<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Entwicklung der Weißgerberei</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Georg</forname>
            <surname>Ebert</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>883887894</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>225

kicheren  Formen  des  Handwerks  kurz  besprochen  und  wenden  uns  nunmehr ­
  zur  Betrachtung  seiner  Entfaltung.
§  24.  Die  Entfaltung  der  Ledergewerbe  und  die  Entwicklung
des  Weitzgerberhandwerks.
Die  erste  Frage,  welche  uns  hier  beschäftigt,  ist  die  nach  der  Form
desAuftretens  der  Gerber  überhaupt  und  der  Weißgerber  im  besonderen.
Zu  den  ältesten  und  wichtigsten  Quellen,  welche  uns  hier  für  das
deutsche  Mittelalter  orientieren,  gehören  die  Rechtsdenkmäler  deutscher
Volksrechte.  Wenn  wir  in  diesen  Rechtsaltertümern,  z.  B.  in  der  Salia,
deren  Entstehung  wahrscheinlich  in  den  Anfang  des  6.  Jahrhunderts
zu  verlegen  ist,  nach  Gerbern  suchen,  so  finden  wir  nur  einen  einzigen
Lederarbeiter  erwähnt,  welcher  etwa  unserem  Sattler  entspricht  *);  auch
die  späteren  Rechtsdenkmäler  führen  einen  Gerber  niemals  an.  Etwas
eingehendere  Nachrichten  auch  über  gewerbliche  Verhältnisse  haben  wir
dann  aus  der  Karolingerzeit,  und  zwar  für  diese  sowohl  aus  weltlichen
als  auch  aus  geistlichen  Grundherrschaften.  In  allen  diesen  Fällen,  wo
manchmal  sogar  eingehendere  Aufzählungen  von  Handwerkern,  Handwerksprodukten ­
  oder  deren  Werkzeugen  vorliegen,  werden  Gerber  ebenfalls ­
  nicht  genannt;  so  ist  es  im  Wirtschaftskapitular  Karls  des  Großen
von  812,  so  im  Bauriß  von  St.  Gallen  von  etwa  820—830 3 ),  so  in
der  Wirtschaftsordnung  Adalards  von  Corbie  von  822 4 ),  so  ist  es  auch
später  noch,  so  in  der  Bauordnung  für  Farfa°)  von  1039—1048,  so
in  der  Abtei  Werden  im  12.  Jahrhunderts);  sogar  im  Kloster  Saint
Trond  bei  Lüttich  fehlen  noch  in  den  Jahren  1249—1272  die  Gerber 7 ).
Gfrörer  hat  aus  solchen  Verhältnissen  den  Schluß  gezogen,  daß  im
8-  Jahrhundert  die  Gerberei  nicht  durch  einen  besonderen  Handwerkerstand, ­
  sondern  durch  gewöhnliche  Arbeiter  oder  Bauern  betrieben  worden
fei®),  ein  Schluß,  der  seitdem  von  Riedenauer,  Büchsenschütz,  Blümner
u.  a.  auch  auf  die  ähnliche  Wirtschaftsstufe  der  homerischen  Zeit  überiragen
  worden  ist.  Die  Ledergewerbe,  welche  in  den  erwähnten  Urkunden ­
  vorkommen,  sind  Schuhmacher,  Sattler,  Schildmacher,  Riemer,
m  Corbie  auch  ein  Pergamenter.  Dagegen  finden  wir  unter  den
Naturallieferungen  Eichenrinde,  so  im  Güterbuch  des  Klosters  Prüm"),
0  Gförer  1866,  Bd.  II,  S.  141.  2 )  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  163.
*)  Keller  1844;  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  168;  Keutgen  1903,  S.  25ff.;  über
weitere  Stellennachweise  siehe  bei  diesen.
_  4 )  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  169  f.;  s.  auch  S.  172—176;  Keutgen  1903,
®.  36.  6 )  Keutgen  1903,  S.  28.  6 )  Keutgen  1903,  S.  36.
’)  Ebenda.  »)  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  164.
9 )  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  306  f.
®6ert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

15</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
