194 Man hat beim Anschauen des Schemas wohl ohne weiteres das Gefühl, daß das deutsche oder das mittelalterlich-europäische Handwerk eine solche Gerbung nicht erfunden haben kann, die ganze Behandlung ist so eigenartig, entfernt sich in allen Punkten so weit vom technischen Jdeenkreise germanischer Handwerker, paßt so wenig zu deren ganzem Handwerkszeug, so wenig auch zur feinen Kultur des Südens und des Orients, welche der mittelalterliche Verkehr uns vermittelt hat, daß wir unwillkürlich hilfesuchend in den Methoden der Steppen und der weiten Territorien des Ostens Umschau halten, ob dort nicht ein Anhaltspunkt zu finden sei. Schon der Name verweist uns ja dorthin, allein, das will verhältnismäßig wenig besagen, da derartige Beinamen auch bloße merkantile Begriffe sein können, oder Durchgangspforten, durch welche die Wanderung einer Methode ihren Weg genommen hat. Beim Durchsuchen der primitiven Gerbemethoden nach Anklängen erinnern wir uns des Chagrins, einer Lederart, welche freilich einen echten Gerbeprozeß nicht durchgemacht hat, welche aber unter Umständen mit Alaunlösung getränkt und mit heißem Hammelfett geschmiert wird *). Wir haben diese Gerbung als eine äußere Kontaktmethode kennen gelernt, entstanden durch Kombination an einer Berührungsstelle der Verbreitungs gebiete der Alaungerberei einerseits, und der sich des Feuers zur Gerbung häufig bedienenden Steppenmethoden andererseits. Die Kombination Alaun und heißer Talg, welcher über offenem Kohlenseuer in die Haut eingebrannt wird, zeigt uns, welche ungewöhnlichen Umstände zusammenkommen mußten, um solche, für das übrige Denken der damaligen Zeit so extremen Elemente am gleichen Werkstück zu vereinigen. Ein Leder von so ungewöhnlich festen Eigenschaften, wie es das ungarische Leder sogar heute noch darstellt, mußte die Aufmerksamkeit der Kenner frühzeitig erregen, und so kommt es, daß ungarisches Leder schon früh in den Welthandel eintrat. Eine Ordnung des Kaufhauses zu Konstanz bald nach 1391 kennt bereits ein „Behemsch yrch" 2 ), also wahrscheinlich ein Bockleder, welches über Böhmen in den christlich- europäischen Welthandel eingetreten ist. Daneben kamen schon um 1850 ungarische Pferdezügel und ungarische Riemen die Donau herauf 2 ), ein Beweis, in wie früher Zeit dieses Leder schon einen Weltruf besessen hat. Stellen wir uns kurz die näheren weltgeschichtlichen Momente vor Augen, deren Ausfluß unsere speziellen ökonomisch-technischen Betrach tungen sind, so sehen wir, daß die Magyaren oder Ungarn einer viel östlicheren Heimat entstammen; etwa im 2. Jahrhundert aus den Gebieten zwischen der Wolga und dem Uralgebirge ausgewandert, wurde Ungarn erst um das Jahr 1000 unter Stephan dem Heiligen Königreich, und y Poppe 1837, S. 340. -) Schulte 1900, Bd. II, S. 228, 718. s ) Rehlen 1855, S. 136.