188 so direktes Interesse des Staates an Produktionsprinzipien, wie wir es oben gelernt haben, nicht mehr zu erwarten und auch nicht mehr vorhanden; die innerpolitischen Maßnahmen des Staates geschehen großenteils unter dem Gesichtspunkte der äußeren Politik, und von hier aus wird es uns dann verständlich, wenn vor längerer Zeit die ameri kanischen Konsuln in Europa auf Anregung ihrer Regierung Berichte einreichten als Antwort auf die Frage, warum die Fabrikation feiner farbiger Glaceleder und Glacehandschuhe in Nordamerika nicht zu der selben Vollkommenheit gebracht werden könne, wie im Auslande *). Man hat das Gefühl, es ist äußere, d. h. imperialistische Politik, welche diese Fürsorge für die Industrie diktiert. Der Staat und seine Verwaltungsbcamten in den vielfältigen pro pagierenden Funktionen, welche wir oben kennen gelernt haben, fehlen heute; denn die Mittel, welche hier in Frage kommen, sind heute andere geworden, und diesen leiht der Staat, soweit er es noch für nötig hält, seine Hand. An erster Stelle pflegt man hier die verschiedenen Stufen der gewerblichen Schulen zu nennen. Die Geschichte der gewerblichen Fach schulen läßt sich weit zurückverfolgen * 2 * * * * ); allein die Gerberei hat von dieser Entwicklung, soweit hier Staatsinteresse im Spiele ist, eigentlich nichts verspürt. An der Universität Gießen wurde Knapp 1841 zum außerordentlichen, 1848 zum ordentlichen Professor der Technologie ernannt 8 ), aber als dann die Entwicklung der Gewerbe zur Gründung von Gewerbeschulen und polytechnischen Schulen in den größeren Städten führte, wurden die Lehrstühle der chemischen Technologie für obsolet betrachtet und gingen ein; der letzte ordentliche Professor der chemischen Technologie an der Universität zu Würzburg z. B. war R. Wagner. In den niederen gewerblichen Schulen wird Gerberei kaum gelehrt; die gewerblichen Arbeiter müssen ihre Ausbildung, soweit dies noch möglich ist, im Handwerk erlangen; meist gehen sie in die Fabriken, wo sie eine geringe Bezahlung erhalten. Unter diesen Verhältnissen beschloß der Verein deutscher Gerber in der Generalversammlung am 6.-8. April 1881 zu Hannover die Gründung eines Vereinslaboratoriums auf Antrag seines damaligen Vorsitzenden Herrn Kampffmeyer Senior, und in der Erkenntnis der bestehenden Mängel gab er diesem als Programm mit auf den Weg „Ich wünsche ein Vereinslaboratorium zu haben, das ') Lederrnarkt 1893, S. 1235. 2 ) Königsberg 1737, Bd. XXII: Schlözer 1787, Bd. X, S. 476, 493 f.; Kunz 1807, S. 12ff.; Gall 1824, S. V—VI Anm.; D. V. 1839, S. 47ff.; 1854, S. 109ff.; Schriften des Vereins für Sozialpolitik Nr. 15; Leipzig 1879; I. f. G. und B. 1890, Bd. XIV, S. 121 f.; 1881, S. 1259; Schanz 1884, S. 428; Simon 1903; Jöriffen 1909. 8 ) Fischer 1897, S. 16.