286 auf, so in Prenzlau *), in Württemberg 2 3 ), vor allen Dingen aber in Kirchhain, wo früher hauptsächlich weiße Schaffelle hergestellt wurden, während seit Einführung der Gewerbefreiheit das braune Schaffell so sehr das Übergewicht bekam, daß von den 3 Millionen jährlich er zeugten Fellen etwa 2 / 8 mit Lohe und Lohextrakten gegerbt sind. Sie fabrizieren gewöhnlich Weißleder, daneben in großen Mengen braune Schafleder, weil letztere bessere Preise erzielen. Die Lebensfähigkeit dieses Handwerks hängt im wesentlichen von drei Momenten ab. Das eine Moment liegt begründet in der Art der Fabrikation. Wir'haben gesehen, daß die Verwendung von Maschinen, besonders der Stoll- und Zurichtemaschinen 8 ), bisher keine glücklichen Erfolge in der Weißlederfabrikation gezeigt hat, daher sind diese Operationen selbst in den größten Fabriken bis heute fast ausschließ lich Handarbeit; auf diesem Gebiete ist daher der handwerksmäßige Gerber mit der Fabrik mindestens konkurrenzfähig. Weitere Maschinen des fabrik mäßigen Betriebes sind vor allen Dingen die Entfleischmaschine, dann auch noch die Enthaarmaschine und das Walkfaß; letztere Maschinen werden von den Gerbern nicht angeschafft, sondern sie lassen entweder als Lohn arbeit in den größeren Betrieben ihre Felle entfleischen, oder sie besitzen nach Art des alten Handwerkers in bezug auf die Gerberwalke eine oder mehrere solcher Maschinen gemeinschaftlich, so daß sie in diesen Punkten mit der Fabrik konkurrenzfähig werden. Letzterer Punkt hängt aber zusammen mit dem zweiten Moment, in welchem die Lebensfähigkeit dieses Handwerks begründet liegt. Das ist nämlich die eigentümliche Art seines Vorkommens, und besonders Kirchhain in der Niederlausitz ist hierfür ein Schulbeispiel. Kirchhain hat 4000—5000 Einwohner, aber dabei etwa 80 Gerbereien 4 ), so daß es hier fast nur Gerber gibt. Durch diese räumliche Konzentration kleinerer handwerksmäßiger und größerer bis großer Betriebe erscheint der ganze Ort als eine einzige Gerbereianlage, und in diesem engen Zusammenwohnen, welches natürlich nur als Ergebnis der modernen Verkehrswirtschaft ermöglicht ist, liegt die Ursache der Lebensfähigkeit so vieler kleiner handwerksmäßiger Gerber. Eine Gesellenzahl von 6—8 ist hier freilich keine Seltenheit, das sind die kleinen handwerks mäßigen Betriebe, aber sie sind fast alle nicht im Besitz einer einzigen Maschine. Durch diese starke räumliche Konzentration wird auch die Bedarfsdeckung und der Absatz ein ganz anderer. An solchen Orten oder in ihrer Nähe finden die großen Fellauktionen statt, und die Gerber haben die Möglichkeit, solche Auktionen zu besuchen und, wenn das eigene Kapital nicht ausreicht, durch Vermittlung eines Kommissionärs 0 Mayer 1895, S. 117ff. 2 ) Nüblmg 1897, S. 437. 3 ) Vgl. S. 168 u. 172. *j Vgl. Kirchhain 1894; I. f. N. 1877, Bd. XXIX, S. 311.