109 schaff dient sie dem Lederbereiter, um die Fasern der von Blut und Fett gereinigten Häute dichter und sester zu machen. Ebensalls nutzt sie aber der Färber, wenn er die Farbeteilchen durch Verengung der Öffnung, durch welche er sie hat eindringen lassen, fester, dauerhafter machen, oder sie gleichsam darin verschließen will." x ). Man war in einem rein mechanischen Gleichnis gelandet, und der letzte Schluß daraus war die Anwendung auf die Sämischgerberei. „Durch Zusätze von zusammenziehenden Mitteln oder auch durch Walken werden die Fasern dichter ineinander gebracht." 2 ) Man hatte also den histologischen Charakter des Leders als aus Fasern bestehend erkannt, und diese Fasern werden durch zusammenziehende Mittel näher aneinander gebracht; der gleiche Effekt aber wird auch erzielt durch Klopfen des Leders mit Hämmern, nämlich durch Walken. So wird es verständlich, daß in den um diese Zeit entstehenden Technologien die systematische Stellung der Gerberei unter die Rubrik „Filzbereitung" 8 ) fällt, wo beim bloß mechanischen Vorgang des Walkens des Sämischleders dieses gegerbt oder „gefilzt" * 4 * 6 * ) wird, wo das Walken also auf Tuche und Felle die gleiche Wirkung ausübt, wie die zusammenziehenden Stoffe auf die Haut, wo der Tran für die Sämischgerberei überhaupt keine wesentliche Bedeutung mehr besitzt. Noch weit hinein in den Anfang des neuen Jahrhunderts können wir diese Theorien verfolgen; sie treten, wenn natürlich auch in gemilderter Form zutage, noch 1807 bei Hermstädt °), 1820 bei Keeß«), 1822 bei Kölle'), 1824 bei Gall 8 ), 1837 sogar noch bei Poppe 8 ). Poppe hatte sogar auch dem Rauch bei der Rauchgerbung zusammenziehende ­ Eigenschaften zugesprochen, und damit war alles, was irgendwie zu Leder oder Gerberei gehörte, unter einen wissenschaftlichen Hut gebracht; die zwei Kategorien, welche wir noch für 1744 kennen gelernt hatten, waren unter dem einen, auch den übrigen Methoden gemeinsamen Titel „Verfilzung" vereinigt, und die Anschauung war, wie die zitierten Namen illustrieren mögen, Gemeingut der gebildeten Welt geworden. So weit ins 19. Jahrhundert hereinreicht und so fest gegründet ist eine Ansicht, welche Jahrtausende vorher auf dem primitiven Reagens des Geschmackes gegründet wurde. Damit sind wir aber eingetreten in eine neue Epoche der Gerbetheorien, vor deren Betrachtung wir noch Beckmann 1794, Bd. I, S. 363. 2 ) Krünitz 1795, Bd. LXVIII, S. 11. ’) Jung 1794, S. 588 und Inhaltsverzeichnis. *) Jung 1794, S. 600. 6 ) Hermbstädt 1807, Bd. II, S. 200. «) Keeß 1820, S. 15. ') Koelle 1822, S. 219. «) Gall 1824, S. 21. ”) Poppe, G. 1837, Bd. I, S. 507—508, vgl. hier bes. den Zusammenhang, in welchem die Gerberei auftritt.