184 Schwitze, bis das Haar bequem ausgeht, ja zuweilen mit dem Besen abgefegt werden kann. Es ist ein fieberhaftes Interesse für industrielle Vorgänge, welches, vielleicht unter dem Eindruck der Colbertschen Reglements, nun auch in Deutschland alle Staatsbeamte erfüllt. So werden die kameralistischen Lehrbücher die Träger neuer gewerblicher Erfindungen und Verbesserungen, da Fachzeitschriften um diese Zeit noch nicht genügend ausgebildet sind. Aber damit begnügen sich die Kameralisten noch nicht. Schon aus der Periode der letzten inneren Kolonisation stammen die monatlichen historischen Berichte über den Gang der Geschäfte; daneben sind technische Beiräte der Regierung die Organe, durch welche sie auf die Gewerbe fördernd einzuwirken sucht Z. Diese Männer sind also die Mittel, um die in den Zeitungen und in den kameralistischen Schriften nur für wenige zugänglichen gewerblichen Notizen in die breite Masse des Handwerks hineinzutragen; sie sorgen für Propagation des gewerblichen Wissens an die Ausübungsstätten des Gewerbes; der Kriegsrat von Marquardt bereiste die Gegenden, er verbreitete neue technische Methoden und lehrte selbst manche Manipulationen, besonders im Fache der Gerberei und Färberei"). Aber auch damit ist es noch nicht genug. Die Kameralisten be schäftigen sich auch selbst mit den Gewerben so intensiv, daß sie Er finderarbeit leisten. „Eine mühsame Untersuchung hat mich überzeugt, daß man mit einem aus den Steinkohlen und Torf zu ziehenden Wasser alle Arten von sog. lohgaren Ledern gar machen könne" 3 ) sagt der schon mehrmals erwähnte Kameralist Pfeiffer in seinem vierbändigen „Lehrbegriff sämtlicher ökonomischer und Kameralwissenschaften". Alles bisher Besprochene hat mehr oder weniger den Charakter der staatlichen Verwaltungsmaßnahme. Aber der Einfluß des Staates um diese Zeit ist ein noch viel weitergehender. Die ganze Wissenschaft der Technologie ist ihrem Wesen nach im Kopfe eines Staatsmannes entsprungen, und zwar keines geringeren als Colbert. Auf seine Ver anlassung hin wurde die Akademie der Wissenschaften im Dezember 1666 versammelt, um bei ihr ein Interesse für das Gewerbe zu er wecken^), und der spätere Erfolg dieser Ideen waren die großartig angelegten Descriptions des arts et des metiers ®), welche allenthalben Aufmerksamkeit erweckten und Anreguug zu ähnlichen Werken gaben. Die wichtigsten deutschen Sammelwerke dieser Art waren Johann Samuel Halle, Werkstätten der heutigen Künste oder die neuere Kunsthistorie (1761—1779). Handwerke und Künste in Tabellen, 17 Teile, Sprengel, 9 Schanz 1884, S. 106. 2 ) Ebenda. 3 ) Pfeiffer 1777, S. 369. 4 ) Schauplatz 1766, Bd. V, S. 315. °) Karmarsch 1872, S. 860 ff.