116 Die theoretischen Vorstellungen über die Glacögerbung sind Wohl zum erstenmal durch Knapp schärfer formuliert worden. Da sie aber ohne nachhaltige praktische Bedeutung blieben und wegen ihrer Kompliziertheit ­ einen verhältnismäßig großen Raum zur Darstellung beanspruchen ­ würden, so muß hier auf die einschlägigen Ausführungen Knapps verwiesen werden st. Die letzte und modernste Phase in der Entwicklung der Gerbetheorien stellt die Reihe der physikalisch-chemischen Theorien dar. Die rein physikalische Auffassung des Gerbeprozesses ließ sich bei genaueren Untersuchungen doch nicht aufrecht erhalten, und so erleben wir heute das gleiche Bild, wie es der Anfang des 18. Jahrhunderts geboten hatte. Dort hatte die physiologische Theorie letzter Durchbildung in einem rein mechanischen Gleichnis alle gerberischen Erscheinungen unter der einzigen Kategorie „Verfilzung" zusammengefaßt, und sie war abgelöst ­ worden von dem bunten Strauß verschiedenartig nuancierter chemischer Anschauungen; es war dem schöpferischen Genie Knapps gelungen, unter dem einzigen wissenschaftlich vertieften Begriff „Oberslächenattraktion" nicht nur das krause Gewirr widersprechender Ansichten sondern auch alle tatsächlich in Betracht kommenden Verhältnisse noch einmal gehorsam zu vereinigen, bis durch die fleißige Detailarbeit eines breiteren, für Gerberei erwachten Interesses, jenes letzte einheitliche Gebilde zerstört nnd abermals in eine ganze Anzahl mindestens ebenso vieler Richtungen aufgelöst wurde, als man Gerbungsarten kennt st. Um den Fortschritt gegen Seguin einerseits, welcher die Gerbung als einen Desoxydationsvorgang erkannt hatte, gegen Knapp andererseits, welcher sie rein physikalisch hatte erklären wollen, zu zeigen, sei z. B. auf Fahrion hingewiesen, welcher auf Grund außerordentlich umfassender experimenteller Studien zu der Ansicht gelangte, daß jede echte Gerbung von einer Oxydation der Hautfaser begleitet sein muß; 1910 hat Fahrion seine Anschauungen über das „Wesen der Gerbung" folgendermaßen ­ formuliert st: „Die echte Gerbung ist in der Hauptsache ein chemischer Prozeß. Auf rein physikalischem Wege, z. B. durch Adsorption eines Colloids geht die Haut niemals in Leder über. Andererseits sind aber begleitende physikalische Prozesse, wie Capillarattraktion, Diffusion, Adsorption unentbehrlich, ­ weil die Poren der Haut sehr eng, und daher die inneren Hautmoleküle zunächst mit dem Gerbstoff, auch dem gelösten, gar nicht in Berührung sind und daher auch nicht mit ihm chemisch reagieren können. st Siehe bes. Knapp 1887, S. 161. st Vgl. z. B. 11. u. 14. Jahresbericht der Deutschen Gerberschule zu Freiberg in Sachsen 1900 u. 1903. st Collegium 1910, S. 101.