  auf
diesem  Gebiete  zu  einer  starken  Steigerung  der  Produktion  geführt.
Viele  Landwirte,  die  früher  an  Konservenfabrikanten  ihre  Gemüse
geliefert  hatten,  glaubten  ihren  Verdienst  durch  den  Zusammenschluß
und  die  Errichtung  einer  Genossenschaftsfabrik  erheblich  erhöhen  zu
können.  Meist  fehlte  es  aber  diesen  Genossenschaftsfabriken,  die
sofort  mit  erheblicher  Produktion  von  Konserven  begannen,  an  geeigneten ­
  Leitern,  die  imstande  waren,  für  diese  Produktion  geeigneten
Absatz  zu  finden.  Damit  die  einzelnen  Genossen  nun  im  folgenden
Jahre  wieder  Gemüse  anbauen  konnten,  wurden  die  hergestellten
Konserven,  die  oft  auch  an  Qualität  sehr  zu  wünschen  übrig  ließen,
bedeutend  unter  den  LIerstellungspreisen  verschleudert,  der  Markt
wurde  mit  Konserven  überschwemmt.  Die  Überproduktion  an  Gemüsekonserven, ­
  die  bereits  in  den  günstigen  Gemüsejahren  1894  und
1895  begann,  steigerte  sich  immer  mehr  und  erreichte  ihren  Höhepunkt ­
  im  Jahre  1902.  Im  Frühjahr  des  genannten  Jahres  waren  die
Lager  der  einzelnen  Konservenfabriken,  die  sonst  um  die  gleiche  Zeit
        <pb n="70" />
        59

geräumt  sind,  mit  Vorräten  an  Spargel,  Erbsen  und  Bohnen  noch  überfüllt. ­
  Hierdurch  entstand  in  der  Konservenindustrie  eine  Krisis,  die  in
allen  Teilen  Deutschlands  gleichmäßig  beobachtet  wurde.  Die  Wirkungen
derselben  zeigten  sich  auch  bald.  Einzelne  Fabriken  waren  sogar  gezwungen, ­
  infolge  ihrer  ungünstigen  Lage  ihren  Betrieb  gänzlich  einzustellen. ­

Der  Verein  deutscher  Konserven-  und  Präservenfabrikanten
berief  im  März  1902  einen  Kongreß  sämtlicher  Konservenfabrikanten
nach  Braunschweig,  um  über  die  mißliche  Lage  der  Industrie  zu
verhandeln,  und  soweit  möglich  mittelst  geeigneter  Maßnahmen  Abhilfe ­
  zu  schaffen.  Die  starke  Teilnehmerzahl  dieses  Kongresses,  es
waren  über  130  Vertreter  erschienen,  bewies,  daß  eine  Krisis  der
Industrie  überall  beobachtet  wurde  und  daß  man  überall  das  Bedürfnis
nach  baldiger  Abhilfe  empfand.
Worauf  war  die  bedrängte  Lage  der  Industrie  nun  zurückzuführen? ­
  —  Allgemein  erkannte  man  eine  Überproduktion,  entstanden
durch  die  Vergrößerung  alter  und  die  Errichtung  neuer  Fabriken
a n.  Aber  auch  die  Mißwirtschaft,  welche  teilweise  in  einzelnen  meist
jungen  Fabriken  betrieben  wurde,  hatte  ihren  Teil  zur  schlechten
Lage  der  Industrie  beigetragen.  Diese  Mißwirtschaft  machte  sich  in
kopflosen  ängstlichen  Verkäufen  bemerkbar  und  ermöglichte  den
Verkauf  von  Gemüsekonserven  zu  Preisen,  die  nicht  einmal  die
Herstellungskosten  der  Fabrikanten  deckten.  Durch  solche  Manipulationen ­
  wurde  natürlich  die  ganze  Industrie  erheblich  geschädigt.
Lurch  den  Verkauf  schlechter,  oft  ungenießbarer  Konserven,  von
Neulingen  der  Branche  hergestellt,  wurden  die  Konsumenten  geradezu
abgeschreckt,  Konserven  zu  kaufen,  was  zur  Verringerung  des  Absatzes ­
  beitrug.  Die  Unsicherheit  des  Verkaufs  der  Konserven  wurde
üoch  vermehrt  durch  die  verschiedene  Bezeichnung  der  einzelnen
Qualitäten,  da  Bestimmungen  hierüber  nicht  existierten,  durch  die
verschiedensten  Lieferungsbedingungen,  durch  das  gegenseitige  Preisünterbieten
  der  Fabrikanten  bei  Beschaffung  von  Aufträgen  und
durch  die  Gewohnheit  vieler  Zwischenhändler,  Konserven  nicht  nach
Qualität,  sondern  nach  den  billigsten  Preisen  zu  kaufen.
Als  Maßnahmen,  die  imstande  wären,  die  Lage  der  Konserven-^dustrie
  zu  bessern,  sind  zu  erwähnen:
1.  Einschränkung  der  Produktion.
2.  Eine  Verständigung  sämtlicher  Konservenfabrikanten  über
Mindestpreise.  Diese  wäre  an  sich  sehr  wünschenswert,  ist  indessen
nur  durchführbar,  wenn  sämtliche  Fabrikanten  hierzu  bereit  sind.
        <pb n="71" />
        6o

3.  Die  Förderung  des  Exports.
Eine  bedeutende  Erweiterung  des  Exports  ist  aber  unmöglich,
solange  die  meisten  Länder  durch  hohe  Einfuhrzölle  den  Import
unserer  billigen  Konserven  ausschließen.  Es  muß  dahin  gewirkt
werden,  daß  Konserven  bei  neuen  Verträgen  als  „Konsumartikel“
aufgefaßt  werden,  während  man  sie  jetzt  als  Luxusartikel  ansieht.
Solange  dies  nicht  geschieht,  wird  im  Auslande  kein  nennenswerter
Absatz  für  Konserven  zu  finden  sein.
4.  Gemeinsame  Verkaufsbedingungen.
Die  Festsetzung  eines  einheitlichen  Textes  für  die  Verkaufsbedingungen ­
  der  Konservenbranche  würde  bei  der  heutigen  Verschiedenheit ­
  sehr  wünschenswert  sein.  Andere  Branchen  haben
solche  Bestimmungen,  die  Mißverständnisse  und  Prozesse  vermeiden,
schon  lange  Zeit.
5.  An  bringen  des  Namens  des  Fabrikanten  an  jeder  Dose.
In  keinem  Lande  außer  in  Deutschland,  kennt  man  in  so  ausgedehntem ­
  Maße  die  Sitte,  Konserven  ohne  Angabe  der  Firma  des
Fabrikanten  in  den  Handel  zu  bringen.  Allerdings  haben  vornehmlich ­
  die  Grossisten  das  an  und  für  sich  wohl  berechtigte,  resp.  verständliche ­
  Bestreben,  ihren  Abnehmern,  den  kleinen  Verkäufern,
ihre  Bezugsquellen  nicht  bekannt  zu  geben.  Sie  verlangen  daher
seit  Jahren  von  den  Fabrikanten,  daß  dieselben  entweder  Etiketten
ohne  jeden  Firmenzusatz,  oder  was  jetzt  meist  der  Fall  ist,  Etiketten
mit  der  Firma  des  Grossisten  verwenden.  Solange  das  Geschäft  in
solchen  Nahrungsmitteln,  speziell  in  der  Konservenbranche,  sich  in
normalen  Bahnen  bewegte,  konnte  von  keiner  Seite  gegen  diese  Bestrebungen ­
  Bedenken  erhoben  werden.  Nachdem  aber  eine  Überproduktion ­
  eingetreten  ist,  die  eine  verschärfte  Konkurrenz  hervorgerufen ­
  hat,  suchen  kapitalschwächere  Fabrikanten,  sowie  Neulinge
in  der  Branche,  durch  die  Stellung  möglichst  niedriger  Verkaufspreise
ihre  Ware  abzusetzen.  Es  entstanden  Fabrikate,  die  sowohl  hinsichtlich ­
  des  Reingewichts  an  Nahrungsmitteln,  als  auch  in  Hinblick  auf
die  Qualität  gerechten  Ansprüchen  nicht  genügen.  Der  Kleinverkäufer ­
  aber,  wie  auch  der  Konsument,  ist  aus  den  oben  angeführten
Gründen  nicht  in  der  Lage,  derartige  Fabrikate  äußerlich  zu  erkennen
und  zurückzu  weisen,  wodurch  allmählich  normale  Verhältnisse  herbeigeführt ­
  werden  könnten.  Ihre  fortgesetzte  Täuschung  ist  um  so
leichter,  als  durch  die  Verwendung  der  verschiedenartig  gestalteten
Etiketten  ihnen  auch  die  Möglichkeit  genommen  wird,  das  einmal
schon  als  minderwertig  erkannte  Fabrikat  zurückzuweisen.
        <pb n="72" />
        6i

i

6.  Gleichmäßiger  Doseninhalt.
Es  würde  zu  wünschen  sein,  daß  der  Inhalt  der  Dosen  an  Gemüse ­
  durch  Gesetz  oder  Bestimmungen  der  Fabrikanten  untereinander
geregelt  würde.  Auch  der  Zentralverband  deutscher  Kaufleute  und
Gewerbetreibender  hat  dieses  Verlangen  an  die  deutschen  Konservenindustrie ­
  gestellt,  nachdem  er  den  Nachweis  erbracht  hatte,  daß  in
verschiedenen  i  Kilodosen  bei  gleichem  Bruttogewicht  Wassermengen
von  27®,  290,  310,  330,  350  und  410  g  enthalten  waren.  Nach  Ansicht ­
  des  genannten  Zentralverbandes  haben  sich  die  Klagen  der
Kleinhändler  und  Konsumenten  über  den  Gewichtsinhalt  an  Gemüse
von  Jahr  zu  Jahr  vermehrt.  Wenn  nachgewiesen  wurde,  daß  der
Trockeninhalt  von  2  Pfunddosen  zwischen  380  und  600  g  schwankt,
so  weist  dies  auf  unhaltbare  Zustände  hin,  die  baldigst  verbessert
werden  müssen.
7.  Festsetzung  gleicher  Bezeichnungen  für  gleiche
Qualitäten.
Vergleicht  man  die  Preislisten  verschiedener  Konservenfabrikanten, ­
  so  findet  man  überall  verschiedene  Bezeichnungen,  aus  deren
Namen  sich  entweder  gar  nicht  oder  nur  zum  Teil  die  Qualitäten  der
Konserven  erkennen  lassen.  So  finden  wir  bei  Spargel:  Riesenspargel,
Kaiserspargel,  Stangenspargel  extra,  prima  Stangen  Spargel;  bei  Erbsen:
Kaiserschoten,  Erbsen  la,  Erbsen  feinste,  Erbsen  ganz  fein  usw.  Der
Konsument  kann  aus  diesen  Bezeichnungen  gar  keine  Schlüsse  auf
den  Inhalt  der  Dosen  ziehen.
8.  Warnung  vor  Neugründungen.
Die  ungünstige  Lage  der  Landwirtschaft  drängt  viele  kleineren
Landwirte  dazu,  ihre  Zuflucht  zum  Anbau  von  Gemüsen  für  Konservenzwecke ­
  zu  nehmen  und  man  glaubte  bis  vor  kurzem,  daß  es
für  die  Ausdehnung  rentablen  Gemüsebaus  keine  Grenzen  gäbe.  Es
dürften  also  Veröffentlichungen  in  der  Presse  über  die  Überproduktion
in  der  Konservenindustrie  und  Warnungen  vor  Neugründung  von
Konservenfabriken  notwendig  erscheinen.
9.  Ausführliche  Buchführung  in  den  einzelnen  Konservenfabriken. ­

In  einzelnen  Konservenfabriken  läßt  die  kaufmännische  Buchführung ­
  sehr  zu  wünschen  übrig.  Eine  ausführliche,  sachgemäße  und
richtige  Kalkulation  zeigt  dem  Fabrikanten,  zu  welchen  Preisen  er
die  Produkte  verkaufen  kann,  ohne  selbst  Schaden  zu  leiden.  Nach
einer  einmaligen  richtigen  Bilanz  kann  der  Kaufmann  erkennen,
°b  sein  Unternehmen  fortschreitet  oder  zurückgeht.  Hiernach  müßte
        <pb n="73" />
        62

also  der  Konservenfabrikant  bei  einer  Verschlechterung  seiner  Verhältnisse ­
  die  Produktion  einstellen.
io.  Vorgehen  gegen  Warenhäuser.
Von  verschiedenen  Konservenfabrikanten  wurde  in  letzter  Zeit
ein  Vorgehen  der  Fabrikanten  gegen  die  Warenhäuser  beantragt.
Die  Warenhäuser  sind  indessen  sehr  gute  Abnehmer  für  die  Fabriken.
Meist  sind  sie  pekuniär  derart  gestellt,  daß  sie  zum  Unterschied  von
den  übrigen  Konservenabnehmern  nur  gegen  Kasse  kaufen  und  stets
große  Mengen  verbrauchen.  Wenn  dieselben  heute  in  der  Lage  sind,
die  Konserven  30—40  °/ 0  unter  Einkaufswert  zu  kaufen,  so  ist  dies
nicht  den  Warenhäusern  zur  Last  zu  legen,  sondern  lediglich  den
bisherigen  Verhältnissen  in  der  Konservenbranche  selbst.
Ein  Vorgehen  gegen  Warenhäuser  würde  daher  unrichtig  und
zwecklos  sein.  Ein  solches  würde  die  Warenhäuser  leicht  dazu  veranlassen ­
  können,  bei  irgend  welchen  Beschwerden  selbst  Konservenfabriken ­
  zu  erwerben.
Von  den  genannten  Zielen,  welche  die  deutsche  Konservenindustrie ­
  verfolgt,  sind  dank  der  Initiative  und  Rührigkeit  des  Vereins ­
  Deutscher  Konservenfabrikanten  in  den  letzten  Jahren  manche
erreicht  worden,  so  daß  sich  die  Verhältnisse  etwas,  wenn  auch  wenig
gebessert  haben.  Man  muß  hierbei  die  Schwierigkeit  berücksichtigen,
die  es  bietet,  unter  den  ungefähr  200  deutschen  Gemüsekonservenfabrikanten ­
  eine  Einheitlichkeit  herzustellen,  da  dieselben  sich  aus  den
verschiedensten  Elementen  zusammensetzen.  Hierzu  kommt  noch,
daß  wenig  mehr  als  die  Hälfte  dem  oioengenannten  Verein  angehören.
Die  übrigen,  meist  ganz  kleine  Unternehmer,  kümmern  sich  wenig
um  die  Allgemeinheit.
Es  hat  den  Anschein,  als  sei  eine  Einschränkung  der  Produktion
vielleicht  doch  durch  die  vielen  Ermahnungen  allmählich  eingetreten.
Hierbei  muß  anerkannt  werden,  daß  die  alten  Braunschweiger  Fabriken,
zum  Teil  sogar  mit  nicht  geringen  Verlusten,  in  allen  Reformbestrebungen ­
  mit  gutem  Beispiel  vorangingen.
Bezüglich  der  Mindestpreise  suchte  der  genannte  Verband  im
Jahre  1904  zuerst  eine  Einigung  über  die  Verkaufspreise  von  Bohnen
in  verschiedenen  Packungen  zu  erzielen.  Da  gerade  mit  Bohnen  in
den  früheren  Jahren  eine  unverantwortliche  Schleuderei  getrieben
worden  war,  wollte  man  wenigstens  bei  diesem  Artikel  die  Mindestpreise ­
  festsetzen.  Ungefähr  60  Konservenfabriken  verpflichteten  sich
am  10.  Dezember  1904,  gegenseitig  für  das  Jahr  1905  bestimmte
Mindestverkaufspreise  für  Büchsenbohnen  einzuhalten,  unter  dem  Vorbehalt, ­
  daß  80  %  der  gesamten  Produktion,  darunter  auch  80  °/ 0  der
        <pb n="74" />
        63

bezüglichen  Produktion  in  der  Stadt  Braunschweig,  dieser  Verpflichtung ­
  beitreten  würde.  Die  Produktion  ist  ermittelt  worden  durch
Feststellung  seitens  des  Bureaus  der  Braunschweiger  Handelskammer
auf  Grundlage  der  Produktionserträge  der  Jahre  1901,  1902  und  1903.
Leider  wurde  aber  unter  den  abschließenden  Fabrikanten  die  Höhe  von
8o°/ 0  der  Gesamtproduktion  nicht  erreicht,  so  daß  die  Festsetzung  der
Mindestpreise  nicht  perfekt  geworden  ist.  Wenn  auch  eine  vertragliche ­
  Festsetzung  von  Mindestpreisen  gescheitert  ist,  so  sind  doch  diese
Mindestpreise  wenigstens  als  Norm  festgesetzt  worden  und  die  meisten
Fabriken  werden  sie,  wenn  auch  nicht  gezwungen,  einhalten.  Es
darf  aber  erhofft  werden,  daß  in  späteren  Jahren  die  Höhe  von  80  °/ 0
der  Gesamtproduktion  unter  den  Vertragschließenden  erreicht  und  so
Mindestpreise  geschaffen  werden.
Auf  Ausfuhr  und  Ausfuhrverhältnisse  deutscher  Gemüsekonserven
werden  wir  im  nächsten  Abschnitt  ausführlich  ein  gehen.
Gemeinsame  Verkaufsbedingungen  und  gleichmäßige  Bezeichnung
gleicher  Qualitäten  hat  der  oft  genannte  Verband  in  einer  Generalversammlung ­
  im  Jahre  1905  aufgestellt,  und  wenn  auch  niemand  gezwungen ­
  ist,  diese  Bestimmungen  genau  innezuhalten,  so  dürften  sie
doch  in  Zukunft  als  Handelsnorm  anerkannt  werden  und  manche
Mißverständnisse  beseitigen.
Auf  Ersuchen  des  Zentralverbandes  Deutscher  Kaufleute  und
Gewerbetreibender  hat  der  Verein  Deutscher  Konservenfabrikanten
an  den  Bundesrat  eine  Eingabe  gerichtet,  worin  um  eine  Verordnung
gebeten  wurde  des  Inhalts,  daß  jedes  luftdicht  verschlossene  Gefäß,
Welches  Nahrungsmittel  enthält,  nur  mit  der  vollständigen  Firma  des
Erzeugers  versehen  in  den  Handel  gebracht  werden  darf.  Durch
diese  Maßnahme  übernimmt  der  Konservenfabrikant  dem  Konsument
gegenüber  die  volle  Garantie  für  den  Inhalt  und  reelle  Füllung  der
Lose.  Hierdurch  macht  sich  zudem  eine  Bestimmung  über  den
gleichmäßig  zugewogenen  Inhalt  der  Dosen  überflüssig.
Auch  in  der  Dörrgemüsefabrikation  war  in  den  letzten  Jahren
eine  Überproduktion  ein  getreten.  Um  hier  Hilfe  zu  schaffen,  war
im  Dezember  1903  der  Verband  Deutscher  Dörrgemüsefabrikanten
ins  Leben  getreten,  dem  sich  außer  zwei  bis  drei  unbedeutenden
Unternehmungen  alle  deutschen  Dörrgemüsefabrikanten  angeschlossen
haben.  Dieser  Verband  bezweckt  der  Erzeugung  und  dem  Vertrieb  von
Dörrgemüsen  privat-  und  volkswirtschaftlich  gesunde  Grundlagen  zu
sichern.
Bereits  Ende  Januar  1904  setzte  man  für  sämtliche  Dörrgemüse
bestimmte  Mindestpreise  auf  ein  Vertragsjahr  fest,  zu  denen  sich  alle
        <pb n="75" />
        64

Verbandsmitglieder  verpflichteten.  Für  das  Ausfuhr-  und  das  Ergänzungsgeschäft ­
  sind  diese  Mindestpreise  nicht  bindend.
Zur  strengen  Durchführung  des  Verbandsvertrages  (Mindestpreise ­
  usw.)  ist  den  Vorstandsmitgliedern  die  Einsicht  der  Bücher
und  Geschäftspapiere  jeder  einzelnen  Fabrik,  zwecks  Überwachung
der  gemeinsamen  Vorschriften,  gestattet.  Eine  solche  scharfe  Maßnahme ­
  ist  notwendig,  um  das  Bestehen  und  Einhalten  des  Vertrages
durchzuführen.
Im  übrigen  hat  sich  der  Verband  Deutscher  Dörrgemüsefabriken
bisher  gut  bewährt,  und  es  wäre  zu  wünschen,  daß  sich  die  Produzenten ­
  von  Dosengemüse  nach  diesem  Beispiele  in  nächster  Zeit
ebenfalls  zu  gleichen  Maßnahmen  betreffs  der  Mindestpreise  entschließen
möchten.
6.  Aussichten  für  den  Export  von  Gemüsekonserven.
Für  die  Erweiterung  des  Exportes  konnte  bisher  wenig  getan
werden.  Trotz  der  verschiedenen  Bemühungen  der  deutschen  Konservenfabrikanten ­
  sind  die  Zölle  nach  dem  Auslande,  wie  aus  dem
vorhergegangenen  Abschnitt  über  den  Absatz  zu  entnehmen  war,
nicht  herabgesetzt  worden,  obgleich  man  von  deutscher  Seite  gern
bereit  war,  den  Zoll  für  eingeführte  Konserven  von  60  M.  auf  30  M.
pro  100  kg  herabzusetzen.  Wir  sind  nun  auf  lange  Zeit  an  diese
Verhältnisse  gebunden  und  werden  auf  erhebliche  Änderungen  in
der  Ausfuhr  von  Konserven  nicht  zu  rechnen  haben.  Es  wird  sich
aber  fragen,  ob  nicht  die  Konservenfabrikanten,  ähnlich  wie  der  Bund
der  Landwirte,  der  wirklich  Großes  geleistet  hat,  auch  frühzeitig  anfangen ­
  sollen,  für  die  neuen  nach  12  Jahren  in  Kraft  tretenden
FlandelsVerträge  Propaganda  zu  machen,  damit  diese  günstigere  Verhältnisse ­
  bezüglich  der  Ausfuhr  schaffen.  Natürlich  müssen  wir  bei
der  Erstrebung  billiger  Zollsätze  nach  dem  Auslande  auch  billige
Zollsätze  für  die  Einfuhr  nach  Deutschland  gewähren.  Aber  eine
bedeutende  Einfuhr  von  Konserven  nach  Deutschland  ist  nicht  zu
befürchten  und  so  sind  die  deutschen  Fabrikanten  gern  bereit,  hier
Zugeständnisse  bezüglich  der  Zölle  zu  machen.  Leider  läßt  sich  aus
unserer  Statistik  die  Aus-  und  Einfuhr  von  Gemüsekonserven  nicht
feststellen,  da  diese  meist  mit  Fleischkonserven  zusammen  genannt
werden,  während  in  der  Statistik  des  Auslandes  der  Begriff  über
Konserven  sehr  verschieden  ist.
1)  Kaufs-  und  Verkaufsgeschäfte  von  Gemüsekonserven  unter  den  Fabrikanten  nennt
man  Ergänzungsgeschäfte.
        <pb n="76" />
        65

Unter  diesen  Umständen  müssen  wir  uns  daher  auf  die  Aussagen ­
  der  Fabrikanten  und  Sachverständigen  verlassen,  wonach  die
Ausfuhr  deutscher  Gemüsekonserven  ungefähr  1 / 6  der  Gesamtproduktion
beträgt.
Die  Zollsätze  für  Gemüsekonserven  betragen  nach  den  einzelnen
Ländern:

i.  Vertragsstaaten  pro  100  kg  M.

Land

Bisherige

Zollsatz

Neuer

Zollsatz

Allgera.  Tarif

Vertragstarif

Allgem.  Tarif

Vertragstarif 1 )

M.

M.

M.

M.

Italien

l6.

16.—

l6.

9.60

Belgien

12.—

—

12.—

—

Schweiz

24.—

—

3 2 -—

28.—

Österreich-Ungarn

68.—

59,50

102.—

—

Rußland

p.  Pud  brutto

11.25

—

22.50

—

Rumänien

48.-—



40.—

—

Serbien

16.—

9,60

96.—

—

2.  Die  übrigen  Staaten  pro  100  kg  M.

Frankreich
Niederlande  .
Spanien  ,  .  .  .
Vereinigte  Staaten  2 )
Britisch-Ostindien  .
China
Japan
Großbritannien  .

12.80  M.
42.50  „
120.—  „
22.—  „
5  °/ 0  vom  Wert
zollfrei
10  °/ 0  vom  Wert
zollfrei.

Außer  Großbritannien  und  seinen  Kolonien  sind  uns  alle  Länder
durch  die  hohen  Zölle  für  die  Einfuhr  schwer  zugänglich.  England
gilt  nun  allerdings  für  deutsche  Gemüsekonserven  als  ein  sehr  gutes
Absatzgebiet,  aber  der  Engländer  genießt  von  Gemüsekonserven
namentlich  grünen  Spargel,  den  Frankreich  in  großen  Mengen  einführt, ­
  und  möglichst  dicke  Erbsen,  während  für  unsere  besseren  Schnittbohnen ­
  und  Erbsenqualitäten  bisher  in  England  und  seinen  Kolonien
wenig  Absatz  zu  finden  war.  In  England  werden  große  Mengen  von
Mixed-Pickles  verbraucht,  die  entweder  in  England  selbst  hergestellt
oder  von  Australien  eingeführt  werden.  Die  deutsche  Konservenindustrie ­
  hat  in  den  letzten  Jahren  mit  guten  Erfolgen  auch  die  englischen ­
  Mixed-Pickles  hergestellt  und  diese  dürften  dort  guten  Absatz

1)  Für  Frankreich  9.60  M.  per  100  kg  kommt  infolge  Meistbegünstigung  auch
Deutschland  zustatten.
2)  Einschließlich  Gewicht  der  Verpackung.
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  IV,  Heft  3.  0
Wagner,  Konserven  und  Konservenindustrie  in  Deutschland.
        <pb n="77" />
        66

finden.  An  Gemüsekonserven  in  Büchsen  wurden  im  Jahre  1903
134505  Doppelzentner  im  Werte  von  5  789000  M.  eingeführt.  Deutschland ­
  ist  aber  an  dieser  Einfuhr  immer  noch  in  sehr  geringem  Maße
beteiligt.  Freilich  wird  von  den  deutschen  Handelssachverständigen
und  Konsulatsbeamten  den  deutschen  Fabrikanten  oft  der  Vorwurf
gemacht,  daß  sie  nicht  selbst  nach  England  kommen,  um  dort  die
Konsumbedürfnisse  kennen  zu  lernen  und  an  Ort  und  Stelle  die  einschlägigen ­
  Verhältnisse  eingehend  zu  studieren.  Die  deutschen  Dörrgemüse ­
  haben  in  England  bereits  festen  Fuß  gefaßt  und  erfreuen
sich  dort  großer  Beliebtheit.  Namentlich  im  südafrikanischen  Kriege
kaufte  die  englische  Regierung  große  Mengen  deutscher  Dörrgemüse
auf,  und  diese  Lieferungen  gaben  Veranlassung  zu  weiteren  Bestellungen ­
  auf  deutsche  Dörrgemüse.
Die  Großhandelspreise  ■)  für  Gemüsekonserven,  die  für  die  deutschen
Fabrikanten  von  Interesse  sein  dürften,  betrugen  im  Jahre  1903:

E.  Lagenby
&amp;amp;  Son,

E.  and  F.
Pinck,

C.  and  E.
Morton,

Batty  &amp;amp;  Co„
London

London

London

London

sh

d

sh

d

sh

d

sh

d

Mixed  Pickles

8

a)  in  pint-Flaschen
(r  pint  =  0,5675  1),

8
8
9

6
6

1  1  1

1  1  1

4
4
4

7
9
11

1  1  1

p.  Dtzd.

b)  in  Töpfen  (jar)
(1  Gallon  =  4,54  1),  |

_

,

2

3

8

p.  Gallone  [

West-Indien-Pickles  in  pint-|

IO

—

—

—

9

—

IO

6

Flaschen,  p.  Dtzd.

—

—

—

—

—

—

12

6

Spargel  in  Büchsen

p.  Dtzd.

—

—

9

3

—

—

I  I

—

a)  Franzos.  Spargel  (72c;  g),

p.  Dtzd

—

—

—

—

8

3

—

—

b)  Lübecker  ausgesuchter

Spargel  (500  g),  p.  Dtzd.

—

.

—

—

&amp;gt;3

6

—

—

c)  Kaliforn.  Spargel,  p.  Dtzd.

—

—

8

6

—

—

—

—

—

—

3

4 1 /,

2

9

5

6

Grüne  Erbsen  in  pint-Büchsen,
  p.  Dtzd.

—

—

3

7  Vs

2

9

8

6

—

—

4

i'l.

3

4  Vs

—

—

—

4

9

3

9

—

—

—

—

—

—

4

—

—

—

i)  Aus  den  vom  Reichsamt  des  Innern  herausgegebenen  „Berichten  für  Handel  und
Industrie“,  Bd.  IV,  H.  2,  1905.
        <pb n="78" />
        6  7

E.  Lagenby
&amp;amp;  Son,
London

E.  and  F.
Pinck,
London

C.  and  E.
Morton,
London

Batty  &amp;amp;  Co.,
London

sh

d

sh

d

sh

d

sh

d

3

—

2

7V.

—

—

Grüne  Bohnen  in  pint-—



—

3

3

3

—

—

—

Büchsen,  p.  Dtzd.

—

—

3

6

3

9

7

—

—

—

5

i‘/ 2

4

—

—

—

Desgl.  Pariser,  p.  Dtzd.  .  .

—

—

—

—

6

3

—

—

Champignons  in  pint-Büchsen,(

—

—

6

3

—

—

—

—

p.  Dtzd.  |

—

—

8

i 1 /.

—

—

—

—

Champignons

(ca.  200  g-Büchse),  p.  Dtzd.

—

—

—

—

6

—

—

—

..  225

—

—

—

—

7

6

—

—

(

—

—

—

—

8

2

IO

6

Französische,  p.  Dtzd.  .  .■!

—

—

—

—

9

«V,

16

—

l

—

—

—

—

13

6

—

—

Nächst  England  dürfte  Belgien  wegen  seines  verhältnismäßig
niederen  Zolles  (15  Frcs.  p.  100  kg)  für  die  Einfuhr  deutscher  Gemüsekonserven ­
  in  Betracht  zu  ziehen  sein.  Wenn  auch  die  billigen  Bohnenqualitäten ­
  wegen  ihres  Preises  im  Verhältnis  zu  dem  genannten  Zollsätze ­
  eine  Einfuhr  schwierig  machen  werden,  so  dürften  sich  hier  doch
für  Spargel  und  Erbsen  gute  Absatzgebiete  finden  lassen.  Bisher
allerdings  beträgt  die  deutsche  Einfuhr  kaum  1  °/ 0  der  Gesamteinfuhr*).
Es  wurde  eingeführt  an  Gemüsekonserven:

Herkunftsland

1902
k g

1903
k g

Deutschland

10  977

10  448

England

162  599

325  124

Italien

212  766

385  318

Niederlande

38  041

76  614

Andere  Länder

8  712

7  913

Summa  kg

748  219

955  7^6

Bei  der  Einfuhr  deutscher  Gemüsekonserven  nach  den  Vereinigten ­
  Staaten 2 )  betrug  der  Zollsatz  in  früheren  Jahren  vor  Einführung ­
  der  Mac  Kinley-Bill  30%  des  Wertes.  Bei  diesem  Zollsatz
1)  Vom  Kaiser!.  Generalkonsulat  Antwerpen  privatim  mitgeteilt  am  19.  April  1904.
2)  Aus  Privatmitteilung  des  Kaiserl.  Generalkonsulats  New-York,  1904.
5*
        <pb n="79" />
        68

war  es  möglich,  für  die  besseren  Spargelsorten  und  die  zarteren
deutschen  Bohnen,  die  namentlich  bei  den  Deutsch-Amerikanern  beliebt ­
  waren,  zu  leidlich  normalen  Preisen  Absatz  zu  finden.  Seitdem
aber  durch  die  Mac  Kinley-Bill  der  Zollsatz  von  30  °/ 0  ad  valorem
auf  2 1 / i  Cts.  für  ein  Pfund  englischen  Gewichts  festgesetzt  wurde,
stellt  sich  der  Preis  des  Zolles  für  eine  Zweipfunddose  deutschen  Gewichts ­
  auf  ca.  22  Pf.  Damit  haben  wir  also  einen  Zollsatz,  der  z.  B.
bei  Bohnen  100%  des  Wertes  beträgt.  Dieser  Zoll  wurde  aber  später
noch  dadurch  erhöht,  daß  die  Rechnung,  die  dem  amerikanischen
Konsulate  zur  Legalisierung  vorgelegt  werden  muß,  auch  die  Unkosten ­
  frei  Schiff  und  die  Schiffsfracht,  sowie  die  Assekuranz  und
auch  die  Kosten  für  die  Legalisierung  selbst  in  Höhe  von  10.60  M.
enthalten  soll.  Augenblicklich  werden  die  deutschen  Bohnen  z.  B.
mit  0.80  per  Pfund  verkauft;  bei  solchen  Preisen  hört  natürlich  der
Konsum  und  somit  auch  der  Export  nach  den  Vereinigten  Staaten
von  selbst  auf.
Nach  Rußland l )  wurden  während  des  russisch-japanischen  Krieges
größere  Mengen  deutscher  Gemüsekonserven  versandt,  die  wahrscheinlich ­
  für  den  Kriegsschauplatz  bestimmt  waren.  Vor  allem  waren
die  deutschen  Dörrgemüsefabriken  mit  russischen  Aufträgen  beschäftigt. ­
  Es  wird  sich  nun  fragen,  ob  auch  in  Zukunft  ein  Bedarf
an  deutschen  Gemüsekonserven  eintreten  wird.  In  früheren  Jahren
wurden  nur  geringe  Mengen  Gemüsekonserven  überhaupt  eingeführt 2 ).
Da  sich  nach  der  russischen  Statistik  eine  Gesamteinfuhr  nicht  ermitteln ­
  läßt,  mögen  hier  die  Zahlen  der  Einfuhr  nach  St.  Petersburg
angeführt  sein.

A.  Auf  dem  Wasserwege:

1.  an  Dörrgemüsen
im  Jahre  1899  2845  Pud
„  i9°°  2  573  ..
„  „  1901  2622  „

2.  an  Dosengemüsen
im  Jahre  1899
„  „  1900
„  „  1901

i2  329  Pud
12  684  „
11836  „

1)  Mitteilungen  verschiedener  Fabrikanten  im  Jahre  1905.
2)  Privatbericht  des  deutschen  Generalkonsulats  St.  Petersburg  1904.
        <pb n="80" />
        6g

B.  Auf  dem  Landwege:
1.  an  Dörrgemüsen
im  Jahre  1899
jj  1900
„  „  1901
2.  an  Dosengemüsen
im  Jahre  1899
„  „  1900
„  „  1901

14  Pud
22  „
29  ..

577  Pud
337  »
420  „

7.  Die  französische  Gemüsekonservenindustrie.
In  Frankreich,  dem  Ursprungsland  der  Konserven,  ist  die  Gemüsekonservenindustrie ­
  zum  Teil  von  noch  größerer  Bedeutung  als
in  Deutschland.  In  bezug  auf  die  Qualität  der  hergestellten  Gemüsekonserven ­
  ist  uns  Frankreich  teilweise  weit  voraus.  Wir  haben  daher
bei  der  Ausfuhr  deutscher  Gemüsekonserven  nach  fast  allen  Ländern
mit  Frankreich  in  Wettbewerb  zu  treten.  Während  Deutschland
große  Mengen  an  Konsumkonserven,  also  billige  Nahrungsmittel
herstellt,  ist  Frankreich  der  Produzent  für  Luxus-  und  Delikateßkonserven,
  womit  es  fast  alle  Länder  versorgt.
Konservenfabriken  sind  in  allen  Teilen  Frankreichs  vertreten.
In  Paris  sind  von  maßgebenden  Gemüsekonservenfabriken  Chr.
Prevot  et  Co.,  Amieux  Freres,  Chevalier  Appert,  Louis  Bendin,
Blanchart  et  Co.  und  Bonnet  et  Co.  zu  nennen.  Noch  mehr  als  in
Deutschland  stellen  die  französischen  Gemüsekonservenfabriken  feinere
Fleischkonserven,  wie  Wild-  und  Geflügelkonserven  her,  die  hoho
Preise  erzielen.
Zum  Schutze  der  französischen  Konservenindustrie  bereitet  man,
ähnlich  wie  in  Deutschland,  ein  Gesetz  vor,  um  durch  Fabrikmarke
und  französische  Aufschrift  auf  die  Dosen,  die  französischen  Gemüsekonserven ­
  auf  dem  Weltmärkte  von  den  anderen  zu  unterscheiden.
Der  Deputierte  Georges  Le  Bail  hat  am  14.  Januar  1904  in  der  Chambre
des  deputes  einen  Gesetzesvorschlag  herausgegeben.  Der  Titel  der
Denkschrift  lautet:  Proposition  deLoi  relative  ä  la  protection  de
l'industrie  frangaise  des  conservers  alimentaires  contre  la  fraude  etrangere
  et  aux  marques  de  garantie  destinees  ä  identifier  les  produits
etrangers  de  cette  Industrie  ä  leur  entree  en  France  et  les  produits
franqais  similaires  consommes  en  France  ou  destinees  ä  l’importation 1 ).
1)  Abgedruckt  in  den  von  der  „Chambre  des  deputes“  herausgegebenen  Veröffentlichungen, ­
  Nr.  1430  vom  Jahre  1904.
        <pb n="81" />
        yo

Dieser  Vorschlag  richtet  sich  namentlich  gegen  Deutschland,
da  dieses  erhebliche  Mengen  billiger  Gemüsekonserven  in  den  letzten
Jahren  einführte.
Die  Ein-  und  Ausfuhr 1  2 )  von  Gemüsekonserven  gestaltete  sich
in  den  letzten  Jahren  nach  Doppelzentnern  gerechnet  folgendermaßen:

Einfuhr:

Dosengemüse

Dörrgemüse

1901

1902

1903

1901

1902

1903

1581

D65

1348

2229

2885

3701

aus  Deutschland
„  Holland
„  England
„  Italien
„  Schweiz

2 )

aus  Italien
,,  England
,,  Schweiz
,,  Deutschland
,,  Belgien
,,  Spanien
„  Amerika

Ausfuhr:

Dosengemüse

Dörrgemüse

1901

1902

1903

1901

1902

1903

23168

18  236

10  764

117  646

141476

”7  997  ,

nach  England
franz.  Kolonien
Deutschland
Belgien
Schweiz
Dänemark

nach  England
Amerika
franz.  Kolonien
Belgien
Deutschland
Schweiz
Schweden
Argentinien
Chile

B.  Fleischkonserven.
1.  Arten  der  Fleischkonserven.
Die  größeren  deutschen  Dosengemüsefabriken  stellen  nach  Beendigung ­
  der  Gemüsekonservenkampagne  vielfach  auch  Fleischkonserven
  her.

1)  Privatmitteilung  des  Kaiserl.  Generalkonsulat  Paris,  1904.
2)  Die  einzelnen  Zahlen  ließen  sich  leider  nicht  ermitteln.
        <pb n="82" />
        7i

Die  Vorzüge,  welche  den  nach  dem  Appertschen  Verfahren
hergestellten  Fleischkonserven  eigen,  sind,  wie  bei  den  Gemüsekonserven, ­
  offensichtlich:  Leichte  Transportfähigkeit,  dauernde  Haltbarkeit ­
  und  verhältnismäßige  Billigkeit.  Konserviert  werden  sämtliche ­
  Fleischspeisen.  Wir  haben  aber  zu  unterscheiden  zwischen
Luxusfleischkonserven,  die  für  den  feineren  Tafelgenuß  bestimmt
sind,  und  Massenfleischkonserven,  die  geringeren  Ansprüchen  genügen. ­

Unter  Luxusfleischkonserven  sind  zu  nennen:  Gebratenes  Wild
und  Geflügel,  wie  Hasenbraten,  Rehbraten,  Rehrücken,  Krammetsvögel,
  Rebhuhn,  Gans,  Ente,  gefüllte  Taube  sowie  andere  Braten,
Hammelragout,  Schweinsragout,  Hühnerfrikassee  usw.
Massenfleischkonserven  sind:  Hammelfleisch  mit  Weißkohl,
Rauchfleisch  mit  Sauerkohl  oder  Linsen,  Rotwurst  mit  Linsen,  vor
allem  aber  Corned  beef,  Corned  pork  und  Boiled  beef.
Während  die  Luxusfleischkonserven  nur  eine  beschränkte  Verwendung ­
  finden,  sind  die  Konsumfleischkonserven  für  die  Verpflegung
unserer  modernen  Kriegs-  und  Llandelsmarine,  für  unsere  deutschen
Feldtruppen  in  Ostasien  und  in  den  Kolonien  und  zum  Teil  auch
für  die  Verpflegung  unserer  Truppen  im  Manöver  bestimmt.
Abgesehen  von  Corned  beef,  Corned  pork  und  Boiled  beef  ist
die  Produktion  der  Fleischkonserven  und  ihre  Verwendung  immer
noch  eine  beschränkte,  wenn  sie  sich  auch  in  den  letzten  Jahren  vergrößert ­
  haben  mag.  Die  Ursache  der  geringen  Verwendung  mag
in  den  hohen  Preisen  liegen.  Es  erübrigt  sich  wohl,  näher  auf  diese
Fleischkonserven  und  ihre  Herstellung  einzugehen,  da  wir  die  produzierenden ­
  Betriebe  bereits  bei  der  Gemüsekonservenindustrie  kennen
gelernt  haben  und  der  Verbrauch  der  Rohprodukte  hierzu  ein  sehr
minimaler  und  verschiedener  ist.  Außerdem  besitzen  fast  edle  modernen ­
  Staaten  Staatsfabriken  zur  Herstellung  von  Fleischkonserven
für  die  Heeresversorgung,  sodaß  dieses  Absatzgebiet  für  die  private
Konservenindustrie  nur  in  beschränktem  Maße  in  Betracht  kommt.
Auf  die  Fabrikation  von  Fleischkonserven  in  staatlicher  Verwaltung ­
  soll  in  einem  späteren  Abschnitt  eingegangen  werden.
Anders  ist  es  dagegen  mit  Corned  beef,  Boiled  beef  und  Corned
pork.  Diese  drei  Fleischkonserven  werden  nicht  nur  von  den  vorhin
genannten  Konsumenten  ausschließlich  verwendet,  sondern  haben
sich  auch  beim  übrigen  Publikum  beliebt  gemacht  und  seit  Jahren
guten  Absatz  gefunden.  Deutschland  erhielt  diese  Fleischkonserven
in  großen  Mengen  aus  dem  Auslande,  namentlich  aus  Südamerika.
Diese  Einfuhr  wurde  aber  eingestellt  infolge  des  am  3.  Juli  1900  er ­
        <pb n="83" />
        72

lassenen  Fleischbeschaugesetzes,  das  die  Einfuhr  von  Fleisch  in  luftdicht ­
  verschlossenen  Gefäßen  verbietet.  Der  Gesetzgeber  behauptet
zwar,  daß  diese  Maßregel  aus  hygienischen  Gründen  erfolgt  sei,  man
darf  aber  wohl  annehmen,  daß  hier  der  Wunsch,  der  deutschen
Landwirtschaft  zu  helfen,  zum  mindesten  mitgewirkt  hat.  Dieses
Einfuhrverbot  für  Büchsenfleisch  verursachte  das  Entstehen  einer
neuen  deutschen  Industrie,  welche  die  Herstellung  von  deutschem
Corned  beef  aufnahm.  Sie  begann  im  Jahre  1900  mit  der  Fabrikation
und  hat  sich  seither  fortwährend  vergrößert.
In  Nord-  und  Südamerika,  wie  in  Australien  bestanden  seit  vielen
Jahren  bedeutende  Unternehmungen  zur  Fiersteilung  dieser  Fleischkonserven. ­
  Südamerika  und  Australien  verfügen  über  eine  bedeutende
Fleischproduktion,  doch  mangelt  es  dort  an  einem  genügend  großen
und  lohnenden  Absatz  für  frisches  Fleisch  an  Ort  und  Stelle.  Man
ist  daher  durchaus  genötigt,  die  frische  Ware  zu  Büchsenfleisch  zu
verarbeiten  und  die  auf  solche  Weise  haltbar  gemachten  Produkte
auf  den  ausländischen  Markt  zu  bringen.  Anders  liegen  die  Verhältnisse ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika;  hier  konserviert
man  das  Fleisch  nur  dann,  wenn  man  für  die  frische  Ware  nicht
genügenden  Absatz  finden  kann.
Wie  erwähnt  hatte  sich  das  von  Nord-  und  Südamerika  (Uruguay)
nach  Deutschland  eingeführte  Corned  beef  vor  allem  seiner  verhältnismäßigen ­
  Billigkeit,  seiner  stets  gleichmäßigen  Beschaffenheit  und
seines  guten  Geschmackes  wegen  allgemeiner  Beliebtheit  in  Deutschland ­
  erfreut.  Während  im  Jahre  1850  das  Pfund  ausländischen
Dosenfleisches  im  Kleinhandel  (Leipzig)  noch  1.20  M.  kostete,  wurde
solches  in  den  letzten  Jahren  vor  dem  Inkrafttreten  des  Fleischbeschaugesetzes ­
  überall  in  Deutschland  mit  70—80  Pf.  per  Pfund
verkauft.  Daß  die  Dosen  des  ausländischen  Büchsenfleisches  nach
englischem  Pfund  gehandelt  wurden  und  daß  z.  B.  eine  sogenannte
engl.  Pfunddose  nur  einen  Inhalt  von  390—400  g  nach  deutschem
Gewicht  besaß,  kommt  bei  der  obigen  Preisvergleichung  mit  frischem
deutschen  Fleisch,  oder  deutschem  Büchsenfleisch  nicht  in  Betracht,
da  die  angegebenen  Preise  sich  auf  ausgeschnittene,  also  außerhalb
der  Büchse,  nach  deutschem  Gewicht  verkaufte  Ware  beziehen.  Vor
Inkrafttreten  des  Fleischbeschaugesetzes  war  also  das  ausländische
Dosenfleisch  in  Deutschland  wenig  oder  gar  nicht  teurer  als  frisches
Fleisch  und  es  hatte  außerdem  den  Vorzug,  jederzeit  gebrauchsfertig
und  jahrelang  haltbar  zu  sein.
Das  Büchsenfleisch  war  infolge  seiner  Vorzüge  im  Laufe  der
Jahre  ein  wirkliches  Volksnahrungsmittel  geworden.  Die  Einfuhr
        <pb n="84" />
        73

ausländischen  Büchsenfleisches  für  den  Privatbedarf  betrug  nach
Deutschland:

1897:  34  544  dz
1898:  40022  „
1899:  39  774  »
1900;  54951  „
1901:  901  „
1902:  600  „

aus

deutschen  Zollagern.

Zu  obigen  Zahlen  treten  erhebliche  Quantitäten,  welche  unsere
deutsche  Kriegs-  und  Handelsmarine  und  die  deutschen  Schiffahrtsgesellschaften ­
  zu  ihrer  Verproviantierung  verbrauchten.  Entschieden
würde  sich  ohne  das  obige  Gesetz  die  Einfuhr  von  Büchsenfleisch
nach  Deutschland  noch  bedeutend  gesteigert  haben.  Die  seit  dem  Jahre
1900  eingeführten  Mengen  ausländischen  Büchsenfleisches  stammen,  da
im  Jahre  igoo  das  Fleischbeschaugesetz  in  Kraft  trat,  aus  den  Zolllagern ­
  in  Deutschland.  Da  gerade  diese  Büchsenfleischkonserven  ein
wichtiger  Bestandteil  der  modernen  Verpflegung  der  Truppen  sind,  so
ist  es  immer  noch  eine  für  die  deutsche  Industrie  ungelöste  Aufgabe,
für  längere  Kriegsdauer  die  Verproviantierung  des  deutschen  Heeres
mit  Dosenfleisch  in  einfacher  Weise  und  unabhängig  vom  Auslande
zu  ermöglichen.
Das  Dosenfleisch  aber  ist  ein  unentbehrliches  Proviantmittel  für
jede  Feldarmee  geworden.  Es  wird  bei  einem  Feldzug  in  Europa
nicht  mehr  möglich  sein,  die  konzentrierten  Truppenmengen  in  genügender ­
  Weise  durch  Nachschieben  von  Rohfleisch  oder  Nachtreiben
von  Rinder-  und  Hammelherden  zu  versorgen.  Hierin  liegt  die  Bedeutung
der  Fleischkonserven,  die  durch  den  Train  ohne  besondere  Schwierigkeiten ­
  an  die  Truppen  herangebracht  und  leicht  in  Einzelrationen
verteilt  werden  können.  Die  Militärverwaltung  hatte  diese  Vorzüge
des  Dosenfleisches  gar  bald  erkannt  und  begann  eigene  Konservenfabriken ­
  zu  gründen,  doch  ist  deren  Produktion  noch  eine  so  beschränkte, ­
  daß  sie  zunächst  nur  dem  augenblicklichen  Bedürfnis  genügen ­
  kann.  So  bedeutend  auch  die  absoluten  Mengen  von  Dosenfleisch ­
  sind,  die  von  den  Militärkonservenfabriken  hergestellt  werden,
so  sind  doch  ihre  Vorräte  während  der  jährlichen  Manöver  in
wenigen  Tagen  von  den  Truppen  verbraucht.
In  den  Militärfabriken  kann  natürlich  nur  Fleisch  von  deutscher
Herkunft  und  von  vorzüglicher  Beschaffenheit  verarbeitet  werden.
Das  erzielte  Produkt  zeichnet  sich  denn  auch  durch  hervorragende  Beschaffenheit ­
  und  vorzüglichen  Geschmack  aus.  Sein  Nachteil  aber
        <pb n="85" />
        74

ist,  daß  es  sich  im  Preise  so  hoch  stellt,  daß  man  darauf  verzichten
mußte,  neue  und  größere  Armeekonservenfabriken  zu  errichten  und
es  vorzieht  die  Privatfabriken  zur  Lieferung  mit  heranzuziehen.
Bei  der  gegebenen  Sachlage  muß  daher  die  deutsche  Militärverwaltung ­
  an  dem  Bestehen  leistungsfähiger  und  gutfundierter
Privatdosenfleischfabriken  ein  großes  Interesse  haben,  weil  diese  ihr
im  Kriegsfälle  einen  Rückhalt  zu  bieten  vermögen.  Sie  hat  daher
auch  alle  Veranlassung  die  deutsche  Privatindustrie  durch  Rat  und  Tat
bei  der  Fabrikation  zu  unterstützen  und  durch  kleinere  Aufträge  sich
von  Zeit  zu  Zeit  von  der  Güte  und  Beschaffenheit  dieser  deutschen
Fleischkonserven  zu  überzeugen.
2.  Die  ausländische  Fleischkonservenindustrie.
a)  „The  Big  six“ J ).
Die  Hauptproduktionsländer  der  Fleischkonserven  sind  die  Vereinigten ­
  Staaten  von  Nordamerika,  Argentinien,  Uruguay  und  Queensland. ­
  In  den  zuletzt  genannten  drei  Ländern  sucht  man  die  Viehvorräte ­
  verarbeitet  als  Dosenfleisch,  Fleischextrakt  oder  als  gefrorenes
Fleisch  nach  dem  Auslande  zu  bringen.  Ganz  anders  liegen  die  Verhältnisse ­
  der  Fleischkonservenherstellung  in  den  Vereinigten  Staaten,
und  da  die  dortigen  Zustände  die  Herstellung  von  Fleischkonserven
zum  Teil  bedingen,  ist  es  angebracht,  auf  die  dortigen  Fleisch-  und
Viehverhältnisse  näher  einzugehen.
Maßgebend  für  den  Fleischgroßhandel  in  den  Vereinigten  Staaten
sind  die  Firmen  Armour,  Swift,  Morris,  National-Packing,  Schwarzschild ­
  and  Sulzberger  und  Cudahy,  welche  meist  als  „die  großen  Sechs“
(The  Big  six)  bezeichnet  werden.  Armour  and  Comp,  ist  eine  Gesellschaft ­
  in  Chicago  (Illinois)  mit  einem  Kapital  von  20  Millionen  Dollar,
die  sich  im  ausschließlichen  Besitz  von  Mitgliedern  der  Familie
Armour  befinden.  Diese  Gesellschaft  mit  der  Tochterfirma  Armour
Packing  Company  (Kapital  7,5  Millionen  Dollar)  betreibt  Packhäuser
in  Chicago,  Kansas  City,  South  Omaha,  East  St.  Louis  und  Fort
Worth.  Ihre  neueste  Anlage  wurde  in  Sioux  City  errichtet.  In  den
Schlachthäusern  der  Gesellschaft  wurden  im  Jahre  1905  1  255  366  Rinder,
3451892  Schweine  und  1496984  Schafe  geschlachtet.
Die  ebenfalls  im  Staate  Illinois  begründete  Firma  Swift  and  Co.
mit  einem  Kapital  von  35  Millionen  Dollar,  zählt  über  6000  Aktionäre

1)  Aus  „Report  of  the  commissioner  of  corporations  on  the  beef  industry“.  Departement ­
  of  commerce  and  labor.  Washington  March  1905.
        <pb n="86" />
        75

und  betreibt  Packhäuser  in  verschiedenen  Staaten;  so  in  Chicago
(Illinois),  Kansas  City  (Missouri),  South  Omaha  (Nebraska),  East
St.  Louis  (Illinois),  South  St.  Joseph  (Missouri),  Fort  Worth  (Texas)
und  South  St.  Paul  (Minnesota).  Sie  ist  die  größte  der  genannten
sechs  Fleischfirmen.  Im  Jahre  1903  wurden  hier  1578215  Rinder,
4079756  Schweine  und  2334262  Schafe  geschlachtet.
Im  Staate  Maine  besteht  die  Firma  Morris  and  Company  mit
3  Millionen  Dollar  Kapital;  ihre  Tochtergesellschaft  Fairbank  Canning
Company  in  Chicago  (Illinois)  arbeitet  mit  einem  gleich  großen
Kapital.  Ihre  sämtlichen  Aktien  befinden  sich  in  den  Händen  der
Familie  Morris.  Die  Gesellschaft  hat  Packhäuser  in  Chicago,  East
St.  Louis  und  South  St.  Joseph  und  eröffnete  im  Jahre  1905  auch
eine  neue  Anlage  in  Kansas  City.  Im  Jahre  1903  schlachteten  Morris
and  Company  761  179  Rinder,  1  247  393  Schweine  und  739  237  Schafe.
Die  National  Packing  Company  wurde  erst  im  Jahre  1903  im
Staate  New  Jersey  mit  einem  Kapital  von  15  Millionen  Dollar  gegründet. ­
  Sie  übernahm  die  Aktien  einer  Anzahl  kleinerer  Packhausgesellschaften, ­
  darunter  der  G.  H.  Hammond  Company,  der  Anglo-American-Provision
  Co.,  der  Fowler  Packing  Co.,  United  Beef  Co.  in
New  York.  Vor  der  Gründung  der  National  Company  waren  die
meisten  Aktien  dieser  Anlagen  schon  von  den  Häusern  Armour,
Morris  und  Swift  erworben  worden;  die  Direktoren  der  neuen  Korporation ­
  sind  sämtlich  Beamte  der  drei  genannten  Häuser.  Der  National
Packing  Company  gehören  drei  Packhäuser  in  Chicago,  zwei  in
Kansas  City  und  je  eins  in  East  St.  Louis,  Omaha  (Nebraska),  New
York  und  Hutchinson  (Kansas).  Diese  Anlagen  sind  meist  weniger
bedeutend  als  die  der  fünf  Großfirmen.  Sie  schlachteten  im  Jahre
1903  zusammen  848  884  Rinder,  3  101  425  Schweine  und  736  434  Schafe.
Die  Schwarzschild  and  Sulzberger  Company,  eine  New-Yorker
Gründung  mit  4373000  Dollar  Kapital,  besitzt  Anlagen  in  Chicago,
Kansas  City  und  New  York,  die  im  Jahre  1903  im  Ganzen  559200
Rinder,  623598  Schweine  und  494642  Schafe  schlachteten.
Die  Cudahy  Packing  Company,  mit  einem  Kapital  von  7,5
Millionen  Dollar,  im  alleinigen  Besitz  der  Familie  Cudahy,  betreibt
Packhäuser  in  South  Omaha,  Kansas  City,  Sioux  City  und  Los  Angeles, ­
  in  denen  1903  insgesamt  469228  Rinder,  1347675  Schweine
und  364200  Schafe  verarbeitet  wurden.
Das  Kapital  dieser  Gesellschaften  erscheint  im  Verhältnis  zu
ihrem  Besitz  und  Betrieb  nicht  besonders  hoch.  —  Alle  sechs  Gesellschaften ­
  schlachten,  wie  obige  Zahlen  lehren,  neben  Rindern  auch
große  Mengen  von  Schweinen  und  Hammeln.  Die  meisten  von  ihnen
        <pb n="87" />
        betreiben  außerdem  den  Ankauf,  die  Lagerung  und  den  Vertrieb  von
Meiereierzeugnissen,  Eiern  und  Geflügel  im  Großen,  einige  sind  überdies ­
  in  anderen  verwandten  Geschäftszweigen  stark  engagiert.  Jede
dieser  Gesellschaften  besitzt  eigene  Gefrierwagen  und  eigene  Anschlußgeleise ­
  zum  Transport  ihrer  Schlachthauserzeugnisse  und  unterhält
auch  eine  große  Anzahl  von  Zweighäusern  in  vielen  kleineren  Städten,
durch  die  sie  den  größten  Teil  ihrer  Produktion,  namentlich  der  ausgeschlachteten ­
  Rinder,  an  Großhändler  absetzt.  Ein  großer  Teil  des
am  dichtesten  bevölkerten  Gebietes  im  Nordosten  der  Vereinigten
Staaten  ist  mit  dem  Rindfleischbedarf  in  der  Hauptsache  auf  die
Maisstaaten  des  Mississippitales  und  auf  die  noch  weiter  westlich  gelegenen ­
  Farmen  und  Viehzüchtereien  angewiesen.
Die  Bedeutung  der  genannten  sechs  Großschlächtereien  für  die
Viehzucht  und  den  Fleischhandel  beruht  nun  hauptsächlich  darauf,
daß  sie  den  Züchtern  im  Westen  ihr  Vieh  abkaufen  und  es  in  der
Hauptsache  geschlachtet,  zum  Teil  auch  verarbeitet  den  östlichen
Märkten  zuführen.  Andererseits  aber  ist  der  Anteil  dieser  größten
Firmen  am  gesamten  Fleischhandel  des  Landes  weniger  groß  als  allgemein ­
  angenommen  wird.  Da  nach  der  amtlichen  Statistik*)  in  den
Vereinigten  Staaten  im  Jahre  1903  (außer  Kälbern)  12,5  Millionen
Rindvieh  im  ganzen  geschlachtet  wurden  und  hiervon  auf  die  Packhäuser ­
  der  großen  sechs  Firmen  5,5  Millionen  entfielen,  so  stellt  sich
der  Anteil  der  letzteren  an  der  Bedarfsdeckung  nur  auf  45  °/ 0 .
Von  allen  in  den  großen  Schlachthauszentren  des  Westens,
nämlich  Chicago,  Kansas  City,  South  Omaha,  East  St.  Louis,  South
St.  Joseph,  Fort  Worth,  Sioux  City  und  South  St.  Paul  getöteten
Rindern  entfallen  allerdings  auf  die  großen  sechs  Häuser  ziemlich
98  °/ 0 .  Von  allen  in  den  genannten  Städten  verkauften  Rindern  aber
entnehmen  die  sechs  Häuser  wiederum  weniger  als  98  %,  da  namentlich ­
  in  Chicago  eine  beträchtliche  Anzahl  Rinder  von  anderen  Firmen
aufgekauft  wird,  um  lebend  nach  Plätzen  des  Ostens,  der  Union  und
nach  Europa  gebracht  zu  werden.  Der  Anteil  der  größten  sechs
Großschlächtereien  an  der  Rindfleisch  Versorgung  der  einzelnen  Städte
und  Regionen  ist  sehr  verschieden.  In  den  meisten  großen  Städten
östlich  von  Pittsburg  ist  er  sehr  erheblich,  in  New  York  beträgt  er
75  %,  in  Boston  reichlich  85  °/o&amp;gt;  in  Philadelphia  60  °/ 0 ,  in  Pittsburg
etwas  mehr,  in  Providence  (Rhode  Island)  über  95  °/ 0 ,  in  Baltimore
50  °/ 0  usw.  Buffalo  und  die  Städte  westlich  von  Pittsburg,  wie  Cleve-1)

  Aus  ,,Report  of  tlie  commissioner  of  corporations  on  the  beef  industry“.  Washington ­
  March  1905.
        <pb n="88" />
        77

land,  Cincinnati  und  Indianopolis  andererseits  erhalten  von  den  großen
sechs  Häusern  nur  io  bis  3373  °/o  ihres  Rindfleischbedarfes.  In  den
Südstaaten  liefern  die  sechs  Firmen  den  größeren  Städten  mit  geringeren ­
  Ausnahmen  weniger  als  50  °/ 0 ,  den  kleineren  Orten  weniger
als  25  %  ihres  Bedarfs.  Der  Rest  des  Bedarfs  wird  von  kleineren,
in  den  betreffenden  Städten  ansässigen  Schlächtereien  gedeckt;  die
meisten  größeren  Städte  weisen  Unternehmungen  auf,  die  10000  bis
40000  Rinder  im  Jahre  schlachten.  Einen  großen  Teil  ihres  Viehbedarfs ­
  beziehen  diese  Anlagen  vielfach  von  den  Farmen  der  umliegenden ­
  Landbezirke.
b)  Dosenfleischherstellung  und  Dosenfleischhandel
im  Auslande.
Da  die  Produktion  von  Fleischkonserven  in  den  Vereinigten
Staaten  die  größte  der  genannten  Länder  ist  und  daher  für  die
übrigen  als  vorbildlich  erachtet  wird,  werden  wir  sie  dort  eingehend
betrachten.
Diese  Fleischkonserven  werden  hauptsächlich  nur  von  größeren
oder  mittleren  Betrieben  der  vorhin  genannten  Packinghouses  hergestellt. ­
  Das  zur  Herstellung  verwendete  Fleisch  ist  sowohl  in  den
verschiedenen  Schlachthäusern,  als  auch  in  ein  und  demselben  Betriebe ­
  je  nach  Jahreszeit  bezüglich  der  Herkunft  und  Qualität  verschieden. ­

Die  Corned  beef-Produktion  bildet  in  der  Hauptsache  einen,integrierenden ­
  Zweig  der  großen  Schlachthäuserbetriebe,  die  lebendes
Vieh  einkaufen  und  schlachten,  um  das  Fleisch  im  frischen  Zustande
zu  verkaufen,  nebenher  aber  nicht  nur  Corned  beef,  sondern  oft  auch
Würste,  Pökelfleisch,  Zunge,  Fleischextrakt,  Schmalz  usvv.  herstellen.
Daneben  gibt  es  jedoch  auch  einzelne  Firmen,  wie  z.  B.  Libby,
Mc  Neill  &amp;amp;  Libby  in  Chicago,  die  von  anderen  Firmen  frisches  Fleisch
kaufen  und  sich  ausschließlich  auf  die  Fabrikation  von  Corned  beef
beschränken.
Die  Herstellung  von  Corned  beef 1 )  erstreckt  sich  bei  den  meisten
Firmen  nicht  gleichmäßig  über  das  ganze  Jahr,  wenigstens  nicht  bei
denjenigen  Firmen,  die  selbst  Vieh  schlachten  und  außer  zu  Corned
beef  noch  zu  anderen  Konserven  verarbeiten.  Bei  dieser  Gattung
von  Fabriken,  zu  denen  auch  Armour  &amp;amp;  Co.  in  Chicago,  Kansas  City,
East  St.  Louis  und  Fort  Worth  gehört,  beginnt  die  wichtigste  Zeit
1)  Aus  dem  Bericht  des  landwirtschaftlichen  Sachverständigen  des  Deutschen  Reiches
für  Nordamerika  Herrn  Dr.  Gagzow  an  das  Herzogi.  Staatsministerium  in  Braunschweig.
Januar  1905,  der  der  dortigen  Handelskammer  zur  Verfügung  gestellt  wurde.
        <pb n="89" />
        78

für  die  Herstellung'  dieses  Artikels  im  Anfang  August  und  schließt
gewöhnlich  mit  Ende  Oktober.  In  dieser  Zeit  werden  fast  ausschließlich ­
  die  sogenannten  „graser“,  d.  h.  weidende  Rinder  im  Alter  von
2  bis  4  Jahren,  die  bis  zu  Anfang  August  auf  den  weiten  Flächen
der  südwestlichen  Staaten  geweidet  haben,  für  die  Herstellung  von
Corned  beef  verwendet,  allerdings  mit  Ausnahme  der  wertvollen
besser  bezahlten  Fleischteile,  die  in  frischem  Zustande  einen  höheren
Preis  erzielen.  Diese  Grasers  sind  zu  Anfang  August  annähernd
halbfett  und  trotz  des  weiten  Transportes  doch  durchschnittlich  billiger,
als  die  Rinder  in  der  näheren  Umgebung  von  Chicago  usw.  Im
Oktober  hört  die  Zufuhr  und  somit  auch  die  Bearbeitung  der  grasers
auf.  Die  Herstellung  von  Corned  beef  wird  im  Laufe  des  Winters,
Frühlings  und  Sommers  noch  des  öfteren  wieder  aufgenommen,  jedoch
meistens  nur  für  einige  Tage  oder  Wochen.  Es  werden  dann  die
weniger  wertvollen  Fleischteile  der  Rinder  verarbeitet,  jedoch  immer
erst  dann,  wenn  die  Vorräte  von  Corned  beef  erschöpft  sind,  wenn
große  Bestellungen  eingehen  oder  die  Preise  auf  den  dortigen  oder
den  in  Betracht  kommenden  übrigen  Märkten  für  diejenigen  Körperteile ­
  in  frischem  Zustande  unbefriedigend  sind,  welche  zu  Corned  beef
verarbeitet,  aller  Voraussicht  nach  eine  günstigere  Verwertung  ermöglichen. ­

Die  Produktion  von  Corned  beef  aus  dem  Fleische  dortiger
Rinder  im  Winter,  Frühling  und  Sommer,  soweit  sie  nicht  etwa  durch
Erschöpfung  der  Vorräte  oder  durch  umfangreiche  Bestellungen  bedingt ­
  ist,  dient  den  betreffenden  Firmen  zu  einer  wirksamen  und  bequemen ­
  Schutzmaßregel  gegen  ungünstige  Preise  für  frisches  Fleisch.
Die  Flerstellungsweise  des  Dosenfleisches  der  verschiedenen  ausländischen ­
  Fabriken  ist  überall  ziemlich  gleichartig  und  geschieht  in
folgender  Weise 1 ):
Zum  Corned  beef  werden  mit  Ausnahme  der  wertvollen  Rückenund
  Keulenteile,  die  frisch  verkauft  werden,  die  Hals-  und  Brustteile,
das  Bauchfleisch  und  einige  Teile  der  Keule  verwendet  und  zwar
von  Grasern  wie  von  Rindern.  Bei  den  grasers  ist  das  Fleisch
magerer  und  sehniger  als  bei  den  Rindern.  Nachdem  die  für  das
Corned  beef  bestimmten  Teile  von  den  übrigen  getrennt  sind,  gelangen ­
  sie  auf  dem  kürzesten  Wege  von  den  meist  im  höheren  Stockwerk ­
  gelegenen  Schlachträumen  durch  einen  Schacht  in  einen  mit
großen  Kochkesseln  versehenen  Raum.  Die  Kessel,  die  mit  heißem
i)  Zum  Teil  aus  dem  bereits  genannten  Berichte  Herrn  Dr.  Gagzows  an  das  Herzogi.
Staatsministerium  in  Braunschweig,  zum  Teil  aus  Privatberichten  deutscher  Fabrikanten,  die
die  dortigen  Anlagen  in  Augenschein  nahmen.
        <pb n="90" />
        79

Wasser  gefüllt  sind,  werden  in  einem  bestimmten  Verhältnis  mit
mehrpfündigen  Fleischstücken  beschickt  und  das  Fleisch  in  ihnen
eine  Zeit  lang  gekocht,  bis  es  halbgar  ist.  Das  angekochte  Fleisch
wird  in  einen  anderen  Raum  geschafft,  wo  es  in  Behältern,  oder,  am
häufigsten  direkt  auf  dem  Fußboden  zum  Abkühlen  ausgebreitet  wird.
Darauf  wandert  das  Fleisch  auf  laufenden  Tischen  je  nach  der  zu
verarbeitenden  Masse  über  eine  oder  mehrere  Wägevorrichtungen,
die  von  je  einem  Manne,  der  mit  einem  Messer  versehen  ist,  bedient
werden.  Dieser  gibt  den  Fleischstücken  mit  großer  Geschicklichkeit
und  Schnelligkeit  das  für  die  Büchsen  bestimmte  Gewicht,  indem  er
entweder  die  Stücke  verkleinert,  oder  von  den  abgeschnittenen
Stücken  so  viel  wie  erforderlich  hinzufügt.  Die  abgewogenen
Fleischmengen  wandern  auf  einer  rotierenden  oder  sich  in  gerader
Richtung  fortbewegenden  Platte  an  Arbeitern  vorbei,  welche  das
Fleisch  in  bereitstehende  Blechbüchsen  mit  hülfe  von  Holzpflöcken
stopfen.  Nachdem  schließlich  das  Fleisch  in  den  Dosen  noch  durch
maschinelle  Kraft  fest  gepreßt  worden  ist,  werden  die  Dosen  durch
Maschinen  mit  Deckeln  versehen  und,  wie  es  bei  der  deutschen
Fabrikation  noch  näher  beschrieben  werden  wird,  nach  Entziehung
der  Luft  verlötet.  Alle  diese  maschinellen  Einrichtungen,  sogar
diejenige  zum  Entziehen  der  Luft  und  zum  Zulöten  im  luftleeren
Raume,  sollen,  nach  Angabe  der  amerikanischen  Fabrikanten,  verhältnismäßig ­
  so  leicht  zu  handhaben  sein,  daß  sie  vorwiegend  von
Knaben  und  Mädchen  bedient  werden  können.  Die  fertigen  Büchsen
gelangen  fast  automatisch  nach  einem  Autoklaven,  worin  der  Inhalt
der  Büchse  fertig  gekocht  wird.  Darauf  führt  man  die  Dosen  zur
Abkühlung  durch  ein  anderes,  mit  kaltem  Wasser  gefülltes  Bassin.
Nach  erfolgter  Abkühlung  wandern  die  Büchsen  an  Arbeitern  vorbei,
die  das  Ankleben  der  Etiketten  besorgen.  Ob  bei  der  amerikanischen
Corned  beef-Fabrikation  noch  in  den  letzten  Jahren  chemische  Konservierungsmittel ­
  zugesetzt  werden,  konnte  bisher  nicht  ermittelt
werden.  In  früheren  Jahren  wurden  Borsäure  und  Borsäuresalze
verwendet.
Wie  bei  den  übrigen  Zweigen  der  amerikanischen  Fleischwarenindustrie, ­
  ist  auch  bei  der  Herstellung  von  Corned  beef  Arbeitsersparnis
mittelst  Verwendung  von  Maschinen  und  sonstigen  Vorrichtungen
so  weit  wie  möglich  getrieben  und  hierdurch  die  Produktionsfähigkeit
aufs  höchste  gesteigert.  Es  ist  z.  B.  in  sämtlichen  amerikanischen
Schlachthäusern  Brauch,  das  Vieh  zur  Schlachtung  auf  Holzbrücken
bis  in  das  zweite  oder  dritte  Stockwerk  des  Schlachthauses  zu  treiben.
Sobald  die  Schlachtung  vollzogen,  rollen  die  Tiere  oder  die  einzelnen
        <pb n="91" />
        8o

Teile  derselben  auf  Schienen  infolge  ihres  eigenen  Schwergewichtes
zur  weiteren  Verarbeitung  in  die  unter  dem  Schlachtraume  angelegten
Räume  und  auch  in  die  Kühlhallen.  Desgleichen  wird  das  Fleisch
nicht  durch  Menschenkräfte  von  Raum  zu  Raum,  oder  von  Arbeitsstätte ­
  zu  Arbeitsstätte,  geschafft,  sondern  durch  Schächte  von  den
oberen  nach  den  unteren  Räumen  oder  in  ein  und  demselben  Raume
durch  Rotationsmaschinen  fortbewegt.  Es  werden  daher  gerade  bei
der  Herstellung  von  Corned  beef  in  den  amerikanischen  Fabriken
bedeutend  mehr  Kinder,  Frauen  und  Mädchen  beschäftigt  als  Männer.
Die  so  häufig  in  Europa  bewunderte  Billigkeit  des  amerikanischen
Corned  beef  sucht  man  in  der  Hauptsache  aus  dem  Gesagten  zu  erklären. ­
  Es  wird  überdies  das  billigste  Fleisch  verarbeitet  und  zwar
in  einem  Abteil  der  meist  riesigen  Packing  houses,  und  so  die  beste
Ausnützung  der  Maschinenkräfte  und  sonstigen  Anlagen  ermöglicht.
Es  gelangen  die  besten  Maschinen  und  die  bewährtesten  Vorrichtungen
zur  Anwendung,  wodurch  die  Arbeit  von  relativ  wenigen,  ungeschulten ­
  und  billigen  Händen  gut  und  gleichmäßig  geliefert  wird.
Die  Ausfuhr  von  Büchsenfleisch  aus  den  Vereinigten  Staaten
von  Nordamerika  betrug  nach  Angaben  des  statistischen  Bureaus
des  Schatzamtes  der  Vereinigten  Staaten 1 ):

Im  Jahre

In  too  engl.  Pfd.

Wert  in  1000  Doll.  S.

1897

54019

5397

1898

37  109

3615

1899

38  385

3859

igoo

5 1  53 1

5121

1901

52  552

5i57

1902

80997

8336

i9°3

82  132

8422

Der  Hauptteil  der  Produktion  entfällt  hierbei  auf  Chicago  und
New  York.
Von  diesen  gesamten  Mengen  gingen  im  Jahre  1903
77  °/ 0  nach  Großbritannien,
14  °/ #  „  Afrika,
3  °/ 0  „  dem  europäischen  Kontinent,
6  °/ 0  „  übrigen  Weltteilen.
1)  Aus  „The  National  Provisioner“,  „The  Grocer“  und  „Monthly  Summary  of
Commerce  and  Finance  of  the  United  States“.  Abgedruckt  in  den  betreffenden  Jahrgängen
der  vom  Reichsamt  des  Innnern  zu  Berlin  herausgegebenen  „Nachrichten  für  Handel  und
Industrie“  und  „Berichte  für  Handel  und  Industrie“  unter:  „Ausfuhr  der  Vereinigten  Staaten“.
.  *  *  *
*
        <pb n="92" />
        81

Bedeutend  ist  auch  die  Produktion  in  Südamerika.
Der  Export  von  Buenos  Ayres 1 )  an  Fleischkonserven  belief  sich

im  Jahre

in  100  engl.  Pfund

IQOO

10  825

19OI

H434

1902

20  IOO

1903

2  1  IOO.

In  Buenos  Ayres  ist  die  bedeutendste  Firma  zur  Herstellung

von  Dosenfleisch  die  „Highland  Scot  Canning  Company“,  die  täglich
an  1200  Ochsen  und  3000  Schafe  zu  Büchsenfleisch  zu  verarbeiten

vermag.

Was  Südaustralien  anbelangt,  das  als  Produktionsland  von

Fleischkonserven  an  dritter  Stelle

noch  in  Betracht  kommt,  so  belief

sich  dessen  Ausfuhr  an  Dosenfleisch:

im  Jahre  1900  auf  268

050  in  100  engl.  Pfd. 2 )

„  „  1901  „  281  810  „  100  „  „

„  „  1902  „  295

600  „  IOO

Queensland 3 )  exportierte  an

Rindfleischkonserven:

im  Jahre

in  100  engl.  Pfund

1898

25  181

fSgg

47  2 23

1900

34  264

1901

29  905.

an  Hammelfleischkonserven:

1898

9  670

1899

26  160

1900

13  790

1901

28  270.

Von  Neuseeland 4 )  wurden  an  Fleischkonserven  exportiert;

im  Jahre

in  100  engl.  Pfund

19OI

37  900

I902

40  150.

Diese  Mengen  gingen  ausschließlich  nach  Großbritannien.
1)  Auszüge  aus  „Buenos  Ayres  Handelszeitung“.  Abgedruckt  in  den  betreffenden
Jahrgängen  der  „Nachrichten  für  Handel  und  Industrie“  unter  Ausfuhr  von  Buenos  Ayres.
2)  Nach  „The  Adelaide  Observer“,  abgedruckt  in  den  „Nachrichten  für  Handel  und
Industrie“.
3)  Nach  „The  Journal  of  Commerce“.  Abgedruckt  in  den  „Nachrichten  für  Handel
und  Industrie“.  Die  Ausfuhr  der  letzten  Jahre  ist  leider  noch  nicht  bekannt  gegeben.
4)  Nach  „New  Zealand  Trade  Review  and  Price  Current“.  Abgedruckt  in  den
»Nachrichten  für  Handel  und  Industrie“.  Jahrgang  1903  u.  1904.
Abhandlungen  d.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd,  IV,  Heft  3.  0
Wagner,  Konserven  und  Konservenindustrie  in  Deutschland.
        <pb n="93" />
        82

Auch  Mozambique 1 )  exportiert  durchschnittlich  pro  Jahr  34  000
engl.  Pfund  Fleischkonserven,  deren  größter  Teil  nach  Belgien  ver
sandt  wird.
In  allen  Produktionsländern  von  Fleischkonserven  beobachtet
man  also  eine  gesteigerte  Fabrikation.

3.  Die  deutsche  Dosenfleischindustrie.

wurde

Schon  vor  dem  Inkrafttreten  des  Fleischbeschaugesetzes
vielfach  die  Gründung  von  Dosenfieischfabriken  in  Deutschland  ei
pfohlen.  Auf  Anregung  schleswig-holsteinischer  Landwirte  unter
breitete  der  Deutsche  Landwirtschaftsrat  im  Frühjahr  1900  de« 1
Bundesrat  den  Wunsch,  daß  von  Reichswegen  Fleischkonsercen
fabriken  für  Marinezwecke  errichtet  würden.  Die  Armee-  und  Manne
Verwaltung  verhielt  sich  indessen  demgegenüber  sehr  zurückhalten  &amp;gt;
weil  sie  auf  Grund  der  Erfahrungen  in  den  preußischen  Staatsfabriken
Haselhorst  und  Mainz  der  Überzeugung  war,  daß  die  Privatindustij 6
in  der  Lage  sei,  die  Fleischkonserven  w r eit  billiger  herzustellen
es  der  Staat  im  Eigenbetriebe  vermag.
Infolgedessen  traten  die  Landwirte  selbst  an  die  Gründung  v ° n
Fleischkonservenfabriken  heran.  In  allen  Teilen  Deutschlands  sollt 611
Fleischkonservenfabriken  errichtet  werden,  und  zwar  von  Landwirt 611 ’
die  ihr  Vieh  dort  verarbeiten  lassen  wollten.  Man  hoffte,  auf  di 65 ®
Weise  der  einheimischen  Landwirtschaft  einen  erheblichen  und  gut 61
Absatz  in  nächster  Nähe  des  Produktionsgebietes  zu  sichern.  ^ lU
ein  derartiges  Projekt  möge  hier  als  Beispiel  angeführt  werden.
Im  Jahre  1900  hatten  sich  in  Königsberg  i.  Pr.  zu  dem  g e

nannten  Zweck  eine  Anzahl  maßgebender  Landwirte  zu  einer

Gesell'

oßen
in
daß
ährschaft

  vereinigt.  Die  Überzeugung,  daß  für  eine  auch  im  g r '
Stile  angelegte  Fleischkonservenfabrik  genügendes  Rohmaterial
der  Umgegend  vorhanden  sei,  schöpfte  man  aus  der  Tatsache,
aus  den  Provinzen  Ost-  und  Westpreußen  in  den  letzten  Jahren  J a
lieh  etwa  200000  Rinder  und  700000  Stück  Schweine  nach  d® 1 * 1
•  Ost'
Westen  ausgeführt  worden  waren,  wovon  gut  2 / 3  auf  die  Provinz
preußen  entfielen.  Ein  Mangel  an  Rohmaterial  für  Fleischkonser^ 6
erschien  demnach  ausgeschlossen,  selbst  wenn  die  geplante  F a  ^
anlage  das  Doppelte  und  Vierfache  erforderte  als  man  zunächst
liefern  beabsichtigte.

1)  Nach  „Buenos  Ayres  Handelszeitung“.  Abgedruckt  in  den
Handel  und  Industrie.  Jahrgang  1901.

„Nachricht« 1
        <pb n="94" />
        -  8 3  -
pj  .  ^ on  der  Erwägung  ausgehend,  daß  das  Quantum  an  fertigen
e &amp;gt;schwaren  in  Deutschland,  welches  infolge  des  Fleischbeschaugesetzes ­
  ausbliebe,  etwa  250000  Zentner  betrage,  nahmen  die  Schöpfer
Projektes  an,  daß  die  neu  anzulegende  Fabrik  für  den  Anfang
va  den  zehnten  bis  achten  Teil  hiervon  übernehmen  müsse.  Dies
War en  also  25—30000  Zentner  fertiger  Ware.  Um  diese  zu  liefern,
Würden  ungefähr  60000  Zentner  lebende  Tiere  gebraucht,  so  würde
bis 0  ^ 6n  ^^ang  ungefähr  einen  jährlichen  Bedarf  von  ca.  2500
3ooo  Rindern,  8000  bis  9000  Schweinen,  1500  bis  2000  Kälbern,
^5oo  bis  2000  Hammeln  rechnen  müssen.  In  enger  Verbindung  mit
r  I'  leischkonservenfabrikation  sollte  auch  die  Herstellung  von  Gedie
  , COnserven  nach  Braunschweiger  Vorbild  betrieben  werden,  da
nötigen  Rohgemüse  ohne  Umstände  von  den  Landwirten  beschafft
von*" 6 * 1  ^ önnten-  Die  Gründung  des  Unternehmens  sollte  ein  Kapital
n .  3  Millionen  Mark  erfordern,  wovon  t  Million  Mark  durch  Obli-^itu,nen
  und  2  Millionen  Mark  durch  auf  den  Inhaber  lautende
en  zu  1000  Mark  aufgebracht  werden  sollten,
r  Trotz  vieler  Verhandlungen  gelang  es  indessen  nicht,  die  erichen
  Mittel  für  ein  derartiges  Unternehmen  zusammenzubringen.
..  em  kam  man  uoch  rechtzeitig  zu  der  Überzeugung,  daß  es
g  ich  sein  würde,  aus  inländischem  Fleisch  Konserven  herzustellen ­
  r i-&amp;gt;
  aie  es  an  Billigkeit  mit  dem  ausländischen  Corned  beef  aufne
 httie n  könnten _
jj c p  Ten  letzten  Jahren  wurden  weitere  derartige  landwirtschaft-Plunt
  ^ rÜnc ^ un §l en  * n  Hofgeismar,  Breslau,  Magdeburg,  Straßburg  ge-Y
  '  ■^T )er  alle  diese  Pläne,  durch  die  Konservierung  eine  bessere
fWertung  des  deutschen  Fleisches  als  bisher  zu  erreichen,  scheitern
au  ^  atsache,  daß  es  unmöglich  ist,  preiswerte’  Fleischkonserven
bau  ^ eUtsc ^ em  Fleisch  herzustellen,  resp.  ein  größeres  Unternehmen
zu  T er  Konservierung  von  Fleisch  deutschen  Ursprungs
ri j s  ,  sc uäftigen.  Die  deutschen  Fachleute,  die  teils  die  nordamerikagj
 n f^ en  Fabriken  aus  eigener  Anschauung  kennen,  und  nach  der
beef  ■  rUn S  des  Fleischbeschaugesetzes  die  Fabrikation  von  Corned
ke j  ,' n  Deutschland  aufnahmen,  waren  sämtlich  der  Meinung,  daß
Do  TTeischpreisen  in  Deutschland  auch  deutsches  Fleisch  zu
^ericj  eiSc ^ erste Tung  verwendet  werden  könnte,  daß  aber  die  Verkati
 0 Un§r  V ° n  aus ^äudischem  Fleisch  erst  eine  regelmäßige  Fabriauch
  in  den  Zeiten  hoher  Fleischpreise  in  Deutschland  zulasse,
band  ^  1  9°5  re gte  der  Vorstand  des  deutschen  Fleischer-Ver-Jq
  .  We gen  der  großen  Verluste,  die  der  Landwirtschaft  und  dem
er gewerbe  aus  der  jetzigen  Verwertung  des  Freibankfleisches
6*
        <pb n="95" />
        8 4

erwachsen,  die  Beseitigung  der  Freibänke  und  die  Verarbeitung  des
Freibankfleisches  zu  Konserven  und  Corned  beef  unter  Aufsicht  der
Behörden  an,  da  sanitäre  Bedenken  nicht  entgegengesetzt  werden
können.
Über  diesen  Plan  fand  im  preußischen  Landwirtschafts-Ministerium
eine  längere  Beratung  statt,  zu  welcher  Vertreter  des  Fleischergewerbes,
der  Landwirtschaft  und  andere  Sachverständige  berufen  wurden.  Der
Vorschlag  begegnete  allgemein  freundlicher  Aufnahme;  bei  der  Pr u "
fung  der  Verwirklichung  tauchten  aber  große  Schwierigkeiten  auf.
Einig  war  man  darin,  daß  derartige  Büchsenfleischfabriken  nur  m
großen  Gemeinden,  wohl  ausschließlich  in  Provinzialhauptstädten
würden  bestehen  können.  Der  Vorsitzende  der  Konferenz,  Geh.  R at
Schröter,  gab  am  Schlüsse  die  Erklärung  ab,  daß  der  Minister  sicherlich, ­
  soweit  es  ihm  möglich  sei,  die  Verwirklichung  des  Gedankens
begünstigen  werde,  bezweifelte  aber,  daß  zur  Ausführung  staatliche
Mittel  zur  Verfügung  stünden.  Es  wurde  darauf  hingewiesen,  daß
die  Gemeinden,  das  Fleischergewerbe  oder  die  Schlachtvieh-Versicherungen, ­
  die  am  meisten  von  der  Frage  berührt  würden,  die  Mittel
für  die  Errichtung  der  Fabriken  aufbringen  müßten.  Ein  Beschluß
über  die  Angelegenheit  wurde  s.  Zt.  nicht  gefaßt  und  man  hat  von
dieser  Angelegenheit  auch  nichts  wieder  gehört.
Außer  der  Einfuhr  von  Fleisch  in  luftdichten  Gefäßen  verbietet
das  Fleischbeschaugesetz  bei  der  gewerbsmäßigen  Zubereitung  v ° n
Fleisch  die  Verwendung  solcher  Stoffe  oder  Verfahren,  die  der  Wal®
eine  gesundheitsschädliche  Beschaffenheit  zu  verleihen  vermögen.  ü er
Bundesrat  erließ  dann  im  Februar  1902  genaue  Bestimmungen,  dm
die  verbotenen  Substanzen  nannten.  Hierunter  befand  sich  auch  d‘ e
Borsäure,  die  bisher  in  der  Fleichwarenherstellung  allgemein  groß 6
Verwendung  gefunden  hatte,  während  die  übrigen  Stoffe  nur  wenig
angewendet  wurden.  Die  Borsäure  hatte  sich  seit  ihrer  Erfindung
gut  eingeführt,  hatte  die  Fabrikation  und  namentlich  die  Haltbarkeit
der  Fleischwaren  sehr  erleichtert  und  war  auch  bei  der  Herstellung
von  Dosenfleisch  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  auch  in  anderen
Staaten  in  umfangreichem  Maße  verwendet  worden.  Bei  dem  Verbot
der  Borsäureverwendung  erhob  sich  daher  ein  Sturm  der  Entrüstung
in  den  Kreisen  der  deutschen  Fleischwarenhändler  und  Fleisch  warenfabrikanten,
  und  man  behauptete,  daß  eine  Herstellung  von  Dosen
fleisch  ohne  Borsäure  nicht  möglich  sei.  Es  mag  dahingestellt  bleiben,
ob  die  Borsäure  auf  den  Menschen  gesundheitsschädigend  wirkt  oder
nicht.  Die  Meinungen  der  Sachverständigen  gehen  hier  auseinander,
und  es  ist  ja  auch  schwierig  festzustellen,  welche  Mengen  schädlich
        <pb n="96" />
        s&amp;gt; n d.  j n  England  z.  B.  kamen  die  Sachverständigen  nach  langen
r  ar| dlungen  zu  der  Überzeugung,  daß  kein  Grund  dazu  vorläge,
Verwendung  der  Borsäure  gesetzlich  zu  verbieten.  Nun  haben
.  6r  derartige  Konservierungsmittel  die  Eigenschaft,  auch  nicht  ganz
em wandsfreien  Waren  den  Anschein  der  Frische  und  der  guten  Been
 heit  zu  geben.  Es  läßt  sich  also  nach  Verwendung  der  BorlUle
  n ' c ht  mehr  auf  das  bloße  Aussehen  hin  feststellen,  ob  eine  derr^ge
  Ware  eventuell  in  Verwesung  übergeht.  Das  ist  der  große
ac  teil  dieser  Konservierungsmittel.
Bei  der  Methode  der  Fleischkonservierung,  deren  sich  die  deutschen
iken  gegenwärtig  bedienen,  hat  man  indessen  die  Verwendung
° n  Konservierungssalzen  gar  nicht  mehr  nötig.  Allerdings  muß
c &amp;gt;  auf  ein  sehr  peinliches  Arbeiten  und  genaues  Einhalten  der
^  ocle  gesehen  werden,  wenn  die  hergestellten  Fleischkonserven
•-rnd  haltbar  sein  sollen,  während  bei  der  Verwendung  von  Kon-^ervierungssalzen
  ein  Verderben  weniger  leicht  möglich  war.  Vor
CIn  haben  aber  nunmehr  die  Konsumenten  des  deutschen  Dosenss
  die  Gewißheit,  ein  keine  schädlichen  Stoffe  enthaltendes
\b  ' n,t f srr nttel  zu  erhalten,  was  gewiß  viel  für  die  Erweiterung  des
Sd Ges  des  deutschen  Dosenfleisches  beigetragen  haben  mag.
( j.  4  Einen  positiven  Vorteil  bietet  den  Fabrikanten  des  Dosenfleisches,
Fle -  ^  n * C ^ lt  nur  se lhst  schlachten,  sondern  auch  ausgeschlachtetes
clSl -h  Von  überall  erhalten,  das  Borsäureverbot  insofern,  als  nunmehr
  H
_ Uas  gute  Aussehen  des  Fleisches  ihnen  eine  wirkliche  Garantie
^' e  gute  und  frische  Qualität  der  Ware  bietet,
der  diesen  Vorbemerkungen  gehen  wir  nun  zur  Beschreibung
j st  ^  gegenwärtigen  deutschen  Dosenfleischindustrie  über.  Natürlich
Wä  16  ^ n ^ ust:r * c  augenblicklich  noch  zu  jung,  als  daß  es  uns  möglich
j  ’  Von  ihr  eine  ebenso  ausführliche  Darstellung  wie  von  der  Ge-•
  V °nservenindustrie  geben  zu  können.
^  Abgesehen  von  mehreren  kleineren  Betrieben  sind  jetzt  sechs
Pj  J £ e bende  Fabriken,  welche  speziell  Dosenfleisch  herstellen,  in
&amp;amp;  ^ Sc hland  vorhanden.  Die  größte  Fabrik  ist  die  der  Firma  Eckardt
ers ;  Ihorst  in  Dissen  (Westfalen).  Die  genannte  Firma  war  die
die  Tr  ^  so ^ ort  nac b  dem  Inkrafttreten  des  Fleischbeschaugesetzes
P  K  •  a ° r ^ a ti°u  von  Corned  beef  auf  nahm.  Wenn  sich  zuerst  die
da-  *  at ' on  ’ n  bescheidenen  Grenzen  bewegte,  so  ist  dies  teilweise
Uan' 11 ^  Zurüc bzuführen,  daß  die  Importeure  vor  Inkrafttreten  des  geen
  Gesetzes  große  Mengen  ausländischer  Ware  auf  Lager  nahmen.
ü Cr  , as  ^' ese  Bestände  verkauft  waren,  was  im  Spätsommer  1902
" a fl  War,  wuchs  die  Nachfrage  nach  jüngerer  Ware.
        <pb n="97" />
        86

Seitdem  hat  die  Fabrikation  von  Corned  beef  in  Deutschland
beständig  zugenommen;  die  bestehenden  Fabriken  wurden  vergrößert,
neue  gegründet.  Ist  auch  der  Umfang  der  Produktion  der  erwähnten
größeren  Betriebe  verschieden,  so  kann  man  doch  annehmen,  daß
keine  unter  5000  kg  pro  Tag  während  der  Saison  verarbeitet,
Eckardt  &amp;amp;  Streithorst  in  Dissen  fabrizieren  als  die  bedeutendsten
ca.  6—8000  kg  Corned  beef,  verarbeiten  also  das  knochenlose  Fleisch
von  ungefähr  35  —  40  Rindern  pro  Tag  der  Kampagne.  Das  Vieh,
das  in  den  deutschen  Fabriken  zur  Verwendung  gelangt,  ist  f ast
durchweg  ausländisches.  Wiederholt  gelangte  in  der  Presse  die  trage
zur  Erörterung,  ob  für  die  Fabrikation  von  deutschem  Dosenfleisch
die  Verwendung  inländischen  oder  ausländischen  Rohfleisches  sic
mehr  empfehle.  Diese  Frage  berührt  lediglich  die  Interessen  der  ein
heimischen  Landwirtschaft.  Solange  Deutschland  aber  noch  erheb
liehe  Quantitäten  an  Vieh  und  Fleisch  aus  dem  Ausland  zur  Ver
fügung  gestellt  werden,  kann  die  Verwendung  inländischer  Ware
kaum  in  Betracht  kommen,  denn  die  einheimische  Konservenindustu 6
ist  darauf  angewiesen,  zwar  erstklassiges,  aber  doch  auch  möglich
billiges  Rohmaterial  zu  beziehen.  Zu  billigen  Preisen  aber  kann  die  &amp;gt;»
ländische  Viehproduktion  Material  nicht  zur  Verfügung  stellen,  d a  slC
den  schon  vorhandenen  Bedarf  ohnehin  nicht  völlig  zu  decken  vermag-Dazu
  kommt  noch  ein  weiteres.  Da  größere  Schwankungen  llT1
Preise  der  fertigen  Ware  den  Verkauf  sehr  erschweren,  so  suche»
die  Grossisten,  als  die  unmittelbaren  Abnehmer  der  Fabriken,  ( ’ ur  _
feste  Abschlüsse  sich  vor  Differenzen  zu  schützen,  weshalb  auch  1
Fabrikanten  ihrerseits  zu  größeren  Abschlüssen  beim  Ankauf  A ireS
Rohmaterials  gezwungen  sind.
Nach  Ansicht  der  Fabrikanten  ist  überdies  auch  das  ausländis»
Weide-  oder  Steppenvieh  zur  Fabrikation  geeigneter  als  meist  .  ^
Stall  gemästetes  deutsches,  weil  das  Fleisch  des  letzteren  trocken  .
Die  deutschen  Fabrikanten  kaufen  zum  Teil  Vieh  in  Rußland,  spe zl

im  Gouvernement  Orenburg,  in  Kurgan  in  Westsibirien,  zum

iell
Teil  in
den  Moldauniederungen  Rumäniens,  weiten  Flächen,  auf  denen  g r °^ e
Herden  Rindvieh  zum  Verkauf  stehen.  Sie  lassen  es  dort  schlachte»
und  senden  das  Fleisch  an  ihre  deutschen  Fabriken.
Während  in  Deutschland  der  billigste  Preis  für  Rindfl e * sC
z.  B,  im  Flerbst  1904  55  M.  per  100  Pfund  Schlachtgewicht  betrug’
wurde  zu  gleicher  Zeit  für  dieses  russische  und  rümänische  F' elS ^’
einschließlich  Zoll  und  Spesen,  nur  45  M.  von  den  Fabriken  g eza
In  Rußland,  speziell  in  Westsibirien,  wird  das  zum  Schlachte»
bestimmte  Vieh  bei  Eintritt  des  Frostes  geschlachtet,  das  Fleisch  a
        <pb n="98" />
        87

gestapelt  und  verhandelt.  Da  der  Frost  erst  im  Frühjahr  wieder  aus--
  ist  ein  Verderben  ausgeschlossen.  Ein  gestallt  wird  dort  im
ir^ß  S ^-  ^erhaupt  kein  Vieh.  Das  zur  Nachzucht  bestimmte  Vieh
s,ch  im  Winter  bei  wenig  Nahrung  kümmerlich  durchhelfen,
pj  deutschen  Fabriken  können,  selbst  im  Februar  noch,  bestes
eisch  von  Weidevieh  dort  erhalten.  Der  Viehreichtum  ist  in  jenen
.  lclen  50  groß,  daß  nicht  einmal  während  des  russisch-japanischen
.  r ' e g es  der  Preis  stieg.  Charakteristisch  ist,  daß  in  Rußland,  ben
  ich  Westsibirien  seit  längerer  Zeit  eine  ebenso  strenge  und
Essige  Fleischbeschau  besteht  wie  in  Deutschland.  Wenn  z.  B.
wird  m  61nem  ^  ran sport-Eisenbahnwagen  nur  ein  Stück  Fleisch  gefunden
wird'  mit  dem  blauen  Regierungsstempel  versehen  ist,  so
aus  disziplinären  Gründen  der  ganze  Inhalt  des  Wagens  vernichtet,
äk  11  ^ en  Moldauniederungen  Rumäniens  liegen  die  Verhältnisse
Fl  •  C  Auch  hier  besteht  seit  langer  Zeit  ein  streng  durchgeführtes
^l^^^^schaugesetz,  das  für  die  Ausfuhr  nur  erstklassiges  Fleisch
.  '  , J  '  Auch  dänisches  Fleisch  wird  von  den  Fabriken  viel  verl
  ..  eL-  Die  Rinder  werden  in  Dänemark  in  staatlichen  Schlacht-^
  usern  geschlachtet  und  in  Hälften  und  Vierteln,  in  Fleischtransport-2
 oH^ n  his  auf  den  Hamburger  Schlachthof  befördert,  dort  verund
  untersucht.  Das  frische  dänische  Fleisch  wird  nach  Vierteln
e m  Vorderviertel  kosteten  im  Herbst  1904  der  Zentner
43  M.  während  Hinterviertel  10  M.  teurer  sind.
F  k  .  Dozüglich  des  für  die  deutsche  Armee  und  Marine  von  einigen
z -  B.  Walter  Binz  in  Hamburg  und  Eckardt  &amp;amp;  Streithorst
zu  * SSetl  hergestellten  Corned  beef  gilt  indessen  die  Vorschrift,  daß
älte S6lner  ^ erste h ull g  nur  Rinder  deutschen  Ursprungs,  die  nicht
jj  r  a * s  7  Jahre  sind,  verwendet  werden  dürfen.  Das  Vieh  muß  in
Fabriken  unter  Aufsicht  von  Intendanturbeamten  geschlachtet
^  e n.  Für  dieses  ausgesucht  gute  Fleisch  mußten  von  den  Fabriken
65  M.  per  Zentner  im  Herbst  1904  bezahlt  werden.  Die  Militär-A
  annever  waltun  een  bezahlten  wiederum  auch  für  dieses  Produkt
gUte  Preise.
be  ■  Mauptfabrikationszeit  in  den  deutschen  Dosenfleischfabriken
ginnt  i m  September  und  endet  Anfang  Februar,  da  in  diesen
bis &amp;gt;tlaten  ^ as  h este  Material  zu  beschaffen  ist.  Vom  Anfang  April
Eck' 21 " 11  ^ u ^ ust  ru hen  die  Betriebe  meist  gänzlich.  Die  Firma
i Y r ^ arcJt  &amp;amp;  Streithorst  in  Dissen  beschäftigt  50  —  60  Arbeiter  und
teil  eiter ' nnen i  während  die  übrigen  fünf,  fast  gleich  großen  Fabriken
die  rne  ir ’  te h s  weniger  Leute  beschäftigen.  Die  Löhne  betragen  in
„„  P cl;r ieben  bei  elfstündiger  Arbeitszeit  für  Männer  2.50  —  3  M.
2  M.  pro  Tag.  Außer  Corned  beef  fertigen

Un h  für  Frauen  1.65
        <pb n="99" />
        88

die  deutschen  Fabriken  noch  Boiled  beef  (frisch  in  Bouillon  eingekochtes ­
  Rindfleisch)  sowie  Corned  pork  (Schweinefleisch)  in  Dosen
an,  jedoch  nur  in  geringen  Quantitäten,  da  der  Konsum  darin  nicht
bedeutend  ist.  Auch  zu  diesen  letzteren  Fabrikaten  wird  nur  inländisches ­
  Fleisch  verwendet.
Als  Gegenstück  zu  der  früher  erwähnten  amerikanischen  Büchsenfleischbereitung ­
  möge  auch  eine  eingehende  Beschreibung  der  deutschen ­
  Fabrikation  folgen.
Während  in  den  amerikanischen  Fabriken  nur,  wie  oben  erwähnt, ­
  einzelne  Teile  des  Tieres  zu  Corned  beef  verarbeitet  werden,
verwendet  die  deutsche  Industrie  zu  dem  gleichen  Zwecke  das  sämtliche ­
  Fleisch,  die  guten  wie  die  geringeren  Stücke.  Nachdem  d aS
Fleisch  von  den  Knochen  und  dickeren  Fettstücken  befreit  ist,  wird
es  in  kleinere  Teile  zerschnitten,  mit  einer  Mischung  von  Salz,  Salpeter ­
  und  Zucker  eingesalzen  und  dann  in  große  Fässer  oder  Zement
bottiche  fest  eingestampft.  In  diesen  Gefäßen  verbleibt  das  Fleisc
14—16  Tage,  bis  es  vollkommen  durchsalzen  ist  und  hierdurch  em c
schöne  rote  Färbung  bis  in  seine  innersten  Teile  erhalten  hat.  So
dann  wird  das  Fleisch  in  Kesseln  mit  Dampfheizung  zirka  2  Stunden
vorgekocht,  alsdann  in  passende  Stücke  zerschnitten.  Nachdem  man
das  Fleisch  mit  einer  starken  Gelatinelösung,  sowie  mit  eingedickter
Fleischbouillon  vermengt  hat,  wird  das  Ganze  in  Dosen  gefüllt-Dieser
  Zusatz  ist  nötig,  um  eine  schnittfeste  Ware  zu  erhalten.  Meist
werden  die  Dosen  jetzt  nicht  mehr  verlötet,  sondern  mittelst  Maschinen
druckes  luftdicht  verschlossen.  Die  weitere  Behandlung  der  Dosen
ist  eine  sehr  interessante.  In  den  Deckel  der  Dose  wird  mit  einem
Stahldorn  ein  kleines  Loch  gestoßen  und  auf  dieses  ein  Stückchen
Lötzinn  gelegt.  Alsdann  kommen  die  Dosen  in  einen  Apparat,  der
die  Luft  aus  den  Dosen  saugt.  Da  in  diesem  Vakuumapparat,  der
eine  elektrische  Lötvorrichtung  enthält,  auch  eine  Beleuchtungsem
richtung  angebracht  ist,  so  kann  man  durch  ein  starkes  Glasfenster
das  Innere  von  außen  her  genau  beobachten.  Die  Dosen  stehen  a
einer  Scheibe,  die  von  außen  geführt  wird,  auch  der  Lötkolben  W1
von  außen  geleitet.  Nach  Entfernung  der  Luft  berührt  man  mit  dem
glühenden  Lötkolben  das  auf  jeder  Dose  liegende  Stück  Zinn,  ' v °
durch  die  Dose  vollkommen  geschlossen  wird.  Man  arbeitet  a  s °
hierbei  im  luftleeren  Raum.  Später  gelangen  die  Dosen  in  eine 11
Autoklav  (Dampfkochapparat),  in  dem  die  Ware  durch  g es P ann ^
Dampf  steril  gemacht  wird.  Die  Sterilisation  ist  vollzogen,  wenn
Dosen  im  Innern  eine  Temperatur  von  116 0  Celsius  erreicht  hah 611 ’
was  mittelst  einer  sinnreichen  Vorrichtung  erkennbar  ist.  Nachdem
        <pb n="100" />
        —  8 9  —
die  Ware  durch  ein  Wasserbad  abgekühlt  ist,  werden  die  Dosen  aufgestapelt, ­
  nach  Bedarf  lackiert  und  mit  Etiketten  versehen.
Das  deutsche  Büchsenfleisch  wurde  im  Herbst  1904  zum  Preise
v °n  80  M.  per  50  kg  an  Grossisten  verkauft.  Die  Kleinhandelspreise ­
  betrugen  zu  derselben  Zeit  90—95  P er  Pfund.  Zieht  man
iu  Betracht,  daß  die  Knochen  entfernt  sind  und  das  Fleisch  durch
das  Kochen  an  Gewicht  eingebüßt  hat,  so  ist  das  deutsche  Corned
be ef  auch  heute  ein  verhältnismäßig  billiges  Nahrungsmittel.
Das  amerikanische  Büchsenfleisch,  welches  in  den  Freihäfen  gehandelt ­
  wird,  ist  übrigens  in  den  letzten  Jahren  auch  im  Preise  gediegen ­
  und  wurde  1904  in  Posten  mit  60  M.  verkauft.  Hierzu
kommen  indessen  für  Deutschland  noch  Zölle  und  Spesen  im  Betrage
Von  15  M.  per  Zentner,  so  daß  der  Preis  des  ausländischen  Corned
heef  sich  auf  75  M.,  also  nur  5  M.  höher  stellt  als  das  inländische  Produkt.
Die  deutsche  Fleischkonservenindustrie  hat  unter  den  heutigen
gesetzlichen  Bestimmungen  in  keiner  Weise  zu  leiden.  Frisches  wie
gesalzenes  Fleisch  kann  nach  Belieben  in  Deutschland  eingeführt
werden,  wenn  es  den  gesetzlichen  Bedingungen  entspricht 1 ).  Nach
dem  Erlaß  des  Fleischbeschaugesetzes  ist  aber  jetzt  jedem  Fabrikanten,
im  Gegensatz  zu  vorher,  gute  und  gesunde  Ware  gewährleistet.  Die
geringen  Untersuchungsgebühren  erschweren  nach  Angabe  der  Fabrikanten ­
  das  Geschäft  in  keiner  Weise.  Die  Militär-  und  Marinev
 erwaltungen  verhalten  sich  den  Fabriken  gegenüber  sehr  entgegenkommend ­
  und  erteilen  diesen  Firmen  häufig  größere  Aufträge.  Die
Lieferungsbedingungen  sind  allerdings  sehr  scharf.  Die  Fabriken  sind
während  der  Fabrikation  des  Dosenfleisches  für  die  Militärverpflegung 2 )
der  Aufsicht  eines  Proviantamtsbeamten  unterstellt.  Das  für  die  Herstellu

gut

n g  zu  diesen  Militärkonserven  bestimmte  Fleisch  darf  nur  von
8 ern ästeten,  völlig  gesunden  Tieren  aus  Deutschland  stammen,
Ge  v or  dem  Schlachten  tierärztlich  untersucht  wurden  und  woc
 i er  Nachweis  zu  führen  ist.  Hals  und  Schienbein,  sowie  Knief
 ert -° n  dürfen  nicht  zu  diesen  Konserven  verwendet  werden.  Die
ein  '^ en  ^ 0SGn  m üssen  unverletzt  sein  und  die  Stärke  der  Dose  darf
1  Durchrosten  nicht  befürchten  lassen.  Die  Fabrikanten  haben
——.  au Dukommen,  daß  der  Doseninhalt  das  vorgeschriebene  Gewicht
0( j er  v  Disches  Fleisch  darf  nur  in  ganzen  Xierkörpern  eingeführt  werden.  Bei  Pökelaur
  ^ esa henem  Fleisch  dürfen  die  einzelnen  Stücke  nicht  unter  4  kg  wiegen.  Verboten  ist
P' Ic .  e  ® nlu hr  von  Fleisch  in  luftdicht  verschlossenen  Gefäßen,  von  Würsten  und  sonstigen
Jj 0rs ä  t,enieD gen,  von  Hundefleisch  und  Fleisch  von  Einhufern,  sowie  von  Fleisch,  das  mit
e  und  ähnlichen  Chemikalien  behandelt  wurde.
v 0r  \  ^ ua  den  von  den  kaiserl.  Marine-Intendanturen  und  Königl.  Korps-Intendanturen
ebenen  Lieferungsverträgen  für  Konserven.
        <pb n="101" />
        go

erreicht.  Außerdem  müssen  sich  die  Fabrikanten  verpflichten,  sämtliche ­
  innerhalb  fünf  Jahre  als  verdorben  befundene  Büchsen  zu
ersetzen  oder  den  gezahlten  Preis  zu  erstatten.  Wünschenswert  wäre
es  indessen,  daß  auch  die  Militär-  und  Marineverwaltungen  ihrerseits
die  Verpflichtung  übernehmen,  die  Waren  möglichst  trocken  und  nicht
in  feuchten  Räumen,  welche  ein  Rosten  des  Bleches  befördern,  zu  lagern-Die
  Intendanturen  der  Marine  und  der  Armee  sind  mit  dem
deutschen  Dosenfleisch  sehr  zufrieden  und  haben  sich  wiederholt  anerkennend ­
  über  das  deutsche  Produkt  geäußert.
Eine  Kartellierung  oder  ein  anderer  Zusammenschluß  ist  von  den
deutschen  Dosenfleischfabrikfanten  einstweilen  noch  nicht  beabsichtigt-Zusammenfassend
  können  wir  bemerken,  daß  die  infolge  des
Pleischbeschaugesetzes  entstandene  deutsche  Dosenfleischindustrie  bereits ­
  eine  Größe  und  Entwicklung  gefunden  hat,  wie  man  sie  itn
Anfang  kaum  erhoffen  durfte.
C.  Die  Verwendung  von  Konserven  bei  der  Armeeverpflegung-Die
  Heranziehung  der  Konserven  zur  Verpflegung  der  Trupp 611
erfolgte  im  größeren  Maßstabe  zuerst  im  Krimkriege,  wo  namentlich
die  Franzosen  in  ausgedehntem  Maße  Fleisch-  und  Gemüsekonserven
an  die  Truppen  vor  Sebastopol  verabreichen  ließen.  Von  diesem  Zeh'
punkte  an  wurde  der  Konservenverpflegung  für  Heereszwecke  in  allen
Staaten  Europas  große  Aufmerksamkeit  zugewendet.  Im  deutschfranzösischen ­
  Kriege  1870/71  hat  sich  die  Konservenverpfleg 011 »’
namentlich  bei  der  deutschen  Armee  gut  bewährt.
Wie  schon  erwähnt,  besitzen  die  meisten  größeren  Militärstaaten
jetzt  Staatsfabriken  zur  Herstellung  von  Konserven.  Natürlich  sind
diese  nicht  im  entferntesten  in  der  Lage  den  Bedarf  der  Heere  an
Konserven  zu  decken,  sondern  der  Hauptteil  von  Konserven  w*ird
von  der  Privatindustrie  hergestellt.  Preußen  errichtete  nach  dem
Kriege  1870  Fabriken  in  Haselhorst  bei  Spandau  und  in  Mainz.  Auh er
Fleischkonserven  werden  in  diesen  Betrieben  namentlich  Erbswürste
und  den  Erbswürsten  ähnliche  Präparate,  die  sich  aus  verschiedenen
Mehlen,  Talg,  Fleischextrakt  und  Gewürzen  zusammensetzen,  außei
dem  auch  Gemüsekonserven  umd  gemischte  Gerichte  hergestellt.
Kampagne  dauert  von  Anfang  September  bis  März—April.
Beschäftigt  werden  im  Durchschnitt  in  jeder  der  beiden  Fabrik 611
go  männliche  und  ungefähr  300  weibliche  Arbeitskräfte.  An  Flm s
werden  im  Durchschnitt
in  Haselhorst  2500  Ochsen
in  Mainz  2200  „
        <pb n="102" />
        9

Jährlich  zu  Konserven  verarbeitet.  Die  Lieferung  der  Ochsen  wird
Vor  der  Kampagne  öffentlich  ausgeschrieben  und  im  Ganzen  an  einen
roßschlächter  vergeben.  Gezahlt  wurden  in  den  Jahren  igoo  bis  1904
1,08  M.  bis  1.28  M.  für  1  kg.
In  den  beiden  Fabriken  stehen  während  der  Kampagne  stets
100  I ,,s  120  Ochsen  zur  Schlachtung  bereit.
Bayern  besitzt  in  Ansbach  eine  Armeekonservenfabrik,  die  zur
mterkampagne  400  bis  500  Ochsen  zu  Konserven  verarbeitet.  In
St erreich-Ungarn  wurden  in  den  siebziger  Jahren  zunächst  Versuche
f Ur  Konservenerzeugung  in  eigener  Regie  beim  Verpflegungsmagazin
' n  V'ien  durchgeführt.  Da  aber  die  zur  Errichtung  großer  Staatsbanken ­
  erforderlichen  Mittel  nicht  zur  Verfügung  standen,  so  wurden
Privatfabriken  kontraktliche  Vereinbarungen  getroffen,  und  während
er  Okkupation  Bosniens  und  der  Herzegowina  versorgte  eine  Privatr
 ’k  die  Truppen  mit  Konserven.  Aus  den  Erfahrungen,  die  der
spanisch-amerikanische  Krieg  brachte,  gewann  man  die  Überzeugung,
f  es  notwendig  sei,  Staatsfabriken  zu  besitzen,  damit  im  Kriegsfälle
ltle  Beschaffung  von  Konserven  garantiert  sei.  Im  Jahre  1898  trat
er  die  östereichisch-ungarische  Heeresverwaltung  an  die  betr.
kvatfabriken  mit  der  Frage  heran,  unter  welchen  Bedingungen  sie
geneigt  wären,  die  Fabriken  der  Heeresverwaltung  als  Eigentum  zu
erlassen.  Seit  1.  Januar  1902  sind  diese  Privatfabriken  vom  Staate
ernotnrnen  worden  und  die  bisherigen  Besitzer  haben  sich  ver-1C
  lte t,  während  der  folgenden  14  Jahre  den  Fabrikbetrieb  und  die
Beugung  der  Konserven  unter  denselben  Bedingungen  wie  bisher
Zu  besorgen.
Auch  Frankreich  besitzt  Armeekonservenfabriken,  während  Engganz ­
  auf  die  Privatindustrie  angewiesen  ist.
Es  besteht  nun  im  preußischen  Kriegsministerium  die  Absicht,
' m  Ealle  eines  Krieges  neben  den  Konserven  aus  fiskalischen  Fabriken,
p  ^ en  Produktion  eine  sehr  beschränkte  ist,  auch  solche  aus  der
riv atindustrie  zur  Truppenverpflegung  in  größerer  Menge  zu  veren
 den.  T)j e  Ausnutzung  dieser  Privatfabriken  ist  in  der  Weise  ge-,
  *■’  daß  die  letzteren  schon  zu  Friedenszeiten  gewisse  Vorräte  unter-&amp;gt;.
  en  und  im  Kriegsfälle  ausschließlich  oder  doch  größtenteils  für  die
J  karverwaltung  arbeiten.  Die  Unterhaltung  von  Vorräten  zu  Friedens-...
 etl  S °H  dadurch  erleichtert  werden,  daß  die  betreffenden  Fabriken
J a  rlich  in  beschränktem  Umfange  Lieferungen  für  die  Truppen  erdas
 Gn  ^ eit  J allren  wurden  die  Privatkonservenfabriken  aufgefordert,
Und  . r ’ e £ srn i n i s t e rium  über  ihre  Leistungsfähigkeit  zu  informieren
die  einzelnen  Fabriken  gaben  alle  zwei  Jahre  an,  welche  Mengen
        <pb n="103" />
        92

Konserven  in  24  Stunden  geliefert  werden  können.  Erwünscht  sind
bei  dieser  Kriegslieferung  alle  Arten  von  Fleisch-  und  Gemüsekonserven, ­
  doch  sollen  feinere  Konservenarten,  wie  Wildbraten,  Spargel-Pilze
  usw.  gänzlich  ausgeschlossen  sein.
Vorbedingung  für  die  Übertragung  von  Lieferungen  durch  die
Militärverwaltungen  würde  sein,  daß  die  Fabriken
1.  sich  in  der  äußeren  Form  und  Verpackung  der  Konserven
den  Bedürfnissen  der  Heeresverwaltung  anpassen;
2.  die  Konserven  selbst  in  jeder  Beziehung  gut,  schmackhaft,
nahrhaft  und  haltbar  aus  guten  Materialien  herstellen;
3.  die  Speisen  möglichst  mannigfaltig  zusammensetzen  und  genußfertig ­
  bereiten;
4.  sich  bei  der  Herstellung  von  Konserven  für  das  Heer  eind
Beaufsichtigung  durch  Proviantamtsbeamte  unterwerfen.
Bisher  fanden  Büchsen  in  runder  Form  mit  Portionsinhalt  h' 1
1  und  3  Mann  Verwendung.  Auf  leichtes  Gewicht  und  geringe' 1
Umfang  der  Büchsen  wird  besonderer  Wert  gelegt.
Im  Frühjahr  1900  erhielten  daraufhin  verschiedene  Konservenfabriken ­
  von  der  Intendantur  des  X.  Armeekorps  (Hannover)  1111
Aufträge  des  Kriegsministeriums  Anfragen,  ob  die  bctr.  Fabriken
bereit  sind,  im  Kriegsfälle  Konserven  für  die  Militärverwaltung  zU
liefern  und  schon  im  Frieden  Vorräte  zu  unterhalten.  Im  bejahenden
Falle  sollten  die  Fabriken  angeben:
1.  welche  Konserven  die  einzelnen  Fabriken  liefern  können;
2.  wie  groß  die  tägliche  Leistungsfähigkeit  der  einzelnen  labrik
ist  (Portionen  zu  einer  bestimmt  anzugebenden  Gewichtsmenge);
3.  welche  Menge  sie  zu  Friedenszeiten  vorrätig  halten  würden
und  in  welchen  Zeitabschnitten  sie  auf  Auffrischung  der  Vorrä 6
durch  die  Militärverwaltung  rechnen  müßten;
4.  welchen  Portionssatz  sie  für  einen  Mann  rechnen  und  welch 011
Preis  sie  für  die  Portion  rechnen.
Die  Anfragen  der  Intendantur  dürften  von  den  betr.  Fabrik 00
in  der  gewünschten  Weise  beantwortet  worden  sein.
Immerhin  unterliegen  die  von  den  einzelnen  Fabriken  g eVV
sehr  gewissenhaft  abgegebenen  Zahlen  über  deren  maximale  Leistung 5
fähigkeit  mehrfachen  natürlichen  Einschränkungen,  die  bei  dies 011
Angaben  in  Betracht  zu  ziehen  sind,  denn
1.  würde  die  deutsche  Konservenindustrie,  wenn  während  der
Monate  Mai  bis  inkl.  August  ein  Krieg  ausbrechen  sollte,  überbau?
nicht  in  der  Lage  sein,  für  die  Militärverwaltung  zu  arbeiten,  weil  11
diese  Monate  die  Arbeitskampagne  fällt,  in  der  die  auf  Abschluß  g
        <pb n="104" />
        93

kauften  Rohgemüse  (Spargel,  der  nicht  für  Armeeverpflegung  in  Betracht ­
  kommt,  usw.)  verarbeitet  werden  müssen,
2.  würden  die  während  der  Sommermonate  hergestellten  Gemüsekonserven ­
  nicht  verwertbar  sein,  weil  die  Militärverwaltung  im  Kriegsfälle ­
  nicht  reine  Gemüsekonserven,  sondern  zum  Anrichten  fertige
Speisen  benötigt,  die  aber  während  der  Sommerkampagne  bei  g(
Hegender  Vorbereitung  in  nur  beschränktem  Umfange  hergestellt
Werden  könnten;
3-  würde  es  den  Konservenfabriken  nicht  möglich  sein,  selbst
wenn  sich  die  Militärverwaltung  dazu  verstünde,  reine  Gemüsekonserven ­
  abzunehmen,  erhebliche  Posten  davon  zur  Verfügung  zu
kalten,  da  der  weitaus  größte  Teil  der  Sommerproduktion  im  Laufe
des  Frühjahrs  auf  Herbstlieferung  bereits  verkauft  ist;
4-  fehlt  es  dem  weitaus  größten  Teile  der  Konservenfabrikanten
an  den  nötigen  Erfahrungen,  die  doch  unbedingt  zur  Herstellung  der
für  die  Armee  im  Kriege  notigen  Speisen  erforderlich  ist 1 );  es  würden
daher  umfangreiche  Versuche,  die  Zeit  und  Geld  kosten,  einer  etwaigen
  Lieferung  vorangehen  müssen,  während  diesen  nur  unklare,
ln  weiter  Ferne  liegende  Aussichten  auf  Lieferungsgeschäfte  gegenüberstehen. ­


Der  allein  geeignete  Zeitpunkt  zur  Herstellung  der  für  Armee-Lie
  W U,1 gszwecke  verwendbaren  Speisen  würde  der  Herbst  sein,
k'm  '° r  kauptsächlich  in  Frage  kommenden  Gemüsearten:  wie  Weiß-’
  Wirsing,  Rotkohl,  Kohlrüben,  Möhren  usw.  sind  im  Herbst

ln  größeren  Mengen  preiswert  zu  haben.

Auch  für  den  Einkauf  von  Fleisch  dürfte  der  Herbst  sich  am

eignen,  da  im  F'rühherbst  der  Fleischkonsum  noch  nicht  so

besten
edeutend  als  im  Winter  ist,  während  der  Landwirt  bereits  im  Frühst
  se i n  Fettvieh  gern  verkauft.  —  Welche  Stellung  nimmt  der
enservenfabrikant.  diesen  Tatsachen  gegenüber  ein,  resp.  in  welche
i  e  king  w j rc j  derselbe  mit  Rücksicht  auf  seine  gesamte  Geschäfts-S
 e  im  Herbst  gezwungen?
Wie  wir  schon  des  öfteren  dargetan,  währt  die  Gemüsekampagne
der  klai  bis  Ende  August  oder  Anfang  September,  je  nach
f  j 1 "/Witterung,  Der  Versand  beginnt  bei  den  Gemüsekonservenen
  im  September  und  dauert  bis  Ende  November,  soweit  die
Gr bstabschlüssc  in  Frage  kommen.  In  dieser  Zeit  ist  das  kauf-*)

  1,11  südafrikanischen  Kriege  wurden  von  der  englischen  Konservenindustrie  für  die
£ s  er ' va ltung  ohne  nötige  Erfahrungen  Konserven  aus  Gemüse  und  Fleisch  hergestellt.
Ver tiich  ^ ten  * n ^°^ e  Verderbens  i  700  000  Portionen  trotz  des  Mangels  an  Lebensmitteln
et  Werden,  die  einen  Wert  von  1  600000  Mark  darstellen.
        <pb n="105" />
        94

männische  wie  das  technische  Personal  durch  das  Lieferungsgeschäft
außerordentlich  in  Anspruch  genommen,  und  es  würde  sicher  große
Unbequemlichkeiten  verursachen,  wenn  der  normal  verlaufenen  Sommerkampagne ­
  sofort  eine  Herbstkampagne  folgen  müßte.  Immerhin
könnte  diesen  Schwierigkeiten  durch  verstärktes  Personal  und  besondere ­
  Lohnzulagen  begegnet  werden.
Mehr  als  der  Leutemangel  würde  dagegen  die  pekuniäre  Lag e
der  einzelnen  Konservenfabriken  der  von  dem  Kriegsministerium  g e "
wünschten  Geschäftsverbindung  hinderlich  sein,  denn  hier  sind  die
wirtschaftlichen  Verhältnisse  zu  berücksichtigen,  wie  sich  dieselben
bei  den  Konservenfabriken  im  Herbst  gestalten.
Der  Konservenfabrikant  bezieht  seine  Rohprodukte  zum  größten
Teil  von  den  Landwirten,  erhält  daher  entweder  gar  keinen  oder
nur  sehr  kurzen  Kredit  und  muß  während  der  Dauer  der  Kampag ne
in  bar  regulieren.  Die  Löhne  müssen  ebenfalls  bar  bezahlt  werden.
Die  Folge  hiervon  ist  nun,  daß  der  Konservenfabrikant  mit  Schluß
der  Sommerkampagne  zwar  ein  übervolles  Lager,  aber  eine  leere
Kasse  besitzt.  Aus  diesem  Grunde  würde  wohl  die  größere  Zahl
der  Konservenfabriken  zu  schwach  sein,  um  sofort  nach  beendeter
Sommerkampagne  eine  Herbstkampagne  beginnen  zu  können,  deren
Produktion  nicht  sofort  abgenommen  und  bar  reguliert  würde.
Die  Armeeverwaltung  selbst  muß  die  Opfer  auf  sich  nehmen
und  zwar  dadurch,  daß  sie  entweder  die  für  sie  hergestellten  Speisen
sofort  nach  Fertigstellung  abnimmt,  oder  dem  Konservenfabrikanten
ein  dem  Umfange  des  Abschlusses  entsprechendes  Betriebskapital  zU
mäßigem  Zinsfuß  zur  Verfügung  stellt,  wobei  eine  in  bestimmt 611
Intervallen  ausübende  Kontrolle  über  die  zur  Verfügung  der  Arm 66 '
Verwaltung  hergestellten  Konserven  am  Platze  wäre.  Sicher  werden
sich  mehrere  Konservenfabriken  finden,  die  genügende  Betriebsmitt 6
besitzen,  um  eine  bestimmte  Menge  Konserven  auf  eigene  Rechnung
für  die  Armeeverwaltung  hersteilen  zu  können,  wenn  deren  Abnahm 6
zur  Verflegung  der  Truppen  während  der  Manöver  vielleicht  nach
Jahr  und  Tag  garantiert  würde,  aber  was  wollen  diese  paar  Dos 611
gegen  den  ungeheuren  Bedarf  eines  Feldzuges  bedeuten.
Die  sämtlichen  namhaften  deutschen  Konservenfabriken  müßt 611
für  die  Herstellung  von  Armeekonserven  interessiert  werden,  wenn
die  Armeeverwaltung  einmal  im  Ernstfälle  ein  greifbares  Ergeh 1115
von  ihren  viel  Zeit,  Arbeit  und  Geld  kostenden,  vorbereitenden  M a
nahmen  haben  will.
Die  für  die  Armeeverflegung  nötigen  Speisen  mit  Fleisch,  lVlC
sie  die  beiden  Armeefabriken  speziell  zu  diesem  Zweck  herstell 611 ’
        <pb n="106" />
        95

Werden  von  der  deutschen  Privatindustrie  nur  in  sehr  beschränktem
Umfange  hergestellt;  es  dürften  daher  wohl  vielen  Fabrikanten  zur
schnellen  Herstellung  solcher  Konserven  die  nötigen  Erfahrungen  fehlen.
16  Armeeverwaltung  müßte  ihre  in  den  Armeefabriken  gesammelten
langjährigen  Erfahrungen  betr.  der  Zusammensetzung  aller  für  die
a nnschaftsverpflegung  im  Kriege  in  Frage  kommenden  Speisen
die  Gemüsemengen  der  einzelnen  Bestandteile  nebst  genauesten
u bereitungs-  und  Kochvorschriften  der  Privatindustrie  mitteilen,
damit  diese  in  der  Lage  ist  Versuche  anzustellen  und  sich  überdie  Herste
 llungsk osten  zu_  unterrichten.  Je  bereitwilliger  die  Verwaltungen
er  Armeekonservenfabriken  ihre  Erfahrungen  der  Privatkonserven-’üdustrie
  mitteilen,  desto  eher  werden  greifbare  Resultate  in  dieser
Wichtigen  Angelegenheit,  sowohl  zum  Vorteile  der  Armee  Verpflegung,
VV,e  zu §'unsten  der  deutschen  Privatkonservenindustrie  zu  erreichen  sein.

D.  Der  Fleischextrakt 1 )  und  seine  Herstellung.
Eine  Konserve,  im  weiteren  Sinne,  welche  in  Deutschland  stark
^'braucht,  aber  nicht  auch  in  Deutschland  erzeugt  wird,  bildet  der
p  eisc hextrakt.  ln  ihm  werden  einzelne  wertvolle  Bestandteile  des
Reiches  in  ihrem  ursprünglichen  Zustande  erhalten  und  zur  sofortigen
^ er wendung  zur  Verfügung  gestellt.  Die  Veranlassung  zu  seiner
er stellu n g  in  großen  Mengen  gab  der  große  Fleischreichtum  Südamerikas, ­
  den  man  für  den  Export  nutzbar  zu  machen  bestrebt  war.
Berzelius  hatte  sich  zuerst  mit  der  Herstellung  des  Fleischextrakts
p 6  a  _  u nd  Bronst  sowie  Parmantier  hatten  ihn  in  größerem  Maßstabe
lr  die  Verpflegung  der  französichen  Armee  hergestellt,
p  Aber  erst  seitdem  Justus  von  Liebig  in  seiner  Arbeit  über  „die
es tandteile  des  Muskelfleisches“  die  Zusammensetzung  des  Fleisches
n Aier  erforscht  hatte,  und  unter  Hinweis  auf  die  Bedeutung  eines
J  Eleisch  bereiteten  Extrakts  für  die  menschliche  Ernährung,  den
c  ^meinen  Gebrauch  des  Fleischextrakts  der  europäischen  Beelkerung
  angelegentlich  empfahl,  machte  man  Versuche,  Fleisch-^bakt
  aus  einheimischem  Fleische  rationell  herzustellen.  Naturgemäß
Pj  te  sich  der  Preis  von  Fleischextrakt,  aus  teurem  europäischen
e ‘sche  hergestellt,  sehr  hoch,  so  daß  man  von  dem  Verfahren  wenig
^brauch  machen  konnte.  Nur  in  der  Münchener  Hofapotheke,  deren
0f stand  Dr.  Pettenkofer,  eine  besonders  gute  Methode  für  den
ar mazeutischen  Kleinbetrieb  ausgearbeitet  hatte,  wurden  schließlich,
P  Aus  Privatberichten  der  Kaiser!,  deutschen  Konsultate  in  Montevideo  und  Buenos
sowie  nach  Mitteilungen  der  „Extract  of  Meat  Company“  in  London.

Ay;

res
        <pb n="107" />
        96

nachdem  Liebig  das  Präparat  anerkannt  und  für  dasselbe  die  Bezeichnung ­
  „Liebigs  Fleischextrakt“  gestattet  hatte,  jährlich  einige
Hundert  Pfund  hergestellt.
Im  Jahre  1865  wurde  unter  Mitwirkung  von  Liebig  und
Pettenkofer  in  Südamerika  zu  Fray-Bentos  (Uruguay)  die  erste  größere
Fleischextraktfabrik  durch  den  mit  südamerikanischen  Verhältnissen
vertrauten  Ingenieur  G.  C.  Giebert  erbaut.  Schon  im  Jahre  1865
wurde  die  Societe  des  Fray-Bentos  unter  Hinzuziehung  finanzkräftige!
Großkaufleute  zu  der  Liebigs  Extrakt  of  Meat-Company,  Limited,
erweitert,  welche  nun  mit  großen  Mitteln  die  Anlage  zu  Fray-Bentos
zu  einem  Riesenwerke  ausbaute  und  ihren  Hauptsitz  in  London  nahm,
während  das  Generaldepot  in  Antwerpen  blieb.
Nach  und  nach  entstanden  auch  Fleischextraktfabriken  in  Montevideo, ­
  San  Antonio  (Texas),  in  Australien  usw.  Die  in  Uruguay
und  Argentinien  später  entstandenen  Unternehmungen  sind  in  der
neuesten  Zeit  von  der  Liebig  Company  aufgekauft  worden,  während
die  übrigen  die  Fabrikation  fast  ganz  einstellten,  so  daß  heute  nur
noch  eine  große  Gesellschaft,  die  „Liebig  Company“,  sich  mit  der
Herstellung  befaßt.  *
Als  die  erste  Fleischextraktfabrik  an  dem  nach  einem  mit  Fray-Bentos
  bezeichneten  Orte  im  Jahre  1864  errichtet  wurde,  soll  das
Land  noch  vollkommen  unbebaut  gewesen  sein.  In  der  Nähe  befand
sich  eine  kleine  Kolonie,  die  sich  sodann  zur  Hauptstadt  der  Provinz
(Departement)  entwickelte.  Diese  Stadt  hieß  noch  bis  zum  Jahre  19 00
offiziell  „Independencia“,  im  Volksmunde  jedoch  allgemein  nach  den
Werken  der  Fleischextraktfabrik  „Fray-Bentos“.  Daher  wurde  auch
vor  kurzer  Zeit  seitens  der  Regierung  der  Name  Fray-Bentos  als
amtliche  Bezeichnung  anstatt  Independencia  eingeführt,  so  daß  j etzt
die  Departementshauptstadt  mit  den  10  Minuten  entfernt  liegenden
Fleischextraktwerken  denselben  Namen  trägt.  Der  Uruguay  besitzt
bei  Fray-Bentos  noch  eine  solche  Tiefe,  daß  bei  nicht  gerade  ungünstigem ­
  Wasserstande  neben  großen  Vollseglern  auch  größer®
Überseedampfer  in  den  Hafen  der  Fleischextraktwerke  einlaufen  und
hier  direkt  an  der  Ladebrücke  anlegen  können.  Große  Dampfer  und
Frachtschiffe  für  den  Warentransport  auf  dem  Flusse  und  die  zum
Viehtransport  benutzten  Viehkähne,  zeigen  zurzeit  der  Schlachtsaison
das  Bild  eines  regen  Schiffsverkehrs  im  Llafen  von  Fray-Bentos.
Heutzutage  zählt  Fray-Bentos  als  Stadt,  die  natürlich  im  wesentlichen ­
  von  den  Beamten  und  Arbeitern  mit  ihren  Familien  sowie  von
den,  deren  Bedürfnisse  befriedigenden  Gewerbetreibenden  usw.  S e '
bildet  wird,  etwa  5000  Einwohner.  Die  Anlagen  von  Fray-Bentos
        <pb n="108" />
        97

,^ K:n  a ^so  für  den  genannten  Ort  die  Bedeutung,  welche  die
Ul ppschen  Werke  für  die  Stadt  Essen  haben.  Die  Produktion  der
Extrakt  of  Meat-Company  betrug  bereits  in  den  ersten  Jahren:
1867  i45  74 6  k g  1870  498505  kg
1868  298227  „  1871  420833  „
1869  360190  „  1872  456246  „
Ikdd  stieg  dann  der  Verbrauch  so,  daß  schon  jährlich  über
000  Ochsen  in  Fray-Bentos  geschlachtet  wurden.  In  dem  an
überreichen  Südamerika  konnte  die  Fabrik  nunmehr  Fleischet ­
  viel  billiger  hersteilen  als  früher  aus  teurem  europäischen
Ge  SCh  erst  wur&amp;lt; ^ e  das  Ziel  Liebigs,  dem  Fleischextrakt  als
en ußmittel  allgemeine  Verbreitung  zu  verschaffen,  erreicht.
v .  den  letzten  Jahren  wurden  täglich  400  bis  500  Stück  Horn-Ve
 nvendet,  die  ca.  1500  kg  Fleischextrakt  ergaben.  Zu  einem
jy  °S ratn m  Fleischextrakt  sind  30  bis  32  kg  mageren  Fleisches  nötig.
^  u  sc hlachtenden  Tiere  müssen  ein  Alter  von  vier  Jahren  erreicht
en &amp;gt;  um  zu  Fleischextraktherstellung  brauchbar  zu  sein,  da  der  aus
der  rem  her  gestellte  Extrakt  klebrig  und  fade  schmeckt.  In
Kampagne  1904/05,  die  etwa  5  Monate  dauerte,  wurden
ein  °°°  ^"' nc * er ’  davon  im  Mai  allein  43  000  Stück  geschlachtet;  gewiß
in  res P e ktable  Ziffer.  Die  Liebig  Company  bewirtschaftet  zurzeit
( j,^  en  ka  Plata-Staaten  19  Weideländereien  von  zusammen  283  800  ha,
•  Unter  auch  kleinere  Besitzungen.  An  großen  Weidegütern  befinden
^«Cxl,  Tr
vie  •  Uru 8 ua y  sechs  eigene  und  zwei  gepachtete,  in  Argentinien
eigene  und  ein  gepachtetes  und  in  Paraguay  zwei  eigene  Güter,
auf  aU ^  ^ en  Farmen  gehaltene  Rindvieh  belief  sich  im  Jahre  1904
s  ,  I()0  1 97  Stück.  Die  in  einer  Saison  von  der  Compagnie  geyy
  teten  Ochsen  repräsentieren  je  nach  den  Viehpreisen  einen
6rt  Von  ungefähr  10—15  Millionen  Mark.  Da  während  der
re^Pagne  täglich  bis  zu  2000  Stück  Rinder  geschlachtet  werden,
Yj  11  die  auf  den  eigenen  Weiden  der  Gesellschaft  gezüchteten
er den  bei  weitem  nicht  aus.  Daher  werden  auch  geeignete
fiel-  aC ^dk're  in  ganz  Uruguay  und  in  den  umliegenden  Staaten  aufj
 a  ^  ■  Aus  fernen  Gegenden  treibt  man  die  erstandenen  Herden
V(j ; Sani  Ufi d  unter  Schonung  nach  Fray-Bentos.  Hier  erhalten  sie
\Y  .  ^ c,n  Schlachten  noch  einige  Tage  volle  Ruhe  auf  prächtigen
f asse  en ‘  Fie  „Korrals“,  große  Einzäunungen,  deren  erste  5000  Ochsen
d'e  b  ^ ann ’  ne hmen  sie  dann  auf.  Aus  dem  ersten  Korral  treiben
f 0 j  ^  Hftenen  Gauchos  (Viehtreiber)  die  Tiere  nach  und  nach  in  die
e^n,  immer  kleiner  werdenden,  bis  sich  der  letzte  Weg  so  verdaß
  nur  wenige  Tiere  nebeneinander  gehen  können.  In  dem
.  staatsw.  Seminars  z.  Jena,  Bd.  IV,  Heft  3.  7

Handlungen  d
W»

’ a gner.
        <pb n="109" />
        9 8

letzten  kleinen  Korral  werden  jedesmal  io  bis  20  Rincler  eingetrieben.
Die  Tötung  des  Tieres  geschieht  durch  Trennung  des  Gehirns  vom
Rückenmark.  Die  eigentliche  Schlachthalle  ist  den  Blicken  der  Here
entzogen;  sie  werden  deshalb  auch  im  letzten  Korral  nicht  besonders
geängstigt,  umsoweniger,  als  das  Abfangen  mit  dem  Maschinenlasso
sowohl,  wie  auch  der  Genickfang  sehr  schnell  ausgeführt  wird.  Auf
der  „Playa“,  der  eigentlichen  Schlachtstelle,  erhält  das  Tier  zunächst
den  Bruststich  und  blutet  aus,  dann  wird  es  enthäutet  und  zerlegt,
was  mit  erstaunlicher  Geschwindigkeit  geschieht.  Neben  der  Schlachthalle
  befinden  sich  die  mit  sauberen  Mettlacher  Platten  gepflasterten
Riesenhallen,  in  denen  das  Fleisch  zum  Kühlen  aufgehängt  wird.
Die  Hallen  können  das  Fleisch  von  etwa  2000  Ochsen  aufnehmen.
Neben  dem  Schlachthof  und  der  eigentlichen  gewaltigen  Extraktfabrik,
in  welcher  das  Fleisch  extrahiert  wird,  betreiben  die  Fray-Bentos-Werke
  noch  die  Herstellung  von  Dosenfleisch  (Zungen,  Corned  beef
usw.),  sowie  getrocknetes  Fleisch  (Charque,  Tasajo.)  Eine  groß 6
„Graseria“  (Fettschmelze)  ist  nötig  zur  Gewinnung  und  Reinig un £
des  Talges,  sowie  zur  Gewinnung  von  Speisefett.  Die  Abfälle  werden
in  geeigneter  Weise  zu  Fleischmehl  oder  zu  Düngemitteln  verarbeitet,
während  die  Knochen  sauber  gereinigt  und  zur  Verarbeitung  nach
Europa  gesandt  werden.  Als  nötige  Hilfsbetriebe  besitzen  die  Fray-Bentos-Werke
  Maschinenwerkstatt  mit  Eisengießerei,  Klempner 61 ’
Tischlerei,  Kistenfabrik,  Böttcherei,  Gasanstalt  und  Elektrizitätswelk-Die
  Fläute  gelangen  nach  genügender  Reinigung  von  etwa  noch
anhaftenden  Fleischteilen  in  umfangreiche  Salzlaugereservoirs  und  von
da  in  die  Salzabteilungen  des  Häutehauses.  Sie  werden  in  Schiff 5
ladungen  nach  Europa  versandt.  Zu  dem  Zerlegen  der  Tiere  m
Schlachthalle  brauchen  die  hierauf  eingearbeiteten  Männer  nur  1®
15—20  Minuten  Zeit.  Das  Fleisch  hängt  dann  erst  während  g e
nügender  Frist  in  den  Kühlhallen,  bevor  es  in  die  Fleischextraktfabrik
zur  Verarbeitung  kommt.  Nachdem  das  Fleisch  genügend  abgekühk
ist,  wird  es  durch  eine  Batterie  Grob-  und  Feinschneider  zerkleiu 61  £
und  kommt  sodann  in  die  gi'oßen  Kochpfannen,  die  je  6000  —  7000  kg
Fleischbrei  aufnehmen  können.  Die  erhaltene  Fleischbrühe  wird  s °
dann  in  Batterien  von  Vakuumapparaten  (Vorrichtungen,  in  den 611
das  Eindampfen  unter  Luftverdünnung  vorgenommen  wird)  bei  niedrig 61 "
Temperatur  auf  hohe  Konzentration  gebracht,  bis  der  sogenatm
Extrakt,  nachdem  er  noch  Filterpressen  passiert  hat,  die  Konsist eIlZ
eines  dicken  Honigs  besitzt  und  somit  hergestellt  ist.
Wir  wollen  hier  nicht  unerwähnt  lassen,  daß  augenblicku
in  den  Fray-Bentos-Werken  die  zur  Fleischextraktherstellung  nötig 611
        <pb n="110" />
        99

aschinen  und  Apparate,  wie  Fleischschneider,  Kochpfannen,  Filter-P
 re sseri  usw.  aus  Deutschland  stammen  und  zum  großen  Teil  in  den
z  en  Jahren  von  der  Firma  Karges  &amp;amp;  Hammer,  A.-G.,  in  Braunsc
 h\veig  geliefert  wurden.
Von  dem  in  der  Fabrik  hergestellten  Fleischextrakt  werden
0  e n  entnommen,  die  einer  gewissenhaften  Untersuchung  unterw
 °rfen  werden.  Erst  wenn  diese  vollkommen  zufriedenstellende  Re-Ext
  6  ^ eze ^V t  haben  und  Reinheit,  Aroma,  Konsistenz  usw.  des
ra ktes  nichts  zu  wünschen  übrig  lassen,  erfolgt  die  Verpackung
großen  Blechdosen  zu  50  kg  und  die  Expedition  an  das  Generalfind ­
  ^ 6n  ^ ertr * e h  Europa,  nach  Antwerpen.  In  München
et  s °dann  vor  der  Abfüllung  in  kleine  Gefäße  eine  nochmalige
'  lsse nschaftliche  Untersuchung  statt.  Nach  diesem  Verfahren  werden
2u r  p  .  ö
l-) e  ..  . Wlnnun g  von  1  Pfund  Fleischextrakt  etwa  50  Pfund  Fleisch
°hgt  Beschäftigt  wurden  in  den  letzten  Jahren  in  den  Werken
ährend  der  Schlachtzeit  durchschnittlich  800  Arbeiter,  außerhalb  der
ac htzeit  300  —  400.  Außer  vielen  Ingenieuren  und  Beamten  sind
Uc h  in  letzter  Zeit  ein  deutscher  Chemiker  und  ein  deutscher  Tier-12
 t  angestellt  worden.
Der  letzte  Geschäftsbericht  der  Liebig  Extract  of  Meat  Comp.,
h'tnited  lautet:
E&amp;gt;as  Gewinn-  und  Verlustkonto  beziffert  sich  auf  145  168  £,  von
die  6m  ^ etra S' e  am  r 5-  Februar  eine  Interimsdividende  von  5  °/o  auf
p r  ^ ew ehnlichen  Aktien,  am  1.  April  d.  J.  6  Monate  Zinsen  ä  5  °/o
Jahr  auf  die  privilegierten  Aktien  gezahlt  wurden.  Der  Rest
i-  e  111  folgender  Weise  verteilt:  15%  Dividende  auf  die  gewöhnen ­
  Aktien  —  3  £  pro  Aktie  =  75000  £  (was  mit  der  Interimsj
  en de  eine  Gesamtdividende  von  20  %  ausmacht),  Reservefonds
•j.  °°°  Unterstützungsfonds  für  Beamte  und  Arbeiter  2000  £,
^ a ütietne  an  den  Verwaltungsrat  10270  £,  die  übrig  bleibenden
47  £  wurden  auf  neue  Rechnung  vorgetragen.
Gesellschaft,  die  von  ihrem  autorisierten  Kapital  von  20  Mill.
fo]  v  nur  15  Millionen  emittiert  hat,  erzielte  in  den  letzten  Jahren
gonden  Absatz-  und  Reingewinn:

Absatz

Reingewinn

in  1000  Mark

in  1000  Mark

1897/98

ca.  6000

ca.  2  200

1898/99

„  5600

„  2  200

1899/1900

„  5800

„  24OO

1900/01

„  6600

„  2700

1901/02

„  6300

„  2600

1902/03

„  6700

„  2  800

7*
        <pb n="111" />
        IOO

Sechs  Jahre  hindurch  verzinst  nun  schon  die  Gesellschaft  ihren
Aktionären  das  Stammkapital  mit  nicht  weniger  als  20  °/ 0 .  Nach
Angabe  des  Kaiserl.  Konsulats  in  Montevideo  belief  sich  die  Ausfuhr
von  Fleischextrakt  aus  Uruguay  nach  der  letzten  Statistik  {1901)  aU ^
678326  kg.  Hiervon  wurden  305601  kg  nach  Belgien  versandt,
um  von  dort  aus  nach  dem  übrigen  Europa  zu  gelangen.
Die  gesamte  Einfuhr  von  Fleischextrakt  nach  Deutschland  betrug ­
  in  den  letzten  Jahren  dem  Werte  nach:

in  1000  Mark

in  1000  Mark

1900  11  6g  1  1902  6571
1901  10618  1903  7518

In  großen  Mengen  wurde  Fleischextrakt  im  Kriege  1870/7*
von  der  deutschen  Heeresleitung  verwendet.  Hierdurch  wurde  ermöglicht, ­
  die  Pflanzennährstoffe  und  namentlich  Suppen  schmackhafter ­
  zuzubereiten.  Die  mit  Fleischextrakt  versehenen  Speisen  wurden
auch  bei  ungenügender  Qualität  und  unvollkommener  Herstellung
derselben  Menge  verzehrt  wie  die  sorgfältig  gekochten  im  Frieden.
Nach  Inkrafttreten  des  Fleischbeschaugesetzes  wurde  die  Frag 6
aufgeworfen,  ob  nicht  auch  Fleischextrakt  als  Fleisch  im  Sinne  dieses
Gesetzes  anzusehen  ist  So  lange  aber  der  Bundesrat  nicht  durch
eine  ausdrückliche  Verordnung  den  Fleischextrakt  für  Fleisch  erklärt»
unterliegt  solcher  nicht  der  durch  das  Fleischbeschaugesetz  vorg 6 '
schriebenen  Untersuchung,  beziehungsweise  Einfuhrbeschränkung.  1”
deutschen  Fleischerkreisen  wurde  behauptet,  daß  diese  Ausnahm 6 '
Stellung  des  Fleischextrakts  sich  in  keiner  Weise  rechtfertigen  ließ 6 -
Man  behauptet,  daß  der  in  großen  Mengen  verwendete  Fleischextrakt
den  Fleischstücken,  die  sich  besonders  gut  für  Bouillon  eignen,  ein 6
für  die  deutschen  Fleischer  sehr  fühlbare  Konkurrenz  bereitet  und
dieses  Suppenfleisch  entwertet.  In  Wirklichkeit  dürfte  aber  wob’
durch  die  Verwendung  von  Fleischextrakt  der  Bedarf  an  Fleisch  &amp;gt; n
keiner  Weise  verändert  worden  sein,  denn  man  verwendet  Fleischextrakt
  meist  nur,  um  das  bereits  ausgekochte  Suppenfleisch  für  den
Genuß  schmackhafter  zu  machen,  aber  nicht  um  Fleisch  zu  ersetzen-Außer

  dem  reinen  Fleischextrakt  gibt  es  neuerdings  im  deutsch 611
Handel  Präparate,  die  nur  teilweise  aus  Fleischextrakt  bestehen  u°

als

neben  Kochsalz  noch  andere  Zusätze  meist  vegetabilischer  Natur
Würze  enthalten.  Auch  sie  dienen  zur  Verbesserung  und  zum  Würz en
der  Speisen,  zur  raschen  Herstellung  von  Bouillon  usw.  So  Z-Maggis
  Suppenwürze.  Die  schnelle  Aufnahme,  die  diese  Artikel  a
dem  Markte  gefunden  haben,  dürfte  den  Rückgang  der  Fleischextrakt
        <pb n="112" />
        IOI

umfuhr  in  den  letzten  Jahren  um  ca.  4  Millionen  Mark  mit  verursacht
en -  Andere  ähnliche  Präparate  enthalten  überhaupt  keinen  Fleischex
 hakt,  sondern  werden  aus  Hefe  oder  anderem  Pflanzeneiweiß  hersestellt.
  Diese  Präparate,  die  unter  dem  Namen  Siris,  Ovos,  Sitogen,
10s &amp;gt;  Wuk,  Obron  im  Handel  Vorkommen,  haben  einen  dem  Fleisch-Extrakt
  mehr  oder  weniger  ähnlichen  Geschmack,  enthalten  aber
1116  Fleischbestandteile.  Daß  diese  neuerdings  hergestellten  Extrakte,
urn  1-  eil  eine  recht  gute  und  dabei  verhältnismäßig  billige  Suppen-'ürze
  darstellen,  in  physiologischer  Hinsicht  den  F'leischextrakt  eretzen
  können,  ist  bisher  noch  nicht  einwandfrei  erwiesen  worden.

E.  Die  kondensierte  Milch 1 ).
Zu  den  am  allerschnellsten  dem  Verderben  unterworfenen  Nah--jHgsmitteln
  gehört  die  Milch,  und  es  genügen  oft  die  geringsten
^Sachen,  um  dieselbe  in  jenen  Zustand  überzuführen,  den  wir  als
as  Sauerwerden,  „Gerinnen“  bezeichnen.  Das  Sauerwerden  der  Milch
in^A/T^  ^ a&amp;lt; ^ urc k&amp;gt;  daß  der  in  der  Milch  enthaltene  Milchzucker  sich
1  chsäure  umsetzt  und  den  Käsestoff,  der  nur  in  neutral  reagieuder
  Flüssigkeit  löslich  ist,  ausscheidet.
Fm  dieses  schnelle  Gerinnen  zu  verhindern,  sind  verschiedene
unser  vierungsmittel  vorgeschlagen  worden,  doch  haben  sie  sich  entgeht ­
  bewährt,  oder  sie  sind,  weil  von  ungünstigem  Einfluß
menschlichen  Organismus,  nicht  anwendbar.  Alle  diese  Kon-IC



Weder
auf  den
^srvierungsmittel,  wie  Borsäure,  Salicylsäure,  Benzoesäure  usw.,  sind
6  _  es  nunmehr  verboten.  Die  wichtigsten  jetzt  angewendeten  KonerV
 i erun gsverfahren  sind  folgende:
!•  Aufbewahren  frischer  Milch  in  entsprechend  gekühlten  Räumen
Ur  kurze  Zeit;
2 -  das  Pasteurisieren;
Vermischen  der  Milch  mit  Zucker  und  Abdampfen  bis  zur

T:

^uckenheit.  Dieses  Verfahren  hat  indessen  in  der  Praxis  wenig  Ein-&amp;amp;
  gefunden,  weil  es  ein  außerordentlich  subtiles  ist  und  das  ergan


zielte

Produkt  einen  talgigen  Geschmack  haben  soll;

E'  l-  ^  ^ aS  F ntz ’ehen  d es  größten  Teiles  des  Wassergehaltes  durch
■  ° c hen  im  Vakuum.  Letzteres  ist  das  volkswirtschaftlich  und
Ustriell  wichtigste  Verfahren.
^  Fie  durch  Eindampfen  konservierte  Milch  (kondensierte  Milch)
jj  .  Vor  der  Verarbeitung  sehr  kühl  auf  bewahrt  werden,  damit  sie
ne  Spur  Milchsäure  bilden  kann.  Die  Milch  wird  sodann  zum
*)  ■^■ us  Privatnachrichten  der  Fabriken  für  kondensierte  Milch.
        <pb n="113" />
        102

Sieden  erhitzt,  um  hierdurch  alle  Fermente  zu  töten,  und  kommt
dann  in  den  Vakuumapparat,  wo  sie  durch  die  denselben  durchziehenden ­
  Schlangenrohre  erwärmt  wird.  Mit  Hilfe  des  Vakuumapparates
ist  man  imstande,  die  Milch  schon  bei  einer  Temperatur  von  5°
zum  Kochen  zu  bringen.  Ist  die  Milch  sodann  nach  Verlauf  kurzer
Zeit  bis  auf  1 / i  des  ursprünglichen  Volumens  eingedampft,  so  bildet
sie  nach  dem  Erkalten  eine  sehr  dickflüssige  rahmähnliche  Flüssigkeit. ­
  Noch  in  heißem  Zustande  füllt  man  sie  in  Blechdosen,  die  sofort ­
  verlötet  und  sterilisiert  werden.
Auf  Grund  dieses  Verfahrens,  eines  amerikanischen  Patents  von
Gail  Borden,  entstanden  in  den  fünfziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  im  Staate  New  York  die  ersten  Fabriken  dieser  Art.  Das
größte  Unternehmen  für  Herstellung  der  kondensierten  Milch  i st
augenblicklich  die  Anglo-Swiss  Condensed  Milk  Company.  Diese
Firma,  die  ihre  erste  Fabrik  in  Cham  in  der  Schweiz  im  Jahre  1866
gründete,  besitzt  jetzt  in  der  alten  und  neuen  Welt  zusammen  13  ^ e "
deutende  Fabrikanlagen.  Überall  kann  man  ihre  Produkte  finden-Fabriken
  der  Anglo-Swiss  Condensed  Milk  Company  befinden  sich
in  Cham  und  Guin  (Schweiz),  Lindau  (Bayern),  Chippenham,  Staverdon,
Aylesburg,  Middelwich  (England),  Hamar  und  Sandesund  (Norwegen!
Middledown  und  Walton  (New  York),  Dixon  (Illinois)  und  Monroe
(Wisconsin)  in  Nordamerika.
In  Deutschland  besteht  außerdem  die  sehr  leistungsfähige  Fabrik
für  kondensierte  Milch  von  Gebr.  Pfund  in  Dresden.  Diese  Fabrik
ist  im  Jahre  1891  aus  einer  größeren  Dresdener  Molkerei  hervorgegangen; ­
  ihre  Produkte  sind  denen  der  Anglo-Swiss  Condensed
Milk  Comp,  ebenbürtig.  In  den  Fabriken  der  Anglo-Swiss  Condensed ­
  Milk  Company  wird  der  Milch  vor  dem  Eindampfen  ein  Zusatz
von  Rohrzucker  gegeben,  welcher  bewirkt,  daß  die  kondensierte  MH® 11
neben  dem  reinen  Milchgeschmack  auch  nach  dem  Verdünnen  auf
die  ursprüngliche  Milchkonsistenz  einen  sehr  stark  hervortreteuden
süßen  Geschmack  besitzt.  Solange  ein  Gefäß  mit  kondensierter  MilD 1
geschlossen  ist,  erhält  sich  letztere  unverändert.  Meist  haben  di c
Büchsen  der  kondensierten  Milch  ein  Bruttogewicht  von  ca.  1 j t  kg’
enthalten  350  ebem  und  entsprechen  etwa  i x / 2  kg  frischer  Milch.
Wird  das  Produkt  mit  der  ca.  dreifachen  Menge  reinen  l aU '
warmen  Wassers  vermischt,  so  löst  es  sich  vollständig  auf  zu  ciu e1 '
milchartig,  süß  und  ganz  rein  schmeckenden  Flüssigkeit,  welche  fr® 1
von  jedem  Gerinnsel  ist.  Stellt  man  die  Mischung  zum  Aufrahm® 11
auf,  so  setzt  sie  mit  der  Zeit  eine  Rahmschicht  ab,  aus  der  sich  oho®
Schwierigkeit  Butter  gewinnen  läßt.  Bei  längerem  Stehen  an  de f
-I
        <pb n="114" />
        &amp;gt;03

Luft  überzieht  sich  die  Oberfläche  der  kondensierten  Milch  mit  einer
harten,  besonders  aus  kristallisiertem  Zucker  bestehenden  Kruste-^ird
  diese  entfernt,  so  findet  inan  unter  ihr  die  kondensierte  Milch
n °ch  4  bis  6  Wochen  nach  dem  Öffnen  der  Büchse  fast  unverändert.
Die  kondensierte  Milch  hat  sich  in  den  letzten  Jahren  immer
größeren  Zuspruchs  zu  erfreuen  gehabt  und  wird  namentlich  viel  als
Kindermilch  verwendet.  Sie  besitzt  den  besonderen  Vorzug,  mit  2—3
Teilen  Wasser  versetzt,  stets  von  gleicher  Qualität  zu  bleiben,  was
hei  unkondensierter  Milch  nicht  der  Fall  ist.
Trotz  des  hohen  Preises  (50—55  Pf.  pro  Büchse  im  Kleinhandel), ­
  ist  der  Konsum  bedeutend  gestiegen.  Meistens  sind  die
abriken  für  kondensierte  Milch  mit  Molkereien  verbunden,  doch
hietet  vielleicht  die  Milchkonservenindustrie  ein  dankbares  Gebiet,  um
auc h  andere  Konservenfabriken  in  der  langen  Zeit  des  Jahres,  wo  diese
Letzteren  meist  still  stehen,  auf  zweckmäßige  Weise  zu  beschäftigen.
111  allgemeinen  paßt  die  Milchkonservenindustrie  viel  besser  in  den
Lutrieb  der  Konservenfabriken  als  in  den  der  Molkereien.  Das  Rohprodukt, ­
  die  Milch,  können  die  Konservenfabriken  ebenso  gut  wie
h'e  Molkereien  bekommen,  während  die  ganze  maschinelle  Einrichtu
 »g  in  den  ersteren  viel  besser  ausgenutzt  werden  kann.  Außerdem
Paßt  sich  der  kaufmännisch  viel  mehr  ausgebildete  Handel  in  der
onservenindustrie,  speziell  der  hier  schon  in  vielen  Fällen  im  Gange
ehndliche  Export,  dem  Handel  mit  Milchkonserven  besser  an,  als
derjenige  mit  Butter  und  Käse,  der  in  den  meisten  Molkereien  in
Se hr  einfacher  und  primitiver  Weise  betrieben  wird.
Die  Molkereien  sind  fast  sämtlich  genossenschaftliche  Betriebe,
0  'Ueist  ein  Landwirt  den  Vorsitz  und  sehr  oft  auch  die  oberste
eschäftsleitung  hat.  Daher  ist  es  begreiflich,  wenn  sich  diese  Betr
 iebe  gegenüber  der  Aufnahme  eines  neuen  Zweiges,  der  rein  kaufmännisches ­
  Disponieren  verlangt,  ziemlich  ablehnend  verhalten.
Der  Export  von  kondensierter  Milch  ist  bereits  jetzt  bedeutend.
Einen  bedeutenden  Bedarf  an  kondensierter  Milch  hat  Japan
ai, fzuweisen.  Die  Einfuhr 1 )  an  kondensierter  Milch,  die  einzige  Konserve,
  die  in  der  japanischen  Einfuhrstatistik  einzeln  angeführt  wird,
etrug  nach  Japan:

im  Jahre

Dtzd.  Dosen

Yen 5 )

1903

426  794

979990

1902

377098

863945

igoi

277103

641526

&amp;gt;)  Aus  einem  Privatberichte  d.  Kaiserl.  Generalkonsulats  in  Jokohama  v.  15.  Juni  1904
2 )  1  Yen  =  4.41  M,
        <pb n="115" />
        04

Hiervon  wurden  ausgeführt  aus:

1903

1902

1901

Quantum

Wert

Quantum

Wert

Quantum

Wert

in  Dtzd.
Dosen

Yen

in  Dtzd.
Dosen

Yen

in  Dtzd.
Dosen

Yen

Belgien

2  448

5  207

20

3 6

Frankreich  ....

2  758

6  349

423

846

404

891

Deutschland  ....

6  462

12  463

2  423

4  888

255

47i

Großbritannien

185  873

368452

162  246

324  638

129  295

267  795

Holland

6  821

12  221

7  764

iS  360

5  261

9  6i3

Schweden  u.  Norwegen

848

1542

16  704

3i  734

11612

21  952

Schweiz

71  258

157  316

59

127  605

44  211

94  S 88

Verein.  Staaten  Amerika

150  217

416  232

128  294

358  588

86  036

246  359

Andere  Länder  .

109

20  7

128

282

9

20

Daß  rationell  betriebene  Fabriken  für  kondensierte  Milch  gut
lukrieren,  zeigt  der  Geschäftsbericht  der  größten  dieser  Fabriken,  der
Chamer  Milchgesellschaft  für  1900.  Dieselbe  erzielte  im  Jahre  190°
einen  Reingewinn  von  3  107  787  Frcs.  und  1899  einen  solchen  von
3340028  Frcs.  Im  Jahre  1900  beschloß  der  Verwaltungsrat,  auf
Grundstücke  und  Fahrnisse  500  000  Frcs.  abzuschreiben  und  der  Mitgliederversammlung ­
  eine  Gutschreibung  von  20  000  Frcs.  auf  Krankenund
  Unfallrücklage,  eine  Verteilung  von  2400000  Frcs.  oder  12%
als  Gewinnanteil  und  eine  Vortragung  von  187  787  Frcs.  auf  neue
Rechnung  vorzuschlagen.
In  den  Vereinigten  Staaten  existieren  ca.  50  Fabriken,  die  sich
mit  der  Fabrikation  kondensierter  Milch  befassen.  Auf  die  Staaten
New  York  und  Illinois  entfallen  mehr  als  die  Hälfte  aller  Anlagen-Trotz
  der  amerikanischen  Produktion  führte  die  Schweiz 1 )  noch
folgende  Werte  von  kondensierter  Milch  nach  den  Vereinigten
Staaten  aus:
im  Jahre  1902  112169  Frcs.
..  »  1903  46  353  ..
In  Amerika  hat  man  schon  seit  langer  Zeit  neben  der  für  längere
Aufbewahrung  und  zum  Export  nach  den  tropischen  und  subtropischen
Gegenden  bestimmten,  mit  Rohrzucker  versetzten  Büchsenmilch,  eine
zweite  Sorte  kondensierte  Milch  ohne  Zuckerzusatz  für  den  raschen
Verbrauch  in  den  großen  Städten  hergestellt;  derartig  kondensierte
Milch  kennt  man  auf  dem  europäischen  Kontinente  als  Handelsartikel
nicht.  Die  amerikanische  kondensierte  zuckerfreie  Milch  wird  aus
frischer  Milch,  auch  aus  Magermilch  bereitet  und  ebenfalls  im  Vakuum

1)  Konservenzeitung,  Braunschweig,  Nr.  36,  1903.
        <pb n="116" />
        io 5

ein gedickt.  Man  bringt  sie  in  großen  Steinguttöpfen  oder  in  Flaschen,
deren  Verschluß  ohne  besondere  Vorsichtsmaßregeln  erfolgt,  in  den
a ndel,  und  dieselbe  soll  sich  8—14  Tage  vollkommen  frisch  ersten. ­
  Man  hat  zur  Erhöhung  der  Haltbarkeit  dieses  Produktes
stat; t  des  Zuckers  Zusätze  von  Boroglyzerin,  benzoesauren  Salzen  und
anderen  stark  wirkenden  Konservierungsmitteln,  sogar  von  Thymol
ni  Vorschlag  gebracht,  doch  kam  keiner  dieser  Vorschläge  zur  Aus-Uun
 g,  was  sicherlich  nicht  zu  bedauern  ist.
p  Eine  neue  Form  für  kondensierte  Milch 1 )  hat  sich  die  chemische
a brik  „Rhenania“  in  Aachen  patentamtlich  schützen  lassen.  Es  ist
^  s  em  wasserlösliches  Milchpulver,  das  hergestellt  wird,  indem  100  kg
n sche  Magermilch  mit  100  g  Natriumzitrat,  eventuell  unter  Beigabe
v ° n  5  g  Natriumkarbonat  versetzt  werden,  sodann  diese  Flüssigkeit
Pasteurisiert  und  im  Vakuum  bis  zur  Trockenheit  eingedampft  wird.

x )  Konservenzeitung,  Brauiischweig,  Nr.  51,  1901.
        <pb n="117" />
        IV.  Schluß.

Wir  haben  im  vorstehenden  einen  Überblick  darüber  zu  geben
versucht,  wie  sich  innerhalb  eines  Menschenalters,  von  kleinsten  Anfängen ­
  aus,  veranlaßt  und  begünstigt  durch  die  besonderen  Bodenverhältnisse ­
  Deutschlands,  eine  neue  deutsche  Industrie,  die  Herstellung
der  Gemüsekonserven,  entwickelt  hat.  Werte  von  über  8  Milli 011611
Mark  werden  jährlich  der  deutschen  Landwirtschaft  durch  die  Gemüsekonservenindustrie ­
  zugeführt  und  sie  ermöglicht  es  den  Landwirten
aus  ihrem  Grund  und  Boden  Erträge  zu  erzielen,  die  die  Ergebnisse
des  Weizen-  und  Zuckerrübenbaues  bei  weitem  übertreffen.
Wenn  auch  die  deutsche  Gemüsekonservenindustrie  sich  aug 611 '
blicklich  in  einer  schwierigen  Lage  befindet,  so  ist  doch  wohl  anzunehmen, ­
  daß  sie  sich  durch  die  angestellten  Reformen  und  Verbesserungen ­
  bald  erholen  wird.  Voraussetzung'  ist  allerdings  hierbet
daß  sie  durch  keine  weiteren  gesetzlichen  Beschränkungen  eingeengt
wird.  Der  Gemüsekonservenindustrie  haftet  noch  viel  von  den  Unzulänglichkeiten ­
  rasch  entwickelter  neuer  Industrien  an.  Die  Iräg 61
der  Industrie,  die  zum  Teil  aus  anderen  Erwerbszweigen  herübergekommen
  sind,  ermangeln  teilweise  noch  des  Selbstvertrauens  und
der  Sicherheit,  welche  ein  gefestigter  Besitz  und  größere  Kapital'
reserven  geben.  Die  Industrie  selbst  aber  hat  noch  nicht  dasjemg 6
feste  Verhältnis  zu  ihren  Lieferanten  und  Abnehmern  gefunden,  das
nun  einmal  für  eine  ruhige  Fortentwicklung  unerläßlich  ist.  Es  sind
aber  bereits  genügende  Anzeichen  dafür  vorhanden,  daß  vieles  111
dieser  Beziehung  sich  bessert,  und  diese  günstige  Entwicklung  wir
durch  nichts  mehr  gefördert  werden  als  durch  das  in  der  jüngst 611
Zeit  zu  erfreulichem  Durchbruch  gelangte  Gefühl  der  Interessen
gemeinschaft,  das  die  besten  Kräfte  der  Industrie  zu  leistungsfähig 611
Vereinigungen  zusammengeführt  hat,  die  Konservenfabrikanten  durch
den  „Verein  deutscher  Konservenfabrikanten“  und  die  Präserv' 611
fabrikanten  durch  den  „Verband  deutscher  Dörrgemüsefabriken“.
        <pb n="118" />
        07

Die  jüngste  deutsche  Industrie,  die  Dosenfleischherstellung,  hat
Sl ch  in  den  wenigen  Jahren  ihrer  Existenz  bereits  derartig  entwickelt,
c Dß  es  ihr  möglich  ist,  die  früher  vom  Auslande  bezogenen  Fleischkonserven ­
  zu  einem  verhältnismäßig  niedrigen  Preise  und  zugleich
*  °' lne  Verwendung  von  Konservierungssalzen  herzustellen.  Ihre  Produkte ­
  ersetzen  nicht  nur  die  ausländischen  Fabrikate,  sie  übertreffen
diese  auch  in  bezug  auf  den  Geschmack.
Die  Produkte  der  Gemüse-  und  der  Fleischkonservenindustrie
s, ud  für  die  Versorgung  des  einheimischen  Lebensmittelmarktes  geradezu
  unentbehrlich  und  wichtige  Handelsartikel  geworden.  —  Der  Fleischuxtrakt
  ist  eine  ausländische  Konserve,  die  sich  seit  30  Jahren  in
eutschland  beliebt  gemacht  hat.  Es  liegt  kein  Grund  dazu  vor,
die  Einfuhr  des  Fleischextrakts  zu  verbieten,  für  den  ein  nachweisdaies
  Bedürfnis  entstanden  ist  und  dessen  Herstellung  aus  deutschem
e &amp;gt;sch  wohl  dauernd  ausgeschlossen  ist.
Die  Herstellung  und  Verbreitung  der  kondensierten  Milch  haben
m  Deutschland  eine  bedeutende  Zunahme  erfahren.  Ob  es  möglich
ls t’  die  Fabrikation  von  kondensierter  Milch  mit  der  Herstellung  von
v  Gemüsekonserven  zu  verbinden,  ist  bisher  noch  nicht  erprobt,  aber
des  öfteren  von  verschiedenen  Fachleuten  angeregt  worden.  Ent-Sc
 hieden  würde  die  Herstellung  von  kondensierter  Milch  sehr  gut  in
den  Rahmen  der  deutschen  Konservenfabrikation  passen  und  ein  geöffneter ­
  Absatz  ist  sowohl  im  Inlande  wie  namentlich  im  Auslande
genügend  vorhanden.
j  Es  unterliegt  wohl  keinem  Zweifel,  daß  die  bisherige  Entwick-11
  g  dieser  neuen  Industrie  eine  höchst  erfreuliche  ist  und  man  darf
^°hl  auf  wachsende  Erfolge  auf  diesem  nicht  unwichtigen  Produktionsgebiet
  für  die  Zukunft  hoffen.
        <pb n="119" />
        Anhang.

Upton  Sinclairs  „The  Jungle“.
Im  Frühjahr  1906  veröffentlichte  ein  bisher  unbekannter  amerikanischer ­
  Schriftsteller  namens  Upton  Sinclair  in  Chicago  unter  dem
litel;  „Ihe  Jungle“  einen  Roman  über  die  Zustände  in  amerikanischen
Großschlächtereien,  der  weit  über  die  Grenzen  der  Vereinigten  Staaten
hinaus  Aufsehen  erregte,  da  er  schwere  Anklagen  gegen  die  Regierung
erhob.  Da  die  Angelegenheit  auch  in  Deutschland  Entrüstung  erregte,
  ist  es  nötig,  ausführlich  darauf  einzugehen.  Den  Kernpunkt
der  Enthüllungen  bildete  der  Vorwurf,  daß  die  von  Bundes  wegen
in  den  Schlachthäusern  ausgeübte  Fleischbeschau  außerordentlich
nachlässig  gehandhabt  würde  und  so  zu  den  größten  Bedenken  in
gesundheitlicher  Hinsicht  Anlaß  geben  müsse.  Der  Verfasser  schilderte ­
  in  seinem  Buche  ekelerregende  Zustände  und  Verhältnisse  in
einzelnen  Schlachthäusern  der  Stadt  Packingtown,  d.  h.  Chicago.  1°
Zolascher  Weise  kritisiert  Sinclair  die  unersättliche  Gewinnsucht  des
Fleischtrusts  und  zeigt  die  großen  Gefahren,  die  in  der  Ansammlung
des  Kapitals  in  den  Händen  einiger  wenigen  und  in  dem  Mißbrauch
liegen,  den  diese  Großkapitalisten  mit  der  ihnen  durch  das  Geld  verliehenen ­
  Macht  ausüben.
Wenn  auch  der  Sinclairsche  Roman  als  solcher  wenig  Bedeutung
  verdient,  so  gab  er  doch  die  Veranlassung,  daß  man  den
Chicagoer  Packhäusern  eine  größere  Aufmerksamkeit  zuwendete.
Man  hielt  anfangs  die  Schilderungen  für  übertrieben;  auch  der  Präsident ­
  Roosevelt  befand  sich  unter  denjenigen,  die  ihre  Mißbillig 1 ’ 11 #
aussprachen.  Aber  Sinclair  unterbreitete  dem  Präsidenten  so  schlagende
Beweise  für  die  Richtigkeit  seiner  Darlegungen,  daß  dieser  sofort
zwei  Vertraute  nach  Chicago  abordnete,  um  die  Zustände  der  dortige”
Schlachthäuser  genau  zu  untersuchen.  Deren  Berichte,  sowie  diejenigen ­
  Abgesandter  des  englischen  Kriegsministeriums  ließen  erkennen, ­
  daß  die  abstoßenden  Schilderungen  Sinclairs  zum  Teil  auf
Tatsachen  beruhten.  Es  wurden  in  einzelnen  Betrieben  geradezu
        <pb n="120" />
        —  iog  —
rasse  Fälle  von  Unreinlichkeit  in  den  Arbeitssälen  festgestellt.  Roose-Velt
  hat  den  von  der  Untersuchungskommission  eingereichten  Bericht
ohne  jede  Änderung  dem  Kongreß  zugehen  lassen  und  eine  energische
Reform  unter  gesetzlicher  Überwachung  verlangt.  Der  Inhalt  des
enchts  ist  nach  des  Präsidenten  eigenen  Worten  bis  zum  Äußersten
abstoßend,
Roosevelt  betont  vor  allen  Dingen  die  Tatsache,  daß  die  Bewohner ­
  der  Vereinigten  Staaten  weniger  vor  schlechtem  Fleisch  sicher
® ln d  als  die  Ausländer.  Das  erklärt  sich  aus  den  schärferen  Gesetzesstinimungen
  für  die  nach  dem  Auslande  zur  Verschiffung  gelungenen ­
  Lebensmittel.  Es  wird  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  beispielsweise ­
  die  für  Deutschland  bestimmten  Schweine  sorgfältig  mikro-®
  opisch  untersucht  würden,  während  dies  mit  dem  Schweinefleisch
lr  den  Inlandbedarf  keineswegs'  der  Fall  sei.  Die  Kosten  einer
s 1  Endlichen  Überwachung  der  Packhäuser  will  Präsident  Roosevelt
’ürch  die  Besteuerung  der  Schlachthäuser  erhalten.  Der  erwähnte
eric ht  hebt  namentlich  hervor,  daß  einzelne  Schlachthäuser  an  Reinheit ­
  sehr  zu  wünschen  übrig  lassen.  Auf  Ansuchen  des  Präsidenten ­
  Roosevelt  hat  nun  der  Kongreß  im  Juni  1906  ein  Gesetz  geschaffen ­
  ,  durch  das  die  Inspektoren  der  Bundesregierung  ermächtigt
Werden,  die  Zubereitung  aller  Fleischprodukte  vom  lebenden  Tier  bis
f Un1  Versand  scharf  zu  überwachen.  Zwei  Millionen  Dollar  wurden
Jährlich  für  die  Inspektion  der  Schlacht-  und  Präservierungshäuser
^  wflligt.  Das  Gesetz  enthält  strenge  Strafbestimmungen  für  die
crletzung  aller  sanitären  und  die  Inspektion  betreffenden  Vorschriften.
Wachthausbesitzer,  welche  eine  Etikette  benutzen,  auf  welcher  der
n  alt  eines  Paketes  oder  einer  Büchse  falsch  angegeben  ist,  setzen
Slc h  Geldbußen  bis  zu  10000  Dollar  und  Gefängnisstrafen  bis  zu
z Wei  Jahren  aus.  Eisenbahnen  und  andere  Beförderungsanstalten  sind
lc bfalls  mit  schweren  Strafen  bedroht,  wenn  sie  irgendwelche
^ a &amp;gt;en  zur  Beförderung  annehmen,  die  nicht  mit  der  vorgeschriebenen
cgierungsetikette,  und  im  Fülle  es  sich  um  Ausfuhrgüter  handelt,
111  it  der  vorschriftsmäßigen  Bescheinigung  versehen  sind.  Besuch ­


sonder

für

re  Strafen  sind  auch  für  die  Bestechung  der  Inspektoren,  sowie
^  ^' e  Annahme  der  Bestechung  seitens  der  Inspektoren  bestimmt.
gestanden  ermaßen  gebt  diese  gesetzliche  Vorsorge  in  bezug  auf  die
^•atliche  Überwachung  der  amerikanischen  Schlächtereibetriebe  weiter,
s  dies  jemals  im  Wege  der  Gesetzgebung  geschehen  ist.
Es  mutet  aber  eigentümlich  an,  wenn  man  erfährt,  daß  am  5.  März
&amp;lt;i0 5’  genau  ein  Jahr  vor  dem  Erscheinen  des  Sinclairschen  Buches,  resp.
V ° r  der  Verbreitung  der  Enthüllungen  über  die  Zustände  in  den
        <pb n="121" />
        I  IO

amerikanischen  Schlächtereien,  auf  Veranlassung  der  Regierung  ebenfalls ­
  Untersuchungen  über  die  amerikanischen  Schlächtereibetriebe
an  gestellt  wurden.  Diese  Ermittelungen  wurden  in  sehr  ausführlicher
Weise  vom  Departement  of  Commerce  and  Labor  in  Washington  veröffentlicht ­
  und  geben  genaue  Aufschlüsse  über  Vieh,  Fleisch  und
Schlächtereiverhältnisse  der  Vereinigten  Staaten.  Nach  der  Genauigkeit ­
  der  Aufzeichnungen  und  Beschreibungen  in  diesem  Werke  muß
man  annehmen,  daß  die  betr.  Regierungsbeauftragten,  die  die  Berichte ­
  erstatteten  und  bearbeiteten,  sich  monatelang  in  den  Schlächtereibetrieben ­
  zu  ihrer  Orientierung  aufhalten  mußten  und  man  fragt  sich
vergeblich,  wie  es  möglich  war,  daß  ein  Jahr  vorher  diese  Regierungsbeauftragten ­
  von  den  Mißständen,  die  in  den  amerikanischen  Schlächtereibetrieben ­
  bestehen  sollten,  in  einem  ausführlichen  Regierungswerke
auch  nicht  das  Geringste  erwähnen.  Daß  die  sanitäre  Kontrolle,  d.  h.
die  tierärztliche  Untersuchung  der  Tiere  und  des  Fleisches  in  den
amerikanischen  Schlächtereien  unseren  deutschen  Anforderungen  nicht
entsprach,  wissen  wir  ja  längst;  dies  erhellt  ja  aus  der  Tatsache,  daß
in  Chicago  täglich  für  die  Prüfung  von  zehntausend  Schweinen  nur
drei  Tierärzte  vorhanden  sind,  während  bei  uns  in  Deutschland  ein
Tierarzt  oder  Fleischbeschauer  täglich  nie  mehr  als  zwanzig  Stück
untersuchen  darf.  Diese  Tatsache  ist  auch  der  amerikanischen  Negierung ­
  bekannt  gewesen.
Es  würde  der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  ganz  unmöglich ­
  gewesen  sein,  dem  allmächtigen  und  verhaßten  Fleischtrust  olm e
weiteres  strengere  Vorschriften  zu  geben,  obgleich  schon  seit  Jahren
ein  großes  Bedürfnis  dafür  vorlag.  Sollten  da  nicht  vielleicht  auch
die  Regierungsbeamten  bei  ihrer  jetzigen  Revision  der  Betriebe  die
Mißstände  durch  ein  Vergrößerungsglas  angesehen  und  die  durch
Sinclair  entstandene  Stimmung  benutzend,  etwas  grauer  gemalt  haben,
um  mit  Hilfe  der  öffentlichen  Meinung  das  Fleischbeschaugesetz  dem
Fleischtrust  auferlegen  zu  können?
Man  kann  das  wohl  mit  ziemlicher  Bestimmtheit  annehmen,
denn  die  Berichte  der  Regierungsbeauftragten  bringen  nur  allgemeine
Schilderungen,  nie  etwas  Positives.  Die  Darstellungen  in  dem
Sinclairschen  Roman  sind  teilweise  kindlich  naiv.  Nach  Sinclair
wird  in  den  Vereinigten  Staaten  nur  krankes  Vieh  geschlachtet;  rvas
man  mit  dem  gesunden  macht,  darüber  gibt  er  keine  Auskunft-Auch
  in  Deutschland  hat  man  von  Zeit  zu  Zeit  von  nicht  ganz  einwandfreien ­
  Zuständen  in  Schlächtereien  und  anderen  Nahrungsmittel-Unternehmungen
  gehört.  Aber  solche  Ereignisse  gehören  doch  ZLl
den  Seltenheiten  und  man  kann  aus  einem  einzelnen  Falle  nun  nicht
        <pb n="122" />
        111

Ähnlich  dürften  auch  die

her-SÄich

  auf  die  ganze  Industrie  schließen,
erhältnisse  in  Amerika  liegen.
Glaubt  man  denn  aber  wirklich,  daß  sich  Arbeiter  dazu
k'-ben,  verendetes  Vieh  und  angegangenes  Fleisch  zu  Wurst  usw.
Ver arbeiten  ?  Es  ist  wohl  nicht  anzunehmen,  daß  so  etwas  eine
°Qhe  lang  geschieht,  ohne  daß  Denunziationen  stattfinden  würden.
Danntlich  sind  gerade  die  Arbeiter  die  besten  Beaufsichtigen  der
b'S len e  in  Nahrungsmittelfabriken,  denn  bei  irgendwelchen  Zwistigei
 ten  mit  ihren  Arbeitgebern  werden  sie  sich  durch  Denunziationen
nugtuung  zu  verschaffen  suchen.  Gerade  der  Fleischtrust  ist  in
.  orc Hmerika  verhaßt  wie  kein  anderer  und  so  hätten  sich  bald  auch
Amerika  Zeitungen  gefunden,  die  derartiges  ans  Licht  zogen.  Es
,s t  nicht  ausgeschlossen,  daß  die  ganze  Affaire  auf  diese  Weise  entstanden ­
  ist  und  so  aus  einer  Mücke  ein  Elefant  gemacht  wurde.
er  weiß,  ob  man  nicht  auch  auf  diese  Weise  den  Fleischtrust  so
stark  schädigen  wollte,  daß  er  sich  daran  verbluten  sollte.  Ob  dieser
ztere  Zweck  allerdings  jemals  erreicht  werden  wird,  muß  dahin-■Astcllt
  bleiben.  Es  ist  wohl  angebracht,  noch  die  Ansichten  von
deutschen  Fachleuten  über  den  amerikanischen  Fleischskandal
ler  wiederzugeben.
Herr  H,  Niemann,  Hamburg,  schreibt  in  der  Augustnummer
9°6  der  Zeitschrift  für  die  Konservenindustrie  u.  a.:
»Ich  habe  mich  bei  Armour  in  Chicago  in
T  e  un g  befunden  und  mein  Bruder  ist  dort  über
ch  komme  alle
1  c Hachthäuser,
’  Was  dort  vorgeht.  In  den  Chicagoer  Backhäusern  arbeiten  fast
|j Ur  Deutsche.  —  Man  muß  sich  nun  einen  Begriff  machen,  wie  groß
jÄ  Hnion  Stock  Yards  sind,  etwa  eine  Fläche,  wie  die  innere  Stadt
a üiburg.  In  diese  Yards  kommen  nun  die  Viehzüge  von  allen
und  das  Vieh  wird  bei  den  ersten  nach  außen  an  der

und  mein  Bruder  ist
paar  Jahre  nach  Chicago
wo  ich  viele  Freunde  habe

und
und

hervorragender
15  Jahre  tätig,
besuche  dann  die
genau  unterrichtet

Seiten

r Y
an

^pherie  liegenden  Ställen  abgeladen,  das  gesunde  Vieh  kommt  in
älle  für  sich,  das  kranke  Vieh  in  den  Hospitalstall  und  das  auf  der
e *se  verendete  Vieh  wird  von  der  Stinkfactory  abgeholt  und  zu
ei H  usw.  verarbeitet.
Hie  Schlachthäuser  befinden  sich  ungefähr  in  der  Mitte  der
Yards,  und  das  Vieh,  welches  an  einem  Tage  geschlachtet
Werden  soll,  wird  in  den  um  diese  Schlachthäuser  zunächst  herumtVnden
  Ställen  untergebracht.  Bis  das  Vieh  aber  von  den  äußeren
-j,  e n  nach  den  inneren  angetrieben  ist,  vergehen  immer  etliche
ä §' e ,  so  daß  das  Vieh  sich  inzwischen  von  der  Reise  erholt  hat.

Stock
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        2

Wer  die  Einrichtungen  der  Schlachthäuser  kennt,  wird  mir  zugeben,
daß  Wagen  benutzt  werden  müßten,  um  verendetes  Vieh  in  die
Schlachthäuser  zu  bringen  und  diese  Wagen  würden  von  Tausenden
gesehen  werden.
Präsident  Roosevelt  ist  gegen  die  Trusts  im  allgemeinen,  und
wohl  mit  Recht.  Er  will  die  obligatorische  Fleischbeschau  zum  Gesetz ­
  erheben.  Es  ist  dies  auch  wohl  angebracht.  Fleischbeschauer
und  Tierärzte  hat  man  dort  in  den  Schlachthäusern,  aber  bis  jetzt
konnten  die  Schlächtereien  nicht  durch  Gesetz  gezwungen  werden,
ihr  Vieh  untersuchen  zu  lassen,  wenn  sie  es  nicht  wollten.  Dieser
Grund  ist  wohl  die  Ursache  zum  ganzen  amerikanischen  Schlachthausskandal. ­
  Hier  in  Deutschland  haben  wir  ja  auch  noch  nicht  allzu
lange  die  obligatorische  Fleischbeschau,  und  die  großen  Gutsbesitzer
und  Bauern  brauchen  auch  heute  ihr  Vieh  zum  Selbstgebrauch  noch
nicht  untersuchen  zu  lassen.  Die  Engländer  haben  seinerzeit  ihrem  ,
Militär  verdorbenes  Büchsenfleisch  vorgesetzt  und  die  Soldaten  haben
sich  mit  Recht  geweigert,  es  zu  essen.  Es  ist  aber  auch  manches
Dosenfleisch  jahrelang  alt.  Armour  sollte  seinerzeit  für  die  französische ­
  Armee  Dosenfleisch  liefern,  welches  zehn  Jahre  haltbar  sein
sollte.  Nun  muß  sich  doch  jeder  selbst  sagen,  daß  von  der  Unmenge
der  amerikanischen  Dosen  etliche  durchrosten,  so  daß  Luft  ans  Fleisch
gelangt  und  dieses  natürlich  verderben  wird;  aber  was  können  dafür
die  Schlächter  und  Packer?
Man  sollte  meinen,  die  Herren  könnten  sonst  angeben,  in  welchen
Schlächtereien  diese  Mißstände  vorgekommen  sind.
Nach  allem,  was  ich  aus  den  verschiedenen  Fleisch  Verekelung 5 '
artikeln  herausgefunden  habe,  haben  die  Schreiber  keine  Ahnung  v ° n
der  Einrichtung  eines  Chikagoer  Packhauses,  die  übrigens  jedermann
offen  stehen.“
Ein  anderer  Mann  der  Praxis,  der  Besitzer  einer  der  größte’ 1
deutschen  Fleischkonservenfabriken,  schreibt  u.  a.  in  der  Konservenzeitung ­
  vom  6.  Juli  1906:
„Alle  Gerüchte,  so  mannigfaltig  und  sensationell  sie  auch  sein
mögen,  müssen  mit  aller  Reserve  aufgenommen  werden.  Ich  kenne
die  amerikanischen  Verhältnisse  auch  sehr  genau  und  glaube  wohl
sagen  zu  dürfen,  daß  meines  Erachtens  die  Anschuldigungen  viel  z u
schwere  sind  und  weit  über  das  Ziel  hinausschießen.  Wie  weit  sie
berechtigt  sind,  das  wird  die  Zeit  ja  lehren.  Kein  Fabrikant  —  u11 ^
da  wende  ich  mich  auch  an  uns  deutsche  Konservenfabrikanten  '&amp;lt;
am  ehesten  aber  die  größten  unter  uns,  sind  geschützt  vor  Verleumdungen ­
  durch  ihre  Angestellten,  speziell  aber  entlassenes  Personal
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        Druck  von  Anton  Kämpfe,  Jena.

und  jeder  von  uns  Konservenfabrikanten  wird  wissen,  daß  trotz  peinlichster ­
  Sauberkeit  und  intensivster  Kontrolle  einmal  einige  Pfund
ni cht  ganz  einwandfreie  Ware  in  der  Fabrik  sein  können.  Je  größer
der  Betrieb,  desto  größer  die  Gefahr,  daß  eine  solche  Ware  einmal
m it  durchgeht.
Wohl  jeder  rechtschaffene  Fabrikant  sucht  sich  zu  schützen,  daß
solche  Ware  nicht  mit  zur  Verarbeitung  kommt,  und  doch,  wie  oft
kommt  es  vor,  daß  durch  Nachlässigkeit  oder  Absicht  von  übelrollenden
  Angestellten  oder  Fabrikpersonal  etwas  verarbeitet  wird,
ras  nicht  geschehen  soll  oder  was  der  Chef  nicht  wissen  soll,  um
uachher  eine  Flandhabe  gegen  ihn  zu  haben.  Solche  Beispiele  kommen
kei  uns,  wie  man  in  der  Fleischerzeitung  liest,  doch  alle  Augenblicke
Vor -  Sollte  nicht  auch  in  Chicago  ein  Körnchen  solcher  Manipulationen ­
  vorliegen?“
Auch  diese  beiden  Fachleute  halten  also  den  ganzen  amerikanischen
Schlachthausskandal  für  übertrieben.  In  letzter  Zeit  hat  man  von
d gr  ganzen  Affäre  nichts  mehr  gehört.
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09

asse  Fälle  von  Unreinlichkeit  in  den  Arbeitssälen  festgestellt.  Rooselt
  hat  den  von  der  Untersuchungskommission  eingereichten  Bericht
ne  jede  Änderung  dem  Kongreß  zugehen  lassen  und  eine  energische
-form  unter  gesetzlicher  Überwachung  verlangt.  Der  Inhalt  des
Nichts  ist  nach  des  Präsidenten  eigenen  Worten  bis  zum  Äußersten
stoßend.
Roosevelt  betont  vor  allen  Dingen  die  Tatsache,  daß  die  Berner ­
  der  Vereinigten  Staaten  weniger  vor  schlechtem  Fleisch  sicher
'h  als  die  Ausländer.  Das  erklärt  sich  aus  den  schärferen  Gesetzesstmimungen
  für  die  nach  dem  Auslande  zur  Verschiffung  gelangenn
  Lebensmittel.  Es  wird  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  beispiels--
 lse  die  für  Deutschland  bestimmten  Schweine  sorgfältig  mikro-°pisch
  untersucht  würden,  während  dies  mit  dem  Schweinefleisch
den  Inlandbedarf  keineswegs'  der  Fall  sei.  Die  Kosten  einer
undlichen  Überwachung  der  Packhäuser  will  Präsident  Roosevelt
rc h  die  Besteuerung  der  Schlachthäuser  erhalten.  Der  erwähnte
;r icht  hebt  namentlich  hervor,  daß  einzelne  Schlachthäuser  an  Reinheit ­
  sehr  zu  wünschen  übrig  lassen.  Auf  Ansuchen  des  Präsiden ­
  Roosevelt  hat  nun  der  Kongreß  im  Juni  1906  ein  Gesetz  geüffen,
  durch  das  die  Inspektoren  der  Bundesregierung  ermächtigt
är den,  die  Zubereitung  aller  Fleischprodukte  vom  lebenden  Tier  bis
111  Versand  scharf  zu  überwachen.  Zwei  Millionen  Dollar  wurden
»lieh  für  die  Inspektion  der  Schlacht-  und  Präservierungshäuser
wüligt.  Das  Gesetz  enthält  strenge  Strafbestimmungen  für  die
Metzung  aller  sanitären  und  die  Inspektion  betreffenden  Vorschriften.
Eiachthausbesitzer,  welche  eine  Etikette  benutzen,  auf  welcher  der
halt  eines  Paketes  oder  einer  Büchse  falsch  angegeben  ist,  setzen
h  Geldbußen  bis  zu  10000  Dollar  und  Gefängnisstrafen  bis  zu
,ei  Jahren  aus.  Eisenbahnen  und  andere  Beförderungsanstalten  sind
e ’chfall s  mit  schweren  Strafen  bedroht,  wenn  sie  irgendwelche
are n  zur  Beförderung  annehmen,  die  nicht  mit  der  vorgeschriebenen
e gierungsetikette,  und  im  Falle  es  sich  um  Ausfuhrgüter  handelt,
c h  mit  der  vorschriftsmäßigen  Bescheinigung  versehen  sind.  Ben
 flere  Strafen  sind  auch  für  die  Bestechung  der  Inspektoren,  sowie
r  hie  Annahme  der  Bestechung  seitens  der  Inspektoren  bestimmt,
'gestandenermaßen  geht  diese  gesetzliche  Vorsorge  in  bezug  auf  die
etliche  Überwachung  der  amerikanischen  Schlächtereibetriebe  weiter,
hies  jemals  im  Wege  der  Gesetzgebung  geschehen  ist.
Es  mutet  aber  eigentümlich  an,  wenn  man  erfährt,  daß  am  5.  März
°5.  genau  ein  Jahr  vor  dem  Erscheinen  des  Sinclairschen  Buches,  resp.
’ r  her  Verbreitung  der  Enthüllungen  über  die  Zustände  in  den
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        ﻿
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