352 denn zur Durchführung der Vorarbeiten, der Gerbprozesse und des Färbens sind ganz beträchtliche Quantitäten geeigneten Wassers er forderlich; aber andererseits muß die Möglichkeit bestehen, diese aus den Prozessen kommenden Abwässer auch wieder in genügender Weise abzuführen. Zu diesen rein technischen Forderungen kommt neuerdings noch die rein hygienische, daß nur genügend geklärte und gereinigte Abwässer einen Betrieb verlassen dürfen. Die Beschaffenheit des Wassers ist von großem Einfluß auf das Ergebnis des Gerbeprozesses; denn fauliges Brunnenwasser bewirkt eine vollkommene Blindheit der Narbe; es kann ein Einfressen von Löchern von der Fleischseite aus stattfinden, die Narbe erhält unter Umständen eine eigentümliche Marmorierung, und die Schwellung ist ungenügend, so daß das Leder zu dünn und fest im Kerne wird; Wasser mit einem Gehalt von Chloriden (Meerwasser) hebt sogar die schwellende Wirkung der Säuren auf, hartes Wasser ist ungeeignet für vegetabilische Gerbung, da es einen Teil der Gerbstoffe fällt, und eisenhaltiges Wasser erweist sich als schädlich für Weiß- und Glaccgerbereien, weil das Leder ge legentlich dunkle Färbungen erlangt; dagegen ist Wasser mit freier Kohlensäure, wie auch solches mit einem Gehalt von Calcium- und Magnesiumsulfat wünschenswert, da es eine gute Schwellung der Häute bewirkt *). Wasser ungenügender Beschaffenheit erfordert die Anlage von Wasserreinigern, welche sowohl, in der Einrichtung wie auch im Betriebe verhältnismäßig kostspielige Organe einer Fabrik darstellen können. Diese Momente machen uns verständlich, daß der Standort der Gerberei auch durch die Wasserfrage mit beeinflußt wird, daß sich die Gerber unter Umständen an diesen Lebensnerv drängen, ohne Rück sicht, ob sie dadurch mit hygienischen Forderungen in Konflikt geraten oder nicht; die folgenden Beispiele zeigen sowohl die gelegentliche Ab hängigkeit der örtlichen Lage einer Gerberei von genügendem und geeignetem Wasser, wie auch das ursprüngliche Fehlen jeder Beziehung zwischen Hygiene und Einfügung der Gerberei in den Wohnungsbereich der Menschen; sie zeigen endlich, daß zum Betrieb einer Gerberei die Anwesenheit fließenden Wassers nicht unbedingt erforderlich ist, da Brunnen und Wasserleitungen ebenfalls geeignet sind, diesen Bedarf genügend zu decken. Die Pariser Weißgerber hatten sich im 18. Jahrhundert haupt sächlich am Flusse des Gobelins niedergelassen, welcher für Weißgerber mehr noch als für Rotgerber geeignet galt, und welcher mit seinen Vorzügen geeigneten Wassers nur die Nachteile eines langsamen Laufes verband, so daß das Wasser öfters trübe ward und im Sommer ') Vgl. Gerber 1877, S. 183; 1884, S. 189, 205, 221, 283; König 1899, Bd. I, S. 99 f.; Heinzerling 1882, S. 20.