221 8. Kapitel. Das Handwerk. § 28. Die Entstehung von Handwerk und Zunft. Die rein ökonomisch eEnt st ehung des Betriebssystemes „Hand werk" aus der familienhaften Produktionsweise des bäuerlichen Hausfleißes ist eine Entwicklungserscheinung, welche die Geschichte jedes Volkes in der Entwicklungsstufe beobachten läßt, welche Roscher in seinen An sichten der Volkswirtschaft als „Mittelalter" bezeichnet hat\ Ein wert volles Dokument dieser Entwicklungsstufe sind die homerischen Gesänge welche hauptsächlich von Riedenauer °), Büchsenschütz 8 ) und Blümner *) daraufhin untersucht worden sind, während für diese Entwicklung des deutschen Handwerks die vvrkarolingische und die karolingische Zeit das Beobachtungsmaterial liefert, dessen eingehendere Untersuchung in dieser Richtung hauptsächlich seit Gfrörerfl datiert. In allen diesen Phasen ergibt sich, was schon im vorigen Paragraphen angedeutet wurde, ein Nebeneinanderbestehen von ausgedehntem Hausfleiß neben entlohnten Demiurgen 8 ) oder bezahlten Handwerkern. Die Entwicklung in der angegebenen Richtung ist eine allgemeine und allgemein anerkannte, da das einschlägige Tatsachenmaterial als ziemlich eindeutig und einheitlich sich erweist. Anders gestalten sich die Verhältnisse bei der Frage nach den Drganisationsursachen des Handwerks zu geschlossenen Verbänden, Genossenschaften, Kollegien, Innungen, welche ihre höchste ökonomische, rechtliche, politische und soziale Form in der Zunft erlangen. Den Kernpunkt aller hierüber aufgestellten Theorieen, des Ursprungs aus hosrechtlichen Handwerksverbänden, der Bildung aus kirchlichen Frater- vitäten, der Nachahmung von römischen Kollegien oder der Entstehung als natürlichen Ausfluß der Marktordnung auf Grund obrigkeitlicher Verwaltungsmaßnahmen fl, bildet die Annahme des räumlichen Zu sammenwohnens oder Zusammenarbeitens von Handwerkern gleicher Gewerbe: gemeinsame Stadtquartiere, unter Umständen auch Benennung dieser Straßen oder Plätze nach den einschlägigen Gewerben, werden fl Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft, S. 415, Anm. 30. fl Riedenauer 1878. s ) Büchsenschütz 1869. fl Blümner 1869. fl Gfrörer 1866. fl Riedenauer 1878, S. 7ff.; Blümner 1875, Bd. I, S. 256. fl Keutgen 1903, S. 137, 139, 141; vgl. auch Schurtz 1900, S. 278.