344 Wenn wir die Forderung einer bestimmten örtlichen Lage der Gerbereien wenigstens im deutschen Handwerk historisch ausfassen wollen, so können wir zurückgehen bis auf die Fronhöfe der Karolingerzeit. Es wurde schon darauf hingewiesen, daß gerade die Lederarbeiter dieser Fronhöfe im Vergleich zu den anderen Handwerkern in verhältnismäßig großer Zahl vorkommen, und daß gerade sie das entscheidende Beispiel abgeben können, ob Verwaltungsmaßnahme oder freier Assoziationstrieb zur Bildung von räumlich konstatierbaren Handwerkerorganisatiouen schreiten; wir haben gesehen, das war nirgends der Fall. Nun gibt uns die Betrachtung der örtlichen Lage ein zweites Prüfungsmittel an die Hand: Nicht bloß auf Grund einer irgendwie gearteten Organisations bestrebung, sondern auch auf Grund ihres übelriechenden, unsauberen Handwerks, welches noch dazu durch gemeinsamen größeren Wasser bedarf die Forderung zur räumlichen Konzentration in sich trägt, sollte man in der Lage der Gerbereien eine besondere Berücksichtigung finden. Der Bauriß von St. Gallen aus dem Jahre 830 enthält die Werk stätten der Lederarbeiter eingefügt um die viereckigen Höfe, genau so, wie die der übrigen Handwerker, und ohne daß eine besondere Be rücksichtigung ihres Handwerksbedürfnisses oder einer hygienischen Maß nahme auch nur irgendwie erkennbar wäre Z. So sehen wir, rein unter dem Gesichtspunkte historischen Werdens, daß auch die Lage der Gerbereien sich geschichtlich verfolgen läßt in der Weise, daß erst das 19. Jahrhundert eine Ausscheidung dieser und ähnlicher Gewerbekategorieen vorgenommen, und daß es deren Ab sonderung von den übrigen Wohnverhältnissen auf Grund bestimmter Forderungen der Rücksichtnahme oder der Hygiene bewirkt hat. Diese Bestimmungen und Zusatzbestimmungen der Gewerbeordnung hier ab zudrucken wäre eine unnötige Wiederholung, da sie allgemein bekannt sind. Haben wir so die Frage des lokalen Ausschlusses der Gerbereien aus der Wohngemeinschaft der Menschen behandelt, so müssen wir nun mehr versuchen, uns ein Bild vom topographischen Eingefügtsein der Gerbereien innerhalb der größeren wirtschaftlichen Territorien zu machen, in welchen die Gerbereien als Organe zur Befriedigung eines bestimmten wirtschaftlichen Bedürfnisses auftreten; wir wollen versuchen, uns ein Bild zu machen vom Standort dieses Gewerbes. 8 35. Der Standort der Weitzgerbereien. Der Standort eines Gewerbes ist das historische Ergebnis der Wanderung seiner Produktionsprinzipien nach den in Kap. 6 dargelegten Bewegungsformen und Grundsätzen. >) Vgl. Mummenhoff 1901, S. 12; Keutgen 1903, S. 25/Keller 1844.