214 die eben besprochenen, Absenker des Hausfleißes darstellen, ist die sog. B i t t a r b e i t. Es ist die von alters her stammende Sitte der gegenseitigen Hilfeleistung, wo zur Bewältigung mancher wirtschaftlicher Aufgaben die Arbeitskräfte einer einzigen Familie nicht ausreichen. Diese Bittarbeit ist mit einem Entgelt verbunden, welches häufig in der Form von Dar reichungen gewährt wird *), so daß die ganze Arbeit mehr den Charakter der geselligen Unterhaltung trägt. So wird bei den Kaffern beim gemeinschaftlichen Abkratzen der Haut geplaudert, gesungen und geraucht 2 ), besonders interessant aber ist die Form der Bittarbeit bei den Eskimos wegen der originellen Vereinigung von Arbeit und Vergnügen; hier werden die Felle den Mannsleuten, und sonderlich den Gästen zwischen den Mahlzeiten ehrenhalber zum Auskäuen gereicht und von diesen wie Konfekt angenommen 2 * * ). In der Nord-Hudsonsbay ist das Kauen die Tätigkeit der Eskimos während eines Besuches^). Es ist nicht uninteressant, an dieser Stelle noch einmal kurz auf das zur Durchführung der Gerbeprozesse nötige Werkzeug hinzuweisen. Ein Äscher an irgendeiner Stelle des Hofes, zwei oder drei Gruben an einer anderen Stelle, ein Tisch, ein Schabebaum, ein Gefäß mit Tran und die Eisen sind die Werkzeuge und die Werkstatt des kleinen Gerbers, wie man es heute noch bei uns gelegentlich sehen kann. Ähnlich liegen offenbar die Verhältnisse bei der alten norwegischen Landgerberei: „Der Landgerber ist nicht im Besitze einer eingerichteten Gerberei; er hat nur, wo er irgend einen passenden Platz in seinem Gehöfte frei hat, ein oder zwei Gruben hingesetzt, welche als Wasser-, Färb- oder Versetzgruben dienen, noch eine Grube für Kalk, und die Gerberei ist fertig. Arbeits stelle ist das Hinterhaus oder die Diele, wo er am besten guten Platz findet. Das Handwerkszeug ist dem ähnlich. Alte abgelegte Werkzeuge werden vom städtischen Gerber gekauft, den Schabebaum stellt er sich selbst aus einem Tanneubaum her, und den Tisch gleichfalls" °). Noch einfacher ist die Werkstatt und das Werkzeug des Preiswerkers (!) in Bulgarien: Ein einziger großer Trog aus Holz dient hier der Reihe nach zum Wässern, Äschern, Schwellen, Gerben; Schabebaum und Tisch sind nicht vorhanden; denn zum Abschaben wird die Haut an einem Nagel aufgehängt und zum Trocknen in einem Holzrahmen ausgespannt *). Wir haben ja bei der Betrachtung der Betriebsmittel bereits gesehen, wie außerordentlich primitiv die Werkzeuge einerseits zu sein vermögen, wie die Existenz von richtigen Gruben keineswegs immer und überall zur typischen Gerberwerkstatt gehört, andererseits haben wir gefunden, daß *) Tarajanz 1897, S. 28. *) Deutsche Gerberzeituug 1897, Nr. 102. 3 ) Cranz 1770, Bd. I, S. 220; Lippert 1886, Bd. I, S. 314. *) Deutsche Gerberzeitung 1881, Nr. 31. 6 ) Deutsche Gerberzeitung 1883, Nr. 36. 6 ) Tarajanz 1897, S. 47.