<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Entwicklung der Weißgerberei</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Georg</forname>
            <surname>Ebert</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>883887894</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>377

Port  schon  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  groß  genug  gewesen
ist,  um  weit  ins  Binnenland  hinein  einen  Markt  und  eine  Nachfrage
zu  erzeugen,  daß  die  handwerksmäßigen  Gerber  damals  amerikanische
Häute  verarbeiteten,  daß  man  gelegentlich  die  Häute  als  Hauptprodukt
des  Tieres  -betrachtet  hatte,  und  daß  vor  allen  Dingen  die  Fleischextraktfabrikation ­
  nach  Liebig's  Methode  erst  dann  einsetzte,  als  der  südamerikanische ­
  Häuteexport  schon  im  vollen  Gange  war;  sie  hat  diesen
nicht  entwickelt  und  nicht  erst  ermöglicht,  sondern  Liebig's  Fleischextrakt
gestattete  nur  eine  zweckmäßigere  Verwertung  der  bei  der  Häutegewinnung ­
  abfallenden  Fleischmassen.
Nach  Scherzer  importierte  England  noch  1805  keine  Lederhäute  *  *);
wir  haben  gesehen,  daß  bereits  100  Jahre  früher  die  Engländer
den  amerikanischen  Häuteexport  in  ihrer  Hand  monopolisiert  hatten;
die  amerikanischen  Häute  gingen  im  18.  Jahrhundert  über  England
nach  Frankreichs),  wie  sollten  da  die  englischen  Gerber  diese  vorteilhafte ­
  Ware  verschmähen!  Wir  haben  gesehen,  daß  schon  um  die  Wende
des  18.  Jahrhunderts  das  Gerberhandwerk  aufgehört  hatte,  eine  lokal
begrenzte  Produktionstätigkeit  zu  sein 3 ),  wir  haben  gesehen,  daß  mindestens
seit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts  der  handwerksmäßige  Betrieb  der
Gerbereien  zurückgegangen  war,  daß  die  ersten  Dezennien  des  19.  Jahrhunderts ­
  einen  steten  starken  Rückgang  für  die  handwerksmäßige  Gerberei
gebracht  hatten,  daß  damals  schon  teilweise  die  stark  dezimierten  Handwerke ­
  der  Weißgerber  und  Rotgerber  wieder  vereinigt  worden  waren,
daß  seit  der  Wende  des  18.  Jahrhunderts  die  Schnellgerberei  sich  ausgebreitet ­
  hatte,  wie  soll  sich  mit  all  diesen  Verhältnissen  die  mehrfach  zu
lesende  Behauptung  vereinigen  lassen,  daß  Liebig'sFleischextrakt
„das  eigentlich  revolutionierende  Element"  ist,  „welches  in  das  Gerberhandwerk ­
  den  Keim  des  Todes  trug"?*).  Dieser  Faktor  hat  den  allergeringsten ­
  Anteil  am  Niedergang  des  Gerberhandwerks;  der  Umschwung
war,  wie  alle  statistischen  Zahlreihen  zeigen,  kein  so  plötzlicher,  und  die
Entwicklung  ging  nicht  erst  seit  dieser  Zeit  andere  Wege,  wie  alle  bisherigen ­
  Darlegungen  über  die  Entwicklung  der  Produktionsprinzipien,
über  die  Entwicklung  der  Betriebsmittel,  über  die  Entwicklung  und  den
Niedergang  des  Handwerks,  über  die  Entwicklung  der  Manufakturen
und  Fabriken,  über  die  Entwicklung  der  Bedarfsdeckung  aus  der  Ferne
zur  Genüge  zeigen;  es  ist,  wie  bei  allen  anderen  Gewerben  auch,  die
Entwicklung  der  Manufakturen  und  Fabriken  eine  natürliche,  bei  der
Gerberei  nur  etwas  verlangsamt  durch  die  speziellen,  hier  herrschenden
Bedingungen;  es  ist  auch  die  Entwicklung  der  Bedarfsdeckung  aus  der
*)  Scherzer  1885,  S.  335.  *)  Schauplatz  1766,  Bd.  Y,  S.  429.
s )  Vgl.  Borgius  1895,  S.  6,  unrichtige  Behauptung.
*)  Borgius  1895,  S.  6;  Stieba  1897,  S.  23;  Grandke  1897,  S.  1057.</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
