347 Diese Tabelle bildet, wie man sieht, ein eigentümliches Konglomerat; die einen Orte, wie Nördlingen, Dinkelsbühl sind Hauptsitze der alten Weiß- und Sämischgerberei; in anderen, wie Prag, Wien, Erlangen, blüht die französische Glacegerberei; Dänemark war damals weniger bekannt durch weißgares als durch feines lohgares Leder zu Hand schuhen; Rußland war hauptsächlich bekannt durch seine Sämischgerberei, Hamburg und Lüttich dagegen vornehmlich durch ihre Lohgerberei speziell schwererer Leder. Diese Tabelle ist freilich nicht von Gesellen und nicht von Handwerkern aufgestellt, sondern sie wird von Männern der Wissenschaft den Weißgerbern empfohlen, und daher mag dieser Mangel an Einheitlichkeit kommen; es muß aber auf diesen Mangel hingewiesen werden, weil man geneigt sein könnte, aus einer solchen Tabelle weitere Schlüsse zu ziehen. Wir müssen damit unsere Betrachtungen über den Standort der alten Weiß- und Sämischgerberei abschließen, und wir wollen sehen, wie sich der Standort der Glacegerberei, der Weiß- und Rotgerberei entwickelt hat, und durch welche Momente er bedingt worden ist. Der Standort der Rotgerberei war lange Zeit hindurch bedingt durch die Lage der Lohegebiete; so läßt sich eine uralte Lohgerberei zurückverfolgen im Moselgebiete *), Trier und einigen Eifelstädten 2 ), dann das bedeutende Ledergewerbe Kölns, auf welches schon oben hin gewiesen wurde, und Lüttich, Malmedy und Sankt Vith, wie auch die belgischen Lohgerbereien, haben teilweise ihren Ruhm bewahrt s ). Der starke überseeische Import von Häuten hat Produktionszentren an den Küsten geschaffen^), wobei also nicht, wie in den oben er wähnten Fällen, die Lohe, sondern die leichte Beschaffbarkeit eines anderen Rohmaterials, nämlich der Häute, für den Standort eines Gewerbes bestimmend wurde. Wir können die Frage auswerfen, ob ähnliche Momente für die Lage der Weißgerberei bestimmend geworden sind. Einen Einfluß der Alaungewinnung auf die Lage der Weißgerbereien können wir nicht erwarten, weil der Wert dieses Produktes im Vergleich zum Haupt rohmaterial ein nur geringer ist, und weil die ganze europäische Weiß gerberei in völliger örtlicher Loslösung von den Alaunproduktions gegenden entstanden ist ^). Aber auch ein Einfluß des Hauptrohmaterials selbst, nämlich der Häute- und Fellprovenienzen, auf den Standort der Weißgerberei läßt sich nicht beobachten; denn als Hauptsitz der Glace gerberei erscheint von jeher vor allen Dingen Grenoble und Annonay *) Vgl. Gfrörer. 2 ) Lamprccht 1886, 93b. I, S. 73; Bd. II, S. 326f., 319 f. °) Vgl. auch Dieterici 1838, Bd. I, S. 14, 15, 20, 22, 26, 49, 51—53, 65, 68, 76. 4 ) Vgl. Wirtschaftskunde 1904. Karte der Lederfabrikation. 6 ) Vgl. S. 309 f. u. 61.