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        <title>Die Entwicklung der Weißgerberei</title>
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            <forname>Georg</forname>
            <surname>Ebert</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>883887894</idno>
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        A  'i  A
        <pb n="2" />
        Wirtschafts-  und  Verivaltuitgsstuditir,
mit  besonderer  Berücksichtigung  Bayerns.
Herausgegeben  von  Keorg  Schanz.
XI-VIII.

Die  Entwicklung
der  Weißgerberei.

Eine  ökonomisch-technographische  Studie
von
Georg  Ebert
Doktor  der  Philosophie  und  der  Staatswissenschaften.

Welchen  Gedanken  die  Zeit  einmal  erkoren,
Der  ist  gefeit  und  beschworen
Und  wird  ewig  wiedergeboren
Trotz  allem  Widerstreit!

Leipzig,  H9t3.
A.  Deichertsche  Verlagsbuchhandlung.
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        A.  Deichert'sche  Verlagsbuchhdlg.  Inh.  Werner  Scholl,  Jeipsig.

ÄittLchaltt-  unO  ücrwaltungsstutlicn  mit
besonderer  Berücksichtigung  Bayerns.  Herausgegeben
von  Professor  Dr.  Leorg  Zchanr  in  Würzburg.
Bd.  I.  G.  Kchanx,  Zur  Geschichte  der  Kolonisation  und  Industrie  in  Franken.
(XVIII,  426  S.  Text  u.  354  S.  Urkunden.)  1884.  12  M.
Bd.  II.  L.  Hosfnrann,  Ökonomische  Geschichte  Bayerns  unter  Montgelas.
1799—1817.  (IV  u.  146  S.)  1885.  2  M.
Bd.  III.  G.  Joeptk,  Fränkische  Handelspolitik  im  Zeitalter  der  Aufklärung.
(VIII  u.  348  S.)  1894.  5  M.
Bd.  I  V.  A.  KLderlin,  Der  Obcrmain  als  Handelsstraße  im  späteren  Mittelalter. ­
  (VIII  u.  70  S.)  1899.  1  M.  80  Pf.
Bd.  V.  Mills.  Mayer,  Anerben-  und  Teilnngssystem  dargelegt  an  den  zwei
pfälzischen  Gemeinden  Gcrhardsbrunn  und  Martinshöhe.  Mit  3  Karten.
(VIII  u.  48  S.)  1899.  2  M.
Bd.  VI.  Robert  Schachner,  Das  bayerische  Sparkafscnwescn.  Mit  1  Tabelle.
(X  u.  132  S.)  1900.  3  M.
Bd.  VII.  Friede.  Lindner,  Die  unehelichen  Geburten  als  Sozialphänomen.
Ein  Beitrag  zur  Statistik  der  Bevölkerungsbewegung  im  Königreich  Bayern.
Mit  2  Karten.  (X  n.  238  S.)  1900.  4  M.  80  Pf.
Bd.  VIII.  Krnna  Kmiotek,  Siedclung  und  Waldwirtschaft  int  Salzforst.  Ein
Beitrag  zur  deutschen  Wirtschaftsgeschichte.  Mit  einer  Karte  des  Salzforstgebiets. ­
  (X  U.  194  S.)  1900.  3  M.  60  Pf.
Bd.  IX.  K.  Heil,  Die  Reichsbank  nnd  die  bayerische  Notenbank  in  ihrer
gegenseitigen  Entwicklung  in  Bayern  1876—1899.  Mit  1  Karte.  (XII  u.
68  S.)  1900.  1  M.  60  Pf.
Bd.  X.  Lriedr.  Müller,  Die  geschichtliche  Entwicklung  des  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaftswesens  in  Deutschland  von  1848/49  bis  zur  Gegenwart. ­
  (XX  u.  552  S.)  1901.  10  M.
Bd.  XI.  Fr.  Lolsurann,  Die  Entwicklung  der  Lokalbahnen  in  Bayern.  Mit
einer  Karte.  (X  u.  238  S.)  1901.  6  M.  50  Ps.
Bd.  XII.  A.  R-  Maier,  Der  Verband  der  Glacähandschuhmacher  und  verwandte» ­
  Arbeiter  Deutschlands.  1869—1990.  (VIII  u.  392  S.)  1901.  8  1,
Bd.  XIII.  Otto  Rustmann,  Zur  Frage  der  Mobiliar-Feuerversichernng  im
Königreiche  Bayern.  (VIII  u.  82  S.)  1902.  1  M.  50  Pf.
Bd.  XIV.  Ernst  Hendach,  Die  zukünftige  Berkchrsentwicklung  auf  dem
regulierten  Main  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Stadt  Würzburg.
(X  u.  74  S.)  1902.  1  M.  80  Pf.
        <pb n="4" />
        Wirtschaft!,-  and  Wmattililgsltiidikii
mit
vesMderer  KerttsiihliMiis  Kaijeriis.
Herausgegeben
von
vr.  Georg  v.  Schanz,
Professor  der  Nationalökonomie,  Finanzwissenschaft  und  Statistik
an  der  Universität  Würzburg.

XLVIII.
Dr.  Di*.  Georg  Ebert,  Die  Entwicklung  der  Weißgerberei.

Leipzig,  t9t3.
21.  Deichertsche  Verlagsbuchhandlung.
        <pb n="5" />
        Die  Entwicklung
der  Weißgerberei.

Eine  ökonomisch-technographische  Studie
von
Georg  Ebert
Doktor  der  Philosophie  und  der  Staatswissenschaften.

Welchen  Gedanken  die  Zeit  einmal  erkoren,
Der  ist  gefeit  und  beschworen
Und  wird  ewig  wiedergeboren
Trotz  allem  Widerstreit!

Leipzig,  fAfZ.
A.  Veichertsche  Verlagsbuchhandlung.
        <pb n="6" />
        Meinen  teueren  Eltern

in  Dankbarkeit  und  Verehrung

gewidmet.
        <pb n="7" />
        Vorwort.

Als  Herr  Reichsrat  v.  Schanz  mich  zu  einer  Untersuchung  über
die  Entwicklung  der  Weißgerberei  veranlaßte,  schien  zunächst  dieses  Thema
historisch  mit  der  Einwanderung  der  Refugics  in  Deutschland  und  sachlich ­
  mit  der  Glaccgerbung  erschöpft  werden  zu  können.  Im  Laufe  der
von  mir  schon  von  Vorneherein  größer  geplanten  Untersuchung  ergab
sich  aber  bald  die  Notwendigkeit  einer  nach  Umfang  und  Inhalt  bedeutenden ­
  historischen  und  sachlichen  Vertiefung  der  ganzen  Entwicklung,
weil  die  Glacegerbung,  welche  in  der  Theorie  nicht  zu  der  eigentlichen
Weißgerberei,  sondern  vielmehr  zu  den  Kombinationsgerbungen  gerechnet ­
  wird,  nur  eineu  kleinen  Teil  der  Weißgerberei  jüngster  Phase
darstellt,  weil  früher  echte  Weißgerberei  neben  der  Lohgerberei  sowohl
für  die  Produktion  im  Lande  als  auch  für  den  Export  einen  bedeutenden
Platz  einnahm,  und  weil  schon  im  Altertum  die  Methoden  der  Weißgerberei ­
  bekannt  gewesen  sind;  es  mußte  neben  dieser  echten  Weißgerbung ­
  also  die  Glacegerbung,  und  daher  mit  gleichem  Rechte  die  ebenfalls ­
  zur  Kombinationsgerbung  gehörige  Ungarische  Weißgerberei  untersucht ­
  und  wenigstens  kurz  besprochen  werden;  weiter  mußte  aus  wirtschaftlichen ­
  Gründen  auf  die  Sämischgerberei  und  Pergamentmacherei
eingegangen  werden,  und  wegen  des  eigentümlichen  Zusammenhanges
zwischen  Korduan  und  den  weißgaren  Ledern  verlangten  auch  die
feineren  rotgaren  Methoden  und  die  primitiven  Formen  der  Lohgerberei
eine  wenigstens  gelegentliche  Berücksichtigung.  Die  Betrachtungen  über
die  Entstehung  des  Handwerks,  über  die  Kompetenzkonflikte  der  Zünfte,
über  Arbeitsteilung,  dann  über  Spezialisation  und  Kombination  führten
endlich  stellenweise  dazu,  sogar  den  ganzen  Komplex  der  in  Leder  arbeitenden ­
  Gewerbe  in  den  Kreis  der  Betrachtungen  zu  ziehen  —  kurz,
es  läßt  sich  die  Weißgerberei  nicht  außerhalb  des  Zusammenhanges
mindestens  der  Leder  erzeugenden  Gewerbe  untersuchen  und  darstellen.
Daß  in  keiner  Phase  der  historischen  Entwicklung  die  Betrachtung  auf
Deutschland  beschränkt  bleiben  konnte,  ist  ohne  weiteres  verständlich;
        <pb n="8" />
        VIII

denn,  da  die  Entwicklung  weder  in  Deutschland  eingesetzt  hat  noch  auch
die  allgemeinen  wirtschaftlichen  Theorieen  und  die  verschiedenen  Elemente
der  Gerberei  in  Deutschland  entstanden  sind,  mußten  auch  außerdeutsche ­
  Verhältnisse  berücksichtigt  werden.  Dies  gilt  vornehmlich  für
das  ganze  Altertum,  dann  für  das  Mittelalter  am  Ausgange  der  Zunftverfassung,
  wo  sich  letztere  in  die  merkantilistische  Politik  ausweitet,  auch  für
die  Einwanderung  fremder  Ideen,  so  daß  die  Arbeit  stellenweise  schon  im
Interesse  der  Vollständigkeit  einen  recht  universellen  Charakter  annehmen
mußte.  Dabei  war  die  Absicht  der  vorliegenden  Betrachtungen  zunächst
die,  den  momentan  gewordenen  gewerblichen  Zustand  in  Deutschland
als  das  Ergebnis  der  ganzen  geschichtlichen  Entwicklung  darzustellen;
andererseits  aber  war  es  mir  so  gelungen,  ein  materiell  und  historisch
erweitertes  Feld,  energisch  zusammengefaßt  zu  einer  ökonomischen
Familie  von  großer  sachlicher  Einheitlichkeit  durch  die  Einheit  seiner
Produktionsprinzipien,  zu  gewinnen,  innerhalb  dessen  sich  die  wesentlichsten ­
  Punkte  zu  einer  neuartigen  Anschauungsweise  der  gewerblichen
Geschehnisse  vorführen  ließen.
Was  die  Gliederung  des  großen  Stoffes  anlangt,  so  macht  die
Disponierung  insoferne  Schwierigkeiten,  als  die  Betrachtungsweise
stets  eine  doppelte  zu  sein  hat,  nämlich  einmal  ein  Nebeneinander  im
Sinne  der  systematischen  Einteilung  der  politischen  Ökonomie,  und
weiter  ein  Nacheinander,  das  ist  die  historische  Entwicklung  im  Sinne
der  Wirtschaftsgeschichte.  Der  erste  Weg  ist  ein  mehr  systematischer,
der  zweite  ein  mehr  historischer.  Ich  habe  versucht,  die  beiden  Methoden
in  übersichtlicher  Weise  'zu  kombinieren,  und  es  soll  die  Übersicht  über
den  ganzen  Stoff  wie  auch  die  Orientierung  innerhalb  der  einzelnen
Teile  durch  die  vorausgeschickten  Dispositionen  erleichtert  werden.
Zu  diesem  Zwecke  habe  ich  die  Inhaltsangabe  in  ein  von  der
gewöhnlichen  Form  etwas  abweichendes  Schema  gebracht,  und  das  nicht
nur  insofern,  als  der  Inhalt  der  einzelnen  Paragraphen  dort  sorgfältig ­
  disponiert  wurde,  sondern  auch  dadurch,  daß  die  Koordination
bzw.  Subordination  der  einzelnen  Punkte  wie  auch  der  Gedankenfortschritt ­
  des  Textes  durch  die  Einrückungen  und  Bezeichnungen  mit
Buchstaben  und  Ziffern,  welchen,  soweit  notwendig  oder  angängig,  gesperrt ­
  gedruckte  Stichworte  im  Texte  entsprechen,  möglichst  klar  zum
Ausdruck  kommen  sollte.
Aber  nicht  nur  als  Disposition  zur  Erleichterung  der  Übersicht
dient  eine  solche  Anlage  der  Inhaltsangabe,  nicht  nur  als  Grundriß
im  Aufbau  jedes  einzelnen  Paragraphen,  auch  nicht  nur  als  Ersatz  für
ein  alphabetisches  Register  zur  leichten  systematischen  Orientierung  in
den  großen  und  vielfältigen  hier  verarbeiteten  Wissensmaterien,  sondern
eine  solche  Kondensation  des  jeweiligen  zusammengehörigen  Stoffes  gibt
        <pb n="9" />
        IX

einen  Einblick  in  die  Struktur  des  in  Betracht  kommenden  Werdens
und  Gewordenseins  selbst.  Und  wenn  man  sich  einmal  darum  bemüht
hat,  die  Entwicklung  mehrerer  Gewerbe  in  solchen  kurzen  Formeln  zur
Darstellung  zu  bringen,  dann  ergibt  sich  der  Wert  solcher  Dispositionen
zur  Forschung  erst  in  seiner  wahren  praktischen  Bedeutung;  denn  dann
stellt  sich  heraus,  daß  jedes  Gewerbe  für  sich  eine  typische  Entwicklung,
einen  eigenen  ökonomischen  Charakter  besitzt,  daß  man  die  große  Menge
der  verschiedenen  Gewerbe  nicht,  wie  das  einer  häufig  geübten  Routine
entspricht,  nach  dem  gleichen  Modus  betrachten  und  behandeln  darf,
sondern  daß  jedes  Gewerbe  auf  Grund  der  seinem  ökonomischen  und
technischen  Wesen  immanenten  Eigenschaften  auch  eine  eigene  ökonomische
Individualität  besitzt.  Andererseits  aber  ergibt  sich  aus  einer  solchen
vergleichenden  Betrachtung  der  Gewerbe  die  Zusammengehörigkeit  gewisser ­
  Gewerbe  zu  größeren  ökonomischen  Familien,  es  ergibt  sich  also
der  Grundplan  zu  einer  speziellen  Gewerbepolitik.
Freilich,  die  Entwicklung  der  menschlichen  Wirtschaft  in  ihren  großen
Zügen  ist  in  einer  ungeheuren  Litteratur  untersucht  und  dargestellt,
wobei  trotzdem  eine  ganze  Reihe  prinzipieller  Fragen,  welche  häufig  am
Anfange  einer  Entwicklung  oder  am  Übergange  eines  wirtschaftlichen
Zustandes  in  einen  anderen  liegen,  zwar  nicht  die  Bearbeitung,  aber
der  einheitlichen  Lösung  harren.  Immerhin  ist  die  Wirtschaftsgeschichte
nach  allgemeiner  Anschauung  über  den  ersten  Zustand  hinaus  und  in
das  Stadium  der  Einzeluntersuchungen  eingetreten.  Auch  die  Darstellung ­
  der  Gewerbe  bewegt  sich  bereits  in  diesem  Fahrwasser,  Sinzheimer
  hat  eine  große  Zahl  spezieller,  hierauf  zugeschnittener  Monographieen
  vorgelegt,  das  übrige  noch  nicht  bearbeitete  Gebiet  hat  er  für
sich  einstweilen  in  Beschlag  genommen,  und  so  mag  eine  solche  Spezialuntersuchung ­
  zunächst  als  im  großen  Strome  der  Zeitanschauung  erscheinen. ­

In  einer  ganzen  Reihe  wesentlicher  Punkte  aber  ergeben  sich  beträchtliche ­
  Unterschiede  —  auch  in  der  von  Sinzheimer  herausgegebenen
Sammlung  ist  die  Lederindustrie  bearbeitet,  und  ein  auch  noch  so  oberflächlicher ­
  Vergleich  zwischen  jener  „Monographie"  und  der  vorliegenden
„Studie"  zeigt  diese  großen  Unterschiede  einerseits,  und  er  zeigt  anderseits ­
  wie  ungeheuer  viel  selbst  auf  den  schon  bearbeiteten  Gebieten  noch
zu  tun  ist,  so  daß  es  überflüssig  erscheinen  muß,  sogar  noch  nicht  beschriebene ­
  Gewerbe  von  weitem  her  zu  reservieren  —  zwischen  ähnlichen
Arbeiten  und  der  vorliegenden  Untersuchung.  Diese  sucht  vor  allen
Dingen  die  Gerberei  als  ein  allgemeines  Phänomen  der  menschlichen
Wirtschaft  aufzufassen  und  hier  in  vertiefter  historischer  und  ökonomischer
Betrachtung  ein  neues  Verständnis  für  das  Gewerbe  anzubahnen  und
zu  vermitteln.  Denn  das  Gewerbe,  welches  schon  seit  seinem  ersten
        <pb n="10" />
        ■

—  X  —

Auftreten  ein  fremdartiges  Gebilde  im  Organismus  der  Gesellschaft
dargestellt  hat,  welches  auch  heute  noch  einen  gewaltigen,  rätselvollen,
schwer  zu  gliedernden  Koloß  bildet,  und  welches  aus  diesen  Gründen
zu  fortwährenden  Problemen  Anlaß  gab  und  immer  noch  nach  allen
möglichen  Richtungen  in  seinen  Organisationen,  seinen  Konzentrationsformen, ­
  sozialer  Frage,  in  der  Kapitalbildung,  in  der  Lösung  technischer
Probleme,  in  den  Fragen  der  Besteuerung  und  des  Eigentumsrechtes,
in  der  Vorbereitung  für  das  Gewerbe  durch  Schulen  usw.  zu  stets  akuten
Problemen  Anlaß  gibt,  ist  seinem  Wesen  nach  eine  höhere,  in  Entwicklung ­
  begriffene  Ökonomie  des  Lebens,  welches  in  uns  in  eine  neue
Phase  seiner  wirtschaftlichen  Existenz  eingetreten  ist;  aber  was  in
unserem  Bewußtsein  lebt,  was  in  unserer  Vorstellung  lebendig  ist,  ist
häufig  nicht  die  Idee  des  Gewerbes  als  rein  ökonomischer  Kategorie,
sondern  der  Geist  verlassener  Entwicklungsformen,  und  ich  kann  mir
sehr  wohl  denken,  daß  einmal  vielleicht  sogar  eine  eigene  Disziplin,  gegründet ­
  auf  den  hier  in  unerschöpflichem  Reichtum  zur  Kombination
gelangenden  weiten  Wissensgebieten,  das  stärker  erwachte  Bedürfnis
nach  einem  eingehenderen  Wissen  und  einem  tieferen  Verständnis  zu
der  wirtschaftlichen  Erscheinung,  welche  wir  „Gewerbe"  nennen,  befriedigt, ­
  und  daß  auch  in  ihr  das  grandiose  Lied  vom  Gewerbe,  welches
immer  lauter  um  uns  tönt,  und  welches  im  modernen  Reiche  der
Schönen  Künste  schon  neue  schöpferische  Taten  zeugt,  einen  Widerhall
findet.  In  der  Entwicklung  zur  Produktionskonzentration,  zur  gesteigerten ­
  Leistungsfähigkeitsintensität,  zur  gesteigerten  Verwendung  der
dritten  räumlichen  Dimension  entstehen  zunächst  die  niederen  Formen
des  gewerblichen  Betriebes,  wo  an  einer  Unzahl  von  diskreten  Stellen
dieser  Entwicklungsprozeß  beginnt;  es  entwickeln  sich  die  Produktionsprinzipien, ­
  sie  wandern  und  verteilen  sich  über  die  Erde,  und  in  einer
großen  Menge  kleiner  Existenzen  setzen  sie  sich  fest,  von  hier  aus  eine
mannigfache  Nachfrage  erzeugend.  Langsam  leitet  sich  die  neue  Bewegung ­
  ein;  aber  dann,  in  letzter  Phase,  folgt  die  eminente  Konzentration; ­
  die  Lebensbedingungen  für  die  neue  Erscheinung  sind  geschaffen,
und  das  vieltausendfältige  ökonomisch-produktive  Leben  der  kleinen
Existenzen,  welche  dann  häufig  nur  noch  als  äußere  Vollzugsorgane
vorwiegend  distributiver  Funktionen  erscheinen,  flutet  zusammen  zu  einer
neuen,  höheren  Form  des  wirtschaftlichen  Seins.  Die  Entwicklung  zum
Handwerk,  zur  Manufaktur,  zur  Fabrik,  von  hier  zu  den  Konzentrationsformen, ­
  den  Kartellen,  Fusionen  usw.,  welche  so  lediglich  eine  noch
höhere  Daseinsform  des  Gewerbes  darstellen,  weiter  die  Entwicklung  zu
den  großen  nationalen  Arbeitsgemeinschaften,  den  modernen  Staaten,
endlich  zur  internationalen  Arbeitsteilung,  dann  die  Produktionskonzentration ­
  auf  dem  kleinsten  Raume  einerseits,  das  Hinausfühlen  mit  dem
        <pb n="11" />
        XI

Bedarf  und  mit  dem  Angebot  über  weite  Räume  andererseits,  der  hochentwickelte ­
  Markt,  die  moderne  Verkehrswirtschaft,  der  Kapitalismns,
die  steigende  Bevölkerungsdichtigkeit  und  Agglomeration,  die  modernen
Lohnformen,  die  ganze  Bewegung  des  Zinsfußes,  die  mehr  und  mehr
entwickelte  Technik  usw.,  das  alles  sind  lediglich  Stufen  und  Phasen
bzw.  bewirkende  Momente  und  treibende  Kräfte  im  Sinne  der  Entwicklung ­
  des  gleichen  Prinzipes,  um  welches  es  sich  hier  handelt.
Solche  und  andere  Gesichtspunkte,  welche  wegen  ihrer  großen
Mannigfaltigkeit  hier  unmöglich  alle  vorweggenommen  werden  können,
zur  Darstellung  zu  bringen,  ist  besonders  schwierig  bei  einer  Untersuchung, ­
  welche  sich  auf  die  Weißgerberei  zuspitzen  soll;  denn  einmal  —
und  das  gilt  gleichmäßig  für  alle  Untersuchungen  vorliegender  Art  —
müßen  in  langer  mühsamer  Analyse  die  kleinsten  Bausteine  und  Elemente ­
  aufgesucht,  müssen  sehr  große  Litteratur-  und  Quellenstrecken  durchwandert, ­
  muß  das  unbeschriebene  Leben  der  Jetztzeit,  soweit  es  dem
einzelnen  möglich  ist,  zum  Gegenstände  der  Beobachtung  und  induktiven
Untersuchung  gemacht  werden;  und  über  dieser  zeitraubenden  Detailarbeit ­
  darf  niemals  die  Idee  zur  großen  Synthese,  die  Komposition  zu
fortschreitenden  Entwicklungreihen,  die  Verarbeitung  zu  technisch-ökonomischen ­
  Bildern  von  allgemeinerem  Werte  und  der  Zusammenhang
innerhalb  des  ganzen  hierhergehörigen  Erscheinungskomplexes  übersehen ­
  oder  vergessen  werden.  Die  Schwierigkeiten  sind  oft  außerordentliche, ­
  der  noch  nicht  in  dieser  Richtung  bearbeitete  Stoff  ist  spröde,  und
die  meisten  Quellen  sind  dieser  Betrachtungsart  gar  nicht  zugänglich
gemacht.  Alle  diese  Schwierigkeiten  nun  mehren  sich  noch  bei  dem
speziellen  hier  vorliegenden  Thema;  denn  der  Hauptstamm,  welcher  sich,
freilich  nicht  gleich  von  Anfang  an,  sondern  erst  ziemlich  spät  und  auf
eigentümliche  Weise  aus  dem  krausen  und  bunt  verwirrten  Geflecht  der
primitiven  Fellarbeit  mächtiger  und  zielbewußter  als  die  anderen  entwickelt ­
  hat,  ist  die  vegetabilische  Gerbung.  Sie  hat  in  ihrer  Grundidee ­
  wahrscheinlich  schon  den  Anlaß  zur  Entdeckung  der  Weißgerberei
mit  enthalten,  sie  ist  zu  allen  Zeiten  der  mächtig  aufstrebende
Sproß,  aus  dem  die  späteren  Formen  der  'Gerberei  sich  entwickeln,  mit
dem  sie  immer  in  enger  Fühlung  bleiben,  und  aus  dessen  Ideenreichtum ­
  und  Anschauungsweise  sie  zu  allen  Zeiten  und  in  allen  Phasen
ihrer  Entwicklung  neue  Lebenskraft  schöpfen.  Daher  war  es  zwecks
Durchführung  der  vorliegenden  Arbeit  nötig,  immer  auch  die  Entstehung,
die  Entwicklung  und  das  Werden  der  vegetabilischen  Gerbung  mit  im
Auge  zu  behalten,  eine  Aufgabe,  welche  um  so  schwieriger  und  zeitraubender
gewesen  ist,  als  auch  dieser  Hauptstamm  der  ganzen  Lederindustrie,  wie
eben  überhaupt  noch  kein  Industriezweig,  in  der  hier  versuchten  Weise
dargestellt  worden  ist.  Bei  der  hier  skizzierten  Problemstellung  ist  die
        <pb n="12" />
        XII

Aufgabe  die,  die  Gerberei  und  insbesondere  die  Weißgerberei  durch  alle
möglichen  wirtschaftlichen,  sozialen,  wirtschaftspolitischen,  rein  historischen
Phasen  hindurch  zu  verfolgen,  ihr  Gebaren  unter  diesen  verschiedenartigen ­
  Einflüssen  zu  beachten,  und  zu  studieren,  wie  die  großen  Agentien
und  Repressalien  der  Weltgeschichte  ihren  technischen,  sozialen,  wirtschastspolitischen
  Zustand  modulieren.
Eine  solche  Arbeit  hat  regelmäßig  damit  zu  beginnen,  daß  man
sich  in  die  bereits  vorhandene  Litteratur  einlieft;  aber  schon  hier  erhebt
sich  die  Frage  nach  den  Grenzen  der  einschlägigen  Litteratur.  Es  wurde
bereits  darauf  hingewiesen,  wie  sich  der  Umfang  des  scheinbar  eng  umschriebenen ­
  Themas  bei  genauer  Untersuchung  weitet,  und  damit  wächst
dann  auch  die  Litteratur;  und  beim  Suchen  nach  Litteratur  ergibt  sich
sehr  bald,  daß  speziellere  Studien  fehlen;  so  befand  ich  mich  mit  einem
Schlage  der  ungeheuren  Aufgabe  gegenüber,  den  ganzen  hierhergehörigen
Erscheinungskreis  durchzustudieren,  durch  die  ganze  Hochflut  der
modernen  Handbücher  technischen  und  wirtschaftlichen  Inhalts,  und
dabei  stellte  sich  erstens  heraus,  daß  allerdings  in  diesem  weiten  Kreise
des  Guten  bereits  vielleicht  zu  viel  geschrieben  worden  sei,  daß  aber
trotz  des  großen  Litteraturumfanges  nur  wenig  Brauchbares  für  das
hier  in  Betracht  kommende  Thema  sich  ergibt.  Weiter  stellte  sich  beim
Studium  der  Litteratur  heraus,  daß  zwar  der  Stoff  jeder  Epoche  in
sich  homogen  erscheint,  daß  aber,  aus  je  weiter  zurückliegenden  Zeiten
man  die  Litteratur  heranzieht,  um  so  weniger  die  moderne  Litteratur
jene  weiter  zurückliegenden  Verhältnisse  würdigt  und  kennt.  Zwar  wird
eine  geschichtliche  Einleitung,  so  kurz  sie  auch  sei,  in  modernen  wirtschaftlichen ­
  Abhandlungen  gewerbepolitischen  Inhalts  fast  allgemein  für
nötig  erachtet,  aber  solche  Darstellungen  sind  zu  kurz  und  ihr  Inhalt
ist  vielfach  unrichtig.
An  solchen  Abhandlungen  für  dieses  Thema  —  allerdings ­
  auch  wieder  nicht  Weißgerberei,  sondern  Lederindustrie  im  allgemeinen ­
  bzw.  Rot-  und  Chromgerberei  —  kommen  in  Betracht  Jörissen
1909  und  die  Sinzheimer-Monographie  von  Trier  1909.  Die  kurzen
historischen  Erörterungen  von  Triers  sind  ungenügend;  mehr  über  Weißgerberei ­
  sollte  man  in  Jörissens  Schrift *  2 )  erwarten,  welche  er  selbst  an
anderer  Stelle^)  als  „sein  grundlegendes  Werk"  bezeichnet;  allein  schon
die  Zahl  wichtiger  Abbildungen,  besonders  im  geschichtlichen  Teile,  ist
nicht  erschöpfend,  und  eine  ganze  Reihe  wichtiger  nationalökonomischer
Punkte  sind  zu  kurz  behandelt  oder  überhaupt  unberücksichtigt  geblieben,
so  daß  dieses  Buch  schon  nach  Abbildungen  und  Format  mehr  den

’)  Trier  1909,  S.  8ff.;  Sinzheimer  Monographieen.
2 )  Jörissen  1909.  3 )  Jörissen  1911,  S.  8.
        <pb n="13" />
        XIII

Charakter  eines  Prachtbandes  als  den  einer  wissenschaftlichen  Abhandlung ­
  trägt;  die  benutzte  Litteratur  ist  offenbar  viel  zu  klein,  und  bei
Trier  und  Jörissen  vermißt  man  den  fast  völligen  Mangel  von  Litteraturhinweisen; ­
  bei  Letzterem  sind  selbst  die  abgedruckten  Abbildungen
ohne  Hinweis.  Auch  Jörissen  1911  hütet  sich  beinahe  ängstlich  vor
einem  Eingehen  in  die  Verhältnisse  der  WeißgerbereU).
Betrachten  wir  im  Anschluß  an  diese  wenigen  Abhandlungen  speziellsten ­
  Inhalts  die  für  eine  solche  Untersuchung  in  Betracht  kommenden
Quellen.
Für  die  Entwicklung  der  letzten  hundert  Jahre  etwa  pflegt  derartigen ­
  Untersuchungen  die  Statistik  mit  exakten  Daten  an  die  Hand
zu  gehen.  Daher  kommt  es,  daß  unsere  gewerbepolitischen  Untersuchungen
welche  eben  durch  die  moderne  Statistik  so  sehr  erleichert  sind,  gewöhnlich
ebenso  gut  unter  dem  Titel  einer  statistique  resumee  begriffen  werden
können;  die  weitere  Folge  ist,  daß  sie  erstens  historisch  nicht  mehr  vertieft ­
  sind,  als  die  Statistik  zurückreicht,  und  daß  zweitens  die  kleinste
Einheit  der  amtlichen  Statistik  gleichzeitig  auch  das  sachlich  kleinste  Thema
solcher  Untersuchungen  abzugeben  pflegt.  Daraus  auch  ergibt  sich  die
merkwürdige  Folgerung,  daß  bei  der  Untersuchung  noch  kleinerer  Rubriken
als  sie  die  amtliche  Statistik  kennt,  dennoch  die  Zahlen  dieser  Statistik
zur  Illustrierung  herangezogen  werden.  Um  das  konkret  zu  exemplifizieren: ­
  Die  Arbeit  von  Trier  über  die  deutsche  Lederindustrie  behandelt ­
  in  Wirklichkeit^)  nur  die  vegetabilische  und  die  Chromgerberei
unter  bewußter  Ausscheidung  aller  anderen  Zweige  der  Gerberei,  und
sie  zieht  stets  die  Zahlen  der  amtlichen  Statistik  heran,  deren  kleinste
Einheit  der  Begriff  „Gerberei»  ist,  während  für  noch  kleinere  Abteilungen,
wie  „vegetabilische  Gerberei»,  „Chromgerberei»,  keine  Zahlen  mehr
vorhanden  sind.  Auf  die  Unrichtigkeit  einer  solchen  Verwendung  der
Zahlen  braucht  hier  nicht  eigens  hingewiesen  zu  werden;  dagegen
müssen  wir  uns  bewußt  sein,  daß  wir  uns  bei  einer  Untersuchung'über
Weißgerberei  in  Tiefen  begeben,  in  welchen  wir  von  vorneherein  auf
die  Anwendung  der  amtlichen  Statistik  verzichtet  haben;  denn  auch  die
Zahlen  der  Statistik  des  auswärtigen  Handels  sind  nach  anderen,  hier
nicht  brauchbaren  Gesichtspunkten  gruppiert^).
Dagegen  haben  wir  als  statistische  Quellen  —  freilich  nicht  von
der  großen  Einheitlichkeit  und  Zuverlässigkeit  des  amtlichen  Materials  —
an  der  Hand:  für  das  Mittelalter  die  Meist  erbü  cher  und  gelegentliche ­
  Angaben  in  Gewerbeakten,  für  moderne  Verhältnisse  die  in
parteipolitischem  Interesse  erhobenen  Zahlen  von  Zweckverbänden  der

9  Jörissen  1911,  S.  9;  vgl.  z.  B.  was  hier  über  Frankreich  gesagt  ist.
9  Trier  1909,  S.  3.  3 )  Vgl.  auch  S.  302.
        <pb n="14" />
        XIV

Unternehmer  und  der  Arbeiter.  Allein  bei  der  Verwendung  der  von
den  modernen  Zweckverbänden  erhobenen  Zahlen  ergeben  sich  wiederum
bedeutende  Schwierigkeiten;  denn  während  die  zünftlerischen  Gewerbebeschränkungen ­
  in  Verbindung  mit  den  „Großen  Handwerken"  eine  gewisse ­
  Einheitlichkeit  der  Fabrikation  in  bezug  auf  verwendeten  Rohstoff,
auf  Herstellungsweise  *)  und  auf  fertiges  Produkt,  und  damit  auch  eine
gewisse  Vergleichbarkeit  der  in  den  lokalen  und  Selbstverwaltungskörpern ­
  erzeugten  Statistiken  gewährleisteten,  fehlt  eine  solche  Einheitlichkeit ­
  und  Vergleichbarkeit  in  den  Statt  st  iken  der  modernen  Zweckverbände, ­
  welche  letztere  unter  dem  Zeichen  der  Gewerbefreiheit  entstanden ­
  sind.  So  sind  im  Zentralverband  der  Lederarbeiter  und  -arbeiterinnen
  Deutschlands^)  die  Weißgerber  zusammengefaßt  mit  den  Lederfärbern, ­
  und  im  Verwaltungsbericht  der  Lederindustrieberufsgenossenschaft^)
gehören  die  Weißgerbereien,  je  nach  ihrer  Ausstattung  mit  Handbetrieb
oder  mit  Motorenbetrieb,  zu  den  Gefahrenklassen  F.  bzw.  K,  und  neben
ihnen  sind  in  diesen  Gefahrenklassen  noch  alle  anderen  Leder  herstellenden ­
  Betriebe  enthalten;  auch  ein  Versuch,  aus  dem  Adreßbuch  der
Lederindustrie  „Schuh  und  Leder"Z  eine  Statistik  zu  gewinnen,  führt
nicht  zum  Ziele;  denn  alles,  was  sich  hier  finden  läßt,  ist  eventuell  die
Zahl  der  Betriebe,  aber  ohne  weitere  Details,  wie  Zahl  der  beschäftigten
Arbeiter,  Zahl  und  Art  vorhandener  Maschinen,  Leistungsfähigkeit  usw.
Neben  der  bisher  angedeuteten  Litteratur  liefert  weiteres  Material,
allerdings  ebenfalls  nur  von  bedingter  Zuverlässigkeit,  das  große  Heer
der  modernen  Zeitschriften.
Für  weiter  zurückliegende  Perioden  dieses  Jahrhunderts  kommen
zunächst  in  Betracht  Gewerbeakten  und  Gewerbekonzessionen
usw.,  welche  meist  noch  in  den  Archiven  der  Magistrate  der  Städte  vorhanden ­
  sind.
Daran  schließen  sich  dann  an  die  Gewerbeakten,  Zunftbriefe,
Urkunden,  Rollen  und  Akten  des  späteren  Mittelalters,  ein  enormes
Aktenmaterial,  welches  bereits  in  die  Kreis-  bzw.  Staatsarchive  abgegeben ­
  ist.
Einen  weiteren  und  ohne  Zweifel  großen  Schatz  für  gewerbehistorische ­
  und  gewerbepolitische  Untersuchungen  enthalten  die  in  dickleibigen ­
  Urkundenbüchern  gesammelten  Urkunden  älterer  Zeit,  aber
diese  großen  Sammlungen  sind  fast  alle  für  spezielle  wirtschaftsgeschichtliche ­
  Untersuchungen  nicht  zugänglich  gemacht,  geschweige  denn  für  solche
gewerblicher  Natur,  da  sie  wohl  meist  mit  einem  eingehenden  Personenund
  Ortsregister  versehen  sind,  während  eine  Zusammenstellung  nach
sachlichen  Gesichtspunkten  vollständig  fehlt.
i)  Vgl.  bes.  S.  250  ff.  i)  2 )  Siehe  dessen  Jahresberichte.
3 )  Lederindustrieberufsgen.  *)  Schuh  und  Leder.
        <pb n="15" />
        XV

Endlich  findet  sich  Material  in  der  bereits  oben  angeführten  großen,
hier  irgendwie  einschlägigen  Litteratur  aller  Zeilen,  sei  es,  daß  sie  verarbeitet ­
  ist,  sei  es,  daß  sie  der  Urform  vorliegt.
Gehen  wir  nun  von  der  Litteratur  wirtschaftlicher  Natur  über  zu
der  Litteratur  mehr  technischen  Inhalts,  sogelangen  wir  auf
das  Gebiet  der  Chemie  und  chemischen  Technologie  einerseits,  der
Maschinentechnik  andererseits.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  in  den  modernen ­
  speziellen,  großen,  hier  in  Betracht  kommenden  Handbüchern
der  chemischen  Technologie  alle  Zweige  der  Gerberei,  und  somit  auch
die  moderne  Weißgerberei,  eine  entsprechende  Behandlung  erfahren.  Nur
sind  alle  diese  Darstellungen,  ganz  im  Sinne  der  modernen  Naturwissenschaft ­
  und  mit  Rücksicht  auf  ihren  modernen  wissenschaftlichen  und
technischen  Zweck,  vollkommen  unhistorisch.  Dagegen  enthalten  allgemeinere
Lehr-  und  Handbücher  der  Chemie  und  auch  der  modernen  Technik,  so
merkwürdig  das  klingen  mag,  über  Gerberei  überhaupt  nichts  oder  fast
nichts.  Auf  die  eigentümliche  Stellung  der  Gerberei,  welche  durch  diese
Tatsache  hier  genugsam  charakterisiert  sein  mag,  werden  wir  an  anderer
Stelle  zurückkommen.  Aber  nicht  nur  das.  Selbst  die  mehrbändige
Geschichte  der  Chemie  von  Kopp  *)  verzichtet  vollkommen  auf  eine  Darstellung ­
  der  Entwicklung  der  Gerbetheorieen,  und  auch  die  moderne
Geschichte  der  Chemie  von  Ernst  v.  Meyer  1905  und  andere  lassen
sich  an  keiner  Stelle  auf  die  Fortschritte  der  Gerberei  ein.  Daraus
ergibt  sich,  daß  man  zum  Studium  der  technischen  Verhältnisse,  seien
es  theoretische  Anschauungen,  seien  es  Gerbemethoden,  einzelne  Verfahren,
Verbesserungen,  seien  es  Maschinen  usw.,  dann  vor  allen  Dingen  auch
zur  Erkennung  des  Fortschritts  und  der  Entwicklung  immer  wieder  der
großen  Aufgabe  gegenübergestellt  wird,  die  irgendwie  hier  einschlägige
Litteratur  durchzustudieren.  Für  das  Studium  der  Verhältnisse  in
den  letzten  40—50  Jahren  eröffnet  sich  eine  weitere  große  Litteratur
auch  für  diese  Gebiete  in  den  Zeitschriften.
So  umfangreich  nun  auch  diese  große,  soeben  besprochene  Litteratur
sich  erweist,  so  ist  sie  dennoch  nicht  imstande,  ein  erschöpfendes,  lebensvolles ­
  Bild  der  hier  untersuchten  Vorgänge  und  Zustände  zu  geben,
und  deshalb  bildet  die  wirkliche  Grundlage  für  alle  derartigen  Untersuchungen ­
  eine  möglichst  ausgedehnte  und  fleißige  eigene  Beobachtung.
Aus  diesem  Grunde  habe  ich  durch  Korrespondenz  mit  den  Organisationen ­
  der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  mit  einzelnen  Fabriken  und
Unternehmern  und  durch  Rücksprache  an  Ort  und  Stelle  in  Großbetrieben ­
  und  kleinen  Werkstätten  die  gewonnenen  Ergebnisse  zu  prüfen
und  neue  zu  gewinnen  mich  bemüht;  soweit  mir  dies  möglich  war,  habe
ich  endlich  durch  Augenschein  in  Städten  und  Dörfern,  in  Großi)

  Kopp  1843.
        <pb n="16" />
        XVI

betrieben  der  modernen  Verkehrswirtschaft  und  bei  kleinen  Meistern  fern
von  allem  Bedingtsein  des  modernen  Lebens  mir  ein  Bild  von  den
Verhältnissen  der  scheidenden  Zeit  wie  auch  großstiliger  Bedarfsdeckung
zu  machen  gesucht.
Aus  all  dem  Angeführten  ergibt  sich,  daß  das  Material  zu  der
vorliegenden  Arbeit  außerordentlich  zerstreut  ist,  und  daß  zur  Gewinnung
dieses  Materials  eine  sehr  große  Litteratur  durchgesehen  werden  mußte.
Die  von  mir  benutzten  Akten  usw.  habe  ich  nicht  in  einem  besonderen
Teile  abgedruckt.  Es  ist  dies  ja  für  Untersuchungen  vorwiegend  historischen ­
  Charakters  häufig  üblich,  es  würde  aber  bei  den  großen  hier
durchmessenen  Zeiträumen  und  bei  den  außerordentlich  vielen  verschiedenen ­
  Gesichtspunkten,  unter  welchen  dieses  Thema  betrachtet  werden
mußte,  die  Herausgabe  eines  eigenen  großen  Bandes  „Quellenmaterial"
notwendig  gemacht  haben,  was  weit  über  den  üblichen  Umfang  einer
solchen  Studie  hinausreicht.  Ich  habe  deshalb  ein  Littcraturverzeichnis
der  wichtigsten  benutzten  und  zitierten  Werke  beigegeben,  wo  alle  benutzten ­
  Quellen  aufgenommen  sind,  und  zwar  letztere  in  der  Art.  daß
ich  bei  ihnen  sowohl  den  Namen  der  Archive,  Magistrate  usw.,  wo  sie
verwahrt  werden,  angab,  als  auch  die  genaue  Signatur,  unter  welcher
sie  verwahrt  werden,  so  daß  alle  von  mir  benutzten  Quellen  mit  Hilfe
dieses  Verzeichnisses  leicht  zugänglich  erscheinen  Z.
An  dieser  Stelle  habe  ich  meinen  Tank  auszusprechen  allen  denen,
welche  mich  bei  dieser  Arbeit  mit  Rat  und  Tat  und  durch  die  Überlassung ­
  von  Büchern  und  Akten  unterstützt  haben.
Hier  kommen  vor  allem  in  Betracht  eine  Reihe  von  Bibliotheken,
von  welchen  ich  das  große  Büchermaterial  bezogen  habe,  nämlich  die
Kgl.  Regierungsbibliothek  Ansbach,  die  Kgl.  Bibliothek  in  Berlin,
die  Kgl.  und  Universitätsbibliothek  Breslau,  die  Gerberschule  Freiberg, ­
  die  Universitätsbibliothek  Königsberg,  die  Stadtbibliothek
Leipzig,  die  Universitätsbibliothek  Leipzig,  die  Kgl.  Bayer.  Hofund
  Staatsbibliothek  München,  das  Germanische  Museum  Nürnberg,
die  Kgl.  Universitätsbibliothek  Würz  bürg.
Weiter  habe  ich  meinen  Dank  auszusprechen  all  den  Archiven,
welche  mir  ihr  Aktenmaterial  zur  Verfügung  gestellt  oder  mich  durch
Auskünfte  unterstützt  haben.  Bei  den  meisten  Archiven  habe  ich  schon
deswegen,  weil  manche  Akten  nicht  versandt  werden  oder  nicht  versandtfähig ­
  sind,  die  Akten  an  Ort  und  Stelle  eingesehen.  Andere  Archive
weigerten  sich,  die  Akten  an  die  Kgl.  Regierungsbibliothek  Ansbach  zu
übersenden,  da  die  Kgl.  Regierung  Ansbach  eine  Haftung  für  diese
Akten  nicht  übernehmen  zu  können  glaubte.  Die  wenigen  Akten,  welche

l )  Siehe  die  Vorbemerkung  auf  S.  387.
        <pb n="17" />
        r

—  XVII  —

ich  mir  daher  von  auswärts  kommen  ließ,  habe  ich  mit  Erlaubnis
Sr.  Exzellenz  Herrn  Regierungspräsidenten  Dr.  v.  Bla  ul,  dem  ich
an  dieser  Stelle  für  sein  Entgegenkommen  zu  danken  habe,  in  der
Registratur  der  Kgl.  Regierung  Ansbach  eingesehen.  Die  Archive,  welchen
ich  für  die  Vorlegung  von  Akten  usw.  zu  danken  habe,  sind  die
folgenden:  Stadtarchiv  Aachen,  Kgl.  Kreisarchiv  A  m  b  e  r  g,  Stadtarchiv
Augsburg.  Archiv  der  freien  Hansastadt  Bremen,  Historisches
Archiv  Köln  Kgl.  Staatsarchiv  Danzig,  Staatsarchiv  der  freien
und  Hansastadt  Hamburg,  Kgl.  Staatsarchiv  Königsberg  Stadtarchiv
  Königsberg.  Staatsarchiv  Lübeck,  Stadtarchiv  und'Bibliothek
  Magdeburg,  Kgl.  Allgemeines  Reichsarchiv  München,
Germanisches  Museum  Nürnberg,  Kgl.  Bayer.  Kreisarchiv  Nürnberg, ­
  Kgl.  Kreisarchiv  der  Pfalz  Speier,  Archiv  der  Stadt  Straßburg. ­
  Bezirksarchlv  des  Unterelsaß  Straßburg.  Archiv  der  Stadt
Worms,  Kgl.  Kreisarchiv  Würzburg
Sbms-lls  »»ist  für  di.  Erlaubnis  zum  Studium  ihrer  Wien  on
Dtl  und  Stelle  otw  fnt  Aus!-»,,,  und  Üb-rfendung  von  Akten  hab.
ich  z»  danke»  de»  Magistraten  in  Markt  Berget.  Burgbei»,
heim.  Kadaliburg  Dinkel-bühl.  Efchenbach,  Gunzen.
«°uI-"'K"ch»°&amp;gt;»'d.Nt-d.„-nfitz.L-ug.»,  .„».Memmingen,
München.  Nnrnb.rg,  Rath.nbnrg,  Uffenheim.  Waffer.
trudingen,  Weißenburg,  Würzburg.
Während  das  Entgegenkommen  der  Magistrate  bei  der  Vorlegung
ihrer  Akten  für  solche  Untersuchungen  im  allgemeinen  noch  ein  großes
genannt  werden  kann,  wenngleich  auch  schon  hier  Zurückhaltung  aus
Vorsicht  bei  den  größeren,  Unwille  und  Ungeneigtheit  aus  Verständnislosigkeit ­
  bei  den  kleineren  sich  manchmal  bemerkbar  macht,  ändert  sich
das  Bild  noch  mehr  im  Sinne  dieser  Richtungen,  wenn  man  von  den
amtlichen  Stellen  und  Verwaltungsbehörden  sich  nunmehr  zu  den  Gewerben ­
  selbst  und  den  Organisationen  sowie  zu  den  Zeitschriften  wendet.
Hier  wird  mancher  Brief  abgesandt,  welcher  überhaupt  unbeantwortet
bleibt;  viele  Fragen,  schriftlich  oder  mündlich  angebracht,  erhalten  keine
Antwort;  viele  größere  Unternehmer  halten  in  kluger  Prophylaxis  gegen  die
gewerbliche  Spionage  im  Konkurrenzkampf  ihre  Türen  für  jeden  fremden
Be,uch  verschlossen,  und  manche  kleine  Meister,  welche  im  Ringen
zwischen  Handwerk  und  Großindustrie  unterlegen  sind,  bringen  ihre
Erbitterung  über  ihre  technische  und  damit  materielle  und  soziale  Niederlage ­
  darin  zum  Ausdruck,  daß  sie  jede  Auskunft,  wie  auch  den  Zutritt
zur  Stätte  ihrer  Niederlage,  wie  sie  dies  auffassen,  nämlich  zu  ihrer
Werkstatt,  verweigern.
Unter  solchen  Verhältnissen  fühle  ich  mich  um  so  mehr  gedrängt,
allen  denen  aus  dem  eben  erwähnten  Kreise,  welche  mich  bei  meinen
ii
        <pb n="18" />
        XVIII

zeitraubenden  und  kostspieligen  Privatuntersuchungen  mit  Rat  und  Tat
unterstützt  haben,  meinen  ergebensten  Dank  auszudrücken.
An  Vereinen  und  Zweckverbänden  sind  hier  zu  erwähnen  die
Gerberinnung  zu  Kirchhain,  Redaktion  und  Verlag  der  Lederarbeiterzeitung, ­
  dieLederindustrieberufsgenossenschaft;
der  Vereinssekretär  des  Vereins  der  Glace-  und  Weißlederindustriellen
Deutschlands,  Dr.  Feitelberg  in  Berlin,  hat  mir  erst  nach  mehrmaliger
Aufforderung  durch  den  Vereinsvorstand  und  nach  mehreren  unbeantworteten ­
  Briefen  meinerseits  eine  äußerst  kurze  Auskunft  zugehen
lassen,  so  daß  ich  auf  eingehende  Darlegung  von  dieser  Seite  verzichten
mußte.
An  Fabriken  sind  zu  nennen  die  Badische  Maschinenfabrik
Durlach  in  Baden,  die  Glaceledersabrik  zuHeidingsfeld  bei  Würzburg, ­
  die  Maschinenfabrik  Moenus  zu  Frankfurt  am  Main,  The
Turner  Compagny  zu  Frankfurt  am  Main  und  die  Lederfabrik
Walther  zu  Langenzenn,  welch  letzterer  ich  auch  einen  interessanten
Plan  zu  einer  alten  Walk-  und  Lohmühle  zu  Langenzenn  verdanke.
Weiter  habe  ich  an  dieser  Stelle  zu  danken  allen  übrigen  Fabriken
und  Werkmeistern,  welche  mir  Führer  gewesen,  sowie  den  vielen
kleinen  Meistern  „in  denen  Märckten  und  Städtlein",  bei  denen
ich  vorsprach  und  welche  mich  freundlich  aufgenommen  haben.
Endlich  fühle  ich  mich  noch  gedrängt,  namentlich  und  ganz  besonders ­
  meinen  Dank  auszusprechen:  Frl.  Johanna  Bauer  für  die
Unterstützung  beim  Lesen  einiger  älterer  italienischer  Schriften,  Herrn
Registrator  Diel  in  Würzburg  für  die  große  Mühe  und  Liebenswürdigkeit, ­
  mit  welcher  er  mir  einige  ältere  und  neuere  Gewerbeakten
zusammengesucht  hat,  meiner  Braut  Frl.  Gabriele  Doder!ein  für
ihre  Unterstützung  bei  mühsamen  und  zeitraubenden  Zeltelarbeiten,  beim
Lesen  italienischer  Schriften,  sowie  bei  der  Durchsicht  der  Korrekturbogen, ­
  Herrn  Kreisarchivassessor  Dr.  Fürst  für  seine  liebenswürdigen
Unterstützungen  während  meiner  Studien  am  Kreisarchiv  Nürnberg,
Herrn  Prof.  Dr.  Hühnlein,  Direktor  der  Gerberschule  in  Freiberg
für  die  liebenswürdige  Überlassung  seines  Zettelkatalogs,  wodurch  er  mir
die  Durchsicht  der  Zeitschriften  in  der  Freiberger  Bibliothek  wesentlich
erleichterte,  Herrn  Dr.  Handwerker  und  Dr.  Leimeister  in  Würzburg ­
  für  ihre  Beihilfe  bei  der  Beschaffung  des  großen  Büchermaterials,
Herrn  Bürgermeister  Henzolt  in  Gunzenhausen  für  seine  Angaben
über  ältere  Gewerbsverhältnisse  in  Gunzenhausen,  Herrn  Archivrat
Mummenhoff  in  Nürnberg,  Herrn  Carl  Pauligk,  Obermeister
der  Gerberinnung  in  Kirchhain  für  seine  wertvollen  Angaben  wie
auch  für  seine  Bemühungen,  mir  zu  mancher  Fabrik  und  zu  manchem
kleinen  Meister  Zutritt  zu  verschaffen,  Herrn  Prof.  Dr.  Radlkofer
        <pb n="19" />
        XIX

II*

in  München  wegen  Übersendung  seiner  Arbeit  über  die  Tonerdekörper
in  Pflanzenzellen,  Herrn  Geh.  Archivrat  Rieder  in  München  wegen
Übersendung  einiger  Weißenburger  Akten,  Herrn  Konservator  am  Germanischen ­
  Museum  Dr.  Traugott  Schulz  für  die  liebenswürdige  Überlassung ­
  beträchtlichen  Quellenmaterials  für  die  Nürnberger  Jrherstraße,
endlich  Herrn  Antiquar  Christian  W  o  h  l  b  o  l  t  in  Nürnberg,  welcher
mir  den  in  seinem  Besitze  befindlichen  Zunftpokal  in  liebenswürdiger
Weise  gezeigt  hat.
Herzlichsten  Dank  aber  schulde  ich  vor  allen  anderen  meinen
teuren  Eltern,  welche  mir  während  dieser  äußerst  langwierigen,  mühsamen ­
  und  sehr  kostspieligen  Arbeit  mit  allen  ihnen  zur  Verfügung
stehenden  Mitteln  reichlichst  an  der  Seite  gestanden  haben.
Es  ist  mir  eine  angenehme  Pflicht,  meinem  verehrten  Lehrer  Herrn
Reichsrat  und  Geh.  Hofrat  Prof.  Di-.  Georg  von  Schanz  für  das
mir  entgegengebrachte  Interesse  meinen  ergebenen  Dank  auszusprechen.
        <pb n="20" />
        ...

Inhaltsangabe

1.  Teil.
y  Die  Rohstoffe.
1.  Kapitel.
Die  Objekte  dcS  Gerbcprozeffcs.
§  1.  Allgemeine  Theorie  der  Objekte  des  Gerbeprozesses.

Seite
Einleitung  1
I.  Die  Entstehung  der  Elemente  der  Haut  2
A.  Die  Keimblätter  und  ihre  Bedeutung  2
B.  Epidermis  und  Epidermoidalprodukte  2—4
1.  Entstehung  und  Aufgabe  der  Epithelien  2
2.  Histologischer  Charakter  der  Verhornung  2—3
3.  Chemische  Natur  der  Epidermoidalprodukte  3—4
4.  Schicksal  der  Epidermoidalprodukte  beim  Gerben  4
II.  Bindegewebe  und  Mesodermalprodukte  4—10
1.  Entstehung  und  Aufgabe  der  Bindegewebe  4—5
2.  Histologischer  Charakter  und  physikalische  Eigenschaften  ...  b
3.  Wirtschaftlich  wichtige  Vorkommen  von  Bindegeweben  .  .  .  b—8
a)  in  der  Darmwand  5—7
b)  als  Bänder  und  Sehnen  7—8
c)  als  Lederhaut  8—9
1)  vergleichend  anatomische  Betrachtung  8—9
2)  Lagebeziehung  8—9
d)  Höhere  Gewebsformen  des  Bindegewebes  9
e)  Chemische  Natur  der  höheren  Bindesubstanzen  9—10
III.  Zusammenfassung  10—11
§  2.  Die  Wirbeltierhaut  als  Objekt  des  Gerbeprozesses.
Überleitung  11
I.  Fische  11—13
A.  Eigenschaften  der  Fischhaut  11
B.  Verwendung  der  Fischhaut  11—13
1.  auf  Grund  ihres  Bindegewebes  11—12
2.  auf  Grund  ihrer  Ossifikationen  12—13
        <pb n="21" />
        XXI

Seite

II.  Amphibien  13
III.  Reptilien  .13
IV.  Vögel  13-14
A.  Eigenschaften  der  Vogelhaut  13
B.  Verwendung  der  Vogelhaut  14
V.  Säugetiere  14—33
A.  Allgemeine  Erörterung  14—17
1.  Behaarung  und  Konsequenzen  14—15
2.  Balg,  Haut,  Fell,  Narben,  Aasseite  15—16
B.  Spezielle  Wirbeltiergattungen  17—34
1.  Bei  Völkern  auf  niedrigen  Stufen  der  Verkehrswtrtschast  .  .  17—19
2.  Rot-,  Hoch-,  Schwarzwild  usw.  als  Übergangsformen  .  .  .  19—20
3.  Haustiere  20—34
a)  Pferde  20—23
b)  Esel,  Maultiere  23
c)  Rindshäute  23—24
(1)  Kalbfelle  24—26
e)  Schaffelle  25—29
f)  Ziegen  29—31
g)  Schweine  31—32
b)  Hunde  32
i)  Katzen  ’  32—33
k)  Kaninchen  und  Hasen  33
l)  Ratten  .  .33
m)  Verschiedene  33—34
VI.  Beispiele  und  Statistik,  Häuteprovenienz  34—35
VII.  Verschiedenheiten  der  Haut  36—42
A -  Alter  .  .  '  36—37
B.  Geschlecht  ...  37
C.  Farbe  37
B.  Provenienz  37  40
1.  Zahmhaut  und  Wildhaut  37—38
2.  Klima  .  .  .  38—39
3.  Haarkleid  39
4.  Futterstoffe  39
5-  Rasse  39—40
6.  Kletten,  Stacheldraht  usw  40
7-  Krankheiten,  Parasiten  40
8.  Brandmale  40
9.  Konservierungsmittel  40
E.  Abdeckerleder  .  .  41
F.  Einzelne  Teile  der  Haut  41—42
§  3.  Die  Konservierung  der  Haut.
I.  Bedeutung  der  Konservierung  42—43
II.  Die  Methoden  der  Konservierung  .  ^  43—46
A.  Entziehung  von  Wasser.  Trocknen  43—44
B.  Antiseptische  Mittel  44—46
        <pb n="22" />
        XXII

Seite

1.  Salz  44—46
2.  Pickeln  46
3.  Räuchern  46
4.  Belegte  Kipse  46
5.  Arsenikkipse  46
6.  Halbgare  Felle  46
C.  Kühlung  46
III.  Milzbrandproblem  in  Verbindung  mit  dem  Konservierungsproblem  .  46—47
2.  Kapitel.
Die  Gerbstoffe.
Z  4.  Alaun.
I.  Alaun  ini  Altertum  48—60
A.  Die  Substanz  des  alumen  48—49
B.  Gewinnung  49
C.  Verwendung  49
B.  Fundort  49
E.  Das  Monopol  von  Lipara  49—50
F.  Die  alnta  der  Alten  50
II.  Entdeckung  und  Einführung  des  künstlichen  Alauns  50—54
A.  Chem.  Wissen  am  ausgehenden  Altertum  60
B.  Der  Alaun  in  den  Abhandlungen  der  Lauteren  Brüder  .  .  .  50—51
C.  Hauptsitze  der  Alaunsie  tereien  52—53
B.  Eindringen  des  Alauns  in  Europa  53
III.  Der  Kampf  um  das  Alaunmonopol  von  Phocäa  54—59
A.  Allgemeine  Weltlage  54
B.  Auskommen  von  Phocäa  und  das  erste  Monopol  54—55
C.  Phocäa  im  Besitze  der  gen.  Häuser  Zaccaria  und  Cattaneo  .  .  55—56
D.  Phocäa  im  Besitze  der  Maona  56—58
E.  Verlust  von  Phocäa  an  die  Türken  58
IV.  Aufkommen  der  Alaunfabrikation  in  Italien  und  das  päpstliche
Alaunmonopol  59—61
A.  Die  weltpolitische  Ursache  zur  Wanderung  der  Alaunproduktion  58—60
B.  Die  Träger  der  Wanderung  60
C.  Möglichkeit  eines  christlich-europäischen  Alaunmonopols  ...  60
B.  Die  päpstliche  Alaunmonopolpolitik  und  deren  Folgen....  60—61
V.  Die  Verbreitung  der  Alaunsabrikation  in  Europa  61
VI.  Alaun  in  Deutschland  61—68
A.  Einführung  61
B.  Kamps  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  62—64
C.  Das  erste  Alaunkartell  und  das  Auftreten  künstlicher  Produkte  .  64—66
B.  Der  Niedergang  des  Alauns  66—67
E.  Letzte  Konzentrationsbestrebungen  67
VII.  Übersicht  über  die  Preisbewegungen  68—69
VIII.  Kleinhandelspreise  69—70
A.  Tendenz  zur  divergenten  Preisbewegung  in  Klein-  u.  Großhandel  70
B.  Verteuerung  des  Alauns  durch  die  distributiven  Gewerbe  .  .  70
        <pb n="23" />
        XXIII

§  5.  Vegetabilische  Gerbstoffe.
Seite
I.  Die  alten  vegetabilischen  Gerbstoffe  •.  .  71—72
II.  Das  Eichenschälwaldproblem  und  die  Einführung  neuer  Gerbcmaterialien
  73—75
1.  einheimischer  73
2.  künstlicher  74
3.  ausländischer  74—75
III.  Der  Quebrachozoll  und  die  Extraktherstellung  76—78

§  6.  Tran.
I.  1.  Periode.  Biscaya-Polarkreis  ....
II.  2.  Periode.  Island-Grönland
III.  3.  Periode.  Ausdehnung  nach  West  und  Ost
IV.  4.  Periode.  Südpolarmeer
V.  5.  Periode.  BehringSstraße
VI.  6.  Periode.  Neue  und  künstliche  Fettstoffe  .

78
78—  79
79—  80
80
80—  81
81

7.  Eigelb.
I.  Schaleneier
1-  r°he  f
2.  Kalkeier  ö f
II.  Faßeier  82—85
1.  Das  Faßei  und  die  Albuminfabrikation  83
2.  Die  Konservierung  der  Faßeier  83—84
3.  Die  Faßeiprovenienzen  84
III.  Versuche  zum  Ersatz  des  Eigelbs  86
§  8.  Mehl.
Versuche  zur  Mehlersparnis  85  86
I.  nach  Qualität  86
II.  nach  Quantität  86

§  9.  Hundekot  usw.
I.  Historisches  86
II.  Sanitäre  Beurteilung  86  87
III.  Ersatzstoffe  87
§  10.  Kalk  88

2.  Teil.
Tie  Produktionsprinzipien.
3.  Kapitel.
Das  Wesen  der  Produktionsprinzipien.
§  11.  Die  Bedeutung  der  einzelnen  Operationen.
I.  Zweck  der  einzelnen  Operationen  89—93
A.  Die  Vorarbeit  89—90
        <pb n="24" />
        XXIV

Seite

1.  Wässern  89
2.  Enthaarung  89
a)  Die  Haarlockerung  89
b)  Die  Entfernung  der  Haare  89
3.  Entfleischen  90
4.  Schwellen,  Beizen  oder  Treiben  90
B.  Eigentlicher  Gerbeprozeß  90—92
1.  Zweck  90—91
2.  Systematik  91—92
C.  Zurichterei  92—93
II.  Das  allgemeine  Schema  93
§  12.  Schematische  Darstellung  der  wichtigsten  Typen.
I.  Theoretische  Schemata  94—101
A.  Schemata  ohne  eigentlichen  Gerbeprozeß  94—97
B.  Schemata  mit  eigentlichem  Gerbeprozeß  97—101
1.  Einfache  Gerbemethoden  97—99
a)  vegetabilische  Gerbung  97—98
b)  Mineralgerbung  98—99
c)  Fettgerbung  99
2.  Kombinationsgerbungen  99—101
a)  Glacägerberei  98—100
b)  Ungarische  Weißgerberei  100
c)  Juchtengerberei  100
II.  Praktische  Schemata  101—103
III.  Zusammenfassung  103—104
4.  Kapitel.
Die  Entwicklung  der  Prodnktionsprinzipien.
§  13.  Die  Gerbetheorieen  und  ihre  praktische  Bedeutung.
I.  Die  physiologische  Theorie  105—111
A.  Ihre  Entwicklung  auch  auf  gerberische  Verhältnisse  ....  105—107
1.  durch  Galen  105—106
2.  durch  die  Alchemisten  106
3.  durch  die  Jatrocheiniker  106—107
B.  Ihre  Vertiefung  und  Verallgemeinerung  107—110
1.  zur  gerberischcn  Klassifikation  der  Pflanzen  107—108
2.  zur  Erklärung  der  färberischen  Erscheinungen  108—109
3.  zur  Erklärung  der  Sämischgerberei  109
4.  zur  Erklärung  der  Rauchgerbung  109
C.  Ihre  Bedeutung  für  den  Fortschritt  der  Gerberei  ....  110—111
1.  für  die  Auffindung  einheimischer  vegetabilischer  Gerbstoffe  110
2.  für  den  Übergang  zu  künstlichen  Gerbstoffen  HO
3.  für  das  genetische  Verhältnis  von  vegetabilischer  und  Alaungerbung ­
  110—111
II.  Die  rein  chemischen  Theorieen  111—114
A.  Ihre  Entwicklung  und  Ausbildung  111—112
        <pb n="25" />
        XXV

Seite

1.  durch  Deyeux
2.  durch  Seguin
3.  durch  Beggins  usw
B.  Ihre  Bedeutung  für  den  Fortschritt  der  Gerberei  ....
1.  für  die  Entwicklung  der  Brühengerbung
2.  für  die  übrigen  gerberischen  Operationen
3.  für  die  Fotbildnng  der  Alaun-  und  Sämischgerberei  .  .
4.  für  die  Erfindung  der  Formaldehydgerbung
5.  für  die  Chromgerbung
C.  Ihre  Vertiefung  und  Verallgemeinerung
1.  zur  Erklärung  der  Weißgerberei
2.  zur  Erklärung  der  Sämischgerberei
III.  Die  mehr  physikalischen  Theorieen
A.  Ihre  Entwicklung  und  Ausbildung  durch  Knapp
B.  Ihre  Bedeutung  für  den  Fortschritt  der  Gerberei  ....
1.  für  den  Übergang  zu  künstlichen  Gerbstoffen
2.  für  die  Chromgerbung
C.  Ihre  Vertiefung  und  Verallgemeinerung
1.  zur  Erklärung  der  Sämischgerberei
2.  zur  Erklärung  der  Weißgerberei
3.  zur  Erklärung  der  Glacegerberei
IV.  Die  physikalisch-chemischen  Theorieen
A.  Ihre  Entwicklung  und  Ausbildung  durch  die  Entwicklung  der
physikalischen  Chemie

111
111-112
112
112—114
112—  113
113
113—  114
117—118
119
114
114
114
114—  116
114
114-115
114-  115
118
115-  116
115
115
116
116-  118
116

B.  Ihre  Vertiefung  und  Verallgemeinerung  zur  Erklärung  der

verschiedenartigen  Vorgänge  116—117
C.  Ihre  Bedeutung  für  den  Fortschritt  der  Gerberei  ....  H8
1.  für  die  Erfindung  der  elektrischen  Gerbung  H®
2.  für  die  Chromgerbung  116—H9
V.  Die  Entwicklung  neuer  Gerbeverfahren  H7—121
A.  Die  Formaldehydgerbung  117—H®
B.  Die  elektrische  Gerbung  H®
C.  Die  Chromgerbung  '  H®—120
1.  Die  Entwicklung  zur  Gerbung  mit  Chromfalzen  ....  H®—HO
2.  Die  Bedeutung  Heiuzerlings  119
3.  Die  Wiederaufnahme  durch  Schultz  119
4.  Die  Einführung  des  Verfahrens  in  die  Praxis  ....  119—120
5.  Chromgerbung  gegen  die  anderen  GerbungSarten  .  .  .  120
6.  Die  Wanderung  der  Methode  nach  Europa  120
7.  Die  Zukunft  der  Methode  in  der  Feinlederindustrie.  .  .  120
D.  Die  Kombinationsgerbungen  120—121
1.  Wesen  und  theoretische  Grundlagen  120—121
2.  Die  wichtigsten  Typen  der  Kombinationen  121
3.  Die  Bedeutung  der  Kombinationen  für  schwere,  leichte  und
feine  Leder  121

§  14.  Die  Bedeutung  der  Gerbemethoden  im  Wechsel  der  Zeit.
I.  Die  Verteilung  von  Rot,  Weiß  und  Sämifch  bis  zur  Wende  des
18.  Jahrhunderts  121—125
        <pb n="26" />
        XXVI

Seite

A.  Bedeutung  der  Rotgerberei  122
B.  Bedeutung  der  Weißgerberei  122—123
C.  Bedeutung  der  Sämischgerberei  123—124
II.  Die  eine  Verschiebung  dieser  Verteilung  bewirkenden  Momente  .  125—129
A.  Der  Einfluß  der  Brühengerbung  125
B.  Die  Entwicklung  der  Baumwollindustrie  126
C.  Veränderte  Produktion  der  Handschuhindustrie  126
D.  Umschwung  in  Produktion  und  Konsumtion  der  Schuhindustrie  126—127
E.  Die  Entwicklung  der  Verkehrswirlschast  127
F.  Die  Industrialisierung  127
G.  Die  Chromgerbung  128—129
5,  Kapitel.
Entstehung  und  Entwicklung  der  Betriebsmittel.
Z  15.  Die  Werkzeuge.
I.  Die  Unterlagen  zur  Hautbearbeitung  129—131
A.  Die  ebenen  Unterlagen  129—130
1.  Der  Fußboden  129—130
2.  Das  Brett  130
B.  Die  konkaven  Unterlagen  130
1.  Der  Rahmen  130
2.  Der  Schrägen  132,  168
C.  Die  konvexe  Unterlage  130—131
1.  Der  Schabebaum  130—131
II.  Die  Werkzeuge,  hauptsächlich  der  Vorarbeit  131—134
A.  Die  Werkzeuge  primitiver  Fellarbeit  131
1.  Die  Zähne  131
2.  Die  primitiven  Schaber  131
B.  Die  Klassifikation  der  Werkzeuge  aus  ihrer  Opposition  zur
Unterlage  131—132
1.  Werkzeuge  mit  geraden  Schneiden  131
2.  Werkzeuge  mit  konvexen  Schneiden  131—132
3.  Werkzeuge  mit  konkaven  Schneiden  132—134
a)  das  römische  Schabeeisen  132
b)  das  Schabemesser  des  Mittelalters  132—133
c)  die  Differenzierung  der  konkaven  Eisen  133—134
III.  Die  Werkzeuge  hauptsächlich  der  Nacharbeit  134—136
A.  Reiben,  Stollen,  Recken  134—135
1.  mit  den  Händen  134
2.  über  dem  Seil  134
3.  über  dem  Stollpfahl  134
4.  auf  der  Reckbank  135
B.  Befeuchten  185
1.  mit  dem  Mund  135
2.  durch  Stauchen  in  Wasser  135
3.  durch  Einlegen  in  feuchte  Sägespäne  135
C.  Trocknen  135
1.  auf  Stangen  135
        <pb n="27" />
        XXVII

Seite
^  .  .  164
2.  neuere  Formen  ia -  iqr
v-  Chagrin  _  ■  •  135-136
1.  Chagrinierung  im  ^
2.  Chagrinimitation
§  16.  Die  Werkstatt.
I.  Die  Werkstatt  des  Handwerks  im  18./19.  Jahrhundert  ....  ^6
II.  Die  Werkstatt  des  WeißgerberS  im  Mittelalter  lä ‘
A.  Die  Gruben
B.  Die  Äscher  '
C.  Der  Trockenplatz
D.  Die  Wasserwerkstatt
§  17.  Die  Walke.
I.  Die  technische  Entwicklung  der  „Stampfe"  ^
A.  Die  „Handstampfe"  ...
B.  Der  „Hammer  im  Stuhl"  „
1.  bewegt  durch  Menschenkrast  ui
2.  bewegt  durch  Wasserkraft
C.  Die  „Stampsmühle"
D.  Das  „Pochwerk"  H5
II.  Stampsmühle  und  Mahlmühle.  Nomenklatur  146—147
III.  Die  Einfügung  der  Walke  in  das  rechtlich-ökonomische  Leben  .  .  147—157
A.  Die  recht!.  Einfügung  der  Stampfe  aus  Grund  des  Betriebes  durch  147  148
1.  Meuschenkrast,  Pferd,  (Wind)  147—148
2.  Wasserkraft  H®
B.  Die  ökonomische  Einfügung  der  Stampfe  auf  Grund  148—157
1.  des  zum  Betriebe  nötigen  Wassers  148—150
a)  Unehrlichkeit  und  Wasserkraft  148—149
b)  Hauswerk,  Stör  und  Wasserkraft  149
c)  Pacht,  Bannrecht  und  Wasserkraft  149  150
2,  ihrer  Eigenschaft  als  Produktionsmittel  150—157
a)  im  Handwerk  der  Gerber  in  ihrer  Eigenschaft  als  „Walke"  151  154
1)  nach  Art  der  Besitzer  (Kosten,  Reparaturen)....  151,  153
Handwerk  (Beitrag)  151
Gemeinde  (Pacht)  151
Konsortien  (Walkzins,  Einkauf)  ....  151,  153
Einzelne  Personen  (WalkzinS)  151-  156
2)  nach  Art  der  Gewerbeverfassung  151  151
demokratische  Zunftversassung  151  152
freie  Gewerbeverfassung  153—154
b)  in  verschiedenen  Handwerken  in  ihrer  Eigenschaft  als
„Stampfe"  154—157
1)  wird  sie  zur  Berührungssphiire  in  den  Formen  der  Lohmühle, ­
  Gerberwalke,  Tuchwalke,  Ölmühle  usw.  .  .  -  151  156
2)  vollzieht  sich  der  Übergang  von  einem  Handwerk  zum
anderen  155
3)  Niedergang  der  Stampfe  und  Ausübung  ihrer  Arbeit
durch  andere  Maschinen  ■  •  156—157
        <pb n="28" />
        XXVIII

§  18.  Die  Arbeitsmaschinen.
Seite
I.  Allgemeine  Betrachtungen  157—159
A.  2  Phasen  der  maschinentechnischen  Entwicklung  158
B.  2  Vorbedingungen  zur  Mechanisierung  eines  Prozesses  .  .  .  158—159
6.  2  Kategorieen  von  Gerbereimaschinen  159
II.  Historische  Betrachtungen  159—163
A.  Erste  Phase  der  maschinentechnischen  Entwicklung  159—160
Walke  und  Pumpe  159—160
B.  Zweite  Phase  der  maschinentechnischen  Entwicklung  ....  160—163
1.  Entwicklung  von  Maschinen  der  ersten  Kategorie  ....  160
2.  Entlehnung  von  Maschinen  der  zweiten  Kategorie  .  .  .  161
3.  Allgemeine  Weiterentwicklung  im  Auslande  161—162
4.  Entwicklung  in  Deutschland  162—163
III.  Technische  Betrachtungen  •  .  .  .  .  163—170
A.  Erste  Kategorie:  Wässern,  Äschern,  Beizen,  Gerben  usw.  .  .  163—164
1.  Erfindungen  163—164
2.  Entlehnungen  164
B.  Zweite  Kategorie:  Entfleischen,  Enthaaren,  Stollen  usw..  .  .  164—170
1.  Entlehnungen  164
2.  Erfindungen  und  ihre  Entwicklung  165
a)  3  Klassen  von  Maschinenformen  165
b)  Betrachtung  dieser  drei  Klassen  165—169
1)  Erste  Klasse:  Entfleischen  usw  165—168
a)  Entwicklung  der  Unterlagen  165—167
ß)  Entwicklung  des  Werkzeugs  167—168
2)  Zweite  Klasse:  Schlichten  168
«)  Die  Unterlage  168
ß)  Das  Werkzeug  168
3)  Dritte  Klasse:  Stollen  168-169
c)  Selbständige  Formen  169—170
1)  Spalten  169—170
2)  Bimsen,  Dollieren,  Schleifen,  Bürsten,  Glänzen  .  .  170
IV.  Ökonomische  Betrachtungen  171—172
A.  LeistungsfähigkeitSmaximum  bei  richtiger  Relation  zwischen
menschlicher  und  maschineller  Leistungsfähigkeit  170
B.  Zahlenmäßiger  Vergleich  zwischen  handwerksmäßiger  und  maschineller ­
  Leistungsfähigkeit  :  .  170—172
1.  bei  einzelnen  Operationen  171
2.  in  der  Gesamtheit  aller  Prozesse  171—172
6.  Kapitel.
Die  Wanderung  der  Produktionsprinzipien.
§  19.  Die  ursprünglichen  Verbreitungsgebiete  der  Gerbemethoden. ­

I.  Die  Verbreitung  der  einfachen  Gerbemethoden  173—175
A.  Gebiete  ohne  eigentlichen  Gerbeprozeß  173—174
        <pb n="29" />
        XXIX

1.  Gebiete  primitiver  Fellarbeit
2.  Gebiete  der  Urinbeize
B.  Gebiete  mit  eigentlichem  Gerbeprozeß  -  -  -
1.  Gebiet  der  Sämischgerbung
2.  Gebiet  der  Rauchgerbung
3.  Gebiet  der  vegetabilischen  Gerbung  .  .  .  -
4.  Gebiet  der  Alaungerbung
II.  Die  Verbreitung  der  kombinierten  Gerbemethoden
A.  Innere  Kontaktmethoden
1.  Kirgisen
2.  Nordamerikan.  Indianer
B.  Äußere  Kontaktmethoden
1.  Chinesische  Gerberei
2.  Chagrin
3.  Ungarische  Weißgerberei
4.  Georgische  Gerberei
ö.  Juchten

Seite
173
173—  174
174—  175
174
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176
176-177
177
177
177

§  20.  Di  e  Bewegung  der  Gerbemethoden  in  G  ebicten  ähnlichen
wirtschaftlichen  Charakters.

I.  Verbreitung  in  der  Zeit  der  alten  Verkehrswirtschast  .
A.  durch  langsame  Diffusion  ,  -  -  -
B.  durch  wandernde  Gesellen
1.  Die  Wanderungsräume  der  Gesellen  .  .  •  •
a)  im  14.—15.  Jahrhundert  (Frankfurt).  .  -
b)  im  1b.  Jahrhundert  (Würzburg)  ....
o)  im  17.—18.  Jahrhundert.......
2.  Die  Wirkung  der  Gesellenwanderung.  .  .  .

177—182
177—  178
178—  182
178—181
178—  179
179—  181
181—182
182

II.  Verbreitung  unter  dem  Zeichen  der  neueren  Verkehrswirtschaft  .

A.  Um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts
1.  Das  Wesen  der  bewegenden  Faktoren
a)  der  absolute  Staat
1.  Beseitigung  zünftlerifcher  Ausschließungssysteme
2.  Schaffung  großer  Territorien
3.  Staatliche  Jndustriebegünstigung  durch  .  -  -
«)  Kameralisten
ß)  Technische  Beiräte
y)  Schaffung  der  technologischen  Wissenschaft  .
S)  Errichtung  staatlicher  Gerbereien  ....
e)  Zölle  und  Prämien
b)  Fachzeitschriften  usw
2.  Die  Wirkung  dieser  Faktoren
B.  Um  die  Wende  des  19.  Jahrhunderts
1.  Das  Wesen  der  bewegenden  Faktoren  ....
a)  Die  Stellung  des  Staates
b)  Gewerbliche  Fachschulen

.  182—187
.  182—186
.  182-185
.  182—183
.  183
.  183—185
.  183—184
.  183
.  184-185
.  185
.  185
.  186—186
.  186—187
.  187—192
.  187—190
.  187-188
.  188—189
        <pb n="30" />
        XXX

Seite

c)  Ausstellungen  -  189
d)  Fachzeitschriften  189—190
e)  Der  Kapitalismus  190
2.  Die  Wirkung  dieser  Faktoren  190—192
§  21.  Die  Bewegung  der  Gerbemethoden  in  Gebiete  verschiedenen ­
  wirtschaftlichen  Charakters.
I.  Der  Einfluß  der  Verpflanzung  192—204
A.  auf  das  Gewerbe  192—193
1.  Ostrand  von  Afrika  192
2.  Pariahvölker  in  Afrika  192
3.  Japan  192—193
B.  auf  die  Methode  193—204
1.  Japan  193
2.  Pariahvölker  193
3.  Ungarische  Weißgerberei  193—200
a)  gerberisch-systematische  Stellung  193
1.  Die  Beziehung  zu  europäischen  Methoden  ....  193—194
2.  Die  Beziehung  zum  Chagrin  194
b)  Die  Wanderung  194—196
1.  des  fertigen  Produktes  194,  195
2.  der  Methode  selbst  194—196
«)  nach  Ungarn  mit  den  wandernden  Magyaren.  .  194—195
ß)  nach  Deutschland  und  Frankreich  195—196
c)  Die  Einfügung  der  Methode  in  das  deutsche  Gewerbe  .  196
1.  Zuleitung  zum  Gewerbe  der  Rotgerber  196
2.  Ausübung  in  einem  eigenen  Gewerbe  196
d)  Das  Schicksal  der  Methode  im  deutschen  Gewerbe  .  .  197—198
1.  Schicksal  des  eigentlichen  Gerbeprozesses  197
2.  Schicksal  der  Vor-  und  Nacharbeit  197—198
e)  Das  Schicksal  der  Methode  unter  dem  Einfluß  des  französischen ­
  Staatsinteresses  198—199
1.  Einführung  in  das  Gewerbe  der  Riemer  ....  198
2.  Schaffung  eines  eigenen  Handwerks  198
3.  Freigabe  der  Methode  198
4.  Bedeutung  der  franz.  Revolution  für  die  Methode  .  199
JE)  Schicksal  der  Methode  in  ihrer  ungar.-böhm.  Heimat  .  199
g)  Versuch  zur  Überführung  der  Methode  in  die  fabrikmäßige ­
  Technik  199—200
4.  Corduan  200—204
a)  gerberisch-systematische  Stellung  200—201
1.  spätere  Beziehung  zur  vegetabil.  Gerbung  ....  200
2.  frühere  Beziehung  zur  Weißgerberei  200
3.  Benennung  nach  Herkunft  ohne  Rücksicht  auf  die
Methode.  '  200-201
b)  Die  Wanderung  201—204
1.  des  fertigen  Produktes  201—202
2.  der  Methode  selbst  201—204
        <pb n="31" />
        XXXI

Seite

«)  nach  Spanien  mit  den  wandernden  Arabern  .  .  205—206
ß)  nach  Deutschland  und  Frankreich  oni
c)  Die  Einführung  der  Methode  in  das  deutsche  Gewerbe  201  264
1.  Zuteilung  zum  Gewerbe  der  Rotgerber  201—204
2.  Zuteilung  zum  Gewerbe  der  Schuster  2  i  ont
3.  Ausübung  in  einem  eigenen  Gewerbe  201  9ni
d)  Das  Schicksal  der  Methode  im  deutschen  Gewerbe  .  -  201—204
1.  Schicksal  des  Corduans  201
2.  Schicksal  des  basan  202
e)  Schicksal  der  Methode  in  Frankreich  204
f)  Schicksal  der  Methode  in  ihrer  türkischen  Heimat...  204
g)  Versuche  zur  Einführung  der  Methode  in  die  deutschen
Manusakiuren  204
II.  Wanderung  mit  wandernden  Kulturen  204—206
A.  im  Anschluß  an  mehr  friedliche  Vorgänge  204  205
1.  Wanderung  der  vegetabil.  Gerbung  durch  die  Phönicier  zu
Griechen  und  Römern  204
2.  Wanderung  oriental.  Methoden  durch  die  Araber  -  -  -  -  205
nach  den  Ländern  ihrer  Handelsbeziehungen  205-206
B.  im  Anschluß  an  kriegerische  Eroberungen  205  206
1.  Wanderung  der  vegetab.  Gerbung  durch  die  Römer  in  die  205
von  ihnen  eroberten  Länder  205
2.  Wanderung  orientalischer  Feinledergerberei  205  206
nach  Nordasrika  und  Spanien  205—206
III.  Wanderung  in  Gebiete  wirtschaftlicher  Bereitschaft  206—210
A.  mit  einzelnen  Personen  206—208
1.  Wanderung  der  Saffiangerberei  nach  Europa  206  207
2.  Wanderung  der  Pergamentmacherei  nach  Berlin  ....  207
3.  Wesen  der  wirtschaftlichen  Bereitschast  207
B.  mit  wandernden  Bevölkerungsmassen  .  208  210
1.  Wanderung  der  Ungar.  Weißgerberei  mit  den  wandernden
Magyaren  nach  Ungarn  194—195
2.  Wanderung  des  Corduans  mit  den  wandernden  Arabern
nach  Spanien  205  206
3.  Wanderung  der  Glacegerberei  mit  den  Hugenotten  nach
Deutschland,  Österreich,  England  usw  208  210
a)  Glace'gerberei  in  Deutschland  im  14.  Jahrhunderts  .  .  208
bl  Anfängliche  Bedeutung  der  Glacegerberei  unter  den  einwandernden ­
  Hugenotten  und  ihr  Schicksal  208  209
C.  durch  moderne  staatliche  Maßnahmen  210
1.  Wanderung  der  Chromgerberei  nach  Indien  210
2.  Einführung  der  Gerberei  in  Japan  210
        <pb n="32" />
        XXXII

3.  Teil.
Tie  ökonomische  Gestaltung  der  Weiszgcrberei.
7.  Kapitel.
Die  niederen  Formen  des  gewerblichen  Betriebs.
Z  22.  Hauswerk,  Lohnwerk,  Hausindustrie.
Seite
I.  Hauswerk  211—215
A.  Frauenarbeit  211
JB.  Männerarbeit  211—212
C.  Landgerberei  212—213
1).  Bittarbcit  214—215
II.  Lohnwerk  216—218
A.  Störarbeit  215—216
B.  Heimwerk  216—218
1.  in  der  Blüte  des  Handwerks  216—218
a)  Entlohnung  216
1.  in  Naturalien  216
2.  in  Geld  216
b)  Stellung  des  Handwerks  zum  Lohnwerk  216—217
c)  Kundenkreis  217
2.  beim  Niedergang  des  Handwerks  217—218
a)  Zwerggerberei  218
b)  Hausindustrie  218
III.  Hausindustrie  218—220
A.  als  Form  des  gesunkenen  Handwerks  218—219
B.  als  Form  des  Großbetriebes  219—220
0.  als  Form  des  steigenden  Hausfleißes  220
8.  Kapitel.
Das  Handwerk.
§  23.  Die  Entstehung  von  Handwerk  und  Zunft.
I.  Die  Entstehung  des  Handtverks  221
,  A.  in  homerischer  Zeit  221
B.  in  der  Karolingerzeit  221
II.  Die  Entstehung  der  Zunft  221—224
A.  Bedeutung  der  räumlichen  Konzentration  221—222
ß.  Bedeutung  des  Verhältnisses  zwischen  Staat  und  Gewerbe.  .  222
1.  freie  Assoziationen  222
2.  Zwangsassoziationen  222
C.  Soziale  Stellung  des  Handwerkerstandes  222—223
1.  Soziales  Sinken  des  Handwerkerstandes  223
2.  Soziale  Klassenkämpfe  223
3.  Soziales  Steigen  des  siegreichen  Standes  223
D.  Bedeutung  der  Brüderschaft  223—224
1.  für  die  Entstehung  der  Zunft  und  die  Zunftkämpfe  .  .  .  223—224
2.  gegen  Ende  der  Zunftbewegung  224
        <pb n="33" />
        XXXIII

§  24.  Die  Entfaltung  der  Ledergewerbe  und  die  Entwicklung  des
Weiß  g  er  berh  and  Werts.
Seite
I.  Die  nicht  oder  wenig  differenzierte  Lederarbeit  225—226
A.  der  vorkarolingifchen  Zeit  *
B.  der  Karolingerzeit  ^  b
0.  des  städtischen  Handwerks
II.  Die  Entfaltung  der  Lederarbeiter  226—229
A.  Die  großen  Gruppen  der  Lederarbeiter  226  229
1.  Gerber  und  Schuster  226  228
2.  Sattler  und  Riemer  228
3.  Säckler  und  Handschuhmacher  usw  228
4.  Weißgerber  und  Rotgerber  228  229
B.  Handwerksstreitigkeiten  229  283
1.  Weißgerber  —  Schuhmacher  usw  229—230
2.  Weißgerber  —  Riemer,  Sattler  usw  230—232
3.  Weißgerber  —  Säckler,  Handschuhmacher  usw  231
4.  Weißgerber  —  Rotgerber  232—233
C.  Auflösung  der  großen  Gruppen  233—235
1.  Gerber  —  Schuster  233
2.  Weißgerber  —  Sattler  usw  233—234
3.  Weißgerber  —  Säckler  usw  233—234
4.  Weißgerber  —  Rotgerber  234—236
D.  Zwei  Perioden  der  Gewerbetrennung  236—236
1.  im  Anschluß  an  mehr  politische  Vorgänge  236—236
2.  als  Ausfluß  mehr  ökonomischer  Erwägungen  236
III.  Die  Entfaltung  des  Weißgerberhandwerks  236—247
A.  Pergamenter  236—238
B.  Leimsieder  .  238—239
C.  Sämischgerber  239—245
1.  Alter  der  Sämischgerberei  im  deutschen  Handwerk  .  .  .  239—240
2.  Seltene  Trennung  von  Weiß-  und  Sämischgerberei  .  .  .  240
3.  Bedeutung  der  Sämischgerberei  neben  der  Weißgerberei.  .  240—242
4.  Jrher  242—246
D.  Glacsgerberei  245—246
E.  Rotgerber  246

§  25.  Die  öffentlich-rechtliche  Entfaltung  des
Weitzgerberhandwerks.

I.  Die  zünftlerischen  Einrichtungen  247  250
A.  Handwerksbestimmungen  247  248
B.  Handwerksabzeichen  usw  249—250
II.  Die  interurbanen  Verbände  260—261
A.  Die  Entstehung  der  interurbanen  Verbände  250—260
1.  Die  interurbane  Gewerbegesetzgebung  250—252
2.  Die  interurbanen  Bezirke  252—2  8
3.  Die  interurbanen  Schiedshöse.  258—260
B.  Die  Auslösung  der  interurbanen  Verbände  261

III
        <pb n="34" />
        XXXIV

Seite

III.  Die  Landzunft  261—263
A.  Gerberei  auf  Dörfern  261
B.  Gerberei  auf  kleinen  Plätzen  261—262
C.  Schicksal  der  Landzünfte  262—263
IV.  Gesellengenossenschaften  263—267
A.  Entstehung  und  Bedeutung  von  Gesellenverbänden  ....  263—264
B.  Zwangsvereinigung,  das  Große  Handwerk  und  Arbeitskämpfe  264—266
6.  Auflösung  der  Gesellengenosfenschaften  266—267
§  26.  Die  ökonomische  Entwicklung  des
Weißgerberhandwerkes.
I.  Allgemeine  Lage  des  Rotgerberhandwerkes  267—268
II.  Der  alte  Weiß-  und  Sämischgerber  268—285
A.  Die  Zustände  des  15./16.  Jahrhunderts  268—273
1.  Soc.-nat.-ök.  Schichtung  268—269
2.  Bewegung  der  statistischen  Zahlen  269—273
B.  Die  Zustände  des  17./18.  Jahrhunderts  273—275
1.  Weiterer  Rückgang  des  Handwerkes  273—274
2.  Soc.-  mat.-  ök.  Schichtung  273—275
C.  Die  Zustände  am  Ende  des  18.  und  im  19.  Jahrhundert  .  .  275—281
1.  Art  des  Rückganges  für  Rotgerberei  276—281
2.  Art  des  Rückganges  für  Weißgerberei  276—281
3.  Die  Vereinigung  der  beiden  Gewerbe  281—284
a)  Vorgang  der  Vereinigung  281—282
b)  die  ökonomische  Bedeutung  der  Bereinigung  281—283
c)  die  materiellen  Unterschiede  der  sich  vereinigenden  Gewerbe  283—284
D.  Die  Zukunft  der  Weiß-  und  Sämischgerber  284—285
III.  Der  neue  Weiß-  und  Rotgerber  285—287
A.  Entstehung  des  Handwerkes  285
B.  Unterschiede  zum  alten  Weiß-  und  Sämischgerber  285—286
C.  Seine  Lebensfähigkeit  hängt  ab  286
1.  von  der  Entwicklung  der  Betriebsmittel  286
2.  von  der  räumlichen  Konzentration  226—287
3.  vom  Konkurrenzkampf  der  Produktionsmethoden  ....  287
IV.  Der  Glacegerber  287—288
A.  Entstehung  287
B.  Ähnlichkeit  zum  neuen  Weiß-  und  Notgerber  287
C.  Seine  Lebensfähigkeit  hängt  ab  286—287
1.  von  der  Entwicklung  der  Betriebsmittel  286
2.  von  der  räumlichen  Konzentration  286—287
3.  vom  Konkurrenzkampf  der  Produktionsmethoden  ....  287
4.  von  der  Tendenz  zur  Kombination  287—288
9.  Kapitel.
Die  Manufaktur  und  Fabrik.
§  27.  Die  Entwicklung  der  Manufaktur.
I.  Die  Bedeutung  des  Staates  für  daS  Aufkommen  der  Manufaktur  288—290
A.  Allgemein  288—289
B.  Gerbereien  in  staatl.  Besitz  oder  unter  staatl.  Schutz  ....  289—290
        <pb n="35" />
        XXXV

II.  Wesen  der  Manufaktur
A.  Grütze  und  Leistungsfähigkeit  im  Vergleich  zu  Handwerk
und  Landgerber  .  .  .
B.  Übergang  vom  Handwerk  zur  Manufaktur
III.  Aufkommen  der  rein  privaten  Manufakturen
A.  Beispiele  und  Wesen
B.  Leistungsfähigkeit  und  Größe
IV.  Handwerk  und  Manufakturen
A.  Reaktion  des  Handwerks  gegen  die  Manufakturen
B.  Sieg  der  Manufaktur  über  das  Handwerk

Seite
290—292
290—291
292
292—293
292
292—  293
293—  296
293-295
295—296

§  28.  Die  Entwicklung  der  Fabrik.

I.  Übergang  der  Manufaktur  zur  Fabrik
II.  Fabrikmäßige  Entwicklung  von  Sämisch,  Weiß  und  Glace  .  .
III.  Spezialisation
IV.  Kombination
V.  Größe  der  Betriebe
IV.  Entwicklung  von  Weiß,  Glace  und  Sämisch  im  Konkurrenzkampf

296—  297
297—  298
298—  299
299
299—  300
300—  302

§  29.  Die  gewerblichen  Organisationen.

I.  Arbeitgeberverbände  3  °  .
A.  Vornehmlich  gegenüber  den  Arbeitnehmern  303—30
1.  Übersicht  303
2.  Spezielle  Verbände  303  306
a)  Zentralverein  303—304
b)  Verein  der  Glace-  und  Weißlederindustriellen  ....  304—306
e)  Süddeutscher  Weißgerberverband  306
d)  Gerberinnung  Kirchhain  306
B.  Vornehmlich  gegenüber  den  Konsumenten  306  3
1.  Historische  Bemerkung  306
2.  Moderne  Verbände  dUb
a)  Weißleder  306
b)  Leimleder  30
II.  Arbeitnehmerverbände.  .  .  301
A.  Werkmeister  308
1.  Hirsch-Dunker,  christliche,  gelbe  usw  307
2.  Freie  Gewerkschaften  3
a)  Weißgerberverband  30
b)  Lederarbeiterverband  308

10.  Kapitel.
Betriebsmittel  und  Produkte  der  Wcißgcrbcrci.
ß  30.  Die  Betriebsmittel.
—■•  I.  Bedarf  an  Roh-  und  HilsSstoffen
A.  Hauptrohstosfe

309—311
309

III*
        <pb n="36" />
        XXXVI

Seite

1.  Häute  und  Felle  .  ..  .  .  .  309
2.  Konservierung  309
B.  Hilfsstoffe  809—311
1.  Alaun  309—310
2.  Vegetabilische  Gerbstoffe  310
3.  Tran  310
4.  Eigelb  310
5.  Mehl  .  310
6.  Beizstoffe  310-311
7.  Chemikalien  811
II.  Maschinen  311—312
A.  Kraftmaschinen  311
B.  Arbeitsmaschinen  311—312
§  31.  Haupt-  und  Nebenprodukte.
I.  Hauptprodukte  312—313
A.  Gerberei  und  Töpferei  312
B.  Pergamentmacherei  und  Papierfabrikation  312
C.  Sämischgerberei  und  Tuchmacherei  312
D.  Gerberei  und  Handschuhmacherei  312—313
E.  Gerberei  und  Schuhmacherei  312—313
E,  Weißgerberet  und  Chrom-,  Lohgerberei  313
II.  Nebenprodukte  313-320
A.  Wolle  und  Haare  313-314
B.  Klauen  und  Hörner  314
C.  Rohe  Hautabfälle  314—317
1.  Leim-  und  Gelatinefabrikation  314—316
2.  Futterstoffe  316—317
3.  Düngemittel  317
4.  Ammon-  und  Cyansalze  317
D.  Lederverwertung  317—319
1.  Lederabfälle  317—318
2.  Lederentfettung  318—319
E.  Abfälle  von  Gerbstoffen  319—320
1.  Stollmehl  319
2.  Degras  319
3.  Gebrauchte  Lohe  319—320

4.  Teil.
Die  topographischen  und  hhgienischen  Verhältnisse  der
Weiszgcrberei.
11.  Kapitel.
Die  topographischen  Verhältnisse  der  Weißgcrbcrei.
§  32.  Die  Nürnberger  Jrher  st  raste  des  14.—16.  Jahrhunderts.

I.  Die  Untersuchungsmethode  321—324
A.  Die  Form  der  Urkunden  321
        <pb n="37" />
        XXXVII

Seite
B.  Wesentlicher  Inhalt  der  Urkunden  322
C.  Die  Verarbeitung  der  Urkunden  und  Meisterbücher  ....  323—324
II.  Die  Besiedelung  der  Jrherstraße  durch  Jrher  324—331
A.  Erste  Periode  der  Besiedelung  324—325
B.  Zweite  Periode  größten  Jrherreichtums  325—329
C.  Dritte  Periode  veränderten  Charakters  329—331
III.  Allgemeines  Bild  der  Jrherstraße  331—333
A.  Die  Straße  331
B.  Das  Bäckerhaus  und  das  Jrherbad  332
C.  Die  Handwerkerhäuser  332—333
IV.  Das  Handwerkergemisch  in  der  Jrherstraße  333—334
§  33.  Der  Hauskauf  und  die  Erblichkeit  im  Handwerk.
I.  Hauskauf  und  Meisterwerdung  334—335
II.  Erblichkeit  im  Handwerk  335—338
§  34.  Die  örtliche  Lage  der  Weißgerbereien
I.  Allgemeine  Urteile  über  die  Lage  der  Gerbereien  338—341
A.  des  Altertums  ■  .  .  .  •  338—339
B.  des  Mittelalters  !  339—341
C.  der  neueren  Zeit  341
II.  Untersuchung  über  die  Weißgerbereien  um  1800  341-343
A.  Wasserwerkstatt.  Flußarbeit  341
B.  Die  Werkstatt  342
C.  Lage  der  Weißgerbereien  .  .  342—343
III.  Die  heutige  Lage  der  Weißgerbereien  ..........  343
IY.  Die  historische  Entwicklung  der  örtlichen  Lage  der  Gerbereien  .  .  344
§  35.  Der  Standort  der  Weißgerbereien.
I.  Die  alte  Weiß-  und  Sämischgerberei  344—347
A.  Ermittelung  aus  dem  Verhältnis  Rot-:  Weißgerberei  .  .  .  345—346
B.  Ermittelung  aus  der  Gesellenwanderung  346—347
C.  Ermittelung  aus  den  interurbanen  Verbänden  346
II.  Die  Glacegerberei  347—350
A.  Die  Bedingungen  des  Standorts  347—348
1.  Bedarfsdeckung  an  Roh-  und  Hilfsstosfen  348
2.  Absatz  an  die  (Schuh-)  und  Handschuhindustrie  348
3.  Entstehung  im  Anschluß  an  die  Wanderungen  der  Hugenotten  348
B.  Die  internationale  Verteilung  der  Glacägerberei  348—349
1.  Aufzählung  348
2.  Wanderung  im  Anschluß  an  den  internationalen  Konkurrenzkampf ­
  348—349
3.  Neubildung  von  Produktionszentren  349
C.  Die  Verteilung  der  Produktionszentren  in  Deutschland  .  .  .  349—350
1.  Aufzählung  349
2.  Niedergang  alter  und  Entstehung  neuer  Zentren  ....  349—350
3.  Verteilung  im  Anschluß  an  die  Lederhandschuhindustrie.  .  350
III.  Die  Weiß-  und  Rotgerberei  360—351
A.  Verbreitung  im  Anschluß  an  den  Absatz  350—  351
B.  Verbreitung  im  Anschluß  an  den  Gerbstoffbedarf  .  .  .  .  ■  351
        <pb n="38" />
        XXXVIII

12.  Kapitel.
Die  hygienischen  Verhältnisse  der  Wcißgerberei.
§  36.  Die  Wasserfrage.
Seite
I.  Zuwasser  oder  Wasserbedarf  der  Gerbereien  351—353
A.  technische  Ansprüche  an  das  Zwvasser  352
B.  Wasserbedarf  und  örtliche  Lage  352—363
II.  Abwasser  der  Gerbereien  353—356
A.  Verunreinigung  und  Klärung  353—354
B.  Abwasser  und  Hygiene.  Gesetzliche  Vorschriften  354—356
1.  in  Frankreich  364
2.  in  Deutschland  354—356
§  37.  Die  Gewerbekrankheiten  und  die  Mortalität.
I.  Die  Ätiologie  der  Gewerbekrankheiten  356—360
A.  Ausdünstungen  und  Gerüche  356—357
1.  Ramazzini's  Urteil  356
2.  Die  gewerbehygienischen  Zustände  vergangener  Jahrhunderte  356—357
3.  Die  neuere  Beurteilung  der  schädlichen  Gase  357
B.  Kälte  und  Nässe  358
O.  Professionelle  Haltung  und  Bewegung.  Betriebsunfälle.  .  .  358
D.  Staub  358
E.  Kalk.  Arsenik  358-359
P.  Infektion  359—360
1.  Tänien  im  Hundekot  359
2.  Seuchen  durch  Häuteimport  .  .  .  369
3.  Milzbrand  359—360
II.  Die  Mortalität  361—362
A.  Ältere  Ergebnisse  361
B.  Westergaards  Berechnungen  361—362
1.  für  Weiß-  und  Rotgerber  gemeinsam  361
2.  für  beide  Gewerbe  getrennt  362
§  38.  Arbeitsräume  und  Fabrikhygiene.
I.  Die  Produzenten  der  Gewerbehygiene  362—363
II.  Die  gewerbehygienischen  Maßnahmen  gegen  363—365
A.  Ausdünstungen  und  Gerüche  363
B.  Kälte  und  Nässe  363
C.  Professionelle  Haltung  und  Bewegung.  Betriebsunfälle  .  .  363—364
D.  Staub  364
E.  Kalk.  Arsenik  364
P.  Infektionen  364—365
§  39.  Frauen-  und  Kinderarbeit  usw.
I.  Kinderarbeit  365
II.  Lehrlinge  365
III.  Frauen  366—366
        <pb n="39" />
        XXXIX

A.  im  Handwerk
B.  in  der  Fabrik
IV.  Arbeitszeit  .  .
V.  Sonntagsruhe  .

Seite
365
366—366
366
366

5.  Teil.
Der  Markt.

13.  Kapitel.
Häute  und  Felle.
§  40.  Bedarfsdeckung  aus  der  Nähe.
I.  Häuteverkehr  zwischen  einzelnen  Personen
A.  ohne  Handelsvermittler
1.  Häuteverkehr  im  Lohnwerk
2.  Häuteverkehr  im  Preiswerk
3.  Häuteverkehr  im  absoluten  Staat
B.  mit  Handelsvermittler
1.  Entstehung  des  Handelsvermittlers
2.  Die  ök.  Folgen  des  Handelsvermittlers  .  .  .
II.  Häuteverkehr  zwischen  Genossenschaften
A.  ohne  Handelsvermittler  •  .  .
B.  mit  Handelsvermittler
1.  Handelsmann
2.  Häute-  und  Fellverwertungsgenossenschast  .  .
0.  Die  Folgen  für  den  kleinen  Gerber
1.  Er  wird  zum  Agenten  dieser  Genossenschasten
2.  Er  wird  abhängig  vom  Komissionär  ....

.  367—369
.  367—368
.  367
.  367—368
.  368
.  368-369
.  368—369
.  369
.  369—370
.  369
.  369-370
.  369
.  .  369
.  .  369-370
.  .  369
.  .  370

§  41.  Bedarfsdeckung  aus  der  Ferne.
I.  Häuteverkehr  und  Berkehrswirtschast

II.  Bedeutung  des  Häuteverkehrs  370—372
A.  im  Altertum  370—371
B.  im  Mittelalter  371
0.  in  der  neueren  Zeit  372

III.  Organisation  des  Häutehandels

§  42.  Die  Einfuhr  amerikanischer  Häute.

I.  Die  Entwicklung  der  amerikanischen  Einfuhr.  .  .  .
A.  Die  Anfänge  der  amerikanischen  Hautprovenienzen
B.  Die  Importe  des  16.  17.  18.  Jahrhunderts.  .  .
1.  nach  Spanien,  Frankreich,  England
2.  nach  Holland  und  Deutschland
C.  Die  Importe  im  19.  Jahrhundert
II.  Wildhautimport,  Fleischextrakt,  Handwerk....

.  .  .  373
.  .  .  373
.  .  373—374
.  373—374
.  .  374—376
’  .  .  376—377
,  .  377—378
        <pb n="40" />
        —  XL  —

14.  Kapitel.
Leder.
§  43.  Die  Organisation  des  Ledergeschäftes.
Seite
I.  Ledergeschäft  ohne  Handelsvermittler  378—382
A.  Vereinigung  von  Produzent  und  Konsument  378—379
-B.  Trennung  von  Produzent  und  Konsument  379
1.  Ladengeschäft  379
2.  Märkte  379
3.  Jahrmärkte  und  Messen  379—381
4.  Auktion  381
5.  Moderne  Formen  zum  Ersatz  der  Messen  381—382
6.  Gerberei-Vereinigungen  für  Heeresbedars  381
II.  Ledergeschäft  mit  Handelsvermittler  382
A.  Großhandel  383—384
B.  Kleinhandel  383
1.  Unbefugte  Handelsvermittler  .  383
2.  Ladengeschäft  383
3.  Hausieren  383—384
g  44.  Der  Außenhandel  in  Leder.
I.  Jni  Altertum  384
II.  Mittelalter  und  neuere  Zeit  384—385
A.  Deutschland-Jtalien-Levante  384—385
B.  Deutschland-England-Holland  386
III.  Der  Umschwung  in  der  Bedeutung  der  Produktionsprinzipien  und
der  Feinlederhandel  des  19.  Jahrhunderts  386—387

Litteratur.
I.  Vorbemerkung  387
II.  Literaturverzeichnis  388—407
        <pb n="41" />
        1.  Teil.

Die  Rohstoffe.
1.  Kapitel.
Die  Objekte  des  Gerbeprozesses.
§  1.  Allgemeine  Theorie  der  Objekte  des  Gerbeprozesses.
Wenn  es  sich  darum  handelt,  das  Objekt  des  Gerbeprozesses  möglichst ­
  allgemein  zu  definieren,  so  ist  möglicher  Gegenstand  der  Gerberei,
chemisch  gesprochen,  jede  Substanz,  welche  mit  den  Gerbstoffen  in  eine
wasserunlösliche,  der  Einwirkung  der  Fäulniserreger  nur  schwer  zugängliche, ­
  überhaupt  reaktionsträgere  Verbindung  übergeführt  werden  kann;
histologisch  gesprochen  sind  es  faserige  Bindegewebe,  also  Plasmaprodukte ­
  des  tierischen  Körpers,  und  entwicklungsgeschichtlich  find  es
durch  organologische  und  histologische  Differenzierung  aus  dem  Mesodlast
  entstandene  Gewebe,  welche  sich  vergleichend  anatomisch  durch  die
ganze  Reihe  der  Metazoen  hindurch  verfolgen  lassen,  und  welche  die
-höchste  Stufe  ihrer  Entwicklung  auch  im  letzten  und  höchsten  Stamm
der  Tierreihe,  bei  den  Vertebraten,  erreichen.  Deswegen  bezieht  die
Praktische  Gerberei  ihr  Material  auch  nur  vom  siebenten  Stamm,  von  den
Wirbeltieren,  wobei  allerdings  verschiedene  Kulturstufen  und  verschiedene
Bedürfnisse  der  Technik,  der  wechselnden  Mode  oder  der  herrschenden
Geschmacksrichtung  sehr  verschiedene  Klaffen  des  Wirbeltierstammes  oder
sehr  verschiedene  Bindegewebssubstanzen  des  Wirbeltierkörpers  zur  Bedürfnisbefriedigung ­
  herangezogen  haben.
Um  nun  sowohl  die  scheinbare  Verschiedenheit  der  hier  in  Betracht
kommenden  Rohmaterialien  unter  einem  einheitlichen  Gesichtspunkte  betrachten, ­
  als  auch  das  Wesen  der  verschiedenen  Phasen  des  Gerbeprozesses ­
  im  weiteren  Sinne  darlegen  zu  können,  ist  eine  kurze  Beschreibung ­
  der  Entstehung,  der  histologischen  Struktur  und  des  chemischen
Charakters  dieser  Substanzen  unumgänglich  notwendig.
Eb«rt,  Entwicklung  der  WeißgerLerei.

1
        <pb n="42" />
        2

Das  Auftreten  des  Gastrulastadiums  oder  des  zweischichtigen  Keimes
ist  ein  allgemeines  Entwicklungsgesetz  der  vielzelligen  Tiere.
Man  unterscheidet  hierbei  das  äußere  Keimblatt,  den  Ektoblast,  vom
inneren  Keimblatt  oder  Entoblast,  und  letzterer  allein  scheint  bei  der
Bildung  des  bei  höherer  Organisation  noch  hinzutretenden  mittleren  oder
dritten  Keimblattes,  des  Mesoblastes,  beteiligt  zu  sein.  Aus  diesen  drei
Keimblättern  entstehen  dann  alle  übrigen  Organe  eines  Tieres  dadurch,
daß  sich  zunächst  embryonales  Zellenmaterial  abgrenzt,  und  daß  diese
Zellkomplexe  dann  weiterhin  durch  histologische  Differenzierung  den
Charakter  von  bestimmten  Geweben  annehmen.  Hierbei  gilt  hinwiederum
als  allgemein  gültiges  Bildungsprinzip,  daß  der  Ektoblast  die  Epidermis
und  ihre  Derivate  liefert,  daß  aus  dem  Entoblast  der  Darm  hervorgehst
und  daß  das  Material  für  die  Muskulatur,  für  die  Bindesubstanzen
und  andere,  uns  hier  nicht  weiter  interessierende  Organe  im  wesentlichen
aus  dem  Mesoblaste  stammt.  Danach  können  wir  folgendes  Schema
aufstellen:
Ektoblast  &amp;gt;  Epidermis
I
y
Entoblast  &amp;gt;  (Darm)
I
y
Mesoblast  &amp;gt;  Bindesubstanzen
Wenden  wir  uns  zunächst  zur  Betrachtung  der  Epidermis.  Wie
angedeutet,  geht  die  Epidermis  unter  anderem  aus  dem  Ektoblast  hervor
und  ist  damit  zugleich  als  zu  den  ältesten  Geweben  der  Tierreihe  in
phylogenetischer  und  ontogenetischer  Hinsicht  gehörig  charakterisiert.  Mit
wenigen  Ausnahmen  überzieht  die  Epidermis  als  Deckepithel  alle  Oberflächen ­
  des  Tierkörpers,  wie  dies  eben  überhaupt  die  ursprünglichste
und  eine  der  wichtigsten  Aufgaben  der  Epithelien  ist.  Nach  der  Form
und  Ausbildung  der  einzelnen  Epithelzellen  unterscheidet  man  Zylinder-,
Pflaster-,  Platten-,  dann  Geißel-  und  Flimmerepithelien,  viel  wichtiger
aber  ist  für  unsere  Betrachtung  die  Einteilung  in  einschichtige  und  vielschichtige ­
  Epithelien,  so  genannt,  je  nachdem  im  Epithel  eine  oder
mehrere  Zellagen  übereinander  gelagert  sind.  Einschichtige  Epithelien
finden  sich  bei  allen  wirbellosen  Tieren  ausschließlich  vor,  während  alle
Wirbeltiere  mit  alleiniger  Ausnahme  der  Akranier  (Amphioxus)  an
allen  nach  außen  gewandten  Oberflächen  des  Körpers  ein  vielschichtiges
Epithel  aufweisen.  Meist  erhalten  die  einschichtigen  Epithelien  der
Wirbellosen  und  manchmal  auch  die  vielschichtigen  Epithelien  der
Wirbeltiere  auf  ihrer  Oberfläche  einen  festen  Abschluß  nach  außen,  indem ­
  von  diesen  Epithelien  eine  dünne  Haut,  die  Cuticula,  abgeschieden
wird.  In  den  vielschichtigen  Epithelien  der  Wirbeltiere  nun  sind  die
Zellelemeute  verschieden  tiefer  Hautschichten  einander  nicht  gleich,  sondern
        <pb n="43" />
        3

totr  finden  zu  unterst,  wo  die  Epidermis  sich  bildet,  die  hohen  Zellen
des  Zylinderepithels  und,  während  diese  Zellen  dann  zum  Ersatz  der
an  der  Oberstäche  abgestoßenen  Elemente  nach  außen  gelangen,  verändern ­
  sie  gleichzeitig  ihre  Form  und  gehen  in  Plattenepithel  über.
Zu  dieser  rein  morphologischen  Änderung  der  Zellen  kommt  auf  ihrer
Wanderung  von  innen  nach  außen  eine  mehr  oder  weniger  weitgehende
Verhornung,  welche  bei  den  hauplsächlich  auf  den  Landaufenthalt  angewiesenen ­
  Amnioten  (Reptilien,  Vögel,  Säugetiere)  zu  einem  völligen
erlust  der  Cuticula  und  zu  einer  scharfen  Scheidung  der  Epidermis
m  zwei  Schichtensysteme  führt:  Die  tiefer  liegenden  Schichten  lebender
Pro  op  asmatischer  Zellen  von  zylindrischer  oder  kubischer  Form  und
geringer  Verhornung,  das  Stratum  Malpighii,  und  davon  leicht  unter-8
  n  Qt  öu fe eren  Schichten  nicht  mehr  lebensfähiger  verhornter
b ° n  me ^ r  sternförmigem  Charakter,  das  Stratum  corneum,
&amp;gt;ev  funktionell  die  fehlende  Cuticula  ersetzt.  Danach  können  wir
für  die  Epidermis  der  Haut  folgende  Schemata  aufstellen:
.  Wirbellose  Tiere  (und  Amphioxus):
a)  Cuticula.
b)  Einschichtige  Epidermis.
2.  Wirbeltiere:
A)  Anamnier:  Zyklostomen,  Fische,  Amphibien:
a)  Cuticula.

b)  Vielschichtiges  Epithel

j  ohne  weitgehende  histologische
^  .  l  Differenzierung.
Amnioten:  Reptilien,  Vögel,  Säugetiere:
a)  (Cuticula  fehlt.)
sl.  Stratum  corneum.

b)  Vielschichtiges  Epithel  |g

Stratum  Malpighii.

SBenn  endlich  die  Verhornung  große  Dimensionen  annimmt  und
das  Stratum  corneum  der  Epidermis  eine  besondere  Mächtigkeit  erreicht
  so  entstehen  die  zum  Teil  sehr  beträchtlichen  Hornschilder  der
eptilien,  die  Federn  der  Vögel,  die  Haare  und  Hörner  der  Säugelere,
  endlich  die  Krallen,  Hufe  und  Nägel,  durch  welche  Reptilien,
Vogel  und  Säugetiere  ausgezeichnet  sind.  Es  sei  hier  ausdrücklich
arauf  hingewiesen,  daß  alle  diese  Produkte,  besonders  auch  die  Haare,
ediglich  Horngebilde  rein  epidermoidaler  Herkunft  sind,  und  daß  die
Haare,  wenn  sie  auch  tief  in  das  darunter  liegende  Gewebe  hineinragen,
dennoch  nur  mittelbar  in  demselben  sitzen,  unmittelbar  aber  in  einer,  tief  in
das  darunter  liegende  Gewebe  hineinragenden  Einstülpung  der  Epidermis.
_  3hrer  chemischen  Natur  nach  haben  alle  diese  Hornprodukte,  das
Stratum  corneum,  die  Hornplatten,  die  Federn  und  Haare,  Krallen,
Hufe  und  Nägel  einen  ziemlich  einheitlichen  Charakter,  sie  gehören  zu
1*
        <pb n="44" />
        4

den  Eiweißkörpern  und  werden  hier  unter  dem  gemeinsamen  Namen
Keratine  zusammengefaßt.  Die  tiefer  liegenden  Stellen  und  Schichten
der  Epidermis  dagegen,  das  sog.  Stratum  Malpighii,  Elemente  von
hoher  Lebenstätigkeit,  sind  schon  dadurch  als  physikalisch  viel  weicher  und
chemisch  viel  hinfälliger  charakterisiert,  so  daß  also  selbst  unter  stark  verhornten ­
  epidermoidalen  Decken  sich  eine  leicht  angreifbare  Schicht  findet.
Alle  bisher  besprochenen  Teile  der  Haut  nehmen  ihren  Ursprung
aus  dem  Ektoblast  und  sind  im  allgemeinen  nicht  Gegenstand  des
Gerbeprozesses  im  engeren  Sinne.  Besonders  werden  das  Stratum
eorusum  und  die  von  ihm  abgeleiteten  Gebilde  durch  die  den  eigentlichen ­
  Gerbeprozeß  vorbereitenden  Operationen  des  Äscherns,  Kalkens,
Schmitzens,  Anschwödens,  Enthaarens  so  sorgfältig  als  möglich  entfernt, ­
  es  sei  denn,  daß  die  Haut  durch  den  Besitz  besonders  schöner
Behaarung  als  Pelz  ausgezeichnet  ist  und  als  solcher  gegerbt  werden
soll,  oder  daß  es  sich  um  besonders  primitive  Gerberei  handelt,  welcher
obige  Operationen  noch  unbekannt  sind,  oder  daß  man  bei  gewöhnlicheren ­
  Lederarten,  wo  es  nur  auf  die  Festigkeit  ankommt,  lediglich  die
Haare  abschert,  wie  in  der  ungarischen  Weißgerberei*),  oder  auch
sonst  bei  ordinären  Ledersorten  °),  oder  daß  man  endlich  im  Interesse
der  Billigkeit  das  Enthaaren  gänzlich  zu  unterdrücken  versucht®);  auch
die  unter  dem  Namen  „Narbe"  bekannte  Obersiäche  des  Coriums  wird
bisweilen  mit  Absicht  abgestoßen,  so  meist  in  der  Sämischgerberei  und
beim  rauhen  Corduan  4 ),  bisweilen  auch  bei  der  gewöhnlichen  und  bei
der  französischen  Weißgerberei  und  bei  manchen  weißgaren  dänischen
Ledern;  es  geschah  dies  früher  fast  nur  bei  narbenbeschädigten  Ledern,
aber  neuerdings  wird  durch  die  hochentwickelte  Zurichterei  der  fehlende
Narben  nicht  nur  ersetzt,  sondern  das  Leder  wird  auch  noch  feiner  und
griffiger,  das  Aussehen  der  Ware  wird  gehoben®),  und  endlich,  seit  es
gelungen  ist,  die  Blanchiermaschine  durch  eine  Spaltmaschine  zu  ersetzen ­
  ®),  gehört  der  abgenommene  Narben  nicht  mehr  zu  den  Abfällen
der  Gerberei,  sondern  zu  deren  wichtigeren  Nebenprodukten.
Das  zweite  Hauptelement  der  Haut,  das  Bindegewebe,  ist  in  allen
wesentlichen  Punkten  prinzipiell  von  der  Epidermis  verschieden.  Seiner
Entstehung  nach  geht  es  im  allgemeinen  aus  dem  Mesoblast  hervor,
und  seiner  Lage  nach  findet  sich  solches  Bindegewebe  niemals  an  der
Oberfläche,  sondern  nur  im  Innern  des  Körpers;  denn  die  primäre
Aufgabe  der  Bindesubstanzen  ist  die  Ausfüllung  der  im  Innern  des
Körpers  zwischen  den  einzelnen  Organen  sich  ergebenden  Zwischenräume.
&amp;gt;)  Vgl.  z.  B.  Nüst  1844,  S.  332;  Wagner  1873,  S.  223.  2 )  Rüst  1844,  S.  321.
8 )  So  auf  Seguins  Vorschlag;  Almanach  1804,  S.  509.  4 )  Poppe  1837,  S.  336.
5 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  711.
0)  Privatmitteiluug  von  The  Turner  Compagny.
        <pb n="45" />
        5

Aus  dieser  Aufgabe  wird  die  Art  seiner  Entstehung,  die  Art  seines
Vorkommens,  sein  histologischer  Charakter  und  seine  physikalischen  Eigenschaften ­
  verständlich.  Was  seine  Entstehung  anlangt,  so  stellt  es  anfänglich, ­
  im  Hinblick  auf  seine  ursprüngliche  Aufgabe,  ein  Ausscheidungs-Produkt
  der  Epithelien  nach  ihrer  inneren  Seite  dar;  späterhin  beobachten ­
  wir  dann  seine  Bildung  durch  direkte  Umwandlung  einzelner
Zellen  in  solches  Bindegewebe,  so  daß  also  die  Bindesubstanzen  histologisch
  als  Jnterzellularsubstanzen  oder  als  Plasmaprodukte  angesprochen
werden  müssen.  Mit  dem  Wachstum  der  einzelnen  Tiere  und  Organe
und  mit  der  Vervollkommnung  ihrer  Organisation  erweitert  sich  die
Aufgabe  der  Bindesubstanzen  dahin,  daß  sie  die  verschiedenen  Teile  der
Organe  und  auch  die  verschiedenen  Organe  des  Tierkörpers  miteinander
verbinden,  d.  h.  die  an  sie  gestellten  Anforderungen  werden  jetzt  hauptsächlich ­
  solche  der  Festigkeit.
Demgemäß  sehen  wir  denn  auch  in  den  ursprünglich  gallertigen
Bindesubstanzen  feste  und  mehr  oder  weniger  elastische  Fasern  und
Bindesubstanzfibrillen  auftreten,  welche  ursprünglich  wirr  durcheinander
liegen,  und  welche  mit  steigender  Organisation  in  dem  Maße,  als
die  an  sie  gestellten  Anforderungen  der  Festigkeit  steigen,  sich  zu
immer  größeren  Bündeln  parallel  liegender  Fasern  gruppieren,  zwischen
welchen  als  letzte  Reste  der  sie  erzeugenden  Zellen  die  sog.  Bindesubstanzkörperchen ­
  mehr  oder  weniger  regelmäßig  angeordnet  sind.
Die  Hauptmasse  dieser  Bindesubstanzen  sind  also  Plasmaprodukte,  und
zwar  entstanden  als  das  Ergebnis  einer  in  Hinsicht  auf  Festigkeit
ins  Extrem  getriebenen  Arbeitsteilung  im  tierischen  Körper.  Daher
werden  wir  uns  nicht  wundern,  daß  die  Klasse  der  Bindesubstanzen
die  festesten  im  tierischen  Körper  vorhandenen  Gewebe  umfaßt,  und
daß  wir  die  höchste  Festigkeit  auch  in  den  Bindesubstanzen  höchster
Ordnung,  nämlich  im  „Bindegewebe"  —  dem  eigentlichen  Gegenstand
des  Gerbeprozesses  im  engeren  Sinne  —,  sowie  in  den  Knorpeln  und
Knochen  der  Wirbeltiere  antreffen.
Was  nun  weiter  das  Vorkommen  dieser  Bindesubstanzen  anlangt,
so  besitzt  der  tierische  Körper  gewisse  Stellen,  welche  nach  ihrer  Lagebeziehung ­
  oder  nach  ihrer  Aufgabe  ganz  allgemein  durch  den  Besitz
besonders  fester  Bindesubstanzen  ausgezeichnet  sind.  Ein  solches  im
Innern  des  Körpers  vorhandenes  und  fest  mit  Bindesubstanzen  umscheidetes
  Organsystem  stellt  das  Verdauungssystem  dar.  So  wird  es
uns  verständlich,  daß  man  das  Darmrohr  sogar  mancher  Wirbeltiere
wegen  seiner  außerordentlichen  Festigkeit  bei  geringem  Substanzauswand
zur  Verwendung  heranzieht.  Im  allgemeinen  ist  aber  der  Verdauungsapparat ­
  der  wirbellosen  Tiere  zu  klein,  als  daß  er  technischen  Zwecken
in  weiterem  Maße  dienen  könnte.  Ausgedehntere  Anwendung  finden
        <pb n="46" />
        6

die  hier  vorkommenden  Bindesubstanzen  der  Wirbeltiere.  Das  Blattgold ­
  erhält  den  höchsten  Grad  seiner  Feinheit  zwischen  den  äußerst
feinen  und  doch  sehr  festen  Goldschlägerhäutchen,  welche  man  hauptsächlich
aus  der  bindegewebigen  Haut  vom  Blinddarm  des  Rindes  gewinnt.
Schon  auf  primitiven  Stadien  der  Kultur  ist  die  Festigkeit  dieser
Bindegewebe  bekannt.  Die  Polarvölker'),  welche  durch  die  natürlichen
Verhältnisse  ihres  Wohngebietes  zu  möglichster  Ausnützung  der  Tierkörper ­
  gedrängt  werden,  stellen  aus  zusammengenähten  Gedärmen
brauchbare  Stoffe  her.  So  trugen  die  Bewohner  von  Prince-William-Sound
  zur  Zeit  ihrer  Entdeckung  durch  Cook")  als  Regenmäntel  ein
aus  den  Därmen  von  Walfischen  oder  anderen  großen  Tieren  gefertigtes
Gewand,  und  das  Gleiche  erfahren  wir  von  den  männlichen  Bewohnern
Unalaschkasch.  Die  Eskimosch  ziehen,  wenn  sie  auf  See  fahren,  unter
dem  Seehundpelz  wohl  auch  noch  ein  Hemd  von  Därmen  an.  Auch
der  vordere  Abschnitt  des  Verdauungssystems,  die  Speiseröhre,  wird
herangezogen,  indem  die  Bewohner  mancher  Polargegenden  daraus
Stiefelschäfte  bereiten  ch.  Die  Saiten  für  Musikinstrumente  aus  Schafdärmen, ­
  die  Sehnen  der  Bogen,  bei  manchen  wilden  Völkern  aus  den
Därmen  erschlagener  Feinde  gedreht,  die  Saiten  der  Armbrüste,  haben
gleichfalls  diese  festen  Bindesubstanzen  zum  Ausgangsmaterial.
Über  die  Verwendung  der  Bindesubstanzen  des  Darmrohres  im
Altertum  habe  ich  nur  eine  einzige  Litteraturangabe  gefunden,  nämlich
die  Benutzung  derselben  zu  Schreibmaterial  ch.
Für  das  Mittelalter  können  wir  nach  seiner  ganzen  gewerbepolitischen ­
  Tendenz  kaum  einen  Fortschritt  in  bezug  auf  Erschließung
neuer  Rohmaterialquellen  erwarten,  und  es  ist  interessant  zu  sehen
—  so  viel  wenigstens  ich  beim  Durchsuchen  der  Litteratur  jener  Zeit
gefunden  habe  —,  wie  es  erst  den  neuen  Wirtschaftsideen  der  merkantilistischen
  Periode  vorbehalten  war,  wie  überall,  so  auch  hier  unter
dem  höheren  Gesichtspunkte  der  großen  Bedarfsdeckung  für  die  geschlossene ­
  Staatswirtschaft,  die  ersten  Vorschläge  zur  Verwendung  dieser
Bindesubstanzsysteme  zu  machen:  In  seiner  neuen  Herausgabe  von
Bechers  Kommerzientraktat  ch  weist  der  Kameralist  Georg  Heinrich
Zincke  1759  zur  Deckung  des  gestiegenen  Lederbedarfs  unter  anderem
auch  darauf  hin,  daß  wir  nachsuchen  sollten,  „ob  nicht  andere  Häute  in
Tieren  sind,  z.  E.  in  den  Mägen  und  Blasen  der  Ochsen".
Erst  verhältnismäßig  spät  hat  dann  die  im  neuen  Geiste  der  wirt-1)

  Schurtz  1900,  S.  315.
2)  Cook  1789,  Bd.  III,  S.  343;  über  Eskimo  vgl.  auch  Ratzel  1894,  Bd.  I,
S.  543.  »)  Cook  1789,  Bd.  IV,  S.  97.  -)  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  183.
6 )  Rüst  1844,  S.  339.  °)  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  257—258.
Becher  1759,  Bd.  II,  S.  1372.
        <pb n="47" />
        7

gastlichen  Anschauungen  entstandene  Technologie  auf  die  gleichen  Ausgangsmaterialien ­
  hingewiesen,  so  Leuchs  1828  *)  auf  die  Verwendung
von  Speiseröhren  der  Pferde  und  des  Rindviehs  zu  wasserdichten  Stiefelschäften ­
  und  zu  Oberleder  für  Schuhe,  vom  Mastdarm  zu  Sohlleder,
von  der  inneren  Magenhaut  zu  Leder,  und  von  engen  Speiseröhren
und  Gedärmen  zu  Riemen  und  biegsamen  Röhren  für  Gas-  und  Wasserleitung ­
  usw.  Ihm  schlossen  sich  dann  an  1837  Pelzers  und  1844
Rüst  3),  letzterer  in  bewußter  Analogie  mit  den  Verhältnissen  primitiver
Völker.  Diese  Beispiele  aus  der  Reihe  der  Technologen  mögen  genügen.
Zu  praktischen  Versuchen  scheinen  indessen  diese  Vorschläge  erst  viel
später  geführt  zu  haben,  so  wurde  1879  von  E.  Tivet  in  Philadelphias
ein  Patent  erworben,  um  aus  Schafmägen  durch  Glacegare  ein  zur
Anfertigung  von  Taschen  u.  dgl.  brauchbares  Leder  herzustellen.  Wir
hören  1882  °),  daß  man  Schafmägen  zu  diesem  Zwecke  lohgar  oder  mit
Alaun,  Weizenmehl  und  Eigelb  weißgar  macht,  wir  hören  weiter 6 ),
man  für  runde  Riemen  Därme  gedreht,  für  breite  Riemen  in
-einem  Webstuhl  zu  Borten  gewirkt  in  den  Handel  bringt,  und  noch
1899  wurde  durch  Patent  vom  19.  Januar  1899  unter  Nr.  116  747
...8  a  )  für  Bruno  Trenckmann  in  Berlin  ein  Verfahren  geschützt,
nach  welchem  durch  Gerbung  mit  Glacenahrung  oder  durch  eine  kombinierte ­
  Glacechromgerberei  oder  auch  durch  vegetabilische  Gerbung  aus
er  an  er  äußeren  Wand  des  Darmkanals,  insbesondere  des  Blinddarmes ­
  es  Rindes,  befestigten  Haut  Glaceleder  hergestellt  werden  sollte.
T *  4  5  6 !!  e ^' en  ^ etnen  a ^ e  d^se  Versuche  zur  Umwandlung  von  Eingeweiden
  en  unserer  großen  Haustiere  in  Leder  chisher  an  der  hohen  Wertschätzung ­
  gescheitert  zu  sein,  welche  andere  Verbraucher  diesen  Bindegewebssubstanzen
  entgegenbringen 8 ).
Ein  weiteres  Vorkommen  von  Bindesubstanzen,  welches  ebenfalls
tvieder  wegen  der  bedeutenden  Festigkeit  des  Materials  für  die  menschuche
  Bedürfnisbefriedigung,  wenn  auch  im  allgemeinen  nur  auf  niedereren
tusen  der  Kultur,  von  Bedeutung  ist,  sind  die  Bänder  und  Sehnen,
-lliele  Reiseberichte  erzählen,  wie  die  Bänder  und  Sehnen  gespalten,
wohl  auch  mit  Ol  zubereitet  und  dann  zum  Nähen  oder  Binden  verwendet ­
  werden,  und  es  ist  wohl  nicht  nötig,  hier  umfangreiche  Litteraturnachweise
  über  deren  Verwendung  bei  Hottentotten  und  Negern,  bei
Patagoniern,  nordamerikanischen  Indianern,  bei  Australiern,  bei  Hyper-9
  Leuchs  1828,  S.  66—67.
2 )  Pelzer  1837,  S.  274;  Poppe  1837,  S.  333.  »)  Rüst  1844,  S.  339.
4 )  Deutsche  Gerberzeitung  1879,  Nr.  67.
6 )  Deutsche  Gerberzeitung  1882,  Nr.  103.
6 )  Ebenda.  7 )  Deutsche  Gerberzeitung  1901,  Nr.  5.
*)  Vgl.  Schuh  und  Leder  1904,  Nr.  34  S.  48—49.
        <pb n="48" />
        8

boreern  usw.  anzuführen,  da  jede  größere  Ethnographie  oder  Anthropologie ­
  darüber  orientiert*).
Daß  auch  im  klassischen  Altertum  dieses  Material  noch  zum  Nähen
von  Leder  in  Verwendung  stand,  dafür  zeugen  eine  Stelle  bei  Hesiod"),
wie  vielleicht  auch  Ausgrabungen").
Indes  ist  es  der  vertieften  Erkenntnis  über  die  uns  von  der  Natur
zur  Verfügung  gestellten  Produkte  und  der  fortgeschrittenen  Produktionstechnik ­
  schon  in  verhältnismäßig  früher  Zeit  gelungen,  die  als  Bänder
und  Sehnen  vorkommenden  Bindesubstanzen  durch  andere  Stoffe  vollkommen ­
  zu  ersetzen  und  zu  verdrängen;  wir  erfahren  nichts  über  die
Verwendung  derselben  zu  irgendwelchen  Zwecken  im  Mittelalter,  und
erst  wieder  in  merkantilistischer  Periode  sehen  wir*),  wie  man  in  Frankreich ­
  die  sonst  üblichen  Hangeriemen  für  Kutschen  aus  weißgarem
ungarischen  Leder  durch  schwere  ölgare  Sehnen  zu  ersetzen  suchte.
In  der  neuesten  Zeit  endlich  erscheint  —  diesmal  in  der  auf  Verwendung ­
  von  Gerbereiabfällen  gerichteten  Industrie  —  ein  Versuch  zur
Überführung  von  Sehnen  in  künstliches  Fischbein  durch  eine  Art  von
Chromgerbung  °)  bemerkenswert.
Sehen  wir  so  bei  den  aus  dem  Innern  des  Körpers  stammenden
Bindegewebssubstanzen,  daß  diese  bereits  in  eine  dritte  Phase  wirtschaftlicher ­
  Wertschätzung  eingetreten  sind,  indem  nämlich  auf  einen  Zustand ­
  hoher  Wertschätzung  bei  Primitiven  ein  Stadium  vollen  Ersatzes
bei  fortgeschrittener  Produktionstechnik,  und  darauf  wieder  eine  Phase
beginnender  und  steigender  Wertschätzung  im  Zeichen  speziellster  Bedürfnisse ­
  und  eingehendster  Substanzausnützung  erfolgt  ist,  so  dürfen
wir  von  der  tierischen  Haut  behaupten,  daß  sie  bei  fast  allen  Völkern
von  Anfang  an  bis  heute  sich  noch  auf  der  ersten  wirtschaftlichen  Phase
hoher,  und  noch  dazu  stets  gestiegener  und  stets  weiter  steigender  Wertschätzung ­
  befindet,  weil  hier  bis  jetzt  alle  Versuche  als  mißglückt  zu  betrachten ­
  sind,  welche  auf  einen  vollwertigen  Ersatz  des  unter  der  Epidermis ­
  vorkommenden  Bindegewebes  abzielten.
Dieses  Bindegewebe  umhüllt,  unter  der  ganzen  Fläche  der  Epidermis ­
  verlaufend,  die  gesamte  Außenfläche  des  animalen  Körpers,  und
es  wird  mit  der  Epidermis  unter  dem  gemeinsamen  Namen  „Haut"
zusammengefaßt.  Schon  bei  den  einfachsten  Metazoen  läßt  sich  die  Anwesenheit ­
  eines  dünnen  Bindegewebes  unter  der  Epidermis  feststellen,
im  Hautmuskelschlauch  der  Würmer  findet  sich  eine  zellenhaltige  Bindegewebsschicht
  zwischen  der  hier  noch  einschichtigen  Epidermis  und  der
1 )  Ausführliche  Angabe  bei  Montelius  1906,  S.  20—21;  Cook  1789,  Bd.  VI,
S.  102.  1  2  3 )  Hesiod  0.  et  d.  S.  544;  Hehn  1911,  S.  14—16.
3 )  Gcrberzeitung  1888,  S.  302.  *)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  87.
6 )  Gerbercourier  1899,  Nr.  20.
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        9

tiefer  gelegenen  Muskulatur  als  Jnsertionsstelle  der  Muskelfasern,  und
wenn  wir  endlich  in  den  höchsten  Stamm  der  Tierreihe  eintreten,  hat
dieses  Bindegewebe  neben  einer  hohen  histologischen  Ausbildung  auch
eine  bedeutende  Mächtigkeit  erlangt.  Es  besteht  hier  aus  vielen  Lagen
straff  faserigen  Bindegewebes,  grenzt  aber  nicht  direkt  an  die  tiefer
liegende  Muskulatur,  sondern  wird  von  dieser  durch  ein  lockeres  lymphgesäßreiches
  Gewebe,  das  sog.  subkutane  Bindegewebe,  getrennt.
Es  darf  hier  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  dieses  Bindegewebe  der
Haut,  welches  den  bezeichnenden  Namen  „Lederhaut"  auch  Cutis  oder
Corium  führt,  durch  den  Übergang  in  noch  höhere  Gewebssormen,  in
Knorpel  und  Knochen,  auch  Sitz  von  Verknöcherungen  werden  kann,
von  welchen  für  uns  die  Placoidschuppen  der  Selachier  die  wichtigsten
Formen  der  Hautossifikationen  darstellen.
Ihrer  chemischen  Natur  nach  gehören  alle  Bindegewebssubstanzen
zu  den  Eiweißkörpern,  und  die  Hauptmasse  des  Bindegewebes  der
Wirbeltiere,  welche  zugleich  technisch  am  wichtigsten  und  ihrer  chemischen
Natur  nach  am  bekanntesten  sind,  besteht  aus  Glutin.  Zwischen  diesen
Fibrillen  liegt  dann  aber  noch  eine  weitere  Substanz,  das  Coriin,  wie
Rollet  H  und  nach  ihm  Reimer  l  2 )  mit  Sicherheit  nachgewiesen  haben.
Und  auch  die  Knorpel  und  Knochen  stehen  nicht  nur  entwicklungsgeschichtlich ­
  diesen  Bindesubstanzen  nahe,  insofern  sie  lediglich  höhere
Sinsen  der  Gewebsbildung  darstellen,  sondern  auch  die  Hauptmenge
ihrer  organischen  Grundsubstanzen,  das  Chondrin  des  Knorpels,  bzw.
das  Ossein  des  Knochens  müssen  wir  als  chemisch  nahe  verwandt  mit
dem  Glutin  betrachten,  da  sie,  wie  das  Glutin,  beim  Kochen  Leim  liefern.
Von  den  verschiedenen  gemeinsamen  und  unterscheidenden  Reaktionen ­
  dieser  Leimsubstanzen  interessiert  uns  hier
1.  das  verschiedene  Verhalten  der  Bindesubstanzen  und  des  Coriins
gegen  Kalkwasser  s ).  Die  Bindesubstanz  ist  in  Kalkwasser  unlöslich,
während  sich  das  Cyriin  hier  sehr  leicht  löst,  eine  Reaktion,  welche  sür
alle  Prozesse  des  Äscherns,  Kalkens  usw.,  in  welchen  Kalk  angewandt
wird,  beachtenswert  ist,  weil  durch  zu  langes  Liegen  im  Kalk  das  Lederrendement
  bei  den  nach  dem  Gewicht  zu  verkaufenden  Häuten  stark  sinkt;
2.  das  Verhalten  der  Bindesubstanzfibrillen  gegen  verdünnte
Säuren;  selbst  stark  verdünnte  Säuren  wirken  bereits  stark  guellend
aus  die  Hautsaser,  eine  Eigenschaft,  deren  man  sich  bei  den  Operationen
des  Beizens  und  Schwellens  bedient,  um  die  Haut  sür  die  Aufnahme
des  Gerbstoffes  empfänglicher  zu  machen/)  und  welche  zuerst  von  dem

l )  Wiener  Akademieberichte  30,  37,  39,  308;  Dinglers  polytechnisches
Journal  149,  298.  2 )  Dinglers  polytechnisches  Journal  205,  143.
s )  Heinzerling  1882,  S.  14.  *)  Derselbe  1882,  S.  15.
        <pb n="50" />
        10

irischen  Arzte  Macbride r )  und  dann  von  dem  Franzosen  Armand
Seguin^)  in  dieser  klar  ausgesprochenen  Weise  empfohlen  oder  verwendet ­
  wurde;
3.  das  Verhalten  der  Gerbsäure  gegen  Leimlösung.  Gerbsäuren
fällen  Leimlösung,  sie  vereinigen  sich  mit  den  leimgebenden  Substanzen
des  Organismus  nach  konstanten  Gewichtsverhältnissen  zu  wasserunlöslichen ­
  Verbindungen.
So  sehen  wir  also,  daß  die  tierische  Haut  aus  zwei  prinzipiell  ganz
verschiedenen  Elementen  zusammengesetzt  ist:
1.  Aus  der  Oberhaut  oder  Epidermis.  Sie  stellt  nach  ihrer  Entstehung ­
  aus  dem  Ektoblast  den  ektodermalen  Teil  der  Haut  dar,  histologisch ­
  erweist  sie  sich  hauptsächlich  als  aus  Zellen  bestehend,  sie  selbst
besitzt  geringe  physikalische  und  chemische  Widerstandsfähigkeit,  und  ihre
Plasmaprodukte  sind  Horngebilde,  chemisch  Keratinsubstanzen,  welche
eine  größere  Festigkeit  nur  auf  Kosten  ihrer  Biegsamkeit  und  Elastizität
erreichen.  Für  die  Gerberei  ist  die  Epidermis  nur  insofern  von  Bedeutung, ­
  als  man  sie  im  allgemeinen  und  mit  wenigen  Ausnahmen  vor
dem  eigentlichen  Gerbeprozeß  ganz  oder  teilweise  zu  entfernen  sucht.
2.  Aus  der  Lederhaut  oder  dem  Corium.  Die  Lederhaut  stellt
nach  ihrer  Entstehung  den  mesodermalen  Teil  der  Haut  dar,  histologisch ­
  spielen  neben  der  Hauptmasse  der  Plasmaprodukte,  hier  Bindegewebsfibrillen
  genannt,  die  erzeugenden  Zellen  nur  eine  untergeordnete
Rolle,  und  diese  Plasmaprodukte,  chemisch  Glutinsubstanzen,  verbinden
hier  mit  großer  Biegsamkeit  und  Elastizität  eine  außerordentliche  Festigkeit; ­
  insbesondere  zeichnen  sie  sich  gegenüber  den  Epidermoidalprodukten
durch  eine  größere  chemische  Stabilität  und  andere  analytische  Eigenschaften ­
  aus,  auf  Grund  deren  die  beiden  räumlich  einander  so  nahe
liegenden  Gewebselemente  voneinander  geschieden  werden  können.  Wir
haben  eben  im  Corium  wieder  einmal  eine  jener  wunderbaren  technischen ­
  Leistungen  der  lebenden  Substanz  vor  uns,  welche  in  ihrer  Art
einzig  und  höchst  vollkommen  ist.  Daher  ist  auch  die  Lederhaut  das
eigentliche  Objekt  des  Gerbeprozesses  im  engeren  Sinne,  und  alle,  diesen
Prozeß  vorbereitenden  Operationen,  bezwecken  eine  möglichste  Reinigung
des  Corinms  von  allen  anderen  ihm  anhaftenden  Substanzen.
Wenn  wir  endlich  noch  das  Ergebnis  unserer  bisherigen  Betrachtungen ­
  über  die  Haut  in  ein  übersichtliches  Schema  zusammen-0

  -Originalabhandlung  von  Herrn  David  Macbride  zu  Dublin  bei  Hermbstädt
  1803.
2 )  Hermbftädt  1803,  S.  187.  Originalabhandlung  von  Herrn  Armand  Seguin.
Über  die  Entdeckung  einer  neuen  Verfahrungsart,  tierische  Häute  schnell  zu  gerben.
Als  Bericht  über  dieselbe  an  den  Wohlfahrtsausschuß  in  Paris.  Aus  dem  llournal
äes  Lrts  st  Mauufactures  Tom.  II.  Von  Herrn  Lelievre  und  Pelletier.
        <pb n="51" />
        11

fassen  wollen,  so  stellt  sich  uns  jetzt  die  für  die  Gerberei  in  Betracht
kommende  Haut  der  Wirbeltiere  folgendermaßen  dar:

)  Epidermis  (Narbe)

Stratum  Corneum
Stratum  Malpighii
Corium
Subcutanes  Bindegewebe

Lcderhaut
(Fleischseite)

Muskulatur
Was  diesseits  und  jenseits  des  Coriums  liegt,  hat  normalerweise
am  eigentlichen  Gerbeprozesse  keinen  Teil  und  wird  vor  demselben  entfernt. ­
  Das  von  den  einhüllenden  Schichten  befreite  Corium  aber,  die
reine  Lederhaut,  kennt  der  Weißgerber  unter  dem  Namen  „Blöße".
2.  Die  Wirbeltierhaut  als  Objekt  des  Gerbeprozesses.
Wir  haben  nunmehr  einen  Überblick  über  die  wirtschaftlich  verwertbaren ­
  Bindesubstanzvorkommen  des  tierischen  Körpers  gewonnen,
wir  haben  die  wichtigsten  Eigenschaften  dieser  Bindesubstanzen  kennen
gelernt,  von  zweien  dieser  Vorkommen  haben  wir  ihre  praktische  Anwendung ­
  bereits  beobachtet,  und  es  bleibt  uns  nunmehr  noch  übrig,  zu
untersuchen,  in  welcher  Ausdehnung  das  dritte  Bindesubstanzvorkommen,
nämlich  als  Corium,  in  der  Haut  der  Wirbeltiere  technisch  und  wirtschaftlich ­
  beachtenswert  ist.
Fast  in  der  gleichen  Mannigfaltigkeit,  in  welcher  die  Entwicklungsformen ­
  der  lebenden  Substanz  den  Wirbeltierkörper  dem  wirtschaftenden-Menschen
  darbieten,  sehen  wir  auch  die  Decke  dieses  Körpers  zur  Bedürfnisbefriedigung ­
  herangezogen  werden.
Sobald  der  Wirbeltierkörper  in  der  Klasse  der  Fische  eine  einigermaßen ­
  beachtenswerte  Größe  erreicht  hat,  zieht  seine  Bedeckung  die  Aufmerksamkeit ­
  des  Menschen  auf  sich.  Da  die  dünne  Cuticula  und  die
weiche  Epidermis  nichts  zur  Festigkeit  und  zum  Schutze  der  Körperoberfläche
  beitragen,  fällt  diese  doppelte  Aufgabe  hier  der  Lederhaut  zu,
und  diese  erlangt  durch  Erfüllung  dieser  doppelten  Ausgabe  zwei  für
die  hier  in  Betracht  kommenden  Zwecke  wichtige  Eigenschaften,  nämlich
1.  entwickelt  sich  die  Lederhaut  zu  einem  aus  vielen  Schichten  bestehenden ­
  straff  faserigen  Bindegewebe,  um  den  Ansprüchen  an  Festigkeit ­
  nachzukommen,  und
2.  wird  die  Lederhaut  zum  Schutze  des  Tierkörpers  der  Sitz  der
für  die  Fische  so  charakteristischen  Hautossifikationen,  nämlich  der
Schuppen.
Aus  diesen  beiden  Eigenschaften  der  Fischhaut  nun  ergibt  sich  auch
ihre  doppelte  Verwendung.
Wohl  die  primitivste  Verwendung  findet  das  Bindegewebe  zu  den
        <pb n="52" />
        12

Gefäßen  der  Eingeborenen  in  der  Frobisherstraße  aus  frischen  Fischhäuten ­
  *).  Die  Bewohner  der  Ostküste  Mittelasiens 2 )  und  die  Giljaken 8 )
bedienen  sich  der  durch  eine  primitive  Gerberei  vorbereiteten  Lachshäute
zur  Herstellung  von  Kleidern,  über  die  Verwendung  von  Häuten  der
Aalraupe  (Gattung  Lola)  zu  Kleiderbesätzen  erfahren  wir  in  betreff
der  Völker  Rußlands,  Sibiriens  und  einiger  tartarischer  Stämme 4 )
über  die  Verwendung  von  Häuten  von  Seetieren  zu  dem  gleichen
Zwecke,  wenn  die  Lesart  richtig  ist,  in  betreff  der  Germanen 8 ).
Die  moderne  Technik  hat  sich  auch  auf  diese  Hautarten  zur  Bedarfsdeckung ­
  auszubreiten  gesucht;  so  wurde  schon  auf  einer  im  Westminsteraquarium
  zu  London  1876  abgehaltenen  Fischereiausstellung
Oberleder  aus  der  Haut  des  Weißfisches,  Plattfischleder  zu  Handschuhen,
gegerbtes  und  zugerichtetes  Seezungenleder  zur  Portefeuillefabrikation
und  zugerichtete  Aalhäute  zu  Riemen  gezeigt 8 ).  In  Colborn,  Kanada,
soll  Ende  der  70  er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  ein  lebhafter
Handel  mit  Störhänten  zur  Handschuhfabrikation  betrieben  worden  sein  '),
und  in  Ägypten  fanden  um  die  gleiche  Zeit  Fischhäute  aus  dem  Roten
Meere  Verwendung  zu  Schuhsohlen 8 ).  Auch  in  der  Kunstindustrie
wurden  die  Häute  größerer  Fische  (Thunfische)  neuerdings  verarbeitet 9 ).
Die  zweite  Eigenschaft  der  Haut  niederer  Fische,  aus  welcher  sich
einige  Verwendungsmöglichkeiten  ergeben,  sind  die  bereits  oben  angedeuteten ­
  Hautossifikationen  der  Selachier;  es  sind  das  die  besonders
aus  der  vergleichenden  Anatomie  her  bekannten,  mit  einem  kaudalwärts
gewandten  Zähnchen  versehenen  Placoidschuppen  hauptsächlich  der  Squaliden
  und  einiger  Rajiden,  wobei  dann  die  Haut  nur  eine  mittelbare
Bedeutung  als  Erzeugerin  und  Trägerin  dieser  Knochengebilde  hat.
Eine  oberflächliche  Ähnlichkeit  dieser  Fischhaut  mit  dem  später  noch  zu
besprechenden  Chagrin  hat  zur  Bezeichnung  „Fischhautchagrin"  Anlaß
gegeben.  Auf  der  Eigentümlichkeit  dieser  mit  kleinen  scharfen  Erhebungen
dicht  besetzten  Hautoberfläche  beruht  ihre  Verwendung  zum  Glätten  von
Holz,  Elfenbein,  Metall  seitens  verschiedener  Handwerker;  so  berichtet
Beckmann")  1794  über  die  Gewinnung  dieser  Fischhäute  als  Nebenprodukt ­
  bei  dem  auf  Trangewinnung  gerichteten  Haifischfang,  und  seit
dieser  Zeit  kann  man  bis  zum  heutigen  Tage  über  die  Verwendung
des  Fischhautchagrins,  meist  in  getrockneter  Form,  selten  gegerbt,  zu
gedachtem  Zwecke  in  Technologien  und  Handbüchern  sich  orientieren.
Endlich  führt  der  Besitz  dieser  Hautossifikationen  noch  zur  Ver-’)
  Goguet  Ex.  1796,  S.  34.  2 )  Deutsche  Gerberzeitung  1880,  Nr.  35.
3 )  Schurtz  1900,  S.  315.  4 )  Deutsche  Gerberzeitung  1880,  Nr.  35.
6 )  Tacit.  Germ.  cap.  17  und  Semper  I,  1878,  S.  96.
6 )  Deutsche  Gerberzeitung  1880,  Nr.  35.  7 )  Ebenda.  8 )  Ebenda.
9 y  Bücher  1893,  S.  191.  -«)  Beckmann  1794,  Bd.  I,  S.  193.
        <pb n="53" />
        13

Wendung  solcher  Fischhaut  in  der  Kunstindustrie  hauptsächlich  zu  Futteralen,
wovon  ebenfalls  zuerst  Beckmann  berichtet  *),  die  Türken  verfertigten
daraus  schöne  Uhrgehäuse,  und  um  1880  war  das  Haus  Giraudon  in
Paris  wegen  seiner  geschmackvollen  Verarbeitung  dieser  Lederarten  zu
Galanteriewaren  bekannt 2 ).
Solche  Bestrebungen  und  Versuche  mögen  es  erklärlich  machen,
daß  die  Einfuhr  derartiger  Hautarten  so  gestiegen  ist,  daß  seit  dem
1.  März  1906  aus  der  bisherigen  Rubrik  nicht  besonders  genannter
Häute  und  Felle  nunmehr  eine  besondere  Position  über  die  Einfuhr
und  Ausfuhr  roher  Fisch-  und  Kriechtierhäute  abgetrennt  worden  ist^);
es  möge  genügen,  aus  der  außerordentlich  wechselnden  Zahlenreihe  die
Zahlen  für  das  Jahr  1908  anzuführen:
Rohe  Fisch-  und  Kriechtierhäute
Einfuhr  Ausfuhr  Differenz
945  dz  4  dz  941  dz
Die  Einfuhr  stammt  überwiegend  aus  den  Vereinigten  Staaten
Amerikas,  die  geringe  Ausfuhr  geht  nach  Österreich-Ungarn  und  nach
Großbritannien.
Häute  von  Amphibien  find  wohl  nirgends  Gegenstand  der
Gerberei;  denn  die  großen  Amphibien  des  Perms  und  der  folgenden
Schichtenshsteme  haben  in  unseren  Tagen  nur  kleine,  unbrauchbare  Nachfolger ­
  geliefert;  das  schließt  jedoch  nicht  aus,  daß  man  gelegentlich  die
gegerbte  Haut  großer  Frösche  als  Kuriosum  sehen  kann.
Die  Lederhaut  mancher  Reptilien,  bedeckt  von  dem  stark  verhornten, ­
  oft  mächtigen  Stratum  corneum  der  Epidermis,  mag,  nach
Wandgemälden 4 )  zu  fchließen,  schon  in  manchen  Teilen  des  alten  Ägyptens
bearbeitet  worden  sein.
Jedoch  hat  erst  die  moderne  Kunstindustrie  einen  größeren  Bedarf
nach  derartigen  Häuten,  besonders  von  Schlangen,  Alligatoren,  Krokodilen ­
  usw.  erzeugt  5 ),  wobei  stellenweise  die  Jagd  auf  diese  großen  wertvollen ­
  Eidechsen  zu  ihrer  völligen  Ausrottung  geführt  hat.  So  wurden
in  Florida  durch  Haut-  und  Topsjäger,  welch  letztere  hauptsächlich  eßbare
Eidechsen  jagen,  in  den  Jahren  1889—1894  2 4 /,  Millionen  dieser
Tiere  erschlagen,  und  1889  kauften  3  Firmen  in  Kifsiinmee  30000  Reptilienhäute ­
  6 ).
Die  Haut  der  Vögel,  zu  der  wir  jetzt  übergehen,  ist  durch  den
Besitz  des  Federkleides  an  weitaus  den  meisten  Stellen  der  dünnen
Lederhaut  und  dem  ebenfalls  nur  schwach  entwickelten  Stratum  eorueum
ausgezeichnet.  Auch  auf  dieses  Material  hat  die  Findigkeit  von  Naturtz
  Beckmann  1794,  Bd.  I,  S.  183.  tz  Deutsche  Gerberzeitung  1880,  Nr.  53.
tz  Jörissen  1909.  4 )  Jörissen  1909,  S.  8.  5 )  Bücher  1893,  S.  191.
°)  Ledermarkt  1903,  Nr.  67,  S.  16.
        <pb n="54" />
        14

Völkern  hingewiesen.  So  tragen  nach  Cook  *)  die  männlichen  Bewohner
Unalaschkas  Kittel  aus  Vogelhäuten,  das  erste  Kleid  des  Kindes  im
Basfinland  besteht  aus  einem  Vogelgefieder 2 ),  und  der  Missionar  Cranz
erzählt  uns  sogar,  wie  bei  den  Eskimos  eine  weitgehende  Differenzierung
in  der  Auswahl  der  Stücke  eingetreten  ist,  indem  bei  den  Hemden  aus
Vogelpelzen  die  Federn  einwärts  getragen  werden  ^),  indem  aus  dem
Rücken  der  Seevögelfelle  dünne  leichte  Unterkleider,  aus  den  Bäuchen
warme  Winterkleider,  aus  den  Hälsen  schöne  Staatspelze  gefertigt
werden,  und  bei  diesen  kehren  sie  gemeiniglich  die  Federn  auswärts  Z.
Auch  von  den  Azteken  Amerikas  B )  erfahren  wir  über  die  Verwendung ­
  von  Vogelpelzen.  Das  Mittelaller  hat  auf  die  wärmende  Eigenschaft ­
  gerade  der  Vogelpelze  °)  bei  der  Heilung  mancher  Krankheiten
Wert  gelegt;  1762  7 )  erfahren  wir  von  der  Verwendung  von  Schwanenfellen
  und  Norken  zu  Frauenmuffen,  1819  8 )  von  Pelzwerk  aus  Schwanenfellen,
  von  Gansfellen  zu  Futter  in  Winterkleidern,  und  wenn  endlich
in  der  Statistik  des  auswärtigen  Handels  des  deutschen  Zollgebietes
unter  Nr.  405  neben  Häuten  von  Pelztieren  auch  Vogelbälge  angeführt
werden,  so  sehen  wir,  wie  wenig  die  sonst  so  oft  wechselnde  Bedarfsund ­
  Geschmacksrichtung  an  der  Verwendung  dieses  Materials  gedeutelt
haben.
Noch  eine  Stufe  aufwärts  in  der  Tierreihe,  und  wir  sind  bei  ihrer
höchsten  Erscheinungsform  angelangt,  nämlich  bei  den  Säugetieren.
Nicht  nur,  daß  hier  das  Bindegewebe,  wie  in  den  tiefer  liegenden
Teilen,  so  auch  im  Corium  der  Haut  die  höchste  Form  der  Entwicklung
erreicht,  sondern  die  Haut  der  Mammalien  unterscheidet  sich  von  der
Haut  aller  übrigen  Wirbeltiere  auch  noch  durch  den  infolge  der  Jdiothermie
  erworbenen  Besitz  der  Haare  in  so  charakteristischer  Weise,  daß
bereits  Oken  für  diese  Tierklasse  den  Namen  „Haartiere"  in  Vorschlag
gebracht  hat.  Über  den  histologischen  Charakter  und  die  Einfügung
des  Haares  in  die  epitheliale  Wurzelscheide  ist  bereits  an  früherer  Stelle
gesprochen  worden.  Aus  dem  Besitz  der  Haare  ergibt  sich  eine  Reihe
von  wichtigen  Konsequenzen,  welchen  der  allgemeine  Sprachgebrauch
sogar  durch  eine  eigene  Nomenklatur,  die  Praxis  der  Gerberei  durch
eigene  Operationen  schon  auf  verhältnismäßig  niederen  Stadien  der
Fellarbeit  gerecht  geworden  ist.
Vor  allen  Dingen  bezeichnet  der  Sprachgebrauch  mit  dem  Wort
„Pelz"  nur  die  mit  Haaren  dicht  bestandene  Haut,  in  den  mittelalterlichen ­
  Ordnungen  findet  man  hierfür  sehr  häufig  den  Ausdruck  „rauhe,
0  Cook  1789,  Bd.  IV,  S.  97.  2 )  Ratzel  1894,  Bd.  I,  S.  539,  91.
3 )  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  183.  *)  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  220.
°)  Biart  1885,  S.  212.  6 )  Becher  1663,  S.  69.
')  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  313,  321.  8 )  Kceß  1819,  S.  349.
        <pb n="55" />
        15

rauche"  Felle').  -  in  diesem  Falle  liegt  bei  der  Verwendung  d^  Haut
der  Hauptuachdruck  aus  der  Besriedigung  des  S  )mu  Rutschen
bedürsnisses  -  und  die  Statistik  des  auswärtigen  Hände»^  desdeutsche^
Zollgebietes  hat  unter  dem  Gesichtspunkt  gleicher  wir  s  )as
die  Haut  von  Pelztieren  mit  den  Vogelbälgen,  wie  erei
unter  der  gemeinsamen  Nummer  405  zusammengefaßt.
In  der  Entwicklung  der  Gerberei  bezeichnet  es  berei  v  ein
Stuse,  wenn  unter  Entsernung  des  Haarkleides  der  Hauptna  )  ru
Verwendung  aus  der  Lederhaut  als  solcher  ruht.  wobei  man  a  so  von
Funktion  als  Trägerin  der  Haare  durch  die  Operationen  es  n  ha
vollkommen  abstrahiert.  Das  gibt  Anlaß  zu  einer  ganzen  elye
nischer  Konsequenzen,  welche  wir  bis  zu  ihrer  modernen  urchsuy
an  anderer  Stelle  weiter  versolgen  werden.
Die  Verschiedenheit  der  Verwendung  der  Säuget,erhaut  mit  o
ohne  Haare,  die  Verschiedenheit  der  Technik  bei  der  Ger  ung  zu  4-oder
  zu  enthaartem  Leder  hat  dann  noch  weitere  ties  greisen  e
schastliche  Folgen.  Mit  Rücksicht  aus  die  Verschiedenheit  der  V  e  r  w  e  n
klassifiziert  vor  allen  Dingen  der  Handel,  und  das  oft  mit  ungehe
Preisunterschieden,  die  Säugetierhaut  in  Pelze  einerseits  un  in  Ha
und  Felle  andererseits.  Aus  der  Verschiedenheit  der  Te  chn,  a
entwickelt  sich  eine,  allerdings  selbst  in  zünstlerischer  Zeit  n&amp;gt;ch  Ichars
durchgesührte  Arbeitsteilung,  indem  hier  der  Weißgerber  die  logischerweise ­
  zur  Domäne  des  Kürschners  gehörige  Gerbung  der  Schasse  e  nn
ihrer  Wolle  meistens  zu  seinem  Arbeitsgebiete  rechnet.  ^  f
Weitere  sprachliche  Unterschiede,  und  das  vielleicht  e  ensa  ^  a
sprachlicher  Ausdruck  wirtschaftlicher  Verschiedenheit,  sind  ie  o
..Haut",  „Fell",  „Balg".  Wie  aber  zwischen  Pelzen  und  Hauten
scharser  Unterschied  ist,  indem  z.  B.  die  Schas-  und  Ziegense  s
ihrer  Verarbeitung  das  eine  oder  das  andere  liefern  können,  so  gi  l
auch  hier  zwischen  den  drei  Begriffen  keine  scharfen  Grenzen.
Der  Ausdruck  Balg  bezeichnet  die  den  Tieren  unausgeschmttk:  ,
also  ganz  abgezogene  Haut;  die  Häute  der  Pelztiere  kommen  se)r  yaufi
in  Balgsorm  in  den  Handel  und  die  Gerbetechnik  des  mittela  er  i  ;e
Kürschners  ist  aus  diese  Balgsorm  zugeschnitten.  Jedoch  kommen  aucy
heute  noch  die  zu  Glacäleder  bestimmten  Schasselle  vieler  orrenta  isfije
Provenienzen  unausgeschnitten  aus  den  Markt  und  werden  in  resem
Zustande  sogar  noch  gewässert.  _  „  .  ~
Ebenso  wenig  scharf  sind  die  Begriffe  „Haut  und  -
allgemeinen  jedoch  versteht  man  unter  „Haut"  die  natürliche  e  s
der  größeren  Tiere,  also  die  von  Ochsen,  Büffel,  Kuh  un  H

')  Z.  B.  Lamprecht  1886,  Bd.  II,  S.  320.
        <pb n="56" />
        16

während  man  Kalbs-,  Schaf-,  Ziegen-,  Hunde-  und  dgl.  leichtere
Häute  unter  der  Bezeichnung  „Felle"  kennt.  Im  deutschen  Sprachgebrauch
ist  dieser  Unterschied  ziemlich  alt,  jedoch  war  die  Unterscheidung  auch
früher  keine  scharfe.  Eine  Würzburger  Taxordnung  1696  Z  kennt  z.  B.
die  Bezeichnungen:  Hirschhaut,  Wildhaut,  Rehfell,  Bock  haut,  Geiß  haut,
Hammels  haut,  Kalbfell,  Schaffell,  Lammsfell.  Der  Begründer  der
Technologie,  Beckmann  in  Göttingen,  suchte  schon  auf  Schärfe  des
Ausdrucks  hinzuwirken  2 ),  die  auf  ihn  folgende  praktische  Litteratur  hat
sich  ihm  angeschlossen  3 ),  aber  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  ist
diese  Unterscheidung  bis  heute  noch  nicht.  In  der  ausländischen  Litteratur
macht  die  hier  mangelnde  Schärfe  des  Ausdrucks  oft  dem  Verständnis
Schwierigkeiten,  so  bei  Fioravanti  1564  Z,  wo  die  Bedeutung  von  pöUö
und  corame  oft  nicht  ganz  klar  ist.
An  der  einzelnen  Haut  sind  zu  unterscheiden  die  Fleischseite,  welche
man  in  der  Praxis  als  „Aasseite"  bezeichnet,  und  die  äußere,  mit  den
Haaren  bestandene  Seite,  die  „Narbenfeite".  Der  bei  Arbeitern  und
Werkführern  hin  und  wieder  zu  hörende  Ausdruck  der  „Nerm"  für
Narbenseite,  kurz  auch  der  „Narben"  genannt,  ist  offenbar  nichts  weiter
als  eine  dialektische  Verkrüppelung  des  Wortes  „Narben",  und  mag  als
Zwischenglied  das  Wort  „Nerben"  angeführt  werden,  welches  z.  B.  in
einer  Magdeburger  Ordnung  von  1686  B )  in  den  Zusammensetzungen
„Nerbenleder"  „Weißnerbenleder"  vorkommt.
Auf  weitere  Unterschiede  der  Wirbeltierhaut,  welche  sich  aus  Geschlecht, ­
  Alter,  Herkunft,  Fütterung,  Haltung,  Klima  und  aus  ihrer
Relation  zum  momentanen  Zustande  des  Haarkleides  ergeben,  soll  an
späterer  Stelle  zweckmäßiger  eingegangen  werden.
Hier  endlich  mögen  noch  einige,  in  wirtschaftlichen  Schriften  hin  und
wieder  zu  lesende  Ungenauigkeiten  Berichtigung  finden.  Wenn  z.  B.
Trier  *  *  6 )  bei  der  Begriffsbestimmung  von  Haut  sagt:  „Die  tierische
Haut  besteht  aus  drei..  .  Schichten",  so  ist  es  nach  dem  Gesagten  klar,
daß  weder  die  tierische  Haut  ganz  allgemein  aus  drei  Schichten  besteht,
sondern  nur  die  der  Wirbeltiere  (mit  alleiniger  Ausnahme  der  Akranier),
und  weiter  geht  aus  der  bisherigen  Entwicklung  hervor,  daß  nur  die
Haut  der  Fische,  Reptilien,  Vögel  und  Säugetiere,  uicht  aber  die  aller
übrigen  Tierklassen  als  Gegenstand  der  Gerberei  in  Betracht  kommen
kann.  Und  wenn  es  heißt 7 )  „auf  der  Oberseite  der  tierischen  Haut  befinden ­
  sich  oft...  Haare  oder  Borsten",  so  kommen  hier  nur  die
Mammalien  in  Frage  mit  völligem  Ausschluß  aller  anderen  Wirbeltiere
und  der  übrigen  sechs  Tierstämme.  Solche  Definitionen  hängen  damit
i)  Würzburg  1696.  -)  Beckmann  1796,  S.  276.
8 )  Siehe  z.  B.  Gall  1824,  S.  22.  *)  Fioravanti  1564,  Bd.  I,  S.  11.
6 )  Magdeburg  1686,  Meisterstück.  6 )  Trier  1909,  S.  1.  7 )  Ebenda.
        <pb n="57" />
        —  17  —
zusammen,  daß  einige  wenige  Säugetiergattungen  im  allgemeinen  als
die  alleinigen  Hautlieferanten  der  Gerberei  betrachtet  werden;  schon  die
bisherige  Betrachtung  hat  gezeigt,  daß  zu  demhierher  gehörigen  Erscheinungskreis ­
  nicht  bloß  Säugetier-,  sondern  allgemein  Wirbeltierhäute,  sogar
innere  Bindegewebe  gehören.
Nach  diesen  allgemeinen  Erörterungen  legen  wir  uns  die  Frage
vor,  welche  Säugetiergattungen  für  den  wirtschaftenden  Menschen  im
Laufe  seiner  sich  entwickelnden  Wirtschaft  als  Haut-  und  Fellproduzenten
in  Frage  kommen.
Bei  den  Völkern  tiefer  Kulturstufe  oder  unentwickelter  Verkehrswirtschaft ­
  sind  die  Tiere,  welche  das  Material  zur  Befriedigung  des
Lederbedarfs  liefern,  äußerst  verschiedenartig  und  mannigfach;  sie  sind
ein  Ergebnis  ihrer  Umgebung  und  ihres  Klimas,  aber  alle  diese  Tiere
haben  nur  lokale  Bedeutung.  So  sind  es  für  Kaffernin  Südostasrika
  Antilopen,  Zebras,  Raubtiere,  Assen,  für  die  Lappen  in  der
zweiten  Hälfte  des  9.  Jahrhundert  2 )  Walfische,  Seehunde,  Marder,  Renntiere, ­
  Bären,  für  Eskimos 8 )  Seehunde  und  Renntiere,  für  Kalmücken
und  Baschkiren 4 )  Pferde-,  Rinds-  und  Eselshäute,  in  China  am  Ansänge ­
  des  18.  Jahrhunderts,  wo  eine  größere  Einfuhr  noch  nicht  bestand,
alle  möglichen  einheimischen  Tiere  bis  herunter  zu  Ratten  und  Mäusen,
bei  Azteken 8 )  Hirsche  u.  a.,  in  Peru  vor  dem  Eindringen  der  Europäer
Lama  und  AlpacaH,  die  ältesten  aus  Ägypten  stammenden  Urkunden
der  heiligen  Schrift  sollen  auf  Pergament  aus  Antilopenfellen 8 )  geichrieben ­
  gewesen  sein,  bei  indischen  Völkern  hören  wir  von  Antilopenund
  Tigerfellen"),  und  der  Jagdbericht  Tiglatpilesars  um  1100  v.  Chr.
kennt  neben  allerlei  Tieren  auch  Wildochsen  und  Elefanten").  Die
Quellen,  denen  die  hier  einschlägigen  älteren  Daten  entnommen  sind,
sind  häufig  Berichte  von  Abgaben,  Tribut,  Eroberungen  usw.,  so  daß
wir  uns  damit  gleichzeitig  ein  Bild  von  den  Gegenständen  des  damaligen ­
  Verkehrs  machen  können.
In  dem  Maße  aber,  in  welchem  die  großen  Reiche  des  Altertums
sich  ausbreiten,  wo  in  dem  gleichen  Maße,  also  zur  Ermöglichung  der
Kommunikation  über  weite  Strecken  eine  Verkehrswirtschaft  gewisser
Höhe  eingeführt  werden  muß,  ändert  sich  das  Bild.  Die  Tierwelt,
melche  dem  Verkehr  hinderlich  ist,  verschwindet  mehr  und  mehr,  und  an

*)  Deutsche  Gerberzeitung  1897,  Nr.  102.
2 )  Viertetjahrsschrist  f.  S.  u.  W.  1906,  Bd.  IV,  S.  229.
3 )  Ledertechnische  Rundschau  1912,  S.  268,  270.
*)  Rüst  1844,  S.  337.  6 )  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  249.
e )  Deutsche  Gerberzeitung  1881,  Nr.  31.  ’)  Brehm  1885,  S.  811.
8 )  Wattenbach  1871,  S.  78.  9 )  Lassen  1847,  Bd.  II,  S.  546,  549.
’°)  Honunei  1885,  S.  532.
«Eb  ert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.  ^
        <pb n="58" />
        18

ihrer  Stelle  erscheint  eine  Tierwelt,  welche  der  Mensch  in  den  Dienst
des  Verkehrs  und  seiner  Wirtschaftsstufe  gestellt  hat,  nämlich  die  der
Haustiere.  Es  ist  ein  interessantes,  aber  hier  zu  weit  führendes-Problem,
  die  Urheimat  und  die  Wanderungen  der  Haustiere,  ihre  Aufteilung ­
  in  Rassen,  und  damit  Hand  in  Hand  die  Wandlungen  ihrer
Haut  und  ihres  Haarkleides  zu  untersuchen  Z.  Manche  Sagen  des
klassischen  Altertums  künden  noch  von  diesem  Kampf  gegen  die  der  sich
ausdehnenden  Verkehrswirtschaft  feindlichen  Tiere,  und  es  ist  vielleicht
ein  Momentbild  aus  der  letzten  Phase  dieses  Stadiums,  wenn  wir
hören,  daß  im  alten  Theben  die  Häute  von  Löwen  und  Leoparden  2 ),
und  daneben  die  von  Eseln,  Pferden,  Rindern,  Schafen  und  Ziegen
gegerbt  werden.  Keine  andere  Phase,  allerdings  in  modernen  Kombinationen, ­
  liegt  vor,  wenn  wir  hören,  daß  z.  B.  in  Freistadt  in  Oberösterreich ­
  3)  vom  dortigen  Weißgerber  Wolfshäute  und  Luchsfelle  russischer ­
  Provenienz,  und  daneben  Schaf-,  Ziegen-,  Hirsch-,  Gems-  und-Elenshäute
  bereitet  werden.
Daß  übrigens  die  in  die  menschliche  Wirtschaft  eingetretenen  Haustiere ­
  nicht  gleich  zur  Deckung  des  Häutebedarfs  herangezogen  werden
müssen,  nämlich  dann  nicht,  wenn  sie  zu  anderen  Zwecken  wertvollererscheinen,
  oder  wenn,  häufig  in  Verbindung  mit  letzterem  Punkte,  gewisse ­
  religiöse  Vorstellungen  ihre  Tötung  verbieten,  das  zeigt  z.  B.  die
Heiligkeit  des  Pflugstieres,  das  Verbot  der  Tötung  der  Pflugochsen  *),
oder  die  verachtete  Stellung  der  Gerberei  bei  manchen  Völkern,  ein
Punkt,  auf  welchen  wir  in  anderem  Zusammenhange  zu  sprechen  kommen
werden.  Wohl  den  großartigsten,  gelungensten  Versuch  der  Einführung
von  Haustieren  beobachten  wir  in  Südamerika,  aber  auf  die  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse,  zu  welchen  er  Veranlassung  gegeben  hat,  soll  ebenfalls ­
  erst  später  die  Sprache  kommen.
Der  Preistarif  Diocletians  °),  welcher  Häute  und  Felle  von  Rindern^
Ziegen,  Schafen,  Hirschen,  Mardern,  Bibern,  Bären,  Wölfen,  Füchsen,.
Leoparden,  Hyänen,  Löwen  und  Robben  kennt,  zeigt  in  charakteristischer
Weise  die  Rolle,  welche  die  Häute  und  Felle  unserer  Haustiere  am  ausgehenden ­
  Altertum  zur  Bedarfsdeckung  und  in  der  Wertschätzung  spielen..
Das  ganze  Mittelalter  ist  bestrebt  gewesen,  den  Kulturkreis  unserer
Haustiere  auszudehnen  und  damit  die  übrige  Säugetierwelt  wenigstens
der  größeren  Tiere  an  die  Peripherie  der  großen  Wirtschaftsgebiete  zu

J )  Vgl.  Hommel  1885,  S.  194;  Lippert;  Beckmann  1805,  S.  4;  Friedrich.
1911,  S.  4;  Marquardt  1882,  S.  414.
2 )  Rehlen  1865,  S.  132.  3 )  Sperl.  1909,  S.  15.
4 )  Goguet  1760,  Bd.  I,  S.  120.
5 )  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  266;  Marquardt  1882,  S.  569;  Mommsen
1893,  S.  24—25,  122.
        <pb n="59" />
        19

drängen.  Die  letzten  Überreste  jener  Ursprünglicheren  Zustände  sm
im  Rot-  und  Schwurzwild  unserer  Wälder  m  dm
unserer  Hochgebirge  erhalten,  und  daß  wir  den  Zuj  an  ,
dieser  Dere  eine  viel  größere  Rolle  als  heute  spielten,  noch  mcht  sehr
lange  verlassen  haben,  das  geht  aus  vielen  Taxor  nungen
werkerbriesen  von  Weiß-  und  Sämischgerbern  hervor,  wo
Gemsen,  Hirschen,  Rehen  eine  ziemlich  große  Rolle  spre  en.  ,
Indes  ist  der  Ersatz  zener  ursprünglicheren  Haue-  -nd-8^
ranten  durch  unsere  Haustiere  keineswegs  ein  so  vo  s  an  rg  '
aus  den  ersten  Blick  zu  sein  scheint.  Wenn  wir  heute  eine  H
statistik  eines  der  oben  zitierten  Länder,  .  etwa  Sudasrr  '  ^
Persien.  Südamerika,  hernehmen,  dann  sind  die  großen  P  s
dieser  Statistiken,  welche  in  erster  Linie  ins  Auge  sa  en,  H
Felle  von  Rindern,  Schasen,  Ziegen,  Pserden,  die  Starsr  en  ^
monotones  Bild,  und  es  scheint,  als  ob  sich  alle  -an  er  , t
bemühten,  den  europäischen  Verbrauchern  auch  in  den  hier  ,
kommenden  Rohmaterialien,  ohne  Rücksicht  aus  die  aus  en  .
Zonendisserenzen  sich  ergebenden  Produktionsmöglichkelten,  nur
goods  aus  den  Markt  zu  bringen.  Allein  bei  genauerem  Zuj
gibt  sich,  daß,  wie  bei  uns  das  Schwarz-,  Rot-  un  Hc'  )  '
vollkommen  verdrängt,  sondern  nur  aus  Gebieten  rnterstr  s
Territorien  mit  noch  extensiverer  Kultur  abgedrängt  worden  rs,  l  ^
in  jenen  Ländern  die  ursprünglichen  Fellieseranten  zwar  s  ar  63  ,
und  ebensalls  abgedrängt,  noch  keineswegs  aber  vollkommen  oer  ,
und  vernichtet  sind;  daraus  nun  resultiert  eine  ganz  andere  mr  1
liche  Stellung  dieser  Tiere,  sie  erlangen  nämlich  jetzt  erne  r
Seltenheitswert,  damit  Hand  in  Hand  eine  höhere  Werts  Atzung
Felles,  welches  insolgedessen  jetzt  nicht  mehr  unter  den  je  ^
Gerberei  um  seiner  Lederhaut  willen  erscheint,  sondern  unter  euer
Kürschnerei  um  seines  seltener  gewordenen  Haarkleides  wr  en,
also  diese  Tiere  aus  den  Strichen  intensiver  Kultur  rn  errr  or
extensiverer  Kultur  abgedrängt  werden,  so  sehen  wir  ihre  reelle  au
Domäne  der  Gerberei  in  das  Gebiet  der  Pelzarbeit  abgedrängt,  n  er
stützt  wird  diese  ganze  Bewegung  noch  durch  die  moderne  Geschma  -
Achtung,  welche,  von  der  Kunstindustrie  erzogen,  und  dann  von  rhr  geschmeichelt, ­
  eine  Vorliebe  sür  aparte  Novitäten  zeigt,  zu  welcher  nrch
nur  die  Felle  solcher,  neuerdings  erst  in  den  Rang  von  Pelzlreseranten
erhobener  Tiere  verarbeitet  werden,  sondern  in  stetig  steigendem  Maße,
und  sei  es  auch  nur  in  der  Form  von  Imitationen,  aparte  Decken  vie
niedrigerer  Vertreter  der  Tierreihe,  wie  z.  B.  von  Fischen  und  Reptrl  ,
woraus  ja  bereits  hingewiesen  wurde.
Aus  dem  Gesagten  ergibt  sich  also,  daß  das  gesamte^Schw  z-,
        <pb n="60" />
        20

J

Rot-,  Hoch-  und  Damwild,  wozu  wir  für  höhere  Breiten  auch  noch
die  Renntiere  rechnen  wollen,  ein  Übergangsstadinm  darstellt  zwischen
der  Bedarfsdeckung  an  Häuten  bei  ursprünglicheren  Zuständen  der  Wirtschaft ­
  und  zwischen  der  Bedarfsdeckung  an  Häuten  aus  den  durch  die
menschliche  Wirtschaft  über  die  ganze  Erde  verbreiteten  Haustieren.  Die
Felle  dieser  Tiere  gehören  ursprünglich  zu  den  Rohstoffen  des  mit  Tran
gerbenden  Weißgerbers,  d.  h.  des  Sämischgerbers,  wozu  sie  sich  auch
nach  ihren  Entstehungsbedingungen  besonders  gut  eignen.  Es  ist  nun
interessant  zu  sehen,  wie  der  allgemeine  wirtschaftliche  Charakter  eines
Landes  im  Sinne  obiger  Darlegung  übereinstimmt  mit  der  Menge  der
Felle,  welche  von  ihm  auf  den  Markt  gebracht  werden,  und  mit  der
Art  der  Verwendung  dieser  Häute  und  Felle.  In  den  deutschen  Gerbereien
wurden  im  17.  und  18.  Jahrhunderts  Hirschhäute,  natürlich  neben
einem  ausgedehnten  Verbrauch  in  den  Weißgerbereien,  sogar  noch  lohgar
gemacht.  Es  spricht  dies  für  einen  großen  Reichtum  des  Landes  an
solchen  Tieren,  da  die  Hirschhaut  in  diesem  Falle  einer  niedrigeren
Verwendungsmöglichkeit  zugeführt  wird,  als  ihr  nach  unseren  Anschauungen ­
  gebührt.  Daß  man  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts
noch  in  Deutschland  ziemlich  stark  mit  diesen  Wildhäuten  rechnete,  geht
auch  aus  folgendem  Satze  Zinckes  2 J  hervor:  Es  „wird  die  Jagd  der  wilden
Tiere  .  .  .  durch  ...  den  Ruin  der  Wildstände  und  Wälder  mit  ihrer
Lieferung  der  Häute  sehr  eingeschränkt".  In  Frankreich  wurden  derartige ­
  Häute  und  Felle  um  diese  Zeit  nicht  mehr  lohgar  gemacht;  neben
wenigen  inländischen  Provenienzen a )  wurden  sie  hauptsächlich  aus  Kanada
und  Louisiana,  daneben  auch  aus  Deutschland  und  Spanien  bezogen
und  fast  ausschließlich  den  Weißgerbereien  zugeführt.  In  Rußland  nahm
zur  Zeit  Peters  des  Großen  die  Verarbeitung  von  Renntier-  und  Elenhäuten ­
  eine  hervorragende  Stellung  in  den  Weißgerbereien  für  die
Lederindustrie  des  Landes  ein^),  und  auch  heute  noch  werden  Rennund
  Elenhäute,  jetzt  aus  Schweden  und  Norwegen  bezogen 5 ),  in  großen
Mengen  sämischgar  gemacht.  Neuerdings  scheint  man  in  Amerika  zur
Überführung  von  Hirschhäuten  in  Gloveleder  die  alten  Gerbemethoden
durch  eine  kombinierte  Chromglacegerbung  ersetzen  zu  wollen").
Eine  eigentümliche  und  sehr  schwankende  Wertschätzung,  welche  an
die  der  eingangs  besprochenen  Bindegewebe  erinnert,  hat  das  Pferdeleder ­
  durchgemacht.
Auf  der  ersten  Stufe  wirtschaftlicher  Wertschätzung  und  Verwendung
gehört  das  Pferd  unzweifelhaft  noch  zu  den  Tieren  vom  Range  des
eben  besprochenen  Schwarz-  und  Hochwildes.  Hier  ist  die  Pferdehaut
-)  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  417.  -)  Becher  1759,  Bd.  II,  S.  1372.
Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  120.  4 )  Gerbercourier  1901,  Nr.  35.
6 )  Gerbercourier  1890,  Nr.  10.  6 )  M.  A.  Gerbemethodeu  1903,  S.  282.
        <pb n="61" />
        21

Wildhaut  mit  allen  deren  Eigenschaften;  weil  noch  eigentliche  Haustiere
fehlen,  wird  das  Pferdeleder  hoch  geschätzt.  e&amp;gt;o  e  wa  is  ..
Kalmücken  und  ähnlichen  Mongolenstämmen,  we  che  auf
Territorien  des  europäischen  und  asiatischen  Rußlands  eine  g
ihrer  Bedürfnisse  mit  Pferdeleder  decken 7 ),  aus  Pfer  e
Juchten 2 )  und  der  einst  berühmte  orientalische  Chagrin  )  bern  ,
es  ist  ohne  Zweifel  als  eine  direkte  historische  Fortsetzung  ces
Wertschätzung  zu  bezeichnen,  wenn  in  Ordenszeiten  m  s  p^uß
Rosse  hauptsächlich  um  ihrer  Häute  willen  gejagt  wurden  ),_  und
bis  zum  heutigen  Tage  in  Rußland  der  größte  Teck  der  femen  Handschuhe ­
  aus  Fohlenfellen  gemacht  wird,  während  Schaf,  Zwg
Zickel  daneben  nur  eine  ganz  geringe  Rolle  spielen").
Mil  der  Kultur  dr«  Pft-dr-  «uch  Art  der  »”»
mit  der  Einführung  anderen  Häutematerials  beginnt  a  er
Wert  des  Pferdeleders  zu  finken.  Das  Pferdeleder  ist  vie  '
sich  nach  der  Größe  dieses  Tieres  erwarten  läßt,  und  es  is  ...
Dingen  sehr  verschieden  dick;  die  Haut  des  Pferdes  ist  am  &amp;gt;  7
unter  der  Mähne  und  auf  dem  Rücken  direkt  über  dem  Schweif.  +-häute
  wurden  während  des  ganzen  Mittelalters  gegerbt,  um  nur
frühe  Beispiele  anzuführen:  im  Trierer  Tarif  aus  dem  Begm
14.  Jahrhunderts  werden  Pferde-  und  Rindshäute  importier  ),
in  Köln  scheint  im  15.  Jahrhundert  die  Gerbung  des  Pferdeleders  f
stark  getrieben  worden  zu  sein,  daß  sie  zur  Abspaltung  einet-  eigen
Handwerkes,  des  Pferdefellgerbers,  geführt  hat 7 ).  Im  Mittels  ter  wur
die  Pferdehäute  fast  ausschließlich  rot  gegerbt;  man  wußte  .
dünnen  schwammigen  Pferdehaut  bei  einer  unvollkommenen  Zürich
nicht  viel  mehr  anzufangen,  als  sie  zu  Brandsohlen  Z  zu  Kerwen  e  ,
hin  und  wieder  verarbeiteten  sie  die  Sattler  zu  ungarisch  Leder  ),
Abgaben  auf  Roßleder  in  Frankreich  waren  nicht  halb  so  hoch  "  ^
auf  Ochsenleder"),  und  hier  war  es  sogar  den  Riemern  gesetzlich  verboten, ­
  Roßhäute  zu  gewissen  Zwecken  zu  verwenden").  Daß  m  e
nicht  die  Natur  des  Leders,  sondern  die  Methode  der  Zubereitung  ie
Ursache  der  ungenügenden  Verwendbarkeit  des  Pferdeleders  sei,  das
schloß,  damals  allerdings  mit  Unrecht,  der  schon  mehrfach  erwähnte
Kameralist  Zincke")  aus  der  Güte  der  russischen  Pferdeleder.  Basieren
i)  Pelzer  1837,  S.  259;  Rüst  1844,  S.  337;  Ratzel  1895,  Bd.  II,  S.  540.
4 )  Beckmann  1796,  S.  286;  Wagner  1873,  S.  219.
s )  Pallas  1781,  Bd.  I,  S.  325  f.;  Poppe  G.,  Bd.  II,  8  651.
Hehn  1911,  S.  23.  6 )  Ledermarkt  1893,  S.  1332.
«)  Lamprecht  1886,  Bd.  II.  S.  327.  ')  Köln  1907,  Bd.  II,  S.  476.
«)  Schauplatz  1766.  Bd.  V,  S.  417;  Prechil  1838,  Bd.  IX.  S-  236.
•)  Schauplatz  1767.  Bd.  VI,  S.  81.  10 )  Schauplatz  1^6.  Bd  V,  S.  41
»)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  57.  Becher  1759,  Bd.  II,  S.  13a
        <pb n="62" />
        22

.

auf  ihrem  guten,  auf  der  Weide  aufgewachsenen  Material  scheint  zuerst
England,  welches  überhaupt  eine  Zeitlang  an  der  Spitze  der  Lederindustrieen
  der  Erde  schritt,  den  Wert  des  Pferdeleders  erkannt  zu  haben,
und  von  hier  wurde  die  Gerbung  der  Pferdehäute  in  größerem  Umfange, ­
  z.  B.  nach  Österreich  feit  1798  durch  die  Engländer  Kollmann
und  Gelli  eingeführt  *)•
Von  dieser  Zeit  an  datiert,  wie  eben  überhaupt  ein  großer  Aufschwung ­
  der  ganzen  Lederindustrie,  so  auch  eine  steigende  Wertschätzung
des  Pferdeleders.  Die  im  17.,  18.  Jahrhundert  eingreifende  Staatshilfe ­
  hatte  sich  für  die  Verwendung  von  Pferdeleder  interessiert 2 ),  und
den  Abdeckern  wurden  im  Zusammenhang  damit  Privilegien  zum  Abholen ­
  der  gefallenen  Regimentspferde  zugesprochen 8 ),  um  durch  sie,  gewissermaßen ­
  als  Mittelleute,  die  Bedarfsdeckung  in  bezug  auf  gefallene
Häute  zu  organisieren;  seit  dieser  Zeit  entwickelt  sich  eine  bedeutende
Roßlederindustrie  in  Deutschland,  welche  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts ­
  zu  einer  Spezialität  Deutschlands  in  bezug  auf  Schuhleder
geworden  ist 4 );  in  der  „Schusterstadt"  Loitz  z.  B.  wurde  Rind-  und
Fahlleder  durch  Roßleder  ersetzt  9,  und  auch  die  zum  Fabrikbetrieb
übergehende  Schuhindustrie  bedeutete  eine  stets  steigende  Nachfrage  nach
dem  billigeren  Roßleder  a ).
Unter  dem  Einflüsse  der  russischen  Fohlenglacelederindustrie,  auf
welche  oben  schon  hingewiesen  wurde,  bahnt  sich  nun  außerdem  noch
eine  Verarbeitung  des  Fohlen-  und  dann  des  Roßleders  zu  feineren
Verwendungsarten  an;  in  Österreich  werden,  wenn  auch  nicht  in  bedeutendem ­
  Maße,  Füllenhäute'),  desgleichen  werden  in  Deutschland
Fohlenfelle 8 )  zu  Glaceleder  verarbeitet,  in  den  Fachzeitschriften  erscheinen
ausführliche  Beschreibungen  und  Anweisungen  zur  Überführung  von
Fohlenfellen  in  Glaceleder  9,  und  die  modernen  Chromkombinationen
suchen  ebenfalls  das  Roßleder  für  solche  Zwecke  verwendbar  zu  machen  4 °);
daneben  werden  Roßhäute  rein  weißgar  gemacht  X1 ),  und  endlich  werden
Roßhäute  zu  verhältnismäßig  hohen  Preisen  als  Imitationen  von  Feinlederarten, ­
  insbesondere  von  Ziegenleder 12 ),  als  Farbencheoraux,  farbige
und  Chagrinleder,  und  zwar  in  Chromgerbung  und  als  imitiertes  Bockleder, ­
  meist  nach  irgendeiner  modernen  Fett-Chrom-Alaungerbung,  auf
den  Markt  gebracht.

9  Keeß  1820,  S.  27.  9  Langenzenn,  Tvm.  I,  S.  16.
9  Allgemeine  Produktenzeitung  1912,  Nr.  89,  S.  1231.
9  Aebert  1895,  S.  38.  9  Schönmann  1900,  Nr.  40.
9  Weiskirchner  1896,  S.  485.  7 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  475.
9  Vgl.  z.  B.  Gerbercourier  1903,  Nr.  31—32.
9  M.  A.  Gerbemethoden  1903,  S.  282.
10 )  Ledermarkt  1904,  Nr.  3,  S.  7.
1 9  M.  A.  Gerbemethoden  1903,  S.  284.  *9  Wiener  1904,  S.  61.

'9  Wiener  1904,  S.  61.
        <pb n="63" />
        —  23  —

So  also  sehen  wir,  wie  das  Roßleder,  nachdem  es  so  ziemlich  alle
möglichen  Kulturstusen,  alle  möglichen  Preislagen,  alle  möglichen  Gerbe-Vrozesse
  von  sämischgar,  über  weiß-  und  lohgar  bis  zu  chromgar  und
dessen  Kombinationen,  und  endlich  alle  Verwendungsmöglichkeiten  bis
zu  seinem  Handschuhleder  und  den  Feinlederimitationen  durchlausen  hat,
nunmehr  aus  allen  Gebieten  der  Leder  herstellenden  und  der  Leder  verarbeitenden ­
  Industrien  seine  Brauchbarkeit  dargetan  hat,  und  sich  in
bezug  aus  endliche  Zugehörigkeit  zu  einer  Preislage  und  damit  zu  einer
Verwendung  nur  noch  nach  seiner  Qualität  klassifiziert,  und  das  alles
um  so  mehr,  seit  ein  starker  Import  wertvoller  Pferdewildhäute  aus
den  südamerikanischen  Grasebenen  über  die  südamerikanischen  Häsen
stattfindet  Z.
Ein  wegen  seiner  großen  Zähigkeit  speziell  zur  Herstellung  von
weißgarem  Leder  geschossenes  und  säst  überall  und  immer  auch  solchen
oder  ähnlichen,  nur  geringe  Festigkeit  ergebenden  Gerbeprozessen  unterzogenes ­
  Material  bildet  die  Haut  der  Esel  und  der  Maultiere.  Zu
orientalischem  Chagrin  wurden  neben  Pferdehäuten  auch  die  Häute  von
wilden  Eseln i)  2  *  *  *  * )  verwendet,  im  Mittelalter  stellte  man  aus  ihnen  u.  a.
Siebe  her 2 ),  man  verwandte  sie  und  verwendet  sie  noch  zu  Trommelfellen^), ­
  desgleichen  zu  Pergament''),  man  verwendet  es  neuerdings  in
der  Kunstindustrie  °),  und  auch  jetzt  noch  ist  dieses  Material  zur  Fabrikation ­
  von  weißgarem  Leder  und  von  Pergament  hoch  geschätzt 7 ).
Allein  die  in  den  Steppen  Asiens  lebenden  wilden  Esel  werden  nur
selten  ausgeführt,  und  Maultierhäute  kommen  mehr  in  den  südeuropäischen ­
  Ländern  als  bei  uns  aus  den  Markt,  weshalb  Eselshäute  nur
der  Vollständigkeit  halber  angeführt  sein  mögen.
Die  Rindshaut  findet  ihre  Hauptverwendung  in  den  zur
vegetabilischen  Gerbung  gehörigen  Gebieten  der  Gerberei.  So  ist  es
ohne  Zweifel  schon  in  den  Trierer  Tarifen  des  13.  und  14.  Jahrhunderts ­
  8 ),  so  ist  es  das  ganze  Mittelalter  hindurch 2 ),  und  so  ist  es
auch  bis  zum  heutigen  Tage,  wo  sich  auf  der  Rindshaut  eine  ungeheure
Industrie  hauptsächlich  nach  dem  Verfahren  der  Loh-  und  Chromgerbung
für  alle  möglichen  Lederarten  einschließlich  des  Leders  für  Kunstindustrie  10 )
ausbaut.  Die  nähere  Darstellung  dieser  Verhältnisse  gehört  also  nicht
in  den  Umfang  vorliegender  Arbeit.  Uns  interessiert  es  hier  vielmehr

i)  Rüst  1844,  S.  184.  -)  Halle  1765,  Bd.  IV,  S.  107.
3 )  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  287.  *)  Rüst  1844,  S.  336.
6 )  Bücher  1893,  S.  191.  °)  Wiener  1904,  S.  61.
’)  Ebenda.
a )  Lamprecht  1886,  Bd.  II,  S.  327.
9 )  Vgl.  z.  B.  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  362;  Schauplatz  usw.
10 )  Bücher  1893,  S.  191.
        <pb n="64" />
        24

zu  zeigen,  daß  auch  die  Rindshaut  in  den  der  Weißgerberei  nahe
stehenden  Gebieten  eine  nicht  unbeträchtliche  Verwendung  gefunden  hat.
Während  des  ganzen  Mittelalters  in  großem  Umfange  und  vereinzelt ­
  bis  auf  unsere  Tage  J ),  worauf  wir  noch  näher  an  anderer  Stelle
zu  sprechen  kommen,  wurde  die  Rindshaut  für  Riemen  weißgar  gemacht.
Um  nur  ein  einziges  modernes  Beispiel  größten  Stils  anzuführen,  die
österreichische  Vorschrift  für  die  Einlieferung,  Untersuchung  und  Verwendung ­
  der  Ledersorten  für  die  kaiserl.  und  königl.  Artillerie  von
1906  nennt  alaungares  Rindsleder  zu  Peitschenschnü.en  und  alaunfettgares ­
  Nähriemenleder  zu  Nähriemen  2 ).  Daß  auch  sonst  das  Rindsleder ­
  in  der  Weißgerberei  heute  seine  Rolle  noch  nicht  ausgespielt  Haff
dafür  genüge  es,  als  Beispiel  anzuführen,  daß  moderne  Lehrbücher  der
Weißgerberei  es  unter  ihren  Rohmaterialien  aufführen  8 ),  daß  in  der
Fachlitteratur  immer  wieder  Artikel  erscheinen,  welche  auf  die  Weißgerberei ­
  solcher  Häute  hinweisen  4 ),  und  daß  man  immer  noch  bestrebt
ist,  die  Methoden  der  Weißgerbung  in  Hinsicht  auf  spezielle  Verfahren
für  schwere  Häute  zu  verbessern  8 ).  Die  ungarische  Weißgerberei,  welche
vor  der  Erfindung  der  Schnellgerbung  eine  Rolle  noch  viel  größerer  Bedeutung ­
  als  heute  gespielt  hat,  welche  aber  auch  heute  noch  in  manchen  Gebieten ­
  ausgeübt  wird,  kennt  als  Ausgangsmaterial  fast  nur  die  Haut
der  Ochsen  und  Kühe").
Endlich  hat  auch  die  Sämischgerberei  sich  dieses  Rohmaterials
nicht  selten  bedient.  Daß  die  Sämischgerbung  von  Ochsenhäuten  im
Mittelalter  nicht  unbedeutend  gewesen  sein  kann,  zeigt  neben  der  Verwendung ­
  des  fettgaren  Rindsleders  zu  gewissen  Ausrüstungsstücken  für
Kriegsgebrauch 7 )  ein  gelegentlicher  Streit  zwischen  Weißgerbern  und
Rotgerbern  über  die  Erlaubnis  zum  Sämischgerben  von  Ochsenhäuten 8 ),
die  Wiener  Weißgerber  haben  bis  in  die  60  er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  Ochsenhäute  und  Büffelhäute  mit  Fischtran  gegerbt 9 ),  und  auch
in  der  Folgezeit  10 )  bis  heute  sind  solche  Häute  für  die  Herstellung  von
Degras  und  von  Sämischleder  von  Bedeutung.
Gehen  wir  nun  zu  der  natürlichen  Decke  des  Kalbes  über,  so
gelangen  wir  damit  zu  den  leichteren  Häuten  überhaupt,  und  im  Kalb-0
  Gerbercourier  1900,  Nr.  18;  Ledermarkt  1900,  Nr.  37,  S.  6.
2 )  Vorschrift  für  die  Einlieferung,  Untersuchung  und  Verwendung  der  Ledersorten ­
  für  die  k.  &amp;amp;  f.  Artillerie,  Wien  1906,  S.  27.
3 )  Wiener  1904,  S.  61.  4 )  Ledermarkt  1904,  Nr.  3,  S-  7.
3 )  Wiener  1904,  S.  252.
")  Vgl.  z.  B.  Schauplatz;  Beckmann  1796,  S.  296.  Handwörterbuch  der
Chemie  und  Physik  August  usw.,  1845,  S.  229.
')  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  111.
8 )  Nürnberg  1539,  M.  S.  452,  S.  465  (912).
»)  Weißkirchner  1896,  S.  485.  10 )  Heinzerling  1882,  S.  16
        <pb n="65" />
        25

fell  speziell  haben  wir  ein  wertvolles  Material,  welches  im  Konkurrenzkämpfe
  der  Hautarten  untereinander  eine  wichtige  Ro  e^fpw  .  ^
Rotgerberei  ist  das  Kalbfell,  welches  hier  früher  für  die  Hers  e
Juchten  neben  2—3jährigem  Rindviehs,  in  der  Oberlederin  ufr
Lackleder  2 ),  in  der  Kunstindustrie»)  und  noch  zu  anderen  Zwecken  ein
vielseitige  Verwendung  fand,  feit  30—40  Jahren  durch  weniger  f
Materialien  wie  Pferdeleder  und  Rindsfpalte,  auch  Schafle  er  mehr
mehr  ersetzt  worden.  „  „•
In  der  gewöhnlichen  Weißgerberei  spielt  das  Kalbfell  nur  etr  e
sehr  geringe  Rolle,  wird  aber  offenbar  doch  hin  und  wieder  noch  e
selben  unterzogen,  wie  Hinweise  in  Handbüchern  ch  und  auch  rn  e
modernen  Litteratur^)  andeuten.  .
Das  Hauptverwendungsgebiet  des  Kalbfelles  stellt  wob  eu  Z  g
der  Glacegerberei  dar,  welchen  mau  die  Kidgerberei  nennt  ),  wo  ^
Kalbfell,  allerdings  neben  Ziegen-  und  Schafleder'),  fast  ausschließt  cy
für  den  Bedarf  der  Schuhindustrie  verarbeitet  wird.  Der  Bedarf  oe
Handfchuhindustrie  an  Kalbfellen  ist  im  Vergleich  mit  deren  Verwendung
zu  Befchuhungszwecken  ein  geringer 8 ).  Gerade  die  Kidgerberer  l)
Zweig  der  Lederindustrie,  welcher  am  stärksten  bei  dem  Konkurrenz  amp!
des  Kalbfelles  gegen  andere  Leder-  und  Hautarten  in  Mitler  enscyas
gezogen  wird;  denn  bei  steigenden  Kalbfellpreifen,  feien  diese  veran  atz
durch  agrarpolitifche  Vorgänge,  welche  ein  geringes  Angebot  zur  Fo  ge
haben,  oder  feien  sie  veranlaßt  durch  wechselnde  Mode,  Geschmacksrichtung
oder  Bedarf  des  Publikums  und  der  Judustrie,  welche  steigende  achfrage
  bewirken,  treten  in  großem  Umfange  Surrogate,  wie  Dongo  a
und  Rindsfpalt  au  die  Stelle  des  Kalbfelles,  was  immer  außerordentliche
Preisschwankungen  dieses  Rohmaterials  und  damit  außerordent  iche
Konjunkturwechfel  der  Kidlerindustrie,  je  nachdem  deren  Bestände  an
Rohmaterial  und  garem  Leder  groß  oder  klein  sind,  zur  Folge  hat).
Der  Verbrauch  von  Kalbfellen  in  der  Sämischgerberei  scheint  früher
nicht  unbedeutend  gewesen  zu  fein 10 ),  ist  aber  heute  ziemlich  gering.
Endlich  darf  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  dasdeutfch-franzöfifchePergament
  des  Mittelalters  vorwiegend  aus  Kalbsfellen  ")  hergestellt  war,  und
daß  man  zu  Trommelhäuten  das  gleiche  Material  verwendete  ^).
Das  Schaf  unter  dem  Einfluß  des  Menschen  in  feiner  Wanderung
i)  Wagner  1873,  S.  219.  -)  I.  f.  G.  u.  V.  1876,  Bd.  IV,  S.  256.
-)  Bücher  1893,  S.  191.  4 )  Wiener  1904,  S.  252.
s )  Ledermarkt  1904,  Nr.  3,  S.  7.
°)  Vgl.  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  1032  sf.  und  475.  Ebenda.
«)  Ledermarkt  1893,  S.  1235.  «)  Vgl.  Gebauer  1893,  Bd  III,  S.  483.
Vgl.  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  124.
")  Wattenbach  1871,  S.  81.
i2)  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  296;  Beckmann  1796,  S.  301,
        <pb n="66" />
        26

aus  Afrika  r )  über  Griechenland 2 )  nach  Italien 3 ),  dann  nach  Spanien,
weiter  nach  Mitteleuropa  und  von  da  über  England  nach  Australien,
Südafrika  und  Südamerika  genauer  zu  verfolgen,  würde  hier  zu  weit
führen.  Auch  soll  hier  nur  kurz  darauf  hingewiesen  werden,  daß  bei
einer  solchen  Wanderung  durch  verschiedene  Klimata  und  Existenzbedingungen ­
  die  Haut  eines  Tieres  ganz  beträchtlichen  Veränderungen
unterworfen  ist 4 ),  daß  weiter  diese  Wanderungen  der  Haustiere  zwecks
Ansammlung  großer  Massen  derselben  immer  an  die  Peripherie  der
jeweiligen  großen  Wirtschaftsgebiete  im  Sinne  des  v.  Thünenschen  Gesetzes ­
  5  * )  erfolgen,  und  daß  mit  der  Angabe  des  Weges  solcher  Wanderungen ­
  immer  auch  die  Hauptprovenienzgegenden  einer  Fellart  angedeutet ­
  sind.
Wenn  wir  nun  nach  den  Hauptverwendungen  des  Schaffelles
fragen,  so  erhalten  wir  hierauf  eine  äußerst  vielgestaltige  Antwort.
Die  Haut  des  Schafes  ist  in  gemäßigten  Klimaten  die  Trägerin
eines  dichten  Vlieses,  und  demgemäß  findet  das  Schaffell  sogar  unter
der  Kategorie  der  Pelze  seinen  Platz.  So  ist  es  nicht  nur  auf  einfacheren ­
  Stufen  der  Wirtschaft,  wie  bei  Kirgisen 3 )  zu  Kleidungsstücken,
bei  Bulgaren 7  * )  zu  Beschuhungszwecken,  sondern,  so  oft  wir  gelegentliche
Kunde  erhalten 3 ),  sehen  wir  die  natürliche  Decke  des  Schafes  auch  als
Pelz  verwendet;  weiße,  schwarze,  gefärbte,  blaue  Lammfelle  werden
dann  genannt,  sie  spielen  eine  nicht  unbedeutende  Rolle  in  der  heutigen
Kürschnerei,  und  fast  jeder  noch  so  kleine  Weißgerber,  welchen  man  besucht, ­
  sei  es  in  Städtchen  oder  in  noch  kleineren  Plätzen,  hat  unter  dem
wenigen,  was  er  gerbt,  immer  auch  einige  Schaf-  oder  Lammpelze  zur
Lohnarbeit.
In  der  Lohgerberei  des  Mittelalters  mag  das  Schaffell  im  Vergleich ­
  mit  dem  Verbrauch  der  modernen  vegetabilischen  Gerbung  an
Schaffellen  nur  eine  geringe  Rolle  gespielt  haben.  Nur  gelegentlich
erfahren  wir  —  es  sei  darauf  der  Merkwürdigkeit  halber  besonders  hingewiesen, ­
  weil  dies  im  Gegensatz  zu  deutschen  Verhältnissen  den  ganz
anders  gearteten,  nämlich  mehr  auf  Feinlederindustrie  gestimmten  Charakter ­
  der  spätmittelalterlichen  französischen  Lohschasfellgerberei  andeutet ­
  —,  daß  die  Pariser  Weißgerber  ausgesuchte  Schaffelle  nach  Rouen,
Orleans,  Dreux  schickten,  und  zwar  zur  Verfertigung  lohgaren  Leders 9 ).
')  Beckmann  1806,  S.  4.  2 )  Blümner  1869,  S.  63.
3 )  Marquardt  1882,  S.  414.
4 )  Vgl.  z.  B.  Beckmann  1805,  S.  4;  Friedrich  1911,  S.  4.
6 )  Vgl.  hierzu  für  das  Altertum:  Wiskemann  1859,  S.  20,  36,  79  f.
°)  Pelzer  1837,  S.  259;  Ratzel  1895,  Bd.  II,  S.  549.
')  Jwanlschoff  1896,  S.  31.
*)  Vgl.  Nürnberg  1589;  Königsberg  1737;  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  312.
°)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  105.
        <pb n="67" />
        27

Die  Eigentümlichkeit  des  Schaffelles,  längs  der  Rückenlinie  und  besonders
am  Hälfe  eine  Speckeinlagerung  zu  besitzen,  macht  dieses  Hautmaterial
für  den  Fall  größerer  Fettanfammlungen  an  den  genannten  Stellen
für  die  Weißgerberei  ungeeignet.  Diese  sog.  „Speckhälfe"  pflegten  dann
die  Weißgerber  des  Mittelalters  und  der  folgenden  Zeit  bis  fast  gegen
Ende  des  19.  Jahrhunderts  an  die  Rotgerber  abzugeben  *  *),  wenn  sie  nicht
selbst  diese  Speckhälse  unter  Übertretung  der  Handwerksartikel  2 )  in  eigene
Farben  einlegten.  Dazu  kommt,  daß  die  unter  dem  langen  Wollvlies
wachsende  Haut  oft  nur  geringe  Dicke  und  Festigkeit  besitzt 3 ),  zwei
Umstände,  welche  sehr  niedrige  Preise  des  Schaffelles  infolge  geringer
Wertschätzung  dieses  Hautmaterials  zur  Folge  hatten;  die  auf  dem  Fell
befindliche  Wolle  war  fast  immer  wertvoller  als  das  Hautmaterial
selbst  und  die  Stimmen  selbst  späterer  Technologen,  so  Prechtl  1838*)
und  Lange  1839 B ),  weisen  dem  Schafleder  nur  minderwertige  Verwendungsmöglichkeiten ­
  zu  oder  weisen  Anfänger  und  unbemittelte
Gerber  ans  dieses  Rohmaterial  hin,  lauter  Punkte,  welche  bei  der  Beurteilung ­
  der  materiellen  Lage  der  Weißgerberei  von  ehedem  nicht  zu
übersehen  sind.

Nachdem  aber  das  Ende  des  19.  Jahrhunderts  neben  neuzMichen  Gerbeund
  Zurichtemethoden  auch  noch  die  Lederensiettuiig  für
bracht  hat.  ist  es  gelungen,  dem  Schasleder  welches  ehedem  zünden
untergeordneten  Erzeugnissen  der  Lederindustrie  geza)  '
bedeutend  höheren  Rang  einzuräumen  und  eine  essere  '  ^
abzugewinnen,  was  eine  bedeutende  Preissteigerung  er^  h
sonders  in  jenen  Sorten  bewirkte,  welche  sich  für  ss
eignen  6 ).  Braune  Schasleder  für  Feinlederindustrie  un  )
Schaffelle  für  Oberleder  spielen  heute  eine  ungeheure  Rolle
allen  Rohledergattungen,  welche  heute  in  der  Gerberei  verar  ei  -  '
erfordern  Schaffelle  mit  am  meisten  Kenntnisse  der  Ro  )ware
verschiedenen  Marken').  Besonders  die  chromgaren  Lamm-  unv  My  1
leder  haben  sich  zu  einem  ganz  bedeutenden  Artikel  der  Schuhsa  n
emporgeschwungen  und  zwar  als  Imitation  teils  der  Zwgente  er,
der  Kalbsleder,  weil  durch  die  Chromgerbung  der  größte  Mange
Schasleders,  nämlich  seine  geringe  Haltbarkeit  als  Schuhleder,  bedeu  en
verbessert  wird.  Man  kann  dann  sogar  Fellsorlen  benützen,  we  H
sich  für  andere  Zwecke  schlecht  eignen,  da  sich  daraus,  wenn  auch  nicy
Primaware,  so  doch  immerhin  verkäufliches  Leder  herstellen  läßt  ).

si  Nürnberg  1535.  2 )  Siehe  z.  B.  Würzburg,  V,  S.  2028  anno  1743.
»)  Prechtl  1838,  Bd.  IX,  S.  236.  *)  Ebenda.  6 )  Lange  1839,  S.  37.
*)  Ledermarkt  1903,  Nr.  59  S.  17.
’)  Allgemeine  Gerberzeitung  1905,  Nr.  10,  S.  1.

8 )  Gerber  1902,  S.  291.
        <pb n="68" />
        28

Die  bisherigen  Darlegungen  über  das  Schaffell  haben  schon  genugsam ­
  gezeigt,  daß  dieses  Hautmaterial  auf  Grund  der  modernen
Technik  und  des  modernen  Bedarfs  in  eine  andere  Stelle  des  Verbrauchs ­
  und  in  ein  ganz  anderes  Niveau  des  Preises  eingerückt  ist.
Wohl  am  meisten  alteriert  wurde  durch  diese  Verwendungs-  und  Wertverschiebung ­
  die  gewöhnliche  Weißgerberei.  Die  Weißgerber  des  Mittelalters ­
  kannten  als  ihr  Hauptrohmaterial  das  Schaffell  v ),  und  das  „gewöhnliche ­
  weißgare  Schafleder"  hatte  als  ein  Hauptabsatzgebiet  die
Schuhmacherei.  Während  nun  das  Rohmaterial,  wie  schon  gezeigt,  in
der  Chrom-  und  vegetabilischen  Gerbung,  dann  aber  auch  in  der  Glacegerberei ­
  als  Ersatz  der  mangelnden  Ziegenfelle  Verbraucher  mit  ungeheuer ­
  gestiegener  Nachfrage  fand,  wurde  das  weißgare  Lederfutter
nach  und  nach  durch  Stoffutter,  in  geringerem  Umfange  durch  andere
Lederarten,  wie  z.  B.  die  sog.  Glacefutterfelle,  d.  h.  die  in  den  Glacefabriken ­
  ausfallenden  stärkeren  Ausfchußleder,  dann  durch  braune  Leder
und  andere  vollkommen  verdrängt,  und  wenn  auch  wieder  neue  Abnehmer ­
  für  weißgare  Leder  aufgetreten  sind *  2  * ),  so  kann  man  doch  sagen,
daß  durch  den  Abfluß  des  Rohmaterials  nach  anderen  Richtungen  als
nach  der  Weißgerberei  einerseits,  und  durch  die  Deckung  des  hier  einschlägigen ­
  Bedarfs  aus  anderen  Richtungen  als  aus  der  Weißgerberei
andererseits  diese  Gerbemethode  eine  beträchtliche  Einbuße  erlitten  hat.
Anders  als  für  die  gewöhnliche  Weißgerberei  gestaltet  sich  das  Bild
für  die  Glacegerberei.  Um  hier  den  Anfang  zu  machen  mit  der  Kidgerberei
  für  Beschuhungszwecke,  so  ist  hier  zu  sagen,  daß  zeitenweise
die  Kalbshaut  und  in  großem  Umfange  das  Ziegenfell  durch  Schafleder ­
  ersetzt  werden 8 ),  und  das  immer  mehr,  je  mehr  es  gelingt,  die
Alaunglacegerbung  für  Farbenchevreaux  durch  die  Chromglacegerbung
zu  ersetzen^).
Die  steigende  Verwendung  von  Schafglaceleder  in  der  Handschuhindustrie ­
  ist  ein  in  der  Rohmaterialverwendung  bemerkbarer  Ausdruck
des  Konkurrenzkampfes  zwischen  dem  deutschen  und  dem  französischen
Handschuh  5 ).  Wenn  auch  früher  gegen  den  französischen  ziegenledernen
Handschuh  neben  wenig  schafledernen  6 )  hauptsächlich  lammlederue 7 )  einsetzten, ­
  so  ist  neuerdings  das  zuerst  in  den  70  er,  80  er  Jahren  des
vorigen  Jahrhunderts  in  England 8 ),  dann  erst  in  den  letzten  Jahren  bei

')  Siehe  z.  B.  Königsberg  1737-,  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S-  101.
2 )  Schuh  und  Leder  1902,  Nr.  33,  S.  23.
3)  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  1032  ff.  4 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.475.
°)  Bgl.  hierzu  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage.
•)  Brüggemann  1875,  S.  1.
7 )  Ledermarkt  1893,  S.  1235;  Weiskirchner  1896,  S.  485.
6 )  Gerber  1833,  S.  114
        <pb n="69" />
        29

uns  sich  mehr  und  mehr  Geltung  verschaffendes  glacegare  gespaltene
Alaunschafleder  berufen,  eine  immer  größere  Rolle  in  der  Handschuhfabrikation ­
  zu  spielen.
Es  ist  schon  daraus  hingewiesen  worden,  daß  das  Schaffell  seiner
Natur  nach  keine  besondere  Zähigkeit  besitzt.  Die  Folge  davon  ist
natürlich,  daß  man  es  solchen  Gerbeprozessen,  welche  die  natürliche
Zähigkeit  eines  Hautmaterials  herausarbeiten,  nicht  gern  unterzieht.
Auf  diesen  Umstand  mag  es  zurückzuführen  sein,  daß  bei  Homer  Schafleder ­
  nicht  genannt  wird 2 ),  so  gern  und  so  häufig  auch  das  Fleisch
dieser  Tiere  genossen  wurde,  und  daß  z.  B.  den  Nürnberger  Jrhern
das  Sämischgerben  des  Schaffelles  verboten  war  3 ).
Zu  Pergament  wurden  Schaffelle,  wenn  auch  nicht  regelmäßig
und  vorwiegend,  so  doch  gelegentlich  verwendet  Z.
Eines  der  wertvollsten  und  edelsten  Hautmaterialien  für  Gerberei
wegen  seiner  großen  Feinheit  und  Feinnarbigkeit  gepaart  mit  hoher
Festigkeit  stellt  die  Haut  der  Ziegen  dar,  welche  sogar,  worauf  ja
mehrmals  hingewiesen  wurde,  durch  alle  möglichen  Hautmaterialien,
wie  die  von  Schaf,  Kalb,  Pferd,  Spalte,  imitiert  werden.
Nur  gelegentlich,  und  in  noch  geringerem  Umfange,  als  wir  dies
bei  den  Schafen  gesehen  haben,  gehen  Ziegenfelle  wegen  ihrer  schönen
Behaarung  aus  der  eigentlichen  Gerberei  in  die  Kürschnerei  über  3 ).
Ein  Hauptabnehmer  für  Ziegenfelle  ist  und  war  die  Lohgerberei,
und  zwar  sind  es  ausschließlich  feine  lohgare  Ledersorten,  zu  welchen
hier  das  Ziegenfell  verarbeitet  wird«).  Ihre  Verwendung  zu  Juchten')
mag  nur  eine  geringe  Rolle  spielen  neben  ihrer  Verarbeitung  zu  Korduan
und  Saffian  oder  Marokkin,  Ledersorten,  welche  schon  zur  Zeit  ihrer
ersten  eingehenden  Beschreibung  unter  Colbert  vorwiegend  aus  Ziegensellen ­
  hergestellt  wurden  *  *  *  *  8  *  * );  noch  am  Anfange  des  19.  Jahrhunderts
bezog  man  für  die  Fabrikation  des  Korduans  zu  Nicosia  auf  der  Insel
Zypern  derartige  Häute  aus  Frankreich 3 ),  und  eine  derartige  Verwendung ­
  der  Ziegenselle  auch  bei  uns  läßt  sich  durch  das  ganze  19.  Jahrhundert ­
  hindurch  aus  gelegentlichen  Notizen  verfolgen,  so  bei  Prechtl
1838")  und  bei  Heinzerling  1882");  bei  ihrer  Verwendung  in  der
Kunstindustrie 12 )  endlich  liegen  sie  ebenfalls  hauptsächlich  in  dieser
Form  vor.

y  Collegium  1909,  S.  263.
°)  Riedenauer  1873,  S.  138.  »)  Nürnberg  1539.
*)  Wattenbach  1871,  S.  81,  83.  °)  Vgl.  z.'B.  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  312.
*)  Wiener  1904,  S.  63.  ’)  Wagner  1873,  S.  219;  Nüst  1844,  S.  326.
8 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  21.  »)  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  94.
10 )  Prechtl  1888,  Bd.  IX,  S.  236.  ")  Heinzerling  1882,  S.  17.
")  Bücher  1893,  S.  191.
        <pb n="70" />
        30

Eine  wichtige  Rolle  haben  die  Ziegenfelle  in  der  Geschichte  der
Chromgerberei  gespielt;  denn  Chromziegenleder  war  der  erste  Artikel,
welcher  von  Amerika  aus  in  der  Chromgerbung  seinen  Ausgangspunkt
nahm  und  nun  eines  der  wichtigsten  Produkte  dieser  Gerbungsart  bildet.
Hauptsächlich  ist  es  die  als  Chevreaux  bekannte  Zurichtungsart,  in
welcher  das  Chromziegenleder  ein  Hauptmaterial  für  die  Herstellung
von  feinem  Schuhwerk  abgibt  *).
Der  gewöhnlichen  Weißgerberei  des  Mittelalters  gelang  es  offenbar
nicht,  die  wertvollen  Eigenschaften  des  Ziegenfelles  zur  Geltung!zu
bringen,  wenn  man  nicht  annehmen  will,  daß  nur  minderwertige  Häute
weißgar  gemacht  wurden;  denn  die  weißen  Hammelhäute  der  Pariser
Weißgerber  pflegte  man  „schlechte  Weißgerberware"  zu  nennen^),  aber
auch  heute  noch  wird,  wenn  auch  nur  in  geringem  Umfange,  Ziegenfell ­
  mit  Alaun  und  Kochsalz  gegerbt^).
Neben  der  Verarbeitung  zu  feinen  lohgaren  und  chromgaren  Ledern
ist  der  dritte  Hauptkonsument  von  Ziegenfellen  die  Glacegerberei,  und
zwar  mit  der  lokalen  Begrenzung,  daß  man  fast  die  Regel  der  Identität ­
  des  französischen  und  des  ziegenledernen  Handschuhes  ausstellen
kannH.  Die  Refugiees  brachten  am  Ende  des  17.  Jahrh,  zwar  den
ziegenledernen  Handschuh  nach  Deutschland,  1792  z.  B.  wurden  in  Erlangen ­
  143  000  Ziegenfelle  von  ihnen  gegerbt  °),  einender  größten
französischen  Etablissements  in  Chanmont  weist  um  1900  eine  jährliche
Leistungsfähigkeit  von  1  Million  Fellen  auf"),  aber  trotzdem,  wenngleich ­
  natürlich  auch  in  Deutschland,  vielleicht  hauptsächlich  auf  die
Hugenotten  zurückzuführen,  nicht  unbedeutende  Mengen  von  Ziegenfellen
für  Glace,  Chevreaux  usw.  aufgenommen  werden  7  * ),  so  stehen  sie  doch
z.  B.  im  Berliner  Bezirk  nicht  an  erster  Stellendes  Konsums^),  in
Kirchhain,  kann  man  sagen,  wird  nicht  ein  einziges  Ziegenfell  gegerbt,
bei  den  Wiener  Gerbern  stehen  Ziegenfelle  ebenfalls  erst  an  dritter
oder  vierter  Stelle  °),  und  in  Rußland  10 )  werden  nur  sehr  wenige  Ziegen
für  solche  Zwecke  verbraucht.  Es  hängt  dies,  wie  schon  gezeigt  wurde,
damit  zusammen,  daß  besonders  Schaf  und  Fohlen,  dann  auch  Kalb
und  Alaunspalte  außerhalb  Frankreichs  eine  das  Ziegenfell  überragende ­
  Rolle  spielen;  der  tiefere,  ebenfalls  schon  angedeutete  Grund
hierfür  aber  ist  zu  suchen  einmal  in  den  verschiedenen'Wanderungswegen
  der  Haustiere  und  in  der  verschiedenen  agrarhistorischen  Ent-0
  Gerber  1902,  S.  291.  ®)  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  308.
3 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  1032.
4 )  Vgl.  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage.
6 )  Schanz  1884,  S.  93.  “)  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage.
7 )  Vgl.  z.  B.  Schmidt  und  Wagner  1905,sS.  475.
8 )  Ledermarkt  1893,  S.  1235.  9 )  Weiskirchner  1896,  S.  485.
10 )  Ledermarkt  1893,  S.  1332.
        <pb n="71" />
        31

Wicklung  dieser  Länder,  dann  auch  in  den  zu  verschiedenen  Hautmaterialien ­
  führenden  Existenzbedingungen  und  Klimaten  der  verschiedenen
Gebiete,  was  dann  auch  wieder  eine  verschiedene  Entwicklung  der
Technik  zur  Folge  hat.
Ein  vierter  Hauptkonsument  des  Ziegenfelles,  allerdings  von  mehr
historischer  Bedeutung,  ist  die  Sämischgerberei.  Die  in  Nürnberg  *)  und
auch  sonst  in  Bayern  stellenweise 9 )  als  „Jrher"  bekannten  Weißgerber
hatten  ihren  Namen  von  der  Verarbeitung  der  Haut  des  Bockes,  welcher
im  Althochdeutschen  „Jrah"  3 )  genannt  wird;  durch  das  ganze  Mittelalter,
  wie  wir  noch  genauer  verfolgen  werden,  wurden  Ziegenfelle  von
den  Weißgerbern  in  großen  Mengen  sämisch  gegerbt,  der  Weißgerber
Wolff  Aichinger  in  Freistadt  in  Niederösterreich  z.  B.  hatte  laut  Ratsbeschluß ­
  vom  3.  März  1576  Vorkaufsrecht  für  die  Geiß-  und  Bockhäute ­
  der  Fleischhacker  4 );  allmählich  aber  ging  der  Verbrauch  des
Ziegenfelles  in  der  Sämischgerberei  in  dem  Maße  zurück,  als  die  vorhin
genannten  Konsumenten  mehr  und  mehr  an  Boden  gewannen.
Die  Herstellung  des  italienisch-spanischen  Pergaments  °)  aus  Ziegenfellen, ­
  sowie  deren  Verarbeitung  zu  Paukenfellen 6 )  sei  der  Vollständigkeit ­
  halber  hier  noch  angeführt.
Damit  sind  die  den  Hauptbedarf  der  Weißgerberei  deckenden  Hautmaterialien ­
  erledigt,  jedoch  muß  im  Interesse  der  Vollständigkeit  noch
auf  einige  Tierarten  von  gelegentlicher,  wenn  auch  nur  untergeordneter
Bedeutung  hingewiesen  werden.
Da  im  allgemeinen  die  Haut  der  Schweine  nachdem  Schlachten
dieser  Tiere  nicht  abgezogen  wird,  ist  Schweineleder  zu  allen  Zeiten
schon  seit  Homer 7 )  von  nur  geringer  Wichtigkeit,  obwohl  dieses  dünne
und  dichte  Hautmaterial  für  feine  und  schwere  Lederarbeit  wohl  geeignet
tväre.  Um  die  Wende  des  18.  Jahrh,  erfahren  wir  von  lohgarem
Sohlleder  aus  den  Häuten  wilder  Schweines,  gelegentlich  auch  verwendet ­
  man  lohgares  Schweineleder  für  Reitsättel  und  in  der  Kunstlndustrie
 9 ).  Stärker  noch  als  in  der  Lohgerberei  scheint  der  Verbrauch
Materials  in  der  Weißgerberei  zu  sein,  wo  es  hauptsächlich  für
attelsitze  und  für  Buchbinderzwecke  hergestellt  wird").  Die  Hauptverwendung ­
  aber  fanden  die  Schweinshäute  in  der  Pergamentfabrikation,
'1  Nürnberg  M.  Ms.,  233  ff.  -)  Augsburg  1722—1778.
°)  Lexer  1872,  Bd.  I,  S.  1449.  *)  Sperl.  1909,  S.  14.
6 )  Wattenbach  1871,  S.  80—81.  6 )  Beckmann  1796,  S.  301.
')  Riedenauer  1873,  S.  138.
8 )  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  381;  Hermstcidt  1807,  Bd.  II,  S.  197.
9 )  Bücher  1893,  S.  191;  Rüst  1844,  S.  336.
Prechtl  1838,  Bd.  IX,  S.  236;  Wiener  1904,  S.  63;  Krünitz  LXYIII,
1795,  S.  742.
        <pb n="72" />
        32

wo  sie  wegen  ihrer  schönen  Narbe  bis  in  die  Mitte  des  19.  Jahrh,
für  Buchbinderzwecke  x )  wegen  ihrer  Festigkeit  zur  Herstellung  von
Sieben,  so  in  Italien  im  16.  Jahrh?),  in  Deutschland  bis  in  das
18.  Jahrh?'),  und  wegen  dieser  beiden  Eigenschaften  zum  Überziehen
von  Koffern  Verwendung  fanden  Z.
Eine  im  Vergleich  zu  seiner  Bedeutung  übergroße  Aufmerksamkeit,
welche  aber  aus  den,sich  ihm  anschließenden  Handwerksmißbräuchen  des
Mittelalters  und  aus  der  ihm  zugeschriebenen  Heilkraft  5  6 )  erklärlich  wird,
hat  das  Hundeleder  auf  sich  gezogen.
Hundehäute  wurden  wohl  während  des  ganzen  Mittelalters  lohgar
gemacht  H,  aber  erst  die  im  16./17.  Jahrh,  gegen  eine  Übersetzung  des
Handwerks  nötig  werdenden  Repressalien  begründeten  auf  der  Verarbeitung ­
  dieser  Häute  eine  Handwerksunehrlichkeit.  Erst  das  Gesetz
von  1731  und  seine  Einführungsgesetze  in  den  verschiedenen  Ländern  7 )
hoben  ausdrücklich  die  an  der  Verarbeitung  der  Hundehäute  bisher
klebenden  Unrechtsfolgen  auf,  und  wir  sehen  dann  in  der  Folgezeit,  wie
man  dieses  feste,  leider  nicht  in  großen  Mengen  anfallende  Hautmaterial
in  lohgarer  Form  für  Schusterarbeiten  zu  verwenden  sucht 8  * ).
Während  weiter  Hundehäute  in  der  gewöhnlichen  Weißgerberei  nur
eine  ganz  untergeordnete  Rolle  gespielt  haben,  stieg  ihr  Wert  immer
mehr  zur  Herstellung  feiner  Ledersorten;  denn  das  Hundeleder  zeichnete
sich  durch  große  Zähigkeit  und  festen  geschlossenen  Narben  in  Verbindung ­
  mit  großer  Haltbarkeit  bei  geringer  Dicke  aus")  und  kommt
entweder  in  feiner  lohgarer  Form  unter  dem  Namen  Dogskin  10  * ),  häufiger
noch  in  glacegarer  Form  als  wertvolles  Material  zur  Herstellung  von
Handschuhen,  da  es  für  Schuhfabrikation  meist  nicht  groß  genug  ist,  in
den  Handel").
Katzen  pelze  werden  häufig  in  der  Kürschnerei  verbraucht;  man
besucht  selten  eine  Weißgerberei,  welche  nicht,  wie  schon  in  früherer
Zeit"),  so  auch  jetzt  neben  den  wenigen  Schafpelzen  oft  eine  beträchtliche ­
  Anzahl  von  Katzenpelzen  zum  Weißgarmachen  hängen  hätte,  und

')  Rüst  1814,  S.  336.  2 )  Fioravanti  1564,  Bd.  I,  S.  11.
з)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  381.  *)  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  301.
6 )  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  122;  Becher  1663,  S.  23.
»)  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  417.
7 )  Siche  z.  B.  Gunzeuhauseu  1649—1770,  1732,  1764,  S.  17  dieses  Erlasses.
8 )  Keeß  1820;  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  118.
e )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  276.
10 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  709.
и )  Weiskirchner  1896,  S.  485;  Brüggemann  1875,  S.  1;  Schmidt  und
Wagner  1905,  S.  475.  12 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  118;  Becher  1663,  S.  35.
        <pb n="73" />
        33

auch  in  der  Glacegerberei  für  Handschuhfabrikation  findet  das  geringe
Gefälle  solcher  Häute  immer  Aufnahme  x ).
Eine  ähnliche  Rolle,  wie  die  Katzenpelze  spielen  die  Felle  der
Kaninchen  und  Hasen;  man  machte  sie  weißgar  zu  Pelzen i)  2  * ),  man
findet  sie  demgemäß  auch  jetzt  noch  in  dieser  Form  in  den  kleinen  Lohngerbereien, ­
  sie  spielen  eine,  wenn  auch  geringe  Rolle  in  der  Glacegerbung ­
  8  * ),  der  größte  Teil  der  Kaninchenfelle  kommt  aber  wohl  in
Deutschland  in  die  Hutmachere  * i 4 ),  wo  die  Haare  Verwendung  finden,
während  die  enthaarten  Häute  dann  in  die  Leimsiedereien  wandern.
Hier  verdient  auch  ein  Hautmaterial  erwähnt  zu  werden,  über
dessen  Herkunft  die  geschäftliche  Nomenklatur  immer  wieder  einmal  sich
auseinanderzusetzen  hat.  Es  ist  die  Haut  der  Ratten.  Rattenfelle
werden  wohl  hin  und  wieder B )  in  der  Handschuhmacherei  für  kleine
Handschuhteile  gebraucht  6 ),  sie  sind  auch  für  gewisse  Pelz-  und  Lederarbeiten ­
  7 )  tauglich,  im  allgemeinen  aber  ist  der  Ausdruck  Rattenleder,
so  selten  er  auch  zu  hören  ist,  doch  nur  eine  Bezeichnung  für  Leder
aus  anderen  Tierhäuten  8 ).
Mit  dieser  Aufzählung  ist  die  Zahl  der  in  die  Weißgerbereien  gelangenden ­
  Hautarten  noch  nicht  erschöpft.  Robben-  und  Seehundsselle
  *),  oft  in  großen  Mengen,  gelegentlich  die  Haut  des  Moschustieres  10 )
«der  die  eines  Elefanten  “)  werden  ebenfalls  in  die  Weißgerbereien  gebracht, ­
  und  selbst  die  Haut  des  Menschen  wurde  dem  Gerbeprozeß
unterzogen.  Köcher  für  Pfeile  oder  Kleidungsstücke  ans  Menschenhaut
in  ethnographischen  Museen  oder  in  Berichten  über  ungesittete  Sßölfer 12 )
nehmen  wir  als  interessante  Tatsachen  hin,  die  eigentümliche  medizinische
Dichtung  des  Mittelalters  glaubte  in  gegerbter  Menschenhaut  ein  vortreffliches ­
  Medikament  für  gewisse  Krankheiten  zu  erkennen 1S ),  aber  „es
ist  eine  das  Gefühl  empörende,  gelehrte  Ostentation,  wenn  in  verschiedenen ­
  Lehrbüchern  der  Gerberei  besondere  Anleitungen  zum  Gerben  der
Menschenhaut  gegeben  werden"  "),  um  mit  Gall  zu  reden,  welcher  zum
erstenmal  im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  gegen  die  Anführung  der
Menschenhaut  als  eines  Objektes  des  Gerbeprozesses  in  den  Technologien

i)  Wiener  1904,  S.  63.  -)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  118.
3 )  Brüggemann  1876,  S.  1.  4 )  Schönmann  1900,  Nr.  40.
®)  Brüggemann  1875,  S.  1.  6 )  Ledermarkt  1893,  S.  1235.
’)  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  249.
8 )  Schuh  und  Leder  1904,  Nr.  14,  S.  42.
*3  Heinzerling  1882,  S.  17;  Wiener  1904,  S.  63.
10 )  Beckmann  1805,  Bd.  V,  S.  50.  ll )  Keeß  1820,  S.  21.
12 )  Roth  1882,  S.  94.
ls )  Becher  1663,  S.  6,  9;  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  122.
")  Gall.  1824,  S.  21.
-Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

3
        <pb n="74" />
        34

auftrat,  wie  dies  z.  B.  noch  von  Hermbstädt  1807  J )  geschehen  war.
Man  machte  die  Menschenhaut  lohgar,  weißgar  und  sämischgarst  und
man  kann  auch  heute  noch  gelegentlich  in  Museen  Bucheinbände
Trommeln,  Portemonnaies  aus  Menschenleder  hergestellt  sehen.
Um  die  bisher  gegebenen  Darlegungen,  soweit  sie  die  Verteilung  der
besprochenen  Hautarten  aus  die  verschiedenen  Zweige  der  Gerberei  betreffen, ­
  noch  einmal  zusammenfassend  für  5  Jahrhunderte  zu  illustrieren^
seien  im  folgenden  einige  der  Wirklichkeit  entnommene  Beispiele  über
den  Verbrauch  an  Häutematerialien  angeführt.
In  einer  Taxordnung  von  Brixen  s )  von  1379  gerbt  der  „Lüderer"
die  Häute  von  Ochsen,  Geißen,  Kälbern,  Schafen  und  Kitzen,  in  einer
Taxordnung  von  Latschst  von  1607:  gerbt  der  „Gärber"  Ochsen,  Geiferst
Kälber,  Schafe,  und  in  einer  solchen  von  Würzburg  st  von  1696  der
Weißgerber  die  Häute  vou  Hirschen,  Rehen,  Böcken,  Geißen,  Kälbern,
Hammeln,  Schafen,  Lämmern;  im  Meisterstück  der  Nürnberger  Rotgerber")
  aus  dem  17.  Jahrhundert  werden  50—60  Bockhäute,  50—60
Kalbshäute  und  8—10  Kuhhäute  lohgar  gemacht,  ebenso  gerbt  der  Rotgerber ­
  von  Stein  1766 7 )  Ochsen,  Kälber  und  Schafe,  und  das  Meisterstück ­
  des  Handwerks  der  Weiß-  und  Sämischgerber  zu  Königsbergs
umfaßt  auf  Grund  des  Gesetzes  von  1731  die  Gerbung  von  Elens-,
Hirsch-,  Bock-,  Kalb-,  Schaffellen.  Das  Berliner  Weißgerberwerk  hat
1780  weißgare  Schaffelle,  sämischgare  Hammelfelle,  ebensolche  Bockledev
und  Kalbfelle,  Hirschfelle  und  Wildhäute,  weiß-  und  sämischgares  Rindleder ­
  gegerbt");  die  Augsburger  Weißgerber  machen  um  1800")  sämischgar
  die  Häute  von  Ochsen,  Hirschen,  Kälbern,  Schafen,  Böcken,  Geißen,
Rehen;  der  Bedarf  der  Rothenburger  Lederarbeiter  im  Jahre  1812  war
der  folgende"):

Ochsen

Kühe  u.  Stiere

Schweine

Kälber

Schafe

Böcke

312

27

—

329

40

—

12  Rotgerber

—

—

—

110

973

—

4  Weißgerber

—

11

4

—

—

—

2  Sattler

—

2

—

—

—

—

1  Riemer

—

?

?

?

?

37

Kürschner

Es  kann  selbstverständlich  diese  Tabelle  als  ein  Ausstuß  der  Lokalautonomie
  der  einheimischen  Zünfte  nicht  als  Typus  des  Verbrauchs
angesehen  werden;  es  geht  das  z.  B.  schon  daraus  hervor,  daß  die

st  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  191.
2 )  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  417.
3 )  ©unter  1903,  S.  119.  st  Ebenda.  st  Würzburg  1696.
°)  Nürnberg  17.  st  ©unter  1903,  S.  119.
st  Königsberg  1737,  Bd.  III.  st  Nicolai  1786,  S.  547.
'st  Augsburg  ca.  1800.  «)  Rothenburg  1812.
        <pb n="75" />
        35

Böcke  hier  nur  den  Kürschnern  zukommen  und  daß  die  Weißgerber  hier
nicht  eine  einzige  Ochsenhaut  gerben.
1873  zählt  Gintl  *)  als  Rohmaterialien  der  Weißgerber  auf:  Ochsen-,
Roß-  und  Kuhhäute,  Schaf-,  Bock-,  Hammel-,  Kalb-,  Ziegen-  und
Lammfelle;  Wiener  erwähnt  1904  2)  die  Häute  und  Felle  von  Rind,
Kalb,  Pferd,  Maultier,  Esel,  Schaf,  Lamm,  Ziege,  Schwein,  Robbe,
Hund.  Katze  und  eine  Reihe  von  Pelztieren  als  Rohmaterialien  der
Weißgerberei,  und  der  Weißgerber  Ruscher  in  Sajda  im  sächsischen
Erzgebirge  macht  jährlich  alann-,  loh-  und  sämischgar  etwa  200  Katzenfelle, ­
  60  Kälberfelle,  25  Ziegen-  und  Bockhäute  und  einige  Rindshäute.
Diese  Beispiele  mögen  als  Beweis  genügen  dafür,  daß  es  unmöglich
ist,  zu  irgendeiner  Zeit  die  Weißgerberei  auf  Grund  des  von  ihr  verarbeiteten ­
  Hautmaterials  nach  Qualität  der  Tierarten  oder  nach  Quantität
der  verbrauchten  Mengen  von  den  übrigen  Zweigen  des  bis  jetzt  ungeteilten ­
  statistischen  Begriffes  „Gerberei"  auszusondern;  denn  während
z.  B.  die  Lohgerberei  sich  doch  immerhin  auf  weniger  Hautarten  beschränkt, ­
  gibt  es  fast  kein  Hautmaterial,  welches  nicht  in  der  Weißgerberei ­
  zur  Verarbeitung  käme.  Daraus  folgt,  daß  —  weil  Produktionserhebungen ­
  nach  Art  der  oben  angeführten  Rothenburger  von
1812  äußerst  selten  sind  —  auf  die  sonst  zur  bequemen  und  anschaulichen
Illustration  wirtschaftlicher  Erscheinungen  verwertete  Statistik,  welcher
Art  diese  auch  sei,  hier  leider  verzichtet  werden  muß.  Desgleichen  kann
eine  Produktionsgeographie  der  Häuteprovenienzen.so  dankbar  dieses
bisher  ebenfalls  unbearbeitete  Gebiet  besonders  in  Verbindung  mit  der
Wanderung  der  Haustiere  und  der  Wanderung  der  Hauptsitze  der  Industrien ­
  als  eine  eigentümliche  Kombination  agrarpolitischer  und  gewerbepolitischer ­
  Probleme  wäre,  nur  innerhalb  des  größeren  Rahmens
der  gesamten  Lederindustrie  dargestellt  werden.  Das  Gleiche  gilt  für
das  Problem  von  der  Bildung  und  Bewegung  der  Preise;  denn  wenn
ich  auch  im  vorhergehenden,  so  weit  dies  innerhalb  des  engeren  Rahmens
der  Weißgerberei  zulässig  war,  auf  den  Kampf  der  Rohmaterialien
gegeneinander  und  im  Gefolge  davon  auf  die  wechselnde  Wertschätzung,
auf  das  Eintreten  neuer  Rohmaterialien  in  diesen  Kampf  andeutungsiveffe
  zu  sprechen  gekommen  bin,  so  erhalten  alle  diese  Verhältnisse  erst
die  richtige  Breite  und  plastische  Tiefe,  wenn  auf  dem  Hintergründe
der  gesamten  Lederindustrie  von  der  Statistik  gelieferte  exakte  Zahlen  als
Ergebnis  der  wechselnden  Technik,  Mode,  Geschmacksrichtung,  des  wechselnden ­
  Bedarfs  und  wechselnder  Bevölkerungsdichtigkeit  zu  Hilfe  genommen
werden  können.
Am  Ende  der  Besprechung  der  einzelnen  Hautarten  angelangt,  folgt
zweckmäßig  hier  noch  eine  kurze  Darlegung  von  einer  Reihe  allen  diesen
')  Gintl  1873,  S.  17.  2)  Wiener  1904,  S.  61.
3*
        <pb n="76" />
        36

Hautgattungen  gemeinsamen  Merkmalen  oder  Unterschieden,  welche  bei
der  Preisbildung  und  Verwendung  einer  Hautart  eine  wichtige  Rolle
spielen;  es  sind  dies  die  Momente  des  Alters,  des  Geschlechtes,  der
Farbe J ),  der  Herkunft  und  Aufzucht^),  endlich  der  Art  der  Konservierung, ­
  letzterer  Punkt,  wie  wir  sehen  werden,  wichtig  auch  im  Zusammenhang ­
  mit  der  wirtschaftlichen  Organisation  der  Gerberei,  und
neuerdings  mit  hygienischen  und  sanitären  Problemen.
So  lange  der  junge  Organismus  noch  im  Mutterleibe  sich  befindet
und  noch  nicht  zu  selbständiger  Existenz  gelangt  ist,  so  lange  also  auch
die  natürliche  Decke  desselben  noch  mehr  phylogenetische  Bedeutung  als
die  Funktion  des  Schutzes  hat,  zeichnen  sich  Haut-  und  Haarkleid  durch
besondere  Feinheit,  Dünne,  Weichheit  aus,  ein  Grund  hoher  Wertschätzung ­
  dieser  Hautmaterialien  für  besondere  Zwecke.  Die  Strümpfe
der  Eskimos  sind  gearbeitet  aus  den  Fellen  der  neugeborenen  Seehunde ­
  3),  in  der  Ukraine  werden  die  ungeborenen  Lämmer  zur  Erzielung
feinen  Pelzwerkes  aus  dem  Mutterleibe  geschnitten  4 ),  und  die  Kalmücken
und  Tataren  legen  großen  Wert  auf  die  Behandlung  neugeborener
Lämmer  zur  Erzielung  einer  ähnlichen  geschätzten  Handelsware  °);  das
Mittelalter  benutzte  das  seine  Pergament  aus  der  Haut  der  unzeitigen
Frucht,  welche  gelegentlich  beim  Schlachten  einer  trächtigen  Kuh  anfiel 6 ),
ebenso  lieferte  die  Haut  ungeborener  Lämmer  ein,  wegen  seiner  Feinheit
geschätztes  Schreibmaterial 7 ),  und  auch  feine  Trommelfelle  werden  bisweilen ­
  aus  der  Haut  ungeborener  Kälber  gefertigt s ).
Die  Glacegerberei  kennt  ebenfalls  solche  Hautmaterialien.  In
Lüttich  wurden  die  tot  geborenen  Kalbfelle  mit  den  Haaren  in  einer
Präparation  von  Alaun  gegerbt,  eine  Operation,  welche  man  passer
es  blanc  nannte,  und  welche  ein  geschätztes  biegsames  Leder  lieferte,
um  daraus  Westen  für  die  Gerber  zu  machen 9 );  endlich  mögen  auch
die  feinsten  französischen  Handschuhe,  welche  man  in  Eier-  und  selbst
in  Nußschalen  verkaufte  10 ),  aus  solchem  Material  hergestellt  gewesen  sein.
Je  nachdem  dann  weiter  die  jungen  Tiere  nur  mit  Milch  genährt
wurden  oder  vor  der  Schlachtung  bereits  zu  anderen  Nährsubstanzen
übergegangen  sind,  ergibt  sich  eine  verschiedene  Beschaffenheit  der  Haut,
eine  Tatsache,  welche  in  manchen  Gegenden  durch  eine  besondere  Nomenklatur, ­
  wie  Räuplinge,  Fresser,  zum  Ausdruck  gebracht  wird.
Der  grundsätzliche  Unterschied  zwischen  jungen  und  älteren  Tieren,

st  Vgl.  Deutsche  Gerberzeitung  1903,  Nr.  99.
st  Vgl.  Schuh  und  Leder  1901,  Nr.  2,  23—25.
st  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  183.  st  Rüst  1814,  S.  338.
st  Ebenda.  st  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  286.
st  Wattenbach  1871,  S.  81.  st  Brüggemann  1857,  S.  80.
st  Bormans  1863,  S.  233.  'st  B.  d.  Erf.  1874,  S.  426.
        <pb n="77" />
        37

besonders  zwischen  älteren  Muttertieren,  welche  bereits  geworfen  haben,
ist  ebenfalls  überall  bekannt;  denn  während  jüngere  Häute  eine  dickere
und  weniger  flexible  Faser  besitzen,  ist  die  Haut  von  Muttertieren  besonders ­
  in  der  Bauchgegend  stark  gedehnt  und  infolgedessen  an  dieser
Stelle  bedeutend  dünner  *).  Die  wegen  hervorragender  Kenntnis  der
Hautmaterialien  schon  mehrfach  erwähnten  Eskimos  verfertigten  Kleider
nur  aus  den  Fellen  einjähriger  Seehundes,  Häute  von  Pferdefüllen
oder  Kamelfüllen  dienen  den  Kirgisen  zu  Kleidungszwecken 3 ),  Pergament ­
  aus  junger  Bockhaut  erhielt  den  Namen  Jungfernpergament 4 ),
und  auch  für  die  Herstellung  von  Glaceleder  sind  die  verhältnismäßig
geringen  Mengen  ganz  junger  Ziegenfelle  und  die  in  größeren  Mengen
in  den  Handel  kommenden  Felle  ganz  junger  und  junger  Lämmer  hoch
geschätzt  °).  Besonders  liefern  unter  allen  zarten  Fellen  die  ganz  jungen
Ziegenfelle  das  geschmeidigste  und  dabei  festeste  Leder  H.  Unter  den
älteren  Tieren  sind  die  Unterschiede  des  Geschlechts  von  großer  Bedeutung ­
  auf  die  Festigkeit  und  Dicke  und  damit  auf  die  Verwendungsmöglichkeit ­
  und  Preisbildung  ').  Auf  den  Unterschied  zwischen  Männchen
und  Muttertieren  habe  ich  schon  hingewiesen.  Dazu  sind  die  Felle  und
Häute  der  oft  kleineren  Weibchen  auch  leichter  als  die  der  Männchen.
Wichtig  ist  weiterhin  der  Unterschied  zwischen  Männchen  und  Kastraten.
Die  Haut  der  Bullen  ist  dünner,  sehr  fest,  grob,  rauh  und  weist  starke
Dickenunterschiede  an  verschiedenen  Stellen  des  Körpers  auf;  demgegenüber ­
  ist  die  Haut  der  Kastraten  weniger  fest,  biegsamer  und  dabei  von
gleichmäßigerer  und  größerer  Dicke,  letzteres  Momente,  welche  hauptsächlich ­
  bei  schweren  Häuten  ins  Gewicht  fallend)
Von  großer  Bedeutung,  besonders  für  leichte  Felle,  aber  natürlich
auch  für  die  zu  Sämisch,  Weiß  und  Kid  bestimmten  größeren  Sorten  ist
die  Farbe  eines  Hautmaterials;  denn  nur  rein  weiße  Rohmaterialien
liefern  nach  der  Gerbung  auch  weiße  oder  helle  Ware,  während  dunkle
Sorten  nur  für  gefärbte  Leder  in  Betracht  kommen  und  daher  stets
auch  niedrigere  Preise  erzielen").  Desgleichen  lassen  sich  helle  Nuancen
auf  gefleckten  oder  dunklen  Häuten  und  Fellen  nicht  erzeugen.
Eine  Rolle  von  grundlegender  Bedeutung  für  die  Eigenschaft  und
den  Wert  eines  Hautmaterials  spielt  seine  Provenienz.
Die  bekannten  Ausdrücke  „Zahmhaut"  und  „Wildhaut"  drücken

*)  Heinzerling  1882,  S.  15.
2 )  Ledertechnische  Rundschau  1912,  S-  268.
8 )  Ratzel  1896,  Bd.  II,  S.  649.  *)  Schauplatz  1775,  Bd.  II  S.  257.
6 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  477.  6 )  Ebenda.
7 )  Vgl.  auch  Neue  Wiener  Schuhmacherzeitung  1910,  S.  243.
8 )  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  323.
°)  Vgl.  Ledermarkt  1902,  Nr.  79,  S.  13.
        <pb n="78" />
        38

einen  solchen  ans  der  Provenienz  sich  ergebenden  Fundamentalunterschied ­
  aus;  denn  die  natürliche  Decke  eines  wild,  vollkommen  im  Freien
aufgewachsenen  Tieres  zeichnet  sich  nach  den  Bedingungen  seiner  Entstehung ­
  und  seiner  Existenz  durch  eine  ganz  besondere  Festigkeit,  größere
Zähigkeit  und  Geschmeidigkeit  aus;  deswegen  sind  die  geschätzten  Wildhäute ­
  der  Weißgerberei  vor  allen  Dingen  die  Decken  junger  Tiere,
welche  den  Gegenstand  der  sog.  hohen  Jagd  bilden  *).  Solche  Häute
werden  gern  sämischgar  gemacht,  weil  bei  solchem  Leder  seine  natürlich
festen  und  geschmeidigen  Eigenschaften  voll  zur  Geltung  kommen.  Die
Berühmtheit  des  orientalischen  Chagrins  wegen  seiner  Festigkeit^)  und
die  Haltbarkeit  des  ungarischen  Roßleders 3 )  beruhen  auf  der  Verwendung ­
  wilder  Pferde-  bzw.  Eselshäute,  während  gelegentliche  Verbote ­
  zur  Verwendung  von  Pferdeleder 4 )  für  bestimmte  Zwecke  und  der
ganze  oben  schon  besprochene  schlechte  Ruf  der  Pferdehäute  seinen  Grund
weniger  hat  in  der  ungenügenden  Beschaffenheit  des  Pferdeleders  als
solchem,  als  vielmehr  in  der  Verarbeitung  der  Häute  von  alten,  abgetriebenen ­
  Tieren,  welche  meist  seit  früher  Jugend  eine  freie  Weide
nicht  mehr  gesehen  haben.
Ähnlich  wie  mit  dem  Pferdeleder  verhält  es  sich  mit  dem  Rindleder. ­
  Die  Unverwüstlichkeit  des  echten  ungarischen  Leders  aus  ungarischen
Ochsenhäuten  °),  die  Güte  des  Juchtens  aus  der  Haut  von  oft  beinahe
wildem  zwei-  bis  dreijährigem  Rindvieh  6 ),  die  Berühmtheit  des  englischen ­
  Rind-  und  Kalbleders 7 ),  welches  bekanntlich  ebenfalls  auf  großen
freien  Weiden  wächst,  auch  die  Zähigkeit  und  Festigkeit  der  wilden  südamerikanischen ­
  Büffelleder  haben  ihren  Grund  in  dieser  Tatsache;  endlich ­
  haben  tvir  die  Ursache  der  oft  bewunderten  Güte  des  Leders  unzivilisierter ­
  Völker,  welche  meist  nur  sehr  primitive  Gerbemethoden
kennen,  in  eben  den  besprochenen  Momenten  zu  suchen.
Bei  der  Beurteilung  der  Häuteprovenienz  ist  weiter  von  Bedeutung
das  Herkunftsland,  und  dieses  hauptsächlich  wegen  des  in  ihm  herrschenden
Klimas.  Heiße  Länder  erzeugen  im  allgemeinen  weniger  dichte  Haardecken ­
  als  kalte  Gegenden;  das  aus  Afrika 8 )  stammende  Schaf  trägt
dort  keine  Wolle,  sondern  Haare,  und  erst,  wenn  es  diese  für  sein  Gedeihen ­
  weniger  günstigen  Lebensbedingungen  verläßt,  beginnt  sich  das
Haar  zur  Wolle  zu  kräuseln;  gewisse  Gebiete  der  Erde,  namentlich
trockene  Steppenländer  9 ),  erzeugen  besonders  feine  Wollen,  und  schon

-)  Wiener  190t,  S.  63.  °)  Pallas  1781,  Bd.  I,  S.  325.
Handwörterbuch  der  Chemie  und  Physik  August  usw.  1845,  S.  229.
*)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  57.  °)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  88.
°)  Beckmann  1796,  S.  286;  Rüst  1844,  S.  326.
7 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  181.  8 )  Beckmann  1805,  Bd.  V,  S.  4.
»)  Friedrich  1911,  S.  1.
        <pb n="79" />
        39

im  Altertum  hat  man  zuerst  in  Attika  *),  dann  auch  in  Italien 2 )  durch
Bekleidung  der  Schafe  mit  Fellen  eine  besonders  lange  und  feine  Wolle
zu  erzeugen  gesucht,  eine  Maßregel,  welche  z.  B.  die  oben  schon  angeführten ­
  Kalmücken  und  Tataren 3 )  für  die  Erzeugung  feinen  gelockten
Pelzwerks  auf  neugeborenen  Lämmern  kennen.
Das  Haarkleid  eines  Tieres  ist  nun  von  entscheidendem  Einfluß
auf  die  Beschaffenheit  der  Haut  derart,  daß  Dicke  und  Länge  des  Vließes
und  Dicke  der  Haut  etwa  in  umgekehrtem  Verhältnis  zueinander  stehen 4 ).
Justi  führt,  ob  mit  Recht  ist  zweifelhaft,  die  Güte  des  türkischen  Corduans
zurück  auf  die  Verwendung  der  feinen  dünnen  Häute  von  langhaarigen
angorischen  Ziegen 6 ),  jedenfalls  reicht  der  Erfahrung  nach  das  Scheeren
des  Schafes  auch  nur  wenige  Tage  vor  dem  Schlachten  schon  hin,  der
Haut  eine  merklich  größere  Dicke  zu  geben 8 ),  und  die  Felle  der  Schafe
haben  die  größte  Festigkeit,  wenn  man  die  Tiere  etwa  8  Tage  nach
dem  Scheeren  schlachtet 7 ).  Man  sieht  daraus,  welch  große  Bedeutung
beim  Schaffell  die  darauf  fitzende  Wolle  nicht  nur  als  solche,  sondern
.auch  durch  ihren  Einfluß  auf  die  erzeugende  Haut  bei  der  Preisbildung
hat.  Diese  hier  für  das  Schaf  dargelegten  und  hier  so  eklatanten  Verhältnisse ­
  gelten  aber  nicht  nur  für  dieses,  sondern  ganz  allgemein  für
alle  Haartiere  mit  der  praktischen  Konsequenz,  daß  die  Qualität  einer
Hautart  von  der  Schlachtzeit  des  Tieres,  ob  Sommer  oder  Winter,
wesentlich  beeinflußt  wird.
Eine  Funktion  des  Klimas  find  natürlich  auch  die  unter  diesem
wachsenden  Futterstoffe,  auch  sie  beeinflussen  die  Haut,  und  man  hat
Versuche  gemacht,  die  Eigenschaften  der  Haut  unter  dem  Einfluß  künstlicher ­
  Futterstoffe  zu  modifizieren  8 ).
So  ergeben  sich  unter  der  Wirkung  dieser  und  anderer  Potenzen
in  den  verschiedenen  Ländern  und  Klimaten  verschiedene  Tierrafsen,
und  die  genaue  Kenntnis  solcher  Hautsortimente  ist  eine  Grundforderung
für  das  gute  Gelingen  besonders  der  feineren  modernen  Gerbekombinationen. ­
  Schon  die  französischen  Ochsenhäute  des  17.  Jahrhunderts
erzeugten  auf  Grund  solcher  Verhältnisse  verschiedene  Nachfrage 8 ),  besonders ­
  aber  hat  die  neuere  Zeit  durch  ihre  präzisierte  Technik  im
Konkurrenzkämpfe  sowohl  der  Länder  untereinander  als  auch  im  Konkurrenzkämpfe ­
  der  Betriebssysteme  solche  Rassenunterschiede  unangenehm
empfunden.  Noch  in  den  80  er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  ließ
sich  z.  B.  gespaltenes  Alaunschafleder  zwar  aus  englischen  und  öster-0
  Blümner  1869,  S.  63.  2 )  Marquardt  1882,  S.  414.
s )  Rüst  1844,  S.  338.  4 )  Prechtl  1838,  S.  236.
5 )  Justi  1780,  Bd.  II,  S.  584.  «)  Prechtl  1838,  S.  236.
’)  Wiener  1904,  S.  62.  8 )  Zeitschrift  für  Singern.  Chemie  1909,  S.  695.
*)  Schauplatz  1766,  S.  323.
        <pb n="80" />
        40

reichischen  Rohschafhäuten  wegen  deren  kräftiger,  fettreicher,  egalstarker
Beschaffenheit,  nicht  aber  aus  solchem  Material  deutscher  Provenienz
erzeugen  *),  und  auch  die,  je  nach  Herkunft  in  der  Hautsubstanz  uni&amp;gt;
im  Aufbau  sehr  verschiedenen  Ziegenfelle  verlangen  zu  ihrer  Überführung
in  Chromleder  eine  strenge  Auswahl  und  ein  strenges  Sortiment  der
ausgewählten  Rohware^),  woraus  folgt,  daß  dieser  Artikel  nur  in  der
Großfabrikation  und  als  Spezialität  konkurrenzfähig  erzeugt  werden  kann.
Die  Erzeugung  von  Standard-Ware  durch  Aufzucht  geeigneter  Tiere,
durch  Reinzucht  oder  Kreuzung  von  Rassen,  durch  geeignete  Fütterung,
Haltung,  Pflege,  stellt  im  Hinblick  auf  die  oben  dargelegten  Verhältnisse
ein  wichtiges  agrarpolitisches  Problem  dar,  dessen  Schwierigkeit  einleuchtet, ­
  wenn  man  bedenkt,  daß  z.  B.  bei  einem  Tier,  wie  beim
Schaf,  Wolle,  Haut  und  Fleisch  in  gewollter  Weife  beeinflußt  werden  sollen.
Die  Provenienz  eines  Hautmaterials  enthält  für  den  Fachmann
außer  den  bisher  dargelegten  und  durch  konvergente  Züchtung  oder
durch  unmittelbare  Bewirkung  einer  Tierspezies  aufgezwungenen  Qualitäten ­
  oft  auch  noch  eine  Reihe  von  Eigenschaften,  welche  vielleicht  mehr
äußerlicher  und  unbedeutender  Natur  erscheinen  mögen,  deren  große
technische  und  damit  wirtschaftliche  Bedeutung  aber  sofort  einleuchtet,
wenn  man  etwa  auf  großen  Auktionen  große  Mengen  von  Rohmaterialien ­
  gleicher  Herkunft  aufgestapelt  sieht.  Die  oft  von  Kletten  ganz
durchsetzten  marokkanischen  Wollen  z.  B.,  welche  zur  Entfernung  der
Kletten  vor  ihrer  Verarbeitung  um  die  Kosten  der  Karbonisation  verteuert ­
  werden,  beeinflussen  natürlich  auch  den  Preis  des  diese  Wollen
tragenden  Felles,  die  nordamerikanischen  Häute  weisen  zahllose  Verletzungen ­
  infolge  der  Stachel  draht  Umzäunungen  der  Weiden  auf^),
schon  im  merkantilistischen  Frankreich  war  es  verboten 4 ),  an  ansteckenden
Krankheiten  gefallene  Schafe  weißgar  zu  machen,  und  Parasiten
aus  den  verschiedensten  Tierklassen  entwerten  auch  heute  noch  gelegentlich
Haare  oder  Haut  oder  beides;  dazu  kommen  dann  oft  noch  die  ganz
bestimmten  Provenienzen  eigenen  Brandmale  zum  Zeichnen  der  Tiere,
die  spezifischen,  oft  ganz  unsachgemäßen  Methoden  der  Konservierung^
und  andere  Schäden,  lauter  Momente,  welche  natürlich  in  der  Preisbildung ­
  des  Fachmannes  einen  geradezu  instinktiven  Ausdruck  finden.
Man  möchte  diese  spezifischen  Qualitäten  einer  bestimmten  Provenienz
fast  mit  den  Platzusancen  einer  Börse  oder  einer  Auktion  vergleichen,
es  sind  die  stillschweigend  vorausgesetzten,  jedem  Besucher  bekannten
Bedingungen,  unter  welchen  er  kauft.
i)  Gerber  1883,  S.  114.  2 )  Gerber  1802,  S.  291.
3 )  Ledermarkt  1908,  Nr.  77.  l )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  129.
°1  Vgl.  z.  B.  Hausner  1875,  S.  354;  Schuh  und  Leder  1902,  Nr.  21  bis
23,  31;  Zeitschrift  für  Angew.  Chemie  1910,  S.  430.
        <pb n="81" />
        41

Einen  kleinen,  aber  doch  nicht  zu  übersehenden  Posten  bilden  die
Abdeckerleder  oder  gefallenen  Häute,  d.  h.  die  Häute  von  gefallenen
Tieren.  Durch  dieses  Hautmaterial  kam  der  mittelalterliche  Gerber  in
Berührung  mit  dem  Schinder,  aber  Unehrlichkeitsfolgen  ergaben  sich
dennoch  nicht  aus  der  Verarbeitung  derartiger  Häute,  wenn  dieselben,
was  meist  geschah,  korporativ  von  der  Zunft  gekauft  wurden.  So  hatte
z.  B.  in  Würzburg  1580  Z  der  jüngste  Meister  derartige  Häute  zu
besichtigen,  dem  Handwerk  anzuzeigen,  im  Namen  des  Handwerks  den
Kauf  abzuschließen  und  sie  dann  an  die  Meister  möglichst  gleichmäßig
zu  verteilen.  Ich  habe  bereits  oben  bei  den  Pferden  darauf  hingewiesen,
wie  die  geschlossenen  Territorialwirtschaften  des  ausgehenden  Mittelalters ­
  sogar  eine  gewisse  Organisation  für  den  Konsum  der  gefallenen
Häute  eingeführt  hatten.  Natürlich  stammen  gefallene  Häute  fast  ausschließlich ­
  von  alten  oder  krankhaften  Tieren;  es  war  deshalb  meist
auch  die  Haut  irgendwie  alteriert,  und  infolgedessen  ist  auch  das  daraus
hergestellte  Leder  oft  nicht  einwandfrei.  So  erklärt  es  sich,  daß  die
Verwendung  solcher  Häute  für  besondere  Fälle  sich  als  unzweckmäßig
erweisen  mußte,  und  damit  wird  es  verständlich,  daß  die  hauptsächlich
auf  Export  produzierenden  Länder  schon  des  Mittelalters  im  Interesse
des  guten  Rufes  ihrer  Ware  das  Abdeckerleder  als  minderwertig  und
für  solche  Exportwaren  als  unzulässig  erklärten.  Als  Beispiel  sei  hier
angeführt  eine  Verordnung,  welche  zu  Toledo  durch  die  katholischen
Könige  am  17.  Juni  1502  den  Guadamacileros  gegeben  wurde,  laut
welcher  die  Felle  für  lederne  Tapeten  nur  von  getöteten  und  nicht  von
gefallenen  Tieren  stammen  sollten  2 ).
Damit  sind  die  wesentlichsten  Gesichtspunkte  besprochen,  nach  welchen
eine  Klassifizierung  der  Häute  und  Felle  stattfindet,  und  wir  haben  nunmehr ­
  die  hier  einschlägigen  Hautmaterialien  kennen  gelernt.  Schon  aus
dieser  einleitenden  Betrachtung  haben  wir  gesehen,  wie  von  je  und  auf
den  niedrigsten  Kulturstufen  dieses  Material  den  Menschen  sich  zur
Verfügung  stellte,  indem  es  gewissermaßen  als  trennende  Schranke
zwischen  seinen  Bedarf  und  feine  Bedarfsdeckung  von  Natur  aus  eingeschoben ­
  ward.  Denn  von  Natur  als  Schutzorgan  der  Tiere  ausgebildet, ­
  muß  diese  natürliche  Panzerung  jedesmal  erst  verletzt  und
beseitigt  werden,  ehe  die  in  ihr  geborgenen  Nahrungsstoffe  zur  Verfügung ­
  stehen;  damit  führt  die  Jagd  sowohl  wie  auch  das  Zerlegen
der  Tiere  zu  einer  genauen  Kenntnis  des  Hautmaterials,  zu  einer
Kenntnis  auch  seiner  dickeren  und  dünneren  Stellen,  und  so  wird  es
verständlich,  daß  wir  schon  bei  primitiven  Völkern  eine  Auswahl  nicht
nur  nach  Tiergattung,  nach  Alter  und  Geschlecht,  sondern  auch  nach
einzelnenTeilender  Haut  beobachten.  Die  Eskimos  verfertigten  aus
2 )  Davillier  1878,  S.  22.

‘)  Würzburg  1580,  S.  490.
        <pb n="82" />
        42

dem  Rücken  der  Seevögelfelle  ihre  dünnen  leichten  Unterkleider,  aus
den  Bäuchen  die  warmen  Winterkleider  und  aus  den  Hälsen  die  schönen
Staatspelze  *),  eine  Auswahl,  die  vielleicht  mehr  mit  Rücksicht  auf  die
Federn  als  auf  die  Haut  getroffen  ist;  aber  die  Dicke  der  Haut  spielt
allein  eine  Rolle,  wenn  z.  B.  zu  echt  orientalischem  Chagrin  nur  das
Rückenstück  der  wilden  Pferde  und  Esel  dicht  über  dem  Schwanz  ausgewählt ­
  wird 1  2 ),  und  es  klingt  wie  eine  Erinnerung  an  frühe  Zustände, ­
  wenn  uns  von  den  Schustern  der  Stadt  Loitz  erzählt  wird,  daß
sie  noch  in  jüngst  verflossenen  Zeiten  bei  gewissenhafter  Arbeit  nur
zwei  Paar  Stiefel  aus  einer  Pferdehaut  schnitten,  nämlich  aus  den
Hinterkeulenstücken,  während  die  übrigen  Teile  der  Haut  zu  Hinterteilen
und  Einlagen  verarbeitet  wurden
Seit  jenen  frühen  Zeiten  hat  dann  die  Haut  den  Menschen  bei
seiner  Entwicklung  unentwegt  begleitet,  sie  ist  in  seine  Technik,  in  seine
Kunstfertigkeit,  in  seine  Wissenschaft  eingegangen,  die  geschickten  Hände
und  des  Menschen  denkender  Fleiß  haben  sie  mit  unermüdlicher  Ausdauer
bearbeitet  und  geformt,  und  so,  wie  die  Gattungen  der  Hautmaterialien
im  Laufe  der  Zeit  sich  gewandelt  haben,  wie  auch  die  Technik  allmählich ­
  sich  geändert  hat,  so  sind  in  diesen  stillen  Vorgängen  des
Werdens  und  den  Prozessen  des  Wechsels,  welche  alle  niemals  viel  von
sich  reden  gemacht  haben,  auch  die  gewerblichen  Organisationen  und  die
sozialen  Eingliederungen  dieser  oft  eine  eigentümliche  Stellung  einnehmenden ­
  Klasse  von  Werkleuten  andere  und  andere  geworden;  und
wie  wir  in  folgendem  die  Hautmaterialien  begleiten  wollen,  wie  sie
unter  der  elementaren  Macht  des  Bedarfs  sich  zu  Leder  bis  herauf  zu
den  feinen  glacegaren  Formen  gestalten,  wie  wir  sie  dann  wenigstens
in  Kürze  auch  noch  verfolgen  wollen,  wie  die  aufs  höchste  veredelten
Hautmaterialien  unter  des  Menschen  kundiger  Leitung  langsam  wieder
in  das  stille  Reich  der  anorganischen  Natur  zurückkehren,  so  werden
wir  auch  sehen,  wie  manchmal  im  Zusammenhang  mit  diesen  Änderungen
auch  die  wirtschaftlichen  Systeme,  welche  die  äußere  Fassung  der  gewerblichen ­
  Arbeit  darstellen,  sich  gestalten  und  ändern,  wir  werden  sehen,
wie  Technik  und  Wirtschaft  nie  aus  dem  großen  allgemeinen  Rahmen
der  jeweiligen  Weltanschauung  heraustreten,  und  wie  sie  dabei  dennoch
immer  ihren  spezifischen  Charakter  wahren.
8  3.  Die  Konservierung  der  Haut.
Schon  in  früherer  Zeit,  neuerdings  aber  in  immer  mehr  steigendem
Maße,  gelangen  die  Hautmaterialien  nicht  in  frischer,  grüner  Form,
1)  Cranz  1770,  58b.  I,  S.  220.
2 )  Pallas  1781,  S.  325;  Poppe  G.,  58b.  II,  §  651,  S.  339.
3 )  Aebert  1895,  S.  38.
        <pb n="83" />
        43

d.  h.  nicht  direkt  von  der  Schlachtung  in  die  Werkstatt  des  Gerbers;
da  also  die  Hautmaterialien  für  den  Handel  sowohl  wie  auch  natürlich
für  die  Gerberei  immer  weniger  in  frischer  grüner  Form  vorliegen,
und  weil  trotz  der  ersten  Veränderungen  der  Haut  dieselbe  immer  noch
als  Rohware  des  Handels  gilt,  sollen  mit  Rücksicht  auf  das  wirtschaftliche ­
  System,  welches  unserer  Gliederung  zugrunde  liegt,  diese  ersten
Prozesse  an  dieser  Stelle  Berücksichtigung  finden.
Technisch  wichtig,  weil  es  unter  Umständen  besondere  Vorarbeiten
in  den  Gerbereien  nötig  macht,  und  wirtschaftlich  wichtig,  weil  es  den
Übergang  der  Gerberei  in  die  moderne  Weltwirtschaft  erst  richtig  ermöglichte, ­
  ist  nämlich  die  Konservierung  der  Häute  und  Felle;  denn
nur  dadurch,  daß  die  anfallenden  Häute  nicht  gleich  grün  verarbeitet
werden  müssen,  wird  der  Häutegroßhandel  ermöglicht,  welcher  regulierend
zwischen  die  Gefälle  der  Schlächtereien  und  die  Nachfrage  der  Gerbereien
tritt,  dadurch  auch  wird  der  Eintritt  der  ursprünglich  örtlich  ziemlich
beschränkten  Produktionstätigkeit  der  Gerberei  in  die  moderne  Verkehrswirtschaft ­
  ermöglicht,  welche  in  den  Händen  des  Großhandels  Angebot
und  Nachfrage  ganzer  Länder  ausgleichend  organisiert,  und  welche  die
Bedarfsdeckung  aus  den  fernen  Häntemärkten  an  den  Peripherien  des
Weltmarktes  ermöglicht.  Indem  aber  so  große  Mengen  tierischer  Stoffe
aus  den  extensiv  bewirtschafteten  Territorien  mit  einfachster  Lebenshaltung ­
  ihrer  verhältnismäßig  wenigen  Einwohner  in  die  dicht  besiedelten ­
  Kulturstaaten  importiert  werden,  ergibt  sich  bei  der  Konservierung ­
  der  Häute  für  ihren  weiten  Weg  nicht  nur  die  technische  Forderung, ­
  Methoden  ausfindig  zu  machen,  welche  das  Häutematerial  nicht
beschädigen,  sondern  es  erwächst  auch  das  weitere  hygienische  Problem,
etwa  vorhandene  Krankheitserreger  nicht  durch  Verschleppung  zu  einer
Gefahr  der  Importländer  zu  gestalten;  besonders  für  die  Weißgerberei
ist  dieses  doppelte  Problem  in  den  Vordergrund  getreten,  und  wir
werden  sehen,  daß  man  die  technischen  Forderungen  gleichzeitig  mit
den  sanitären  in  der  einzigen  Operation  der  Konservierung  zu  erfüllen  suchte.
Die  einfachste,  weil  mit  den  primitivsten  Mitteln  ausführbar,  und
primitivste  Form  der  Konservierung  ist  die  Wasserentziehung  durch
Trocknung.  Besonders  leicht  an  kleinen  Fellen  ausführbar,  haben  wir
offenbar  getrocknete  Felle  vor  uns  in  den  „dürren"  Ledern  der  Magdeburger ­
  Weißgerber  des  17.  Jahrhunderts x ),  die  Pariser  Weißgerber
bezogen  ihre  Felle  aus  den  Provinzen  in  trockenem  Zustandes,  die
Felle  für  die  Fabrikation  der  Corduans  auf  der  Insel  Cypern  wurden
von  Frankreich  in  trockenem  Zustande *  3 )  exportiert,  und  auch  heute  noch
ist  die  Lufttrocknung  das  übliche  Konservierungsmittel  für  das  ein-')
  Magdeburg  1686.  -)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  107.
3 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  94.
        <pb n="84" />
        44

heimische  Gefälle  Z.  Schwieriger  gestaltet  sich  die  Trocknung  bei
schweren  Fellen,  und  die  alten  Gerbermeister  wissen  davon  zu  erzählen,
wie  anhaltende  Gewitterstimmung  oder  heiße  Tage  zur  Schlachtzeit
ihnen  billige  Häute  in  die  Werkstatt  brachten,  weil  eben  eine  abwartende
Haltung  der  Metzger  und  Händler  das  Hautmaterial  wegen  drohender
Fäulnis  gefährdete.  Nach  größeren  Lieferungen  der  Aufkäufer,  welche
mit  schwer  beladenen  Wagen  aus  der  Nähe  und  aus  größerer  Ferne
angefahren  kamen,  wurde  Pulver  „aufgeblitzt",  um  den  Geruch  der  in
erste  Fäulnis  eintretenden  Häute  zu  vertreiben.  Die  gesamte  Rohware,
also  auch  die  schwersten  Häute,  welche  in  die  Gerbereien  eingeführt  oder
durch  Händler  und  Fleischer  angesammelt  wurden,  wurde  auf  Stangen
getrocknet.  Dazu  waren  große  Bodenräume  notwendig,  eine  Vorbedingung, ­
  welche  nur  Häutehändler  in  eigenen  geräumigen  Grundstücken ­
  erfüllen  konnten^).  Immerhin  ist  Lufttrocknung  zur  Konservierung ­
  auch  hier  nicht  selten,  schon  im  17.  Jahrh,  bezog  man  getrocknete ­
  Damhirschfelle  aus  Nordamerikas,  und  die  Ochsenhäute  aus
Buenos  Ayres  kamen,  wie  im  Anfange  des  19.  Jahrh/),  so  auch  später
noch°),  häuptsächlich  aus  Pampas,  Llanos  und  anderen  Teilen  Südamerikas ­
  getrocknet  nach  Europa.  Das  alles  beweist,  daß  bloße  Trocknung
eine  Aufbewahrung  der  rohen  Häutematerialien  ermöglicht,  und  daß  es
nicht  angängig  ist,  die  Notwendigkeit  der  Verarbeitung  der  frischen
Häute  in  Zusammenhang  zu  bringen  mit  der  Unmöglichkeit  der  Störarbeit, ­
  wie  dies  Dunker  zu  tun  scheint");  denn  ganz  abgesehen  von  der
Konservierung  durch  Trocknen  ist  auch  eine  antiseptische  Konservierungsmethode ­
  schon  lange  bekannt,  nämlich  die  Methode  des  Einsalzens.
Ursprünglich  wurden  die  Felle  und  Häute  trocken  gesalzen,  d.  h.
sie  wurden  vor  dem  Trocknen  mit  Salz  eingerieben,  und  auch  das  Einreiben ­
  mit  Soda  vor  dem  Trocknen  war  schon  zu  Anfang  des  17.  Jahrh,
bekannt');  immerhin  waren  das  ziemlich  kostspielige  Konservierungsmethoden, ­
  weil  das  gewöhnliche  Speisesalz  ziemlich  hoch  im  Preise
stand.  Bedenkt  man,  daß  die  ganze  Organisation  des  heutigen  inländischen ­
  Häutehandels  erst  durch  die  Salzung  ermöglicht  wurde,  so  sieht
man,  in  welch  weitsichtiger  Weise  der  Colbertismus  vorgearbeitet  hatte,
unter  welchem  im  Jahre  1673  zwischen  den  Fleischern  zu  Paris  und
den  Generalpächteru,  welche  am  Salzschanke  teil  hatten,  ein  Vergleich
getroffen  wurde,  welcher  durch  einen  öffentlichen  Befehl  autorisiert  und
am  16.  Oktober  1673  im  Steuerkammerbericht  registriert  wurde;  danach ­
  sollte  den  Fleischern  das  Salz,  welches  beim  Stockfischfange  geJörissen ­
  1909,  S.  52.  2  3  4 )  Schuh  und  Leder  1908,  Nr.  10,  S.  58.
3 )  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  120.
4 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  175,  191.  5 )  Heinzerling  1882,  S.  16.
°)  Dunker  1903,  S.  116.  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  325.
        <pb n="85" />
        45

braucht  worden  war,  zum  Einsalzen  der  Häute  ihres  ausgeschlachteten
Viehes  geliefert  werden;  sogar  eine  Denaturierung  dieses  Salzes  war
vorgesehen  und  zwar  sollte  das  Salz  für  die  Metzger  mit  Asche,  das
für  die  ungarischen  Lederarbeiter  mit  Alaun  denaturiert  werden  *).
Man  sieht  daraus  zugleich,  in  welch  charakteristischer  Weise  die  neuen
Wirtschaftsideen  immer  an  den  Punkten  eingriffen,  deren  Lösung  eine
kapitalistische  Gestaltung  des  Erwerbslebens  am  leichtesten  ermöglichten.
Immerhin  war  das  Salz  damals  noch  ein  für  solche  Verwendung  ziemlich ­
  kostspieliger  Artikel,  das  Pfund  solchen  mit  Alaun  denaturierten
Salzes  kostete  4  Sols  gegenüber  12  Sols  für  das  Kochsalz,  aber  schon
um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  wurden  brasilianische  Häute  auch
schon  in  trocken  gesalzener  Forint  nach  Europa  exportiert.  Eine
stärkere  Verwendung  des  Salzes  zum  Konservieren  des  einheimischen
Gefälles  begann  in  den  40  er,  50  er  Jahren 3 )  durch  die  Erzeugung  von
Gewerbesalz,  ein  großer  Gewinn  für  die  Gerber;  denn  zunächst  war  es
«in  Mittel,  das  Ansammeln  größerer  Vorräte  zu  erleichtern  und  damit
den  Handel  mit  Rohware  zu  unterstützen;  die  bisherige  Vorbedingung
Zum  Konservieren  der  Rohware,  nämlich  große  Bodenräume,  welche
nur  der  begüterte  Häutehändler  besessen  hatte,  fiel  damit  weg,  und
jeder  Sammler  und  Aufkäufer  mit  kleinem  Besitz,  welcher  einen  Stall
leer  stehen  hatte,  konnte  durch  die  Salzung  seine  Ansammlung  unabhängig ­
  von  den  größeren  Händlern  auf  eigene  Hand  an  den  Mann
bringen  und  Handel  mit  dem  Gerber  direkt  treiben.  Der  Betrug
seitens  dieser  kleinen  Ausammler  durch  die  Salzung  trieb  in  jener  Zeit
tolle  Blüten  Z.  Seit  dieser  Zeit  hat  sich  die  Salzung  immer  mehr
eingebürgert,  sie  griff  hinüber  nach  Amerika B ),  von  wo  die  südamerikanischen ­
  Ochsen-  und  Kuhhäute  mehr  und  mehr  in  gesalzenem  Zustande
zu  uns  gelangen;  in  den  großen  Importhäfen  Europas,  etwa  Liverpool,
London,  Hamburg  usw.  sieht  man  heute  ganze  Berge  von  Salz  liegen,
welche  aus  der  Konservierung  der  importierten  südamerikanischen  Häute
stammen,  und  auch  trocken  und  naß  gesalzene  Ziegen-  und  Schaffelle ­
  stellen  einen,  wenngleich  bis  jetzt  auch  nur  kleinen  Teil  der  Einfuhr ­
  dar").  Am  einleuchtendsten  wird  die  Bedeutung  der  Salzung  für
den  modernen  Häutehandel  inländischen  Gefälles  aber,  wenn  man  die
verödeten  Werkstätten  der  alten  Gerbermeister  in  kleine  Speicher  umgewandelt ­
  findet,  in  welchen  die  zentralistisch  organisierten  Häuteverwertungsgesellschaften
  durch  ihre  über  das  ganze  Land  verstreuten
Agenten  alles  anfallende  Hautmaterial  vertragsmäßig  ansammeln,  ein
Vorgang,  welcher  eine  billige  und  bequeme  Konservierungsmethode  zur
0  Ebenda.  2 )  Hermbstiidt  1807,  Bd.  II,  S.  175.
3 )  Schuh  und  Leder  1908,  Nr.  10,  S.  58.  4 )  Ebenda.
5 )  Heinzerling  1883,  S.  16.  °)  Jörissen  1909,  S.  52.
        <pb n="86" />
        46

Voraussetzung  hat,  und  dessen  technische  Unterlage  eben  die  Salzung
darstellt.
Neben  dem  Salzen  hat  man  sich,  da  man  die  Wichtigkeit  zweckmäßiger ­
  Konservierung  frühzeitig  erkannte,  auch  noch  um  andere  Konservierungsmethoden ­
  bemüht.  Schon  Hermbstädt  2 )  schlug  um  die  Wende
des  18.  Jahrhunderts  die  Behandlung  mit  verdünnter  Schwefelsäure
vor,  verdünnte  Säuren  hat  man  dann  immer  wieder  versucht,  das  sog.
Pickeln  der  Amerikaners  geschieht  durch  Legen  der  Häute  in  starke
Kochsalzlaugen,  welche  mit  etwas  Schwefelsäure  versetzt  sind,  und  die
Methode  der  Räucherung 8 ),  welche  früher  eine  gewisse  Rolle  gespielt
hat,  kommt  heute  fast  nicht  mehr  vor.  Ein  eigenartiges  Bild  gewähren
die  unter  dem  Namen  „Kipse"  bekannten  Rohwaren;  es  sind  dies
Häute  und  Felle,  welche  mit  dem  zu  einem  Brei  angerührten  Konservierungsmittel ­
  bestrichen  sind.  Schon  im  17.  Jahrhundert  kamen  aus
Amerika  Damhirschfelle,  welche  mittels  einer  in  Amerika  vorkommenden
Erde  zubereitet  waren 4 ),  stellenweise  wendet  man  einen  Kalkbrei  °)  an,
in  Westindien 8 )  und  auch  in  Ostindien  7 ),  wo  Kochsalz  selten  und  teuer
ist,  wird  eine  dort  vorkommende  stark  Glaubersalz  haltige  Erdart,  welche
mit  Wasser  zu  einem  dicken  Brei  angerührt  und  dann  auf  der  Fleischoder ­
  Aasseite  ausgestrichen  wird,  zur  Häutekonservierung  verwendet;
man  nennt  derartige  konservierte  Rohware  „Belegte  Kipse",  während
man  die  neuerdings  in  manchen  Gegenden  mit  Arsenik  behandelten
„arsenifizierte  Kipse"  oder  „Arsenikkipse"  nennt.
Eine  immer  größere  Rolle  in  der  auswärtigen  Handelsstatistik
spielen  die  sog.  „halbgaren"  Felle.  Es  sind  das  Schaf-  und  Ziegenfelle ­
  meist  aus  Ostindien 8 ),  aber  auch  anderer  Provenienzen,  welche  von
den  dort  ansässigen  Exportgesellschaften  mit  vegetabilischen  Gerbstoffen
oder  mit  Chrom  zur  Konservierung  vorgegerbt  werden.
Eine  dritte  Methode  zur  Konservierung,  welche  man  neben  der
Entziehung  von  Wasser  durch  Trocknen  und  neben  der  Desinfektion
durch  antiseptische  Mittel  anwendet,  sind  die  noch  nicht  sehr  weit  über  das
Verbrauchsstadium  hinausgekommenen  Methoden  der  Anwendung  niedrigerTemperaturenzur
  Konservierung  von  rohen  Fellen  und  Pelzen 9 ).
Über  all  diese  hier  kurz  gestreiften  Konservierungsmethoden  existiert
in  den  Fachzeitschriften  eine  riesenhafte  Litteratur,  welche  neuerdings
immer  mehr  an  Bedeutung  gewinnt,  als  sich  die  nationale  Gesetzgebung
verschiedener  Länder,  so  von  Deutschland,  England,  Vereinigte  Staaten
')  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  175.  2 )  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  913—914.
s)  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  191.  *)  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  120.
5 )  Jörissen  1909,  S.  40.  *  6 )  Heinzerling  1882,  S.  16.
7 )  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  914.  »)  Jörissen  1909,  S.  40.
9 )  Schuh  und  Leder  1898,  Nr.  40,  S.  37-39.
        <pb n="87" />
        47

Amerikas 1 ),  mit  diesen  Dingen  beschäftigt,  freilich  nicht  vom  Standpunkte ­
  der  Hautkonserviernng  aus,  sondern  unter  dem  viel  wichtigeren
der  Gesundheitspolizei;  denn  diese  tierischen  Rohstoffe,  die  Häute  und
Felle,  wie  auch  die  auf  ihnen  sitzenden  Haare,  Wolle,  Mohair,  Roßhaare ­
  sind  nicht  selten  des  Substrat  einer  sehr  gefürchteten  Infektionskrankheit, ­
  nämlich  des  Milzbrandes,  der  jährlich  mit  großer  Konstanz
seine  Opfer  an  Gesundheit  und  Leben  von  Arbeitern  namentlich  in
Weißgerbereien  und  Roßhaarspinnereien  fordert;  die  Technik  sucht  das
ihr  von  der  Gesetzgebung  gestellte  Problem  gleichzeitig  mit  der  Konservierung ­
  zu  lösen,  und  sie  verfolgt  dabei  dann  noch  die  weiteren
selbständigen  Zwecke,  auch  andere  den  Häuten  drohende  Schäden,  wie
Insekten,  Ungeziefer,  Motten,  Feuchtigkeit^)  für  das  Hautmaterial  ungefährlich ­
  zu  machen.  Die  Schwierigkeiten,  welche  sich  der  Lösung  einer
so  vielseitigen  Aufgabe  entgegenstellen,  leuchten  ohne  weiteres  ein;  denn
die  Konservierung  darf  den  Preis  der  Rohware  nicht  allzu  sehr  verteuern, ­
  weil  sonst  bestimmte  Provenienzen  ihre  Konkurrenzfähigkeit  für
den  Weltmarkt  verlieren,  und  die  Konservierung  soll  all  jene  Schäden
möglichst  vollkommen  ausschließen,  ohne  dabei  die  immerhin  empfindlichen ­
  und  labilen  Eiweißsubstanzen  der  Haut  für  die  vielen  nachfolgenden ­
  technischen  Prozesse  unbrauchbar  zu  machen.  Die  Patentlitteratur
spricht  eine  beredte  Sprache  von  den  vielen  Versuchen,  welche  man  hier
mit  verdünnten  Säuren  8  * ),  mit  Ameisensäure 4 ),  mit  Quecksilberchlorid  6  5 ),
mit  Kochsalz  und  Salzsäure  °),  mit  Exelsion  7 ),  mit  Soda 8 ),  mit  Antiputrind),
  Karbolsäure"),  Formaldehyd"),  im  Rubner  Apparat"),  und
mit  anderen  ")  Methoden  gemacht  hat,  und  diese  Aufzählung  mag  vielleicht ­
  illustrieren,  daß  Zahl  der  empfohlenen  Mittel  und  damit  erzielte
Erfolge  etwa  im  umgekehrten  Verhältnis  stehen.  Um  nur  ein  Beispiel
dafür  anzuführen,  in  welcher  Weise  sich  durch  die  Konservierung  Schäden
ergeben  können:  Das  Formaldehyd  ist  ein  sehr  bequem  zu  handhabendes
und  billiges  Desinfektionsmittel,  welches  die  Haut  außerdem  in  eine
Art  halbgaren  Zustand  überführt,  so  daß  der  Gerber  gegen  seine  Anwendung ­
  nichts  einzuwenden  hätte,  wenn  nicht  durch  Formaldehyd  die
Hautsubstanz  chemisch  so  verändert  würde,  daß  dadurch  das  gerade  für
den  Weißgerber  als  Nebenprodukt  wichtige  Leimleder  unter  Umständen
völlig  wertlos  werden  kann  ").
i)  Collegium  1911,  S.  38,  66,  197.  -)  Mag.  Böripar  1908.  Nr.  18.
s )  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  914.  *)  Collegium  1911,  S.  106.  5 )  Ebenda.
6 )  Collegium  1911,  S.  248.  7 )  Deutsche  Gerberzeitung  1892,  Nr.  60.
8 )  Ledertechnische  Rundschau  1909,  Nr.  44.
8 )  Deutsche  Gerberzeitung  1877,  Nr.  90.  I0  * )  Wiener  1904,  S.  63.
J1 )  Chem.  Repertorium  1907,  S.  319.  12 )  Ledermarkt  1910,  67.
ls )  Ledertechnische  Rundschau  1911,  Nr.  40—41;  Heinzerling  1882,  S.  11.
u )  Allgemeine  Gerberzeitung  1907,  Nr.  82,  S.  2.
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        48

2.  Kapitel.
Die  Gerbstoffe.
Eine  zweite  Reihe  von  Rohstoffen  für  die  Gerberei  faßt  man
unter  dem  Namen  Gerbstoffe  oder  Gerbmaterialien  zusammen.  Man
gliedert  dieselben  nach  der  Einteilung  der  Gerberei  in
1.  vegetabilische  Gerbstoffe,
2.  mineralische  Gerbstoffe,
3.  Fette  und  Öle.
Dazu  kommen  dann  noch  eine  Reihe  weiterer  Hilfsstoffe,  welche  entweder ­
  zu  den  Vorarbeiten  oder  während  des  Gerbeprozesses  neben  den
eigentlichen  Gerbstoffen  oder  endlich  in  der  Zurichterei  nötig  werden.
Wir  werden  uns  im  folgenden  hauptsächlich  auf  die  Gerbmaterialien
der  Weißgerberei  beschränken;  da  aber,  worauf  bereits  in  der  Einleitung ­
  hingewiesen  wurde,  die  technische  Einteilung  des  Gerbeprozesses
und  die  wirtschaftliche  Gliederung  der  Handwerke  sich  nicht  deckt,  da
weiter  eine  einheitliche  geschichtliche  Entwicklung  selbst  in  größten  Zügen
aller  dieser  Gerbematerialien  bisher  noch  nicht  gegeben  wurde,  und
weil  wir  endlich  bei  unseren  ferneren  Darlegungen  eben  wegen  der
innigen,  fast  unlösbaren  technischen  und  wirtschaftlichen  Beziehungen
der  verschiedenen  Zweige  der  Gerberei  auf  verschiedene  Daten  auch  der
anderen  Gerbematerialien  nicht  verzichten  können,  so  soll  wenigstens  ein
kursorischer  Überblick  auch  über  diese  hier  versucht  werden.
Als  wichtigster  Gerbstoff  der  Weißgerberei  tritt  uns  der  Alaun
entgegen,  zu  dessen  ebenso  eigentümlicher  wie  interessanter  Geschichte  wir
uns  zuerst  wenden.

8  4.  Der  Alaun.
Die  Frage  nach  dem  Vorkommen  der  Weißgerberei  im  Altertum
ist  zunächst  identisch  mit  der  Frage  nach  der  Bekanntschaft  der  Alten
mit  dem  Alaun.
Die  Schriftsteller,  welche  sich  über  den  Alaun,  lateinisch  alumen
und  griechisch  arvmrjQta,  geäußert  haben,  sind  Herodot,  vor  allem  aber
Plinius  und  Dioskorides,  in  späterer  Zeit  noch  Galen  und  Diodor.
Schon  daraus,  daß  Plinius  und  Dioskorides  mindestens  drei  Z  Arten,
Galen  sogar  sechs  verschiedene  Arten  des  Alauns  kennt,  ergibt  sich

»)  Vgl.  Blümner  1887,  S.  26.
2 )  Galen  de  simpl.  medio,  temper.  IX,  p.  30.
        <pb n="89" />
        49

die  Notwendigkeit  zu  einer  kritischen  Untersuchung  über  die  Substanzen,
welche  die  Alten  unter  ihrem  Begriffe  Alaun  zusammenfaßten.  Solche
Untersuchungen  sind  ausgeführt  worden  zuerst  von  Beckmann,  dann
von  Kopp,  Lenz,  Blümner  u.  a.,  und  das  Ergebnis  dieser  Untersuchungen
ist  in  kurzem  folgendes.  Während  Beckmann  den  Alten  die  Kenntnis
des  Alauns  überhaupt  abspricht  x ),  glauben  die  späteren  Beurteiler,  daß
er  hin  und  wieder  vielleicht  doch,  wenn  auch  stets  in  starker  Verunreinigung ­
  vorgelegen  habe.  Die  Farbe  des  Alauns  wird  angegeben
als  weiß,  milchweiß *  2 ),  meist  aber  schwärzlich  bis  dunkel.  Sein  Geschmack ­
  ist  zusammenziehend,  aber  gelegentliche  Reaktionen,  welche  für
den  Alaun  angegeben  werden,  zeigen,  daß  dies  keine  Reaktionen  des
Alauns  selbst  sein  können;  denn  er  färbt  Granatäpfel  und  Galläpfel
dunkel^),  andererseits  aber  dient  der  Helle  Alaun  in  der  Färberei  für
Helle  Nüancen,  der  dunkle  Alaun  für  braune  und  dunkle  Farben^).
Danach  ist  der  Alaun  des  Altertums  wahrscheinlich  mehr  oder  weniger
reines  Aluminiumsulfat,  wenn  er  als  weiß  angegeben  wird,  und  dieses
Aluminiumsulfat  ist  für  die  Fälle  der  dunkleren  Sorten  des  Alauns
mehr  und  mehr  vermischt  mit  anderen  Sulfaten  und  Vitriolen,  namentlich ­
  mit  Eisenvitriol;  gelegentlich  mögen  diese  Sulfatgemische  dann  auch
echten  Alaun  enthalten  haben.
Über  die  Gewinnung  des  Alaunes  erhalten  wir  keine  zuverlässigen
Nachrichten.  Der  Alaun  der  Alten  ist  ausschließlich  natürlicher  Alaun 5  * ),
was  ebenfalls  wieder  für  die  oben  gegebene  Hypothese  der  Sulfatgemische ­
  spricht;  von  Alaunsiedereien  ist  nirgends  die  RedeH.
Verwendung  fand  der  Alaun  in  der  Medizin,  Gerberei,  Färberei,
Zur  Imprägnation  von  Holz  und  für  Metallarbeiten.
Als  Fundort  endlich  wird  vor  allen  Dingen  Ägypten 7  8 )  bezeichnet,
aus  dessen  Ausbeuten  z.  B.  der  König  Amasis  dem  delphischen  Tempel
100  Talente  schenkte,  wozu  die  in  Ägypten  wohnenden  Hellenen  noch
20  Minen  ihrerseits  legten^).  Weiter  werden  erwähnt  die  liparischen
Inseln,  namentlich  Lipara  und  Strongyle,  Melos,  Macedonien,  Sardinien, ­
  Hierapolis  in  Phrygien,  Libyen,  Armenien,  Pontus,  Spanien
und  Cypern 2 ).
Interessant  ist  noch  der  Bericht  Diodors,  daß  nur  auf  den  liparischen
Inseln  der  Alaun  in  namhaften  Mengen  vorkomme,  weshalb  die  Liparier
0  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  92  ff.
2 )  Vgl.  auch  Lassen  1847,  Bd.  III,  S.  20.  3  * )  Blümner  1887,  S.  29.
4 )  Kopp  1843,  Bd.  IV,  S.  56ff.;  Blümner  1887,  S.  29.
°)  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  93.
°)  Plimus  34,  Kap.  12,  Bd.  II,  S.  664;  Isiäor  Orixin.  lid.  16,  eap.  2;
Dioskorides,  Bd.  V,  S.  114.
7 )  Dioskorides,  Bd.  V,  S.  122;  Plinius  XXXV,  S.  184.
8 )  Herodot  II,  S.  180.  °)  Blümner  1887,  S.  26,  Anm.  49.
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.  4
        <pb n="90" />
        50

den  Alaunpreis  nach  Belieben  festsetzten  *).  Wir  werden  sehen,  daß  wir
in  dieser  Bemerkung  gewissermaßen  das  Schlagwort  zu  sehen  haben,
welches  bis  weit  hinein  in  das  Mittelalter  die  Geschichte  des  Alauns
beherrscht.
Wir  haben  für  unsere  Zwecke  aus  jenen  Kritiken  den  Schluß  zu
ziehen,  daß  die  aluta  der  Alten  wahrscheinlich  nicht  mit  Alaun  gegerbt
war;  da  aber,  wie  wir  sehen  werden,  die  gerbereichemischen  Untersuchungen ­
  erst  der  letzten  Jahrzehnte  den  Nachweis  gebracht  haben,  daß
sich  mit  Aluminiumsulfat  ebensogut  wie  mit  Alaun  weißgares  Leder
erzeugen  läßt,  so  dürfen  wir  wohl  annehmen,  daß  die  aluta  der  Alten
in  den  Fällen,  wo  sie  als  alda  bezeichnet  wird,  unserem  heutigen  weißgaren ­
  Leder  ziemlich  ähnlich  gewesen  ist.
Mit  dem  ausgehenden  Altertum,  mit  der  Konzentration  des  großen
Wissens  jener  Zeit  in  Alexandrien  beginnt  das  chemische  Wissen,  wahrscheinlich ­
  hauptsächlich  unter  ägyptisch-babylonischem  Einfluß,  mehr  und
mehr  in  die  Ideenwelt  der  Alchemie  überzugehen;  der  Wissensschatz  au
chemischen  Tatsachen  wird  reicher,  aber  die  Zerstörung  des  griechischen
Serapeums  in  Alexandrien  bedeutet  den  Höhepunkt  im  Zusammensturz
der  ganzen  Kultur  und  die  Vernichtung  einer  für  die  Geschichte  besonders ­
  der  Naturwissenschaften  unersetzlichen  Litteratur.  Ein  Teil  freilich ­
  jenes  Wissens  rettete  sich  in  die  byzantinische  Philologie,  der  Einbruch ­
  der  Araber  nach  Ägypten  im  7.  Jahrhundert  bedeutete  zunächst
ebenfalls  noch  Verwüstung,  aber  dann  blüht,  besonders  seit  der  Befestigung ­
  der  arabischen  Kultur  in  Spanien,  ein  neues  Kulturleben  auf,
in  dessen  Schutz  die  arabischen  Gelehrten  die  Trümmer  der  Zerstörung
sammeln  und  dazu  neuen  und  reichen  Wissensstoff  fügen.  So  klafft
in  dieser  Zeit  eine  empfindliche  Lücke,  und  einer  der  ersten  und  hervorragendsten ­
  Schriftsteller,  welcher  uns  wieder  orientiert  über  die  chemischen
Kenntnisse  der  neuen  arabischen  Kultur,  bei  welcher  nunmehr  die  europäischen ­
  Völker  in  die  Lehre  gingen,  und  welche  so  durch  ihr  Wissen,
wie  auch  durch  ihre  philosophischen  Anschauungen  auf  Jahrhunderte
hinaus  dem  naturwissenschaftlichen  Denken  die  Wege  gewiesen  hat,  ist
der  berühmte  Arzt  und  Alchemist  Dschafar,  letzterer  freilich  hauptsächlich ­
  unter  Berthelots  Vorgang  in  einen  Geber  des  0.  und  10.  Jahrhunderts ­
  und  in  einen  Pseudogeber  etwa  des  14.  Jahrhunderts  zerlegt.
In  diese  Zwischenzeit  muß  die  Erfindung  der  Herstellung  echten
Alauns  gelegt  werden;  denn  in  den  Abhandlungen  der  Lauteren  Brüder
etwa  aus  der  Mitte  des  10.  Jahrhunderts,  in  welchen  diese,  im  großen
und  ganzen  noch  fußend  auf  aristotelischen  Anschauungen,  eine  auf  viel
breiterer  empirischer  Basis  gewonnene  Tatsachenwelt  zu  einem  eiuheit--)

  Diodor,  Bd.  V,  S.  10.
        <pb n="91" />
        51

lichen  System  zu  verarbeiten  suchen,  gehört  der  Alaun  zu  derjenigen
der  drei  Klassen  von  Mineralien,  welche  im  Laufe  eines  Jahres  oder
darunter  reifen  *).  Daraus  darf  Wohl  der  Schluß  gezogen  werden,  daß
die  Bildung  des  Alauns  beobachtet  worden  ist,  d.  h.,  daß  er  zu  den
künstlichen  Produkten  gehört;  denn  wäre  der  Alaun  nur  nach  einem
natürlichen  Vorkommen  bekannt,  dann  würde  er  zu  einer  der  beiden
anderen  Klassen  von  Mineralien  gehören,  welche  zu  ihrer  Bildung  Jahre
und  Jahrhunderte  nötig  haben.  Es  wird  uns  weiter  berichtet,  daß  er
nur  in  einem  herben,  schmutzfarbenen  Staube  entstehe 2 ),  und  wir  werden
nicht  irre  gehen,  aus  dieser  Bemerkung  den  Schluß  zu  ziehen,  daß  der
graue  Alaunschiefer  unter  dem  schmutzfarbenen  Staube  gemeint  sei,  und
der  herbe  Geschmack  dieses  Schiefers  mag  der  leitende  Wegweiser  bei
der  Durchsuchung  des  Bodens  nach  alaungebendeu  Gesteinen  gewesen
sein.  Unzweifelhaft  aber  wird  die  Bekanntschaft  mit  der  künstlichen
Herstellung  des  Alauns  bewiesen  aus  den  allgemeinen  theoretischen  Anschauungen ­
  jener  Zeit  über  die  Entstehung  der  Stoffes.  Alle  Stoffe
entstehen  aus  den  vier  aristotelischen  Elementen;  aber  während  zur
Bildung  der  Metalle  gewissermaßen  als  intermediäre  Phasen  Quecksilber ­
  und  Schwefel  auftreten,  entstehen  die  künstlichen  Körper  aus
Staub  und  Wasser  direkt  H.  Von  Alaun  und  Kupfervitriol  wird  nun
ausdrücklich  angegeben,  daß  dies  alles  seien  „Feuchtigkeit  und  Wasser,
die  mit  Erden  aus  den  Landstrichen  vermischt  sind,  welche  die  Feuersund ­
  Sonnen-  oder  Grubenhitze  gebrannt  hat".  Wir  müssen  daraus
den  Schluß  ziehen,  daß  der  Alaun  dieser  Epoche  bereits  zu  den  künstlichen ­
  Produkten  zu  rechnen  ist.  Weiter  spricht  Geber  von  einem  Eisalaun, ­
  welcher  aus  Rocha  —  fraglich  ob  identisch  mit  Edessa^)  —
komme  o),  und  so  dürfte  Beckmanns  Ansicht,  nach  welcher  die  Zeit  der
.Erfindung  des  künstlichen  Alauns  vor  dem  13.  Jahrhundert  liegt'),
ziemlich  stark  nachdatiert  sein.  Dieser  künstliche  Alaun  mag  dann,  da
er  von  noch  stärkerem  adstringierendem  Geschmack  und  von  noch  wertvolleren ­
  Eigenschaften  als  die  hellsten  Sorten  des  alten  nlumons  sich
erwies,  jene  unreinen  Gemenge  allmählich  verdrängt  haben.  Leider
ist  mir  bis  jetzt  keine  Kunde  über  dieses  gewiß  interessante  und  Aufsehen ­
  erregende  Eindringen  dieses  neuen  künstlichen  Stoffes  in  das
Gewerbe  jener  Zeit,  über  welches  ja  an  und  für  sich  die  Nachrichten
nur  äußerst  spärlich  fließen,  bekannt  geworden.

y  Dieterici  1876,  S.  98.  Dieterici  1876,  S.  111.
3 )  Dieterici  1876,  S.  115.
4 )  Dieterici  1876,  S.  130;  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  430.
°)  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  554;  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  110;  Kopp  1843,
Bd.  IV,  S.  56  f.
«1  Kopp  1843,  Bd.  IV,  S.  56  ff.  ')  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  102.
4*
        <pb n="92" />
        52

Die  Gewinnung  des  Alauns  mag  sich  seit  dem  ausgehenden  Altertum ­
  an  eben  jenen  Stätten  vollzogen  haben,  an  welchen  die  Alten  ihre
sog.  Alaune  als  natürliches  Vorkommnis  gefunden  hatten,  und  die  Behauptung ­
  Bouchardats,  daß  der  Alaun  bis  zum  15.  Jahrhundert  ausschließlich ­
  in  Rocha  hergestellt  worden  seH),  ist  unrichtig;  denn  bereits
in  vorsaladinischer  Zeit^)  führten  die  Genuesen  ägyptischen  Alaun  aus
Alexandrien  aus,  und  im  12.  Jahrhundert  gehört  Alaun  ebenfalls  zu
den  Handelsprodukten  Ägyptens,  welche  durch  den  Handel  der  Romanen
nach  dem  Auslande  kamen 3 ).  Er  wurde  in  Oberägypten,  nach  Burkhard ­
  sechs  Tagereisen  von  der  Kaufmannsladt  von  Kairo  entfernt  in
den  Bergen  der  Wüste  und  in  Nubien  gewonnen.  Makrizi  erzählt,  daß
Saladin  in  Suez  ein  Fort  habe  bauen  lassen  zur  Sicherung  der  von
Said  (d.  h.  der  weiten  Provinz,  zu  welcher  Assuan,  Kus  usw.  gehörten)
herführenden  Straße,  auf  welcher  der  Alaun  in  das  Land  der  Franken
(das  fränkische  Syrien)  transportiert  zu  werden  pflegte.  Die  Gewinnung
des  Alauns  war  Regal,  und  nach  arabischen  Quellen  verkaufte  die  Regierung ­
  im  Jahre  1192  rund  13000  Kantar  oder  1,25  Millionen  kg
Alaun.  Ein  Neffe  Saladins,  Omar,  hatte  einen  genueser  Ruggerone
mit  der  Vertreibung  von  Alaun  im  Abendlande  betraut,  welcher  1175
von  den  mit  Genua  im  Kriege  befindlichen  Pisanern  gefangen  genommen
wurde;  über  die  Herkunft  der  Ware  unterrichtet,  nahmen  sie  den  Alaun
in  gesonderte  Verwahrung  und  haben  ebenfalls  der  an  sie  gerichteten
Reklamation  des  Sultans  und  seines  Neffen  statt  gegeben.  Auch  sonst
wird  der  oberägyptische  Alaun  als  Importartikel  für  Genua  bei  Schaube
in  zwei  Fällen  erwähnt.  Desgleichen  wird  hier  kastilianischen  Alauns
Erwähnung  getan  ch;  außerdem  sei  noch  angeführt,  daß  die  Alaunminen
auf  der  Insel  Jschia  schon  zur  Zeit  des  ersten  Herrschers  aus  dem
Hause  Anjou  ausgebeutet  wurden,  daß  im  genuesischen  Handel  1227
bereits  Alaun  von  Monte  Argentaro  vorkommt,  daß  seit  dem  13.  Jahrhundert ­
  über  Aleppo  Alaun  wahrscheinlich  aus  dem  Binnenlande  kam,
daß  eine  der  liparischen  Inseln,  Volcano,  schon  von  dieser  Zeit  an  sehr
häufig  als  Alaunquelle  genannt  wird,  daß  auch  Lesbos  unter  den
griechischen  Inseln,  Thracien,  Jemen  als  Alauuprovenienzen  genannt
werden,  daß  im  14.  Jahrhundert  nach  Flandern  Alaun  von  Mallorka,
von  Marokko  und  von  Algier  gelangte,  daß  die  Danziger  Beutler  im
15.  Jahrhundert  Alaun  aus  Rußland  bezogen  °),  und  schon  im  13.  Jahrhundert ­
  war  der  Alaun  aus  den  poutischen  Gebieten  ch,  insbesondere
h  Bouchardat  1845,  S.  325.
2 )  Schaube  1908,  S.  322.
3 )  Zu  dem  folgenden  siehe  Schaube  1906,  S.  165.
4 )  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  550,  554.
°)  Hirsch  1855,  S.  243,  Anm.  27.  °)  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  483.
        <pb n="93" />
        53

aus  Trapezunt 1 ),  so  bedeutend,  daß  sich  gegen  ihn  die  Alauninhaber
von  Phocäa  wandten.
Wenn  wir  im  Hinblick  auf  den  lebhaften  Landverkehr,  welcher  seit
den  frühesten  Zeiten  vom  Schwarzen  Meere  an  die  weiten  Gebiete  bis
zur  Ostsee  durchquerte,  für  den  eben  genannten  russischen  Alaun  der
Danziger  Beutler  ebenso  wie  für  den  kastilianischen  Alaun  nicht  irgendeine ­
  orientalische  Herkunft  annehmen  wollen,  so  können  wir  folgern,
daß  schon  damals  neben  den  Hauptprovenienzen  des  Orients  eine  ganze
Menge  kleiner  Alaunsiedereien  an  verschiedenen  Stellen  des  Abendlandes
entstanden  waren.
Die  Haupthandelsvermittler  für  den  orientalischen  Alaun  nach  dem
Abendlande  waren  die  Italiener,  daneben  treten  frühzeitig  auch  Provenzalen
  auf 2 ),  und  die  Kostbarkeit  des  Alauns  in  dieser  Zeit  wird  am
besten  illustriert  durch  die  Produkte,  in  deren  Gesellschaft  er  genannt
und  ausgeführt  wird:  Es  sind  Pfeffer,  Brasilienholz,  Muskatnüsse,
Zimmt,  Gewürznelken,  Farbstoffe,  Arome  H,  kurz,  es  sind  die  damals  im
Abendlande  so  hoch  bezahlten  orientalischen  Spezereien.
Wann  der  Alaunexport  nach  dem  Abendlande  größere  Dimensionen
annahm,  läßt  sich  nicht  genau  ermitteln,  aber  wir  werden  nicht  fehl
gehen,  wenn  wir  hier  vorweggreifend  schließen,  daß  der  Alaunverbrauch
durch  die  Araber,  wenn  nicht  sogar  eingeführt,  so  doch  sicherlich  populär
geworden,  und  daß  vor  dem  11.  Jahrhundert  ein  sehr  nennenswerter
Alaunverbrauch  für  Europa  mit  Ausnahme  Spaniens  nicht  anzunehmen
ist.  Danach  wäre  Spanien  der  Punkt,  von  welchem  aus  die  Kenntnis
des  Alauns  sich  hauptsächlich  im  Abendlande  verbreitete,  und  zwar
einmal  die  chemische  Kenntnis  des  Alauns  unter  den  Gebildeten  der
Bevölkerung,  und  die  Kenntnis  seiner  Bedeutung  für  das  Handwerk  in
dessen  gewerbetreibenden  Schichten;  das  würde  es  dann  auch  -erklärlich
machen,  warum  so  frühzeitig  neben  den  Italienern  die  Provenzalen  sich
am  Alannexport  beteiligten,  warum  ungefähr  um  diese  Zeit  eine  castilianische
  Provenienz  neben  einer  solchen  von  Algier  und  Marokko,  sei
dies  als  faktischer  Sitz  von  Alaunsiedereien,  welche  dort  von  den  Arabern
errichtet  worden  waren,  oder  sei  dies  nur  als  merkantiler  Begriff,  d.  h.
als  Handelsplätze,  über  welche  orientalischer  Alaun  in  größeren  Mengen
nach  dem  Abendlande  gehandelt  wurde,  genannt,  und  warum  schon  frühzeitig ­
  Alaun  als  ein  Importartikel  auch  Englands  erwähnt  wird  *).  Diese
beiden  Momente,  der  hohe  Preis  des  Alauns  und  eine  gestiegene  Nachfrage ­
  nach  dem  kostbaren  Produkt  müssen  wir  uns  vor  Augen  halten,
um  die  weltgeschichtlichen  Ereignisse  des  13.  und  14.  Jahrhunderts,

i)  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  97,  -)  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  401—402,  526.
3 )  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  430,  529.  *)  Schaube  1906,  S.  412.
        <pb n="94" />
        54

welche  teilweise  im  Zeichen  und  unter  dem  Banne  einer  Alaunmonopolpolitik ­
  stehen,  ganz  begreifen  können.  Eine  kurze  Skizze  der  allgemeinen
Weltlage  jener  Zeit  mag  uns  das  Verständnis  dieser  eigentümlichen
Politik  noch  erleichtern.
Schauplatz  der  Weltereignisse  ist  das  Mittelmeer;  200  Jahre  lang
strömen  die  Kreuzfahrer  aus  allen  Teilen  Europas  nach  dem  heiligen
Lande  und  zurück;  die  großen  Seefahrer  sind  die  Venetianer,  Genuesen,
Pisaner;  die  kriegerischen  Unternehmungen  der  Kreuzzüge  gestalten  sich
für  sie  zu  gewinnbringenden  Handelsfahrten,  und  auch  der  ganze  Verkehr ­
  zwischen  dem  Orient  und  den  oberdeutschen  Städten  und  weiter
noch  bis  an  den  Rhein  und  diesen  hinab  nach  Flandern  geht  durch
ihre  Hand.  So  erstarken  hier  reiche  Handelsrepubliken  von  großer
politischer  Macht,  welche  sich  im  Kampf  um  den  Vorrang  unablässig
befehden,  und  welche  dabei  die  stete  Spannung  zwischen  den  griechischen
Kaisern  und  dem  fortgesetzt  an  die  Tore  Konstantinopels  pochenden
Islam  geschickt  zur  Erreichung  von  Handelsvorteilen  ausnutzen.  Ihre
ganze  auswärtige  Politik  erinnert  in  der  Idee  an  die  merkantilistischen
Kriege  Englands,  und  wie  heute  reiche  Kolonieen  und  goldproduzierende
Länder  ein  Ziel  der  Kolonialpolitik  darstellen,  so  waren  damals  die
Alaungruben  ein  Gegenstand  fortwährender  erbitterter  Zwistigkeiten
zwischen  den  westlichen  und  den  östlichen  Mächten  des  Mittelmeeres
einerseits,  und  zwischen  den  rivalisierenden  Handelsrepubliken  Italiens
andererseits;  denn  unter  allen  Alaunprovenienzen  treten  um  diese  Zeit
die  kleinasiatischen  Alaunsiedereien  von  P  h  o  c  ä  a  (Foglia)  in  den  Vordergrund, ­
  und  wie  laut  Diodors  Bericht  in  den  ersten  nachchristlichen
Jahrhunderten  von  den  liparischen  Inseln  aus  die  Alaunpreise  diktiert
worden  waren,  wie  noch  im  12.  Jahrhundert  die  Gewinnung  des
ägyptischen  Alauns  unter  dem  gleichen  Gesichtspunkte  Regal  gewesen
war,  so  geht  jetzt  vom  13.  Jahrhundert  ab  der  Kampf  um  das  Monopol
von  Phocäa.
In  der  vom  byzantinischen  Kaiser  Alexius  1082  an  die  Republik
Venedig  verliehenen  goldenen  Bulle,  in  welcher  den  Venetianern  eine
Reihe  wichtiger  Handelsprivilegien  als  Belohnung  für  eine  ihm  gewährte ­
  Unterstützung  zur  See  eingeräumt  wird,  wird  auch  der  Ort
Phocäa  erwähnt  J ),  aber  offenbar  spielen  seine  Alaunwerke  um  diese
Zeit  noch  keine  Rolle.  Der  kleinasiatische  Alaun  des  Sultanats  Jkonium
wird  von  Marco  Polo  erwähnt^),  und  Rubruquis  berichtet  im  Jahre
1255  bereits  von  einem  kleinasiatischen  Alaunmonopol  im  Besitze  eines
Genuesen  und  eines  Venetianers;  als  Ergebnis  teilt  er  uns  mit,  daß
die  beiden  Italiener  den  Preis  des  Alauns  um  mehr  als  das  dreifache

si  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  132.

-)  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  333  f.
        <pb n="95" />
        55

in  die  Höhe  getrieben  haben  *).  In  den  guten  Beziehungen,  welche  die
Republik  Venedig  zum  Hofe  von  Byzanz  seit  1082  unterhalten  hatte,
war  es  Genua  gelungen,  der  Schwesterrepublik  den  Rang  abzulaufen,
und  im  Vertrage  von  1275 2 )  verlieh  Michael  Paläologus  dem  Genuesen
Manuele  Zaccaria  die  Stadt  Phocäa  am  nördlichen  Eingang  des  Golfes
von  Smyrna  mitsamt  den  naheliegenden  alaunhaltigen  Bergen.  Damit
gelangte  dieser  wertvolle  Besitz  also  in  genuesische  Hände,  und  trotz
wechselnden  Kriegsglücks  trotz  der  damals  sich  kaleidoskopartig  verschiebenden ­
  Mächtekonstellationen  zwischen  Venedig,  Genua,  Islam  und
Byzanz,  trotz  innerer  Zerwürfnisse,  trotz  vorübergehender  Besitzwechsel
«n  Phocäa  wußte  sich  die  Staatsklugheit  oder  die  politische  Macht  von
Genua  doch  immer  wieder  in  den  Besitz  dieser  wertvollen  Alaunsiedereien ­
  zu  setzen.  Gleich  einer  der  ersten  Schritte  Manuele  Zaccarias
war  der  Ausfluß  einer  echten  Monopolpolitik:  Er  benutzte  seinen  Einfluß
beim  Kaiser  zur  Erwirkung  eines  Alaunausfuhrverbotes  für  alle  übrigen
Genuesen  aus  den  poutischeu  Gebieten,  ein  Verbot,  welches  indessen
uicht  lange  in  Kraft  gewesen  zu  sein  scheint.
Zur  Beseitigung  des  genuesischen  Übergewichtes  in  diesen  nordöstlichen ­
  Teilen  des  Mittelmeeres  entbrannte  bald  darauf  (1294)  ein  Krieg
zunächst  zwischen  Venedig  und  Genna,  in  welchen  in  der  Folge  auch
der  Kaiser  von  Konstantinopel  als  Gegner  Venedigs  hineingezogen
wurde 3 );  neben  anderen  Verlusten,  welche  die  Venetianer  den  genuesischen ­
  Kolonien  im  Verlaufe  dieses  Krieges  bei  wechselndem  Kriegsglück ­
  und  unentschiedenem  Ausgauge  zufügten,  entführte  der  venetianische
General  Ruggiero  Morosini  ans  Phocäa  die  dort  vorgefundenen  Kessel
und  andere  zur  Alaunfabrikation  dienenden  Gegenstände  und  Geräte
1296  Z;  aber  bereits  1298  hatte  sich  die  Ansiedlnng  wieder  so  weit
-erholt,  daß  sie  650  Zentner  Alaun  um  die  ungeheure  Summe  von
1,3  Millionen  Lire  exportieren  konnte^).  Etwa  in  diese  Zeit  fällt  die
Gründung  von  Neuphocäa,  wahrscheinlich  in  der  Form  eines  Kastelles
zum  Schutze  der  Alaungruben  gegen  die  unaufhaltsam  vorrückenden
Türken,  und  die  gleiche  Gefahr  gab  Benedetto  Zaccaria,  dem  Bruder
Manuele  Zaccarias,  den  Anlaß  zur  eigenmächtigen  Besetzung  der  Insel
Chios  etwa  1304,  um  Phocäa  und  die  dort  ein-  und  auslaufenden
Alaunschiffe  von  der  Seeseite  her  zu  schützen.  Durch  diesen  Handstreich
gelang  es  dem  Hause  Zaccaria,  in  welchem  der  Besitz  von  Phocäa  erblich ­
  geworden  war,  auch  die  wertvollen  Mastixpflanzungen  von  Chios
in  seiner  Hand  zu  vereinigen.  Nach  dem  Aussterbeu  des  Hauses
-)  Ebenda.  2 )  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  482  f.  3 )  Heyd  1879,  Bd.  I.  S.  491  ff.
4 )  Über  die  Art  der  Fabrikation  vgl.  Kopp  1848,  Bd.  IV,  S.  59  und  Heyd
1879,  Bd.  II,  S.  550.
5 )  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  507  f.
        <pb n="96" />
        56

Zaccaria  ging  der  Besitz  von  Phocäa  1314  an  das  Haus  Cattaneo
über  *),  aber  nach  mehrfachen  Versuchen  des  griechischen  Kaisers  Andronikus
  III.,  teils  mit  Hilfe  der  Venetianer,  teils  mit  Hilfe  der  Türken
Phocäa  wieder  in  seinen  Besitz  zu  bringen,  gelang  es  endlich  1340
einem  griechischen  Megaduca  einen  Statthalter  dort  einzusetzen,  so  wie
auch  Chios  seit  1329  bereits  von  einem  griechischen  Statthalter  wieder
verwaltet  worden  war.  Der  Tod  Adronikus  III.  1341  und  die  daraus
sich  ergebenden  inneren  Kriege  um  das  Interregnum  in  Byzanz  boten
den  Genuesen  eine  willkommene  Gelegenheit,  Phocäa  und  Chios  für
sich  wieder  zu  gewinnen.  Da  der  Kreuzzug  von  1343  infolge  des
Einspruchs  des  Papstes  nicht  gegen  Chios  gerichtet  werden  konnte,  und
weil  die  genuesische  Staatskasse  nicht  die  Mittel  zur  Ausrüstung  einer
Flotte  besaß,  schufen  1345  eine  Anzahl  wohlhabender  Genuesen  eine
Flotte  unter  der  Bedingung  des  Wiederersatzes  der  Kosten  aus  den
städtischen  Einkünften.  „Die  Flotte  war  ursprünglich  gegen  einen  Aufstand ­
  an  der  ligurischen  Küste  bestimmt,  aber  die  Aufständischen  gingen
auseinander,  ohne  daß  es  zum  Schlagen  kam,  und  so  gab  man  der
Flotte  eine  andere  Bestimmung.  Die  Flotte  ging  nach  Chios,  bemächtigte ­
  sich  der  Insel  in  4  Tagen,  nach  einvierteljähriger  Belagerung
auch  des  Kastelles,  und  das  Gelingen  der  Eroberung  von  Chios  weckte
in  dem  Führer  Vignosi  und  seinen  Gefährten  die  Lust,  auch  die  beiden
Phocäa,  welche  so  lange  unter  demselben  genuesischen  Dynastenhaus  mit
jener  Insel  vereint  gewesen,  zu  erwerben.  So  fielen  denn  auch  Ende
des  Jahres  1346  die  beiden  Phocäa  der  ebenso  tapferen  als  glücklichen ­
  Kompagnie  in  die  Hände.  Eine  genuesische  Besatzung  sicherte
die  Orte.
Zwischen  den  Eroberern  und  der  genuesischen  Kommune  fand  nun
eine  längere  Unterhandlung  statt,  welche  endlich  am  16.  Februar  1347
zu  einer  definitiven  Auseinandersetzung  führte.  Die  Kommune  hatte
sich  ja  anheischig  gemacht,  den  Schiffseignern  ihre  Auslagen  aus  den
Staatseinkünften  zu  ersetzen,  und  diese  Auslagen  berechneten  sich  auf
203000  Lire,  aber  die  Staatskasse  war  immer  noch  leer.  So  wurde
denn  den  Unternehmern  der  Expedition  das  ganze  nutzbare  Eigentum
auf  der  Insel  sowohl  als  in  Phocäa  überlassen,  um  sich  daran  schadlos
zu  halten.  Jeder  der  Schiffspatrone  erhielt  eine  Aktie,  welche  ihm  das
Anrecht  auf  eine  bestimmte  Quote  der  öffentlichen  Einkünfte  gewährte,
und  so  konstituierten  sich  die  Eroberer  von  Chios  und  Phocäa  zu  einer
Aktiengesellschaft,  welche,  wie  andere  ähnliche  Gesellschaften  der  damaligen ­
  Zeit,  den  Namen  Maona  oder  Mahona  führte,  während  die
Aktionäre  selbst  Maonesen  genannt  wurden.  Die  Kommune  behielt  sich

v j  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  531,  569.
        <pb n="97" />
        57

vor,  von  dieser  Gesellschaft  nach  und  nach  die  Aktien  zurückzukaufen
und  so  später  selbst  in  den  Genuß  des  nutzbaren  Eigentums  zu  treten;
aber  bei  den  vielen  Kriegskosten,  welche  die  Republik  zu  tragen  hatte,
kam  sie  in  der  Folge  nie  dazu,  dieses  Vorhaben  auszuführen.  So  blieb
das  Dominium  utile  auf  Chios  und  Phocäa  immer  in  den  Händen
dieser  Aktiengesellschaft.  Es  wechselten  die  Besitzer  und  die  Familien,
und  1362  beschlossen  die  Maonesen,  um  ihrer  Gemeinsamkeit  auch  vor
der  Welt  einen  adäquaten  Ausdruck  zu  verleihen,  unter  Ablegung  ihres
bisherigen  Familiennamens  den  Namen  Giustiani  anzunehmen.  Diese
nahmen  auf  Chios  selbst  ihren  Wohnsitz,  und,  wenn  nicht  rechtlich,  so
doch  tatsächlich,  teilten  sie  alle  Finanz-  und  Verwaltungsämter  der
Insel  unter  sich  auf.  So  wurde  durch  die  kriegerische  Unternehmung
des  Vignosi  eine  Kolonie  gegründet,  welche  unter  der  Oberhoheit  der
Republik  Genua  über  200  Jahre  lang  von  einer  aus  genuesischen  Geschlechtern ­
  bestehenden  Kompagnie  regiert,  verwaltet  und  fiskalisch  ausgebeutet ­
  wurde.  Ihr  Gebiet  umfaßte  nicht  bloß  Chios  und  die  beiden
Phocäa,  sondern  noch  die  kleineren  Inseln  Samos,  Nicaria,  Önussa
und  Santa  Panagia."
Das  ist  die  interessante,  leider  zu  wenig  bekannte  Entstehungsgeschichte ­
  der  Maona,  welche  nicht  nur  spezielle,  sondern  auch  allgemeine
Beachtung  verdient.  Die  Maona  war  in  einer  Epoche  entstanden,  in
der,  weil  Genua  griechische  Interessen  geschädigt  hatte,  Venedig  im  Einvernehmen ­
  mit  Byzanz  stand;  daher  versuchte  der  Jnterimskaiser  Kantakuzenus,
  nachdem  der  friedliche  Weg  zur  Anerkennung  der  griechischen
Herrschaft  in  den  Besitzungen  der  Maona  nicht  zum  Ziele  geführt
hatte,  seinen  Willen  mit  Gewalt  und  venetianischer  Unterstützung  durchzusetzen: ­
  1348  geboten  wieder  griechische  Statthalter  in  den  beiden
Phocäa,  freilich  in  Altphocäa  nur  bis  1351,  in  Neuphocäa  bis  1358,
und  auch  die  erneuten  gemeinsamen  Versuche  von  Kantakuzenus,  Venedig,
Pisa  und  Peter  IV.  von  Aragon  führten  nach  wechselndem  Kriegsglück
1354  zur  vollständigen  Vernichtung  der  venetianischen  Flotte  durch
Doria  im  Hafen  von  Altnavarin.
Der  Jnterimskaiser  Kantakuzenus  hatte  sich  hauptsächlich  venetianischer ­
  Unterstützung  in  seiner  inneren  und  äußeren  Politik  bedient,
und  als  es  nun  dem  großjährig  gewordenen  Kaiser  Johannes  V.  Paläologus
  mit  Hilfe  der  Genuesen  gelungen  war,  Kantakuzenus  zur  Anerkennung ­
  seiner  kaiserlichen  Regierungsrechte  zu  zwingen,  da  erhielt
der  Genuese  Gattilusio  die  Schwester  des  Kaisers  zur  Frau,  er  bekam
als  Mitgift  die  Insel  Lesbos  und  von  der  Maona  pachtete  er  für  sich
und  seine  Nachkommen  Altphocäa.  Ein  bald  darauf  abermals  zwischen
Venedig  und  Genua  über  diese  Besitzungen  entbrannter  Krieg  führte
nach  einer  vorübergehenden  Besetzung  von  Altphocäa  durch  die  Venetianer
        <pb n="98" />
        58

im  Endergebnis  wiederum  zu  einer  schweren  Niederlage  dieser  Republik,
und  nach  einer  vorübergehenden  Überflutung  von  Alt-  und  Nenphocäa
durch  die  wilde  Kraft  der  mongolischen  Horden  unter  ihrem  Oberchan
Timur  erfreute  sich  die  Maona  abermals  des  Besitzes  der  gewinnbringenden ­
  Alaungruben  *)-  In  der  Folge  operierten  Genua,  die  Maona  und
der  Pächter  von  Neuphocäa  mit  mohamedanischer  Unterstützung  gegen
Venedig,  wobei  sie  ihre  Besitzungen  sogar  durch  hohe  Tribute  an  die
Türken  weiter  für  sich  sicherten,  und  diese  Politik  führte  dazu,  daß  1437
sogar  der  gesamte  Alaun  von  Kleinasien,  Griechenland  und  Lesbos  von
einer  ganz  aus  Genuesen  bestehenden  Kompagnie  gepachtet  wurde.
Altphoeäa  war  immer  noch  durch  Erbpacht  in  der  Familie  Gattilusio,
aber  auch  diese  Familie  zahlte  den  Sultanen  Tribut,  um  sich  auf  diese
Weise  der  Besitz  gegen  die  immer  weiter  vordringenden  Türken  zu
sichern.  Am  1.  November  1455 s )  freilich  ging  Neuphocäa  für  die
Christenheit  auf  immer  verloren,  die  genuesischen  Kaufleute  wurden
hier  vom  Feinde  überrascht,  geplündert  und  in  Konstantinopel  als
Sklaven  verkauft.  Zur  vollständigen  Vernichtung  der  Genuesen  verband ­
  sich  Mahomed  II.  mit  den  Todfeinden  Genuas,  mit  Venedig,  er
überließ  ihnen  sogar  die  Pacht  des  Alauns  von  Phocäa,  aber,  als  der
Krieg  ausbrach,  ließ  der  Sultan  alle  Venetianer,  deren  er  habhaft
werden  konnte,  ins  Gefängnis  werfen,  ihre  Habe  ließ  er  konfiszieren
und  von  Venedig  forderte  er  150000  Dukaten,  eine  Summe,  welche
die  beiden  flüchtigen  venetianischen  Alaunpächter  ihm  schuldig  gewesen
waren.  1466  wird  im  nunmehr  türkischen  Konstantinopel  noch  ein
venetianischer  Alaunpächter  erwähnt.
Überblicken  wir  noch  einmal  kurz  die  Geschichte  von  Phocäa,  so
sehen  wir,  daß  die  ursprünglich  griechische  Besitzung  1275  in  genuesische
Hände  übergegangen  war,  und  daß  die  Genuesen,  sei  es  in  Form  der
Häuser  Zaccaria  und  Cattaneo,  oder  sei  es  in  Form  der  Maona  diesen
Besitz  von  1275—1455  trotz  wiederholter  vorübergehender  Verluste  an
Byzanz  oder  Venedig  oder  an  die  Mongolen  dennoch  immer  wieder
für  sich  zu  behaupten  wußten,  bis  die  türkische  Flut  1455  diese  viel
umstrittenen  Alaungruben  von  einer  jährlichen  Ausbeute  von  14000
Zentners  für  immer  unter  ihren  blutig  roten  Wogen  begrub.  1453
schon  war  Konstantinopel  gefallen,  die  Fluten  der  Kreuzzüge  hatten
ausgeebbt,  und  die  Christenheit  begann  sich  im  Abendlande  mehr  mit
der  Verwertung  der  von  den  Arabern  überkommenen  praktischen  Ideen
als  mit»  der  Verwirklichung  der  immer  wieder  mißglückten  Pläne  im
heiligen  Lande  zu  beschäftigen.  Dazu  kam,  daß  sich  die  Christenheit

&amp;gt;)  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  260,  272,  277,  278.
-)  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  288  f.  »)  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  320,  328,  329.
4 )  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  651.
        <pb n="99" />
        59

nach  den  fortwährenden  schweren  Schlägen  mehr  und  mehr  auch  wirtschaftlich ­
  solidarisch  gegen  den  Islam  zu  fühlen  begann  und  ihre  Abhängigkeit ­
  von  demselben  in  so  wertvollen  und  noch  dazu  unentbehrlich
gewordenen  Produkten,  wie  es  der  Alaun  gewesen  war,  drückend  empfand.
Vielleicht  auch  hatte  schon  seit  längerer  Zeit  die  im  Laufe  der  Weltgeschichte ­
  bis  in  unsere  Tage  in  fast  unendlichen  Modifikationen  so  oft
zu  beobachtende  Wirtschaftspolitik  eingesetzt,  daß  nämlich  der  im  offenen
Kampfe  unterlegene  oder  für  weitere  offene  Waffengänge  zu  schwache
Gegner  sich  auf  einen  stillen  wirtschaftlichen  Antipathiekampf  verlegt.
Die  Alaunsiedereien  waren  in  Kleinasien  groß  geworden,  weil  dort
die  Stätten  ihres  Hauptverbrauches  gelegen  hatten,  aber  mit  dem
Wandern  der  Araber  nach  Westen  und  mit  dem  Eindringen  orientalischer ­
  Kunstfertigkeit  im  Abendlande  war  auch  dort  große  Nachfrage
nach  Alaun  entstanden,  welche  freilich  zunächst  fast  nur  aus  der  Levante
befriedigt  worden  war;  die  handeltreibenden  Republiken  Italiens  hatten
natürlich  zunächst  wenig  Interesse  an  der  Verpflanzung  der  Alaunfabrikation ­
  nach  dem  Abendlande  gehabt,  da  dies  für  sie  eine  ganz
bedeutende  Einbuße  in  ihren  Einnahmen  bedeutet  hätte.  Alaun  erscheint
immer  als  einer  der  vorzüglichsten  Handelsartikel,  welcher  über  die
italienischen  Handelsrepubliken  bezogen  wird,  so  auch,  um  nur  ein  Beispiel ­
  anzuführen,  in  einem  Friesacher  Mauthtarif  vom  Jahre  1425  Z.
Diese  Verhältnisse  gestalteten  sich  nunmehr,  da  die  Türken  Herr  der
Alaungruben  geworden  waren,  da  die  italienischen  Alaunpächter  in
Kleinasien  in  steter  Unsicherheit  lebten,  da  stets  große  Geldsummen  in
islamitische  Hände  aus  Alaunlieferungen  flössen,  da  die  Sultane  aus
angeblichen  oder  wirklichen  Alaunlieferungen  ungeheure  Geldforderungen
an  die  italienischen  Handelsrepubliken  für  sich  herleiteten,  da  durch  die
hohen  Tribute  an  die  Türken  die  Alaunpreise  noch  gestiegen  waren,  da
selbst  die  griechischen  und  italienischen  Arbeiter  in  den  Alaunwerken  in
steter  Lebensgefahr  schwebten,  mit  einem  Schlage  anders.  Es  mußten
nunmehr  alle  Versuche  gemacht  werden,  die  neue  Alaunprovenienz  für
das  Abendland  in  Italien  zu  etablieren.  Wir  haben  ja  gesehen,  daß
die  kleinasiatischen  Alaunprovenienzen  schon  im  13.  und  14.  Jahrhundert
keineswegs  die  einzigen  gewesen  waren,  wenn  sie  auch  nach  der  Menge
ihrer  Produktion  alle  anderen  ungeheuer  überwogen.  In  Neuphocäa
hatten  schon  1307  über  3000  Griechen  sich  mit  der  Alaunbereitung
beschäftigt^),  ihre  Zahl  war  in  der  Folge  eher  noch  gestiegen,  und  als
nun  nach  dem  Blutbad  von  Konstantinopel  1453  die  dort  ansässigen
italienischen  Kaufleute  nach  der  Heimat  ftüchteten,  als  nach  dem  Überfall ­
  von  Neuphocäa  die  Alaunarbeiter  ebenfalls  fliehen  mußten,  können

-)  Simonsfeld  1887,  Bd.  II,  S.  104,  198.

&amp;gt;)  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  508.
        <pb n="100" />
        60

Wir  uns  nicht  wundern,  wenn  1458,  1460,  1462,  1465,  und  in  den
folgenden  Jahren  die  Alaunorte  Jschia,  Civita  Vecchia  bei  Tolfa  im
Kirchenstaate,  Volterra  im  Genuesischen,  wie  durch  Zauberwort  plötzlich
einen  abendländischen  Ruf  erhalten.  Das  ist  der  weltgeschichtliche  und
wirtschaftsgeschichtliche  Zusammenhang,  und  es  erscheint  mehr  als  nebensächliches ­
  und  schmückendes  Beiwerk,  wenn  die  Schriftsteller  am  Ende
des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  sich  in  Unklarheit  befinden, ­
  an  welchem  dieser  Orte  die  Alaunfabrikation  zuerst  aufgetaucht
sei,  wenn  sie  berichten,  daß  sie  zu  Jschia  durch  einen  Genuesen  namens
Bartolomeo  Pernice,  Perdix  oder  Pernix  aus  den  Alaungruben  von
Rocea x ),  zu  Civita  Vecchia  durch  einen  gewissen  Johann  de  Castro  aus
den  Alaunsiedereien  bei  Konstantinopel *  2  * ),  in  Norditalien  durch  den
Genuesischen  Kaufmann  Antonius  eingeführt  worden  sei,  und  daß
diese  Männer  durch  zufällige  alaunhaltige  Vulkanauswürflinge 4 )  oder
durch  die  in  den  Konstantinopler  Alaungruben  vorkommende  Pflanze
Ilex  aquifolmm  oder  durch  den  styptischen  Geschmack  des  Gesteins  auf
den  Alaungehalt 5 )  aufmerksam  geworden  seien.
Den  durch  die  Entdeckung  der  Alaungruben  von  Civita  Vecchia
den  Päpsten  zugefallenen  wirtschaftlichen  Vorteil  nicht  mit  Hilfe  der
ganzen  in  ihren  Händen  ruhenden  kirchlichen  und  politischen  Macht
auszubeuten,  wäre  ein  ebenso  unhistorisches  wie  unökonomisches  Vorgehen ­
  gewesen.  Der  Papst  ist  die  große  Sonne  des  Mittelalters,  um
welche  alle  Weltgeschehnisse  kreisen,  um  welche  sich  das  ganze  wirtschaftliche ­
  und  politische  Leben  dreht,  und  von  welcher  es  Licht  und  Leben
empfängt.  Unter  dem  Zauber  dieser  Ideenwelt,  umschlossen  von  der
Gemeinsamkeit  der  Kultur  und  der  Interessen  und  in  der  noch  lebhaften
Erinnerung  an  die  erlittenen  Schläge  durch  den  Islam  schließen  sich
die  christlich  europäischen  Staaten  zu  einem  für  Importe  unchristlicher
Herkunft  ziemlich  unzugänglichen  geschlossenen  Wirtschastskreise  zusammen.
Auf  unsere  Verhältnisse  angewandt  heißt  das,  daß  die  kleinasiatischen
Alaungruben  von  nun  an  für  das  Abendland  nicht  mehr  in  Betracht
kommen  durften,  so  daß  sie  tatsächlich  in  der  Folge  stark  zurückgingen.
Aber  nicht  nur  auf  die  außerhalb  dieses  Wirtschaftskreises  liegenden
Alaunwerke  sollte  sich  der  Boykott  erstrecken,  sondern  auch  innerhalb
der  christlichen  Kulturgemeinschaft  mußten  Erlasse,  unterstützt  durch
Kirchenbann  unter  den  Päpsten  Pius  II.,  Julius  II.,  Paulus  II.,
Paulus  IV.,  Gregorius  XIII.,  bei  der  Durchführung  des  päpstlichen
')  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  102,  119;  Heyd  1879,  Bd  II,  S.  554;  Kapp
1843,  Bd.  IV,  S.  56  ff.
2 )  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  122;  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  556.
8 )  Beckmann  1784,  S.  132;  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  556;  Bnsch  1795.
4 )  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  119.  6 )  Beckmann  1784,  Bd-  II,  S.  123  sf
        <pb n="101" />
        —  61

Alaunmonopols  eine  energische  Mitwirkung  üben.  So  kam  es,  daß  die
Alaungruben  zu  Volterra  und  andere  kleine  Alaunsiedereien,  welche  um
die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  massenhaft  entstanden  waren,  eingingen
und  verschwanden,  während  der  Alaun  von  Civita  Vecchia  souverän
und  konkurrenzlos  das  weite  Feld  behauptete.  Die  Alaunpreise  stiegen
und  stiegen  und  wurden  schließlich  unter  dem  Schutze  dieses  Monopols
so  stark  in  die  Höhe  geschraubt,  daß  der  Alaunbezug  aus  Spanien  oder
sogar  aus  Kleinasien  trotz  der  damaligen  hohen  Frachtspesen  billiger
war  als  der  Alaun  aus  dem  Kirchenstaate.
So  wurde  Philipp  der  Schöne  von  Österreich  1504  mit  der  Strafe
der  Exkommunikation  bedroht,  als  er  Alaun  aus  Kleinasien  bezog;  im
allgemeinen  aber  waren  solche  Fälle  verhältnismäßig  selten,  in  welchen
türkischer  Alaun  gegen  den  Alaun  aus  dem  Kirchenstaate,  welch  letzterer
allgemein  nur  noch  der  „römische"  genannt,  und  unter  diesem  Namen
ob  seiner  vorzüglichen  Qualität  hoch  geschätzt  wurde,  auf  den  Plan  trat;
denn  die  europäischen  Völker,  welche  sich  während  der  Kreuzzüge  Jahrhunderte ­
  laug  merkwürdig  offen  nach  außen  hin  gezeigt  hatten,  waren
nach  einem  Prozeß  der  Selbsteinkehr  und  der  Konsolidation  zu  immer
geschlosseneren  Formen  des  Wirtschaftssystems  übergegangen,  und  so
drückende  Mouopolausbeutungen  wie  die  von  seiten  der  Päpste  durch
den  Alaun  mußten  bei  den  herrschenden  wirtschaftlichen  Anschauungen
und  der  damaligen  Lage  der  Verkehrswirtschast  nicht,  wie  dies  heute
der  Fall  wäre,  immer  neues  Angebot  aus  immer  größeren  Fernen
herbeilocken,  sondern  sie  mußten  Bestrebungen  zur  wirtschaftlichen  Selbsthilfe ­
  innerhalb  jener  geschlossenen  Kreise  erzeugen  und  fördern.
So  entstanden  im  Laufe  des  16.  Jahrhunderts  eine  ganze  Reihe
von  Alaunwerken  außerhalb  Italiens,  so  in  Böhmens,  in  Spanien,
in  England,  Schweden *  2 ),  später  auch  in  Jütland,  in  Schonen,  in  Österreich, ­
  in  Toskana,  auf  Sizilien  u.  a. 3 ),  wobei  man  nicht  selten  heimlich
päpstliche  Alaunmeister  und  Arbeiter  zur  Einführung  dieser  neuen
Fabrikation  kommen  ließ 4 ).  So  hatte  die  päpstliche  Alaunpolitik  gerade
das  Gegenteil  der  Absicht  erreicht  und  wesentlich  zur  Verbreitung  der
Alaunfabrikation  in  Europa  beigetragen.
Auch  in  Deutschland  waren  natürlich  die  gleichen  Bestrebungen
wie  im  übrigen  Europa  wach  geworden.  Schon  Basilius  Valentinus
sprach  von  Alaunwassern,  welche  sich  an  mehreren  Orten  Deutschlands
finden 5 ),  eines  der  ersten  deutschen  Alaunwerke  wurde  1554  zu  Ober-0
  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  20—21;  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  140.
-)  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  140,  143,  144;  Kopp  1843,  Bd.  IV,  S.  56  ff.
-)  Krünitz  1782,  Bd.  I,  S.  475—476.
4 )  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  21;  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  140  ff.
°)  Kopp  1843,  Bd.  IV,  S.  56  ff.
        <pb n="102" />
        62

kaufungen  in  Hessen  angelegt x ),  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  werden
schon  eine  ganze  Anzahl  deutscher  Alaungruben  genannt,  so  in  Hessen,
bei  Torgau,  Reichenbach  im  Vogtlande,  im  Brandenburgischen  bei  Freienwalde, ­
  in  der  Lausitz  bei  Muskau,  an  den  Olmützschen  Grenzen  u.  a. 2 ),
und  nach  Schlözers  Staatsanzeiger  3  *  *  6 )  erscheinen  im  Handel  von  Stettin  für
die  Jahre  1783  1784  1785
Alaunexporte  von  315  542  575  Tonnen:
Deutschland  hatte  begonnen,  Alaun  zu  exportieren.  Ob  das  Eingreifen ­
  des  Staates  eine  wesentliche  Mitwirkung  an  dieser  Steigerung
der  Alaunproduktion  geübt  hatte,  welche  jetzt  nicht  nur  den  inländischen
Bedarf  befriedigte,  sondern  auch  noch  nach  auswärts  lieferte,  entzieht
sich  unserer  Kenntnis;  denn  selbst,  wenn  Jung  1794  *)  de  lege  ferenda
auf  die  Durchsuchung  des  Bodens  nach  Alaunvorkommen,  auf  die  zweckmäßige ­
  Einrichtung  der  Alaunsiedereien  und  auf  möglichste  Reinheit
des  Produktes  hinweist,  haben  wir  das  wohl  mehr  als  Ausfluß  seines
kameralistisch-theoretischen  Systems  als  eine  wirkliche  Strömung  der
gesetzgeberischen  Ideen  zu  betrachten.  Der  Alaunhandel  Europas  nahm
um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  immer  mehr  einen  internationalen
Charakter  an,  um  so  mehr,  als  durch  die  kriegerischen  Vorgänge  und
die  wirtschaftlichen  Ideen  jener  Zeit  die  engen  merkantilistischen  Schranken
fielen,  und  der  neue  freiere  Geist  des  19.  Jahrhunderts  wie  ein  frischer
Wind  aus  der  nahen  Zukunft  wehte.  So  tritt  z.  B.  auf  dem  Nürnberger ­
  Markt  um  diese  Zeit  Lütticher  Alaun  °)  in  großen  Mengen  auf,
letzterer  wahrscheinlich  nicht  belgischer  Provenienz,  sondern  Lütticher
Handelsartikel  und  vielleicht  englischer  Herkunft.  Freilich  haben  wir
diesen  Lütticher  Alaun  in  Nürnberg  auch  aufzufassen  als  einen  speziellen
Ausdruck  des  allgemeinen  Überflutens  der  deutschen  Lande  mit  ausländischen ­
  Erzeugnissen.  Vorübergehend  schloß  die  Kontinentalsperre
noch  die  Konkurrenz  fremden  Alauns  aus  °),  aber  dann  begann  englischer ­
  und  schwedischer  Alaun  7 )  den  deutschen  Markt  zu  beherrschen,
die  deutsche  Alaunfabrikation  ging  zurück,  sie  lohnte  unter  dem  Druck
der  internationalen  Konkurrenz  nicht  mehr  so  wie  in  früheren  Jahren,
zahlreiche  Alaunwerke  gingen  ein,  und  Dieterici  macht  1838  in  seiner
Statistischen  Übersicht  über  die  wichtigsten  Gegenstände  Preußens  und
des  deutschen  Zollvereins  außer  Preußen  eigentlich  nur  noch  Schlesien  8 )
und  die  Provinz  Sachsens  sowie  Thüringen")  als  Alaunfabrikanten
namhaft.  Dieser  Zustand  mag  es  erklärlich  machen,  warum  der  Zolly
  Busch  1795;  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  140.
2 )  Krünitz  1782,  Bd.  I,  S.  475—476.  3 )  Schlözer  1785,  Bd.  VIII,  S.  442.
Jung  1794,  S.  24.  »)  Roth  1800,  Bd.  II,  S.  155,  284.
6 )  Gültch  1830,  Bd.  IV,  S.  544.  h  Ebenda.  8 )  Dieterici  1838,  S.  17.
»)  Dieterici  1838,  S.  20.  10 )  Dieterici  1838,  S.  70.
        <pb n="103" />
        63

verein  vom  Momente  seiner  Gründung  an  auf  Alaun  einen  Abgabesatz ­
  von  1  Taler  10  Silbergroschen  beim  Eingang  in  das  Zollgebiet
legte;  denn  man  muß  sagen,  daß  seine  Zollsätze  von  1834  im  allgemeinen ­
  auf  dem  Standpunkt  der  Jndustriebegünstigung  stehen;  Rohstoffe ­
  sind  steuerfrei,  so  auch  Holzborke  oder  Gerberlohe;  daß  der  Alaun,
welcher  für  alle  Jndustrieen  mit  Ausnahme  der  Alaunsiedereien  ebenfalls
die  Bedeutung  eines  Rohmaterials  hat,  nicht  zollfrei  eingeführt  werden
darf,  beweist,  daß  wir  den  Satz  von  1  Taler  10  Silbergroschen  als
einen  Erziehungszoll  aufzufassen  haben.  Exakte  Daten  über  den  auswärtigen ­
  Handel  der  deutschen  Staaten  liegen  zum  erstenmal  aus  dem
Jahre  1834  vor,  es  beträgt  im  ganzen  Zollverein
1834
Alauneinfuhr  643  preußische  Zentner
Alaunausfuhr  2384  „  „
und  wenn  uns  diese  Zahlen  auch  nichts  aussagen  über  die  Wirkung  des
Zolles  von  1834,  da  frühere  Daten  fehlen,  so  zeigen  sie  uns  doch,  daß
der  Alaunexport  den  Import  bei  weitem  überwiegt.  Die  Wirkung  der
ganzen  Jndustriebegünstigungsära  auf  den  Alaun  ab  1834,  deren  einzelne
staatliche  und  gesetzgeberische  Maßnahmen  hier  nicht  angeführt  werden
sollen,  also  unter  anderem  auch  die  Wirkung  jenes  Erziehungszolles,
mag  folgende  Zahlenreihe  zeigen:
Alaunexport  und  Alaunimport  im  Deutschen  Zollvereins.

in  Preußischen  Zentnern

Einfuhr

Ausfuhr

Mehrausfuhr  (+)
Mehreinfuhr  (—)

1834

634

2384

+  1741

1835

812

1442

+  680

1836

2451

981

—  1470

1837

2767

983

—  1784

1838

5713

2768

—  2945

1839

4079

4144

+  65

1840

3875

3410

—  465

1841

2391

3579

+  1288

1842

4374

2392

—  2082

1843

7736

1186

—  6540

1847

2450

1730

—  1720

1852

4690

2689

—  1901

1853

3200

842

—  2358

Wir  sehen  daraus,  daß  sich  die  deutsche  Alaunindustrie  1834  im
schweren  Konkurrenzkämpfe  mit  den  Alaunimporten  befindet,  und  daß
trotz  des  Zolles  der  Alaunexport  zunächst  noch  sinkt,  dann  aber,  von
starken  Schwankungen  abgesehen,  eine  steigende  Tendenz  zu  besitzen

0  Dieter!«  1848,  Tarif  pro  1834—36.
        <pb n="104" />
        64

scheint.  Ganz  anders  die  Alauneinfuhr.  Sie  hat  eigentlich  fortwährend
steigende  Tendenz,  und  nur  die  große  Ausfuhr  von  1839  drückt  vorübergehend ­
  für  die  folgenden  Jahre  die  Einfuhr  herab.  Die  ganze  Alaunhandelsbilanz ­
  aber  muß  von  1835  ab  eine  negative  genannt  werden.
Da  Zahlen  für  die  ganze  Zollvereinsproduktion  an  Alaun  oder  für
den  inländischen  Verbrauch  fehlen,  ergeben  obige  Zahlen  kein  Bild  von
den  inländischen  Vorgängen;  sie  zeigen  vielmehr  nur  die  konkurrierende
Tätigkeit  des  deutschen  Alauns  auf  dem  Weltmarkt,  sie  zeigen  also,  daß
nicht  nur  die  deutsche  Alaunindustrie  den  inländischen  Bedarf  in  diesen
Jahren  nicht  befriedigt  hat,  sondern,  daß  fremder  Alaun  auch  noch  die
Zollschranken  zum  Schaden  der  inländischen  Industrie  durchbrechen
konnte.  Die  stets  steigende  Einfuhr  orientiert  uns  über  einen  ziemlich
schnell  steigenden  Bedarf  der  inländischen  Industrie,  welche  dies  auch
sei,  an  Alaun,  und  sie  drängt  uns  die  Frage  auf,  welches  denn  eigentlich ­
  die  im  Lande  vorgehenden,  aus  den  Zahlen  nicht  ersichtlichen
Gründe  sind,  daß  die  inländische  Alaunproduktion  dieser  steigenden
Nachfrage  nicht  gehorcht.  Obige  Zahlen  zeigen  mit  einer  durch  nichts
getrübten  Klarheit  eine  Krise  in  den  inneren  Verhältnissen  der  Alaunproduktion ­
  an;  wir  lesen  in  den  rapiden  Schwankungen  dieser  Kurve
mit  unzweifelhafter  Deutlichkeit  die  verschiedenen  Phasen  eines  Kampfes,
den  wir  auf  innere  Vorgänge  zurückführen  müssen,  wir  sehen,  wie  1836
die  Bilanz  von  -j-  630  plötzlich  nach  —1470  sich  verlegt,  wir  sehen
1838,  1839  das  Ergebnis  einer  inneren  Manipulation,  und  wir  sehen,
daß  1843  eine  Krise  erfolgt  sein  muß,  nach  welcher  sich  die  aufgeregten
Zahlenreihen  der  vorhergehenden  Jahre  wieder  etwas  beruhigen.  Wir
wollen  nach  dem  Wortlaute  dieser  Zahlenbewegungen  suchen,  wir  wollen
versuchen,  diese  wirtschaftliche  Zahlensprache  zu  verstehen.
Wir  haben  gehört,  daß  schon  seit  1800  der  deutsche  Alaun  unter
der  englischen  und  schwedischen  Konkurrenz  einen  schweren  Stand  hatte,
daß  nur  die  Kontinentalsperre  vorübergehende  Erleichterung  brachte,  daß
aber  dann  unter  dem  weiteren  ausländischen  Konkurrenzdruck  zahlreiche
Alaunsiedereien  in  Deutschland  eingingen,  und  das,  weil  im  Auslande
dieser  Artikel  wohlfeiler  als  in  Deutschland  hergestellt  werden  konnte  *).
Durch  die  Weltereignisse  der  letzten  50  Jahre  waren  eine  ganze  Anzahl
Alaun-verbrauchender  Jndustrieeu  entstanden,  so  vor  allen  Dingen  die
Baumwollenindustrie,  und  auch  die  groß  gewordene  Wollindustrie  hatte
in  ihren  Färbereien  und  Tuchdruckereien,  dann  auch  die  Weißgerberei
und  die  Glacegerberei  eine  stets  steigende  Nachfrage  nach  Alaun  zu  verzeichnen. ­
  Dem  paßte  sich  natürlich  die  inländische  Alaunproduktion  so
gut  als  möglich  an.  Es  wurde  z.  B.  erzeugt

»)  Gülich  1880,  Bd.  IV,  S.  544.
        <pb n="105" />
        65

im  ganzen  rheinischen  Oberbergamtsgebiet  Bonn

Alaun'):

1830

16195  Zentner

1831

19405

1832

21557

Aber  die  Arbeitslöhne,  die  Preise  der  Nebenmaterialien  und  der
Brennstoffe  waren  gestiegen,  während  der  ausländische  Alaun  fortwährend ­
  die  Preise  drückte.  So  erzielte  z.  B.  das  Freienwalder  Alaunwerk
für  den  Zentner  Alaun
1820  7  Taler
1825  5  „
1833  4  „
also  ein  Sinken  der  Preise  um  43%.  Der  Schutzzoll  von  1  Taler
10  Silbergroschen  pro  Zentner  erscheint  uns  nunmehr  bei  einem  Alaunpreis
  von  4  Talern  fast  schon  prohibitiv.  Im  Zollverein  überwog  die
Alaunproduktion  Preußens  die  der  anderen  Zollvereinsstaaten  beträchtlich, ­
  und  in  Preußen  selbst  haben  wir  in  dieser  Zeit  2  Alaunzentren,
eines  im  Westen,  nämlich  in  den  Rheinlanden  und  Westfalen  mit  etwa
20000  Zentner,  und  eines  im  Osten  mit  etwa  14000  Zentner  jährlicher ­
  Produktion.
Unter  dem  ungeheuren  Preisdruck  namentlich  durch  die  englische
Konkurrenz  sahen  die  westlichen  Werke  eine  Abhilfe  in  der  Not  in  einem
engeren  Zusammenschluß  zum  Zwecke  gemeinschaftlichen  Alaunverkaufes;
allein  aus  heute  unbekannten  Gründen  mißlang  die  Einigung  der  etwa
10  Alaunproduzenten,  und  zur  Verringerung  der  Selbstkosten  vergrößerten ­
  sie  noch  ihre  Produktion  und  bemühten  sich  um  Vergrößerung
des  Absatzes  besonders  nach  Süddeutschland.
Das  Alaunzentrum  im  Osten,  bestehend  aus  zwei  staatlichen  Werken
zu  Freienwalde  und  Schwemsal,  und  aus  zwei  Privatwerken  zu  Gleißen
und  Muskau  war  durch  die  hohen  Kosten  des  Landtransportes  gegen
die  Konkurrenz  der  westlichen  Werke  und  durch  den  hohen  Eingangszoll
gegen  die  Konkurrenz  vom  Auslande  geschützt.  Die  geringe  Zahl  der
Produzenten,  zwei  davon  staatlich,  und  die  für  Zusammenschluß  außerordentlich ­
  geeignete  merkantile  Natur  des  Alauns,  der  Preisdruck  von
außen  und  die  Konkurrenz  von  innen  führte  dazu,  daß  hier  eines  der
ersten  deutschen  Kartelle  entstand,  nämlich  das  „Alaun-Debits-Komptoir
des  Königlichen  Seehandlungsinstituts"  ab  1.  Mai  1836,  und  zwar,  wie
schon  der  Name  besagt,  ein  Kartell  gleich  in  einer  der  höchsten  und  festest»
gefügten  Formen,  indem  nämlich  ein  einziges  Handlungshaus,  die  Kgl.
Seehandlung  zu  Berlin,  die  gesamte  Produktion  der  kartellierten  Werke
0  Zu  dem  folgenden  vgl.  I.  f.  G.  u.  V.  1905,  S.  593—646.
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.  ^
        <pb n="106" />
        66

vertrieb.  Die  Alaunwerke  des  Kirchenstaates  hatten  sich  inzwischen  ebenfalls ­
  geeinigt  und  den  Preis  ihres  Produktes  um  zwei  Drittel  gesteigert, ­
  infolge  wovon  sich  die  russischen  Alaunhändler,  welche  bisher
die  italienische  Provenienz  bevorzugt  hatten,  an  die  schwedischen  Werke
wandten;  infolge  der  hier  gestiegenen  Nachfrage  hob  sich  auch  der  Preis
des  schwedischen  Alauns,  und  diese  Lage  benutzten  die  deutschen  Alaunwerke ­
  zu  einer  Preiserhöhung  ihres  Produktes.  Dadurch  ergab  sich
ein  anderes  Bild  im  Konkurrenzkämpfe  des  deutschen  mit  dem  ausländischen ­
  Alaun,  und  wir  sehen  das  in  den  obigen  Zahlen  der  Jahre
1838—1839  zum  Ausdruck  kommen.  Eine  abermalige  Preiserhöhung
infolge  der  gestiegenen  Hilfsstoffe  bewirkte  ein  Abflauen  in  der  Nachfrage ­
  nach  inländischem  Alaun,  und  dazu  traten  nun  ganz  unerwartet
eine  Reihe  neuer  Konkurrenten  auf.  Der  bekannte  Johann  David  Stark
sah  sich  infolge  einer  von  Wien  ausgehenden  Handelskrisis  veranlaßt
aus  seinem  böhmischen  Alaunwerk  zu  Altsattel  beträchtliche  Mengen
Alaun  billig  nach  Deutschland  abzuschieben.  Seit  1837  war  in  Neuglück ­
  bei  Bornstedt  ein  neues  Alaunwerk  entstanden,  die  rheinischen
Alaunhütten  hatten  durch  Vergrößerung  ihrer  Betriebe  so  niedrige-Alaunpreise
  erzielt,  daß  ihr  Alaun  die  Kosten  eines  Seetransportes
nach  Stettin  vertrug,  um  von  hier  aus  in  Berlin  dem  östlichen  Alaun
Konkurrenz  zu  machen.  Dazu  kam  dann  aber  noch  der  ausländische
Alaun  und  der  künstliche  Alaun,  welch  letzterer  nunmehr,  basierend
auf  niedrigen  Schwefelsäurepreisen,  noch  billiger  war  als  der  billigste
natürliche  Alaun.  Vor  allen  Dingen  trat  hauptsächlich  seit  1842  die
schwefelsaure  Tonerde  als  Konkurrentin  gegen  den  Alaun  überhaupt
auf  den  Plan.  Sie  war  um  50  °/ 0  gehaltreicher  an  wirksamer  Substanz
als  der  Alaun,  sie  lieferte  infolgedessen  noch  50  %  Frachtersparnis
und  ihr  Herstellungspreis  ging  noch  bedeutend  unter  den  des  künstlichen
Alauns  herunter.  Wir  sehen  in  obiger  Zahlenreihe  das  Jahr  1842
und  das  folgende  deutlich  sich  als  Krise  charakterisieren.  Es  hatte  bie
schwefelsaure  Tonerde  dem  Alaun  gleich  bei  ihrem  ersten  Auftreten
einen  so  schweren  Schlag  versetzt,  daß  sich  der  Alaun  davon  nicht  wieder
erholt  hat.  Dazu  unterließ  das  Kartell  noch  1842  eine  angemessene
Reduzierung  der  Preise,  und  als  diese  Ende  1842  erfolgte,  war  der
Kampf  bereits  entschieden.  Unter  den  vier  Alaunwerken  ergaben  sich
schon  immer  Schwierigkeiten  wegen  der  Transportkosten,  die  Preise
waren  bis  zur  Unerträglichkeit  gesunken,  und  so  löste  sich,  nachdem  1843
der  Alaunverkauf  des  Alaun-Debit-Komptoirs  fast  ganz  ins  Stocken,
geraten  war,  dieses  interessante  Kartell  am  1.  Juli  1844  auf.  Freienwalde ­
  hatte  seit  1843  mit  Unterbilanz  gearbeitet,  es  stellte  1849  seinen
Betrieb  ein,  Schwemsal  wurde  1852  verkauft,  Gleißen  geriet  1854  in
Konkurs  und  Muskau  ging  anfangs  der  60  er  Jahre  wegen  dauernder
        <pb n="107" />
        67

Ertragslosigkeit  ein.  Im  westlichen  Teil  Preußens  war  schon  1840
das  Alaunwerk  Duttweiler  erlegen,  1875  erlag  die  Alaunhütte  Kreuzkirche, ­
  das  Alannwerk  Frießdorf  stellte  1883  den  Weiterbetrieb  wegen
zu  hoher  Selbstkosten  als  unmöglich  ein.  Die  großen  Bleibtreu'schen
Werke  wurden  1853  zunächst  in  eine  Aktiengesellschaft  umgewandelt
und  ein  benachbartes  Alaunwerk  einbezogen.  1856  wurde  eine  Portlandzementfabrik ­
  errichtet,  der  gegenüber  das  Alaunwerk  immer  mehr  an
Bedeutung  verlor,  so  daß  1876  die  gänzliche  Einstellung  der  Alaungewinnung
  auf  der  Hardt  erfolgte.
Um  hier  nochmals  auf  obige  Zahlenreihe  zurückzukommen,  so  sehen
wir,  daß,  so  klein  auch  ihre  absoluten  Beträge  im  Vergleich  mit  der
inländischen  Produktion  sind  (die  Gesamtalaunerzeugung  der  preußischen
Monarchie  läßt  sich  für  1835  taxieren  auf  34000  Zentner),  daß  diese
Zahlen  wie  das  Zünglein  an  der  Wage  sehr  genau  über  die  inneren
Vorgänge  orientieren.
Seit  den  40  er  Jahren  ist  der  Alaun  in  die  letzte  Phase  seiner
Existenz  eingetreten.  Nur  dem  Umstande,  daß  sich  das  Tonerdesulfat
nicht  so  rein  erzeugen  läßt  als  der  Alaun  Z  ist  es  zu  verdanken,  daß
eine  völlige  Verdrängung  noch  nicht  erfolgt  ist.
Getreu  seiner  jahrhunderte  langen  Geschichte  hat  der  Alaun  in
der  Folge  noch  einmal  zu  Monopolisierung  durch  Kartell  Anlaß  gegeben. ­
  So  entstand  1883,  von  hier  ab  allerdings  für  Alaun  und
schwefelsaure  Tonerde 2 ),  eine  Konvention  infolge  der  Überproduktion,  und
zwar  in  der  Form  eines  Reduktionskartelles.  Seit  1883  waren  dann
die  Alaunfabrikanten  nach  dem  Grundsätze  der  Rayonnierungskartelle
in  eine  südwestliche  und  eine  nordöstliche  Gruppe  koaliert^),  aber  auch
diese  Vereinigungen  haben  der  sich  immer  weiter  ausbreitenden  chemischen
Industrie  auf  die  Dauer  nicht  stand  halten  könuen.  Deutschland  hat
jedenfalls  in  diesem  Kampfe  um  den  Alaun  und  seine  Surrogate  durch
die  Einführung  der  schwefelsauren  Tonerde  den  Sieg  davon  getragen.
Es  beträgt  z.  B.
1904
Alaune  und  Aluminiumsulfat
Einfuhr  Ausfuhr
in  1000  Mark 4 )
13  2526
und  kurz  rekapitulierend  sehen  wir,  wie  der  Alaun,  welcher  ursprünglich
wahrscheinlich  in  der  Form  von  Aluminiumsulfat  nur  eine  verhältnismäßig

1)  Ost  1903,  S.  170  f.  2 )  Grobmann  1891,  S.  252.  3 )  Ebenda.
4 )  Wirtschaftslunde  1904,  Bd.  III,  S.  507.

5*
        <pb n="108" />
        68

unbedeutende  Rolle  gespielt  hat,  durch  den  Aufschwung  und  die  Ausbreitung
der  sich  des  Alauns  bedienenden  Jndustrieen  an  Bedeutung  gewann,
wie  er  sogar  eine  Zeit  lang  die  Weltgeschichte  mit  beeinflußte,  wir
sehen,  welch  energische  Weltereignisse  ihn  zur  Wanderung  nach  dem
Abendlande  zwangen,  wie  er  von  hier  unter  dem  Einfluß  der  päpstlichen
Politik  über  Europa  sich  ausbreitete,  bis  endlich  die  Jndustrieen,  an
welchen  er  sich  angeklammert  hatte,  und  durch  deren  Wachsen  er  selbst
groß  geworden  war,  sich  von  dieser  Umarmung  befreiten  und  durch
Einführung  eines  zweckmäßigeren  Produktes,  nämlich  wieder  des  Aluminiumsulfates, ­
  ihn  seine  große  und  lange  Rolle  zu  Ende  spielen  ließen.
Ein  kurzer  Überblick  noch  über  die  Alaunpreise  im  Laufe  der
Entwicklung  stellt  uns  alle  durchlaufenen  Phasen  klar  vor  Augen.  Es
kostete:

im  Jahre  1298  1  Zentner  Alaun
1421  1  Stein
1551
1552
17.  Jahrh.  1  Pfund

1782

1  Zentner

1795

1

ft

1802

1

1815

1

1820

1

1825

1

1833

1

1834

1

1836

1

1839

1

„

1842

1

„

Alsulf.

1855

1

„

Alaun

1879

1

„

1905

1

„

1

„

Alfulf.

200  Lire [ )
1  Mark  2)
10  fl?)
40  fl.
10  folg  *)
5  Vs  Rtlr?)
10—12  fl.
20—22  fl?)
9  fl?)
7  Solei 7  8  *  *  *  * )
5  Taler")
4  Taler")
3  7a  Taler
5  Taler  20  Sgr.")
4—6  Taler 13 )
27.2—2  Taler  Herstellungspreis  ")
7,9  Mark")
7,4  Mark")
8,25  Mark")
5,75  Mark.

7  Heyd  1879,  Bd.  I.  S.  508.
2 )  Hirsch  1855,  S.  243.  3 )  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  21.
4 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  81.
6 )  Krünitz  1782,  Bd.  I.  S.  480.
8 )  Schanz  1884,  S.  107.
')  V.  Journal  1815,  Bd.  II,  S.  175  ff.
8 )  I.  s.  G.  u.  B.  1905,  S.  593.  ")  Ebenda.  ")  Ebenda.
")  I.  f.  G.  n.  V.  1905,  S.  601.
")  I.  f.  G.  u.  V.  1905,  S.  620.
")  I.  f.  G.  u.  V.  1905,  S.  630.
")  van  der  Borght  1888,  S.  238.
")  Ebenda.  ")  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  29.
        <pb n="109" />
        69

Die  Bewegungen  in  der  Kaufkraft  des  Geldes  können  wir  hier  ziemlich
unberücksichtigt  lassen,  weil  wir  im  Alaun  auf  Grund  seiner  Geschichte
und  auf  Grund  seiner  Verwendung  einen  Artikel  vor  uns  haben,
welcher  bis  ins  16.  Jahrhundert  Schwankungen  in  der  Kaufkraft  des
Geldes  bei  der  Preisbildung  viel  weniger  unterliegt  als  Einflüssen  aus
monopolistischer  Tendenz,  und  weil  besonders  im  19.  Jahrhundert  die
Preisschwankungen  des  Alauns  viel  stärker  sind  als  Wertveränderungen
der  Edelmetalle.  Unter  Berücksichtigung  jener  Kaufkraftschwankungen
würden  aber  die  Differenzen  noch  größer  werden.
Wir  sehen  vom  13.  bis  15.  Jahrhundert  für  den  Alaun  einen
typischen  Monopolpreis,  wie  er  eben  nur  entstehen  kann,  wenn  ein
einziger  Produzent  konkurrenzlos  das  ganze  weite  Feld  des  Absatzes
beherrscht.  1552  steigt  der  Alaun  von  10  st.  auf  40  fl.,  also  auf  das
vierfache.  Es  ist  das  wahrscheinlich  eines  der  letzten  Preisdiktate  des
päpstlichen  Monopols.  Wir  haben  die  Antwort  auf  diese  Steigerung
bereits  gehört.  1554  wurde  wahrscheinlich  das  erste  deutsche  Alaunwerk ­
  begründet,  dem  dann  andere  im  Auslande  folgten.  In  den
Rechnungen  der  Erlanger  Weißgerber  um  die  Wende  des  17.  Jahrhunderts ­
  wird  merkwürdigerweise  der  Alaun  nicht  genannt,  ebensowenig
freilich  wie  die  übrigen  Gerbe-  und  Beizsubstanzen  mit  Ausnahme  von
Mehl  und  Eiern.  Aus  dem  17.  bis  18.  Jahrhundert  liegen  dann
wieder  Zahlen  vor,  und  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  sehen
wir  offenbar  neben  der  Wirkung  des  Sperrzollsystems  auch  noch  die
Wirkung  der  Kontinentalsperre:  Der  Alaunpreis  steigt  um  das  Doppelte.
Wir  haben  gehört,  daß  dies  ein  letztes  Atemholen  der  deutschen  Alaunindustrie ­
  ermöglichte:  Eine  Art  Monopol  der  kontinentalen  Alaunindustrie ­
  mit  Ausschluß  der  englischen  Konkurrenz.  1815  sinkt  der
Preis  bereits  auf  9  Gulden,  1834  3%  Taler;  dieser  ungeheure  Tiefstand ­
  zwingt  zur  Kartellierung,  die  im  Rheinland  versucht  wird,  in
Deutschland  und  Italien  eintritt;  1842  tritt  das  Aluminiumsulfat  auf
den  Plan  mit  einem  Selbstkostenpreis  von  2  Talern.  In  der  Folge
ist  dann  der  Alaunpreis  wieder  etwas  gestiegen,  weil  sehr  viele  Fabriken
eingegangen  waren,  und  weil  infolgedessen  trotz  der  gesunkenen  Nachfrage ­
  diese  doch  für  das  stark  gesunkene  Angebot  noch  groß  genug  war.
1905  kostete  der  Zentner  Aluminiumsulfat,  welches  noch  dazu  im
Transport  und  in  der  Verwendung  um  genau  50  °/ 0  wirtschaftlicher  sich
erweist  als  der  Alaun,  um  Mark  oder  um  33°/«  weniger  als  dieser.
Noch  ein  Punkt  sei  hier  berührt,  nämlich  der  Einfluß  der  distributiven ­
  Gewerbe  auf  die  Preisbildung.  Es  liegt  hierfür  eine  Untersuchung ­
  vor  von  van  der  Borght  für  die  Jahre  1855—1879  Z:

0  van  der  Borght  1888,  S.  238.
        <pb n="110" />
        70

Hamburger  Börsenpreis  für  Verkaufspreis  der  Firma  U  in
100  kg  Alaun  Aachen  für  100  kg  Alaun

Jahr

Mk.

Verhältnis  zu
1855

Mk.

Verhältnis  zu
1855

1855

15,78

100,00

32,10

100,00

1856

17,52

111,03

42,80

133,33

1857

23,52

149,05

42,80

133,33

1858

18,24

115,59

40,00

124,61

1859

18,06

114,45

40,00

124,61

1865

17,58

111,41

40,00

124,61

1872

17,96

113,82

40,00

124,61

1879

14,86

93,79

50,00

155,76

Der  Alaun,  welcher  ja  allerdings  im  Kleinhandel  keine  große
Rolle  spielt,  welcher  für  den  Haushalt  fast  nicht  in  Betracht  kommt,
gehört  zu  denjenigen  Artikeln,  welche  nach  obiger  Tabelle  vollkommen
von  den  Großhandelspreisen  abweichen.  Man  sieht,  wie  der  Kleinhandelspreis ­
  stets  steigt,  wenn  die  Großhandelspreise  steigen,  und  daß
der  Kleinhandelspreis  nicht  sinkt,  wenn  der  Hamburger  Börsenpreis
niedriger  wird.  Ja,  die  Preisbewegung  im  Kleinhandel  artet  schließlich
so  weit  aus,  daß  der  Kleinhandelspreis  steigt,  ungeachtet,  der  Großhandelspreis ­
  sinkt.  Das  Ergebnis  dieser  verschiedenen,  voneinander
schließlich  ganz  unabhängigen  Preisbewegungen  und  der  fast  willkürlichen ­
  Preisbildung  des  Kleinhandels  ist,  daß  nach  23  jähriger  Preisbewegung ­
  der  Hamburger  Börsenpreis  1879  niedriger  steht  als  im
Jahre  1855,  und  daß  im  Verlauf  dieser  23  Jahre  der  Großhandelspreis ­
  eine  ganze  Anzahl  von  Schwankungen  auf  und  nieder  durchgemacht ­
  hat.  Ganz  anders  der  Kleinhandelspreis.  Er  steht  am  Ende
dieser  Periode  viel  höher  als  am  Anfang,  und  im  Verlauf  dieser  ganzen
beobachteten  Zeit  ist  er  mit  einer  einzigen  Ausnahme  konstant  gestiegen.
Aber  in  noch  einem  anderen  Punkte  nimmt  der  Alaun  eine  eigentümliche ­
  Stellung  ein.  Man  hält  im  allgemeinen  einen  Händlerverdienst
von  20—30  %  als  hoch  genug.  Vergleichen  wir  die  beiden  obigen  Reihen
von  Alaun,  so  sehen  wir,  daß  der  Kleinhandelspreis  mit  einer  Verteuerung
von  über  200  °/ 0  beginnt,  und  mit  einer  solchen  von  zirka  350^  endet.
Es  sind  das  Zahlenverhältnisse,  welche  den  Begriff  des  wirtschaftlich
zulässigen  Händlerverdienstes  weit  übersteigen,  und  welche  um  so  beklagenswerter ­
  sind,  als  die  durch  solche  exorbitante  Preise  getroffenen
Konsumenten  hauptsächlich  ans  der  Zahl  der  kleinen  Handwerker  sich
rekrutieren.  Wir  dürfen  solche  Momente  bei  der  Beurteilung  der  Lebensfähigkeit ­
  eines  Handwerks  —  und  in  jener  Epoche  fand  ja  hauptsächlich
der  Kampf  statt  —  nicht  außer  acht  lassen.
        <pb n="111" />
        71

§  5.  Vegetabilische  Gerbstoffe.
Eine  zweite  Reihe  von  Gerbstoffen  faßt  man  zusammen  unter  dem
Namen  der  vegetabilischen  Gerbstoffe.  Sie  werden  vegetabilische  genannt,
weil  sie  ausschließlich  in  Pflanzenteilen  vorkommen,  so  in  der  Rinde,
in  den  Blättern,  in  Früchten,  im  Zellsafte,  eingelagert  in  die  Zellmembranen, ­
  in  Auswüchsen  als  sog.  pathologische  Gerbstoffe,  bei  vielen
Bäumen  auch  im  Holzkörper.  Ihre  Bildungsbedingungen  sind  unbekannt ­
  ;  es  ist  für  uns  wichtig  zu  konstatieren,  daß  die  reine  Gerbsäure
«inen  nur  sehr  schwachen  Geschmack  besitzt  und  nicht  färbt;  aber  fast
stets  werden  die  Gerbstoffe  von  Bitterstoffen  und  dann  noch  von  meist
bräunlichen,  gelblichen  oder  rötlichen  Farbstoffen  begleitet.
Die  Kenntnis  dieser  Gerbstoffe  ist  sehr  alt,  schon  im  Altertum
kannte  man  die  Rinde  der  Kiefer,  der  Erle,  des  Granatapfelbaumes,
auch  Galläpfel  Z  und  Eicheln 2 ).  Es  ist  wichtig,  daß  die  Alten  schon
den  Sumach  als  Gerbstoff  gekannt  haben  3 ),  er  wird  unter  dem  Namen
fiovg  schon  von  Solon  am  Anfang  des  6.  Jahrhunderts  erwähnt,  seine
Beeren  bildeten  ein  Gewürz,  und  seine  Blätter  dienten  zum  Gerben^).
Es  ist  besonders  das  sumachgare  Leder  durch  helle  Farben  ausgezeichnet,
weil  die  Blätter  nur  wenig  Farbstoffe  enthalten;  deshalb  hat  Sumach
in  der  Folge  auch  immer  Verwendung  zu  feineren  Ledersorten  gefunden;
die  Araber  haben  die  Sumachgerbung  schon  vorgefunden  und  sie  wahrscheinlich ­
  in  die  von  ihnen  eroberten  Länder  verpflanzt  °).  Danach
bedarf  die  Bemerkung  Karmarschs,  wonach  der  Sumach  erst  in  der
zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  in  Gebrauch  gekommen  fei 6 ),  der
Berichtigung.
Im  alten  Ägypten  bediente  man  sich  unter  anderem  wahrscheinlich
der  Frucht  von  Mimosenarten  7 ),  vielleicht  der  Mimosa  nilotica  L. 8 ),
worauf  Theophrast 8 )  hinweist;  auch  Akanthus")  soll  nach  Strabo  in
Ägypten  benützt  worden  sein.
Auch  sonst  ist  die  Bekanntschaft  mit  dieser  Art  Gerbstoffen  alt,  so
kannten  die  Chinesen  die  Galläpfel"),  in  Indien  gerbte  man  mit  Baumrinden ­
  12 )  und  in  Ungarn  mit  Erlenrinde  13 ).  Zur  Herstellung  von
Juchten  bediente  man  sich,  soweit  unser  Wissen  znrückreicht,  hauptsächlich
ff  Vgl.  Plin.  hist.  nat.  16,  6;  Beckmann  1794,  Bd.  I,  S.  367,  372ff.,  379ff.
°)  Bliimner  1875,  Bd.  I,  S.  261.
s)  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  18,  4.  Beilage.
*)  Hehn  1911,  S.  428.  ff  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  18,  4.  Beilage.
«)  Karmarsch  1872,  S.  581.  ff  Heinzerling  1882,  S.  1-ff
  Bücher  1893,  S.  191-192.  ff  Theophrast  IV,  S.  2,  8.
'ff  Gerberzeitung  1884,  S.  202.  u )  Schönmanns  Journal  1890,  Nr.  23.
l2 )  Magyar  Böripar  1904,  Nr.  8.  13 )  Pelzer  1837,  S.  230.
        <pb n="112" />
        72

der  Rinde  oder  Blätter  einer  Weidenart v ),  und  das  gleiche  Material
wandte  man  später  für  Bautzener  Leders  für  Saffian  und  Corduan
sowie  für  dänisches  Leders  an,  weil  nämlich  bei  diesem  Gerbstoff  das
Leder  ebenfalls  eine  Helle  Farbe  behält,  so  daß  sich  trotz  des  Gerbend
lebhafte  Farben  auf  diesem  Leder  erzeugen  lassen.  Wir  haben  das
Gleiche  bereits  von  Sumach  gehört,  auch  Galläpfel  enthalten  wenig
Farbstoff,  und  aus  diesen  Eigenschaften  leitet  Hermstädt  treffend  für
die  solcher  Gerbstoffe  sich  bedienende  Gerberei  den  Namen  Weißlohgerberei ­
  her^).  Wir  werden  sehen,  daß  tatsächlich  diese  Verhältnisse
schon  in  früherer  Zeit  Veranlassung  zu  einer  eigentümlichen  Verwechslung ­
  gegeben  haben.
Gelegentlich  werden  auch  Birke  oder  Tannes  erwähnt,  und  die
Verwendung  der  Tannenlohe  soll  sogar  etymologisch  mit  tannerie  *)
zusammenhängen.
Alle  diese  Gerbstoffe  sind  im  Lause  der  Zeit  in  den  Gebrauch  des
Menschen  eingetreten,  ohne  daß  sich  für  irgendeinen  derselben  das  Datum
seiner  ersten  Verwendung  angeben  ließe.
Das  Gleiche  gilt  für  die  Eichenlohe.  Sie  scheint  hauptsächlich  der
Gerbstoff  der  westlichen  Völker  gewesen  zu  sein,  wenn  auch  gelegentlich ­
  von  den  Japanern  aus  der  Periode  vor  1868  die  Verwendung
von  Eichenrinde  behauptet  wird  ^).  Schon  Gfrörer  macht 8 )  die  Existenz,
von  Eichenschälwaldungen  im  Aachen-Malmedyer  Bezirk  zur  Zeit  Karls
des  Großen  wahrscheinlich,  und  einige  Jahrhunderte  später  spielt  Lohe
in  der  Waldindustrie  des  Mosellandes  eine  bedeutende  Rolle 8 ).  Aus
dem  merkantilistischen  Frankreich  haben  wir  genaue  Beschreibungen")
über  die  Schälwaldkultur,  weil  eben  dieser  Gerbstoff  in  der  mittelalterlichen
Gerberei  wohl  die  allergrößte  Rolle  gespielt  hat.  So  weit  unsere
Kenntnis  reicht,  haben  während  des  ganzen  Altertums  bis  zum  ausgehenden ­
  Mittelalter  die  vegetabilischen  Gerbstoffe  niemals  eine  besonders
wichtige  Rolle  gespielt,  es  gab  Wälder  genug,  um  den  Bedarf  zu  decken,
und  auch  die  Zahl  und  Art  der  vegetabilischen  Gerbstoffe  hat  sich  nicht
wesentlich  geändert.
Die  verschiedenen  Bestimmungen,  welche  das  Mittelalter  in  betreff
der  Eichenwaldungen,  des  Abschälens  der  geschlagenen  Bäume,  dann
über  genügende  und  gleichmäßige  Lohzufuhr  getroffen  hatte,  müssen  wir
übergehen.  Solche  Bestimmungen  spielen  in  allen  Handwerksartikeln
und  allen  Handwerksakten  der  Rotgerber  eine  sehr  große  Rolle.
y  Pallas  1783,  Bd.  IV,  S.  357.  *  2 )  Beckmann  1796,  S.  292.
3 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  174.  4 )  Ebenda.
°)  Halle  1764,  Bd.  III,  S.  41.  «)  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  321.
2 )  Deutsche  Gerberzeitung  1880,  Nr.  35.  3 )  Gsrörer  1866,  Bd.  II,  S.  306.
')  Lamprecht  1886,  Bd.  II,  S.  326.  10 )  Schauplatz  1766,  Bd.  Y,  S.  341.
        <pb n="113" />
        73

Vereinzelt  schon  früher,  aber  mit  großer  Entschiedenheit  um  die
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  tritt  das  Problem  der  genügenden  Eichenloheversorgung
  auf.  Bereits  um  die  Wende  des  17.  Jahrhunderts
hatte  Howard  in  den  Philosophical  Transactions  gezeigt 1 ),  daß  nicht
nur  die  Rinde,  sondern  alle  Teile  der  Eiche  zum  Gerben  zu  verwenden
seien,  1744  zeigte  der  Botaniker  Gleditsch  2  * )  auf  Grund  praktischer  Versuche, ­
  wenn  auch  auf  Grund  falscher  theoretischer  Anschauungen,  daß  sich
statt  der  Eiche  auch  eine  ganze  Anzahl  anderer  Pflanzen  in  der  Lohgerberei ­
  verwenden  ließen,  und  1753  stellte  die  Akademie  der  Wissenschaften ­
  zu  Göttingen  eine  Preisfrage  über  den  Ersatz  der  Baumrindengerbung, ­
  welche  1754  wiederholt  wurde.  1765  endlich  machte  ein
englischer  Lohgerber  zu  Battle  in  Susex  die  Beobachtung,  daß  sich  auch
eichene  Sägespäne  zum  Gerben  verwenden  ließen  8 ).  Mit  solchen  Beobachtungen ­
  war  eine  Parole  ausgegeben,  welche  die  einheimische
Pflanzenwelt  nach  Gerbestoffen  durchsuchen  hieß,  und  welche  Blüten
diese  Bestrebungen  trieben,  zeigt  am  besten  eine  Übersicht  über  die  damals
bekannten  und  vorgeschlagenen  Gerbstoffe  aus  dem  Jahre  1795  4  *  6 ),  wo
über  200  einheimische  Pflanzen  von  der  Flechte  und  dem  Farn  über
den  Meerrettich  bis  zu  fast  allen  bekannteren  Pflanzen  genannt  werden.
Das  Suchen  nach  neuen  einheimischen  Gerbstoffen  ist  aber  um  diese
Zeit  keineswegs  beendigt;  so  wird  z.  B.  im  Anzeiger  für  Kunst  und
Gewerbefleiß  im  Königreich  Bayern  1816  erneut  ans  die  Lärchenrinde
hingewiesen B ),  Galt  macht  1824  aufmerksam  auf  die  Verwendung  von
Kastanienholz  zum  Gerben  in  Amerika  °),  und  der  gleiche  Autor  weist,  —
um  nur  noch  ein  Beispiel  dafür  anzuführen,  wie  stark  dieses  Problem
damals  die  Geister  beschäftigt  haben  muß,  daß  sie  zu  solchen  Vorschlügen
griffen  —  auf  die  Verwendbarkeit  der  Traubenkerne  in  den  Weinbau
treibenden  Ländern 7 )  zur  Lederherstellung  hin.  Diese  Vorschläge  sind
immerhin  charakteristisch  für  die  damalige  Zeit,  in  so  fern,  uls  sie  uns
deren  ganzen  wissenschaftlichen  und  ökonomischen  Charakter  illustrieren.
Die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  darf  jedenfalls  als  der  Höhepunkt ­
  der  Bestrebungen  zur  Deckung  des  Bedarfs  aus  einheimischen
Produkten  des  Pflanzenreichs  bezeichnet  werden;  wenn  auch  später  noch
sogar  der  Gedanke  auftauchte,  eigens  gerbstoffreiche  Pflanzen  zu  bauen  8 ),
so  hat  doch  die  Folgezeit  diese  Wege  mehr  und  mehr  verlassen.
Eine  zweite  Reihe  von  Versuchen  zur  Lösung  des  Problems,  welche
-)  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  316.  2 )  Schauplatz  1760,  Bd.  V,  S.  345.
s )  Busch  1791,  S.  30;  Krünitz  1782,  Bd.  LXVIII,  S.  317-318;  Goth.
Hofkalmder  1788,  S.  53.
*)  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  329-356.
6 )  Anzeiger  1816,  S.  518.  °)  Gall  1824,  S.  10.
-)  Gall  1824,  S.  23.  8 )  Wagner  1873,  S.  207.
        <pb n="114" />
        74

ebenfalls  schon  bis  in  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  zurückgeht,  hat
die  Einführung  künstlicher  oder  nicht  vegetabilischer  Gerbstoffe  als  Ersatz
der  mangelnden  Eichenlohe  zum  Ziel.  So  suchte  eine  Preisschrift  von
1777  die  Eichenlohe  durch  die  Alaungerbung  zu  ersetzen  *  *),  auf  die  in
den  90  er  Jahren  des  18.  Jahrhunderts  unter  dem  gleichen  Gesichtspunkte ­
  versuchte  Eisengerbung  werden  wir  noch  einmal  zurückkommen,
anfangs  des  19.  Jahrhunderts  suchte  man  durch  Oxydation  von  Kohle
und  anderen  mit  Salpetersäure  ebenfalls  einen  künstlichen  Gerbstoff
herzustellen  ®),  das  ganze  19.  Jahrhundert  ist  erfüllt  von  diesem  Gedanken,
die  Versuche  Knapps  bewegten  sich  in  dieser  Richtung,  beim  Aufkommen
der  Chromgerbung,  bei  jedem  bisher  allerdings  immer  nur  vorübergehenden ­
  Erfolg  der  Eisengerbung  s )  geht  ein  Frohlocken  durch  die
Zeitungen  der  Lederbranche,  daß  man  sich  in  absehbarer  Zeit  von  den
vegetabilischen  Gerbstoffen  werde  emanzipieren  können,  aber,  —  wenn
man  solche  Redensarten  etwa  ein  Jahrhundert  lang  hat  verfolgen
können,  so  ist  wohl  einige  Skepsis,  selbst  heutzutage  noch,  in  bezug  auf
den  baldigen  völligen  Ersatz  der  Vegetabilien  durch  künstliche  Produkte
gerechtfertigt.
Am  erfolgreichsten  zur  Lösung  des  Problems  war  der  dritte  Weg,
welcher  am  spätesten  einsetzt,  und  welcher,  wenn  er  auch  nicht  als  einzige
Lösung  betrachtet  werden  kann,  doch  das  ganze  Angebot  an  vegetabilischen
Gerbstoffen  beherrscht.  Es  ist  die  Einfuhr  ausländischer  Gerbesubstanzen.
Manche  derselben,  so  die  Myrobalanen,  waren  schon  das  ganze  Mittelalter ­
  hindurch  in  den  abendländischen  Apotheken  bekannt  gewesen 4 ),  aber
gerade  in  jener  Zeit  war  natürlich  ein  Übergang  einer  orientalischen
Spezerei  aus  dem  Arzeneischatz  zu  den  Rohstoffen  eines  Handwerks
kaum  möglich.  Der  erste  überseeische  Gerbstoff,  welcher  nach  Europa
gelangte,  war  wohl  das  Dividivi,  welches  1768  durch  eine  spanische
Handlungsgesellschaft  auf  den  europäischen  Markt  gebracht  wurde 5 ).
Bei  den  damaligen  hohen  Transportkosten  machte  sich  noch  mehr  als
heute  der  verhältnismäßig  geringe  Gerbstoffgehalt  unangenehm  bemerkbar,
so  daß  dieser  neue  Gerbstoff  bald  wieder  in  Vergessenheit  geriet,  und
daß  für  die  damaligen  Verhältnisse  der  späterhin  so  erfolgreiche  Weg
ungangbar  erscheinen  mußte.
Allein  man  hatte  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  bereits  so
viel  aus  den  einheimischen  Pflanzen  herausgeholt,  als  möglich  war,
und  wenn  wir  dem  Urteil  Hermbstädts  glauben  wollen"),  so  mag  um
diese  Zeit  das  Problem  tatsächlich  mit  einheimischen  Gerbstoffen  gelöst
•)  Krünitz  1782,  S.  165.  *)  Anzeiger  1816,  S.  618.
3 )  Vgl.  z.  B.  Deutsche  Gerberzeitung  1880,  Nr.  14.
*)  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  627—630.  »)  Beckmann  1794,  S.  385  ff.
«)  Herinbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  169.
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        75

gewesen  sein.  Lange  freilich  kann  dieses  Verhältnis  nicht  gedauert  haben;
denn  bereits  der  Anzeiger  von  1816  ‘)  klagt  über  die  hohen  Preise  der
Eichenrinde  in  Frankreich  und  England,  in  den  20  er  Jahren  des  19.
Jahrhunderts  vermindert  sich  die  Ausfuhr  der  Borke  aus  Deutschland
nach  England  2 ),  welche  früher  in  großen  Mengen  über  Holland  nach
England  eingeführt  zu  werden  pflegte 3 ),  wir  hören,  „daß  der  Lohertrag
unserer  Wälder  mit  dem  zunehmenden  Lohbedarf  nicht  gleichen  Schritt
halten  kann"),  der  Zollverein  legt  beim  Ausgang  (!)  von  Holzborke
oder  Gerberlohe  auf  diese  einen  Abgabesatz  von  1  Taler  20  Silbergroschen ­
 3 ),  nach  dem  amtlichen  Berichte  über  die  Londoner  Weltausstellung ­
  von  1851  wird  zwar  im  zollvereinten  und  nördlichen  Deutschland ­
  hauptsächlich  noch  Eichenrinde  angewandt,  während  man  in  Thüringen
und  Österreich  bereits  Fichtenlohe  und  Knoppern  für  den  gleichen  Zweck
benützt  hat"),  aber  es  wird  an  der  gleichen  Stelle  auch  der  Wunsch
ausgesprochen,  es  möge  der  Erzeugung  junger  Eichenlohe  durch  Anlegung
von  Lohhecken  und  Lohschlägen  größere  Aufmerksamkeit  geschenkt  werden,
damit  dieser  unersetzliche  Gerbstoff  in  reicherem  Maße  als  bisher  erzeugt ­
  werde').  Es  hat  in  der  Folge  der  Eichenschälwald  dem  Bedarf
immer  weniger  genügt,  in  den  Fachzeitschriften  findet  man  über  dieses
Gebiet  eine  ungeheure  Litteratur,  und  die  besten  Zusammenstellungen
über  die  Leistungsfähigkeit  unseres  Eichenschälwaldes  findet  man  bei
Jentsch 8 ).
So  war  man  also  doch  wieder  vor  das  Problem  gestellt,  genügende
Gerbematerialien  zu  beschaffen,  und  man  hatte  dieses  Problem  auf  Grund
vertiefter  wirtschaftsgeographischer  Kenntnisse  und  besserer  Verkehrsverhältnisse ­
  in  der  Einfuhr  überseeischer  Gerbstoffe  gelöst.  Man  hatte
gefunden,  daß  die  tropische  Wirtschaftszone,  welcher  ja  das  Dividivi
und  die  Myrobalanen  entstammten,  nur  verhältnismäßig  arm  an  solchen
Substanzen  ist"),  während  die  subtropische,  also  auch  für  den  Verkehr
zweckmäßiger  gelegene,  sich  reichlichen  Gerbstoffbesitzes  erfreut  10 );  so  hatte
denn  England  schon  in  den  20  er  Jahren,  als  die  deutsche  Borkeneinfuhr ­
  nachließ,  diese  Lücke  durch  Valonea  ausgefüllt"),  es  wurden  in
der  Folge  immer  mehr  solcher  Gerbstoffe  eingeführt,  die  Weltausstellung
von  1851  wies  bereits  mehrere  solcher  Substanzen  auf,  und  heute  läßt
sich  deren  Zahl  kaum  mehr  überblicken  und  ist  täglich  wachsend  12 ).  ^
')  Anzeiger  1816,  S.  b18.
! )  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  392.  »)  Gülich  1830,  Bd.  III,  S.  206.
*)  Gall  1824,  S.  24  Anm.  °)  Vgl.  Dieterici  1838.
°)  A.  London  1851,  Bd.  I.  S.  422.  ’)  Ebenda  420.
*)  Jentsch  1906  und  früher;  vgl.  auch  Scherzer  1885,  S.  268.
»)  Friedrich  1912,  S.  56.  &amp;gt;»)  Friedrich  1912,  S.  62.
»■)  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  392.
**)  Vgl.  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  922,  938.
        <pb n="116" />
        76

Eine  hervorragende  Rolle  unter  den  ausländischen  Gerbstoffen
nimmt  das  Quebrachoholz  ein,  welches  zu  den  gerbstoffreichsten  Stubstanzen ­
  gehört,  welche  man  kennt.  Die  Geschichte  seiner  Einführung  soll
hier  kurz  gestreift  werden.  In  dem  Konkurrenzkämpfe  zwischen  Eichenschälwald ­
  und  ausländischen  Gerbematerialien  war  es  1879  gelungen,
auf  ausländische  Gerbstoffe  einen  niedrigen  Zoll  zu  legen,  um  dadurch
den  Verbrauch  an  Eichenlohe  zu  steigern.  Allein  gerade  das  Quebrachoholz
  war  durch  den  Zoll  nicht  getroffen,  es  wurde  in  steigenden  Mengen
eingeführt,  und  im  Laufe  der  80  er  Jahre  ging  infolgedessen  der  Verbrauch ­
  an  Eichenlohe  so  stark  zurück,  daß  man  1892  die  Gerbstoffzölle
wieder  fallen  ließ.  Wohl  kein  Punkt  in  der  deutschen  Lederindustrie
hat  eine  solch  ungeheure  Litteratur  in  Fachzeitschriften  und  einzelnen
Broschüren,  Flugblättern  usw.  hervorgerufen  als  der  Kampf  um  diese
Gerbstoffzölle.  1902  war  es  dennoch  gelungen,  auf  Quebracho  einen
erneuten  hohen  Zoll  zu  legen,  welcher  aber  der  deutschen  Lederindustrie
nicht  mehr  so  viel  geschadet  hat,  da  heute  aus  der  ganzen  Oberlederindustrie ­
  vegetabilische  Gerbstoffe  durch  das  Chrom  vollständig  verdrängt ­
  sind.
Ein  Moment  hat  die  Einführung  der  ausländischen  Gerbstoffe  in
den  letzten  Jahrzehnten  noch  besonders  befördert,  das  ist  die  Herstellung
der  Gerbstoffextrakte.  Schon  1768  hatte  man  das  Dividivi  großenteils
mit  Rücksicht  auf  die  hohen  Transportkosten  bei  verhältnismäßig  geringem ­
  Gerbstosigehalt  fallen  lassen.  Die  Erfindung  der  Schnellgerberei
durch  Seguin  anfangs  der  90  er  Jahre  des  18.  Jahrhunderts  hatte
sich  der  Brühengerbung  bedient  und  Hermbstüdt  hatte,  darauf  fußend,
bereits  1807  Z  die  Herstellung  eines  Extraktes  aus  Eichenlohe  zur  Konsistenz ­
  des  Mußes  vorgeschlagen,  um  dadurch  die  Transportkosten  um
90°/g  zu  vermindern.  Er  glaubte  auf  diese  Weise  das  Eichenschälwaldproblem ­
  für  die  nicht  an  Eichenwäldern  gelegenen  Gerberein  zu  lösen.
Es  scheint  sich  jedoch  die  Extraktion  damals  ziemlich  langsam  eingeführt
zu  haben,  1820  wird  sie  noch  nicht  im  großen  ausgeübt^),  aber  1829
kommen  bereits  Lohextrakte  aus  Eichenrinde,  Mimosenrinde,  aus  der
Rinde  des  Manglebaumes  vor^).  Mit  der  Einführung  der  Schnellgerberei ­
  hat  sich  naturgemäß  die  Brühengerbung  eingeführt,  aber  in  der
Mitte  des  19.  Jahrhunderts 4 )  stellen  die  englischen  Gerber  die  Extrakte
aus  den  Gerbstoffen  noch  selbst  her,  und  auch  heute  noch  kann  man
zahlreiche  Etablissements  besuchen,  wo  die  Brühen  erst  kurz  vor  dem
Gerben  bereitet  werden.  Einen  eigentlichen  Fortschritt  brachte  hier  erst  die
Gerbstoffzollpolitik.  Das  Quebrachoholz  hatte  seit  1879  den  deutschen

0  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  216.  2 )  Keeß  1820,  S.  15.
s )  Keeß  1829,  Bd.  I,  S.  36.  4 )  A.  London  1851,  Bd.  I,  Gerbstoffe.
        <pb n="117" />
        77

Markt  erobert  und,  von  Frankreich  ausgehend,  hatte  man,  ebenfalls  zur
Ersparung  von  Transportkosten,  hoch  konzentrierte  Gerbstoffextrakte  in
den  Handel  zu  bringen  versucht.  Neben  allen  anderen  bekannten  Gerbstoffen ­
  waren  hauptsächlich  Eichenholz  und  Quebrachoholz  die  Ansgangsmaterialien ­
  zur  Herstellung  dieser  Extrakte.  Es  war  ein  äußerst
interessantes  und  erst  nach  Jahrzehnte  langer,  angestrengter,  schwieriger
Arbeit  gelöstes  Problem,  diese  Extrakte  in  einwandfreier  Form  für  den
Gerber  in  den  Handel  zu  bringen,  weil  nämlich  die  in  den  Extrakteuren
sich  massenhaft  lösenden  Phlobaphene  den  Wert  der  Extrakte  beeinträchtigten ­
  i).  Erst  1895  gelang  es  der  Firma  Lepetit  Dollfus  und
Gansser  in  Mailand  und  Garessio  (D.  R.  P.  91603  und  Zusätze)
einen  leicht  löslichen  Extrakt  zu  erzeugen,  welcher  nicht  nur  einen  der
bedeutendsten  Fortschritte  in  der  Technik  der  Gerbstoffextrakte  bildet,
sondern  diese  Lösung  des  Problems  ist  besonders  auch  deshalb  als  sehr
gelungen  zu  bezeichnen,  weil  sich  dadurch  die  Extraktfabrikation  sehr
bequem  an  die  Holzstoffgewinnung  angliedern  läßt.
Wir  sehen  also,  wie  die  Lösung  des  Eichenrindeproblems  dazu  geführt ­
  hat,  zunächst  die  einheimische  Flora  nach  weiteren  Gerbstoffen  zu
durchsuchen,  wobei  man  auf  die  Verwendbarkeit  der  Eichenholzspäne
aufmerksam  wurde;  sie  hat  weiter  geführt  aus  die  ausländischen  Gerbstoffe, ­
  welche  langsam  Boden  gewonnen  haben,  bis  der  Schutzzoll  von
1879  das  Quebrachoholz,  in  der  Folge  Extrakte  aus  diesem  und  aus
Eichenholz  massenhaft!  in  die  Industrie  einführte;  aber  als  der  Quebrachozoll
  von  1902  diese  Entwicklung  hemmen  sollte,  da  hatte  sich
bereits  der  drittes  vor  einem  Jahrhundert  begonnene  Lösungsversuch
des  Problems  durch  künstliche  Gerbstoffe  so  weit  entwickelt,  daß  aus
der  Oberlederindustrie  die  vegetabilischen  Gerbstoffe  dem  Chrom  vollständig ­
  gewichen  waren.
Welche  Bedeutung  hat  nun  diese  ganze  Entwicklung  auf  das  Handwerk ­
  und  die  Industrie  der  Weißgerberei.  Auf  den  ursprünglichen
Zusammenhang  zwischen  vegetabilischen  Gerbestoffen  und  Alaun  werden
wir  wenigstens  noch  andeutungsweise  zu  sprechen  kommen.  Durch  das
Mittelalter  hindurch  war,  wie  wir  noch  sehen  werden,  die  Trennung
zwischen  Rot  und  Weiß  sehr  oft  nur  eine  theoretische,  und  wir  können
in  dieser  Zeit  von  einem  Kampfe  der  Gerbematerialien  untereinander
nicht  reden.  Ein  solcher  beginnt  erst  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts,
wo,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Alaun  zum  erstenmal  als  Ersatz  der
mangelnden  Lohe  vorgeschlagen  wird.  In  der  Folge  hat  sich  dann
dieser  Kampf  freilich  anders  und  unerwartet  entschieden,  allerdings  in
der  Richtung  der  mineralischen  Gerbstoffe,  aber  nicht  in  der  des  Alauns.

')  Vgl.  Dämmer  1910,  Bd.  I,  S.  685  ff.  und  1911,  Bd.  III,  S.  924  ff.
        <pb n="118" />
        78

Wenn  wir  bei  den  Hautmaterialien  gehört  haben,  daß  eine  stets  steigende
Menge  von  Schafen  und  Ziegen  aus  der  Weißgerberei  in  die  Chromgerberei ­
  abgeführt  wird,  fo  bedeutet  das  natürlich  eine  Verdrängung
des  Alauns  durch  das  Chrom:  andererseits  haben  die  Gerbstoffextrakte
einen  Teil  dieses  Ausfalls  wenigstens  für  das  Handwerk  wieder  wett
gemacht;  denn  feit  der  Einführung  der  Gewerbefreiheit  haben  sich  kleine
und  große  Weißgerber  auf  die  braunen  Schafleder  geworfen,  und  ein
Faß  mit  Quebrachoextrakt  ist  ein  fast  unentbehrliches  Ausrüstungsstück
der  kleinen,  noch  bestehenden  Weißgerbereien,  welche  unter  anderem  auch
durch  ihn  ihr  Leben  weiter  fristen  konnten.
8  6.  Tran.
Nächst  den  vegetabilischen  und  mineralischen  Gerbstoffen  ist  der
dritte  wichtigste  Gerbstoff  der  Tran;  denn  er  ist  nicht  nur  die  wichtigste ­
  Grundlage  der  ganzen  Sämischgerberei  überhaupt,  sondern  er
wurde  und  wird  noch  in  großen  Mengen  zum  Einfetten  hauptsächlich
der  loh-  und  chromgaren  Leder  verwendet.  Er  wird  gewonnen  von
einer  Anzahl  echter  Fische,  so  von  den  Haifischen,  Dorsch,  Kabeljau
und  anderen,  dann  von  verschiedenen  Formen  aus  der  Klasse  der
Cetaceen,  und  endlich  liefern  auch  Robben  und  Seehunde  Tran.
Die  Geschichte  der  Trangewinnung  läßt  sich  ganz  natürlich  in
sechs,  nach  Zeit  und  Ort  verschiedene  Phasen  zerlegen.  Der  Schauplatz ­
  der  ersten  Phase  ist  die  Westküste  Europas  vom  Golf  von  Biscaya
bis  hinauf  an  den  nördlichen  Polarkreis.  Es  herrscht  in  der  Litteratur
keine  Einstimmigkeit,  ob  die  Basken  oder  Norweger  sich  zuerst  mit  der
Trangewinnung  beschäftigt  haben,  und  welches  Volk  des  anderen  Lehrmeister ­
  gewesen  ist  Z.  Nachgewiesen  ist  der  Walfischfang  der  Norweger ­
  schon  im  9.  Jahrhundert,  und  hauptsächlich  mit  norwegischem
Tran  aus  den  nördlichen  Kontoren  der  Hansa  müssen  wir  uns  die
Handwerker  des  ganzen  Mittelalters  versorgt  denken.
Eine  weitere  Periode  beginnt  um  die  Wende  des  16.  Jahrhunderts,
wo,  angeregt  durch  die  Fahrten  und  Beobachtungen  der  Seefahrer
Barents,  Hudson  und  Poole 2 ),  englische  Schiffe  nach  dem  nördlichen
Eismeer  zum  Walfischsange  ausliefen 3 ),  welchen  aber  bald  andere
Nationalitäten,  wie  Holländer  und  Hanseaten  sich  anschlossen.  Um
diese  Zeit  wurde  eine  Reihe  Gesellschaften  gegründet,  um  die  Trangewinnung ­
  vom  Heimatlande  aus  zu  organisieren,  nämlich  in  England,
zuerst  die  moskovitische  Gesellschaft^),  dann  in  Holland  und  Friesland,
wo  man  sich  hauptsächlich  der  Basken  als  Lehrmeister  für  den  Fang
')  Vgl.  Krünitz  1844,  S.  482;  Ungewitter  1846,  S.  369;  Scherzer  1885,
S.  447—448.  2 )  Krünitz  1844,  S.  483.  s )  Ebenda.  4 )  Ebenda.
        <pb n="119" />
        79

bediente  *),  die  nordische  Kompagnie  1614 2 ),  und  in  Hamburg,  wohin  der
Anfang,  oder  doch  sicher  die  bessere  Aufnahme  der  grönländischen  Fischerei
durch  Menoniten  gekommen  war  8 ),  dieJslandsfahrer-Brüderschaft  1617*);
die  große  Anzahl  von  Schiffen  verschiedener  Nationalitäten,  welche  nun
ohne  alle  rechtliche  Normen  zur  sicheren  Gewähr  einer  reibungslosen
Arbeit  nach  den  Fischereigründen  ausführen,  führte  1618  in  den  nordischen ­
  Gewässern  zu  einer  kriegerischen  Auseinandersetzung,  deren  Ergebnis ­
  eine  vertragsmäßige  Verteilung  der  Fischereibezirke  unter  die  verschiedenen ­
  Völker  gewesen  ist 5 ).  Während  aber  in  der  Folge  die  moskovi-'
  tische  Gesellschaft  infolge  ungenügender  Fischzüge,  infolge  von  Schiffbrüchen
der  Nordlandsfahrer  und  anderen  Unglücksfällen  sich  bald  wieder  auflöste ­
  0),  arbeiteten  die  Holländer  mit  außerordentlichen  Erfolgen,  sie  richteten ­
  sich  in  Smeerenberg  eine  eigene  Transiederei  ein,  auch  die  Engländer ­
  versuchten  nochmals,  zuerst  unter  einer  Privatgesellschaft  mit
geringem  Erfolg,  dann  unter  Aufsicht  des  Staates  mit  müßigem  Erfolg ­
  den  Fang,  aber  durch  einen  unsinnigen  Raubbau  auch  während
der  Brutzeit  verscheuchten  sie  die  Tiere,  so  daß  schon  1645  die  nordische ­
  Kompagnie  nicht  mehr  um  Erneuerung  ihrer  Privilegien  bat,
daß  die  Transidereien  von  Smeerenberg  verkauft  wurden  und  eingingen,
und  daß  der  Fang  in  jenen  Regionen  frei  gegeben  wurde').
'  Die  Entdeckung  von  zahlreichen  Walfischen  in  der  Davisstraße  um
die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  bedeutet  den  Beginn  einer  dritten
Epoche.  Ein  Versuch  Christians  V.  von  Dänemark,  den  deutschen
Schiffen  1691  den  Fischfang  an  der  grönländischen  Küste  gänzlich  zu
untersagen,  scheiterte  an  dem  starken  bewaffneten  Widerstand  der  deutschen
und  holländischen  Fischereiflotte 8 ),  und  die  ungeheure  Ergiebigkeit  der
neuen  Fischbezirke  mag  die  folgende  Tabelle 8 )  illustrieren,  welche  zugleich ­
  den  Anteil  der  verschiedenen  Nationen  am  Fischfang  zeigt:
1697

Holländer

sandten  aus
129  Schiffe

fingen  Walfische
1255

oder  Fässer  Tran
41  344

Hamburger

51

499’/a

16  414

Schweden

2

113

540

Dänen

4

52

1  710

Bremen  -

12

96

3  790

Emden

2

2

68

Lübeck

1

V.

17

Summa

201

1868

68  883

1)  Ungewitter  1846,  S.  369—370.
2 )  Kriwitz  1844,  S.  488;  Ungewitter  1846,  S.  370.  s )  Hamburg  1805,  S.  95.
4 )  Scherzer  1886,  S.  449.  6 )  Krünitz  1844,  S.  484;  Scherzer  1885,  S.  449.
«)  Krünitz  1844,  S.  484—485.
’)  Krünitz  1814,  S.  488—489;  Ungewitter  1846,  S.  379.
8 )  Ebenda;  Scherzer  1885,  S.  449.  °)  Krünitz  1844,  S.  489.
        <pb n="120" />
        80

Der  Gesamtertrag  aus  dem  Walfischfang  dieses  Jahres  belief  sich
auf  3,784  Millionen  Gulden.
In  welcher  Weise  in  diesen  nördlicheren  Gegenden  vorgegangen
worden  ist,  zeigt  am  besten  die  Ausbeute  des  Jahres  1754:  Der  Fang
beläuft  sich  noch  auf  753  Walfische  gegen  fast  2000  im  Jahre  1697  x ).
Indessen  dehnte  man  die  Fahrten  von  Grönland  aus  nach  Osten  und
Westen  in  der  Richtung  gen  Spitzbergen  und  in  die  Hudsonstraße  aus,
so  daß  z.  B.  1788  sich  222  britische  Segel  auf  den  nordischen  Jagdgründen ­
  befanden 2 ).  Von  Hamburg  aus  wurden  die  Schiffe  um  diese
Zeit  gemeinsam  für  Robben-  und  Walfischfang  ausgerüstet,  aber  um
die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  war  die  Davisstraße  verödetest  und
die  Fischerei  ging  immer  stärker  zurück.  An  Transidereien,  deren  erste
in  Hamburg  1649  Z  errichtet  worden  war,  bestanden  in  Hamburg  um
die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  drei  an  der  Zahl 5 ).
Abermals  den  Beginn  einer  neuen  Epoche  bezeichnet  die  Entdeckung
neuer  Jagdgegenden:  Es  sind  die  Regionen  des  südlichen  Polarmeeres  H.
In  dem  Maße  nämlich,  als  der  Ertrag  in  den  nordischen  Gewässern
abnahm,  sandten  die  Nordamerikaner  Schiffe  nach  der  Südsee,  der
Südseetran  kam  in  immer  größeren  Mengen  auf  den  Markt,  und  die
Folge  war  natürlich  eine  immer  stärkere  Beteiligung  auch  der  anderen
Nationen  an  dieser  Jagd.  Deshalb  sehen  wir  hier  das  gleiche  Bild
sich  wiederholen,  wie  es  sich  vor  200  Jahren  im  Norden  abgespielt
hatte:  die  auch  während  der  Brutzeit  stark  verfolgten  Tiere  begannen
von  der  brasilianischen  Küste  und  von  Neuseeland  an  die  japanische
Küste  und  an  die  Nordwestküste  von  Amerika  abzuwandern,  die  Fahrt
eines  Walers,  welche  bisher  zwei  Jahre  gedauert  hatte,  beanspruchte
nunmehr  die  doppelte  Zeit,  der  Fang  ging  auch  hier  zurück,  bis  ein
neues  Aufzucken  im  Angebot  durch  das  Bekanntwerden  der  Behringsstraße ­
  in  bezug  auf  ihren  Reichtum  an  jagdbaren  Tieren  erfolgte.
Aber  auch  hier  vollzog  sich  das  gleiche  Bild  der  Verwüstung,  bis
1867  von  Rußland  die  Abtretung  der  Halbinsel  Alaska  nebst  der
Aleutengruppe  und  den  Pribylow-Jnseln  an  die  V.St.A.  gegen  Geldentschädigung ­
  erfolgte.  Seit  jener  Zeit  sind  die  Jagdverhältnisse  in
jenen  Gegenden  gesetzlich  geregelt 7 ).  Den  Rückgang  auch  dieser  Gegenden
in  bezug  auf  ihren  Gehalt  an  jagdbaren  Tieren  zeigt  folgende  Tabelle:

st  Krünitz  1844,  S.  491.  st  Scherzer  1885,  S.  449.
st  Hamburg  1805,  S.  96.  st  Hamburg  1805,  S.  98.
st  Hamburg  1805,  S.  141.
st  vgl.  A.  London  1851,  S.  460ff.;  Scherzer  1885,  S.  453;  Gülich  1830,
Bd.  IV,  S.  695  und  Bd.  V,  S.  274,  505.
st  Scherzer  1885,  S.  449.
        <pb n="121" />
        81

Es  befanden  sich  im  nordpacifischen  Ocean  an  amerikanischen  Walfahrern
  *):

600
95
61
40
18

1855
1866
1868
1871
1880

Seit  dieser  Zeit  hat  sich  der  Fisch-  und  Robbenfang  gleichmäßig
über  alle  südlichen  und  nördlichen  Bezirke  ausgedehnt,  die  Hauptaussuhrländer
  für  Tran  sind  heute  Norwegen,  Neufundland  und  die  südamerikanischen ­
  Staaten 2 ).
So  hatte  also  der  Raubbau  der  Menschen  ein  Gebiet  nach  dem
anderen  verwüstet,  welches  der  Reichtum  des  Meeres  in  nnerschöpflicher
Fülle  dargeboten  zu  haben  schien,  und  erst  in  der  Behringsstraße  hatte
man,  wenn  auch  spät,  so  doch  noch  zur  rechten  Zeit,  wirtschaftende
Sparsamkeit  gelernt.  Aber  dieses  wirtschaftliche  Vorgehen  Amerikas
ist  nicht  zu  beurteilen  als  die  Schaffung  eines  zu  erhaltenden  Vorrates
der  Weltwirtschaft,  sondern  als  ein  Ausfluß  der  Monroe-Doctrin,
also  eines  politischen  Prinzips.  Daher  sehen  sich  die  tranverbrauchenden
  Nationen  vor  die  Notwendigkeit  gestellt,  Transubstitute  zu
finden,  und  dieser  Zustand  leitete  die  letzte  Phase  ein.  Schon  im  Anfang ­
  des  vorigen  Jahrhunderts,  als  die  nördlichen  Jagdbezirke  ausgeplündert ­
  waren,  hatte  man  in  den  Tranlampen  Pflanzenöle  zu  verwende« ­
  begonnen  b),  die  Londoner  Weltausstellung  zeigte  große  Auswahl ­
  von  Fetten,  und  die  Folge  dieser  ganzen  Bewegung  ist,  daß  der
Tran  heute  in  den  großen  Bezirk  der  Fettindustrie,  insbesondere  Fettchemie, ­
  eingegangen  ist.  Wo  irgend  möglich,  werden  heute  die  nicht
mehr  ausreichenden  natürlichen  Fettstoffe  durch  sogenannte  künstliche
ersetzt,  pflanzliche,  wie  das  Olivenöl,  mineralische,  wie  die  Vaseline,
tierische,  wie  Klauenfett,  Knochenfett,  Talg;  die  neuen  Bestrebungen
zur  Fettgewinnung  aus  den  thermochemischen  Kadaververnichtungs-  und
Verwertungsanlagen,  aus  Lederentfettungsanstalten,  aus  den  seifenhaltigen ­
  Abwässern  von  Wäschereien  usw.,  der  Übergang  von  immer
größeren  Mengen  von  Ölen  und  Fetten  in  die  Nahrungsmittelindustrie,
die  Härtung  der  flüssigen  Fette  durch  Reduktion,  das  sind  lauter  interessante ­
  Momente,  welche  hier  nur  erwähnt  seien,  um  zu  zeigen,  welche
Probleme  der  Fettindustrie  gestellt  sind.  So  hat  sich  einerseits  der
Tranverbrauch  verhältnismäßig  eingeschränkt,  andererseits  hat  man  eine
immer  größere  Zahl  von  kleineren  Seetieren  zur  Trangewinnung  heran-')

  Scherzer  1885,  S.  452—453.  -)  Friedrich  1911,  S.  172,  332,  368.
3 )  Krünitz  1844,  S.  492  ff.
Ebert,  Entwicklung  der  Wcißgerberei.  6
        <pb n="122" />
        gezogen,  und  das  Ergebnis  dieser  letzten  Phase  ist,  daß  der  Tran  heute
der  Lederindustrie  als  eines  der  billigen  Fette  in  genügenden  Mengen
zur  Verfügung  steht.

8  7.  Eigelb.
Mit  der  Besprechung  des  Alauns,  der  vegetabilischen  Gerbstoffe
und  des  Trans  ist  zwar  die  Reihe  der  wichtigsten,  für  den  Weißgerber
in  Betracht  kommenden  Gerbstoffe  erledigt,  aber  auch  die  der  „Nahrung"
zugesetzten  oder  nicht  zum  eigentlichen  Gerbeprozeß  gehörigen  Substanzen
sind  technisch  und  ökonomisch  so  wichtig,  daß  sie  mindestens  einer  kurzen
Betrachtung  bedürfen.  Einer  der  wichtigsten  Zusätze  zu  Gare  des
Glacegerbers  ist  das  Eigelb.
Die  gewöhnliche  Form,  in  welcher  das  Eigelb  in  die  Gerberei
gelangte,  war  das  rohe  natürliche  EiZ.  Die  Glacegerber  des  17.,  18.
Jahrhunderts  und  fast  des  ganzen  19.  Jahrhunderts  kauften  je  nach
der  Größe  ihres  Geschäftes  die  Eier  in  kleinen  Mengen  oder  in  großen
Abschlüssen;  sie  schlugen  die  Eier  selbst  auf 1  2  * )  und  suchten  das  anfallende
für  sie  unbrauchbare  Eiweiß  in  die  Industrie  oder  in  die  Nahrungsmittelbranche ­
  wieder  los  zu  werden.  Die  Preise  der  Eier  unterlagen
dabei  natürlich,  je  nach  der  Jahreszeit,  den  üblichen  periodischen
Schwankungen,  und  die  Höhe  der  Preise  war,  da  nur  reine  und  gute
Eier  zur  Glacegerbung  verwendbar  sind,  gegeben  durch  den  üblichen
Marktpreis  der  Eier 2 ).
Die  Konservierung  der  ganzen  Eier  durch  Ein  kalken  bedeutete,  wie
für  die  ganze  Nahrungsmittelindustrie,  so  auch  für  die  Gerberei  einen
Fortschritt;  denn  nunmehr  war  man  wenigstens  den  periodischen
Schwankungen  nicht  mehr  so  wie  früher  preisgegeben,  wenn  natürlich
auch  die  Gefahr  des  Schlecht-Werdens  der  Eier  durch  die  Einkalkung,
eine  verhältnismäßig  große  war,  ganz  abgesehen  davon,  daß  das  Kalkei
inhaltlich,  also  auch  in  seiner  gerberischen  Wirksamkeit  hinter  dem  frischen
Ei  zurücksteht 4 ).
Erst  die  60  er,  70  er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  und  die  in
ihnen  eintretenden  Lebensmittelteurungen  veranlaßten  zu  einer  Reihe
von  Versuchen,  dieses  teuerste  unter  allen  Rohmaterialien  der  Glacegerberei ­
  auf  irgendeine  Weise  zu  verbilligen.  Mit  zu  den  ersten  in
dieser  Richtung  unternommenen  Schritten  gehört  die  Einführung  der
sog.  ,,Faßeier"°);  es  ist  das  ökonomisch  betrachtet  nichts  weiter  als&amp;gt;

1 )  Vgl.  Gerber  1888,  S.  100.  -)  Ebenda  und  Gerber  1893,  S  4.
-)  Gerber  1893,  S.  4.  *)  Gerber  1874,  S.  135  und  Gerber  1893,  S.  4..
s )  Ebenda.
        <pb n="123" />
        83

6*

te  Arbeitsteilung,  indem  nämlich  zwischen  den  Eierlieferanten,  sei  dies
'  Urproduzent  oder  der  Händler,  und  zwischen  den  Gerber  sich  ein
es  Gewerbe  einschiebt,  nämlich  die  Albuminfabrikation.  Sie  zerdas
  Ei  in  Eigelb  und  Eiweiß,  das  Eigelb  bringt  sie  in  Fässern
,en  Handel,  während  von  ihr  das  Eiweiß  als  Albumin  an  die
Konditoreien  und  andere  Gewerbe  der  Nahrungsmittelbranche,  an  Tuchdruckereien, ­
  an  Albuminpapierfabriken,  für  photographische  Zwecke  usw.  *)
an  den  Mann  gebracht  wird.  Die  Einführung  der  Faßeier  bedeutet
einen  großen  Fortschritt  für  die  Glacegerberei,  allerdings  anfänglich  nur
im  Sinne  des  Großbetriebes;  denn  die  Faßeier  machen  die  Glacegerberei ­
  von  Konjunkturschwankungen,  von  spekulativen  Machinationen
ziemlich  unabhängig,  sie  lassen  sich  von  den  Albuminfabriken,  welche  ja
auch  das  Eiweiß  zweckmäßig  verwenden  können,  verhältnismäßig  billiger
beziehen,  als  das  Eigelb  der  frischen  Eier  zu  stehen  käme;  aber  die
Faßeier  waren  für  den  kleinen  Handwerker  anfänglich  nicht  brauchbar,
weil  das  angebrochene  Faß  ziemlich  schnell  verarbeitet  werden  mußte 2 ),
um  das  leicht  verderbliche  Eigelb  nicht  in  Fäulnis  übergehen  zu  lassen,
eine  Forderung,  welcher  natürlich  nur  der  Fabrikant,  nicht  aber  der
kleine  Handwerker  genügen  konnte.  Damit  kommen  wir  zur  Frage  der
Konservierung  der  Faßeier.
Die  Konservierung  der  Faßeier  erfolgte  ursprünglich  mit  Salz,
welches  in  einem  Mengenverhältnis  von  4—5  °/ 0  8 )  als  trockenes  Pulver
beigefügt  wurde,  um  den  wirksamen  Gehalt  des  Eigelbs  nicht  zu  verdünnen. ­
  Es  sei  gleich  hier  bemerkt,  daß  diese  Konservierung  von  ihrem
ersten  Auftreten  ab  bis  zum  heutigen  Tage  Fälschungen  geradezu  provozieren ­
  muß;  denn  es  ist  natürlich  einträglich,  das  konservierende  Salz
zum  Preise  von  80—120  Mark  pro  100  kg  zu  verkaufen  ^);  daher
sehen  sich,  was  natürlich  ebenfalls  wieder  nur  größeren  Fabriken  möglich
ist,  die  Käufer  bei  Abschlüssen  zu  genauen  Analysen  der  Faßeier  veranlaßt ­
  °).  Die  oben  genannten  4—5%  Salz  erwiesen  sich  aber  bald
als  ungenügend,  besonders,  seit  die  Faßeier  bei  ihrem  Transport  heiße
Wegstrecken  zu  durchlaufen  haben").  So  hat  man  in  der  Folge  eine
ganze  Reihe  von  Konservierungsmitteln  vorgeschlagen  und  versucht,  so
Alauns  Borsäure^),  Carbolsäure,  Salicylsäure  e ),  Kalk  und  andere,
0  Gerber  1874,  S.  135;  Berliner  Berichte  1901,  Nr.  42,  4.  Beilage.
2 )  Gerber  1893,  S.  4.  -)  Deutsche  Gerberzeitung  1878,  Nr.  37.
*)  Gerber  1874,  S.  135.
6 )  Vgl.  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  3.  Beilage.
6 )  Gerber  1893,  S.  282.  ’)  Gerber  1874,  S.  135.
8 )  Gerber  1888,  S.  100.
8 )  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  3.  Beilage;  Schönmanns  Journal  1896,  Nr.  9.
10 )  Berliner  Berichte  1901,  Nr.  42,  4.  Beilage;  Schuh  und  Leder  1903,
Nr.  31,  S.  31.
        <pb n="124" />
        84

man  brachte  das  Eigelb  als  sogenanntes  Eigelbextrakt  in  halbtrockenem
Zustande  in  den  Handel  *),  heute  ist  man  wieder  auf  Salz  zurückgekommen,
welches  nunmehr,  meist  neben  einem  geringen  Quantum  Borsäure  oder
Alaun,  in  einem  Mengenverhältnis  von  10—12  °/ 0  als  trockenes  Pulver
dem  Eigelb  zugefügt  wird  2 ).
t  Die  wachsende  Ausdehnung  der  Glace-  und  Feinlederfabrikation
veranlaßte  bald  den  einheimischen  Markt  zu  verlassen  und  eine  Deckung
des  Bedarfs  im  Auslande  zu  versuchen.  So  ging  man  zunächst  nach
Böhmen s )  und  Galizien 4 ),  nach  Rußland 5 ),  und  besonders  Rußland
konnte  der  wachsenden  Nachfrage  in  einer  solch  weitgehenden  Weise
genügen,  daß  sein  Eierexport,  welcher  hauptsächlich  nach  Deutschland
und  Großbritanien  geht,  seit  der  Mitte  der  70  er  Jahre  geradezu  ins
L  Ungeheuere  gewachsen  ist  °).
Eine  neue  Eigelbprovenienz,  etwa  am  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts, ­
  wurde  erschlossen  in  China J ).  Es  soll  dort  Bauerngüter  von
6000—8000  Enten  geben  s ),  und  das  chinesische  Enteneigelb  soll  noch
fettreicher  sich  erweisen  als  das  russische  und  das  syrische  ch.  Besonders
die  Konservierung  des  chinesischen  Eigelbs  hat  große  Schwierigkeiten
bereitet,  da  dieses  in  heißen  Schiffsräumen  durch  heiße  Zonen  einen
sehr  langen  Weg  zurückzulegen  hat,  währenddessen  anfangs  sehr  viele
Fässer  in  Gärung  gerieten  und  gesprengt  wurden,  so  daß  daraus
erheblicher  Schaden  sich  ergab  10 ).  Zeitweise  haben  europäische  Firmen
in  China  Filialen  zu  errichten  versucht"),  aber  der  Export  nach  Europa
scheint  doch  nicht  so  große  Dimensionen  angenommen  zu  haben,  um
diese  kostspieligen  Filialen  bezahlt  zu  machen.  Vielleicht  spielt  hier  eine
große  Rolle  der  Umstand,  daß  die  V.  St.  A.  als  besonders  große  Käufer
in  China  auftreten  4 ch,  und  auch  die  dunklere  Farbe  des  chinesischen
Eigelbs  hat  seiner  Einführung  nicht  unbedeutende  Schwierigkeiten  verursacht^). ­
  Immerhin  spielt  heute  das  chinesische  Eigelb  neben  dem
russischen  die  größte  Rolle,  und  die  Probleme  der  Konservierung  des
Eigelbs  sind  dabei  in  der  Weise  gelöst  worden,  daß  auch  die  wenigen
noch  bestehenden  Glacegerber  sich  des  Faßeies  bedienen  können.
Haben  so  einerseits  das  Faßei  und  die  Albuminfabrikation,  andererseits ­
  der  Bezug  des  Eigelbs  aus  immer  größeren  Fernen  trotz  des  gestiegenen ­
  Bedarfs  den  Preis  dieses  teueren  Rohmaterials  im  Vergleich
y  Schuh  und  Leder  1901,  Nr.  2,  S.  25.
2 )  Schönmanns  Journal  1896  Nr.  9;  Kollegium  1909,  S.  295.
3 )  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  3.  Beilage.  4 )  Ebenda.
6 )  Berliner  Berichte  1901,  Nr.  42,  4.  Beilage.
e )  Ebenda.  7 )  Schönmanns  Journal  1896,  Nr.  10.
8 )  Berliner  Berichte  1901,  Nr.  42.  9 )  Schuh  und  Leder  1901,  Nr.  2,  S.  25.
,(&amp;gt; )  Ebenda.  u )  Berliner  Berichte  1901,  Nr.  42,  4.  Beilage.  ’ 2 )  Ebenda.
")  Schönmanns  Journal  1896,  Nr.  10;  Schuh  und  Leder  1901,  Nr.  2,  S.  25.
        <pb n="125" />
        85

zum  rohen  Ei  auf  einer  mäßigen  Höhe  gehalten,  so  ist  eben  doch,
wie  bereits  bemerkt,  das  Eigelb  das  teuerste  Rohmaterial  der  Feinledergerberei ­
  —  auch  die  modernen  feinen  Chromglacekombinationen
verwenden  es  in  ausgiebigem  Maße  —,  auf  welchem  außerdem  noch  der
Schatten  liegt,  daß  durch  den  Luxus  des  feinen  Leders  eines  der  wertvollsten ­
  menschlichen  Nahrungsmittel  in  ungeheuren  Mengen  dem
Markte  entzogen  und  durch  die  große  Nachfrage  der  an  und  für  sich
schon  hohe  und  stets  steigende  Preis  noch  mehr  getrieben  wird.  Eine
einzige  Fabrik  in  Paris  mit  einer  jährlichen  Leistungsfähigkeit  von
1  Million  Fellen  in  der  Gerberei  und  800000  Fellen  in  der  Färberei
hat  einen  jährlichen  Eidotterkonsum  von  20000  kg  gleich  l 1 ^  Millionen
©er 1 ),  und  Abschlüsse  auf  10000  kg  Eidotters  sind  heute  keine
Seltenheit.
Unter  solchen  Verhältnissen  mußte  natürlich  das  Streben  aller  hier
irgendwie  beteiligten  Kreise  daraus  gerichtet  sein,  sür  das  teure  und
wertvolle  Eigelb  einen  Ersatz  zu  finden.  Voraussetzung  dahin  zielender
Versuche  war  die  Erkenntnis,  daß  die  wirksame  Substanz  des  Eigelbs
in  den  im  Nebendotter  vorhandenen  Öltröpfchen  vorliegt,  so  daß  sich
also  dadurch  die  Glacegerberei  als  zur  Gruppe  der  Alaun-Fettkombinationsgerbungen
  gehörig  charakterisiert.  Schon  Knapp  glaubte,  dieses
Öl  durch  Niederschläge  aus  Blut,  Urin,  dann  durch  Metallstearinseifen 2 )
ersetzen  zu  können,  man  hat  weiterhin  vorgeschlagen  Olivenöle,  Mandelöle ­
  in  Emulsion  mit  Weizenmehl  und  Gummi,  Parasfinöl,  merkwürdigerweise ­
  sogar  Kalbsgehirn  3 ),  auch  Seifenlösungen  Z,  dann  Spezialartikel,
wie  Eitnerin  u.  a.,  aber  alle  diese  Substanzen  haben  nicht  vermocht,
das  Eidotter  aus  der  wirklichen  Qualitätsware  zu  verdrängen;  sie  haben
lediglich  die  Bedeutung,  daß  sie  neben  Eidotter  hauptsächlich  zu  farbigen
Feinledern  Verwendung  finden.
Nächst  dem  Eigelb  das  teuerste  Material  für  die  Zwecke  der  Weißgerberei ­
  (Glacegerberei)  ist  das

8  8.  Mehl?)
Glace-  und  Kidlederfabriken  mit  einem  Mehlverbrauch  von
1  Zentner  pro  Tag  sind  keine  Seltenheit,  und  wenn  der  Zentner  Mehl
auf  15  Mark  berechnet  wird,  so  bedeutet  das  bei  300  Arbeitstagen  eine
Mehrausgabe  von  4500  Mark.  Für  das  Mehl  als  Nahrungsmittel
0  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage.
2 )  Berliner  Berichte  1898,  (Nr.  41,  3,  Beilage;  Knapp  1897,  S.  164—165;
Knapp  1892,  S.  V—VII.
s )  Jörissen  1909,  S.  92;  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  3.  Beilage.
4 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  191.
6 )  Vgl.  Gerber  1893,  S.  257  und  270;  Schönmanns  Journal  1896,  Nr.  10.
        <pb n="126" />
        86

lassen  sich  natürlich  die  gleichen  Betrachtungen  anstellen,  wie  oben  für  das
Eigelb,  aber  diese  haben  bisher  nicht  einmal  zu  brauchbaren  Versuchen
geführt,  an  Stelle  des  Mehles  eine  nicht  in  die  Reihe  der  Nahrungsmittel ­
  gehörige  Substanz  einzuführen.  Die  Versuche,  eine  Ersparnis  zu
bewirken,  bewegen  sich  nur  in  zwei  Richtungen.  Man  sucht  nämlich
erstens  zu  sparen  an  der  Qualität,  und  das  durch  Vermischung  mit
Bohnenmehl.  Denn  dadurch  sinkt  nicht  nur  der  Preis  des  verarbeiteten
Mehles,  sondern  unter  Umständen  kann  die  auf  Mischfrucht  liegende
städtische  Abgabe  gegenüber  der  Abgabe  auf  reinem  Weizenmehl  soviel
geringer  sein,  daß  sich  für  größere  Fabriken  aus  diesem  Unterschiede
eine  Jahresmehrausgabe  von  mehreren  100  Mark  berechnet.  Versuche
zur  Verwendung  von  Mischfrucht  in  der  Gerberei  haben  jedoch  zu  dem
Resultat  geführt,  daß  nur  die  allerfeinste  und  teuerste  Sorte  Weizenmehl ­
  vor  allen  Dingen  für  Glaceleder,  dann  aber  auch  für  Kidleder
befriedigende  Resultate  liefert.
Daher  sucht  man  zweitens  zu  sparen  an  Quantität.  Allein  die
weiße  Farbe  des  Leders,  sein  milder,  voller  Griff  werden  nur  durch
genügende  Mengen  von  Weizenmehl  erzeugt,  vor  allen  Dingen  aber  ist
eine  genügende  Menge  Weizenmehl  —  mindestens  6  Pfund  Mehl  auf
1  Pfund  Alaun  —  erforderlich,  um  den  nach  der  Gerbung  aus  dem
Leder  ausschlagenden  Alaun  aufzunehmen  und  unschädlich  zu  machen.
Weniger  ökonomische  als  sanitäre  Gesichtspunkte  sind  maßgebend
bei  Versuchen,  welche  gerichtet  sind  auf  Ersatz  von  dem  ausschließlich  in
der  Feinledergerberei  als  Beize  verwandten
8  9.  Hundekot.
Auf  die  Theorie  der  Beizen  werden  wir  an  anderer  Stelle  kurz
zu  sprechen  kommen.  Eine  Klasse  der  Beizen  faßt  man  zusammen
unter  dem  Namen  Mistbeizen,  und  von  diesen  wieder  ist  die  wichtigste
neben  Urin  und  Vogelmist  der  Hundekot.  Die  Anwendung  der  Mistbeizen ­
  ist  sehr  alt  und  stammt  aus  dem  Orient.  Aus  der  Zeit  Christi
sind  schon  Hundekotsammler  Z  beglaubigt,  und  die  Hunde  von  Konstantinopel, ­
  wie  überhaupt  in  manchen  orientalischen  Gegenden  sind  fast
bis  zum  heutigen  Tage  berüchtigt.
Die  Verwendung  derartiger  Stoffe  in  einem  Gewerbe,  noch  dazu
in  einem  gärenden,  faulenden  Zustande,  macht  solche  Verrichtungen
natürlich  zu  ekelhaften,  widerlichen,  und  es  ist  selbstverständlich,  daß
man  schon  immer,  besonders  aber  heute  vom  hygienischen  Standpunkt
aus,  solchen  Verhältnissen  zu  Leibe  geht.  Schon  1735,  als  eine  Pest
auf  der  Insel  Cypern  wütete,  machte  man  die  Hunde  für  deren  Ver-0

  Delitzsch  1868,  S.  39.
        <pb n="127" />
        87

breitung  verantwortlich;  aber  das  Gebot  der  Regierung,  wonach  alle
Hunde  getötet  werden  sollten,  wurde  auf  den  energischen  Einspruch  der
Lederbereiter  hin,  deren  Gewerbe  dadurch  in  Gefahr  geriet,  wieder
zurückgezogen 4  *  *  7  * ).  Neuerdings  hat  1902  der  „Verein  Deutscher  Gerber"
auf  eine  Anfrage  des  Staatssekretärs  des  Innern,  ob  und  in  welchem
Umfange  in  heimischen  Gerbereien  Hundekotexkremente  als  Gerbstoffe
Verwendung  finden,  ein  Gutachten  abgeben  lassen 2 ),  in  welchem  sich
leider  über  Mengenverhältnisse  keine  Angaben  finden;  1911  fühlte  sich
der  Polizeipräsident  von  Berlin  veranlaßt,  das  kgl.  Institut  für  Infektionskrankheiten ­
  um  Äußerung  über  die  Gefährlichkeit  des  in  der
Gerberei  verwendeten  Hundekots  für  die  Arbeiter  anzugehen 3 ).  Die  Ergebnisse ­
  dieses  Gutachtens,  der  Erfolg  aller  Privatbeobachtungen,  aller
Statistiken  stimmt  in  dem  einen  Punkt  mit  seltener  Klarheit  überein:
daß  die  vermutete  Gefährlichkeit  des  Hundekots  in  der  Tat  völlig  unbegründet ­
  ist 4 ).
Trotzdem  ist  natürlich  ein  Ersatz  des  Hundekots  durch  weniger
widerliche  Beizmittel  erstrebenswert,  und  die  hier  erzielten  Fortschritte
find  viel  bedeutender  zu  nennen,  als  wir  sie  oben  von  Eier-  oder  gar
von  Mehlsubstituten  verzeichnen  konnten.  Urinersatzbeizen  ,  Milchsäure ­
  «),  Tenuiskum  ff,  Oroponeff,  Erodin 9 ),  Phosphobutyraline 10  * )  sind
lauter  Substanzen,  welche  teilweise  in  ganz  beträchtlichen  Mengen  schon
Eingang  in  die  Industrie  gefunden  haben,  und  die  Namen  ihrer  Entdecker ­
  sind  zum  Teil  wohlklingende  Namen  in  der  Gerbereichemie.  Das
Wesen  besonders  der  neueren  unter  diesen  Ersatzstoffen  beruht  darauf,
daß  man  entweder  Enzyme")  oder  die  im  Hundekot  vorhandenen
Bakterien  in  Reinkulturen  herzustellen  sucht 12 ),  Probleme,  welche  gerade
bei  der  modernen  Strömung  der  Physiologie  und  der  Bakteriologie  als
besonders  aktuell  und  aussichtsvoll  erscheinen.  Im  großen  und  ganzen
aber  muß  man  sagen,  daß  es  bisher  noch  nicht  gelungen  ist,  vollkommen
brauchbare  Ersatzstoffe  für  Hundekot  zu  finden 4 ff,  und  daß  diese  Substanz ­
  daher  wohl  noch  in  einem  ähnlichen  Umfange  wie  früher  Haupt-  /
sächlich  aus  der  Türkei  und  aus  China  bezogen  wird 44 ).
Endlich  sei  noch  einer  Substanz  gedacht,  welche  heute  mehr  als
früher  Verwendung  findet,  das  ist  der
')  Schauplatz  1767,  Bd.  V,  S.  25.
ff  Schuh  und  Leder  1902,  Nr.  33,  S.  19.  -)  Ledermarkt  1911,  Nr.  79.
4 )  Ebenda  und  Zeitschrift  für  Angew.  Chemie  1911,  S.  1502.
ff  Berliner  Berichte  1910,  S.  115.  •)  Gerbercourier  1911,  Nr.  30.
7 )  Berliner  Berichte  1893,  Nr.  51,  1.  Beilage.
'  *)  Berliner  Berichte  1910,  S.  1391.
*)  Collegium  1911,  S.  201.  10 )  Gerber  1881,  S.  257.
u )  Collegium  1911,  S  201,  271,  276,  278,  281,  312,  324.
t2 )  Gerberkourier  1911,  Nr.  30.  ls )  Ebenda.  ")  Ledermarkt  1911,  Nr.  79.
        <pb n="128" />
        88

§  10.  Kalk.
Die  Frage  nach  dem  Ursprung  des  Kalkes  und  seiner  Kenntnis
bei  den  Alten  führt  nach  dem  gegenwärtigen  Stande  unseres  Wissens
auf  archäologisch-ethnographische  Gebiete,  welche,  wie  leider  so  viele,  im
Gebiete  der  Philologie  liegende,  und  in  das  Fach  der  Naturwissenschaften ­
  und  der  historischen  Technologie  einschlagende  Fragen,  noch  der
Bearbeitung  und  der  Lösung  harren.  Deswegen  läßt  sich  auch  die
Frage  nach  der  Einführungszeit  des  Kalkes  in  die  Gerberei  vorerst
nicht  beantworten.  Jedenfalls  hat  das  Mittelalter  den  Kalk,  anfangs
noch  neben  Asche,  dann  den  Kalk  allein,  zum  Äschern  benutzt.
Der  Kalk  ist  eines  der  billigsten  Rohmaterialien,  und  weniger
unter  dem  Gesichtspunkt  des  Kalkpreises  als  der  Häuteschonung  und
hygienischer  Rücksichten  wurden  und  werden  Versuche  gemacht,  welche
auf  Kalkersatz  hinzielen.  Wie  wir  sehen  werden,  bestehen  neben  der
Verwendung  des  Kalkes  bereits  seit  langem  Methoden  ohne  Kalk,  so  daß
der  Ersatz  des  Kalkes  gerade  nicht  zu  den  sehr  akuten  Tagesfragen  gehört.
Wir  sind  damit  am  Ende  unserer  Betrachtung  über  die  Rohmaterialien ­
  der  Gerberei  angelangt;  wir  haben  gesehen,  daß  der  Grundstamm ­
  an  Häuten  und  Fellen,  sowie  auch  an  Gerbstoffen  qualitativ  seit
mehreren  Jahrzehnten  in  einer  langsamen  Umbildung  begriffen  ist,  aber
bei  keinem  einzigen  dieser  Rohmaterialien  besteht  eine  auch  nur  annähernde ­
  Möglichkeit  zur  scharfen  Abgrenzung  der  Weißgerberei  gegen
die  übrigen  Gerbemethoden,  welche  der  Sprachgebrauch  fo  klar  voneinander ­
  trennt.  Speziell  die  Betrachtung  der  Gerbstoffe  hat  uns  den
auch  bei  den  Häuten  und  Fellen,  hier  allerdings  nicht  so  klar  hervortretenden ­
  Kampf  gelehrt,  welchen  die  seit  Jahrhunderten  überkommenen
Stoffe  gegen  die  Substanzen  der  neuen  Verkehrswirtschaft  und  Naturwissenschaft ­
  zu  führen  haben,  indem  nur  Substanzen  höchster  Brauchbarkeit ­
  immer  spezielleren  Zwecken  zugeführt  werden.  Wir  sehen  klar,
daß  dieser  Kampf  in  seinem  Beginne  hauptsächlich  als  Kampf  der  Provenienzen ­
  gegeneinander  sich  darstellt,  auf  den  ein  Kampf  der  Substanzen
untereinander  erfolgt.  So  sehen  wir,  daß  dieser  Konkurrenzkampf  in
seinem  Gesamtbilde  äußerst  mannigfaltig  und  farbenreich  für  uns  erscheint, ­
  aber  in  seiner  praktischen  Betätigung  führt  er  zu  den  auf  assortierten ­
  Rohwaren  aufgebauten  und  mit  Spezialitäten  durchgeführten
monotonen  Prozessen,  welche  in  den  Großbetrieben  tagtäglich  mit  der
pedantischen  Regelmäßigkeit  eines  Uhrwerkes  sich  ereignen.  Die  Kombination ­
  aller  dieser  Rohstoffe  zum  fertigen  Produkt  erfolgt  in  den
gerbereitechnischen  und  gerbereichemischen  Operationen,  zu  deren  Betrachtung ­
  wir  uns  nunmehr  zu  wenden  haben.
        <pb n="129" />
        2.  Teil.

Dir  Urodukttonsprinftpien.
3.  Kapitel.
Das  Wesen  der  Produktionsprinzipien.
8  11.  Die  Bedeutung  der  einzelnen  Operationen.
Eine  Betrachtung  über  Entwicklung  und  Wanderung  der  Produktionsprinzipien ­
  hat  zur  Ermöglichung  des  Verständnisses  zu  beginnen
mit  einer  kurzen  Darlegung  der  Bedeutung  und  Reihensolge  der  einzelnen
den  Gerbeprozeß  zusammensetzenden  Operationen;  denn  diese  sind  die
kleinsten  Einheiten,  die  Bausteine,  welche  auf  Grund  ihrer  verschiedenen
Kombinationen  zu  den  verschiedenen  Gerbemethoden  so  verschiedenartige
Sorten  von  Leder  liefern.
Die  erste  Operation,  welcher  konservierte  wie  grüne  Häute  gleichmäßig ­
  unterzogen  werden  müssen,  ist  das  sog.  Wässern.  Es  bezweckt
das  Quellen  der  Trockenhäute  bis  zu  ihrem  ursprünglichen  Quellzustand,
außerdem  eine  Reinigung  der  Häute  von  anhaftenden  Verunreinigungen,
wie  Schmutz,  Blut,  Kot,  Konservierungsmitteln  usw.
Es  folgt  die  Reinigung  der  Lederhaut  auf  der  Haarseite,  d.  h.
die  Entfernung  der  Epidermis  samt  den  in  ihr  sitzenden  Haaren.  Zwei
aufeinanderfolgende  Operationen  suchen  dieses  Ziel  zu  erreichen.  Die
erste  Operation  ist  eine  mehr  oder  weniger  chemische;  je  nachdem  man
dabei  die  Häute  und  Felle  in  Kalkwasser  usw.  mit  gewissen  Zusätzen
legt  oder  sie  auf  der  einen  Seite  mit  einem  Brei  aus  Kalk  und  Arsenik
bestreicht  oder  lediglich  einem  genau  kontrollierten  Fäulnisprozeß  aus
sich  selbst  unterwirft,  spricht  man  von  Äschern  oder  Kalken,  Anschwöden
oder  Giften,  und  von  Schwitzen.  In  allen  diesen  Fällen  wird  die
Epidermis  gelöst,  zerstört  oder  gelockert,  und  die  Haarzwiebeln  werden
ebenfalls  stark  alteriert,  so  daß  die  Haare  in  den  nun  folgenden  rein
mechanischen  Prozessen  mit  Leichtigkeit  herausgezogen  und  die  Epidermis
bis  zur  völligen  Bloßlegung  des  Narbens  abgeschabt  werden  kann.
        <pb n="130" />
        90

Besonders  für  den  Fall  des  Enthaarens  durch  Aschern  hat  nunmehr ­
  ein  gründliches  Entkalken  durch  sorgfältiges  Waschen  zu  folgen,
wie  überhaupt  Wässern  und  Waschen,  Bewegen  und  Stampfen  der
Häute  in  Wasser  in  wechselnder  Zahl  und  wechselnder  Dauer  der  Zeit
zwischen  die  einzelnen  Operationen  eingeschoben  zu  denken  ist,  auch
wenn  hier  nicht  immer  besonders  darauf  hingewiesen  wird;  denn  diese
stets  wiederholte  Reinigung  und  Durcharbeitung  der  Häute  und  Felle
ist  ohne  wesentliche  Bedeutung  für  den  theoretischen  Fortgang  der  Prozesse.
Meistens  an  dieser  Stelle,  also  nach  der  Reinigung  der  Haarseite,
folgt  die  Bloßlegung  der  Lederhaut  auf  der  Fleischseite,  ein  rein
mechanischer  Vorgang,  bewirkt  durch  Schaben  der  Fleischseite  mit
scharfen  Messern.  Die  -an  der  Haut  befindlichen  Anhängsel,  Kopf,
Schwanz  und  Extremitäten  werden  im  Anschluß  an  diese  Operation
mit  einem  scharfen  Messer  abgeschnitten.  Die  auf  diese  Weise  beiderseits ­
  bloßgelegte  Lederhaut  führt  den  Namen  „Blöße".
Als  letzte  Operation  vor  dem  eigentlichen  Gerbeprozeß  kommt  das
sog.  Beizen  oder  Schwellen  der  Blößen  in  Betracht  zur  völligen
Reinigung  der  Haut*)  von  den  auf  mechanischem  Wege  nicht  entfernbaren ­
  Kalk,  ev.  zur  Entfernung  von  Fettstoffen  aus  der  Hautsubstanz
und  endlich  zur  Beseitigung  der  durch  das  Äschern  hervorgerufenen
Schwellung  der  Haut,  der  sog.  Äschergeschwulst.  Außerdem  soll  der
Haut  ein  gewisses  Auflaufen,  eine  bestimmte  Schwellung  erteilt  werden,
welche  die  Poren  öffnet  und  das  dichte  Gewebe  der  Hautfasern  etwas
lockert,  um  das  Eindringen  der  Gerbesubstanzen  zu  erleichtern.  Substanzen, ­
  welche  diese  Zwecke  erreichen  sollen,  nennt  man  „Beizen",  und
man  unterscheidet
1.  Säure-  und  Zuckerbeizen,  wie  Salzsäure,  Schwefelsäure,  Milchsäure, ­
  Zucker  und  Honig.
2.  Mistbeizen,  wie  Hundekot,  Vogelmist,  und  dann  die  im  ersten
Teil  unserer  Betrachtung  ebenfalls  erwähnten  künstlichen  Mistbeizen.
3.  Kleien-  und  Strohbeizen.
4.  Kombinierte  Beizen.
Diese  Substanzen  wirken  entweder  rein  chemisch-reinigend,  oder
physikalisch-chemisch-quellend  oder  endlich  wirken  besonders  die  Mist-,
sowie  die  Kleien-  und  Strohbeizen  nicht  als  solche,  sondern  erst,  wenn
sie  durch  die  Tätigkeit  von  Bakterien  in  Gärung  eingetreten  sind.
Die  so  vorbereitete  Blöße  wird  nun  dem  eigentlichen  Gerbeprozeß,
dem  Gerbeprozeß  im  engeren  Sinne  des  Wortes  zugeführt.  Zweck
dieses  Gerbeprozesses  ist,  die  Lederhaut  in  eine  Form  überzuführen,
welche  sich  physikalisch  von  der  bloßen  getrockneten  Haut  dadurch  unter--)

  Dämmer,  Bd.  III,  S.  918  ff.
        <pb n="131" />
        91

scheidet,  daß  sie  nicht  wie  jene  blechern  und  hornartig  sich  anfühlt,
sondern,  daß  sie  womöglich  die  ganze  Festigkeit  der  rohen  Haut  vereinigt ­
  mit  Biegsamkeit,  Dehnbarkeit,  Weichheit  oder  Elastizität,  je  nach
dem  Zweck,  für  welchen  sie  bestimmt  ist,  und  welche  sich  chemisch  von
der  bloß  getrockneten  Haut  dadurch  unterscheidet,  daß  sie  der  Einwirkung ­
  von  Fäulnisbakterien  usw.  viel  schwerer  zugänglich  sich  erweist.
Je  nach  den  zur  Verwendung  kommenden  Gerbesubstanzen  werden  obige
Ziele  natürlich  in  verschiedener  Weise  und  bis  zu  verschiedenen  Graden
erreicht;  es  gibt  heute  Ledersorten,  welche  durch  Wasser  nicht  geändert
werden,  und  von  diesen  an  gibt  es,  in  vielfältiger  Abstufung,  solche,
welche  schon  durch  kurze  Behandlung  mit  Wasser  wieder  in  den  Zustand ­
  der  rohen  Haut  übergeführt  werden.  Die  Weißgerberei  z.  B.
erzeugt  Lederarten,  welche  die  Ledereigenschaft  zwar  besitzen,  aber  leicht
wieder  verlieren  können.
Nach  den  in  diesem  Prozeß  verwendeten  Gerbesubstanzen  wird  die
Gerberei  überhaupt  folgendermaßen  eingeteilt:
Bei  Verwendung  von  Lohe  oder  vegetabilischen  Gerbesubstanzen
spricht  man  von  Loh-  oder  Rot-  oder  vegetabilischer  Gerberei;  wie  wir
bereits  gehört  haben,  ist  der  vegetabilische  Gerbstoff  vor  allen  Dingen
der  Lohe,  aber  auch  der  anderer  Pflanzenteile,  von  bräunlichen,  rötlichen ­
  oder  gelblichen  Farbstoffen  begleitet,  wodurch  das  Leder  die  Farbe
dieses  begleitenden  Farbstoffes  annimmt.  Bei  Verwendung  von  Alaun
und  Kochsalz  spricht  man  von  Weißgerberei,  weil  das  mit  Alaun  und
Kochsalz  gegerbte  Leder  eine  weiße  Farbe  erhält;  die  Chromgerberei
erzeugt  grünliches  Leder  und  bedient  sich  der  Chromsalze,  während  die
Gerbung  mit  Eisensalzen  ein  bis  heute  ungelöstes  Problem  darstellt;
die  Gerbungen  mit  Alaun,  Chromsalzen  und  Eisenpräparaten  faßt  man
zusammen  unter  dem  Titel  „Mineralgerbungen".  Die  Sämischgerberei,
Fettgerberei,  welche  die  weichen  Waschleder  erzeugt,  verwendet  als
Gerbstoff  den  Tran,  und  neuere  Versuche  mit  Formaldehyd,  Stearinsäure, ­
  Elektrizität  und  andere  nennt  man  dementsprechend  Formaldehydgerbungen, ­
  Stearinsäuregerbungen,  Elektrische  Gerbungen.  Das  sind
die  einfachen  Gerbmethoden;  ein  nach  einer  dieser  Methoden  gegerbtes
Leder  erweist  sich  nach  ganz  bestimmten  Richtungen  verändert  und  mit
ganz  bestimmten  physikalischen  und  chemischen  Eigenschaften,  Vorzügen
und  Nachteilen  begabt.  Es  ist  ein  erstrebtes  Ziel,  besonders  der  neuesten
Zeit,  wenn  natürlich  auch  die  geschichtlichen  Wurzeln  weit  zurück  sich
verfolgen  lassen,  durch  Kombination  dieser  verschiedenen  Gerbesubstanzen, ­
  sei  es  miteinander,  sei  es  nacheinander,  Lederqualitäten  von
neuen  Eigenschaften  zu  erzeugen,  wobei  außerdem  bestimmte  Nachteile
ausgemerzt  sein  sollen.  So  kommt  es,  daß  es  heute  einfache  Gerbemethoden ­
  fast  nicht  mehr  gibt.  Das  Sohlleder  ist  rein  lohgar,  das  gewöhn-
        <pb n="132" />
        92

liche  Weißleder  ist  rein  weißgar  und  das  gewöhnliche  Waschleder  ist
rein  sämischgar;  aber  unsere  übrigen  Gebrauchsleder  sind  fast  alle  in
kombinierten  Verfahren  gegerbt.  Schon  das  einfache  Schmieren  des
Leders  mit  Tran  bedeutet  eine  Art  Kombinationsgerbung,  die  gewöhnliche ­
  Glacegerbung  mit  Alaun,  Mehl  und  Eiern  ist  eine  Alaunfettkombinationsgerbung, ­
  bei  welcher  die  gerbenden  Substanzen  gleichzeitig ­
  zur  Einwirkung  gelangen,  während  beim  ungarischen  Leder  (mit
Alaun  und  Talg  gegerbt,  also  ebenfalls  eine  Alaunfettkombinationsgerbung)
  die  gerbenden  Substanzen  nacheinander  ihre  Wirkung  aus
das  Leder  ausüben.  Oberleder,  Handschuhleder,  Futterleder,  die  große
Zahl  von  Chromgerbungen,  das  sind  fast  alles  Kombinationsgerbungen,
ein  Komplex,  welcher  technisch  leicht  in  ein  übersichtliches  System  zergliederbar ­
  ist,  welcher  aber  für  ökonomische  Betrachtungen  als  unauflösbar
und  unentwirrbar  sich  erweist,  sobald  man  unter  die  kleinsten  Einheiten
der  Statistik  heruntergeht,  und  letzteres  ist  natürlich  besonders  dann
der  Fall,  wenn  man  zur  Untersuchung  der  Großbetriebe  sich  anschickt,
weil  hier,  ohne  daß  man  gerade  von  kombinierten  Betrieben,  von
industriellen  Trusts  oder  sonstigen  modernen  Konzentrationsformen  der
Industrie  zu  reden  braucht,  in  allen  Lederbranchen,  vielleicht  mit  der
einzigen  Ausnahme  des  gewöhnlichen  lohgaren  Sohlleders,  selbst  die
spezialisiertesten  Betriebe  dennoch  fast  immer  schon  wieder  Zusammenfassungen ­
  noch  kleinerer  Einheiten  darstellen;  so,  wie  z.  B.  der  gewöhnliche ­
  Handwerker  seit  Jahrhunderten  weiße  und  braune  Schaffelle,  wie
der  „Weißgerber"  weiß  und  sämisch  in  seiner  Hand  vereinte,  weil  das
damals  die  kleinsten  bekannten  Einheiten  gewesen  sind,  so  sind  auch
heute  in  den  größten  Betrieben  weiße  und  braune  und  farbige  Schafleder ­
  oder  Sämischleder  und  Fettgarkombinationen  oder  Alaun-  und
Chromglace  mit  Kalbkid  und  Farbenchevreaux,  oder  Rot-  und  Chromgerberei ­
  oft  miteinander  verbunden.  Wir  wollen  im  folgenden  versuchen, ­
  hauptsächlich  der  Weißgerberei  und  Glacegerberei,  daneben  auch
der  ungarischen  Weißgerberei  unser  Hauptaugenmerk  zuzuwenden,  wobei
aber  neben  der  Pergamentmacherei  vor  allen  Dingen  die  Sämischgerberei ­
  wegen  der  schon  öfter  angedeuteten  engen  ökonomischen  Beziehungen ­
  während  der  ganzen  Phase  des  deutschen  Handwerks  einer
ziemlich  eingehenden  Berücksichtigung  bedarf.
Auf  den  eigentlichen  Gerbeprozeß  folgt  nun  eine  weitere  Reihe
von  Operationen,  welche  man  unter  dem  Namen  Nacharbeit  oder  Zurichterei ­
  zusammenfassen  kann.  Es  sind  das  rein  mechanische  Vorgänge,
mit  dem  Zweck  dem  gegerbten  Leder  ein  käufliches  Aussehen  zu  geben;
es  ist  das,  was  man  in  der  Textilindustrie  Appretur,  Finish  nennt,
und  so  gering  die  Bedeutung  dieser  Operationen  vom  theoretischen
Standpunkt  aus  gewertet  werden  mag,  so  groß  ist  ihre  Wichtigkeit
        <pb n="133" />
        93

vom  ökonomischen  und  vom  technischen  Standpunkte,  nämlich  vom  ökonomischen, ­
  weil  durch  diese  Prozesse  die  gegerbte  Ware  in  der  Wertschätzung ­
  besonders  der  letzten  Konsumenten  sehr  gesteigert  wird,  vom
technischen,  weil  die  Überführung  dieser  Prozesse  von  der  Handarbeit
zu  maschinellen  Operationen  für  den  Techniker  eine  Reihe  außerordentlich ­
  schwer  zu  lösender  Probleme  umfaßt,  für  den  Fabrikanten  die
Investierung  ganz  bedeutender  Kapitalien  bedeutet.
Die  Beschaffenheit  der  ganzen  Ledersubstanz  wird  ins  Auge  gefaßt ­
  bei  den  Operationen  des  Walkens,  Stollens,  Überlassens,  Brechens,
Krispelns,  Reckens  usw.,  welche  die  Zähigkeit,  Dehnbarkeit,  Weichheit
des  Leders  bewirken  sollen;  dem  gegenüber  steht  z.  B.  die  Festigkeit
und  Härte  des  Sohlleders,  welche  durch  Klopfen  oder  große  Drucke
erreicht  wird.  Die  Beschaffeuheit  ausschließlich  oder  fast  ausschließlich
der  Oberfläche  kommt  in  Betracht  bei  den  Operationen  des  Bimsens,
Dollierens,  Pantoffelns,  Bügelns  usw.;  hier  wird  die  Narbe  entweder
abgenommen,  so  beim  Chairleder,  oder  es  werden  besonders  bei  den
Spalten  künstliche  Narben  aufgepreßt,  es  wird  der  Narben  gehoben,
um  einen  vollen  weichen  Griff  zu  erzielen,  oder  der  Narben  wird  geglättet, ­
  geglänzt  usw.;  zu  den  Operationen  der  Nacharbeit  gehört  auch
die  Lederfärberei,  und  diese  von  den  einfacheren  Formen  des  bloßen
Schwärzens  bei  geringeren  oder  schweren  Ledersorten  bis  zur  hoch  entwickelten ­
  Nuancenfärberei  hauptsächlich  der  Feinlederindustrie.
Diesen  Operationen  schließen  sich  dann  noch  an  die  des  Sortierens
und  des  Packens  zum  Versand.
Wenn  wir  an  dieser  Stelle  den  ganzen  Fortgang  des  Gerbeprozeßes
im  weiteren  Sinne  noch  einmal  kurz  überblicken,  so  sehen  wir,  daß
derselbe  sehr  natürlich  in  drei  sehr  scharf  geschiedene  Operationsreihen
zerfällt,  nämlich
A.  Die  Vorbereitung  für  den  eigentlichen  Gerbeprozeß.
B.  Der  eigentliche  Gerbeprozeß.
0.  Die  Nacharbeit.
Sämtlichen  Gerbemethoden  gemeinsam  ist  die  Zusammensetzung
der  ersten  Operationsreihe  aus  den  Prozessen
1.  des  Wässerns
2.  des  Enthaarens,  und  zwar
a)  Lockerung  der  Haare.
b)  Entfernung  der  Haare.
3.  des  Entfleischens
4.  des  Schwellens  oder  Beizens
während  die  dritte  Reihe  von  Operationen,  die  Nacharbeit,  fast  bei
jeder  Ledersorte  aus  anderen  Elementen  bestehend  sich  erweist.
Um  uns  über  die  Stellung  der  Weißgerberei  innerhalb  des
        <pb n="134" />
        94

Gesamtkomplexes  der  Gerberei  zu  orientieren,  und  um  zu  zeigen,  wie
die  Qualität  des  fertigen  Produktes  von  den  jeweiligen  Operationen
abhängt,  sollen  die  wichtigsten  Typen  der  Gerberei  auf  obiges  Schema
gebracht  werden.
§  12.  Schematische  Darstellung  der  wichtigsten  Typen.
I.  Theoretische  Schemata.
A.  Schemata  ohne  eigentlichen  Gerbeprozeß.
Fischhautchagrin x ).
A.
1.  —
2.  —
3.  ?
4.  —
B.  —
C.  Ausspannen  im  Rahmen.
Trocknen.
ev.  Abschleifen  mit  Sandstein,
ev.  Färben.
Pergament.
Schema  des  8.  Jahrhunderts^).
A.
1.  ?
2.  Äschern  im  Kalkbad  3  Tage.
Abschaben  der  Haare.
3.  ?
4.  —
B.  —
C.  Ausspannen  und  Trocknen.
Schema  des  14.  Jahrhunderts^).
A.
1.  ?
2.  a)  ?
b)  ?
3.  ?
4.  —
')  Vgl.  Beckmann  1794,  Bd.  I,  S.  193;  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  159  x
Rüst  1844,  S.  338.
-  Vgl.  Breßlau  1889,  S.  887—888.  3 )  Vgl.  Gerberzeitung  1867,  S.  168.
        <pb n="135" />
        95

p  fcd  j&amp;gt;  p  W  p  W

Weichen  in  einer  Lauge  aus  Asche  von  Weinstöcken.
Einölen  oder  Einschmieren.
Entfetten  durch  Reiben  in  Weizenkleie.
Legen  in  Milch.
Entfernen  der  Milch  durch  Auspressen  mit  Weizenmehl.
Einstauben  mit  Kreide.
Schema  des  17.  Jahrhunderts').

1.  ?
2.  a)  Einmachen  in  Kalk.
b)  Enthaaren.
3.  ?
4.  —
Schmieren.
Ausspannen  im  Rahmen.
Trocknen.
Abschaben  mit  dem  Schabeeisen.
Einstauben  mit  Kreide.
Abreiben  mit  Bimsstein.
Schema  im  18.  Jahrhundert-).
1.  Wässern.  Ausstreichen.
2.  a)  Äschern
b)  Enthaaren.
3.  Putzen.  Schlichten.
4.  Treiben  im  Brunnenäscher.  Ausstreichen  a.  d.  Fleischseite.
Spannen  im  Rahmen.
Entkalken  durch  Streichen  auf  der  Fleischseite.
Einreiben  mit  Kreide.
Bimsen.
Trocknen.
Streichen  der  Narbenseite.
Schaben.
Glätten  mit  Bimsstein.
(Leimtränken).
(Gülben).

')  Vgl.  Weigel  1698,  S.  625  ff.

*)  Vgl.  Beckmann  1796,  S.  300.
        <pb n="136" />
        96

Schema  im  19.  Jahrhunderts.
A.
1.  Einweichen.  Ausstreichen.
2.  a)  Kalkäschern.
b)  Auflockern  durch  Aufstreichen  eines  Breies  von  gesiebter
Holzasche  und  gebranntem  Kalk.  Wässern.
3.  Schaben.
4.  ?
B.  —
C.  Ausspannen  im  Rahmen.
Bestreuen  mit  Kreide  oder  gelöschtem  Kalkpnlver
Abreiben  mit  Bimsstein.
Grundieren  mit  Bleiweiß  und  Leim.
Bestreichen  mit  Öl.
Chagrin 2 ).
A.  1.  Wässern.
2.  a)  Einweichen  bis  die  Epidermis  sich  löst  und  die  Haut
das  Haar  willig  verliert  3 ).
b)  Enthaaren.
3.  Entfleischen.
4.  Einweichen,  bis  die  Haut  eine  Schwellung  angenommen  hat.
B.  —
C.  Ausspannen  im  Rahmen.
Eintreten  von  Chenopodium  albiim.
Trocknen.
Ausklopfen  der  Samen.
Schaben  und  Glätten  mit  dem  Schabeeisen.
Legen  in  Wasser  2—3  Tage.
Schwencken  in  heißer  Lauge.
Schwellen.
Glätten  mit  dem  Streicheisen  auf  gepolsterter  Bank.
(D.  Für  den  Fall  einer  Färbung.
Schwellen  in  einer  aus  Galläpfeln  bereiteten  Lohbrühe.
Einweichen  in  milchwarmer  Sodalösung.
Einweichen  in  Kochsalzlösung.
Färben:
st  Rüst  1844.  S.  336.
st  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  148-149;  Poppe  G.  1837,  Bd.  II,  8  651,
S.  340;  Pallas  1781,  Bd.  I,  S.  325ff.;  Beckmann  1796,  S.  290.
st  Pallas  1781,  Bd.  I,  S.  325.
        <pb n="137" />
        97

P  tö

meergrün  mit  Kupfer  und  Salmiak,
blau  mit  Indigo,  Soda,  Kalk  und  Honig,
schwarz  mit  Galläpfeln  und  Eisenvitriol,
weiß:  Tränken  mit  Alaun.
Bestreichen  mit  Mehlteig.
Trocknen.  Schmieren  mit  heißem  Hammelfett.
Trocknen  an  der  Sonne.  Begießen  mit  warmem
Wasser.
Streichen  mit  hölzernen  Werkzeugen,  Putzen
rot:  Alaun  und  Cochenille.)
B.  Schemata  mit  eigentlichem  Gerbeprozeß.

Vegetabilische  Gerbung.
Gewöhnliche  Rotgerberei.

A.

1.  Wässern  oder  Weichen.
2.  a)  Äschern,  Anschwöden  oder  Schwitzen,
d)  Enthaaren.
3.  Entfleischen.
4.  Schwellen.  &amp;gt;
Gerben  durch  Einsetzen  in  die  Grube  oder  im  Lohauszug.
Sohlleder  Fahlleder
Reinigen  von  der  Lohe.  Falzen  der  Fleischseite.  Spalten.

Trocknen.
Hämmern.

Färben.
Schmieren.

Befeuchten.
Brechen  und  Stolle  m
Abschleifen.
Dollieren.
Chagrinieren.
Glanzstoßen.
Krispeln.
Lakieren.

A.

Corduan x ).

1.  Wässern.
2.  a)  Äschern.

b)  Enthaaren.

')  Vgl.  Poppe  1837,  S.  336.

7
        <pb n="138" />
        98

3.  Entfleischen  H.
4.  Schwellen  in  Hundekot,  dann  Weizenkleie.  Auspressen.
Einreiben  mit  Salz,  Schwellen  in  Feigenbrühe.
B.  Gerben  mit  Sumach,  Galläpfeln  oder  Eichenlohe  ^).
6.  Trocknen.  Nur  Schwarz  wird  nach  dem  Gerben  gefärbt.
Ölen.  Falzen  auf  der  Fleischseite.  Krispeln.
Saffian.
A.
1.  Wässern.
2.  a)  Äschern,
b)  Enthaaren.
3.  Entfleischen.
4.  Schwellen  in  Kleienbeize  für  rot;  in  Galläpfelbeize  für
gelb;  Rotfärben  vor  dem  Gerbens.
B.  Zusammennähen  des  Felles  zu  einem  Sack  und  Füllen  der
Gerbbrühe  aus  Sumach  in  dasselbe  Z.
6.  Trocknen.  Färben.
Recken.
Schlichten.
Glätten.
Krispeln.
Einreiben  mit  Öl.
(Saffian  ist  nicht  so  mild,  mollig  und  kleinnarbig  als  der  Corduan,
  jedoch  ebenso  glänzend  und  schön  von  Farbe  6 ).  Ursprünglich ­
  aus  Ziegenfellen  hergestellt.)
Mineralgerbungen.
Wir  führen  hier  nur  an  das  Schema  der  Weißgerberei;  denn  die
Eisengerberei  hat  noch  keine  praktische  Bedeutung  erlangt  und  die  Chromgerberei ­
  in  ihren  modernen  Methoden  des  Ein-  und  Zweibadverfahrens
schließt  sich  in  der  Vorarbeit  und  in  der  Zurichterei  an  die  Methoden
der  feinen  oder  schweren  Leder  an,  je  nach  dem  beabsichtigten  Zwecke,
während  das  eigentliche  Gerbeverfahren  im  engeren  Sinne  für  uns
nicht  in  Betracht  kommt.
*)  Weigel  *  *)  unterscheidet  im  17.  Jahrhundert  einen  Glanzcorduan  und  einen
rauhen  Corduan.
-)  Vgl.  Justi  1780,  Bd.  II,  S.  584;  Prechtl  1838,  S.  276;  Beckmann  1796,
S.  289.  -1  Vgl.  Poppe  1837,  S.  337.
4 )  Jacobson  1782,  Bd.  III,  S.  480;  Wagner  1873,  S.  279  Prechtl  1838,
S.  276.  °)  Justi  1780,  Bd.  II,  S.  586
*)  Weigel  1698,  S.  624.
        <pb n="139" />
        99

Gewöhnliche  Weißgerberei.
A.
1.  Wässern  und  Schaben.
2.  a)  Geschorene  Felle  in  Kalkmilch.
Ungeschorene  Felle  zum  Anschwödeu  oder  Schwitzen
b)  Enthaaren.
3.  Entfleischen,  Putzen,  Vergleichen.
4.  Treiben  im  Kalkäscher  oder  in  Weizenkleie.
B.  Gerben  in  Alaun  und  Kochsalz.
6.  Trocknen.
Recken.
Ausstreichen.

Fettgerbung.

A.

Sämischgerberei.

1.  Wässern  oder  Weichen.
2.  a)  Äschern,  Giften  oder  Schwitzen,
b)  Enthaaren.
3.  Entfleischen.  3  a)  Abstoßen  der  Narbe.
4.  Treiben.
B.  Walken  mit  Tran.
Schwingen  a.  d.  Luft.
Aufhängen.
Walken  mit  Tran.
Färben  in  der  Braut.
Verwerfen.
0.  Entfetten  mit  lauwarmer  Sodalösung.
Walken  mit  Stoßkeulen.
Anfeuchten.
Stollen  auf  der  Fleischseite.
Streichen.
Schlichten.
Bügeln.

Kombinationsgerbungen.
Französische  oder  Erlanger  oder  Glacegerberei.
1.  Wässern  oder  Weichen.
2.  a)  Äschern,  Giften  oder  Schwitzen,
b)  Enthaaren.

7*
        <pb n="140" />
        100

3.  Entfleischen,  Ausstreichen,  Vergleichen.
4.  Beizen.
B.  Gare,  bestehend  aus  Alaun,  Kochsalz,  Mehl,  Eidotter.
0.  Strecken  der  nassen  Felle.
Schnelles  Trocknen  der  Felle.
Anfeuchten.
Treten,  Brechen,  Walken.
Stollen,  Schlichten,  Streichen.
Glätten.
Ungarische  Weitzgerberei  x ).
A.
1.  Wässern  oder  Weichen.
2.  a)  —
b)  Abscheren  der  Haare  mit  einem  Putzmesser.
3.  Entfleischen.
4.  —
B.  Gerben  mit  Alaun  und  Kochsalz.
Trocknen.
Richten  auf  der  Reckbank.
Tränken  mit  heißem  Talg  über  glühenden  Kohlen.
6.  Trocknen.
Juchten.
A.
1.  Wässern  oder  Weichen.
2.  a)  Äschern  in  Kalk,  Asche  oder  Seifensiederlauge 2 ).
b)  Enthaaren.
3.  Entfleischen.  Vergleichen.
4.  Schwellen  in  Hafermehl 3 )  Hafermehl  und  Bier  *  *).
Hundekot B ).
B.  Gerben  mit  Weidenrinde,  Fichtenrinde,  Birkenrinde 6 ),
und  zwar  mit  deren  warmen  Auszügen.
Ausstreichen.
Färben,  indem  man  in  die  paarweise  zusammengenähten
Felle  die  Farbbrühe  gießt 7 ).

*)  Vgl.  Handwörterbuch  der  Chemie  und  Physik  August  usw.  1845,  S.  229.
*)  Beckmann  1796,  S.  286.  »)  Poppe  1837,  S.  334.
Beckmann  1796,  S.  286.  5 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  7.
°)  Poppe  1837,  S.  334;  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  8.
')  Poppe  1837,  S.  335.
        <pb n="141" />
        101

Bestreichen  der  Narbenseite  mit  Alaunlösung.
Ölen  mit  Birkenteer.
0.  Krispeln.
Falzen.
Schlichten.
Ziehen  durch  den  Brechring.
Abputzen  mit  dem  Schabeeisen.
Einreiben  mit  Öl.
Glätten.

IL  Praktische  Beispiele.
Gewöhnliche  Weitzgerberei.
A.
1.  Einweichen  oder  Wässern.
Ausstreichen  auf  beiden  Seiten  zur  Reinigung.
2.  a)  Kalken.  Giften  oder  Schwitzen.
Abwaschen  der  Felle,
b)  Enthaaren.
Treiben  im  Kalkäscher.
Behandeln  im  faulen  Äscher.
3.  Vergleichen.
Einweichen  in  Wasser.
Entfleischen.
Einweichen  in  Wasser.
Ausstreichen.
Walken  in  Wasser  mit  hölzernen  Keulen.
Auswaschen.
Ausstreichen  auf  dem  Schabebaum.
Waschen.
Bearbeiten  auf  dem  Streichbock.
4.  Beizen  in  Kleienbeize.
Waschen.
B.  Gerben  in  Alaun  und  Kochsalz.  Wiederholtes  Durchziehen
durch  die  Brühen.  Zusammenschlagen  der  Häute  und  Liegen
24—50  Stunden.
C.  Trocknen  auf  Stangen.
Stollen.
Recken  und  Streichen  auf  dem  Streichrahmen.
Die  Zahl  und  Dauer  der  Operationen  in  diesem  Beispiel  ist
immerhin  noch  eine  sehr  geringe  im  Vergleich  mit  den  Verhältnissen
        <pb n="142" />
        102

des  17/18.  Jahrhunderts,  wo  Wässern,  Waschen,  Stampfen,  Streichen,
Äschern  usw.  immer  und  immer  wieder  sich  wiederholen.  Vergl.  dazu
die  Abhandlung  in  Schauplatz  Bd.  I—IV—VI.
Glacegerberei.
A.
1.  Einweichen.
Umweichen.
2.  a)  Äschern.
Auswaschen,
b)  Enthaaren.
Legen  in  Wasser.
Beschneiden.
Beizen.
3.  Entfleischen.
Läutern.
Läutern  mehreremale.
4.  Kleienbeize.
Ablaufenlassen.
B.  Gare.  Zuerst  in  rotierenden  Fässern.
Dann  im  Bottich.
Aufhängen.
Trocknen.
Wenden.
Binden  in  Packen.
Liegen  in  Borke  2—4  Wochen.
6.  Einstoßen  in  Wasser.
Eintreten  in  Kisten.
Brechen.
Legen  in  Kisten.
Walken.
Stollen.
Aufhängen  zum  Trocknen.
Einlegen  in  Kisten.
Walken.
Überlassen.
Legen  in  Packen.
D.  Sortieren.
E.  Färben.  Chair.
Einlegen  (in  feuchtes  Sägemehl).
Dollieren  (Bimsen).
        <pb n="143" />
        103

Broschieren  (Anfeuchten).
Bimsen.
Färben  a)  Bürstfarben.
b)  Tunken.
Broschieren.
Einlegen.
Stollen.
Trocknen.
Überlassen  usw.
Kidleder  wird  noch  gebügelt.

Diese  beiden  Beispiele,  welche  ich  der  Praxis  entnommen  habe,
mögen  genügen,  um  zu  zeigen,  in  welcher  Weise  die  oben  gegebenen
einfachen  theoretischen  Schemata  in  Handwerk  und  Industrie  ausgeweitet ­
  und  gedehnt  werden,  wie  sich  die  Zahl  gleicher  oder  ähnlicher
Operationen  häuft  und  wiederholt,  so  daß  eine  sehr  lange  Reihe  von
aufeinanderfolgenden  Phasen  entsteht,  welche  den  Prozeß  für  die  Praxis
sehr  verteuern,  und  welche  die  Übersichtlichkeit  und  das  theoretische  Verständnis ­
  besonders  auch  durch  die  große  Zahl  von  Fachausdrücken  erschweren, ­
  wenn  man  sich  nicht  der  einfachen  Formel  bedient.

IH.  Zusammenfassung.
Die  hier  aufgestellten  Schemata  zeigen  uns,  welch  große  Zahl  von
Momenten  von  Einfluß  ist  auf  die  endgültge  Qualität  des  Leders.
Erinnern  wir  uns  der  Ausführungen  des  ersten  Teiles  über  die  zur
Verarbeitung  gelangenden  Rohstoffe,  so  können  wir  die  Punkte,  welche  die
Verschiedenheit  des  Leders  bedingen,  nicht  besser  zusammenfassen,  als
dies  Hermbstädt  schon  vor  einem  Jahrhundert  getan  hat;  einige  weitere
Punkte  haben  wir  allerdings  dem  noch  zuzufügen.
Auf  die  Verschiedenheit  der  Leder  wirken  ein
(vergl.  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  171)
1.  Art  des  Tieres.
2.  Geschlecht  des  Tieres,  ev.  castriert.
3.  Alter  des  Tieres.
4.  Ob  gesund  oder  krank.
5.  Ob  im  Stall  oder  auf  der  Weide  gezogen.
6.  Klima,  unter  welchem  es  wuchs.
7.  Ob  lang-  oder  kurzhaarig.
8.  Beschaffenheit  des  Wassers  beim  Gerben.
9.  Dauer  und  Zeit  der  Einweichung.
        <pb n="144" />
        104

10.  Natur  der  Beizmittel.
11.  Natürliche  Beschaffenheit  der  Schwellbeize  oder  der  Gärungsmittel. ­

12.  Dauer  der  Zeit,  während  welcher  man  schwellt.
13.  Temperatur  des  Schwellens.
14.  Zahl  und  Reihenfolge  der  Operationen  und  Dauer  derselben.
15.  Stoßen,  Walken,  Streichen  usw.
16.  Natur  des  Gerbematerials.
17.  Zeitdauer  des  Gerbens.
18.  Temperatur  des  Gerbens.
19.  Dicke  der  Haut  vor  dem  Gerben.
20.  Ob  gefettet  wird  oder  nicht.
21.  Ob  mit  Alaun  behandelt  wird  oder  nicht.
22.  Beschaffenheit  des  Fettes.
23.  Ob  das  Fett  warm  eingerieben  wird  oder  kalt.
24.  Zahl  und  Art  der  Operationen  des  Zurichtens,  wie  Stollen,
Schlichten,  Strecken,  Recken,  Krispeln,  Pantoffeln  usw.
25.  Ob  die  Narbe  entfernt  ist  oder  nicht.
26.  Ob  die  Fleisch-  oder  die  Haarseite  vorzüglich  bearbeitet  ist.
27.  Auch  das  Färben,  da  auch  die  Farbstoffe  oft  noch  gerben,
so  die  Alaunbeize  und  die  Farbstoffe  selbst.
Mit  diesen  Gerbemethoden  ist  natürlich  die  Zahl  der  Gerbungsarten ­
  keineswegs  erschöpft.  Wir  werden  sehen,  daß  die  Zahl  der  Gerbemethoden ­
  sowohl  auf  primitiven  Stufen  der  Kultur  eine  viel  größere
ist,  als  auch,  daß  es  dem  19.  Jahrhundert  gelungen  ist,  eine  weitere
Zahl  hinzuzufügen;  aber  die  angegebenen  Schemata  sind  einmal  feste
Typen  in  der  großen  Zahl  der  kleinen  Variationen,  zweitens  aber
stellen  sie  uns  den  festen  Stamm  dar,  welchen  das  19.  Jahrhundert
als  Erbe  vieler  verflossener  Zeitperioden  überkommen  hat;  sie  sind  gewissermaßen ­
  feste  Einheiten  im  Wechsel  der  Erscheinungen,  das  Ziel,
in  welchem  eine  vielhundertjährige  Entwicklung  gegipfelt  hat,  andererseits ­
  aber  auch  wieder  der  Ausgangspunkt,  in  welchem  die  Wurzel
der  modernen  Entwicklung  liegt.  Es  wird  unsere  nächste  Aufgabe  sein,
an  Hand  des  so  gewonnenen  festen  Gerüstes  ein  Verständnis  zu  gewinnen ­
  für  die.  leitenden  Ideen,  welche  den  Gerbemethoden  zugrunde
liegen,  um  dann  von  hier  aus  in  festen  Tatsachenreihen  die  Entwicklung
der  Technik  bis  zu  unseren  Tagen  verfolgen  und  verstehen  zu  können.
        <pb n="145" />
        4.  Kapitel.
Die  Entwicklung  der  NroduktionsprWpien.
Eine  vergleichende  Untersuchung  über  die  verschiedenen  Formen
der  primitiven  Fellarbeit,  eine  Darstellung  der  Entwicklung  der  Haarlockerung, ­
  endlich  auch  eine  Betrachtung  der  Entstehung  der  Gerbemethoden ­
  auf  dem  Boden  der  jeweils  vorliegenden  wirtschaftlichen  Bedingungen ­
  würde  über  den  Rahmen  dieser  Arbeit  hinausführen;  eine
solche  Untersuchung  über  die  genetische  Stellung  der  Weißgerberei  zeitigt
ganz  unerwartete  Resultate;  aber  eine  spezielle  Untersuchung  wie  die
vorliegende  gibt  keinen  Raum  zu  einem  tieferen  Eingehen  auf  jene
prinzipiellen  Zusammenhänge.  Ich  will  mich  hier  darauf  beschränken^
die  Theorien  aufzusuchen,  welche  bei  der  Entstehung  neuer  Gerbemethoden
Mitwirkung  geübt  haben;  denn  auch  in  diesem  Falle  bewegen  wir  uns
aus  einem  kaum  bearbeiteten  Boden.

8  13.  Die  Gerbetheorien  und  ihre  praktische  Bedeutung.
Theoretische  Ansichten  über  chemische  Vorgänge  hat  man  schon  sehr
frühe  gehabt,  es  sind  die  bekannten  von  den  wer  Elementen  mit  der
sich  daraus  ergebenden  Lehre  von  der  Metallverwandlung,  lese  ehre
hat  ein  vielleicht  mehrtausendjähriges  Schema  gebildet  ),  aus  we  che
der  stets  sich  erweiternde  Kreis  von  chemischen  Tatsachen  immer  un
immer  wieder  reduziert  wurde,  es  ist  das  Schema  auch  für  re  me  izinischen
  Grundvorstellungen;  aber  über  die  Theorie  technischer  Hrozepe
hat  man  sich  bis  zur  Wende  des  18.  Jahrhunderts  niemals  ausgesprochen,
da  man  es,  mit  wenigen  späten  Ausnahmen,  bis  dahin  nach  hellenischem
Vorgang  kaum  für  der  Mühe  wert  hielt,  einen  technischen  Prozeß  au  )
nur  äußerlich  zu  beschreiben.  Wir  sind  indessen  trotzdem  nicht  vor  em
ganz  leeres  Nichts  gestellt,  weil  die  vegetabilischen  Gerbstoffe  und  der
Alaun  in  ihrem  eigentümlichen  Geschmack  eine  Eigenschaft  besitzen,  welche
frühzeitig  die  Aufmerksamkeit  der  Menschen  erregt  hat,  und  welche  vor
allen  Dingen  die  Veranlassung  war  zur  Einführung  dieser  Stoffe  tn
den  Arzneischatz;  in  solchen  Zusammenhängen  können  wir  dann  auch
für  unsere  Zwecke  verwertbare  Äußerungen  über  diese  Stosse  erwarten.
Wohl  der  erste,  welcher  uns  hier  orientiert,  ist  Galen,  der  bedeutends  e

')  Vgl.  z.  B.  Kopp  1843,  Bd.  I,  S.  20.
        <pb n="146" />
        106

Arzt  des  2.  nachchristlichen  Jahrhunderts;  er  hat  das  medizinische  Wissen
seiner  Zeit  zusammengefaßt  und  systematisiert,  und  damit  ein  Gebäude
geschaffen,  welches  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters  in  allgemeiner
Geltung  geblieben  ist.  So  kommt  es,  daß  wir  in  den  medizinischen
Systemen  des  Mittelalters  die  gleiche  Einteilung  der  Geschmäcke  finden,
wie  sie  schon  Galen  gelehrt  hatte,  und  wenn  man  die  galenische  Etymologie
des  Wortes  azvTtir&amp;gt;oia  kennt,  so  wundert  man  sich  nicht,  z.  B.  in  den
Aufzeichnungen  der  Gesellschaft  der  Lauteren  Brüder  etwa  950  n.  Chr.
zu  lesen  „Alaun  und  Kupfervitriol  ziehen  zusammen"*),  700  Jahre
später  noch  in  Bechers  Schola  Salernitanafl  bei  der  Lehre  von  den
Geschmäcken  nicht  nur  das  galenische  Systen  sondern  sogar  die  galenische
Etymologie  wiederholt  zu  finden  „sypika  a  Verbo  Graeco  sypho“,
und  diese  „styptischen"  Mittel  „ziehen  zusammen,  machen  dick  und  erkälten, ­
  dann  sie  ihrer  irdischen  Natur  halber  dick,  kalt  und  trucken
seynd" 3 ).  Es  ist  der  Inhalt  der  galenischen  Lehre.  Zufällig  hat  nun
der  gleiche  Becher  auch  eine  Phythologia,  eine  medizinische  Pflanzenkunde ­
  geschrieben,  und  wenn  die  eben  zitierten  Worte  natürlich  hauptsächlich ­
  in  Berücksichtigung  ihrer  Wirkung  auf  den  menschlichen  Körper  geschrieben ­
  sind,  so  zeigt  eine  Stelle  der  Phythologia  aus  dem  Jahre  1663  ganz
deutlich,  daß  man  keinen  Augenblick  zögerte,  diese  Ansicht  allen  Ernstes  auch
auf  die  tierische  Haut  zu  übertragen.  Dort  heißt  es  nämlich  zunächst
vom  „Eychbaum"  „Die  Blätter,  Rinden  und  Eicheln  kühlen,  trocknen
und  ziehen  an" 4  * ),  und  vom  Gerberbaum  heißt  es  „der  Gerberbaum
zieht  an  und  trocknet  doch  dabey,  im  dritten  Grad  er  kühlt  .  .  .  Die
Rinde  oder  das  Häutlein,  damit  die  Beeren  umbgeben  seynd,  zeucht
sehr  zusammen  ...  Die  Blätter,  Rinden  und  Beeren  sind  kalt  im
dritten,  trocken  und  anziehend  im  andern  Grad  .  .  .  Die  Gerber  brauchen
von  diesem  Baum  die  Blätter  und  Rinden,  das  Leder  darmit  zu  gerben
und  dick  zu  machen"  fl.  Hundert  Jahre  später,  im  Schauplatz  der
Künste  und  Handwerke  aus  den  Jahren  1766—67  finden  wir  folgende
Sätze:  „Die  austrocknende  und  zusammenziehende  Eigenschaft  der  Eichenrinde ­
  findet  sich  in  verschiedenen  anderen  Pflanzen"  6 ).  „Wenn  eine
Materie  existierte,  welche  ebenso  adstringierend  und  styptisch  wäre  als
der  Alaun,  zu  gleicher  Zeit  aber  auch  ebenso  gemein  als  die  Eichenrinde, ­
  so  würde  dies  die  beste  sein,  die  Stärke  des  Leders  zu  vermehren
und  die  Zeit  des  Garmachens  abzukürzen"  fl.  Von  der  Sumachpflanze
heißt  es:  „Dieser  Strauch  ist  kühlend,  trocknend  und  zusammenziehend,
und  der  letzten  Eigenschaft  wegen  wird  er  auch  von  den  Saphianbereitern
fl  Dietericl  1876,  S.  130.
2 )  Becher  1663;  Schola  Salernitana  S.  85—86.  fl  Ebenda.
fl  Becher  1663;  Phythologia,  S.  90.  fl  Becher  1663;  Phythologia,  S.  96.
fl  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  315.  fl  Schauplatz  1766,  Bd.V,  S.  363.
        <pb n="147" />
        107

gebraucht"  1 ).  Wir  sehen  also  aus  diesen  Zitaten,  auf  deren  fast  übereinstimmenden ­
  Wortlaut  trotz  so  großer  dazwischenliegender  Zeiträume
ausdrücklich  hingewiesen  sei,  vor  allen  Dingen,  daß  sich  die  Ansichten
seit  Galen,  welcher  auch  wieder  nur  alte  überkommene  Anschauungen
zusammengefaßt  hatte,  bis  in  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  nicht
geändert  haben;  wir  erkennen  also  auch  für  den  Fall  der  Gerberei  die
ungeheuere  Kontinuität  der  Ideen,  die  Fortexistenz  des  Prinzips,  welches
nur  einmal  gezeugt  wird  und  von  hier  aus  sich  weiter  entwickelt.  Der
Zusammenhang  zwischen  Alaun  und  den  vegetabilischen  Gerbstoffen  wird
hier  erst  nach  einigen  tausend  Jahren  klar  formuliert,  und  wir  erkennen
an  diesem  einzigen  Beispiel  den  ganzen  gleichbleibenden  anthropozentrischen
Standpunkt  der  Zeit,  wir  sehen,  wie  die  jeweilige  Weltanschauung  das
ganze  Denken  bis  in  die  kleinsten  Fasern  durchdringt:  der  Mensch  ist  das
Maß  aller  Dinge,  die  Stoffe  sind  nur  um  des  Menschen  willen  vorhanden,
und  die  Begabung  des  Menschen  gestattet  ihm,  alle  Eigenschaften  der
Stoffe  zu  erkennen.  Daher  ist  die  Wirkung  eines  Stoffes  auf  den
menschlichen  Geschmack  nicht  nur  ein  Maßstab  für  die  Heilwirkung  auf
den  menschlichen  Körper,  sondern  auf  die  geschaffene  Welt  überhaupt;
der  Geschmack  des  Alauns  und  der  Lohe  ziehen  die  menschliche  Zunge
zusammen,  daher  sind  sie  von  ähnlicher  Beschaffenheit;  deshalb  ziehen
sie  auch  die  tierische  Haut  beim  Gerben  zusammen.  Man  sieht,  es  ist  eine
Verwechslung  einer  physiologischen  Reaktion  mit  einem  chemischen  Vorgang, ­
  nur  möglich  unter  dem  Eindruck  des  anthropozentrischen  Standpunktes, ­
  und  wir  können  daher  diese  Gerbetheorie  die  anthropozentrischphysiologische ­
  nennen.  Sie  ist  entstanden  auf  Grund  physiologischmedizinischer ­
  Erwägungen,  und  man  hat  sie  ohne  Zögern  auf  technische
Verhältnisse  übertragen.  Das  wird,  wie  wir  gesehen  haben,  zuerst  klar
ausgesprochen  bei  Becher:  Der  Gerbstoff  zieht  die  Haut  zusammen  und
deshalb  wird  das  Leder  dick.
Diese  Theorie  war  nun  also  klar  und  deutlich  ausgesprochen,  und
man  begann  nun,  dieselbe  entsprechend  dem  immer  noch  deduktiven
Charakter  jener  Zeit  rein  deduktiv  zu  verfolgen.  1744  hat  bereits
Gleditsch,  Botaniker  der  Kgl.  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin,
unter  dem  Druck  des  Eichenloheproblems,  von  welchem  wir  eingangs
gehört  haben,  eine  Systematik  der  Pflanzen  unter  dem  speziellen  Gesichtspunkte ­
  ihrer  gerberischen  Verwertbarkeit  aufgestellt,  und  dabei  teilte
er,  da  wir  nach  den  damaligen  Ansichten  die  Gerberei  also  in  folgende
zwei  Kategorieen  scheiden  müssen:
1.  Die  Gerbung  mit  scharf  zusammenziehend  schmeckenden  Stoffen:
Loh-  und  Alaungerbung,

’)  Schauplatz  1767,  Bd.  II,  S.  27.
        <pb n="148" />
        108

2.  Die  Gerbung  mit  öligen  Stoffen,
auch  die  Pflanzen  in  zwei  Klaffen  ein.
„Zu  der  ersten  Klaffe  gehören  die  Pflanzen,  welche  zusammenziehen, ­
  scharf  und  ohne  Geruch  sind,  welche  zwar  wirkende,  aber  feste
Grundteile  geben".
„Zur  zweiten  Klasse  gehören  die  Pflanzen,  welche  flüchtige  und
geistige  Teile  besitzen  und  einen  balsamischen  und  fettigen  Anteil  erhalten.
Es  sind  weniger  feste  Teile  in  ihnen"  x ).
Für  den,  welcher  mit  dem  naturwissenschaftlichen  Sprachgebrauch
jener  Zeit  bekannt  ist,  ist  hier  die  Auffassung  über  das  Wesen  der  Gerberei
haarscharf  präzisiert;  weil  indessen  diese  Auffassung  vollkommen  innerhalb ­
  des  hier  dargelegten  theoretischen  Rahmens  bleibt  und  nicht  zur
Bildung  wichtiger  Gerbeprozesse  geführt  hat,  wollen  wir  uns  hier  damit
begnügen,  ausdrücklich  zu  konstatieren,  daß  die  Gerberei  hier  in  zwei
scharf  getrennte  Kategorieen  zerlegt  ist.
Schon  Gleditsch  hatte,  vielleicht  auf  Grund  von  praktischen  Versuchen, ­
  darauf  hingewiesen,  daß  die  zweite  Klasse  von  Pflanzen  für
die  Gerberei  doch  weniger  geeignet  sei,  man  ließ  daher  in  der  Folge  diese
ganze  zweite  Gruppe  von  Pflanzen  wieder  fallen.  Hertel  sagt  1783
„Überhaupt  sind  ihm  (dem  Rotgerber)  alle  Pflanzen  und  Gewächse
brauchbar,  welche  einen  scharf  zusammenziehenden  Geschmack  haben
z.  B.  Schlehen,  Mispeln,  Preißelbeeren,  Meerrettich,  usw.");  man
ging  also  jetzt  wissenschaftlich  rationell  auf  die  Suche  nach  Gerbstoffen,
wie  man  dies  vor  einigen  Jahrtausenden  nicht  so  klar  bewußt  vielleicht
getan  hatte,  und  das  Ergebnis  waren  riesige  Listen  von  Pflanzen,
welche  alle  zum  Gerben  tauglich  sein  sollen,  und  auf  deren  eine  ich
eingangs  hingewiesen  habe  (vgl.  S.  73).
Mit  allen  diesen  Dingen  war  aber  die  physiologische  Theorie  nicht
aufs  höchste  getrieben,  noch  nicht  bis  in  die  äußersten  Konsequenzen
verfolgt.  Die  Sämischgerbung  stand  ja  noch  außerhalb,  und  im  Interesse ­
  der  Gleichheit  wissenschaftlicher  Grundanschauung  galt  es  auch,  die
Verwendung  der  adstringierenden  Stoffe  in  der  Färberei  in  dem  aus
physiologischen  Erwägungen  gewonnenen  Bilde  zu  erklären.  Selbst  der
gelehrte  und  berühmte  Beckmann  vermochte  sich  nicht  von  jenem  Bilde
zu  befreien,  er  vereinigte  in  seiner  Person  die  Weltanschauung  zweier
Zeiten,  und  es  mutet  eigentümlich  an,  in  der  Ausgabe  seine  Technologie
von  1794,  welche  ja  doch  schon  den  Geist  der  kommenden  Entwicklung
atmet,  von  den  Galläpfeln  zu  lesen,  daß  sie  eine  Substanz  enthalten,
welche  „im  Geschmack  und  in  vieler  anderer  Hinsicht  eine  Ähnlichkeit  mit
dem  Alaun  und  anderen  styptischen  Salzen  hat...  Wegen  dieser  Eigenst ­

  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  350.

st  Hertel  1783,  Bd.  I,  S.  215.
        <pb n="149" />
        109

schaff  dient  sie  dem  Lederbereiter,  um  die  Fasern  der  von  Blut  und
Fett  gereinigten  Häute  dichter  und  sester  zu  machen.  Ebensalls  nutzt
sie  aber  der  Färber,  wenn  er  die  Farbeteilchen  durch  Verengung  der
Öffnung,  durch  welche  er  sie  hat  eindringen  lassen,  fester,  dauerhafter
machen,  oder  sie  gleichsam  darin  verschließen  will."  x ).  Man  war  in
einem  rein  mechanischen  Gleichnis  gelandet,  und  der  letzte  Schluß
daraus  war  die  Anwendung  auf  die  Sämischgerberei.  „Durch  Zusätze
von  zusammenziehenden  Mitteln  oder  auch  durch  Walken  werden  die  Fasern
dichter  ineinander  gebracht." 2 )  Man  hatte  also  den  histologischen
Charakter  des  Leders  als  aus  Fasern  bestehend  erkannt,  und  diese  Fasern
werden  durch  zusammenziehende  Mittel  näher  aneinander  gebracht;
der  gleiche  Effekt  aber  wird  auch  erzielt  durch  Klopfen  des  Leders  mit
Hämmern,  nämlich  durch  Walken.  So  wird  es  verständlich,  daß  in
den  um  diese  Zeit  entstehenden  Technologien  die  systematische  Stellung
der  Gerberei  unter  die  Rubrik  „Filzbereitung" 8 )  fällt,  wo  beim  bloß
mechanischen  Vorgang  des  Walkens  des  Sämischleders  dieses  gegerbt
oder  „gefilzt"  *  4  *  6  * )  wird,  wo  das  Walken  also  auf  Tuche  und  Felle  die
gleiche  Wirkung  ausübt,  wie  die  zusammenziehenden  Stoffe  auf  die
Haut,  wo  der  Tran  für  die  Sämischgerberei  überhaupt  keine  wesentliche
Bedeutung  mehr  besitzt.
Noch  weit  hinein  in  den  Anfang  des  neuen  Jahrhunderts  können
wir  diese  Theorien  verfolgen;  sie  treten,  wenn  natürlich  auch  in  gemilderter
Form  zutage,  noch  1807  bei  Hermstädt  °),  1820  bei  Keeß«),  1822  bei
Kölle'),  1824  bei  Gall  8 ),  1837  sogar  noch  bei  Poppe 8 ).
Poppe  hatte  sogar  auch  dem  Rauch  bei  der  Rauchgerbung  zusammenziehende ­
  Eigenschaften  zugesprochen,  und  damit  war  alles,  was  irgendwie
zu  Leder  oder  Gerberei  gehörte,  unter  einen  wissenschaftlichen  Hut
gebracht;  die  zwei  Kategorien,  welche  wir  noch  für  1744  kennen
gelernt  hatten,  waren  unter  dem  einen,  auch  den  übrigen  Methoden
gemeinsamen  Titel  „Verfilzung"  vereinigt,  und  die  Anschauung  war,
wie  die  zitierten  Namen  illustrieren  mögen,  Gemeingut  der  gebildeten
Welt  geworden.  So  weit  ins  19.  Jahrhundert  hereinreicht  und  so  fest
gegründet  ist  eine  Ansicht,  welche  Jahrtausende  vorher  auf  dem  primitiven
Reagens  des  Geschmackes  gegründet  wurde.  Damit  sind  wir  aber  eingetreten
in  eine  neue  Epoche  der  Gerbetheorien,  vor  deren  Betrachtung  wir  noch
Beckmann  1794,  Bd.  I,  S.  363.
2 )  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  11.
’)  Jung  1794,  S.  588  und  Inhaltsverzeichnis.  *)  Jung  1794,  S.  600.
6 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  200.  «)  Keeß  1820,  S.  15.
')  Koelle  1822,  S.  219.  «)  Gall  1824,  S.  21.
”)  Poppe,  G.  1837,  Bd.  I,  S.  507—508,  vgl.  hier  bes.  den  Zusammenhang,
in  welchem  die  Gerberei  auftritt.
        <pb n="150" />
        110

sehen  wollen,  was  die  alte  physiologische  Theorie  an  praktischen  Erfolgen
für  den  Fortschritt  der  Gerberei  aufzuweisen  hat.
In  den  Betrachtungen  des  ersten  Teiles  haben  wir  gesehen,  daß
der  Beginn  des  Eichenschälwaldproblemes  etwa  an  den  Anfang  des
18.  Jahrhunderts  zu  setzen  ist,  und  dieses  Problem  mag  zu  einer  so
scharfen  Herausarbeitung  der  Gerbetheorien,  wie  wir  sie  kennen  lernten,
geführt  haben.  Damit  fällt  also  der  Beginn  des  Eichenschälwaldproblems
in  diese  physiologische  Epoche  der  Gerbelheorien,  und  sie  konnte  nun
sofort  ihre  Leistungsfähigkeit  beweisen.  Unter  dem  Gesichtswinkel  dieser
Theorie  wurde  die  einheimische  Pflanzenwelt  nach  Gerbstoffen  durchsucht, ­
  und  wenn  auch  die  meisten  Vorschläge  unbrauchbar  waren,  so
führte  diese  systematische  Durchsuchung  doch  zu  dem  Ergebnis,  daß  es
nicht  die  Eichenrinde  in  fast  alleiniger  Ausschließlichkeit  sein  müsse,  mit
der  man  gerben  könne,  sondern  daß  die  inländische  Wirtschaft  noch  eine
ganze  Anzahl  weiterer  sehr  gut  brauchbarer  Gerbstoffe  liefern  könne.
Sogar  auf  dem  Gebiet  der  künstlichen  Gerbstoffe  hat  diese  Theorie
bahnbrechend  gewirkt.  Die  Destillation  des  Torfes  zur  Erzielung  eines
zusammenziehenden,  daher  gerbend  wirkenden  Wassers  durch  Pfeiffer
1777  *)  hatte  freilich  keine  praktischen  Erfolge,  aber  es  war  damit
immerhin  ein  neuer  Weg  betreten,  welchen  Asthon  lediglich  weiter  verfolgte, ­
  als  er  die  zusammenziehend  schmeckende  Auflösung  eines  Eisensalzes ­
  als  Gerbmittel  1794  zum  Patent  anmeldete,  um  dieses  dann
anderen  Staaten  um  den  Preis  von  30000  Talern  zu  offerieren^).
Es  war  auch  Asthon  nicht  gelungen,  mit  seiner  Eisengerbung  einen
durchschlagenden  Erfolg  zu  erzielen,  aber  die  Schuld  an  diesem  Mißerfolge ­
  dürfen  wir  nicht  allein  der  zugrunde  liegenden  physiologischen
Theorie  zuschieben;  denn  weder  die  rein  chemische  Theorie  noch  alle
späteren  Theorien  haben  die  Frage  der  Eisengerbung  beantwortet,  so
daß  diese  heute  noch  ein  zwar  eifrig  bearbeitetes  aber  immer  noch  ungelöstes ­
  Problem  darstellt.
Alles  in  allem  muß  man  also  sagen,  daß  diese  physiologische
Theorie,  wenn  auch  ihre  Vorstellungen  unrichtig  gewesen  sind,  ein  außerordentlich ­
  wichtiges  Glied  in  der  Reihe  der  Gerbetheorien  darstellt;  das
nicht  nur  wegen  der  außerordentlich  langen  Zeit  ihrer  Herrschaft,  neben
welcher  die  Lebensdauer  moderner  Theorien  wie  das  Leben  von  Eintagsfliegen ­
  erscheint,  sondern  auch  wegen  ihres  Einflusses  auf  den
praktischen  Fortgang  der  Gerberei.  Sie  hat  wahrscheinlich  schon  an
der  Wiege  gestanden  bei  der  Erfindung  der  vegetabilischen  Gerbung
überhaupt,  sie  hat  uns  den  Übergang  zur  Alaungerbung  vermittelt,  sie
hat  schließlich  das  Gebiet  der  vegetabilischen  Gerbstoffe  ganz  bedeutend

i)  Pelzer  1839,  S.  257.

2 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  161-168.
        <pb n="151" />
        111

erweitert,  aus  ihrem  Boden  entspringt  die  Idee  der  künstlichen  Gerbstoffe ­
  wie  auch  die  der  Eisengerbung,  und  ich  habe  dieser  Theorie  schon
aus  diesen  Gründen  einen  breiteren  Raum  gewähren  müssen.  Vor
allen  Dingen  veranlaßte  mich  zu  einer  genauen  Untersuchung  und
Darstellung  der  Umstand,  daß  die  Existenz  dieser  Theorie  heute  unbekannt ­
  ist.  Keine  Geschichte  der  Chemie,  kein  noch  so  umsangreiches
Lehrbuch  der  Gerberei,  keine  Darstellung  der  Entwicklung  chemischer
Theorien,  keine  Notiz  in  Zeitschriften  irgendwelchen  technischen  oder
historischen  Inhalts  weist  auf  sie  hin.  Die  ersten  Technologien  um  die
Wende  des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  hatten  so  viel
mit  ihrer  eigenen  Systematik  und  mit  der  Beschreibung  von  Äußerlichkeiten ­
  zu  tun,  daß  für  genaue  historische  Untersuchungen,  für  eingehende
theoretische  Erörterungen  wenig  Raum  blieb;  dazu  kommt  aber  vor
allen  Dingen  als  ausschlaggebend,  daß  die  Gerberei  und  ihre  Theorieen
auch  heute  noch  in  der  Naturwissenschaft  so  sehr  die  Rolle  der  Aschenbrödel ­
  spielen,  daß  diese  in  manchen  Lehrbüchern  überhaupt  keine  Berücksichtigung ­
  finden.  Die  physiologische  Theorie  ist  so  vergessen,  daß
z.  B.  Heinzerling,  welcher  sich  bedeutende  Verdienste  um  die  Chromgerberei ­
  erworben  hat,  und  welcher  gewjß  während  seiner  langen  auf
die  Gerberei  bezüglichen  Untersuchungen  alles  zeitgenössisch  wichtige
Material  durchstudierte,  1882  schreiben  konnte:  „Seguin  war  der  erste,
Melcher  eine  Erklärung  des  Gerbeprozesses,  besonders  der  Lohgerbung,
Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  zu  geben  versuchte"  J ).
So  wie  das  Ende  des  18.  Jahrhunderts  in  vielen  und  wichtigen
Punkten  einen  völligen  Bruch  mit  der  Vergangenheit  bedeutet,  wie  es
für  die  geschichtlichen  Systeme  fast  aller  Entwicklungsreihen  eine  tiefe
Cäsur  brachte,  so  bedeutet  es  auch  für  die  Entwicklung  der  Gerbetheorien
einen  völligen  Abschluß  und  Neuanfang,  so  daß  für  diese  hier  zwar
eine  historische,  aber  keine  wissenschaftlich-logische  Kontinuität  mehr
besteht.

Blutig  rot  zog  das  neue  Jahrhundert  herauf,  und,  in  Zusammenhang ­
  mit  den  zahlreichen  Kriegen  der  jungen  französischen  Republik
knüpft  sich  die  neue  Gerbetheorie,  welche  wir  die  rein  chemische  bezeichnen ­
  können,  an  den  Namen  Seguins,  des  großen  Schülers  seines
großen  Lehrers  Lavoisier.  Die  Bedeutung  Seguins  liegt  hauptsächlich
auf  zwei  Gebieten.  Einmal  nämlich  hat  der  Chemiker  Seguin  in  rein
wissenschaftlich-theoretischer  Arbeit  den  schon  1793  von  Deyeux  (Apotheker ­
  und  Professor  der  Chemie  in  Paris)  *)  isolierten  gerbenden  Bestandteil ­
  der  Eichenrinde  1795  bestimmt,  als  eigentümlichen  Körper
erkannt 3 ).  und  aus  der  Tatsache,  daß  die  durch  geeignete  Behandlung

y  Heinzerling  1882,  S.  4.  2 )  Kopp,  Bd.  IV,  S.  368.
*)  Ebenda  und  Karniarsch  1872,  S.  579.
        <pb n="152" />
        112

mit  Wasser  in  Gelatine  übergeführte  Haut  durch  Gerbstoffe  gefällt  wird,
war  er  zu  der  Auffassung  gelangt,  daß  das  Leder  gerbsaure  Leimsubstanz ­
  sei *  3  4  *  6  * ).  Mit  dieser  Anschauung  hatte  er  den  wissenschaftlichen
Ton  für  ein  halbes  Jahrhundert  angegeben.  Über  die  speziellere  zugrunde ­
  liegende  chemische  Vorstellung,  über  die  Weiterbildung  dieser
Theorie  durch  Beggins,  Humphry  Davy,  St.  Real  für  Sämischgerberei,
Dumas,  Berzelius,  Schubarth,  Schloßberger,  Gerhardt,  Payen  u.  a.  2 ),
über  die  in  Deutschland  großen  Anklang  findende  Hermbstädtsche
Theorie 8 ),  welche  natürlich  auch  in  das  Fahrwasser  dieser  rein  chemischen ­
  Ansicht  mehr  oder  weniger  einmündete,  soll  hier  nicht  gesprochen
werden,  weil  alle  diese  Nuancen  ohne  durchschlagende  bleibende  Erfolge
praktischer  Bedeutung  gewesen  sind,  und  weil  sie  auch  keine  wesentliche
Fortbildung  im  Sinne  der  folgenden  Theorie  bedeuten.
Äußerlich  wichtiger  ist  die  Bedeutung  des  französischen  Armeelieferanten ­
  Armand  Seguin,  welcher  als  Kind  und  Meister  seiner  Zeit
die  Selbständigkeit  des  von  jeder  Zufuhr  abgeschnittenen  Frankreich
behaupten  half,  als  er  die  französische  Armee  aus  seiner  Gerberei  in
Stzvres  mit  Leder  versorgen  half,  und  zwar  führte  er  die  bestellten
Lieferungen  aus  in  so  vielen  Monaten,  als  man  vorher  Jahre  gebraucht
hatte 4 ).  Auf  dieser  politischen  Bedeutung  beruht  der  Weltruf  Seguins,
und  das  Verfahren,  dessen  er  sich  dabei  bedient  hatte,  unterschied  sich
von  den  früheren  darin,  daß  er  an  Stelle  der  Gerbung  mit  Lohe  eine
Gerbung  mit  Lohbrühen  benütztes.  Die  Brühengerbung  hat  Seguin
nicht  erfunden,  durch  ihn  erhielt  sie  aber  ihren  Weltruf,  durch  ihn  und
durch  die  weltgeschichtlichen  Verhältnisse  seiner  Gerbung  wurden  nur
die  mittelalterlichen  Traditionen  gebrochen.  Die  Behauptung  Karmarschs
 8 ),  daß  die  Lederbereitung  mittels  Lohbrühe  vor  1775  unbekannt ­
  gewesen  sei,  ist  nicht  richtig;  in  ausgedehntem  Umfange  wurden
Lohbrühen  unter  primitiveren  Verhältnissen  schon  lange  angewandt,
aber  auch  am  ausgehenden  Mittelaller  waren  solche  Methoden  bekannt;
schon  in  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  finden  sich  in  Leipzig  Klagen
der  Schuhmacher  über  das  Gerben  mit  zu  warmen  Brühen');  1766
erfahren  wir,  daß  in  Frankreich  seit  ungefähr  20  Jahren  einige  Gerber
angefangen  haben,  Kalbfelle  und  Schöpsenselle  in  einer  warmen  Lohbrühe ­
  zu  gerben 8 ),  um  die  gleiche  Zeit  wird  vorgeschlagen,  zur  Be') ­

  Heinzerling  1882,  S.  4.  °)  Siehe  Sacknr  1860,  S.  4  ff.
3 )  Sackur  1860,  S.  6;  Almanach  1803,  S.  564;  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,
S.  169.
4 )  Vgl.  V.  Journal  1815,  Bd.  II,  S.  325;  Almanach  1804,  S.  509.
°)  Journal  des  Arts  et  Mannsactnres.  Tom.  II  und  Hermbstädt  1803,  S.  187.
6 )  Karmarsch  1872,  S.  48.  ')  Junghaus  1896,  S.  394.
8 )  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  416.
        <pb n="153" />
        113

schleunigung  der  Gerbung  Extrakte  in  den  Gruben  zu  bereiten,  diese
eventuell  sogar  warm  zu  machen  *),  und  1762  wurde  in  Deutschland
sog.  warmgares  Ochsen-  und  Pferdeleder  hergestellt,  welches  nicht  in  die
Lohgrube  eingesetzt  wurde  ^).
Wie  ein  Lauffeuer  ging  damals  unter  dem  wichtigen  Einfluß  aller
die  Industrie  unterstützenden  Faktoren  der  Erfolg  Seguins  durch  die
Welt.  Allenthalben  wurde  die  Methode  versucht,  verbessert,  wurden
neue  Methoden  vorgeschlagen.  Schon  1769  hatte  der  irische  Arzt
Macbride  3 ),  1770  Johnson 4 )  verdünnte  Schwefelsäure  zum  Schwellen
der  Häute  in  Vorschlag  gebracht;  in  Frankreich  schon  1790  Fay  ■’),  in
England  und  Amerika  Desmond  1796 6 ),  Brennn  1799 1 ),  Cant  und
Miller  1802,  Ronalds  1808,  Spilsbury  1823,  Fletcher  1824,  Knowlys
und  Duesbury  1826,  Drake  1831,  Chaplin  1836,  Brewin  1836,  Cox
1836,  1841,  Herapath  1837,  Poole  1839,  1841,  Nositer.  Turnbull,
Squire  1844,  Keasly  1841  ch,  in  Deutschland  Meidinger  1799  9 ),  Sichler
1816  10 ),  und  viele  andere  haben  sich  an  der  Verbesserung  und  Verbreitung ­
  der  Schnellgerberei,  an  der  Erfindung  neuer  Methoden,  wie
Zirkulation  der  Gerbeflüssigkeit,  Kneten  und  mechanischem  Druck,  Bewegen ­
  der  Häute  in  der  Gerbebrühe,  Punktation,  Endosmose  und  Anwendung ­
  luftverdünnten  Raumes,  Wärme  usw.  beteiligt,  und  die  Zahl
der  hierauf,  sowie  auf  mechanische  Vorrichtungen  gerichteten  Erfindungen,
welche  zur  Durchführung  obiger  Prinzipien  dienen  sollen,  ist  eine  bis
Zum  heutigen  Tage  stetig  steigende ir ),  weil  eben  die  Schnellgerberei  eine
Methode  des  Kapitalismus  im  eminentesten  Sinne  des  Wortes  darstellt.
An  der  Weiß-  und  Sämischgerberei  war  dieser  Aufruhr,  welcher
durch  die  ganze  vegetabilische  Gerberei  gestürmt  war,  und  welcher  sie
in  ihrem  innersten  Wesen  geschüttelt  hatte,  natürlich  nicht  spurlos  vorübergegangen, ­
  aber  er  war  im  Enderfolg  doch  mehr  von  bloß  theoretischer ­
  Bedeutung.  Von  praktischer  Bedeutung  waren  natürlich  die
Errungenschaften  für  die  allen  Zweigen  der  Gerberei  gemeinsamen
Operationen;  das  übermäßig  lange  Kalken  wurde  abgekürzt,  das
Schwellen  rationell  geleitet,  im  übrigen  aber  sind  die  Patente,  welche
man  sich  natürlich  auch  hier  zur  Abkürzung  oder  Verbesserung  der
Verfahren  geben  ließ,  wie  die  der  Engländer  Watt  1799 12 )  und

1  h 17 'm'  ^  V '  36L  2 )  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  368.
.  mH  ^  Hermbstcidt  1803.  *)  Karmarsch  1872,  S.  581.
')  Almanach  180ai  Bet  Hermbstädt  1803,  S.  329.
^  581;  Leuchs  1828,  S.  31-52;  Hermbstädt  1805,  Bd.  I,
231 '  23S ’  261 '' 1829 ,  Bd.  I,  S.  39—43;  Pelzer  1837,  S.  136,
139,  140,  150,  154,  155,  164,  166,  169,  170,  179  180
Sümanad)  1799,  S.  o65;  1804,  S.  507.  Karmarsch  1872,  S.  581.
)  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  925.  1*)  Pelzer  1837,  S.  244.
Ebert,  Entwicklung  in  Wcißgerberei.  3
        <pb n="154" />
        114

Aitkins  oder  des  französischen  Weißgerbers  M.  I.  Main  zu  Niort^)
bald  als  bedeutungslos  erloschen.
Die  theoretischen  Vorstellungen  über  Weißgerberei  wie  auch  über
Sämischgerberei  nehmen  eine  der  neuen  Zeit  entsprechende  Form  an;
die  Vorstellungen  beider  Zeiten  klingen  durch,  wenn  Hermbstädt  sagt
„Der  Alaun  verbindet  sich  chemisch  mit  der  Haut  und  zieht  sie  zusammen" ­
  8 ),  aber  Untersuchungen  in  den  20  er  Jahren  über  die  wirksamen ­
  Bestandteile  des  Alauns  oder  über  die  Bedeutung  des  Kochsalzes
in  der  Weißgerberei  Z  zeigen  uns,  daß  man  auch  auf  diesem  Gebiete
sich  dem  neuen  Geiste  vollkommen  adaptiert  hat.  Die  Ansicht  Hermbstädts
über  die  Fettgerberei B ),  wonach  die  Haut  mit  Fett  durchdrungen  und
so  vor  dem  hornartigen  Austrocknen  geschützt  wird,  zeigt  den  vollständigen ­
  Bruch  mit  den  verlassenen  Gleichnissen.
Wiederum  an  den  Namen  hauptsächlich  eines  einzigen  Mannes
ist  der  Beginn  und  der  Inhalt  einer  weiteren  Gerbetheorie  geknüpft,
welche  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  die  Epoche  der  rein
chemischen  Anschauung  in  die  vorwiegend  physikalischer  Betrachtung
überführt.  1858  veröffentliche  Knapp  umfassende  Untersuchungen 6 ),
welche  eine  vollständige  Umwälzung  der  herrschenden  Anschauungen
über  das  Wesen  des  Gerbeprozesses  zur  Folge  hatten.  Unter  vielen
anderen  auch  die  Tatsache,  daß  durch  bloßes  Entwässern  der  nassen
Blöße  mit  absolutem  Alkohol  ein  vollkommenes  Leder  entsteht,  welches
allerdings  beim  Naßwerden  wieder  zu  Haut  wird.  Die  Verbindung
chemischer  Versuche  mit  histologisch-mikroskopischen  Untersuchungen  hatten
ihn  zu  der  Definition  veranlaßt,  daß  Leder  nichts  weiter  sei  als  „Haut,
bei  welcher  durch  irgend  ein  Mittel  das  Zusammenkleben  der  Fasern
beim  Trocknen  verhindert  worden  ist".  Das  Gerben  selbst  aber  ist
kein  chemischer,  sondern  ein  physikalischer  Prozeß;  denn  in  Analogie  mit
der  damals  herrschenden  Anschauung  über  den  Färbeprozeß  beruht
das  Gerben  auf  dem  Prinzipe  der  Oberflächenattraktion  seitens  dev
Faser  für  Metalloxyde,  Gerb-  und  Farbstoffe,  ist  also  kein  chemischer,
sondern  ein  physikalischer  Prozeß').  Das  ist  der  Kern  der  Knappschen
Anschauung,  und  von  hier  ausgehend  versuchte  Knapp  eine  Reihe  von
Gerbungen  mit  künstlichen  Gerbstoffen  in  die  Praxis  einzuführen.  Als
Metalloxyde  dienten  ihm  Eisen,  Aluminium,  Chrom,  als  niederschlagende
Agentien,  Fettsäuren,  Blut,  Serum,  Urin 8 );  die  Bedeutung  Knapps

y  Pelzer  1837,  S.  245.  -)  Pelzer  1837,  S.  246.
s )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  200,  220.  4 )  Leuchs  1828,  S.  27.
5 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  221.
*)  Natur  und  Wesen  des  Leders,  München  1858,  Dingl.  polytechn.  Journal,
Bd.  149,  S.  305,  378.  ')  Knapp  1892,  S.  2-3.
»)  Knapp  1892,  S.  14  ff.
        <pb n="155" />
        115

für  die  Theorie  mag  daraus  geschlossen  werden,  daß  seine  Ansichten
damals  in  alle  Lehrbücher  übergingen  x ),  aber  weniger  glücklich  als  sein
großer  Vorgänger  Seguin  war  er  in  seinen  praktischen  Erfolgen.  Er
sparte  keine  Mühe,  um  die  neuen  Methoden  den  Praktikern  mundgerecht ­
  zu  machen,  er  stellte  Kostenvoranschläge  auf,  führte  Kostenberechnungen ­
  durch,  in  einer  großen  Sohlledersabrik  zu  St.  Petersburg
wurden  Versuche  in  großartigstem  Maßstabe  mit  Eisensalzen  und  Blut
durchgeführt,  man  darf  heute  wohl  auch  die  Verbreitung  der  Knappschen
  Ansichten  durch  alle  größeren  Lehrbücher  als  eine  der  feinsten
und  großartigsten  Reklamen  bezeichnen,  welche  je  die  Naturwissenschaft
für  eine  praktische  Methode  gemacht  hat;  noch  vor  15  20  wahren
war  Knapp  eine  Parole  von  hoher  Bedeutung,  allein  seine  Methoden
vermochten  sich  in  der  Praxis  nicht  durchzuringen,  das  mit  ihnen  gegerbte ­
  Leder  erlangte  keine  verkäuflichen  Qualitäten,  und  seine  theoretischen ­
  Anschauungen  sind,  wenn  auch  nicht  verlassen,  so  doch  durch  die
moderne  physikalische  Chemie  besonders  für  die  Fälle  kompliziert  konstituierter ­
  Gerbstoffe  so  gründlich  umgebildet  worden,  daß  nicht  viel
davon  übrig  geblieben  ist.
Für  den  speziellen  Fall  der  Theorie  der  Sämischgerberei  war
man  zu  der  Ansicht  gelangt,  daß  eine  Oxydation  des  Fettüberzuges
der  Faser  beim  Walken  sowie  beim  Färben  in  der  Braut  Platz  greise,
während  man  für  die  Weißgerberei  erkannt  hatte,  daß  die  eine  Zeit
lang  gehegte  Vermutung  einer  Umsetzung  des  Alauns  mit  dem  Kochsalz ­
  zu  Chloraluminium  der  Wirklichkeit  nicht  entspreche,  sondern  daß
unter  Spaltung  des  Alauns  und  unter  Hinterlassung  eines  alkalischen
Sulfates  nur  die  schwefelsaure  Tonerde  an  die  Faser  der  Haut  abgegeben ­
  werde.  Eine  derartige  Auffassung  der  Weißgerberei  trat  wie
eine  plötzliche  unerwartete  Verstärkung  als  mächtiger  Kampfgenosse  ein
in  den  Kampf  des  künstlichen  Aluminiumsulfates  gegen  den  an  sich
schon  hart  bedrängten  Alaun;  das  Aluminiumsulfat  war,  wie  wir  gesehen ­
  haben,  schon  in  der  Herstellung  billiger  als  der  Alaun,  dazu  der
höhere  Gehalt,  weiter  die  analoge  theoretische  Betrachtungsweise  für
Färberei  (wo  der  Alaun  eine  wichtige  Rolle  als  Beize  spielt),  und
Gerberei,  die  ungeheure  Autorität  Knapps,  die  aufblühende  Farbenindustrie, ­
  deren  Existenz  immer  von  dem  Problem  billigster  Roh-  und
und  Hilfsstoffe  abhing,  das  Eindringen  dieses  ganzen  neuen  Geistes  in
die  Technik,  das  ausblühende  Reklamewesen  besonders  auch  durch
Reisende,  das  alles  gab  dem  Alaun  den  Todesstoß;  er  hielt  sich  wegen
seiner  besseren  Kristallisierbarkeit,  was  wiederum  eine  größere  Reinheit
zur  Folge  hatte,  in  Färberei  und  Gerberei  hauptsächlich  noch  für
weiße  und  helle  Nuancen.

y  Vgl.  z.  V.  Wagner  1873,  S.  205.

8*
        <pb n="156" />
        116

Die  theoretischen  Vorstellungen  über  die  Glacögerbung  sind  Wohl
zum  erstenmal  durch  Knapp  schärfer  formuliert  worden.  Da  sie  aber
ohne  nachhaltige  praktische  Bedeutung  blieben  und  wegen  ihrer  Kompliziertheit ­
  einen  verhältnismäßig  großen  Raum  zur  Darstellung  beanspruchen ­
  würden,  so  muß  hier  auf  die  einschlägigen  Ausführungen
Knapps  verwiesen  werden  st.
Die  letzte  und  modernste  Phase  in  der  Entwicklung  der  Gerbetheorien
  stellt  die  Reihe  der  physikalisch-chemischen  Theorien  dar.
Die  rein  physikalische  Auffassung  des  Gerbeprozesses  ließ  sich  bei  genaueren
Untersuchungen  doch  nicht  aufrecht  erhalten,  und  so  erleben  wir  heute
das  gleiche  Bild,  wie  es  der  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  geboten
hatte.  Dort  hatte  die  physiologische  Theorie  letzter  Durchbildung  in
einem  rein  mechanischen  Gleichnis  alle  gerberischen  Erscheinungen  unter
der  einzigen  Kategorie  „Verfilzung"  zusammengefaßt,  und  sie  war  abgelöst ­
  worden  von  dem  bunten  Strauß  verschiedenartig  nuancierter
chemischer  Anschauungen;  es  war  dem  schöpferischen  Genie  Knapps
gelungen,  unter  dem  einzigen  wissenschaftlich  vertieften  Begriff  „Oberslächenattraktion"
  nicht  nur  das  krause  Gewirr  widersprechender  Ansichten
sondern  auch  alle  tatsächlich  in  Betracht  kommenden  Verhältnisse  noch
einmal  gehorsam  zu  vereinigen,  bis  durch  die  fleißige  Detailarbeit
eines  breiteren,  für  Gerberei  erwachten  Interesses,  jenes  letzte  einheitliche
Gebilde  zerstört  nnd  abermals  in  eine  ganze  Anzahl  mindestens  ebenso
vieler  Richtungen  aufgelöst  wurde,  als  man  Gerbungsarten  kennt  st.
Um  den  Fortschritt  gegen  Seguin  einerseits,  welcher  die  Gerbung  als
einen  Desoxydationsvorgang  erkannt  hatte,  gegen  Knapp  andererseits,
welcher  sie  rein  physikalisch  hatte  erklären  wollen,  zu  zeigen,  sei  z.  B.
auf  Fahrion  hingewiesen,  welcher  auf  Grund  außerordentlich  umfassender
experimenteller  Studien  zu  der  Ansicht  gelangte,  daß  jede  echte  Gerbung
von  einer  Oxydation  der  Hautfaser  begleitet  sein  muß;  1910  hat
Fahrion  seine  Anschauungen  über  das  „Wesen  der  Gerbung"  folgendermaßen ­
  formuliert  st:
„Die  echte  Gerbung  ist  in  der  Hauptsache  ein  chemischer  Prozeß.
Auf  rein  physikalischem  Wege,  z.  B.  durch  Adsorption  eines  Colloids
geht  die  Haut  niemals  in  Leder  über.  Andererseits  sind  aber  begleitende
physikalische  Prozesse,  wie  Capillarattraktion,  Diffusion,  Adsorption  unentbehrlich, ­
  weil  die  Poren  der  Haut  sehr  eng,  und  daher  die  inneren
Hautmoleküle  zunächst  mit  dem  Gerbstoff,  auch  dem  gelösten,  gar  nicht
in  Berührung  sind  und  daher  auch  nicht  mit  ihm  chemisch  reagieren
können.
st  Siehe  bes.  Knapp  1887,  S.  161.
st  Vgl.  z.  B.  11.  u.  14.  Jahresbericht  der  Deutschen  Gerberschule  zu  Freiberg
in  Sachsen  1900  u.  1903.  st  Collegium  1910,  S.  101.
        <pb n="157" />
        117

Aus  demselben  Grunde  erfordert  der  Gerbeprozeß  Zeit  und  spielen
sich  die  physikalischen  und  chemischen  Vorgänge  nebeneinander  ab  .  ..
Der  chemische  Teil  der  Gerbung  besteht  in  einer  durch  Kondensations-Prozeß
  veranlaßten  Komplexbildung.  Zu  dem  austretenden  Wasser
liefert  die  Haut  den  Wasserstoff,  der  Gerbstoff  den  Sauerstoff."
Mit  der  Bemerkung,  daß  selbst  die  theoretischen  Ansichten  Fahrions
sich  nicht  mit  diesen  hier  gegebenen  Gesichtspunkten  erschöpfen,  weil
man  eben  die  außerordentliche  Vielfältigkeit  und  Kompliziertheit  der
in  Frage  stehenden  Erscheinungen  erkannt  hat,  und  mit  dem  Hinweis
auf  die  kleine  und  noch  junge  Zeitschrift  „Collegium",  welche  der  Erörterung ­
  dieser  theoretischen  Fragen  und  der  Veröffentlichung  diesbezüglicher ­
  Fragen  dient,  stehen  wir  am  Schlüsse  unserer  Betrachtung  über
die  Entwicklung  der  Gerbetheorien,  und  es  bleibt  uns  nur  noch  die
Frage  zu  beantworten,  welches  ist  die  Leistungsfähigkeit,  der  praktische
Erfolg  dieser  letzten  theoretischen  Ansichten  gewesen.
„Neue  Gerbstoffe!  Neue  Gerbeverfahren!"  ist,  wie  wir  gesehen
haben,  das  Feldgeschrei  aller  Theorieen  gewesen.  Es  ist  über  der  stillen,
mühsamen  Laboratoriumsarbeit,  welche  in  der  Öffentlichkeit  nicht  viel
von  sich  reden  macht,  das  Reklameschild  für  die  Welt;  denn  mit  Ausnahme ­
  der  chemischen  Anschauung  Seguins,  welche  die  Lohgerbung  in
die  Brühengerbung  umgewandelt  hat,  und  mit  Ausnahme  der  Lehre
von  der  Spaltung  des  Alauns  bei  der  Gerbung,  welche  letztere  aber
keinen  gerberischen  Erfolg  bedeutete,  sind  alle  bisherigen  Gerbetheorieen
soff  spurlos  über  den  altüberkommenen  Stamm  der  Gerbemethoden
hinweggegangen;  sie  haben  sie  betrachtet,  glossiert,  systematisiert,  haben
die  Vor-  und  die  Nacharbeit  modernisiert,  haben  den  Kreis  der  Gerbstoffe ­
  erweitert,  haben  teure  Stoffe  durch  billige  zu  ersetzen  gesucht,  aber
das  Wesen  des  Gerbeprozesses  bei  Fett-,  Loh-,  Weiß-,  Glacegerbung
haben  sie  weder  aufgeklärt  noch  verändert;  denn  noch  walkt  man  am
besten  Sämischleder  mit  Tran,  noch  benützt  man  zum  geschätztesten
Glaceleder  die  alte  Nahrung  aus  Alaun,  Kochsalz,  Mehl  und  Eiern,
noch  gerbt  man  Weißleder  mit  Kochsalz  und  Alaun,  noch  setzt  man  die
Häute  zur  Erzielung  der  dauerhaftesten  Treibriemenleder  in  die  Grube
und  verschmäht  die  Brühengerbung.  Welches  sind  nun  die  Früchte
der  neuen  Theorien?
Als  Ausfluß  der  neuen  wieder  mehr  chemischen  Betrachtungsweise
trat  um  die  Wende  des  19.  Jahrhunderts  die  Formaldehydgerbung
auf  den  Plan  *).  Es  ist  ein  typisches  Schnellgerbeverfahren,  und  das
Formaldehydleder  scheint  brauchbare  Eigenschaften  zu  besitzen  2 ),  wennll^ich
  dieses  Leder  bis  jetzt  noch  keine  weitere  Verbreitung  gesunden

y  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  928.

2 )  Ebenda.
        <pb n="158" />
        118

hat.  Eine  Rolle  mag  dabei  auch  der  Umstand  spielen,  daß  durch
Formaldehyd  die  Haut  eine  tiefgreifende  chemische  Veränderung  erfährt,
worauf  ja  bereits  hingewiesen  wurde.
Älter  als  die  Formaldehydgerbung  sind  die  auf  eine  elektrische
Gerbung  abzielenden  Versuche.  Seit  ihrem  Auftreten  in  den  achtziger
Jahren  hat  gerade  diese  Gerbung  auch  in  nationalökonomischen  Schriften  J )
viel  von  sich  reden  gemacht,  aber  der  Erfolg  ist  schon  deshalb  zweifelhaft, ­
  weil  nach  wissenschaftlichen  Untersuchungen  die  Elektrizität  keinen
Einfluß  auf  das  Leder  hat 8 ).  Die  Praxis  hat  bisher  diese  Ergebnisse
bestätigt,  insofern  die  elektrische  Gerbung  bis  jetzt  als  ein  Mißerfolg
bezeichnet  werden  muß.
Ganz  anders  als  die  Formaldehyd-  und  die  elektrische  Gerbung  stellt
sich  uns  heute  die  Chromgerbung  dar.  Sie  ist  materiell  ein  echtes
Ergebnis  modernen  naturwissenschaftlichen  Denkens,  sie  ist  zeitlich  ein
Kind  der  drei  letztverflossenen  Perioden  der  Gerbetheorien,  sie  ist  wirtschaftlich ­
  ein  Beweis  für  die  Trägheit  und  Kurzsichtigkeit  der  Lederindustrie ­
  neuen  Verfahren  gegenüber.  Eine  Geschichte  der  Chromgerbung
bis  in  alle  Einzelheiten  klar  darzulegen,  muß  als  eine  Kleinigkeit  erscheinen; ­
  denn  hier  verliert  sich  nichts  im  trüben  Lichte  der  Vergangenheit, ­
  sondern  tausendfältig  dokumentiert  liegt  die  kurze  Entwicklung  vor
unseren  Augen.  Und  doch  gestalten  sich  alle  diese  Verhältnisse  anders
bei  einem  wirklich  darauf  abzielenden  Versuch.  Die  theoretischen
Grundvorstellungen  der  Erfinder  werden  in  den  Patenten  mit  Absicht
verschleiert  oder  es  werden  überhaupt  andere  angegeben.  Prioritätsideen
veranlassen  oft  zwecks  einer  eventuellen  späteren  Rechtfertigung  vor  dem
Patentgesetze  unrichtige  Darstellungen  oder  bewußte  Auslassungen,  und
dazu  kommt  die  in  den  Zeitschriften  herrschende  Reklame,  welche,  geschickt
aber  tendenziös  geleitet,  sehr  häufig  überhaupt  nicht  mehr  als  Reklame
zu  erkennen  ist.  Unter  solchen  Verhältnissen  muß  eine  eingehendere
Darstellung  unterbleiben;  denn  eine  kritische  Betrachtung  aller  Angaben
und  Verhältnisse  würde  viel  zu  weit  führen;  aber  eine  kurze  Entwicklung
ist  hier  um  so  mehr  am  Platze,  als  die  Chromgerberei,  worauf  schon
mehrmals  hingewiesen  wurde,  im  Momente  ihres  lebenskräftigen  Auftretens ­
  als  energische  Gegnerin  gerade  der  Weiß-  und  Glacegerbuug  sich
präsentierte.
Cavalin  1853 8 ),  Knapp  1861 4 ),  Swan  1866 8 )  hatten  ohne
dauernde  praktische  Erfolge,  teilweise  auch  auf  Grund  ganz  anderer
Anschauungen  und  Methoden  auf  die  Verwendbarkeit  der  Chromsalze
')  Vgl.  z.  B.  Grandke  1897,  S.  1057.  -)  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  827.
3 )  Schuh  und  Leder  1896,  Nr.  21,  S.  15.
*)  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  929;  Borgmann  1902,  S.  6.
5 )  Schuh  und  Leder  1896,  Nr.  21,  S.  16.
        <pb n="159" />
        119

zum  Gerben  aufmerksam  gemacht.  Ungeheures  Aufsehen  erregten  die
Heinzerling'schen  Patente  1878  x );  man  glaubte,  das  Ende  der  vegetabilischen ­
  Gerbung  sei  gekommen-).  Allein  für  Heinzerliug  fehlte  die
politische  Propaganda,  welche  seinerzeit  Seguin  zu  Hilfe  gekommen
war.  Die  Bücher,  Technologien  und  Zeitschriften  im  ersten  Jahrzehnt
des  19.  Jahrhundert  sind  vollgestopft  mit  Anklagen  gegen  Seguin,  wir
hören  immer  und  immer  wieder,  daß  sich  die  Methoden  nicht  bewähren,
daß  sie  nur  schlechtes  Leder  liefern,  die  Methoden  wollten  sich  in  Europa
nicht  einführen;  sie  waren  in  Amerika  längst  in  großartigem  Maßstabe
durchgeführt,  als  Gall  1824  nach  seiner  Heimkehr  aus  der  neuen  Welt
in  einer  eigenen  Broschüre  ausdrücklich  auf  die  amerikanischen  Verfahren
hinwies  ").
Die  Chromgerbung,  welcher  nur  konservative  Skeptiker  gegenüberstanden, ­
  welcher  kein  großer  durchschlagender  Erfolg  den  Beweis  ihrer
Brauchbarkeit  erbracht  hatte,  erfuhr  die  gleiche  Behandlung  wie  Seguins
Methode,  nur  mit  einem  anderen  Resultat:  Der  Ledermarkt  schrieb  noch
1886  „Damit  ist  die  Zahl  derjenigen,  welche  mit  Heinzerlings  Chromgerbung ­
  hereingefallen  sind,  um  eins  vermehrt;  es  sind  ungeheure
Summen  durch  dieses  nichtsnutzige  Verfahren  verloren  gegangen"  *).  Die
Chromgerbung  galt  als  unrettbar  und  als  erledigt.  Das  Verfahren
war  eben  noch  mangelhaft,  die  Zurichterei  ungenügend,  die  grünliche
Farbe  empfahl  es  nicht  auf  dem  Markt,  der  Handel  stand  der  Ware
ablehnend  gegenüber"),  das  Färben  und  Schwärzen  des  Leders  war
nicht  durchgearbeitet,  kurz,  alle  die  Schwierigkeiten,  welche  sich  dem
Versuche  entgegenstellen,  eine  im  Laboratorium  erfundene  und  erprobte
Methode  in  die  Praxis  zu  übertragen,  die  ungeheuren  Kosten,  welche
zur  Überwindung  solcher  Schwierigkeiten  immer  wieder  erwachsen,
hatten  dafür  gesorgt,  daß  Chromleder  als  eine  völlige  aussichtslose
Sache  galt.
Die  Hoffnung  auf  dieses  als  vollkommen  obsolet  geltende  Verfahren
uicht  aufgegeben  zu  haben,  gebührt  dem  Deutschen  Schultz"),  welcher
we  Chromgerbung  nochmals  nach  einer  anderen  Methode  aufgriff 7 ),
ntf)  1884  ein  amerikanisches  Patent  erwarb"),  und  dieses  dann  bei
^mem  großen  Chevreauxfabrikanten  unterzubringen  wußte").  Aber  auch
rn  Amerika  „hat  sich  gar  mancher  die  Finger  verbrannt  und  manchem
pt  über  das  Bemühen,  das  Geheimnis  der  Chromgerbung  herauszufinden,
Heinzerling  1882.  -)  Siehe  Borgmann  1902,  S.  6.  3 )  Gall  1824.
4 )  Ledermarkt  1886,  Nr.  50.  b )  Gerber  1900,  S.  1.
6 )  Gerbercourier  1893,  Nr.  21,  Beilage.
’)  Schuh  und  Leder  1896,  Nr.  21,  S.  16.
°)  Siehe  auch  Jörissen  1909,  S.  31.
*)  Siehe  Gerbercourier  1893,  Nr.  21,  Beilage  und  Ledermarkt  1904,  Nr.  95.
        <pb n="160" />
        120

das  Herz  gebrochen"  *).  Es  kostete  auch  in  Amerika  die  praktische  Erprobung ­
  des  Verfahrens  Vermögen  st,  aber  der  Glaube  an  seine  Zukunft
scheute  vor  noch  so  großen  Opfern  nicht  zurück,  und  es  gelang  schließlich
den  ausdauernden  eifrigen  Bemühungen  besonders  des  amerikanischen
Lederfabrikanten  Foerderer  st,  das  Verfahren  zu  meistern  und  ein  marktfähiges ­
  Produkt  zu  erzeuzen.  Das  erste  Chromleder *  3  4  * )  trat  in  der  Form
von  Chevreauxst,  also  als  Konkurrent  des  Glaceleders  auf  den  Markt,
und  der  amerikanische  Großkonsum,  d.  h.  also  die  Schuhfabrikation,
verhielt  sich  gegen  dieses  Leder  durchaus  nicht  ablehnend,  weil  es  im
Vergleich  zum  Kidleder  größere  Widerstandsfähigkeit  gegen  Wasser  6 )  und
größere  Festigkeit  besaß.  Vor  allen  Dingen  aber  war  maßgebend  der
Umstand,  daß  das  neue  amerikanische  Chromziegenleder  die  amerikanische
Schuhindustrie  von  einem  teueren  Importartikel,  nämlich  vom  französischen ­
  Chevreaux,  unabhängiger  machte 7 ).  Die  Firma  R.  H.  Foerderer
gerbt  nach  diesem  Verfahren  täglich  1200  Dtz.  Felle  8  * ),  und  es  hat  sich
in  der  Folge  die  Chromgerbung  auf  alle  Lederarten  ausgedehnt.  In
den  90er  Jahren  kam  die  Gerbung  von  Amerika  in  verbesserter  Form
wieder  nach  Europa;  ich  habe  bei  Gelegenheit  der  Besprechung  der
Objekte  des  Gerbeprozesses  darauf  hingewiesen,  daß  Farbenchevreaux  in
großem  Umfang,  Oberleder  fast  ausschließlich  mit  Chrom  gegerbt  werden,
ich  habe  dort  auch  bei  jeder  einzelnen  Haut-  und  Fellart  ihre  jeweilige
Bedeutung  für  die  Chromgerbung  erwähnt.
Wir  sehen  also  aus  dieser  Entwicklung,  wie  das  Chromleder,  welches
seiner  ganzen  Natur  nach,  sowie  wegen  seiner  vornehmeren  Zurichtung
in  Hochglanz  vorzüglich  zu  Feinleder  prädestiniert  ist  st,  der  Glacelederindustrie ­
  ein  weites  Feld  ihrer  Tätigkeit  abgenommen  hat,  und  dies
geschieht  in  immer  weiterem  Umfange,  und  zwar  in  dem  Maße,  als  es
gelingt,  einmal  dem  Chromleder  noch  hellere  oder  weiße  Nuancen  zu
erteilen  10 ),  als  es  aus  der  Gerbung  mitbringt,  dann  aber  auch  in  dem
Maße,  als  es  gelingt,  die  Zügigkeit  des  Glaceleders  auch  dem  Chromleder ­
  zu  geben.
Damit  gelangen  wir  zu  einem  weiteren  Erfolg  der  gerbetheoretischen ­
  Untersuchungen,  nämlich  zu  den  modernen  Kombinationsgerbungen.
Der  Kernpunkt  der  Kombinationsgerbung  ist,  wie  bereits
besprochen,  der,  daß  man  durch  simultane  oder  successive  Gerbung  mit
0  Ledermarkt  1904,  Nr.  95.  2 )  Gerbercourier  1893,  Nr.  21,  Beilage.
3 )  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  929;  Ledermarkt  1904,  Nr.  95.
st  Siehe  Gerber  1900,  S.  1.
st  Siehe  Schuh  und  Leder  1896,  Nr.  21  S.  16;  1904,  Nr.  15,  S.  42.
6 )  Gerber  1900,  S.  1.  st  Ebenda.
st  Dämmer  1911,  Bd  III,  S.  929.
st  Schuh  und  Leder  1904,  Nr.  15,  S.  42.
lst  Ledermarkt  1899,  Nr.  7,  S.  5.
        <pb n="161" />
        121

verschiedenen  Gerbstoffen  einem  Leder  die  Eigenschaften  zu  erteilen  sucht,
welche  ein  einziger  Gerbstoff  nicht  liefert.  Die  Kombinationen  sind
häufig  mineralisch-vegetabilische,  sehr  häufig  gesellt  sich  zu  ihnen  noch
eine  Fettgerbung.  Es  ist  für  unsere  Zwecke  hier  wichtig  zu  konstatieren,
daß  es  bis  jetzt  nicht  gelungen  ist,  Chrom  und  Eigelb  gleichzeitig  zusammen ­
  zu  gerben  x ),  doch  hilft  mau  sich  hier,  indem  man  z.  B.  die
Gerbungen  nacheinander  ausführt  oder  überhaupt  das  teuere  Eigelb
durch  Seifenlösungen,  feine  Öle  usw?)  zu  ersetzen  sucht.  Die  Zahl  der
Kombinationsgerbungen  ist  eine  sehr  große.  Schlagriemen,  Treibriemen,
Oberleder,  Nähriemen  sind  wichtige  Kombinationen,  heute  fast  alle  mit
Chrom;  Dogskin *  2  3 ),  Nappa 4 ),  Mocha 5 ),  Dongola 6 )  sind  Feinlederkombinationen, ­
  welche  häufig  für  Feinlederimitationen  oder  zum  Ersatz
der  feinen  gefärbten  alaungaren  Leder  dienen.  Weiter  gibt  es  eine
Anzahl  weiß-lohgarer  und  halbweißgarer  Verfahren,  wie  die  von
Newton,  Billwiller,  Putz'),  weiß-fettgare  Methoden,  wie  die  von  Klemm
und  Preller 3 ),  kurz  eine  Menge  Verfahren,  welche  alle  auf  die  Herstellung ­
  mehr  oder  weniger  feiner  Ledersorten  abzielen,  welche  aber
alle  gut  sortimentierte  Rohwaren  zur  Voraussetzung  guten  Gelingens
haben.
8  14.  Die  Bedeutung  der  Gerbemethoden  im  Wechsel  der  Zeit.
Welcher  Gestalt  ist  nun  das  Bild,  das  sich  uns  bietet,  wenn  wir
am  Ende  unserer  Betrachtung  über  die  Entwicklung  der  Gerbemethodeu
noch  einmal  einen  Rückblick  halten;  welches  ist  die  Stellung,  welche  die
Weißgerberei  als  reine  Produktionsmethode,  also  unabhängig  von  ihrer
Verteilung  auf  verschiedene  Gewerbe  und  unabhängig  von  ihrer  Einfügung ­
  in  verschiedene  Betriebssysteme  in  diesem  bunten  Reigen  der
Gerbemethoden  einnimmt?
Der  Bestand  der  abendländisch-mittelalterlichen  Kultur  umfaßte
neben  der  Lohgerbung,  der  Weißgerberei  und  der  Sämischgerberei  noch
die  Glacegerberei.  Während  des  ganzen  Mittelalters  stehen  diese  Methoden, ­
  die  Glacegerberei  ausgenommen,  etwa  gleichwertig  nebeneinander,
vor  allen  Dingen  aber  nahm  damals  die  Lederindustrie  überhaupt  eine
Rolle  von  anderer  Bedeutung  im  täglichen  Leben  ein,  als  dies  heute
der  Fall  ist.

tz  Schmidt  und  Wagner  1805,  S.  475.
2 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  191.
°)  Schmidt  und  Wagner  1305,  S.  276,  709.
4 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  709.
°)  Schuh  und  Leder  1903,  Nr.  15,  S.  25.
°)  Schmidt  und  Wagner  1905.  ’)  Wiener  1904,  S.  252.  9 )  Ebenda.
        <pb n="162" />
        122

Die  Rotgerberei  lieferte  Leder  für  einen  Verbrauch  auch  heute
noch  bekannten  Umfangs,-  Stiefel,  Schuhe,  lederne  Reisetaschen  waren
wohl  die  Hauptabsatzquellen.  Gelegentlich  suchte  man  den  Umfang  des
Verbrauches  zu  erweitern;  bekannt  sind  die  Lederkanonen;  der  Nürnberger ­
  Brunnen-  und  Röhrenmeister  Martin  Löhner  (1636—1707)
verbesserte  die  Feuerspritzen  durch  Anbringung  langer  Lederschläuche  *),
wie  überhaupt  lederne  Schläuche  damals  bis  ins  19.  Jahrhundert^)
eine  wichtige  Rolle  spielten.  Auch  zu  Geschirrleder  lieferte  die  Rotgerberei ­
  das  Material,  aber  damit  sind  wir  schon  übergegangen  in  das
Gebiet  der  Weißgerberei:
Lederne  Riemen  waren  früher  an  Stelle  der  Seile  und  Stricke  in
viel  allgemeinerem  Gebrauche,  als  dies  heute  der  Fall  ist.  In  den
Abgaben,  welche  Alfred  der  Große  in  England  von  den  Norwegern
verlangte,  hatte  jeder  Vornehme  zwei  60  Ellen  lauge  Schiffstaue  aus
Walfisch-  oder  Seehundfellen  zu  entrichten^);  zum  Nähen,  Binden,
Hallen  waren  auch  im  späteren  Mittelalter  noch  massenhaft  Lederriemen
im  Gebrauch,  das  Gewerbe  der  Riemer  leitet  daher  seinen  Namen,
und  fast  alle  diese  Riemen  wurden  aus  weißgarem  Leder  geschnitten;
wir  werden  noch  darauf  zurückkommen,  daß  aus  dem  unbefugten  Riemenschneiden ­
  der  Weißgerber  Gewerbestreitigkeiten  mit  den  Riemern  entsprangen ­
  4  * ).  Somit  war  ein  starker  Verbraucher  weißgaren  Leders  der
Krieg,  und  die  Handwerke  der  Riemer  und  Sattler  haben  in  den  kriegerischen ­
  Zeitläuften  des  Mittelalters  die  Zahl  ihrer  Mitglieder  nicht
vermindert.  Ein  Produkt  der  Weißgerberei  war  vielleicht  auch  das
Lösch,  welches  allerdings  Schulte  für  ein  Erzeugnis  der  Lohgerberei
erklärt  °);  aber  einmal  ist  die  Behauptung:  xartieum  gleich  rubra,
pellis  gleich  Lösch  nicht  ohne  weiteres  richtig,  weiter  sagt  diese  Gleichung
doch  nur  aus,  daß  Lösch  rot  gewesen  ist,  also  wahrscheinlich  mitunter
rot  gefärbt,  eine  Vermutung,  die  noch  durch  das  partiouin  bestätigt
wird;  denn  gerade  diese  parthischen  Felle  waren  wegen  ihrer  roten
Farbe  berühmt;  dann  führten  die  Lübecker  Weißgerber  in  der  gleichen
Zeit  (14./15.  Jahrhundert)  von  der  Bereitung  rot  gefärbten  Weißleders
den  ausdrücklichen  Namen  Roetlosschere 6 ),  endlich  diente  der  Lösch  im
15.  Jahrhundert  nach  Baaders  „Chronik  des  Marktes  Mittenwald"  zur
Verpackung  mancher  im  deutsch-italienischen  Handel  über  die  Alpen
gehender  Waren,  wie  Seide,  Goldtafeln,  Töckelseide,  Gold-  und  Silberfelle, ­
  Zendel,  Sturtzhauben 7 ),  und  es  ist  wohl  anzunehmen,  daß  man
zu  Verpackungszwecken  ein  Leder  schnellerer  Gerbungsart  verwendete
0  Mummenhoff  190t,  S.  38.  °)  Vgl.  Keeß  1829,  Bd.  II,  S.  49.
8 )  Vierteljahrsschrift  f.  S.  u.  W.  1906,  Bd.  IV,  S.  229.
0  Z.  B.  Würzburg  V.  2028  Anno  1627.  »)  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  718
°)  Lübeck  1872,  S.  388.  ’)  Simonsfeld  1887,  Bd.  II,  S.  106.
        <pb n="163" />
        123

und  nicht  das  mindestens  ein  Jahr  in  der  Grube  liegende  Lohleder.
Auch  zu  Schuhfutter  wurde  schon  im  Mittelalter  das  schneller  hergestellte ­
  und  damit  billigere  Weißleder  verwendet 7 ).  Damit  ist  aber  der
Kreis  des  mittelalterlichen  Weißlederverbrauchs  noch  keineswegs  erschöpfend ­
  dargestellt;  denn  mit  seiner  Festigkeit  und  mit  einer  das  lohgare ­
  Leder  weit  überragenden  Schnelligkeit  der  Herstellung  verbindet
das  Weißleder  noch  eine  Eigenschaft,  welche  sogar  für  dasselbe  namengebend ­
  geworden  ist,  nämlich  die  weiße  Farbe.  Auf  dieser  Eigenschaft
beruht  seine  Verwendung  zu  feineren  Gebrauchsgegenständen;  die  kostbaren ­
  Lederstickereien  von  Cordova^),  das  im  Mittelalter  so  hoch  geschätzte ­
  vergoldete  Leders,  die  berühmten  spanischen  Guadamecils  zu
Tapeten  4 )  waren  hauptsächlich  aus  weißgarem,  seltener  aus  feinem
lohgaren  Leder  gefertigt.  Malereien  auf  weißgarem  Grunde  waren
nicht  selten,  und  im  Jahre  1800  brachte  ein  Nürnberger  Kaufmann
1200  Groß  (das  Groß  zu  12  Dtzd.)  auf  weißem  Leder  gemalte  Schuhblätter, ­
  also  172000  Stück,  auf  die  Märkte  nach  Königsberg  und
Danzig  5 ).
Eines  sehr  ausgedehnten  Verbrauches  erfreute  sich  endlich  auch  das
Sämischleder.  So  wie  heute  noch  bei  den  Bulgaren  ganze  Kleider 6 ),
wie  heute  noch  in  Rußland  Bettlaken,  Unterkleider,  Hosen,  Jacken 7 )
in  großem  Maßstabe  aus  Leder  gefertigt  werden,  so  kleidete  sich  auch
das  Mittelalter  in  viel  weiterem  Umfange  in  Leder  als  wir  das  heute
tun;  die  Hosen  der  Bauern  und  Handwerker  bestanden  aus  sämischem
Leder,  und  besonders  die  deutschen  sämischen  Hosen  bildeten  einen  Gegenstand ­
  starker  Ausfuhr^),  so  daß  z.  B.  eine  deutsche  Firma  in  Venedig
im  15.  Jahrhundert  einmal  „1826  Par  semessche  hosen" 9  *  * )  erhalten  hatte.
Auch  sämischgares  Ochsen-  und  Kuhleder  wurde  in  großen  Mengen
verbraucht  zur  Kleidung  der  Kavallerie  70 ),  überhaupt  zu  Armaturgegenständen
  von  Militär 77 ),  wie  starken  Gurten  und  Gewehrhängen  12 )  usw.,
so  daß  auch  für  die  Sämischgerberei  der  Krieg  einen  gesteigerten  Konsum
bedeutete 78 ).  Noch  ein  Konsument  der  Sämischgerberei  verdient  erwähnt
zu  werden,  nämlich  die  Handschuhmacherei.  Der  Gebrauch  des  Handschuhs ­
  in  Deutschland  läßt  sich  bis  an  den  Beginn  des  Mittelalters
zurückverfolgen.  Kaiser,  Könige  und  Bischöfe  trugen  bei  feierlichen  Gelegenheiten ­
  und  gottesdienstlichen  Handlungen  Handschuhe,  welches
7 )  Fioravanti  1564,  Bd.  I,  S.  91.  -)  Diercks  1887,  S.  26.
s )  Fioravanti  1664,  Bd  I,  S.  91.  4 )  Davillier  1878,  S.  33.
°)  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  190.  °)  Jmantschosf  1896,  S.  31.
7 )  Gerbercourier  1890,  Nr.  10.  8 )  Stieda  1894,  S.  90.
9 )  Stieda  1894,  S.  169.  ")  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  111.
"l  Weißkirchner  1896,  S.  485.  ")  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  111.
")  Becher  1759,  S.  1370.
        <pb n="164" />
        124

letztere  z.  B.  im  Jahre  1049  dem  Abt  von  Casino  durch  ein  Privilegium
erlaubt  wurde  *).  Die  Fütterung  der  Panzerhandschuhe  scheint  dann
ein  eigenes  Gewerbe  herausgebildet  zu  Habens  und  unter  den  Geschenken, ­
  welche  die  mittelalterlichen  Städte  alljährlich  als  Zeichen  der
Zollfreiheit  einander  übersandten,  tritt  frühzeitig  der  häufig  sämischlederne
  Handschuh  auf.  So  schenkt  nach  einem  1387  geschlossenen  Vertrage ­
  St.  Gallen  an  Nürnberg  alljährlich  u.  a.  ein  Paar  Hirsch-  oder
geislederne  Handschuhe,  kurz  und  breit  mit  drei  Fingern  8 ),  und  Nürnberg ­
  schenkt  an  Mainz  zwei  Handschuhe  von  gelbem  Leder  ch.  Auch
weiße  Handschuhe  kommen  vor;  so  beschenken  sich  Nürnberg  und
München  1323  gegenseitig  mit  zwei  weißen  Handschuhen B ),  Trier  erhält ­
  von  Nürnberg  ein  Paar  weiße  Handschuhe  ch,  und  Straßburg  erhält ­
  zwei  weiße  linke  bis  an  den  Ellenbogen  reichende  schaflederne
Falkenhandschuhe  mit  dem  Daumen  und  zwei  Fingern  Z.  Indessen
waren  Handschuhe  ein  Artikel  mit  verhältnismäßig  geringem  Absatz
in  Frankreich  bis  in  das  17.,  in  Deutschland  bis  in  das  18.  Jahrhundert. ­
  Erst  seitdem  die  Handschuhe  unter  Ludwig  XIV.  für  ein
unentbehrliches  Kleidungsstück  eines  Menschen  von  Bildung  und  Stand
erachtet  worden  sind 8 ),  stieg  die  Nachfrage  und  damit  die  Produktion,
und  hauptsächlich  waren  es  jetzt  nicht  mehr  die  alten  sämischledernen
oder  weißledernen,  sondern  die  feinen  glacelederuen  oder  glacierten
Handschuhe,  welche  in  größeren  Mengen  getragen  wurden.  Die  Vertreibung ­
  der  Hugenotten  brachte  die  Industrie  aus  Frankreich  hauptsächlich ­
  nach  England,  Deutschland,  Österreich,  aber  was  sie  brachten,
war  doch  mehr  die  Industrie  als  die  Nachfrage  nach  ihrem  Produkt;
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  berichtet  ein  Säckler  in  Speier,  daß  nur
sehr  wenige  sämische  Handschuhe  gekauft  werden;  manchmal  in  4  bis
5  Wochen  nur  ein  Paar,  da  nur  wenige  Leute  Handschuhe  tragen,  und
weil  die  wenigen,  so  solche  tragen,  sich  mit  glacierten  versehen  9 ).  Aber
schon  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  scheint  das  Tragen  von  Handschuhen ­
  allgemeiner  geworden  zu  sein,  wenigstens  hören  wir  jetzt,  daß
auch  die  gemeinen  Leute  Handschuhe  aus  billigem  weißgarem  Schafleder ­
  tragen 10 ).
Wir  sehen  also,  alles  in  allem,  daß  die  Ledergewerbe  des  Mittelalters ­
  und  bis  in  das  19.  Jahrhundert  eine  im  Vergleich  mit  heutigen
Verhältnissen  viel  größere  Bedeutung  besessen  haben;  dann  aber  ergibt

')  Busch  1791,  S.  210;  Leo  Ost,  Lib.  II.  Chron.  Casin.  Kap.  82.
-)  Maier  1901,  S.  1f.  -&amp;gt;)  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  21.
9  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  28.  »)  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  30.
»)  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  38.  ’)  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  36.
8 )  Rehlen  1855,  S.  142.  »)  Speyer  1740—1754.
10 )  Krünitz  1780,  Bd.  XXI,  S.  460.
        <pb n="165" />
        125

sich,  und  das  ist  besonders  wichtig  für  die  richtige  Beurteilung  der
Weißgerberei,  daß  die  drei  Zweige  Weiß,  Rot,  Sämisch  eine  verhältnismäßig ­
  gleichmäßige  Verteilung  des  Konsums  untereinander  vorgenommen
hatten;  Rot  lieferte  viele  schwere  Leder  langsamer  Herstellungsart.
Sämisch  lieferte  Waschleder  hauptsächlich  für  Kleidungsstücke,  und  Weiß
fertigte  seine  weiße  Leder,  Geschirr-  und  Riemenleder,  endlich  die  billigen
Leder  schneller  Produktion.
Um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  noch  stehen  diese  Methoden
ziemlich  gleichwertig  nebeneinander,  aber  schon  ward  der  gestiegene
Handschuhkonsum  großenteils  von  der  neu  eingetretenen  Glacegerberei
befriedigt,  und  schon  um  diese  Zeit  treten  Spezialitäten  auf,  wie  das
helle  lohgare  Bautzener  Leder  Z,  das  glacegare  Brüsseler  Leder  1  2 ),  oder
auch  Kombinationen,  wie  das  alaun-lohgare  Dänische  Leder  3  * );  sie  werden
teilweise  zu  Handschuhen  verwendet  *),  daneben  sind  aber  immer  noch
gewöhnliche  weißgare  Handschuhe,  gelbe  Handschuhe  aus  Sämischleder
und  couleurte  Handschuhe  aus  gewöhnlichem  alaungarem  Leder  5 )  im  Gebrauch; ­
  sie  sind  also  schon  Konkurrenten  der  Glacegerberei,  und  gemeinsam ­
  mit  dieser  treten  sie  in  Wettbewerb  gegen  Weiß  und  Sämisch.
Die  großen  Bewegungen  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts
veranlassen  den  Übergang  von  der  Lohgerbung  zur  Brühengerbung,
und  damit  erwirbt  sich  die  vegetabilische  Gerbung  eine  Eigenschaft  der
Weißgerberei,  welche  ihr  bisher  gefehlt  hatte,  nämlich  die  kurze  Dauer
des  Gerbeverfahrens.  Wieder  ist  es  der  Krieg,  welcher  einen  rapid
gestiegenen  Verbrauch  bedingt,  aber  jetzt  ist  es  die  Brühengerbung,
welche,  ihre  Leistungsfähigkeit  in  bezug  auf  prompte  Lieferungszeit  und
gute  Qualität  beweisend,  der  Weißgerberei  den  Wind  aus  den  Segeln
nimmt.  Die  napoleonischen  Kriege  in  den  ersten  beiden  Jahrzehnten
des  19.  Jahrhunderts  vermehrten  z.  B.  in  Würzburg  die  Zahl  der
Rotgerbereien  auf  das  Doppelte,  die  Menge  der  Produktion  auf  das
Vierfache  ®).  Den  Übergang  zur  kapitalistischen  Produktionsweise  mit
der  Möglichkeit  schnellen  Kapitalumschlags  hatte  also  die  Lohgerbung
vollzogen  und  sich  damit  zum  alleinigen  Herrn  des  großen  Feldes  gemacht, ­
  welches  sie  bisher  mit  der  Weißgerberei  hatte  teilen  müssen;  nur
auf  dem  Gebiete  einiger  umfangreicher  Spezialitäten,  wie  Schuhfutter,
konnte  sich  weißgares  Leder  zunächst  noch  behaupten.
Ein  Versuch  zur  Einführung  der  Teergerberei  am  Anfang  des
18.  Jahrhunderts  war  fehlgeschlagen,  und  auch  die  Eisengerbung  hat
bis  heute  keine  dauernden  Erfolge  erzielt.
1 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  174.
2 )  Keeß  1820,  S.  19,  37.  -)  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  179.
4 )  Krünitz  1780,  Bd.  XXI,  S.  460.  °)  Ebenda.
8 )  Würzburg  1818-1819,  30.  Jan.  1819.
        <pb n="166" />
        126

So  ist  das  ganze  19.  Jahrhundert  wesentlich  ausgefüllt  mit  den
Konkurrenzkämpfen  der  Schnellgerberei  gegen  ihre  beiden  anderen  Rivalinnen,
  und  das  unter  Bevölkerungsverhältnissen,  welche  bei  ziemlich
rasch  steigender  Bevölkerung  und  der  damit  verbundenen  Industrialisierung ­
  der  Kulturstaaten  einen  rapid  steigenden  Verbrauch  von  Leder
bedeuteten.  Dem  billigen  weißgaren  Schuhfutter  freilich  fowie  der
Sämischgerberei  schien  die  neue  beschleunigte  Gerbemethode  zunächst  nicht
verhängnisvoll  zu  sein,  weil  die  Eigenschaften  ihrer  Produkte  keinen
Wettbewerb  mit  Weiß-  und  Sämischleder  zuließen.  Aber  für  diese
letzteren  Gebiete  war  bereits  ein  neuer  Gegner  entstanden:  die  Erfindung
der  Dampfmaschine,  der  Übergang  der  Textilindustrie  zum  Maschinenbetrieb, ­
  die  Steigerung  des  Baumwollimportes  hatten  die  Tuche
wohlfeil  gemacht,  und  unter  der  englischen  Jmportflut  vollzog  sich  auch
auf  dem  Kontinent  die  Verdrängung  des  Weißen  Schuhfutters  und  der
sämischen  Kleidungsstücke  durch  die  billigen  Baumwollstoffe.  Es  fallen
die  zahlreichen  Zollschranken  der  kleinen  Territorien,  und  die  alten
Produktionsarten  im  Schuh-  und  Handschuhgewerbe  werden  ersetzt  durch
die  neuen  maschinenmäßigen.  Die  Apparate  zum  mechanischen  Vorzeichnen
der  Handschuhe  behufs  des  Ausschneidens  mit  der  Handschere,  das
Aushauen  der  Handschuhteile  auf  schneidenden  stählernen  Patronen,  die
sogenannte  Nähmaschine  Z,  der  Zuschnitt  auf  mechanischem  Wege  durch
den  Franzosen  Jouvin^),  die  Einführung  einer  Nähmaschine  in  die
Handschuhmacherei  3 )  gestalten  die  Handschuhindustrie  zu  einer  exportierenden ­
  Großindustrie 4  *  * ),  so  daß  z.  B.  Prag  um  die  Wende  des
19.  Jahrhunderts  800000  Dtzd.  Paare  jährlich  exportiert  °),  —  und
zwar  zu  einer  Industrie,  deren  Hauptbedarf  von  der  Glacegerberei  oder
von  neueren  kombinierten  Spezialitäten  gedeckt  wird,  während  Weiß
und  Sämisch  nur  noch  eine  sehr  geringe  Rolle  spielen;  die  letzte  weltwirtschaftliche ­
  Phase  der  Handschuhindustrie  ab  1870  bringt  das  Aufblühen ­
  von  Handschuhzentren  in  Deutschland  und  damit  die  Konkurrenz ­
  des  deutschen  schafledernen  gegen  den  französischen  ziegenledernen
Handschuh  8 ).
Ähnlich  vollzog  sich  der  Aufschwung  in  der  Schuhindustrie.  Für
den  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  noch  sehr  gebräuchlichen  Schaftstiefel ­
  lieferte  England  elastische  Stiefelschäfte 7 ),  und  Delveau  in  Paris

1 )  Karmarsch  1872,  S.  587.
2 )  Rehlen  1855,  S.  142.  s )  Wiedfeldt  1898,  S.  215.
4 )  Siehe  Wiedfeldt  S.  1898,  214—215;  Schmoller  1870,  S.  633  ff.
s )  Zuckerkand!  1896,  S.  178.
e )  Lederausstellung  1878,  S.  195;  Ledermarkt  1893,  S.  1235-1237,
1300—1332;  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage.
2 )  Beckmann  1796,  S.  285;  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  179.
        <pb n="167" />
        127

nahm  1806  ein  Patent  auf  Stiefelschäfte  ohne  NahtZ.  Der  Franzose
Brunel  erfand  1814  die  Nagelschuhe 2 ),  Nathanael  Leonard  1829  die
Sohlennagelmaschine s ),  und  in  den  30  er  Jahren  erfolgte  die  Einführung
dieser  Errungenschaften  in  Deutschlands.  Die  Einführung  der  Nähmaschine ­
  in  den  50  er  Jahren  führte  zur  Schaftarbeit,  dann  sogar  zu
einer  eigenen  Industrie,  der  Schaftstepperei,  und  schließlich  zum  Glaceschaft
  aus  Kidleder;  in  den  70  er  Jahren  erfolgte  die  Einführung  einer
weiteren  Reihe  von  Maschinen,  Stanzmaschinen,  Walzmaschinen,  Öseneinfetzmaschinen, ­
  Knopflochnähmaschinen,  Riemchenumbiegmaschinen,  Abschrägmaschinen, ­
  Perforiermaschinen,  die  ganze  Reihe  der  Maschinen
für  den  Bodenbau,  wie  Absatznagelmaschine,  Aufzwickmaschinen  u.  a.;
die  Maschinenschusterei,  welche  anfänglich  meist  zur  Befriedigung  des
Armeebedarfs  eingeführt  war  °),  arbeitete  schließlich  für  das  große
Publikum;  denn  beim  Übergang  zur  Fabrikinduftrie  6 )  hatten  es  die
Schuhfabrikanten  verstanden,  den  Bedürfnissen  des  Publikums  entgegenzukommen ­
  und  den  Geschmack  desselben  zu  verfeinern;  der  Verbrauch  an
Schuhen  und  Stiefeln  stieg,  das  schwere  Schuhwerk  ward  durch  feines
ersetzt,  und  der  Lederbedarf  nahm  gewaltige  Formen  an.
Seit  den  40  er  Jahren  erfolgten  die  Umwälzungen  auf  dem  Gebiete
der  Verkehrsmittel,  und  damit  im  Zusammenhang  geht  die  Versorgung
des  ganzen  lokomobilen  Publikums  mit  ledernen  Reiseutensilien,  von
dem  großen  Lederreisekoffer  bis  zu  den  kleinen  Portefeuilleartikeln  und
Ledergalanteriewaren;  der  Übergang  zum  Industrie  st  aate  brachte  den
ganzen  Bedarf  der  Industrie  als  solcher  an  Leder,  wie  lederne  Treibriemen,
Ledertaschen,  lederne  Walzenüberzüge  usw.  mit  sich,  und  dieser  ganze,
ins  gigantische  gestiegene  Lederbedars,  den  auch  die  Kriege  dieses  Jahrhunderts ­
  noch  vermehrt  hatten  7 ),  wurde  von  dem  feinsten  Lackleder  bis
zu  den  schwersten  Ledersorten  hauptsächlich  von  der  durch  die  Einführung
ausländischer  Gerbstoffe  und  der  Gerbstoffextrakte  abermals  modernisierten
vegetabilischen  Gerbung  gedeckt,  während  die  Glacegerbung  und  einige
kombinierte  Spezialgerbuugen,  Feinleder,  Handschuhleder,  Chevreaux,
Kidleder  und  Feinlederimitationen  lieferten.
So  hatte  sich  also  im  Laufe  von  100  Jahren  das  Bild  total
verschoben.  Aus  der  Linie  der  damals  noch  ziemlich  gleichwertig  nebeneinander ­
  stehenden  Gerbemethoden  war  die  Sämischgerberei  fast  ausgeschieden, ­
  den  gestiegenen  feinen  Lederbedarf  deckte  die  Feinlederindustrie,
0  Keetz  1829,  Bd.  I,  S.  49.
2 )  Poppe,  G.  1837,  S.  184;  vgl.  auch  Wehr  1909,  S.  8.
0  Behr  1909,  S.  8.  4 )  Gleißenberger  1895,  S.  196  ff.
5 )  B.  d.  Erf.  1874,  S.  421.  «)  Schmoller  1870.
0  Vgl.  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  482;  Gerberzeitung  1871,  Nr.  45;  Gerbercourier ­
  1901,  Nr  35.
        <pb n="168" />
        128

aber  die  vegetabilische  Gerbung  war  riesengroß  gewachsen,  sie  hatte
mächtig  übergegriffen  in  das  Gebiet  der  Feinlederindustrie  und  sie  hatte
die  Weißgerberei  bis  auf  wenige  Spezialitäten,  wie  Leder  für  Spielwarenindustrie, ­
  für  Musikinstrumente,  für  billigere  Ballschuhe  fast
erdrückt  x ).  In  Kirchhain,  einem  Hanptsitz  der  Weißlederindustrie,  wo
noch  vor  40—50  Jahren  nur  weiße  Schaffelle  hergestellt  wurden,  sind
heute  nur  mehr  ein  Drittel  der  ganzen  Produktion  weißgar,  und  die
einschlägigen  Adreßbücher  der  Lederbranche  zeigen  einen  von  Jahr  zu
Jahr  verfolgbaren  Rückgang  der  Weißlederfirmen.  Die  vegetabilische
Gerbung  hatte  sich  immer  wieder  erneut,  die  neuauftretenden  Spezialitäten ­
  paßten  sich  in  den  Rahmen  der  neuen  Bedürfnisse  ein,  und  darum
gingen  die  Glace-  und  besonders  die  Weißgerberei,  welche  im  Wechsel
der  Zeiten  vollkommen  unverändert  geblieben  waren,  mehr  und  mehr
zurück;  es  ist  erstaunlich,  daß  trotz  der  großen  Erfinderarbeit,  welche
auch  auf  diesen  Gebieten  geleistet  worden  ist *  2 ),  eigentlich  nichts  für  die
Praxis  Bedeutungsvolles  abfallen  konnte.  In  den  80er  Jahren  des
vorigen  Jahrhunderts  betrug  der  Konsum  an  Leder  pro  Kopf  der  Bevölkerung ­
  in  England  4,9  kg,  in  Deutschland  2,4  kg,  ähnlich  in  Frankreich, ­
  in  Rußland  1,4  kg**);  diese  Zahlen  zeigen,  daß  der  Verbrauchskoeffizient ­
  eines  Landes  mit  steigender  Industrialisierung  steigt;  während
also  der  Lederkonsum  im  Vergleich  zum  Gesamtkonsum  einer  Bevölkerung
sinkt,  steigt  dieser  Konsum  pro  Kopf  der  Bevölkerung  beim  Übergang
zu  intensiveren  Formen  der  Wirtschaft.  Es  sind  das  zwei  Bewegungen,
welche  nicht  miteinander  verwechselt  werden  dürfen.
Die  letzte  Phase  in  jenem  schweren  Konkurrenzkämpfe  der  Gerbemethoden ­
  haben  wir  aber  noch  nicht  dargestellt;  diese  wird  eingeleitet  durch
den  Eintritt  der  Chromgerberei  in  das  Stadium  der  tatsächlichen
Ausübung.  Gleich  der  erste  Schritt  der  Chromgerberei  war,  wie  wir
gehört  haben,  die  Verdrängung  der  französischen  Chevreaux,  also  eines
Hauptproduktes  der  Glacegerbung,  durch  die  Chromchevreaux  vom  Amerikanischen ­
  Markte.  Und  nicht  nur  die  Feinlederindustrie  wurde  durch
das  Chrom  und  seine  Kombinationen  in  ihrem  Absatzverhältnis  eingeengt;
denn  der  nächste  Schritt  war  die  langsame  aber  sichere  Einführung  des
Chroms  in  die  Oberlederindustrie,  und  von  hier  aus  erfolgte  successive
die  Adaptierung  der  Methode  an  schwere  Häute,  so  daß  sogar  die
Treibriemenindustrie  jetzt  im  großen  Umfange  Chromleder  erzeugt.
Auch  die  sämischen  Besätze  auf  Reithosen  werden  schon,  wenn  auch
vorerst  noch  versuchsweise,  aus  Chromleder  hergestellt;  nur  das  Sohlleder ­
  ist  für  Chrommethoden  vorerst  noch  ziemlich  unzugänglich.  Es  ist
')  Vgl.  Schuh  und  Leder  1902,  Nr.  33,  S.  23  ff.
2 )  Vgl.  22.  Jahresbericht  der  Deutschen  Gerberschule  zu  Freiberg  in  Sachsen  1911.
')  Scherzer  1885,  S.  334—335.
        <pb n="169" />
        129

Nicht  allein  die  Sorge  um  den  Gerbstoff,  von  welcher  wir  ja  im  ersten
Teil  gesprochen  haben,  es  sind  auch  nicht  vorwiegend  kapitalistische
Erwägungen,  welche  den  Siegeslauf  des  Chroms  veranlaßt  haben,
sondern  das  Chromleder  besitzt  eine  Reihe  neuer  wichtiger  und  wertvoller
Eigenschaften,  unter  welchen  nur  die  schon  erwähnte  hervorgehoben  sei,
daß  die  mit  anderen  Gerbemethoden  nur  minderwertiges  Leder  liefernden
Schaffelle  durch  Chrom  in  Produkte  guter  Marktfähigkeit  veredelt  werden.
Die  wichtigen  Positionen  in  dem  hundertjährigen,  soeben  geschilderten ­
  Konkurrenzkämpfe  und  die  großen  Verteilungen  der  Nachfrage
in  dem  ganzen  gestiegenen  Verbrauch  wurden,  wie  hier  dargestellt,
allerdings  erzwungen  auf  Grund  der  in  Betracht  kommenden  Gerbemethoden, ­
  aber  nicht  allein  durch  diese,  sondern  auch  durch  die  den
Gerbemethoden  jeweils  zur  Verfügung  stehenden  Betriebsmittel;
diese  sind  der  technische  Ausdruck  der  zugrunde  liegenden  gerberischen
Prinzipien  in  Hinblick  aus  das  zur  Verarbeitung  kommende  Hautmaterial.
Zu  der  Betrachtung  ihrer  Entwicklung  haben  wir  uns  daher  nunmehr
Zu  wenden.

5.  Kapitel.
Die  Entstehung  und  Entwicklung  der  Betriebsmittel.
8  15.  Die  Werkzeuge.
Ähnliche  großzügige  Entwicklungsverhältnisse,  wie  bei  den  Gerbemethoden ­
  lassen  sich  bei  den  zur  Durchführung  derselben  benötigten
Werkzeugen  beobachten.  Diese  Werkzeuge  stellen  natürlich  einerseits  den
technischen  Ausdruck  des  jeweils  zugrunde  liegenden  Prozeffes  dar,
andererseits  aber  zeigen  sie  in  sich  eine  selbständige  Entwicklung;  es
ergibt  sich  auch  hier  ein  merkwürdig  langes  Beharren  bei  übernommenen
Prinzipien,  aber  die  Form  der  Werkzeuge  entspringt  x ),  wie  wir  sehen
werden,  ursprünglich  aus  der  Natur  des  Werkzeugmaterials,  in  zweiter
Linie  stellt  diese  Form  in  verschiedenen  Stufen  der  Entwicklung  ein
gegenseitig  sich  bedingendes  Verhältnis  zwischen  Unterlage  und  arbeitendem ­
  Werkzeug  dar,  in  dritter  Linie  endlich  dominiert  bei  der  Formgebung ­
  ein  neues  Verhältnis,  nämlich  das  zwischen  der  Natur  der
Haut  und  der  Betriebskraft  der  Werkzeuge.
Die  primitivste  Unterlage  primitiver  Fellarbeit  ist  der  Fußboden,
*)  Das  natürlich  erst,  wenn  der  Übergang  von  dem  werkzeuglosen  Arbeiten
mit  den  natürlichen  Organen  der  Hand,  der  Zähne  usw.  zum  Arbeiten  mit  dem
-echten  Werkzeug  erfolgt  ist;  vgl.  S.  130,  131,  134,  135.
Ebert,  Eruwicklung  der  Weißgerberei.

9
        <pb n="170" />
        130

auf  welchen  das  ausgespannte  Fell  gelegt  wird.  So  ist  es  z.  B.  bei
den  Koffern  der  FallZ,  welche  sich  in  bezug  auf  Fellarbeit  noch  in
den  Anfangsstadien  befinden.  Häufig  wird  das  auf  dem  Boden  liegende
Fell  befestigt,  es  wird  entweder  am  Rande  nur  mit  kleinen  Steinen
beschwert 2 )  oder  es  wird  ausgespannt,  so  in  Island  und  Nordamerika  3  * ),
die  Eskimos  pflöcken  es  auf  dem  Boden  mit  Seehundsrippen  H  oder
Renntierrippen 5  * )  an;  solche  Vorstellungen  liegen  offenbar  auch  öor,
wenn  Aristophanes  sagen  läßt:  „Ich  spann  dich  auf  den  Boden"
„Auf  die  Erde  nagle  ich  Dir  die  Haut"  7 ).  In  China  wird  die  zu
trocknende  Haut  auf  ein  Brett  genagelt 8 ),  und  damit  ist  der  Übergang
gewonnen  zu  der  Form  der  Fellarbeit,  welche  nicht  mehr  in  einer  auf
dem  Boden  kauernden  Stellung  vorgenommen  werden  muß;  denn  die
auf  diese  Weise  ausgespannte  Haut  läßt  sich  in  jede  für  die  jeweilige
Arbeit  bequeme  Stellung  bringen.
Die  Verwendung  von  hölzernen  Rahmen  zum  Einspannen  der  zu
bearbeitenden  Haut  ist  die  vollendetste  Unterlage  für  primitive  Fellarbeit;
denn  hier  kann  nicht  nur  die  Haut  schnell  und  bequem  ohne  zu  runzeln
getrocknet  werden,  sondern  der  Rahmen  gestattet  auch  ein  leichtes  und
gleichmäßiges  Bearbeiten  und  Beschaben  der  Fleisch-  wie  der  Narbenseite, ­
  ohne  daß  das  Fell  oder  die  Haut  von  dieser  Unterlage  entfernt
zu  werden  braucht.  Indianer  9 )  und  mongolische  Nomaden  10 )  haben
gleichmäßig  diesen  hölzernen  Rahmen  ausgebildet,  und  auf  ähnliche
Zustände  im  alten  Griechenland  ist  wahrscheinlich  angespielt  mit  dem
Verse  „Ich  spann  dich  in  den  Bock"  ll );  endlich  bediente  sich  die  ganze
Pergameutfabrikation  während  des  ganzen  Mittelalters  und  noch  weit
hinein  in  die  neue  Zeit  solcher  hölzerner  Rahmen  zur  Bereitung  des
Pergaments;  denn  die  Pergamentherstellung  ist  ja,  wie  uns  das  Schema
zeigt,  nur  eine  in  Hinsicht  auf  die  endliche  Verwendung  etwas  modifizierte ­
  primitive  Fellarbeit,  kombiniert  mit  der  im  Abendland  üblich
gewordenen  Vorarbeit.
Eine  dritte,  ebenfalls  sehr  altertümliche  Form  der  Unterlage  stellt
der  Schabebaum  oder  Gerberbaum  dar,  welcher  schon  auf  ägyptischen
Abbildungen  des  alten  Reiches  vorhanden  ist;  er  scheint  weiter  in  der
klassischen  Zeit  üblich  gewesen  zu  sein  "),  die  ältesten  deutschen  Handy
  Deutsche  Gerberzeitung  1897.  2 )  Ledertechnische  Rundschau  1912,  S.  270.
8 )  Goguet  Ex.  1796,  S.  58;  siehe  auch  Abbildung  in  Spamers  Conversationslexikon
  1875,  Bd.  IV,  S.  666.  *)  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  28.
5 )  Ledertechnische  Rundschau  1912,  S.  270.  Abbildung  bei  Schurtz  1800,
S.  315.  °)  Aristophanes  Vers  470.  7 )  Aristophanes  Vers  863.
8 )  Gray  1878,  Bd.  II,  S.  158.
»)  Abbildung  bei  Jörissen  1909,  S.  4  und  in  Spamers  Conversationslexikoir
1875,  Bd.  IV,  S.  666.  “)  Poppe  1837,  S.  340;  Rüst  1844,  S.  338.
")  Aristophanes  Vers  470.  n )  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  261.
        <pb n="171" />
        131

Werkerporträts  Z  stellen  schon  den  Schabebaum  dar,  und  auch  heute
noch  finden  wir  selbst  in  den  größten  Betrieben  diese  altehrwürdige
Unterlage  im  Gebrauch.
Wir  gehen  nun  nach  der  Betrachtung  der  Unterlagen  über  zu  den
arbeitenden  Werkzeugen  der  Lederarbeiter.  Sie  dienen  zum  Kratzen,
Schaben,  zum  Enthaaren,  Entfleischen;  ihre  Form  ist  ursprünglich  abhängig ­
  von  dem  Material,  aus  welchem  sie  bestehen,  schließlich  aber
paßt  sich  diese  Form  an  die  jeweiligen,  eben  besprochenen  Arten  der
Unterlage  an,  auf  welchen  das  Fell  bearbeitet  wird.
Das  Auskäuen  der  Häute  mit  den  Zähnen  zur  Entfernung  der
Haare  und  des  Fleisches 2 ),  welches  heute  noch  bei  Eskimos  in  so  starkem
Maße  geübt  wird,  daß  die  Zähne  der  Leute  von  mittlerem  und  höherem
Alter  durch  das  beständige  Kauen  der  Felle  zu  bloßen  Stümpfen  abgenutzt ­
  finb s ),  ist  sonst  nirgends  mehr  nachweisbar;  denn  bereits  in
der  jüngeren  Steinzeit  erfolgte  der  Übergang  zu  Schabern  oder  Schneidemessern ­
  *  4  *  * )  aus  Schiefer,  Flintsplittern  oder  Knochen  B ),  teilweise  schon
in  einem  Griff  aus  Holz  oder  Knochen  befestigt  °),  Instrumente,  welche
noch  bis  heute  im  arktischen  Asien  und  Europa  anzutreffen  sind  7 ).
Sobald  aber  das  Material,  aus  welchem  die  Werkzeuge  hergestellt
wurden,  eine  Anpassung  der  Werkzeugform  an  die  jeweilig  benutzte
Unterlage  gestattete,  wird  der  eben  besprochene,  vom  Material  der
Werkzeuge  diktierte  Typ  verlassen,  und  es  bilden  sich  neue  Typen  heraus,
welche  wir  in  Analogie  mit  den  zur  Verwendung  kommenden  Unterlagen ­
  ebenfalls  in  drei  Klassen  teilen  können:
1.  Die  Werkzeuge  für  flache  Unterlagen,  wie  der  Erdboden  oder
ein  flaches  Brett.  Die  hierauf  berechneten  Werkzeuge  haben  infolgedessen ­
  gerade  Schneiden  mit  oder  ohne  Handgriff,  wie  bei  Eskimos,
Ostjaken  8 ),  Chinesen")  oder  bei  manchen  Steppenvölkern.
2.  Die  Werkzeuge  für  die  Bearbeitung  der  ausgespannten  Felle,
sei  es  auf  dem  Boden,  sei  es  im  Rahmen.  Diese  Form  der  Unterlage
verlangt  Werkzeuge  mit  konvexer  Schneide,  und  daher  finden  wir  solche
konvexe  Schneiden  z.  B.  in  den  arktischen  Regionen  der  Nordhudsonsbay  4 °),
vor  allen  Dingen  aber  verlangt  feine  Arbeit  am  Rahmen  hochgradig
konvexe  Formen;  noch  im  14.  und  15.  Jahrhundert  arbeiteten  die
Pergamenten  mit  einem  typisch  halbmondförmigen  Messer  an  der  in

Mendel,  S.  92.  -)  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  218.
3 )  Deutsche  Gerberzeitung  1881,  Nr.  31.
4 )  Abbildung  bei  Ranke  Anthropologie  1912,  Bd.  II,  S.  541.
°)  Montelius  1906,  S.  20.  «)  Ebenda.
7 )  Abbildungen  bei  Ratzel  1894,  Bd.  I,  S.  642.
8 )  Pallas  1778,  Bd.  III,  S.  36.  »)  Schönmanns  Journal  1900,  Nr.  23.
10 J  Deutsche  Gerberzeitung  1881,  Nr.  31.

9*
        <pb n="172" />
        132

den  Rahmen  gespannten  Haut*),  diese  aber  ging  dann  über  in  den
sog.  Schlichtmond  der  späteren  Pergamenter,  ein  tellerförmiges  Messer
mit  einem  Loch  in  der  Mitte  zum  Anfassen  und  mit  vollkommen  kreisförmiger ­
  Schneide;  die  moderne  Handschuhmacherei,  Weiß-  und  Glacegerberei ­
  verwendet  ebenfalls  noch  diese  Schlichtmonde  in  der  Zurichterei,
wobei  die  Felle  allerdings  nicht  mehr  im  alten  Rahmen,  sondern  in
den  weniger  zeitraubenden,  aber  sehr  ähnlichen  Schrägen  gespannt
werden.
3.  Die  Werkzeuge  für  die  Bearbeitung  der  Felle  am  Schabebaum.
Die  konvexe  Unterlage  fordert  hier  vornehmlich  konkave  Schneiden.
Wir  sehen  also,  wie  sich  auf  Grund  einer  entwicklungsgeschichtlichen ­
  Betrachtungsweise  die  verschiedene  Form  der  Unterlagen  sehr
natürlich  ergibt,  wie  sich  weiter  die  verschiedensten  Werkzeuge  dadurch
sehr  einfach  klassifizieren  und  ihre  verschiedenen  Formen  verstehen  lassen.
Wir  haben  gesehen,  daß  sich  wesentlich  drei  Formen  der  Unterlagen
herausgebildet  haben,  von  welchen  zwei,  nämlich  der  Rahmen  und  der
Gerberbaum,  schon  im  Bestände  der  alten  Kulturvölker  vorhanden  sind,
und  daß  sich  diese  Formen,  besonders  die  des  Gerberbaums,  bis  heute
in  der  handwerksmäßigen  Technik  nicht  geändert  haben;  damit  wird  es
erklärlich  und  verständlich,  daß  nicht  nur  die  Grundformen  der  Werkzeuge, ­
  sondern  sehr  oft  sogar  deren  ganzer  Habitus  nicht  bloß  in  der
Reihe  vom  primitiven  Volke  bis  herauf  zum  hochentwickelten  Kulturvolk, ­
  nicht  bloß  in  der  langen  zeitlichen  Entwicklung  seit  dem  alten
Reiche  von  Theben  bis  zu  unseren  Tagen,  sondern  auch  gleichmäßig
durch  alle  Zweige  der  Gerberei,  gleichgültig  ob  Weiß,  Rot  oder  Sämisch,
die  gleichen  geblieben  sind.  Nur  die  Größe  der  Werkzeuge  ist  verschieden, ­
  indem  für  schwere  Häute  auch  starke  und  große  Eisen  nötig
sind,  während  die  auf  leichte  Felle  eingerichteten  Methoden  oder  Werkstätten ­
  nur  kleine  Werkzeuge  benützen.
Der  Gerberbaum  ist  die  typische  Form  der  Unterlage  im  Abendlande ­
  geworden,  hier  gehören  deshalb  die  Werkzeuge  zum  konkaven  Typ,
und  diese  Werkzeuge  wollen  wir  noch  etwas  näher  betrachten.
Die  im  Herbst  des  Jahres  1873  in  Pompeji  aufgedeckte  Gerberei
war  hauptsächlich  durch  die  wenigen  darin  gefundenen  Werkzeuge,  welche
sich  von  den  unseligen  fast  nicht  unterscheiden,  als  solche  charakterisiert  ^).
Die  Luccheser  Handschrift  des  8.  Jahrhunderts  orientiert  uns  lediglich
darüber,  daß  die  Haare  mit  einem  Messer  abgeschabt  werden 8 ),  desgleichen ­
  spricht  die  Mainzer  Handschrift  des  14.  Jahrhunderts  von
einem  Schabmessers,  ohne  uns  nähere  Auskunft  über  die  Form  zu

y  Mendel  S.  34  a  Abbildung.  ! )  Blümner  1875,  Bd,  I,  S.  279—280,  266.
3 )  Breslau  1899,  S.  888.  4 )  Gerberzeitung  1867,  S.  168.
        <pb n="173" />
        133

geben.  Wir  dürfen  indessen  annehmen,  daß  es  die  übliche  gewesen  ist,
und  es  sei  besonders  darauf  hingewiesen,  daß  diese  Angaben  keinen
Zweifel  über  die  Benützung  eines  Messers  zum  Schaben  aufkommen
lassen  können.
Die  älteste  Abbildung  eines  deutschen  Jrhers  aus  dem  Jahre  1473
findet  sich  in  dem  Buche  der  Mendelschen  Zwölfbrüderstiftung  in  Nürnberg ­
  *).  Es  sei  hier  auf  diese  interessante  Abbildung  ausdrücklich  hingewiesen, ­
  weil  das  sonst  mit  Abbildungen  nicht  sparsam  umgehende
Prachtwerk  von  Jörissen  diese  wichtige  Abbildung  nicht  aufgenommen
hat,  wie  überhaupt  merkwürdigerweise  jene  interessanten  und  wertvollen
ältesten  Handwerkerporträts  bisher  eine  ihrem  Werte  auch  nur  annähernd ­
  entsprechende  Berücksichtigung  nicht  gefunden  haben.  Jener
Jrher,  Fritz  Egen,  welcher  „am  ertag  nach  conversio  pauli",  also  am
26.  Januar  1473  starb,  steht  am  Schabebaum,  und  in  der  Hand  hält
er  das  gerade  Schabeeisen,  welches  durch  seine  blaue  Farbe  ausdrücklich ­
  als  Eisen  charakterisiert  ist.  Daß  das  Schabeeisen  hier  gerade
gezeichnet  ist,  stört  uns  nicht  weiter;  denn  der  Krümmungsgrad  der
Messer  war  und  ist  mannigfach  wechselnd;  man  braucht  bloß  die  Abbildungen ­
  im  Schauplatze  der  Künste  und  Handwerke  aus  dem  18.  Jahrhundert ­
  zu  betrachten,  oder  noch  besser,  man  sucht  einige  ältere  Werkstätten ­
  kleiner  Gerber  auf,  so  sieht  man  Eisen  verschiedenster  Krümmung, ­
  wie  ja  auch  der  moderne  Scherdegen  nicht  gebogen  ist.  Eine
zweite  Abbildung  eines  Jrhers  aus  dem  Jahre  1504 2 )  zeigt  denn  auch
ein  sehr  deutlich  gebogenes  Schabeeisen.  Mit  der  Auffindung  dieser
Tatsachen  wird  natürlich  die  Angabe,  es  sei  erst  im  Jahre  1584  durch
zwei  Deutsche  oder  Lothringische  Gerber  das  Schabeeisen  zum  Enthaaren ­
  der  Häute  aus  Ungarn  eingeführt  worden^),  hinfällig.
Dieses  konkave  Schabeeisen  hat  sich  im  Laufe  der  Zeit,  wie  bereits
angedeutet,  differenziert,  es  gingen  aus  ihm  Eisen  verschiedener  Krümmung ­
  und  Eisen  verschiedener  Schärfe  hervor,  aber  alle  zeigen  mit  den
beiden  endständigen  Handgriffen  die  nahe  Abstammung  von  der  Urform. ­
  Schon  die  Piazza  Z  berichtet  uns  1659,  daß  die  Gerber  verschiedene ­
  Eisen  besitzen,  mit  welchen  sie  die  Häute  inwendig  und  auswendig ­
  reinigen;  um  die  Wende  des  17.  Jahrhunderts  sind  die  Eisen
der  Weißgerber  die  folgenden:  das  Haareisen,  das  Schabeisen,  das
Schüreisen,  das  Ringeisen  und  die  Schlichtklinge 5 ),  während  die  ganz
ähnlichen  Eisen  der  Rotgerber,  schon  um  die  Trennung  der  beiden
feindlichen  Handwerke  auch  durch  die  verschiedene  Namengebung  der

0  Mendel  S.  92.  2 )  Mendel  S.  119  a.
8 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  56.  *)  Piazza  1659,  S.  500.
6 )  Frisius  1708,  S.  426.
        <pb n="174" />
        134

im  Gebrauch  befindlichen  Werkzeuge  anzudeuten,  andere  Bezeichnungen,
und  die  der  Pergamenter  wieder  andere  Namen  führen.
Eine  Entwicklung  der  Werkzeuge  läßt  sich  auch  in  der  Nacharbeit
oder  Zurichterei  beobachten.  Sie  bildete  ja  einen  Hauptteil  der  primitiven ­
  Fellarbeit,  wo  durch  Kneten,  Reiben,  Walken,  Klopfen,  Rollen
zwischen  den  Händen  usw.  die  Steifheit  des  Leders  beseitigt  werden
sollte.  Die  verschiedenen  Gerbemethoden  Weiß,  Rot  und  Sämisch  haben
natürlich  ganz  verschiedene  Zurichtemethoden  herausgebildet;  denn,  um
Extreme  zu  wählen,  das  dicke,  harte,  hauptsächlich  auf  Gewicht  und
Festigkeit  gestimmte  Sohlleder  bedarf  einer  anderen  Zurichtungsart  als
das  weiche  zarte,  zügige,  geschmeidige  Glaceleder.  Wir  betrachten  im
folgenden  bloß  die  Methoden  der  uns  hier  nahe  angehenden  Gerbereiabteilungen. ­

Bei  allen  diesen  Ledern  kommt  es  daraus  an,  die  durch  den  Gerbeprozeß ­
  erzeugte  Steifheit  zu  beseitigen,  was  durch  Brechen,  Recken,
Stollen  geschieht;  schwerere,  dickere  Leder  werden  gereckt,  feine  Leder
werden  gebrochen  und  gestollt.
Die  Zurichtung  der  feinen  weißen  Leder  geschah  im  14.  Jahrhundert
noch  durch  Reiben  und  Recken  mit  den  Händen  allein  oder  über  einem
Seil  i).  Wann  und  woher  der  Stollpfahl  in  die  Weißgerberei  eingeführt ­
  wurde,  darüber  habe  ich  nirgends  Andeutungen  finden  können.
Frisius^)  führt  1708  unter  den  Werkzeugen  der  Weißgerber  den  Stollpfahl ­
  ausdrücklich  an  und  dieser  Stollpfahl  ist  für  das  Gewerbe  der
Weißgerber  so  charakteristisch,  daß  er,  worüber  später  noch  einmal  zu
reden  sein  wird,  in  mehr  oder  weniger  stilisierter  Form  in  fast  allen
Zunftsiegeln  der  Weißgerberhandwerke  vorhanden  ist.  Es  ist  nicht  unmöglich, ­
  daß  auch  er  aus  der  primitiven  Fellarbeit  stammt,  wo  man
gelegentlich  Schulterblätter  von  Tieren  von  sehr  ähnlicher  Form
und  in  ähnlicher  Weise  zum  Erweichen  der  Felle  in  Anwendung  findet.
Der  Stollpfahl  wird  vielleicht  am  kürzesten  beschrieben  als  ein  halbscharfer ­
  Schlichtmond,  welcher  auf  einem  etwa  60  cm  hohen  Gestell  so
befestigt  ist,  daß  die  garen  Felle,  wie  früher  über  das  Seil,  so  hier
über  die  konvexe  Schneide  des  Stollpfahles  hin  und  her  gezogen  werden.
Der  Stollpfahl  ist  auch  heute  noch  ein  Hauptwerkzeug  beim  Zurichten
in  der  Glacegerberei,  aber  die  Arbeit  am  Stollpfahl  ist  sehr  anstrengend,
weil  der  Arbeiter  mit  der  ganzen  Kraft  der  Arme  und  des  rechten
oder  linken  entblößten  Kniees  das  Fell  über  den  Pfahl  zu  ziehen  hat  4 ).

l )  Gerberzeitung  1867,  S.  168.  2 )  Frisius  1708,  S.  426.
3 )  Ledertechnische  Rundschau  1912,  S.  270;  (Sinti  1873,  Taf.  II,  Fig.  10
und  Stolle.
*)  Abbildung  bei  Krünitz  1795,  Bd.  LXYIII,  Taf.  9,  Fig.  4039  und  Taf.  10,
Fig.  4040,  E.
        <pb n="175" />
        135

Die  Zurichtung  der  gewöhnlichen  weißgaren  Felle,  der  schwereren
weißgaren  Ochsen-  und  Kuhhäute,  sowie  des  ungarischen  Leders  geschieht
häufig  auf  der  sog.  Reckbauk  *),  eine  Arbeit,  welche  weniger  zeitraubend
und  unter  Umständen  nicht  so  ermüdend  ist.
Damit  sind  die  wichtigsten  Arbeiten  der  Zurichterei  erwähnt.  Durch
Befeuchten  und  Brechen  werden  die  Felle  für  diese  Arbeiten  vorbereitet,
eine  Operation,  welche  heute  durch  Stauchen  in  Wasser  oder  durch
Einlegen  in  angefeuchtete  Sägespäne  geschieht.  Die  Mainzer  Handschrift ­
  des  14.  Jahrhunderts  zeigt  uns  auch  für  diesen  Fall  einfache
Zustände:  Man  nimmt  Wasser  in  den  Mund  und  spritzt  es  dann  „wie  es
die  Schneider  über  die  Kleider  machen"  leicht  auf  die  Häute,  damit  sie
ganz  wenig  feucht  werden  und  nicht  zerreißen,  wenn  man  sie  mit  den
Händen  zu  reiben  beginnt^).
Kurze  Betrachtung  verdient  noch  das  A  u  s  h  ä  n  g  e  n  der  zum  Trocknen
bestimmten  Felle,  weil  diese  bei  den  Weißgerbern  offenbar  anders  aufgehängt ­
  wurden,  als  wir  dies  heute  tun.  Ausdrücke  wie  „stanngen
beschlahen" 3 )  weisen  nämlich,  wenngleich  das  an  keiner  Stelle  ausdrücklich ­
  ausgesprochen  ist,  darauf  hin,  daß  die  Felle  zum  Trocknen
nicht  über  die  Stangen  gehängt  wurden;  denn  dabei  trockneten  offenbar ­
  die  auf  den  Stangen  aufliegenden  Partieen  viel  langsamer  als  die
rechts  und  links  herunterhängenden  und  auf  beiden  Seiten  der  trocknenden
Luft  zugänglichen  Hälften.  Zur  Vermeidung  dieses  Übelstandes  hat
man  die  Stangen  mit  Fellen  beschlagen,  d.  h.  man  hat  wahrscheinlich
je  zwei  Extremitäten  eines  Felles  mit  Nägeln  an  den  Stangen  befestigt. ­

Die  im  Eingang  dieses  Teiles  aufgeführten  Schemata  für  Weißgerberei ­
  und  Glacegerberei  mögen  zeigen,  wie  bei  den  feinen  Ledern
zur  Erzielung  höchster  Zügigkeit  sich  ähnliche  Operationen  mehrmals
wiederholen.  Es  läßt  sich  das  gerade  in  der  Zurichterei,  viel  deutlicher
freilich  noch  bei  lohgaren  Ledern  verfolgen,  wie  die  Entwicklung  von
Geschmack  und  Ansprüchen  bei  den  letzten  Konsumenten  immer  mehr
Operationen  in  die  Zurichterei  einschiebt.  Ein  Beispiel  dafür  bieten
auch  die  eingangs  angeführten  Schemata  der  Pergamentfabrikation  von
emer  Reihe  aufeinander  folgender  Jahrhunderte.
Nur  auf  eine  einzige  dieser  Operationen,  welche  freilich  weniger
am  Weißleder  selbst  als  an  gefärbten  Weißledern  oder  an  leichten  Lohledern ­
  ausgeführt  wird,  sei  hingewiesen.
Der  orientalische  Chagrin  erfreute  sich  im  18.  Jahrhundert  besonderer ­
  Beliebtheit  zum  Überziehen  von  Etuis,  kleinen  Koffern  usw.
hauptsächlich  wegen  einer  nur  diesem  Leder  eigenen  eigentümlich  ge-')
  Abbildung  bei  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  Taf.  3,  Fig.  4018.
2 J  Gerberzeitung  1867,  S.  168.  3 )  Nürnberg  1635,  M.  S.,  452.
        <pb n="176" />
        136

narbten  Oberfläche.  Die  Narbung  wurde  dadurch  erzielt,  daß  in  die
geschwellten  Blößen  die  Samen  einer  Chenopodiumart  eingetreten  wurden.
Nach  dem  Trocknen  dieser  Blößen  und  nach  dem  Ausschütteln  der  eingetretenen ­
  Samen  wurde  die  mit  zahlreichen  kleinen  Vertiefungen  versehene ­
  Oberfläche  eben  geschabt;  bei  dem  nun  nachfolgenden  Quellen
der  Häute  in  Wasser  traten  die  durch  die  Chenopodiumsamen  vorher
zusammengedrückten  Stellen  stärker  in  die  Höhe,  was  eben  jene  eigentümliche ­
  Narbung  bewirkte.  Da  die  Bereitung  dieses  Chagrins  erst
durch  Pallas  bekannt  wurde,  und  da  man  in  Frankreich  dieses  gesuchte
Leder  selbst  herzustellen  wünschte,  versuchte  man  durch  Aufpressen  heißer,
mit  einer  bestimmten  Gravierung  versehener  Kupferplatten  auf  das
Leder  diesem  die  gewünschte  Oberflächenbeschaffenheit  zu  gebend;  man
nannte  solches  Leder  „chagriniertes  Leder"  oder  ebenfalls  „Chagrin";
die  dabei  geübte  Methode  zur  Erzeugung  künstlicher  Narben  hat  sich
seitdem  im  Prinzip  nicht  geändert,  sie  wird  teilweise  in  großartigem
Maßstabe  au  braunen  Schafledern  wie  an  Chromleder  durchgeführt  und
liefert  die  heute  allgemein  bekannten  Feinlederimitationen.
8  16.  Die  Werkstatt.
Die  Werkstatt  als  Produktionsmittel  ist  ebenfalls  eine  technische
Vorbedingung  zur  Durchführung  der  Gerbeoperationen.  Wir  wollen
sie  hier  nur  unter  diesem  Gesichtspunkt  in  einer  Weise  besprechen,  daß
wir  später  auf  Bekanntes  zurückgreifen  können.
Die  Gerberwerkstatt  im  heutigen  Sinne  des  Wortes  ist  vor  allen
Dingen  der  Inbegriff  einer  Reihe  von  nicht  transportabeln,  in  den
Boden  eingelassenen  oder  eingemauerten  Gruben,  in  welchen  der  mit
Hilfe  von  Flüssigkeiten  oder  von  Lohe  vor  sich  gehende  Teil  der  Gerberei
zustande  kommt.  In  der  Werkstatt  befindet  sich  ein  oder  mehrere
Schabebäume,  während  die  Operationen  der  Nacharbeit  meist  in  einem
Nebenraume,  das  Trocknen  im  Freien  oder  in  Schuppen  ausgeführt
wird.  Hier  erhebt  sich  die  Frage:  Ist  dem  immer  so  gewesen,  waren
die  Verhältnisse  immer  die  hier  kurz  skizzierten?
Die  in  Pompeji  aufgefundene  Gerberei  enthielt  im  Boden  eine
große  Anzahl  von  Vertiefungen^);  von  den  Danziger  Gerbern  wissen
wir,  daß  sie  schon  1359  eine  curia  fartorum,  einen  Gerberhof  besaßen ­
  2),  im  Dorfe  Schluders  war  im  17.  Jahrhundert  die  Grenze  des
Feierabendbannes  durch  das  „gärberhaus"  bestimmt  H,  und  im  Markt
Imst  waren  ebenfalls  im  17.  Jahrhundert  zwei  „garstuben"  im  Besitz

i)  Beckmann  1796,  S.  290.  -)  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  279—280.
»)  Hirsch  1855,  S.  311.  *)  Dunker  1908,  S.  118.
        <pb n="177" />
        137

eines  Rotgerbers  ’);  den  mit  den  Hugenotten  im  Fürstentum  Ansbach
eingewanderten  Gebrüdern  Garnier  wurde  ein  eigenes  „Gerberhaus"  zur
Verfügung  gestellt^),  etwas  später  mußten  die  französischen  Gerber  in
Schwabach  das  an  sie  vermietete  Haus  räumen 8  9 ),  in  Berlin,  Bremen,
Göttingen  wurde  Leder  in  einem  eigenen  „Lederhof"  hergestellt^),  ein
luxemburgisches  Weistum  aus  Schengen  1624  berichtet  von  einem  Diebstahl ­
  „etzlicher  riendsheuth  aus  der  kaullen  zu  Ellringen" 5 ),  die  Gerber  in
Tiflis  arbeiten  gemeinsam  in  einem  großen  Gebäude  „Dabag-Chana",
Gerberstütte  genannt 8 ),  und  in  einer  der  größten  Gerbereien  zu  Konstantine, ­
  Algier,  stnden  sich  etwa  ein  Dutzend  in  den  Boden  eingemauerter ­
  Kalkgefäße 7 )  zum  Äschern 8 ).
Das  sind  lauter  Vorstellungen,  welche  sich  nicht  allzuweit  von  den
uns  geläufigen  entfernen;  die  Dorfkuhle  zu  Ellringen  ist  wahrscheinlich
eine  Grube  im  Boden,  welche  den  Dorfbewohnern  zur  Verfügung  stand,
kurz,  wir  finden  die  Gruben  im  Boden  wieder,  die  Werkstätte  des
Gerbers  ist  ein  Haus,  ein  fest  bestimmtes  Gebäude;  nur  in  dem  einen
Punkte  scheinen  sich  die  Verhältnisse  geändert  zu  haben,  daß  nämlich
in  fast  allen  zitierten  Beispielen  die  Gerber  an  einer  ihnen  allen  gemeinsamen ­
  Produktionsstätte  zusammengezogen  waren,  wobei  allerdings
meist  Rotgerber  in  Betracht  kamen.  Auf  die  weiteren  wirtschaftsgeschichtlichen ­
  Konsequenzen,  welche  sich  aus  dieser  Tatsache  für  Rotgerber ­
  ziehen  lassen,  kann  hier  nicht  eingegangen  werden.
Untersuchen  wir  nun  den  Inhalt  einer  Werkstatt  etwas  genauer.
Wir  wollen  zunächst  die  in  der  Werkstatt  vorhandenen  Gefäße  betrachten. ­
  In  der  Gerberstätte  zu  Tiflis  finden  wir  eine  Reihe  von
Kufen  nebeneinander  stehen  °),  und  in  der  Gerberei  von  Konstantine
stehen  in  einem  Hofe  etwa  60  hölzerne  Gerbekufen  in  der  Form  gewöhnlicher ­
  Tonnen  10  * );  neben  dem  Jrher  der  Mendelschen  Zwölfbrüderstiftung ­
  steht  eine  hölzerne  mit  Fellen  fast  bis  zum  Rande  gefüllte
Tonne");  die  Siegel  der  Rotgerberzünfte  stellen  sehr  häufig  einen  Mann
dar,  welcher  etwa  zur  Hälfte  aus  einer  auf  dem  Boden  stehenden  Tonne
herausschaut  12 ),  das  gleiche  Bild  findet  sich  hin  und  wieder  auf  den
außen  am  Hause  angebrachten  Schildern  zur  Bezeichnung  des  Hand-')

  Ebenda.  2 )  Schanz  1884,  S.  266.  s )  Schanz  1884,  S.  279.
4 )  Beckmann  1796,  S.  293.  °)  Dunker  1908,  S.  117.
*0  Tarajanz  1897,  S.  48.
’)  Schuh  und  Leder  1898,  Nr.  22,  S.  29.
9 )  Siehe  auch  Cook  1789,  Bd.  IV,  S.  97;  Lippert  1886,  Bd.  I,  S.  314.
9 )  Tarajanz  1897,  S.  48.  10 )  Schuh  und  Leder  1898,  Nr.  22,  S.  29.
")  Mendel  S.  92  und  119  a.
12 )  Vgl.  Seyler  1898,  S.  79  f.  und  Landau  S.  30
        <pb n="178" />
        138

Werks a ),  und  nach  der  Piazza  gehören  zu  den  Werkzeugen  der  Gerber
auch  die  „Bütten".
Wir  sehen  also,  daß  die  Werkstatt  des  Gerbers  einen  ganz  anderen
Charakter  haben  kann,  als  wir  ihn  gewöhnt  sind:  Die  Gerbgefäße  sind
nicht  immer  in  den  Boden  eingelassene  Gruben,  sondern  es  können  auch
auf  der  Erde  stehende  Tonnen  sein.
Wie  verhält  es  sich  nun  mit  den  Äschern,  welche  zur  Haarlockerung
den  Kalk  enthalten?  In  Bulgarien  besteht  dieser  Ascher  des  Gerbers
aus  einem  einfachen,  großen  hölzernen  Trog^),  und  die  Äscher  der
Pergamenter  führten  noch  im  18.  Jahrhundert  den  Namen  „Brunnen"
oder  „Brunnenäscher";  eine  solche  Bezeichnungsweise  enthält  offenbar
schon  in  ihrem  Namen  einen  bewußt  ausgedrückten  Gegensatz  mit  Zuständen, ­
  welche  auch  noch  anders  sein  können:  im  Gegensatz  zu  dem
auf  der  Erde  stehenden  Äschergefäß  gab  es  auch  Äscher,  welche  nach  Art
des  Brunnens  in  den  Boden  vertieft  waren  und,  um  diesen  ausdrücklichen ­
  Unterschied  anzudeuten,  hat  man  die  Bezeichnung  Brunnen  allein
oder  in  Verbindung  mit  dem  Worte  Äscher  gewählt.  Die  Nürnberger
Ordnung  von  1539  sagt  uns,  daß  „sich  zwischen  dem  weyßgerber
handtwerckh  irrung  zutragen  vnnd  gehalten  hat,  das  setzen  der  kueffen,
korb  vnnd  annderes  am  Wasser  betreffendt"  8 ),  und  weiter  hören  wir  vom
„escher  auff  dem  steeg";  es  soll  „derselbig  escher  daselbst  auf  dem
steg  nit  lennger  steen  pleyben"  4 ),  kurz,  was  wir  oben  von  den  Gruben
und  anderen  Gerbegefäßen  gesehen  haben,  das  erfahren  wir  aus  solchen
Daten  auch  für  den  Äscher.
Die  Werkstatt  des  Gerbers  stellt  sich  uns  also  nunmehr  schon  ganz
anders  dar,  als  das  übliche  Bild  unserer  Vorstellung  aussieht;  Vertiefungen ­
  im  Boden  in  großer  Zahl,  eingemauerte  Gruben,  in  den
Boden  eingelassene  Tonnen  gehören  nicht  zum  unbedingten  Inventar
der  mittelalterlichen  Gerberwerkstatt.
Der  Schabebaum,  das  typische  Gerät  unserer  Gerberwerkstätten,
findet  sich  nicht  in  der  mittelalterlichen  Werkstatt.  Wir  erfahren  Mitte
des  17.  Jahrhunderts,  daß  die  Rotgerber  die  Häute  „nach  allem  Lüsten
bereiten,  wobei  die  Arbeiter  bis  an  die  Waden  im  Dreck  stehen"  8 );
gilt  das  an  dieser  Stelle  Gesagte  hauptsächlich  für  Rotgerber,  so  zeigt
uns  eine  Abbildung  aus  dem  Ende  des  16.  Jahrhunderts  ausdrücklich
einen  Weißgerber  hinter  dem  Schabebauin,  welcher  in  einem  anscheinend
seichten  Bache  tatsächlich  bis  an  die  Kniee  im  Wasser  stehend  die  Felle
abpält 6 ).  Wir  sehen  also,  daß  der  Schabebaum  nicht  in  der  Werkstatt,
*)  Z.  B.  im  Rothenburger  Ortsmuseum.  2 )  Tarajanz  1897,  S.  47.
3 )  Nürnberg  1536,  M.  S-,  452.  *  *)  Ebenda.
°)  Piazza  1659,  S.  500.
•)  Siehe  Abbildung  bei  Mummenhoff  1901,  S.  44  und  Frisius  1708,  S.  423.
        <pb n="179" />
        139

sondern  unter  freiem  Himmel,  vielleicht  in  einem  seichten  Wasserlaufe
aufgestellt  wurde.
Aber  die  Sache  geht  noch  weiter.  In  einer  Zusatzbestimmung  zur
Nürnberger  Jrher-Ordnung  von  1601Z  wird  das  „anlauffen  und
stanzen  beschlagen"  geregelt  in  der  Weise,  daß  aus  jedes  Meisters  Haus
nur  zwei  Personen  Stangen  beschlagen  dürfen,  und  daß  ein  Meister,
welcher  sein  Leder  getrocknet  hat,  die  Stangen  nicht  wieder  beschlagen
darf,  damit  ein  anderer  Meister  an  die  Reihe  komme.  Daraus  ergibt
sich,  daß  auch  die  Vorrichtung  zum  Trocknen  der  Felle  nicht  in  der
Werkstatt  oder  in  einem  anstoßenden  Raume  sich  befindet,  auch  nicht
in  einem  etwa  zur  Gerberei  gehörigen  Hose,  sondern  daß  das  Trocknen
ebenfalls  entfernt  vom  Hause  des  Gerbers  vorgenommen  wird.  Die
Stangen  zum  Aufhängen  der  Felle  sind  ein  gemeinsames  Produktionsmittel ­
  der  Nürnberger  Gerberzunft.  Letzterer  Punkt  sei  hier  konstatiert;
seine  Besprechung  aber  kann  nur  in  einem  anderen  Zusammenhange
geschehen,  weil  uns  hier  nur  die  Werkstatt  als  Werkzeug,  nicht  aber  in
ihren  ökonomischen  Konsequenzen  interessiert.
Die  Nürnberger  Jrher-Ordnung  von  1535  orientiert  uns  darüber,
daß  die  Gefäße  zum  Äschern,  Schwellen,  Gerben,  ebenfalls  nicht  in  des
Meisters  Haus  stehen,  sondern  daß  diese  Gefäße  an  der  Pegnitz  oder
auf  dem  Steg,  welcher  über  die  Pegnitz  führt,  sich  befinden:  Mit  Fellen
gefüllte  Schäffer  und  Kufen  dürfen  nicht  über  acht  Tage  auf  dem  Stege
stehen  bleiben;  jeder  soll  diese  Schäffer  „über  eine  zwerche  hanndt  ober
den  steg  hinauß  rucken  vnd  setzen",  damit  diese  Schäffer  kein  Verkehrshindernis ­
  werden.  Am  Wasser  bei  dem  Steg  werden  die  Felle  gefärbt,
und  hier  befindet  sich  auch  eine  „kesselstat",  vielleicht  eine  Art  einfachsten
Herdes,  über  welchen  jeder  Meister  seinen  Kessel  aufhängen  darf,  um
darunter  Feuer  zu  machen.
Auch  die  Walkmühle,  von  welcher  in  einem  eigenen  Paragraphen
zu  sprechen  ist,  befindet  sich  nicht  im  Besitze  des  Meisters,  und  so  sehen
wir,  daß  einmal  der  Hauptproduktionsort  des  mittelalterlichen  Weißgerbers ­
  keine  räumlich  konzentrierte,  fest  gefügte,  unbewegliche  Werkstatt
darstellt,  sondern  daß  sich  die  Produktionstätigkeit  an  mehreren  Produktionsstätten ­
  vollzieht,  welche  allerdings  oft  sehr  nahe  beisammen  gewählt ­
  sein  können.  Der  aus  solchen  Verhältnissen  stammende  Begriff
„Wasserwerkstatt"  erhält  damit  einen  ganz  anderen  Inhalt.  Dann
aber  sehen  wir,  daß  sich  der  Begriff  der  eigenen  geschloffenen  Werkstatt
aufgelöst  hat  in  eine  ganze  Anzahl  leicht  transportabler  Werkzeuge,
wobei  die  wichtigen  Operationen  des  Wässerns,  Äscherns,  Schwellens,
Gerbens,  Färbens,  die  ganze  Arbeitenserie  am  Schabebaum,  endlich

1  Nürnberg  1535,  M.  S.,  462.
        <pb n="180" />
        140

Walken,  Trocknen  nicht  im  Anschluß  an  das  Haus  des  Gerbers  geschehen. ­

Die  Abbildungen  im  Schauplatz  der  Künste  und  Wissenschaften
aus  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  stellen  uns,  wie  den  Gerber  überhaupt, ­
  so  auch  den  Weißgerber  unter  ganz  anderen  Verhältnissen  dar:
Eine  räumlich  abgeschlossene  Werkstatt  enthält  alle  Produktionsmittel;
die  Äscher,  Weichbottiche  usw.  sind  fast  alle  nach  Art  der  Gruben  in
den  Boden  eingelassen;  die  Räumlichkeiten  sind  bedeckt,  und  sogar  das
Trocknen  vollzieht  sich  im  geschlossenen  Gemach.  Das  ist  etwa  das
Bild  auch  noch  der  modernen  Werkstatt,  gleichmäßig  für  Rot-  und
Weißgerber,  während  ich  die  Werkstatt  für  mittelalterliche  Verhältnisse
zu  rekonstruieren  suchte.
Vergleichen  wir  also  jetzt  die  eingangs  zitierten,  hauptsächlich  für
Rotgerber  einschlägigen  Verhältnisse  mit  dem  nunmehr  gewonnenen
Bilde  der  Weißgerberarbeitsstätte,  so  ergibt  sich  als  Unterschied  der
beiden  nah  verwandten  Gewerbe  der,  daß  die  Arbeit  des  Weißgerbers
viel  mehr  auf  öffentlichem  Boden  sich  vollzieht,  als  dies  beim  Rotgerber
der  Fall  zu  sein  scheint.

8  17.  Tie  Walke.
Eines  der  interessantesten  Produktionsmittel  des  mittelalterlichen
Weißgerbers,  welches  hier  und  da  sogar  noch  in  unsere  Zeit  hereinreicht, ­
  ist  die  Walkmühle;  denn  sie  läßt  sich  in  ihrer  technischen  Entwicklung ­
  rückwärts  bis  zur  primitiven  Fellarbeit  verfolgen,  durch  ihre
Einfügung  in  das  mittelalterliche  Territorium  ergeben  sich  bestimmte
rechtliche  Verhältnisse,  und  durch  die  Art  ihrer  Arbeit  ergibt  sich  für
die  Walkmühle  eine  besondere  Stellung  innerhalb  des  mittelalterlichen
Gewerbelebens.  Nach  allen  diesen  Richtungen  hin  müssen  wir  die  Walkmühle ­
  betrachten,  was  um  so  nötiger  ist,  als  eine  nationalökonomische
Untersuchung  der  mittelalterlichen  Betriebsmittel  nicht  existiert.
Vor  Untersuchung  der  t  e  ch  n  i  s  ch  e  n  E  n  t  w  i  ck  l  u  n  g  der  Walkmühle
sei  darauf  hingewiesen,  daß  unter  Einfetten  mit  Tran  und  Klopfen  der
geschmierten  Felle  der  eigentliche  Gerbeprozeß  der  Sämischgerberei  sich
vollzieht,  daß  wir  in  diesen  Operationen  der  primitiven  Fellarbeit  die
primitivste  Sämischgerberei  erkennen  können,  und  endlich  sei  darauf  aufmerksam ­
  gemacht,  daß  in  dem  Klopfen  und  Stoßen  der  Felle  mit
hölzernen  Keulen  auch  der  Grundgedanke  der  äußeren  mechanischen  Bedingungen ­
  der  Sämischgerberei,  nämlich  des  Einarbeitens  des  Fettes  in
die  Haut,  gegeben  worden  ist;  wir  wollen  nun  im  folgenden  sehen,
wie  dieser  Grundgedanke  durch  den  Wechsel  vieler  Jahrhunderte  hindurch ­
  sich  vollkommen  unverändert  erhalten  hat.
        <pb n="181" />
        141

Eines  der  primitivsten  Werkzeuge  des  Sämischgerbers  zum  Einarbeiten ­
  des  Fettes  in  die  Haut  stellt  demnach  eine  hölzerne  Keule  dar,
welche  im  Laufe  der  Zeit  verschiedene  Formen  angenommen  haben  mag.
Ich  habe  dieses  Werkzeug  in  Abbildung  Nr.  1  schematisiert,  weil,  wie
wir  sehen  werden,  sich  aus  dieser  Form  die  Richtung  der  Entwicklung
am  leichtesten  verfolgen  läßt.  Es  ist  merkwürdig,  daß,  wie  schon  mehrmals ­
  im  Laufe  unserer  Betrachtungen,  so  auch  bei  den  folgenden  Untersuchungen ­
  die  Verhältnisse  in  den  östlichen  Gebieten  Europas  uns  wertvolle ­
  Fingerzeige  zum  Verständnis  unserer  eigenen  mittelalterlichen  Zustände ­
  geben.  Der  Reisende  Pallas  Z  berichtet  uns  aus  Arsamas  im
Bezirke  Nizegorod  über  eine  primitive  Art  der  Lohzerkleinerung.  „Man
macht  alle  Lohe  nach  der  in  Rußland  —
mehrerenteils  gewöhnlichen  mühsamen  Art
mit  Stempeln,  welche  einige  sternförmig
stehende  Schneiden  an  der  Kolbe  haben
und  von  Menschen  bewegt  werden,  in  ausgehöhlten ­
  Bäumen  klein,  weil  man  zu
diesem  Endzweck  noch  keine  Mühlen  angelegt ­
  hat."  Also  ein  hölzerner  Mörser,
bestehend  aus  einem  ausgehöhlten  Baumstamm;
  der  Stempel  ein  Kolben  mit  Mg,  i.
Schneiden  am  unteren  Ende.  Die
Notiz  aus  dem  Schauplatz  der  Künste  und  Handwerke 3 ):  „Es  gibt
Landschaften,  wo  man  die  Rinde  in  Mühlen  hackt;  zwei  Stampfen,
welche  unten  mit  scharfen  Eisen  versehen  sind  ...  An  einigen  Orten
werden  sie  durch  Menschenhände  klein  gemacht"  erhält  nach  der
oben  gegebenen  Beschreibung  bereits  viel  mehr  Leben,  wir  haben
eine  ganz  bestimmte  technische  Vorstellung  über  diese  einfachen  „Handstampfen"
  erhalten.  Freilich  sind  diese  Stampfen  für  den  speziellen
Zweck  der  Lohzerkleinerung  eingerichtet,  d.  h.  sie  sind  unten  mit
scharfen  Eisen  versehen.  Wir  müssen  das  letztere  nur  als  eine  im  Hinblick ­
  auf  einen  bestimmten  Zweck  angebrachte  Modifikation  betrachten;
denn  auch  für  andere  Zwecke  wurden  diese  Stampfen  benützt;  wir
stnden  nämlich  die  Stampfe  auch  im  bäuerlichen  Hausrate  des  Mittelalters ­
  erwähnt;  in  Burgeis  wird  der  Holzbezug  der  Bauern  „zu  müllstampfen ­
  und  walchstampfen"  geregelt 3 ):  es  wurde  also  in  solchen
Stampfen  auch  gemahlen  und  gewalkt.
Die  nächste  Form  der  Entwicklung  der  Stampfe  ist  ihre  Einfügung
in  eine  einfache  maschinelle  Vorrichtung,  etwa,  wie  sie  Abbildung  Nr.  2
')  Pallas  1776,  Bd.  I,  S.  33.
2 )  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  344.  s )  Dunker  1903,  S.  102.
        <pb n="182" />
        142

zeigt.  Da  eine  Nomenklatur  für  diese  verschiedenen  Typen  der  Entwicklung ­
  nicht  existiert,  und  weil  eine  bestimmte  Bezeichnung  für  jede
derselben  sowohl  zur  Vermeidung  von  Undeutlichkeiten  als  auch  zur
Vermeidung  langer  Umschreibungen  sich  zweckmäßig  erweist,  so  wollen
wir  diese  zweite  Form  der  Stampfe  (Typ  Abbildung  Nr.  2)  den
„Hammer  im  Stuhl"  nennen  im  Gegensatz  zur  ersten  Form  (Typ
Abbildung  Nr.  1),  welche  wir  als  „Handstampfe"  bezeichnet  haben.  Wir
haben  mit  diesem  „Hammer  im  Stuhl"  eine  neutrale  Form  gewonnen,
welche  eine  verhältnismäßig  große  Entwicklungsmöglichkeit  in  sich  birgt.

Ein  zweiarmiger  Hebel  trägt  am  einen  Ende  die  Stampfkeule,  unter
welch  letzterer  sich  ein  Stampftrog  befindet.  Vergleichen  wir  mit  obiger
Abbildung  irgend  eine  Beschreibung,  wie  sie  für  Bulgarien  oder
Georgien  vorliegt:  „Eine  ziemlich  tiefe  Steinschüssel  wird  in  die  Erde
gesenkt.  In  Migrelien  macht  man  solche  Schüsseln  auch  aus  Holz.
Auf  2  Meter  Entfernung  von  der  Schüssel  sind  zwei  niedrige  Holzbalken ­
  in  den  Boden  gesteckt,  deren  obere  Enden  ausgehöhlt  sind,  so
daß  eine  in  dieselben  gelegte  Achse  sich  bewegen  kann.  In  der  Mitte
dieser  Achse  befindet  sich  wiederum  ein  Holzbalken,  dessen  eines  Ende
nur  wenig  über  die  Achse  hinausreicht,  während  an  dem  der  Steinschüssel ­
  zugekehrten  Ende  ein  etwa  1  Meter  langes  Holzstück,  welches
direkt  in  die  Schüssel  einfällt,  als  Stößer  angebracht  ist.  Drückt  man
das  hintere  Balkenende  mit  dem  Fuße  nieder,  so  hebt  sich  der  ganze
Balken  samt  Stößer"  J ).  In  Bulgarien  wird  die  gleiche  Vorrichtung
Ting  oder  Reismühle  genannt  2).  Unsere  Abbildung  unterscheidet  sich
von  dieser  Beschreibung  also  wesentlich  nur  durch  die  verschiedene  Länge
der  Hebelarme.  —  Nach  einem  Weistum  von  Allerheim  ans  der  Mitte
des  14.  Jahrhunderts  soll  „der  mair"  „ein  fußstampfe"  zum  gemeinen
Gebrauch  in  Bereitschaft  halten  3 ),  und  ein  schwäbisches  Weistum  berichtet
von  der  „mühlen,  genannt  die  reismühlen,  aus  der  mühl  hat  man  gemacht ­
  ein  walkmühl  den  lodern").  Ob  der  in  Bulgarien  und  im
schwäbischen  Weistum  merkwürdigerweise  übereinstimmende  Namen
„Reismühle"  auf  einen  Zusammenhang  hindeutet,  soll  hier  nicht  unter*) ­

  Gogitschayschwili  1891,  S.  55.  2 )  Tarajanz  1867,  S.  40.
a )  ©unser  1903,  S.  102.  *)  ©unser  1904,  S.  103.
        <pb n="183" />
        143

sucht  werden;  jedenfalls  aber  können  wir  uns  sehr  wohl  denken,  daß
die  „fußstampfe"  sich  ixn  Prinzip  mit  der  Abbildung  Nr.  2  deckt,  und
auch  die  in  eine  „walkmühl  den  lodern"  umgewandelte  „reismühlen"
ist  ohne  Zweifel  eine  solche  Stampfe  gewesen,  da  Tuch  nicht  gemahlen,
sondern  mit  Walkstempeln  gewalkt  wird;  es  bestand  wahrscheinlich  die
ganze  Umänderung  darin,  daß  das  untere  Ende  des  Walkstempels  für
Tuch  eingerichtet  wurde.
Aus  der  Abbildung  Nr.  2  ist  klar  ersichtlich,  daß  auch  alle  Wasserhämmer, ­
  deren  es  allerdings  heute  nur  noch  wenige  gibt,  diesem  Typ
entsprechen,  und  in  Burgbernheim,  in  der  jetzt  freilich  verödeten  Werkstatt ­
  des  Weißgerbers,  habe  ich  noch  die  Teile  einer  alten  Handwalke
gesehen,  deren  gleicharmiger  (also  etwa  analog  Abbildung  Nr.  2)  Hebel
eine  Länge  von  3  Metern  besaß;  der  eichene  Walkstempel  und  der
eichene  Walktrog  waren  speziell  für  die  Walkzwecke  des  Gerbers  eingerichtet, ­
  d.  h.  der  Walkstempel  besaß  an  seinem  unteren  Ende  eine
Zahnung  etwa  wie  es  Abbildxxng  3  zeigt.  Nach  der  Erzählung  des
Weißgerbers  wurde  die  Walke  mit  der  Hand  betrieben  in  der  Weise,
daß  das  hintere  Ende  des  gleicharmigen  Hebels  von  zwei  Personen  auf
und  ab  bewegt  wurde.  Er  hatte  die  Walke  von  seinem  Vater  übernommen. ­

Die  bisher  besprochenen  Formen  der  Walke  wurden  durch
Menschenkrast  mit  der  Hand  oder  mit  dem  Fuße  bewegt;  Tarajanz
erzählt  für  Bulgarien  die  Form  des  Betriebes  in  der  folgenden  Weise:
„Der  Meister  (Besitzer  des  Tings)  stellt  sich  auf  den  horizontalen  Balken
dicht  bei  dem  Anhaltspunkte.  Einen  Fuß  hat  er  immer  auf  dem  Anhaltspunkte, ­
  den  andern  aber  bald  auf  einer,  bald  auf  der  anderen
Seite,  je  nachdem  der  Hebel  sich  heben  oder  senken  muß.  Der  Meister
zeigt  dabei  eine  große  Gewandheit,  indem  er  mit  einer  bewundernswerten
Schnelligkeit  im  Takt  sich  um  den  Stützpunkt  dreht"  *).
Eine  weitere  Form  der  Entwicklung  ist  der  Betrieb  durch  Wasserkraft. ­
  In  Arxnenien  wird  bei  der  Wasserstampfmühle  „durch  die  Schwere
des  Wassers  der  Hintere  Teil  des  Balkens  herabgedrückt *  2 },"  während
Jwantschoff  die  Walkmühlen  der  mohamedanischen  Bulgaren  der  Landschaft ­
  Gepino  in  der  Nähe  des  Rhodope  xxnd  bei  Trojan  in  der  Nähe
des  Balkaugebirges  folgendermaßen  beschreibt  „Über  einem  vom  Bach
abgeleiteten  Mühlgraben  steht  unter  freiem  Himmel  ohne  Haus  und
Dach  ein  hoher  zweiarmiger  Hebel,  an  den  sich  auf  der  flußwärts  gelegenen ­
  Seite  eine  im  Wasser  gelegene  Welle  anschließt.  Die  Schaufeln
der  Welle  heben  den  oberen  Hebelarm,  wodurch  der  untere  Arm  stoßweise ­
  herabgeht" 3 ).
*)  Tarajanz  1897,  S.  40.
2 )  Gogitschayschwili  1891,  S.  77.  3 )  Jwantschoff  1896,  S.  55.
        <pb n="184" />
        144

Hier  haben  wir  den  Übergang  zum  Betrieb  durch  das  Wasserrad,
und  zwar  in  der  Weise,  daß  erstens  der  „Hammer  im  Stuhl"  vom
hinteren  Ende  des  zweiarmigen  Hebels  her  betrieben  wird,  und  daß
zweitens  die  Schaufeln  des  Wasserrades  eine  doppelte  Funktion  besitzen, ­
  indem  sie  nämlich  einmal  als  Angriffspunkte  für  das  Wasser
dienen,  um  die  Welle  in  Bewegung  zu  setzen,  wie  das  ja  bei  allen
Wasserrädern  der  Fall  ist.  Dann  aber  haben  diese  gleichen  Schaufeln
die  weitere  Aufgabe,  auch  den  rückwärtigen  Teil  des  zweiarmigen
Hebels  zu  heben,  eine  Aufgabe,  welche  bei  höher  entwickelten  Formen
besondere  seitwärts  vom  Schaufelrad  in  die  Welle  eingelassene  kleinere
Schaufeln,  „Daumen"  genannt,  zu  erfüllen  haben.
Von  dieser  Form  leiten  sich  nun  die  bis  in  unsere  Tage  gekommenen
Sämischgerberwalken  ab,  deren  zugrunde  liegenden  Typ  wir  die  „Stampfmühle" ­
  nennen  wollen.  Abbildung  Nr.  3  zeigt  die  seitliche  Ansicht
einer  solchen  zur  Walke  modifizierten  Stampfmühle,  wie  ich  sie  nach
langem  vergeblichen  Suchen  endlich  bei  dem  Orte  Sajda  im  sächsischen
Erzgebirge  gefunden  habe.  Von  der  Station  Mulda  aus  führt  eine
Schmalspurbahn  ziemlich  hoch  hinauf  in  das  sächsische  Erzgebirge  bis
zur  Endstation  Sajda;  nach  einer  etwa  ®/ 4  stündigen  Wanderung  gelangt ­
  man  von  Sajda  aus  nach  Mortelsgrund,  und  hier,  in  dieser  dünn
besiedelten  Gegend  hart  an  der  böhmischen  Grenze,  ist  fast  durch  Zufall
eine  Walke  mit  zwei  Walklöchern  vorerst  noch  erhalten  geblieben.  Die
Abbildung  3  zeigt  deutlich  noch  die  ursprüngliche  Hammerform  der

Walke,  indem  nämlich  dem  Walkstempel  ein  richtiger  Hammerstiel  zur
Führung  dient.  Nur  erfolgt  der  Betrieb  der  Walkstampfe  hier  nicht
mehr  vom  anderen  Ende  des  Hebels  aus,  sondern  die  Welle  mit  ihren
vier  Daumen  istauf  die  Seite  verlegt,  auf  welcher  sich  auch  der  Walkstempel ­
  befindet.
Von  dieser  altertümlichen  Form  der  Walke  zu  den  richtigen  Stampfen,
        <pb n="185" />
        145

Stampfwerken,  „Pochwerken",  wie  sie  z.  B.  Sebastian  Münster  für
den  Bergwerksbetrieb  schon  des  16.  Jahrhunderts  uns  im  Bilde  aufbewahrt ­
  hat,  ist  nur  ein  Schritt:  Durch  Wegfall  des  Hammerstiels
erlangt  der  auf  und  niedergehende  Stempel  eine  neue  Führung,  welche
meist  in  der  in  Abbildung  Nr.  4  skizzierten  Form  hergestellt  wird.
Solche  Pochwerke,  Stampfen  sind  es,  welche
mir  in  den  Lohmühlen  des  18.  und  19.  Jahrhunderts ­
  zum  Zerkleinern  der  Lohe  noch  in
Verwendung  finden.  Es  ist  selbstverständlich, ­
  daß  beides,  der  Stempel  ohne  Stielführung
  (Abbildung  Nr.  4),  und  der  altertümliche ­
  Hammer  mit  Stielführung  (Abbildung ­
  Nr.  3)  von  der  gleichen  Welle  aus
getrieben  werden  können.  Die  Entwicklung
zeigt  uns  also,  daß  die  uralte  Form  der
stoßenden  Keule  durch  räumlich  und  zeitlich
so  weit  auseinander  liegende  Formen  des  ^  4,
Gewerbes  sich  verfolgen  läßt;  geändert  hat
sich  am  Prinzipe  nichts,  nur  in  zwei  Punkten  tritt  eine  Modifikation  ein.
nämlich
1.  in  der  vergleichend  und  entwicklungsgeschichtlich  verfolgbaren
und  so  verständlich  werdenden  Art  der  Einfügung  in  eine  einfache
technische  Vorrichtung:  ein  ursprünglich  zweiarmiger  Hebel  (Hammer
im  Stuhl)  geht  in  einen  einarmigen  über  (Stampfmühle),  bis  schließlich
die  Führung  durch  den  Hammerstiel  durch  eine  andere  Führung  ersetzt
wird  (Pochwerk),  was  zur  Folge  hat,  daß  die  eine  Zeit  lange  hammerartige ­
  Natur  des  Werkzeuges  nicht  mehr  erkennbar  ist.
2.  in  der  ebenfalls  vergleichend  und  entwicklungsgeschichtlich  versolgbaren
  verschiedenen  Art  des  Betriebes:  der  ursprünglich  durch
Menschenkraft  betätigte  Betrieb  der  „Handstampfe"  wird  auch  beim
„Hammer  im  Stuhl"  noch  durch  Hand  oder  Fuß  betätigt;  bei  der  Einführung ­
  der  Wasserkraft  wirkt  diese  ursprünglich  durch  die  Schwere  des
Wassers  am  zweiarmigen  Hebel;  es  folgt  die  Einführung  der  rotierenden ­
  Welle  zunächst  am  rückwärtigen  Ende  des  zweiarmigen  Hebels,  bis
schließlich  die  Welle  auf  die  Seite  des  Stempels  selbst  verlegt  wird
(Stampfmühle);  erst  die  letztere  Änderung  ermöglicht  die  völlige  Beseitigung ­
  des  Hebelcharakters  (Pochwerk),  welcher  also  die  Durchgangsphase ­
  bei  der  Einführung  der  Wasserkraft  zum  Betrieb  an  Stelle  der
menschlichen  Muskelkraft  darstellt.
Ist  es  uns  so  gelungen,  die  technische  Entwicklung  zu  verfolgen
und  das  Vorhandensein  ihrer  verschiedenen  Phasen  festzustellen,  so  erwächst ­
  nunmehr  für  uns  die  Aufgabe,  die  Einfügung  dieser  Vorrichtung
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.  10
        <pb n="186" />
        146

in  den  ökonomischen,  sozialen,  rechtlichen  Verband  des  wirtschaftenden
Menschen  zu  untersuchen.
Wir  haben  gesehen,  daß  eine  Reihe  von  Verrichtungen,  zu  deren
Durchführung  im  allgemeinen  die  aus  zwei  aufeinander  gehenden  Mühlsteinen ­
  bestehende  Mühle  *)  für  nötig  erachtet  wird,  von  der  Stampfe
besorgt  werden  kann;  diese  Erkenntnis  ist  wichtig  deswegen,  weil  sehr
häufig  die  Vorstellung  von  der  Mühle  mit  den  Mühlsteinen  und  dem
Wasserrade  einer  ganzen  Reihe  von  Konsequenzen  als  Unterlage  dient,
zu  welchen  unter  Umständen  keine  Berechtigung  vorliegt.
So  sagt  Lamprecht:  „Eine  besondere  Stellung  in  dem  Gewerksleben ­
  der  fränkischen  Zeit  wie  überhaupt  des  frühen  Mittelalters  nimmt
die  Mühle  ein.  Jeder  Franke  wird  im  allgemeinen  sein  eigener  Bäcker
und  Maurer,  sein  eigener  Stellmacher  gewesen  sein;  zum  Mahlen  des
Kornes  dagegen  bedurfte  es  einer  besonderen  maschinenartigen  Vorrichtung, ­
  deren  Herstellung  bedeutende,  nur  gemeinsam  erschwingbare
Kosten  verursachte,  und  zu  deren  Erhaltung  besondere  rechtliche  Bestimmungen ­
  nötig  erschienen" 2 ).  Wir  haben  gesehen,  daß  kein  Grund  zu
einer  solchen  Verallgemeinerung  vorliegt^).  Es  gab  allerdings  damals
Wassermühlen,  welche  dann  mit  einem  besonderen  öffentlich-rechtlichen
und  sogar  strafrechtlichen  Schutze  umgeben  waren,  aber  sie  waren  keineswegs ­
  die  einzigen  Möglichkeiten  zum  Mahlen  des  Getreides;  die  „müllstampfe", ­
  von  welcher  schon  oben  die  Rede  war,  zu  welcher  den  Bauern
Holz  geliefert  wurde,  war  ohne  Zweifel  eine  Vorrichtung  zum  Zerkleinern ­
  des  Getreides;  auch  im  Bauplan  von  St.  Gallen  aus  dem
Jahre  820  sind  in  drei  kleinen  Räumlichkeiten  molae  (Mühlen),  pilae
(Stampfmühlen)  und  eine  Fruchtdarre  untergebracht  Z.  Es  ergibt  sich
eben,  sobald  der  Ansdruck  „Mühle"  fällt,  die  Notwendigkeit,  zu  untersuchen, ­
  ob  hier  eine  Mahlmühle  oder  eine  Stampfmühle  vorliegt.
Aus  der  Ungenauigkeit  unseres  Sprachgebrauches,  welcher  unter
„Mühle"  beides,  Mahlmühlen  und  Stampfmühlen,  gleichmäßig  begreift,
aus  der  immer  größer  gewordenen  Seltenheit  der  Stampfmühlen,  wie
der  Stampfen  überhaupt,  und  aus  dem  Fehlen  ökonomischer  und  technischer ­
  Untersuchungen  über  diesen  Gegenstand  erklären  sich  und  entschuldigen ­
  sich  Verwechslungen,  wie  die  oben  zitierte.  Es  hat  die
Stampfe  in  den  verschiedenen  Formen  ihrer  Entwicklung  im  ganzen
Mittelalter  unstreitig  einen  die  Mahlmühle  weit  überragenden  Raum
eingenommen;  deshalb  habe  ich  zur  Vermeidung  von  Verwechslungen
und  weiteren  Ungenauigkeiten  die  im  vorhergehenden  vorgeschlagenen

-)  Über  ihre  Herkunft  siehe  I.  f.  N.  1863,  Bd.  I,  S.  408;  PallaS  1777,
Bd.  II,  S.  24.  2 )  Lamprecht  1886,  Bd.  I,  ©.  16.
8 )  Vgl.  auch  Jwantfchoff  1896,  S.  25—26.  4 )  Keutgen  1803,  S.  26.
        <pb n="187" />
        Bezeichnungen  eingeführt,  welche  hier  noch  einmal  zusammenfassend
dargestellt  seien:

Stampfe.

Typ

Betrieb

Praktische  Modifikationen

1)  Handstampfe

(Abbild.  Nr.  1)

Hand

„müllstampfe"

Hand

„walchstampfe"

Lohstampfen  in  Arsamas

2)  Hammer  im  Stuhl  (  „

Nr.  2)

Hand

Handwalke  in  Burgbernheim

Fuß

„fußstampfe"

Fuß

Reismühle,  Ting

Grützmühle

Wasser

Tuchwalken  in  Bulgarien

3)  Stampfmühle

Wasser

Sämischgerberwalke  (Nr.  3)

Pferd

Tuchwalke

Hammerwerke

Stampfen  für  Lohe,  Getreide

4)  Pochwerk

Nr.  4)

Wasser

„Lohmühlen"

Pferd

„Ölmühlen"

„Gypsmühlen"
Erzpochwerke  usw.
Eine  ganz  bestimmte  rechtliche  Stellung  ergibt  sich  für  die  Walke,
wie  für  die  Mühlen  überhaupt,  aus  der  Art  ihres  Betriebes.  Darum
ergibt  sich  die  weitere  Notwendigkeit,  zu  untersuchen,  durch  welche
Kraft  der  Betrieb  dieser  Mühlen  vor  sich  geht.  M  e  n  s  ch  e  n  k  r  a  f  t  ist,  wie
wir  gesehen  haben,  das  ursprüngliche  Bewegungsmittel.  Der  Betrieb
mit  Pferden  ist  wohl  erst  neueren  Datums,  weil  er  im  Göppel  eine
verhältnismäßig  komplizierte  Vorrichtung  zur  Voraussetzung  hat;  doch
scheint  auch  diese  Art  des  Betriebes  nicht  selten  vorzukommen,  so  für
Leinöl  in  Bulgarien  *),  wobei  eine  Mahlmühle  nach  Art  eines  Kollerganges ­
  umgestaltet  ist,  dann  in  Ufa,  wo  eine  ganze  Reihe  kleiner  Lohmühlen ­
  durch  Pferde  getrieben  wurdet;  man  hört  nicht  selten  von
alten  Gerbermeistern,  und  findet  das  auch  gelegentlich  in  Abbildungen^)
bestätigt,  daß  die  Gerberstampfen  zum  Walken  der  Felle  wie  auch  zum
Mahlen  der  Lohe  mit  Pferden  und  Holzgöppeln  betrieben  worden  sind.
Ein  solcher  alter  Holzgöppel,  welcher  in  dem  Betriebe  des  verstorbenen
Gerbers  Johann  Georg  Balbach  in  Benützung  stand,  findet  sich  jetzt,
für  landwirtschaftliche  Zwecke  eingerichtet,  in  Markt  Bergel  im  Besitz
von  Frau  Lebrecht  Z,  der  Käuferin  der  Gerberei  und  ihres  Zubehöres.
*)  Tarajanz  1897,  S.  40.  2  3  4 )  Pallas  1777,  Bd.  II,  S.  2.
3 )  Abbildung  bet  (Sinti  1873,  Taf.  IV;  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,
Taf.  XI  und  XII.
4 )  Markt  Bergel;  Auszug  aus  dem  renovierten  Grundstenerkataster  der
Steuergemeinde  Berget,  Rentamtsbezirk  Windsheim  für  Hausnummer  99.
        <pb n="188" />
        148

Auch  Wind  wurde  hin  und  wieder  zum  Betrieb  der  Stampfmühlen
wie  der  Mahlmühlen  dienstbar  gemacht  x ).  Die  Rechtsstellung  der
Stampfe  in  allen  diesen  Fällen  ist  keine  von  der  gewöhnlichen  Eigentums ­
  abweichende.
Die  weitaus  häufigste  Form  des  Betriebsmittels  für  größere
Mühlen  aber  scheint  das  Wasser  gewesen  zu  sein;  in  diesen  Fällen
kommt  dann  allerdings  eine  ganz  bestimmt  geartete  rechtliche  Einfügung ­
  der  Mühle  zustande,  und  zwar  nach  zwei  Richtungen  hin;
nämlich  einmal  ist  es  die  örtliche  Einfügung  der  Mühle  in  den  Besitzstand ­
  der  angrenzenden  Nachbarn,  wobei  besonders  die  Benützung
und  Regulierung  des  zum  Betriebe  nötigen  Gewässers  einen  Eingriff
in  die  Rechtssphäre  der  Angrenzer  bedeutet,  dann  aber  ist  es  der
erhöhte  strafrechtliche  Schutz,  welchen  die  Mühle  als  öffentliches  gemeinsames ­
  Produktionsmittel  genießt,  indem  z.  B.  sogar  der  Mühlweg
unter  einem  besonderen  Rechtsschutze  sich  befindet;  „zu  mül  und  stampf
soll  jedermanns  guet  sicher  sein"  ist  so  ein  Rechtssatz,  welcher  diese
letzteren  Verhältnisse  zum  Ausdruck  bringt.
Diese  letztere  rechtliche  Seite  interessiert  uns  hier  aber  weniger
als  vielmehr  eine  Reihe  ökonomischer  Konsequenzen,  welche  sich  aus
dem  ersten  der  beiden  angedeuteten  Punkte  ergeben.
Die  Einfügung  der  Mühle  mit  ihrem  territorial  weit  ausgreifenden ­
  Wasserbedarf  in  den  mittelalterlichen  Feudalstaat  erzeugt  nämlich
für  die  Benützer  oder  Besitzer  der  Mühle  ein  Abhängigkeitsverhältnis,
und  dieses  Abhängigkeitsverhältnis  drückt  sich  schließlich  aus  als  eine
Un  ehrlich  keit  auf  Grund  von  Besitzverhältnissen 8 ).  Um  nur  ein  Beispiel
anzuführen,  die  Unehrlichkeit  der  Müller  wird  aus  solchen  Verhältnissen
hergeleitet.  Nun  findet  sich  aber  keine  Spur  davon,  daß  die  Gerber
jemals  unehrlich  gewesen  sind,  letzteres  ein  Punkt,  welcher  um  so  mehr
verwundern  muß,  als  die  Gerber  auf  Grund  ihrer  Rohmaterialien
oft  genug  hart  an  den  Abdecker  streiften,  dessen  Unehrlichkeit  tatsächlich
noch  bestand,  als  die  der  Müller  nur  noch  im  täglichen  Sprachgebrauche
vorhanden  war.  Wenn  daher  Stanislaus  Bormans  den  engeren
Zusammenschluß  der  Lütticher  Gerber  zu  einem  zunftartigen  Gebilde
aus  dem  Bedürfnisse  einer  gemeinsamen  Mühle  herleitet^),  so  ergibt
sich  daraus  für  uns  der  Schluß,  daß  diese  Mühle  nicht  mit  Wasserkraft ­
  betrieben  worden  sein  kann,  und  für  das  ganze  Gewerbe  der
Lohgerber  sowohl  wie  der  Sämischgerber  müssen  wir  die  Folgerung
ziehen,  daß  sie  zum  Zerkleinern  der  Lohe  und  zum  Walken  der  Felle
entweder  nur  kleinere  Handstampfen  benutzten,  oder  daß  ihre  größeren
i)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  362.  2  3  4 )  ©unser  1903,  S.  303.
3 )  Vgl.  Stahl  1874,  S.  105-158,  Bef.  127ff.;  Mummenhoff  1901,  S.  54.
4 )  Bormans  1863,  S.  64,  56.
        <pb n="189" />
        149

Stampfen  vielleicht  Fußstampfen  gewesen  sind,  wie  die  oben  angeführte
„fußstampfe"  des  14.  Jahrhunderts  aus  einem  Weistum  von  Allerheim.
Die  Anwendung  von  Handstampfen,  welche  also  im  Privatbesitz
jedes  Gerbers  sich  befinden,  läßt  sich  nicht  für  alle  Fälle  von  der  Hand
weisen,  und  zwar  die  Anwendung  einer  Stampfe,  fei  es  in  Form  eines
Holzmörsers  mit  Stempel,  oder  sei  es  in  der  Form  der  Vorrichtung,
deren  Grundgedanken  wir  den  „Hammer  im  Stuhl"  genannt  haben;
denn  eine  Stampfmühle  in  der  Form  des  zweiarmigen  Hebels  findet
sich  z.  B.  in  Bulgarien  in  vielen  Bauernwirtschaften  x ),  die  Stampfe
findet  sich,  wie  erwähnt,  auch  im  bäuerlichen  Hausrate  des  Mittelalters,
und  die  oben  erwähnte  „walchstampfe"  zu  Burgeis  mag  sehr  wohl,
besonders  unter  Berücksichtigung  der  damals  üblichen  Tracht,  zum
Walken  von  Fellen  benutzt  worden  sein.  Die  Jnnungsartikel  der
mittelalterlichen  Zünfte  enthalten  stets,  falls  eine  Walke  vorhanden  ist,
Bestimmungen  über  diese  oder  über  die  Lohmühle.  Womit  haben  die
Nürnberger  Jrher  gewalkt,  da  ihre  Ordnung  von  1535  noch  keine
Bestimmungen  über  die  Walke  enthält,  während  ein  Zusatzdekret  von
1595 2 )  uns  mitteilt,  daß  die  Meister  des  Weißgerberhandwerks  sechs
„walck  Löcher  .  .  .  gepawt  haben",  woraus  dann  eine  Walkordnung
folgt,  welche  in  allen  wesentlichen  Punkten  mit  den  übrigen  mittelalterlichen ­
  übereinstimmt?  Auch  der  Weißgerber  in  Burgbernheim  hat  bis
zum  Jahre  1900  eine  Handwalke  besessen  —  es  liegt  nach  all  dem
kein  Grund  vor,  ganz  allgemein  zu  sagen  „Stampfe  und  Gerberkuhle
sind  gemeinsame  Produktionsmittel" 3 ),  es  liegt  kein  Grund  vor,  aus
der  Walke  die  Unmöglichkeit  der  Stör  arbeit  herzuleiten.
In  den  Fällen,  wo  eine  mit  Wasserkraft  betriebene  Mühle  vorhanden ­
  ist,  findet  dies  auf  Grund  ihrer  daraus  entspringenden  Rechtsstellung ­
  stets  einen  adäquaten  ökonomischen  Ausdruck.  Wenn  Konrad  III.
in  Ulm  dem  Sohne  des  Guido  Visconti  von  Mailand,  Otto,  1142
den  Hof  Massini  als  Lehen  verleiht,  so  werden  bei  der  Aufzählung  die
Mühlgelegenheiten  besonders  genannt  Z;  wenn  Papst  Alexander  IV.
die  St.  Elisabeth-Schwestern  in  Ulm  vom  Zehnten  befreit,  so  wird
darunter  aufgezählt,  daß  sie  von  der  Mühle  keine  Abgabe  zu  entrichten
Habens,  und  diese  Abgabe  stellt  eben  den  ökonomischen  Ausdruck  eines
rechtlichen  Verhältnisses,  nämlich  eines  Besitzverhältnisses  dar;  wenn
wir  solche  Abhängigkeitsverhältnisse  auch  für  Gerber  antreffen,  so  müssen
wir  daraus  schließen,  daß  sie  zu  einer  Zeit  entstanden,  wo  Abhängigkeit ­
  auf  Grund  von  Besitz  keinen  Anlaß  mehr  gaben  zu  nachfolgender
Unehrlichkeit.  Das  früheste  Datum  eines  so  zum  Ausdruck  kommenden

0  Gogitschayschwili  1891,  S.  55.  2 )  Nürnberg  1535.
3 )  Dunker  1103,  S.  135.  *)  Ulm  1873,  S.  19.  6 )  Ulm  1873,  S.  99.
        <pb n="190" />
        150

Abhängigkeitsverhältnisses  liegt  mir  vor  für  die  Beutlerzunft  auf  der
Altstadt  von  Danzigs;  sie  erhielt  am  16.  Oktober  1397  vom  Komtur
Albrecht  von  Schwarzburg  die  Ledermühle  an  der  Radaune  bei
St.  Gertrud  gegen  einen  jährlichen  Zins  von  18  Mark  verliehen,
wobei  ihnen  zugesichert  wird,  daß  die  Handwerker  auf  der  Alt-  und
Jungstadt  ihre  Felle  in  keiner  anderen  Mühle  bis  auf  eine  Meile  von
Danzig  bereiten  lassen  dürfen,  als  in  der  ihrigen.  So  sehen  wir  gleichzeitig ­
  mit  der  Bildung  des  Abhängigkeitsverhältnisses  ein  Privilegium
entstehen,  wir  sehen  hier  die  Art  der  Entstehung  eines  Bann  rechtes.
Solche  Verhältnisse  mögen  neben  den  Anlagekosten  eine  Rolle  mitgespielt
haben,  daß  die  Gerber  zur  Walke  oft  weite  Strecken  zurücklegen  mußten.
So  gingen  die  Gunzenhäuser  Weißgerber  zum  Walken  nach  Öttingen
und  Nördlingen,  die  Wassertrüdinger  ebenfalls  nach  Nördlingen,  die
Langenzenner  Rotgerber  brachten  früher,  bevor  sie  um  die  Wende  des
18.  Jahrhunderts  eine  eigene  Stampfe  erhielten,  ihre  Lohe  zum  Mahlen
acht  Stunden  weit  nach  Beyersdorf,  und  auf  Grund  solcher  Betrachtungen ­
  wird  es  verständlich,  wenn  wir  in  §  15  des  Statuts  der  Weißgerber-Jnnung
  zu  Königsberg  von  1845  die  Bestimmung  finden  „Einem
Zwang  zu  ihrer  Benutzung  (nämlich  zur  Benutzung  der  Walke)  ist
niemand  unterworfen." 2 )  So  hat  erst  die  moderne  Gesetzgebung  jene
alten  Zwangsrechte  aus  der  Welt  geschafft,  aber  manche  Grundgedanken
des  alten  Wasserrechtes  finden  sich  natürlich  auch  in  den  modernen
Rechtsnormen  wieder,  so  das  Recht  des  Mühlenbesitzers  auf  das  zum
Betriebe  seiner  Mühle  nötige  Wasser,  und  daraus  ergibt  sich  dann,  daß
dieses  Wasser  Eigentumscharakter  besitzt.  So  beschweren  sich  in  Uffenheim
  1827  die  Gerbermeister  Vogel  und  Hartung,  weil  sie  durch  den
schlechten  Stand  des  Wassers  nicht  genug  Wasser  zum  Betrieb  ihrer
Mühle  Habens,  und  1876  kauft  ein  Ökonom  in  Uffenheim  von  der
Stadt  ein  Wasserrecht  zum  Betrieb  seiner  Lohmühle  um  750  fl.  gleich
1285,71  Mark  4 ).
Solche  mannigfaltige  ökonomische  Beziehungen  ergeben  sich  für  die
Mühle  aus  ihrer  rechtlichen  Einfügung  auf  Grund  des  zum  Betrieb
nötigen  Wassers.  Die  Mühle  erscheint  hier  immer  als  eine  Art  Fremdkörper, ­
  welchen  es  möglichst  scharf  zu  umgrenzen  und  auszuschließen
gilt,  und  aus  dessen  Benützung  und  Besitz  sich  lästige  Konsequenzen
ergeben.
Ganz  anders  erscheint  die  Mühle,  wenn  wir  sie  in  ihrer  Beziehung
zum  Gewerbe  betrachten.  Hier  erscheint  sie  als  Anziehungspunkt,  als
Mittelpunkt,  um  welchen  sich  ein  verhältnismäßig  großer  Teil  des  gewerblichen ­
  Lebens  dreht;  denn  hier  ist  sie  kein  Fremdkörper  im  Very
  Hirsch  1855,  S.  304.  2 )  Königsberg  1845,  §  15.
8 )  Uffenheim  1827.  *)  Uffenheim  1876.
        <pb n="191" />
        151

bände  der  ländlichen  Territorien,  sondern  hier  ist  sie  Produktionsmittel. ­
  Daher  die  Anziehungskraft,  welche  sie  ausübt;  daher  die  Bestimmungen ­
  über  ihre  Benützung  und  Erhaltung.
Der  Bau  einer  Walke  verursacht  verhältnismäßig  hohe  Kosten.
Die  Walke  als  solche,  also  ohne  Gebäude  *),  und  ohne  Wasserantrieb
kostete  z.  B.  in  Rothenburg  1664  bei  der  Neuanschaffung  60  ft. 2 ),  die
Walke  in  Mortelsgrund  kostete  im  letzten  Drittel  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  aus  zweiter  Hand  300  Mark 8 ),  ein  Schneid-  und  Mahlwerk
für  die  Lohmühle  zu  Rothenburg  kostete  1841  bei  der  Einrichtung
500  fl.  fl,  und  so  kommt  es,  daß  in  früherer  Zeit  Einzelpersonen  5 )  sich
nur  selten  im  Besitze  größerer  Mühlen  befinden,  daß  vielmehr  die  Gemeinde ­
  oder  das  H  a  n  d  w  e  r  k  es  ist,  welche  zur  Erbauung  einer  Mühle
*  zusammentreten.
So  besaß  z.  B.  das  Amt  der  Beutler  in  Lübeck  eine  eigene  Walkmühle^) ­
  im  15./16.  Jahrhundert,  und  so  besaß  auch,  um  noch  ein
Beispiel  aus  der  modernen  Zeit  zu  bringen,  die  Weißgerberinnung  zu
Königsberg  1845  eine  eigene  Lederwalke  fl.  Als  Beispiel  für  Gemeindebesitz ­
  sei  angeführt  die  Weißgerberwalke  in  der  Seuffertischen  Mühle
unterhalb  Dettwangen  bei  Rothenburg  1843 8 );  letztere  Mühle  wurde
dann  natürlich  von  der  Gemeinde  Rothenburg  an  das  Weißgerberhandwerk ­
  in  Rothenburg  in  Pacht  gegeben;  so  hatten  auch,  um  noch  ein
Beispiel  für  die  Rotgerber  zu  bringen,  die  Nürnberger  Rotgerber  eine
eigene  Mühle  in  der  Hadermühle  vor  der  Stadt  fl.
Solcher  gemeinsame  Besitz  bringt  natürlich  gemeinsame  Lasten,
welche  von  der  Gemeinschaft  aller  Besitzer  aufgebracht  werden  müssen.
Aber  nicht  nur  das,  auch  der  Eintritt  in  diese  Gemeinschaft,  das  Benutzungsrecht ­
  des  Produktionsmittels  muß  bezahlt  werden;  so  wurde
der  Gerber  Lindner  auf  Ansuchen  in  die  Gemeinschaft  der  Rothenburger
Mühle  nebst  zugehöriger  Scheune  1842  nur  gegen  eine  Entschädigung
von  100  fl.  aufgenommen  10 ).
Privatbesitz  der  Mühle  seitens  eines  Handwerksgenossen  ist  schwer
verträglich  mit  dem  demokratischen  Grundgedanken  mittelalterlichen
Zunftwesens.  Ein  Produktionsmittel  so  großen  Maßstabes,  wie  es  die
mit  Wasser  betriebene  Walkstampfe  darstellt,  muß  auch  für  seine  Benutzung ­
  eine  demokratische  Regelung  besitzen.  Das  demokratische  Prinzip

0  Vgl.  den  interessanten  Akt  Memmingen;  Dörrhütte  der  Gerber  zum
Rinden-Dörr  mit  Rechnung  1680,  S.  434—437.
2 )  Rothenburg  1571—1695,  S.  258.
s )  Nach  Angabe  des  Sapdaer  Weißgerbers.  Rothenburg  1842.
5 )  Vgl.  Lamprecht  1886,  Bd.  I,  S.  584.  *)  Lübeck  1872,  S.  186.
7 )  Königsberg  1846,  §  15.  8 )  Rothenburg  1842.
8 )  Nürnberg  17,  S.  25;  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  149.

i°)  Rothenburg  1842.
        <pb n="192" />
        152

spricht  sich  ja  schon  darin  aus,  daß  alle  Meister  gleichmäßig  zur  Erhaltung ­
  der  Mühle  beizusteuern  haben,  wie  sie  auch  für  den  Fall  der
Pacht  diese  zu  gleichen  Teilen  entrichten.  So  zahlten  die  Weiß-  und
Sämischgerber  zu  Leipzig  bis  1718  den  jährlichen  Pacht  von  51  Talern
in  voller  Gleichheit  der  Anteilbeträge*).  Aus  diesen  Tendenzen  entspringt ­
  auch  die  Bestimmung,  daß  jeder  Meister  nicht  mehr  als  ein
Loch  herauswalken  darf  und  dann  das  Walken  so  lange  auszusetzen
hat,  bis  das  Walken  auf  dem  ganzen  Handwerk  herumgegangen  ist.
Nur  für  den  Fall,  daß  die  Walke  leer  steht  und  kein  anderer  Meister
gehindert  wird,  darf  die  Walke  benutzt  werden  H.  Auch  der  Produktionsumfang ­
  wird  beschränkt;  denn  die  Leistungsfähigkeit  einer  Walke  ist
sehr  groß;  so  konnte  die  Walkmühle  in  Corbeil  in  sechs  Stampftrögen
wöchentlich  300  Büffelfelle  liefern,  wobei  allerdings  12  Arbeiter  für
ihre  Bedienung  erforderlich  waren  3 ).  Ein  Beispiel  aus  Augsburg  noch
um  das  Jahr  1800  möge  zeigen,  wie  genau  ausgeprägt  die  Idee  des
Produktionsmaximums  gewesen  ist:
„Es  soll  jedem  Meister  von  Weißgärbern  jährlich  24  mal  zu  walcken,
und  auf  einmal  nach  bemelte  Zahl  jeder  Gattung  in  die  Walck  zu
fertigen  befugt  sein;  nämlich

Ochsenheut

15

Stück

Hirschheut

30

„

Wildheut

60

„

Nerben  Kalbfell

120

„

Geschabte  Kalbfell

130

„

Nerben  Schaffell

200

„

Bock,  Gaitz,  Rech  geschabte  oder

rauche  Schasfel

250

Stück."  4 )

Unter  Umständen  war  es  dann  noch  gestattet,  diese  Zahl  etwas  zu  erweitern. ­

Diesem  demokratischen  Gedanken  entspricht  es  auch,  daß  um  die
gleiche  Zeit,  nämlich  1802,  als  der  Charakter  damaliger  Entwicklung
längst  zünstlerische  Ideen  über  den  Haufen  geworfen  hatte,  ein  Weißgerbermeister ­
  zu  Markt  Heidenfeld  die  ausdrückliche  Erlaubnis  brauchte,
um  seine  daselbst  eigentümlich  besitzende  Ölmühle  in  eine  Walkmühle
umändern  zu  dürfen  H.  Und  zur  Erlangung  dieser  Erlaubnis  muß  er
sich  noch  die  Beschränkungen  auferlegen  lassen,  daß  er
1.  das  Wasser  nur  eine  beschränkte  Zeit  gebrauchen  darf,
2.  während  dieser  Zeit  nicht  mehr  Häute  einzulegen  berechtigt  ist.
als  an  einem  Tage  gewalkt  werden  können.
0  Junghaus  1896,  S.  406.  *)  Nürnberg  1535  und  1629;  Dekret  von  1595.
-)  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  112.  ' 4 )  Auspurg  ca.  1800
6 )  Würzburg  1802.
        <pb n="193" />
        153

Wir  sehen  hier  also,  wie  sich  ein  einzelner  Handwerker  in  den
E  i  g  e  n  b  e  s  i  tz  der  Mühle  setzt.  Schon  aus  früherer  Zeit  lassen  sich  solche
Verhältnisse  auffinden.  Den  Hinweis  „des  kaufmann  ledrer  stampf"
in  Kirchberg  aus  dem  16.  Jahrhunderts  wird  man  wohl  im  Sinne
des  Privatbesitzes  auslegen  dürfen.  Eingehender  können  wir  uns  über
Rothenburger  Verhältnisse  orientieren^).  Hier  wurde  1626  eine  neue
Walkmühle  von  einem  aus  5  Personen  bestehenden  Konsortium  eingerichtet, ­
  und  zwar  laut  Dokument  von  1625  „auf  ihre  eigene  Kosten
für  sich,  ihre  Kinder  und  Nachkommen".  Die  fremden  Meister  haben
sich  dann  in  der  Folge  in  diese  Mühle  eingekauft,  1634  wurde  die
Walke  auf  2  Meister  „verheyrathet"  und  von  diesen  bis  1654  erhalten.
Es  sei  hier  darauf  hingewiesen,  daß  die  Erhaltung  der  Walke
durch  die  Personen  eines  solchen  freien  Konsortiums,  wo  also  Zwangsverhältnisse ­
  nicht  mehr  vorliegen,  stets  auf  Schwierigkeiten  gestoßen  ist;
die  Akten  berichten  nichts,  können  natürlich  auch  nichts  berichten  über
Streitigkeiten,  welche  aus  der  Reparatur  einer  dem  Handwerk  als
solchen  gehörigen  Walke  erwachsen  sind.  Aber  fast  immer,  wo  ein
Konsortium  als  Eigentümer  der  Walke  auftritt,  ergeben  sich  Schwierigkeiten ­
  über  die  Verteilung  der  Reparaturkosten.
Von  1654—1664  treten  als  Besitzer  der  Walke  5  Meister  auf,
und  es  wird  nunmehr  verlangt,  daß  man  von  einer  Walck  2  Groschen
gebe,  es  wird  also  ein  Walkzins  gefordert.  Dieser  Walkzins  sollte
wahrscheinlich  einmal  die  übrigen  nicht  in  der  Gemeinschaft  der  Walke
stehenden  Meister  zum  Eintritt  veranlassen,  dann  aber  war  er  verursacht
durch  den  schlechten  Zustand  der  Mühle;  1626  neu  erbaut,  war  sie  in
den  Händen  der  stets  nur  um  die  Reparaturkosten  streitenden  Besitzer
in  38  Jahren  so  vernachlässigt  worden,  daß  1664  sämtliche  Meister  die
Einrichtung  völlig  erneuern  ließen.
So  mannigfach  wie  die  dargelegten  Zustände  sind  die  Besitzverhältnisse ­
  an  der  Walke,  aber  historisch  sind  dieselben  an  solchen
größeren  Produktionsmitteln  leichter  verständlich  als  rein  juristisch,  wo
sich  bei  manchen  Kommunalsägen  usw.  auch  jetzt  noch  mitunter  Schwierigkeiten ­
  ergeben  über  die  Einfügung  dieser  Sachen  entweder  in  die  Begriffe ­
  „Miteigenschaft"  oder  „juristische  Person".
Interessant  sind  noch  die  eigenartigen  Besitzverhältnisse  an  der
Walke  in  Mortelsgrund,  und  diese  Besitzverhältnisse  sind  es  ganz  allein,
denen  die  Walke  heute  noch  ihr  Dasein  verdankt.  Der  in  Sajda  ansässige ­
  Weißgerber  war  bis  1870  genötigt  gewesen,  seine  Felle  zum
Walken  nach  einer  ziemlich  weit  entfernten  Walke  zu  bringen.  Dieses
Walken  an  der  entfernten  Walkmühle  bringt  große  Unannehmlichkeiten

0  Dunker  1903,  S.  118.

2 )  Rothenburg  1571—1695,  S.  256  ff.
        <pb n="194" />
        154

mit  sich;  denn  man  ist  beim  Walken  auf  schönes  Wetter  angewiesen,
aber  die  Walke  lag  so  weit  entfernt,  daß  der  Gerber  bei  Einbruch
schlechten  Wetters  nicht  nach  Hause  zurückkehren  konnte,  sondern  auf
der  Walke  das  gute  Wetter  abzuwarten  hatte;  eine  solche.  Tage  und
Wochen  betragende,  Zeitversäumnis  veranlaßte  den  Sajdaer  Weißgerber
eine  im  näheren  Mortelsgrund  gelegene  Ölmühle  um  3000  Mark  zu
erwerben  und  in  dieser  Ölmühle  die  von  einem  Beutler  aus  Rübenau
stammende  Walke  unterzubringen;  die  Ölmühle  wurde  zunächst  verpachtet, ­
  schließlich  mitsamt  der  Walke  verkauft  unter  der  Bedingung,
daß  die  Walke  nicht  herausgerissen  oder  verbrannt  werden  dürfte,  solange ­
  in  Sajda  ein  Weißgerber  ansässig  sei.  Nur  dieses  auf  der
Ölmühle  zu  Mortelsgrund  ruhende  Servitut  hat  bis  jetzt  die  Walke
vor  der  Zerstörung  bewahrt;  denn  der  ausgemachte  Walkzins  von
10  Pfennigen  für  große  und  von  6  Pfennigen  für  kleine  Felle  macht
bei  dem  rapiden  Rückgang  der  Sämischgerberei  jetzt  nur  noch  6—7  Mark
jährlich  aus;  die  Walke  geht  dann  gewöhnlich  im  Juni  10—12  Tage,
und  so  ist  es  verständlich,  daß  der  Ölmüller  in  Mortelsgrund  für  den
Besuch  dieser  eigentümlichen  Kapitalsanlage  nur  geringes  Verständnis
und  Entgegenkommen  zeigt,  und  nur  auf  das  Ableben  des  Sajdaer
Weißgerbers  wartet,  um  sich  von  diesem  lästigen  Servitut  zu  befreien.
Mit  dem  Eindringen  freiheitlicher  Ideen  in  das  Gewerbe  gingen
dann  immer  mehr  Mühlen  in  Privatbesitz  über.
Nicht  nur  Angehörige  des  gleichen  Handwerks  wurden  durch  die
Walke,  wo  eine  solche  vorhanden  war,  näher  zusammengeschlossen;  die
Ausnützung  der  Wasserkraft  und  die  eigentümliche  Art  ihrer  Arbeit
macht  die  Walke  sogar  zu  einer  Zentralstelle  mehrerer  verschiedener
Handwerke.  Alle  die  Gewerbe,  welche  sich  ihrer  klopfenden,  stoßenden,
stampfenden  Bewegung  bedienen  können,  finden  sich  bei  ihren  Hämmern
zusammen,  und  sie  befinden  sich  in  gemeinsamem  Besitz  der  ganzen  Stampfanlage, ­
  welche  auf  ihre  gemeinschaftlichen  Kosten  erbaut  wurde.
Vor  allen  Dingen  sind  es  die  Lohgerber  und  die  Weißgerber,
welche  hier  zum  Mahlen  der  Lohe  und  zum  Walken  der  Felle  sich  vereinen. ­
  Im  18.  Jahrhundert  sind  neben  der  Lohstampfe  bereits  in
größerem  Umfange  Lohmühlen  mit  rotierenden  Steinen  vorhanden  *),
um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  setzt  eine  Bewegung  zur  völligen
Verdrängung  der  Lohstampfen  lebhaft  ein i  * ),  und  heute  gehört  die  Lohstampfe ­
  nur  noch  zu  den  größten  Seltenheiten  8 ).
Seltener,  aber  immerhin  vorhanden,  waren  Stampfen  zur  Zeri)
  Vgl.  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  362;  1761,  Bd.  III,  S.  41;  Schauplatz  1766,
Bd.  V,  S.  341.
-)  Poppe  G.  1837,  S.  179  und  1816,  Suppl,  S.  364;  Hermbsttidt  1803,
S.  365—368;  Leuchs  1828,  S.  139.  3  * )  Gerbercourier  1907,  Nr.  34.
        <pb n="195" />
        155

Heinerung  des  Getreides.  In  einem  Langenzenner  Akt  *)  von  1588  zeigt
ein  Müller  an,  daß  er  in  seiner  Mühle  „nit  mehr  alß  zween  stemv
habe",  wobei  ans  diesem  Akte  nicht  mit  Deutlichkeit  hervorgeht,  welcher
Art  das  von  ihm  gestampfte  Material  ist.
Interessanter  noch  als  die  erwähnten  Fälle  sind  die  folgenden.
Das  Rotgerberhandwerk  zu  Nürnberg  hatte  um  1800  neben  der  Lohmühle
eine  Sägemühle  eingerichtet^),  auch  Farbholzmühlen  kommen
vor;  aus  der  Beschaffenheit  der  Mühle  wird  es  uns  verständlich,  wie  ein
Weißgerber  neben  seinem  Handwerk  sich  mit  L  e  i  n  ö  l  b  e  r  e  i  t  n  n  g  befassen
kann 8 ),  in  Königsberg  war  1824  neben  der  Walke  noch  eine  Lohstampfe
und  eine  Tabak  stampfe  eingerichtet 4 ),  die  Walke  im  Thurital  bei  Freistadt ­
  in  Oberösterreich  befand  sich  früher  im  gemeinsamen  Besitz  der
Weißgerber  und  T  u  ch  m  a  ch  e  r  des  Städtchens  5 ),  und  wenn  wir  uns  hier
daran  erinnern,  daß  wir  den  „Hammer  im  Stuhl"  auch  als  den  Grundgedanken ­
  der  in  den  H  a  m  m  e  r  s  ch  m  i  e  d  e  n  gebräuchlichen  Wasserhämmer
erkannt  haben,  so  wundern  wir  uns  auch  nicht  mehr  über  die  Kombination ­
  „mül,  sag  und  schmide"  6 );  die  eingangs  erwähnte  Umwandlung
der  „reismühlen"  in  eine  Tuchwalke  oder  die  Umwandlung  der  Ölmühle
zu  Markt  Heidenfeld  in  eine  Sämischgerberstampfe  wird  hier  ebenfalls
verständlicher,  anfangs  des  18.  Jahrhunderts  wurden  die  Walkmühlen
der  Berliner  Weißgerber  den  Wollmanufakturen  eingeräumt'),  kurz,  es
ist  immer  das  gleiche  Prinzip,  der  „Hammer  im  Stuhl",  welcher  hier
zugrunde  liegt,  und  um  welchen  sich  die  verschiedensten  Handwerker,
Sämischgerber,  Lohgerber,  Müller  zum  Mahlen  von  Getreide,  Farbholz
und  Lohe,  Tuch-  und  Zeugmacher,  Ölmüller,  Schmiede,  Tabakarbeiter
usw.  sammeln,  indem  sie  lediglich  an  der  Vorrichtung  eine  kleine  für
spezielle  Zwecke  eingerichtete  Abänderung  anbringen;  so  auch  läßt  sich
die  Stampfe  aus  einem  Handwerk  in  ein  anderes  leicht  überführen.
Als  letztes  interessantes  Beispiel  dafür,  wie  diese  Stampfe  die  verschiedensten ­
  Handwerker  räumlich  vereinigt,  sei  auf  die  1800  in  Langenzenn
eingerichtete  Walkmühle  hingewiesen.  Die  Walke  wurde  von  den  Handwerken ­
  der  sämtlichen  Gerber  und  Tuchmacher  auf  deren  gemeinsame
Kosten  erbaut  und  der  Plan  zeigt,  wie  groß  die  Ähnlichkeit  der  Walkstampfe ­
  für  Gerber  und  Tuchmacher  und  der  Lohstampfe  ist  (Fig.  5).
Die  Lohstampfe  ist  nach  dem  Plan  projektiert  mit  drei  Löchern,
wobei  in  jedem  Loch  drei  Stempel  gehen;  die  Walkstampfe  ist  projektiert
mit  nur  zwei  Löchern,  jedes  mit  nur  zwei  Stempeln 8 ).  Die  Konzession
h  Langenzenn.  Tom.  I,  16  Fase.,  S.  21.
2 )  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  149.  S 1  Sperl  1909,  S.  52.
*)  Königsberg  1794—1828,  25  Okt.  1824.  °)  Sperl  1909,  S.  15.
°)  Dunker  1903,  S.  103.  ’)  Krünltz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  619.
8 )  Plan  im  Besitz  des  GerbcreibesitzerS  Herrn  Chr.  Walther  Langenzenn.
        <pb n="196" />
        156

zur  Erbauung  der  Mühle  wurde  von  der  Kgl.  Preußischen  Kriegs-  und
Domänenkammer  zu  Ansbach  am  6.  Juli  1801  den  „Roth-  und  Weißgerbern ­
  zu  Langenzenn,  in  Verbindung  mit  den  dortigen  Tuch-  und
Zeugmachern  und  Färbern"  erteilt  Z;  unter  dem  27.  Februar  1802
wird  der  „zwischen  der  Bürgerschaft  und  den  Erbauern  der  Walckmühle
zu  Langenzenn  geschlossene  Vergleich"  genehmigt,  „daß  die  Rothgerber  et
Consorten  8  halbfudrige,  10  dreilings  und,  im  Fall  sie  denselben  erweislich ­
  auswärts  nicht  zu  erhalten  vermoegten,  eine  zweifudrige  Eiche
halb  für  den  Bürgertax  und  halb  für  den  Herrschaftstax  beim  nächsten
Holzhieb  ausgezogen  erhalten  sollten"").

Fig.  S.
Die  eigne  Loh-  und  Walkmühle  für  die  sämtlichen  Gerber  und  Tuchmacher  in
Langenzenn  (1800—1801.)

Die  vielseitige  Verwendungsmöglichkeit  der  Walke  ist  es  auch,
welche  die  Richtung  ihres  Niederganges  beherrscht;  als  die  Lohstampfe
beim  Nürnberger  Handwerk  überflüssig  geworden  war,  wurde  sie  in  eine
Gypsmühle  umgewandelt  und  später  wurde  noch  eine  Gypsbrennerei
dort  eingerichtet  °).  So  war  auch  die  Einrichtung  der  Tabakstampfe
in  der  Walke  zu  Königsberg  das  Zeichen  begonnenen  Niederganges.

st  Akt  im  Besitz  desselben.
s )  Nürnberg  1843.

2 )  Akt  im  Besitz  desselben.
        <pb n="197" />
        157

Solche  Umwandlungen  rentieren  natürlich  nur  bei  großen  Walken.
Kleine  Walken  werden  gewöhnlich  herausgerissen  und  verbrannt,  und
nur  wenige,  oft  viele  Jahrzehnte  noch  liegen  bleibende  Eisenteile,  wie
Achsen  oder  schwere  Nägel  zeugen  von  ihrer  einstigen  Existenz.  Das
Gebäude,  in  welchem  sich  die  Walke  befand,  dient  dann  anderen  Zwecken;
so  trat  z.  B-  1794  als  Käufer  einer  der  beiden  Walkmühlen,  welche  vom
Königsberger  Weißgerberhandwerk  schuldenhalber  verkauft  werden  mußte,
der  Nädlermeister  Gerlach  auf,  welcher  dort  eine  „Drahtfabrique",  wie
der  etwas  vollklingende,  aber  ganz  im  Geiste  jener  Zeit  gebrauchte
Ausdruck  lautet,  einrichten  wollte  Z.  Die  Einführung  der  Dampfkraft
und  der  eisernen  Maschinen  mit  höheren  Leistungsfähigkeiten  hat  dann
die  durch  die  Walke  geschafseue  Gemeinschaft  aufgelöst  und  zerstört,  und
das  Zeitalter  des  Dampfes  hat  den  gemächlichen  Gang  der  Stampfe
ersetzt  durch  höhere  Geschwindigkeiten  in  Formen  ganz  anderer  Prinzipien; ­
  es  ist  nicht  unsere  Aufgabe,  die  Überführung  der  Stampfe  in
die  Maschinen  der  verschiedenen  Gewerbe  zu  verfolgen;  der  Grundgedanke ­
  der  Stampfe  ist,  wenn  auch  für  andere  Zwecke,  heute  noch  beibehalten, ­
  die  Fortsetzung  aber  der  Arbeit  speziell  der  Sämischgerberwalke ­
  im  maschinenmäßigen  Betrieb  soll  uns  unter  anderem  in  der
folgenden  Betrachtung  beschäftigen.
§  18.  Tie  Arbeitsmaschinen.
Die  Arbeitsmaschine  ist  das  im  Hinblick  auf  höchste  Leistungsfähigkeit ­
  kapitalistisch  entwickelte  Werkzeug;  daher  ergibt  sich  für  uns
die  Aufgabe,  die  Entwicklung  der  Maschinen  unter  einem  dreifachen
Gesichtspunkte  zu  untersuchen,  nämlich  erstens  ist  von  Bedeutung  der
Zeitpunkt  des  Einsetzens  maschinentechnischer  Ideen  im  Zusammenhange ­
  der  Wirtschaftsgeschichte  überhaupt  wie  im  besonderen  Zusammenhange ­
  der  Entwicklung  der  Gerberei,  zweitens  gilt  es,  die  Entwicklung
der  Arbeitsmaschinen  aus  dem  handwerksmäßigen  Werkzeug  im  Hinblick ­
  auf  die  Fortbildung  oder  Abänderung  der  Arbeitsprinzipien  zu
studieren,  drittens  ist  dann  noch  die  Vermehrung  der  Leistungsfähigkeit ­
  kurz  zu  betrachten.
Die  handwerksmäßige  Technik  mit  dem  Spannen  der  Haut  in  den
Rahmen  oder  mit  der  Bearbeitung  auf  dem  Schabebaum,  mit  der  Zurichtung ­
  auf  einem  flachen  Tisch,  mit  der  ganzen  Form  der  Werkzeuge,
hatte  sich  dem  Wesen  der  Haut  vollkommen  angepaßt;  alle  diese  Einrichtungen ­
  stellen  einen  Kompromiß  dar  zwischen  der  Natur  der  Haut
und  der  Beschaffenheit  der  menschlichen  Organe  in  bezug  auf  die  Best ­

  Königsberg  1794—1828,  Okt.  1794.
        <pb n="198" />
        158

arbeitung  des  Materials.  Dieses  durch  jahrhundertelange  Übung  gewonnene ­
  Verhältnis  wurde  durch  die  Einführung  von  Maschinen  vollständig ­
  verschoben;  es  ist  kein  Zufall  in  der  Entwicklung  auch  der
Maschinentechnik,  daß  die  Textilindustrieen,  die  Metaüindustrieen  heute
noch  au  erster  Stelle  stehen,  daß  sie  einen  weiten  Vorsprung  vor  der
Gerbereitechnik  gewonnen  haben;  denn  die  maschinenmäßige  Entwicklung
dieser  Jndustrieen  war  von  langer  Hand  vorbereitet  gewesen,  ihnen
fehlte  gewissermaßen  nur  noch  die  Dampfkraft.  1530  war  das  Spinnrad
erfunden  worden  ü,  und  damit  war  die  durch  die  menschlichen  Organe
begrenzte  Länge  des  Fadens  zum  Spinnen  zu  einer  gewissermaßen
unbegrenzten  ausgedehnt  worden,  die  Metallindustrieen  aber  waren  bei
der  Einführung  von  Maschinen  zunächst  überhaupt  vor  leichtere  Aufgaben ­
  gestellt.  Das  gehört  nämlich  mit  zum  Wesen  des  Maschinenbetriebes ­
  und  ist  bei  vielen  Gewerben  die  Vorbedingung  zu  seiner  rationellen ­
  Durchführung,  daß  ein  Prozeß  kontinuierlich  geleitet  werden
kann,  daß  die  Natur  des  Materials  nicht  dem  Prinzip  der  kontinuierlichen
Prozesse  widerspricht.  Es  ist  nicht  richtig,  wenn,  wie  es  im  allgemeinen
geschieht,  der  Beginn  der  maschinenmäßigen  Entwicklung  etwa  in  die
Wende  des  18.  Jahrhunderts  oder  einige  Dezennien  vorher  verlegt  wird.
Das  Mittelalter  kannte  eine  Menge  Maschinen,  man  brauchte  es  nur
einmal  daraufhin  zu  untersuchen;  die  Steigkünste  der  Bergleute,  die
Pochhämmer  der  Kupfer-,  Hammerschmiede  und  Zainer,  die  Walken
der  Gerber  und  Tuchmacher,  die  Drehbänke  der  Büchsenmacher,  der
Holzarbeiter,  der  Alabasterer,  die  Pressen  der  Buchdrucker  und  Kupferdrucker, ­
  der  Webstuhl  usw.,  wir  finden  sie  alle  heute  noch,  nur  betrieben
durch  Dampfkraft  oder  umgewandelt  für  einen  kontinuierlichen  Prozeß,
wie  dies  z.  B.  bei  der  Rotationspresse  der  Fall  ist.  In  diesen  oben
erwähnten  Erfindungen  ist  die  erste  Phase  der  maschinentechnischen  Entwicklung ­
  zu  erblicken,  auf  welche  eine  zweite  Phase  durch  Einführung
der  Dampfkraft  folgt.  Warum  die  Gerberei  außer  der  Walke  keine
Maschinen  besaß,  das  liegt  begründet  in  der  Natur  ihres  Rohmaterials,
welches  seiner  natürlichen  Beschaffenheit  nach  zunächst  dem  Wesen  des
kontinuierlichen  Prozesses  widerspricht.
Ein  zweites  Moment,  welches  die  Entwicklung  von  Maschinen  für
die  Gerberei  verzögert  hat,  war  die  lange  Dauer  der  Gerbeprozesse;
nicht  nur  dauerte  die  Lohgerbung  außerordentlich  lange,  auch  die  anderen
Methoden  beanspruchten  sehr  viel  Zeit,  weil  sich  auf  Grund  der  falschen
Anschauung,  daß  der  Kalk  eine  Härtung  der  Haut  bewirke 2 ),  die  Überzeugung ­
  herausgebildet  hatte,  daß  die  Häute  gar  nicht  lange  genug  im
Kalküscher  liegen  können.  Unter  solchen  Verhältnissen  haben  natürlich

')  Nehlen  1855,  S.  19.

2 )  Vgl.  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  275.
        <pb n="199" />
        159

Maschinen  wenig  Sinn,  sie  können  erst  mit  Nutzen  eingeführt  werden,
wenn  der  Gerbeprozeß  abgekürzt  wird,  wenn  eine  Maschine  gesteigerter
Leistungsfähigkeit  zur  Beschaffung  des  von  ihr  verarbeiteten  Stoffes
nicht  unverhältnismäßig  viel  Zeit,  Platz  und  Kapital  beansprucht.  Zwischen
der  zur  Durchführung  der  einzelnen  Arbeitsprozesse  benötigten  Zeitdauer
muß  eine  bestimmte  Harmonie  vorhanden  fein.  Diese  wurde  aber  erst
geschaffen  durch  die  Einführung  der  rationell-wissenschaftlichen  Methode
und  die  Erfindung  der  Schnellgerberei.
Mit  der  Lösung  dieses  Problems  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts ­
  war  also  eine  der  beiden  Hemmungen  aus  der  Welt  geschafft,
welche  die  Durchführung  maschineller  Betriebe  bisher  verhindert  hatte.
Der  Einfluß  dieser  neuen  Strömung  auf  die  Maschinentechnik  ergibt
sich  klar,  wenn  man  die  Zeitschriften  und  Technologien  jener  Zeit  durchstudiert; ­
  sie  find  voll  von  Vorschlägen  aller  Art;  aber  mit  der  Lösung
jenes  Problems  war  nur  eine  der  beiden  Hemmungen  beseitigt,  nämlich
die  Disharmonie  in  der  Zeitdauer  des  Prozesses;  nicht  beseitigt  war
die  mit  der  Natur  der  Haut  unvereinbare  Durchführung  der  kontinuierlichen ­
  Prozesse,  und  auch  das  ergibt  sich  aus  jenen  vielen  Vorschlägen
zur  Einführung  von  Maschinen,  wenn  man  nämlich  die  Natur  und  die
Arbeitsweise  jener  Maschinen  näher  ins  Auge  faßt.  Es  lassen  sich  die
gerberischen  Operationen  unter  diesem  Gesichtspunkte  in  zwei  große
Kategorieen  teilen.  Die  eine  Kategorie  bilden  alle  jene  Prozesse,  welche
die  Haut  in  ihrer  ganzen  Masse  gleichmäßig  behandeln,  also  die
Operationen  des  Äscherns,  des  Wässerns,  des  Beizens,  Gerbens,  während
die  andere  Kategorie  von  jenen  Prozessen  dargestellt  wird,  bei  welchen
die  Haut  in  einer  bestimmten  Richtung  oder  nur  auf  einer  bestimmten
Seite  bearbeitet  werden  soll;  die  erste  Kategorie  von  Operationen  sind
die  mehr  chemischen,  die  letzte  die  mehr  mechanischen;  dieser  Unterschied  ist
aber  für  unsere  jetzige  Betrachtung  nicht  so  wichtig,  als  vielmehr  der,  daß
sich  die  Häute  bei  Maschinenbetrieb  in  der  ersten  Kategorie  von  Prozessen
leichter  kontinuierlich  behandeln  lassen,  während  das  in  der  zweiten
Kategorie  von  Operationen  nicht  in  diesem  Maße  der  Fall  ist.  Demgemäß ­
  lassen  sich  die  Gerbereimaschinen  auch  im  Hinblick  auf  ihren
Zweck  in  zwei  ebenfalls  ziemlich  scharf  geschiedene  Kategorien  teilen.
Eine  solche  Maschine  der  ersten  Kategorie  stellt  vor  allen  Dingen  die
Walke  dar;  denn  in  ihr  werden  die  Felle,  wie  sie  gerade  zu  liegen
kommen,  gewalkt;  das  ist  ja  auch  der  innere  Grund,  warum  die  Erfindung ­
  der  Walke  in  die  erste  Phase  maschinentechnischer  Entwicklung
fällt.  Auch  Flüssigkeitspumpen  gehören  hierher,  und  solche  wurden
schon  in  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  z.  B.  in  der  Form  der
Paternosterpumpen  *)  durch  Göppel  betrieben.  Bis  tief  ins  19.  Jahres ­
  Abbildung  bei  Jörissen  1809,  S.  150.
        <pb n="200" />
        160

hundert  hinein  Z  gab  es  Gerbereien,  welche  diese  beiden  Vorrichtungen
als  einzige  Maschinen  ihr  eigen  nannten,  man  kann  sogar  heute  noch
kleinere  Gerbereien  sehen,  bei  welchen  sich  diese  Zustände  erhalten  haben.
Die  Erfindung  der  Schnellgerberei,  d.  h.  der  Gerbung  mit  Lohbrühen,
und  die  Erkenntnis,  daß  ein  Bewegen  der  Häute  in  der  Gerbflüssigkeit
die  Gerbung  beschleunige,  führte  zu  einer  ungeheuren  Reihe  von  Maschinen
und  Patenten,  und  diese  Vorrichtungen  haben  dann  ihren  Einfluß  auch
auf  andere  Prozesse  ausgeübt.  Anton  Fay  schlug  um  die  Wende  des
18.  Jahrhunderts  vor,  mit  Schaufeln  versehene  Wagenräder  an  senkrechter ­
  Achse  in  die  Gruben  zu  bringen 2  * ),  —  es  ist  das  Prinzip,
welches  heute  noch  in  dem  Rühräschern  durchgeführt  ist.  Die  Idee
der  Bewegung  der  Häute  durch  Haspel  oder  der  ganzen  Gerbflüssigkeit
mitsamt  den  Häuten  in  rotierenden  Fässern  stammt  ebenfalls  schon  aus
jener  Zeit^),  und  solche  rotierende  Fässer  haben  seitdem  Eingang  zu
den  allerverschiedensten  Zwecken  gefunden;  sie  dienen  nicht  nur  zum
Gerben  in  der  Brühengerbung,  in  der  Chromgerbung  und  in  den  verschiedenen ­
  Zweigen  der  Weißgerberei,  sie  werden  auch  benutzt  zum
Beizen,  zum  Färben  für  den  Fall,  daß  beide  Seiten  des  Felles  gefärbt
werden  sollen,  zum  Schmieren  der  Häute  und  Felle,  hin  und  wieder
zum  Enthaaren,  wobei  die  gegenseitige  Reibung  der  Häute  und  Felle
die  Enthaarung  bewirkt,  zum  Wässern  und  Waschen,  endlich  sind  sie
auch  der  Ersatz  der  alten  Walke  geworden,  indem  die  Fettgerberei  sich
ihrer  zum  Einarbeiten  des  Fettes  in  die  Haut  bedient  und  indem  man
sie  zum  völligen  Erweichen  der  in  reinem  Wasser  geweichten,  getrockneten
Häute  benutzt.
Interessant  unter  dem  Gesichtspunkte  dieser  Kategorie  ist  auch  ein
Vorschlag  zu  einer  Enthaarungsmaschine 4 ),  bei  welcher,  ähnlich  wie  bei
dem  eben  beschriebenen  Walkfaß,  die  Reibung  zum  Enthaaren  benützt
wird,  indem  nämlich  in  einem  mit  Wasser  und  Fellen  gefüllten  Faß
eine  Achse  rotiert,  welche  nach  Art  eines  Quirls  mit  Holzstäben  besetzt ­
  ist.
Diese  Vorschläge  und  Erfindungen  bilden  etwa  den  Inhalt  der
ersten  Reihe  von  Operationen,  sie  wurden  alle  schon  um  die  Wende
des  vorigen  Jahrhunderts  gemacht,  aber  ein  Aufschwung  der  maschinellen
Technik  datiert  nicht  aus  jener  Zeit,  weil  eben  zur  Überwindung  jenes
zweiten  Hindernisses  noch  gar  keine  Vorarbeiten  getroffen  waren.  Die
Entwicklung  der  zur  zweiten  Kategorie  gehörigen  Maschinen  ist  ein
außerordentlich  interessantes  Beispiel  für  die  Entwicklung  einer  vollkommen ­
  neuen  Maschinentechnik.  Das  Bewußtsein  nach  dem  Bedürf-')
  Vgl.  Weiskirchner  1896,  S.  494.  -)  Hermbstädt  1803,  S.  169.
-)  Vgl.  bei  Pelzer  1837,  S.  270;  Missels  Vorschlag  1810.
4 )  Vgl.  auch  Almanach  1808,  S.  588  und  Dumas  1846,  S.  692.
        <pb n="201" />
        161

nisse  solcher  Maschinen  war  vorhanden,  das  zeigen  eine  Menge  von
Vorschlägen,  aber  man  hatte  keine  Erfahrung  gemacht  in  der  maschinenmäßigen ­
  Behandlung  der  Haut;  man  konnte  die  Maschine  nicht  in
wenigen  Jahren  an  den  neuen  Rohstoff  adaptieren,  wie  dies  die  Werkzeuge ­
  in  jahrhundertelanger  Übung  getan  hatten.
Daher  sind  die  ersten  diesbezüglichen  Erfindungen  nichts  weiter  als
Entlehnungen  aus  anderen,  fortgeschritteneren  Gebieten  der  Technik,
welche  eben  deswegen,  weil  sie  anderen  Rohstoffbearbeitungsgebieten
lediglich  entlehnt  waren,  kein  Heimatrecht  in  der  Gerberei  erwerben
tonnten  und  bald  wieder  ausgeschieden  werden  mußten.  Hierher  gehören ­
  z.  B.  die  in  der  Schweiz  vor  1800  benützten  Wasserhämmer  x )
zum  Klopfen  des  Leders,  oder  Maschinen  zum  Glätten  des  Leders,
oder  zum  Entfernen  des  Kalkes,  „gewöhnliche  Walzen,  wie  man  sie
zum  Plätten  der  Tabakstengel,  zum  Strecken  des  Blechs  usw.  hat" 2 );
die  Idee  der  Spaltmaschinen  fällt  schon  in  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts^); ­
  der  Gedanke,  durch  Spalten  aus  einer  Haut  deren  zwei
zu  machen,  leuchtete  natürlich  ungemein  ein,  und  so  erging  auf  diesem
Gebiet  eine  wahre  Flut  von  Erfindungen;  —  erst  in  den  letzten
Dezennien  ist  es  gelungen,  für  schwere  und  leichte  Häute  wirklich  brauchbare, ­
  allerdings  auch  kostbare  Spaltmaschinen  herzustellen.  Die  einzige
Maschine  aus  dieser  Zeit,  welche  sich  erhalten  konnte,  ist  die  Walkmühle, ­
  die  uralte  Stampfe,  welche  in  ganz  geringfügig  modifizierter
Form  in  maschinellem  Kleide  erschien,  allerdings  nicht  mehr  benützt
zum  Einarbeiten  des  Fettes,  sondern  zum  Erweichen  und  Brechen  der
Häute  und  Felle;  sie  konnte  sich  erhalten;  denn  sie  war  die  einzige
str  Maschinenbetrieb  vorbereitete  Einrichtung.
Die  Vorschläge  für  Maschinen  häufen  sich  in  den  ersten  Jahrzehnten ­
  des  19.  Jahrhunderts,  „der  wohlfeile  Preis  der  Fabriken  beruht ­
  auf  den  mehreren  oder  mindern  Maschinen"  4 )  lesen  wir  1807,
der  Pariser  Gerber  Hr.  Vauguelin  führt  eine  Menge  Verbesserungen
ein  und  sagt:  „Die  Handarbeit  wird  durch  die  Maschinen  für  die  meisten
Operationen  vermindert.  Man  gebraucht  deshalb  allerdings  eine  Dampfmaschine ­
  oder  eine  andere  bewegende  Kraft,  durch  deren  Kosten  die
Verminderung  der  Handarbeit  etwas  ausgeglichen  wird"  5 ),  und  auf*
0  Karmarsch  1872,  ©.  582.
2 )  Leuchs  1829,  S,  138;  Keeß  1829  Bd.  I,  S.  45-46.
3 )  Busch  1795,  ©.314;  Lichienbergs  Magazin  1786,  Bd.  IV,  S.  182;  Phil.
Transact.  Bd.  XXIV,  S.  133;  Leuchs  1828,  S.  138;  Ann.  d.  Arts  T.  42,
S.  203;  Neues  Magazin  der  Erfindungen  Bd.  II,  S.  279;  Magazi  nder  Erfindungen ­
  Bd.  V,  75,  S.  107;  Journal  für  Fabrik.  Bd.  XIII,  S.  125;  Krünitz
Bd.  0VIII,  ©.  500;  Pelzer  1837,  S.  272;  Poppe  1816,  Suppl.,  S.  362  und  1806,
Bd.  III,  ©.  199;  Karmarsch  1872,  S.  582.;  Almanach  1800,  S.  698.
")  Kunz  1807,  Inhalt.  °)  Tumas  1808,  S.  692.
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

11
        <pb n="202" />
        162

munternd  berichtet  Keeß  1829:  „In  allen  (?)  englischen  Werkstätten,  wo
Leder  fabriziert  wird,  bedient  man  sich  der  Spaltmaschine,  welche  bis  vor
kurzem  in  Deutschland  noch  ganz  unbekannt  war*)";  er  hat  wahrscheinlich ­
  in  größeren  Betrieben  außer  Gebrauch  gesetzte  Spaltmaschinen
stehen  gesehen,  welche  damals  unter  dem  Einfluß  der  Spaltmaschinenbewegung ­
  angeschafft  worden  waren.
Langsam  führten  sich  die  neuen  Maschinen  in  der  Gerberei  ein,
schneller  noch  in  England,  Frankreich  und  Amerika  als  in  Deutschland,
und  schneller  in  der  Fabrikation  der  schweren  Leder  als  in  den  Betrieben ­
  mit  leichteren  Fellsorten.  Nur  langsam  gewann  die  Technik
ein  richtigeres  Verhältnis  zu  dem  neuen  Rohmaterial,  und  1837  schreibt
Pelzer:  „Schon  mehrmals  hat  man  versucht,  die  langweilige  Arbeit  des
Streckens,  Abschabens  und  Abfleischens  der  Häute  durch  Maschinen  zu
ersetzen,  allein  bis  heute  ist  noch  keine  bekannt  geworden,  welche  den
Zweck  vollkommen  erreicht  hätte" 2 ).  Auf  allen  Gebieten  mußte  das
Ausland  und  da  wieder  zunächst  für  starke  Häute  bahnbrechend  vorgehen. ­
  Im  amtlichen  Berichte  der  Londoner  Weltausstellung  von  1851 8 )
heißt  es:  „Auch  erscheint  es  zeitgemäß,  daß  die  deutschen  Gerbereibesitzer
sich  mehr  der  geeigneten  mechanischen  Betriebskräfte  durch  Wasser  und
Dampfwerke  bemächtigen,"  und  nach  der  Pariser  Weltausstellung  hören
wir  1868  über  die  Feinlederfabrikation  4  *  6 ):  „Es  ist  das  Vorurteil,  daß
die  mechanischen  und  chemischen  Operationen  in  dieser  Gerberei  nur
durch  Menschenhände  gut  und  vollständig  ausgeführt  werden  können,
gründlich  widerlegt.  Ich  hatte  Gelegenheit,  zwei  Etablissements  zu
sehen,  wo  sämtliche  mechanische  Operationen  durch  Maschinen  ausgeführt ­
  wurden,  andere  Fabrikanten  benützen  teilweise  Maschinen.  Das
Strecken,  Enthaaren,  Entfleischen,  Glätten,  geschieht  auf  Maschinen,
welche  von  Ott  in  Saint  Denis  konstruiert  sind."
Unter  solchen  Verhältnissen  bemühte  sich  die  deutsche  Maschinentechnik ­
  zur  Herstellung  brauchbarer  Maschinen.  Die  deutschen  Gerber
versuchten  deren  Einführung,  es  folgte  das  Jahr  1870/71,  und  im
Gefolge  davon  ging,  wie  wir  schon  gehört  haben,  der  Strom  der  ausländischen ­
  Nachfrage  zunächst  nicht  mehr  nach  Frankreich,  sondern  nach
Deutschland,  die  Feinlederindustrie  wurde  zur  Leistungsfähigkeit  förmlich ­
  gezwungen,  und  als  Folge  dieser  Bewegung  lesen  wir  im  Berichte
von  der  Lederausstellung  1878  °):  „Haben  früher  die  Ausländer,  namentlich ­
  Franzosen,  Engländer  und  Amerikaner  auf  dem  Gebiete  der  Gerberei
und  Lederverarbeitungsmaschinen  einen  bedeutenden  Vorsprung  gegen
die  deutschen  Fabrikanten  gehabt,  so  hat  sich  dieser  Vorsprung  doch.

0  Keeß  1829,  S.  73.  -)  Pelzer  1837,  S,  269.
»)  A.  London  1851,  S.  420.  *)  Fürstedler  1868,  S.  220.
6 )  Lederausstellung  1878,  S.  143.
        <pb n="203" />
        163

schon  sehr  verwischt.  Die  deutschen  Fabrikanten  haben  im  großen  ganzen
nach  den  Konstruktionen  und  Ideen  der  Ausländer  gearbeitet,  haben
dieselben  aber  in  eigener  Weise  vervollkommnet,  und  namentlich  den
deutschen  Verhältnissen,  d.  h.  den  Produktions-  und  Arbeitsbedingungen
der  Leder-  und  Lederwarenfabrikation  angepaßt.  Will  man  nun  einen
charakteristischen  Vergleich  zwischen  den  ausländischen,  namentlich  den
amerikanischen  und  den  deutschen  Maschinen  ziehen,  so  läßt  sich  derselbe
dahin  zusammenfassen,  daß  die  deutschen  Maschinen,  Werkzeuge  und
Apparate  in  ihrer  äußeren  Erscheinung,  in  der  schöneren  Ausstattung
zurückstehen,  hinsichtlich  der  konstruktiven  Durcharbeitung  aber  und  in
der  soliden  Arbeit  an  und  für  sich  das  ausländische  Fabrikat  mehrfach
übertreffen."
Es  hat  sich  in  Deutschland  eine  eigene  Gerbereimaschinenindustrie
entwickelt,  z.  T.  sehr  große  Betriebe,  wie  die  Badische  Maschinenfabrik
Durlach,  freilich  immer  wieder  stark  beeinflußt  durch  amerikanische  Ideen;
denn  amerikanische  Fabriken  haben  große  Filialen  in  Deutschland
errichtet,  welche  dann  allerdings  mehr  oder  weniger  selbständig  geworden ­
  sind.  Eine  solche  ist  z.  B.  The  Turner  Compagny  in  Frankfurt ­
  a.  M.,  deren  Stammhaus,  The  Turner  Tannig  Machinery  Co.,  in
Peabody,  Mass.  U.  S.  A.  sich  befindet.
Haben  wir  die  allgemeine  Entwicklung  maschinentechnischer  Ideen
kennen  gelernt,  so  erwächst  uns  die  weitere  Aufgabe,  die  Entwicklung
der  Arbeitsmaschine  aus  dem  handwerksmäßigen  Werkzeug  im  Hinblick
auf  die  Fortbildung  oder  Abänderung  der  Arbeitsprinzipien  zu  studieren.
Die  Schwierigkeit  dieser  Aufgabe  erklärt  sich  nicht  nur  daraus,  daß
auch  auf  diesem  Gebiete  die  Gerberei  noch  keinen  Einzug  in  die  modernen
Lehrbücher  gehalten  hat,  so  daß  auch  für  diesen  Fall  breiteste  Materialsammlung ­
  die  notwendige  Vorbedingung  zur  Erlangung  einer  Übersicht ­
  über  den  ungeordneten  Stoff  bildete,  sondern  auch  aus  der  Tatsache, ­
  daß  es  gilt,  aus  dem  ungeheuren  Gewirr  von  Arbeitsmaschinen
und  Arbeitsprozessen  nur  die  wesentlichen  Grundgedanken  herauszulösen
und  deren  Entwicklung  darzustellen  J ).
SJBir  haben  die  Fülle  der  Gerbereimaschinen  in  zwei  große  Kategorieen
  geteilt,  und  wir  haben  die  maschinelle  Ausbildung  der  ersten
dieser  beiden  Kategorieen  bereits  besprochen.  Wir  haben  gesehen,  daß
die  Formen  dieser  Reihe  auf  das  verhältnismäßig  einfache  Problem  sich
zurückführen  lassen,  ein  nicht  allzugroßes  Quantum  von  Flüssigkeit  mitsamt ­
  den  Häuten  in  Bewegung  zu  setzen;  dieses  Problem  wurde  in
verschiedener  Weise  gelöst  in  den  Formen  des  Rührwerks,  des  Haspels,
des  Walkfasses,  dreier  Typen,  welche  in  verschiedenen  Modifikationen
’)  Die  Zusammenstellung  der  speziellen  Patente  siehe  22.  Jahresbericht  der
Deutschen  Gerberschule  zu  Freiberg  in  Sachsen  1911  und  früher.

11*
        <pb n="204" />
        164

ausgeführt  werden,  und  welche  dann  die  Operationen  des  Wässerns,
Ascherns,  Beizens,  Schwellens,  Gerbens,  Weichens,  Färbens,  sogar  des
Walkens  und  Enthaarens  vollführen.  Die  spätere  Entwicklung  hat
dann  nochmals  eine  Reihe  von  Typen  hauptsächlich  aus  dem  Gebiete  der
Textilindustrie  entlehnt,  und  diese  Typen  haben,  weil  in  ihnen  das
Fell  ebenfalls  als  ein  in  seiner  ganzen  Masse  gleichmäßig  und  nicht  als  ein
lokal  zu  behandelndes  Werkstück  behandelt  wird,  in  der  Gerbereitechnik
Eingang  gefunden.  Hierher  gehören  die  Fell-  und  Wollwaschmaschine,
der  Schnellfelltrockenapparat,  der  Hordentrockenapparat  für  Wolle,  die
Zentrifugen  und  die  Lederabwelkpressen.
Alle  die  bisher  besprochenen  und  mit  Erfolg  eingeführten  Maschinentypen ­
  leisten  eine  so  geartete  Arbeit,  daß  durch  diese  die  eigentliche  Handarbeit ­
  des  handwerksmäßigen  Gewerbes  nicht  ersetzt  wird.  Wässern
und  Weichen,  Äschern,  Beizen,  Schwellen,  Durchfärben,  Waschen,  Trocknen
der  Felle  und  der  Wolle,  alle  diese  Operationen  verlangten  zu  ihrer
Durchführung  nicht  eigentliche  Handgeschicklichkeit,  sie  gingen  in  der
Luft  oder  in  der  Flüssigkeit,  nachdem  einmal  das  Roh-  oder  Halbfabrikat ­
  in  diese  Medien  gebracht  war,  ohne  weiteres  vor  sich.  Daß
durch  die  Einführung  dieser  Maschinen  alle  Prozesse  beschleunigt,  verbessert ­
  oder  auch  in  der  kalten  Jahreszeit  leicht  ermöglicht  wurden  *),
daß  sie  auch  die  Zeitenverhältnisse  dieser  Operationen  auf  die  höheren
Geschwindigkeiten  der  neuen  Technik  harmonisch  abstimmten,  das  bedeutet ­
  den  Fortschritt,  welcher  durch  sie  erzielt  worden  ist;  aber  ihre
Einführung  in  der  Gerberei  ist  der  ganzen  Natur  ihrer  Arbeit  nach
auf  wesentliche  technische  Schwierigkeiten  nicht  gestoßen,  sie  bedeuteten
keine  technischen  Probleme.
Wir  gehen  nun  über  zur  Betrachtung  der  Maschinenformen  der
zweiten  Kategorie,  deren  Aufgabe  es  also  ist,  die  handwerksmäßige
Handgeschicklichkeit  zu  ersetzen  und  diesen  Ersatz  mit  gesteigerter
Leistungsfähigkeit  zu  verbinden.  Es  sind  die  Operationen  des  Entsleischens,
  Enthaarens,  Ausreckens,  Narbenabziehens,  dann  des  Schlichtens,
Stollens,  ev.  noch  des  Chagrinierens.  Auch  von  den  Maschinen  dieser
Kategorie  haben  wir  bereits  einige  kennen  gelernt,  so  Spaltmaschinen,
Walzen  zum  Auspressen  des  Leders  usw.,  fast  lauter  Formen,  welche  aus
anderen  Gebieten  der  Technik  entlehnt  waren,  und  wir  haben  gesehen,
daß  mit  Ausnahme  der  Walke  diese  Formen  wieder  verlassen  werden
mußten.  Bei  diesen  Operationen  wird  das  Fell  meist  nicht  mehr  in
seiner  ganzen  Masse  gleichmäßig  behandelt,  sondern  es  erhält  eine  bestimmte ­
  Bearbeitung  nur  noch  auf  einer  bestimmten  Seite  oder  nach

i)  Vgl.  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  264,  270,  279,  286;  Bd.  IV,  S.  98,
Bd.  VI,  58,  S.  105.
        <pb n="205" />
        165

einer  bestimmten  Richtung.  Daher  geschieht  die  Bearbeitung  auf  einer
Unterlage  mit  einem  Werkzeug.
Für  die  handwerksmäßigen  Operationen  des  Entfleischen^  Enthaarens, ­
  Ausreckens,  Narbenabziehens,  haben  wir  als  schließliche  Unterlage ­
  den  Schabebaum,  und  daher  als  schließliches  Werkzeug  die  mehr
oder  weniger  konkaven  Eisen  kennen  gelernt.
Zur  handwerksmäßigen  Operation  des  Schlichtens  wurde  das  Fell
in  den  Schlichtrahmen  geklemmt  und  mit  dem  Schlichtmond  bearbeitet.
Die  handwerksmäßige  Operation  des  Stollens  wurde,  wie  wir
gesehen  haben,  auf  dem  Stollpfahl  vorgenommen.
Wie  man  sieht,  zerfallen  diese  handwerksmäßigen  Operationen
auf  Grund  der  dabei  in  Anwendung  kommenden  Werkzeuge  in  drei
Klassen,  und  es  ist  gewiß  interessant,  zu  sehen,  wie  auch  die  zur  Durchführung ­
  dieser  Operationen  konstruierten  Maschinen  sich  in  die  gleichen
drei  Klassen  teilen  lassen.
Betrachten  wir  die  Entwicklung  der  ersten  Klasse  von  Maschinen.
Als  ein  wichtiges  Werkzeug  der  hier  in  Betracht  kommenden  Reihe  von
Operationen  haben  wir  den  Schabebaum  kennen  gelernt,  welcher  die
Unterlage  für  das  Fell  bildet,  und  dessen  Form  von  bestimmendem
Einstuß  auf  die  Gestalt  der  arbeitenden  Werkzeuge  gewesen  ist.
Daher  beginnt  in  der  Entwicklung  der  für  diese  Arbeiten  in  Betracht ­
  kommenden  Maschinen  die  Unterlage  mit  dem  Schabebaum.
Bagnall  in  der  Grafschaft  Lancaster  ließ  sich  unter  dem  21.  März
1801  ein  Patent  für  eine  Maschine  geben,  bei  welcher  über  die  ans
schiefen  Bänken  liegenden  Häute  durch  Hebelwerk  mehrere  Schabmesser
geführt  wurden  *).  Die  „Conus-Enthaar-  und  Reinmachmaschine"  der
Maschinenfabrik  Moenus  besitzt  als  Unterlage  heute  noch  einen  großen
hölzernen  Conus,  welcher  nichts  weiter  als  einen  modifizierten  Schabebaum
darstellt.  Wir  sehen  also,  das  alte  Gerberwerkzeug,  des  Schabebaums,  welches
das  Endglied  in  der  Reihe  der  Unterlagen  für  den  handwerksmäßigen
Betrieb  gebildet  hat,  stellt  nunmehr  den  Anfang  in  der  Entwicklung
der  maschinenmäßigen  Technik  dar,  und  es  hat  sich  sogar  noch  bis  heute
seinen  Platz  unter  den  Organen  einer  Maschine  zu  behaupten  gewußt.
Da  jedoch  der  Schabebaum  nicht  zu  einem  kontinuierlichen  Prozesse
führen  kann,  weil  bei  dieser  Unterlage  immer  nur  einzelne  nebeneinander ­
  gelegene  Partieen  zur  Bearbeitung  gelangen,  suchte  man
nach  einer  Unterlage,  welche  es  gestattete,  die  Haut  ihrer  ganzen  Breite
nach  auf  einmal  zu  bearbeiten.  Durch  einfaches  Ausbreiten  der  Haut
auf  einem  flachen  Tisch  wird  die  Haut  in  eine  Form  übergeführt,
welche  außerordentliche  Ähnlichkeit  —  in  bezug  auf  die  mechanische  Betz ­

  Ann.  d.  Arts  Bd.  IX,  S.  271;  Leuchs  1828,  S.  134;  Pelzer  1837,  S.  269.
        <pb n="206" />
        166

arbeitung  —  besitzt  mit  den  gewebten  Stoffen  der  Textilindustrie;  sie
unterscheidet  sich  von  diesen  nur  noch  durch  den  eben  im  Wesen  der
Haut  gelegenen  Unterschied,  daß  sie  nicht,  wie  die  gewebten  Stoffe,  ein
fortlausendes  Band  bildet,  sondern  aus  lauter  einzelnen  Stücken  besteht.
In  den  Anfängen  dieser  Entwicklung  war  die  Haut  noch  in  Analogie
des  alten  Schabebaums  auf  solchen  Tischen  stationär  gelagert,  und  das
bearbeitende  Werkzeug  wurde  über  die  Haut  hinweggeführt.  Es  bedeutete ­
  bereits  einen  großen  Fortschritt  im  Sinne  des  kontinuierlichen
Prozesses,  als  die  Haut  samt  Unterlage  an  dem  nunmehr  stationär  gelagerten ­
  Werkzeug  vorbeigeführt  wurde.  Der  Tisch  wurde  vertikal  gestellt ­
  und  die  Haut  so  über  diesen  vertikalen,  auf  und  ab  gehenden  Tisch
gehängt,  daß  jeweils  die  Hälfte  derselben  an  dem  die  ganze  Breite  der
Haut  auf  einmal  bearbeitenden  Werkzeug  vorbeigebracht  werden  konnte.
Die  „Doppeltrommelmaschinen"  beugen  den  vertikalen,  auf  und  ab
gehenden  Tisch  zu  einer  Halbtrommel.  Zwei  derartige  Halbtrommeln
werden  auf  einer  stetig  rotierenden  Welle  montiert,  so  daß  also  nunmehr ­
  eine  Trommel  entstanden  ist.  welche  zwei,  der  Achse  parallel
laufende,  einander  gegenüberliegende  Schlitze  besitzt;  die  im  Sinne  der
Umdrehung  untere  Kante  jedes  Schlitzes  stellt  demnach  die  obere  Kante
des  auf-  und  abgehenden  Tisches  dar,  über  welche  das  Fell  so  geworfen
wird,  daß  die  eine  Hälfte  in  das  Innere  der  Trommel  zu  liegen  kommt,
während  die  andere,  außen  auf  der  Trommel  liegende  Hälfte  zur  Bearbeitung ­
  gelangt.  Deshalb  muß  jedes  Fell  zweimal  durch  die  Maschine
gehen.  Der  auf  der  einen  Seite  der  Trommel  stehende  Arbeiter  wirft
das  Fell  über  die  untere  Kante  des  an  ihm  vorbeigehenden  Schlitzes;
nach  einer  halben  Umdrehung  der  Trommel  ist  die  Bearbeitung  vollzogen, ­
  und  ein  auf  der  anderen  Seite  der  Trommel  stehender  Arbeiter
nimmt  das  Fell  von  der  Trommel  ab.  Daher  ist  die  Leistungsfähigkeit ­
  dieser  Maschine  bereits  eine  sehr  große.  Sie  hängt  natürlich  von
der  Unidrehungsgeschwindigkeit,  welche  verhältnismäßig  bald  ihre  obere
Grenze  erreicht,  ab  und  beträgt  in  10  Arbeitsstunden  bei  zwei  Mann
Bedienung  etwa  3600  Felle.
Das  letzte  Ziel  in  der  Konstruktion  der  Unterlagen  muß  das  sein,
der  Haut  gewissermaßen  die  Form  des  fortlaufenden  Bandes  zu  geben,
wie  dies  die  gewebten  Stoffe  besitzen;  das  Vorbild  solcher  Unterlagen
war  in  den  Zuführungen  der  Textilindustrie  gegeben,  und  es  gelang
schließlich  in  den  sog.  „Gummi-Walzen-Maschinen"  eine  Form  zu  schaffen,
bei  welcher  die  Haut  genau  wie  der  gewebte  Stoff  den  Werkzeugen
zugeführt  wird.  Das  Werkstück  wurde  ursprünglich  durch  bewegliche
Zangen,  dann  durch  Transportwalzen  gefördert;  heute  genügt  ein  Mann
zur  Bedienung,  welcher  Fell  auf  Fell  der  Maschine  zuführt;  das  Fell
gelangt  auf  der  Gummiwalze,  oder  auf  einem  Gummiband  als  Unter-
        <pb n="207" />
        167

läge  unter  dem  Werkzeug  durch  und  fällt  auf  der  anderen  Seite  fertig
bearbeitet  in  den  Transportwagen.  Die  Leistungsfähigkeit  von  Maschinen
mit  dieser  Form  der  Zuführung  beträgt  in  10  Arbeitsstunden  bis
3000  Felle,  wobei  nur  mehr  ein  Mann  zur  Bedienung  nötig  ist.
Es  hat  sich  also  die  Entwicklung  so  vollzogen,  daß  die  Unterlage
aus  der  Form  des  feststehenden  Schabebaums  überging  in  einen  flachen
Tisch;  die  Bewegung  der  Haut  samt  Unterlage  führte  schließlich  zu  den
stationär  gelagerten  aber  rotierenden  Unterlagen  der  Doppeltrommel,
dann  der  Gummiwalze  oder  des  endlosen  Gummibandes.  Damit  ist
das  Prinzip  des  kontinuierlichen  Prozeßes  für  das  Fell  durchgeführt.
Gehen  wir  nun  über  zur  Besprechung  der  Werkzeuge;  denn  ihre
Form  ist,  wie  wir  gesehen  haben,  das  Korrelat  der  jeweiligen  Unterlage. ­
  Auch  für  die  Werkzeuge  bildete  deu  Ausgangspunkt  die  handwerksmäßige ­
  Form  des  konkaven  Eisens.  Wir  haben  gesehen,  daß
Bagnall  1801  die  Schabemesser  durch  Hebelwerk  über  die  Felle  führte.
Ähnliche  Schabemesser  besitzt  auch  die  oben  angeführte  Conus-Enthaarund
  Reinmachmaschine;  nur  sind  hier  die  Schabemesser  ähnlich  wie
die  Eimer  eines  Baggers  auf  einem  endlosen  Bande  montiert.  —  Das
flache  Ausbreiten  der  Haut  hat  diese,  wie  oben  erwähnt,  einer  ähnlichen
Bearbeitung  zugänglich  gemacht,  wie  sie  gewebte  Stoffe  bei  der  Appretur
erfahren.  Die  Walze  ist  das  typische  Organ  der  rotierenden  Maschine,
und  so,  wie  schließlich  die  Unterlage  die  Form  einer  Walze  angenommen
hat,  so  bedeutet  es  ein  Endziel  des  maschinellen  Werkzeugs,  wenn
irgend  möglich,  dieses  auf  einer  rotierenden  Walze  unterzubringen.
Dieses  letztere  Problem  wurde  gelöst  in  den  sog.  Messerwalzen,  welche
seit  langem  die  Textilindustrie  in  den  Scheermaschinen  benützt,  schnell
rotierenden  Walzen,  um  welche  eine  Anzahl  von  „Messern"  spiralförmig ­
  gewunden  sind.  Je  nach  der  mehr  oder  weniger  ausgebildeten
Schneide  der  Messer,  je  nach  der  größeren  oder  geringeren  Oberflächengeschwindigkeit ­
  dieser  Walzen,  je  nach  dem  größeren  oder  kleineren
Druck,  mit  welchem  solche  Walzen  an  die  Haut  angepreßt  werden,  je
nachdem  die  Spiralwindungen  der  Messer  auf  der  ganzen  Länge  der
Walze  im  gleichen  oder  hälftig  im  entgegengesetzten  Sinne  verlaufen,
verrichten  solche  Walzen  die  verschiedenen  Arbeiten  des  Enthaarens,
Entfleischens,  Ausreckens,  Narbenabstoßens  usw.  Solche  Walzen  können
dann  entweder  über  die  auf  einem  Tisch  liegende  Haut  hinweggeführt
werden,  oder  die  Walzen  werden  stationär  gelagert,  und  das  Werkstück
wird  mitsamt  seiner  Unterlage  an  der  Walze  vorbeigebracht.  Ist  die
Unterlage  schließlich  eine  rotierende  Gummiwalze,  so  geht  das  Werkstück ­
  zwischen  der  Gummiwalze  und  der  Messerwalze  hindurch.
Damit  ist  das  Prinzip  dieser  ersten  Reihe  von  Maschinen  dargestellt.
,  Aufgabe  der  speziellen  Technik  ist  es,  diese  Walzen  in  zweckmäßiger  Weise  in
        <pb n="208" />
        168

die  Maschine  einzubauen,  Größe  und  Umdrehungsgeschwindigkeit  der
Walzen,  die  Regulierung  des  Druckes  der  Walzen,  In-  und  Außerbetriebsetzung ­
  der  arbeitenden  Teile,  Zuführung  des  Felles  usw.,  den
jeweiligen  Ansprüchen  anzupassen.  Betrachtet  man  diese  Maschinen  in
ihrer  heutigen  Entwicklung,  so  stellen  sie  einen  vollkommen  maschinenmäßigen ­
  Typ  dar,  welcher  Anklänge  an  handwerksmäßige  Technik
kaum  mehr  besitzt;  es  sind  Maschinen  im  vollsten  Sinne  des  Wortes,
bei  welchen  das  Problem  der  zu  leistenden  Arbeit  im  neuen  Geiste
maschinenmäßiger  Technik  gelöst  ist.  Nicht  das  Gleiche  läßt  sich  von
den  im  folgenden  zu  besprechenden  Maschinen  sagen.
Das  Schlichten  kann  besorgt  werden  auf  der  Universalstoll-  und
Zurichtemaschine.  Das  Prinzip  des  kontinuierlichen  Prozesses  ist  hier
schon  nicht  mehr  vollkommen  erfüllt,  insofern  das  zu  bearbeitende  Fell
erst  in  den  Schrägen  oder  Schlichtrahmen  geklemmt  werden  muß,  um
dann  von  oben  her  den  arbeitenden  Teilen  zugeführt  zu  werden  und
nach  der  Bearbeitung  wieder  noch  oben  die  Maschine  zu  verlassen.
Das  Einsenken  in  die  Maschine  muß  dann  eventuell  noch  ein  zweites  Mal
wiederholt  werden,  und  dabei  ist  dann  erst  die  Bearbeitung  der  einen
Hälfte  des  Felles  beendigt,  auf  welche  noch  eine  Bearbeitung  der  anderen
Fellhülfte  folgen  muß.  Das  Prinzip  der  Zuführung  erinnert  also  an
den  vertikalen  auf  und  abgehenden  Tisch  der  vorigen  Reihe  von  Maschinen; ­
  so  wie  dort  wird  auch  hier  das  Fell  an  der  stationär  gelagerten
Arbeitswalze,  hier  Reckeisenwelle  genannt,  vorbeigebracht.  Ein  zwischen
Federn  ausgespanntes  elastisches  Gegendruckleder  dient  dem  Fell  als
Unterlage  bei  seiner  Bearbeitung  durch  die  Reckeisenwelle,  und  letztere
ist  insofern  interessant,  als  in  ihr  einerseits  das  Problem  gelöst  ist,
die  arbeitenden  Teile  auf  einer  rotierenden  Walze  unterzubringen;
andererseits  aber  erinnern  diese  arbeitenden  Teile,  welche  die  Form
kleiner  halbschräg  zur  Achse  gestellter  Schlichtmonde  besitzen,  noch  lebhaft ­
  an  ihre  Herkunft  aus  dem  handwerksmäßigen  Werkzeugarsenal  *).
Am  allerwenigsten  haben  den  handwerksmäßigen  Typ  verlassen
die  Stoll  Maschinen.  Daher  genügen  diese  Maschinen  bis  jetzt  auch  am
wenigsten  den  an  sie  gestellten  Anforderungen.  Genau  wie  beim  Stollpfahl
  wird  das  Leder  hier  über  einer  Stollklinge  gereckt,  nur  mit  dem
Unterschiede,  daß  das  Ziehen  hier  nicht  von  Hand,  sondern  von  Filzoder ­
  Gummiwalzen  besorgt  wird.  „Eine  wirklich  brauchbare  Stollmaschine,
  deren  Schaffung  ein  dringendes  Bedürfnis  für  die  Branche
wäre,  ist,  um  es  offen  zu  gestehen,  bis  heute  noch  nicht  auf  den  Markt
gebracht  worden"  ^).  Auf  dem  gleichen  Stadium  der  Entwicklung  wie
die  Stollmaschinen,  welche  also  einstweilen  nur  möglichst  getreue  Nachy
  Urteil  darüber  siche  Deutsche  Gerber-Zeitung  1906,  No.  59.
2 )  Privatmitteilung  von  einer  der  großen  Maschinenfabriken.
        <pb n="209" />
        169

')  Gerber  1883,  S.  114.

2 )  Collegium  1909,  S.  263.

ahmungen  handwerksmäßiger  Technik  mit  handwerksmäßigen  Mitteln
sind,  befinden  sich  auch  noch  einige  Zurichtemaschinen  der  schweren
Leder;  teilweise  hat  man  bei  diesen  aber  auch  schon  maschinenmäßigere
Typen  gewonnen.
Die  Organe  der  Maschine  verrichten  ihre  geschäftige  Arbeit  mit
anderen  Mitteln  und  in  einer  anderen  Weise  als  es  die  feinfühligen
Arbeitsorgane  des  Menschen  tun;  der  Übergang  zur  maschinenmäßigen
Technik  bedeutet  eine  vollkommene  Emanzipation  von  der  Arbeitsweise
des  handwerksmäßigen  Arbeiters;  wie  damals  Jahrhunderte  lange
Übung  in  den  Werkzeugen  einen  Kompromiß  geschaffen  hatte  zwischen
der  Natur  des  Hautmaterials  und  der  Fähigkeit  der  menschlichen  Hand,
so  bedeutet  es  ein  tiefes  Sich-Versenken  in  das  Wesen  des  maschinellen
Prozesses,  um  ein  neues,  der  Eigenart  der  Maschine  angepaßtes  Verhältnis ­
  zu  gewinnen  zwischen  dem  zu  bearbeitenden  Material  und  dem
aus  dem  Geiste  der  Maschine  geborenen  Werkzeug.
Zur  zweiten  Kategorie  von  Maschinen  gehörig,  aber  eine  eigene
Reihe  bildend,  müssen  hier  noch  einige  Maschinenformen  besprochen
werden.  Die  Arbeit  dieser  Formen  hat  teilweise  ihresgleichen  nicht
in  der  handwerksmäßigen  Technik,  jedenfalls  haben  sich  die  Maschinenformen ­
  dieser  Reihe  vollkommen  selbständig  und  unbeeinflußt  von  den
Prinzipien  handwerksmäßiger  Operationen  entwickelt,  und  daher  haben
sie  auch  schon  ziemlich  früh  einen  maschinellen  Typ  erreicht.
Von  diesen  Formen  ist  für  die  Weißgerberei  von  Belang  die
Spaltmaschine,  deren  Idee,  wie  wir  gesehen  haben,  schon  aus  dem
18.  Jahrhundert  stammt.  Dem  früher  fest  gelagerten  Spaltmesser
wurde  später  eine  oszillierende  Bewegung  erteilt,  und  die  Haut  oder
das  zu  spaltende  Fell  wurde  durch  Aufwickeln  auf  einer  Walze  gegen
das  spaltende  Messer  gezogen.  Bei  dem  zur  Spaltung  nach  diesem
Verfahren  nötigen  großen  Zug  läßt  es  sich  nicht  vermeiden,  daß  der
Narben  des  Narbenspaltes  hin  und  wieder  reißt,  was  eine  Entwertung
des  gewonnenen  Spaltes  zur  Folge  hat.  Mitte  der  50er  Jahre  des
vorigen  Jahrhunderts  gelang  die  Konstruktion  der  sogenannten  Bandmesser-Spaltmaschine, ­
  welche  ihre  wesentlichsten  Verbesserungen  in  Amerika
erhielt.  Es  ist  mit  ihrer  Hilfe  möglich,  schwerere  Häute  in  mehrere
Blätter  zu  zerlegen  und  selbst  dünne  Schaffelle  noch  zu  spalten.  Gespaltenes ­
  Alaunschafleder  kam  schon  in  den  80er  Jahren  des  vorigen
Jahrhunderts  in  den  Handel  J ),  die  Benutzung  von  Rindspalten  in  der
Feinlederfabrikation  ist  keine  Seltenheit,  und  Schaffelle  werden  häufig
gespalten  ^).  Neuerdings  wird  die  Spaltmaschine  in  Sämischgerbereien
gebraucht,  um  den  Narben  vom  Fell  abzuspalten,  anstatt,  wie  es  sonst
        <pb n="210" />
        170

üblich  ist,  ihn  mit  dem  Eisen  oder  mit  der  Narbenabziehmaschine  abzustoßen; ­
  denn  bei  dem  letzteren  Verfahren  wird  der  Narben  zerstört,
während  die  Bandmesser-Spaltmaschine  einen  sehr  dünnen  und  doch
sehr  vollkommenen  Narbenspalt  liefert,  welcher  für  Buchbinder,  Futterleder ­
  usw.  sehr  wohl  zu  verwenden  ist.  Wir  dürfen  also  jetzt,  etwa
nach  einem  Jahrhundert,  unser  Urteil  über  die  Spaltmaschine  in  etwa
die  Form  fassen,  welches  Keeß  damals  schon  über  ihre  Verwendung  in
England  gefällt  hatte,  aber  mit  der  Modifikation,  daß  nämlich  die
Spaltmaschine  zwar  nicht  in  allen  lederbereitenden  Betrieben  zu  finden
ist,  aber  daß  sie  Eingang  in  alle  Sparten  der  lederproduzierenden
Jndustrieen  gefunden  hat.
Kurze  Erwähnung  verdient  noch  ein  Maschinentyp,  nämlich  der
der  Lederschleif-,  Bims-,  Dollier-,  Bürst-  und  Glänzmaschinen;  schnell
rotierende  Trommeln  mit  Smirgelbelag  oder  Steinwalzen  aus  Sandstein ­
  oder  endlich  mit  Plüsch  oder  Filz  belegte  Bürstentrommeln  verrichten ­
  die  Arbeiten  des  Narbenabziehens,  des  Lederschleifens,  des
Bürstens  und  Glänzens,  lauter  Operationen,  welche  gerade  für  die
Feinleder-  und  Handschuhlederfabrikation  von  Bedeutung  sind.  Das
Fell  wird  gegen  diese  Trommeln  oder  Walzen  entweder  mit  der  Hand
oder  mittels  Andruckwalzen,  eventuell  auch  durch  elastische  Unterlagekissen ­
  gepreßt.
Haben  wir  uns  so  ein  Verständnis  verschafft  über  die  Entstehung
und  die  Prinzipien  der  für  uns  in  Betracht  kommenden  Maschinen,  so
interessiert  uns  nunmehr  die  Steigerung  ihrer  Leistungsfähigkeit.
Die  Leistungsfähigkeit  im  handwerksmäßigen  Betrieb  hat  ihre  obere  Grenze
in  der  Leistungsfähigkeit  der  menschlichen  Organe;  bei  der  Leistungsfähigkeit ­
  der  Maschine  war  die  obere  Grenze  der  Leistungsfähigkeit,
wie  wir  gesehen  haben,  zunächst  nicht  gegeben  durch  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  maschinellen  Organe,  sondern  durch  die  Art  der  Zuführung,
welche,  aus  handwerksmäßiger  Technik  entsprungen,  eine  langsamere
war,  als  der  Leistungsfähigkeit  der  maschinellen  Organe  entsprach.  Erst
wenn  eine  Zuführungsart  gewonnen  ist,  welche  die  Leistungsfähigkeit
der  bedienenden  Hand  und  die  Leistungsfähigkeit  der  maschinellen  Organe ­
  richtig  gegeneinander  abstimmt,  welche  also  innerhalb  des  Ganzen
der  einzelnen  Maschine  für  eine  entsprechende  Harmonie  der  Leistungsfähigkeiten ­
  sorgt,  ist  das  Maximum  der  Leistungsfähigkeit  und  damit
höchste  maschinelle  Ökonomie  erreicht.  So  sehen  wir,  welch  große  Aufgaben ­
  einer  maschinellen  Technik  gestellt  sind,  welche  einerseits  ein  aus
dem  Geiste  der  Maschine  geborenes  Werkzeug  höchster  Leistungsfähigkeit ­
  schaffen  soll,  und  welche  andererseits  zwischen  diesem  Werkzeug  und
der  bedienenden  Hand,  eventuell  durch  Zwischenschaltung  eines  richtigen
Zuführungsapparates,  ein  natürliches  Verhältnis  schaffen  muß.
        <pb n="211" />
        171

Die  Leistungsfähigkeit  einer  mit  den  besprochenen  Maschinen  ausgestatteten ­
  Fabrik  ist  demnach  z.  B.  die  folgende:

Krastbedarf

Leistung  pro  Tag  ä

Entfleisch-  und  Glättmaschine

2,3

3600

Auswaschhaspel

0,5

3000

Beizhaspel

0,5

2500

Turbulente  zum  Gerben

1

6000

Tretmaschine

1

5000

Walkfaß  zur  Nachgare

1,5

6000

Bimsmaschine

0,5

600-800

Färbeapparat

—

600-900

Glänzmaschine

0,5

2000—2400

Beim  Enthaaren  brachte  ein  Weißgerber  bei  der  viel  längeren
Arbeitszeit  des  18.  Jahrhunderts  im  Sommer  täglich  150  Felle  zustande, ­
  im  Winter  deren  nur  100  *).  Mit  Hilfe  der  Maschine  ist  also
die  Leistungsfähigkeit  auf  das  25—30  fache  gestiegen,  da  ein  Manu  zur
Bedienung  genügt.
Die  jährliche  Leistung  eines  Fellfärbers  betrug  am  Anfang  des
vorigen  Jahrhunderts  bei  mittelmäßigem  Betriebe  ungefähr  600  Buschen
oder  6000  Stück 2 ).  Das  wird  heute  geleistet  in  8—10  Tagen.  Stollmaschine
  und  Spaltmaschine  sind  in  obiger  Einrichtung  nicht  aufgezählt,
weil  Stollmaschinen  bis  jetzt  überhaupt  eine  verhältnismäßig  geringe
Verwendung  finden,  und  weil  die  teuren  Spaltmaschinen  nur  in  größeren
Betrieben  vorhanden  zu  sein  Pflegen.
Es  gelingt  nur  außerordentlich  schwer,  sich  ein  Bild  über  die
Leistungsfähigkeit  einer  mit  Maschinen  ausgestatteten  Glacefabrik  zu
verschaffen,  einmal  schon  deswegen,  weil  in  großen  Fabriken  Glaceleder
oder  Weißleder  allein  fast  nicht  hergestellt  wird,  sondern  weil  immer
noch  seine  Herstellung  mit  anderen  Produktionen  kombiniert  ist;  weiter
tritt  hinzu  die  Bearbeitung  der  Gerberwolle,  welche  für  sich  einen  mehr
oder  weniger  großen  Apparat  von  Maschinen  mit  Bedienung  beansprucht;
die  Leistungsfähigkeit  der  Fabriken  wird  von  ihnen  selbst  nicht  oder
nicht  richtig  angegeben,  und  die  Maschinenfabriken  beurteilen  von  ihrem
Standpunkt  aus  die  Leistungsfähigkeit  zu  hoch,  da  nicht  fortwährend
alle  Maschinen  im  Betriebe  sind.  Es  mag  als  ein  halbwegs  richtiges
Resultat  betrachtet  werden,  wenn  man  annimmt,  daß  mit  obiger  Einrichtung, ­
  zu  welcher  also  dann  noch  die  ganze  Wollabteilung,  das
Packen  und  Sortieren,  die  ganze,  nicht  maschinell  betriebene  Zurichterei,
Werkmeister,  Vorarbeiter  usw.  kommen,  wöchentlich  10000  Schaffelle
geleistet  werden  können,  wobei  das  benötigte  Personal  etwa  100  Arbeiter
beträgt.  Das  wäre  eine  wöchentliche  Leistung  von  100  Fellen  pro  Mann
0  Schauplatz  1775,  Bd.  VI,  S.  105.  -)  Keeß  1820.
        <pb n="212" />
        172

bei  10  ständiger  Arbeitszeit.  Bei  weißen  Schaffellen  steigt  die  Zahl
auf  140  pro  Woche.
Vergleicht  man  damit  eine  Leistungsfähigkeit  um  die  Wende  des
18.  Jahrhunderts:  In  Erlangen  gerbten  1792  7  Meister  mit  28  Arbeitern ­
  143000  Ziegenfelle  x ).  Unter  der  berechtigten  Annahme,  daß
die  Meister  sich  an  der  Arbeit  beteiligt  haben,  berechnet  sich  die  wöchentliche ­
  Leistung  pro  Mann  auf  78  Felle,  allerdings  bei  mindestens
12  ständiger  Arbeitszeit,  so  daß  in  10  Stunden  deren  65  geliefert  worden
wären.  Wir  haben  demnach  durch  die  Maschine  und  im  fabrikmäßigen
Betrieb  eine  Steigerung  von  höchstens  65  auf  100  oder  um  mindestens
54  °/ 0 ,  wobei  immer  noch  zu  berücksichtigen  ist,  daß  ein  großer  und  sehr
zeitraubender  Teil  der  Zurichterei  mit  der  Hand  besorgt  wird.  Die
Felle  werden  mit  der  Hand  gestollt  und  mit  der  Hand  überlassen,  die
Leistungsfähigkeit  eines  Zurichters  am  Stollpfahl  beträgt  beim  Stollen
ca.  80—100  Stück,  beim  Überlassen  100—125  Stück  in  10  Stunden.
Die  Leistungsfähigkeit  einer  Stollmaschine  mit  einem  Mann  Bedienung
beträgt  in  der  gleichen  Zeit  500—600  Felle,  also  etwa  das  sechsfache,
so  daß  bei  Einführung  solcher  Maschinen  die  wöchentliche  Durchschnittsleistung ­
  eines  Mannes  von  100  Fellen  auf  143  steigen  würde.  Damit
würde  der  Maschinenbetrieb  gegenüber  dem  Handwerk  eine  Steigerung
der  Leistungsfähigkeit  von  mindestens  220  °/ 0  erzielen;  man  sieht  also
daraus,  wie  ungeheuer  wichtig  es  ist,  was  schon  eingangs  betont  wurde,
und  worauf  auch  für  das  Arbeitssystem  jeder  einzelnen  Maschine  hingewiesen ­
  wurde,  daß  eine  Harmonie  zwischen  der  zur  Durchführung
der  einzelnen  Prozesse  nötigen  Zeitdauer  vorhanden  ist,  daß  die  Gesamtheit ­
  aller  Operationen  im  neuen  Takte  der  neuen  Technik  vor  sich
geht.  Für  die  einzigen  Operationen  des  Stollens  und  Überlassens  muß
eine  Fabrik  ein  ganzes  Heer  hoch  bezahlter  Zurichter  halten,  und  viel
höher  noch  als  die  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit  sich  berechnet,
würde  sich  die  Ersparnis  an  Arbeitslöhnen  ergeben;  man  sieht  daraus,
welch  ungeheure  Schwierigkeiten  sich  der  Einführung  wirklich  rationell
arbeitender  Stoll-  und  Zurichtemaschinen  zurzeit  noch  entgegenstellen
müssen.

-)  Schanz  1884,  S.  83.
        <pb n="213" />
        173

6.  Kapitel.
Die  Wanderung  der  Produktionsprinzipien.
8  19.  Die  ursprünglichen  Verbreitungsgebiete  der  Gerbemethoden.

Eine  Untersuchung,  welche  das  Ziel  verfolgt,  das  ursprüngliche
Verbreitungsgebiet  der  Weißgerberei  aufzufinden,  und  welche  daher  aus
einer  umfangreichen  Materialsammlung  ein  geographisches  Bild  zu
gewinnen  sucht,  führt  zu  dem  überraschenden  Ergebnis,  daß  sich  die  Erdoberfiäche
  in  bezug  auf  die  jeweils  bekannten  Gerbemethoden  in  verhältnismäßig ­
  wenige,  große,  ziemlich  scharf  umschriebene  Verbreitungsgebiete ­
  einteilen  läßt.  Ohne  hier  weitergehende  Konsequenzen  aus  dieser
merkwürdigen  Tatsache  über  den  Zusammenhang  zwischen  den  jeweiligen
wirtschaftlichen  Zuständen  und  den  in  den  betreffenden  Gebieten  enthaltenen ­
  Gerbemethoden  zu  ziehen,  ein  Zusammenhang,  auf  dessen  Vorhandensein ­
  wenigstens  hingewiesen  sei,  seien  diese  großen  Verbreitungsgebiete ­
  im  folgenden  mitgeteilt.
In  vielen  Gebieten  der  Erde  ist  ein  eigentlicher  Gerbeprozeß  nicht
bekannt;  mehr  oder  weniger  primitive  Fellarbeit  findet  sich  in
Australien,  in  der  Südsee,  in  Afrika.
Eine  eigenartige  Form  primitiver  Fellarbeit,  nämlich  die  Haarlockerung
  mit  gestandenem  Urin,  können  wir  beobachten  bei  den
hyperbolischen  Völkern;  aus  welchen  Gebieten  wir  uns  auch  Nachrichten
verschaffen,  von  Grönland  über  die  Nordhudsonsbay  und  Nordamerika
bis  Unalaschka  und  bis  zu  den  Tschuktschen  Nordasirns,  überall  wurde
im  wesentlichen  nach  der  gleichen  Methode  gearbeitet;  das  Gleiche  hören
wir  von  den  nordamerikanischen  Indianern  und  den  Altperuanern  x ).
Verschiedene  Berichte  über  das  Leder  amerikanischer  Ureinwohners  erkennen ­
  übereinstimmend  die  hohe  Vollkommenheit  jener  Ledertechnik  an,
und  gleiche  Urteile  finden  sich  über  die  Leder  der  Hyperboreer.  Wir
sehen  also,  es  ergibt  sich  lediglich  auf  Grund  solcher  Betrachtungen  ein
großes  zusammenhängendes  Gebiet,  und  es  ist  gewiß  kein  Zufall,  daß
dieses  gleiche  Gebiet  auch  nach  dem  Ergebnis  anderer  Untersuchungen
in  einem  Punkte  als  ein  zusammengehöriges  sich  erweist,  nämlich  aus
der  Untersuchung  seiner  Bewohner.  Schon  Humboldt  glaubte,  daß  die
Lippert  1886,  Bd.  I,  S.  313.
Deutsche  Gerber-Zeitung  1881,  Nr.  31;  vgl.  aucki  Biart  1885,  S.  212.
        <pb n="214" />
        174

Ureinwohner  Amerikas  tatarischer  und  mongolischer  Abkunft,  zur  Besiedelung ­
  des  Landes  über  die  Behringstraße  von  dem  östlichen  Asien
eingewandert  feien 1 );  und  die  modernen  Ergebnisse  anthropologischer
und  ethnographischer  Untersuchungen  stimmen  ebenfalls  in  dem  Punkte
überein,  daß  zwischen  den  Bewohnern  des  östlichen  Asiens  und  den
Ureinwohnern  Amerikas  unzweifelhafte  Rassenähnlichkeit  vorhanden  ist.
Aus  dieser  ganz  auffallenden  Übereinstimmung  ergibt  sich  der  innige
Zusammenhang  zwischen  der  aus  der  Natur  eines  Volkes  entspringenden
Lebensweise  und  zwischen  allen  seinen  übrigen  wirtschaftlichen  Betätigungen. ­

Die  Sämischgerberei  entwickelt  sich  an  verschiedenen,  offenbar
voneinander  unabhängigen  Stellen,  aus  der  primitiven  Fellarbeit.
Die  Rauchgerbung  läßt  sich  erkennen  als  eine  Eigentümlichkeit
der  mongolischen  Nomaden  in  Asien;  sie  reicht  aber  auch  noch  in  die
weiten  Territorien  Rußlands  diesseits  des  Uralgebirges  hinein.  So
bleibt  nur  mehr  ein  ziemlich  scharf  umgrenztes  Gebiet  übrig,  welches  das
südliche  Asien  und  Europa  umfaßt.
Letzteres  ist  das  Gebiet  der  vegetabilischen  oder  Lohgerbung,
freilich  anfänglich  auch  nicht  in  seinem  ganzen  Umfange.  Die  Römer
kannten  zunächst  die  Gerberei  wahrscheinlich  noch  nicht,  sondern  sie
wurden  durch  die  Handelsvermittlung  der  Juden  von  Griechenland  und
Asien  her  mit  Leder  versorgt^),  und  von  den  Griechen  der  epischen
Zeit  wissen  wir,  daß  ihnen  nur  eine  einfache  Form  der  Sämischgerberei
bekannt  gewesen  ist.  Auch  die  gefärbten  lydischen  Leder  der  ausgehenden ­
  homerischen  Zeit  ch  weisen  auf  Kleinasien  hin,  und  so  bleibt  ein
noch  kleineres  Gebiet  übrig,  welches  sich  im  wesentlichen  von  Indien
oder  Jnnerasien  bis  nach  Kleinasien  erstreckt  und  vielleicht  auch  noch
das  alte  Ägypten  umfaßt.
Nur  in  diesem  Gebiete  tritt  auch  die  Alaungerberei  auf,  und  damit
haben  wir  zunächst  ein  allgemeines  Bild  gewonnen  über  die  Verteilung
der  Gerbemethoden  auf  der  Erdoberfläche,  welche  auf  den  asiatischen
Ursprung  der  Weißgerberei  hindeutet.  Aus  dem  lateinischen  Worte
aluta  hat  man  für  die  spätere  Zeit  auf  die  Bekanntschaft  der  Römer
mit  der  Alaungerberei  geschlossen,  obwohl  wir  gesehen  haben,  daß  den
klassischen  Völkern  echter,  reiner  Alaun  wahrscheinlich  nicht  bekannt  gewesen ­
  ist.  Selbst  zur  Zeit  des  Diocletianischen  Ediktes  erringen  die
babylonischen  Leder  (pellis  babylonica)  noch  die  höchsten  Preise,  400
bis  500  Denare  das  Fell^),  als  Fabrikate  aus  babylonischem  Leder

0  Brehm  1885,  S.  811.  8 )  Heinzerling  1882,  S.  2.
8 )  Riedenauer  1873,  S.  141.
4 )  Mommsen  1893,  S.  121;  über  den  Wert  des  Denars  S.  59.
        <pb n="215" />
        175

erscheinen  zonae  albae  (Gürtel  aus  weißem  Leder)  *),  und  aus  der
Stelle  „äs  soleis  babjionicis  et  purpureis  et  foenicis  et  alvis.
(albis)“ 2 )  geht  hervor,  daß  man  auch  Fußbekleidungen  daraus  verfertigte. ­
  Diese  babylonischen  Leder  erhalten  die  beachtenswerte  Bezeichnung ­
  albus,  griechisch  lsv/.6g,  also  blendend  weiß,  eine  Eigenschaft,
durch  welche  sie  sich  wahrscheinlich  von  den  dunkleren,  weil  aus  unreinen ­
  Präparaten  hergestellten  Alaunledern  der  Griechen  und  Römer
unterschieden  haben.  Nur  das  macht  es  erklärlich,  daß  man  Weiße  Leder
aus  so  großen  Fernen  sich  verschrieb  und  mit  den  höchsten  Preisen
bezahlte.
Neben  den  weißen  Ledern  sind  auch  rote  hoch  geschätzt  so  hoch,
daß  die  abendländische  Kaiserwürde  unter  ihren  Abzeichen  rote  Schuhe
besaßt).  Es  ist  nach  dem  vorher  Gesagten  die  hohe  Wertschätzung,
welche  diesem  roten  Leder  zuteil  ward,  verständlich;  denn  nur  auf
schneeweißem  Grunde  läßt  sich  ein  brennendes  Rot  erzeugen.  Diese
roten  Leder  werden  nach  ihrer  Herkunft  auch  bezeichnet  als  babylonisch,
phönicisch,  parthisch  °),  auch  serisch");  es  sind  über  das  Land  der  Serer
viele  Diskussionen  angestellt  worden  7 ),  aber  für  unsere  Betrachtungen
ergibt  sich  kein  anderer  Schluß,  als  der,  daß  unter  Serer  wahrscheinlich
kein  geographischer,  sondern  ein  merkantiler  Name  zu  begreifen  sei  8 ),
also  eine  allgemeine  Handelsbezeichnung,  welche  die  aus  Jnnerasien  den
Indus  herabgelangenden  Felle  erhielten,  ebenso,  wie  die  Bezeichnungen
babylonisch,  phönicisch,  Persisch,  parthisch  vielleicht  neben  der  wahren
Provenienz  teilweise  auch  noch  den  letzten  großen  Handelsvermittler
angeben,  welcher  die  Waren  nach  den  am  Mittelmeer  gelegenen  Emporien ­
  verbrachte.  Alle  diese  Namen  sind  nichts  weiter  als  eine  genauere
Bezeichnung  des  Gebietes,  welches  wir  oben  als  von  Indien  nach  Westen
bis  nach  Kleinasien  reichend  bezeichnet  haben.  Damit  ist  der  Umfang
der  antiken  Weißgerberei  noch  etwas  näher  definiert.
Wenn  wir  unter  diesem  so  gewonnenen  Gesichtspunkte  der  Verbreitungsgebiete ­
  die  primitiveren  Gerbemethoden  noch  einmal  durchsuchen,
so  ergeben  sich  neben  den  einfachen  Gerbemethoden  eine  Menge  Kombinationsgerbungen, ­
  und  diese  befinden  sich  in  einem  ganz  bestimmten
räumlichen  Verhältnis  zu  den  jeweils  ortsüblichen  einfachen  Methoden.
J )  Mommsen  1893,  S.  130.
•  2 )  Mommsen  1893,  S.  128,  24.  »)  Mommsen  1893,  S.  128.
4 )  Vgl.  Gelzer  1909,  S.  5;  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  265.
5 )  Mommsen  1893,  S.  121;  Beckmann  1805,  Bd.  V,  S.  35  f.
°)  Speck  1900,  Bd.  I.  S.  117;  Lassen  1847,  Bd.  I.  S.  553;  Bd.  II,  S.  546,
549,  552,  553,  558  559,  567;  Bd.  III,  S.  47,  53;  vgl.  auch  Riggenbach  1867,
S.  17,  18,  44.  Anhang  S.  2.
7 )  Lassen  1847,  Bd.  I,  S.  321;  Richthofen  1877,  Bd.  I,  S.  443—530.  bes.
443,  474  ff.;  489,  494.  8 )  Lassen  1847,  Bd.  I,  S.  321.
        <pb n="216" />
        176

Es  scheint  eine  Tendenz  zu  bestehen,  möglichst  viele  bekannte  Operationen
an  dem  gleichen  Werkstück  zu  vereinigen,  es  ist  also  mit  anderen  Worten
eine  Neigung  zur  Bildung  von  Kombinationen  zu  konstatieren.  Wir
sehen  das  z.  B.  bei  den  Kirgisen,  welche  die  Rauchgerbung  mit  der
Milchgerbung  kombinierten,  wir  sehen  es  bei  den  nordamerikanischen
Indianern,  welche  die  von  ihren  asiatischen  Verwandten  überkommene
Rauchgerbung  verbanden  mit  der  vielleicht  von  ihnen  erfundenen  Gehirngerbung; ­
  kurz,  wir  sehen,  wo  die  Gebiete  zweier  Gerbemethoden
zum  Kontakt  gelangen,  da  tritt  leicht  Kombination  der  beiden  Methoden
ein.  Unter  diesem  Gesichtspunkte  können  wir  die  eben  besprochenen
Kombinationsgerbungen  als  innere  Kontaktmethoden  bezeichnen  H.
Von  hier  aus  zum  historischen  Verständnis  der  übrigen  Kombinationsgerbungen ­
  ist  nur  ein  einziger  Schritt,  und  die  Richtigkeit  unserer
Schlußfolgerung  wird  durch  die  geographifche  Verbreitung  dieser  Kombinationsgerbungen ­
  in  geradezu  überraschender  Weise  bestätigt.  Ist
nämlich  unsere  bisherige  Folgerung  richtig  gewesen,  so  müssen  an  den
Stellen,  wo  die  großen  Verbreitungsgebiete  der  einfachen  Gerbemethoden
aneinander  stoßen,  Kombinationsgerbungen  entstehen,  welche  eine  Vereinigung ­
  der  hier  jeweils  zusammenstoßenden  Gerbemethoden  darstellen.
Mit  anderen  Worten,  die  Grenzen  der  Verbreitungsgebiete  der  einfachen ­
  Gerbemethoden  müssen  hin  und  wieder  durch  Kombinationsgerbungen ­
  markiert  sein.  Wir  wollen  diese  Methoden  der  Reihe  nach
betrachten.
Die  Chinesen  kombinieren  ihre  Rauchgerbung  mit  einer  vegetabilischen ­
  Gerbung,  wobei  die  Räucherung  bald  vor  der  vegetabilischen
Gerbung 2 ),  bald  nachher 3 )  vorgenommen  zu  werden  scheint.  Diese
Unsicherheit  in  der  Reihenfolge  der  Gerbungen  ist  dabei  nicht  zu  übersehen.
Weiter  westlich  folgen  nun  die  großen  von  Sven  Hedin  durchreisten
hochgelegenen  Territorien,  Gebiete,  aus  welchen  Mitteilungen  über  Gerbemethoden ­
  bis  jetzt  nicht  vorliegen.
Nachrichten  erhalten  wir  erst  wieder  von  dem  Chagrin,  dessen  Herstellung ­
  von  den  nogoyschen  Tataren  zu  Astrachan  über  die  Türkei  und
Persien  bis  zu  den  bucharischen  Städten  betrieben  wird  (Pallas  1781,
Bd.  I,  S.  325/326).  Dieser  Chagrin  ist  ein  eigentümliches  Produkt;  eine
Gerbung  fehlt  zunächst  überhaupt,  und  wenn  er  dann  gefärbt  werden  soll,
folgt  eine  eigentümliche  Reihe  von  Manipulationen,  Schwellen  mit  Galläpfeln, ­
  eventuell  Tränken  mit  Alaun,  Bestreichen  mit  heißem  Hammelfett, ­
  dann  erst  folgen  manchmal  die  Färbeoperationen,  kurz,  auch  hier
ist  die  Reihenfolge  der  Operationen  nach  den  verschiedenen  Beschreibungen

1)  Unter  diesem  Gesichtspunkt  sind  auch  die  moderne»  Kombinationen  meist
echte  innere  Kontaktmethoden,  vgl.  S.  120—121.
2 )  Schönmanns  Journal  1890,  Nr.  23.  -)  Gray  1878,  Bd.  II,  S.  158.
        <pb n="217" />
        177

eine  wechselnde,  die  Operationen  sind  selbst  wechselnd  —  ich  habe  deshalb ­
  diese  wechselnden  Operationen  beim  Schema  des  Chagrins  in  §  12
in  (  )  gesetzt,  Buchstabe  D. 1 )  —,  so  daß  man  hier  geradezu  noch  die
vielen  verschiedenen  Bestandteile  sieht,  welche  aus  den  südlich  gelegenen
Kulturländern  nach  Norden  diffundiert  sind,  und  welche  dieses  eigentümliche ­
  Gemisch  zustande  gebracht  haben.
Eine  weitere  Kombinationsgerbung  ist  die  ungarische  Weißgerberei, ­
  nämlich  eine  Alaunfettgerbung,  bei  welcher  das  Fett  über
glühenden  Kohlen  eingebrannt  wird.  Wir  werden  auf  diese  Methode
noch  zurückkommen;  erwähnt  sei  hier  nur,  daß  sie  aus  den  Gebieten  am
Kaspisee  stammt.
In  Georgien  wird  eine  Gerbung  ausgeführt  mit  Alaun,  Salz
und  Teer^);  bei  der  nahen  Verwandtschaft  der  Teergerbung  mit  der
Rauchgerbung  sehen  wir  gerade  an  diesem  Beispiele,  welch  eigentümliche
Kombinationsgerbungen  in  solchen  Kontaktzonen  unter  Umständen  zustande ­
  kommen.
Die  in  Rußland  verbreitete  I  u  ch  t  e  n  gerberei,  welche  uns  so  eigentümlich ­
  anmutet,  ist  eine  Kombination  von  Lohe  und  Teer,  darauf  folgt
eine  Behandlung  mit  Alaun,  und  dann  eine  Färbung  mit  vegetabilischen
Farbstoffen;  die  Methode  war  für  das  Denken  der  in  den  Lohe-Alaungebieten ­
  gelegenen  Länder  so  unverständlich,  daß  sie  dieselbe  lange  für
ein  Geheimnis  hielten.
Diese  ganze  Anzahl  außerordentlich  merkwürdiger  Kombinationsgerbungen ­
  erkennen  wir  nach  den  früheren  Ausführungen  nunmehr  als
die  äußeren  Kontaktmethoden  der  großen  Verbreitungsgebiete.
Solche  Methoden  können  nur  in  den  angegebenen  Gebieten  entstehen,
und  so  lange  die  wirtschaftlichen  Zustände  in  diesen  Ländern  sich  nicht
oder  nur  wenig  ändern,  bleiben  die  Gerbemethoden  auch  auf  ihre  Entstehungsgebiete ­
  beschränkt,  sie  wandern  nicht  von  selbst  weiter;  denn
eine  Wanderung  von  Gerbemethoden  kann  nur  im  Anschluß  an  ziemlich ­
  einschneidende  Änderungen  vor  sich  gehen.  Der  Betrachtung  dieser
Verhältnisse,  sowie  der  Formen  und  Wege  der  Wanderung  wollen
wir  im  folgenden  unsere  Aufmerksamkeit  zuwenden.
8  20.  Die  Bewegung  der  Gerbemethoden  in  Gebieten  ähnlichen ­
  wirtschaftlichen  Charakters.
Die  Bewegung  der  Gerbemethoden  innerhalb  gleichartiger  Wirtschaftsgebiete, ­
  die  langsame  Diffusion  durch  Territorien  annähernd
gleichen  wirtschaftlichen  Charakters,  welche  schließlich  zur  vollständigen
*)  Siehe  S.  96—97.  2 )  Gogitschayschwili  1901,  S.  73.
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.
        <pb n="218" />
        178

Ausfüllung  der  großen  Verbreitungsgebiete  mit  diesen  Methoden  führt,
und  welche  in  den  Berührungszonen  dieser  großen  Gebiete  als  Übergangsformen ­
  die  Kombinationsgerbungen  erzeugt,  diese  Form  der  Bewegung ­
  ist  eine  verhältnismäßig  einfache  und  wenig  Aufsehen  erregende
Erscheinung.  Sie  geht  wohl  überall  in  der  gleichen  Weise  vor  sich;
als  Beispiel  diene  die  alte  norwegische  Landgerberei,  „Lehre  scheint  es
nicht  zu  geben;  der  Nachbar  läßt  sich  einen  Gesellen  kommen,  stellt  ihn
ein,  schaut  ihm  so  viel  als  möglich  ab  und  entläßt  ihn  dann"  *).
Wenn  dann  die  engen  Wirtschaftsgebiete  sich  weiten,  wenn  lebhaftere ­
  Bewegung  innerhalb  dieser  größeren  Wirtschaftsgebiete  einsetzt,
wenn  intensiverer  Handel  fernere  Gebietsteile  verbindet,  wenn  so  eine
Gleichheit  der  Kultur  und  der  Interessen  über  größere  Territorien  hin
geschaffen  wird,  und  wenn  regerer  Verkehr  neben  der  Beschaffung  der
Produkte  auch  das  Interesse  an  ihrer  Herstellung  erzeugt,  dann  mögen
Produktionsprinzipien,  z.  B.  an  denwanderndenGesellen  geheftet,
ebenfalls  über  größere  Strecken  wandern,  aber  das  Prinzip  der  Wanderung ­
  ist  kein  anderes  wie  das  vorige.  Nach  den  Untersuchungen  Büchers
über  die  Herkunft  der  Frankfurter  Neubürger  im  14.—15.  Jahrhundert
waren  von  den  Personen,  deren  Herkunftsbestimmung  gelang-)

1387

1440

dem  Deutschen  Reich

97,6«/,

98,3  «/.

Österreich

1.3

0,7

Niederlande

0,6

0,7

Schweiz

0,4

0,3

und  die  spezielle  Untersuchung  nach  dem  Brüderschaftsbuch  der  Schlossergesellen ­
  über  diese  3 )  führt  zu  einer  ganz  ähnlichen  Verteilung  der
Zahlen.  Eine  speziellere  Untersuchung  über  die  Herkunft  der  Gesellen
aus  dem  Deutschen  Reich  führt  zu  dem  Ergebnis,  daß^)  herstammten

aus  Königreich  Preußen  51,5  °/ 0
Großherzogtum  Baden  39,9  %
Königreich  Bayern  4,2  °/ 0
übrige  2,0  °/ 0
Summa  97,6  %

Man  sieht  also  aus  diesen  Zahlen,  wie  verhältnismäßig  scharf  begrenzt ­
  die  Wirtschaftsgebiete  sind,  innerhalb  deren  die  berufsmäßigen
Träger  von  Produktionsprinzipien  sich  bewegen.  Eine  auf  weitere  zeitliche ­
  Strecken  ausgedehnte  Untersuchung  führt  dann  zu  dem  Resultat,
daß  das  Kontingent  der  aus  dem  Gebiete  des  heutigen  Preußens  und
Hessens  stammenden  Neubürger  von  Periode  zu  Periode  abnimmt.

-)  Deutsche  Gerberzeitung  1883,  Nr.  36.  -)  Bücher  1886,  S.  305.
3 )  Bücher  1886,  S.  631.  4 )  Bücher  1886,  S.  162.
        <pb n="219" />
        179

während  dasjenige  der  süddeutschen  Staaten  zunimmt,  und  daß  die
außerhalb  der  Grenzen  des  heutigen  Deutschen  Reiches  gelegenen  Gebiete ­
  eine  stärkere  Vertretung  erlangen').
Eine  eingehende,  auf  mehrere  Gewerbe  spezialisierte  Untersuchung
über  die  Herkunft  der  Gesellen  hat  v.  Schanz  für  die  Stadt  Konstanz
angestellt^),  allein,  da  hier  nur  bei  9  Gerbern  die  Herkunft  angegeben
ist,  war  das  Material  nicht  genügend  zur  Konstruktion  eines  einheitlichen ­
  Bildes.  Etwas  umfangreicheres  Material  findet  sich  für  Würzburg ­
  3 )  aus  der  Zeit  1478/79  in  einem  „register  aller  handwercks
knecht  die  Pflicht  gethon".  Das  letzte  Datum  vor  den  Gerbern  haben
die  Bader  mit  der  Jahrzahl  1478.  Die  Namen  sind  die  folgenden:
loeber.
thoman  büchn  von  hamelbg.
kilian  lohelin  von  bambg.
Hanns  wäglin  von  eger
ott  von  kulmbach
fritz  schorn  von  obelffch  bey  bambg.
weyßgerbknecht
jacob  bolderer  von  sant  Wendling
vlrich  beyer  von  eystett
klaus  weyß  von  weyßenbach
Hanns  bernhart  von  bernewt
Hanns  leysen  von  zeile
jacob  epstein  von  meyntz
Hans  elsesser  von  wirtzpg.
herman  rieß  von  graffenlant  kleve
Hans  weyßgerb  von  zweyenbg.
michel  heim  von  straßburg
Hanns  kemmel  von  wirtzburg
Hanns  ratolt  von  wirtzburg
jacob  schweyck  von  wirtzburg
jörg  ratolt  von  wirtzburg
Peter  Hammer  von  bulenling
Pauls  Pfister  von  ravestatt  vnd  saltzburg.
caspar  bemler  von  breyt.
cunders  hamer  von  segnitz
claus  dubernitz  von  coburg
*)  Bücher  1886.  S.  425.
2 )  I.  f.  N.  1877,  Bd.  XXVIII,  S.  312  ff.,  siehe  bes.  S.  340.
h  Würzburg  1472,  S.  335—337.

12*
        <pb n="220" />
        180

Hanns  lasser  von  wolxhausen
wolf  von  tettelbach
Hanns  weygant  von  wirtzburg
Hanns  sliyk  von  uffenheim
Peter  Wolfs  von  hermstat
Hanns  brawn  von  bamberg
Mathias  newbaur  von  ackelshausen
cunz  fehler  von  Hochheim
niclas  von  lanndawe
Hanns  siennt  von  windshausen
mertin  kerer  von  newbrug
Hanns  bleydner  von  wirtzburg
Hanns  zweycker  von  vlleburg  in  maißen
thoman  helbling  von  sindhofn
heintz  leyliprannt  von  wirtzburg
kilian  pferror  von  wirtzburg
Hanns  hofman  von  bamberg
endres  brawn  von  karlstat
remo  ..  von  tickeltzhausen
betz  jacob  von  straßburg
caspar  ziel  von  beuckshausen
fritz  Werner  von  basel.
Es  sind  also  im  ganzen  46  Namen,  von  welchen  bei  6  die  Herkunft ­
  nicht  bestimmbar  ist.  Nach  dem  Verzeichnis  sind  es  scheinbar
viel  mehr  Weißgerber  als  Rotgerber;  es  ergibt  jedoch  eine  nähere  Untersuchung, ­
  daß  um  diese  Zeit  die  Weißgerber  und  Rotgerber  in  Würzburg ­
  nicht  scharf  geschieden  waren,  so  daß  wohl  auch  Rotgerber  unter
den  Weißgerbern  mit  enthalten  sind.  Daher  nehmen  wir  die  Namen

zusammen.  Es  stammen  aus
Unterfranken  20
Oberfranken  b
Mittelsranken  3
Straßburg  2
Oberbayern  1
Schwaben  1
Pfalz  1
Baden  1
Hessen  1
Rheinprovinz  1
Koburg  1
Schweiz  1
Kleve  1

Ohne  hier  in  Prozente  umzurechnen  sehen  wir,  daß  von  40  die
Hälfte  aus  Unterfranken,  davon  allein  9  aus  Würzburg  selbst  stammen.
        <pb n="221" />
        181

28  von  40  stammen  aus  Franken  —  das  Bild  ist  nicht  wesentlich  verschieden ­
  von  dem,  welches  Bücher  für  das  Jahr  1387  bei  den  Frankfurter ­
  Gesellen  berechnet  hat;  wir  sehen,  es  sind  eng  umschriebene
Wirtschaftskreise  mit  geringer  Bewegung  ihrer  Glieder  nach  auswärts.
Das  Gebot  der  Wanderschaft,  welches  ja  an  und  für  sich  vor  der  Mitte
des  15.  Jahrhunderts  nicht  zu  erweisen  ist  *),  hat  in  all  den  besprochenen
Fällen  sicherlich  noch  nicht  die  Wirkung  geübt,  welche  man  im  allgemeinen ­
  der  Wanderschaft  zuzuschreiben  geneigt  ist,  nämlich  die  Erlernung
der  Kunst  und  der  Methoden  fremder  Meister.
Nach  und  nach  mögen  sich  dann  die  Kreise  geweitet  haben,  um  die
Wende  des  17.  Jahrhunderts  wandert  ein  Teil  der  Weißgerber  in
Ungarn,  Böhmen,  Österreich  und  Schweden,  ein  anderer  in  Dänemark,
Brandenburg,  Sachsen,  Lüneburg,  Pommern,  Preußen  und  in  der
Schweiz^).  Eine  Statistik  freilich  aus  dieser  Zeit  ist  nicht  vorhanden,
und  es  ist  fraglich,  ob  das  Ausland  so  ausgenützt  wurde,  wie  es  nach
dieser  Aufzählung  scheint.  Weigel  erzählt  1698  von  den  Gerbern:  „In
Augsburg,  Niedersachsen  und  den  See-Städten  wird  das  Geschenk  gehalten, ­
  wie  es  bei  den  anderen  Handwerkern  üblich  und  in  Gebrauch
ist.  Sonst  aber  reisen  die  deutschen  Gesellen  gemeiniglich  auf  Bremen,
Hamburg,  Lübeck,  Rostock,  Danzig,  Elbingen,  Königsberg  und  angrenzende
Örter,  allwo  sie  allenthalben  passierlich.  Gemeiniglich  besuchen  sie  auch
Schweden,  Dänemark  und  Holland,  allwo  man  allenthalben  die  deutschen
Gesellen  gar  gerne  befördert.  Wann  sie  aber  wieder  zurückekommen
und  haben  in  besagten  Orten  gearbeitet,  so  werden  sie  nach  Erkanntnuß
der  Geschwornen  abgestraffet" 8 ).  Man  sieht,  die  Verhältnisse  müssen  sich
in  120—150  Jahren  gründlich  geändert  haben,  wenn  diese  Angabe  als
wirklich  zuverlässig  betrachtet  werden  soll.  Merkwürdig  ist,  daß  die  Wanderschaft ­
  nach  den  romanischen  Ländern,  also  nach  Italien,  Frankreich  und
Spanien,  sehr  lange  gesperrt  gewesen  ist 4 );  in  einer  Augsburger  Ordnung ­
  lesen  wir  um  das  Jahr  1800  noch:  „Nachdem  ein  Gesell  .  .  .
sich  lang  an  unpassierlichen  Nationen,  als  Italien,  Hispanien,  Franck-^eich,
  Jngetein  ...  in  arbeit  aufgehalten,  soll  selbiger  .  .  .  abgestrafft
werden"  6 ),  und  bei  dem  Lehrling  muß  vor  seiner  Aufnahme  ins  Handwerk
nachgewiesen  werden,  daß  er  „kein  Jtaljaner,  Spanier,  Francos,  Ingefeiner,
  auch  kein  im  Hirten-Stand  erzeugter  Schaffer  Sohn  sey"  ch.
Die  allgemeine  Wanderschafts-Tabelle  durch  ganz  Deutschland  und  die
benachbarten  Staaten  führt  ebenfalls  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts
fu  für  „Weißgerber:  Biedenkopf  in  Hessen,  Nürnberg,  Dinkelsbühl,
-"ördlingen,  Idstein  im  Nassauischen,  Prag,  Görlitz,  Salzburg,  Augsburg,
0  Stahl  1874,  S.  44.  *)  Frisius  1708.
S )  Weigel  1698,  S.  620  f.  *)  Mummenhoff  1901,  S.  63.
5 )  Augspurg  ca.  1800.  »)  Ebenda.
        <pb n="222" />
        182

Wien,  Lüttich,  Biberach,  Jnspruck,  Hamburg,  Erlangen,  Dänemark,
Rußland,  Engelland"  x ),  wobei  allerdings  noch  diese  Tabelle  unter  dem
Gesichtspunkt  aufgestellt  ist,  daß  die  Handwerksburschen  ihre  Wanderschaft ­
  in  Zukunft  mit  mehr  Nutzen  durchführen  möchten,  als  dies  bisher
der  Fall  gewesen  ist.
Alles  in  allem  darf  man  wohl  sagen,  der  Erfolg  der  Wanderschaft
in  bezug  auf  die  Wanderung  von  Produktionsprinzipien  war  ein  äußerst
geringer,  Gerbergesellen  haben  Gerbemethoden  aus  fremden  Ländern
nachweislich  nicht  gebracht;  die  Gerbemethoden,  welche  aus  fremden
Ländern  stammen,  und  welche  wenigstens  teilweise  in  der  mindestens
300  jährigen  Zeitperiode  bis  zur  Wende  des  17.  Jahrhunderts  von  den
zahllosen  wandernden  Gesellen  hätten  eingeführt  werden  können,  sind
sämtlich  auf  andere  Weise  in  Bewegung  gesetzt  worden;  ja  man  darf
vielleicht  sogar  behaupten,  daß  wandernde  Gerbergesellen,  wie  sich  aus
manchen  Nachrichten  schließen  läßt,  an  die  Produktionsstätten  jener
Methoden  gekommen  sind  und  dort  gearbeitet  haben;  nach  ihrer  Rückkunft ­
  haben  sie  diese  Methoden  nicht  nur  nicht  ausgeübt,  sondern  ihre
Angaben  beweisen,  daß  sie  sich  kein  klares  Urteil  über  die  zur  Herstellung
ausländischer  Lederarten  nötigen  Rohstoffe  hatten  bilden  können.  Wir
werden  noch  sehen,  welch  starken  Anstoßes  es  bedarf,  um  aus  einem
Wirtschaftsgebiete  eine  Methode  in  ein  anderes  zu  verpflanzen,  oder
welche  Folgen  es  erzeugt,  wenn  eine  Methode  aus  fremder  Wirtschaft
in  ein  anderes  Gebiet  verbracht  worden  ist.
Ebenfalls  als  Diffusionsvorgänge  innerhalb  ähnlich  gearteter  Wirtschaftsgebiete, ­
  nur  innerhalb  abermals  größerer  Territorien  und  im  Anschluß ­
  an  eine  abermals  gesteigerte  innere  Bewegung  sind  die  Wanderungen,
welche  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  beginnen,  zu  betrachten; ­
  an  zwei  interessanten,  etwa  ein  Jahrhundert  auseinanderliegenden ­
  Beispielen  können  wir  das  Wesen  und  die  Bedeutung  der  hier
in  Betracht  kommenden  Faktoren  studieren,  wir  können  beobachten,  mit
welcher  Geschwindigkeit  und  auf  welche  Entfernungen  hin  die  neuen
Diffusionsströmungen  wirken.
Den  im  Vergleich  zu  früheren  Verhältnissen  prinzipiell  verschiedenen
Boden  für  die  neuen  Bewegungen  bildet  der  Staat  des  17.  und  18.
Jahrhunderts,  die  Ausweitung  der  Zunstideen  zum  Merkantilstaate,  der
Übergang  der  Lokalautonomie  und  der  Lokalstatuten  in  die  Landes-0

  Zwei  Preisschristen  über  die  Frage:  Wie  können  die  Vorteile,  welche
durch  das  Wandern  der  Handwerksgesellen  möglich  sind,  befördert,  und  die  dabei
vorkommenden  Nachteile  verhütet  werden  von  Karl  Friedrich  Mohl,  Doktor  der
Philosophie  und  Archidiakonus  in  Dinkelsbühl  und  Johann  Andreas  Ortloff,
Professor  der  Philosophie  zu  Erlangen.  Erlangen  bei  Palm  1708,  in  8»;  Beck
1807,  S.  208.
        <pb n="223" />
        183

gesetzgebung.  Das  ist  der  Grundton,  der  alles  Übrige  beherrscht.  Die
alten  Mißbräuche  werden  aufgehoben,  „Jnnungsbriefe  und  sog.  Privilegien, ­
  auch  Handwercks-Articuls  überhaupt  aufgehoben  und  vernichtet"
und  dagegen  „neue  und  nach  den  jtztmaligen  Verfassungen  eingerichtete
Jnnungsarticul  erteilt"  *),  und  solches  alles  „aus  souverainer  Macht  und
Gewalt"  2 ).  In  Österreich  war  man  durch  Einführung  der  Schutzdekrete
dem  zünftigen  Ausschließungssysteme  begegnet,  und  nach  dem  Hofdekret
vom  30.  März  1776  konnte  auch  für  die  Weißgerber  die  Schutzfreiheit
verliehen  werden 2 ).  Das  Reichsgesetz  von  1731  hatte  auch  mit  der
aus  der  Verarbeitung  gewisser  Häute  sich  ergebenden  Unredlichkeit  aufgeräumt, ­
  ein  Punkt,  welcher  allerdings  in  den  Landesgesetzen  immer
wiederholt  werden  mußte,  um  in  tatsächliche  Übung  und  Gewohnheit
überzugehen.  „Daß  die  Rot-  und  Weißgerber  an  teils  Orten  wegen
Verarbeitung  der  Hunds-Häute,  auch  sonsten  unter  sich  habender  unnötiger ­
  Irrungen,  einander  auftreiben,  und  diejenige,  so  dergleichen
nicht  verarbeiten,  die  andere  für  unredlich  halten"  4 )  findet  sich  noch  in
Erlassen  von  1764.  Die  Form  der  Jnnungsbriefe  nimmt  einen  für
das  ganze  Land  einheitlichen  Charakter  an,  sie  sind  nach  einem  einheitlichen ­
  Schema  disponiert  und  geordnet  und  haben  sogar  oft  weithin
gleichen  Wortlaut.
Aber  nicht  nur  durch  Niederreißen  der  alten  Schranken  hatte  die
erstarkte  Staatsgewalt  größere  Territorien  geschaffen  und  so  freiere
Bewegung  auf  weitere  Strecken  ermöglicht,  sie  sorgte  auch  positiv  für
größere,  lebhaftere  innere  Bewegung,  indem  sie  nach  jeder  Richtung  hin
ihr  eigenes  lebhaftestes  Interesse  für  die  Industrie  zu  erkennen  gab.
Der  Staat  selbst  interessiert  sich  für  alle  industriellen  Prozesse  bis
ins  kleinste  unter  dem  einzigen  Gesichtspunkte  der  Jndustriebegünstigung.
Es  mutet  eigentümlich  an,  die  kameralistischen  Schriften  und  Lehrbücher
in  Technologieen  umgewandelt  zu  sehen,  in  welchen  viel  weniger  vom
Standpunkte  der  Wissenschaft  und  viel  mehr  vom  Standpunkte  der
praktischen  Ausübung  alle  gewerblichen  Prozesse  bis  ins  kleinste  beschrieben ­
  werden,  wo  auf  alle  die  vielen  möglichen  Mängel  und  Fehler
dieser  Prozesse  hingewiesen  wird,  und  Mittel  angegeben  werden,  welche
solche  Unvollkommenheiten  vermeiden  lassen.  Man  fürchtet  vom  Gerber,
er  sei  nicht  gewissenhaft  genug,  er  sei  zu  faul,  er  soll  die  Häute  nur
so  lange  schwitzen  lassen,  bis  die  Haare  mit  einigem  Widerstande,  oder
wie  es  dort  heißt  „mit  Schreien"  °)  losgehen.  Nachlässige  Gerber,  deren
Zahl  wohl  größer  ist,  als  zu  wünschen  wäre,  lassen  die  Häute  in  der
0  Königsberg  1737.  -)  Ebenda.
°)  Weiskirchner  1896,  S.  482.
4 )  Gunzenhausen  1649—1770.  Erlaß  gegen  Handwerks  Mißbräuche;  Onolzbach
  1732,  1764,  S.  17  dieses  Erlasses.  '  »)  Pfeiffer  1777,  S.  366.
        <pb n="224" />
        184

Schwitze,  bis  das  Haar  bequem  ausgeht,  ja  zuweilen  mit  dem  Besen
abgefegt  werden  kann.  Es  ist  ein  fieberhaftes  Interesse  für  industrielle
Vorgänge,  welches,  vielleicht  unter  dem  Eindruck  der  Colbertschen
Reglements,  nun  auch  in  Deutschland  alle  Staatsbeamte  erfüllt.  So
werden  die  kameralistischen  Lehrbücher  die  Träger  neuer  gewerblicher
Erfindungen  und  Verbesserungen,  da  Fachzeitschriften  um  diese  Zeit  noch
nicht  genügend  ausgebildet  sind.
Aber  damit  begnügen  sich  die  Kameralisten  noch  nicht.  Schon  aus
der  Periode  der  letzten  inneren  Kolonisation  stammen  die  monatlichen
historischen  Berichte  über  den  Gang  der  Geschäfte;  daneben  sind  technische
Beiräte  der  Regierung  die  Organe,  durch  welche  sie  auf  die  Gewerbe
fördernd  einzuwirken  sucht  Z.  Diese  Männer  sind  also  die  Mittel,  um
die  in  den  Zeitungen  und  in  den  kameralistischen  Schriften  nur  für
wenige  zugänglichen  gewerblichen  Notizen  in  die  breite  Masse  des
Handwerks  hineinzutragen;  sie  sorgen  für  Propagation  des  gewerblichen
Wissens  an  die  Ausübungsstätten  des  Gewerbes;  der  Kriegsrat  von
Marquardt  bereiste  die  Gegenden,  er  verbreitete  neue  technische  Methoden
und  lehrte  selbst  manche  Manipulationen,  besonders  im  Fache  der
Gerberei  und  Färberei").
Aber  auch  damit  ist  es  noch  nicht  genug.  Die  Kameralisten  beschäftigen ­
  sich  auch  selbst  mit  den  Gewerben  so  intensiv,  daß  sie  Erfinderarbeit ­
  leisten.  „Eine  mühsame  Untersuchung  hat  mich  überzeugt,
daß  man  mit  einem  aus  den  Steinkohlen  und  Torf  zu  ziehenden  Wasser
alle  Arten  von  sog.  lohgaren  Ledern  gar  machen  könne"  3 )  sagt  der
schon  mehrmals  erwähnte  Kameralist  Pfeiffer  in  seinem  vierbändigen
„Lehrbegriff  sämtlicher  ökonomischer  und  Kameralwissenschaften".
Alles  bisher  Besprochene  hat  mehr  oder  weniger  den  Charakter
der  staatlichen  Verwaltungsmaßnahme.  Aber  der  Einfluß  des  Staates
um  diese  Zeit  ist  ein  noch  viel  weitergehender.  Die  ganze  Wissenschaft
der  Technologie  ist  ihrem  Wesen  nach  im  Kopfe  eines  Staatsmannes
entsprungen,  und  zwar  keines  geringeren  als  Colbert.  Auf  seine  Veranlassung ­
  hin  wurde  die  Akademie  der  Wissenschaften  im  Dezember
1666  versammelt,  um  bei  ihr  ein  Interesse  für  das  Gewerbe  zu  erwecken^), ­
  und  der  spätere  Erfolg  dieser  Ideen  waren  die  großartig
angelegten  Descriptions  des  arts  et  des  metiers  ®),  welche  allenthalben
Aufmerksamkeit  erweckten  und  Anreguug  zu  ähnlichen  Werken  gaben.
Die  wichtigsten  deutschen  Sammelwerke  dieser  Art  waren  Johann  Samuel
Halle,  Werkstätten  der  heutigen  Künste  oder  die  neuere  Kunsthistorie
(1761—1779).  Handwerke  und  Künste  in  Tabellen,  17  Teile,  Sprengel,

9  Schanz  1884,  S.  106.  2 )  Ebenda.  3 )  Pfeiffer  1777,  S.  369.
4 )  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  315.  °)  Karmarsch  1872,  S.  860  ff.
        <pb n="225" />
        185

fortgesetzt  von  Otto  Ludwig  Hartwig  (1767—1795).  Jacobson,  Technologisches ­
  Wörterbuch,  4  Bände  (1781—1784),  dazu  Supplemente  von
Rosenthal,  4  Bände  (1783—1795),  und  endlich  die  von  Krünitz  begonnene, ­
  von  mehreren  fortgesetzte  Ökonomisch-technologische  Encyclopädie.
242  Bände  (1782—1858).  Diese  Sammelwerke  stellen  die  erste  Phase
technologischer  Lilteraturentwicklung  dar,  und  es  bedeutete  nur  eine  Fortsetzung ­
  dieses  Gedankenganges,  als  Beckmann  in  Göttingen  zum  erstenmal
ein  Lehrbuch  der  Technologie  erscheinen  ließ,  in  welchem  eine  systematische
Ordnung  des  technologischen  Wissens  versucht  wurde  *).  Auf  ihn  hat
sich  die  ganze  weitere  Technologie  aufgebaut,  aber  die  ganze  Entwicklung
macht  es  verständlich,  daß  die  neue  technologische  Wissenschaft,  welche
also  eigentlich  den  wissenschaftlichen  Ausfluß  einer  Staatspolitik  darstellt,
so  schnell  Eingang  in  die  kameralistischen  Schriften  gefunden  hat.  Die
technologische  Entwicklung  vertieft  sich  so  sehr,  daß  bereits  um  die  Wende
des  18.  Jahrhunderts  eine  der  ersten  wissenschaftlich-technologischen
Monographien,  nämlich  die  von  Hermbstädt,  sich  speziell  mit  der
Gerberei  beschäftigt,  die  neuen  Gerbeverfahren  kritisch  bespricht,  und  eine
Menge  von  Vorschlägen  und  Verbesserungen  enthält  2 ).
Sogar  eigene  Gerbereien  richten  die  staatlichen  Gewalten  in  ihren
Territorien  ein,  der  Staat  tritt  als  Unternehmer  auf.  Wir  werden
auf  diese  Entwicklung  in  anderem  Zusammenhange  zu  sprechen  kommen.
Dazu  kommt  die  ganze  Reihe  von  Jndustriebegünstigungui,  Zollerhöhungen, ­
  letztere  als  Erziehungszölle  oder  Schutzzölle  8 ),  auch  Prämien
werden  versprochen  und  Unterstützungen  gewährt.  Nur  ein  Beispiel
möge  zeigen,  wie  alle  diese  Maßnahmen  bis  in  die  kleinsten  Verhältnisse
zu  wirken  beabsichtigt  waren:  In  Wassertrüdingen  erhielten  1802  zwei
Gerbermeister  je  1000  Gulden  zinsfreien  Vorschuß  aus  königlichen
Kassen  mit  der  Versicherung,  daß,  wenn  sie  damit  ihr  Gewerbe  in  die
versprochene  Aufnahme  bringen,  ihnen  von  diesem  in  langen  Terminen
zurückzuzahlenden  Vorschüsse  ein  Geschenk  werde  gemacht  werden  4 ).
Nur  wenn  der  Staat  eine  solche  Stellung  einnimmt,  wenn  er  alle
Hemmungen  möglichst  beseitigt,  können  auch  Ausländer  aus  freien
Stücken  in  einem  Staate  sich  niederlassen,  um  dort  im  neuen  Zeichen
größerer  gewerblicher  Freiheiten  neue  Methoden  einzuführen.
Endlich  verdient  noch  ein  Faktor  der  Erwähnung,  einer  der  wenigen,
welcher  damals  nicht  als  direkter  Ausfluß  staatlicher  Verwaltungsmaßnahmen ­
  zu  betrachten  ist,  weil  seine  Entwicklung  viel  weiter  zurückverfolgt ­
  werden  kann,  welcher  aber  unter  dem  direkten  und  lebhaften
y  Fischer  1897,  S.  2;  D.  B.  1838,  Bd.  III,  1837.
2 )  Hermbstädt  1803;  1805—1807;  Karmarsch  1872,  S.  871.
3 )  Vgl.  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  266.
l )  Wassertrüdingen  1802,  Nr.  2.
        <pb n="226" />
        186

Einfluß  der  besprochenen  staatlichen  Verwaltungsmaßnahmen  ohne
Zweifel  schon  damals  als  ein  Jndustriebeförderungsmittel  betrachtet
werden  muß,  nämlich  das  Zeitungswesen.  Es  ist  schon  darauf  hingewiesen ­
  worden,  daß  manche  kameralistische  Schriften  die  Funktion
von  Fachzeitschriften  oder  wenigstens  von  gewerbefördernden  Zeitschriften
übernommen  hatten,  wenn  ihnen  auch  das  wesentlichste  Charakteristikum
der  Zeitschrift,  nämlich  die  Periodizität  des  Erscheinens,  gefehlt  hatte.
Neben  diesen  kameralistischen  Zeitschriften,  neben  der  Flut  von  Technologieen
  entstehen  nunmehr  eine  ganze  Menge  gewerbefördernder  Zeitungen,
so  der  „Almanach  der  Fortschritte,  neuesten  Erfindungen  und  Entdeckungen
in  Wissenschaften,  Künsten,  Manufakturen  und  Handwerken;  Erfurt
1799".  Das  „Vaterländische  Journal  zur  Wiederbelebung,  Beförderung
und  Erweiterung  des  deutschen  Handels,  Fabriken  und  Gewerbe"  1814.
„Der  Anzeiger  für  Kunst  und  Gewerbefleiß  im  Königreich  Bayern"
1815.  Schlözers  Staatsanzeigen  sind  nicht  unter  diesem  Gesichtspunkte
entstanden,  enthalten  aber  auch  hin  und  wieder  Notizen  über  Gewerbe,
wenn  auch  selten  über  gewerbliche  Fortschritte,  und  selbst  Zeitschriften
ganz  eng  begrenzter  Leserkreise  werden  unter  dem  Eindruck  all  der  neuen
Vorgänge  geschaffen,  um  manchmal  schon  nach  wenigen  Nummern,  meist
nach  wenigen  Jahrgängen,  wieder  einzugehen.  Als  Beispiel  diene  hier
das  „Zeitblatt  des  Wassertrüdinger  Kreises"  von  1802.
Das  ist  eben  der  Geist,  der  die  ganze  Litteratur  jener  Zeit  beherrscht, ­
  aus  möglichst  vielen  Gegenden  möglichst  viele  Nachrichten  über
gewerbliche  Erfolge  in  möglichst  jede  Schicht  der  Bevölkerung,  von  den
Leitern  des  Staates  über  die  Staatsbeamten  bis  hinunter  in  die  gewerbliche ­
  Werkstätte  zu  bringen.
Und  was  war  der  Erfolg  dieser  großartig  organisierten  gewerblichen ­
  Propaganda?  Der  Freiherr  von  Meidinger  ließ  ein  Werk
erscheinen  über  die  vervollkommnete  Schnellgerberei  Z,  er  machte  einen
Vorschlag  zu  einer  Alaunlohkombination  ^),  auf  die  Bemühungen  Pfeiffers
und  Hermbstädts  wurde  schon  hingewiesen.  Der  Apotheker  Schuster  in
Tyrnau  schlug  eine  Gerbung  mit  Holzessig  vor 8 ),  der  Apotheker  Heyder
in  Baltimore  beschäftigte  sich  mit  dem  gleichen  Thema  %  1798  und  1799
machten  die  Wiener  Lederfabrikanten  Zirascheck,  Loydel,  Lipp  und  Bartel
Versuche  mit  der  neuen  Schnellgerbemethode B ),  der  Gerber  Jos.  Watt
zu  Hervil  in  Sommerset  suchte  die  Zeit  der  Weißgerberei  zu  verkürzen"),
der  Weißgerber  Main  zu  Niort  in  Frankreich  erhielt  1809  ein  Patent *  7 ),
die  Schnellgerberei  wurde  1819  nach  einer 8 )  verbesserten  Methode  vom

y  Anzeiger  1816,  S.  457.
')  Keeß  1829,  Bd.  I,  S.  65.
°)  Keeß  1829,  Bd.  I,  S.  71.

-)  Almanach  1799,  S.  565;  1804,  S.  507.
4 )  Ebenda.  °)  Keeß  1810,  S.  14.
7 )  Ebenda.  8 )  Galt.  1824,  S.  III.
        <pb n="227" />
        Präsidenten  der  V.  St.  A.  patentiert,  und  1824  beschrieb  GallZ  ausführlich ­
  das  neue  amerikanische  Verfahren  von  Luther;  die  Gerbung
der  Pferdehäute  wurde  in  Österreich  seit  1798  hauptsächlich  durch  die
Engländer  Kollmann  und  Gelli  in  Gang  gebracht  ^),  die  Schnellgerberei
wurde  in  Dresden  noch  im  18.  Jahrhundert  durch  einen  elsässischen
Schnellgerber  eingeführt^),  der  Gerbermeister  Johann  Georg  Hensolt
zu  Gunzenhausen  hatte  schon  1800  die  Seguinsche  Methode  angenommen;
weil  ihn  aber  die  Erfahrung  gelehrt  haben  wollte,  daß  das  Leder  mit
dieser  Methode  nicht  die  Festigkeit  und  Dauerhaftigkeit  erhielt,  welche
man  an  dem  gewöhnlichen  Leder  findet,  kehrt  er  wieder  zum  alten
System  zurück  und  sucht  dieses  zu  verbessern,  und  letztere  Notiz  finden
wir  in  einer  der  oben  angeführten  größeren  Zeitschriften^).
Man  sieht  aus  diesen  wenigen  Beispielen,  die  sich  fast  ins  Endlose ­
  häufen  lassen,  welches  der  ungeheure  Einfluß  der  Bewegung  gewesen ­
  ist;  alle  möglichen  Schichten,  vom  Verwaltungsbeamten  bis  zum
handwerksmäßigen  Gerber,  sind  aktiv  mit  Verbesserungen  beschäftigt,
und  wie  ein  Lauffeuer  ist  die  neue  Methode  durch  die  Welt  gegangen.
Die  heutigen  Verkehrsmittel  mögen  noch  prompter  funktionieren,  aber
in  einer  so  breiten  Öffentlichkeit  wie  damals  und  unter  so  allseitiger
Anteilnahme  spielen  sich  heute  gewerbliche  Vorgänge  dieser  Art  nicht
mehr  ab.
Ein  Beispiel  für  die  Wanderung  eines  Produktionsprinzips  a  m  E  n  d  e
des  19.  Jahrhunderts  bildet  die  Chromgerberei.  Die  Hoffnung
eines  Jahrhunderts  hatte  auf  sie  gewartet,  und  die  Sehnsucht  eines
Jahrhunderts  war  in  ihr  erfüllt;  das  beweist  ihre  ungewöhnlich  schnelle
Ausbreitung.  Wie  haben  sich  zu  ihr  die  großen  Faktoren,  welche  wir
kennen  gelernt  haben,  verhalten;  welches  sind  die  neuen  Faktoren,  welche
dazu  getreten  sind?
Der  Staat  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  hatte  die  Jndustrieen
groß  gezogen  und  die  Wissenschaft  von  den  Gewerben,  die  Technologie,
erzeugt.  Und  dafür  hat  die  neue  Wissenschaft  und  die  neue  Industrie
die  junge  französische  Republik  mit  Pulver  und  mit  Leder  aus  der
Kraft  des  eigenen  Landes  versorgt,  als  der  ergiebige  Fluß  auswärtiger
Quellen  unterbunden  wurde.  Im  Mittelpunkt  des  Staatsinteresses  steht
heute  nicht  mehr  so  dominierend  das  Gewerbe  als  Produzent  nach  gewissen ­
  Methoden,  sondern  vielmehr  das  Gewerbe  als  Machtfaktor  nach
den  von  ihm  erzeugten  Gütern,  nach  den  in  ihm  arbeitenden  Kapitalien,
nach  den  von  ihm  sich  nährenden  Bevölkerungsmassen,  dann  auch  das
Gewerbe  als  Arbeitgeber  für  einen  großen  Teil  des  Staatsvolkes,
welches  darum  Anspruch  besitzt  auf  staatlichen  Schutz.  Darum  ist  ein
9  Gall.  1824.  -)  Keeß  1820,  S.  27.
9  Junghans  1895,  S.  403.  9  Anzeiger  1816,  S.  457.
        <pb n="228" />
        188

so  direktes  Interesse  des  Staates  an  Produktionsprinzipien,  wie  wir
es  oben  gelernt  haben,  nicht  mehr  zu  erwarten  und  auch  nicht  mehr
vorhanden;  die  innerpolitischen  Maßnahmen  des  Staates  geschehen
großenteils  unter  dem  Gesichtspunkte  der  äußeren  Politik,  und  von  hier
aus  wird  es  uns  dann  verständlich,  wenn  vor  längerer  Zeit  die  amerikanischen ­
  Konsuln  in  Europa  auf  Anregung  ihrer  Regierung  Berichte
einreichten  als  Antwort  auf  die  Frage,  warum  die  Fabrikation  feiner
farbiger  Glaceleder  und  Glacehandschuhe  in  Nordamerika  nicht  zu  derselben ­
  Vollkommenheit  gebracht  werden  könne,  wie  im  Auslande  *).  Man
hat  das  Gefühl,  es  ist  äußere,  d.  h.  imperialistische  Politik,  welche  diese
Fürsorge  für  die  Industrie  diktiert.
Der  Staat  und  seine  Verwaltungsbcamten  in  den  vielfältigen  propagierenden ­
  Funktionen,  welche  wir  oben  kennen  gelernt  haben,  fehlen
heute;  denn  die  Mittel,  welche  hier  in  Frage  kommen,  sind  heute  andere
geworden,  und  diesen  leiht  der  Staat,  soweit  er  es  noch  für  nötig  hält,
seine  Hand.
An  erster  Stelle  pflegt  man  hier  die  verschiedenen  Stufen  der
gewerblichen  Schulen  zu  nennen.  Die  Geschichte  der  gewerblichen  Fachschulen ­
  läßt  sich  weit  zurückverfolgen *  2  *  *  *  * );  allein  die  Gerberei  hat  von
dieser  Entwicklung,  soweit  hier  Staatsinteresse  im  Spiele  ist,  eigentlich
nichts  verspürt.  An  der  Universität  Gießen  wurde  Knapp  1841  zum
außerordentlichen,  1848  zum  ordentlichen  Professor  der  Technologie
ernannt 8 ),  aber  als  dann  die  Entwicklung  der  Gewerbe  zur  Gründung
von  Gewerbeschulen  und  polytechnischen  Schulen  in  den  größeren  Städten
führte,  wurden  die  Lehrstühle  der  chemischen  Technologie  für  obsolet
betrachtet  und  gingen  ein;  der  letzte  ordentliche  Professor  der  chemischen
Technologie  an  der  Universität  zu  Würzburg  z.  B.  war  R.  Wagner.
In  den  niederen  gewerblichen  Schulen  wird  Gerberei  kaum  gelehrt;  die
gewerblichen  Arbeiter  müssen  ihre  Ausbildung,  soweit  dies  noch  möglich
ist,  im  Handwerk  erlangen;  meist  gehen  sie  in  die  Fabriken,  wo  sie  eine
geringe  Bezahlung  erhalten.  Unter  diesen  Verhältnissen  beschloß  der
Verein  deutscher  Gerber  in  der  Generalversammlung  am  6.-8.  April
1881  zu  Hannover  die  Gründung  eines  Vereinslaboratoriums  auf
Antrag  seines  damaligen  Vorsitzenden  Herrn  Kampffmeyer  Senior,  und
in  der  Erkenntnis  der  bestehenden  Mängel  gab  er  diesem  als  Programm
mit  auf  den  Weg  „Ich  wünsche  ein  Vereinslaboratorium  zu  haben,  das

')  Lederrnarkt  1893,  S.  1235.
2 )  Königsberg  1737,  Bd.  XXII:  Schlözer  1787,  Bd.  X,  S.  476,  493  f.;
Kunz  1807,  S.  12ff.;  Gall  1824,  S.  V—VI  Anm.;  D.  V.  1839,  S.  47ff.;  1854,
S.  109ff.;  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik  Nr.  15;  Leipzig  1879;  I.  f.  G.
und  B.  1890,  Bd.  XIV,  S.  121  f.;  1881,  S.  1259;  Schanz  1884,  S.  428;  Simon
1903;  Jöriffen  1909.  8 )  Fischer  1897,  S.  16.
        <pb n="229" />
        189

uns  sichere  Garantie  bietet  für  gewissenhafte  Untersuchungen  unserer
Gerbmaterialien,  Fette  usw.,  ohne  die  wir  Praktiker  nicht  mehr  rationell
weiter  arbeiten  können,  durch  das  die  junge  Gerberschaft  herangezogen
werden  kann  für  eine  vernünftige  Beurteilung  der  Fragen,  welche  uns
Gerbern  vorliegen.  Wo  der  wissenschaftlich  nicht  genügend  vorgebildete
Gerber  wenigstens  empirisch  so  die  Untersuchungen  lernen  kann,  wie  sie
für  eine  vernünftige  Handhabung  seines  Gewerbes  nötig  sind.  Dieses
Laboratorium  soll  gewissermaßen  eine  Erziehungsschule  für  eine  künftige
Gerbergeneration  sein,  ihr  Gewerbe  von  Anfang  an  von  einem  anderen
als  dem  rein  empirischen  Standpunkt  aufzufassen.  Die  alten  Gerber
sollen  aber  auch  successive  dahin  geführt  werden,  den  Wert  der  Wissenschaft ­
  für  unser  Gewerbe  zu  erkennen"  *).  Dieses  aus  Vereinsmittelu
gegründete  Berliner  Laboratorium  ging  später  in  Privatbesitz  über,  und
1890  entstand  neben  ihm  ein  zweites  öffentliches  chemisches  Laboratorium
in  Stuttgart.
Auch  typische  Unterrichtsanstalten  entstanden  aus  dem  Bedürfnis
der  Gerber  durch  diese;  am  1.  Mai  1889  wurde  die  von  der  Lohgerberinnung ­
  zu  Leipzig  und  vom  Verbände  sächsischer  Lederproduzenten
gegründete  Deutsche  Gerberschule  zu  Freiberg  in  Sachsen  eröffnet.  Neben
regelmäßigen  Beiträgen  von  einer  Anzahl  von  Privatpersonen,  Firmen
und  gerberischeu  Vereinigungen  erhält  sie  Unterstützungen  von  der  Stadt
Freiberg,  vom  kgl.  preußischen  Handelsministerium  und  vom  kgl.  sächsischen ­
  Ministerium  des  Innern.  Die  Anstalt  wurde  fortwährend  vergrößert ­
  und  erweitert.  Eine  Lehrwerkstätte  für  das  Gerbereigewerbe
besteht  in  Metzingen,  veranlaßt  insbesondere  durch  die  württembergischeu
Gewerbevereine.  Die  Anstalt  untersteht  der  kgl.  württembergischeu
Zentralstelle  für  Gewerbe  und  Handel  in  Stuttgart  und  wird  auch
von  dieser  unterhalten.  Endlich  wurde  1897  in  Freiberg  in  Sachsen
noch  die  deutsche  Versuchsanstalt  für  Lederindustrie  eröffnet.  Neben
Gutachten  und  kurzen  Kursen  dient  sie  hauptsächlich  der  wissenschaftlichen ­
  Forschung  und  der  experimentellen  Prüfung  neuer  Verfahren.
Die  Weißgerberei  tritt  in  allen  diesen  Anstalten  völlig  zurück.
Ein  zweites  Mittel  der  Propaganda  sind  die  Ausstellungen.  Ich
habe  früher  eine  Stelle  aus  dem  amtlichen  Bericht  über  die  Londoner
Weltausstellung  1851  angeführt,  aber  der  Staat  beschränkte  sich  damals ­
  lediglich  auf  eine  Ermahnung.  Zu  einer  Spezialausstellung  der
Lederindustrie  kam  es  1878  aus  Veranlassung  der  beteiligten  Kreise,
aber  von  weittragender  Bedeutung  war  auch  diese  nicht.
Eine  Hauptrolle  für  die  Verbreitung  gerberischen  Wissens  spielen
heute  die  Zeitschriften,  welche  die  Industrie  mit  einem  Strom  frucht-&amp;gt;)

  Maschke  1906,  S.  3.
        <pb n="230" />
        190

barer  Ideen  beleben  sollen.  Die  Entwicklung  der  gerberischen  Fachzeitschriften ­
  geht  in  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  zurück  *);  gefordert ­
  waren  sie  schon  von  Gall  1824  °),  aber  erst  die  Erstarkung  der
deutschen  Lederindustrie  führte  1858  zu  einem  Fachblatt  für  die  Branche;
heute  umfaßt  die  europäische  Fachlitteratur  etwa  40  Zeitungen.
Und  wenn  wir  nun  danach  fragen,  wie  alle  diese  propagierenden
Mittel,  die  Staatshilfe,  das  Schulwesen,  die  Ausstellungen,  die  Fachzeitschriften ­
  auf  die  Verbreitung  der  Chromgerberei  eingewirkt  haben,
so  ist  das  Resultat  für  die  erste  Phase  dieser  neuen  Gerbungsart  ein
fast  vernichtendes.  Freilich,  die  Anstalten  zu  Freiberg  gab  es  damals
noch  nicht  oder  sie  waren  kaum  geschaffen,  und  die  Gerberei  stand
damals,  wie  auch  heute  noch,  nicht  im  Interesse  der  allgemeinen  Chemie,
weil  ihre  Vorgänge  nicht  genügend  aufgeklärt  oder  zu  kompliziert  sind;
aber  nachdem  die  Heinzerlingschen  Patente  nur  Mißerfolge  gezeitigt
hatten,  obwohl  diese  Versuche  im  Kleinen  gelungen  waren,  wollte  sich
kein  neuer  wissenschaftlicher  Anwalt  mehr  für  dieses  mißglückte  Verfahren ­
  finden.  Wir  haben  auch  gesehen,  daß  die  leicht  bewegliche
Meinung  selbst  der  Fachpresse  das  Verfahren  vollkommen  aufgegeben
hatte.  Alle  Faktoren,  welche  hier  in  Betracht  kommen,  hatten  vollständig ­
  versagt.
Welches  ist  nun  eigentlich  der  Faktor,  der  das  Problem  der  Chromgerbung ­
  gelöst  hat?  Auch  Schultz  hat  die  Chromgerbung  nicht  erfunden
und  das  Problem  nicht  gelöst;  ihm  gebührt  das  Verdienst,  das  als
unrettbar  geltende  Gebiet  noch  einmal  aufgegriffen  und  es  an  der
richtigen  Stelle  angebracht  zu  haben;  diese  Stelle  ist  das  Kapital.  Wir
haben  gehört,  welche  ungeheuren  Summen  geopfert  werden  mußten,  bis
sich  das  Verfahren  zu  einem  praktisch  brauchbaren  gestaltete.  Nur  der
ungeheuren  Ausdauer  des  Kapitals  gelang  es,  das  Verfahren  auszuprobieren, ­
  es  rentabel  in  die  Praxis  umzusetzen:  die  Versuche  zur
Durchprobierung  solcher  Verfahren  müssen  immer  im  Großen  angestellt
werden,  und  dabei  dürfen  dauernde  noch  so  hohe  Versuchskosten  keine
Rolle  spielen,  gleichgültig,  ob  die  Versuche  nach  Jahren  erst  zum  Ziele
führen,  oder  ob  der  Erfolg  überhaupt  noch  kommt.  So  ist  die  Chromgerbung ­
  ein  typisches  Kind  des  Kapitalismus.  Sie  steht  in  dieser
Beziehung  nicht  allein,  und  besonders  die  chemische  Großindustrie  liefert
hierfür  immer  wieder  Beispiele,  wo  es  nur  dem  unerschütterlichen  Vertrauen ­
  der  Direktion  trotz  jahrelang  mißglückter  Versuche,  nur  der  ungeheuren ­
  Kapitalkraft  der  größten  Unternehmungen  trotz  andauernder
kostspieliger  Mißerfolge  zu  danken  ist,  daß  ein  Verfahren,  von  dessen

st  Schuh  und  Leder  1908,  Nr.  10.

st  Gall  1824,  S.  10.
        <pb n="231" />
        191

theoretischer  Möglichkeit  man  sich  überzeugt  hatte,  schließlich  doch  Eingang ­
  in  die  Praxis  gefunden  hat.
Kapitalistisch,  wie  es  gelöst  worden  war,  wurde  das  Verfahren
zunächst  auch  verbreitet.  „Die  Anfänge  der  Chevreauxfabrikation  involvierten ­
  die  Verwendung  von  Detektivs.  Als  wir  begannen,  Chromziegenfelle
  zu  machen,  wurden  wir  argwöhnisch,  daß  sich  Konkurrenten
zu  sehr  für  unser  Verfahren  interessierten.  Aufpasser,  welche  wir  gedungen ­
  hatten,  um  unsere  Arbeiter  im  Auge  zu  behalten,  teilten  uns
mit,  daß  manche  derselben  in  verschiedenen  Stadien  der  Fabrikation
befindliche  Felle  nach  anderen  Gerbereien  brachten.  Ferner  erfuhren
wir,  daß  einige  Arbeiter  ein  ungewöhnliches  Interesse  am  Geschäft  zu
entwickeln  begannen  und  die  Gerberei  um  fünf  Uhr  morgens  aufsuchten.
Da  sie  nach  dem  Stück  arbeiteten,  waren  wir  anfangs  nicht  so  argwöhnisch ­
  und  nahmen  an,  daß  sie  früh  fertig  werden  und  nach  Hause
zu  kommen  wünschten;  es  stellte  sich  jedoch  heraus,  daß  ihr  frühes
Aufstehen  von  einem  Konkurrenten  bezahlt  wurde,  dem  daran  lag,  durch
unsere  Leute  zu  erfahren,  wie  es  mit  unseren  Versuchen  stände.  Wie
viele  Felle  bei  dem  Suchen  nach  dem  richtigen  Verfahren  der  Chromgerbung ­
  verdorben  wurden,  wird  nie  enthüllt  werden.  Ein  Mann,  der
nach  Kontrakt  das  Dutzend  zu  so  und  so  viel  gerbte,  hielt  immer  einen
gewissen  Prozentsatz  Felle  zurück,  die  verdorben  waren,  und  als  er
gegangen  war,  entdeckte  man  einen  ganzen  Haufen  Leder,  das  so  gut
wie  wertlos  war*)."
Auch  dann  hat  sich  die  Chromgerbung  nicht  wie  ein  Flugfeuer
über  die  Welt  verbreitet.  Die  grünliche  Farbe  der  Fleischseite  erregte
das  Mißfallen  der  europäischen  Händler,  es  gelang  vielleicht  auch  den
europäischen  Fabriken  nicht  sofort,  das  Verfahren  nachzumachen,  und
erst,  als  der  europäische  Ledermarkt  durch  Import  amerikanischer  Produkte ­
  hinlängliche  Bekanntschaft  mit  dem  Chromleder  gemacht  hatte,  als
die  Konkurrenz,  welche  dasselbe  den  anderen  Ledersorten  machte,  zur
Herstellung  zwang,  faßte  die  Fabrikation  desselben  auch  in  den  europäischen ­
  Gerbereien  festen  Fuß^).
Wir  machen  hier  also  die  ganz  überraschende  und  geradezu  unbegreifliche ­
  Beobachtung,  daß  alle  die  Faktoren,  auf  welche  man  seine
Hoffnung  zu  setzen  gewohnt  ist,  bei  der  Betrachtung  eines  speziellen
Falles  sich  als  mindestens  vollkommen  unfähig  erweisen  und  vielleicht
durch  falsche  und  unzeitige  Kritik  eher  noch  geschadet  als  genützt  haben.
Der  Druck  des  Kapitalismus,  welcher  Europa  mit  seinen  Produkten
überschwemmte,  mußte  auch  diese  letzte  Bewegung  der  Chromgerbung
nach  Europa  durchführen.  Er  brachte  das  zustande,  was  alle  anderen,

*)  Ledermarkt  1904,  Nr.  95.

2 )  Gerber  1900,  S.  1.
        <pb n="232" />
        192

sorgsam  vom  Staate  und  von  der  Gesellschaft  groß  gezogenen  Entwicklungs-
  und  Propagierungsmittel  nicht  hatten  durchsetzen  können.
§  21.  Die  Bewegung  der  Gerbemethoden  in  Gebiete
verschiedenen  wirtschaftlichen  Charakters.
Anders,  oder  doch  mit  anderen  Folgen  als  in  der  bisher  besprochenen ­
  Weise  geschieht  im  allgemeinen  die  Bewegung  der  Produktionsprinzipien ­
  in  Gebiete  verschiedenen  wirtschaftlichen  Charakters.  Ich
habe  früher  darauf  hingewiesen,  daß  eine  Gerbemethode  im  allgemeinen
als  Produkt  bestimmter  wirtschaftlicher  Bedingungen  zu  betrachten  ist,
daß  deshalb  jede  Gerbemethode  einen  heimatlichen  Boden  hat,  welchen
sie  ohne  weiteres  nicht  verläßt,  und  daß  deshalb  bestimmte  Folgen  unausbleiblich ­
  sind,  wenn  sie  sich  freiwillig  oder  gezwungen  zur  Wanderung
in  artfremde  Gebietsteile  angeschickt  hat.
In  sozialer  Hinsicht  wird  die  tiefgreifendste  Wirkung  ausgeübt
beim  Eindringen  einer  Gerbemethode  in  eine  Bevölkerung,  bei  welcher  die
Gerberei  bisher  zu  den  unbekannten  Künsten  der  Gewerbe  gehörte;  denn
die  das  Gewerbe  ausübenden  Gewerbetreibenden  werden  sozial  so  tief
alteriert,  daß  sie  schließlich  einen  eigenen  Stand  bilden,  welcher  von
der  Gesellschaft  ausgeschlossen  erscheint.  Beispiele  hierfür  bietet  vor  allen
Dingen  der  Ostrand  von  Afrika,  an  welchem  durch  langsame  Diffusion
von  den  asiatischen  Kulturvölkern  her  vegetabilische  Gerbemethoden  eingedrungen ­
  sind.  Solche  Fälle  liegen  vor  bei  den  Namaqua  ft,  bei  den
Bongo  ft,  dann  auch  bei  den  Abessinischen  Gerbern  und  Sattlern  ft;
die  Abessinischen  Fagi  z.  B.  stehen  im  Rufe  von  Hexenmeistern,  welche
sich  nachts  in  Hyänen  verwandeln;  um  sein  Volk  vor  dem  Bösen  Blick
dieser  Zauberer  zu  schützen,  ließ  ein  abessinischer  König  einige  Hundert
derselben  aus  dem  Wege  räumen.  Eine  zweite  Kontaktzone  in  Afrika
liegt  vor  im  Sudan,  wo  hauptsächlich  von  Spanien  und  Marokko  her
die  Gerberei  eingeführt  wurde;  die  Haussa  und  Manding  sind  hier  durch
ihre  Lederindustrie  und  Lederfärberei  berühmt  ft,  aber  die  unsteten
Pariahvölker  im  Gallalande,  in  einem  Teile  Senegambiens  und  in
dessen  Hinterland,  welche  sich  mit  der  Gerberei  beschäftigen,  gehören
ebenfalls  zur  verachteten  Bevölkerung  des  Landes  ft.  Als  letztes  Beispiel ­
  dieser  tiefen  sozialen  Alteration  seien  die  japanischen  Gerber  angeführt. ­
  In  Japan,  wo  religiöse  Vorstellungen  der  Seelenwanderung
das  Töten  der  Tiere  verbieten,  wo  daher  die  Gerberei  zu  den  ge--)
  Ratzel  1894,  Bd.  7,  S.  702.
2)  Ratzel  1895,  Bd.  77,  S.  268;  Schurtz  1900,  S.  316.
°)  Ledermarkt  1893,  S.  601.  *)  Schurtz  1900,  S.  316,  162.
B )  Schurtz  afr.  1900,  S.  91.
        <pb n="233" />
        193

miedenen  Beschäftigungen  des  Volkes  gehört,  wo  die  ganze  Lebenshaltung ­
  nicht  auf  Lederverbrauch  eingerichtet  ist,  wurde  die  Gerberei
nach  der  Überlieferung  durch  koreanische  Kriegsgefangene  eingeführt  x );
ihnen  gestatteten  ihre  religiösen  Vorstellungen  die  Ausübung  dieses
Berufes,  aber  die  Folge  war  der  vollkommene  gesellschaftliche  Boykott,
welcher  so  weit  führte,  daß  die  Deta  oder  Etas,  Gerber,  Gerbergehilfen
und  Lederhändler  zusammen  mit  den  Abdeckern  und  den  Hinin,  den
obdachlosen  Strolchen  japanischen  Ursprungs,  die  tiefste  Schicht  der
japanischen  Bevölkerung  bildeten;  sie  wurden  nicht  einmal  mehr  zu  den
Kasten  des  Landes,  deren  es  acht  gab,  gerechnet,  sie  waren  auf  ihre  eigenen
Dörfer  beschränkt,  sie  durften  die  Städte  nicht  betreten,  ihre  Dörfer  wurden
in  den  Verzeichnissen  der  Entfernungen  nicht  erwähnt,  und  ihre  Zahl
wurde  bei  der  Volkszählung  nicht  mit  aufgenommen 2 ).  Dieser  Zustand
dauerte  fort  bis  zur  Beendigung  des  alten  Regims 3 ),  und  wir  werden
noch  die  Mittel  kennen  lernen,  welche  die  Einwanderung  der  Gerberei  in
diesen  ihr  so  fremd  gegenüber  stehenden  Wirtschaftskreis  ermöglichten.
Nicht  weniger  tief  als  die  Gewerbetreibenden  in  ihrer  sozialen
Stellung  werden  auch  die  Gerbemethoden  selbst  in  ihrem  Wesen  beeinträchtigt, ­
  wenn  sie  in  Gebiete  gelangen,  bei  welchen  eine  wirtschaftliche
Bereitschaft  zu  ihrer  Aufnahme  nicht  vorhanden  ist.  Sowohl  in  Japan
ist  die  Ware  der  Etas,  wie  auch  in  Afrika  das  Produkt  der  unstäten
Pariahvölker  von  nur  geringer  Qualität,  vor  allen  Dingen  aber  dient
uns  als  außerordentlich  interessantes  Beispiel  die  ungarische  Weißgerberei,
tvelche  außerdem  noch  eine  sehr  primitive  Form  der  Gerbung  darstellt.
Wir  haben  dieungarifcheWeißgerberei  unter  den  Schematen  4 )
als  eine  Alaun-Fettkombination,  als  eine  in  bezug  auf  den  Gerbeprozeß
hoch  entwickelte  Form  der  Gerberei  kennen  gelernt,  aber  das  gleiche
Schema  zeigt  uns,  daß  die  den  Gerbeprozeß  vorbereitenden  Operationen
äußerst  primitive  sind:  es  sind  ausschließlich  mechanische  Operationen;
eine  Lockerung  des  Haares  zwecks  Enthaarung  fällt  weg,  die  Haare
werden  mit  dem  Putzmesfer  abgeschoren,  und  die  Haarwurzeln  bleiben
in  der  Haut  stecken.  Die  Epidermis  wird  nicht  entfernt,  die  Narbe
Ulcht  freigelegt,  und  keine  Lockerung  des  Hautgewebes  durch  Schwellen
oder  Beizen  bereitet  den  eigentlichen  Gerbeprozeß  vor.  Auf  eine  Bebandlung
  mit  Alaun  und  Kochsalz  folgt  nach  dem  Trocknen  ein  Richten
auf  der  Reckbank;  wir  sind  damit  eigentlich  schon  in  die  Zurichterei
eingetreten,  aber  nun  erfolgt  als  zweite  Gerbung  das  Tränken  der  Haut
wit  heißem  Talg  und  das  Einbrennen  des  Fettes  in  die  Haut  über
glühenden  Kohlen.  Die  Nacharbeit  ist  so  kurz  als  möglich:  Ein
Trocknen  unter  freiem  Himmel,  und  das  Leder  ist  gebrauchsfertig.
x )  Bücher  1893,  S.  182;  Schurtz  1900,  S.  160.  -)  Gerberzeitung  1862,  S.  42.
3 )  Deutsche  Gerberzeituug  1880,  Nr.  35.  4 )  Vgl.  S.  100.
®6ett,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

13
        <pb n="234" />
        194

Man  hat  beim  Anschauen  des  Schemas  wohl  ohne  weiteres  das  Gefühl,
daß  das  deutsche  oder  das  mittelalterlich-europäische  Handwerk  eine
solche  Gerbung  nicht  erfunden  haben  kann,  die  ganze  Behandlung  ist
so  eigenartig,  entfernt  sich  in  allen  Punkten  so  weit  vom  technischen
Jdeenkreise  germanischer  Handwerker,  paßt  so  wenig  zu  deren  ganzem
Handwerkszeug,  so  wenig  auch  zur  feinen  Kultur  des  Südens  und  des
Orients,  welche  der  mittelalterliche  Verkehr  uns  vermittelt  hat,  daß  wir
unwillkürlich  hilfesuchend  in  den  Methoden  der  Steppen  und  der  weiten
Territorien  des  Ostens  Umschau  halten,  ob  dort  nicht  ein  Anhaltspunkt
zu  finden  sei.  Schon  der  Name  verweist  uns  ja  dorthin,  allein,  das
will  verhältnismäßig  wenig  besagen,  da  derartige  Beinamen  auch  bloße
merkantile  Begriffe  sein  können,  oder  Durchgangspforten,  durch  welche
die  Wanderung  einer  Methode  ihren  Weg  genommen  hat.  Beim
Durchsuchen  der  primitiven  Gerbemethoden  nach  Anklängen  erinnern
wir  uns  des  Chagrins,  einer  Lederart,  welche  freilich  einen  echten
Gerbeprozeß  nicht  durchgemacht  hat,  welche  aber  unter  Umständen  mit
Alaunlösung  getränkt  und  mit  heißem  Hammelfett  geschmiert  wird  *).
Wir  haben  diese  Gerbung  als  eine  äußere  Kontaktmethode  kennen  gelernt,
entstanden  durch  Kombination  an  einer  Berührungsstelle  der  Verbreitungsgebiete ­
  der  Alaungerberei  einerseits,  und  der  sich  des  Feuers  zur  Gerbung
häufig  bedienenden  Steppenmethoden  andererseits.  Die  Kombination  Alaun
und  heißer  Talg,  welcher  über  offenem  Kohlenseuer  in  die  Haut  eingebrannt
wird,  zeigt  uns,  welche  ungewöhnlichen  Umstände  zusammenkommen
mußten,  um  solche,  für  das  übrige  Denken  der  damaligen  Zeit  so  extremen
Elemente  am  gleichen  Werkstück  zu  vereinigen.
Ein  Leder  von  so  ungewöhnlich  festen  Eigenschaften,  wie  es  das
ungarische  Leder  sogar  heute  noch  darstellt,  mußte  die  Aufmerksamkeit
der  Kenner  frühzeitig  erregen,  und  so  kommt  es,  daß  ungarisches  Leder
schon  früh  in  den  Welthandel  eintrat.  Eine  Ordnung  des  Kaufhauses
zu  Konstanz  bald  nach  1391  kennt  bereits  ein  „Behemsch  yrch" 2 ),
also  wahrscheinlich  ein  Bockleder,  welches  über  Böhmen  in  den  christlicheuropäischen
  Welthandel  eingetreten  ist.  Daneben  kamen  schon  um  1850
ungarische  Pferdezügel  und  ungarische  Riemen  die  Donau  herauf 2 ),
ein  Beweis,  in  wie  früher  Zeit  dieses  Leder  schon  einen  Weltruf  besessen  hat.
Stellen  wir  uns  kurz  die  näheren  weltgeschichtlichen  Momente  vor
Augen,  deren  Ausfluß  unsere  speziellen  ökonomisch-technischen  Betrachtungen ­
  sind,  so  sehen  wir,  daß  die  Magyaren  oder  Ungarn  einer  viel
östlicheren  Heimat  entstammen;  etwa  im  2.  Jahrhundert  aus  den  Gebieten
zwischen  der  Wolga  und  dem  Uralgebirge  ausgewandert,  wurde  Ungarn
erst  um  das  Jahr  1000  unter  Stephan  dem  Heiligen  Königreich,  und
y  Poppe  1837,  S.  340.  -)  Schulte  1900,  Bd.  II,  S.  228,  718.
s )  Rehlen  1855,  S.  136.
        <pb n="235" />
        195

von  hier  an  datiert  ein  bedeutender  politischer  und  wirtschaftlicher
Aufschwung,  welcher  im  14.  Jahrhundert  den  Höhepunkt  der  Macht
Ungarns  zur  Folge  hatte;  wir  sehen  daraus,  welche  bedeutenden
Politischen  Verhältnisse  dahinter  stehen,  wenn  die  Handwerkserzeugnisse
eines  Landes  Weltruf  erlangen,  und  wir  verstehen  andererseits,  warum
wir  nicht  früher  als  aus  dem  14.  Jahrhundert  Kunde  von  ungarischem
Lederzeug  erhalten.  Schon  zur  Zeit  der  Landnahme  waren  unter  den
Vorfahren  des  ungarischen  Volkes  Gerber,  welche  sich  insbesondere  mit  der
Herstellung  jener  zur  Kriegskleidung  benötigten  Lederwaren  beschäftigten  r ).
Unter  den  Königen  aus  dem  Arpadenhause  gingen  ungarische  Lederwaren
ins  Ausland,  die  Epoche  der  Anjous  gab  diesem  Gewerbe  einen  noch
größeren  Aufschwung,  und  Ludwig  der  Große  regelte  1376  unter  anderem
auch  die  Zunftordnungen  der  Gerber,  Schuhmacher,  Sattler,  Handschuhmacher. ­
  Das  älteste  Dokument  dieser  Art  ist  der  von  Ludwig  dem  Großen
ausgestellte  Zunstbrief  der  Segeswarer  Gerberzunft  von  1376.
Wir  sehen  also  in  Ungarn  im  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  eine
Gerberei  in  technisch  und  wirtschaftlich  festen  Formen  entstanden,  und  wir
müssen  uns  wundern,  daß  nicht  damals  schon  neben  der  Ware  auch  die
Methode  bei  uns  Eingang  gefunden  hat,  in  einer  Phase  des  deutschen
Handwerks,  wo  dieses  noch  keineswegs  so  fest  konsolidiert  gewesen  ist,
daß  die  Einführung  von  Neuerungen  auf  unüberwindlichen  Widerstand
gestoßen  wäre.  Der  Schauplatz  der  Künste  und  Handwerke  erzählt  uns,
daß  die  Kunst,  das  Leder  ans  ungarische  Art  zu  bereiten,  um  die  Mitte
des  16.  Jahrhunderts  durch  einen  gewissen  Buscher,  eines  Lohgerbers
Sohn  zu  Paris,  von  Senegal  in  Afrika  zu  uns  gekommen  sei,  und  1584
hätten  zwei  deutsche  oder  lothringische  Gerber  mit  Namen  Lasmagne
und  Anoand  diese  Methode  aus  Ungarn  nach  Neufchateau  in  Lothringen,
dann  nach  St.  Dizier  in  Champagne  und  endlich  nach  Paris  gebracht 2 ),
Ehrend  nach  Keeß  die  ersten  Weißgerber  in  Deutschland  aus  Ungarn
eingezogen  sind  s ).  Selbst  wenn  wir  an  den  französischen  Namen  der
beiden  Deutschen  keinen  Anstoß  nehmen,  und  wenn  wir  das  französische
Nationalgesühl  des  Schreibers  als  gerechtfertigt  anerkennen  müssen,
wundern  wir  uns  über  die  merkwürdige  Alternative,  welche  uns  hier
zugemutet  wird.  Wie  wenig  glaubhaft  obige  historische  Notiz  aus  dem
Schauplatz  der  Künste  und  Handwerke  aber  für  uns  ist,  geht  daraus
hervor,  daß  im  gleichen  Satze  die  schon  unten  widerlegte  Tatsache  erwähnt ­
  wird,  als  seien  erst  im  16.  Jahrhundert  die  Schabeisen  eingeführt
worden.  Glaubhafter  erschiene  vielleicht  die  Angabe  Hermbstädts  4 ),  daß
Heinrich  IV.  diese  Methode  durch  einen  Gerber  in  Ungarn  habe  erlernen
lassen,  und  daß  auf  diese  Weise  in  Frankreich  die  erste  derartige
9  Vgl.  Mag.  Böripar  1307,  Nr.  9,  S.  5.  -)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  S6.
s )  Keeß  1820,  S.  22.  4 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  198.
13*
        <pb n="236" />
        196

Ledermanufaktur  entstanden  sei.  Wer  die  allgemeinen  wirtschaftlichen
Strömungen  und  den  wirtschaftlichen  Sprachgebrauch  und  Stil  in  Hermbstädts
  Zeitgenossen  kennt,  wundert  sich  nicht  über  diese  Behauptung
Hermbstädts,  wer  aber  den  wirtschaftlichen  Charakter  Frankreichs  zur
Zeit  Heinrichs  IV.  kennt,  findet  obige  Notiz  sicherlich  merkwürdig.  Die
ganze  Kontroverse  aber  erübrigt  sich  durch  die  Tatsache,  daß  in  einer
Nürnberger  Lederschauer-Alt-Ordnung  von  1539  *)  bereits  „hungerisch
leder  und  geryme"  erwähnt  wird,  also  Leder  und  Riemen  auf  ungarische
Art,  und  nach  dem  Inhalt  dieser  Ordnung  zu  schließen  haben  diese
ungarischen  Lederwaren  einen  nicht  unbedeutenden  Teil  des  Handels  der
hier  in  Betracht  kommenden  Lederarbeiter  ausgemacht.  Wir  sehen  also
daß  die  Methode  der  ungarischen  Gerberei  schon  im  ersten  Drittel  des
16.  Jahrhunderts  in  Deutschland  bekannt  gewesen  ist,  wahrscheinlich
nicht  eingeführt  im  Anschluß  an  einen  oder  zwei  Namen,  sondern  langsam
verbreitet  mit  der  Ware,  vielleicht  auch  durch  wandernde  Gesellen.
Die  Lederordnung  orientiert  uns  aber  noch  weiter.  Fragen  wir  nämlich ­
  nach  der  wirtschaftlichen  Einfügung  der  ungarischen  Gerberei  in  die
herrschende  Gewerbe-Verfassung,  so  sehen  wir,  daß  sie  bereits  damals
von  den  Rotgerbern  ausgeübt  worden  ist^).  Die  Zuteilung  dieser
merkwürdigen  Gerbemethode  gerade  zu  den  Rotgerbern,  welche  mit  Alaun
und  Talg  und  glühenden  Kohlen  sonst  gar  nichts  zu  tun  haben  und  auch
gar  nicht  darauf  eingerichtet  sind,  wird  uns  erklärlich  aus  dem  Bestreben
der  Handwerksumgrenzung:  Die  ungarische  Gerberei  ist  eingedrungen
als  die  Gerberei  der  schweren  Häute,  und  damit  gehört  sie  zur  Domäne
des  Rotgerbers;  denn  dieser  ist  schon  nach  seinem  ganzen  materiellen
Befinden  allein  in  der  Lage,  einen  solchen  Prozeß  auf  einem  solchen
Rohmaterial  in  größerem  Umfang  durchzuführen.
Wird  es  uns  so  verständlich,  daß  die  ungarische  Gerberei  der  Rotgerberei ­
  angegliedert  wurde,  so  müssen  wir  uns  andererseits  fragen,  warum
diese  Gerbemethode  nicht  zur  Bildung  eines  eigenen  Handwerks  Veranlassung
gegeben  hat.  Das  ist  mit  einer  einzigen  und  kurz  dauernden,  auf  ganz
besondere  Verhältnisse  zurückzuführenden  Ausnahme  in  Frankreich 3 )  nirgends
der  Fall  gewesen,  und  diese  Tatsache  orientiert  uns  über  den  Zeitpunkt  der
Einwanderung  dieser  Methode.  Wir  erfahren  daraus,  daß  die  Einwanderung ­
  zu  einer  Zeit  geschehen  sein  muß,  in  welcher  die  Konsolidation
des  Handwerks  bereits  erfolgt  war;  wenn  wir  alle  hier  gegebenen  Daten
und  den  Zustand  des  Handwerks  jener  Zeit  zusammennehmen,  werden
wir  das  15.  Jahrhundert  als  Zeit  der  Einwanderung  annehmen,  nicht
viel  früher,  und  auch  nicht  viel  später.
i)  Nürnberg  1535,  M.  S.  452,  S.  270  b  (93  b).
s )  Nürnberg  1629,  M.  S.  454,  S.  216  a  (202  a);  Nürnberg  Kreisarchiv
S.  I.  L.  581,  Nr.  23.  3 )  Vgl.  S.  198.
        <pb n="237" />
        197

Eine  Teilung  der  Handwerke  tritt  auch  in  der  Folge  nicht  mehr
ein,  und  wir  hören  nirgends,  daß  Kompetenzkonflikte  über  ungarisch
Leder  entstehen.  1564  „schmieren"  die  Nürnberger  Lederer  die  „heut
Vf  vngarisch"  für  Riemer  und  Sattler,  1616  bereiten  die  Lederer  auf
dem  Lande  das  Leder  auf  ungarisch  *),  und  auch  im  18.  Jahrhundert
wird  diese  Methode  noch  von  den  Lederern  ausgeübt  ff.  Wenn  auch
das  ungarische  Leder  ein  so  bedeutender  Handelsartikel  geworden  ist,
daß  z.  B.  das  Pariser  ungarische  Leder  in  die  Schweiz,  nach  Flandern
und  in  andere  Länder  ging s ),  so  scheint  seine  Bedeutung  bei  uns  doch
niemals  so  groß  gewesen  zu  sein,  daß  es  ein  eigenes  Handwerk  ernährt
hätte.  In  der  Eigenschaft  des  Leders  lag  das  sicherlich  nicht  begründet;
so  berichtet  Halle  1762,  daß  das  Alaunleder,  das  ist  eben  das  ungarische
Leder 4 ),  zu  Acker-  und  Wagengeschirren,  besonders  für  die  Artillerie  Verwendung ­
  findet;  das  sind  also  Abnehmer,  welche  in  jenen  kriegerisch
bewegten,  außerdem  nur  auf  Wagen-  und  Karossenverkehr  angewiesenen
Zeitläuften,  ein  Handwerk  gut  ernähren  konnten.  Der  Grund  mag  ein
anderer  gewesen  sein;  wie  schon  gesagt,  hat  die  ganze  Methode  nach
ihrer  wirtschaftlichen  und  technischen  Seite,  nach  den  zugrunde  liegenden
technischen  Ideen,  nach  den  Erfordernissen  an  Handwerkszeug,  nach  den
erforderlichen  Handgriffen,  nach  der  Art  der  Zubereitung  niemals  in
das  ökonomische  Gefüge  des  deutschen  Handwerks,  in  den  Geist,  der
den  deutschen  Handwerker  beseelte,  gepaßt.  So,  wie  die  Methode  nur
an  einer  Kontaktstelle  entstehen  konnte,  weil  dort  allein  die  Vorbedingungen
zur  Ausführung  beider  Teile  dieser  eigenartigen  Kombination  gegeben
sind,  so  hat  auch  der  deutsche  Handwerker  nicht  geruht,  bis  er  dieses
ihm  fremde  Verfahren  seinem  Wirtschastskreise  adaptiert  hatte:  Wir
hören  in  Deutschland  von  einem  „roten  Leder",  welches  mit  Fischtran
geschmiert  und  dann  mit  heißem  Alaunwasser  bestrichen  wird  ff,  am
Ende  des  18.  Jahrhunderts  gibt  es  braunes  Alauuleder,  welches  auch
ungarisch  genannt  wird  ff;  es  ist  im  besten  Falle  eine  Kombination
von  Alaun  und  vegetabilischer  Gerbung.  Es  schleicht  sich  das  Äschern
em,  die  Häute  werden,  wie  auch  in  den  anderen  Verfahren  üblich,  enthaart, ­
  nicht  mehr  geschoren;  die  Epidermis  wird  abgekratzt,  so  daß
Seguin  als  eine  von  ihm  erfundene  Verbesserung  das  Enthaaren  durch
Scheren  und  das  nicht  Nicht-Abstoßen  der  Epidermis  bezeichnen  kann;
kie  Häute  werden  geschwellt,  und  das  Einbrennen  des  Talges  in
die  Haut  unterbleibt  oder  wird  ungenügend  besorgt.  So  klagt  Pfeiffer
1780  ff,  daß  diese  Lederart  in  Deutschland  wenig,  und  die  Verfahrungsart
0  Vgl.  Halle  1772,  Bd.  V,  S.  105.  -)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  88.
“)  Busch  1791,  S.  196.  *)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  381.
°)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  368.  °)  Juug  1794,  S.  609.
0  Pfeiffer  1780,  Bd.  I,  S.  229.  »)  Beckmann  1796,  S.  296.
        <pb n="238" />
        198

noch  weniger  bekannt  sei;  nach  Beckmann  *)  ist  die  Methode  in  Deutschland
nicht  unbekannt,  aber  mau  ist  von  dem  besten  Verfahren  meist  ganz  abgewichen ­
  ;  der  eben  erwähnte  Pfeiffer  sagt:  „Ich  kenne  keinen  Ort  in  Deutschland, ­
  wo  das  Sattler-  und  Riemerleder  auf  oben  beschriebene  Art  zubereitet
wird,  ja,  viele  Gerber,  welche  sich  rühmen,  auf  ungarische  Art  zu  gerben,
haben  davon  nicht  einmal  einen  Begriff.  Es  sind  Kalch-  und  keine  Alaungerber, ­
  sie  schmieren  auch  wohl  etwas  Unschlitt  in  freier  Luft  auf  das  Leder,
allein  wie  soll  dieses  das  Gewebe  der  Haut  durchdringen  können?"  "),  und
schließlich  muß  unter  dem  Begriff  des  ungarischen  Leders  etwas  ganz
anderes  verstanden  worden  sein;  denn  unter  den  Luxusledern  am  Ende
des  18.  Jahrhunderts  wird  auch  ungarisches  Zugleder  erwähnt 3 ).
Während  so  diese  Methode  in  Deutschland  schon  vor  100  Jahren
völlig  abgewirtschaftet  hatte,  und  es  den  Kameralisten  nicht  gelang,
Verständnis  und  Interesse  dafür  zu  wecken,  weil  sie  in  einem  ihr  artfremden ­
  Wirtschaftsgebiete  hatte  degenerieren  müssen,  hatten  die  Reglementierungen ­
  Colberts  und  die  sich  daran  schließende  Periode  der  Industriebegünstigung
  einen  ganz  anderen  Erfolg;  es  muß  der  große  Einfluß
des  Staates  hinzutreten,  welcher  die  wirtschaftliche  Bereitschaft  zum
Empfang  einer  Methode  schafft,  damit  pathologische  Erscheinungen  an
dieser  vermieden  werden.  1578  und  1666  war  den  Riemern  in  Paris
das  Recht  verbrieft  worden,  ungarisch  Leder  für  ihren  eigenen  Gebrauch
zu  verfertigen  Z,  aber  der  durch  die  fortwährenden  Kriege  gestiegene
Bedarf  an  Leder  veranlaßte  1705  die  Schaffung  eines  geschworenen
Amtes  und  einer  Gilde  von  Staatswegen,  welche  allein  die  Freiheit  hatte,
diese  Art  der  Lederbereitung  zu  treiben.  Da  aber  die  Quantität  des
produzierten  Leders  trotz  dieser  Maßnahme  nicht  stieg,  während  der
Preis  infolge  dieses  von  Staatswegen  geschaffenen  Monopols  in  die
Höhe  ging  und  die  Qualität  sich  verschlechterte,  wurde  wenige  Jahre
nachher  diese  Zunft  mit  den  Besitzern  der  Manufaktur  zu  Saint  Denis
gegen  Erlegung  von  50000  Thalern  verbunden.  Diese  Manufaktur
war  1698  zu  St.  Cloud  bei  Paris  angelegt  worden 3 ),  1702  war  sie
nach  Roquette,  und  von  hier  mit  Rücksicht  auf  die  nahen  Gärtner  nach
Saint  Denis  verlegt  worden.  1705  ward  ihr  das  Privilegium  der
Herstellung  ungarischen  Leders  genommen,  und  der  oben  erwähnten
Zunft  allein  übertragen  worden.  Aber  bereits  1716  hatte  man  die
Herstellung  des  ungarischen  Leders  freigegeben.  Durch  solche  Maßnahmen ­
  war  es  immerhin  gelungen,  die  Aufmerksamkeit  der  inländischen

9  Pfeiffer  1780,  Bd.  I,  S.  229.  -)  Wiedfeldt  1898,  S.  66.
-)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  88-89.  4 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  56.
6 )  Französische  Annalen  für  die  allgemeine  Naturgeschichte,  D.  Pfaff  und
Friedländer  1802,  Heft  3,  S.  183.
        <pb n="239" />
        199

Gerber  auf  dieses  Leder  zu  lenken  und  dieser  Lederart  auch  im  Auslande
einen  guten  Ruf  zu  sichern.  Neues  akutes  Interesse  erregte  die  Methode
in  Frankreich  dann  wieder  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts,  wo
die  Republik,  von  ergiebigen  Zufuhren  abgeschnitten,  in  ihren  vielen
Kriegen  genügenden,  schnell  hergestellten,  guten  Leders  bedurfte,  und
wo  Seguin,  wie  erwähnt,  auch  diese  Methode  zu  verbessern  suchte  Z.
Immerhin  hatte  sich  das  ungarische  Leder  in  Frankreich  auf  Grund
seiner  historischen  Vergangenheit  einen  so  festen  Platz  erobert,  daß
während  des  ganzen  19.  Jahrhunderts  die  Artilleriegeschirre  ans  diesem
Material  gefertigt  wurden.  Das  ist  wohl  ein  durchschlagender  Beweis
für  die  außerordentliche  Güte,  Haltbarkeit  und  Festigkeit  dieser  Ledersorte, ­
  wozu  noch  die  kurze  Herstellungszeit  und  ein  niedriger  Herstellungspreis ­
  gegenüber  dem  lohgaren  Leder  als  vorteilhaft  kommt  ^).  Damit
wird  es  verständlich,  daß  das  ungarische  Leder  besonders  dort,  wo  es
Zn  Hause  ist,  stets  einen  festen  Platz  bewahrt  hat,  daß  es  hier  sich
sogar  noch  spezialisieren  konnte,  und  so  hat  z.  B.  in  den  70er  Jahren  des
vorigen  Jahrhunderts  ein  Riemermeister  in  Teschen  folgende  10  Handelssorten ­
  von  ungarischem  Leder,  von  Riemen-und  Zeugleder  aufgestellt^):
1.  Weißes  Nähriemenleder  (Rindshaut  ohne  Talg).
2.  Dreschriemenzeugleder.
3.  Weißes  Peitschenleder  (Rindshaut  ohne  Talg).
4.  Rotes  Nähriemenleder.
5.  Braunes  Leder  zu  Fuhrmannsarbeit  und  Wirtschaftsgeschirren.
6.  Schwarzes  Leder  zu  Fuhrmanns-  und  Wirtschaftsgeschirren.
7.  Geschorenes  Leder  als  das  dauerhafteste  und  binnen  24  Stunden
gegerbt.
8.  Gedrehtes  Leder,  in  Polen  und  Rußland  Rzemien  Kvonzonil
genannt.
9.  Halblohgares  Alaunleder.
10.  Grünes  Zirmleder  zur  Ausnaht  und  Flechtung  und  zu  Verzierungen. ­

Zu  bedauern  ist  nur,  daß  das  ungarische  Leder  nicht  die  Dauerhaftigkeit ­
  von  lohgarem  besitzt  Z,  aber  selbst  im  modernen  Konkurrenzkampf
hat  die  außerordentliche  Haltbarkeit  dieser  interessanten,  altertümlichen
Ledersorte  einen  festen  Platz  selbst  neben  dem  zu  hohem  Ansehen  gelangten
Chromleder  gesichert.  Auch  jetzt  noch  werden  in  verschiedenen  Ländern
Militärgeschirre  daraus  hergestellt^),  durch  geeignete  Behandlung  wird
es  den  lohgaren  Ledern  äußerlich  täuschend  ähnlich  gestaltet,  seine
Fabrikationsweise  hat  sich  unserer  Zeit  angepaßt,  indem  das  Ein-0
  Almanach  1804,  S.  509.  2 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  1032  ff.
b)  Gintl  1873,  S.  71.  4 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  1032  f.
°)  Schuh  und  Leder  1904,  Nr.  4,  S.  42—43.
        <pb n="240" />
        200

brennen  von  Talg  entweder  zwischen  heißen  Walzen  besorgt  wird  *  *),  oder
durch  Walken  des  Leders  im  erwärmten  Walkfasse  geschieht  ^).
Auf  diese  Weise  ist  es  gelungen,  diese  Lederart  so  zu  modernisieren,
daß  sie  auch  jetzt  noch  als  ein  für  die  heutigen  Ansprüche  brauchbares
Fabrikat  bezeichnet  werden  kann  3 ).
Ähnlich  wie  das  ungarische  Weißleder  ist  auch  der  Cor  du  an
degeneriert,  als  er  den  Kulturkreis,  welcher  ihm  eigen  war,  und  dem
er  entstammte,  verließ.  Corduan  ist  im  allgemeinen  bekannt  als  ein
Produkt  der  vegetabilischen  Gerbung,  welches  mit  Sumach  oder  Galläpfeln ­
  gegerbt  zu  werden  pflegt.  Es  scheint  aber,  daß  der  Corduan
bei  seiner  Einführung  durch  die  Araber  in  Spanien  Weißleder,  also
ein  Produkt  der  Weißgerberei  gewesen  ist.  Das  Sammelwerk  des
Heraclius,  wahrscheinlich  aus  dem  9.  oder  10.  Jahrhundert,  gibt  eine
Methode  an,  Corduan  zu  färben^);  dort  heißt  es:  „Accipe  corium,
quem  corduanum  vocant,  nondum  coloribus  tinctum,  sed  purum
et  alb  um“  5 ),  und  da  albus  nicht  „hell“,  sondern  „weiß“  heißt,  so  geht
daraus  hervor,  daß  der  Corduan  ursprünglich  weißgar  gewesen  sein
muß.  In  Du  Cange  finden  wir  bei  Corduan  „Corium  caprinura
alutariorum  arte  praeparatum“,  und  eine  Notiz  aus  dem  11.  Jahrhundert ­
  lautet  „Alutarii  dicuntur,  qui  operantur  in  aluta,  quod
est  gallice  corduan,  alio  modo  dicitur  cordubunum,  a  Corduba,
civitate  Hispaniae,  ubi  fiebat  primo“.  In  Spanien  nannte  man  es
also  noch  aluta,  in  Frankreich  nannte  man  es  nach  dem  Ort  der  berühmtesten ­
  oder  frühesten  (ubi  fiebat  primo)  Herkunft  Cordobunum.
Es  ist  merkwürdig,  daß  selbst  Davillier,  welcher  ein  allerdings  mehr
geistreiches  als  wissenschaftliches  Essay  über  Ledertapeten  geschrieben  hat,
und  welcher  die  eben  zitierten  Stellen  teilweise  kennt,  aus  ihnen  nicht
den  Schluß  gezogen  hat.  daß  der  Corduan  ursprünglich  Alaunleder
gewesen  ist.  Damit  erklärt  sich  auch  wieder,  was  wir  schon  früher
gesehen  haben,  warum  der  gefärbte  Corduan  so  berühmt  geworden  ist.
Heraclius")  gibt  an  anderer  Stelle  noch  eine  Methode  an,  Ziegenund
  Schaffelle  mit  einer  aus  Epheu  bereiteten  Rosenfarbe  zu  färben,
und  erst  später  scheint  man  zu  hell  gerbenden  vegetabilischen  Gerbstoffen
übergegangen  zu  sein.  Im  16.  Jahrhundert  war  die  Fabrikation  in
Cordua  sehr  blühend,  und  Ambrosia  de  Morales  kann  uns  verständlich
machen,  wie  der  Name  Corduan  von  den  Weißledern  auf  die  lohgaren
übergangen  sein  kann:  „Le  commerce  y  (nämlich  in  Cordua)  est
egalement  important,  et  l’avantage  que  tire  Cordoue  de  la  bonne
')  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  1036.
*)  Schuh  und  Leder  1804,  Nr.  4,  S.  43.  -)  Ebenda.  4 )  Heraclius  76.
6 )  Davillier  1878,  S.  3;  M.  de  Laborde,  Notice  des  Emanx,  Paris  1853,
Bd.  II,  S.  296.  »)  Heraclius  36.
        <pb n="241" />
        201

preparation  des  eueres  est  tel,  qu’aujourd’hui,  dans  l’Espagne  entiere
toutes  sortes  de  cuirs  de  chevre  quel  que  seit  l’endroit
oü  ils  ont  ete  prepares,  sont  counus  sous  le  nom  de  cordovanes“  1 ).
„Leder  aus  Cordua"  oder  „Corduan"  wurden  demnach  schließlich  alle
spanischen  Leder  genannt,  gleichgültig,  wo  und  wie  sie  erzeugt  worden  waren.
Dieser  Corduan,  also  das  ursprünglick)  weißgare  Leder,  trat  nun
von  dem  hoch  entwickelten,  aus  orientalischen  Luxus  gestimmten  Kulturboden
Spaniens  2 )  seine  Wanderung  nach  dem  übrigen  Europa  an.  Wie  weit
sein  Ruhm  gedrungen  ist,  freilich  nur  der  Name  und  nicht  die  Produktionsmethode, ­
  dafür  sei  als  Beispiel  folgende  Begebenheit  angeführt.  Als
König  Sigurd  Syr  im  Herbste  des  Jahres  1014  auf  seinen  Ackern
ging,  die  Korneinfuhr  zu  überwachen,  und  als  ihn  sein  Stiefsohn  Olaf
Haraldsson,  später  der  Heilige  genannt,  besuchte,  „so  wird  erzählt  von
Sigurds  Ausstattung,  daß  er  einen  blauen  Rock  trug  und  blaue  Hosen,
hohe  Schuhe  an  den  Beinen  festgebunden,  einen  grauen  Mantel  und
einen  grauen  Hut,  einen  Schirm  um  das  Gesicht  und  in  der  Hand
einen  Stab,  welcher  oben  mit  einem  vergoldeten  Silberknopf  versehen
war,  in  welchem  ein  silberner  Ring  saß."  Um  nun  seinen  Stiefsohn
würdig  zu  empfangen,  „ließ  er  sich  seine  Schuhe  ausziehen  und  zog
über  seine  Füße  lange  Corduan-Strumpfhosen  und  band  vergoldete
Sporen  an" 3 ).  Der  deutsche  Handel  schon  der  sächsischen  Kaiserzeit
reichte  bis  Cordova  4 ),  und  die  Corduanmessen  der  Champagne  aus  dem
Anfang  des  13.  Jahrhunderts  5 )  erhielten  regen  Besuch.  Eine  Kenntnis
von  der  weißgaren  Natur  des  Corduans  scheint  man  in  den  nördlichen
Ländern  Europas  fast  nicht  erhalten  zu  haben,  und  es  ist  nicht
ausgeschlossen,  daß  um  diese  Zeit  die  Weißgerberei  in  Deutschland  noch
gar  nicht  bekannt  gewesen  ist;  wenigstens  ist  mir  vor  dem  13.  Jahrhundert
keine  Andeutung  bekannt  geworden,  welche  auf  eine  frühere  Bekanntschaft
mit  der  Weißgerberei  in  Deutschland  schließen  ließe.  Der  Richtebrief
der  Bürger  von  Zürich  aus  dem  Jahr  1304  sagt  unter  anderem:  Rat
und  Bürger  sind  übereingekommen,  mit  der  Gerber  Willen  und  Rat:
zu  Zürich  gerben  will  Chordewan,  daß  er  das  gerben  soll  mit
dem  halben  Teile  Laubes  und  dem  halben  Teile  Rinde 3 ).  Man  sieht
aus  dieser  Notiz,  wie  das  Laub,  wahrscheinlich  Sumach,  hier  bereits
zur  Hälfte  durch  Rinde  ersetzt  ist.
Nur  gelegentlich  scheint  auch  die  Weißgerberei  nach  dem  Norden
gedrungen  zu  sein.  In  Lübeck  treten  vor  1471  die  Roetlosschere  auf,  welche
rotgefärbtes  Leder,  Rothlasch,  rodlasch,  und  weißes  Leder  herstellten 7 ),  und
0  Davillier  1878,  S.  9—10.  2 )  Vgl.  Diercks  1878,  S.  24—28  ff.
3 )  Montelius  1906,  S.  295.  *)  Hellmig  1882,  S.  17.
6 )  Schaube  1906,  S.  372,  375.  «)  Gerberzeitung  1860,  S.  282.  ‘
')  Lübeck  1872,  S.  388.
        <pb n="242" />
        202

Peter  Karbow  der  Junge  in  Venedig  hatte  von  Hildebrand  Veckinchusen
in  Brügge  1409  erhalten  „an  roetlosch  up  291  rins  gülden"  Z;  dieser
Rotlosch  war  in  Venedig  ein  geschätzter  Artikel 2 ),  aber  es  ist  merkwürdig,
daß  er  immer  als  lohgar  von  den  Commentatoren  angegeben  wird;  der
Losch  wird  verglichen  bald  mit  dem  roten  Corduan,  bald  soll  er  an
russisches  Leder,  wie  Juchten  erinnern,  und  es  ist,  worauf  ich  schon  früher
hingewiesen  habe,  nichts  natürlicher,  als  in  ihm  ein  Alaunleder  anzunehmen; ­
  darauf  weist  ja  auch  hin,  daß  er  von  den  Lübecker  Roetlosschere,
welche  sich  in  der  nämlichen  Rolle  auch  „witgharwere"  nennen,  fabriziert
worden  ist;  es  ist  eben  die  ehemals  weißgare  Natur  des  Corduans  heute
völlig  unbekannt,  und  darauf  lassen  sich  wohl  die  verschiedenen  Auslegungen ­
  zurückführen,  welche  in  dem  Losch  lohgares  Leder  erkennen  wollen.
Ähnlich  wie  mit  dem  Corduan  und  mit  dem  Roetlosch  ging  es
mit  dem  Worte  basan.  Du  Gange  orientiert  uns  ausdrücklich  „Calceamenta,
  quae  de  vili  corio,  quod  vulgariter  bazan  dicitur,  in
alutam,  id  est  Cordewan,  civiliter  commutavit“.  Im  italienischdeutschen ­
  Handel  treten  z.  B.  1474 3 )  zwei  tinctores  pellium  albarum
auf,  welche  ballas  sex  pellium  balzanarnm  albarum  aus  Freiburg  i.  Ü.
bezogen  hatten;  im  großen  Zoll  von  Como  vom  Jahre  1320 4  *  6  7 )  finden  wir
die  Zusammenstellung  „Soma  particorum,  corduanorum  et  balzanorum“,
—  es  ist  ohne  weiteres  klar,  daß  die  Fellfärber  weiße  Felle  bezogen  hatten,
und  die  Zusammenstellung  im  Zoll  von  Como  enthält  hier  verschiedene
Qualitäten  weißgareu  Leders,  nämlich  die  parthischen  Felle,  welche  wir
schon  im  Edikt  von  Diocletian  als  weiß  kennen  gelernt  haben,  dann  die
Corduane,  deren  weißgare  Natur  wir  nun  ebenfalls  erkannt  haben,
endlich  die  balzani,  welche  ebenfalls  häufig  Weißgare  Leder  waren;
Schweller  °)  nennt  dieselben  aber  bereits  „schimmelfarben  und  vielleicht...
weißgar";  1759")  wird  das  Basan-Leder  als  eine  Abart  des  Corduans,
welcher  damals  also  nur  noch  lohgar  bekannt  war,  erklärt;  und  nach
Hermbstädt,  —  um  noch  ein  Beispiel  anzuführen,  wie  sich  gewerblichhistorische ­
  Irrtümer,  denen  wir  schon  so  oft  begegnet  sind,  einschleichen
oder  fortschleppen,  —  „verdankt  Frankreich,...  welches  früher  als  irgendein ­
  anderes  Land  Corduan  zu  fabrizieren  verstand",  die  erste  Anleitung
zur  Fabrikation  des  Corduans  einem  Manne  namens  Granger  ').  Wir
werden  später  noch  sehen,'.welche  Bewandtnis  es  mit  diesem  Granger  hat  ch.
Der  als  lohgares  Leder  nach  dem  Norden  Europas  gewanderte
Corduan  wurde  nun  sofort  acclimatisiert.  Die  Schuhmacher  zerfallen
in  Köln  schon  im  12.  Jahrhundert  in  die  beiden  Gewerbe  der  rintsuter
i)  Stieda  1894,  S.  161,  167,  174,  ’)  Stieda  1894,  S.  113.
s )  Schulte  1900,  Bd.  II,  S.  101—102.  *)  Schulte  1900,  Bd.  II,  S.  109.
6 )  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  718.  «)  Becher  1759,  Bd.  II,  S.  1376.
7 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  92.  8 )  Vgl.  S.  206.
        <pb n="243" />
        208

und  der  cordewaner.  Erstere  verarbeiten  Rinder-,  letztere  Ziegen-  und
Schafleder 1 )]  in  Magdeburg  werden  die  Kurdewener  als  Schuster  1150
genannt 2 ),  in  Regensburg  erscheinen  sie  als  Chnderwaner  1244 8 ),  in
Straßburg  kommen  1263  die  Kurdewener  in  einem  Amte  mit  den
Schustern  vor  4 ).  Da  die  Schuster  um  diese  Zeit  fast  allgemein  ihr  Leder
selbst  gerbten,  so  waren  auch  die  Korduaner  Schuster  und  Gerber  zugleich.
Erst  später  hat  sich  dann  eine  Trennung  in  Schuster  und  Gerber  vollzogen, ­
  und  nun  gingen  die  eoräonuniers,  welche  z.  B.  noch  unter  der
Zahl  der  32  Gewerbe  von  Lüttich  vorkommen 8 ),  über  in  die  cordonniers
der  französischen  Sprache.  Schon  diese  Änderung  des  Sprachgebrauchs
zeigt  uns,  daß  das  Gewerbe  der  Corduanmacher,  welches  ursprünglich  ein
reines  Feinledergewerbe  gewesen  war,  heruntergekommen  ist.  In  Deutschland ­
  haben  sich  die  Corduanmacher  nicht  zu  den  Schustern  entwickelt,
sondern  haben  andere  Wege  genommen.  In  Köln  z.  B.  ist  im  14./15.
Jahrhundert  der  Gegensatz  zwischen  rintsutern  und  cordewanern  nicht
mehr  vorhanden  6 );  in  Nürnberg  finden  wir  im  15./16.  Jahrhundert
noch  das  Handwerk  der  Kuderwanner,  aus  einem  Ratsbeschluß  von  1561,
wonach  „hinfüro  nyemanndt  ainich  schaf  fel  rayffen  soll,  dann  allein  die
irher  vnnd  die  kuderwanner,  die  die  wehsten  sackfeel  machen" 7 )  geht
hervor,  daß  sie  um  diese  Zeit  noch  weiß  gegerbt  haben,  1562  erfahren
wir  aber  „Dieweil  dann  den  kuderwarern  hie  bißhero  ...  vfs  roth
aus  lohe  vnnd  aschen  zu  beraiten  neben  anderer  irer  arbeit  freyzugelassen
ist",  daß  sie  zum  Rotgerben  nach  der  gewöhnlichen  Art  zugelassen  sind,
„Dieweil  ...  aber  hetzt  sölche  kuderwarer  biß  Vf  zween  todts  abgangen,
also  seien  ein  erbar  rath  vorbemelt  daran  khommen  ...  vnndt  wöllen,
das  hinfüro  die  rotlederer  vnnd  kuderwarer  ain  hanndtwerck  sein  söllen" 8 ).
Daß  sie  hier  mit  den  Rotgerbern  und  nicht  mit  den  Weißgerbern  vereinigt ­
  wurden,  zeigt,  daß  sie  die  Rotgerberei  immer  schon  viel  stärker
getrieben  hatten  als  die  Weißgerberei.  Die  Kuderwanner  hatten  in  Nürnberg ­
  schon  1554  beim  Rat  angefragt,  mit  den  Lederern  als  ein  Handwerk ­
  zu  stehen,  1562  waren  sie  dann  mit  ihnen  vereinigt  worden.
Im  Prinzip  ähnliche,  wenn  auch  äußerlich  andere  Wege,  gingen
die  Corduanmacher  zu  Leipzig.  Hier  waren  bis  ins  17.  Jahrhundert
die  Corduanmacher  und  die  Schuster  in  einem  Handwerk  vereinigt.
Diese  Vereinigung  war  nur  deshalb  so  lange  möglich,  weil  die  Corduanmacher ­
  nur  mehr  rotgare  Leder  herstellten.  1623  gelang  es  ihnen  dann,
eine  eigene  Innung  zu  bilden,  welche  die  Schuster  mit  Corduan  und
wit  geschmiertem  Leder  versehen  sollte 8 ).  In  einem  mit  den  Lohgerbern
0  Köln  1907,  Bd.  I,  S.  21.  -)  Rehlen  1855,  S.  135.
s )  Bücher  1893,  S.  196.  4 )  Keutgen  1903,  S.  82.  6 )  Barmans  1863,  S.  43.
6 )  Köln  1907,  Bd.  1,  S.  21.  ? )  Nürnberg  1535,  Decretum  i.  S.  1661.
8 )  Nürnberg  1536,  Decretum  i.  S.  1562.  9 )  Junghans  1896,  S.  393—394.
        <pb n="244" />
        204

1654—1672  geführten  Streit  zwangen  sie  den  Gerbern  noch  das
Schwarzzurichten  der  Leder  ab.  Die  Leipziger  Schuhmacherinnung  hielt
als  Erinnerung  an  jene  alten  Zustände  noch  im  17.  Jahrhundert  auf
ihrem  Jnnungshause  einen  eigenen  Corduanmachergesellen,  welcher  den
Meistern  Leder  zubereitete  Z.
Emen  neuen,  wenn  auch  geringen  Aufschwung,  erhielt  die  Corduanmacherei
  durch  die  Hugenotten,  unter  welchen  auch  einige  Corduaner,
d.  h.  also  Feinledergerber  mit  Sumach  und  Galläpfeln,  sich  befanden  2 ).
So  kommt  es,  daß  z.  B.  im  17.  Jahrhundert  in  Nürnberg  „ein  Corduanmacher,
  ein  Franzose"  war,  welcher  sich  natürlich  nicht  zu  den  eingesessenen
Nürnberger  Kuderwarern  hielt 8 ),  da  er  eine  ganz  andere  Ware  produzierte. ­
  Trotzdem  scheint  die  Corduanmacherei  in  Deutschland  nicht  mehr
auf  die  Höhe  gekommen  zu  sein.  Justi  berichtet  1780,  daß  eine  in  Halle
angelegte  Corduanfabrik  genugsam  gezeigt  habe,  daß  wir  den  Corduan
nicht  so  gut  und  schön  machen  können,  als  dies  in  der  Türkei  geschieht  4  *  *  * ),
und  1796  war  man  wieder  so  weit  gekommen,  daß  man  die  zubereiteten
Bockfelle  aus  der  Türkei  über  Venedig  kommen  ließ,  um  sie  nur  noch
zu  narben,  zu  glätten  und  zu  färben  °).
Es  besitzt  also,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Corduan  für  uns  einerseits ­
  die  historische  Bedeutung,  daß  unter  seinem  Namen  vielleicht  die
Weißgerberei  aus  Spanien  nach  dem  übrigen  Europa  eingeführt  wurde,
andererseits  ist  er  aber  auch  ein  Beispiel  dafür,  daß  eine  Methode,
welche  ihren  heimatlichen  Boden  verlassen  hat,  um  in  einem  artfremden
Kulturkreis  einzudringen,  notwendigerweise  degeneriert.
Um  also  ein  Produktionsprinzip  gegen  den  zersetzenden  Einfluß
eines  fremden  wirtschaftlichen  Zustandes  zu  schützen,  um  seine  Entartung
zu  verhindern,  muß  die  Kultur,  welche  ein  Produktionsprinzip  erzeugt
hat,  mit  diesem  wandern,  sie  muß  sich  ausdehnen  und  kann  es  dann
bis  an  ihre  Randzonen  vorschieben.  Die  Ausbreitung  solcher  wandernder ­
  Kulturen  kann  vor  sich  gehen  entweder  in  mehr  friedlicher  Form
oder  im  Anschluß  au  kriegerische  Vorgänge.
Das  gewöhnliche  Agens  zur  friedlichen  Ausbreitung  einer  Kultur
bildet  der  Handel,  und  dieser  mag  hauptsächlich  das  Mittel  gewesen
sein,  durch  welches  zuerst  die  Phönicier  den  Griechen  die  Kenntnis  der
vegetabilischen  Gerbung  vermittelten")  und  durch  welches  vielleicht  auch
die  Römer  diese  Gerbemethode  kennen  lernten  ^).

0  Geißenberger  1895,  S.  172.
‘j  Beheim  1874,  S.  63.  3 )  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  149;  Nürnberg  17.
4 )  Justi  1780,  Bd.  II,  S.  584.  »)  Beckmann  1796,  S.  289.
«)  Vgl.  Hehn  1911,  S.  62;  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  8,  4.  Beilage;
Speck  1900,  Bd.  II,  S.  269;  Marquardt  1882,  S.  378.
Heinzerling  1882,  S.  2;  vgl.  auch  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  423.
        <pb n="245" />
        205

Die  Ausbreitung  des  römischen  Weltreiches  ging  im  Wege  kriegerischer ­
  Eroberungen  vor  sich,  und  damit  Hand  in  Hand  ging  wahrscheinlich
die  Wanderung  der  vegetabilischen  Gerbung  in  die  eroberten  Länder:
Deutschland,  Frankreich,  Spanien,  England.  Daß  die  Lederbereitung  durch
die  Römer  ausgebreitet  wurde,  das  beweist  z.  B.  der  Lederfund  von
Mainz,  bestehend  aus  Sohl-  und  Oberleders;  aber  dieser  Lederfund,
orientiert  uns  nicht  über  die  Art  der  Gerbung  und  den  Charakter  der
zum  Gerben  verwandten  Gerbstoffe;  denn  in  der  Länge  der  Zeit  ist
der  ursprüngliche  Gerbstoff  ausgelaugt  und  das  Leder  in  eine  humusgare ­
  Form  übergeführt  worden  2 ).
Von  vielleicht  noch  größerer  Bedeutung  als  die  Ausbreitung  des
römischen  Weltreiches  war  für  die  Geschichte  der  Gerberei  das  Vordringen
der  Araber;  denn  während  das  Abendland  bis  dahin  sich  wahrscheinlich
in  der  gewöhnlichen  Loh-  und  Sämischgerberei  erschöpfte,  brachten  sie
die  berühmte  orientalische  Feinledergerberei  nach  Europa.  Zwar  mag
auch  für  die  Ausbreitung  der  arabischen  Kultur  friedlicher  Handelsverkehr
auf  weite  Strecken  hin  gesorgt  haben,  so  z.  B.  nach  Schweden,  welches
in  lebhaftem  Austauschverkehr  mit  Konstantinopel  stand,  so  daß  man  in
Schweden  bis  jetzt  mehr  als  20000  arabische  Münzen  gefunden  hat^),
aber  der  Hauptsache  nach  war  die  Ausbreitung  der  arabischen  Kultur
eine  kriegerische,  und  dieser  Umstand  hat  ohne  Zweifel  viel  dazu  beigetragen,
daß  die  Kultur  des  Abendlandes  auch  heute  noch  so  viele  orientalische
Elemente  in  sich  schließt.  Von  größerer  Bedeutung  als  die  unentschiedenen ­
  Kämpfe  der  arabischen  Hauptfront  vor  Byzanz  war  für  die
Bewegung  der  arabischen  Kultur  das  Vordringen  des  westlichen  Flügels
längs  des  afrikanischen  Nordrandes  und  die  siegreiche  Occupation  von
Spanien.  Der  ganze  Weg  ihres  einstigen  Vordringens  läßt  auch  heute
uoch  den  arabischen  Einfluß  erkennen.  Chadames  in  Nordafrika  ist
nach  den  Reiseergebnissen  Duveyrier's  seit  dem  12.  Jahrhundert  durch
seine  Leder  berühmt  geworden  und  späterhin  sogar  namengebeud  für
die  spanischen  Guadamecils,  die  berühmten  Ledertapeten  von  Cordova,
Barcelona  und  Sevilla  H.  Der  Maroquin,  eine  Art  Saffian,  verdankt
seinen  Namen  den  arabischen  Lederfabriken  von  Marocco,  und  auf
den  Einfluß  der  Araber  auf  die  Lederarbeiten  sogar  des  Sudans  wurde
bereits  hingewiesen 6 ).  Vor  allen  Dingen  aber  war  es  Spanien,  wo
die  Araber  zur  Erhöhung  der  Steuerkraft  des  Landes  eine  Menge
orientalischer  Jndustrieen  einrichteten  °),  darunter  auch  die  bekannten
und  schon  besprochenen  Gerbereien  und  Lederfabriken  von  Cordova.  Als
dann  später  die  Morisken  vertrieben  wurden,  hatten  sie  ihre  Kulturmission
1 )  Deutsche  Gerbcrzeitung  1888,  Nr.  17.  2 )  Knapp  1897,  S.  157.
3 )  Montelius  1806,  S.  272;  vgl.  auch  Hell  1909,  S.  87.
^Davillier  1878,  S.  5-6.  °)  Schurtz  1900,  S.  55.  °)Diercks  1878,  S.24ff.
        <pb n="246" />
        206

erfüllt,  sie  hatten  für  die  Wanderung  der  arabischen  Kultur  nach  Spanien
gesorgt,  und  den  ganzen  Weg  ihrer  Eroberung  hatten  sie  in  arabisches
Kulturgebiet  umgewandelt,  auf  welchem  die  von  ihnen  eingeführten
Produktionsprinzipien  wie  auf  heimatlichem  Boden  ausgeübt  und  angewandt ­
  werden  konnten,  ohne  daß  die  Gefahr  zu  einer  Entartung
vorgelegen  hätte.
Abermals  anders  für  das  Land,  für  die  Gewerbetreibenden,  für
die  Methode  und  für  die  Bewegung  gestalten  sich  die  Verhältnisse  bei
der  Bewegung  eines  Produktionsprinzips  in  ein  Gebiet,  welches  zwar
seiner  ganzen  Anlage  nach  als  ein  Land  verschiedenen  wirtschaftlichen
Charakters  bezeichnet  werden  muß,  welches  aber  in  einer  Reihe  von
ausschlaggebenden  Punkten  sich  für  den  Empfang  des  Fremdlings  rüstet,
für  ein  Land,  in  welchem  der  Wille  besteht  und  lebendig  ist,  die  wirtschaftlicheBereitschaftin
  bezug  auf  den  Ankömmling  vorzubereiten.
Wenn  solche  Verhältnisse  vorliegen,  genügt  unter  Umständen  eine
einzelnePerson,  welche  den  Träger  eines  Produktionsprinzipes  vorstellt.
Als  Beispiel  dieser  Art  mag  die  Einführung  der  Safsianfabrikation  in
Europa  erwähnt  werden.  Der  französische  Minister  Graf  von  Maurepas ­
  schickte  1730  x )  mit  kgl.  Unterstützung  den  Chirurgen  beim  kgl.
Seedienst  Granger  mit  dem  Auftrage,  die  Kunst  der  Saffianbereitung
zu  studieren,  nach  der  Levante,  Ägypten,  Mesopotamien  und  Persien.
Granger  reiste  barfuß  nach  Art  der  arabischen  Professionisten  von
Ort  zu  Ort  und  wußte  sich  durch  Ausübung  der  Arzneikunst  das  besondere ­
  Vertrauen  der  Bewohner  zu  erwerben,  um  dabei  gleichzeitig
alles  Wissenswerte  sich  anzueignen.  Nach  seiner  Rückkunft  wurde  in
der  Vorstadt  Staint-Antoine  zu  Paris  eine  Sasfianfabrik  angelegt  *  2 ),
welcher  1749  die  Gründung  der  kgl.  Manufaktur  von  Barrois  zu
St.  Hippolyt  mit  ihrem  Patent  von  1765  folgte  3 ).  Weitere  Nachrichten
über  den  orientalischen  Saffian  wurden  erhalten  von  einem  Armenier
Philippo,  welcher  auf  Veranlassung  der  Londoner  Societät  nach  dem
Orient  gesandt  worden  war  H,  weiterhin  durch  den  russisch  kaiserlichen
Kollegienrat  Reineggs  über  die  Fabrikation  des  Saffians  zu  Tokat  in
Kleinasien,  durch  den  französischen  Handelsagenten  Broussonet  über  die
marrokanischen  Methoden  und  durch  Bojour  über  den  levantinischen
Saffians.  Die  erste  deutsche  Saffiangerberei  wurde  angelegt  durch
einen  gewissen  Binkebank  zu  Halle  in  Schwabens  und  eine  zweite
um  1800  zu  Calw  im  Württembergischen  ch.  Die  erste  französische
1)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  20;  Karmarsch  1872,  S.  679.
2 )  Dumas  1845,  S.  708.  3 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  48;  Dumas  1845,  S.  708.
4 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  20.
°)  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  32,  33,  34,  48.
«)  Beckmann  1796,  S.  288.  y  Ebenda.
        <pb n="247" />
        207

Fabrik,  welche  mit  Erfolg  gearbeitet  hat,  scheint  die  in  Choisy  le  Roi
bei  Paris  1797  gegründete  gewesen  zu  sein 1 ),  während  die  deutschen
Nachahmungen  anfänglich  weniger  glücklich  ausfielen 2 ).
Ein  anderes  Beispiel  der  Bewegung  einer  Methode  auf  diese  Weise
ist  die  Einführung  der  Pergamentmacherei  in  Berlin.  Hier  wurde
der  erste  Pergamentmacher  im  16.  Jahrhundert  angestellt,  und  die  Bestätigungsurkunde ­
  des  Meisters,  welcher  einen  ganz  neuen  Industriezweig
in  Berlin  einführte,  datiert  vom  25.  August  1551;  aus  ihrem  Inhalt
ist  bemerkenswert,  daß  der  Pergamenter  Zeit  seines  Lebens  allein  das
Recht  haben  solle,  Pergament  zu  machen,  und  daß  sich  kein  zweiter
neben  ihm  in  den  kurfürstlichen  Landen  niederlassen  dürfe  s ).
Diese  beiden  Beispiele  mögen  genügen;  die  Kameralisten  haben
später  in  Nachahmung  der  französischen  Methode  gefordert,  daß  jeder
Manufaktur  geschickte  Fremde  verschrieben  werden  sollten 4  * ),  welche  weiter
keine  Aufgabe  hätten,  als  andere  zu  unterrichten  und  die  Geschicklichkeit
in  den  Manufakturen  und  im  Lande  zu  verbreiten.  Wir  werden  später
noch  mehrere  hierher  gehörige  Beispiele  kennen  lernen.
Wenn  wir  die  beiden  angeführten  Beispiele  betrachten,  so  tritt
uns  als  gemeinsamer  charakteristischer  Zug  das  direkte  Interesse  der
Staatsregierung  entgegen.  Sie  unterstützt  die  Träger  der  neuen  Prinzipien, ­
  sie  sendet  sie  aus  oder  läßt  sie  kommen,  sie  veranlaßt  die  Gründung
einer  Anstalt  zur  Ausübung  des  neuen  Prinzips,  sie  privilegiert  den
neuen  Produzenten,  sie  gewährt  ihm  das  alleinige  Recht  der  Ausübung,
sie  schließt  jeden  anderen  von  der  Konkurrenz  vollkommen  aus;  also
genau  so,  wie  vorhin  der  Träger  eines  Produktionsprinzips  in  ein
artfremdes  Wirtschaftsgebiet  eine  Sonderstellung  eingenommen  hat,  so
tut  er  das  auch  jetzt  noch;  dieser  Punkt  hat  sich  nicht  geändert  und
kann  sich  nicht  ändern.  Nur  die  Stellung  des  Produzenten  ist  hier
und  dort  eine  grundverschiedene;  während  er  dort-  sozial  und  gesellschaftlich ­
  sinkt  und  die  Methode  in  seiner  Hand  degeneriert,  das  Gewerbe
verödet,  genießt  er  hier  eine  mehr  oder  weniger  scharf  ausgeprägte
Monopolstellung,  wobei  unter  Umständen  die  Regierung  künstlich  die
Nachfrage  nach  seinem  Produkt  erhöht:  Das  ist  die  Form  der  wirtschaftlichen ­
  Bereitschaft,  welche  von  der  Staatsleitung  provoziert  worden
ist-  Als  z.  B.  1830  John  Cockerill  die  Fabrikation  des  Leders  für
Karden  in  Lüttich  einführte 6 ),  da  waren  alle  diese  Maßnahmen  nicht
urehr  nötig,  die  Fabrikation  erfolgte  in  einem  bekannten  Wirtschaftskreise,
die  neue  Textilindustrie  erzeugte  Nachfrage  nach  diesen  Fabrikaten,  und

0  Karmarsch  1872,  S.  579.  -)  Beckmann  1798,  S.  287  f.
3 )  Ledermarkt  1899,  Nr.  88,  S.  14.  *)  z.  SS.  Justi  1780,  Bd.  I,  S.  107.
6 )  Bormans  1868,  S.  235.
        <pb n="248" />
        208

0  Gerberzeitung  1867,  S.  168.

•■)  Vgl.  S.  121.

alle  zur  Herstellung  dieses  Fabrikates  nötigen  Roh-  und  Hilssstoffe
lieferte  das  umliegende  Land.
Regierungsmaßnahmen  aller  größten  Stiles  müssen  ins  Werk  gesetzt
werden,  wenn  es  sich  darum  handelt,  eine  wanderndeBevölkerungsmasse
  zum  Träger  eines  Produktionsprinzips  zu  machen.  Das  Wesen
der  Regierungsmaßnahmen  ist  in  beiden  Fällen,  ob  der  Träger  eine
einzelne  Person  oder  eine  Bevölkerungsmasse  ist,  das  gleiche;  Schulbeispiele ­
  hierfür  sind  die  Kolonisationen  durch  die  Hugenotten,  die  Waldenser, ­
  die  Wallonen,  die  Schweizer,  die  Menoniten,  die  Salzburger;  der
Gesichtspunkt,  unter  welchem  die  Bewegung  von  Produktionsprinzipien
in  solchen  Füllen  erfolgt,  ist  weniger  die  Einführung  der  Methode,
dieser  allerdings  auch,  aber  vielmehr  noch  ist  es  die  Lösung  eines  Bevölkerungsproplems,
  welches  als  Folge  welthistorischer  Vorgänge  sich
eingestellt  hat.  Für  die  Geschichte  der  Gerberei  sind  von  Bedeutung
hauptsächlich  die  Hugenotten  geworden,  welche,  ebenfalls  vielfach  privilegiert ­
  und  unterstützt,  die  Glacegerbung  aus  Frankreich  über  ganz
Europa  verbreitet  haben.  Glacegerbung  als  reines  Produktionsprinzip
war  auch  früher  nicht  unbekannt.  Die  Mainzer  Handschrift  des  14.  Jahrhunderts ­
  kennt  unter  anderem  auch  eine  Vorschrift  zur  Gerbung  nach
Glaceart.  „Nach  Enthaarung  des  Felles  nimm  warmes  Wasser  und
löse  Alaun  darin  auf,  so  daß  auf  zwei  Häute  ein  Stück  in  der  Größe
eines  Eies  kommt,  hänge  die  Haut  hinein  und  laß  die  Lösung  eindringen.
Hat  man  dann  die  Haut  aus  dem  Alaunwasser  genommen,  so  mische
man  sogleich  das  nämliche  Wasser  mit  Eiern,  sechs  bis  sieben  Stück
auf  zwei  Häute;  in  dieses  Wasser  kommt  die  Haut  wieder,  wird  aber
beim  Herausnehmen  nicht  mehr  ausgedrückt,  sondern  man  läßt  sie  im
Dunkeln  trocknen.  Ist  sie  trocken,  so  reibt  und  reckt  man  sie  über  ein
Seil."  Nach  einer  anderen  Vorschrift  besteht  die  Gare  aus  Eiern,  Mehl
und  Alauns.  Daß  das  Kochsalz  hier  fehlt,  ist  nicht  von  Bedeutung,
weil  die  Vorschriften  keine  systematischen  Beschreibungen  der  Verfahren
sind,  sondern  weil  sie  nur  einzelne  Manipulationen  betreffen.  Interessant
ist,  daß  die  Gerbung  mit  Alaun  und  die  Gerbung  mit  Eiern  nacheinander
ausgeführt  werden.  Der  Grund,  warum  das  Verfahren  nicht  damals
schon  allgemeiner  ausgeführt  wurde,  ist  vielleicht  der,  daß  die  Nachfrage
fehlte;  erst  als  Ludwig  XIV.  für  weiße  Glacehandschuhe  und  damit
für  Glaceleder  lebhafte  Nachfrage  erzeugte,  kam  die  Methode  in  Schwung
und  ist  seitdem  ein  Bestandteil  der  abendländischen  Kultur  geworden.
Ich  habe  früher  für  Speier  aus  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts
berichtet  ^),  daß  dort  nur  wenige  Handschuhe  getragen  wurden;  daraus
sieht  man,  daß  die  starke  Nachfrage  nach  Glacehandschuhen  die  fran-
        <pb n="249" />
        209

Mischen  Grenzen  nicht  weit  überschritten  haben  kann;  daraus  auch
wird  es  erklärlich,  daß  im  Vordergründe  der  erwähnten  kolonisatorischen
Maßnahmen  viel  weniger  die  Handschuhmacherei  und  die  Glacegerberei
gestanden  hat,  als  z.  B.  in  Franken  die  Strumpfwirkerei;  aber  die
Glacegerberei,  zunächst  im  Rahmen  der  ganzen  Kolonisation  ebenfalls
vielfach  privilegiert,  hat  im  Laufe  der  Entwicklung  Nachfrage  erzeugt,
während  z.  B.  die  Strumpfwirkerei  unter  dem  Wechsel  der  Bedürfnisse
untergegangen  ist.  Das  ist  eben  das  Verhältnis  der  Regierungsmaßuahme
  zur  tatsächlichen  Entwicklung,  auf  welches  ich  schon  bei  Gelegenheit ­
  der  Wanderung  der  Chromgerberei  hingewiesen  habe.  Das  Sein
oder  das  Nichtsein  eines  Produktionsprinzips  ist  an  sich  ein  Punkt  von
geringer  Bedeutung  für  eine  Staatspolitik;  aber  das  Emporkommen
oder  der  Untergang  eines  solchen  Prinzips  bedeutet  das  materielle  und
soziale  Steigen  oder  Dahinsiechen  ganzer  Bevölkerungsschichten,  welche
eben  die  Träger  dieser  Prinzipien  sind.
Die  Einwanderung  der  Hugenotten  vollzog  sich  hauptsächlich  nach
Berlin,  Magdeburg,  Straßburg,  Preuzlau,  Halle,  Mannheim  u.  a.  J )
in  Preußen,  nach  Dresden  in  Sachsen,  nach  Schwabach  und  Erlangen
in  Bayern,  nach  Prag,  nach  England,  auch  nach  Dänemarks.  Die
Zahl  der  Familien,  welche  im  Laufe  des  17.  Jahrhunderts  Frankreich
verlassen  haben,  wird  auf  75000  mit  ca.  375000  Köpfen  geschätzt 8 ).
Die  Zahl  der  in  Preußen  bis  1703  eingewanderten  Refugiös  beträgt
etwa  20  000  4 ).  Viel  geringer  ist  die  Zahl  für  Bayern;  sie  beträgt  hier
für  Neuerlang  bis  1698  z.  B.  1000  Franzosen,  davon  63%  mit  Textilindustrie, ­
  6 1 /,  %  mit  Gerberei  beschäftigt 5 )  (!)  Die  Statistik  von  Neuerlang
für  das  Jahr  1787  führt  neben  200  Stumpfwirkern  u.  a.  13  Weißgerber ­
  und  9  Handschuhmacher  auf 8 ).  Der  Wert  der  Fabrikation  der
von  Schwabacher  Fabriken  und  Manufakturen  erzeugten  Produkte
beträgt  für  die  2  Weißgerbereien  1794  10000  fl/  neben  180000  fl.
Produktionswert  der  Strümpfe')  (!)  Die  Einwohnerzahl  von  Schwabach
betrug&amp;gt;,1716  494  Seelen,  davon  46  Strumpfwirker,  6  Gerber,  kein
Weißgerber 8 ).  1802  endlich  betrug  die  Zahl  der  Weißgerber  im  ganzen
Fürstentum  Bayreuth,  d.  h.  in  den  Kreisdirektionen  Hof,  Wunsiedel,
Eulmbach,  Erlangen,  Neustadt  a.  A.,  Bayreuth:  87  Meister,  16  Gesellen,
3  Jungen,  in  Summa  106 9 ).  Erwähnt  sei  noch,  daß  es  in  Berlin
Zur  Zeit  dieser  Einwanderungen  nur  einen  einzigen  Lohgerber  gab,  daß
aber  dann  durch  die  Franzosen  auch  auf  diesem  Gebiete  ein  lebhafter
Aufschwung  bewirkt  wurdet").
y  Beheim  1874,  S.  493  ff.  *)  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  327.
s )  Beheim  1874,  S.  59.  ■*)  Ebenda.  6 )  Schanz  1884,  S.  65.
°)  Schanz  1884,  S.  199.  0  Schanz  1884,  S.  312.  «)  Schanz  1884,  S.  295  ff.
Schanz  1884,  S.  213.  10 )  Beheim  1874,  S.  66.
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

14
        <pb n="250" />
        210

Die  Bedeutung  dieser  Kolonisation  für  die  Entwicklung  der  Glacegerberei ­
  ist  also  die,  daß  die  Glacefabrikation  außerhalb  Frankreichs
ihren  Beginn  wesentlich  von  der  Auswanderung  der  Hugenotten  aus
Frankreich  datieren  wird,  während  die  echte  Weißgerberei  bereits  mehrere
Jahrhunderte  vorher  in  Europa  eingewandert  ist.
Von  der  größeren  oder  geringeren  wirtschaftlichen  Bereitschaft  eines
Landes  hängt  also,  wie  wir  gesehen  haben,  die  Existenzfähigkeit  eines
Produktionsprinzipes  ab,  aber  Regierungsmaßnahmen  vermögen  hier
fördernd  oder  helfend  einzugreifen.  Unter  diesem  Gesichtspunkte  ist  z.  B.
die  Wanderung  der  Chromgerberei  nach  Indien  zu  betrachten,  wo
sich  der  Director  of  Industrial  and  Technical  Enquiries  bemüht
hat,  mit  Hilfe  der  Provinzialregierung  von  Madras  die  Mineralgerbung
im  Süden  des  Landes  einzuführen  *);  die  Regierung  hat  dort  selbst
Lederfabriken  eingerichtet,  zwei  Privatgerbereien  sind  mit  Unterstützung
der  Regierung  eröffnet  worden,  eine  alte  Eingeborenen-Gerberei  in
Perambur  wurde  erworben,  und  die  Regierung  hat  zu  ihrer  Einrichtung
40  000  Rs.  bewilligt 2 ).  Damit  ist  eine  ungeheure  Arbeitsmenge,  welche
ohne  diese  Fabriken  nach  England  wäre  gesandt  worden,  dem  Zulande
erhalten  geblieben.
Noch  interessanter  als  die  Einführung  nach  Indien,  ist  für  unsere
Betrachtung  die  Einführung  der  Gerberei  in  Japan,  wo  tief  im
Bewußtsein  des  Volkes  begründete  Abneigungen  überwunden  werden
mußten.  Die  Beseitigung  des  alten  Regimes  1868  führte  1871  zur
Aufhebung  der  Klassenordnung,  und  damit  waren  die  Etas  der  übrigen
Bevölkerung  rechtlich  gleichgestellt,  aber  das  Gerberhandwerk  war  nach
wie  vor  verpönt  und  verachtet.  Auch  hier  konnte  deshalb  nur  die
Regierung  die  Initiative  ergreifen,  sie  richtete  auf  Staatskosten  die  erste
Lederfabrik  ein,  und  erst,  als  dadurch  die  Gerberei  zu  einer  gesellschaftsfähigen ­
  Beschäftigung  geworden  war,  ging  die  Fabrik  in  Privatbesitz
über 3 ).
Haben  wir  nunmehr  auch  das  Wesen  und  die  Entwicklung  der
Produktionsprinzipien,  sowie  die  eigentümlichen  Formen  ihrer  Wanderung ­
  und  Verbreitung  kennen  gelernt,  so  haben  wir  uns  damit  den
Tatsachenkreis  verschafft,  um  welchen  das  tätige  und  schaffende  Leben
in  rastlosem  Flusse  seine  wirtschaftlichen,  rechtlichen,  sozialen  Gestaltungen
formt;  damit  sind  alle  nötigen  Voraussetzungen  gegeben,  welche  zum
Verständnis  ihrer  Einfügung  in  das  bunte  Gewirr  ökonomischer  Geschehnisse ­
  und  Zustände  erforderlich  sind.

')  Berliner  Berichte  1907,  S.  1346.
s )  Magyar  Böripar  1906,  Nr.  20.

2 )  Ledermarkt  1907,  Nr.  56,  S.  19..
        <pb n="251" />
        3.  Teil.

Die  ökonomische  Gestaltung  der
Meißgerkeeer.
7.  Kapitel.
Die  niederen  Formen  gewerblichen  Betriebes.
§  22.  Hauswerk,  Lohnwerk,  Hausindustrie.
Die  niederen  Formen  des  gewerblichen  Betriebes  sind  nicht  weniger
interessant  durch  die  Konstatierung  ihrer  Existenz  und  durch  die  Art
der  Betriebsmittel,  welche  das  Gewerbe  auf  diesen  Stufen  ermöglichen  r ),
als  durch  die  Art  der  Einfügung  der  Gerberei  in  den  auf  Familienwirtschaft ­
  gestellten  Haushalt.
Ob  die  im  H  a  u  s  w  e  r  k  zwischen  den  Geschlechtern  eintretende  Arbeitsteilung ­
  die  Fellarbeit  und  Gerberei  anfänglich  als  einen  Ausfluß  ursprünglichen ­
  Mutterrechts 2 )  der  Domäne  der  Frau  zuweist,  wie  sich  das
noch  bei  den  Huronen  am  Oberen  See,  wie  überhaupt  bei  den  nordamerikanischen ­
  Indianern  8 ),  bei  den  Kalmücken 4 ),  bei  Eskimos 5 ),  bei
Ostjaken 8 )  und  Abessiniern 7 )  beobachten  läßt,  oder  ob  die  Bearbeitung  der
Felle  in  der  primitiven  Wirtschaft  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Verwertung ­
  der  Jagdbeute  oder  des  Herdenreichtums  ursprünglich  den
Männern  zufällt 8 ),  kann  nur  innerhalb  eines  viel  größeren  Tatsachenkomplexes, ­
  als  ihn  die  Gerberei  allein  liefert,  Gegenstand  einer  Untersuchung ­
  werden.
Häufiger  treffen  wir  im  Hauswerk  die  Männer  mit  Lederarbeit
beschäftigt;  so  war  es  im  alten  Indien 8 ),  so  auch  großenteils  noch  in
st  Vgl.  S.  129  ff.  -)  Lippert  1887,  Bd.  II,  S.  215.
5 )  Ratzel  1894,  Bd.  I,  S.  482.  l )  Pallas  1776,  Bd.  I,  S.  249.
°)  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  218ff.;  Ledertechnische  Rundschau  1912,  S.  268.
°)  Pallas  1778,  Bd.  III,  S.  36.  7 )  Ledermarkt  1893,  S.  601.
b)  Schurtz  1900,  S.  135;  Schurtz  afr.  1900,  S.  91,  235.
9 )  Speck  1900,  Bd.  I,  S.  152;  Lesmann  1890,  S.  88.

14*
        <pb n="252" />
        212

der  homerischen  Zeit  4 );  auch  in  Deutschland  scheint  bis  gegen  Ende  des
1.  Jahrtausends  die  Lederarbeit  fast  ausschließlich  häusliches  Gewerbe
gewesen  zu  sein;  denn  sie  wird  als  städtisches  Gewerbe  genannt  zuerst
in  Gent  982 2 );  als  sich  dann  in  den  deutschen  Städten  höhere  Formen
des  gewerblichen  Betriebes  anbahnten,  blieb  daneben,  besonders  auf
dem  Lande,  Hauswerk  immer  noch  erhalten  s ),  wie  wir  dies  auch  heute
noch  beobachten  können  in  Georgien 4 ),  in  der  bulgarischen  Zadruga 5 ),  in
der  alten  norwegischen  Landgerberei  ^);  aber  bereits  die  letztere  stellt
eine  Übergangsform  zu  höheren  Betriebssystemen  dar,  indem  der  norwegische ­
  Bauer  sich  einen  Teil  des  Jahres  vorwiegend  mit  der  Landwirtschaft, ­
  einen  anderen  Teil  des  Jahres  vorwiegend  mit  Gerberei
beschäftigt,  in  welch  letzterem  Falle  er  sämtliche  Produktionsmittel  sein
eigen  nennt.  Je  nachdem  in  diesem  Verhältnis  zwischen  Landwirtschaft
und  Gerberei  das  Schwergewicht  sich  auf  die  Gerberei  verlegt  oder  auf
der  Landwirtschaft  ruhen  bleibt,  wird  das  eine  von  beiden  Hauptbeschäftigung, ­
  während  das  andere  als  Beigewerbe  erscheint.  So  hat
sich  der  Nachdruck  bei  den  russischen  Bauern  von  Ackerbau  und  Viehzucht ­
  stellenweise  auf  das  Gerben  verschoben;  in  Jagodnoje  Selo  bei
Kasan  waren  fast  alle  Bauern  Saffiangerber,  in  Katunka  an  der  Wolga
Kalbfellgerber,  und  eine  große  Anzahl  einzelner  Sohl-,  Fahl-  und  Juftenledergerber
  lebten  in  verschiedenen  Dörfern 7 ).  Die  Verhältnisse  sind
bei  den  wenigen  heute  in  den  kleinen  Orten  anzutreffenden  Gerbern  in
Deutschland  noch  die  gleichen.  Um  nur  einige  Beispiele  aus  Gegenwart ­
  und  Vergangenheit  anzuführen:  1621  besaß  der  Weißgerber  in
Vohenstrauß  ein  Haus  samt  Garten,  Feldern  und  Wiesen,  mit  537
Gulden  im  Steuerbuche  angeschlagen,  und  daneben  noch  Viehzucht 3 );
ein  Gerber  in  Kadolzburg  besaß  1855  7%  Tagwerk  Grundbesitz,  ab
1906  16 3 / 4  Tagwerk,  darunter  Hopfengelände,  so  daß  sich  das  Jahreseinkommen ­
  aus  der  Ökonomie  auf  mindestens  950  Mark  berechnen
läßt 3 ).  Ein  anderer  Gerber  hatte  1905  aus  7%  Tagwerk  ein  Einkommen ­
  von  mindestens  400  Mark,  und  als  1912  der  Grundbesitz  auf
14  Tagewerk  gestiegen  war,  bezog  er  ein  jährliches  Einkommen  von
1000  Mark.  Der  ursprünglich  selbständige  Gerber  war  inzwischen  in
eine  größere  Gerberei  eingetreten,  eine  Stellung,  welche  ihm  einen
jährlichen  Lohn  von  800  Mark  einbringt.  In  beiden  Fällen  betrug
das  Einkommen  aus  der  Gerberei  nach  der  Gewerbesteuerrolle  unter
500  Mark.  Ein  anderer  Gerber  in  Mittelfranken  bewirtschaftet  25  Tage') ­
  Riedenauer  1873,  S.  139;  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  256.
-)  Bücher  1839,  S.  196.  -&amp;gt;)  Dunker  1903,  S.  116.
4 )  Gogitschayschwili  1901,  S.  40—41.  6 )  Jwantfchoff  1896,  S.  31.
6 )  Deutsche  Gerberzeitung  1883,  Nr.  36.  7 )  Pallas  1783,  Bd.  IV,  S.  365.
8 )  Sperl  1909,  S.  30.  »)  Kadolzburg  Kataster  1886  ff.
        <pb n="253" />
        213

werk,  welche  er  teils  in  Eigenbesitz,  teils  in  Pacht  hat;  neben  den
100  Häuten  und  Fellen,  welche  er  durchschnittlich  jährlich  gerbt,  ist  der
Ertrag  aus  der  Ökonomie  ziemlich  bedeutend.  Ein  Gerber  bei  Windsheim ­
  hatte  1886  ein  Einkommen  von  1500—1800  Mark  aus  einem
Grundbesitz  von  35  Tagwerk,  und  ein  Weißgerber  in  Sachsen  besitzt
eine  Ökonomie  von  30  Scheffel  Land  und  4  Kühen;  dieser  letztere
Grundbesitz  verteilt  sich  so,  daß  23  Scheffel  Acker  einen  jährlichen
Ertrag  von  etwa  100  Ztr.  Korn  bedeuten,  die  übrigen  7  Scheffel  als
Wiese  für  die  Viehzucht  erhalten  werden.  In  all  den  letztgenannten
Fällen  ist  das  Einkommen  aus  der  Ökonomie  größer  als  aus  der
Gerberei;  man  sieht  aus  den  Beispielen  einerseits,  wie  das  Verhältnis
zwischen  Gerberei  und  Landwirtschaft  ein  wechselndes  ist,  andererseits
aber,  wie  der  Besitz  von  genügendem  Grund  und  Boden  einen  leicht
zu  bewerkstelligenden  Rückzug  der  kleinen  Gerber  auf  das  sichere  Einkommen ­
  aus  der  Landwirtschaft  zuläßt;  ein  derartiger  Rückgang  des
Gewerbes,  also  eine  Rückkehr  zum  originären  Nahrungserwerb  durch
Ackerbau  und  Viehzucht,  ist  eine  für  Weißgerber  seltene,  allerdings  nur
in  dünner  besiedelten  Gegenden  mögliche,  aber  sehr  begrüßenswerte  Erscheinung, ­
  weil  solche  Vorgänge  schwierige  soziale  Probleme  nicht  erzeugen. ­
  Die  kleineren  wohlhabenden  Gerber  mit  Grundbesitz  gestehen
fast  alle,  daß  schon  ihr  Vater  und  Großvater  den  Grund  ihres  Wohlstandes ­
  mit  der  Ökonomie  gelegt  habe,  während  sie  andererseits  zugeben,
daß  der  Verdienst  aus  dem  Handwerk  ein  leichterer  sei,  weil  ihnen  die
Gerberei  für  den  Fall  flotten  Geschäftsganges  in  sechs  oder  sieben
Arbeitsstunden  ebenso  viel  einträgt,  als  die  Landwirtschaft  in  einer
mühsamen,  langen  Tagesarbeit.  Hauswerk,  Lohnwerk,  Preiswerk,  Gewerbe
und  Landwirtschaft  gehen  bei  diesen  kleineren  Landgerbern  in  buntem
Gewirr  durcheinander,  und  das  scheint  nach  den  oben  angeführten  Beispielen ­
  dieser  Kategorie  schon  immer,  vielleicht  schon  seit  homerischen
Zeiten,  so  gewesen  zu  sein,  so  daß  es  schwierig  ist,  diese  Kategorie  von
gewerblichen  Arbeitern  eindeutig  in  dem  scharfen  System  klarer  Defiuitiouen
  unterzubringen;  ihr  Grundbesitz  ist  wechselnd,  das  Einkommen
uus  dem  Gewerbe  ist  schwankend,  die  Betriebsformen  des  Gewerbes
gehen  so  bunt  und  verwirrt  durcheinander,  daß  Hauswerk  über  Lohnb&amp;gt;erk
  und  Preiswerk,  selbst  bis  zur  Fabrikarbeit,  an  dem  gleichen  Tage
nebeneinander  an  den  gleichen  Produzenten  beobachtet  werden  können,
wobei  je  nach  der  momentanen  Lage  der  Verhältnisse  alles  nebeneinander ­
  besteht,  oder  der  eine  Teil  auf  Kosten  des  anderen  zeitenweise
zurückgeht  oder  verschwindet;  die  Formen  des  gewerblichen  Betriebes
sind  eben  mehr  oder  weniger  theoretische  Abstraktionen,  deren  reinliche
Scheidung  das  praktische  Leben  nur  selten  kennt.
Eine  eigentümliche  Form  des  Gewerbebetriebes,  welche,  wie  alle
        <pb n="254" />
        214

die  eben  besprochenen,  Absenker  des  Hausfleißes  darstellen,  ist  die  sog.
B  i  t  t  a  r  b  e  i  t.  Es  ist  die  von  alters  her  stammende  Sitte  der  gegenseitigen
Hilfeleistung,  wo  zur  Bewältigung  mancher  wirtschaftlicher  Aufgaben
die  Arbeitskräfte  einer  einzigen  Familie  nicht  ausreichen.  Diese  Bittarbeit
ist  mit  einem  Entgelt  verbunden,  welches  häufig  in  der  Form  von  Darreichungen ­
  gewährt  wird  *),  so  daß  die  ganze  Arbeit  mehr  den  Charakter
der  geselligen  Unterhaltung  trägt.  So  wird  bei  den  Kaffern  beim
gemeinschaftlichen  Abkratzen  der  Haut  geplaudert,  gesungen  und  geraucht 2 ),
besonders  interessant  aber  ist  die  Form  der  Bittarbeit  bei  den  Eskimos
wegen  der  originellen  Vereinigung  von  Arbeit  und  Vergnügen;  hier
werden  die  Felle  den  Mannsleuten,  und  sonderlich  den  Gästen  zwischen
den  Mahlzeiten  ehrenhalber  zum  Auskäuen  gereicht  und  von  diesen  wie
Konfekt  angenommen 2  *  * ).  In  der  Nord-Hudsonsbay  ist  das  Kauen  die
Tätigkeit  der  Eskimos  während  eines  Besuches^).
Es  ist  nicht  uninteressant,  an  dieser  Stelle  noch  einmal  kurz  auf
das  zur  Durchführung  der  Gerbeprozesse  nötige  Werkzeug  hinzuweisen.
Ein  Äscher  an  irgendeiner  Stelle  des  Hofes,  zwei  oder  drei  Gruben
an  einer  anderen  Stelle,  ein  Tisch,  ein  Schabebaum,  ein  Gefäß  mit  Tran
und  die  Eisen  sind  die  Werkzeuge  und  die  Werkstatt  des  kleinen  Gerbers,
wie  man  es  heute  noch  bei  uns  gelegentlich  sehen  kann.  Ähnlich  liegen
offenbar  die  Verhältnisse  bei  der  alten  norwegischen  Landgerberei:  „Der
Landgerber  ist  nicht  im  Besitze  einer  eingerichteten  Gerberei;  er  hat  nur,
wo  er  irgend  einen  passenden  Platz  in  seinem  Gehöfte  frei  hat,  ein  oder
zwei  Gruben  hingesetzt,  welche  als  Wasser-,  Färb-  oder  Versetzgruben
dienen,  noch  eine  Grube  für  Kalk,  und  die  Gerberei  ist  fertig.  Arbeitsstelle ­
  ist  das  Hinterhaus  oder  die  Diele,  wo  er  am  besten  guten  Platz
findet.  Das  Handwerkszeug  ist  dem  ähnlich.  Alte  abgelegte  Werkzeuge
werden  vom  städtischen  Gerber  gekauft,  den  Schabebaum  stellt  er  sich
selbst  aus  einem  Tanneubaum  her,  und  den  Tisch  gleichfalls"  °).  Noch
einfacher  ist  die  Werkstatt  und  das  Werkzeug  des  Preiswerkers  (!)  in
Bulgarien:  Ein  einziger  großer  Trog  aus  Holz  dient  hier  der  Reihe
nach  zum  Wässern,  Äschern,  Schwellen,  Gerben;  Schabebaum  und  Tisch
sind  nicht  vorhanden;  denn  zum  Abschaben  wird  die  Haut  an  einem
Nagel  aufgehängt  und  zum  Trocknen  in  einem  Holzrahmen  ausgespannt  *).
Wir  haben  ja  bei  der  Betrachtung  der  Betriebsmittel  bereits  gesehen,
wie  außerordentlich  primitiv  die  Werkzeuge  einerseits  zu  sein  vermögen,
wie  die  Existenz  von  richtigen  Gruben  keineswegs  immer  und  überall
zur  typischen  Gerberwerkstatt  gehört,  andererseits  haben  wir  gefunden,  daß
*)  Tarajanz  1897,  S.  28.  *)  Deutsche  Gerberzeituug  1897,  Nr.  102.
3 )  Cranz  1770,  Bd.  I,  S.  220;  Lippert  1886,  Bd.  I,  S.  314.
*)  Deutsche  Gerberzeitung  1881,  Nr.  31.
6 )  Deutsche  Gerberzeitung  1883,  Nr.  36.  6 )  Tarajanz  1897,  S.  47.
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        215

sich  der  Begriff  der  Werkstatt  nicht  selten  in  eine  Vielheit  verschiedener
Örtlichkeiten  zerlegen  kann  (vgl.  S.  136  ff.).
Unter  solchen  Verhältnissen  erscheint  Stör  arbeit  in  der  Gerberei
von  vornherein  nicht  ausgeschlossen  und  keineswegs  als  unmöglich.
Der  Hutmacher  in  Bulgariens  der  Riemenseilflechter  in  Georgiens
sind  Lederarbeiter,  welche  teilweise  auf  der  Stör  das  Leder  erst  gerben,
und  daraus  dann  Hüte  oder  Seile  verfertigen;  auch  die  Schlauchmacher
in  Georgien,  welche  die  Häute  mit  Alaun  und  nach  Verlauf  einiger  Tage
mit  Teer  gerben,  um  dann  erst  den  Schlauch  zu  verfertigen,  sind  häufig
auf  der  Stör  beschäftigt  ®).  In  der  Stadt  Loitz  wurde  von  den  dortigen
Schustern  ein  eigener  Zurichter  mit  Störarbeit  in  Nahrung  gesetzt,  und
seine  Arbeit  bestand  darin,  daß  er  die  Felle  schabte  und  spülte,  um  sie
schließlich  in  die  dem  Meister  gehörigen  Gruben  einzulegen  4 ).  Und
wenn  wir  nun  in  den  Handwerksakten  speziell  der  Weißgerber  nachsuchen, ­
  so  finden  wir  auch  hier,  daß  Störarbeit,  meist  in  Kombination
mit  Lederhausieren  und  Pfuscherei,  verboten  wird,  aber  eben  das  zeigt
uns  ihr  Vorhandensein  an.  In  Speier  soll  1766  keinem,  welcher  das
Bürgerrecht  und  die  Handwerksgerechtigkeit  nicht  besitzt,  zugelassen  sein,
»vor  sich  selbsten  eine  eigene  Werkstadt  oder  Gesind  zu  halten",  sondern
es  sollen  dergleichen  Personen  vor  Stöhrer  gehalten"  werden 6 ).  In
einem  Königsberger  Akt  von  1737  finden  wir  „und  ob  wir  zwar  nicht
gemeinet  sind  dem  Handwerck  die  eigenmächtige  Auftreibung  der  Stöhrer
und  Fuscher  ferner  zu  gestatten,  so  wollen  wir  doch  auf  eingebrachte
Klage  wieder  solche  Stöhrer  geschwinde  Justitz  durch  Wegnehmung  der
Arbeit  .  .  ," 6 );  in  einem  Würzburger  Akt  von  1717  wird  ebenfalls  die
„Störerey"  verboten  7 ),  und  den  gleichen  Gegenstand,  nämlich  die  fremden
Störer,  behandelt  ein  Würzburger  Akt  von  1615®).  Diefe  wenigen
Beispiele,  welche  sich  bei  einigem  Suchen  noch  um  ein  beträchtliches
vermehren  lassen  *),  besonders  aber  unsere  Untersuchungen  über  die  Betriebsmittel ­
  der  einfacheren  Gerbereien  zeigen,  daß  Störarbeit  und  Gerberei
keineswegs  in  einem  unnatürlichen  Verhältnis  zueinander  stehen,  wie
dies  Dunker  bei  seiner  Untersuchung  über  das  Dorfgewerbe  fortwährend
annimmt,  wenn  er  z.  B.  sagt  „Die  Dauer  des  technischen  Prozesses,  die
Gütigen  Räumlichkeiten,  Gruben  dazu  machten  Störarbeit  direkt  unmöglich" ­
  "),  eine  Anschauung,  aus  welcher  er  dann  auch  weitere  Konsequenzen ­
  zieht 11 ),  wie  die  „Die  Stör  ist  die  Normalform  des  berufsmäßigen
Dorfgewerbes.  Nur  für  Säge-  und  Walkmüllerei  und  Gerberei  deuten
*)  Tarajanz  1897,  ©.  36.  -)  Gogitschayschwili  1901,  S.  73.
s )  Ebenda.  4 )  Aebert  1895,  S.  38.  5 )  Speyer  1766.
°)  Königsberg  1737,  VIII.  7 )  Würzberg  1717.
8 t  Würzbnrg,  V,  S.  2028,  1615,  24.  Juni.  »)  Vgl.  S.  230,  Anm.  1.
10 )  Dnnker  1903,  S.  116.  u )  Vgl.  auch  S.  233.
        <pb n="256" />
        216

alle  Nachrichten  auf  Heimwerk"  x ).  Diese  drei  Gewerbe  werden,  wie
man  aus  der  Nebeneinanderstellung  obiger  Sätze  sieht,  unter  dem  Gesichtspunkt ­
  der  untransportabeln  Betriebsmittel  als  untauglich  zur  Störarbeit
erklärt;  und  gerade  die  Stellen,  welche  er  zitiert,  lassen  die  Möglichkeit
der  Störarbeit  mindestens  offen 2 ).
Neben  der  Stör  hat  natürlich  immer  auch  Lohnwerk  in  der  Form
von  Heim  werk  bestanden  und  besteht  heute  uoch  für  die  kleinen  Gerbereien ­
  fort.
Die  ursprünglicheEntlöhnung  des  gewerblichen  Arbeiters  geschieht
in  der  Naturalienwirschast,  wenn  möglich  sehr  häufig,  durch  die  Rohstoffe
oder  Hauptprodukte  des  betreffenden  gewerblichen  Arbeiters.  Das  ist
auch  für  die  Gerberei  der  Fall;  der  Gerber  wird  entlöhnt  z.  B.  durch
Überlassen  der  halben  Haut 2 );  nach  der  Gerichtsordnung  von  Glurns
soll  er  „ein  Vierling  .  ..  abschneiden,  das  die  augenlöcher  halbe  an  der
haut  beieiben",  oder  nach  den  Ordnungen  von  Stein  und  Latsch  „sollen
die  gerber  von  den  neuen  heuten  weiteres  nicht  nemben  als  allain  was
ihnen  .  .  .  billig  gehört  den  schwaif  und  die  Horn"  ch.
Solche  Formen  der  Entlöhnung  finden  sich  natürlich  verhältnismäßig ­
  selten;  denn  die  Regel  bildet  die  Entlöhnung  mit  Geld.  Schon
das  Edikt  Diocletians  präzisiert  scharf  die  Entlöhnung  für  das  Handwerk
der  Gerber 2 ),  und  aus  einem  ähnlichen  Motiv,  wie  dieses  Edikt  Diocletians ­
  entstand,  entstand  z.  B.  eine  Würzburger  Taxordnung  von
1696,  welche  gleichfalls  eine  Maximaltaxe  darstellt;  in  der  Einleitung
heißt  es  „weil  die  Handwerksleute  diejenige,  welche  ihre  Arbeit  bedörffen,
unmeßig  übersetzen,  ihren  Lohn  und  Feylschafften  allzuhoch  und  nach
eigenem  belieben  ersteigern"  wird  die  folgende  Taxordnung  gegeben 2 ):

Bon  einer  guten  Hirschhaut  zubereiten
Von  einer  Wildhauth  zubereiten
Von  einem  Rehfell
Von  einer  guten  Bockhauth
Von  einer  mittelmeßigen  Bockhauth
Von  einer  alten  Geißhauth
Von  einem  Jährling
Von  einem  Kalbfell  zubereiten
Ein  Hammelshaut
Ein  Schaasfell
Ein  Lambsfell

1  Thaler
12—13  Batzen

Im  allgemeinen  wird  das  Lohnwerk  in  den  Ordnungen  soviel  als
möglich  beschränkt');  in  einem  Nürnberger  Ratsbeschluß  vom  28.  April

Dunkel  1903,  S.  136.  -)  Vgl.  Dunker  1903,  S.  119,  131.
s )  Rübling  1897,  S.  462.  *)  Dunker  1903,  S.  119.
°)  Mommsen  1893,  S.  24—25,  59.  °)  Würzburg  1696.
7 )  Vgl.  auch  6.  230,  Anm.  4.
        <pb n="257" />
        217

1567  heißt  es  für  die  Weißgerber:  „Daneben  soll  man  den  geschwornen
Rothlederern,  auch  dem  Nagl  vnnd  Tag  (es  sind  das  zwei  Weißgerber,
welchen  die  ausdrückliche  Erlaubnis  zum  Sämischgerben  von  Ochsenhäuten
erteilt  worden  ist)  anzeigen,  das  sie  sich  das  gerben  vmb  den  Lohn
enthalten,  vnnd  nit  mehr  vmb  die  belohnung  gerben  sollen,  dann  was
die  Ordnung  zulest"  Z,  und  noch  in  einer  Augsburger  Ordnung  von
ca.  1800  finden  wir:  „Es  soll  Rohleder  um  Lohn  arbeiten  mehr  nit
zugelassen  sein,  als  soviel  jemand  ...  für  sich  und  die  seinigeu  zur
Ankleidung  gebrauchen  möchte" 2 ).
Die  Lohnarbeit  geschah  in  vielen  Fällen  direkt  für  den  letzten
Konsumenten,  welcher  das  Sämischleder  dann  vom  Schneider  oder  Säckler
wieder  in  Lohnarbeit  weiter  verarbeiten  ließ.  Nach  einer  Magdeburger
Ordnung  von  1686  wird  den  Meistern  verboten,  die  Lohnfelle  in  den
Städten  oder  Dörfern  in  die  Häuser  zu  tragen;  nur  den  Ständen  der
Geistlichen,  der  Adeligen  und  der  Ratsherrn  dürfen  die  Lohnfelle  zwar
ins  Haus  gebracht  werden,  aber  es  darf  auch  aus  ihren  Häusern  keine
Lohnarbeit  abgeholt  werden 8 ):  Es  ist  das  Prinzip,  daß  der  Meister
den  Kunden  erwarten  soll,  ihm  nicht  entgegenlaufen  darf,  welches  neben
der  Lohnarbeit  noch  aus  dem  angeführten  Satze  spricht.  Ähnlich  wurde
auch  den  Leipziger  Weißgerbern  1693  das  Abholen  der  Lohnfelle  außerhalb
der  Stadt  verboten  Z.  Die  Hauptabnehmer  der  Weißgerber  waren  in
der  Zeit  des  typischen  Handwerks  (also  Preiswerks)  die  Gewerbetreibenden
selbst,  und  hierfür  finden  sich  dann  wieder  besondere  Bestimmungen.
Den  Schuhmachern  in  Leipzig  bleibt  1496  das  Recht,  auswärts
Felle  gerben  zu  lassen 5 ),  und  nach  der  Königsberger  Gerber-Rolle  von
1582  soll  kein  Schuster  mehr  Leder  gerben  lassen  „denn  was  er  zur
Notdurfft  seines  Handwerks  bedarff  hat" 6 ).  Solche  Bestimmungen  sollen
den  Lederhandel  von  seiten  unberechtigter  Gewerbetreibender  verhindern,
ebenso  wie  die  folgenden:  In  Speier  darf  1766  kein  Weißgerber  einem
Säckler  Felle  oder  rohe  Häute  um  Lohn  bereiten  7 ),  und  in  Augsburg
finden  wir  noch  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  das  Verbot:
»Ein  Weißgerber  aber  den  andern  Rohe  Wahr  um  Lohn  arbeiten  nit
gestattet  sein" 8 ).
Das  Lohnwerk,  über  welches  Grandke 8 )  kein  Wort  verliert,  war
schon  nach  den  angeführten  Zitaten  zu  allen  Zeiten  des  Handwerks
eine  Einnahmequelle  von  hoher  Bedeutung;  besonders  aber,  als  das
Handwerk  abwärts  ging,  kehrten  die  Handwerker  wieder  zu  der  Form
0  Nürnberg  1535,  Decretum  i.  8.,  28.  April  1576.
2 )  Augspurg  ca.  1800.  3 )  Magdeburg  1686,  34»ens.
■*)  Junghans  1896,  S.  406.  6 )  Geißenberger  1895,  S.  172.
*)  Königsberg  1582,  18ten«  und  ZZt-ns.  i)  Speyer  1766.
8 )  Augspurg  ca.  1800.  8 )  Vgl.  Grandke  1897,  S.  1057—58.
        <pb n="258" />
        218

des  Lohnwerks  zurück,  und  zwar  zu  dieser  in  einer  zweifachen  Weise.
Entweder  nämlich  beschränkten  sie  sich  auf  die  typische  Lohngerberei  für
den  Privatkunden,  welche  hauptsächlich  Sämischgerberei  neben  wenig
Weißgerberei  an  Schaffellen  oder  Schaf-  und  Katzenpelzen  umfaßt;
die  kleinen  Weißgerber,  welche  ich  besuchte,  üben  sämtlich  fast  nur  noch
Lohngerberei  aus,  und  es  ist  nicht  uninteressant,  in  ihren  Auftragbüchern ­
  zu  blättern,  um  hier  zu  sehen,  wie  einerseits  die  Zahl  der
Aufträge  von  Jahr  zu  Jahr  abnimmt,  andererseits  aber  zu  sehen,  wie
von  Jahr  zu  Jahr  die  immer  weniger  werdenden  Aufträge  aus  immer
weiteren  Fernen  zu  ihnen  gelangen.  Es  ist  das  ein  Zeichen  dafür,
daß  zuerst  in  ihrer  näheren,  und  dann  in  immer  fernerer  Umgebung  die
Weißgerbereien  eingegangen  sind,  bis  die  betreffende  Lohngerberei  schließlich ­
  noch  den  einzigen  Gewerbetreibenden  dieser  Art  in  einem  großen
weiten  Territorium  darstellt.  Hat  dieses  Territorium  schließlich  eine
gewisse  obere,  und  die  Lohnarbeit  eine  gewisse  unter  Grenze  erreicht,
dann  geht  die  Lohnarbeit,  soweit  Sämischgerberei  vorliegt,  durch  zwei
Hände;  denn  nunmehr  rentiert  die  alte,  der  Erhaltung  sehr  bedürftige
Sämischgerberwalke  nicht  mehr;  daher  geht  diese  ein,  und  der  Lohngerber
wässert,  äschert,  entfleischt  und  enthaart  die  Häute  zwar  noch  selbst,  aber
zum  Walken  schickt  er  die  Blößen  in  die  Fabrik  oder  an  irgendeinen
anderen  Sämischgerber,  welchem  der  Zufall  in  halbwegs  handlicher
Nähe  noch  eine  Walke  aufgehoben  hat.
Letztere  Form  des  Betriebes  kann  man  wohl  als  eineZwerggerberei,
als  einen  Zwergbetrieb  bezeichnen,  nämlich  unter  dem  Gesichtspunkte,
daß  die  Aufträge  bereits  so  gering  geworden  sind,  daß  sie  nicht  einmal
mehr  die  Erhaltung  der  zum  vollen  Betriebe  nötigen  Betriebsmittel
ermöglichen;  freilich  ist  gerade  die  Walke  in  ihrer  durch  Wasserkraft
betriebenen  Form  ein  für  kleinere  Geschäftsbetriebe  ziemlich  kostspieliges
Betriebsmittel;  allein,  wir  haben  gesehen,  daß  auch  da  eine  Rückkehr
zu  einer  einfacheren  Form  mit  Handbetrieb  gefunden  werden  kann;  daß
die  einfachere  Form  dieses  Betriebsmittels  so  äußerst  selten  vorhanden
ist,  ist  auffallend,  und  beweist  die  geringe  Initiative  des  allerdings  oft
tief  genug  gesunkenen  Handwerks,  wenn  es  gilt,  die  eigene  Selbständigkeit
zu  verteidigen.
Diese  letztere  Form  erinnert  aber  auch  noch  an  ein  anderes  Betriebssystem, ­
  nämlich  an  die  Hausindustrie  insofern,  als  sich  hier  zwischen
dem  an  der  Walke  arbeitenden  Gerber  und  den  Privatkunden  als
Mittelsperson  der  bis  zu  einem  gewissen  Grade  eines  kleinen  Marktes
kundige  Zwerggerber  einschiebt;  dies  sei  nur  angeführt,  um  zu  zeigen,
zu  welch  interessanten  ökonomischen  Verhältnissen  ein  Betriebsmittel,
wie  es  die  Walke  ist,  Anlaß  geben  kann.  Es  ist  eine  Form  der  Arbeitsteilung ­
  im  kleinen,  aber  veranlaßt  durch  ganz  andere  Motive,  als  man
        <pb n="259" />
        219

')  Königsberg  1737.  -)  Jung  1794,  S.  617.

gewöhnlich  zur  Arbeitsteilung  führend  bezeichnet.  In  den  höchsten
Formen  der  ökonomischen  Betriebssysteme  bezeichnet  man  diese  Art  der
Arbeitsteilung  bekanntlich  mit  dem  Worte  „Spezialisation";  diesen
Ausdruck,  welcher  dort  eine  ganz  andere  Entstehungsgeschichte  und  einen
ganz  anderen  Inhalt  in  sich  birgt,  hier  anzuwenden,  erscheint  nicht  angängig; ­
  denn  die  Spezialisation  ist  eine  Form  des  Aufstiegs,  aber  die
oben  angeführten  Verhältnisse  sind  eine  Form  des  Niederganges;  letzteres
ist  abermals  ein  Punkt,  welchen  die  eben  geschilderten  Verhältnisse
häufig  mit  der  Hausindustrie  gemeinsam  haben;  denn  auch  die  Hausindustrie ­
  erscheint  ihrer  Entstehung  nach  nicht  selten  als  eine  Form  des
gesunkenen  und  in  Abhängigkeit  geratenen  Handwerks;  nur  schiebt  sich
hier  zwischen  den  Produzenten  und  den  Konsumenten  nicht  der  Zwerggerber, ­
  sondern  der  reine  Händler  ein.
Die  Weißgerberei  zeigt,  wenngleich  verhältnismäßig  selten,  auch
diese  Form  des  Betriebes.  Nach  einem  Königsberger  General-Privilegium ­
  und  Jnnungsartikel  für  das  sog.  Kombinierte  Gewerck  der
Weißgerberei  von  1737  wird  „den  Juden  das  Aufkauften  der  Schaafselle
  aufm  Lande  zum  Verlag  der  einländischen  Weißgerber  und  Kürschner
noch  ferner  verstattet  bleiben"  ;  1794  schlug  Jung  ^),  da  allerdings
für  Sohlleder,  damit  dieses  lange  genug  in  den  Gruben  liegen  könne,
den  Verlag  und  die  Aufsicht  eines  fabrizierenden  Kaufmanns  vor,  wenn
der  Gerber  selbst  nicht  kapitalkräftig  genug  sei.
In  der  Folgezeit  scheint  sich  eine  echte  Hausindustrie  auf  der
Gerberei  nicht  begründet  zu  haben;  denn  bei  diesem  Gewerbe  fehlen
tatsächlich  alle  die  Bedingungen,  welche  die  Hausindustrie  als  eine
besondere  Form  des  gewerblichen  Großbetriebes  erscheinen  lassen  könnte;
der  Bezug  der  Rohstoffe  und  Hilfsstoffe  muß  im  Großen  geschehen,  also
durch  den  Verleger;  und  dieser  müßte  die  Produkte  an  die  Gerber
verteilen;  die  fertige  Ware  mit  allen  Nebenprodukten,  wie  Wolle,  Leimleder ­
  usw.,  welche  immer  einen  hohen  Wert  repräsentieren,  müßten  an
den  Verleger  zurückgehen,  wobei  Zurückhaltung  von  Wolle  oder  Leimleder
unvermeidlich  wären,  ebenso  wie  es  unkontrollierbar  wäre,  ob  der  Gerber
die  gelieferten  Hilfsstoffe  in  den  angegebenen  Mengenverhältnissen
tvirklich  verbraucht  hat.  Neben  dieser  mehr  kaufmännischen  Seite  käme
dann  erst  die  gewerblich-technische  in  Betracht,  wo  der  kleine  Gerber,
besonders  bei  der  gewöhnlichen  Weißgerberei,  mit  seiner  Leistungsfähigkeit ­
  in  vielen  Operationen  hinter  der  Maschine  zurückstehen  müßte.  Man
könnte  hier  daran  denken,  daß  wenigstens  einige  Operationen  der
Weißgerberei,  wie  das  Zurichten  auf  dem  Stollpfahl,  hausindustriell
betrieben  werden  können;  allein  auch  das  scheint  nicht  vorzukommen;
        <pb n="260" />
        220

in  einer  Aufzählung  der  hausindustriell  wichtigsten  Gewerbe  von  1889
sind  unter  je  100  Betrieben  hausindustriell  organisiert  in  der  Leder-,
Wachstuch-  und  Gummiindustrie  nur  2,3;  unter  100  Personen  sind
hausindustriell  beschäftigt  in  diesen  Jndustrieen  nur  1,2  a );  diese  Zahlen
zeigen  schon,  wie  außerordentlich  wenig  sich  die  Lederindustrie  überhaupt
für  hausindustrielle  Organisationen  eignet.  Die  wenigen  Gewerbe  der
Lederindustrie,  welche  hausindustriell  betrieben  werden,  sind  Schuhmacherei,
Handschuhmacherei,  Kürschnerei,  Sattlerei.  Nach  der  Berufs-  und
Gewerbezählung  im  Deutschen  Reiche  vom  14.  Juni  1895  wurden
statistisch  beobachtet  an  Hausindustriellen  in  der  Gerberei  (also  alle
Arten  von  Gerberei)  von  43969  gewerbstätigen  Personen  nur  126  oder
0,3  °/g  2).  Endlich  seien  noch  angeführt  die  Berichte  der  Fabrikinspektoren
über  Heimarbeit  in  Bayern  aus  dem  Jahre  1906  3 ),  welche  über  Gerberei
im  allgemeinen,  wie  über  Weißgerberei  im  besonderen  nicht  einen  einzigen
Fall  von  Heimarbeit  erwähnen.
Anders  liegen  natürlich  die  Verhältnisse  der  Heimarbeit,  wenn  sie
in  der  aufsteigenden  Linie  der  gewerblichen  Betriebssysteme  auftritt;
wir  haben  ja  gesehen,  daß  Gerberei  im  Hausfleiße  gar  nicht  selten  zu
beobachten  ist,  und  dieser  führt  in  seinen  verschiedenen  Entwicklungsmöglichkeiten ­
  unter  geeigneten  Verhältnissen  auch  zur  Hausindustrie.
Solche  Hansindustrie  zur  Fabrikation  von  Sämischleder  kommt  vor  im
Petschoragebiet,  und  dort  hauptsächlich  in  drei  am  Flusse  Jschna  gelegenen
Gemeinden.  Die  Hausindustrie  tritt  hier  auf  als  Nebenbetrieb  der
Renntierzucht,  und  die  Gerbereien  arbeiten  mit  einem,  zwei,  höchstens
drei  Arbeitern,  vorzugsweise  ihren  eigenen  Familienangehörigen;  die
fertigen  Produkte  werden  von  Aufkäufern  im  Winter  nach  St.  Petersburg ­
  und  Moskau  gebracht,  um  dort  verhandelt  zu  werden  4 ).
Wir  sehen  also,  daß  die  Gerberei  im  allgemeinen,  wie  auch  die
Weißgerberei  im  besonderen  keineswegs  so  arm  an  gewerblichen  Betriebssystemen ­
  ist,  wie  sie  gewöhnlich  dargestellt  zu  werden  pflegt;  alle  bisher
besprochenen  Formen  in  der  reichen  Mannigfaltigkeit  ihrer  Ausbildung
und  Mischung  lassen  sich  beobachten,  und  sie  beweisen,  daß  selbst  ein
räumlich  scheinbar  so  fest  fixierter  Verrieb,  wie  die  Gerberei  ihn  nach
heutiger  Anschauung  fordert,  sich  keineswegs  in  Fabrik  und  Handwerk
erschöpft.
y  Stieda  1889,  S.  60.
-)  Rauchberg  1899,  S.  92—93,  100,  134.
')  Fabrikinspektoren  1906,  S.  6,  9,  32,  46,  48,  51.
*)  Berliner  Berichte  1903,  S.  661.
        <pb n="261" />
        221

8.  Kapitel.
Das  Handwerk.
§  28.  Die  Entstehung  von  Handwerk  und  Zunft.
Die  rein  ökonomisch  eEnt  st  ehung  des  Betriebssystemes  „Handwerk" ­
  aus  der  familienhaften  Produktionsweise  des  bäuerlichen  Hausfleißes
ist  eine  Entwicklungserscheinung,  welche  die  Geschichte  jedes  Volkes  in
der  Entwicklungsstufe  beobachten  läßt,  welche  Roscher  in  seinen  Ansichten ­
  der  Volkswirtschaft  als  „Mittelalter"  bezeichnet  hat\  Ein  wertvolles ­
  Dokument  dieser  Entwicklungsstufe  sind  die  homerischen  Gesänge
welche  hauptsächlich  von  Riedenauer  °),  Büchsenschütz  8 )  und  Blümner  *)
daraufhin  untersucht  worden  sind,  während  für  diese  Entwicklung  des
deutschen  Handwerks  die  vvrkarolingische  und  die  karolingische  Zeit  das
Beobachtungsmaterial  liefert,  dessen  eingehendere  Untersuchung  in  dieser
Richtung  hauptsächlich  seit  Gfrörerfl  datiert.  In  allen  diesen  Phasen
ergibt  sich,  was  schon  im  vorigen  Paragraphen  angedeutet  wurde,  ein
Nebeneinanderbestehen  von  ausgedehntem  Hausfleiß  neben  entlohnten
Demiurgen 8 )  oder  bezahlten  Handwerkern.  Die  Entwicklung  in  der
angegebenen  Richtung  ist  eine  allgemeine  und  allgemein  anerkannte,  da
das  einschlägige  Tatsachenmaterial  als  ziemlich  eindeutig  und  einheitlich
sich  erweist.
Anders  gestalten  sich  die  Verhältnisse  bei  der  Frage  nach  den
Drganisationsursachen  des  Handwerks  zu  geschlossenen  Verbänden,
Genossenschaften,  Kollegien,  Innungen,  welche  ihre  höchste  ökonomische,
rechtliche,  politische  und  soziale  Form  in  der  Zunft  erlangen.  Den
Kernpunkt  aller  hierüber  aufgestellten  Theorieen,  des  Ursprungs  aus
hosrechtlichen  Handwerksverbänden,  der  Bildung  aus  kirchlichen  Fratervitäten,
  der  Nachahmung  von  römischen  Kollegien  oder  der  Entstehung
als  natürlichen  Ausfluß  der  Marktordnung  auf  Grund  obrigkeitlicher
Verwaltungsmaßnahmen  fl,  bildet  die  Annahme  des  räumlichen  Zusammenwohnens ­
  oder  Zusammenarbeitens  von  Handwerkern  gleicher
Gewerbe:  gemeinsame  Stadtquartiere,  unter  Umständen  auch  Benennung
dieser  Straßen  oder  Plätze  nach  den  einschlägigen  Gewerben,  werden
fl  Roscher,  Ansichten  der  Volkswirtschaft,  S.  415,  Anm.  30.
fl  Riedenauer  1878.  s )  Büchsenschütz  1869.  fl  Blümner  1869.
fl  Gfrörer  1866.
fl  Riedenauer  1878,  S.  7ff.;  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  256.
fl  Keutgen  1903,  S.  137,  139,  141;  vgl.  auch  Schurtz  1900,  S.  278.
        <pb n="262" />
        222

angegeben  für  die  Phönicier  *),  für  die  Israeliten 2 ),  wie  überhaupt  für
die  orientalifchen  Gewerbes;  so  auch  für  die  kleinasiatischen  Griechen*),
für  die  Handwerker  in  Rom"),  endlich  auch  für  die  ursprünglichen
Wohnverhältnisse  des  deutschen  Handwerks  in  den  Städten *  *  6 );  wir
werden  auf  diesen  Punkt  für  das  deutsche  Handwerk  bei  der  Untersuchung ­
  der  Nürnberger  Jrherstraße  des  14./15.  Jahrhunderts  noch
einmal  zurückkommen  (vgl.  §  32,  Endabschnitt!).
Das  Verhältnis  zwischen  StaatundGewerbezur  Entstehungszeit
dieser  Handwerksgenossenschaften  7 )  gibt  dem  gemeinsamen  Kern  dieser
Theorieen  dann  eine  verschiedene  Färbung  in  der  Weise,  daß  das  Zusammenwohnen, ­
  wie  auch  der  genossenschaftliche  Zusammenschluß  bald
aus  dem  freien,  immanenten  Assoziationsbetriebe  erfolgt 8  * ),  bald  unter
einem  von  außen  her  ausgeübten  Zwange  vorgenommen  wird").  Die
hofrechtliche  Theorie  schneidet  unter  diesen  Gesichtspunkten  gerade  für
die  Lederarbeiter  am  schlechtesten  ab,  da  diese  Handwerkerkategorie  in
den  Arbeitshäusern  der  Karolinger  in  verschiedenen  Räumen  untergebracht ­
  ist  10 ),  und  da  gerade  hier,  wo  eine  etwas  größere  Anzahl  gleichartiger ­
  Handwerker  vorliegt,  jede  Spur  von  einer  auch  äußerlichen
Anerkennung  einer  etwa  bestehenden  Organisation  vollkommen  fehlt.
Die  Einordnung  der  Handwerker  in  die  Kastenordnungen  des  Altertums
und  vielleicht  im  Anschluß  daran  die  Bildung  von  Handwerkerverbänden
scheint  nur  in  Ägypten  und  in  Argos  unabhängig  von  römischem  Einfluß ­
  geschehen  zu  sein;  jedoch  läßt  sich  eine  historische  Kontinuität  mit
römischen  Collegien,  in  welchen  gleich  von  Anfang  an  Gerber  und
Lederarbeiter  auftreten"),  nur  au  wenigen  Stellen  des  nördlicheren
Europas  nachweisen.
Einen  weiteren  Punkt  von  mehr  politisch-sozialer  Bedeutung  bildet
diegesellschaftlicheStellungdes  Handwerkerstandes,  welche  in  dem
Maß  der  diesem  zukommenden  öffentlichen  Befugnisse  einen  rechtlichen  Ausdruck ­
  findet.  Es  scheint  bei  den  verschiedenen  Entwicklungen  der  Gang
insofern  ein  ähnlicher  gewesen  zu  sein,  als  das  ursprünglich  mehr  oder

y  Movers  1849,  Bd.  II,  S.  522.  -)  Ebenda.  -)  Ebenda.
*)  Poland  1909,  S.  116  f.,  121  ff.
°)  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  248,  251;  Marquardt  1882,  S.  375.
e )  Keutgen  1903,  S.  143  ff.  ’)  Vgl.  Büchsenschuß  1869,  S.  1.
8 )  Vgl.  Schurtz,  Männerbünde,  und  Schurtz  1900,  S.  164,  278;  I.  f.  N.  1909,
Bd.  XXXVII,  S.  721  ff.
°)  Keutgen  1903,  S.  137;  vgl.  auch  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  423;  Bormans
1863,  S.  30.
,0 )  Gareis  1895;  ©sturer  1866,  Bd.II,  ©.189,139  f.,  142,169,172;  Mummenhoff ­
  1901,  S.  13;  Keutgen  1903  bis  S.  48,  55;  I.  f.  N.  1909,  Bd.  XXXVII,  S.  721  f.
n )  Poland  1909,  S.  125;  Büchsenschütz  1869,  S.  91;  Blümner  1875,  Bd.  I,
S.  275.
        <pb n="263" />
        223

Weniger  geachtete  Handwerk  durch  die  Aufnahme  von  Abhängigen,
Unfreien  oder  Sklaven 2 )  sozial  immer  tiefer  sinkt,  bis  dann  der  aus  dem
gedrückten  Handwerk  hervorgehende  Wunsch  nach  größeren  Freiheiten
und  Rechten  zu  erbitterten  Kämpfen  führt,  welche  wir  in  klassischer
Form  in  den  Kämpfen  zwischen  Plebejern  und  Patriziern  des  alten
Roms,  und  dann  etwa  1*/,  Jahrtausend  später  in  den  Zunftkämpfen
des  13./14.  Jahrhunderts  vor  uns  haben.  Bei  allen  diesen  Kämpfen
spielen  die  Gerber  nur  dann  eine  auffallende  Rolle,  wenn  sie  in  großer
Zahl  gegenüber  den  anderen  Handwerken  auftreten;  einen  hervorragenden
Anteil  an  solchen  Zunftkämpfen  hatten  z.  B.  die  Gerber  in  Lüttich  8 ) f
deren  spezielle  Geschichte  von  Stanislaus  Bormans  untersucht  worden
ist.  Da  der  Verlauf  jener  Zunftkämpfe  nichts  Auffallendes  bietet,  kann
hier  auf  jene  Schrift  verwiesen  werden.  Das  allgemeine  Ergebnis  aller
dieser  Kämpfe  des  Handwerks  um  ein  größeres  Maß  öffentlicher  Befugnisse ­
  war  überall  das  steigende  soziale  Ansehen  der  Gewerbetreibenden,
welches  z.  B.  in  Lüttich  nach  einem  vom  Adel  angezettelten  und  hauptsächlich ­
  durch  die  gemeinsame  Beteiligung  der  Gerber  vollständig  niedergeworfenen ­
  Aufstand  *)  seine  höchste  Spitze  in  der  Bestimmung  erreicht,
daß  Keiner  (also  auch  kein  Angehöriger  des  Adels)  am  Rate  der  Stadt
teilnehmen  könne,  wenn  er  nicht  einem  Gewerbe  angehöre.
Bei  allen  diesen  politischen  Bewegungen  des  Handwerks  mag  die
Brüderschaft,  deren  Entstehung  vielleicht  unter  dem  Gesichtspunkte  eines
politischen  Schachzuges B )  bei  ihren  Auseinandersetzungen  mit  dem  Adel
von  der  Geistlichkeit  angeregt  oder  unterstützt  worden  war,  eine  mögliche ­
  äußere  Form  für  den  Zusammenschluß  der  Handwerker  gewesen
sein,  und  zwar  eine  Form,  welche  noch  am  ehesten  die  obrigkeitliche
Sanktion  erlangen  konnte 8 ).  Daher  betrachten  die  obrigkeitlichen  Gewalten ­
  anfänglich  die  Brüderschaften  mit  dem  gleichen  scheelen  Gesichte 7 ),
suit  welchem  sie  später  der  Zunft  gegenüberstehen.  So  besteht  z.  B.  in  Köln
im  Anfange  des  13.  Jahrhunderts  unter  den  reich  entwickelten  Brüderschaften ­
  auch  die  Crispinus-Brüderschaft  der  Gerber  in  St.  Maria  in
capitolio 8 ),  und  das  Ende  des  14.  Jahrhunderts  bringt  hier  nach  einem
blutigen  Aufstande  einen  vollständigen  Sieg  über  die  Geschlechter;  dabei
^ird  ähnlich,  wie  in  Lüttich,  der  Schwerpunkt  des  politischen  Lebens
in  die  Gaffeln  und  Ämter  der  Handwerker  und  Gewerbsleute  verlegt 9 ').

*)  Büchsenschütz  1869,  S.  Iss.;  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  194.
2 )  Vgl.  auch  Marquardt  1879,  Bd.  I,  S.  157ff.;  Gfrörer  1866,  Bd.  II,
S.  179;  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  489ff.;  Hellwig  1882,  S.  15.
8 )  Siehe  Bormans  1863.  4 )  Bormans  1863,  S.  36,  40,  44.
5 )  Siehe  Bormans  1863,  S.  35  f.;  vgl.  auch  Hirsch  1855,  S.  295.
°)  Keutgen  1903,  S.  183,  171.  7 )  I.  f.  N.  1909,  Bd.  XXXVII,  S.  741.
8 )  Wirminghaus  1895,  S.  249.  »)  Ebenda.
        <pb n="264" />
        224

Im  Falle  des  siegreichen  Ausganges  der  Zunftkämpfe  läßt  sich  also
immer  das  völlige  Beiseiteschieben  des  religiösen  Charakters  zugunsten
der  mächtig  im  Vordergrund  stehenden  politischen  Funktionen  beobachten;
wenn  aber  umgekehrt  der  siegreiche  Adel  die  Handwerksverbände  sprengt,
dann  ist  die  Brüderschaft  die  Form,  in  welcher  sich  die  aufgelöste  Zunft
wieder  zu  sammeln  sucht;  auch  hierfür  bietet  Lüttich  ein  interessantes
Beispiel;  dort  waren  1684  die  geschworenen  Handwerke  jeder  politischen
Bedeutung  beraubt  worden,  und  nun  suchten  sie  beim  Erzbischof  um
die  Erlaubnis  zur  Gründung  einer  Brüderschaft  nach,  zwecks  Unterstützung ­
  der  kranken  oder  arbeitsunfähigen  Kameraden  x ).
Wegen  der  Gleichartigkeit  der  treibenden  Motive  bei  der  Bildung
von  Brüderschaft  und  Handwerk  sind  beide  ursprünglich  nicht  scharf
geschieden  fl.  Noch  1580  finden  wir  im  Würzburger  Statutenbuch  bei
dem  Handwerk  der  Weißgerber:  „Zum  Sechsten  sind  uff  diesem  Handwerk ­
  zwei  lange  Kerzen  die  man  in  den  Prozessionen  um  die  Nacht
trägt...,  dann  haben  sie  vier  Kluppen  Kerzen  und  sechs  kleine  Kerzen,
die  sie  zum  Begräbnis  brauchen"  3 ),  und  in  einer  Königsberger  Weißgerber-Ordnung ­
  von  1582  heißt  es  ebenfalls:  Wenn  die  Companey
würde  zusammenkommen  und  ihr  „bruderbier"  zusammentrinken 4 ),  oder,
Wann  die  Companey  zusammenkommt,  soll  keiner  Messer  oder  Gewehr,
kurz  oder  lang,  in  die  „Brüderschaft"  bringen  fl.  Später  aber  werden
Brüderschaft  und  Handwerk  scharf  geschieden.  Die  Gebühren  teilen  sich
z.  B.  in  einer  Weißgerberordnung  aus  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts
in  der  folgenden  Weise  „dem  Handwerk  einen  reichsthaler,  sodann  der
Brüderschaft  vor  wachs  in  die  Kirchen  1  fl."fl.  Erst  im  18.  Jahrhundert ­
  verschwindet  die  Brüderschaft  ganz,  aber  ihre  Gebote  sind  teilweise ­
  immer  noch  in  kraft,  sogar  noch  das  Gebot,  den  Leichnam  eines
verstorbenen  Milmeisters  zu  Grabe  zu  tragen.  So  sollen  in  Augsburg
um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  nach  den  Ordnungen  für  die
Weißgerber  sechs  junge  Meister  den  Leichnam  zu  tragen  angehalten
sein  fl,  und  im  Kirchhainer  Statut  für  die  Weiß-  und  Sämischgerberinnung ­
  noch  des  Jahres  1853  finden  wir  die  Bestimmung:  „Stirbt  ein
Jnnungsgenosse,  oder  die  Ehefrau  eines  Jnnungsgenossen,  so  haben  die
jüngeren  Genossen  nach  der  jedesmaligen  Anordnung  des  Obermeisters
die  Leiche  zu  Grabe  zu  tragen"  fl.
Wir  haben  damit  in  großen  Zügen  die  Entwicklung  der  öffentfl

  Bormans  1863,  S.  79.  fl  I.  f.  N.  1909,  Bd.  XXXVII,  S.  741.
fl  Würzburg  1580,  S.  490.
fl  Königsberg  1582,  2tens.  fl  Königsberg  1582,  Iltens,
fl  Würzburg  1660—83,  3tenS;  G.  2217,  anno  1661,  2tens.
fl  Augspurg  ca.  1800.
fl  Kirchhain  1853,  g  9.
        <pb n="265" />
        225

kicheren  Formen  des  Handwerks  kurz  besprochen  und  wenden  uns  nunmehr ­
  zur  Betrachtung  seiner  Entfaltung.
§  24.  Die  Entfaltung  der  Ledergewerbe  und  die  Entwicklung
des  Weitzgerberhandwerks.
Die  erste  Frage,  welche  uns  hier  beschäftigt,  ist  die  nach  der  Form
desAuftretens  der  Gerber  überhaupt  und  der  Weißgerber  im  besonderen.
Zu  den  ältesten  und  wichtigsten  Quellen,  welche  uns  hier  für  das
deutsche  Mittelalter  orientieren,  gehören  die  Rechtsdenkmäler  deutscher
Volksrechte.  Wenn  wir  in  diesen  Rechtsaltertümern,  z.  B.  in  der  Salia,
deren  Entstehung  wahrscheinlich  in  den  Anfang  des  6.  Jahrhunderts
zu  verlegen  ist,  nach  Gerbern  suchen,  so  finden  wir  nur  einen  einzigen
Lederarbeiter  erwähnt,  welcher  etwa  unserem  Sattler  entspricht  *);  auch
die  späteren  Rechtsdenkmäler  führen  einen  Gerber  niemals  an.  Etwas
eingehendere  Nachrichten  auch  über  gewerbliche  Verhältnisse  haben  wir
dann  aus  der  Karolingerzeit,  und  zwar  für  diese  sowohl  aus  weltlichen
als  auch  aus  geistlichen  Grundherrschaften.  In  allen  diesen  Fällen,  wo
manchmal  sogar  eingehendere  Aufzählungen  von  Handwerkern,  Handwerksprodukten ­
  oder  deren  Werkzeugen  vorliegen,  werden  Gerber  ebenfalls ­
  nicht  genannt;  so  ist  es  im  Wirtschaftskapitular  Karls  des  Großen
von  812,  so  im  Bauriß  von  St.  Gallen  von  etwa  820—830 3 ),  so  in
der  Wirtschaftsordnung  Adalards  von  Corbie  von  822 4 ),  so  ist  es  auch
später  noch,  so  in  der  Bauordnung  für  Farfa°)  von  1039—1048,  so
in  der  Abtei  Werden  im  12.  Jahrhunderts);  sogar  im  Kloster  Saint
Trond  bei  Lüttich  fehlen  noch  in  den  Jahren  1249—1272  die  Gerber 7 ).
Gfrörer  hat  aus  solchen  Verhältnissen  den  Schluß  gezogen,  daß  im
8-  Jahrhundert  die  Gerberei  nicht  durch  einen  besonderen  Handwerkerstand, ­
  sondern  durch  gewöhnliche  Arbeiter  oder  Bauern  betrieben  worden
fei®),  ein  Schluß,  der  seitdem  von  Riedenauer,  Büchsenschütz,  Blümner
u.  a.  auch  auf  die  ähnliche  Wirtschaftsstufe  der  homerischen  Zeit  überiragen
  worden  ist.  Die  Ledergewerbe,  welche  in  den  erwähnten  Urkunden ­
  vorkommen,  sind  Schuhmacher,  Sattler,  Schildmacher,  Riemer,
m  Corbie  auch  ein  Pergamenter.  Dagegen  finden  wir  unter  den
Naturallieferungen  Eichenrinde,  so  im  Güterbuch  des  Klosters  Prüm"),
0  Gförer  1866,  Bd.  II,  S.  141.  2 )  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  163.
*)  Keller  1844;  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  168;  Keutgen  1903,  S.  25ff.;  über
weitere  Stellennachweise  siehe  bei  diesen.
_  4 )  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  169  f.;  s.  auch  S.  172—176;  Keutgen  1903,
®.  36.  6 )  Keutgen  1903,  S.  28.  6 )  Keutgen  1903,  S.  36.
’)  Ebenda.  »)  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  164.
9 )  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  306  f.
®6ert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

15
        <pb n="266" />
        226

und  nach  einer  Schenkungsurkunde  von  863  erhält  das  Kloster  Lorsch
gegerbte  Ochsenhäute  *).  Daraus  geht  hervor,  daß  damals  immerhin
auch  in  den  Klöstern  und  weltlichen  Grundherrschaften  Leder  gegerbt
worden  ist.  Es  sei  in  diesem  Zusammenhange  darauf  hingewiesen,  daß
sowohl  in  epischen  Zeiten  wie  auch  zur  Karolingerzeit  und  durch  das
ganze  Mittelalter  hindurch  sich  ein  ausgedehnter  Verbrauch  von  ungegerbten
  Häuten  beobachten  läßt,  ein  Punkt,  welcher  von  allen  Darstellern ­
  dieser  Verhältnisse  nicht  genügend  berücksichtigt  wird,  weil  sie
alle  prinzipiell  nur  den  Gebrauch  gegerbten  Leders  kennen.  Die  Erkenntnis ­
  solcher  Verhältnisse  ist  für  das  Verständnis  der  hier  in  Frage
stehenden  Punkte  außerordentlich  wichtig;  denn  das  macht  uns  verständlich, ­
  warum  der  homerische  Lederarbeiter  okvto  t  ö/.i  o  g  genannt
wird,  wobei  also  der  Nachdruck  auf  dem  Schneiden  des  Leders  und
nicht  auf  dessen  Zurichtung  liegt;  und  ganz  ähnlich  liegen  auch  die
Verhältnisse  des  frühen  deutschen  Mittelalters:  Die  Lederarbeit  erschöpft
sich  hier  großenteils  in  den  Arbeiten  der  Sattler,  der  Schuhmacher,  der
Schildmacher,  welche  häufig  ungegerbtes  Leder  verarbeiten;  wenn  dann
die  echte  Gerbung  noch  zur  Lederarbeit  hinzukommt,  so  wird  diese  zunächst ­
  nicht  von  einem  eigenen  Handwerker  ausgeführt,  sondern  sie
gehört  selbstverständlich  zur  Arbeit  des  betreffenden  Lederarbeiters.
Wenn  also  in  den  angeführten  Fällen  die  Gerber  fehlen,  so  ist  nicht
anzunehmen,  daß  gewöhnliche  Arbeiter  oder  Bauern  sich  mit  der  Gerbung ­
  beschäftigen,  weil  ein  besonderer  Handwerksstand  fehlt,  sondern
die  Gerberei  gehört  vielmehr  zur  Beschäftigung  der  jeweils  genannten
Lederarbeiter.
Bei  der  Annahme  einer  solchen  Entwicklung  werden  unter  diesem
einheitlichen  Gesichtspunkte  eine  große  Menge  verschiedener  Verhältnisse
verständlich.  Unter  Übergehung  der  ganz  analogen  Verhältnisse  des
Altertums  *  2 )  sei  zunächst  darauf  hingewiesen,  daß  in  merkwürdiger  Analogie ­
  mit  homerischen  Verhältnissen  die  Gerber  in  den  Kölner  Schreinsurkunden ­
  des  12.Jahrhunderts  Coriarii  (coreorum  incisores) 3 )  genannt ­
  werden,  wobei  also  wiederum  der  Schwerpunkt  der  Arbeit  auf
dem  Zuschneiden  liegt.
Nach  den  Ordenanzas  der  Schuhmacherinnung  von  Burgos  von  1259
ist  es  den  Schuhmachern  verboten,  minderwertiges  Leder  oder
Pferdehäute  zu  kaufen  oder  zu  verarbeiten^);  in  dem  Vertrag  zwischen
Bischof  Heinrich  IV.  und  der  Stadt  Straßburg  vom  Jahre  1263
unterliegen  der  burggräflichen  Jurisdiktion  unter  anderem  auch  rintsuter,

»)  ©freier  1866,  Bd.  II,  S.  164.
2 )  Büchsenschütz  1869,  S.  90;  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  275.
3 )  ßeutgen  1903,  S.  141.  *)  I.  f.  N.  1908,  Bd.  XXXVII,  S.  739.
        <pb n="267" />
        227

sattelet  und  die  neu  hinzugekommenen  Kurdewener,  letztere  in  einem
Amte  mit  den  S  ch  u  st  e  r  n  vereint J );  die  Bestätignngsurknnde  der  Berliner
Schnster-Jnnung  vom  4.  November  1284  läßt  erkennen,  daß  die
Berliner  Schuster  damals  zugleich  Gerber  gewesen  sind^);  nach  dem
Züricher  Richtebrief  von  1304  mußte  für  die  Einfuhr  fremden  Leders
eine  Abgabe  an  die  Gerber  und  Schuhmacher  entrichtet  werden  ^),  und
nach  dem  Dreieicher  Wildbann  von  1338  4 )  erhält  der  Schuster  unter
den  Markgenossen  das  Recht,  Rinde  zur  Lohegewinnung  zu  schälen);
die  Statuten  der  Pariser  Lohgerber  von  1345  sind  für  Lohgerber,
Lederarbeiter,  Corduanmacher  und  Schuhmacher 5 );  nach  den  Bestimmungen
der  Straßburger  rintsuter  und  schuchsuter  aus  der  Mitte  des  14.  Jahrhunderts ­
  soll  über  beide  Handwerke  alljährlich  ein  Meister  erwählt
werden,  und  zwar  soll  es  das  eine  Jahr  ein  Schuchsuter,  das  andere
ein  Gerwer  fein 6 );  nach  einer  Straßburger  Verordnung  aus  dem
15.  Jahrhundert  sollen  die  rintsuter  den  Bürgern  das  Leder  trocken
verkaufen  7 ),  während  nach  den  Ordnungen  der  Schuster-,  Gerber-  und
Altbüßerzunft  zu  Striegau  von  1365  die  Verarbeitung  gefallenen
Viehes  verboten  wird  8 ).  Die  den  Danziger  Gerbern  durch  die  Schuhmacher ­
  zugefügten  Schäden  wurden  erst  durch  eine  Willkür  von  1426
geregelt,  wonach  die  Schuhmacher  nur  noch  Leder  für  ihren  eigenen
Bedarf,  aber  nicht  mehr  Leder  zum  Verkaufe  gerben  durften 9 );  nach
einer  Berliner  Urkunde  von  1448  durften  die  Jnnungsmeister  des
Schuhmacherhandwerks  nur  Leder  von  den  zu  ihrer  Zunft  gehörenden
Gerbern  kaufen"),  und  als  die  Lütticher  Corduanmacher  und  Schuhflicker ­
  1479  von  der  Stadt  das  Recht  erhielten,  ihren  Lederbedarf
selbst  zu  gerben,  hatten  sie  gegen  die  Gerber  einen  mehr  als  200  jährigen
Streit  zu  führen;  zur  Kompensation  sollte  den  Gerbern  erlaubt  sein,  die
hossautx,  galloches  et  stievaulx  für  ihren  eigenen  Bedarf  herzustellen;
fm  weiteren  Verlauf  dieses  Streites  ließ  einmal  eine  Menge  Gerber
%  Handwerk  liegen,  um  zum  Handwerk  der  Schuster  überzugehen,
sie  sich  besser  nähren  konnten").  Nach  einer  Königsberger  Weißgerberordnung ­
  von  1582  soll  kein  Schuster  mehr  Leder  gerben  lassen,
als  was  er  zur  Notdurft  seines  Handwerks  braucht"),  1684  besteht  ein
Gewerk  der  Schuhmacher  und  Lohgerber  in  Finsterwalde"),  1618  ein
0  Keutgen  1903,  S.  82.  Wiedfeldt  1898,  S.  216.
b)  Gerberzeitung  1860,  S.  282.  4 )  Dunker  1903,  S.  125.
Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  431;  vgl.  auch  Geißenberger  1895,  S.  170.
°)  Straßburg  1888,  S.  204.  7 )  Straßburg  1889,  S.  464.
8 )  Stahl  1874,  S.  158.  «)  Hirsch  1855,  S.  311.
I0 )  Deutsche  Gerberzeituug  1888,  Nr.  44.  Bormans  1863,  S.  73—74.
I2 )  Königsberg  1582,  18te»s;  siehe  auch  Gunzenhausen  1798—1804,  1646.
")  I.  f.  N.  1877,  Bd.  XXIX,  S.  313.

15*
        <pb n="268" />
        )
—  228  —
Handwerk  der  Lederer,  Metzger  und  Kürschner  zu  Feldkirchen  in  Kärnten  *  3  4 );
nach  der  preußischen  Lederschauordnung  von  1773  werden  den  Schustern
eigene  Gerbhöfe  gestattet 2 ),  von  1777  3 ),  1786 4 ),  1795  5 ),  1796  6 ),  1820  7 ),
ja  sogar  bis  1850  8 )  liegen  ebenfalls  Zeugnisse  vor,  nach  welchen  die
Schuster  ihr  Leder  selbst  zubereitet  haben.  Nach  dem  Inhalt  dieser
vielen  Stellen  führt  seit  den  Tagen  des  frühen  Mittelalters  über  die
Karolinger  und  den  Einzug  des  Handwerks  in  der  mittelalterlichen
Stadt  bis  in  die  Gewerbefreiheit  des  19.  Jahrhunderts  hinein  eine
ununterbrochene  Linie,  welche,  unbeirrt  durch  die  ungeheuren  Wandlungen ­
  der  Gewerbeverfassung,  unbeirrt  durch  Jahrhunderte  lange  Handwerksabgrenzungen ­
  und  Kompetenzkonflikte,  den  genetischen  Zusammenhang
von  Schustern  und  Gerbern  noch  im  19.  Jahrhundert  erkennen  läßt.
Diese  zahlreichen  Beispiele  mögen  genügen,  um  die  urspüngliche
Einheit  von  Schustern  und  Gerbern  darzutun.
Neben  dieser  ersten  großen  Gruppe  der  Schuster  und  Gerber  bilden
eine  zweite  Gruppe  die  Sattler,  Riemer  und  Taschner,  eine  dritte
endlich  die  Nestler,  Beutler,  Säckler,  während  die  Handschuhmacher  bald
von  den  letzteren,  manchmal  aber  auch  von  den  Metallarbeitern,  nämlich
von  den  Panzermachern,  abgespalten  zu  sein  scheinen 2 ).
Da  aber  diese  Gewerbegruppen  in  ihrer  Weiterentwicklung  sich
von  der  Weißgerberei  immer  mehr  entfernt  haben,  erübrigt  es,  Beispiele
für  deren  ursprüngliche  Einheit  anzuführen,  um  so  mehr,  als  die  von
diesen  Gewerben  gegen  die  Weißgerberei  unterhaltenen  Beziehungen
später  illustriert  werden.
Was  endlich  den  speziellen  Fall  der  Gerber  anlangt,  so  scheinen
ursprünglich  Rotgerber  und  Weißgerber  ebenfalls  häufig  in
einem  gemeinsamen  Handwerk  vereinigt  gewesen  zu  sein.  Im  Würzburger ­
  Liber  ad  causas  finden  wir  z.  B.  den  Vermerk
löber  vnd  weygant  kule  und  jacob  hofman  lober  &amp;amp;  weyßgerber  als
weyßgerber  zwey  meister  des  hantwerks  haben  gelopt  dem  hantwerk
getrewlich  vor  zuften  nach  inhalt  des  hanntwerks  register
ongenerd  1472  "),
lober  lienhart  zimmerman  vnd  Hanns  lißperg  löber  meister  rot
vnd  weyßgerber  haben  gelopt  etc.  1474"),
woraus  hervorgeht,  daß  um  diese  Zeit  die  Rot-  und  Weißgerberei  völlig
y  Seyler  1898,  S.  80.  2 )  Lederschauordnung  1773,  §  2.
3 )  Pfeiffer  1777,  S.  365—366;  1780,  Bd.  I,  S.  189.
4 )  Krünitz  1786,  Bd.  VII,  S.  541.  5 )  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  13.
°)  Beckmann  1796,  S.  282.  ’)  Keeß  1820,  S.  17.
*)  Aebert  1895,  S.  38.
9 )  Mummenhosf  1901,  S.  33;  vgl.  auch  Maier  1901,  S.  lf.;  Lübeck  1872,
S.  186.  ")  Würzburg  1472,  S.  322.  u )  Würzburg  1472,  S.  828.
        <pb n="269" />
        229

unbeanstandet  noch  von  den  gleichen  Meistern  betrieben  wird.  In  der
Königsberger  Ordnung  sogar  von  1582  heißt  es:  So  ein  „Weyßgerber"
herkäme  und  wollte  das  Lohgerberwerk  treiben,  welcher  Meister  ihm
gedachte  zu  setzen,  der  soll  ihn  halten  gleich  einem  andern  Lehrknecht,
und  soll  dem  Werk  dann  gleich  und  recht  werden  *).  Diese  Bestimmung
zeigt  aber  auch,  daß  sich  die  Königsberger  Weißgerber  in  diesem  Punkte
in  bewußtem  Gegensatz  zu  den  Verhältnissen  anderer  Orte  befinden.
Für  solche  Verhältnisse  werden  wir  in  anderem  Zusammenhang  noch
eine  weitere  Reihe  von  Beispielen  kennen  lernen.
Die  langsam  entstandenen,  durch  Gewohnheitsrecht  anerkannten
inneren  Trennungen  und  Handwerksabgrenzungen,  welche  einer  öffentlichrechtlichen
  Normierung  noch  entbehren,  die  Entstehung  der  Handwerke
aus  gleichen  oder  sehr  ähnlichen  Produktionsgebieten,  die  in  den  Handwerksordnungen ­
  vielleicht  absichtlich  nicht  mit  voller  Schärfe  und  Einheit ­
  durchgeführten  Handwerksabgrenzungen,  der  Mangel  völliger  Gleichheit ­
  der  Bestimmungen  über  weite  Gebiete  und  die  Gesellenwanderung,
endlich  das  Auftreten  neuer  Bedürfnisse,  deren  Befriedigung  nicht  einem
bestimmten  Handwerk  gleich  von  vornherein  zugewiesen  wurde,  führte  zu
endlosen  Handwerksstreitigkeiten,  welche  gerade  für  diese  Lederarbeiter ­
  entwicklungsgeschichtlich  leicht  zu  verstehen  sind;  denn  die  Vorfahren
der  Gerber  hatten  aus  dem  von  ihnen  bereiteten  Leder  alle  möglichen
Gebrauchsgegenstände  geschnitten  und  genäht,  während  die  Vorfahren
der  Riemer,  Sattler,  Säckler  usw.  das  Leder,  welches  sie  verarbeiteten,
selbst  gegerbt  hatten.  So  ist  es  einmal  zu  verstehen,  daß  in  weiten
Gebieten  die  Schuhmacher  hauptsächlich  lohgares  Leder  herstellten,
während  die  Riemer  und  Sattler  durch  das  ganze  Mittelalter  mit
wenigen  Ausnahmen  die  ausdrückliche  Erlaubnis  zum  Weißgerben  und
die  Säckler  teilweise  zum  Sämischmachen  ihres  eigenen  Lederbedarfes
hatten.  Eine  Anzahl  von  Beispielen  kann  diese  Verhältnisse  und  die
daraus  sich  ergebenden  Konsequenzen  am  besten  illustrieren.
1712—1735  tobt  z.  B.  ein  Streit  zwischen  den  Würzburger  Weißgerbern, ­
  Rotgerbern  und  Schuhmachern  wegen  Verkaufs  verschiedener
Ledersorten  1728  beschwert  sich  ein  Sattlermeister  in  Orb,  daß  er
als  zünftiger  Sattlermeister  des  Aschaffenburger  Handwerks  noch  in  das
Orber  Schuhmacher-  und  Rotgerberhandwerk  habe  eintreten  müssen  3 );
1737  finden  wir  in  Königsberg  eine  Bestimmung  wegen  Gewerbsübergriffe
  der  Fleischer  in  das  Weißgerberhandwerk  *),  und  die  Nürnberger
S  ch  n  e  i  d  e  r  und  Schuhmacher  geraten  miteinander  wegen  der  Verfertigung
der  ledernen  Goller  in  Streits.  Fast  alle  einschlägigen  Handwerke
‘)  Königsberg  1582,  21tens.  *)  Würzburg  1712—1735.
3 )  Würzburg,  V,  2028,  1728.  *)  Königsberg  1737,  XVII.
6 )  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  146.
        <pb n="270" />
        230

werden  in  folgender  Stelle  eines  Langenzenner  Aktes  von  1684  genannt: ­
  „und  weilen  bißhero  sich  ihrer  viel  in  diesem  Handwerck  Störerey
  zu  treiben  unterfangen,  dahero  demselben  großer  Nachtheil  und
schaden  auch  große  Uneinigkeit  zugewachsen  und  entstanden,  daß  es
länger  nicht  zu  gedulden  noch  zu  leiden  ...  als  soll  hiemit  alle  Störerey
  und  Winkelgerbery,  sonderlich  bei  den  Rothgerbern,  Sattlern,
Riemern,  Schneidern,  Säcklern  und  anderen,  die  in  dem  Handwerk
Störerey  sich  unterfangen  und  treiben,  gänzlich  abgeschafft  und  verboten ­
  seyn"  *).
Mit  diesen  wenigen  Beispielen  sind  die  verschiedenen  Konfliktsmöglichkeiten ­
  angedeutet,  zu  deren  noch  etwas  speziellerer  Betrachtung
wir  uns  nunmehr  wenden  wollen.
Der  erste  große  Streit  zwischen  den  Leipziger  Riemern  und
Sattlern  endete  1518  mit  einem  Vergleich,  nach  welchem  unter  anderem
der  Sattler  das  Recht  hat  „daß  leder  weiß  gahr  zu  machen,  so  viel  ein
sattler  zu  einem  handwerge  bedurffigk" 2 ),  und  als  der  Streit  von  neuem
ausbrach,  erfolgte  nach  langem  Hin  und  Her  eine  landesherrliche  Ordnung ­
  von  1764,  wonach  sowohl  Sattlern  als  Riemern  gestattet  wird,
das  Leder  weißgar  zu  machen^).  Nach  einem  Rothenburger  Ratsbescheid
  in  Sachen  der  Weißgerber  und  Sattler  von  1574  dürfen  die
Sattler  Häute  und  Felle  für  sich  zubereiten,  jedoch  wird  ihnen  ausdrücklich ­
  geboten,  „daß  sie  sich  des  gerbens  vnnd  bereitens  der  Fehl
vmb  Lohn"  enthalten  *);  ebenso  beschweren  sich  1600  die  Weißgerber  im
Hochstift  Würzburg  wegen  Gewerbsübergriffe  der  Sattler  und  Kürschner,
welche  Schaffelle  enthaaren  und  zubereiten");  unter  den  Besitzern  der
Rothenburger  Walke  erscheint  auch  ein  Sattler  als  Teilhabers;  nach
der  Württemberger  Sattler-Ordnung  von  1700  gehört  zum  Meisterstück,
daß  „alles  Leder  von  seiner  Hand  bereitet  werden  solle";  1715  gehört
zum  Meisterstück  der  Riemer  das  Schleifen  einer  alten  Degenklinge,
um  damit  eine  frisch  geschlachtete  Ochsenhaut  zu  schaben,  zu  falzen  und
diese  dann  mit  Alaun  zuzubereiten 7 );  1812  endlich  finden  wir  in
Rothenburg  5  Sattler  und  2  Riemer,  von  welchen  3  Sattler  und  ein
Riemer  in  diesem  Jahre  zusammen  13  Stier-  und  Kühhäute  und
4  Schweinehäute  gegerbt  haben  8 ).  Es  wurde  schon  darauf  hingewiesen,
daß  der  Bedarf  an  weißgaren  Riemen  so  groß  gewesen  ist  ch,  daß  das
Gewerbe  der  Weißgerberei  auch  von  den  Sattlern  und  Riemern  aus0 ­

  Langenzenn,  Yol.  II,  fase.  VII,  §  16.
2 )  Plenge  1896,  S.  499.  s )  Plenge  1896,  S.  500.
4 )  Rothenburg  1571—1695,  1574.  *  *  *  6 )  Würzburg  1600.
•)  Rothenburg  1671—1695,  258.
’)  Frisius  1715,  S.  872;  I.  f.  G.  u.  SS.  1895,  S.  224.
8 )  Rothenburg  1812.  »)  Lgt.  S.  122.
        <pb n="271" />
        231

geübt  werden  konnte.  Daher  werden  dann  auch  Gewerbestreitigkeiten
verständlich,  wie  die  von  Diepurg  1627,  wo  ein  Sattler  sich  über  einen
Weißgerber  beschwert,  welcher  Riemen  geschnitten  und  Nähriemen  feil
gehalten  hat*).
Eine  andere  Gewerbegruppe  mit  ebenfalls  endlosen  Streitigkeiten  ist,  wie
schon  erwähnt,  die  der  Beutler,  Nestler  und  Handschuhmacher.
Die  Nürnberger  Handwerksordnungen  des  16.  Jahrhunderts  enthalten
die  Bestimmung:  „Item  Peutler,  Nestler,  Henntschuhmacher  vnd  auch  die
Jrer,  welche  die  kunst  können,  mögen  wol  gel  gerben"  (d.  i.  sämischgerben)
 2 ),  und  nach  Fioravanti  verfertigt  der  Schuster  neben  Stiefeln
und  Schuhen  auch  Wämse,  „coletti“  3 ).  1613  ergeht  ein  Entscheid  des
„großen  Weißgerber  hanntwergs  zur  Frankfurt  am  Mahn"  in  Sachen
der  Weißgerber  und  Säcklers,  und  über  ein  ähnliches  Thema,  nämlich
den  Weißlederhandel  der  Beutler  und  Nestler,  handeln  Langenzenner
Weißgerberakten  von  1616—1729 5 );  1664  beschweren  sich  die  Säckler
und  Beutler  zu  Würzburg  aus  dem  Lande  wegen  des  ihnen  durch  Weißgerber ­
  zugefügten  Schadens");  eine  Magdeburger  Ordnung  von  1686
regelt  den  Verkauf  von  „gahr  gemachtem  Sämischen  Leder  und  gemachten
Ledern  Hosen"  auf  den  Magdeburger  Messen  durch  fremde  Meisters;
1702  ergibt  sich  abermals  Streitigkeit  zwischen  Würzburger  Beutlern
und  Weißgerbern  wegen  Auslaufens  von  Leder  und  Verarbeitung  zu
Militärhosen"),  und  als  einem  Weißgerbermeister  zu  Speier  1740  vom
Weißgerberhandwerk  verboten  wird,  lederne  Hosen  zu  machen,  eine
Auseinandersetzung,  an  welcher  sich  die  Säckler  und  Schneider  beteiligen,
erklärt  der  Weißgerber  unter  anderem,  es  sei  ihm  früher  diese  Tätigkeit
gestattet  gewesen  °);  1766  ergeht  dann  in  Speier  ein  Beschluß,  wonach
»die  Weißgerber  sowohl  als  die  Säckler  fürderhin  eine  gleichmäßige
ohneingeschrenckte  Befugnis  haben,  Hosen  von  allerlei  Fell  und  Leder,
rugleichen  von  allerlei  Farben  zu  verfertigen"  ").  Es-  ist  selbstverständlich,
daß  deshalb  zum  Handwerkszeug  des  Nestlers  auch  der  Schabebaum,
das  Schabeeisen  usw.  gehört**).
Von  allen  diesen  Handwerkern  gerben  heute  eigentlich  —  natürlich
die  echten  Gerber  ausgenommen  —  nur  noch  manche  Sattlermeister;  wenn
^an  sich  Pix  Mühe  nicht  verdrießen  läßt  und  eine  genügende  Anzahl
kleiner  Sattler  in  kleinen  Plätzen  besucht,  dann  findet  man  wohl  hin
und  wieder  bei  einem  Sattler  im  Hofe  einen  alten  Äscher;  denn  wenn
0  Würzburg,  V,  2028,  1627.
°)  Nürnberg  1535,  M.  S.  452,  S.  364  b.
Fioravanti  1564,  Bd.  I,  S.  11.  4 )  Rothenburg  1671—1695,  S.  1613.
5 )  Langenzenn,  Tom.  I,  No.  16,  fase.  29.  8 )  Würzburg  1664.
7 )  Magdeburg  1686,  32te»s.  «)  Würzburg  1702.
°)  Speyer  1740—54.  10 )  Speyer  1766,  “)  Weigel  1698,  S.  643  f.
        <pb n="272" />
        232

irgend  möglich,  lassen  die  wenigen  Sattler,  welche  ihr  Leder  zu  Nähriemen ­
  noch  selber  gerben,  die  Häute  von  einem  nahen  Gerber  enthaaren^
entfleischen  und  schwellen,  und  nur  das  Einlegen  in  Salz  und  Alaun
sowie  das  Zurichten  des  alaungaren  Leders  besorgen  sie  noch  selbst.
Nicht  weniger  umfangreich  wie  die  angeführten  Streitigkeiten  sind
natürlich  auch  die  zwischen  Weiß-  und  Rotgerbern.  Nur  einige  charakteristische ­
  Beispiele  hiervon.  1496—1497  ergehen  eine  Reihe  von  Klagen
der  Kölner  Weißgerber  gegen  die  dortigen  Rotgerber  wegen  Fellpflückens,
und  es  entstehen  Streitfragen,  ob  nur  die  Weißgerber  die  Wolle  von
den  Fellen  pflücken  dürfen  Z;  1576  gestattet  der  Nürnberger  Rat  das
Sämischgerben  nicht  nur  den  Weißgerbern,  sondern  auch  den  Rotlederern 2 )
und  1722—25  haben  sich  die  Würzburger  Lohgerber  gegen  die  Weißgerber ­
  zu  verantworten,  weil  sie  mit  Weiß-  und  Sämischleder  gehandelt
haben  8 ).  Deswegen  wird  auch  jede  räumliche  Berührung  der  in  Betracht
kommenden  Gewerbe  möglichst  vermieden.  Nach  einer  Magdeburger
Bestimmung  von  1686  dürfen  nur  die  Weißgerber  weiß  und  sämisch
machen,  und  dabei  darf  kein  Weißgerbermeister  bei  einem  Fleischhauer,
Schuhmacher,  Lohgerber,  Riemer,  Kürschner,  oder  wie  die  heißen,  „welche
mit  rohen  Leder  umbgehen"  einmieten,  wie  auch  keine  zweierlei  Werkstätten ­
  in  dem  gleichen  Hause  sich  befinden  dürfen  nach  der  Königsberger ­
  Ordnung  von  1737  wird  ebenfalls  das  Zusammenarbeiten  eines
Weißgerbermeisters  mit  anderen  „Gewerckern,  als  Lohgerbern  und  wie
sie  sonsten  Nahmen  haben  mögen"  in  einer  Werkstatt  verboten  *  5 ),  und
ähnlich,  wenn  auch  bereits  milder,  lautet  eine  Augsburger  Bestimmung
um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts,  wonach  einem  Rot-,  Weißgerber
und  Pergamenter  das  Beisammenwohnen  in  einem  Hause  zwar  unverwehrt
  ist,  doch  soll  jeder  Meister  seine  besondere  Werkstatt  haben
und  soll  keiner  bei  dem  anderen  arbeiten  dürfen  6 ).  1818  ergeht  in
Rothenburg  eine  Beschwerde  über  einen  Weißgerber,  welcher  braunes
Schasleder  gegerbt  hat;  da  eine  Haussuchung  keine  ihn  belastenden
Tatsachen  ergibt,  wird  ein  Geselle  eidlich  vernommen,  und  nach  dessen
Aussage  hat  er  in  acht  Tagen  34  Kalbfelle  in  Rot  gearbeitet 7 );  endlich
sei  als  letztes  Beispiel  Jahrhunderte  langer  Gewerbestreitigkeiten,  welche
alle  in  dickleibigen  Aktenstößen  niedergelegt  sind,  eine  „Gewerbsbefugnisüberschreitung"
  zu  Karlsstadt  1857—1861  angeführt,  wo  ein  Streit
entstand,  weil  die  Rotgerber  weiße  Schaffelle  und  bunt  gefärbtes  Leder
fabrizieren 8 ).  Nicht  mehr  vom  Standpunkt  der  Gewerbsstreitigkeit,

1)  Köln  1907,  Bd.  I,  S.  119,  Bd.  II,  S.  474,  475,  476.
2 )  Nürnberg  1535,  M.  S.  452,  S.  465.  s )  Würzburg  1722—1725.
4 )  Magdeburg  1686.  »)  Königsberg  1737,  XVI.
6 )  Augspnrg  ca.  1800.  7 )  Rothenburg  1818.
8 )  Würzburg  Stadtarchiv,  Akt  1857  und  1861.
        <pb n="273" />
        233

sondern  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Entwicklungsgeschichte  ist  es
interessant,  daß  auch  heute  noch  gelegentlich  besonders  die  Bauern  der
Alpengegenden  Rindshäute  in  die  Lohgerbereien  bringen,  um  daraus
weißgares  Leder  zu  Riemen  verfertigen  zu  lassen 4 ).
Manche  dieser  vielen  Beispiele  zeigen  gleichzeitig,  daß  im  Laufe
der  Zeit  eine  Arbeitsteilung  sich  herausgebildet  hat,  welche  mit  leisen
Anfängen  die  Trennung  einleitet,  so  daß  zunächst  noch  unter  einem
gemeinsamen  Namen  zweierlei  Gewerbe  vereinigt  sind,  wie  das  z.  B.  bei
den  Straßburger  Rintsutern  und  Schuchsutern  um  die  Mitte  des  14.  Jahrhunderts ­
  der  Fall  gewesen  ist;  schließlich  führt  diese  Trennung  dann  zur
völligen  äußerlichen  Spaltung.  Eine  solche  liegt  offenbar  vor,  wenn
nach  einer  Urkunde  des  Herzog  Ludwig  von  1290  für  München  den
Schustern  das  Privilegium  des  Schuhverkaufs  auf  dem  Münchner
Markte  verliehen  wird,  während  die  Gerber  ausdrücklich  davon  ausgeschlossen ­
  werden 2 );  in  Leipzig  erhielten  im  Jahre  1373  die  Flickschuster
vom  Markgrafen  Wilhelm  das  Recht  zur  Bildung  einer  besonderen
Innung,  welchen  1414  die  Gerber  folgten 3 );  in  Breslau  ging  eine
ähnliche  Spaltung  im  15.  Jahrhundert  vor  sich 4 ).  So  sehen  wir  sowohl
aus  den  oben 5 )  zahlreich  angeführten  Fällen  der  noch  nicht  vollzogenen
Trennung,  wie  auch  aus  diesen  Beispielen  gewerblicher  Separation  die
Entstehung  der  Gerberei  aus  der  Schuhmacherei,  und  der  Dunkersche
Schluß:  „Bei  weitem  zahlreicher  sind  die  Fälle  der  Herausbildung  der
Gerberei  aus  dem  Hauswerk.  Die  Betriebsform,  in  der  sich  über  weite
Gebiete  die  Schuhmacherei  vollzog,  die  Stör,  schloß  eine  Arbeitsvereiniguug
mit  der  Gerberei  geradezu  aus"  *),  welcher  von  ihm  nicht  durch  eine  einzige
Beobachtung  bewiesen  wird,  sei  hier  angeführt,  um  zu  zeigen,  wie  wichtig
es  ist,  über  die  Betriebsmittel  und  die  einfachen  Formen  des  Betriebes
vollkommene  Klarheit  zu  schaffen;  denn  sie  bedingen  sich  gegenseitig  und
sind  die  Grundlagen  oft  weitergehender  ökonomischer  Konsequenzen').
Besonders  die  Gewerbsstreitigkeiten  führten  häufig,  aber  keineswegs
überall  zur  Trennung  der  streitenden  Gewerbe.  So  wurde  im  17.  Jahrhundert ­
  den  Rot-,  Weißgärbern  und  S  a  t  t  l  e  r  n  zu  Oberursel  im  Oberamt
Höchst  gestattet,  sich  von  der  Schuhmacherzunft  zu  separieren  und  für  sich
eine  eigene  Zunft  mit  Beibehaltung  der  Schuhmacherzunftartikel  errichten
zu  dürfen  In  Bremen  waren  die  Weißgerber  bis  gegen  die  Mitte  des
18.  Jahrhunderts  mit  den  Riemenschneidern  und  Senk  lern
in  einem  Amte  verbunden;  auf  Wunsch  einer  Anzahl  von  Weißgerbern
ivurde  im  Jahre  1746  eine  Trennung  vorgenommen  und  den  Weißgerbern
*)  Gerbercourier  1900,  Nr.  18  und  Ledermarkt  1900,  Nr.  37,  Nr.  6.
2 )  Stahl  1874,  S.  132.  3 )  Geißenberger  1895,  S.  170.
4 )  Borgius  1895,  S.  5.  6 )  Vgl.  S.  226  ff.  °)  Dunker  1903,  S.  125.
7 )  Vgl.  §  16,  S.  214-216  8 )  Würzburg,  V,  2028.  9 )  Vgl.  S,  122.
        <pb n="274" />
        234

eine  besondere  Rolle  verliehen  *).  Schon  dieses  Bremer  Beispiel  zeigt,
daß  die  Trennung  der  Handwerke  keineswegs  in  allen  Fällen  schematisch
in  der  Weise  vor  sich  ging,  daß  die  Trennung  zwischen  Weißgerbern
und  Rotgerbern  eine  abschließende  Phase  in  dem  Prozeß  der  Produktionsteilung ­
  bedeutet  hätte,  wenn  letzteres  auch  häufig  der  Fall  gewesen  sein
mag.  Ähnlich  wie  hier  die  Weißgerber  gemeinsam  mit  den  Riemenschneidern ­
  und  Senklern  als  Alaun-  bzw.  Sämischgerber  den  mit  Vegetabilien
  gerbenden  Lederarbeitern  der  Schuster  und  Gerber  gegenüberstanden, ­
  so  stellt  z.  B.  auch  das  Verzeichnis  der  Bremer  Kaufmannschaft
und  der  Zechen  vom  Jahre  1419  die  Weißgerber  in  Gegensatz  zu  den
„Schustern  und  Rotgerbern"  ^).
Auch  für  den  Fall  der  Trennung  der  Weißgerberei  von  der  Rotgerberei ­
  lassen  sich  Beispiele  beobachten.  In  Leipzig  wurden  schon  im
Anfang  des  15.  Jahrhunderts  die  beiden  Gewerbe  scharf  geschieden 3  *  *  *  7 ),
und  zu  einer  ähnlichen  vollständigen  Scheidung  kommt  es  in  Würzburg
erst  im  16.  Jahrhundert,  wo  eine  innere  Spaltung  schon  länger  bestanden
hatte;  als  sich  aber  hier  zwischen  den  Gesellen  beider  Handwerke  Zwietracht ­
  wegen  der  Kerzen  ergab,  wurden  die  Handwerke  geteilt,  und  jedes
erhielt  seine  eigenen  Kerzen  Z;  dabei  wurden  die  Handwerksgebräuche
der  Weißgerber  nicht  im  Anschluß  an  diese  Trennung  bestimmt,  sondern
sie  wurden  vom  Rate  erst  etwas  später  bei  Gelegenheit  einer  Handwerksstreitigkeit ­
  veröffentlicht  °).
Ein  nicht  uninteressanter  Fall  einer  Trennung  von  Rot  und  Weiß
liegt  in  Memmingen  vor").  Hier  ist  die  Trennungsurkunde  datiert
vom  14.  Januar  1680,  und  erst  der  daraufhin  zustande  kommende
Schriftenverkehr  orientiert  uns  über  die  Vorgeschichte  der  Trennung.
Die  beiden  Handwerke  waren  hier  seit  unvordenklichen  Zeiten  vereint
gewesen,  aber  schon  seit  25  Jahren  wurde  die  Trennung  erwogen'),
wobei  sich  zwei  Parteien  gegenüberstanden.  Die  zahlreichere  und  mächtigere, ­
  auf  Trennung  hindrängende  Partei  umfaßt  die  Rotgerber;  diese
niachten  vor  allen  Dingen  geltend,  „daß  unsere  Söhne  in  der  Wanderschafft ­
  nicht  fortkommen  können,  item,  daß  man  sie  aufs  den  märckten
aus  dem  los  stosse"  8 ),  weil  überall  die  redlichen  Meister  sich  nur  mit
Rot  oder  nur  mit  Weiß  beschäftigten;  weiter  führten  sie  an,  daß  die
Lohe  für  sie  alle  nicht  ausreiche 9 ).  Die  zweite,  kleinere  Partei,  haupt-0

  Mitteilung  des  Archivs  der  freien  Hansastadt  Bremen.
2 )  Borgins  1895,  S.  5.  -&amp;gt;)  Junghans  1896,  S.  393.
4 )  Wiirzburg  1580,  S.  266  ff.  °)  Wnr'zburg  1580,  S.  488  ff.
°)  Memmingen:  Schubl.  434,  Paket  6  und  7;  Schubl.  435,  Paket  1  und  2.
7 )  Memmingen  23.  Jan.  1680,  16.  Febr.  1680.
8 )  Ebenda,  23.  Jan.  1680;  17.  April  1680;  15.  Nov.  1680.
*)  Ebenda,  15.  März  1680.
        <pb n="275" />
        235

sächlich  bestehend  aus  Weißgerbern,  suchte  die  Trennung  zu  verhindern
und  führte  an,  daß  der  schlechte  Ruf  des  Memminger  Handwerks  vor
allen  Dingen  darauf  zurückzuführen  sei,  daß  der  Obmann  manchen
Gerbern  Befähigungsscheine  gegeben  habe,  ohne  daß  diese  Gerber  auch
nur  ein  einziges  Stück  in  Memmingen  gegerbt  hatten:  „allhier  aber  ist
die  Unordnung  dergestalt  eingeschlichen,  das  welcher  weder  von  freien
Eltern  noch  einem  Meister  das  weisgärben  erlernet,  dannoch  für  einen
weisgärber  Maister  angesehen  werden  will"  *).  Ihr  Schreiben  enthüllt
uns  kleinliche  und  häßliche  Zustände  des  Zunftwesens  über  Schmähen,
Schelten,  Abstrafen,  wobei  wiederum  der  Obmann  als  Hauptschuldiger
erscheint;  es  wird  ihm  besonders  zur  Last  gelegt,  daß  er  alle  Sachen
allein  und  ohne  des  Handwerks  Rat  erledige;  nicht  die  Besorgnis  um
den  guten  Ruf  des  Handwerks  treibe  zur  Trennung,  sondern  der  Brotneid ­
  der  Rotgerber,  welche  mit  übler  Gunst  beobachten,  daß  die  Weißgerber ­
  jährlich  auch  einige  Häute  neben  ihren  Fellen  gerbten  ^).  Sie
bitten  inständig,  die  Trennung  nicht  vorzunehmen,  da  sie  sonst  „mit
Weib  und  kind  an  den  bettelstab  kämen"  ^).  Die  Trennung  wurde  indes
vollzogen,  die  verschiedenen  Gerber  hatten  sich  bis  zu  einem  bestimmten
Datum  zu  einem  der  beiden  Handwerke  zu  bekennen,  und  der  Rat
verbot  die  gleichzeitige  Ausübung  beider  Gewerbe.  Die  erfolgte  „Separation" ­
  wurde  den  Handwerken  in  Nürnberg,  Ulm,  Lübeck,  Braunschweig,
Biberach,  Augsburg,  Darmstadt  mitgeteilt,  und  von  diesen  allen  erhielten
sie  ziemlich  gleichlautende  Antwortschreiben;  alte  Schwierigkeiten  mögen  so
beseitigt  gewesen  sein,  aber  neue  erwuchsen;  so  wurde  z.  B.  beim  Augsburger ­
  Handwerk  angefragt,  was  zu  tun  sei,  „wo  etwan  Vater  und  Sohn
w  einer  Werckstatt  und  der  eine  Roth,  der  andere  aber  im  Weisen
arbeitet"  *).
Es  läßt  sich  nur  selten  so  tief,  wie  hier,  in  die  Akten  schauen;
freilich  darf  man  diese  Verhältnisse  nicht  verallgemeinern,  weil  die  vorliegende ­
  Trennung  des  17.  Jahrhunderts  unter  ganz  anderen  Verhältvissen
  und  deshalb  mit  ganz  anderen  Motiven  erfolgt  sein  mag  als  die
Trennungen  früherer  Zeiten.
Die  Spaltung  bestehender  Handwerke  und  damit  die  Bildung  neuer
Gewerbe  läßt  sich  in  zwei  zeitlich  ziemlich  weit  auseinander  liegende
Perioden  zerlegen.  Die  erste  Periode  deckt  sich  mit  der  Zeit  der
Zunftkämpfe  und  reicht  daher  etwa  bis  in  den  Anfang  der  Konsolidation
ber  Zünfte.  Es  scheint,  als  ob  in  dieser  ersten  Periode  die  Teilung
der  Gewerbe  hauptsächlich  unter  dem  Einflüsse  politischer  Maßnahmen
und  Ideen  vor  sich  ginge.  In  Nürnberg  z.  B.,  wo  ein  starkes  Stadtregiment ­
  mit  einer  einzigen  kurzen  Ausnahme  im  14.  Jahrhundert
*)  Ebenda,  23.  Jan.  1680.  2 )  Ebenda.  3 )  Ebenda.
4 )  Ebenda,  10.  Jan.  1681.
        <pb n="276" />
        236

die  Handwerke  völlig  im  Zaum  hielt,  sind  nach  dem  ältesten  Meisterbuch, ­
  welches  von  1370—1429  Z  reicht,  die  Jrher  und  Permiter  in
einem  Handwerke  vereint.  1432  wird  aber  bereits  das  kleine  Handwerk
der  Permeter  abgetrennt,  welches  im  Laufe  der  nächsten  27  Jahre  nur
einen  Zugang  von  acht  Meistern  hat.  Da  das  Handwerk  der  Jrher
offenbar  immer  noch  zu  groß  erscheint,  wird  der  Versuch  gemacht,  auch
noch  das  Handwerk  der  Gelgerber  wegzulösen;  1460  erscheint  in  der
Rubrik  dieses  Handwerks  ein  einziger  Meister,  und  noch  über  100  Jahre
wird  dieses  Handwerk  in  den  Meisterbüchern  weiter  geführt,  obwohl
sich  kein  Meister  mehr  in  dieser  langen  Zeit  darauf  etabliert.  Ähnliche
Verhältnisse  mögen  die  Entwicklung  und  Teilung  der  Frankfurter  Gewerbe ­
  beherrscht  Habens.
DiespäterePeriode  von  Handwerksteilungen  fällt  teilweise  noch
in  das  17.,  vor  allen  Dingen  aber  in  das  18.  und  19.  Jahrhundert;
hier  geht  die  Teilung  vor  sich  hauptsächlich  unter  dem  Gesichtspunkt
ökonomischer  Bedürfnisse,  und  diese  Teilung  bringt  zwar  für  das  ganze
Ledergewerbe  als  solches,  nicht  aber  für  die  Gerberei  im  engeren  Sinne
einen  weiteren  Zuschub.  Die  an  sich  interessanten  Arbeitsteilungsverhältnisse ­
  in  der  ganzen  Lederindustrie  vergleichend  zu  betrachten  für
verschiedene  Länder,  verschiedene  Städte  und  verschiedene  Zeiten  liegt
außerhalb  des  Rahmens  dieser  Arbeit.
Haben  wir  so  die  verschiedenen  Entwicklungsformen  kennen  gelernt
und  die  Wege,  welche  zum  Gewerbe  der  Weißgerberei  führten,  sowie  die
mannigfaltigen  Beziehungen  dieses  Gewerbes  zu  seinen  auf  den  gleichen
Hauptrohstoff  aufgebauten  Verwandten,  so  wollen  wir  im  folgenden
dem  Weißgerber  im  besonderen  unsere  Aufmerksamkeit  zuwenden.
Die  Person  des  Weißgerbers  vereinigte  im  Laufe  der  Zeit  eine
ganze  Anzahl  verschiedener  Produktionstätigkeiten  unter  diesem  äußerlich
einheitlichen  Namen.  Eine  der  ältesten  derartigen  Beziehungen  ist  wohl
das  Verhältnis  der  Weißgerberei  zu  den  Pergamentmachern.  Der
Schreibstoff  des  Papyrus 3 ),  welcher  in  der  merovingischen  Kanzlei  zum
letztenmale  692*  *),  in  den  päpstlichen  Kanzleien  bis  in  das  10.  Jahrhundert ­
 3 )  verwendet  worden  war,  hatte  besonders  seit  dem  durch  Ptolemäus
  Euergetes  II.  erlassenen  Ausfuhrverbot  des  ägyptischen  Papyrus 6 )
im  Pergament  einen  bedeutenden  Konkurrenten  erhalten,  so  daß  seit

')  Nürnberg  M.  ©.,  234.  2 )  Vgl.  Bücher  1886,  S.  20  f.,  411  ff.
»)  Wattenbach  1871,  S.  66  ff.
*)  Wattenbach  1871,  S.  73;  Breßlau  1889,  S.  883.
s )  Wattenbach  1871,  S.  75.
«)  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  257—258;  Blümner,  Bd.  I,  S.  266;  Breßlau
1889,  S.  887ff.;  Marquardt  1882,  S.  795ff.;  Wattenbach  1871,  S.  76ff.;
Mommsen  1893,  S.  22,  112.
        <pb n="277" />
        237

dem  8.  Jahrhundert  Papyrus  diesseits  der  Alpen  Wohl  nicht  mehr  in
Anwendung  gebracht  wird.  Da  das  im  ersten  Jahrhundert  nach  Chr.
in  China  erfundenes,  751  nach  Samarkand  gebrachtes  und  erst  seit
dem  14.  Jahrhundert  in  Deutschland  fabrizierte  Papiers  nur  sehr
allmählich  das  Pergament  völlig  verdrängen  konnte,  so  nehmen  die
Pergamentmacher  durch  das  ganze  Mittelalter  hindurch  eine  ziemlich
wichtige  Stellung  ein,  welche  besonders  auch  durch  ihre  Beziehungen
zu  den  Kanzleien,  gelehrten  Schulen  und  Universitäten  des  Interesses
nicht  entbehrt,  da  diese  großen  Pergamentverbraucher  durch  besondere
Bestimmungen  sich  genügende  Pergamentlieferungen  in  geeigneter  Größe
und  Qualität  zu  sichern  suchten l  *  *  4  *  6 ).  So  genau  nun  auch  die  Diplomatik
die  verschiedenen  Pergamentprovenienzen  lehrt,  so  wenig  sind  die  ältesten
Verhältnisse  der  Pergamentmacher  selbst  untersucht  worden;  es  wurde
bereits  darauf  hingewiesen,  daß  unter  den  Handwerkern  des  Klosters
Corbie  sich  auch  ein  Pergamenter  befindet^),  und  es  mag  richtig  sein,
die  Pergamenter  als  vornehmlich  klösterliche  Handwerker  zu  betrachten;
gerade  der  Übergang  dieses  Gewerbes,  welches  einen  Absatz  fast  nur
in  die  Klöster  und  Kanzleien  hatte,  in  die  städtische  Gewerbeverfassung
könnte  interessante  Einzelheiten  zutage  fördern.  Die  Pergamenter  sind
Z.  B.  1434  in  Danzig  noch  nicht  zünftig  °),  während  sie,  wie  erwähnt,
in  Nürnberg  ursprünglich  gemeinsam  mit  dem  Handwerk  der  Jrher
erscheinen.  Ob  dort  die  beiden  Handwerke  nur  äußerlich  vereinigt
gewesen  sind,  oder  ob  der  gleiche  Handwerker  sich  mit  beiden  Produktionsarten ­
  beschäftigte,  läßt  sich  nicht  entscheiden.  1337  kommt  in
Nürnberg  ein  H.  Permeiter,  1348  ein  Wernhart  Permeiter  vor 7 );  aber
uach  den  ältesten  Nürnberger  Meisterbüchern,  in  welchen  die  Jrher  und
Permiter  zunächst  noch  vereinigt  sind,  tritt  erst  seit  1408  der  Gegensatz
Zwischen  beiden  Gewerben  klar  hervor 8  * ).  Völlige  Arbeitstrennung  scheint
jedoch  nur  selten  eingetreten  zu  sein.  Die  Pariser  Pergamentmacher
erhielten  die  fertigen  Blößen  von  den  Weißgerbern,  um  sie  nur  noch
Zuzurichten,  zu  bimsen,  zu  färben  usw."),  und  ähnliche  Verhältnisse  bestätigt ­
  Halle  für  Deutschland  10 ).  Eine  eigentümliche  Notiz  findet  sich
l )  Hirth  1890,  S.  266.  -)  Hirth  1890,  S.  269;  Hell  1909,  S.  89.
3 )  Rvth  1800,  Bd.  I,  S.  57;  Wattenbach  1871,  S.  93ff.;  Bretzlau  1889,
'S.  891.
0  Wattenbach  1871,  S.  84;  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  302  ff  -  Beckmann  1796,
&amp;lt;5.  301.
6 )  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  169—170;  Wattenbach  1871,  S.  84;  Salz-E)urg
  1910,  S.  310,  512,  514;  vgl.  auch  Bormans  1863,  S.  171.
°)  Hirsch  1855,  S.  298,  323.  *)  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  167.
8 )  Nürnberg  1535,  M.  ©.,  233.
°)  Schauplatz  1775,  Bd.  II,  S.  262;  262  Anm.;  300.
10 )  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  382.
        <pb n="278" />
        238

bei  Fioravanti,  wonach  die  Schreiber  ihr  Pergament  selbst  zubereitet
haben  *).  Im  18.  Jahrhundert  gingen  durch  die  steigende  Konkurrenz
des  Papieres  die  Pergamentmacher  immer  mehr  zurück.  So  bestanden
z.  B.  in  Leipzig 2 )
1716  4  Pergamenter
1746  5
1770  3
1800  2
1796  war  in  Göttingen  nur  noch  einer,  desgleichen  auch  in  Berlin
nur  einer  3 ),  1820  in  Wien  zwei 4  5 ),  und  das  sinkende  Handwerk,  welches
sich  zur  Zeit  seiner  Blüte  stellenweise  ganz  von  den  Weißgerbern
emanzipiert  haben  mag,  kehrte  wieder  zu  diesen  zurück 2 );  eine  ganze
Reihe  von  Gewerbsakten  bezeugen,  daß  sie  wegen  Weißgerberei  mit  den
Weißgerbern  in  Konflikt  kamen,  bis  schließlich  die  Pergamentmacherei
in  der  Weißgerberei  aufgegangen  ist.
Ein  Gewerbe,  welches  in  noch  engerer  Fühlung  mit  dem  Weißgerber ­
  gestanden  hat,  ist  das  Leimsieden;  denn  die  Abfälle  und  Abschabsel
  der  Weißgerber  wie  auch  der  Pergamenter  stellen  ein  sehr
wertvolles  Ausgangsmaterial  zur  Herstellung  von  Leim  dar.  Damit
ist  natürlich  eine  Konfliktsmöglichkeit  zwischen  Weißgerbern  und  Pergamentern
  gegeben  für  den  Fall,  daß  diese  beiden  Gewerbe  zwei  verschiedene ­
  Handwerke  bilden;  ein  solcher  Streit  wurde  bereits  etwa  1550
in  Nürnberg  durch  Ratsbeschluß  dahin  entschieden,  daß  das  Leimsieden
als  freie  Kunst  beiden  Gewerben  zu  betreiben  gestattet  sein  soll 2 );  daher
sagt  auch  Hans  Sachs  in  seinem  Gedicht  „Der  Permennier":  „Auß
ohren  vnd  klauwen  seud  ich  Leim" 7 );  auch  im  ganzen  18.  und  im
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  noch  ist  das  Leimsieden  eine  Beschäftigung
der  Weißgerber 8 ),  wenn  es  auch  gelegentlich  in  größeren  Städten  eigene
Leimsieder  gegeben  hat;  letztere  gewöhnlich  arme  Weißgerber,  welche
nicht  das  Vermögen  besaßen,  ihre  Profession  zu  betreiben 2 ),  haben  hie
und  da  das  Leimsieden  als  ausschließliche  Beschäftigung  für  sich  beansprucht ­
  und  dann  Anlaß  zu  gewerblichen  Auseinandersetzungen  gegeben; ­
  weniger,  um  letztere  zu  illustrieren,  als  um  den  guten  Humor
des  Handwerks  zu  zeigen,  sei  eine  Stelle  aufgeführt  aus  einem  Antwortschreiben ­
  eines  Weißgerbergesellen  aus  Flohnheim  an  das  Weißgerberhandwerk ­
  zu  Speier  1759,  welches  ihm  die  Aufnahme  in  die  Zunft
-)  Fioravanti  1564,  Bd.  I,  S.  11;  vgl.  Wattenbach  1871,  S.  84.
-)  Rößig  1803,  Bd.  II,  S.  333.  -)  Beckmann  1796,  S.  301.
*)  Keeß  1820.
5 )  Jacobson  1782,  Bd.  III,  S.  223;  vgl.  auch  die  Akten  des  Weißgerbers
Kirchhofs  am  Stadtarchiv  Nürnberg  1855.  6 )  Nürnberg  1535,  M.  S.,  452.
’)  Sachs  1568,  S.  93.  -)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  369;  Beck  1807,  S.  57  f.
°)  Jacobson  1782,  Bd.  II,  S.  590.
        <pb n="279" />
        239

verweigert  hatte,  weil  er  nicht  genug  Wander-  und  Gesellenjahre  hinter
sich  hat,  weil  er  die  Militärzeit  einrechnet,  und  weil  er  sich  auch  mit
Leimsieden  befassen  will.  Er  führt  zu  seiner  Rechtfertigung  an,  daß
auch  sein  Meister  in  Straßburg  Gerber  und  Leimsieder  gewesen  sei  und
sagt  unter  anderem:  „Es  gibt  junge  Leute,  welche  in  ihrer  Lehrzeit
allschon  an  Geschicklichkeit  ihren  Lehrmeister  übertreffen,  hingegen  auch
öfters  alte  Knaben,  so  20  und  mehrere  Jahre  die  Welt  durchwandern
und  so  untüchtig  nach  Hause  kehren,  als  ungeschickt  sie  in  die  Welt
hinausgeflogen...  Ich  bin  bei  einem  großen  König  in  Arbeit  gestanden, ­
  wo  man  öfters  solche  Felle  zu  gerben  bekommen,  welche  die
Haare  nicht  wollten  gehen  lassen  und  über  welcher  Arbeit  man  sein
eigenes  Fell  in  Gefahr  setzen  mußte"  fl.
In  noch  viel  engerer  Beziehung  als  die  Pergamentmacherei  und
die  Leimsiederei  steht  zur  „Weißgerberei"  zu  allen  Zeiten  die  Sämischgerberei, ­
  also  das  Walken  mit  Tran.  Die  Sämischgerberei  ist  eine  der
ältesten  Gerbemethoden,  und  eine  vergleichende  Untersuchung  der  verschiedenen ­
  Völker  lehrt,  daß  das  Gerben  mit  Fettstoffen  bereits  auf  sehr
niederen  Stufen  der  Kultur  und  in  völliger  Unabhängigkeit  von  anderen
Völkern  geübt  wird  fl;  auf  die  Bedeutung  der  Sämischgerberei  im  Mittelalter ­
  wurde  schon  hingewiesen  fl,  und  es  ist  interessant,  daß  bereits  das
älteste  Urbar  des  Klosters  Salzburg  aus  dem  Ende  des  11.  Jahrhunderts ­
  unter  den  Naturalabgaben  nicht  selten  „eorlnm  aä  oleum
comparandum“ 4 ),  „cutem  pro  oleo“ 5 )  aufführt,  wobei  also  gleich  der
Bestimmungszweck,  nämlich  zum  Gerben  mit  Fett,  angegeben  wird.  Es
mutet  unter  diesen  Verhältnissen  eigentümlich  an,  wenn  Junghans  nach
der  Besprechung  der  Leipziger  Rot-  und  Weißgerberei  aus  der  einzigen
Tatsache,  daß  die  Weißgerber  am  Ausgange  des  17.  Jahrhunderts  „mit
verschiedenen  Berufsverwandten  um  das  alleinige  Verkaufsrecht  für  die
mit  Fischtran  gegerbten  Felle  sich  herumstreiten",  zu  dem  Schluffe
kommt  „die  Technik  der  Fettgare  scheint  jünger  zu  sein"  fl.  Wir  haben
so  gesehen,  daß  diese  endlosen  Gewerbsstreitigkeiten,  von  welchen  hier
ln  Leipzig  auch  eine  vorliegt,  einen  ganz  anderen  Grund  haben,  nämlich
k'aß  sie  entwicklungsgeschichtlich  verständlich  sind  aus  den  Zeiten,  in
Melchen  die  Lederarbeiter  noch  ihr  Leder  selbst  gegerbt  haben.  Wir
haben  gesehen,  daß  viele  Lederarbeiter  durch  das  ganze  Mittelalter
hindurch  zu  ihren  wohlverbrieften  Rechten  die  Erlaubnis  zählten,  ihren
Lederbedarf  selbst  zu  gerben;  in  Danzig  z.  B.  wurde  1397  die  Ledermühle ­
  an  die  Beutler-Zunft,  und  nicht  an  die  Weiß-  oder  Sämischflerber
  verliehen  fl,  und  bei  den  Beutlern  wird  angeführt,  daß  sie
fl  Speyer  1759.  2 )  Vgl.  S.  174.  fl  Vgl.  S.  123—124.
fl  Salzburg  1910,  S.  310.  fl  Salzburg  1910,  S.  512,  514.
fl  Junghans  1896,  S.  393.  fl  Hirsch  1855,  S.  304.
        <pb n="280" />
        240

Alaun  bezogen,  woraus  hervorgeht,  daß  um  diese  Zeit  Weißgerber,
Sämischgerber  und  Beutler  in  Danzig  noch  in  einer  Person  vereinigt
sind.  Ich  habe  solche  irrige  Schlußfolgerungen  wie  die  obige  schon
öfter  richtig  stellen  müssen;  sie  sind  alle  darauf  zurückzuführen,  daß
infolge  mangelnder  historischer  Behandlung  spezieller  Gewerbe  ein
historisches  Verständnis  für  diese  Entwicklungen  fehlt.
Wichtiger  als  dieser  Punkt  ist  die  ohne  Zweifel  auffallende  und
sehr  beachtenswerte  Tatsache,  daß  die  Weißgerberei  und  die  Sämischgerberei ­
  mit  sehr  wenigen  Ausnahmen  durch  das  ganze  Mittelalter
hindurch  bis  in  unsere  Tage  in  einer  einzigen  Hand  vereinigt  sind,
derart,  daß  der  „Weißgerber"  stets  gleichzeitig  Weißgerber  und  Sämischgerber ­
  ist 1 ).  Nur  in  Frankreich  scheint  sich  gelegentlich  die  Sämischgerberei ­
  zu  einem  halbwegs  selbständigen  Handwerk  emporgeschwungen  zu
haben;  in  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  kaufen  z.  B.  die  französischen
Sämischgerber  die  Blößen  von  den  Weißgerbern 2 ),  um  diese  dann  nur
mit  Tran  zu  walken;  das  zeigt,  daß  die  Trennung  eine  noch  junge
und  keineswegs  durchgreifende  ist;  denn  sonst  würde  sich  die  Sämischgerberei ­
  nicht  in  einer  solchen  Abhängigkeit  beim  Bezug  eines  ihrer
wichtigsten  Rohstoffe  von  einem  anderen  Handwerk  befinden,  derart,  daß
sie  diesem  eine,  dem  eignen  Handwerk  gegenüber  fast  völlige  Monopolstellung ­
  einräumt;  vom  Standpunkte  der  die  Blößen  liefernden  Weißgerber ­
  ist  das  Verhältnis  freilich  verständlich,  nämlich  deswegen,  weil
sie  den  gewinnbringenden  Wollhandel  nicht  mit  den  Sämischgerbern
teilen  wollten,  aber  gerade  dieser  Punkt  zeigt  auch  wieder,  daß  die
Sämischgerber  zu  gering  an  Zahl  gewesen  sein  müssen;  denn  sonst  hätten
sie  wenigstens  den  aus  ihrer  Arbeit  entspringenden  Wollhandel  ihrem
Mutterhandwerke  abgetrotzt.  Beispiele  dafür  anzuführen,  daß  die  Weißund
  Sämischgerberei  mit  den  wenigen  angeführten  Ausnahmen  regelmäßig ­
  in  einer  Hand  vereint  gewesen  sind,  soll  hier  unterbleiben,  da
man  sich  bei  einer  solchen  Aufzählung,  angefangen  bei  den  Tagen  der
ersten  städtischen  Handwerker  und  durchgeführt  bis  zu  unseren  Tagen,
ins  Endlose  verlieren  müßte.
Dagegen  erscheint  ein  anderer  Punkt  von  großer  Wichtigkeit,  nämlich ­
  die  Bedeutung  der  Weißgerberei  im  Vergleich  zur
Sämischgerberei,  mit  anderen  Worten,  wie  verteilen  sich  Arbeit
und  Einkommen  auf  diese  beiden  Gerbemethoden.
Die  Bezeichnung  „Weißgerber"  oder  die  Bezeichnung  der  Handwerke ­
  „Weißgerber  und  Sämischmacher"  z.  B.  veranlaßt  zu  dem  Schlüsse
von  der  größeren  Bedeutung  der  Weißgerberei.  Statistiken  zur  kurzen
und  klaren  Entscheidung  dieser  Frage  existieren  nicht,  und  Handwerksakten, ­
  so  weit  ich  sie  durchgesehen  haben,  geben  darüber  keinen  direkten
2 )  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  ©.  89;  Dumas  1846,  S.  705  f.

0  Vgl.  S.  269.
        <pb n="281" />
        241

Aufschluß.  Die  Nürnberger  Jrher-Ordnung  von  1535  enthält  lediglich
den  ganz  neutralen  Satz:  „Es  mögen  auch  die  Jrher  gel  gerben"  Z,
wobei  „gel  gerben"  so  viel  ist  wie  gelb  gerben,  sämischgerben,  weil  bei
dieser  Gerbemethode  das  Leder  eine  gelbe  Farbe  bekommt;  daher  sind
Handschuhe  von  gelbem  Leder  *  2  * ),  welchen  man  hin  und  wieder  begegnet,
sämischlederne  oder,  wie  man  auch  sagt,  waschlederne  Handschuhe.  Das
Wort  „auch"  in  obigem  Zitat  enthält  aber  kein  Urteil  über  den  Umfang
der  Gelgerberei,  sondern  dieses  Wort  dient  lediglich  zur  Einleitung  und
Fortführung  des  neuen  Absatzes,  dessen  ersten  Satz  das  obige  Zitat
bildet;  denn  in  der  hier  in  Frage  stehenden  Ordnung  enthalten  die
Anfangssätze  einer  ganzen  Reihe  neuer  Abschnitte  dieses  überleitende
.„auch";  z.  B.  der  zweite  Absatz  über  das  „Zusammenpietten"  beginnt:
„das  sie  auch  nit  daran  noch  mit  vnnd  bey  sein  ...",  der  vierte  Absatz
vom  Meisterwerden  beginnt:  „Es  soll  auch  hinfüro  kainer  .der  10.
Absatz  vom  Stangenbeschlagen  beginnt:  „Es  soll  auch  nyemanndt  an  den
wercktagen  .und  so  beginnt  auch  der  12.  Absatz:  „Es  mögen  auch
die  Jrher  gel  gerben";  aber  dieser  Absatz  ist  zugleich  der  erste,  welcher
vom  Gerben  überhaupt  handelt,  das  Gelgerben  steht  also  hier  an  erster
Stelle,  und  im  Verlaufe  dieses  Absatzes  werden  die  Maximalarbeiterzahl
und  die  zum  Gelgerben  zulässigen  Hautarten  festgesetzt,  nämlich  Hirschen,
Rehe,  Elche,  Gemsen,  Ziegen;  dagegen  sind  Schafe  verboten,  weil  deren
Leder  zum  Gerben  untauglich  ist.  Im  weiteren  Verlaufe  der  Ordnung
werden  durch  Zusätze  auch  das  Gel  Gerben  der  Kalbs-  und  Ochsenhäute
den  Jrhern  gestattet,  das  Gel  Gerben  der  Ochsenhäute  1576  allerdings
auch  den  Rotlederern.  —  Der  Weißgerber  Lorenz  Aichinger  verließ
1650  den  Ort  Vohenstrauß,  weil  hier  die  Walkmühle  zugrunde  gegangen ­
  war,  und  weil  er  dadurch  sein  Geschäft  dem  Verderben  Preis
gegeben  sah^);  1663  wird  der  Lederhandel  „im  gantzen  Chur-  und
Fürstentum  der  Pfalzgrafschaft  bey  Rhein  und  inkorporierten  Ländern"
verboten  „allen  und  jeden,  so  das  Gelb-  und  Weißgerberhandwerk  nicht
gelernt.."  Z;  nach  der  Königsberger  Weißgerber-Ordnung  von  1737
gehört  folgendes  zum  Meisterstück:  „2  Elends-Häute,  2  Hirsch-Häute,
2  Bock-Häute,  2  Kalb-Felle,  2  abgestoßene  und  2  unabgestoßene
Hammel-Felle  ohne  Wolle  und  2  dergleichen  mit  Wolle;  ferner  2  Stück
Alaun-  oder  weis  gar  gemachte  Schaaf-Felle  und  2  Stück  rauhe  gar
gemachte  Schaaf-Felle.  Über  gedachte  gelb  und  weiße  Stücke..."°);
und  so,  wie  in  diesen  wenigen  Beispielen,  welche  sich  fast  beliebig  häufen
ließen,  die  Sämischgerberei  immer  an  erster  Stelle  oder  im  Vordergründe
Nürnberg  1535,  M.  ©.,  Nr.  452,  S.  819  ff.
2 )  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  28;  Krünitz  1780,  Bd.  XXI,  S.  460  f.
s )  Sperl  1909,  S.  45.  4 )  Speyer  1654—1686,  1663.
6 )  Königsberg  1737,  III.
Ebert,  Entwilllung  der  Weißgerberei.  16
        <pb n="282" />
        242

steht,  wie  sie  bei  den  Meisterstücken  einen  viel  breiteren  Raum  einnimmt, ­
  als  die  Alaungerberei,  so  wird  auch  bei  den  Darstellern  dieser
Gewerbe  die  Sämischgerberei  immer  an  erster  Stelle  besprochen,  so  bei
Frisins  1715  *),  oder  bei  Halle  1762 2 )  und  1772 3 ).  Da  Sattler  und
Riemer,  die  Hauptkonsumenten  weißen  Leders,  wie  wir  an  vielen
Beispielen  gesehen  haben,  ihren  Lederbedarf  selbst  erzeugten,  und  da  viele
Weißgerber,  wie  ebenfalls  durch  zahlreiche  Beispiele  illustriert  wurde,
sämische  Hosen  selbst  verfertigten,  also  gleichzeitig  Beutler  waren,  so
erscheint  unter  Berücksichtigung  aller  dieser  Verhältnisse  der  Schluß
gerechtfertigt,  daß  bei  den  Weißgerbern  die  Sämischgerberei  den  weitaus ­
  größten  Teil  ihres  Lebensunterhaltes  lieferte,  während  die  Weißgerberei ­
  fast  nur  als  Nebenbeschäftigung  erscheint;  denn  nunmehr  bleiben
für  die  Weißgerberei  der  Weißgerber  fast  nur  weiße  Futterleder  übrig,
und  auch  diese  müssen  von  vielen  Schustern  selbst  hergestellt  worden
sein.  Die  Kenntnis  dieser  eigentümlichen  Art  der  Verteilung  der  Produktionsprinzipien ­
  unter  die  hier  in  Frage  kommenden  Handtverke  ist
grundlegend  zum  Verständnis  der  ökonomischen  Lage  der  Weißgerber
im  Laufe  der  Zeit.  ein  Punkt,  welchen  wir  an  anderer  Stelle  zu  besprechen
haben,  weil  wir  im  Anschluß  an  die  eben  dargelegten  Verhältnisse
unser  Augenmerk  auf  die  Weißgerber  richten  müssen,  welche  den  Namen
„Jrher",  „Jrcher",  auch  „Archer",  führten.
Das  „Arch" 4  5  * )  oder  „Jrich" B )  spielt  im  deutsch-italienischen  Handel
des  14./15.  Jahrhunderts  eine  nicht  unbedeutende  Rolle,  und  es  liegt
nahe,  das  yrch  als  ein  Produkt  der  Ir  her  anzusehen.  Während
Krünitz  °)  sich  noch  mit  der  Konstatierung  begnügt,  daß  die  Herkunft
dieses  Namens  unbekannt  sei,  ist  Nehlen  7 )  der  Ansicht,  daß  der  Unterschied
zwischen  Jrhern  und  Rotgerbern  darin  liege,  daß  die  Rotgerber  schwere
Ochsenhäute  und  Pferdehäute  verarbeiten,  während  die  Jrher  nur  leichte
Felle,  wie  Schaf-,  Ziegen-  und  Hirschfelle  als  Ausgangsmaterial  benutzen.
Seit  aber  Lexers  Ansicht,  daß  unter  Jrch  weißgares  Leder  zu  verstehen
sei 8 ),  in  Grimms  Deutsches  Wörterbuch  übergegangen  ist, 9 )  ist  letztere
Ansicht  die  herrschende  geworden.
Nun  bedeutet  irch,  irh  —  ein  Wort,  welches  bei  den  Minnesängern
des  12.  Jahrhunderts  vorkommt  —  der  „Bock",  und  daher  ist  das  Leder,
welches  den  Namen  „irch"  führt,  zunächst  nichts  weiter  als  Bockleder,

*)  Frisius  1708—1716.
®)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  369.  3 )  Halle  1772,  Bd.  V,  S.  105.
4 )  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  718;  Bd.  II,  S.  228.
5 )  Simonsfeld  1887,  Bd.  II,  S.  105.
°)  Krünitz  1795,  Bd.  LXYIII,  S.  489,  Anm.  r )  Rehlen  1855,  S.  137.
s )  Lexer  1872,  Bd.  I,  S.  1449.
*)  I.  u.  W.  Grimm,  Deutsches  Wörterbuch,  14  Bände,  1877,  Jrch.
        <pb n="283" />
        243

wobei  über  die  Gerbungsart  gar  nichts  ausgesagt  wird.  Gelegentlich
soll  übrigens  irch  auch  rot  Vorkommens.  Der  Jrcher  ist  demnach  zunächst ­
  nichts  weiter  als  der  Bockledergerber.  In  den  Nürnberger
Meisterbüchern  sind,  wie  bereits  mehrfach  erwähnt,  seit  1370  zunächst
die  Jrher  und  Permiter  unter  einer  Rubrik  vereinigt,  und  in  dieser
Rubrik  finden  wir  folgende  merkwürdige  Stelle 2 ):
Jrher  vnd  Permiter
die  schüllen  haben  1  Lon  knecht  1  Leerknecht.
Seitz  Vtzz

(nun  folgen  nacheinander  45  Namen  ohne  Handwerksbezeichnung)

Hanse  Manhofer
Hans  Scherl  irher  anno  1408
Vlrich  Wurm  Erasmi  anno  1411
Görg  Peck  irher  anno  1419
Vlrich  Rinderman  irher  anno  1421
Geronimus  Permiter  anno  1422
Hans  Priester  Weißgerber  anno  .  .  1424
Jacob  Krebß  permiter
Fritz  Egen  irher  8 )

Es  macht  diese  Stelle  auf  den  unbefangenen  Beobachter  den  Eindruck,
als  ob  irher,  permiter  und  Weißgerber  drei  verschiedene  Handwerke
wären;  dann  stünde  irher  im  Gegensatz  zu  Weißgerber,  und  der  Jrher
oder  Bockledergerber  wäre  demnach  der  Sämischgerber  und  nicht  der
Weißgerber.  Unterstützt  wird  diese  Ansicht  dadurch,  daß  nach  Lexer
unter  „irch"  Leder  von  Böcken,  Gemsen,  Hirschen,  Rehen,  zu  verstehen
'st,  also  die  gleichen  Fellarten,  von  welchen  wir  oben  gehört  haben,  daß
lie  von  den  Nürnberger  Jrhern  1535  sämischgemacht  werden  sollen;^)
ich  habe  nicht  ein  einziges  Beispiel  aus  dieser  Zeit  gefunden,  wonach
l&amp;gt;ie  genannten  Fellarten,  mit  Ausnahme  der  Bockhaut,  weißgar  gemacht
worden  wären.  Auch  die  von  Grimm  angeführten  Beispiele  sprechen
^ür  Sämischleder:  „leg  der  frouwen  disz  Pflaster  uf  ein  yrchi  läder
bestrichen  .  .  „dis  Pflaster  sol  uf  ein  yrchi  läder  gestrichen  werden";
^enn  als  Unterlagen  für  Pflaster  wurden  gerade  sämische  Leder  benutzt,
0  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  718.
st  Nürnberg,  M.  Ms.,  233  (1370-1429).
st  vgl.  S.  133  und  S.  133  Note  1.  st  vgl.  S.  241.

16*
        <pb n="284" />
        244

wie  dies  heute  noch  auf  dem  Lande  üblich  ist,  und  nicht  weißgare
Leder.  Auch  um  1500  noch  werden  hin  und  wieder  in  den  Meisterbüchern ­
  Jrher  und  Weißgerber  voneinander  unterschieden,  eine  Unterscheidung, ­
  welche  sich  manchmal  auch  in  den  Besitzwechselurkunden  am
Anfange  des  15.  Jahrhunderts  beobachten  läßt.  Ein  Nürnberger  Senatsbeschluß ­
  vom  15.  Januar  1562  enthält  die  Stelle:  „Es  fällten  allain
die  Jrher  vnnd  Weißgerber  zu  kauffen  macht  haben"  *);  auch  diese
Gegeneinanderstellung  deutet  darauf  hin,  daß  hier  zweierlei  Handwerke
vorliegen,  genau  so,  wie  die  spätere  Bezeichnung  meist  „Weiß-  und
Sämischmacher"  lautet;  wir  denken  in  letzterem  Falle  nicht  daran,  unter
Weißgerberei  die  gleiche  Produktionstätigkeit  zu  verstehen  wie  unter
Sämischgerberei,  und  so  würde  die  Handwerksbezeichnung  „Jrher  und
Weißgerber"  lediglich  eine  alte  Form  darstellen  für  die  modernere  z.  B.
von  1601  „Sehmisch-  und  Weißgerberhandwerk"  I.  Auch  die  1460  im
Meisterbuch  eingeführte  neue  Rubrik  „Gelgerber",  welche  allerdings
nur  einen  einzigen  Meister  enthält,  bestätigt  alle  diese  Vermutungen,
daß  hier  einmal  getrennte  Handwerke  vorgelegen  haben.  Man  könnte
daraus  den  Schluß  ziehen,  daß  die  von  Spanien  her  eingewanderte
Alaun-,  also  Weißgerberei  zur  Bildung  zunächst  eines  eigenen  Handwerks ­
  Veranlassung  gegeben  habe,  so  daß  Weißgerber  und  Sämischgerber
einander  eine  Zeitlang  als  getrennte  Handwerker  gegenüber  standen;
anfänglich  hin  und  wieder,  später  ganz  allgemein  fand  dann  eine  Vereinigung ­
  der  beiden  Gewerbe  in  der  Hand  eines  einzigen  Gewerbetreibenden ­
  statt,  und  daher  mag  es  kommen,  daß  für  den  gleichen
Gewerbetreibenden  einmal  die  Bezeichnung  Jrher,  ein  anderes  Mal  die
Bezeichnung  Weißgerber  angewandt  wurde,  bis  schließlich  beide  Bezeichnungen, ­
  nachdem  die  Vereinigung  allgemein  geworden  war,  gleichbedeutend ­
  wurden  in  der  Weise,  daß  man  unter  Jrher  sowohl  wie
unter  Weißgerber  einen  Handwerker  verstand,  welcher  Weiß  und  Sämisch
gerbte,  bei  welchem  aber  die  Sämischgerberei  überwog.  Letzteres  Verhältnis ­
  besteht  ja  heute  noch  sehr  häufig,  der  „Weißgerber"  der  kleineren
Plätze  ist  in  allererster  Linie  ein  Sämischgerber.  Die  Bezeichnung
„Gel-gerber"  mag  erst  als  bewußter  Gegensatz  zum  „Weiß-gerber"
entstanden  sein;  sie  hat  sich  jedoch  nicht  im  Sprachgebrauch  einführen
können;  denn  wir  hören  später  wohl  noch  von  „gelbes  Leder",  von  „gelgerben", ­
  aber  nicht  mehr  von  „Gelb-gerber".  Es  wäre  also  der  Jrher  demnach ­
  ursprünglich  ein  reiner  Sämischgerber,  und  wir  Hütten  dann  diese  Handwerkstrennung ­
  noch  zu  der  oben  angeführten  von  Frankreich  hinzuzufügen. 3 )
Die  Bezeichnung  Jrher  ist  übrigens  keine  auf  Nürnberg  beschränkte.
In  den  Augsburger  Weißgerberakten  findet  sich  ein  Münchner  Erlaß
0  Nürnberg  1535,  M.  S.,  452,  Leoretnm  in  Lenatu  den,  15.  Jan.  1562.
2 )  Würzburg  1660—83,  1601.  3 )  vgl.  S.  240.
        <pb n="285" />
        245

von  1733,  „daß  dem  handtwerch  der  Jrher  vnd  weißgärber  allein
Hirschen,  Elchen,  Gämbsen,  Pock  vnd  Gaißheut,  auch  Rech  vnd  Kitzfeel
jm  Vischschmaltz  (d.  i.  Tran)  gearbeitet!  gepüre"  J ).  Diese  hier  zitierte
Stelle  des  Erlasses  wird  bei  Annahme  der  hier  supponierten  Auslegung
des  Wortes  Jrher  wesentlich  sinnvoller,  als  wenn  man  unter  Jrher  den
gewöhnlichen  Alaungerber  versteht.
Als  ein  weiteres  Gewerbe,  welches  zu  der  Weißgerberei  in  Beziehung
trat,  ist  die  Glacegerberei  zu  erwähnen.  Wie  bereits  angeführt,
war  die  Methode  der  Glacegerbung  in  Deutschland  schon  im  14.  Jahrhundert ­
  bekannt^);  da  aber  die  Glacegerberei  einen  bedeutenden  Handschuhverbrauch ­
  als  Voraussetzung  ihrer  Existenz  hat,  und  da,  wie  ebenfalls ­
  schon  dargelegt,  die  Konsumkraft  der  deutschen  Gebiete  für  Handschuhe ­
  bis  weit  ins  17.  Jahrhundert  eine  nur  geringe  war,  so  konnte
sich  die  Glacegerberei  nicht  entwickeln.  Erst  durch  den  Zustrom  der
Hugenotten  nach  verschiedenen  außerfranzösischen  Residenzen  wurde  von
den  Refugies  gleichzeitig  die  Glacegerberei,  die  Handschuhmacherei  und
eine  genügende  Nachfrage  nach  diesen  Fabrikaten  hauptsächlich  in  Deutschland ­
  und  Österreich  erzeugt,  und  damit  wurden  die  Bedingungen  zur
Existenzfähigkeit  der  Glaccgerberei  geschaffen.  Es  wurde  bereits  gezeigt,  daß
diese  ganze  Bewegung  unter  der  wohlwollenden  und  entgegenkommenden
Politik  der  Staaten  des  17.  Jahrhunderts  sich  vollzog,  wobei  also  die
staatliche  Fürsorge  ihre  schützende,  fördernde  und  privilegierende  Hand
über  das  neue  Gewerbe  und  dessen  Träger  ausbreitete;  auf  diese  Weise
kommt  nicht  nur  die  Einführung  und  der  Fortbestand  der  neuen  Produktionsprinzipien ­
  in  den  fremden  Wirtschaftsgebieten  zustande,  sondern
es  genießen  auch  die  Träger  dieser  Produktionsprinzipien  die  Monopolstellung ­
  des  Gewerbes,  welches  sie  bringen;  der  rechtliche  Ausdruck
dieser  Stellung  ist  der,  daß  sie  als  Fremde  der  herrschenden  Gewerbeverfassung ­
  gegenüber  stehen  und  ihr  nicht  in  dem  vollen  Umfange  der
Einheimischen  unterworfen  sind;  die  „französischen"  Weißgerber,  wie
man  sie  genannt  hat,  sind  nicht  zünftig,  werden  nicht  mehr  zünftig,
obwohl  sie  es  in  Frankreich  gewesen  waren.  Die  deutschen  Weißgerber
stehen  ihnen  als  eine  geschlossene  Korporation  gegenüber,  sie  betrachten
stch  als  eine  eigene  Zunft,  und  die  französischen  Weißgerber  als  eine
andere  Zunft,  welche  mit  ihren,  nur  unter  dem  starken  staatlichen
Schutze  möglichen  Ideen  der  Spezialisation,  Kombination,  Manufakturen,
Hausindustrie  —  lauter  Ideen,  welche  mit  der  bestehenden  Wirtschaftsauffassung ­
  der  deutschen  Zünfte  vollkommen  unvereinbar  waren,  —
vielleicht  auch  noch  durch  die  Vererbung  der  Produktionsweise  innerhalb
der  französischen  Familien  lange  Zeit  eine  eigene  fremde  Erscheinung
m  fremder  Umgebung  bildeten;  daher  hat  sich  auch  die  Glacegerberei,
5  Augsburg  1722—1778,  1733.  s )  vgl.  S.  208.
        <pb n="286" />
        246

welche  zunächst  von  anderen  Menschen  unter  anderen  Bedingungen  und
für  andere  Bedürfnisse,  als  es  bei  der  deutschen  Weißgerberei  der  Fall
war,  ausgeübt  wurde,  lange  Zeit  ziemlich  selbständig  und  unabhängig
von  der  deutschen  Weißgerberei  entwickelt.  Um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts ­
  noch  ist  die  französische  Weißgerberei  nicht  im  deutschen  Handwerk ­
  aufgegangen,  sondern  nur  wenige  deutsche  Weißgerber  beschäftigten
sich  mit  ihr,  und  auch  in  diesen  Fällen  ist  die  französische  Weißgerberei
bei  den  deutschen  Weißgerbern  eine  Nebensache  *).  In  Berlin  z.  B.  hatten
die  französischen  Weißgerber  unter  dem  Druck  des  Staates  in  die  deutsche
Zunft  aufgenommen  werden  müssen,  aber  auch  diese  äußerliche  Vereinigung ­
  zog  keine  weitere  innere  Verschmelzung  nach  sich.  Das  Gewerbe ­
  war  ein  fremdes,  blieb  ein  fremdes  und  hat  sich,  wie  wir  noch
sehen  werden,  vollkommen  selbständig  und  ganz  anders  entwickelt.
Das  letzte  Gewerbe  endlich,  welches  eine  ökonomisch  außerordentlich
wichtige  Beziehung  zur  Weißgerberei  unterhält,  ist  die  uns  längst  bekannte ­
  Rotgerberei.  Wir  haben  gesehen,  daß  bei  manchen  Schustern,
lange  Zeit  sogar  bei  manchen  Weißgerbern  des  Mittelalters,  die  Rotgerberei ­
  ausgeübt  wurdet;  im  großen  und  ganzen  aber  ging,  wie  gezeigt
wurde,  die  Bewegung  dahin,  die  Weißgerberei  von  der  Rotgerberei  klar
und  reinlich  abzuspalten,  so  daß  die  gleichzeitige  Ausübung  beider  Gewerbe ­
  am  ausgehenden  Mittelalter  vom  Standpunkte  der  zünftlerischen
Gewerbeordnung  aus  als  ein  gewerbliches  Unrecht,  als  eine  illegitime
Handlung  galt").  Erst  als  das  19.  Jahrhundert  die  in  einem  jahrhundertelangen ­
  Entwicklungsgang  der  Gewerbeverfassung  mühselig  errichteten ­
  Schranken  niederlegte,  da  lebte  die  alte  Beziehung  zur  Rotgerberei ­
  wieder  auf,  und  die  beiden  Gewerbe  vereinigten  sich  in  der
Hand  des  Weißgerbers  in  gesetzlicher  Weise,  um  das  abgelebte  Weißgerberhandwerk ­
  in  eine  neue  lebensfähigere  Form  zu  bringen  Z.
Wir  haben  nunmehr  den  ursprünglich  wenig  differenzierten  Zustand ­
  der  Lederarbeiter  sich  zu  einer  Reihe  von  einzelnen  Bestandteilen,
Elementen  und  Gewerben  entfalten  sehen,  wir  haben  gesehen,  wie  die
großen  Kategorieen  der  Schuster,  der  Lohgerber,  der  Sattler  und  Riemer,
der  Beutler,  Nestler,  Säckler,  Handschuhmacher  sich  auseinander  gelöst
haben,  wobei  ein  engerer  Kern  erhalten  geblieben  ist,  welcher  die  Pergamenter,
  die  Leimsieder,  die  Sämischgerber  und  die  eigentlichen  Weißgerber ­
  umfaßt.  Während  aber  die  Pergamenter  sich  mehr  und  mehr
emanzipierten,  um  im  18./19.  Jahrhundert  doch  wieder  in  der  Weißgerberei ­
  unterzugehen,  blieben  die  drei  Gewerbe  der  gewöhnlichen  Weißgerberei, ­
  der  Sämischgerberei  und  der  Leimsiederei  im  großen  und

i)  Vgl.  Jacobson  1781,  Bd.  I,  S.  789.  2  3 )  Vgl.  S.  226  ff.,  232  ff.
3 )  Vgl.  S.  234  f.  u.  S.  250  ff.  4 )  Vgl.  S.  285.
        <pb n="287" />
        -  247  —
ganzen  in  der  Hand  eines  einzigen  Professivnisten,  nämlich  des  Weißgerbers, ­
  vereinigt.  Dieser  Professionist  ist  der  zünftige  Weißgerber  des
Mittelalters,  und  er  stellt  auch  teilweise  noch  das  heutige  Handwerk
dar.  Zu  diesem  Handwerker  trat  dann  am  Beginn  der  neuen  Zeit
uoch  die  Glacegerbung,  welche  einen  eigenen  Professionisten,  nämlich
den  französischen  Weißgerber,  beschäftigt,  und  die  Vereinigung  von  Weiß
und  Rot  in  neuester  Zeit  erzeugte  aus  dem  abgelebten  Handwerke  der
alten  Weißgerber  ein  neues  lebensfähigeres  Gewerbe.  Wir  haben  so
die  Entwicklung  des  produktiven  Inhalts  der  verschiedenen  unter  den
Sammelbegriff  „Weißgerber"  gehörigen  Handwerker  kennen  gelernt  und
wenden  uns  nunmehr  dazu,  die  öffentlich-rechtliche  Entfaltung  dieses  so
gewonnenen  Begriffes  darzulegen.
8  25.  Die  öffentlich-rechtliche  Entfaltung  des  Weiszgerberhandwerks.

Die  zünftlerischen  Einrichtungen  des  Weißgerberhandwerks,
wie  Aufdingen,  Probezeit  x ),  Kosten  bei  der  Aufnahme  des  Lehrlings,  Entlaufen ­
  des  Lehrlings  1  2  * ),  Lehrgeld  und  Halten  des  Lehrlings,  Dauer  der
Lehrzeit  *),  Überfüllung  im  Handwerk  4 ),  Lossprechen 5  6  *  * ),  bieten  zu  wenig
Stoff  von  selbständigem  Werte,  als  daß  sie  zu  längerem  Verweilen
Anlaß  geben  könnten;  eine  einzige  Bestimmung  für  das  preußische
Weißgerberhandwerk  ist  interessant  für  das  allgemeine  Bildungsniveau
l&amp;gt;er  in  das  Handwerk  eintretenden  Lehrlinge;  sie  lautet:  „Wenn  ein
Knabe  bey  einem  Meister  um  dieses  Handwerck  zu  erlernen  sich  augiebet,
  so  soll  er  nicht  eher  angenommen  werden,  bis  er  lesen,  schreiben
und  wenigstens  die  Fünf  Haupt-Stücke  aus  dem  Katechismo  kann,  es
wäre  denn,  daß  der  Meister  ihn  währenden  Lehrjahren  wöchentlich  vier
Stunden,  so  lange,  bis  der  Junge  es  gelernet,  zur  Schule  zu  schicken
annehmen  wollte  *)."  Ähnlich  verhält  es  sich  auch  mit  den  Bestimmungen
jür  die  Gesellen'),  mit  der  Wanderschaft^),  mit  Wanderbriefen 9 ),  mit
kern  Handwerksgruß 10 ),  mit  Handwerksgeschenk  und  Umschauen  "),  mit
1 )  Bgl.  Stahl  1874,  S.  173.
2 )  Vgl.  Stahl  1874,  S.  217.  a )  Vgl.  Mummenhoff  1901,  S.  56.
*)  Vgl.  Junghans  1896,  S.  406;  Nürnberg  1629,  Stadtarchiv  769,
6 )  Vgl.  Frisius  1708,  S.  423ff.;  Stahl  1874,  S.  233,  235,  237f.
6 )  Königsberg  1737,  XXII.  Mummenhoff  1901,  S.  11.
6 )  Stahl  1874,  S.  266  ff.,  vgl.  auch  S.  178  ff.
®)  Rothenburg  1771;  Biel  1765.
10 )  Vgl.  Schurtz  1900,  S.  183;  bes.  Frisius  1708,  S.  438  ff.
11 )  Nürnberg  17.  23,  7;  Magdeburg  1686;  Königsberg  1737,  XV;  Mummenhoff ­
  1901,  S.  81;  Stahl  1874,  S.  372—380;  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  144.
        <pb n="288" />
        248

Meisterstücken  H  und  mit  der  Lederschau  -).  Selbstverständlich  sind
natürlich  auch  Vorschriften,  welche  Arbeit,  Verkauf  oder  Auslegen  von
Waren  zur  Schau  am  Sonntag  vor  der  Predigt  verbieten  8 ).
In  allen  den  hier  erwähnten  und  in  weiteren  noch  hierher  gehörigen ­
  Punkten  fügen  sich  die  Weißgerber  vollkommen  in  die  mittelalterliche ­
  Zunftverfassung  ein,  so  daß  diese  Gebiete  Gegenstand  der
allgemeinen  Wirtschaftsgeschichte  sind,  und  daher  nicht  Objekt  einer
speziellen  Untersuchung  zu  sein  brauchen.
Ganz  kurze  Berücksichtigung  mögen  dagegen  die  Handwerksabzeichen ­
  finden,  da  sie  speziellere  Bedeutung  besitzen  und  für  das
vorliegende  Handwerk  sehr  zerstreut  sind.
Die  Siegel  der  Weißgerberhandwerke,  welche  man  häufig  noch
unter  alten  Aktenstücken  und  Urkunden  in  verhältnismäßig  gutem  Zustande ­
  findet,  sowie  die  Handwerkswappen 4 )  führen  sehr  häufig  den
S  tollpfahl  in  mehr  oder  weniger  stilisierter  Form;  er  ist  besonders
deutlich  als  solcher  erkennbar  im  Wappen  der  Weißgerber  zu  Ulm.  Vor
allen  Dingen  der  Stollpfahl  ist  ein  Abzeichen,  welches  ich  bei  Rotgerbern ­
  niemals  beobachtet  habe.  Häufig  für  die  Weißgerber  ist  auch
der  Schlichtmond,  ebenfalls  besonders  schön  zu  erkennen  im  Wappen
der  Weißgerber  zu  Ulm.  Gekreuzte  Schabeeisen  sind  den  Wappen
der  Weiß-  und  Rotgerber  gemeinsam;  auch  Riemen  sind  in  den
Wappen  nicht  selten.  Die  häufigsten  Wappentiere  sind,  was  nach  der
ganzen  bisherigen  Entwicklung  leicht  zu  begreifen  ist,  der  Bock  und
der  Hirsch;  daneben  kommen  dann  natürlich  in  Menge  allgemeine
Formen  vor,  wie  der  Engel,  der  Löwe,  die  Krone,  drei  Sterne  usw.
Hingewiesen  sei  auch  noch  auf  das  Wappen  der  Danziger  Chordewanmacher,
  weil  dieses  das  früher  über  Corduan  Gesagte  illustrieren  kann:
auf  dem  Boden  zwischen  Bock  und  Hirsch  steht  ein  Baum,  von  dessen
Krone  ein  Roßkummet  herabhängt;  der  Stamm  des  Baumes  ist  unten
von  zwei  schräg  gekreuzten  Schabeisen  überlegt.
Drei  Aushängeschilder,  allerdings  von  Rotgerbereien,  finden  sich
im  Rothenburger  Ortsmuseum.
Was  die  Tracht  anlangt,  welche  wir  ebenfalls  in  diesem  Zusammenhange ­
  kurz  besprechen  wollen,  so  sei  eine  Augsburger  Bestimmung  um
1800  angeführt:  „Es  soll  an  Sonn-  und  Feurtagen  kein  Meister

1)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  133;  Artikel  I;  dazu  vgl.  auch  Nürnberg  17.
bei  Weißgerber.
2 )  Nürnberg  17.  Rotgerber;  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  430;  Bd.  VI,
S.  129,  133.
3 )  Nürnberg  1635;  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  132,  Artikel  II  u.  VII;
Mummenhoff  1901,  S.  121.
4 )  Abbildungen  bei  Seyler  1898,  S.  79  ff.;  Nürnberg  17.;  Bormans  1863.
        <pb n="289" />
        249

ohne  Mantel,  Hut  oder  Kragen  für  des  äußersten  Meisters  Hauß
gehen;  es  sei  denn,  daß  einer  Walckgeschäft  zu  verrichten  hätte,  soll
selbiger  des  Mantels  überhoben  sein" 1 ).  Ähnlich  lautet  die  Bestimmung
für  den  Werktag;  ähnlich,  nur  noch  eingehender,  sind  die  Bestimmungen
1671:  Es  soll  keiner  ohne  Mantel  oder  Degen  oder  mit  bedecktem  Haupt
im  Handwerk  erscheinen.  Der  „Umbschaugesell"  soll  nicht  ohne  Mantel  und
ohne  Degen  einem  fremden  Gesellen  umschauen  oder  das  „Glaidt"  geben.
Es  soll  keiner  an  Sonn-  oder  Feiertag  ohne  Mantel  oder  Degen  vor  des
äußersten  Meisters  Haus  gehen.  Es  soll  keiner  am  Werktag  „ohn  Schurtz,
Huet  oder  Kragen",  oder  mit  „kallichtem  Gesicht,  Händt  oder  Schuehen"
vor  des  äußersten  Meisters  Haus  gehen.  Abbildungen  von  Rotgerbern
finden  sich  im  Kupferstichkabinett  des  Germanischen  Museums 2 );  die  Zunftmitglieder ­
  hatten  stets  die  wichtigsten  Abzeichen  ihres  Handwerks  mit
sich  zu  führen,  so  auch  beim  Heiratsantrag.  Der  Anzug  des  Gerbers
besteht  aus  Halbschuhen,  langen  Strümpfen,  kurzen  Hosen,  kurze  Schürze,
Weste,  Rock  und  Zipfelmütze.  In  der  Hand  hält  er  das  Schabeeisen.
An  Handwerksladen,  welche  den  vornehmsten  Besitz  des  Handwerks
bildeten,  findet  sich  eine  von  Rotgerbern  bei  Herrn  Gerbereibesitzer
Walther  in  Langenzenn,  eine  andere  im  Rothenburger  Ortsmuseum,  eine
Weißgerberlade  beim  Obermeister  der  Gerberinnung  Kirchenhain 2 ).
Ein  prachtvoller  silberner  Pokal  des  Nürnberger  Rotgerber-Handwerks
  befindet  sich  im  Besitze  von  Herrn  Antiquar  Christian  Wohlbolt
zu  Nürnberg,  Augustinerstraße.
Ein  steinerner  bauchiger  Krug  des  Weißgerberhandwerks  zu  Kirchhain
  steht  beim  Obermeister  dieser  Innung;  der  Krug  ist  aus  grauem
Steingut  gefertigt,  er  faßt  etwa  15  Liter  und  trägt  die  Aufschrift:  „Das
Weiß-  und  Sämisch  Gerber  Gewerck  in  Kirchhain  1856."  Diese  Aufschrift ­
  ist  in  der  für  Steinkrüge  üblichen  blauen  Farbe  angebracht.
Beim  Obermeister  in  Kirchhain  befindet  sich  aus  dem  Jahre  18t  1
auch  noch  ein  eiserner  Stempel  zum  Zeichnen  der  Felle;  der  Stempel
zeigt  weiter  nichts  als  die  nebeneinander  stehenden  Buchstaben  DWHIK
(Das  Weißgerber  Handwerk  in  Kirchhain).
Hingewiesen  sei  bei  dieser  Gelegenheit  noch  auf  mehrere  gestochene
Holzmodeln  im  Rothenburger  Ortsmuseum,  welche  dazu  dienten,  dem
Leder  Zeichnungen  aufzupressen.
Unter  den  Bronzeepitaphien  aus  Nürnberger  Friedhöfen  findet  sich
das  eines  Lederers  aus  dem  16.  Jahrhundert  im  Germanischen  Museum
mit  der  Aufschrift  „Augustin  Kolb  Lederer".
Endlich  sei  noch  erwähnt,  daß  die  Nürnberger  Weißgerber  einen
9  Augspurg  ca.  1800;  Augsburg  1671,  7,  19,  25,  26.
*)  Siehe  auch  Jörissen  1909,  S.  18,  Bild  54.
3 )  Siehe  Einfalt  1910,  S.  81;  Königsberg  1737,  XI,  XII;  Frisius  1708,  S.  430.
        <pb n="290" />
        250

Kirchen-  oder  Almoßstuhl  in  der  Kirche  zu  St.  Sebald  an  der  Türe
hatten,  wo  die  Totentafel  aufgehängt  wird,  daß  sie  am  Tag  Sebaldi  in
der  Jrhergasse  einen  öffentlichen  Tanz  hatten  x ),  und  daß  die  Straßburger
Gerber  den  heiligen  Martin  zum  Beschützer  erkoren  hatten,  während  in  Köln
der  heilige  Crispin  bei  der  Gerberbruderschaft  die  gleiche  Stelle  vertrat *  2 ).
Eingehendere  Betrachtung  als  die  eben  besprochenen  Verhältnisse
verdient  das  mittelalterliche  Genossenschaftsleben,  nicht  das  Leben  des
Einzelnen  in  der  engen  städtischen  Genossenschaft  der  Zunft,  sondern
die  Koexistenz  der  zahlreichen  Zunftkörper  in  der  großen
Genossenschaft  des  Reichs.
Die  Zunft  als  öffentlich-rechtliche  Korporation  bestand  in  verhältnismäßig ­
  hoher  Unabhängigkeit  neben  den  anderen  gleichlautenden  Zünften
der  übrigen  Städte;  die  Landesgesetzgebung  schuf  keine  weithin  geltenden
Ordnungen  der  Gewerbe  derart,  daß  Wortlaut  oder  wenigstens  wesentlichster ­
  Inhalt  z.  B.  aller  Weißgerberordnungen  des  Reiches  übereinstimmten; ­
  letzteres  war  erst  eine  gesetzgeberische  Tat  der  absoluten
Staaten.  Die  Zunftordnung  regelt  lediglich  die  Verhältnisse  der  lokalen
Gewerbetreibenden;  es  ist  mit  anderen  Worten  zunächst  keine  übergeordnete ­
  Macht  vorhanden  zu  einer  einheitlichen  Regelung  all  der  ins
Detail  gehenden  Verhältnisse,  welche  wir  soeben  im  Fluge  durcheilt
haben,  wie  Lehrlingsausbildung,  Wanderschaft,  Meisterstücke  usw.,  sondern
bei  der  Ordnung  dieser  Verhältnisse  haben  die  lokalen  Selbstverwaltungskörper
  völlig  freie  Hand.  Der  lebhafte  interurbane  Austausch  z.  B.  von
Arbeitskräften  in  Form  der  wandernden  Gesellen  schließt  diese  vielen
kleinen  zunächst  gegeneinander  nicht  weiter  verpflichteten  Verbände  zu
einer  höheren  Einheit  zusammen,  derart,  daß  die  Gesamtheit  der  Interessen,
welche  sich  ans  diesem  lebhaften  Austausche  ergibt,  auch  eine  gewisse
Einheit  mindestens  der  wesentlichsten  Bestimmungen  verlangt;  eine  unter
dem  Rechtstitel  „Geselle"  zuwandernde  Arbeitskraft  muß  die  Gewähr
einer  genügenden  Ausbildung  mit  sich  bringen,  und  gewisse,  allgemein
bekannte,  bestimmte  interurbane  Gebräuche  müssen  das  Passieren  des
Gesellen,  welcher  seine  Heimat  verlassen  hat,  von  Stadt  zu  Stadt  ermöglichen. ­
  So  sind  die  Handwerks-Artikel  und  die  Zunft-Gebräuche  und
Zunft-Zeremonieen  eine  ArtinterurbanenGewerberechtes,  welches
die  rechtliche  Unterlage  aller  durch  den  Gesellenaustausch  zu  einer  höheren
Einheit  zusammengeschlossenen  kleinen  lokalen  Gewerbeverbände  darstellt;
damit  ist  aber  in  dieser  höheren  Einheit  eine  übergeordnete  Macht  gegeben,
welche  von  nun  an  entweder  gemeinsame  Änderung  vorhandener  Bestimmungen ­
  verlangt  oder  welche  eine  willkürliche  lokale  Änderung  mit
einer  bestimmten  Unrechtsfolge  behaftet.

0  Nürnberg  17.  Weißgerber.
2 )  Deutsche  Gerberzeilung  1888,  Nr.  44.
        <pb n="291" />
        251

Wenn  man  unter  den  hier  entwickelten  Gesichtspunkten  die  interurbane
  Einfügung  eines  lokalen  Gewerbekörpers  zu  studieren  sucht,
so  ergeben  sich  eine  ganze  Reihe  eigenartiger  und  interessanter  Verhältnisse. ­

Ein  grelles  Licht  darauf,  daß  eine  Störung  in  den  allgemein  gültigen
Grundlagen  dieser  höheren  Einheit  eingetreten  ist,  wirft  die  Beschwerde
der  Reichsstädte  auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg  1594:  „Wie  denn
auch  gekommen,  daß  sonderlich  in  etlichen  Städten  die  Meister  neue
Innungen  machten  und  darein  setzten,  daß  der  Lehrjunge  drei  und  vier
Jahre  lernen  soll,  und  unterstehen  sich  hernach,  die  alten  Meister  anderer
Städte,  welche  viele  Jahre  zuvor  dem  damals  üblichen  Handwerksgebrauch
nach  redlich  ausgelernt,  ihr  Meisterrecht  genommen,  auch  das  Handwerk
ohne  jemandes  Einrede  lange  Zeit  ruhig  getrieben,  zu  tadeln,  die
Gesellen,  welche  bei  diesen  vor  der  neuen  Einung  redlich  ausgelernt
haben,  oder  sonst  den  alten  Meistern  arbeiten,  zu  schelten,  aufzutreiben
und  zu  nötigen,  andermals  zu  lernen  oder  sich  strafen  zu  lassen."  Es
ist  für  uns  zunächst  wenig  interessant,  daß  im  Reichstagsabschied  Abschaffung ­
  dieser  Mißbräuche  und  Strafandrohung  bei  Übertretung  erfolgt;
denn  die  hier  auftretende,  scheinbar  souveräne  Macht  ist  nicht  imstande
ihren  Willen  durchzusetzen.  Daher  ist  von  viel  größerer  Bedeutung  die
Reaktion,  welche  innerhalb  der  interurbanen  Gemeinschaft  der  Zünfte
erfolgt.  Die  Beschwerde  der  Reichsstädte  weist  schon  auf  bestimmte
Unrechtsfolgen  hin  wie  schelten,  auftreiben,  abstraffen,  eine  zweite  Lehrzeit ­
  durchmachen.  Wichtiger  aber  noch  als  dies  alles  ist  die  Tatsache,
daß  sich  die  ursprüngliche  große  Einheit  in  eine  Anzahl  kleinerer  Einheiten ­
  spaltet,  von  denen  jede  durch  ein  gemeinsames  interurbanes
Gewerberecht  sich  umschlossen  fühlt;  dieses  Recht  schließt  gleichzeitig  alle
anderen  Rechte  von  der  neuen  kleineren  Einheit  aus,  derart,  daß  die
Gebiete  anderen  Rechtes  für  unpassierlich  gelten,  oder  daß  im  Falle
der  Übertretung  dieses  Verbotes  als  Unrechtsfolge  die  Unehrlichkeit  sich
ergibt,  welche  durch  Entrichtung  einer  Geldstrafe  abgelöst  werden  kann.
Zwischen  den  einzelnen  Städten  läßt  sich  ein  lebhafter  Briefwechsel
verfolgen  des  alleinigen  Inhalts  und  Zweckes,  durch  einen  regen  Gedankenaustausch ­
  möglichst  alle  Handwerksverhältnisse  übereinstimmend
zu  regeln.  So  fragt  1648  Weißenburg  in  Bamberg  an,  wie  es  zu
halten  sei  mit  dem  Weiß-  und  Sämischlederhandel  der  Beutler  und  Säckler; ­
  denn  in  Weißenburg  hat  sich  ein  Beutler  nach  der  Weißenburger
Rechtsansicht  eine  Übertretung  zuschulden  kommen  lassen  *);  darauf  antwortet ­
  Bamberg,  daß  Windsheim  in  einem  ähnlichen  Fall  um  Rat  gefragt
1 )  Weißenburg  1648;  außerdem  die  Streitigkeiten  der  Säckler  und  Weißgerber
zu  Weißenburg  am  Nordgau  über  die  Verarbeitung  des  gelben  Leders  1648,  hinterlegt ­
  im  Stadtarchiv  Weißenburg;  vorläufige  Nr.  9747.
        <pb n="292" />
        252

habe,  und  sie  führen  weiterhin  aus,  daß  im  ganzen  fränkischen  Kreis
den  Beutlern  oder  Säcklern  der  Lederhandel  nicht  erlaubt  sei.  1602
teilt  die  Stadt  Frankfurt  in  einem  Antwortschreiben  den  Würzburger
Weißgerbern,  „nachdem  sich  irrung  zwischen  den  Weißgerbern  in  teutschen
Landen  weit  und  breit  gehalten  haben",  eine  Anzahl  wichtiger  Punkte
der  Handwerksordnung  mit 1 ),  und  1662  haben  die  beiden  Städte  eine
ähnliche  Auseinandersetzung 2 ).  1733  ergeht  aus  Augsburg  ein  Bericht
auf  das  Memmiugische  Schreiben  vom  14.  Juli  über  das  Treiben  der
Weißgerbergesellen  ä ),  und  1738  wendet  sich  das  Jnsbrucker  Weißgerberhandwerk ­
  an  das  Augsburger  in  betreff  der  Passierlichkeit  gewisser
Weißgerbergesellen 1 ).  1774  wenden  sich  die  Arauer  Weißgerber  nach
Augsburg,  um  mit  diesen  über  eine  in  der  Schweiz  und  in  einem  Teile
Deutschlands  vorzunehmende  Änderung  der  Handwerksbestimmungen  zu
beraten  °),  kurz,  eine  Sammlung  solcher  Schriftstücke  stellt  ein  wertvolles
Material  dar,  welches  uns  Einblick  verschafft  in  die  Werkstätten  der
Rechtsbildung  jener  Zeit.  Wir  sehen,  wie  jeder  einzelne  Fall  ein  Anlaß
wird,  die  Gleichheit  der  Rechtsanschauungen  an  verschiedenen  Orten  wieder
zu  prüfen  und  eventuell  das  bestehende  Recht  durch  weitere  gemeinsame
Zusätze,  welche  als  Ausfluß  der  herrschenden  gemeinsamen  Rechtsüberzeugung ­
  erscheinen,  zu  ergänzen.
Für  den  Fall  aber,  daß  dieser  interurbane  Gedankenaustausch
nicht  mehr  zu  dem  Ziele  führt,  in  die  Erscheinung  getretene  Verschiedenheiten
der  gewerberechtlichen  Anschauung  auszugleichen,  sind,  wie  erwähnst
Unrechtsfolgen  unausbleiblich.  So  beschwert  sich  1662  das  Weißgerberhandwerk ­
  zu  Würzburg  gegen  das  zu  Frankfurt  wegen  Handwerkssperrung, ­
  und  die  Frankfurter  erklären  darauf,  daß  die  Würzburger  seit
10  Jahren  angefangen  hätten,  ihre  „löbl.  Handwerks-Artikul  zu  verachten" ­
  *  *  *  6 ).  Man  sieht  daraus,  wie  sofort  die  völlig  autonome  Abgrenzung ­
  und  Ausschließung  eines  Zunftkörpers  gegen  einen  anderen
in  dieser  interurbanen  Gemeinschaft  erfolgt,  wenn  etwa  eine  auf  Grund
verschiedener  Interessen  entstandene  Rechtsüberzeugung  zu  verschiedenen
Formen  des  interurbanen  Gewerberechtes  führt;  gelingt  es  den  sich
daran  anschließenden  Auseinandersetzungen  nicht,  die  verlassene  Einheit
wiederherzustellen,  so  bleibt  die  Handwerkssperrung  aufrecht  erhalten,
die  gegenseitigen  Rechtsgebiete  werden  für  unpassierlich  erklärt,  und  die  sich
über  dieses  Verbot  hinwegsetzenden  Gesellen  werden  als  unredlich  abgestraft. ­
  Bei  dieser  Anschauung  der  Verhältnisse  wird  es  verständlich,
&amp;gt;)  Würzburg  1602,  88.  -)  Würzburg  1662.
3 )  Augsburg  1802,  XVII.  *)  Augsburg  1802,  XXXI.
*)  Augsburg  1722—1778;  1774.
6 )  Würzburg  1662;  vgl.  zu  folgendem  die  unrichtige  Darstellung  von  Rübling
1897,  S.  528.
        <pb n="293" />
        253

Laß  solche  Zustände  nicht  ohne  weiteres  als  „Handwerksmißbräuche"
hingestellt  werden  können;  denn  solange  in  einem  größeren  Gebiete
ein  sehr  lebhafter  Austausch  geistiger  und  materieller  Guter  fehlt,  solange ­
  ein  reger  Verkehr  nicht  dafür  sorgt,  die  an  und  für  sich  bestehenden
lokalen  Verschiedenheiten  von  Ort  zu  Ort  möglichst  auszugleichen,  solange ­
  nicht  die  an  den  Peripherieen  großer  Gebiete  gelegenen  Gebietsteile ­
  entweder  durch  energischen  Güterumsatz  oder  durch  zentralisierte
Verwaltung  ihrer  Verhältnisse  zu  einer  lebhaft  bewußten  wirtschaftlichen ­
  Einheit  zusanimengehalten  werden,  so  lange  sind  die  lokalen  wirtschaftlichen ­
  Voraussetzungen,  welche  die  natürliche  Grundlage  des  ganzen
ökonomischen  Lebens  bilden,  stärker  als  der  Wille,  der  aus  lauter
gleichberechtigt-nebeneinander-stehenden  Korporationen  gebildeten  interurbanen
  Gemeinschaft.  Die  notwendige  Folge  solcher  Zustände  ist  das
innere  wirtschaftliche  Auseinanderfallen  der  äußerlich  und  politisch
vielleicht  zusammengehörenden  Einheit.  Das  ist  das  innere  Bedingtsein
der  verschiedenen  Verhältnisse,  welche  den  Reichsstädten  auf  dem  Reichstag ­
  zu  Regensburg  zu  Beschwerden  Veranlassung  gegeben  hatten;  die
äußere  Form  aber  dieser  auf  verschiedenen  wirtschaftlichen  Grundlagen
entstandenen  Verschiedenheit  ist  das  Auseinanderfallen  der  ursprünglich
vielleicht  als  einheitlich  gedachten  interurbanen  Einheit  aller  Weißgerberzünfte ­
  in  verschiedene  kleinere  Kreise,  deren  man  hauptsächlich  vier
unterscheiden  kann,  nämlich  1.  der  Rheinische  Kreis  mit  den  Rheinischen
Handwerksgebräuchen,  2.  der  Rößler-Kreis  mit  den  Rößler-Handwerksgebräuchen, ­
  3.  der  Schwäbische  Kreis  mit  den  Schwäbischen  Handwerksgebräuchen, ­
  4.  der  See-Städter  Kreis  mit  den  See-Städter  Handwerksgebräuchen. ­
  Sie  alle  sind  Weiß-  und  Sämischgerber,  und  bei
ihnen  allen  ist  das  Rotgerben  verboten;  es  haben  sich  aber  neben
ihnen  noch  einige  Plätze  selbständig  gehalten,  welche  eine  fünfte,  allerdings ­
  nicht  besonders  benannte  Gruppe  bilden  könnten,  nämlich  die  Orte,
in  welchen  Weiß-  und  Rotgerberei  vom  gleichen  Professionisten  geübt
werden  darf.  Wie  aus  den  Akten  hervorgeht,  umfaßt  der  Rheinische
Kreis  des  17.  Jahrhunderts  unter  anderem  Straßburg,  Speier,  Würzburg, ­
  Lohr,  Ansbach,  Nürnberg,  Sulzbach,  Leipzig,  Chemnitz,  Magdeburg, ­
  Frankfurt  am  Main  und  Frankfurt  an  der  Oder.  Die  Gesellen
wandern  nach  Dänemark,  Sachsen,  Brandenburg,  Lüneburg,  Pommern,
Preußen,  Schweiz.  Der  damalige  Rößler-Kreis  umfaßte  Schlesien,
Lausitz,  Meißen,  Naumburg,  auch  Miltenberg,  und  die  Gesellen  wanderten
nach  Ungarn,  Böhmen,  Bayern,  Österreich,  Schweden  und  Polen;  der
Schwäbische  Kreis  umfaßte  die  Meister  in  Schwaben  und  demnach
unter  anderem  die  Orte  Augsburg,  Memmingen,  Ulm.  Der  See-Städter
Kreis  umfaßte  unter  anderem  Hamburg,  Lübeck  und  Bremen.  Man
sieht  auf  den  ersten  Blick,  daß  hier  fast  immer  zusammengehörige
        <pb n="294" />
        254

Wirtschaftsgebiete  beisammen  sind;  wenn  z.  B.  der  Rheinische  Kreis
sich  so  weit  nach  Osten  bis  Leipzig  und  bis  Frankfurt  an  der  Oder
erstreckt,  so  liegt  hier  eine  ganz  spezielle  Wirtschaftszusammengehörigkeit
der  Weißgerber  zugrunde,  indem  Frankfurt  an  der  Oder  und  Leipzig
wie  auch  Frankfurt  am  Main  hervorragende  Weißledermessen  besessen
haben  und  daher  stets  im  regsten  Verkehre  gestanden  sind.
Die  Rechtswirkung  nun  dieser  gegenseitigen  Abgrenzung  ist,  wie
erwähnt,  die,  daß  die  Gesellen  des  einen  Kreises  in  allen  anderen
Kreisen  als  unehrlich  gelten,  und  daß  die  Weißgerber,  welche  ein  geschenktes ­
  Handwerk  haben,  das  Handwerksgeschenk  nur  den  Gesellen
ihres  eigenen  Kreises  reichen.  Die  Rot-  und  Weißgerber  gelten  in  allen
vier  Bezirken  als  unehrlich  und  unpassierlich;  so  ist  nach  einem  Bamberger
  Schreiben  z.  B.  „ihn  ganz  teutschlandt  allen  ehrb.  handwerckhern
der  Weißgerber  wohl  bekannt,  daß  kein  gerber  zu  Nördlingen  für  guth
erkannth  auch  in  keinen  orth,  wo  es  sein  mag,  befördert  wird,  allermaßen ­
  dann  sie  keinen  gesellen  zur  wanderschasft,  wie  eines  ehrlöbl.
Weißgerbers  handwerckh  als  übige  hergebrachte  statuten  mit  sich  bringen,
dahin  adstringirn  laßen"  *).  Auf  eine  Anfrage  der  Memminger  Rotund
  Weißgerber  an  die  Nürnberger,  warum  ihre  Söhne  und  Knechte
nicht  für  redlich  gehalten  und  nicht  passiert  werden,  teilen  die  Nürnberger ­
  unter  dem  17.  April  1680  mit,  „daß  daß  roth  und  Weißgerber
Handwerck  allhie  zwey  absondert.  Handwercker  seynd,  deren  jedes  seine
besondere  Ordnung  und  Arbeit  hat" 2 ).  Die  Trennung  der  oben  schon
besprochenen  Memminger  Handwerke  motiviert  der  Rat  folgendermaßen:
„vnd  aber  zu  Widerbringung  eines  ehrb.  Handtwerckhs  ganz  zerfallene
ehr  vnd  reputation  vnd  das  selbiges  außerhalb  in  Stätten  vnd  märckten
wider  andern  ehrlichen  maister  dieses  handtwerckhs  möchte  gleich  gehalten
werden,  kein  ander  mittel  nicht  vorhanden,  als  zu  solcher  Schaidung  zu
schreiten" 3 ),  und  später  sagt  der  gleiche  Rat,  die  Handwerke  wurden
getrennt,  „weil  sie  verschimpft,  als  undichtig  und  simpler  angesehen  und
ausgeschrieen  werde,  weil  nämblich  beederlei  das  Weiß-  und  Rotgerben
wider  die  Reichsübliche  gewohnheit  neben  einander  getrieben  werden"  *).
So  sagt  auch  eine  Augsburger  „Ordnung  dern  von  Weißgerbers  Gesellen ­
  alhie  auffgericht"  von  1671:  „Wann  aber  einer  bey  einem  welcher
beedes  Roth  und  Weiß  zusammentreibt,  gelehrnet  hat,  soll  er  nit  passiert
werden^)."  Auch  die  Handwerksgesellen  eines  fremden  Kreises  werden
ähnlich  behandelt.  Nach  der  Ordnung  der  Sulzbacher  Weiß-  und
Semischgerber  von  1749  „soll  keiner,  welcher  dieser  Zunft-Ordnung  sich

y  Weißenburg  1648.  2 )  Memmingen,  17.  April  1680.
s )  Memmingen  14.  Jan.  1680.  4 )  Memmingen,  15.  Nov.  1680.
Augsburg  1671,  35.
        <pb n="295" />
        255

nicht  gemäß  verhält,  als  Rößler,  Schwaben,  Pfuscher  und  dergl.  in
unserem  Fürstentum  Sulzbach  zum  Meister  oder  zum  Handwerck  zugelassen ­
  werden"  *);  hier  werden  also  die  Schwaben  und  die  Rößler
den  Pfuschern  gleich  behandelt,  weil  Sulzbach  zum  Rheinischen  Kreise
gehört.  Um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  sind  solche  Bestimmungen
noch  in  krafft,  so  in  Augsburg:  „Nachdem  ein  Gesell  unseres  Löbl.
Schwäb.  Craiß  sich  lang  an  unpassierlichen  Nationen  als  Italien,
Hispanien,  Frankreich,  Jngetein,  item  auf  dem  Rößler  Craiß  und  bei
denen,  welche  beedes,  Roth-  und  Weißgerber  Handwerck  zusammentreiben, ­
  oder  bei  einem  gescholtenen  Meister  über  Handwercks-Gebrauch
zulässige  Zeit,  nämlich  14  tag  in  arbeit  aufgehalten,  soll  selbiger,  wann
er  wiederum  auf  seinen  Craiß  arbeiten  wollt,  zuvor  .  .  .  abgestrafft
werden^)."  Ähnlich  ist  auch  schon  eine  Bestimmung  von  1671:  „Wenn
ein  Gesell  bey  einem  Rößler  oder  der  Roth  und  Weiß  zusammentreibt,
länger  als  14  Tag  arbeith,  soll  er  um  ein  Wochenlohn  in  der  Straff
sein  3)."  Diese  Bestimmungen  zeigen  einerseits  durch  die  Nebeneinanderstellung ­
  die  verschiedenen  Arten  der  Unehrlichkeit,  andererseits  aber
zeigen  sie  eine  Milderung  insofern,  als  ein  14  tägiges  Arbeiten  noch
keine  Unrechtsfolgen  nach  sich  zieht.  Interessant  ist  nun  zu  beobachten,
daß  in  der  durch  das  Arbeiten  in  den  verschiedenen  Kreisen  bewirkten
Unehrlichkeit  eine  Rangordnung  vorhanden  ist.  1733  herrschte  in
Memmingen  ein  Streit,  weil  ein  Rheinischer  in  Arbeit  stehender  Gesell
einem  Schwäbischen  Gesellen  „altem  Gebrauch  nach"  weichen  mußte.
Dabei  wird  angeführt:  „Weil  es  in  Rheinischen  Städten  mit  denen
schwäbischen  Gesellen  auch  also  gehalten  werde  und  zumahl  in  ganz
Sachsen  die  Schwäbische  den  Rheinischen  sogleich  weichen  müßten,  auch
mit  der  Ungelegenheit  auch  zur  Winterszeit  sogleich  fortgetrieben
würden" 4 );  besonders  genau  geregelt  war  dieses  Verhältnis  daher  in
Augsburg,  welches,  selbst  zum  Schwäbischen  Kreise  gehörend,  den  Rößlerund
  Rheinischen  Bezirken  räumlich  nahe  lag;  die  um  1800  geltende
Bestimmung  lautet  hier:  „Unsers  löbl.  Schwäb.  Deren  Rheinischen  und
Rößler  Craiß  Gesellen  Arbeit  stehen  betreffen:  Einem  Gesellen  Rheinischen ­
  Craiß  soll  allhier  in  arbeith  stehen  zugelassen  sein,  bis  einem
Gesellen  unsers  löblich,  schwäbischen  Craiß  umgeschaut  und  uit  arbeit
zugesagt  würde,  ein  Gesell  dem  Rößler  Craiß  zugethan  länger  nit  als
14  Tag,  welcher  aber  beedes  daß  Rot-  und  Weißgärber  Handwerck
zusammen  gelehrnet  hat,  derselbe  gar  nit  inn  arbeit  passiert  werden.
Begeb  es  sich  denn  daß  ein  Rheinischer  und  Rößler  Gesell  in  arbeit
sich  befinden,  soll  der  Rößler  zuvor,  von  zwey  oder  mehr  Rheinischen

l )  Sulzbach  1749,  17.  -)  Augspurg  ca.  1800.
')  Augsburg  1671,  34.  4 )  Augsburg  1722—1778;  1733,  XVII.
        <pb n="296" />
        256

der  am  längsten  in  Arbeit  steht,  dem  Schwäbischen  Gesellen,  es  gehe
vor,  oder  mit  verfließung  14  Tag,  alsbald  aus  der  Arbeit  zu  weichen
schuldig  sein.  Und  ob  der  Meister  solchen  gesellen  nit  einstellen  wolt,
soll  ihm  in  den  Arbeit  stehenden,  es  sey  ein  Rheinischer  oder  Rößler
zu  beurlauben  oder  beede  zulässige  Zeit  beysammen  behalten  obliegen.
Es  were  denn,  daß  der  Schwab.  Gesell  selbs  nit  in  arbeith  zu  stehen
verlangt,  mag  der  Rheinische,  bis  ein  anderer  Schwäb.  Gesell  umschauen
laß,  in  arbeit  stehen  verbleiben  5 )."  Man  sieht,  mit  welcher  Wichtigkeit
diese  Sache  behandelt  worden  ist;  in  ähnlich  entgegenkommender  Weise
waren  die  Verhältnisse  in  anderen  Grenzbezirken  geregelt,  so  in  Sachsen,
welches,  vom  Rößlerkreis  ganz  umschlossen,  nur  eine  vom  Rheinischen
Kreis  in  das  Rößlergebiet  hineingetriebene  Zunge  darstellte.  In  dieser
Sächsischen  Weißgerberordnung  von  1601  beginnen  alle  Artikel:  „Es
soll  ein  jeglicher  Sehmisch-  und  Weißgerbergeselle,  er  sey  Reinischer
oder  Rößler",  oder:  „Es  soll  ein  jeglicher  Meister,  er  sei  Reinisch
oder  Rößler";  für  die  Lehrjungen  lautet  eine  Bestimmung:  „Würde
sichs  auch  zutragen,  daß  auf  der  Rößler-Seiten  ein  Lehrjunge  gleichfalls ­
  von  seinem  Meister  ohne  genügsame  Ursach  entspringete  .  .  .  und
sich  in  solcher  Zeit,  wie  oben  bei  den  Reinischen  Meistern  Meldung
geschehen,  auch  nicht  einstellen  würde  .  .  ."  2 );  vor  allen  Dingen  wichtig
aber  ist  die  Bestimmung  über  die  Handwerkslade,  sie  lautet:  „Was  die
Handwerks  Laden  belanget,  wo  und  an  welchem  ort  und  städten  dieselbe ­
  aufgerichtet  und  gehalten  werde,  haben  sich  die  Reinischen  und
Rößler  Meister  dergestalt  verglichen  und  beschlossen,  daß  die  Haupt-Lade
  in  Churs.  Sachs.  Residenz  Dresden,  die  Kreyß  Lade  aber  der
Rößler  zu  Miltenberg  und  Naumburg,  dann  die  Reinischen  zu  Leipzig
und  Kemnitz  verbleiben")."
Aus  diesen  Darlegungen  geht  hervor,  daß  die  an  den  Meistern
eines  Ortes  haftende  Unredlichkeit  —  z.  B.  die  der  Memminger  Gerber
aus  der  Vereinigung  von  Rot  und  Weiß  entspringende  —  keineswegs
beseitigt  ist,  nachdem  lediglich  die  Handwerkstrennung  durchgeführt  war.
Damals  wandten  sich  die  Memminger  Meister  unter  anderem  auch  nach
Nürnbergs),  um  ihnen  mitzuteilen,  daß  die  Trennung  nunmehr  vollzogen ­
  sei,  und  um  sie  zu  bitten,  ihre  Söhne  und  Knechte  in  Zukunft
passieren  zu  lassen;  die  Nürnberger  Meister  aber  antworteten"),  die
Nürnberger  hielten  es  mit  der  sog.  Reinischen  Handwerksgewohnheit,
die  Memminger  dagegen  mit  der  schwäbischen,  „dahero  derselben  Gesind
über  14  Tag  alhier  nicht  gefürdert  würde";  wenn  sie  aber  sich  ent-0
  Augspurg  ca.  1800.
Würzburg  1660—1683,  1,  3.  -)  Würzburg  1660—1683,  Iltens.
4 )  Memmingen,  Schreiben  vom  19.  Jan.  1681.
5 )  Memmingen,  Schreiben  vom  8.  März  1681.
        <pb n="297" />
        257

schließen  wollten,  es  in  Zukunft  mit  der  Rheinischen  Handwerksgewohnheit ­
  zu  halten,  so  müßten  sie  sich  entweder  zu  Frankfurt  am  Main
oder  zu  Frankfurt  an  der  Oder  oder  zu  Leipzig  oder  Straßburg,  „allwo
die  gewöhnliche  Handwercksbrief  zu  finden  weren",  einkauffen,  aber
„ehe  und  bevor  solches  geschehe,  selbige  neben  den  Ihrigen  nicht  passiert
werden  könnten".  Man  sieht  aus  dem  Allen,  zu  welch  eigenartigen
Verhältnissen  dieser  feste  interurbane  Zusammenschluß  Anlaß  gegeben
hat.  Magdeburg  gehörte  zum  Rheinischen  Kreis')  und  hatte  1686
4  Jahre  Lehrzeit");  in  den  Nürnberger  Ordnungen  weder  von  1535
noch  von  1629  ist  etwas  über  die  Zugehörigkeit  des  Handwerks  zu
einem  der  erwähnten  4  Kreise  ausgesprochen,  aber  bei  Gelegenheit  der
Handwerkstrennung  von  Memmingen  erfahren  wir,  daß  sie  zum  Rheinischen ­
  Handwerksgebrauch  halten.  Noch  nach  der  Nürnberger  Ordnung
von  1629  sind  drei  Lehrjahre  vorgeschrieben^),  und  als  1634  die
Lehrzeitfrage  in  Nürnberg  geregelt  wurde,  wurde  unter  anderem  auch
die  Lehrzeit  der  Weißgerber  auf  4  Jahre  erhöht');  Mummenhoff  bringt
diese  Erhöhung  in  Zusammenhang  lediglich  mit  einer  inneren  gewerbepolitischen ­
  Maßnahme,  es  fragt  sich  aber,  ob  dabei  nicht  auch  die  interurbane ­
  Einfügung  in  die  größere  Einheit  des  Rheinischen  Handwerksgebrauches
  vielleicht  eine  maßgebende  Rolle  gespielt  hat.  Ähnlich  wie
oben  die  Memminger  Weißgerber  Anschluß  an  einen  der  vorhandenen
Bezirke  suchen  mußten,  war  es  auch  bei  den  Bremern;  als  hier  auf
Wunsch  einer  Anzahl  von  Weißgerbern  1746  eine  Trennung  von  den
Riemenschneidern  und  Senklern,  mit  welchen  sie  bis  dahin  in  einem
Amte  verbunden  gewesen  waren,  erfolgte,  erhielten  sie  eine  Rolle  mit
dem  Titel  „Weißgerber-See-Stetter-Amts-Rolle"  ^);  damit  ist  die  gleichzeitige
  Zugehörigkeit  zu  den  See-Städtern  ausgedrückt.
Die  Herkunft  der  Namen  „Rheinische",  „Schwaben",  „See-Städter",
„Landstädter",  welch  letztere  eben  wahrscheinlich  den  Gegensatz  zu  den
See-Städtern  bildeten,  ist  ohne  weiteres  klar.  Anders  liegen  die  Verhältnisse ­
  bei  dem  Worte  „Rößler",  welches  auch  in  der  Form  „Rö-ler"  °),
„Nyßler"')  vorkommt.  Für  dieses  Wort  eine  Erklärung  zu  finden,
gelang  mir  nicht.  1414  erfolgte  in  Leipzig  eine  Handwerkstrennung:
„Wir  Wilhelm  .  .  .  thun  kund  mit  diesem  brieve,  daß  wir  den  bescheidenen ­
  alten  schoworchen,  genannt  die  reseler,  in  unserer  statt
^ipczk  die  gunst  und  gnade  getan  haben,  und  haben  sie  genommen  von
der  innunge  der  schoworchen  daselbens  und  ihnen  sunderlichen  eine
')  Magdeburg  1886,  IZt-ns,  Uten?.  -)  Magdeburg  1686,  S.  1.
s )  Nürnberg  1629;  so  auch  von  Frankfurt  aus  noch  für  1602;  vgl.  Würzburg ­
  1602,  88  a.  *)  Mummenhoff  1901,  S.  66.
5 )  Privatmitteilung  beS  Archivs  der  freien  'Hansestadt  Bremen.
")  Weigel  1698,  S.  628  ff.  ’)  Beck  1807,  S.  64  f.
Entwicklung  der  Weißgerberei.

17
        <pb n="298" />
        258

innunge  gegeben"  x );  es  ist  aber  fraglich,  ob  dieses  Wort  reseler  in
Beziehung  zu  unseren  Rößlern  zu  setzen  ist.  Die  Kasseler  Sattler  behaupteten ­
  1655,  daß  es  verschiedene  Riemer  gäbe,  darunter  auch
„Rößler"^;  die  von  Krünitz  gegebene  Etymologie  ist  so  unzureichend,
daß  sie  hier  nicht  aufgeführt  werden  kann°st;  auch  habe  ich  die  dort
angeführte  Behauptung,  wonach  sich  die  Rößler  der  eingriffigen  Messer
statt  der  zweigriffigen  Schabeeisen  bedienten,  nirgends  bestätigt  gefunden ­
  *  4 ).
Der  oben  mit  wenigen  Beispielen  angedeutete  rege  Briefwechsel
zwischen  den  einzelnen  Städten,  welcher  uns  einen  ziemlich  genauen  Einblick ­
  in  dieses  interurbane  eowinereium,  wie  wir  es  nennen  können,
gewährt,  ließe  sich  natürlich  durch  zahlreiche  weitere  Schriftstücke  illustrieren; ­
  im  Augsburger  Archiv  z.  B.  findet  sich  aus  dem  18.  Jahrhundert
noch  ein  lebhafter  Briefwechsel  mit  den  Orten  Ulm,  Memmingen,  Mindelheim,
  Lauingen,  Burghausen,  Nürnberg,  Weingarten,  Biberach,  Nörd-,
lingen,  Eychstädt,  Eßlingen,  Dillingen,  Jnsbrugg,  Franckfurth,  Churpfälz.
Neuburg,  Regensburg,  Onolzbach,  Kaufbeuren,  Friedberg  5 ).  Aber  mit
diesem  Briefwechsel  allein  ist  die  Regelung  dieser  zwischenstädtischen
Angelegenheiten  keineswegs  erschöpft;  diese  interurbane  Gemeinschaft,
welche  aus  Grund  des  fortwährenden  Gedankenaustausches  allmählich
lebhafter  erwachsen  und  lebensvoller  in  das  Bewußtsein  eingetreten  war,
verlangte  auch  nach  einer  Art  sichtbarer  Repräsentation,  und  diese  wird
dargestellt  durch  das  sog.  „Große  Handwerk  der  Weiß  gerb  er".
Ein  Frankfurter  Schreiben  von  1602  schlägt  vor,  daß  bei  Zweifeln
zwischen  Meister  und  Knechten  die  Meister  in  Frankfurt,  Speier,  Würzburg ­
  und  Magdeburg  beraten  sollen,  und  was  hier  entschieden  wird,  solle
verbindlich  sein  für  beide  Teile  6 ).  Meist  aber  waren  die  Verhältnisse
noch  mehr  zentralisiert;  die  Beratungen  des  ganzen  Handwerks  fanden
häufig  an  einem  einzigen  Orte  statt,  und  als  solcher  erwies  sich  besonders ­
  Frankfurt  am  Main  als  zweckmäßig,  weil  dort  die  großen
Messen  stattfanden,  zu  welchen  die  Weißgerbermeister  aus  allen  Teilen
Deutschlands  mit  ihren  Waren  zusammenströmten;  daher  tagt  das
„Große  Handwerk  der  Weißgerber  zu  Frankfurt  am  Main"  gewöhnlich
im  Anschluß  an  die  großen  Messen,  hier  werden  alle  möglichen  gemeinsamen ­
  Angelegenheiten  besprochen  und  geregelt,  und  hierher  kommen  aus
allen  Teilen  Deutschlands  die  klagenden  Parteien,  um  vor  dieser  höchsten
Instanz,  welche  ihnen  allen  die  Verkörperung  des  momentanen  Rechts-*)
  Geißenberger  1895,  S.  1T0;  Urf.  im  Leipziger  Ratsarchiv;  abgedr.  bei
Moser,  Geschichte  der  Leipziger  Schuhmacherinnung.  2 )  Plenge  1896,  S.  484.
»)  Krünitz  1795,  LXVIII,  S.  489,  Sinnt.  (**).
4 )  Vgl.  Jacobson  1782,  Bd.  IV,  S.  629.  °)  Augsburg  1802.
e j  Würzburg  1602,  S.  88  a.
        <pb n="299" />
        259

bewußtseins  darstellt,  nach  Vortragung  ihrer  Verhältnisse  Recht  zu
nehmen.  So  hatten  sich  z.  B.  zwei  Meister  zu  Rothenburg  beleidigt,
es  war  ihnen  das  Handwerk  gelegt  worden,  man  hatte  sie  mit  Gefängnis
bestraft  und  der  Bürgerschaft  entsetzt;  da  erschienen  die  beiden  Meister
1571  in  Frankfurt,  trugen  ihre  Angelegenheit  vor,  und  nun  künden
die  „Meister  und  Gesellen  des  großen  handtwercks  der  Weißgerber
allhie  zu  Frankfurt  am  Main  .  .  .  allermenniglich  mit  diesem  Brief",
daß  sich  die  beiden  Meister  vertragen  haben  und  daß  sie  restituiert  und
in  den  vorigen  Staudt  gesetzt  seien  *).  1613  hatte  sich  „irrung  oder
zwifals"  zwischen  den  Säcklern  und  Weißgerbern  zu  Rothenburg  o.  d.
Tauber  ergeben,  und  nun  ergeht  abermals  von  Frankfurt  aus  ein
Bescheid,  welcher  den  Streit  schlichtet,  und  welcher  mit  folgenden  Worten
beginnt:  „Wier  zunnfft  sämbtliche  meister  vnndt  gesellenn  des  großen
weißgerberhanntwergs  zu  Frankfurt  am  Mahn,  in  die  Siebenntzig  Personen, ­
  ann  inheimischenn  und  außlandischenn  meistern  vnndt  gesellenn
vorsamlet"^);  man  sieht,  es  ist  der  Ton  der  Obrigkeit,  welcher  hier
spricht,  und  welcher  sich  keiner  höheren  Macht  ohne  weiteres  zu  fügen
gewillt  ist;  1614  beschweren  sich  auch  die  Rothenburger  Weißgerber
über  die  Nestler  und  Säckler,  daß,  als  sie  einem  Ratsbescheid  nicht
nachgeben  wollten,  die  Säckler  au  das  große  Handwerk  gelaufen  seien,
dort  den  Bescheid  reformiert  und  ihnen  große  Unkosten  verursacht
hätten^).  1648  erschien  in  Frankfurt  ein  Meister  aus  Lohr  vor  der
großen  Handwerksversammlung 4 ),  und  noch  1774  schicken  die  Arauer
Weißgerber  ein  Zirkular  nach  Augsburg  „mit  dem  beständigen  Ansuchen,
daß  solches  von  einer  Laad  zur  andern  über  Schaffhausen  ganz  Schwäbischen ­
  Creyß  bis  Nürnberg  circuliere"  und  möglichst  bald  zurück  erwartet ­
  werde,  damit  an  der  Zurzacher  oder  Frankfurter  Messe  über
den  Inhalt  des  Schreibens  ein  Beschluß  gefaßt  werden  könne  °).  In
einem  Würzburger  Schreiben  aus  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts
wird  Miltenberg  als  Ort  für  die  alljährliche  Zusammenkunft  der
Meister  vorgeschlagen,  da  es  in  der  Mitte  des  Obererzstiftes  Mainz
gelegen  sei  H,  kurz,  man  sieht  aus  diesen  Beispielen,  es  waren  interurbane
  Schiedshöfe  entstanden,  welche  immer  noch  das  letzte  Wort
hatten,  wenn  zwei  Meister  in  Rothenburg  bereits  vor  der  ordentlichen
weltlichen  Gerichtsbarkeit  abgeurteilt  waren,  welche  Meinungsverschiedenheiten ­
  zwischen  den  Zünften  oder  Handwerken  verschiedener  Städte  zum
Austrage  brachten,  welche  nicht  nur  gegen  den  Willen  eines  Reichstags-J
 )  Rothenburg  1571—1695;  1571.
a )  Rothenburg  1571—1695;  1613.
s )  Rothenburg  1571—1695;  1614,  32.
4 )  Würzburg,  V,  S.  2028,  anno  1848.
°)  Augsburg  1722—1728;  1774.  °)  Würzburg  1660—1683.
17*
        <pb n="300" />
        260

abschiedes  existierten  und  gegen  diesen  ihren  eigenen  Willen  durchzusetzen
wußten,  sondern  welche  sich  im  Laufe  der  Zeit  sogar  noch  obrigkeitliche
Sanktion  verschafften.  Hatte  der  Reichstagsabschied  von  1594  sich
noch  dahin  ausgesprochen,  daß  die  obrigkeitlichen  Gewalten  sogar  mit
Prügelstrafe  die  Nichtbefolgung  des  Abschiedes  ahnden  dürfen,  so  wurden
in  den  folgenden  Handwerksordnungen,  als  diese  obrigkeitlicher  Bestätigung ­
  bedurften,  diese  sog.  „Mißbräuche"  nicht  nur  nicht  abgeschafft,
sondern  erhielten  sogar  noch  die  Sanktion;  so  wurde  die  Onolzbacher
Ordnung  der  Rheinisch-Weiß-  und  Semischgerber  von  den  Markgrafen
bestätigt  Z,  und  sogar  in  der  von  Karl  Theodor,  Pfalzgrafen  bei
Rhein  usw.  erlassenen  Sulzbacher  Ordnung  von  1749,  welcher  also
noch  das  Reichsgesetz  von  1731  vorhergegangen  war,  findet  sich  der
schon  oben  zitierte  Passus,  nach  welchem  Rößler,  Schwaben  und  Pfuscher
im  Fürstentum  Salzburg  zum  Meister  oder  zum  Handwerk  nicht  zugelassen ­
  werden  sollten^).  Nur  gelegentlich  findet  sich  ein  Nachhall
dieses  Reichsgesetzes,  so  bei  dem  in  Memmingen  wegen  der  Arbeitsrangordnung ­
  der  Rheinischen  und  Schwäbischen  Gesellen  entstandenen
Streit,  wo  allerdings  ebenfalls  zuerst  die  übliche  herrschende  Ansicht
vorgetragen  wird,  und  wo  sich  dann  am  Schlüsse  noch  ein  Vorschlag
findet,  diese  Angelegenheit  an  das  Reichsstädtische  Kollegium  zum  Ausgleich ­
  zu  bringen,  weil  dies  ja  auch  dem  Kaiserlichen  Patent  von  1731
von  Abstellung  der  Handwerksmißbräuche  vollkommen  gemäß  und
konform  fei 8 ).
Wie  eingangs  erwähnt,  konnten  alle  diese  Verhältnisse,  welche  in
den  Augen  der  erstehenden  absoluten  Fürsten  allerdings  als  Handwerksmißbräuche ­
  erscheinen  mußten,  welche  aber  als  natürliche  wirtschaftliche
Konsequenzen  der  zu  einer  nicht  genügenden  wirtschaftlichen  Einheit
zusammengeschlossenen  Wirtschaftsgebiete  sich  hatten  entwickeln  müssen 4 ),
nicht  durch  einen  einfachen  Gesetzgebungsakt  beseitigt  werden.  Sie  waren
auf  bestimmtem  wirtschaftlichem  Boden  entstanden,  waren  tief  eingefleischt,
und  sie  mögen  auch  mit  manchen  welthistorischen  Vorgängen  in  tiefem
innerem  Zusammenhang  stehen,  wobei  freilich  leider  der  Inhalt  der  älteren
Handwerksakten  eines  einzigen  Handwerkes  zu  lückenhaft  ist,  um  solche
Vermutungen  zu  bestätigen;  aber  es  ist  ohne  Zweifel  überraschend,  in
den  See-Städtern  die  Städte  der  Hansa  wiederzufinden,  und  in  den
Rheinischen  und  Schwäbischen  auch  die  führenden  Städte  der  Städtebündnisse ­
  des  13./14.  Jahrhunderts  zu  erkennen.  Sobald  nur  die  Namen
dieser  Mächtekonstellationen  genannt  werden,  rücken  plötzlich  die  Schwäbischen ­
  und  die  Rheinischen  und  die  See-Städter  und  die  großen  Handwerksversammlungen, ­
  welche  so  selbstherrlich  und  eigenmächtig  mit  den
*)  Vgl.  Langenzeun,  Vol.  II,  Fasz.  7.  -)  Sulzbach  1749,  S.  17.
3 )  Augsburg  1722-1778;  1733,  XVII.  4 )  Vgl.  S.  250f.
        <pb n="301" />
        261

Reichsgesetzen  verfahren,  in  den  Mittelpunkt  eines  ganz  anders  gearteten
Interesses,  und  wir  erblicken  hier  mit  Staunen  wiederum  einen  ganz
unerwarteten  Zusammenhang  zwischen  äußerer  Politik  und  der  stillen
inneren  Wirtschaftsgeschichte.
Erst  als  der  absolute  Staat  sich  anschickte,  einen  wirklich  anders
gearteten  wirtschaftlichen  Boden  zu  schaffen,  um  damit  den  alt  überkommenen ­
  Traditionen  das  Leben  abzuschneiden,  konnte  er  wirksam  auch
gegen  diese  interurbanen  Gemeinschaften  vorgehen.  Das  Königsberger
General-Privilegium  und  Jnnungsartikul  von  1737  für  das  „Combinierte
Gewerck  der  Weißgerber  im  Königreich  Preußen"  Z  besagt,  daß  „erstlich
und  anfänglich  ...  der  bisherige  Unterschied  der  sogenanten  Reinischen
und  Rößler-Weißgerber  und  die  daraus  entstandene  Mißbräuche  und
Irrungen  zwischen  beyden  Gewercken  gänzlich  aufgehoben,  dieselbe  in
einer  Zunfft  gebracht  und  wie  bereits  in  einigen  anderen  Landen  üblich
mit  einander  vereinigt  werden  sollen",  und  weiterhin  wird  geboten  „Alles
Correspondirens  niit  andern  ein-  oder  ausländischen  Gewercken  soll  sich
das  Gewerck  bei  schwerer  Straffe  enthalten");  besonders  verständlich
ist  auch  das  letzte  Verbot  des  Correspondierens,  da  wir  ja  gesehen
haben,  welch  wichtige  Rolle  dieser  Briefwechsel  im  interurbanen  Gedankenaustausch ­
  besessen  hat.
Von  geringer  Bedeutung  im  Vergleich  mit  den  eben  besprochenen
Verbänden,  aber  doch  ein  Punkt,  welcher  nicht  ganz  unterdrückt  werden
darf,  ist  die  Entstehung  selbständiger  kleinerer  Zünfte  „aufdemLande".
Es  mag  kein  Zufall  sein,  daß  die  Beispiele,  welche  ich  gefunden  habe,
alle  nur  aus  dem  17.  und  18.  Jahrhundert  stammen;  das  Bannrecht,
welches  die  mittelalterliche  Stadt  in  der  Zeit  ihrer  Blüte  umgab,  mag
das  Niederlassen  von  Handwerkern  auf  dem  flachen  Lande  sehr  erschwert
haben.  Die  Gewerbe,  welche  in  der  sächsischen  Zeit  noch  stark  ländliches ­
  Gepräge  getragen  hatten 8 ),  zogen  sich  immer  mehr  innerhalb  der
städtischen  Mauern  zusammen,  doch  kommen  auch  in  den  Dörfern  des
15.  und  16.  Jahrhunderts  noch  einzelne  Gewerbe  vorZ;  auch  die
10  Nachrichten  Dunkers  von  Dorfgerbern  stammen  alle,  mit  einer  einzigen
noch  dazu  etwas  zweifelhaften  Ausnahme,  aus  dem  17.  Jahrhunderts.
Schon  am  Anfange  des  18.  Jahrhunderts  sind  zünftige  und  unzünftige
Weißgerber  in  den  Dörfern  nicht  mehr  selten"),  wie  überhaupt  dieses
Jahrhundert  eine  starke  Lockerung  in  die  festen  Formen  der  überkommenen
Gewerbeverfassung  bringt.  So  kommt  es,  daß  sich  auch  in  Märkten
und  kleinen  Städten  im  17.  Jahrhundert  wieder  ein  regeres  Handst
  Königsberg  1737,  1.  st  Königsberg  1737,  XIX.
st  Hellwig  1382,  S.  17;  vgt.  auch  Lamprecht  1886,  Bd.  I,  S.  16,  581  f.
st  Bücher  1886,  S.  700—701;  Bunker  1903.
st  Bunker  1808,  S.  115.  st  Vgl.  Würzburg  1717;  1726-1729.
        <pb n="302" />
        262

werksleben  zu  rühren  begann.  1663  erhalten  die  Weißgerber  in  den
Nürnbergischen  Städtlein  auf  dem  Lande  eine  eigene  Ordnung  *);  1661
wird  auf  Ersuchen  der  Gerber  zu  Amorbach  eine  Zunftordnung  erteilt  und
damit  eine  Zunft  der  Weiß-  und  Sämischgerber  errichtet  ^).
Diese  Landzünfte  haben  meist  nur  außerordentlich  wenige  Mitglieder,
sie  sterben  daher  leicht  aus,  und  die  Zunft  geht  dann  entweder  ein  oder
die  Lade  muß  sich  fortwährend  auf  die  Wanderschaft  begeben.  So  wurde
1684  abermals  eine  Weißgerberzunft  zu  Amorbach  errichtet  8 ).  Für  das
Jahr  1698  läßt  sich  eine  kleine  Statistik  über  die  Zahl  und  Verteilung
dieser  kleinen  Weißgerber  an  den  kleinen  Plätzen  aufstellen  Z:

Bischofsheim  2
Königsheim  1
Walthürn  1
Amorbach  3
Buchen  3
Mildenberg  1
Adelsheimb  2

Die  Lade  befand  sich  nach  ihrer  Angabe  zuerst  in  Bischofsheim,  dann
zu  Miltenberg,  wo  auch  der  gewöhnliche  jährliche  Zunfttag  abgehalten ­
  wurde,  bis  schließlich  nach  Aussterben  des  einen  oder  anderen
Meisters  in  den  schweren  Kriegszeilen  die  Lade  nach  Aschaffenburg  kam.
Nachdem  nunmehr  ihre  Zahl  wieder  gewachsen  ist,  und  nachdem  es
ihnen  zu  beschwerlich  ist,  dem  Zunfttag  in  Aschaffenburg  persönlich
beizuwohnen,  da  sie  besonders  im  Winter  oft  mit  größtem  Ungemach
zwei  Tage  auf  den  Zunfttag  reisen  müßten,  so  suchen  sie  darum  nach,
von  der  Zunft  zu  Aschaffenburg  getrennt  zu  werden,  um  eine  eigene
Zunftlade  im  Amt  Amorbach  zu  halten.  Die  Zunft  wurde  errichtet,
aber  schon  1727  liegt  wieder  ein  Schreiben  vor^),  wonach  Meister
Hönlein,  welcher  die  Lade  in  Verwahrung  hatte,  bereits  vor  26  Jahren
starb,  so  daß  die  Lade  von  neuem  nach  Aschaffenburg  wanderte.  Abermals ­
  klagen  die  Meister,  daß  sie  über  20  Stunden  Wegs  nach  Aschaffenburg ­
  zum  Jahrtag  kommen  müssen,  nnd  die  Verteilung  der  Weißgerber  l

ist  im  Jahre  1727  die  folgende:
Aschaffenburg  4
Seeligenstadt  4
Diepurg  1
Flammersbach  1
Hanau  1
Babenhausen  3
Neustait  2
Umbstatt  1

l )  Nürnberg  1663.  2 )  Würzburg  1661.  3 ).  Würzburg  1730—1731.

l )  Würzburg  1693.  5 )  Würzburg  1727.
        <pb n="303" />
        263

Michelstatt
Erbach

2
1
5
2
3
2
3
1
1
0
0

Wertheim
Miltenberg
Bischofsheim
Amorbach
Walthürn
Buchen

Konigheim
Krautheim
Hirschhorn

Von  den  zwei  in  Miltenberg  vorhandenen  Meistern  hat  einer  die
Gerberei  aufgegeben.
Die  hier  für  Amorbach,  Miltenberg  und  Aschaffenburg  dargelegten
Berhältnisfe  kann  man  als  typisch  für  diese  Landzünfte  bezeichnen:
feierliches  Wandern  der  Lade  *),  häufige  Neueinrichtung  von  Zünften,
weite  Wege  und  viel  Zeitversäumnis  für  den  Fall  der  Zunfttage,  dazu
noch  hohe  Kosten  und  große  Umstände  bei  den  Meisterstücken,  weil  die
Meister  oft  aus  entfernten  Plätzen  auf  mehrere  Tage  Herreisen  müssen  ").
Die  Meister  in  diesen  kleinen  Plätzen  empfanden  die  Zunft  überhaupt ­
  nur  als  lästige  Fessel,  so  daß  Klagen  über  unzünftige  Meister
auf  dem  Lande  immer  häufiger  werden").
Eine  wenn  auch  kurze  Berücksichtigung  verdienen  im  Anschluß  an
Obiges  noch  die  Verhältnisse  der  Gesellen.  Wie  für  das  ganze  Handwerk, ­
  so  brachte  auch  für  die  Gerbergesellen  schon  der  Anfang  des
15.  Jahrhunderts  die  Zusammenfassung  der  Gesellen  in  Assoziationen,
welche  einen  der  Zunft  der  Meister  ähnlichen  Aufbau  besaßen;  wie  für
die  übrigen  Gewerbe  die  ersten  derartigen  Verbände  in  den  Rheinischen
Gegenden  entstanden,  so  bildeten  sich  die  ersten  Vereinigungen  von
Gerbergesellen  ebenfalls  in  den  Städten  des  Rheins,  und  wie  einst
die  Brüderschaft  für  die  Meister  das  Vehikel  gewesen  war,  auf  welchem
sie  zu  größerer  Selbständigkeit  sich  emporschwangen,  so  war  nun  auch
für  die  Gesellen  die  kirchliche  Vereinigung  die  Form,  unter  welcher  sie
sich  zunächst  zusammenscharten.
Zu  Basel  schlossen  sich  1414  die  Gerberknechte  zu  einem  Bunde
Zusammen  gegen  die  Meister,  um  gemeinsam  die  Arbeit  niederzulegen;
«s  kam  verhältnismäßig  bald  zu  einer  Verständigung,  und  die  Gerbergesellen ­
  leisteten  vor  versammeltem  Handwerk  einen  Eid,  worin  sie  beschworen, ­
  „den  oben  genannten  Kunde,  so  sh  wider  die  gerwermeister
'  obgenannt  gemacht  Hand,  genzlich  und  gar  abzelassend,  und  davon  ze
sind  und  noch  niemer  ne  keinen  bunt  wieder  die  obgenannten  gerwery
  Vgl.  Langenzenn,  Vol.  II,  Fasz.  6;  Einfalt  1910,  S.  80  f.
2 )  Vgl.  Gunzenhausen  1798-1804.  s )  Vgl.  z.  B.  Würzburg  1738—1739.
        <pb n="304" />
        264

meister  zu  Straßburg  noch  alle  ihre  knechte,  die  sy  nur  oder  hernach
habend  oder  gewinnet,  ze  machen  in  deheinen  weg  ungeverlich".  Die
Meister  ihrerseits  gestanden  für  den  Fall  von  Streitigkeiten  den  Gesellen
zu,  ans  dreierlei  Wegen  Recht  zu  nehmen,  nämlich  entweder  vor  dem
Gerichte  in  des  Burggrafen  Hof  oder  vor  Meister  und  Rat  oder  vor
dem  Gerichte  des  Handwerks  der  Gerbers.
Im  Jahre  1415  besteht  eine  Bruderschaft  der  Knechte  von  9  Handwerken, ­
  darunter  auch  die  Weißgerber,  in  Freiburg  im  Breisgau,  und
die  Meister  erkennen  1415  an,  „daß  diese  Ordnung,  Gesetze,  Gemache
und  Neuerungen  des  älteren  Briefes,  so  die  obengenannten,  unsere
Handwerksknechte,  jetzt  getan  haben,  unser  aller  Gunst,  Wissen  und  Willen
gewesen  ist,  damit  sie  desto  baß  bei  uns  bleiben  mögen.  Darum  geloben
wir  auch,  diese  Ordnung  mit  ihnen  zu  halten  treulich  und  sie  dabei  zu
handhaben".  Diese  Verbindung  trug  Zwangscharakter 8 ).
Die  Bewegungen  am  Rheine  kamen  aber  nicht  zur  Ruhe,  und
1470  ging  die  Assoziationsbewegung  von  neuem,  diesmal  von  Colmar
aus 8 ),  es  wurde  eine  Bruderschaft  der  Rot-  und  Weißgerber  gebildet,
welcher  jeder  fremde  zuwandernde  Geselle,  der  heimisch  um  Lohn  dienen
wollte,  zuzutreten  hatte  *  4 ).
Die  Straßburger  Gerbergesellen  schlossen  sich  ihnen  an,  und  die
Urkunde  dieser  Brüderschaft  aus  dem  Jahre  1477  setzt  folgende  Punkte
fest:  Sie  verlangt  erstens  ein  brüderliches  Begräbnis  und  eine  Kerze
für  das  Augustinerkloster  so  wie  ein  Geschenk  von  vier  Straßburger
Pfennigen  für  all  die  Gesellen,  welche  zum  ersten  Male  oder  nur  vorübergehend ­
  in  die  Bruderschaft  eintraten,  für  die  Büchse,  deren  Inhalt
an  das  Kloster  zu  unseren  lieben  Frauen  abgeliefert  wurde.  Weiter
war  verordnet,  daß  jeder  Geselle  bei  der  Messe  zu  sein  habe,  bevor
vom  Pfarrer  das  Evangelium  gesungen  werde,  und  hierbei  habe  jeder
einen  Pfennig  als  Opfergabe  zu  spenden.  Unterließ  dies  jemand,  so
mußte  er  ein  „Fierling  wachs  an  unserer  lieben  frouwen  kerzen"  geben 5 ),
Jeder  Gerbergeselle,  gleichgültig,  ob  Loh-  oder  Weißgerber,  welcher  der
Bruderschaft  angehörte,  konnte  darum  nachsuchen,  auf  ein  gutes  Pfand
von  der  Vereinigung  einen  Gulden  geliehen  zu  erhalten,  was  ihm
keinesfalls  abgeschlagen  werden  durfte,  wenn  er  die  Mittel  zu  seiner
Verpflegung  und  zu  seinem  Unterhalte  nicht  besaß.  Für  den  Fall,  daß
er  kein  Pfand  beschaffen  konnte,  durfte  er  acht  alte  Groschen  Vorschuß
verlangen,  wogegen  er  sich  verpflichtete,  seine  Truhe,  welche  damals
jeder  Handwerksgeselle  mit  sich  führte,  sowie  sein  Werkzeug  zu  vertz
  Schanz  1877,  S.  40,  185;  Deutsche  Gerberzeitung  1888,  Nr.  44.
2)  Stahl  1874,  S.  403.  8 )  Deutsche  Gerberzeitung  1888,  Nr.  44.
4 )  Stahl  1874  S.  410.
°)  Schanz  1877,  S.  41,  212;  Deutsche  Gerberzeitung  1888,  Nr.  14.
        <pb n="305" />
        265

pfänden.  Beides  löste  er  nach  überstandener  Krankheit  durch  Abarbeiten
wieder  aus,  und  kein  Meister  durfte  sich  weigern,  bis  zur  vollen  Abtragung ­
  seiner  Schuld  das  ihm  fehlende  Werkzeug  unentgeltlich  zu  überlassen.
Die  nie  endenden  Auseinandersetzungen  mit  den  Gesellen  ziehen
sich  durch  die  Jahrhunderte  weiter  hindurch.  1580  finden  wir  im  Würzburger ­
  Statutenbuch  folgenden  Eintrags)
Pflicht  der  ledigen  Gesellen  aller  Handwerkh.
Und  ob  sich  ben  Tag  oder  Nacht  Auflauff  nit  für  aut  anbegebe
  es  sehe  feindtschasft  oder  feuerhalben,  f  |  ^  ^
daß  ich  uff  meinen  Meister,  bey  dem  ich  bin,  vorzulesen
warten,  der  Herrschafft  und  ihm  gehorsam
sein  will  nach  bestem  meinem  Vermögen.
Dieser  Treueid  und  die  Anmerkung  daneben  führt  uns  wieder  mitten  in  die
Gesellen-Meister-Auseinandersetzungen;  der  Inhalt  der  Eidesformel  zeigt
uns  den  Willen  und  die  Absicht  der  Meister,  und  die  Bemerkung  daneben ­
  erzählt  uns  von  den  widerspenstigen  Gesellen.  1602  wird  von
der  Stadt  Frankfurt  aus  ein  Dekret  erlassen,  welches  unter  anderem
die  Gesellenfrage  der  Weißgerber  zu  regeln  sucht.  Es  heißt  darin  unter
anderem 2 ),  daß  der  Knecht  die  versprochene  Zeit  aushalten  soll  und
daß  bei  Zweifeln  zwischen  Meister  und  Knechten  die  Meister  beraten
sollen  in  Frankfurt,  Speier,  Würzburg,  Magdeburg,  und  was  hier
entschieden  wird,  soll  verbindlich  sein  für  beide  Teile.  Diese  letztere
Bestimmung  ist  ganz  besonders  beachtenswert;  denn  hier  ist  keine  Spur
vorhanden  von  einem  gemeinsamen  Beraten  von  Meistern  und  Gesellen
zur  Regelung  des  Arbeitsangebotes  oder  der  Arbeitsbedingungen,  sondern
es  wird  hier  ein  einseitiges  Festsetzen  des  Arbeitsvertrages  bestimmt,
derart,  daß  der  Vertrag  für  beide  Teile,  also  auch  für  die  Gesellen
verbindlich  sein  soll.  Wir  haben  oben  gesehen,  daß  um  diese  Zeit  das
»große  Handwerk  der  Meister  und  Gesellen"  eine  lebhafte  Tätigkeit
entfaltet  hat,  und  dennoch  werden  hier  in  einem  so  wichtigen  Punkte
die  Gesellen  vollständig  ausgeschaltet.  Stahl  kommt  zu  einem  ganz
anderen  Schluß;  er  sagt  unter  anderem  „Einsprache  (gegen  die  Verbindungen ­
  der  Gesellen)  hätten  die  Meister  tun  können  auf  den  Titel
hm,  daß  das  Handwerk  ein  Ganzes  sei,  daß  Gesellen  und  Jungen  diesem
zugehören,  nur  hätten  dann  die  Handwerke  den  Gesellen  auch  einen
Anteil  am  Regiment  geben  müssen,  was  bei  einigen,  namentlich  den
Großen  Handwerken  geschah,  in  denen  eine  Absonderung  der  Gesellen,
eine  Auflehnung  gegen  die  Meister  kaum  nachweislich  sein  wird"^);
und  weiter  sagt  er  „in  jenen  Vereinigungsformen,  in  denen  Meister
und  Gesellen  auf  Grund  einer  Wahl  gemeinschaftlich  den  Entscheid  zu
0  Würzburg  1580.  -)  Würzburg  1602,  S.  88  f.
3 )  Stahl  1874,  S.  411.
        <pb n="306" />
        266

treffen  haben,  möchte  sich  immer  noch  der  geeignetste  Ausweg  finden.
Vergebens  hat  der  Verfasser  nach  den  Spuren  solcher  Gegensätze,  wie
sie  bei  den  Webern  usw.  vorkommen,  in  den  Handwerken  der  Gerber,
Wagner  usw.  gesucht;  jedenfalls  sind  sie  sehr  selten  gewesen.  Ich  schreibe
das  der  Organisation  dieser  großen  Handwerke  zu,  bei  welchen  die
Entscheidung  dem  ganzen  Handwerk  zugut  kam,  bestehend  aus  Meister
und  Gesellen.  Glaubt  man  überhaupt  auf  dem  seitherigen  Wege  der
Assoziation  im  Sinne  des  Gegensatzes  zwischen  Meister  und  Gesellen
zum  Ziele  kommen  zu  können,  so  lasse  man  auch  das  heuchlerische
Prahlen  mit  freiwilliger  Assoziation  und  habe  den  Mut  zu  erklären,
daß  es  Zwangsassoziationen  sein  müssen"  *).
Wir  haben  gesehen,  daß  allerdings  Zwangsassoziationen  bei  den
Gerbern  entstanden  sind,  aber  diese  waren  Kampfmittel;  wir  haben  gesehen, ­
  daß  trotz  der  Großen  Handwerke  die  Gegensätze  zwischen  Meister
und  Gesellen  nicht  aus  der  Welt  geschafft  wurden,  und  wir  haben  vor
allen  Dingen  gesehen,  daß  das  Große  Handwerk  offenbar  mit  ganz
anderen  Sachen  sich  beschäftigte  als  mit  der  Regelung  des  Arbeitsvertrages. ­

In  jenem  Frankfurter  Dekret  von  1602  der  Weißgerber  halben
ist  dann  weiter  noch  bestimmt,  daß  der  Gesell  nur  am  Sonntagmittag
Urlaub  nehmen  soll  und  nicht  in  der  Woche.  Es  ist  klar,  daß  damit
das  Weglaufen  von  der  Arbeit,  das  Niederlegen  der  Arbeit,  vielleicht
der  Streik,  gemeint  ist.  Weiter  wird  bestimmt:  Wenn  ein  Gesell  vom
Meister  Geld  entlehnt  hat,  soll  er  es  abverdienen,  nicht  aber  zurückbezahlen; ­
  und  schließlich,  wenn  ein  fremder  Geselle  in  die  Stadt  kommt,
sollen  nicht  mehr  alle  Gesellen  mit  ihm  zum  Wein  gehen  und  feiern,
sondern  nur  noch  einer.  Vielleicht  ist  auch  dieses  letzte  Verbot  noch
eine  versteckte  Erschwerung  der  Koalition;  jedenfalls  zeigen  uns  diese
Bestimmungen,  daß  die  Meister  und  Gesellen,  welche  beim  Großen
Handwerk  so  friedlich  nebeneinander  tagen,  ganz  andere  Wege  bei  der
Regelung  der  Arbeitsverhältnisse  gehen.
Aus  dem  Jahre  1671  ist  eine  spezielle  Ordnung  der  Augsburger
Weißgerbergesellen  vorhanden 2 ),  welche  natürlich  immer  noch  die  Unterstützung ­
  der  kranken  und  bedürftigen  Gesellen  betont,  welche  aber
andererseits  verlangt,  daß  jeder  Gesellenversammlung  ein  Meister  beiwohnen ­
  muß.  Die  Magdeburger  Ordnung  von  1686  bestimmt  ausdrücklich: ­
  Der  Gesell  soll  das  Leder,  bevor  er  Urlaub  nimmt,  „zuvor
zur  Mühlen  außarbeiten  und  außwalcken" 3 ),  also  ebenfalls  ein  Verbot
der  plötzlichen  Unterbrechung  der  Arbeit.
Die  neuen  wirtschaftlichen  Anschauungen  des  18.  Jahrhunderts
0  Stahl  1874,  S.  431.  -)  Augsburg  1871,  2te„s,  Zgtens.
3 )  Magdeburg  1688,  9t-»s.
        <pb n="307" />
        267

haben  auch  diesen  Verhältnissen  ihren  rechtlichen  Boden  genommen.
1737  wurde  für  die  Weißgerber  in  ganz  Preußen  bestimmt,  daß  nur
arbeitswillige  legitimierte  Gesellen  das  Wandergeschenk  erhalten,  während
die  anderen  gleich  Vaganten  aufgetrieben  werden  Z.  Gesellen-Laden,
Gesellenbriefe  und  Gesellensiegel  sowie  die  schwarzen  Tafeln,  auf  welchen
die  unredlichen  Gesellen  verzeichnet  standen"),  wurden  weggenommen
und  auf  die  Rathäuser  gebracht");  es  wurde  verboten,  Komplotts  und
Ausstände  zu  machen,  aus  der  Arbeit  zu  treten  und  sich  „zusammenzurottieren"
  4  * );  der  Briefwechsel  mit  anderen  Gesellen  und  alle  sog.
Brüderschaften  wurden  mit  empfindlicher  Strafe  belegt");  gestattet  war
nur  noch  die  Gesellen-Armen-Kassa  zur  Unterstützung  armer  und  kranker
Gesellen"),  eine  Handwerks-Armenkassa  für  verarmte  Meister  oder
deren  Witwen  7 ),  endlich  diese  beiden  Kassen  zur  Bestreitung  von  Begräbniskosten. ­

Damit  hatte  der  neue  Staat  auch  hier  seinen  Einzug  gehalten  und
mit  der  Sprengung  der  alten  Fesseln  die  neue  Entwicklung  ermöglicht.
8  26.  Die  ökonomische  Entwicklung  des  Weistgerberhandwcrks.
„Stinkende  Hände  machen  reiche  Leute""),  das  ist  im  allgemeinen
der  Tenor  all  der  Urteile,  welche  die  Schriftsteller  der  älteren  und
neueren  Zeiten  in  bezug  auf  die  materielle  Lage  des  Handwerkes  der
Gerber  gefällt  haben").  Selbst  bei  den  Darstellern,  welche  der  allgemein ­
  herrschenden  Anschauung  vom  goldenen  Boden  des  Handwerks
skeptischer  gegenüberstehen,  schneiden  die  Gerber  immer  noch  mit  am
besten  ab  ").  Durch  den  reichen  Verbrauch  von  Leder  und  Pelzwerk
sind  die  Gerber  schon  im  13.  Jahrhundert  zu  einem  zahlreichen  und
angesehenen  Stande  herangewachsen"),  die  Löher  gehören  1350  in
Frankfurt  zu  den  10  ratsfähigen  Handwerken 12 ),  seit  1370  sitzen  in
Nürnberg  die  Lederer  neben  7  anderen  Handwerken  im  Rate"),  und
unter  den  reicheren  Zünften,  welche  ihre  Waren  in  Nürnberg  in  besonderen ­
  Häusern  absetzten,  befinden  sich  auch  die  Gerber  ").
Wer  die  stolzen  hohen  Häuser  der  Nürnberger  Lederer  aufsucht,
wer  von  der  reichen  Mitgift  mancher  Gerberstochter  noch  im  Anfang
des  19.  Jahrhunderts  gehört  hat,  wird  an  diesen  Urteilen  nicht  zweifeln.
0  Königsberg  1737,  XV.  2 )  Mummenhoff  1901,  S.  73.
3 )  Königsberg  1737,  XII.  4 )  Königsberg  1737,  XXVI.
6 )  Königsberg  1737,  XXXI.  6 )  Königsberg  1737,  XIII.
7 )  Königsberg  1737,  XV.  8  *  *  * )  Beck  1807,  S.  59.
9 )  Bgl.  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  257;  Piazza  1659,  S.  499;  Nürnberg
17 -  58.  io)  Mummenhoff  1901,  S.  123.  ")  Nehlen  1855,  S.  135.
l2 )  Bücher  1886,  S.  87.  ls )  Nürnberg  17.  2.
I4 )  Mummenhoff  1901,  S.  119.
        <pb n="308" />
        268

Durch  mauches  Jahrhundert  hindurch  haben  sich  die  Lederer  oder
Rotgerber  zu  den  wohlhabenden  Handwerkern  und  zu  den  einflußreichen ­
  Bürgern  in  der  Stadt  gezählt.
Ein  Besuch  der  Jrherstraße  selbst  in  ihrer  heutigen  Gestalt
orientiert  sofort,  daß  die  Gründer  dieser  schmalen  Häuschen  materiell
und  daher  auch  sozial  und  politisch  einer  anderen  Schicht  angehört
haben  müssen.  Ein  verhältnismäßig  enges  Gäßchen,  freilich  für  mittelalterliche ­
  Verhältnisse  kaum  unter  der  Norm,  die  Lage  weniger  im
Zentrum  der  Stadt  als  die  Lederergasse,  aber  doch  dicht  bei  St.  Sebald,
vor  allen  Dingen  aber  die  kleine  Anlage  der  Häuser,  welche  auf  eine
nur  sehr  bescheidene  Höhe  hindeutet,  all  das  stimmt  damit  überein,  daß
die  Weißgerber  oder  Jrher  in  Nürnberg  zunächst  keine  Stimme  im
Rate  hatten  Z,  daß  im  Jahre  1387  in  Frankfurt  die  Loher  den  7.,  die
Weißgerber  aber  den  17.  Rang  auf  der  Handwerkerbank  einnahmen 2 ),
daß  sie  in  einem  Kataloge  aus  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts  überhaupt ­
  keinen  Rang  mehr  auf  der  Handwerkerbank  besitzen  ch;  damit
vielleicht  auch  hängt  es  zusammen,  daß  die  kürzeste  Probezeit  unter  allen
Handwerkern  1499  die  der  Frankfurter  Weißgerber  mit  nur  14  Tagen
gewesen  ist 4 ),  und  daß  merkwürdigerweise  ebenfalls  wieder  die  Frankfurter ­
  Weißgerber  1530  das  Recht  hatten,  den  Jungen,  welche  das
Handwerk  lernen  wollten,  zu  lehren,  wenngleich  sie  nicht  ehrlicher  Geburt ­
  waren;  es  bestand  in  letzterem  Falle  lediglich  keine  zwingende  Verpflichtung, ­
  sie  hernach  in  ihrer  Zunft  aufzunehmen  °).  Das  Fehlen  der
Stampfmühle  bei  den  Weißgerbern  in  den  früheren  Zeiten  oder  die
pachtweise  Benutzung  einer  solchen  H,  endlich  auch  die  im  Vergleich  zur
Rotgerberei  ganz  verschiedene  Form  des  Betriebes  weist  uns  darauf  hin,
daß  zwischen  Rotgerbern  und  Weißgerbern  grundsätzlich  ökonomisch  und
damit  sozial  eine  tiefe  Kluft  besteht,  daß  die  Weißgerber  auf  einer
tieferen  Rangstufe  sich  befinden.  Der  Betrieb  des  Rotgerbers  mit  seinen
vorwiegend  großen  Häuten  und  mit  der  langen  Gerbedauer  erforderte
großes  Betriebskapital,  welches  in  den  Kufen,  in  der  Lohe,  in  den
Häuten,  vielleicht  auch  in  einem  zur  Ausstellung  der  Kufen  benötigten
Platze  für  lange  Zeit  festgelegt  war;  die  Rotgerberhäuser  besitzen  daher
im  eigenen  Hause  eine  Werkstatt,  geräumige  Dachböden  zum  Trocknen
und  am  Hause  einen  größeren  Hof;  alles  das  fehlt  beim  Weißgerber').
Er  verarbeitet  hauptsächlich  kleine  Felle,  Schafe,  Ziegen,  Böcke,  und  die
Umtriebszeit  ist  eine  im  Vergleich  zum  Rotgerber  außerordentlich  geringe; ­
  die  Dauer  des  Gerbeprozesses,  welche  beim  Rotgerber  immerhin
ein  Jahr,  oft  noch  viel  länger  betragen  hatte,  beläuft  sich  beim  Weißtz ­
  Nürnberg  17.  2.  -)  Bücher  1886,  S.  87.  3 )  Ebenda.
4 )  Stahl  1874,  S.  173.  tz  Stahl  1874,  S.  97.
o)  Vgl.  S.  142  f.,  148  f.  tz  Vgl.  §  16  u.  bes.  S.  140.
        <pb n="309" />
        269

gerber,  gleichgültig,  ob  er  weiß  oder  sämisch  gerbt,  auf  nur  wenige  Tage,
und  letzteres  mag  ein  Grund  sein  dafür,  daß  die  Weißgerberei  und  die
Sämischgerberei  stets  so  enge  verbunden  gewesen  sindZ;  denn  aus  der
kurzen  Umtriebszeit  ergibt  sich  wiederum  eine  grundsätzliche  Verschiedenheit ­
  zum  Rotgerber;  nicht  nur  die,  des  viel  geringeren  Betriebskapitals,
des  schnelleren  Kapitalumschlags,  des  Mangels  einer  größeren  eigenen
Werkstatt,  sondern  der  noch  tiefgreifendere  Unterschied,  daß  die  Weißgerberei ­
  viel  mehr  noch  zur  Lohngerberei  sich  eignet,  als  die  viel  langsamer ­
  arbeitende  Rotgerberei  2 );  so  sehen  wir  also,  daß  der  Weißgerber
häufig  nicht  einmal  das  Hautmaterial,  welches  gerade  den  Hauptreichtum
der  Rotgerber  ausmachte,  zum  eigenen  Betriebskapital  rechnen  mußte.
Fassen  wir  das  alles,  was  über  das  Hautmaterial,  die  Produktionsprinzipien, ­
  die  Dauer  des  Gerbeprozesses,  die  Betriebsmittel  wie  Werkstatt, ­
  Mühle,  die  Betriebssysteme  ch  gesagt  worden  ist,  zusammen,  so  sehen
wir,  daß  der  so  oft  und  auch  in  der  Statistik  so  einheitlich  angewandte
Begriff  des  „Gerbers"  sich  schon  im  14.—15.  Jahrhundert  in  zwei
Handwerkerkategorieen  zerlegt,  welche  nur  das  gemeinsam  haben,  daß
die  beiden  Gewerbe  Häute  und  Felle  für  den  menschlichen  Bedarf  herrichten; ­
  alle  übrigen  Punkte  sind  wahrscheinlich  sehr  verschieden,  und
vor  allen  Dingen  ist  ihre  ökonomische  Lage  so,  daß  die  Rotgerber  zu
den  wohlhabenden  einflußreichen,  die  Weißgerber  aber  zu  den  ärmeren
gedrückten  Gewerben  gehören.  Diese  Unterschiede  zwischen  den  beiden
Handwerkerkategorieen  können  wir  bis  auf  den  heutigen  Tag  verfolgen,
indem  hin  und  wieder  eine  Stichprobe  uns  die  Fortdauer  des  alten
Verhältnisses  bestätigt.
Eine  vergleichende  Betrachtung  über  die  Zahl  der  Weißgerber  im
14.—15.  Jahrhundert  ergibt  sehr  verschiedene  Resultate.  In  Köln
sollen  im  Jahre  1478  400—500  lederverarbeitende  Handwerksmeister
vorhanden  gewesen  sein  H.  In  Frankfurt  betrug  die  Gesamtsumme  der
Lederarbeiter  1387  66  °),  und  im  Jahre  1440  war  es  die  gleiche  Zahl  H.
Was  nun  die  Zahlen  speziell  der  Weißgerber  anlangt,  so  wollen
wir  diese  Zahlen  mit  den  der  Rotgerber  so  weit  als  möglich  vergleichen.
Die  Pariser  Steuerrolle  von  1292  führt  23  Weißgerber  auf  Z;  die
Zahlen  für  die  Frankfurter  Meister  finb 8 ):

Lohgerber

Weißgerber

1387

27

17

1440

43

15

1530

?

44  zünftige  Meister 8 )

')  Vgl.  S.  123  ff.,  240  ff.  zzgl.  S.  215  ff.
a )  Vgl.  hiezu  alle  einschlägigen  Paragraphen,  insbes.  2,  3,  4,5,14,16,17,  22,  24.
4 )  Köln  1907,  Bd.  I,  S.  24.  °)  Bücher  1886,  S.  139.
°)  Bücher  1886,  S.  214—217.  7 )  Schuh  und  Leder  1897,  Nr.  29,  S.  33.
8 )  Bücher  1886,  S.  103.  »)  Vgl.  auch  Bücher  1886,  S.  119.
        <pb n="310" />
        270

Für  Nürnberg  läßt  sich  nach  den  Meisterbüchern  ebenfalls  eine
Tabelle  aufstellen,  wobei  allerdings  nicht  die  Zahl  der  in  einem  Jahr
vorhandenen  Meister  angegeben  wird,  sondern  die  Zahl  der  in  jedem
Jahrzehnt  oder  in  jedem  Jahre  in  die  Meisterbücher  eingeschriebenen
Meister.  Aus  diesen  Zahlen  z.  B.  nach  Art  der  Hamburger  Ermittlungen ­
  der  Bevölkerungszahlen  durch  einfache  Rechnung  die  Zahl
der  in  einem  Jahre  vorhandenen  Meister  zu  ermitteln,  wäre  hier
bedeutungslos,  weil  die  Rechenoperation,  welche  sich  zwischen  die  aus
den  Meisterbüchern  gewonnenen  Zahlen  und  die  aus  diesen  Zahlen
nach  der  Formel  gefundenen  Resultate  lediglich  wie  eine  Funktion  einschiebt, ­
  nur  die  absoluten  Werte,  nicht  aber  die  Zahlenproportionen,
auf  welche  es  hier  allein  ankommt,  ändern  würde.  Für  Nürnberg  ergibt ­
  sich  folgende  Tabelle,  wobei  je  20  Jahre  zur  Erreichung  größerer
Übersichtlichkeit  zusammengefaßt  sind*).
Es  wurden  in  die  Nürnberger  Meisterbücher  eingetragen:

Rotgerber

Weißgerber

vor  1383

84

41

1383—1399

30

6

1400—1419

22

3

1420—1439

56

14

1440—1459

47

13

1460  —  1479

65

30

1480—1499

53

48

1500—1519

44

43

1520—1539

56

30

1540—1559

50

32

1560—1571

26

11

Die  Zahlen  zeigen  uns  vor  allen  Dingen,  daß  die  Zahl  der  Rotgerber
größer  ist  als  die  der  Weißgerber;  dieses  Verhältnis  ist  erklärlich  aus
der  viel  kürzeren  Gerbedauer  der  Weißgerberei,  welche  zur  Folge  hat,
daß  eine  viel  kleinere  Zahl  von  Weißgerbermeistern  die  gleiche  Anzahl
von  Fellen  gerben  kann,  als  eine  größere  Zahl  von  Rotgerbern.
Eine  Ausnahme  macht  das  Jahr  1440  für  Frankfurt;  für  das  Jahr
1530  wurde  für  Frankfurt  die  Bestimmung  eingeführt,  daß  auch  Lehrjungen ­
  unehrlicher  Herkunft  im  Handwerk  aufgenommen  werden  dürfen;
das  bedeutet  ein  tiefes  soziales  Sinken  des  Handwerks,  und  dieses  ist
immer  begleitet  von  einer  geringen  Zahl  von  Hilfsarbeitern;  es  ist
möglich,  daß  sich  die  hohen  Frankfurter  Zahlen  von  1440  und  1530
auf  diese  Weise  erklären  lassen,  was  auch  durch  folgende  Tabellen,
welche  ja  freilich  auf  Vollständigkeit  keinen  Anspruch  machen,  vielleicht
bestätigt  wird:

')  Nürnberg  M.  ©.,  Nr.  233,  234,  236,  236,  239.
        <pb n="311" />
        271

Gewerbetreibende  in  Frankfurt  1387  &amp;gt;):
Meister  Söhne  Knechte  also  Hilfsarbeiter

Lower
Wisgerwer

27
17

8
1

1
1

9
1

Gewerbetreibende  in  Frankfurt  1440*):
Meister  Söhne  Knechte  also  Hilfsarbeiter

Lower
Wisgerwer

13
13

4

4

Immerhin  geht  aus  diesen  Tabellen  hervor,  daß  sehr  viele  Meister
überhaupt  keinen  Hilfsarbeiter  beschäftigt  haben,  und  weiter  ergibt  sich,
daß  die  Lower  im  einen  Fall  9-,  im  anderen  Falle  4  mal  mehr  Hilfsarbeiter ­
  beschäftigten,  —  immer  natürlich  die  Lückenhaftigkeit  des
Materials  berücksichtigend  —  als  die  Weißgerber.
Diese  Zahlen  zeigen  aber  noch  mehr,  nämlich  den  außerordentlich
geringen  Zugang  zum  Weißgerberhandwerk  in  Frankfurt.  Das  mag
die  Ursache  gewesen  sein,  daß  das  Handwerk  auch  für  Lehrlinge  nicht
ehrlicher  Herkunft  geöffnet  wurde,  und  die  Zahl  von  1530  mit  44
zünftigen  Meistern  mag  bereits  die  Folge  dieser  Aufnahmeerleichterung
sein,  obwohl  freilich  die  Nürnberger  Zahlen  zeigen,  daß  in  einem  Jahrhundert ­
  sich  die  Zahl  der  Meister  sehr  gut  verdoppeln  kann.
Da  die  Zahlen  der  Lehrlinge  und  Gesellen  nicht  bekannt  sind,
sollen  hier  Verhältnisberechnungen  zur  Einwohnerzahl  unterbleiben.
Beachtenswert  für  Nürnberg  erscheint  nun  die  Tatsache,  daß  im  15.  Jahrhundert ­
  die  Zahl  der  eingeschriebenen  Meister  für  beide  Handwerke  so
außerordentlich  groß  ist.  Darüber,  daß  sie  hernach  rapid  sinkt,  wundern
wir  uns  weniger;  denn  das  Sinken  ist  lediglich  eine  natürliche  Reaktion
auf  die  frühere  unnormale  Steigerung;  wir  wundern  uns  höchstens,
daß  erst  1586  eine  weitere  Erschwerung  im  Zugang  zum  Weißgerberhandwerk ­
  eingetreten 3 )  ist,  und  wenn  es  gestattet  ist,  den  Rückgang  der
Zahlen,  besonders  des  Weißgerberhandwerks  von  1500  ab  mit  modernen
Verhältnissen,  etwa  mit  dem  Rückgang  der  Strumpfwirker  oder  Leineweber ­
  zu  vergleichen,  so  erzählen  diese  Zahlen  aus  der  ersten  Hälfte
des  16.  Jahrhunderts  eine  Krise,  welche  statistisch  deutlich  zutage  tritt.
In  erster  Linie  haben  wir  nicht  nach  der  Ursache  des  Rückgangs  dieser
Zahlen,  sondern  nach  dem  Grunde  des  starken  Zuganges  zum  Handwerk ­
  zu  suchen.  Das  15.  Jahrhundert  bedeutet  einen  Höhepunkt  der
städtischen  Politik,  wobei  besonders  der  Markgraf  Albrecht  von  Ansbach ­
  und  Friedrich  der  Siegreiche  von  der  Pfalz  als  die  beiden  bedeutendsten ­
  Fürsten  Deutschlands,  dann  die  oberdeutschen  Städte  im
Mittelpunkte  aktivster  Politik  stehen;  die  fortwährenden  Fehden  führen
—st  Bücher  1886,  S.  139.  *)  Bücher  1886,  S.  214—217.
*)  Nürnberg  1635,  Decr.  in  Consilio  1586.
        <pb n="312" />
        272

zu  keiner  Entspannung,  sondern  nur  zu  einer  Steigerung  der  Verhältnisse, ­
  und  dies  drückt  sich  gewerblich  aus  in  der  Zunahme  der  einschlägigen ­
  Handwerke:  Ein  Hauptverbraucher  des  Leders  ist  der  Krieg.
Erst  als  1493  nach  53  jähriger  schwacher  Regierung  Kaiser  Friedrich  III.
starb,  als  der  tatkräftige,  jugendfrische  Maximilian  eine  Neuaufrichtung
des  Reiches  ins  Werk  zu  setzen  beabsichtigte,  als  der  Reichstag  von
Worms  1495  die  Idee  des  ewigen  Landfriedens  proklamierte,  als  das
neu  anbrechende  16.  Jahrhundert  mit  seinen  ungeheuren  inneren  geistigen
Bewegungen  die  tätigen  Faktoren  auf  ganz  andere  Gebiete  lenkte,  als
die  Entdeckung  Amerikas  ganz  andere  Interessensphären  geschaffen  hatte,
da  hörte  der  große  Bedarf  für  die  Produkte  der  zur  Bedarfsdeckung
des  vergangenen  Jahrhunderts  erzeugten  Handwerke  auf,  die  Gewerbe
sanken  in  ihrer  Bedeutung  zurück  auf  die  Bedarfsdeckung  der  ruhenden
Stadt,  schon  das  Ende  des  16.  Jahrhunderts  erzeugt  in  den  oberdeutschen ­
  Städten  die  Stille  des  ausgehenden  Mittelalters,  und  diese
ganze  Bewegung  spiegeln  die  Meisterzahlen  der  beiden  hier  in  Frage
stehenden  Gewerbe  wieder.  1605  wird  auf  Ersuchen  der  Nürnberger
Weißgerber  bestimmt,  daß  fremde  Gesellen  vor  Zulassung  zum  Meisterrecht
  in  Nürnberg  zwei  Jahre  bei  einem  oder  mehr  Meistern  zu  arbeiten
haben,  und  daß  ein  in  Nürnberg  einheimischer  Geselle  2  Jahre  auszuwandern ­
  hat;  ausgenommen  von  diesen  Bestimmungen  sind  nur
Meisterssöhne  und  die,  welche  Meisterstöchter  oder  Meisterswitwen  heiraten;
für  jeden,  welcher  einen  Lehrjungen  ausgelernt  hat,  wird  ein  Stillstand ­
  von  zwei  Jahren  festgesetzt,  „damit  das  Handtwerck  desto  weniger
vberheüfft  werde"  Z;  im  gleichen  Jahre  wird  ein  Gesuch  der  Weißgerber ­
  betreffend  die  Ausübung  einiger  Kürschnerarbeiten  abgeschlagen,
es  wird  ihnen  verboten,  „das  hinfüro  ihrer  keiner  keinen  Kürschner
seine  grobe  noch  kleine  fell,  oder  andere  kürschner  arbeit,  weder
strecken  bestraichen,  noch  sich  inn  andere  weg  in  ihr  handtwerck
schlagen,  oder  dessen  thailhafftig  machen  soll,  damit  sie  nicht  dadurch
bey  anderen  außwendigen  Werkstätten  in  nachtheil  vnd  gefahr  ihres
handtwercks  kommen"),  und  1614  wird  ihnen  verboten,  Kürschners
Gesellen  weder•  heimlich  noch  öffentlich  in  ihren  Häusern  zu  beschäftigen ­
  s ).
Es  ist  sehr  beachtenswert,  daß  alle  diese  Beschränkungen  nicht  zu
der  Zeit  erfolgen,  zu  welcher  wir  den  größten  Zugang  zum  Handwerk
beobachten,  sondern  Maßregeln  gegen  eine  Handwerksüberfüllung  werden
erlassen  zu  der  Zeit,  wo  der  starke  Rückgang  im  Handwerk  längst  eingetreten ­
  ist;  der  Zusammenhang  dieser  Punkte  mit  den  oben  dargelegten

0  Nürnberg  1535,  7.  Juli  1605.  -)  Nürnberg  1535,  27.  Sept.  1605.
3 )  Nürnberg  1535,  26.  Febr.  1614.
        <pb n="313" />
        273

allgemein-welthistorischen  Momenten  wird  im  allgemeinen  bei  der  Beurteilung ­
  von  Handwerksüberfüllung  und  Erschwerung  des  Zugangs
zum  Handwerk  viel  zu  wenig  berücksichtigt.
Bei  Anwesenheit  des  Kaisers  Matthias  in  Nürnberg  1612  zogen
die  Bürgerschaft  und  die  Handwerker  auf,  und  unter  letzteren  befanden
sich  26  Weißgerber  *).
1616  endlich  wird  den  Weißgerbern  auf  ihr  Gesuch  hin  gestattet,
„das  sie  hinfüro  auch  frembde  Gesellen  zu  Leerknechten,  so  da  nicht
dörffen  Burger  werden,  gleich  andern  ungesperrten  Handwerckern  annemen
  möchten" 2 ).
Alle  diese  Verhältnisse  deuten  einen  weiteren  Niedergang  des
Handwerks  an.
Weitere  Zahlen  für  Nürnberg  lassen  sich  erst  wieder  ermitteln  für
das  18.  Jahrhundert 8 ).  Es  wurden  in  die  Nürnberger  Meisterbücher

eingetragen:

Rotgerber

Weißgerber

1700—1720

21-25

4

1721—1740

21

7

1741—1760

17

6

1761—1780

18

5

1781—1800

6

4

Ähnlich  liegen  die  Zahlen  für  Leipzig,
folgende  Meisterzahlen  zusammenstellen 4  *  *  * ):
Notgerber

Es  lassen  sich  für  Leipzig
Weißgerber

1623—1635

90

10

1635—1649

ca.  45

—

1664

—

7

1716

36

10

1755

33

8

1770

33

5

1786

39

5

In  beiden  Fällen  sehen

wir  die  Zahlen  ziemlich  kontinuierlich

sinken.  Im  Aachen  des  17.

Jahrhunderts  gehören  die  Weißgerber

ebenfalls  zu  den  Zünften,  welche  vom  Rate  geordnet  werden,  ohne  daß
sie  in  den  Ratswahlen  Einfluß  Habens.

Einen  Blick  in  die  Lage  des  Weißgerberhandwerks  geben  dann
die  Akten  aus  Memmingen  am  Ende  des  17.  Jahrhunderts.  Als  hier
die  Weißgerber  von  den  Rotgerbern  geschieden  werden  sollen,  führen
sie  an:  „Allein  von  dem  Weißgärben  sich  allhie  zu  ernehren  ist  schwer

1)  Roth  1800,  Bd.  IV,  S.  168.
2 )  Nürnberg  1535,11.  Jan.  1616.  3 )  Nürnberg,  M.  S.  H„  H-,  Stadtarchiv.
4 )  Junghans  1896,  S.  407;  Rößig  1803,  Bd.  II,  S.  332.
°)  Mitteilung  des  Stadtarchivs  Aachen.  Manuskript  des  Archivars  K.  F.
Meyer  d.  I.  Aachensche  Geschichten,  Bd.  II.
Ebert.  Entwicklung  der  Weißgerberei.  16
        <pb n="314" />
        274

und  beinahe  unmöglich,  indem  die  wahr  allzutheuer,  darbey  ein  schlechter
Verschleis  ist,  und  weilen  es  ohne  das  übersetzt"  *).  „Die  mehrere  und
vermögliche  Rothgärber  allhier  suchen  die  seperation  unseres  Handwercks
aus  der  tragenden  opiniou  als  wann  wir  Ihnen  mit  dem  rothgärben
großen  schad  und  abbruck  thethen,  da  es  doch  in  veritate  sich  wird  befinden, ­
  das  mancher  Meister...  den  halben  theil  nicht  verarbeitet,  was
er  das  jähr  durch  zuverarbeiten  und  zu  vertreiben  befugt  wäre."  Vor
der  Trennung  verteilten  sich  die  Gerber  derart,  daß  30  Rotgerber,
12  Rot-  und  Weißgerber  und  6  Weißgerber  vorhanden  sind  2 ),  nach
der  Trennung  erscheinen  37  Rotgerber  und  11  Weißgerber  8 ).  Wir
sehen  also  auch  hier  die  größere  Zahl  der  Rotgerber  gegenüber  den
Weißgerbern,  dann  aber  wird  die  bessere  Lage  der  Rotgerber  konstatiert, ­
  und  letzteres  wird  noch  bestätigt  dadurch,  daß  sich  von  den
Rot-  und  Weißgerbern  alle  die,  welchen  es  der  Stand  ihres  Vermögens ­
  gestattete,  zu  den  Rotgerbern  schlugen;  sie  wollten,  wenn  irgend
möglich,  nicht  in  die  sozial  tiefer  stehende  Schicht  der  Weißgerber  sinken,
und  nur  die  schlecht  situierten  mußten  sich  mit  der  Weißgerberei  begnügen. ­

Silberne  Prunkpokale,  prächtige  Laden,  Grabepitaphieen  oder
anderer  wertvoller  Handwerksbesitz  ist  von  Weißgerbern  nicht  erhalten,
und  so  erscheint  auch  diese  Tatsache  als  eine  Bestätigung  alles  dessen,
was  die  Zahlen,  die  Akten  und  Ordnungen  uns  berichten.
Im  17.  Jahrhundert  haben  die  Nürnberger  Weißgerber  bereits
kein  Meisterstück  mehrZ,  und  1684—1741  gehören  zu  den  Aachener
Zünften,  welche  Mitglieder  des  großen  Rates  lieferten,  die  Weißgerber
ebenfalls  nichts.
Im  18.  Jahrhundert  sind  in  Würzburg  die  Lehrling-  und  Aufdinggelder ­
  die  folgenden 8 ).
Rotgerber  und  Lederbereiter:
Meister  Jura.
16  rthlr.  nebst  2  Pfund  wax  zu  der  Kertzen,  zur  Conservieruug  des
Laadens  und  baar  noch  6  rthlr.  dem  Handwerck  für  die  sonst  gewöhnliche ­
  Mahlzeit.
Lehrjungen  aufzudingen  und  ledig  zu  sprechen.
1  Pfund  Wax  an  die  Handwercks  Kertzen.
4  rthlr.  in  die  laaden.
2  rthlr.  denen  Meistern  zum  Verzehren.
1  rthlr.  pro  sigillo  dem  Handwerck,  bey  Expedierung  des  Lehrbriefs.
i)  Memmingen  23.  I.  1680.  2 )  Memmingen  16.  II.  1680.
-)  Vgl.  Memmingen  23.  I.  1680:  15.  III.  1680;  3.  X.  1680;  10.  XI.  1680.
4 )  Nürnberg  17,  68.  6 )  Mitteilung  des  Stadtarchivs  Aachen.
•)  Würzburg,  18.  Jahrhundert,  51,  65.
        <pb n="315" />
        275

Weißgerber:
Meister  Jura.
10  fl.  in  die  Landen  samt  8  Viertel  Wein  ein  Fremder.
5  fl.  der  so  eine  Wittib  oder  Meisters  Tochter  heirathet  oder  ein
Meistersohn  ist.
Lehrjungen  aufzudingen.
1  fl.  und  1  Pfund  wax  in  die  laden.  Bey  dem  aufdingen  und  ledigsprechen. ­

Es  sind  also  die  Gebühren  bei  den  Rotgerbern  viel  höher  als  bei
den  Weißgerbern,  abgesehen  davon,  daß  die  Weißgerber  noch  eine  weitere
Erleichterung  eintreten  lassen  für  Meistersöhne  sowie  für  die,  welche
eine  Meisterstochter  oder  Meisterswitwe  heiraten.
Welche  einzelne  Tatsache  wir  also  auch  hernehmen,  alle  stimmen
überein  in  dem  Punkte,  daß  die  Weißgerber  ein  ökonomisch  und  daher
sozial  ganz  anders  geartetes  Gewerbe  darstellen  als  die  Rotgerber.
Das  Ende  des  18.  Jahrhunderts  und  der  Anfang  des  19.  nun,
zu  welchem  wir  jetzt  gelangen,  stellt  einen  entscheidenden  Wendepunkt
in  der  Geschichte  beider  Gewerbe  dar.  Die  Einführung  der  Dampfkraft, ­
  die  Entwicklung  der  Textilindustrie,  der  steigende  Baumwollimport,
das  sind  Momente,  welche  der  Weiß-  und  Sämischgerberei  als  reiner
Produktionsmethode  einen  Teil  ihres  Absatzes  entziehen;  die  Erfindung
der  Schnellgerberei  mit  ihrem  raschen  Kapitalumschlag  verschafft  dieser
ein  weiteres  bedeutendes  Übergewicht  über  die  Weißgerberei,  und  die
Entwicklung  der  Manufakturen  und  Fabriken  wird  dem  handwerksmäßigen ­
  Betrieb  beider  Gewerbe  verhängnisvoll  *  *).  Unter  solchen  Verhältnissen ­
  sind  die  folgenden  Daten  verständlich.
Rößig  berichtet  1803,  daß  die  Weißgerberei  in  Sachsen  ehemals
beträchtlicher  war  als  zur  Zeit  seiner  Berichterstattung.  Jedoch  fanden
sich  1803  noch  in  den  meisten  Städten  des  Landesj  welche  nicht  ganz
unbedeutend  waren,  oder  welche  sich  vorzüglich  mit  der  einen  oder
anderen  Manufaktur  beschäftigten,  Weißgerbereien.  Hauptsitze  waren
Oberlausitz,  Bautzen  und  Görlitz,  daun  im  meißnischen  und  erzgebirgischen
  und  zum  Teil  im  thüringischen  und  vogtländischen  Kreise.
Die  Weißgerber  in  Görlitz  lieferten  in  den  10  Jahren  1748—1757
254  689  Stück,  stiegen  in  ihren  Arbeiten  so,  daß  sie  1763  deren  80551
lieferten.  Aber  seitdem  verfiel  ihr  Gewerbe;  denn  1765  lieferten  sie
zwar  noch  50311  Stück,  1767  nur  noch  4620;  in  den  Jahren  1770
bis  1773  betrug  die  Leistung  jährlich  nur  3000  Stück,  von  hier  ging
sie  wieder  etwas  in  die  Höhe^).

')  Vgl.  S.  125  ff.
*)  Rößig  1803,  Bd.  II,  S.  332—333.

18*
        <pb n="316" />
        276

Die  Zahl  der  Meister  für  Leipzig  betrug  *)

1786

Rotgerber
39

Weißgerber
4

1798

27

5

1805

20

6

1820

12

4

1849

14

6

1857

8

3

1864

13

4

1875

5

4

1885

2

2

1896

1

—

Zu  diesen  Zahlenreihen  des  19.  Jahrhunderts,  welche  häufig  aus
Adreßbüchern  gewonnen  werden  mußten,  weil  eben  die  amtliche  Statistik
keinen  Anhaltspunkt  mehr  liefert,  und  weil  die  Meisterbücher  nicht  mehr
geführt  wurden,  ist  zu  bemerken,  daß  sie  stets  als  Maximalwerte  anzusehen ­
  sind  und  meist  zu  hoch  erscheinen;  so  zählte  z.  B.  das  Adreßbuch ­
  der  Stadt  Leipzig  1896  noch  10  Mitglieder  der  Lohgerberinnung,
2  Meister  außerhalb  der  Innung  und  einen  Weißgerber.  Eine  genauere
Nachforschung  ergab,  daß  von  den  Jnnungsmeistern  nur  noch  einer  die
Gerberei  betrieb,  die  anderen  waren  Häute-  oder  Lederhändler  geworden
oder  hatten  sich  ganz  vom  Geschäft  zurückgezogen  2 ).
Letzteres  ist  eine  für  Rotgerber  typische  Erscheinung,  nämlich
der  Übergang  zum  Haut-  oder  Lederhandel  auf  Grund  ihres  kleinen
Vermögens;  in  größeren  und  in  kleineren  Plätzen  findet  man  das  hier
für  Leipzig  Gesagte  hundertfach  bestätigt;  man  findet  im  Adreßbuch
und  auch  im  Sprachgebrauch  noch  den  Ausdruck  „Gerber"  und  dieser
entpuppt  sich  fast  stets  als  ein  ehemaliger  Lohgerber,  welcher  zum  Handel
mit  Häuten,  Leder,  Schusterleisten,  Riemen,  Schuh-  und  Sattlerutensilien ­
  übergegangen  ist.
Für  die  Weißgerberei  liegen  die  Verhältnisse  auch  hier  wiederum
gänzlich  anders;  da,  wie  wir  gesehen  haben,  die  Weißgerber  einer
ökonomisch  ganz  anders  gearteten  Klasse  von  Gewerbetreibenden  angehören, ­
  so  fehlt  ihnen  meist,  man  kann  fast  sagen  regelmäßig,  selbst
das  zum  Handel  nötige  kleine  Kapital  und  sie  gehen  im  richtigen
Sinne  des  Wortes  zugrunde,  sie  verderben.
In  Leipzig  benutzten  1824  nur  noch  zwei  die  Walkmühle.  Der
letzte  Weißgerbermeister,  welcher  am  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts
noch  in  Leipzig  lebte,  ein  sehr  alter  Mann,  war  zum  Proletarier  geworden. ­
  Nach  seinen  Angaben  arbeiteten  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts ­
  außer  ihm  noch  zwei,  später  nur  noch  ein  Meister;  keiner

0  Junghans  1896,  S.  407.

2 )  Junghans  1896,  S.  391.
        <pb n="317" />
        277

hatte  einen  Gesellen.  Die  letzten  Weißgerber  haben  nur  eine  kümmerliche ­
  Existenz  fristen  können  und  übten  daher  zum  Teil  das  Handwerk
gar  nicht  aus,  wenn  sie  auch  als  Weißgerber  gezählt  wurden  *).
In  Freiberg  in  Sachsen  existierten  in  der  ersten  Hälfte  des
19.  Jahrhunderts  noch  6  Weißgerber  und  13  Lohgerber.  Der  letzte  Lohgerber ­
  ist  heute  zum  Lederhandel  übergegangen,  der  letzte  Weißgerber
ist  zu  einem  reinen  Zwerggerber  geworden,  welcher  im  Jahre  noch
etwa  1000  Felle  im  reinen  Lohnwerk  gerbt,  indem  er  diese  bis  zum
Gerben  herrichtet  und  dann  zum  Walken  an  einen  anderen  Weißgerber,
in  dessen  Nähe  sich  noch  eine  Walke  befindet,  schickt.  Seine  Alaungerberei ­
  ist  außerordentlich  unbedeutend,  sein  Haus  ist  klein,  dunkel  und
schmutzig,  die  Familie  läßt  nicht  erkennen,  daß  sie  in  den  letzten  Jahrzehnten ­
  jemals  gute  Zeiten  gesehen  hätte.  Ein  kleiner  Nebenverdienst
ist  für  ihn  der  reine  Fellaufkauf  für  eine  Fell-  und  Häuteverwertungsgenossenschaft. ­

Wenn  früher  in  Sachsen  die  Weißgerber  in  allen  größeren  Plätzen
zu  finden  waren,  so  sind  sie  heute  als  Gewerbe  ziemlich  daraus  verschwunden. ­
  Man  findet  einen  solchen  hin  und  wieder  noch  im  Adreßbuch,
welcher  bei  genauerem  Nachsehen  dann  gewöhnlich  sehr  heruntergekommen
ist  und  sein  Geschäft  nicht  mehr  betreibt.
In  Nürnberg  sind  die  Zahlen  die  folgenden.
Es  wurden  in  die  Meisterbücher  eingetragen 2 );
Rotgerber  Weißgerber
1760—1780  13  5
1791-1800  6  3
Es  waren  vorhanden  nach  den  Adreßbüchern"):
1846  1
1860  7  —
1885  3  '  —
Von  den  Rotgerbern  waren  1885  zwei  Rotgerber  und  Lohmüller
zugleich,  suchten  sich  also  aus  der  Lohmüllerei  mindestens  noch  einen
Nebenverdienst.
Der  letzte  Weißgerber  verlegte  sich,  als  das  Geschäft  zurückging,
darauf,  Schafwolle  kartätschen  zulassen  und  dann  damit  zu  handeln;  er
hatte  1847  darob  eine  Auseinandersetzung  mit  den  Tuchmachern;  1855
beschwerte  sich  der  gleiche,  einzige  noch  in  Nürnberg  vorhandene  Weißgerber, ­
  welcher  sein  Geschäft  nur  sehr  gering  betrieb,  über  den  letzten
Nürnberger  Pergamenter,  weil  dieser  seit  längerer  Zeit  zur  Weißgerberei
übergegangen  war  und  sogar  noch  einen  Gesellen  hierauf  eingestellt
hatte.  Die  Entscheidung  fiel  dahin  aus,  daß  ihm  gestattet  sei,  Weiß-0
  Junghans  1896,  S.  407.  2 )  Nürnberg,  M.  S.  Hz,  Stadtarchiv.
3 )  Nürnberg,  Ad.
        <pb n="318" />
        278

gerbergesellen  einzustellen,  da  der  Mangel  an  Pergamentergesellen  ihm
die  Einstellung  solcher  Arbeitskräfte  unmöglich  mache  und  weil  die
Weißgerberei  des  klagenden  Weißgerbers  an  sich  sehr  zurückgegangen  sei  x ).
In  Frankfurt  bestanden  1842  noch  8  Lohgerber  und  7  Weißgerber 2 ),
in  Hamburg  existierte  um  1800  nicht  mehr  als  eine  Weißgerberei 2 ),
in  Bremen  wurde  das  Weißgerberamt  1824  geschlossen,  weil  es  bis  auf
2-  Meister  ausgestorben  war  *).
In  Köln  gibt  das  städtische  Adreßbuch  für  1822  noch  60  Rotgerbereien ­
  und  11  Weißgerbereien  an;  in  den  40  er,  50  er  und  60  er  Jahren
sind  nach  Ausweis  der  Kölner  Handelskammerberichte  35  Rotgerbereien
mit  80—90  Arbeitern  und  Weißgerbereien  einschließlich  der  Fabriken
von  farbigem  Schafleder  14  vorhanden.
Die  Zahlen  sind  weiterhin  nach  dem  Adreßbuch 2 ):

Rotgerbereien

Weißgerbereien

1872

32

8

1882

13

5

1895

4

1

Die  starken  Rückgänge  in  den  Zahlen  lassen  darauf  schließen,  daß,
weil  jede  Zahl  die  Folge  der  vorigen  ist,  alle  Zahlen  viel  zu  hoch
angegeben  sind.
In  Würzburg  liegen  die  Verhältnisse  wie  folgt,  1794—1836
wurden  12  Konzessionen  an  Rotgerber  und  5  an  Weißgerber  erteilt 2 ).
Nach  den  Adreßbüchern  gestalten  sich  die  Zahlen  weiterhin"):

Rotgerber

Weißgerber

1806

16

8

1833

15

5

1838

14

5

1852

11

2

1890

zusammen  8

1899

—

—

1910

—

—

Schon  1808  und  1815  sind  zwei  von  den  um  Konzession  nachsuchenden ­
  Weißgerbern  auch  Garküchner  und  auch  das  Adreßbuch  von
1838  führt  zwei  als  Garküchler  auf.

0  Nürnberg  1855.
-)  Bücher  1886,  S.  103.
3 )  Hamburg  1805.
4 )  Mitteilung  des  Archivs  der  freien  Hansastadt  Bremen.
6 )  Wirminghaus  1895,  S.  250  f.
e )  Würzburg  19.  Jahrhundert.
7 )  Würzbnrg,  Ad.
        <pb n="319" />
        279

Für  Rothenburg  sind  die  Zahlen  die  folgenden

Rotgerber

Weißgerber

1812

12

4 1 )

1821

13

5 S )

1842

11

1863

6

2

1874

6

1

1910

5  Lederhandlungen

Von  den  12  Rotgerbern  haben  schon  1812  drei  nicht  mehr  gegerbt.
Die  letzten  Weißgerber  sind  nach  Aussage  der  dortigen  Lederarbeiter
verkommen;  von  ihnen  ist  keiner  Lederhändler  geworden.
In  Speier  bestanden  1766  4  Weißgerber s );  in  Augsburg  wurde
um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  gestattest  daß  ein  Meister  neben
zwei  Gesellen  oder  neben  einem  Gesellen  und  einem  Lehrjungen  noch
einen  im  Taglohn  arbeitenden  M  e  i  st  e  r  in  Arbeit  anstellen  darf  4 );  wir
sehen  daraus,  wie  tief  schon  um  diese  Zeit  das  Handwerk  gesunken
sein  muß,  da  das  Zusammenarbeiten  von  zwei  Meistern  nach  Ordnungen
noch  aus  dem  17.  Jahrhundert  verboten  ist 8 ).  In  Aub  waren  in  der
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  10  Weißgerbermeister,  1796  sind  deren
noch  4  vorhanden,  und  ein  um  die  Erlaubnis  zur  Ansässigmachung
nachsuchender  Geselle  treibt  als  unzünftiges  Nebengewerbe  die  Wachszieherei ­
  8 ).
In  Gunzenhausen  waren  die  Zahlen  die  folgenden:

Rotgerbermeister

Weißgerbermeister

1728

11

5  0

1739

14

3  0

1799

8

1807

?

2

Die  Rotgerberei  muß  hier  früher  ein  sehr  einträgliches  und  bedeutendes ­
  Geschäft  gewesen  sein,  aber  die  Weißgerberei  war  nach  Aussage ­
  der  noch  lebenden  Rotgerber  niemals  gewinnbringend,  und  die
letzten  Weißgerber  sind  schon  vor  30  Jahren  gestorben  und  verdorben.
Die  Rotgerber  befanden  sich  hier  durchweg  in  guten  Verhältnissen,  sie
besaßen  schöne  Häuser  und  gut  eingerichtete  Werkstätten,  während  bei
den  Weißgerbern,  wie  man  das  auch  sonst  fast  als  Regel  antrifft,  die
Gerberei  in  das  Wohnhaus  selbst  eingebaut  war.
1808  befanden  sich  in  12  Ämtern  von  Unterfranken  und  Aschaffen-0
  Rothenburg  1812.  2 )  Rothenburg,  Ad.
3 )  Speyer  1766.  *)  Augspurg  ca.  1800.
5 )  Vgl.  Würzburg  1660—1683,  13;  Magdeburg  1686,  42  tens.
°)  Würzburg  1795—1803.  st  Günzenhausen  1649—1770:  1728.
8 )  Gunzenhausen  1649—1770;  1739.  °)  Gunzenhausen  1818.
        <pb n="320" />
        280

bürg  25  Rotgerber  und  13  Weißgerber;  von  letzteren  sind  4  in  Aschaffenburg, ­
  8  in  Lohr,  1  in  Rothenfels;  von
Rotgerbern  *)  Weißgerbern
werden  bezeichnet  als
gut  mittelmäßig  schlecht  gut  mittelmäßig  schlecht
17  4  3  4  4  5
Auch  darin  zeigt  sich  einerseits  die  Lage  der  Weißgerberei,  andererseits
die  Überlegenheit  der  Rotgerber.
In  Unterfranken  und  Aschaffenburg  finden  sich  2 ):
Rotgerber  Weiß  gerb  er
1824—1825  302  78
1829—1830  320  79
In  beiden  Fällen  ist  hier  eine  kleine  Zunahme  zu  verzeichnen,
welche  wahrscheinlich  auf  Konto  der  Gesellen  zu  setzen  ist,  welche  bei
ihren  Meistern  keine  genügende  Beschäftigung  finden  und  nun  sich  gezwungen ­
  sehen,  die  Selbständigkeit  zu  versuchen.  Die  Rotgerber  gehören
in  dieser  Tabelle  noch  zu  den  Gewerben,  deren  Fabrikate  für  den  Handel
bestimmt  sind  und  darin  Absatz  finden  können.  1861  gehören  die  Gerber
zu  den  Handwerkern,  welche  vorherschend  für  den  örtlichen  Bedarf  beschäftigt ­
  sind^).
In  Württemberg  finden  sich  1852  1140  Rotgerbereien  mit  1898
Arbeitern;  daneben  existieren  242  Weißgerber  mit  76  Gehilfen  Z.
In  Breslau  bestanden  1790  noch  86  zünftige  Lohgerbermeister,
1825  war  ihre  Zahl  gesunken  auf  7,  und  als  1850  die  Lohgerber
und  Weißgerber  stark  zurückgegangen  waren,  wurden  die  beiden  Innungen
verschmolzen  ^).
Und  damit  sind  wir  überhaupt  zum  Ende  der  Weißgerberei
gekommen,  welche  wir  bisher  als  selbständiges  Gewerbe  kennen  gelernt
hatten.  Wir  haben  gesehen,  daß  die  Sämischgerberei  das  Hauptbrot,
der  Hauptverdienst  vieler  Weißgerber  gewesen  ist,  und  daher  hing  von
ihrer  Entwicklung  die  materielle  Lage  der  Weißgerber  ab  °);  so  lange  die
Sämischgerberei  blüht,  blühte  auch  verhältnismäßig  die  Weißgerberei,  obwohl ­
  sie  den  Gewinn  oft  mit  den  Beutlern,  Nestlern  und  Handschuhmachern
hatten  teilen  müssen;  als  aber  dann  die  Sämischen  Hosen  verschwanden,
als  das  Weißleder  für  Schuhfutter  ebenso  wie  die  sämischen  Hosen
durch  die  billigen  Baumwollstoffe  verdrängt  wurden  '),  ging  das  Gewerbe
zurück,  die  Lohgerber  ihrerseits  hatten  stark  unter  der  Schnellgerberei
und  der  Entwicklung  der  Fabriken  gelitten^),  ihre  Zahl  sank  schon  seit
dem  18.  Jahrhundert  ebenfalls  stark,  und  daher  bringt  das  19.  Jahr-0
  Würzburg  1808.  2 )  Würzburg  1824—1830.  3  4  * )  Hermann  1861.
4 )  Kotelmann  1852,  S.  243.  s )  Borgius  1895,  S.  5.
°)  Vgl.  S.  123  ff.,  240  ff.,  269.  ')  Vgl.  S.  126  ff.  8 )  Vgl.  S.  125  und  §  28.
        <pb n="321" />
        281

hundert  endlich  eine  Vereinigung  der  beiden  streitenden  Gewerbe,  so,
wie  das  18.  Jahrhundert  die  verschiedenen  Kreise  der  sich  gegenseitig
befehdenden  Rheinischen  und  Rößler,  Schwaben  und  See-Städter  schon
vereinigt  hatte J ).
In  Gunzenhausen  suchten  1807  zwei  Weißgerber  und  wiederholt  1818
drei  Weißgerbermeister  darum  nach,  eine  von  der  Ansbachec  Zunft
unabhängige,  eigene  Zunft  bilden  zu  dürfen.  Nach  der  Regierungsentschließung ­
  steht  dieser  Trennung  nichts  im  Wege,  aber  die  Gunzenhäuser ­
  „Lederzunft"  wird  aufgefordert,  sich  noch  gutachtlich  zu  äußern,
ob  es  nicht  zweckmäßiger  und  ausführbar  sei,  die  Weißgerber  zu
Gunzenhausen  mit  der  Rotgerberzunft  zu  Gunzenhausen  zu  vereinigen.
Aber  Zunft  und  Magistrat  sind  der  Meinung,  daß  „wegen  der  Verwandtschaft ­
  der  beiden  Gewerbe  und  der  daraus  öfter  entsteigenden
Anstände  eine  solche  Vereinigung  nicht  wohl  stattfinden  könne",  „daß
daher  die  nahe  Verwandtschaft  derselben  eher  die  Trennung  als  ihre
Vereinigung  erfordere" 2 ).
1830  sucht  in  Uffenheim  der  Weißgerbermeister  Lutz  nach  um  die
Erteilung  der  Konzession  zur  Bereitung  und  zum  Verkauf  lohgaren
Leders.  Die  fünf  Rotgerbermeister  sind  selbstverständlich  gegen  die  Erteilung ­
  dieser  Konzession,  da  das  Gewerbe  übersetzt  sei,  und  da  Lutz
als  wohlhabender  Mann  nicht  nötig  habe,  auch  noch  die  Rotgerberei
zu  betreiben.  Lutz  hatte  seinen  Wohlstand  auf  Farbwaren  und  Wollhandel ­
  begründet  ^).  Auf  eingelegte  Berufung  erhält  aber  Lutz  nach
der  Regierungsentschließung  die  Erlaubnis  zur  Ausübung  der  Lohgerberei, ­
  „da  gesetzlich  die  Ausdehnung  einer  schon  besitzenden  Gewerbskonzession
  auf  ihr  näher  verwandten  anderen  Gewerbserzeugnissen  zulässig ­
  ist"  ch.  Mit  der  Rot-  und  Weißgerberswitwe  Lutz  verheiratete
sich  jetzt  der  Gerber  Kaeuffer,  und  diesem  wird  von  den  Rotgerbern
abermals  nur  die  Erlaubnis  zur  Betreibung  der  Rotgerberei  erteilt;
angeführt  wird  unter  anderem,  daß  Kaeuffer  neben  der  Weißgerberei
auch  die  Leimsiederei  sowie  Wollen-  und  Farbwarenhandel  betreibe  und
daneben  noch  eine  Ökonomie  besitze  ^).  Wir  sehen  also  auch  hier,
worauf  schon  bei  der  Besprechung  der  Landgerberei  aufmerksam  gemacht
wurde,  daß  eine  genügende  Ökonomie  die  Situation  des  Weißgerbers
ausreichend  verbessern  kaun,  wobei  allerdings  diese  Vereinigung  nur
verhältnismäßig  selten  ist.  Außerdem  sehen  wir,  wie  die  Weißgerber,
wenn  ihnen  irgend  möglich,  seit  der  Wende  des  18.  Jahrhunderts,  und
wofür  ebenfalls  schon  mehrere  Beispiele  angeführt  wurden,  neben  der
Weißgerberei  immer  noch  ein  oder  mehrere  Nebengewerbe  betreiben,  *  4

0  Vgl.  S.  261.  2)  Günzenhausen  1818.  s )  Uffenheim  1830.
4 )  Ebenda.  Regiernngsentschließung  24.  V.  1830.  6 )  Uffenheim  1838.
        <pb n="322" />
        282  —

welche  alle  einträglicher  sind  als  die  Weißgerberei  selbst.  Solche  Nebengewerbe
  sind  vor  allen  Dingen  der  Handel  mit  Fellen  und  mit  Häuten,
auch  mit  Wolle;  dann  mit  kartütschter  Wolle  oder,  wie  hier,  Farbwarenhandel,
  Ökonomie;  auf  die  Leimsiederei  wurde  schon  hingewiesen  ü-Alle
  diese  Gewerbe  lassen  sich  natürlich  nur  bei  genügendem  Vermögen
betreiben,  und  dieses  Vermögen  wird,  soweit  die  Erinnerung  der  noch
lebenden  Weißgerber  zurückreicht,  soweit  auch  die  Akten  Aufschluß  geben,
nicht  erworben  durch  die  Weißgerberei,  sondern  es  wird  entweder  erheiratet ­
  durch  Einheiraten  in  eine  Ökonomie  l  2 )  oder  es  wird  durch  Nebengewerbe ­
  erworben,  welche  eben  deswegen  eigentlich  als  Hauptgewerbe
zu  bezeichnen  sind.  Der  Übergang  der  Weißgerber  zu  der  rentableren
Rotgerberei,  welch  letztere  allerdings  mehr  Betriebskapital  verlangt,  ist
gleichfalls  nichts  weiter  als  der  Betrieb  eines  gewinnbringenderen
Nebeugewerbes;  auf  Rekurs  erhielt  der  oben  angeführte  Kaeuffer  gleichfalls ­
  die  Rotgerberkonzejsion  H.
1842  wurde  in  Rothenburg  wieder  einmal  eine  Handwerksstreitigkeit ­
  zwischen  Rot-  und  Weißgerbern  vom  Magistrate  geschlichtet;  der
Magistrat  entschied  auf  Bestrafung  der  Weißgerber,  welche  braune  Schaffelle ­
  verkauft  hatten,  aber  in  der  Regierungsentschließuug  vom  15.  März
1843,  welche  auf  die  eingelegte  Berufung  hin  erwirkt  worden  war,
wird  zwar  der  magistratische  Beschluß  bestätigt,  aber  es  wird  angefügt,
„hiebei  muß  übrigens  dem  Magistrate  bemerkt  werden,  daß  es  aus
den  von  den  Recurrenten  angebrachten  Gründen  und  da  auch  schon  in
vielen  anderen  Städten  das  Rot-  und  Weißgerbergewerbe  wegen  seiner
nahen  Verwandtschaft  vereinigt  wurden,  als  sehr  zweckmäßig  erscheine,
auch  in  Rothenburg  beide  Gewerbe  zu  vereinigen  resp.  in  eines  zu
verschmelzen,  weshalb  der  Magistrat  das  Geeignete  einzuleiten  hat"  4 ).
In  Kirchhain  wurden  1853  die  Jnnungsartikel  einer  Revision  und
Neuordnung  unterzogen,  und  dabei  war  von  der  Innung  der  bisherige
Name  „Gewerck  der  Weiß-  und  Sämischgerber-Junung"  in  den  neuen
„Weiß-  und  Sämischgerber-Jnnung  in  Kirchhain"  umgeändert  worden.
In  der  bestätigenden  Regierungsentschließung  heißt  es  unter  anderem:
„Das  vorstehende  Statut  wird  hierdurch  auf  Grund  des  §  95  der
Gewerbeordnung  mit  folgenden  Maßgaben  bestätigt:  1.  Die  Innung
besteht  fortan  unter  der  Benennung  „Gerber-Innung  zu  Kirchhain".
2.  Die  Bestimmungen  des  §  3  (Aufnahme  neuer  Mitglieder)  sind  auf
Gerber  aller  Art  (§  23  der  Verordnung  vom  9.  Februar  1849)  zu
beziehen.  Demgemäß  können  der  Innung  auch  andere  Gerber  als
Weiß-  oder  Sümischgerber  nach  vorgängigem  Nachweise  der  Befähigung
für  den  Betrieb  ihres  Gewerbes  beitreten.  Berlin,  3.  November  1853 5 )."
l )  Vgl.  S.  238  f.,  vgl.  auch  S.  278.  Gartüchler  S.  279.  Wachszieher.
-)  Vgl.  auch  S.  212  f.  Ebenda.  ^Rothenburg  1818.  °)  Kirchhain  1853.
        <pb n="323" />
        283

Und  als  sich  1863  in  Burgbernheim  ein  Gerber  niederlassen  wollte,
führte  er  in  seinem  Gesuche  an,  „da  nach  der  neuen  Gewerbeordnung
die  früher  bestandenen  Gewerbe  der  Lederer,  Roth-  und  Weißgerber  nunmehr ­
  zu  einem  Gewerbe  vereinigt  worden"  st  usw.  So  sehen  wir  also,  es
ist  die  Vereinigung  dieser  beiden  Gewerbe,  ökonomischbet
  r  a  ch  t  e  t,  die  gesetzliche  Eröffnung  einer  neuen  Erwerbsmöglichkeit  in  einem
Nebengewerbe,  welches  mit  größerem  Nutzen  betrieben  wird  als  die
Weißgerberei,  welches  aber  zu  seinem  Betriebe  ein  größeres  Betriebskapital ­
  verlangt.  Auch  hierfür  läßt  sich  zum  Belege  aktenmäßiges
Material  gewinnen.  Da  nämlich  die  weniger  gewerbefreiheitlichen  Bewegungen, ­
  welche  auf  die  Reformen  von  1805  gefolgt  waren,  unter
anderem  auch  den  Nachweis  des  genügenden  Nahrungsstandes  verlangten, ­
  so  enthalten  die  Konzessionsgesuche  eine  Zeitlang  ziemlich  genaue ­
  Angaben  über  das  Vermögen  der  Bewerber.  Etwas  erschwert
wird  diese  Untersuchung  nur  dadurch,  daß  man  beim  Suchen  nach
solchen  Konzessionen  fast  nur  Rotgerberkonzessionen  in  die  Hand  bekommt, ­
  während  Weißgerberkonzessionen  äußerst  selten  sind.
In  Langenzenn  verkaufte  zwischen  1740  und  1749  ein  Rotgerber
seine  Gerberei  an  feinen  mittleren  Sohn,  und  zwar  das  Haus  samt
Zubehör  und  Gerberei  um  1000  fl.;  der  Wert  der  gegerbten  und  ungegerbten
  Häute  war  außerdem  noch  auf  851  fl.  veranschlagt.  1748
erwarb  sich  dort  ein  Gerber  ein  Tagwerk  Wiese  um  325  fl.  st.
1822  wird  in  Würzburg  ein  Vermögen  eines  Rotgerbers  von
2000  fl.  als  zum  Betrieb  der  Rotgerberprofession  nicht  ausreichend
erachtet  st,  und  ebenso  wird  in  Uffenheim  1841  ein  Rotgerber  mit
diesem  Vermögen  abgewiesen  st.  In  Wassertrüdingen  besitzt  ein  um
die  Konzession  sich  bewerbender  Rotgerbergeselle
Haus  und  Gerberei,  Kaufpreis  2150  fl.
Vermögen  -  6000  fl.
und  ein  anderer  hat  sich  1840  ebenfalls  ein  Haus  gekauft,  daneben  erhält ­
  er  als  Heiratsgut  von  seiner  Mutter  950  fl.,  er  besitzt  an  erspartem ­
  Vermögen  250  fl.,  seine  Braut  erhält  ein  Heiratsgut  von
1000  fl.  und  eine  Ausstattung  um  1000  fl.  st.
Ein  Dritter  hat  1847  ein  Wohnhaus  samt  Zugehörungen  und
Gerbereieinrichtung  um  3700  fl.  gekauft,  er  erhält  von  seinen  Eltern
2000  fl.  bares  Geld  und  die  Mitgift  seiner  Braut  beträgt  ebenfalls
2000  fl.  st
st  Burgbernheim  1863.  2 )  Langenzenn  1740—1749.
st  Würzburg,  Stadtarchiv,  Sache  Schellcher.
st  Uffenheim  1841.  st  Wassertrüdingen  1841.
st  Wassertrüdingen  1847;  vgl.  auch  Uffenheim  1858;  Langenzenn  1866
Burgbernheim  1868.
        <pb n="324" />
        284

In  den  Konzessionsgesuchen  der  Rotgerber  wird  häufig  eine  ziemlich ­
  umfangreiche  Ökonomie,  Wiesen,  Äcker,  Wald  und  Gemeinderecht
angeführt,  und  neben  der  Bewirtschaftung  der  Ökonomie  soll  noch  das
Gerbereigeschäft  betrieben  werden.
Nun  einige  Weißgerber.  1847  sucht  in  Burgbernheim  ein  Weißgerber ­
  um  die  Konzession  nach.  Er  besitzt  180  fl.  großväterliches  Erbteil ­
  und  20  fl.  Erspartes.  Ein  Haus  besitzt  er  nicht  und  will  auch
vorerst  noch  nicht  heiraten  *).
Ein  anderer  Weißgerber  besitzt  1843
eigenes  Vermögen  von  516  ff.  nämlich:  300  fl.  Erspartes
46  fl.  Ausstand
20  fl.  Lohe  (!)
150  fl.  Kufen  und  Werkzeug
Seine  Braut  bringt  ihm  1864  ein  halbes  Wohnhaus  und  Grundstücke
im  Gesamtwert  von  575  fl. 2 ).
Man  sieht,  der  Schleier,  welcher  hier  auf  wenige  Jahrzehnte  gelüftet ­
  wird,  so  daß  wir  einen  Einblick  in  das  materielle  Befinden  der
beiden  Gewerbe  uns  verschaffen  können,  enthüllt  die  grundsätzliche  ökonomische ­
  Verschiedenheit;  5000—8000  fl.  sind  für  Rotgerber  keine
Seltenheit  und  die  Weißgerber  rechnen  mit  dem  10.  Teil  dieses  Vermögens. ­
  Es  ist  selbstverständlich  fraglich,  ob  wir  gerade  diese  Verhältniszahl ­
  ganz  allgemein  und  auf  alle  Zeiten  ausdehnen  dürfen,  aber
die  ganzen  tiefgreifenden  Unterschiede  des  Mittelalters,  das  Verlangen
der  Rotgerber  nach  einer  Trennung  von  den  ihnen  in  keiner  Weise  gleichkommenden ­
  Weißgerbern,  das  alles  wird  uns  aus  solchen  Zahlen  verständlich. ­
  Daraus  auch  wird  uns  verständlich  die  ganz  verschiedene
Art  desNiederganges  beider  Gewerbe.  Der  Rotgerber  fängt
sich  wieder  in  seinem  Vermögen,  aber  der  Weißgerber  geht  an  der  Beschäftigungslosigkeit ­
  zugrunde,  da  er  von  der  Hand  in  den  Mund  lebt.
Daher  auch  sind  so  viele  kleine  Rotgerber  heute  Ökonomen  im  Hauptberuf, ­
  daneben  noch  Gerber  oder  Lederhändler  oder  haben  das  Geschäft
ganz  aufgegeben.
Das  von  mir  auf  diese  Weise  beigeschaffte  Material  ist  natürlich
der  Natur  seiner  Erhebung  nach  lückenhaft,  aber  da  sich  mir  überall
das  gleiche  Bild  geboten  hat,  glaube  ich  doch,  daß  diese  Resultate  allgemeineren ­
  Wert  besitzen.
Ist  schon  die  Lage  des  Rotgerberhandwerks  eine  gedrücktes,  und
ist  dieses,  man  darf  wohl  sagen,  seit  über  100  Jahren  im  Niedergang
begriffen,  so  gilt  das  für  die  Weißgerberei  noch  mehr.  Und  ist  der
Übergang  von  der  Rotgerberei  zur  Chromgerberei  wegen  des  viel
0  Burgbernheim  1847.  2 )  Burgbernheim  1863.
s )  Vgl.  Schönmann  1901,  3;  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  913.
        <pb n="325" />
        285

größeren  Kapitalbedarfs  außerordentlich  schwierig 4 ),  so  ist  dieser  Übergang ­
  für  die  Weißgerber  geradezu  unmöglich.  Die  Schafleder,  welche
früher  ein  billiges  Rohmaterial  der  Weißgerber  bedeuteten  H,  ein
Material,  welches  auf  dem  Markte  nur  niedrige  Preise  erzielte,  sind
heute  durch  die  Chromgerbung  zu  einem  wertvollen  marktfähigen  Produkt ­
  geworden,  an  welchem  außerdem  noch  die  ganzen  Konjunkturverhältnisse
  des  Wollhandels  hängen.  Meisterkurse  8 ),  Handwerksorganisationen ­
  4 ),  Innungen 5  *  * )  usw?)  sucht  man  vergeblich  nach  Weißgerbern  ab;
hier  steht  man  am  deutlichsten,  daß  das  Handwerk  sich  selbst  aufgegeben ­
  hat,  daß  ihm  die  Lebensfähigkeit  fehlt.  Der  gewöhnliche  handwerksmäßige ­
  Weißgerber,  welcher  also  die  historische  Fortsetzung  des
mittelalterlichen  Weiß-  und  Sämischgerbers  darstellt,  steht  heute  aus
dem  Aussterbeetat;  er  gerbt  einige  hundert,  selten  über  1000  Felle
jährlich,  davon  die  meisten  sämisch,  nur  wenig  weiß,  und  wie  er  schon
im  15.,  16.,  17.  Jahrhundert  seine  Not  durch  alle  möglichen  Handwerksübergriffe ­
  nach  Rot  zu  mildern  gesucht  hat,  so  finden  sich  auch
jetzt  noch  in  seiner  Werkstatt  stets  einige  Farben,  in  welchen  er  wenige
Schaf-  und  noch  weniger  Kalbfelle  im  Lohnwerk  gerbt.  Gesellen  besitzt
er  nicht  und  seine  Lage  ist  eine  außerordentlich  gedrückte.  Im  großen
und  ganzen  freilich  ist  der  Kampf,  wie  ja  auch  die  Zahlen  gezeigt  haben,  bereits ­
  entschieden;  der  alte  Weiß-  und  Sämischgerber  gehört  fast  schon
zu  den  historischen  Gestalten.
In  diesem  trüben  Bilde  des  Niederganges,  oft  des  erbarmendsten
Hungers,  dumpfer  Werkstätten  und  schmutziger  Wohngelegenheiten  stehen
als  eine  freundlichere  Gestalt  die  modern  euWeiß-undLohgerber,
welche  ihre  Daseinsberechtigung  erst  aus  derG  e  w  e  r  b  e  f  re  i  h  e  i  t  Hableiten.
Sie  sind  grundsätzlich  von  den  bisher  besprochenen  Weiß-  und  Sämischgerbern ­
  zu  unterscheiden.  Während  die  Weiß-  und  Sämischgerber  als
ein  Gewerbe  des  Landes  erscheinen,  sind  die  Weiß-  und  Lohgerber  ein
Gewerbe  zur  Bedarfsdeckung  der  mehr  städtischen  Kultur;  Lohngerberei
gibt  es  bei  ihnen  fast  nicht,  dagegen  ist  eine  Abhängigkeit  vom  Fellhändler ­
  nicht  selten,  so  daß  eine  mehr  oder  weniger  versteckte  Art  von
Hausindustrie  existiert,  wenn  sie  natürlich  auch  niemals  als  solche  bezeichnet ­
  wird.  Während  der  Weiß-  und  Sämischgerber  nur  vereinzelt
vorkommt,  treten  die  Weiß-  und  Lohgerber  häufig  in  größeren  Massen

0  Schuh  und  Leder  1904,  Nr.  15,  S.  42.
2 )  Allgem.  Gerberzeitung  1905,  Nr.  10,  S.  1:  Lange  1839,  S.  37;  vgl.  auch  S.  27  ff.
3 )  Schuh  und  Leder  1902,  Nr.  33,  S.  23  ff.
4 )  Vgl.  Wirtschaflskunde  1904,  S.  672  ff.
s )  I.  f.  G.  &amp;amp;  V.  1894,  S.  144ff.;  1903,  S.  577ff.,  625.
6 )  Vgl.  Wirlschaftskunde  1904,  S.  548  ff.;  Junghans  1896,  S.  105  ff.;  auch
Seidler  1896,  S.  390  ff.  ')  Vgl.  auch  S.  281  ff/
        <pb n="326" />
        286

auf,  so  in  Prenzlau  *),  in  Württemberg 2  3 ),  vor  allen  Dingen  aber  in
Kirchhain,  wo  früher  hauptsächlich  weiße  Schaffelle  hergestellt  wurden,
während  seit  Einführung  der  Gewerbefreiheit  das  braune  Schaffell  so
sehr  das  Übergewicht  bekam,  daß  von  den  3  Millionen  jährlich  erzeugten ­
  Fellen  etwa  2 / 8  mit  Lohe  und  Lohextrakten  gegerbt  sind.  Sie
fabrizieren  gewöhnlich  Weißleder,  daneben  in  großen  Mengen  braune
Schafleder,  weil  letztere  bessere  Preise  erzielen.
Die  Lebensfähigkeit  dieses  Handwerks  hängt  im  wesentlichen
von  drei  Momenten  ab.  Das  eine  Moment  liegt  begründet  in  der  Art
der  Fabrikation.  Wir'haben  gesehen,  daß  die  Verwendung  von
Maschinen,  besonders  der  Stoll-  und  Zurichtemaschinen 8 ),  bisher  keine
glücklichen  Erfolge  in  der  Weißlederfabrikation  gezeigt  hat,  daher  sind
diese  Operationen  selbst  in  den  größten  Fabriken  bis  heute  fast  ausschließlich ­
  Handarbeit;  auf  diesem  Gebiete  ist  daher  der  handwerksmäßige  Gerber
mit  der  Fabrik  mindestens  konkurrenzfähig.  Weitere  Maschinen  des  fabrikmäßigen ­
  Betriebes  sind  vor  allen  Dingen  die  Entfleischmaschine,  dann  auch
noch  die  Enthaarmaschine  und  das  Walkfaß;  letztere  Maschinen  werden
von  den  Gerbern  nicht  angeschafft,  sondern  sie  lassen  entweder  als  Lohnarbeit ­
  in  den  größeren  Betrieben  ihre  Felle  entfleischen,  oder  sie  besitzen  nach
Art  des  alten  Handwerkers  in  bezug  auf  die  Gerberwalke  eine  oder
mehrere  solcher  Maschinen  gemeinschaftlich,  so  daß  sie  in  diesen  Punkten
mit  der  Fabrik  konkurrenzfähig  werden.
Letzterer  Punkt  hängt  aber  zusammen  mit  dem  zweiten  Moment,
in  welchem  die  Lebensfähigkeit  dieses  Handwerks  begründet  liegt.  Das
ist  nämlich  die  eigentümliche  Art  seines  Vorkommens,  und  besonders
Kirchhain  in  der  Niederlausitz  ist  hierfür  ein  Schulbeispiel.  Kirchhain
hat  4000—5000  Einwohner,  aber  dabei  etwa  80  Gerbereien 4 ),  so  daß
es  hier  fast  nur  Gerber  gibt.  Durch  diese  räumliche  Konzentration
kleinerer  handwerksmäßiger  und  größerer  bis  großer  Betriebe  erscheint
der  ganze  Ort  als  eine  einzige  Gerbereianlage,  und  in  diesem  engen
Zusammenwohnen,  welches  natürlich  nur  als  Ergebnis  der  modernen
Verkehrswirtschaft  ermöglicht  ist,  liegt  die  Ursache  der  Lebensfähigkeit
so  vieler  kleiner  handwerksmäßiger  Gerber.  Eine  Gesellenzahl  von
6—8  ist  hier  freilich  keine  Seltenheit,  das  sind  die  kleinen  handwerksmäßigen ­
  Betriebe,  aber  sie  sind  fast  alle  nicht  im  Besitz  einer  einzigen
Maschine.  Durch  diese  starke  räumliche  Konzentration  wird  auch  die
Bedarfsdeckung  und  der  Absatz  ein  ganz  anderer.  An  solchen  Orten
oder  in  ihrer  Nähe  finden  die  großen  Fellauktionen  statt,  und  die
Gerber  haben  die  Möglichkeit,  solche  Auktionen  zu  besuchen  und,  wenn
das  eigene  Kapital  nicht  ausreicht,  durch  Vermittlung  eines  Kommissionärs
0  Mayer  1895,  S.  117ff.  2 )  Nüblmg  1897,  S.  437.
3 )  Vgl.  S.  168  u.  172.  *j  Vgl.  Kirchhain  1894;  I.  f.  N.  1877,  Bd.  XXIX,  S.  311.
        <pb n="327" />
        287

ihren  Bedarf  zu  decken.  Andererseits  finden  hier  auch  die  großen  Lederauktionen ­
  statt,  jeder  kann  den  großen  Markt  besuchen,  sowohl  zur
Befriedigung  seines  Bedarfs,  als  zur  Unterbringung  seiner  Produktion.
Das  dritte  Moment  endlich,  welches  die  Lebensfähigkeit  dieser
Gerber  ermöglicht,  liegt  in  der  Natur  des  weißgaren  Produktes;  denn
trotz  der  Überlegenheit  des  Chromleders  gegenüber  dem  gewöhnlichen
weißgaren,  speziell  in  bezug  auf  Wasserdichtigkeit  und  Widerstandsfähigkeit ­
  gegen  Feuchtigkeit,  ist  es  die  schöne  weiße  Farbe  des  Leders,  welche
kein  anderes  Produkt  der  Lederindustrie  bisher  aufzuweisen  hat,  und
welche  die  Hervorbringung  der  reinsten  und  zartesten  Farben  auf  demselben ­
  ermöglicht*).  Der  Kampf  der  Produktionsprinzipien
untereinander,  welcher  in  §  14  dargestellt  wurde,  ist  nach  seinem  jeweiligen ­
  Stande  natürlich  entscheidend  über  das  Stehen  und  Fallen  des
Gewerbes  überhaupt.
Eine  letzte  Art  der  Weißgerberei  endlich,  welche  wir  kennen  gelernt
haben,  ist  die  Glace  gerb  er  ei;  über  ihre  Einführung  wurde  schon  früher
gehandelt  Für  sie  gilt  alles  das  über  die  Weiß-  und  Rotgerberei
Gesagte,  mit  welcher  sie  in  allen  Punkten  eine  außerordentliche  Ähnlichkeit ­
  besitzt;  sie  hat  nur  noch  eine  im  allgemeinen  viel  größere  Neigung,
sich  den  Fabriken,  welche  ihre  Produkte  verbrauchen,  in  der  Form  der
Kombination  anzuschließen,  nämlich  der  Handschuhindustrie.  Kombiniert
mit  dieser  wurde  sie  schon  nach  Deutschland  importiert;  daher  ist  die
Handschuhindustrie  in  Deutschland  wohl  das  erste  Ledergewerbe  gewesen,
in  welchem  die  Vereinigung  der  verschiedenen  Stufen  der  Produktion
stattgefunden  hat,  und  ihr  enger  Anschluß  an  die  Handschuhindustrie
ist  auch  die  Ursache,  warum  sich  jedes  dieser  beiden  Gewerbe  für  sich
ziemlich  schwierig  betrachten  läßt.  In  völliger  Analogie  mit  den  Weißund
  Lohgerbern  ist  das  Vorkommen  der  Glacegerber  beschränkt  auf  die
Plätze  großer  Nachfrage  und  großer  Produktion,  also  entweder  gemischt
mit  vielen  Weiß-  und  Rotgerbern,  oder  im  Anschluß  an  die  Hauptsitze
der  Handschuhfabrikation.  Hin  und  wieder  treten  in  den  Adreßbüchern
aus  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  „Weißgerber"  in
größeren  Städten  auf,  und  diese  entpuppen  sich  häufig  als  Glacegerber,
welche  sich  nicht  selten  sogar  zu  Handschuhfabriken  weiter  entwickeln.
Die  Lebensfähigkeit  dieses  Handwerks  hängt  ab  von  den  gleichen
Momenten,  wie  die  des  Weiß-  und  Rotgerberhandwerks;  außerdem  erscheint ­
  das  Handwerk  der  Glaccgerber  gefährdet  hauptsächlich  aus  seiner
Neigung  zur  Kombination,  indem  nämlich  die  großen  Handschuhfabriken ­
  die  kleinen  Existenzen  aufsaugen,  wobei  dann  diese  geschickten
Arbeiter  ein  gutes,  sicheres  und  von  Konjunkturschwankungen  sehr  nutz ­

  Gerbercourier  1906,  Nr.  15.  tzVgl.  S.  208ff„  245—246.  tzVgl.S.35.
        <pb n="328" />
        288

abhängiges  Dasein  führen  können;  begünstigt  wird  dieser  Aufsaugungsprozeß ­
  noch  durch  den  sich  zwischen  den  Glacegerber  und  die  Fabrik
häufig  einschiebenden  Fellhändler,  wie  auch  durch  den  Wollhändler,
welche  beide  den  in  ihre  Abhängigkeit  geratenen  Glacegerber  so  zu
drücken  vermögen,  daß  der  Übergang  in  die  Fabrik  oft  als  eine  Befreiung ­
  erscheint.
Wir  haben  so  die  Entwicklung  der  handwerksmäßigen  Betriebe
verfolgt,  wir  haben  gesehen,  daß  sich  das  heute  so  einheitlich  erscheinende
Gewerbe  in  drei  ökonomisch  total  verschiedene  Handwerke  zerlegen  läßt,
ein  Unterschied,  auf  welchen  keine  der  Untersuchungen  über  die  Lage
des  Handwerks,  welche  vom  Verein  für  Sozialpolitik  angestellt  wurden,
hinweist.  Wir  haben  die  geschichtliche  Entstehung  und  die  ökononiische
Entwicklung  dieser  Handwerker  beobachtet  und  wenden  uns  nunmehr  zur
Betrachtung  der  höchsten  Formen  gewerblicher  Betriebssysteme,  nämlich
zur  Manufaktur  und  Fabrik.

9.  Kapitel.
Die  Manufaktur  und  Fabrik.
8  27.  Die  Entwicklung  der  Manufaktur.
Der  Rückgang  des  Handwerks,  welchen  wir  schon  seit  dem  ausgehenden ­
  17.  Jahrhundert  haben  beobachten  können  *),  steht  in  Zusammenhang ­
  auch  mit  der  Entwicklung  eines  höheren  Betriebssystemes,  nämlich
der  Manufaktur,  die  sich  erst  später  weiterhin  zur  Fabrik  entwickelt.
Grundlegend  und  bahnbrechend  war  auch  für  diese  Entwicklung  der
Staat,  und  zwar  nicht  nur  durch  Umgestaltung  der  Gewerbeverfassung
und  durch  Schaffung  eines  für  solche  Betriebssysteme  geeigneten  wirtschaftlichen ­
  Bodens,  sondern  der  Staat  hat  durch  aktivste  Anteilnahme
diese  Bewegung  eingeleitet,  indem  er  selbst  auch  auf  diesem  Gebiete
zum  Unternehmer  geworden  ist.  Wir  haben  allerdings  in  jenen  ersten
staatlichen  Gerbereien  hauptsächlich  Lohgerbereien  zu  erblicken,  aber  bei
der  Universalität  der  damaligen  staatlichen  Betätigung  hat  man  sich
auf  die  vegetabilische  Gerbung  nicht  beschränkt.
Die  deutsche  Bewegung  ist  eine  Nachahmung  französischer  Vorbilder, ­
  aber  immerhin  ist  beachtenswert  der  frühe  Zeitpunkt  des  Auftretens ­
  solcher  Bestrebungen.  1664  hat  der  schon  mehrmals  genannte

l )  Vgl.  S.  270  ff.
        <pb n="329" />
        289

Becher  „mit  dem  Kurfürsten  zu  Pfaltz,  Carl  Ludewig,  wegen  Mannheim
uegotüret",  wohin  er  ihm  unter  anderem  auch  Lederbereiter  zur  Errichtung ­
  einer  Lederbereiterei  kommen  lassen  sollte  x );  es  ist  weniger
bedeutungsvoll,  daß  dieser  Plan  nicht  durchgeführt  wurde,  weil  Becher
bald  darauf  die  pfälzischen  Dienste  verließ,  und  es  erscheint  die  Tatsache ­
  allein  schon  beachtenswert,  daß  damals  solche  Ideen  überhaupt
zirkulierten.  Als  dann  später  Becher  in  österreichischen  Diensten  im
Manufakturhaus  auf  dem  Tabor  in  Wien  seine  wirtschaftspolitischen
Gedanken  teilweise  verwirklichen  konnte,  war  unter  den  dort  errichteten
Anlagen  die  Gerberei  nicht  vertreten  ^).
Weitere  Fortschritte  brachte  erst  der  Anfang  des  18.  Jahrhunderts,
wo  entweder  in  staatlichem  Besitz  oder  unter  besonderem  st  aatlichemSchutz
  allenthalben  solche  Manufakturen  entstanden.  Entsprechend
der  damaligen  Überlegenheit  des  Auslandes  über  die  deutschen  Gewerbe
wurden  zur  Einrichtung  und  Leitung  solcher  Manufakturen  häufig  Ausländer ­
  herangezogen;  die  mit  diesen  gemachten  Erfahrungen  sind  indessen ­
  keine  günstigen  gewesen,  weil  die  starke  staatliche  Privilegierung
und  die  kräftige  staatliche  Unterstützung  den  Leitern  dieser  Einrichtungen
die  wesentlichste  Eigenschaft  des  Unternehmers,  nämlich  das  Verantwortlichkeitsgefühl ­
  entzog;  Unterschlagungen  und  starke  Defizite  waren
nicht  selten,  und  deshalb  gingen  viele  dieser  Gerbereien  nach  kurzer
Lebensdauer  wieder  ein.
So  wurde  1716  zu  Königsberg  durch  zwei  englische  Lohgerber
eine  stark  privilegierte  Manufaktur  errichtet,  welche  schon  nach  10  Jahren
In  den  Besitz  der  dortigen  Schuh-Macher-Gewercke  gelangtes;  bald
nachher  entstanden  zwei  Manufakturen  in  Hannover  H;  in  Böhmen
wurde  eine  Manufaktur  sämischen,  Brüsseler,  dänischen,  Weißgaren  und
auch  lohgaren  Leders  hauptsächlich  für  Handschuhmacherei  eingerichtet  5 ),
und  1762  ward  eine  bayrische  Ledermanufaktur  an  eine  ausländische
Kompagnie  cum  privilegio  speciali  abgetreten  H.  1722  bestand  eine
unter  der  hochfürstl.-brandenburgischen  Hof-Raths-Canzley  zu  Ansbach
stehende  „Gerberey-Fabrique"  zu  Flachslanden  ü,  und  1728  war  der
„Bischof  zu  Würtzburg  .  .  .  ohnumgänglich  veranlaßt  worden,  zum
allgemeinen  besten  und  offenbaren  Nutzen  dero  getreuer  Lands-Unterthanen
  einige  besondere  Lederfabriquen  in  dero  Hochstift  Wirtzburg  aufrichten" ­
  und  „auf  das  zu  verkauffende  Leder  einen  gewissen  accis  setzen
zu  lassen"  8 ).  1732  erging  von  Ansbach  aus  ein  markgräfliches  Dekret,

*)  Bücher  1722,  S.  12;  vgl.  auch  Commercien-Tractat,  S.  436.
2 J  Vgl.  Hatschek  1886.  8 )  Krünitz  1795,  Bd.  LXIII,  S.  499  ff.
4 )  Ebenda  S.  498.  °)  Ebenda  S.  497.  6  7 J  Ebenda  S.  492.
7 )  Langenzenn,  Tom.  I,  16.  fase.  21.  8 )  Würzburg  1728.
®6ect,  Entwicklung  der  Weißgerberei.  19
        <pb n="330" />
        290

welches  die  Versorgung  der  „Herrschaftlichen  Gerberey-Fabrique"  *)  mit
rohen  Häuten  im  Auge  hatte.  Seit  1763  wurden  auf  den  geistlichen
Stiftern  in  Schlesien  unter  Friedrich  dem  Großen  „Lederfabriken"
unter  Heranziehung  der  reichen  Kapitalien  der  Stifts-  und  Klostergeistlichkeit ­
  errichtet *  9 ),  so  eine  auf  dem  Jungfrauenstift  in  GlogauH,  eine
zweite  auf  dem  Zisterzienzerstift  zu  Leubus 4 ),  eine  dritte  vom  Prämonstratenserstift
  zu  St.  Vinzenz  in  Breslaus  und  eine  vierte  vom
St.  Matthiasftift  zu  Breslau 0 ).  1812  erging  im  Rezatkreis  eine
staatliche  Rundfrage  über  Anzahl  und  Bedarf  der  „Schaflederfabriken",
und  daraufhin  wurden  selbst  die  kleinsten  Weißgerber  amtlich  vernommen ­
  Z.  Letzterer  Umstand  führt  uns  auf  die  Frage  nach  der
Größe  jener  Manufakturen  und  Fabriken:
Die  Königsberger  Manufaktur  ging  1726  inkl.  Privilegium  und
Geräten  um  1000  Rthlr.  an  die  Schuhmacher  über;  der  außerdem
noch  vorhandene  Ledervorrat  wurde  auf  10924  fl.  preußisch  geschätzt 8 ).
1762  schlug  der  bayrische  Landesherr  das  in  seiner  Ledermanufaktur
steckende  Kapital  auf  25  000  Gulden  an 9 ),  und  die  böhmische  Handschuhledermanufaktur ­
  verfertigte  mit  einem  Meister  und  6—8  Gesellen
jährlich  ungefähr  18000—20000  Stück  Felle  nach  filmischer,  Brüssler
und  dänischer  Art,  dann  auch  weiß  auf  Stöckelrahmen,  schwarzrauch
und  Lohleder;  manche  Felle  wurden  auch  gefärbt 10 ).  Die  Lederfabrik  des
Clarissinenstifts  in  Glogau  wurde  mit  einem  Aufwand  von  12  000  Thlr..
errichtet,  und  die  Zahl  der  Arbeiter  betrug  zuerst  4—5  Gesellen,  seit
1773  14  Gesellen  und  3  Taglöhner,  seit  1787  13  Personen 11 ).  Das
Stift  zu  Leubus  hatte  12  Gruben  und  1766  3  Gesellen  und  2  Handlanger ­
 19 );  das  Matthiasstift  zu  Breslau  endlich  besaß  drei  Küpen  und
eine  große  Grube  zu  Sohl-  und  Fahlleder 18 ).
Vergleichen  wir  nun  damit  die  Leistungsfähigkeit  von  Handwerkern! ­
  Auf  die  Leistungsfähigkeit  von  Rotgerbern  kann  hier  nicht
eingegangen  werden");  sie  besaßen  gewöhnlich  2  Gesellen.  Nach  der  Bestimmung ­
  der  Lübecker  Rötlosschere  von  1471  sollte  in  der  Woche  niemand ­
  mehr  verarbeiten  als  11  Decher 10 );  das  sind  jährlich  5720  Stück.
Ein  Arbeiter  stellte  in  Paris  1767  jährlich  5000  Stücke  fertig 10 ),  und

*)  Gunzenhausen  1798—1804;  1752.  2  * )  I.  f.  N.  1892,  Bd.  IV,  S.  688  ff.
-)  Ebenda,  S.  691,  703  ff.  4 )  Ebenda,  S.  692,  714.
°)  Ebenda,  S.  692,  718.  °)  Ebenda,  S.  692,  718.
0  Vgl.  Rothenburg  1812.  »)  Krünitz  1795,  Bd.  LXVIII,  S.  503—504..
9 )  Ebenda  S.  493.  "&amp;gt;)  Ebenda  S.  497.  ")  I.  f.  N.  1892,  Bd.  IV,  S.  703.
- 9 )  Ebenda  S.  714.  IS )  Ebenda  S.  718—719.
")  Vgl.  Gunzenhausen  1798—1804;  1801;  Schanz  1884,  S.  94,  209;  Schauplatz ­
  1767,  Bd.  VI,  S.  55;  1775,  Bd.  II,  S.  265;  Schlözer  1784,  Bd.  VI,  S.  187.
")  Lübeck  1872,  S.  389.  10 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  118.
        <pb n="331" />
        291  —

in  Erlangen  gerbten  1792  7  Meister  mit  28  Arbeitern  143  000  Ziegenfelle  *);
letzteres  bedeutet  pro  Mann  nicht  ganz  4100  Stück  jährlich,  oder  pro  Werkstätte ­
  mit  1  Meister  und  4  Gesellen  ca.  20500  Stück.  Weitere  Zahlen
für  französische  Weißgerber  sind  die  folgenden:  1  Meister  mit  4  Gesellen
und  1  Taglöhner  produzierten  jährlich  24  000  Zickfelle,  ein  zweiter  mit
4  Gesellen  und  2  Taglöhnern  40000  Zickfelle,  ein  dritter  mit  5  Gesellen
und  1  Taglöhner  30000  Zickfelle  ^).  Die  Sämischleder-Hausindustrie  im
Petschoragebiet  mit  2,  höchstens  3  Arbeitern,  letztere  vorzugsweise
Familienangehörige,  erzeugt  pro  Familie  jährlich  2000—8000  Stück;
das  sind  pro  Arbeiter  2600  Stück,  allerdings  sämisch.  Die  großen
Gerbereien  mit  höchstens  15  Arbeitern  erzeugen  dort  jährlich  15000  bis
30000  Stück  sämische  Felles.
Nun  daneben  noch  die  Leistungsfähigkeit  kleinerer
Landgerber:  1812  erzeugten  Rothenburger  Weißgerber  jährlich 4 )
I.  200  Stück  Kalbsfelle;  sämtliche  sämisch.
300  Stück  Schaffelle;  teils  weiß,  teils  sämisch.
15  Bockfelle.
II.  100  Stück  Kalbfelle;  sämtliche  sämisch,
200  Stück  Schaffelle;  sämisch,  wenig  für  die  Schuster  weiß.
III.  60—70  Kalbfelle;  fast  alles  sämisch,  nur  sehr  wenig  weiß.
Das  meiste  wird  schwarz  gefärbt.

100-150  Schaffelle.
IV.  100  Kalbfelle.
300  Schaffelle,  davon  100  weißgar,
200  sämischgar.
Diese  Nebeneinanderstellungen  orientieren  uns  über  den  Charakter  der
Manufakturen.  Wir  sehen,  daß  die  Manufakturen  in  ihrer  Leistungsfähigkeit ­
  prozentual  der  Zahl  angestellter  Arbeiter  steigt;  das  ist  ihr
Unterschied  gegenüber  der  Fabrik;  denn  bei  letzterer  steigt  auf  Grund
der  durchgeführten  Produktionsorganisation  die  Leistungsfähigkeit  rascher
als  die  Zahl  der  Arbeiter.  Und  wir  sehen  weiter,  daß  ihre  Leistungsfähigkeit ­
  die  der  angeführten  Handwerker  hauptsächlich  deswegen  bedeutend
übersteigt,  weil  die  Manufaktur  Nebenbeschäftigungen  der  Arbeiter  ausschließt, ­
  während  z.  B.  die  angeführten  Rothenburger  Meister  als  Landgerber ­
  auch  in  der  Ökonomie  beschäftigt  waren;  bezieht  man  die  angeführte
Lübecker  Zahl  auf  1  Meister,  1  Gesellen  und  1  Lehrling  (wir  dürfen
das,  weil  auch  die  oben  angeführte  Produktion  eine  Maximalproduktion
ist),  so  ist  die  Leistungsfähigkeit  ebenfalls  außerordentlich  gering.  Ein
weiterer  Unterschied  gegenüber  dem  deutschen  Handwerk  liegt  in  der

')  Schanz  1881,  S.  93.  2 )  Schanz  1881,  S.  208.
8 )  Berliner  Berichte  1903,  S.  661.
4 )  Rothenburg  1812;  Puplicandum.

19*
        <pb n="332" />
        292

Verwendung  einer  etwas  größeren  Zahl  von  Arbeitern:  1  Meister,
5—8  Gesellen,  ja  sogar  13  und  mehr;  so  sieht  man,  wie  sich  die  Manufaktur ­
  als  eine  extensivere  und  intensivere  Fortbildung
des  Handwerks  entwickelt  hat.  Wir  haben  gesehen,  daß  für  viele
lebensfähige  Weiß-  und  Rotgerbermeister,  wie  auch  für  viele  Glacegerbermeister ­
  ein  Gesellenbestand  von  6—8  das  normale  ist.  Fassen  wir  das
alles  zusammen,  so  ergibt  sich,  daß  der  Produktionsumfang  des  von  den
Refugics  eingeführten  „Handwerks"  etwa  den  Umfang  der  deutschen
„Manufakturen"  des  17./18.  Jahrhunderts  darstellt,  und  daß  letzterer
wiederum  als  Normalgröße  der  heutigen  Handwerker  betrachtet  tverden
darf.  Betriebe  mit  1—5  Hilfsarbeitern,  wie  dies  die  Zählung  der
amtlichen  Statistik  ist,  erschöpfen  keineswegs,  wenigstens  soweit  die
Glacegerberei  und  die  Weiß-  und  Rotgerberei  in  Frage  kommt,  den
Umfang  des  lebensfähigen  Handwerks.  Wir  werden  späterhin  bei  der
Betrachtung  der  Fabrik  noch  einmal  auf  diesen  Punkt  zurückkommen,
daß  nämlich  die  Zahlenverhältnisse  der  Hilfskräfte  für  Handwerk,  Fabrik
und  Großbetrieb  in  einer  Umbildung  begriffen  sind,  daß  die  alten
Größenverhältnisfe,  mit  welchen  man  zu  rechnen  gewohnt  ist,  umgewertet
werden  müssen.
Nachdem  der  Staat  in  dieser  Weise  bahnbrechend  vorgegangen  war,
folgten  privateManufakturenin  reicher  Anzahl  nach.  Ihr  Charakteristikum ­
  ist  ebenfalls,  wie  das  schon  im  Altertum  der  Fall  gewesen
war  Z,  hauptsächlich  die  Beschäftigung  einer  etwas  größeren  Zahl  von
Arbeitern;  daneben  tritt  gelegentlich  noch,  letzteres  allerdings  hauptsächlich ­
  für  die  Lohgerberei  geltend,  der  Eigenbesitz  der  Stampfe  auf;
dagegen  ist  Arbeitsteilung  zwar  nicht  unbekannt,  aber  sie  ist  systematisch
in  kapitalistischer  Tendenz  noch  nicht  streng  durchgeführt.
Einige  Beispiele  mögen  diese  Verhältnisse  illustrieren.  Am
Anfang  des  18.  Jahrhunderts  wurde  einem  sich  vergrößernden  Gerber
„der  vorhabende  Anhang  zu  aptirung  eines  Lohe-Mühlgens"  in  seiner
Lederfabric  oder  Gerberey  nicht  gestattet,  und  wir  ersehen  aus  seinem
Antwortschreiben,  daß  ihm  die  Mißgunst  der  Gerber  diesen  abschlägigen
Bescheid  eingetragen  hat;  denn  sie  sind  der  Ansicht,  daß  er  jährlich
für  über  3000  fl.  Häute  gerbe  und  den  anderen  Gerbern  vor  der
Hand  wegkaufe 2  3 ).  Die  Kameralisten  machten  zwar  alle  möglichen  Anstrengungen, ­
  den  Manufakturen  das  Bürgerrecht  zu  verschaffen,  sie
weisen  darauf  hin,  daß  sich  kapitalkräftige  Kaufleute  an  den  Ledermanufakturen ­
  beteiligen  müssen 8 ),  der  Staat  soll  die  Ledermanufakturen
unterstützen  Z,  sie  weisen  auf  ausländische  Vorbilder  hin,  so  auf  engy
  Vgl.  Speck  1900,  Bd.  I,  S.  249;  Bd.  II,  S.  270;  Blümner  1869,  S.  64.
0  Würzburg,  V,  2028,  Tom.  I,  1615—1746.
3 )  Becher  1759,  Bd.  II,  S.  1373.  4 )  Vgl.  Pfeiffer  1780,  Bd.  I,  Einleit,  und  S.  183  f.
        <pb n="333" />
        293

lische  Gerbereien,  wo  in  den  Gruben  20,  30  und  mehr  tausend  Pfund
Sterling  angelegt  finb 1 );  wie  wenig  die  deutschen  Manufakturen  aber
das  fremde  Vorbild  zunächst  erreichten,  dafür  seien  nur  zwei  Beispiele
angeführt;  in  der  Sämischledermanufaktur  zu  Corbeil  brachte  man
zeilenweise  wöchentlich  600  Büffelfelle  in  die  Mühlen^),  und  die
Manufaktur  zu  St.  Germain  besaß  200  Gruben 3 )  (vgl.  S.  290!).
Das  deutsche  Handwerk  empfand  sofort  das  Aufkommen  der  Manufakturen ­
  außerordentlich  unangenehm  und  unterließ  nichts,  um  den  neuen
Fortschritt  zu  hindern.  Wir  haben  aus  der  ersten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts ­
  oben  bereits  ein  Beispiel  angeführt.  1764  erließ  das  Weißgerberhandwerk ­
  zu  Arau  ein  Rundschreiben  an  die  süddeutschen  Weißgerberhandwerke, ­
  in  welchem  es  heißt:  „Wie  schädlich  und  zu  großem
Nachteil  die  Fabriquen  denen  Meisteren,  die  Ihre  Profession  ehrlich
nach  Handwercks-Gebrauch  und  großen  Kosten  erlehrut,  darauf  gewandert, ­
  auch  allen  Ehrlich  und  Redlichen  Gesellen  Ihr  Geschenck  samt
allem  Handwercksbräuchlichem  Vorschub  getreulich  zukommen  lassen,  sehe,
zeiget  die  diesmahlen  in  Collmar  so  stark  angewachsene  sowohl  Roth  als
Weißgerber  Fabrique  leyder!  zur  Genüge  an.  Nicht  nur  wird  von
Ihnen  die  rohe  Waar  stark  zusammengekaufft  und  vertheurt,  sondern
auch  der  Verkaufs  geschwächt  und  verringert,  daß  es  einem  Meister,
dessen  Fond  und  Praetic  nicht  so  stark,  nicht  möglich  ist,  nachzukommen,
folglich  neben  solchen  nicht  subsistiren  kann.
Den  größten  Schaden  aber  und  Verdrießlichkeit  von  solchen
Fabriquen  empfinden  nicht  nur  die  nächst  angränzende  sondern  auch
die  entfernteste  Meistere  im  ganzen  Römischen  Reich,  und  zwar  in
Haltung  und  Förderung  der  Gesellen;  Jndenie  sie  deren  Redlichen
M^n  Arbeit  zum  Teil  nicht  mehr  nachgehen,  oder  wann  Ihnen  von
den  Meisteren  nicht  gethan  und  verwilligt,  ja  alle  Freyheit  wird,  was
sie  begehren  /:  welches  ehedem  nicht  gebräuchlich  gewesen  :/  so  werfen
sie  den  Meisteren  den  Sack  vor  die  Thüren  und  lauffen  alsbald  aus
der  Arbeit  und  den  Fabriquen  zu;  nachdem  sie  nun  in  solchen  zum
Nachteil  derer  Redlichen  M""  1,  1 j i  oder  */*  Jahr  gearbeitet,  lassen
sie  sich  vor  */,  fl.  abstraffen,  und  sollen  dann  wieder  vor  redliche  Gesellen ­
  passieren."  Weiterhin  bringen  sie  eine  Reihe  von  Punkten  in
Vorschlag,  „welche  ohne  Zweifel  den  gesuchten  Zweck  erreichen  werden"
und  welche  „denen  redlichen  Gesellen  gar  zu  keinem  Nachtheil  gereichet,
weil  doch  jeder  gedenckt,  mit  der  Zeit  selber  auch  Meister  zu  werden!"
Die  Vorschläge  sind  die  folgenden:
„1™°  sollte  keinen  redlichen  Gesellen  Rheinisch  oder  Schwäbisch
’)  Justi  1780,  Bd.  I,  S.  107,  120,  123;  Bd.  II,  S.  582ff.;  Jung  1794,
®.  617.  -)  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  111.
3 )  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  343,  421.
        <pb n="334" />
        294

erlaubt  sein,  länger  als  14  Tag  oder  gar  nicht  in  einer  Fabriquen  zu
arbeiten,  widrigenfalls  ein  solcher  Gesell  länger  allda  würde  arbeiten,
vor  unredlich  sollte  gehalten  werden,  biß  er  sich  einer  offenen  Laad
von  M  und  Gesellen  wird  haben  laßen  abstraffen  und  zwar  sollte  für
jede  Woche  30  xr  Straff  gesetzt  werden,  da  ihme  dann  dessen  ein
Attestat  sollte  gegeben  werden.
2 do  sollte  ein  jeder  fremd  ankommender  Gesell,  der  sich  um  Arbeit
schaut  oder  schauen  läßt,  dahin  gehalten  werden,  seine  jüngste  Kundfchafft
  denen  M""  vorzuweisen,  wird  ihm  Arbeit  zugesagt,  so  sollte  die
Kundschafft  auf  gehalten  werden  biß  zu  seiner  Abreiß,  da  sie  ihme  dann
auf  Wohlverhalten  hin  von  dem  unterschrieben,  wieder  sollte  zugestellt ­
  werden.
sollte  sowohl  der  M*  dem  Gesellen  als  dieser  Jenen  seine  Entlassung ­
  der  Arbeit  um  weiters  zu  reisen,  schuldig  und  verbunden  seyn,
8  oder  14  Tag  vorhero  anzuzeigen,  es  wäre  dann  Sach,  daß  M  und
Gesell  genügsame  Ursache  hätten,  alsbald  der  Arbeit  sich  zu  bedancken,
welches  doch  dem  jeweiligen  Hl.  Vormeister  zu  entscheiden  obliegen  sollte.
4t«  sollte  keine  Kundschafft  länger  als  1 j i  Jahr  gültig  seyn,  und,
sobald  ein  Gesell  eine  neue  begehrte,  sollte  die  alte  cancelliert  werden,
wie  das  mehrere  dieser  Punckten  meist  schon  in  dem  Kayserl.  Patent
de  dato  31  8 bris  enthalten  ist')."
Die  Weiß-  und  Sämischgerber  zu  Arau  haben  also  hier  ihren
schlimmsten  Feind  erkannt  und  sie  haben  Maßregeln  vorgeschlagen,
welche  wohl  geeignet  waren,  den  Ledermanufakturen  das  Leben  abzubinden. ­
  Unter  dem  31.  Juli  1764  erging  dann  daraufhin  ein  Kaufbeurisches
  Schreiben:  „Die  Tilg-  und  Hemmung  der  dem  ganzen
Römischen  Reich  neu  auf  gerichten  allerschädlichsten  Fabriquen",  in
welchem  die  Weißgerber  von  Kaufbeuren  unter  anderem  sagen  „Wir
sind  in  den  .  .  .  Punkten  zu  Tilg-  und  Hemmung  der  .  .  .  allerschädlichsten ­
  Fabriquen  ...  mit  dem  Handwerck  der  Weißgerber  zu
Memmingen  und  zu  Arau  gänzlich  conform",  daß  „das  aus  diesen
Fabriquen  so  höchst  schädlich-  als  verderblich  fließende  Unheil"  gehemmt ­
  werden  soll^).
Ähnlich  lagen  die  Verhältnisse  in  Lüttich.  Die  zahllosen  Beschränkungen, ­
  welche  dem  Handwerk  der  Gerber  durch  die  engen  Statuten
der  Korporation  auferlegt  waren,  dann  die  Abgaben  aller  Art,  welche
man  von  den  Mitgliedern  der  Zunft  verlangte,  veranlaßte  einige
Fremde  sich  in  der  Nachbarschaft  der  Stadt  niederzulassen,  in  der  freien
Baronie  von  Herstal  im  Brabanter  Land.  Dort  war  niemand,  welcher
ihnen  die  Zahl  der  Arbeiter  oder  die  Mühlgänge  vorgeschrieben  hätte,

0  Augsburg  1722—1778;  1764,  7.  Juli.
2 )  Augsburg  1722—1778;  1764,  30.  Juli.
        <pb n="335" />
        295

sie  gaben  ihren  Geschäften  eine  Ausdehnung,  welche  groß  genug  war,
um  einen  großen  Teil  des  Landes  zu  versehen,  der  niedere  Preis  ihrer
Waren  zog  ihnen  eine  Menge  Bestellungen  zu,  und  den  Gerbern  von
Lüttich  wurde  es  unmöglich,  gegen  ihre  Konkurrenz  aufzukommen.  Nachdem ­
  sie  nach  Einführung  eines  anfänglich  hohen  Schutzzolles  noch  ein
absolutes  Einfuhrverbot  verlangt  hatten,  wurden  von  seiten  der  Verwaltung ­
  neue  Vorschriften  eingeführt,  welche  sich  zu  den  alten  Zunftgrundsätzen
  in  Gegensatz  stellten  ft.
Zu  Calw  im  Württembergischen  wurde  eine  Saffianfabrik  eingerichtet ­
  mit  einer  jährlichen  Produktion  von  12000  Stück  Saffianfellen ­
  ft,  in  Berlin  gab  es  1786  zwei  Lederwalckmühlen,  eine  in  Neuköln, ­
  und  die  andere  vor  dem  Schlesischen  Tore,  dem  Lederfabrikanten
Lutz  gehörig  ft,  welcher  darin  gewalkte  englische  Stiefelschäfte  verfertigte;
feit  1780  bestand  in  Berlin  ein  Lohgerberwerk  mit  118  Arbeitern,
welches  auch  Alaunleder  fabrizierte  ft,  und  das  Berliner  Weißgerberwerk ­
  hat  1780  durch  76  Arbeiter  an  weißgaren  Schaffellen,  sämischgaren
  Hammelfellen,  fämischgarem  Bockleder  und  Kalbfellen,  Hirschund
  Wildhüuten  sowie  an  weiß-  und  sämischgaren  Rindledern  zusammen ­
  99  300  Stück  im  Werte  von  47  733  Rthlr.  verfertigt,  und  dazu
wurden  für  25  725  Rthlr.  Materialien  verbraucht;  von  der  Produktion
gingen  außer  Landes  für  17  900,  während  im  Lande  für  29  933  Rthlr.
blieben  ft.  Auf  die  große  Zahl  der  damals  allenthalben  entstandenen
Rotgerbermanufakturen  kann  hier  nicht  eingegangen  werden,  es  soll
damit  lediglich  auf  ihre  Existenz  hingewiesen  fein  ft.  Wien  allein  zählte
1820  neben  12  mit  den  Landesfabriksbefugnissen  versehenen  großen
Rotgerbereien  2  Landes-befugte  Alaun-  und  Sämischgerbereien  ft.
Die  ganze  Entwicklung  der  Manufakturen  ist  also  auch  in  Deutschland ­
  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  bereits  zu  einer  sehr  ansehnlichen ­
  Höhe  emporgediehen;  ein  Wiener  Arbeitsbrief  der  Weißgerber
von  1807  z.  B.  enthält  folgenden  stereotypen  Passus:  „Wir  Vorsteher
des  Hauptmittls  und  der  Laade  der  bürgerlichen  Weißgärber-  und
Sammischmachermeister  .  .  .  urkunden  hiemit,  daß  Vorzeiger  dieses...
bei  dem  Fabrikanten  allhier  .  .  .  in  Arbeit  gestanden.  Dahero  wir
unsere  sämtliche  Mitmeister  geziemend  ersuchen,  diesen  Gesellen  nicht
uur  allein  mit  Arbeit  zu  unterstützen,  sondern  auch  bei  jeder  Gelegenheit ­
  fein  weiteres  gutes  Fortkommen  und  feinen  künftigen  Wohlstand
uach  Möglichkeit  zu  befördern"  ft.  Dieses  Beispiel  mag  uns  zeigen,
ft  Bormans  1863,  S.  171  s.  ft  Beckmann  1796,  S.  288.
ft  Nicolai  1786,  S.  518.  ft  Nicolai  1786,  S.  547.  ft  Ebenda.
;  ft  Vgl.  Rößig  1803,  Bd.  II,  S.  329  f.;  Hamburg  1805,  S.  3,  72,  75,  77,
78,  100,  119,  120;  Wiedfeldt  1898,  S.  44,  59,  66,  70  ff.
ft  Kecß  1820,  S.  20.  ft  Wien  1807.
        <pb n="336" />
        296

daß  Bewegungen,  wie  die  Vorschläge  der  Weißgerber  zu  Arau,  zu
keinem  Ergebnis  geführt  hatten,  daß  das  Handwerk  bereits  um  die
Wende  des  18.  Jahrhunderts  und  weiterhin  in  den  ersten  Dezennien
des  19.  eine  empfindliche  Schlappe  erlitten  hatte,  wie  dies  auch  die
oben  i)  angeführten  Statistiken  zeigen;  vor  allen  Dingen  ersichtlich  wird
dieser  Rückgang  des  ganzen  Handwerks  der  Gerber  schon  um  diese  Zeit
natürlich  in  den  Untersuchungen,  welche  sich  zusammenfassenderer
Statistiken,  als  wir  sie  hier  benutzen  dürfen,  bedienen  können;  auf
diese  Arbeiten  muß  daher  verwiesen  werden  ^).  Ganz  kurz  soll  hiev
nur  die  Tatsache  konstatiert  werden,  daß  das  Handwerk  der  Gerber
seit  der  Wende  des  18.  Jahrhunderts  fast  unbeirrt  durch  gute  Zeiten
oder  durch  Krisen  eine  stets  stark  sinkende  Tendenz  aufgewiesen  hat,
derart,  daß  die  Zahlen  der  Gerbermeister  fast  immer  eine  relative,  sehr
oft  sogar  eine  absolute  Abnahme  zeigen.
Abschließend  für  das,  was  bisher  über  Handwerk  und  Lederfabrik
gesagt  wurde,  möge  ein  Gutachten  der  Uffenheimer  Rotgerbermeister
von  1851  angeführt  werden,  in  welchem  ein  Konzessionsgesuch  abschlägig ­
  beschieden  wurde;  dort  heißt  es:  „Wenn  man  das  Geschäft
eines  Gerbermeisters  dahier  ohne  die  zufällige  Verbindung  mit  dem
Besitz  einer  nicht  unbedeutenden  Ökonomie  in  das  Auge  faßt,  so  ergibt
sich  sofort,  daß  eine  Vermehrung  der  hiesigen  Gerberconcessionen  von
Nachteil  ist."  ...  „So  gut  nun  dermalen  die  noch  vorhandenen  Gerbermeister ­
  neben  ihrem  Gewerbe  Grundbesitz  inne  haben,  so  gut  kaun  in
Bälde  dieses  Verhältnis  sich  ändern;  wo  sollen  dann  die  vorhandenen
Meister  einzig  und  allein  auf  den  Gerberverdienst  beschränkt  ihren
Nahrungsstand  hernehmen?  .  .  .  Die  Fabrikerzeugnisse  und  die  Lederhandlungen ­
  wirken  zu  nachteilig  auf  die  Gerbereien  an  solchen  Plätzen
wie  dahier  ein" 8 ).
§  28.  Die  Entwicklung  der  Fabrik.
Der  Übergang  der  Manufaktur  zur  Fabrik  ist  nach  den
bisherigen  Darlegungen  eigentlich  kein  Problem  und  datiert  nicht  aus
einem  bestimmten  Jahre  oder  Jahrzehnt.  Eine  Manufaktur  mit  118  Arbeitern ­
  wie  die  oben  erwähnte  Berliner  von  1780,  welche  Walkmühle
und  Lohmühle  zu  eigen  besitzt,  welche  also  den  ganzen  für  das  Gewerbe
bekannten  maschinellen  Betrieb  ihr  Eigentum  nennt,  unterscheidet  sich
von  der  Fabrik  nur  noch  durch  den  Mangel  einer  ausgebildeten  Verl
 )  Vgl.  S.  *73  ff.
s )  Siehe  vor  allem  Schmoller  1870  und  dessen  umfangreiche  Litteraturhinweife;
des.  siehe  S.  36,  51,  53,  54,  68,  80,  93,105,  110,  126,  127,  142,  274,  279,  303,  369  ff.
3 )  Uffenheim  1851.
        <pb n="337" />
        297

kehrswirtschaft,  welche  Bedarfsdeckung  und  Absatz  in  die  Ferne  ermöglicht, ­
  und  eventuell  durch  das  Fehlen  einer  systematisch  durchgeführten
Arbeitsteilung,  welche  sich  im  Anschluß  an  den  Maschinenbetrieb  sehr
leicht  vollzieht.
Bei  der  Betrachtung  der  Betriebsmittel  haben  wir  gesehen,  wie
seit  der  Wende  des  18.  Jahrhunderts  alle  Anstrengungen  gemacht  werden,
um  eine  Mechanisierung  aller  Prozesse  durchzuführen  *),  und  wir  haben
gesehen,  daß  für  Weiß-  und  Glacegerberei  bis  heute  die  Bemühungen
s.  nicht  zu  einem  befriedigenden  Resultat  geführt  haben,  weil  der  Kreis
der  maschinellen  Operationen  noch  nicht  geschlossen  ist,  so  daß  in  der  zur
Durchführung  der  einzelnen  Arbeitsprozesse  benötigten  Zeitdauer  die
erforderliche  Harmonie  noch  nicht  gewonnen  wurde  -);  bei  der  Betrachtung
der  Gerbstoffe  haben  wir  gesehen,  wie  sich  die  vegetabilische  Gerbung
fortwährend  verjüngt  und  modernisiert  hat 3 ),  während  Weiß-  und  Glacegerberei ­
  im  großen  und  ganzen  noch  nach  den  alten  überkommenen
Stoffen  greifen  müssen  *);  bei  der  Betrachtung  der  Produktionsprinzipien
haben  wir  gesehen,  wie  sich  die  vegetabilische,  dann  die  Chromgerbung
zu  hoch  entwickelten,  kapitalistischen  Prozessen  durchgebildet  haben 6 ),  während
Weiß-  und  Glacegerberei  allen  einschlägigen  Neuerungen  unzugänglich
geblieben  sind.  Eine  ganze  Reihe  neuerer  Gerbemethoden  erzeugen  feine
Ledersorten,  sie  haben  der  Weiß-  und  Glacegerberei  einen  Teil  des
Absatzfeldes  abgegraben 6 )  und  haben  sich  damit  große  Haut-  und  Fellqualitäten ­
  7 ),  welche  sonst  zu  diesen  Gerbemethoden  abflössen,  zugeeignet.
Daher  ist  die  s  a  b  r  i  k  m  ä  ß  i  g  e  E  n  t  w  i  ck  l  u  n  g  der  Weißgerberei  und
der  Glacegerberei  ganz  andere  Wege  gegangen,  als  dies  bei  der  Lohe-  und
Chromgerberei  der  Fall  ist.  Letztere  haben  sich  zu  hoch  entwickelten
kapitalistischen  Betrieben  fortgebildet,  während  die  Glace-  und  Weißlederfabriken
  einen  verhältnismäßig  kleinen  Umfang  haben.  Die  Sämischgerberei ­
  aber,  welche  als  reine  Produktionsmethode  ja  schon  sehr  stark
zurückgegangen  war,  lebt  in  wenigen  kleineren  Fabriken  weiter,  in  großen
Werken  hat  sie  sich  aber  mit  der  Loh-  oder  mit  der  Chromgerbung
zur  Fettgarlederindustrie  verbunden.
Was  speziell  die  gewöhnliche  Weißlederindustrie  anlangt,  so  kommt
diese  fast  regelmäßig  vor  in  der  fabrikmäßigen  Fortbildung  des  neuen
Rot-  und  Weißgerbers,  welchen  wir  oben 3 )  kennen  gelernt  haben;  diese
Betriebe  mit  6—8  Gesellen,  in  welchen  also  weiße  und  braune  Schaffelle ­
  erzeugt  werden,  erweitern  sich  langsam,  es  wird  eine  Entfleischmaschine, ­
  dann  ein  Walkfaß,  Beizhaspel  angeschafft,  und  schließlich  wird
st  Vgl.  S.  158  f.,  161  f.,  164  ff.  st  Vgl.  S.  158  s.,  168  s.,  172.
st  Vgl.  S.  73f.,  112f.,  125  f.  st  Vgl.  S.  113f.,  115.
st  Vgl.  S.  118  f.,  128  f.  st  Bgl.  S.  120  f.
st  Bgl.  S.  19-33.  st  Vgl.  S.  285  sf.
        <pb n="338" />
        298

der  Betrieb  zu  einem  kompletten  ergänzt,  welcher  nun  weiße  und  braune
Schaffelle  nebeneinander  erzeugt;  fo  bald  aber  eine  gewisse  Größe
erreicht  ist,  hält  die  Chromgerberei  ihren  Einzug  in  solche  Betriebe,
und  diese  gestalten  sich,  äußerlich  ihrem  Umfange  und  der  maschinellen
Einrichtung  der  Zurichterei  nach,  innerlich  nach  den  Mengen  und  der
Art  des  Umsatzes,  zu  andersgearteten  industriellen  Gebilden  um.
Ebenfalls  zu  einer  Umgestaltung,  aber  in  einem  abermals  anderen
Sinne,  neigt  die  Glacegerberei.  Während  nämlich  die  Schuhfabrikation
erst  in  verhältnismäßig  neuer  Zeit  wieder  zur  Kombination  übergegangen
ist  x )  —  letzteres  freilich  auch  keine  neue  Erscheinung,  wenn  man  an
die  alten  Gerberhöfe  der  Schuhmacher  denkt,  welche  oben^)  mehrfach
erwähnt  wurden  —  trat  bei  uns  die  Glacegerberei  gleich  in  so  engem
Anschlüsse  an  die  Handschuhmacherei  auf,  daß  die  Vereinigung  der  beiden
Gewerbe  in  einer  einzigen  Hand  fast  bei  jedem  Betriebe  immer  nur
eine  Frage  der  Zeit  ist.  Wir  haben  gesehen,  daß  die  beiden  Gewerbe
schon  bei  ihrem  Größerwerden  in  Frankreich  hauptsächlich  aufeinander
angewiesen  waren,  und  das  Aufblühen  der  beiden  Gewerbe  fällt  auch
in  Frankreich  in  eine  Zeit,  wo  die  zünftlerischen  Gewerbebestimmungen
nicht  mehr  allzu  engherzig  befolgt  wurden.
Wir  können  im  Gegenteil  die  Trennung  beider  Gewerbe  unter  der
Kategorie  derSpezialisationen  aufführen.  Wir  haben  gesehen,  daß  auch
das  keine  neue  Erscheinung  ist;  als  ältere  Beispiele  dieses  wirtschaftlichen
Vorganges  wurden  oben  angeführt  die  Pariser  Pergamenter,  welche  die
fertigen  Blößen  von  den  Weißgerbern  bezogen,  oder  die  reinen  französischen ­
  Sämischgerber,  welche  ebenfalls  nur  in  die  ihnen  gelieferten
Blößen  noch  den  Tran  einwalkten  und  die  Zurichtung  besorgten;  auch
sonst  kommen  ähnliche  Zustände  vor;  die  Astrachan'schen  Saffianfabrikanten ­
  pflegten  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  vielen  Häuten
nur  die  erste  Zubereitung  zu  geben,  und  diese  dann  an  die  Perser  zu
verkaufen,  welche  die  Bearbeitung  vollendeten,  und  dann  die  fertigen
Häute  nach  Europa  brachten^);  um  die  gleiche  Zeit  ließ  man  auch
in  Deutschland  die  schon  für  Corduan  teilweise  zubereiteten  Bockfelle
aus  der  Türkei  über  Venedig  kommen,  und  nur  das  Narben,  Glätten
und  Färben  besorgte  man  noch  selbst^).
Eine  weitere  Art  der  Spezialisation  ist  die  Trennung  der  Lederfärberei ­
  von  der  Glacegerberei;  es  gibt  eigene  Lederfärbereien 6 ),  meist
aber  vereinigt  sich  dann  die  von  der  Glacegerberei  abgetrennte  Lederfärberei ­
  mit  der  Handschuhmacherei.  So  stellte  das  Haus  Jouvin
und  Doyon  in  Paris,  welches  schon  1855  jährlich  10000  Dtzd.  Paar
')  Vgl.  Behr  1908,  S.  35.  -)  Vgl.  S.  136  f.  ')  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  147.
4 )  Beckmann  1796,  S.  289;  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  178.
8 )  Vgl.  SB.  b.  Erf.  1874,  S.  427;  Ledermarkt  1893,  S.  1236.
        <pb n="339" />
        299

Glacehandschuhe  fabrizierte,  auf  der  Londoner  Ausstellung  als  besondere
Sehenswürdigkeit  eine  Musterkarte  mit  94  verschiedenen  Farben  aus  x ).
Vor  allen  Dingen  häufig  ist  uatürlich  der  Anschluß  der  Glacegerberei ­
  an  die  Handschuhmacherei,  ein  abermaliges  Ergebnis  ihrer
großen  Neigung  zur  Kombination,  welch  letztere  wir  oben  schon  als
den  handwerksmäßigen  Betrieben  gefahrbringend  erkannt  haben.  In
Prag  erfolgte  die  Gründung  der  sog.  französischen  Handschuhmacherei
1784  durch  einen  Franzosen,  der  dort  eine  Handschuhfabrik  mit  allen
Produktionsphasen  von  der  Bearbeitung  des  ungegerbten  Rohleders
bis  zur  Vollendung  der  Handschuhe  errichtetes.  In  Berlin  wurde
1772  eine  dänische  Leder-  und  Handschuhfabrik  durch  Johann  Friedrich
Tillier  errichtet  ^),  in  Erlangen  waren  1774  beide  Gewerbe  noch  getrennt, ­
  1792  waren  die  drei  größten  Handschuhfabriken  mit  Weißgerberei
verbunden  *),  in  Wien  bestand  1820  eine  Alaun-  und  Sämischgerberei
verbunden  mit  einer  großen  Handschuhfabrik  und  Lederfärberei  °),  in
Altenburg  bestand  in  den  70  er  Jahren  als  bedeutendstes  Etablissement
von  Mitteleuropa  die  Lederfabrik,  Lederfärberei  und  Handschuhfabrikation
von  I.  L.  Ranninger,  und  eines  der  gegenwärtig  größten  Etablissements
der  Lederhandschuhbranche  auf  dem  Kontinent  ist  die  Firma  Trefousse
&amp;amp;  Co.  in  Chaumont,  Haute  Marne,  welche  1829  gegründet  wurde;  vom
rohen  Fell  bis  zum  fertigen  Handschuh  macht  jedes  Stück  hier  138
verschiedene  Etappen  durch,  die  Gerberei  besitzt  eine  jährliche  Leistungsfähigkeit ­
  von  1  Million  Fellen,  die  Färberei  eine  solche  von  800000
Stück,  die  Handschuhproduktion  wird  auf  1%  Millionen  Paare  pro
Jahr  berechnet,  und  die  Zahl  der  beschäftigten  Personen  beläuft  sich  auf
etwa  6000  °).  Im  Grenobler  Handschuhdistrikt,  wo  man  selbständige
Gerbereien,  selbständige  Färbereien,  selbständige  Handschuhmachereien,
daneben  aber  die  Färberei  mit  der  Gerberei  oder  mit  der  Handschuhmacherei, ­
  oder  endlich  alle  drei  Gewerbe  miteinander  kombiniert  vorfindet, ­
  kann  ein  Paar  Handschuhe  in  20  Stunden  gegerbt,  gefärbt,
zugeschnitten,  genäht  und  versandt  werden,  gewöhnlich  aber  braucht  es
wegen  der  dazwischen  geschobenen  Lagerzeiten  viel  länger,  nämlich
125—195  Tage 7 ).
Diese  letzten  Zahlen  sind  geeignet,  die  Vorstellung  zu  erwecken,  als
ob  die  Weißgerberei  und  die  Glacegerberei  ebenfalls  die  Form  großer
Betriebe  angenommen  hätten,  wie  sie  die  vegetabilische  und  die  Chromgerberei ­
  zeigen.  Es  wurde  schon  oben  daraus  hingewiesen,  daß  dem
*)  Rehlcn  1855,  S.  142.  2 )  Zuckerkand!  1896,  S.  178.
3 )  Nicolai  1786,  S.  548.  *)  Schanz  1884,  S.  224-225,  201.
5 )  Keeß  1820,  S.  21.
6 )  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage;  Lederausstellung  1878,  S.  195.
’)  Ledermarkt  1893,  S.  1235/36.
        <pb n="340" />
        300

nicht  so  ist.  Das  oben  angeführte  Unternehmen  mit  6000  Arbeitern
besitzt  diese  große  Arbeiterzahl  nur  auf  Grund  seiner  Eigenschaft  eines
kombinierten  Betriebes;  die  Weißgerbereien  selbst  in  so  großen  Betrieben
sind  verhältnismäßig  klein,  wie  überhaupt  Weiß-  und  Glacegerberei
höchstens  in  mittleren  Betrieben,  meist  sogar,  wie  die  Sämischgerberei,
in  kleineren  Betrieben  vorkommen;  denn  bei  solchen  Beurteilungen
handelt  es  sich  immer  um  das  Verhältnis,  um  den  Maßstab,  und
letzterer  gestaltet  sich  eben  in  vegetabilischen  und  Chromgerbereien  zu
einer  außerordentlichen  Größe.  Ich  habe  oben  schon  *)  die  Leistungsfähigkeit ­
  einer  Chromchevreaux-Fabrik  in  Philadelphia  erwähnt.  Es  sei  hier
noch  ein  Beispiel  angeführt:  im  Ledermarkt  wird  1906  die  Zukunft
der  kleinen  Betriebe  in  Amerika  besprochen;  dort  heißt  es:  „Wenn  ich
von  kleinen  Gerbern  spreche,  so  denke  ich  dabei  an  solche,  welche  täglich
300—500  Hälften  und  500—1500  Kalbfelle  machen.  Diese  wurden
noch  vor  10  Jahren  als  große  Gerber  angesehen,  heute  aber  sind  Gerber
da.  welche  täglich  800—2000  Hälften  machen,  und  eine  Firma  schickt
sich  an,  ihren  Betrieb  so  zu  vergrößern,  daß  sie  täglich  4500  Hälften
Narbenleder  außer  den  Spaltstücken  herstellen  kann"  *).  Wir  sehen
hier,  wie  alle  Verhältnisse  in  einer  Umbildung  begriffen  sind,  der  Maßstab ­
  wächst  ins  Riesengroße;  da  aber  die  Verhältniszahlen  für  die
Konstanz  von  vorhandenen  Zuständen  notwendig  die  gleichen  bleiben
müssen,  so  müssen  sich  die  kleinen  Betriebe  und  auch  das  Handwerk
diesem  höheren  Maßstabe  anpassen.  Daher  ist  es  wohl  nicht  angängig,
als  Handwerk  schlechthin  alle  Betriebe  zu  bezeichnen,  wenn  sie  nur
1—5  Arbeiter  beschäftigten,  sondern  um  den  Betriebsumfang  des  Handwerks ­
  richtig  angeben  zu  können,  ist  es  nötig,  die  Zahl  und  die  Größe
der  in  jedem  Gewerbe  vorhandenen  großen  Betriebe  zu  kennen.  Wie
schon  mehrmals  angedeutet,  gibt  uns  die  Statistik  kein  Mittel  an  die
Hand,  für  die  verschiedenen  hier  aufgestellten  Kategorieen  der  Weißgerberei ­
  im  weiteren  Sinne  des  Wortes  zahlenmäßig  Verhältnisse  zu
finden;  die  allgemeinen  Zahlen  aber  für  Gerberei  oder  Lederindustrie
sind  für  uns  hier  unbrauchbar s ).
Die  verschiedenen  Phasen  des  Konkurrenzkampfes  der
Produktionsprinzipien  untereinander  und  sein  Ergebnis  haben  wir
bereits  dargelegt;  wir  haben  gesehen,  wie  die  Absatzgebiete  für  Weiß  und
Sämisch  wie  auch  für  Glace  immer  kleiner  geworden  sind  Z;  den  Kampf
zwischen  Handwerk  und  Großbetrieben  haben  wir  ebenfalls  verfolgt,  und  hier
haben  wir  gesehen  °),  daß  das  Handwerk  in  seinen  neueren  Formen  der
')  Vgl.  S.  120.  *}  Ledermarkt  1906,  Nr.  68,  S.  15.
3 )  Siehe  diese  entweder  in  den  stat.  Jahrbüchern  oder  in  Berliner  Berichte  1909,
S.  1278;  oder  Jörissen  1909,  S.  162,  163,  Anhang  S.  100.
*)  Vgl.  S.  125  ff.  °)  Vgl.  S.  286  ff.
        <pb n="341" />
        301

Weiß-  und  Rotgerberei  sowie  der  Glacegerberei  vorerst  existenzsähiger
zu  sein  scheint,  soweit  nicht  die  oben  dargelegten  Verhältnisse  einen
Rückgang  desselben  bewirken.  Der  Einfluß  der  Abgaben  aus  Häute
und  Leder,  welcher  ost  einen  sehr  störenden  Charakter  angenommen
hat*),  der  Übergang  der  Lederschaugebühren  in  Lederzölle 2 ),  Exportprämien, ­
  Schutzzoll  und  Finanzzoll  in  seinem  Einfluß  aus  die  Lederindustrie^) ­
  und  endlich  der  Veredlungsverkehr,  welcher  zwar  sür  die
Handschuhindustrie,  aber  nicht  sür  die  Weißgerberei  von  Bedeutung  ist  4 ),
das  alles  kann  in  diesem  speziellen  Zusammenhang  keine  Berücksichtigung
flnden.  Auf  den  Einfluß  der  Kriege  auf  das  Ledergewerbe  wurde
schon  mehrmals  hingewiesen");  im  19.  Jahrhundert  beeinflussen  sie
hauptsächlich  durch  ihren  direkten  Bedarf  auf  Grund  der  Umgestaltung
der  Produktionsprinzipien  nur  noch  die  vegetabilische  Gerbung,  und
damit  die  Werkstätten  ihrer  Ausübung,  während  die  Weißlederindustrie
nur  indirekt  von  den  Kriegen  alteriert  wird;  so  ging  die  Berliner
Weiß-  und  Sämischgerberei  nach  den  Kriegen  von  1813/14  ein,  weil
die  in  den  Rheinlanden  blühende  Lederindustrie,  welche  ihren  Absatz
nach  Frankreich  versperrt  sah,  nun  auf  den  deutschen  Märkten  zu  dominieren ­
  begann").  Umgekehrt  war,  worauf  ja  auch  schon  hingewiesen,
der  Erfolg  von  1870/71;  denn  als  nach  dem  siegreichen  Ausgang  dieses
Krieges  die  ausländischen  Aufträge  speziell  für  Handschuhleder  und  für
Handschuhe  nicht  mehr  nach  Frankreich,  sondern  nach  Deutschland  flössen,
nahm  die  Handschuhsabrikation  in  Deutschland  tagtäglich  einen  größeren
Aufschwung;  diese  so  bedeutend  erhöhten  Ansprüche  an  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Fabriken  führten  zur  Gründung  vieler  neuer,  großenteils
mehr  auf  den  Kaufmann  als  auf  den  Gerbereiverständigen  aufgebauter
Etablissements.  Die  Rückwirkung  dieser  plötzlichen  ungesunden  Entwicklung ­
  der  deutschen  Handschuhindustrie  blieb  nicht  aus;  denn  nachdem ­
  die  ersten  Waren  an  ihrem  Bestellungsort  angelangt  waren,  sahen
die  Besteller,  daß  dieselben  sich  mit  der  früher  aus  Frankreich  bezogenen
Ware  nicht  messen  konnten;  daher  reduzierten  sich  die  überseeischen  Aufträge ­
  sehr  bald  wieder  auf  die  ursprüngliche  Größe,  und  die  Handschuhindustrie,
  und  damit  die  Glaccgerberei,  gingen  stark  zurück?)  In  der
Folge  nahm  dann  die  deutsche  Glacelederindustrie  im  erfolgreichen  Kontz
  Vgl.  z.  B.  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  124.
tz  Vgl.  Leder-Schau-Ordnung  1773;  Würzburg  1728.
tz  Vgl.  Jörissen  1989,  S.  379;  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  266,  269;  Gunzenhausen ­
  1798—1804;  1803.  *)  Vgl.  Jörissen  1909,  392.
tz  Vgl.  Würzburg  1702;  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  324;  Gunzenhausen  1798
bis  1804;  1800;  Würzburg  1818/1819;  Bormans  1863,  S.  7b;  Gerber  Courier
1901,  Nr.  3b;  1890,  Nr.  8  u.  10;  Behr  1908,  S.  23;  Deutsche  Gerberzeimng  1883,
Nr.  48;  1876,  Nr.  47,  Beil.  °)  Wicdseldt  1898,  S.  73,  91,  364.
tz  Lederausstellung  1878,  S.  19b.
        <pb n="342" />
        302

kurrenzkampfe  der  französischen  Industrie  einen  Teil  ihres  Absatzes  ab,
aber  nunmehr  entwickelte  sich  die  amerikanische  Glacegerberei,  welche
ein  Hauptabsatzgebiet  dargestellt  hatte,  immer  lebhafter,  so  daß,  wenn
auch  der  Konsum  an  Weiß-  und  Glaceleder,  wie  auch  an  Feinleder
überhaupt,  im  Lande  steigt 4 ),  die  Aufnahmefähigkeit  Nordamerikas
immer  geringer  wird;  als  wichtige  Importländer  erscheinen  daneben
noch  Österreich,  Ungarn  und  Rußland  2 ).
Die  Sämischgerberei  ist  überhaupt  außerordentlich  stark  zurückgegangen^), ­
  und  die  Bedeutung  der  verschiedenen  hier  in  Betracht
kommenden  Industriezweige  möge  die  folgende  Produktionsstatistik  zeigen,
soweit  das  eben  überhaupt  auf  Grund  der  amtlichen  Statistik  möglich
ist,  deren  Positionen  sich  mit  unseren  Einteilungen  nicht  decken.
Die  Produktionsstatistik  für  das  Jahr  1897,  veranstaltet  vom
Reichsamt  des  Innern,  erstreckt  sich  nur  auf  die  der  Berufsgenossenschaft ­
  angehörige  Betriebe,  nämlich  auf  1467  Betriebe  der  Gerberei  mit
39053  beschäftigten  Personen.  Nach  der  Gewerbezählung  von  1895
bestanden  dagegen  noch  6944  Gerbereien  mit  43  969  beschäftigten
Personen 4 ).

Sohlleder

58,2  Mill.  Mk.

Brandsohl-  und  Vacheleder

48,4

Oberleder  von  Rind-  und  Roßhäuten

50,3

Oberleder  von  Kalbfellen

61,9

Feinleder

34,4

Handschuhleder

21,7

Sattlerleder

18,6

Leder  für  technische  Zwecke

14,6

Gegerote  Abfälle

8,3

Leder  verschiedener  Art

6,3

Sämischleder

2,2

Nebenprodukte

10,77

Sa.  336,25  Mill.  Mk.

Die  der  Berufsgenossenschaft  nicht  angehörigen  Gerbereien  beschäftigten
alle  weniger  als  10  Personen  und  arbeiteten  ohne  motorische  Kraft).
8  29.  Die  gewerblichen  Organisationen.
Die  gewerblichen  Organisationen  der  Weißlederindustrie  fügen  sich
so  eng  in  die  Organisationen  der  Lederindustrie  überhaupt  ein,  daß
nur  in  wenigen  Fällen  der  Name  dieser  Organisationen  ein  Vorwalten
von  Weißgerbern  erkennen  läßt.  Aus  diesem  Grunde  müssen  diese  ge-')
  Deutsche  Gerberzeitung  1906,  Nr.  15.
2 )  Deutsche  Gerberzeitung  1911,  Nr.  21,  22,  24,  28.
s )  Vgl.  Ledermarkt  1906,  Nr.  66,  S.  12.  4 )  Jörissen  1909,  S.  162.
        <pb n="343" />
        303

werblichen  Organisationen  hier  mehr  kursorisch  behandelt  werden,  und
nur  hin  und  wieder  ist  ein  spezielleres  Eingehen  möglich.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  die  Arbeitgeberverbände  in  keinem
Punkt  aus  dem  allgemeinen  Rahmen  der  hier  üblichen  gewerblichen
Organisationen  herausfallen.  Die  sonst  übliche  Einteilung  von  Arbeitgeberverbänden ­
  in  Landesverbände  von  einschlägigen  Jndustrieen  einerseits ­
  und  in  Handwerkerinnungen  andererseits  können  wir  hier  nur
äußerlich  aufrecht  erhalten;  denn  von  hier  in  Betracht  kommenden
Innungen  existiert  hier  nur  eine  einzige,  nämlich  die  Gerberinnung
Kirchhain,  welche  große  Gerber  und  kleine  Gerber  gleichmäßig  umfaßt
und  mehr  traditionell  den  Namen  Innung  verdient.  Um  einen  Überblick ­
  über  die  Arbeitgeberverbände  zu  erhalten,  ist  es  am  zweckmäßigsten,
eine  kurze  schematische  Übersicht  aller  hierher  gehörigen  Verbände  zu
geben,  und  in  diese  Übersicht  die  wenigen  uns  interessierenden  Vereine
einzureihen.

Vereinsregister  der  Lederindustrie*).
I.  Lederindustrieberufsgenossenschaften.
II.  Gerbervereinigungen  für  den  Heeresbedarf.
III.  Zentralverein  der  Deutschen  Lederindustrie,  vereinigt  mit  dem
Verein  Deutscher  Gerber  seit  1910.
Neben  vielen  privaten  Unternehmungen  und  neben  vielen
Zweckverbänden  kommen  unter  seinen  Mitgliedern  namentlich
in  Betracht  für  die  Weißgerberei:
A.  Verein  der  Glace-  und  Weißlederindustriellen  Deutschlands; ­

8.  Gerberinnung  Kirchhain.
IV.  Gerbereien  und  Vereine,  welche  nicht  dem  Zentralverein  angeschlossen ­
  sind.
Neben  vielen  Privaten  und  Zweckverbänden,  welche  auch
Weißgerber  umfassen,  kommen  hier  in  Betracht:
Süddeutscher  Weißgerberverein.
V.  Verbände  von  Leder-  und  Häutehändlern,  Einkaufs-,  Verwertungsgenossenschaften ­
  usw.
VI.  Verbände  für  Schuhfabrikation  und  Schuhhandel.
Auf  die  nicht  uninteressante  Entstehungsgeschichte  des  „Zentralv
  e  r  e  i  n  s  der  Deutschen  Lederindustrie,  vereinigt  mit  dem  Verein  Deutscher
Gerber  seit  1910",  an  welchen  sich  immer  mehr  Gerbereien  und  Vereine
der  obigen  Kategorie  IV  anschließen,  darf  hier  nicht  eingegangen  werden.
0  Schuh  und  Leder,  Ad.,  1909ff.;  vgl.  auch  Jörissen  1909,  Anhang  S.  96.
        <pb n="344" />
        304

Es  möge  genügen,  auf  die  einschlägige  Litteratur  hinzuweisen').  Auch
die  Tätigkeit  dieses  umfassenden  Vereins,  Ausstellungen,  Schulwesen,
Untersuchungen,  Interpellationen  usw.  anlangend,  darf  hier  nur  kursorisch
erwähnt  werden.
Der  „Verein  der  Glace-  und  Weißlederindustriellen
in  Deutschland"  wurde  von  Fabrikanten  des  Magdeburger  Bezirks  im
Jahre  1888  zum  Zweck  der  Abwehr  der  damals  von  den  Arbeitern  provozierten ­
  Arbeitseinstellungen  gegründet.  Seine  Erweiterung  erhielt  der
Verein  anfangs  1896  auf  Grund  erweiterter  Statuten  durch  Verschmelzung
mit  dem  Verein  deutscher  Glacehandschuhfabrikanten 2 ).  Die  wichtigsten  uns
hier  interessierenden  Paragraphen  seiner  Statuten  seien  wörtlich  angeführt, ­
  weil  diese  typisch  sind  für  ähnliche  Vereine,  sowohl  nach  Zweck
des  Vereins,  als  nach  Gliederung,  als  auch  nach  Mitgliederumfang.
8  2.

Zwecke  des  Vereins  sind:
a)  Hebung  und  Förderung  der  Glace-  und  Weißleder-Jndustrie
im  allgemeinen;
b)  Besprechungen  und  Anregungen  bezüglich  der  Lage  des  Rohfell-, ­
  Leder-  und  Wollmarktes;
o)  Austausch  von  Erfahrungen  wirtschaftlicher  und  technischer  Natur,
soweit  hierdurch  nicht  Fabrikations-  oder  Geschäftsgeheimnisse  berührt
werden;
ck)  Wahrung  der  Interessen  gegenüber  Behörden  und  Parlamenten
bei  Beratung  von  Gesetzen  und  Verordnungen,  sowie  bei  Zoll-  und
Handelsfragen;
6)  Lösung  von  Streitigkeiten  und  Meinungsverschiedenheiten
zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  auf  Antrag  der  Parteien,
sowie  Förderung  des  Wohles  der  Arbeiter;
1)  Schaffung  besonderer  geschäftlicher  und  wirtschaftlicher  Vorteile
für  die  Vereinsmitglieder;
g)  schiedsgerichtliche  Lösung  von  Streitigkeiten  zwischen  Vereinsmitgliedern. ­


8  3.
Mitglieder  des  Vereins  können  werden:
Leder-Industrielle,  welche  Weißgerberei  oder  Lederfärberei  betreiben.
*)  Vgl.  Lederausstellung  1878;  Gerberzeitung  1891,  S.  169;  Gerberzeitung
1877,  S.  223;  Schuh  und  Leder  1910,  Nr.  53;  Maschke  1906.
2 )  Pflug  1897,  S.  93;  Keßler  1907,  S.  55,  79,  82,  352.
        <pb n="345" />
        305

Handschuhfabrikanten,  Exporteure  und  Grossisten,  Rohfell-  und
Glacelederhändler,  sowie  sonstige  Interessenten,  der  Branche  verwandte
Vereine.

8  9.
Zur  Pflege  der  Vereinsbestrebungen  werden  folgende  Gruppen
gebildet:
1.  Norddeutschland  mit  Berlin.
2.  Provinz  Sachsen.
3.  Provinz  Schlesien.
4.  Mitteldeutschland.
5.  Süddeutschland  und  Elsaß-Lothringen.
Ausländische  Mitglieder  schließen  sich  der  nächstgelegenen  Gruppe  an.
Die  Vorsitzenden  der  Gruppen  haben  Sitz  und  Stimme  im  Veroinsvorstande.


8  18.
Liegen  innere  Fragen  zur  Besprechung  vor,  so  können  außerordentliche ­
  Versammlungen  auch  einzelner  Abteilungen  abgehalten  werden.
Der  Verein  wird  zu  diesem  Zweck  in  vier  Abteilungen:
A.  Lederfabrikanten  und  Färbereibesitzer,
B.  Handschuhfabrikanten,
C.  Rohfellhändler,
D.  Handschuhexporteure  und  Grossisten
eingeteilt.

8  21.
Legen  bei  einem  Vereinsmitgliede  die  Gesellen  oder  Arbeiter  die
Arbeit  nieder,  oder  wird  seitens  einzelner  oder  aller  Arbeitgeber  die
Kündigungszeit  nicht  eingehalten  (Kontraktbruch),  so  hat  das  betreffende
Mitglied  dem  Vereinsvorstande  sofort  brieflich  Anzeige  zu  machen.
Die  Wiederaufnahme  der  Arbeit  bzw.  die  Wiedereinstellung  ist  dem
Vorstande  sofort  telegraphisch  anzuzeigen  und  brieflich  zu  bestätigen. ­
  In  beiden  Fällen  hat  der  Vorstand  die  in  Betracht  kommenden
Mitglieder  sofort  durch  ein  Rundschreiben  zu  benachrichtigen.
8  22.
Die  Mitglieder  verpflichten  sich,  Gesellen  oder  Arbeiter,  die  als
Teilnehmer  an  einem  Streik  bei  einem  Vereinsmitglied  die  Arbeit
Ebert,  Entwicklung  der  Weibgerberei.  20
        <pb n="346" />
        306

niedergelegt  oder  den  Arbeitskontrakt  gebrochen  haben,  nicht  eher  zu  beschäftigen, ­
  bis  ihnen  seitens  des  Vorstandes  zugegangen  ist,  daß  die
vorliegenden  Differenzen  erledigt  sind.
8  23.
Die  Mitglieder  verpflichten  sich
a)  Arbeitnehmer,  die  zuletzt  bei  Vereinsmitgliedern  gearbeitet  haben^
nur  gegen  Vorzeigung  eines  auf  dem  Vereinsformular  ansgestellten
ordnungsmäßigen  Entlassungsscheines,
b)  Lehrlinge,  welche  ihre  Lehrzeit  noch  nicht  beendet  haben,  keinesfalls ­
  ohne  schriftliche  Einwilligung  des  früheren  Lehrherrn  einzustellen.
Unter  den  110  Mitgliedern  befinden  sich  60—70  Firmen  Fabrikanten, ­
  die  übrigen  Mitglieder  des  Vereins  verteilen  sich  auf  die  übrigen
unter  §  3  genannten  Mitgliederkategorieen.
Ähnlich  sind  die  Bestimmungen  des  Süddeutschen  Weißgerber ­
  Verbandes,  welcher  sich  hauptsächlich  auf  Württemberg  erstreckt.
Die  Gerberinnung  Kirchhain  ist  ein  mehr  lokaler  Verband,
und  in  ihren  Statuten  tritt  deutlich  noch  ihre  Herkunft  aus  der  Innung
hervor,  wie  Regelung  des  Lehrlings-  und  Gesellenwesens,  Meisterprüfung, ­
  Gesellenausschuß,  Ausschuß  für  das  Lehrlingswesen,  Ausschuß
für  Gesellen-  und  Herbergswesen.  Aber  alle  diese  Bestimmungen  bewegen ­
  sich  im  Rahmen  der  Innungen  überhaupt,  so  daß  es  genügt,
darauf  hinzuweisen.
Eine  zweite  Gruppe  von  Arbeitgeberverbänden  sind  die  Konzentrationsformen ­
  der  Industrie.
Von  historischem  Interesse  ist  hier  ein  Verbot  der  preußischen
Weißgerberordnung  von  1737,  „daß  weder  einzelne  Meister  noch
weniger  das  gantze  Handwerck  der  Weißgerber  sich  unter  einander  heimlich ­
  bereden  und  verbinden,  ihre  Arbeit  auf  einen  gewissen  Preis  zu
setzen 1 )."
Zu  echten  Kartellen,  Trusts  usw.  ist  es  jedoch  in  der  Weißlederindustrie ­
  bis  jetzt  nicht  gekommen.  Schon  in  der  Loh-  und  Chromlederfabrikation
  bedurfte  es  besonderer  Veranlassung  zur  Bildung  von
Kartellen"),  aber  die  vielfältigen  Qualitäten  und  Fabrikate  der  Weißl
  e  d  e  r  industrie  haben  bisher  zu  irgendwelchen  Konzentrationsformen  nicht
geführt.  Am  ehesten  Aussicht  zur  Bildung  solcher  Verbindungen  scheint
zu  sein  nicht  mit  Rücksicht  auf  das  Hauptprodukt  dieser  Jndustrieen,
auf  das  Leder,  sondern  in  bezug  auf  den  Verkauf  eines  der  wichtigsten
-)  Königsberg  1737,  XVIII.
ff  Vgl.  Großmann  1891,  S.  271;  Grunze!  1902,  S.  300;  Gerbercourier
1910,  Nr.  52;  1911,  Nr.  51.
        <pb n="347" />
        307

Nebenprodukte,  nämlich  das  Leimleder;  denn  dieses  entspricht  seiner
ganzen  Natur  nach  mehr  den  Eigenschaften,  welche  die  Voraussetzung
zur  Bildung  festerer  industrieller  Zusammenschlüsse  darstellen.  Aber
auch  diese  Bestrebungen  haben  bis  jetzt  eine  Realisierung  nicht  gefunden  J ).
Gehen  wir  nun  über  zu  den  Organisationen  der  Arbeiter!
Die  Werkmeister  gehören  dem  deutschen  Werkmeisterverbande  an,
und  dessen  Bestimmungen  und  Bedingungen  gelten  für  sie.  Einen  Verband ­
  von  speziellen  Lederindustriewerkmeistern  gibt  es  nicht.
Die  Arbeiter  der  Weißlederindustrie  in  den  älteren  Organisationen
der  Gesellenverbände  haben  wir  bereits  kennen  gelernt.  Diese  Verbände ­
  sind  wichtig,  weil  sie  die  historische  Voraussetzung  zum  Entstehen ­
  der  modernen  Organisationen  darstellen 2 ).
Die  Organisation  der  Weißgerber  in  den  Hirsch-Dunker'schen
Gewerkvereinen,  in  den  christlichen  Gewerkschaften,  in  den  gelben
Gewerkschaften  und  in  den  noch  mitgliederärmeren  Organisationen  läßt
sich  nicht  verfolgen,  weil  die  „Christliche  Gewerkschaft  der  Lederarbeiter",
wie  auch  der  Hirsch-Dunker'sche  Verein  der  Schuhmacher  und  Lederarbeiter, ­
  und  ganz  ähnlich  erst  recht  die  noch  kleineren  Verbände  keine
Ausscheidung  der  Weißgerber  kennen^).
Nur  diefreienGewerkschaften  haben  wenigstens  eine  Zeitlang
die  Weißgerber  als  einen  getrennten  Verband  mit  sich  geführt,  und  hier
erhalten  wir  daher  einen  etwas  genaueren  Einblicks:
Der  Deutsche  Weißgerberverband  führt  seine  Entstehung  zurück
auf  einen  im  Jahre  1872  verlorenen  Streik  der  Berliner  Weißgerberbruderschaft, ­
  einer  Gesellengenossenschaft,  welche  daraufhin  in  einem
Rundschreiben  zur  Gründung  einer  Organisation  aufforderte,  „die  durch
festes  Zusammenhalten  die  Moral,  die  Ehre  und  die  materiellen  Interessen ­
  der  Weißgerbergesellen  zu  wahren  und  zu  fördern  hätte".  Im
August  1872  wurde  auf  einem  Kongreß  in  Berlin  die  neue  Organisation
gegründet  unter  dem  Namen  „Norddeutscher  Weißgerberbund".  Die
lüddeutschen  Weißgerber  schlossen  sich  zunächst  dem  Bunde  nicht  an.
Die  Organisationssorm  war  eine  solche,  daß  alle  Ortsvereine  als  solche
selbständige  Vereine  blieben  mit  eigenen  Satzungen  und  Beiträgen,  und
baß  sich  diese  Vereine  als  solche  für  bestimmte  Zwecke  zum  Norddeutschen ­
  Weißgerberbund  vereinigten.  Den  ersten  Nachweis  über  die
Mitgliederzahl  finden  wir  auf  dem  dritten  Berliner  Kongreß  von  1874,
es  waren  vertreten  27  Vereine  mit  680  Mitgliedern.  Der  Kongreß  zu
')  Vgl.  S.  314  ff.  -)  Vgl.  S.  263  ff.
3 )  Ledermarkt  1911,  Nr.  79;  Jörissen  1909.
4 )  Ich  stütze  mich  hier  auf  die  Jahresberichte  des  Zentralverbandes  der  Lederarbeiter ­
  und  -Arbeiterinnen  Deutschlands,  auf  das  Berbandsorgan  und  auf  Privatvütteilungen
  dieses  Verbandes.

20*
        <pb n="348" />
        308

Altenburg  1875  beschloß  die  Herausgabe  einer  Fachzeitung,  und  zu
diesem  Zwecke  wurden  die  Bundesbeiträge  von  12  Pfennig  pro  Vierteljahr ­
  und  Mitglied  auf  25  Pfennig  pro  Monat  und  Mitglied  erhöht.
Der  Kongreß  von  1876  ermäßigte  den  Beitrag  wieder  auf  10  Pfennig
pro  Monat,  er  beschloß,  vorläufig  von  der  Gründung  einer  Zeitung
Abstand  zu  nehmen,  und  der  Name  des  Bundes  wurde  abgeändert  in
„Allgemeiner  Weißgerberverband".  Der  Kongreß  von  1877  in  Osterwieck ­
  erhöhte  den  Beitrag  wiederum  und  beschloß  vom  1.  Januar  1878
an  eine  Zeitung  herauszugeben,  und  dieses  „Vereinsblatt"  verzeichnet
32  Vereine  mit  818  Mitgliedern.
Einen  wichtigen  Fortschritt  in  der  Geschichte  des  Vereins  bedeutete
es,  als  auf  der  Generalversammlung  von  1889  außer  gelernten  Gesellen ­
  auch  „Gesellenarbeit  verrichtende  Hilfsarbeiter",  und  seit  der
Generalversammlung  von  1892  jeder  in  einer  Lederfabrik  beschäftigte
Arbeiter  Mitglied  werden  konnte.  Damit  streifte  der  Verband  die
letzte  Erinnerung  an  seine  historische  Entstehung  aus  einer  Gesellenbrüderschaft ­
  ab.  Die  Fassungen  von  1889  und  besonders  von  1892  wurden
gewählt  auch  mit  Rücksicht  auf  den  Verband  der  Gerber  und  Lederzurichter,
da  die  Vereinigung  mit  diesem  sich  am  1.  Juli  1893  vollzog.  Zu
gleicher  Zeit  traten  die  Lederfärber  in  diesen  Jndustrieverband  ein,
welcher  damit  also  den  Charakter  der  Branchenorganisation  verloren  hatte.
Die  Statistik  von  1891  verzeichnet  im  ganzen  2086  Weißgerbergesellen; ­
  davon  waren  organisiert  rund  1400,  nicht  organisiert  waren
686;  außerdem  wurden  noch  472  Lehrlinge  und  741  Hilfsarbeiter
gezählt.
Wie  erwähnt,  verlor  der  Verband  seit  1893  seine  selbständige  Existenz  Z
und  ging  in  den  größeren  „Zentralverband  derLederarbeiter
und  -Arbeiterinnen  Deutschlands"  auf.  Daher  kann  hier  auch
auf  den  Inhalt  dieser  Tarifverträge,  auf  Arbeitszeit  und  Arbeitslohn,  auf
Lohnbewegungen,  Streiks  und  deren  Erfolge  oder  Mißerfolge  nicht  eingegangen ­
  werden.  Es  gilt  für  die  Lohnbewegungen  hier,  wie  überall,
daß  sie  bei  schlechten  Konjunkturen  ungünstig  für  die  Arbeiter  enden,
und  daß  daher  gerade  in  der  Weißlederindustrie  allzu  hoch  geschraubte  Anforderungen ­
  in  Verkürzung  der  Arbeitszeit  und  Erhöhung  der  Löhne
keine  Aussicht  auf  Verwirklichung  Habens.
')  Vgl.  Kulemaim  1900,  S.  233,  489  -490.
2 )  Vgl.  z.  B.  I.  B.  1911,  S.  46.
        <pb n="349" />
        309

10.  Kapitel.
Betriebsmittel  und  Produkte  der  Meißgerkerei').
8  30.  Die  Betriebsmittel.
Mit  wenigen  Ausnahmen  haben  wir  bisher  die  Weißgerberei
immer  nur  als  solche  betrachtet,  wir  haben  ihr  wirtschaftliches  und
technologisches  Bedingtsein  bisher  nicht  in  den  Vordergrund  unseres
Interesses  gestellt.  Die  Wichtigkeit  einer  solchen  Betrachtungsweise  erhellt ­
  aus  der  Tatsache,  daß  gerade  solche  Faktoren  häufig  bei  den
wichtigen  Umgestaltungen  eines  Gewerbes  am  Werke  sind.
Eine  Einfügung  der  Gerberei  in  den  Kreis  der  gesamten  Produktion ­
  und  Konsumtion  ergibt  sich  zunächst  auf  Grund  ihres  Bedarfes.
Hauptrohmaterial  der  Gerberei  sind  die  Felle  und  Häute,
und  damit  wurzelt  die  Gerberei  in  ihrem  Hauptbedarfe  in  der  sog.
Urproduktion,  gleichgültig,  ob  die  Felle  und  Häute  eines  der  Hauptnebenprodukte ­
  des  geschlachteten  Tieres  darstellen,  oder  ob  die  Tötung  vorwiegend ­
  in  Hinsicht  auf  das  zu  erwartende  Hautmaterial  vorgenommen
wird.  In  den  Betrachtungen  des  ersten  Teiles  habe  ich  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  Haut  in  erster  Linie  von  wilden  erlegten  Tieren
stammt,  und  daß  sich  von  da  ein  sukzessiver  Übergang  zu  den  Hautmaterialien ­
  von  domestizierten  geschlachteten  Tieren  beobachten  läßt.
Ein  zweites,  ebenfalls  bereits  berührtes  und  mit  dem  ersten  zusammenhängendes ­
  Moment  ist  das  ursprüngliche  Zusammenfallen  von  Hautprovenienz ­
  und  Hautverarbeitung;  bei  steigender  Intensivierung  des
wirtschaftlichen  Lebens  werden  diese  Hauptrohmaterialquellen  ungenügend,
und  dann  rücken  die  großen  Häute-  und  Fellprovenienzen  an  die  Peripherien ­
  der  intensiven  Wirtschaftsgebiete  im  Sinne  des  von  Thünenschen
  Gesetzes.
Mit  dieser  räumlichen  Trennung  der  Hauterzeugung  und  der  Hautverarbeitung ­
  geht  ein  zweites  Problem  Hand  in  Hand,  nämlich  das
Problem  der  für  technische  und  hygienische  Bedürfnisse  hinreichenden  und
billigen  Konservierung.  Primitive  Gerbemethoden,  wie  auch  Produkte ­
  einer  hoch  entwickelten  chemischen  Industrie  werden  gleichmäßig
zur  Lösung  dieser  Aufgaben  herangezogen.
st  Vgl.  zu  den  einzelnen  Teilen  von  30  und  31  die  jeweils  einschlägigen
früheren  Ausführungen.
        <pb n="350" />
        310

Der  Bedarf  an  H  ilfsstosfen  führt  uns  für  die  Weißgerberei  im
engeren  Sinne  zunächst  auf  den  Alaun.  Wir  haben  gesehen,  welch
weite  räumliche  Entfernungen  zu  überwinden  waren,  um  die  ganze
Weißgerberei  des  deutschen  Mittelalters  zu  ermöglichen,  weil  damals
zwar  das  Produktionsprinzip,  nicht  aber  die  Erzeugung  des  Haupthilfsstoffes ­
  die  Wanderung  ausgeführt  hatte;  diese  so  entstandene  weite
räumliche  Trennung  wieder  zu  beseitigen,  gelang  erst  dem  ausgehenden
Mittelalter,  und  erst  die  aufblühende  chemische  Industrie  des  19.  Jahrhunderts ­
  hat  die  Alaunproduktion  von  den  verhältnismäßig  wenigen
Vorkommen  des  Alaunschiefers  unabhängig  gemacht.
Interessante  Verhältnisse  der  ökonomisch-technischen  Einfügung  er-7"geben
  sich  für  die  vegetabilischen  Gerbstoffe.  Der  ursprünglich
eng  begrenzte  Kreis  der  vegetabilischen  Gerbstoffe  wurde  durch  die  Bemühungen ­
  des  18.  Jahrhunderts  wesentlich  erweitert,  bis  auch  hier  der
zunehmende  Bedarf  über  die  engen  Grenzen  der  heimatlichen  Erzeugung
hinauszugreifen  Veranlassung  gab;  der  Übergang  zu  gerbstoffhaltigen
ausländischen  Hölzern  führte  schließlich  zur  Herstellung  von  Gerbextrakten ­
  in  eigenen  großen  Fabriken,  welche  sich  dann  zwischen  Gerberei
und  Urproduktion  eingeschaltet  haben;  aber  das  hier  auftretende  Problem
der  Phlobaphene,  welches  erst  neuerdings  mit  Hilfe  von  Sulfitlaugen
befriedigend  gelöst  wurde,  ergab  die  Angliederung  der  Extraktfabrikation  an
die  Darstellung  von  Holzstoff,  also  an  einen  Zweig  der  Papierindustrie.
Für  Tran  haben  wir  eine  Wanderung  der  Herkunftsgebiete  durch
die  verschiedenen  Meere  der  Polarzonen  beobachtet,  aber  die  Verkettung
der  Gerberei  durch  diesen  Hilfsstoff  mit  der  Industrie  der  Fette  und
Öle  ist  ein  noch  im  Werden  begriffener  Bildungsprozeß.
Das  Eigelb  zeigt  vorerst  nur  die  auch  für  die  übrigen  Roh-  und
Hilfsstoffe  gültige  Aufeinanderfolge  der  beiden  Phasen,  daß  die  ursprünglich ­
  räumlich  nicht  getrennte  Erzeugung  von  Eigelb  und  von
Leder  durch  den  steigenden  Bedarf  weit  auseinander  gerückt  wurde;
auch  hier  hat  sich  eine  eigene  Industrie,  nämlich  die  Albnminfabrikation,
zwischen  Gerberei  und  Urproduktion  eingeschoben.  Eine  räumliche
Wiedervereinigung  dieser  beiden  technisch  zusammengehörigen  Produktionszweige, ­
  welche  wirtschaftlich  erwünscht  sein  muß,  und  zwar,
wenn  möglich  in  der  Form  eines  Ersatzstoffes  für  Eigelb,  ist  bisher
nicht  gelungen.
Die  Bedarfsdeckung  der  Glacegerberei  an  Mehl  erfolgt  immer
noch  nach  der  ursprünglichsten  und  ersten  Phase,  nämlich  aus  der
heimischen  Urproduktion,  soweit  natürlich  dieses  wichtige  Nahrungsmittel ­
  nicht  selbst  ausländischer  Herkunft  ist.
Den  weitesten  Fortschritt  im  Sinne  sowohl  des  hygienisch-wünschenswerten ­
  Ersatzes  als  im  Sinne  der  wirtschaftlich-wünschenswerten  räum-
        <pb n="351" />
        311

lichen  Vereinigung  hat  die  Erzeugung  der  Beizen  zu  verzeichnen.  Eine
selbständige  Industrie  gründet  sich  jedoch,  und  auch  hier  erst  seit  kurzem,
auf  die  Herstellung  der  Milchsäure;  während  bis  1895  der  geringe
Milchsäurebedarf  zum  Teil  durch  Einfuhr  aus  England  gedeckt  wurde,
entstanden  seit  1895  in  Deutschland  eigene  Spezialfabriken  *),  letztere
allerdings  nicht  allein  durch  den  Bedarf  der  Gerberei  hervorgerufen
und  ermöglicht.
Hier,  wie  auch  durch  den  Bedarf  von  Kalk,  Arsenik  und  Chemikalien ­
  steht  die  Gerberei  mit  dem  Bergbau  und  mit  der  chemischen
Industrie  in  Verbindung.
Der  Bedarf  der  Gerberei  an  Betriebsmitteln  hat  eine  weitere
Reihe  technischer  und  ökonomischer  Verkettungen  zur  Folge.  Im
Vordergrund  des  Interesses  steht  hier  der  Bedarf  an  Kraftmaschinen
und  zwar  dieser  Bedarf  weniger  deswegen,  weil  er  eine  Abhängigkeit
der  Gerberei  von  den  solche  Arbeitsmaschinen  erzeugenden  Jndustrieen
erkennen  läßt  —  letzteres  natürlich  auch  —,  sondern  hauptsächlich
deswegen,  weil  dieser  Bedarf  zwei  interessante  und  beachtenswerte
Konsequenzen  erzeugt.  Die  erste  Konsequenz  von  mehr  historischer
Bedeutung  ist  die  rechtliche  Einfügung  der  Gerberei  auf  Grund  der  zum
Betrieb  der  Walke  erforderlichen  Wasserkraft,  sowie  die  ökonomische
Einfügung  der  Gerberei  in  den  Kreis  der  Gewerbe,  welche  sich  der
Walke  als  eines  gemeinsamen  Produktionsmittels  bedienten  Die  zweite
Konsequenz  von  hervorragender  gewerbepolitischer  Bedeutung  ist  die
Zugänglichmachung  der  modernen  Arbeitskräfte  (Wasser,  Dampf,  Elektrizität ­
  usw.)  für  das  noch  bestehende  Handwerk  in  seinem  Existenzkämpfe
gegenüber  der  Industrie.  In  welchem  Umfange  das  möglich  und
vorhanden  ist,  habe  ich  oben  ausgeführt.
Die  Betrachtung  der  Arbeitsmaschinen  endlich  hat  ergeben,
welche  Menge  geistiger  Konstruktions-  wie  auch  technischer  Präzisionsarbeit
geleistet  werden  mußte,  und  noch  geleistet  wird,  um  Arbeitsmaschinen
herzustellen,  welche  gleichmäßig  dem  Geiste  des  zu  verarbeitenden
Rohmaterials  wie  auch  dem  Geiste  der  Maschine  entsprungen  sind.
Hiervon  hängt  es  wesentlich  mit  ab,  ob  sich  durch  Erreichung  der  neuen,
vollkommenen,  maschinellen  Harmonie  die  Weißgerberei  aus  einem  immer
noch  mehr  Manufakturellen  Charakter  wird  zur  Großindustrie  entwickeln
können;  damit  freilich  entscheidet  sich  auch  der  Kampf  zwischen  Industrie
und  Handwerk  weiterhin  zu  ungunsten  des  letzteren.  Beachtenswert
sür  die  Industrie  der  Arbeitsmaschinen  ist  ihr  Standort,  welcher,  wie
das  auch  bei  anderen  Jndustrieen  zu  beobachten  ist,  vom  Standort  der
Hauptverbraucher  abhängt;  da  aber  nur  die  Großindustrie  der  vege-1

 )  Dämmer  1911,  Bd.  I,  S.  674  f.

s )  Vgl.  S.  147  ff.
        <pb n="352" />
        312

tabilischen  und  Chromgerberei  in  genügender  räumlicher  Konzentration
vorkommt  um  einen  eigenen  Standort  einer  Gerbereimaschinenindustrie
zu  ermöglichen,  so  werden  die  Arbeitsmaschinen  der  Weißgerberei  ebenfalls
an  diesen  Standorten  hergestellt.
Wir  sehen  also  schon  aus  der  Betrachtung  des  Bedarfs  und
Betriebes,  welche  vielseitige  Einfügung  der  Gerberei  sich  in  den  internationalen ­
  Staatenverband  einerseits,  in  den  Kreis  der  diesen  Bedarf
deckenden  Produktionen  andererseits  ergibt.  Fast  noch  vielseitiger  und
mannigfaltiger  wird  diese  Einfügung  der  hier  in  Betracht  kommenden
Gewerbe  und  Jndustrieen  auf  Grund  ihrer  Haupt-  und  Nebenprodukte.
8  31.  Haupt-  und  Nebenprodukte.
Hauptprodukt  der  Gerberei  ist  die  gare  Haut;  da  aber  die  Bindesubstanzen ­
  der  Tiere  ursprünglich  das  einzige  dem  Menschen  zur  Verfügung ­
  stehende  Material  darstellen,  welches  mit  flächenhafter  Ausbreitung
und  geringer  Dicke  eine  große  Festigkeit  und  Geschmeidigkeit  verbindet,
so  ist  dieser  Gesichtspunkt  derjenige,  welcher  uns  den  mehr  tausendjährigen
Konkurrenzkampf  von  Ersatzstoffen  gegen  diese  natürlichen  flächenhaften
Materialien  verständlich  macht.
Auf  die  Herstellung  von  G  e  f  ä  ß  e  n,  Schläuchen  usw.  aus  Häuten
z.  B.  mit  Alaun  und  Teer  in  kaukasischen  Gegenden  wurde  mehrfach
hingewiesen,  und  es  bedeutet  eine  der  ersten  Kulturerrungenschaften,
wenn  das  Gewerbe  der  Töpferei  die  Gerberei  aus  diesen  Gebieten
verdrängt.
Die  Verwendung  der  tierischen  Haut  zu  Schreibmaterialien
entstammt  ebenfalls  verhältnismäßig  primitiven  Wirtschaftskreisen,  und
noch  bis  in  die  neuere  Zeit  herein  hat  sich  ein  eigenes,  oft  mit  der  Weißgerberei ­
  verbundenes  Gewerbe  speziell  mit  der  Herstellung  von  Schreibmaterialien ­
  aus  tierischen  Fellen  beschäftigt;  wir  haben  gesehen,  wie
lange  es  gedauert  hat,  bis  der  modernere  Schreibstoff  des  Papiers  den
älteren  Rivalen  aus  allen  Gebieten,  wie  Schreibmaterialien,  Tapeten,
Überzügen  von  Etuis,  Bucheinbänden  usw.  verdrängte,  um  damit  den
völligen  Ruin  eines  ganzen  Gewerbes  herbeizuführen.
Noch  nicht  überwunden  ist  dagegen  die  uralte  Verwendung  von
Leder  zu  Kleidungsstücken;  die  Sämischgerberei  leitete  vornehmlich
daraus  ihre  Existenz  ab,  und  erst,  als  die  billige  Baumwolle,  fabrikmäßig ­
  zu  Tuchen  verarbeitet,  die  billigen  Ersatzstoffe  für  Sämischleder
und  auch  für  Weißleder  lieferte,  ergab  sich  daraus  abermals  der  Untergang ­
  einer  Handwerkerkategorie.
Die  Verwendung  von  Leder  zu  Handschuhen  und  Schuhen
stellt  heute  den  letzten  Rest  des  ursprünglichen  Bekleidungssystemes  dar,
        <pb n="353" />
        313

und  auch  hier  hat  der  Ersatz  durch  gewebte  Stoffe  auf  dem  Gebiete
der  Handschuhindustrie,  in  der  Branche  der  Schuhfutter  und  auch  in
dem  speziellen  Gebiete  der  Tuchschuhe  den  Bedarf  an  Leder  beträchtlich
eingeengt;  daneben  besteht  natürlich  immer  noch  ein  sehr  bedeutender
Konsum  von  Leder  in  der  Schuh-  und  Handschuhlederindustrie  fort,
so  daß  sich  daraus  die  Neigung  der  Glacegerberei  zur  Kombination
erklärt,  und  speziell  die  Weiß-  und  Glacegerbereien  führen  einen  großen
Teil  ihrer  Produkte  dahin  ab.
Hier,  wie  auch  auf  dem  Gebiete  der  Sattlerei  und  Riemerei  kommt
aber  immer  stärker  der  Kampf  der  Produktionsprinzipien
untereinander  in  Betracht,  welcher  nach  seinem  heutigen  Stande  weite
Absatzgebiete,  welche  ehemals  der  Weißgerberei  zugeteilt  waren,  anderen
Gerbemethoden  eröffnet  hat.  So  sind  also  die  Verwendungsmöglichkeiten ­
  der  Hauptprodukte  der  uns  hier  interessierenden  Industriezweige
immer  weniger  und  immer  spezieller  geworden.  Gerade  der  umgekehrte
Vorgang  läßt  sich  für  die  Nebenprodukte  zeigen.
Wichtigstes  Nebenprodukt  der  Weißgerberei  ist  die  Wolle;  denn
die  auf  einem  Felle  sitzende  Wolle  besitzt  je  nach  Länge,  Qualität  und
Quantität,  wie  auch  nach  der  Art  der  Haarlockerung  oft  den  Wert  des
die  Wolle  tragenden  Felles.  Daraus  ist  es  verständlich,  daß  die  Pariser
Weißgerber  den  ganzen  Wollhandel  in  Händen  hatten 2 ),  daß  sie  die
Wolle  sortierten,  wuschen  und  verkauften;  deshalb  auch  haben  die
Pergamenter  oder  die  reinen  Sämischgerber  oft  ihr  Hauptrohmaterial,
nämlich  die  Felle,  in  der  Form  der  enthaarten  Blößen  von  den  Weißgerbern ­
  beziehen  müssen,  welche  den  einträglichen  Wollhandel  nicht  mit
anderen  Handwerkern  teilen  wollten.  Die  vielen  Bemühungen  der
Rotgerber,  die  Erlaubnis  zum  Enthaaren  der  Schaffelle  zu  erhalten,
sind  gleichfalls  daraus  zurückzuführen,  und  so  erklären  sich  auch  Gewerbsstreitigkeiten
  zwischen  Weißgerbern  und  Tuchmachern,  wie  die  oben  angeführte ­
  Nürnberger  noch  von  1847,  wo  ein  Weißgerber,  als  sein
eigentliches  Gewerbe  verödete,  zum  Verkaufe  kartätschter  Wolle  übergegangen ­
  war.  Gerberwolle  oder  Raufwolle,  wie  man  sie  auch  nennt,
spielt  heute  noch  eine  Hauptrolle  für  die  Weißgerbereien,  und  schon
beim  Einkauf  der  rohen  Felle  ist  die  darauf  sitzende  Wolle  mindestens
ebenso  ausschlaggebend  für  den  Preis  wie  die  Qualität  des  Felles
selbst.  Letzteres  ist  daher  ein  Punkt,  welcher  den  kleinen,  in  den
Konjunkturverhältnissen  der  Wollindustrie  nicht  ganz  bewanderten  Handwerkern ­
  ihr  Geschäft  schon  beim  Einkäufe  ihres  Hauptrohmaterials  erschwert. ­
  Größere  Weiß-  und  Glacegerbereien  haben  deshalb  ihren
Betrieben  stets  ziemlich  umfangreiche  Wollwäschereien,  Wolltrockeneinst

  Vgl.  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  7  ff.
2 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  130.
        <pb n="354" />
        314

Achtungen  und  Wollsortierereien  angegliedert,  und  ihr  Verfahren  der
Haarlockerung  richtet  sich  in  allererster  Linie  nach  der  Beschaffenheit
der  Wolle.  In  Bezirken  größerer  Weiß-  und  Glacelederindustrie  finden
sich  aus  eben  diesem  Grunde  eigene  Wollwäschereien  und  Wollkarbonifierungsanstalten
  zur  Entfernung  der  in  der  Wolle  sitzenden  Verunreinigungen, ­
  vegetabilischen  Abfallstoffen,  wie  Stroh,  Gras,  Holzfäserchen, ­
  Kletten  usw.  Desgleichen  ist  der  Sitz  von  Wollhändlern  im
Zusammenhange  dieser  Jndustrieen  verständlich.
Die  von  den  Fellen  und  Häuten  abfallenden  Haare  stellen  ein  im
Vergleich  zur  Wolle  viel  geringwertigeres  Produkt  dar,  welches  deshalb
auch  den  Jndustrieen  keine  Veranlassung  zu  so  eingehender  Berücksichtigung
bietet,  wie  dies  bei  der  Wolle  der  Fall  ist.
Ähnlich  wie  der  Wollverkauf  war  der  Verkauf  von  Hörnern  und
Klauen  in  der  zünftlerischen  Gewerbeverfassung  geregelt 1 ).  Die  Hauptabnehmer ­
  der  Hörner  waren  die  Kammacher.  Neuerdings  wird  die
Trennung  der  Haut  von  Horn  und  Klauen  schon  in  den  Schlächtereien
vollzogen,  und  daher  stehen  die  großen  Hörnerauktionen  von  Havanna-Hörnern,
  Mexiko-Hörnern,  Buenos-Aires-Hörnern,  Rio-Grande-Hörnern,
Liebig-Hörnern,  ungarischen  Ochsenhörnern,  Schafhörnern,  Rindsklauen,
spanischen  Hörnern,  um  nur  einige  wichtige  zu  nennen,  welche  meist  in
den  Hauptimportplätzen  stattfinden,  ziemlich  außer  Zusammenhang  mit
der  Gerberei.
Das  wichtigste  Abfallprodukl  der  Weißgerberei  neben  der  Wolle
bilden  die  rohen  Hautabfälle.  Hierher  gehören  die  Abschabsel  der
Weißgerber,  die  vom  Fell  abgestoßene  Narbe  hauptsächlich  der  Sämischgerberei ­
  und  endlich  die  beim  Vergleichen  an  Kopf,  Schwanz,  und  an
den  Extremitäten  abfallenden  Hautteile.
Auf  der  Eigenschaft  der  Lederabfälle,  sich  beim  Kochen  zu  Leim  zu
versieden,  beruht  die  Leimsiederei.  Da  Roßhäute,  Schweinshäute,
Hasen-  und  Kaninchenhäute  einen  nur  wenig  konsistenten  Leim  liefern,
während  Kalbfellköpfe,  Falzleimleder  und  die  Hautabfälle  von  Böcken,
Schafen,  Ziegen  als  Leimgut  hoch  geschätzt  sind^),  so  war  früher  die
Leimsiederei  hauptsächlich  an  die  Weißgerber  und  Pergamenter  angegliedert. ­
  Mit  der  Entwicklung  größerer  Betriebe  einerseits,  mit  dem
steigenden  Bedarf  an  Leim  in  den  Holzgewerben,  mit  den  verfeinerten
Bedürfnissen  nach  möglichst  klarem  Leim  und  Gelatine  in  den  Konditoreien, ­
  in  der  Appretur,  für  Hektographen  usw.,  mit  der  Herstellung
von  Leim  auch  aus  Knochen  andererseits  hat  sich  die  Leimsiederei  zu
einer  eigenen  Industrie  entwickelt,  welche  ihre  Zusammengehörigkeit  mit

')  Vgl.  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  116;  Nopitsch  1801,  S.  66;  Mummenhoff
1901,  S.  109.  2 )  Schuh  und  Leder  1903,  Nr.  23,  S.  25;  1904,  Nr.  39,  S.  37.
        <pb n="355" />
        315

der  Gerberei  in  ihrem  Standorte  zum  Ausdruck  bringt,  wenn  nicht
sogar  heute  noch  Gerberei  und  Leimsiederei  im  gleichen  Betriebe  verbunden ­
  sind  i).  Um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  befanden  sich
die  Leimsiedereien  in  den  Orten  starker  Ledermanufaktur,  so  in  Sachsen
in  den  Orten  Görlitz  und  Bautzen 2 ),  1845  war  in  Württemberg  ebenfalls ­
  die  Leimfabrikation  hervorragend  in  Reutlingen,  Metzingen,  Calw,
Göppingens,  und  1849  waren  in  Preußen  133  Leimsiedereien  vorhanden, ­
  davon  37  in  den  Bezirken  Köln,  Düsseldorf  und  Arnsberg,  36
in  der  Provinz  Sachsen,  21  in  der  Provinz  Brandenburgs);  daraus
ersieht  man,  daß  auch  Rotgerbereien  Anlaß  zu  Hauptsitzen  von  Leimlederfabrikation ­
  werden  können.
Trotz  des  Übergangs  zum  Knochenleim  wird  der  inländische  Leimbedarf ­
  weder  von  den  inländischen  Leimfabriken  noch  von  den  inländischen ­
  Haut-  und  Knochenabfällen  vollständig  gedecktes.  Daher  finden
eine  ganze  Reihe  moderner  Bestrebungen,  auch  gegerbte  Hautabfälle,  ja
sogar  chromgares  Leder  wieder  in  Leim  überzuführen,  in  einer  Reihe
von  Patenten  ihren  Ausdruck  °).  Die  deutsche,  besonders  württembergische
  Leimfabrikation  hat  sich  in  der  ersten  Hälfte  des  vorigen
Jahrhunderts  unter  der  Konkurrenz  der  französischen,  auf  rationelleren
wissenschaftlichen  Methoden  aufgebauten  Leimfabrikation,  so  wie  unter
dem  Einfluß  der  französischen  Zollpolitik  nur  langsam  entwickelt 7 ),  und
erst  der  allgemeine  Aufschwung  in  Deutschland  in  der  zweiten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  stellte  auch  die  deutsche  Leimlederindustrie  auf
einen  solideren  Boden  und  hat  sie  zu  einer  beachtenswerten  Größe
heraufgeführt.
Aber  mit  der  dadurch  bewirkten  Trennung  der  Leimfabrikation
von  der  Gerberei  sind  die  Leimfabrikanten  die  fast  alleinigen  Abnehmer ­
  des  Leimleders  geworden,  und  die  Gerber  sind  die  fast
alleinigen  Lieferanten  des  Ausgangsmateriales  der  Lederleimfabrikation.
Die  dadurch  entstandene  gegenseitige  Monopolstellung  hat  nicht  verfehlt,
ihre  Folgen  zu  zeitigen.  Das  Leimleder  wird  sehr  häufig  naß  versandt, ­
  es  wird  nach  dem  Gewicht  verkauft,  und  der  Gerber  ist  den
Leimfabrikanten  oder  Händlern  in  diesen  Fällen  ziemlich  in  die  Hand
gegeben,  weil  er  bei  Nichtakzeptierung  unberechtigter  Anstände  an  einer
eben  abgegangenen  Ladung  das  feuchte  Leimleder  durch  Rücksendung
oder  Einlagerung  dem  Verderben  aussetzt;  daher  befindet  sich  der  Gerber
9  Schuh  und  Leder  1897,  Nr.  42,  S.  29.  2 )  Rößig  1803,  Bd.  II.
3 )  Mahl  1845,  S  576.  4 )  A.  London  1853,  S.  463.
6 )  Vgl.  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  940ff.;  Jörisscn  1909,  S.  304.
°)  Vgl.  Zeitschrift  für  Angew.  Chemie  1808,  Si  2425;  Allgem.  Produktenzcitung
  1912,  S.  1070;  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  940f.
7 )  Mohl  1845,  S.  576.
        <pb n="356" />
        316

dem  Leimlederabnehmer  gegenüber  in  einer  Zwangslage,  welche  dem
Leimfabrikanten  oder  Händler  unter  Umständen  größere  unberechtigte
Abzüge  ermöglicht  *).
Die  Gerber  andererseits  suchen  einmal  diesen  Mißständen  möglichst
zu  begegnen,  dann  aber  auch,  wie  erwähnt,  durch  Bildung  von  Leimlederkartellen ­
  ihre  Monopolstellung  auszunutzen.  So  werden  in  den
Zeitschriften  die  verschiedensten  Vorschläge  gemacht:  Die  Gerber  sollen
ihr  Leimleder  trocknen,  um  dasselbe  dem  Weltmärkte  zugänglich  zu
machen  und  nicht  ausschließlich  auf  den  Absatz  nach  den  Leimfabriken
angewiesen  zu  sein.  Die  Gerber  sollen  Leimlederkartelle  bilden.  Und
die  Leimfabrikanten  andererseits  sollen  sich  zu  Einkaufsgenossenschaften
zusammenschließen,  wobei  die  Genossenschaften  das  Leimleder  immer  an
die  Nächstliegenden  Leimsiedereien  unter  größtmöglicher  Berücksichtigung
besonderer  Wünsche  auf  die  Mitglieder  verteilen  sollen  ch.
Ein  Punkt  verdient  hier  noch  Beachtung,  nämlich  der  Arsengehalt
der  Speisegelatine;  wir  haben  gesehen,  daß  zur  Haarlockerung  nicht
selten  Schwefelarsen  in  Verwendung  kommt,  und  daher  war  es  von
Bedeutung  nachzuweisen,  daß  die  aus  solchen  Hantabfällen  sowie  aus
den  Lederabfällen  der  Handschuhmacher  und  Sattler  hergestellte  Gelatine
zwar  nicht  als  arsenfrei  sich  erweist,  aber  doch  nur  unwägbare  Spuren
von  Arsen  enthält^).
Die  naturwissenschaftliche  Größe  des  menschlichen  Wissens,  wie
auch  seine  ökonomische  Fähigkeit,  mit  den  von  der  tätigen  Natur  künstlich ­
  aufgebauten  Substanzen  hauszuhalten,  offenbart  sich  am  ersten  und
vollkommensten  bei  der  Verwertung  der  Abfallstoffe.  Die  unvermeidliche ­
  Mineralisierung  der  organischen  Materialien  so  zu  lenken,  daß
die  einzelnen  aufeinanderfolgenden  Phasen  des  langsamen  Abbaues
immer  im  Dienste  der  menschlichen  Bedürfnisbefriedigung  einander  abzulösen ­
  gezwungen  werden,  erscheint  als  der  höchste  Ausdruck  seiner
vollkommenen  Kenntnis  vom  Werte  eines  scheinbar  nutzlosen  Abfallstoffes. ­
  Die  Überführung  der  Hautabfälle  in  Leim  stellt  einen  dieser
wünschenswerten  Prozesse  dar.  Gerade  das  letzte  Jahrhundert  hat  vermöge ­
  seiner  tiefer  dringenden  Erkenntnis  auf  diesem  Gebiete  Erstaunliches ­
  geleistet,  und  wir  wollen  im  folgenden  noch  eine  Reihe  solcher
Vorschläge  und  Versuche  betrachten.
Die  Verwendung  von  Hautabschabsel  zu  Futterstoffen  ist  ein
verhältnismäßig  alter  Gedanke.  Schon  Beckmann  erzählt  von  einem
Gerber,  welcher  Schweine  damit  mästete  H,  und  die  Verwendung  von

i)  Schuh  und  Leder  1904,  Nr.  37,  S.  37.  i)  2 )  Schuh  und  Leder  1900,  Nr.  48,  S.  29.
s )  Arb.  a.  d.  Kaiser!.  Gesundheitsamte  1911;  d.  Apoth.-Ztg.  1912.
«)  Beckmann  1796,  S.  283.
        <pb n="357" />
        317

Fleischmehl  zu  Viehfutter  J ),  von  Fleischmehl  aus  Handschuhleder  zu
Futterstoffen^)  sind  Ideen,  welche  immer  wieder  auftauchen.
Auch  die  Verwendung  zu  Düngemitteln  kommt  gelegentlich
vor.  Nach  einem  Patentanspruch  von  1908  wird  aus  dem  Enthaarungsschleim ­
  der  Gerbereien  durch  Einleiten  von  schwefliger  Säure  ein  eiweißartiger ­
  hochprozentigerstickstoffhaltiger  Dünger  gewonnen,  wobei  gleichzeitig
die  schädlichen  Sulfite  des  Schleims  und  des  Wassers  entfernt  werden 3 ).
Eine  ziemlich  große  Industrie,  welche  erst  neuerdings  durch  andere
Darstellungsverfahren  zurückgegangen  ist,  gründet  sich  auf  die  Verarbeitung ­
  von  Haut-,  Leder-,  Horn-,  Klauen-,  Fleisch-,  Blutabfällen  zu
Ammonsalzen,  Ammonkarbonat  für  Chlorammon  und  zu  Blutlaugensalz;
denn  die  wertvollen  Ammon-  und  Cyanverbindungen  entstehen
überall  da,  wo  eine  Verkohlung  oder  trockne  Destillation  stickstoffhaltiger
tierischer  Produkte  stattfindet;  solange  man  keine  anderen  Stickstoffquellen
  kannte,  waren  diese  tierischen  Abfallprodukte  das  alleinige  Ausgangsmaterial ­
  zur  Herstellung  von  gelbem  Blutlaugensalz,  welch  letzteres
dann  erst  in  die  einfacheren  Cyanverbindungen  übergeführt  wurde.
Eine  noch  größere  Mannigfaltigkeit  von  Verwendungsmöglichkeiten
als  die  rohen  tierischen  Abfallstoffe  bieten  die  gegerbten  Hautabfälle.
Auch  sie  suchte  man  früher  zur  Herstellung  von  Ammoniak  noch  einmal
dienstbar  zu  machen  4 ).  Man  hat  versucht,  aus  Lederabfällcn  Farbstoffe
herzustellen 3 );  auf  die  gelungenen  Versuche  zur  Herstellung  von  Leim
uns  gegerbten  Hautsubstanzen  wurde  hingewiesen,  und  ein  Patent  von
1909  hat  die  Herstellung  plastischer  Massen  aus  tierischen  Abfällen  von
Leder,  Haut,  Hufen,  Hornmassen,  Knochen  zum  Gegenstände 6 ).  Auch
zu  Düngemitteln  werden  Lederabfälle  in  großen  Mengen  verarbeitet').
Weitere  Verwendung  finden  Lederabfälle  zu  Lederwolle  oder
Ledergarn 3 ),  zu  Lederzementböden"),  zu  Lederfaser  als  Sohleneinlage"),
zu  gesponnener  Lederfaser,  welche  nach  dem  Weben  mit  Gummi  behandelt
wird,  um  dann  zu  Sohlen,  Absätzen  usw.  Verwendung  zu  finden"),  zu
Wärmeschutzmasse"),  zu  Lederkohle 13 ),  zu  Knöpfen  "),  zu  Pappe  oder
lederartigem  Papier");  endlich  haben  solche  Gedanken  immer  wieder
0  Gerber  1882,  Nr.  29,  2 )  Deutsche  Gerberzettung  1881,  Nr.  66.
3 )  Zeitschrift  für  Singern.  Chemie  1908,  S.  163.
4 )  Gerberzeitung  1880,  S.  237.  b )  Deutsche  Gerberzeitung  1879,  Nr.  86.
«)  Collegium  1909,  S.  44;  D.R.P.  Nr.  197196.
2 )  Vgl.  Ledermarkt  1907,  Nr.  80,  S.  16.
8 )  Deutsche  Gerberzeitung  1893,  Nr.  145.
9 )  Deutsche  Gerberzeitnng  1894,  Nr.  46.
’°)  Ledermarkt  1904,  Nr.  27,  S.  11.  ")  Ledermarkt  1904,  Nr.  24,  S.  23.
12 )  Deutsche  Gerberzeitung  1903,  Nr.  113.
u )  Ledertechnische  Rundschau  1910,  Nr.  18.
")  Deutsche  Gerberzeitung  1896,  S.  145.  “)  Keeß  1829,  Bd.  I,  S.  69.
        <pb n="358" />
        318

Veranlassung  gegeben,  aus  Abfällen  wieder  ganzes  Leder  zu  machen x ),
sogar  das  natürliche  Leder  durch  künstliche  Lederstoffe  zu  ersetzen^),
letzteres  freilich  Versuche,  welche  bis  jetzt  ein  brauchbares  Resultat  nicht
gezeitigt  haben.
Ein  außerordentlich  wichtiges  Moment,  welches  in  diesem  Zusammenhange ­
  erwähnt  werden  muß,  stellt  das  Problem  der  Lederentfettung
  dar.  Es  enthalten  nämlich  alle  Schafhäute  in  der  Rückenlinie ­
  und  am  Halse  eine  geringe  Fetteinlagerung,  welche  manchmal  so
stark  wird,  daß  sich  das  Schaffell  zum  Weißgerben  überhaupt  nicht
mehr  eignet;  solche  Schaffelle  werden  dann  braun  gemacht,  besitzen  aber  auch
dann  noch  an  den  Stellen  starker  Fetteinlagerung  eine  dunklere  Färbung
und  einen  unangenehm  fettigen  Griff,  sie  sehen  aus,  als  ob  sie  große
Fettflecke  hätten.  Solche  stark  fetthaltige  Schaffelle  waren  durch  das
ganze  Mittelalter  bis  in  die  neueste  Zeit  eine  Quelle  endlosen  Ärgers
und  nie  endender  Auseinandersetzungen.  Ein  Zusatzdekret  zur  Nürnberger ­
  Jrher-Ordnung  von  1608  besagt,  daß  die  Weißgerber  Macht
haben  sollen,  die  Felle,  welche  zu  ihrem  Handwerk  nicht  tauglich  sind,
den  Rotgerbern  oder  anderen,  welche  sie  verarbeiten  können,  „wie  von
alters  gebreuchlich"  zu  verkaufen 3 ).  Da  andere  Gewerbe  keine  Verwendung ­
  für  diese  Schaffelle  hatten,  befanden  sich  die  Weißgerber  den
Rotgerbern  gegenüber  in  einer  Zwangslage,  und  diese  führte  auf  Grund
der  Ausnutzung  der  Lage  durch  die  Rotgerber  regelmäßig  dazu,  daß
die  Weißgerber  diese  zum  Weißgerben  ungeeignete  Ware  selbst  mit  Lohe
braun  gerbten,  was  natürlich  als  Gewerbsübergriff  von  den  mißgünstigen ­
  Rotgerbern  stets  gerügt  wurde.  Noch  1818  Z,  sogar  noch
1842 5 ),  wurden  Weißgerber  wegen  solcher  Übergriffe  zur  Rede  gesetzt,
und  sie  gaben  unumwunden  zu,  braunes  Schafleder  gegerbt  zu  haben,
weil  man  beim  Einkauf  nicht  jedes  Fell  durchsehen  kann,  und  weil  sich
dann  diese  zum  Weißgerben  ungeeigneten  sog.  Speckhälse  darunter  befinden, ­
  welche  ihnen  von  den  Rotgerbern  nicht  abgenommen  werden.
Die  Lösung  dieses  Problems  der  Lederentfettung  ist  eine  Errungenschaft ­
  erst  der  letzten  10—15  Jahre.  Vornehmlich  in  England  versuchte ­
  man  zuerst  durch  warme  hydraulische  Pressung  der  von  Wolle
befreiten  nassen  Häute  die  Entfettung  zu  bewerkstelligen;  da  man  jedoch
auf  diese  Weise  nicht  alles  Fett  zu  beseitigen  imstande  war,  ging  man
in  den  großen  Etablissements  von  Argentinien  auf  die  Fettextraktion
mit  Benzin  und  Methylalkohol  über 3 );  zuerst  im  Anschluß  an  große
Gerbereien,  dann  als  selbständige  Lohn-Lederentfettungsbetriebe  ent--)
  Keeß  1829,  Bd.  I,  S.  67,  68,  69;  Almanach  1802,  S.  649.
-)  Keeß  1829,  Bd.  I,  S.  67  f.  »)  Nürnberg  1539,  Okt.  1608.
0  Rothenburg  1818,  1818.  °)  Rothenburg  1818,  1842.
o)  Allgemeine  Gerberzeitung  1904,  Nr.  6,  @.  2.
        <pb n="359" />
        319

standen  auch  in  Deutschland  derartige  Etablissements,  wo  in  riesigen
Extrakteuren  mehrere  hundert  Felle  mit  kaltem  Benzin  in  1—2  Stunden
extrahiert  werden,  worauf  in  geeigneten  Destillationsapparaten  eine
Regeneration  des  reinen  Benzins  und  eine  Ausscheidung  der  extrahierten
Fettsubstanzen  erfolgt.  Derartige  moderne  Betriebe  sind  besonders  im
Hinblick  auf  die  Erfüllung  der  Forderungen  von  Feuersicherheit  sehenswert, ­
  ihre  Rentabilität  ist,  da  die  Felle  bis  40°/,  (also  fast  die  Hälfte
des  Fellgewichtes!)  an  Cholesterinen  enthalten,  welche  zur  Seifen-  und
Kerzenfabrikation  Verwendung  finden,  eine  gute,  und  der  Standort
dieses  ganz  modernen  Industriezweiges  ist  selbstverständlich  auf  Hauptgerbereiplätze ­
  beschränkt.
Als  letztes  Abfallprodukt,  speziell  der  Weißgerberei,  kommt  noch  das
S  t  o  l  l  m  e  h  l  in  Betracht.  Ich  habe  am  Ende  des  ersten  Teiles  darauf
hingewiesen,  wie  wichtig  es  ist,  die  hohen  Ausgaben  für  das  feine  zum
Gerben  nötige  Mehl,  welches  beim  Stollen  der  Felle  fast  alles  wieder
ausgeschüttelt  wird,  zu  erniedrigen.  Wir  haben  dort  gesehen,  daß  an
Mehlquantität  und  -qualität  nicht  gespart  werden  kann.  So  erklären
sich  die  Versuche,  wenigstens  das  abfallende  Stollmehl  noch  zu  einem
angängigen  Preise  wieder  an  den  Mann  zu  bringen,  so  daß  der  Mehlbedarf ­
  einer  Glacegerberei  nur  noch  die  Kosten  zwischen  Einkaufspreis
des  reinen  Mehles  und  Verkaufspreis  des  Stollmehles  beträgt.  Das
Stollmehl  findet,  der  Zentner  allerdings  nur  um  wenige  Mark  verkauft, ­
  Verwendung  zu  Kleister  Z,  zu  Tapetenpappe  °),  zu  Viehfutter  und
zu  Weberschlichte 3 ).
Ein  Abfallprodukt  der  Sämischgerberei  stellt  das  sog.  Degras  dar;
es  besteht  aus  dem  beim  Walken  oxydierten  und  vom  Fell  nicht  gebundenen ­
  Tran,  welcher  nach  dem  Gerben  wieder  aus  dem  Fell  ausgewaschen ­
  werden  muß.  Dieses  Degras  trug  früher  trotz  seiner  Eigenschaften ­
  einer  geschätzten  Lederschmiere  doch  mehr  oder  weniger  den
Charakter  eines  Abfallstoffes,  während  heute  in  eigenen  Degrasfabriken
die  Überführung  des  Trans  in  Degras  fabrikmäßig  geleitet  wird,  so
daß  Sämischgerbereien  und  Degrasfabrikation  allerdings  auch  heute
noch  stets  verbunden  sind,  daß  aber  daneben  die  Herstellung  dieses
Produktes  als  selbständiger  Fabrikationszweig  vorkommt.
Zum  Schluß  sei  noch  hingewiesen  auf  die  Verwendung  der  abfallendenLohezu
  Düngemitteln  4 ),  zum  Räuchern 5 ),  vor  allen  Dingen
aber  ihre  Verwendung  zur  Lohheizung  °);  letzteres  hat  Veranlassung
gegeben  zur  Konstruktion  eigener  Lohepressen,  eigener  Lohefeuerungen,
0  Gerberzeitung  1882,  S.  254.  2 )  Gerber  1893,  S.  270.
8 )  Schmidt  und  Wagner  1905,  S.  475.  4 )  Gerbercourier  1891,  Nr.  22.
6 )  Deutsche  Gerberzeitung  1882,  Nr.  60.
°)  A.  London  1851,  Bd.  I,  S.  422  f.
        <pb n="360" />
        320

aber  die  Verwendung  der  abfallenden,  oft  ganz  gewaltigen  Lohemassen,
der  mit  vegetabilischen  Gerbstoffen  gerbenden  Gerbereien  ist  ein  Punkt,
welcher  hier  nur  kursorisch  gestreift  werden  darf,  da  er  seiner  hauptsächlichsten ­
  Bedeutung  nach  nicht  in  unser  Gebiet  gehört.
Wir  haben  nunmehr  die  große  Mannigfaltigkeit  der  Produkte,
welche  Eingang  in  der  Gerberei  finden,  kennen  gelernt,  wir  haben  Einblick ­
  gewonnen  in  die  technischen  Prinzipien,  unter  deren  Herrschaft
ihre  Vereinigung  und  Transformation  erfolgt.  Wir  haben  die  vielfältigen ­
  ökonomischen  Formen  kennen  gelernt,  welche  das  wirtschaftliche
Gefäß  zur  Durchführung  dieser  Produktionsprinzipien  darstellen.  Wir
haben  endlich  gesehen,  in  welcher  Form  diese  Materialien  den  Produktionsprozeß ­
  wieder  verlassen;  damit  hat  sich  für  uns  das  technische
und  wirtschaftliche  Bedingtsein  der  Weißgerberei  auf  Grund  ihres  Bedarfes ­
  und  Betriebes  wie  auch  auf  Grund  ihrer  Haupt-  und  Nebenprodukte ­
  ergeben,  und  wir  haben  nun  weiter  zu  betrachten,  wie  und  ob
diese  ökonomisch-technische  Einfügung,  welche  also  ein  inneres  Bedingtsein ­
  darstellt,  auch  äußerlich,  d.  h.  räumlich  und  sichtbar  zum  Ausdruck
kommt.  Da  aber  diese  topographische  Einfügung  der  Gerberei  mit
einer  ganzen  Reihe  sanitärer  Maßnahmen  im  engen  Zusammenhange
steht,  so  gibt  das  Veranlassung,  die  hygienische  Einfügung  im  Anschluß
an  die  topographische  zu  besprechen.
        <pb n="361" />
        4.  Teil.

Die  topographischen  und  hygienischen
Verhältnisse  der  Weihgerberei.
11.  Kapitel.
Die  topographischen  Verhältnisse  der  Meißgerberei.
32.  Die  Nürnberger  Jrherstrasze  des  14.—16.  Jahrhunderts.
Die  räumliche  Konzentration  gleichartiger  Handwerker  in  der  mittelalterlichen ­
  Stadt  bildet  die  selbstverständliche  Voraussetzung  aller  mittelalterlichen ­
  Gewerbebetrachtung  *).  Wir  wollen  versuchen,  im  folgenden
einen  näheren  Einblick  in  einen  solchen  Wohnplatz  gleichartiger  Handwerker ­
  zu  gewinnen,  und  zwar  wählen  wir  hiefär  die  Nürnberger  Jrherftraße;
  nämlich  die  Nürnberger,  weil  für  sie  Material  beschaffbar  war,
und  wir  wählen  die  Jrherstraße,  weil,  wie  üblich,  dieser  Stadtteil  seinen
Namen  von  den  Jrhern  herleitet,  unter  welchen  wir  die  Weiß-  und
Sämischgerber  kennen  gelernt  haben.
Das  unserer  folgenden  Betrachtung  zugrunde  liegende  Material
find  hauptsächlich  Besitzwechselurkunden,  daneben  auch  einige  Nürnberger ­
  Quellenschriften.
Die  Form  dieser  Urkunden  ist  etwa  die  folgende:
1391.  3.  Juli  verkauft  Konrad  Scherl  der  Ältere  im  Einverständnis
mit  seinem  Sohne  Konrad  Scherlein  dem  Jüngeren  dem  Konrad
Staynacher  „sein  erbe  an  dem  halben  teyle  des  Hauses  an  der
Jrhergazz  gelegen  zenehst  am  Vczen",  und  zwar  mit  Genehmigung
des  Niklas  Muffel  Vormunds  Görgen  Muffels,  dem  die  Eigenschaft
an  dem  Hause  zusteht  mit  l x / 2  Pfund  Haller,  einem  halben  Weck
zu  Weihnachten  im  Werte  von  18  Haller,  einem  halben  Lammsbauch
zu  Ostern  im  Werte  von  15  Hallern  und  einem  Fastnachthuhn
im  Werte  von  12  Hallers.
~  *  l )  Vergl.  S.  221  f.
2 )  Verzeichnis  der  aus  dem  Reichsarchiv  auSgeaniworteten  Urkunden  D  4,
I-  Nr.  48,  Stadtarchiv  Nürnberg.
Eber  t,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

21
        <pb n="362" />
        322

Diese  Besitzwechselurkunden  enthalten  also:
1.  Das  Datum.
2.  Den  Namen  des  Verkäufers.
3.  Den  Namen  des  Käufers.
4.  Das  Kaufobjekt.
5.  Den  Kaufpreis.
6.  Die  nach  mittelalterlicher  Art  übliche  Lagebezeichnung,  wobei
also  häufig  ein  Nachbar  oder  beide  Nachbarn,  manchmal  auch  noch  ein
Haus  vis-ä-vi8  oder  der  von  hinten  anstoßende  Nachbar  genannt  ist.
7.  Gelegentlich  die  auf  einem  Haufe  lastende  Hypothek.
8.  Gelegentlich  den  Hypothekengläubiger.
9.  Gelegentlich  den  Hypothekenzins,  welcher  im  14.  Jahrhundert
häufig  nur  in  Naturalien,  hin  und  wieder,  wie  im  obigen  Beispiel,  in
Geld  und  Naturalien,  später  nur  in  Geld  angegeben  ist.
10.  Gelegentlich  den  Kaufpreis  des  Hypothekenzinses;  es  werden
hier  merkwürdigerweise  nicht  die  Hypotheken  als  solche,  sondern  die  von
diesen  pflichtigen  Hypothekenzinsen  verkauft.  So  werden  z.  B.  am  17.  Juni
1510  verkauft  12  Rheinische  Gulden  Gattergeld  um  240  Rheinische
Gulden  *).  Wir  sehen  daraus,  daß  die  Hyothek  zu  5°/«  verzinst  wurde.
11.  Hin  und  wieder  eine  Bemerkung  über  den  Zustand  des  Hauses.
12.  Hin  und  wieder  das  Handwerk  der  in  der  betreffenden  Urkunde ­
  vorkommenden  Personen,  z.  B.  am  8.  Mai  1527  verkauft  Michael
Freyburger  Weißgerber.  .  .  .
Aus  diesen  Besitzwechselurkunden  nun  die  Jrherstraße  zu  rekonstruieren, ­
  gelingt  nicht,  vielleicht  deswegen,  weil  die  Urkunden  doch
zu  lückenhaft  erhalten  sind.  Vor  allem  aber  deshalb,  weil  im  14./15.  Jahrhundert ­
  die  Straße  nicht  ganz  ausgebaut  war,  weil  hier  zwischen  einzelnen ­
  Häusern  größere  Zwischenräume  unbebaut  als  Hofräume  lagen;
eine  ältere  Besitzwechselurkunde  gibt  dann  als  Nachbarn  das  jenseits
des  Hofes  liegende  Haus,  und  wenn  dann  in  diesem  Hofe  ein  Haus
entsteht,  so  gibt  eine  jüngere  Besitzwechselurkunde  nicht  mehr  den  Nachbarn ­
  der  älteren  Urkunde,  sondern  den  neu  entstandenen  Nachbarn  an;
da  man  aber  —  und  hier  macht  sich  eben  die  Lückenhaftigkeit  geltend  —
nicht  immer  klarstellen  kann,  ob  der  neue  Nachbar  der  rechtliche  Nachfolger ­
  des  früheren  ist,  oder  ob  es  der  Besitzer  eines  neu  entstandenen
Hauses  ist,  so  ist  man  nichtentscheidbaren  Vermutungen  und  Zweifeln
preisgegeben,  welche  es  unmöglich  machen,  ein  Bild  der  Jrherstraße  in  der
Weise  zu  entwerfen,  wie  dies  etwa  ein  modernes  Adreßbuch  zeigt.
Letzterer  Punkt  ist  indessen  nicht  so  wichtig,  da  wir  uns  aus

*)  Libri  litt.,  XXV,  Bl.  152  a—163  b;  Stadtarchiv  Nürnberg.
        <pb n="363" />
        323

andere  Weise  helfen  können;  denn  für  unsere  Betrachtung  ist  es  offenbar
weniger  wesentlich,  konstatieren  zu  können,  „in  Hausnr.  1  wohnt  Herr  M.,
in  Hausnr.  2  Herr  N.  usw.",  als  vielmehr  etwa  sagen  zu  können,
„in  der  Jrherstraße  wohnen  um  die  Wende  des  14.  Jahrhunderts
x  Weißgerber,  y  Handwerker  bekannter  Profession,  z  Handwerker  oder
Bürger  unbekannter  Profession".  Damit  ist  unsere  Aufgabe,  welche
sich  den  Inhalt  der  Jrherstraße  zu  einer  bestimmten  Zeit  zum  Gegenstand ­
  macht,  gelöst.
Die  Lösung  dieser  Aufgabe  stößt  nun  zunächst  auf  Schwierigkeiten;
denn,  wie  obiges  Beispiel  zeigt,  ist  der  Beruf  von  Käufer  und  Verkäufer ­
  sehr  häufig  nicht  angegeben,  und  nur  hin  und  wieder  finden
wir  einen  Vermerk,  daß  ein  Jrher,  ein  Weißgerber,  ein  Bäcker,  ein
Schreiner  als  Verkäufer,  Käufer  oder  Nachbar  auftritt.  Hier  nun
kommen  uns  die  Nürnberger  Meisterbücher  zu  Hilfe.  Wenn  man
nämlich  diese  Besitzwechselurkunden  mit  den  Meisterbüchern  kombiniert,
dann  läßt  sich  von  jedem  Einzelnen  —  nach  den  Besitzwechselurkunden
unbekannter  Profession  —  folgendes  aussagen:
1.  Es  ist  sicherlich  kein  Jrher  oder  Weißgerber;  oder
2.  Es  ist  ein  Jrher  oder  Weißgerber.
Dieser  wurde  Jrher-  oder  Weißgerbermeister  im  Jahre  .  .  .,  und
damit  zerfallen  die  in  den  Besitzwechselurkunden  genannten  Personen
in  drei  Kategorieen,  nämlich
1.  Jrher,  welche  sich  entweder  aus  den  Besitzwechselurkunden  oder
nach  den  Meisterbüchern  als  solche  charakterisieren.  Alle  in  den  Besitzwechselurkunden ­
  als  Jrher  oder  Weißgerber  bezeichneten  Personen  habe
ich  auch  in  den  Meffterbüchern  als  solche  bestätigt  gefunden.
2.  Handwerker  bekannter  Profession,  wenn  in  den  Besitzwechselurkunden ­
  ihre  Profession  angegeben  ist;  also  sicherlich  keine  Jrher.
3.  Handwerker  oder  Bürger  unbekannter  Profession,  aber  sicherlich ­
  keine  Jrher.
Zerlegen  wir  also  die  in  den  Besitzwechselurkunden  auftretenden
Personen  in  diese  drei  Kategorieen,  so  ergibt  sich  für  uns  —  natürlich ­
  immer  die  mögliche  Lückenhaftigkeit  der  Urkunden  berücksichtigend  —
der  Inhalt  der  Jrherstraße  an  Gewerbetreibenden  für  einen  bestimmten
Zeitraum.
Aber  wir  können  aus  diesen  Urkunden  durch  systematische  Zusammenstellung ­
  noch  mehr  ersehen.  Nachdem  wir  nämlich  mit  Hilfe  der  Meisterbücher ­
  alle  vorhandenen  Jrher  ermitteln  können,  können  wir  auch  eine
Aussage  darüber  machen,  ob  und  wann  Jrher  als  Käufer  bzw.  als
Verkäufer  auftreten;  d.  h.  wir  können  sehen,  ob
1.  ein  Jrher  von  einem  Nicht-Jrher  kauft,

21*
        <pb n="364" />
        324

2.  ein  Jrher  von  einem  Jrher  kauft,
3.  ein  Nicht-Jrher  von  einem  Jrher  kauft,
4.  ein  Nicht-Jrher  von  einem  Nicht-Jrher  kauft.
Als  Symbole  dieser  vier  Möglichkeiten  von  Besitzwechseln  wollen
wir  folgende  vier  Zeichen  einführen:

Besitzwechselrichtung
1.  —W,  d.  h.  also
2.  W-W  „  „  „

Verkäufer  Käufer
Nicht-Jrher  Jrher
Jrher  Jrher
Jrher  Nicht-Jrher
Nicht-Jrher  Nicht-Jrher

Unter  Berücksichtigung  aller  dieser  Verhältnisse  können  wir  nun
diese  große  Anzahl  wenig  übersichtlicher  Besitzwechselurkunden  auf
folgende  Weise  in  ein  leicht  übersichtliches,  alle  uns  interessierenden
Punkte  enthaltendes,  räumlich  sehr  konzentriertes  Schema  bringen:

Erste  Periode.

Anno
1362?
1362

Bcsitzwechsel


Jrher

Unbekannter  Profession
(Rudolt  Sahs)
(Conrad  Gabler)

1389

—

Heinrich  Münzer
(H.  v.  Stern)
(H.  Stainacher)
(C.  Stainacher)

1391
1407

Vtz?

K.  Scherl  d.  Ältere
K.  Scherlein  d.  Jüngere
K.  Staynacher
Murr
(H.  Koburger)
(P.  Steynacher)
(E.  Unru)

1417

—

K.  Wetzlin
H.  Arnolt
Arnolts  Erben
(Pfaffenrenther,  Bäcker?)

Bekannter
Profession
')
2 )
3 )

4 )

5 )
6 )

Mit  dieser  allerdings  sehr  lückenhaften  Aufzählung  können  wir  eine
erste  Periode  der  Jrherstraße  abschließen.  Von  den  18  im  Zusammen-*)

  nimmt  Stromer  in  seinem  „Puckel  von  meim  geslechet  und  von  abentewr",
1349—1407.
2 )  Lochn«  Norica,  Bd.  I,  S.  13;  Original  noch  im  Besitze  des  Hausinhabers.
3 )  Lochn«  Norica,  Bd.  I,  S.  14.
*)  Verzeichnis  der  aus  dem  Reichsarchiv  ausgeantworteten  Urkunden  D  4,
I.  Nr.  48,  Stadtarchiv  Nürnberg.
e )  Lochn«  Norica,  Bd.  I,  S.  15;  Original  noch  im  Besitze  des  Hausinhabers.
°)  Lochn«  Norica,  Bd.  V,  S.  39  s.
        <pb n="365" />
        325

hange  mit  dem  Jrherbad  oder  der  Jrherstraße  genannten  Namen  (das
Jrherbad  selbst  und  seine  Besitzer  schließen  wir  im  folgenden  von  unseren
Betrachtungen  aus)  ist  nach  dem  Meisterbuch  vielleicht  nur  e  i  n  e  r  ein  Jrher.
Wir  beobachten
8  Namen,  deren  Träger  in  der  Jrherstraße  wohnen,  aber  sicherlich
keine  Jrher  sind,
8  Namen,  deren  Träger  nur  mit  zweifelhafter  Sicherheit  in  der  Jrherstraße ­
  wohnen;  sicherlich  keine  Jrher,
1  Namen,  dessen  Träger  vielleicht  ein  Bäcker,  sicherlich  kein  Jrher  ist,
1  Namen,  von  dessen  Träger  es  fraglich  ist,  ob  er  ein  Jrher  ist.
Ulman  Stromer  erwähnt  in  seinem  „Pückel  von  meim  geslechet
und  von  abentewr"  (1349—1407)  einen  "Rudolt  Sahs  bey  der  erherfiuben"
  *);  1362  verkaufen  Hans  vom  Stern  und  seine  Frau  Anna
dem  Hermann  Stainacher  „ir  aigen  bei  der  Jrherpadstuben  am  egk" 2 ),
und  wenn  nicht  in  diesen  Urkunden  die  Worte  „erherstuben",  „Jrherpadstuben" ­
  vorkommen  würden,  könnten  wir  auf  Grund  der  Zusammenstellung ­
  der  obigen  ersten  Periode  hier  überhaupt  nicht  nach
Jrhern  suchen.
Es  sind  Besitzwechsel,  deren  keiner  zwischen  Jrhern  vorgeht;  ob
Jrher  um  diese  Zeit  hier  wirklich  gewohnt  haben,  geht  nicht  aus  den
Urkunden  hervor;  denn,  wie  erwähnt,  ist  merkwürdigerweise  von  den
18  im  Zusammenhang  mit  der  Jrherstraße  und  dem  Jrherbad  genannten ­
  Namen  nach  dem  Meisterbuch  nur  einer  ein  Jrher,  und  selbst
hier  ist  es  fraglich,  ob  der  Seitz  Vtzz  des  Meisterbuches  mit  jenem  Vcz
identifiziert  werden  darf.
Gehen  wir  nnn  über  zur  Betrachtung  der  zweiten  Periode,  welche
wir  in  der  Besiedlung  der  Jrherstraße  unterscheiden  können.  Diese
beginnt  erst  mit  dem  Jahre  1464,  und  hier  wird  nun  die  Zahl  der
Besitzwechsel  häufiger.

Zweite  Periode.

Anno

Besitzwechsel


Jrher

nnbck.  Profession

bekannter  Profession

1465

C.  Hvfler

°)

1464

4 )

1470

-W

H.  Scherl

E.  Hcntz

F.  Gerlach,  Schreiner

°)

1484

—

C.  Scherl

L.  Gerlach

')

0  Städtechroniken,  Bd.  I,  S.  92.  *)  Lochner  Norica,  Bd.  I,  S.  13.
3 )  Bibl.  des  Otter.  Vereins  zu  Stuttgart,  Bd.  LXIV,  S.  263.
4 )  Ebenda,  Bd.  LXIV,  S.  260.
6 )  Urkundenzugangsverzeichnis,  Nr.  1293,  Stadtarchiv  Nürnberg.
6 )  Stadtarchiv  Nürnberg,  Libri  litt.,  III,  Bl.  1b.
        <pb n="366" />
        326

*

Anno

Besitzwechsel ­


Jrher

unbek.  Profession

bekannter  Prosession

1484

—

N.  Mullner,  Pfragner
H.  K.  Mullner,  Pfragner

')

1487

—

Krafftshover

Spallter

Bäcker

2 )

1488

H.  Gugler
F.  Bayer

C.  Bernreuter,  Beck

*)

1488

—W

I.  Müllner

P.  Kröner

4 )

St.  Wolff

F.  Mor

1488

E.  Englin
H-  Hofer
F.  Gering

5 )

1488

—

Wansitzer

M.  Rauscher,  Beck

')

1490

-W

H.  Straffer
F.  Hosman
F.  Gebhart

F.  Hoffman,  Taschner

*)

1495

H.  Dietrich,  Pfragner'
H.  Füllsack,  Beck

8 )

1496

-W

D.  Schmid

I.  Grieb

e )

1496

—

C.  Rudolfs

10 J

C.  Offner
C.  Offner
W.  Rauscher

1497

I.  Karl

1498  —

H.  Kraus,  Hufschmied

1501  H.  Trümmer

C.  Gerzner,  Pfragner

1S )

1601  —W  C.  Burger

F.  Pollner,  Schneider

“)

F.  Hebenstreyt
M.  Graff

1503  —W  H.  Beck

H.  Eckstain

U)

1504  —

Kretz

ie )

—

Wegelein

1505  —W  B.  Koch

Lotter
P.  Schnurlein

n )

1505  W—W  S.  Kroner

M.  Lewein

1S )

1509  -W  P.  Puhler

F.  Frobelein

19 )

H.  Neudorffer

M.  Thauen

1510  —

H.  Guglein

20)

Ebenda,  II,  Bl.  80  b.

2 )  Ebenda,  III,  Bl.  241b.

3 )  Ebenda,  V,  Bl.  139b.

4 )  Urkundenzugangsverzeichnis,  Nr.  207,  Stadtarchiv  Nürnberg.

s )  Stadtarchiv,  Libri  litt.,  III,  Bl.  244.  °)  Ebenda,  V,  Bl.  74.

’)  Ebenda,  VII,  Bl.  200.

8 )  Ebenda,  XII,  Bl.  144  b.

»)  Ebenda,  XI,  Bl.  174  b.

10 )  Ebenda,  XIII,  Bl.  110  u.  188  b.

")  Ebenda,  XI,  Bl.  220  b.

")  Ebenda,  XV,  Bl.  88.

")  Ebenda,  XVII,  Bl.  104  b.

Ebenda,  XVII,  Bl.  145  b.

1°)  Ebenda,  XX,  Bl.  35  b.

Ebenda,  XX,  Bl.  160.

17 )  Ebenda,  XIX,  Bl.  120.

18 )  Ebenda,  XXI,  Bl.  118.

"&amp;gt;)  Ebenda,  XXV,  Bl.  66  b.

2 °)  Ebenda,  XXV,  Bl.  152  a—153  b.
        <pb n="367" />
        327

n  Besitz-Ann°
  Wechsel

Jrher  unbek.  Profession

bekannter  Profession

1511  —

C.  Diebold

M.  Münzer

')

—W

H.  Walther
H.  Walther

G.  Münzer

1511  —W

H.  Seufferlein

H.  SÄinagel

H.  Koler,  Maler

2 )

1512  —

K.  Kolbin

3 )

—

M.  Ketzel

1512

V.  Franck
S.  Gebhart

4 )

1514  —W

H.  Neudorffer

6 )

1514  —W

W.  Locher

H.  Kulmbach
M.  Schurlingerin

°)

1516  —

U.  Laur
F.  Düring
H.  Frannck

7 )

1517  —

P.  Gerung

Locheysen,  Schmied

8 )

1517  —W

F.  Sachs

H.  Scherl

°)

1522  W-W

H.  Jacob
H.  Peck

i°)

1522  —

U.  Armaurer
K.  Schmutterherr
B.  Flick
F.  Neumair

“)

1524  W-W

U.  Schmidner

H.  Puyler
M.  Taurer

12 )

1525  W—

Th.  Hofmann

")

—W

B.  Graf
H.  Sachs

1526  —W

M.  Freybolt
P.  Schwirls

E.  Redell,  Lederer

U)

1526  W-W

H.  Murr
K.  Lützner

W.  Sick

15)

Von  1470—1526,  also  für  56  Jahre,  gehen  36  beobachtete  Besitzwechsel ­
  aus  den  Urkunden  hervor.
Von  den  verschiedenen,  hier  genannten,  in  der  Jrherstraße  wohnhaften ­


8 )  Ebenda,  XXVII,  Bl.  150b,  =)  Ebenda,  XXVII,  Bl.  73  b—74  b.
8 )  Ebenda.  XXVII,  Bl.  90  b.  *)  Ebenda,  XXVII,  Bl.  231.
5 )  Ebenda,  XXIX,  Bl.  74.  «)  Ebenda,  XXVIII,  Bl.  165.
7 )  Ebenda.  XXXI,  Bl.  107  b—108.  8  *  10  *  12  * )  Ebenda,  XXXI,  Bl.  79.
•)  Ebenda,  XXXI,  Bl.  69.
10 )  Stadtarchiv  Nürnberg,  Urkundenzugangsverzeichnis,  Nr.  208.
u )  Stadtarchiv  Nürnberg,  Libri  litt.,  XXXVI,  Bl.  104.
12 )  Ebenda,  XXXVI,  Bl.  183.  1S )  Ebenda,  XXXIX,  Bl.  31.
")  Ebenda,  XXXVIII,  Bl.  170.  Ebenda,  XXXIX,  Bl.  149  b.
        <pb n="368" />
        328

98  Personen  sind
36,7«/«  36  Jrher,
47,9«/«  47  unbekannter  Profession,  sicherlich  keine  Jrher,
15,4«/«  15  bekannter  Profession,  sicherlich  keine  Jrher.
Von  letzteren,  so  beim  Bäcker  und  beim  Schmied,  ist  anzunehmen
—  und  das  geht  auch  teilweise  aus  den  Urkunden  hervor  —,  daß  es
die  Besitznachfolger  der  gleichen  Bäckerei  bzw.  Schmiede  sind.  Immerhin
ist  bemerkenswert,  daß,  während  wir  in  der  ersten  Periode  einen  Jrher
mit  Sicherheit  nicht  beobachten  konnten,  hier  jetzt  Jrher  auftreten,  und
zwar  sind  es  nur  36,7«/«;  die  übrigen  63,3«/«  der  beobachteten  Einwohner ­
  der  Jrherstraße  sind  sicherlich  keine  Weißgerber  oder  Jrher.
Mit  diesen  Zahlen  stimmen  nun  auch  die  Richtungen  der  Besitzwechsel ­
  ausfallenderweise  überein,  und  diese  Übereinstimmung  verleiht
den  Zahlen  der  ersten  Periode,  trotz  der  Lückenhaftigkeit  der  Urkunden,
einmal  den  Charakter  ziemlicher  Richtigkeit,  dann  aber  orientieren  uns
die  Richtungen  dieser  Besitzwechsel,  daß  erst  in  dieser  Periode  eine
stärkere  Besiedlung  der  Jrherstraße  durch  Jrher  stattgefunden  haben
muß.  Wenn  wir  nämlich  die  Symbole  der  Besitzwechselrichtungen  betrachten, ­
  so  sehen  wir,  daß  von

36  Besitzwechseln
44,4«/«  16  Besitzwechsel  zwischen  Nicht-Jrhern,
41,7«/«  15  Besitzwechsel  von  Nicht-Jrhern  an  Jrher,
11,1«/«  4  Besitzwechsel  von  Jrhern  an  Jrher,
2,8°/«  1  Besitzwechsel  von  Jrher  an  Nicht-Jrher

vor  sich  geht.  52,8«/«  aller  Besitzwechsel  finden  also  an  Jrher  statt,
davon  41,7«/«  von  Nicht-Jrhern  an  Jrher.  Man  kann  hier  somit  verfolgen, ­
  wie  sich  die  Jrher  in  die  Jrherstraße  einkaufen,  wie  sie  dort
Häuser  sich  erwerben,  wie  sich  die  Jrherstraße  langsam  mit  Jrhern
bevölkert.
Daneben  findet  nur  ein  einziger  Besitzwechsel  von  einem  Jrher
an  einen  Nicht-Jrher  statt.
Diese  Resultate  nun  sind  es  gerade,  welche  den  Ergebnissen  der
ersten  Periode  ein  erhöhtes  Interesse  verleihen;  wir  haben  dort  mit
Sicherheit  einen  Jrher  nicht  nachweisen  können,  und  diese  zweite  Periode
besagt  uns  nun,  daß  Jrher  unter  den  Haus  vertäu  fern!  fast  nicht
auftreten,  daß  also  vor  dieser  Periode  auch  nur  wenige  Jrher  dort  gewohnt ­
  haben  können.  Und  gerade  das  ist  auch  das  Resultat,  welches
wir  aus  der  ersten  Periode  gezogen  haben.  Der  einzige  Besitzwechsel,
welcher  in  der  Richtung  Jrher-^Nicht-Jrher  vor  sich  geht,  findet  erst  am
Ende  der  Periode  statt,  und  auch  die  4  Besitzwechsel  in  der  Richtung
        <pb n="369" />
        329

Jrher-&amp;gt;Jrher  werden  erst  in  der  zweiten  Hälfte  dieser  Periode  beobachtet. ­

Nun  zur  dritten  Periode!

Dritte  Periode.

Anno

Besitzwechsel ­


Jrher

unbck.  Profession

bekannter  Professioir

1527

W—

H.  Kratzer

H.  Scherl,  Goldschlager

1 )

1528

—

C.  Gertzner

H.  Kurtz,  Kürschner

2 )

U.  Hurn

Siebentürme

1528

—

H.  Hofer

N.  Lorentz,  Kürschner

3 )

I.  Hoffmann

1639

W—

H.  Hamel

—

N.  Scherl,  Nagler

1540

—

—

4 )

1544

—

E.  Scherl

Th.  Schweitz,  Weinsch.

°)

1549

S.  Spalter

H.  Gerstner,  Schreiner

°)

I.  Sturm

I.  Spalter

E.  Gotz,  Taschner

1555

H.  Maier

—

7 )

1563

L.  Freiberger

—

H.  Schoner,  Kürschner-8

 )

H.  Koch

—

1568

—

—

tz.  Reuter,  Hufschmied

9 )

Schwarz  Kreuz

Rudolfs

1584

S.  Richter

G.  Haß,  Krämer

i°)

1593

SB—

SB.  Hund

“)

—

H.  Richter

1596

—

N.  Hordtorf,  Büttner

I2 )

1662

—

H.  Nürnberger

H.  Gundling,  Sattler

1605

—

K.  Kindsperger

F.  Drechsel,  Steinmetz

ls )

—

M.  Hirndel,  Windenmacher

—

Goldener  Pelikan

1607

—

Rothes  Rößlein

“)

»

H.  Stegnitz

H.-Murr,  Pfragner

16 )

P.  Hofmann,  Psragner
H.  Stahl,  Gesalz.  Fischer

')  Ebenda,  XLI,  Bl.  19  b.  2  3  4  * )  Ebenda,  XLII,  Bl.  66  b.
3 )  Ebenda,  XLII,  Bl.  101.
4 )  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Urkundenzugangsverzeichnis,  Nr.  1926—87.
s )  Ebenda,  Nr.  1929.  6  *  *  *  *  *  * )  Originalurkunde  im  Besitze  des  Hausinhabers.
')  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Urkundenzugangsverzeichnis,  Nr.  209.
8 )  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Rep.  87,  Nr.  449.
°)  Lochner  Norica,  Bd.  VII,  S.  734.
10 )  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Rep.  87,  Nr.  454.
")  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Urkundenzugangsverzeichnis  Nr.  1909.
12 )  Ebenda.  13 )  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Libri  litt.,  CXIII,  Bl.  158  b.
14 )  Ebenda,  Bd.  CXVIII,  Bl.  53  b.
15 )  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Bauamt  VII  a,  35;  Libri  litt.,  CXIX,  Bl.  105  b.
        <pb n="370" />
        330

Anno

Besitzwechsel ­


Jrher

unbek.  Profession

bekannter  Profession

1608

—

H.  Stainlein

M.  Schad,  Händler

0

H.  Bischof

P.  Sitzinger,  Goldschmied

*)

1612

Keeßbauer,  Wirt
H.  Jäger,  Salz.  Eisen
E.  Lochner,  Ges.  Fisch.

1615

W-H.

  Eißenhuet

B.  Albrecht

H.  Säur,  Blattschlosser

s )

H.  Hartmann

H.  Murr,  Pfragner

1620

H.  Deßler,  Pfragner
G.  Schirnbeck,  Pfragner
H.  Bischof,  Krämer

*)

1624

—

H.  Backofen

H.  Pfintzing,  Kartenmacher

6 )

1625

—

T.  Roth

H.  Mußmühl,  Sattler

')

1628

—

A.  Schneidew.,  Weinschenk

0

—

W.  Fleischmann,  Garkoch

1641

—

Weißer  Adler

—

H.  Weiß,  Handelsmann

—

H.  Kenschner,  Schreiner

Merkwürdig  scharf  geschieden  von  der  vorhergehenden  zweiten
Periode  ist  also  diese  dritte  Periode  der  Jrherstraße,  welche  wir  auf
Grund  der  Besitzwechselrichtungen  und  auf  Grund  der  Besiedlung
unterscheiden  müssen.  Es  stellt  sich,  wie  wir  sehen,  heraus,  daß,  wie
mit  einem  Schlage,  von  1527  ab  Jrher  als  Käufer  nicht  mehr  auftreten. ­
  Betrachten  wir  nunmehr  die  Verhältnisse  im  einzelnen!
Von  1527  bis  1641,  also  für  114  Jahre,  ergeben  sich  26  Besitzwechsel ­
  aus  den  Urkunden.  Von  den  verschiedenen,  hier  im  ganzen
genannten,  in  der  Jrherstraße  wohnhaften
58  Personen  sind
12,1  °/,  7  Jrher.
32,7  0/&amp;lt;,  19  unbekannter  Profession,  bis  1571  sicherlich  keine
Jrher,
55,3  ®/,  32  bekannter  Profession,  sicherlich  keine  Jrher.
Es  treten  also  nur  noch  12°/,  Jrher  auf  gegen  36°/,  in  der
früheren  Periode.  Die  Zahl  der  Jrher  hat  somit  stark  abgenommen,
und  damit  stimmt  nun  wiederum  die  Richtung  der  Besitzwechsel  überein:
Wir  sehen,  daß  von  den  *  7

*)  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Libri  litt.,  CXX,  Bl.  174  b.
-)  Ebenda,  CXXIII,  Bl.  112.  3 )  Ebenda,  CXXVII,  Bl.  66  b.
‘)  Ebenda,  CXXXII,  Bl.  63  b.
°)  Ebenda,  CXXXVI,  Bl.  178  b—180  a.
«)  Ebenda,  CXLII,  Bl.  186b.
7 )  Originaler  Kaufbrief  im  Besitze  des  Hausinhabers.
        <pb n="371" />
        331

26  Besitzwechseln
84,6  °/o  22  Besitzwechsel  zwischen  Nicht-Jrhern,
15,4  %  4  Besitzwechsel  von  Jrhern  an  Nicht-Jrher,
0,0  °l 0  0  Besitzwechsel  von  Jrhern  an  Jrher,
0,0  %  0  Besitzwechsel  von  Nicht-Jrhern  an  Jrher
stattfinden.  Es  stellt  sich  also  heraus,  daß  die  Jrher  die  Jrherstraße
wieder  verlassen,  ihre  Häuser  gehen  in  den  Besitz  anderer  Handwerker ­
  über.
Wie  die  Tabelle  zeigt,  wird  nunmehr  auch  der  Charakter  der
I  r  h  e  r  st  r  a  ß  e  ein  völlig  anderer.  Die  Zahl  der  Handwerker  unbekannter
Prosession  hat  stark  abgenommen  und  es  wird  uns  enthüllt,  welch
reiches  Gewerbsleben  in  dieser  kleinen  und  engen  Straße  vorhanden
ist.  Vor  allen  Dingen  erscheinen  seit  1528  eine  ganze  Reihe  von
Wirtshäusern  und  Weinschenken;  diese  große  Zahl  der  Wirtshäuser,
die  Siebentürme,  Schwarz  Kreuz,  Rudolff,  Goldener  Pelikan,  Rothes
Rößlein,  Weißer  Adler,  dann  die  Weinschenken  passen  gut  zu  dem
Ratserlaß  von  1593,  wo  den  Salz-  und  Eisenhändlern  in  der  Jrherstraße ­
  verboten  wird,  hinfort  ihre  Waren  vor  ihren  Häusern  aufzuladen, ­
  und  wo  ihnen  anbefohlen  wird,  diese  auf  den  Neuen  Bau  zu
schleifen  und  dort  aufladen  zu  lassen;  den  Fuhrleuten  wird  verboten,
ihre  leeren  Wagen  auf  der  Gasse  stehen  zu  lassen,  damit  die  Straßen
nicht  versperrt  werden,  und  der  Wagensteller  erhält  den  Befehl,  die
leeren  Wagen,  welche  er  dort  antrifft,  zu  entfernen  Z.  Eine  ganze
Reihe  von  Akten,  auf  welche  hier  aber  nicht  mehr  eingegangen  werden
kann,  weil  von  jetzt  ab  ja  fast  keine  Jrher  mehr  vorhanden  sind,  orientiert ­
  uns,  daß  ein  tätiges  mittelalterliches  Verkehrs-,  nicht  bloß  Gewerbsleben ­
  seinen  Einzug  gehalten  hat,  und  die  Handwerker,  welche  die
Bedürfnisse  des  flutenden  Verkehrs  befriedigen,,  wie  auch  die,  welche  in
gut  belebten  Straßen  vorhanden  sind,  fügen  sich  wohl  in  dieses  neue
Bild  ein.
Wir  wollen  vielmehr  noch  einmal  zu  der  zweiten  Periode  zurückkehren ­
  und  versuchen,  noch  einiges  über  die  Jrherstraße  zu  erfahren.
Wir  haben  bereits  gesehen,  daß  außer  den  Jrhern  eine  große  Anzahl
anderer  Handwerker  noch  vorhanden  sind;  in  Endres  Tuchers  Verzeichnis ­
  der  Brunnenröhren  und  Schöpfbrunnen  (1464—1475)  wird
auch  ein  „Prunn  mit  vier  eimern  an  der  Jrhergassen" *  2 )  erwähnt;
wir  werden  später  noch  sehen,  daß  das  Wasser  eines  Brunnens  unter
Umständen  für  den  Bedarf  einer  Gerberei  auszureichen  hat,  obwohl
damit  nicht  gesagt  sein  soll,  daß  dieser  Brunnen  für  Gerbereizwecke  in
0  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Bauamt  LXXVIII,  279.
2 )  Bibl.  des  litt.  Vereins  in  Stuttgart,  Bd.  LXIV,  S.  190.
        <pb n="372" />
        332

Betracht  kam.  Wir  finden  weiter  „desgleichen  fassen  die  irher  den
rinch  (ringförmige  Vertiefung,  Grube)  und  rinsen,  die  von  irer  gaffen
und  gegen  iren  steg  in  die  Pegnitz  zeit;  darzu  hab  ich  in  zu  reitten
alte  pruckholtzer  geben,  damit  sie  die  rinnen  außgefuttert  haben"  *).
Diese  Stelle  stammt  aus  der  zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts,
also  aus  der  beginnenden  Besiedlung  der  Jrherstraße;  etwa  aus  der
gleichen  Zeit  finden  wir  noch  in  dem  Zusammenhange,  in  welchem  in
Zukunft  die  Gänge  und  Überschüsse  an  den  Häusern  verboten  werden,
„aber  gegen  der  Pegnitz  die  geng  und  den  irhern  an  der  Jrhergassen
ihre  geng  vor  iren  Heusern  hat  man  pisher  nit  gewert" 2  * ).
Es  mag  hier  noch  erwähnt  werden,  worauf  freilich  schon  hingewiesen ­
  wurde,  daß  sich  neben  den  anderen  Handwerkern  auch  ein
Bäckerhaus  schon  früh  in  der  Jrherstraße  befand,  vor  allen  Dingen
aber  muß  auf  das  schon  im  14.  Jahrhundert  vorhandene  Jrherbad
hingewiesen  werden;  Badstube  und  Weißgerber,  eine  eigene  Kombination ­
  sanitärer  Verhältnisse!  Jrherbad  und  Jrherstraße  haben  beide
ihren  Namen  von  den  Irhern;  wir  können  vermuten,  daß  diese  Namengebung ­
  ihre  Ursache  hatte  in  den  hier  vielleicht  zerstreut  wohnenden
Irhern,  vielleicht  auch,  und  das  ist  das  Wahrscheinlichere,  von  den  hier
in  der  Nähe  an  der  Pegnitz  arbeitenden  Irhern.  Soweit  sich  verfolgen
läßt,  befand  sich  das  Jrherbad  in  Privatbesitz.
Nun  noch  einiges  über  die  Häuser  der  Irher  selbst.  Der
Gänge  vor  ihren  Häusern  wurde  bereits  gedacht.  Gemeinsame  Benutzung
des  „privet"  in  einem  Streit  von  1398 2 )  und  die  dort  angegebene  Holzkonstruktion ­
  der  Häuser  orientieren  schon  über  den  Charakter.  In  Endres
Tuchers  Baumeisterbuch  (1464—1475)  heißt  es:  „und  mer  vergunt  ein
erber  rath  dem  Crafft  Höfer,  irher,  ein  schrem  (Bodenstreifen?)  ein  zu
sahen  auch  vorn  an  der  ein  seilten,  das  sein  haus  herfür  gesetzt  wart
dem  andern  Haus  gleich;  das  was  pei  zweien  schnen,  das  das  alt  Haus
hin  hinder  stunt  an  dem  ein  ort" 4  5  * ).  Die  Häuser  haben  häufig  ein
Höslein,  nur  selten  ist  ein  Hinterhaus  vorhanden  °),  gelegentlich  erfahren
wir  auch,  daß  zwei  Gemächer  unter  einem  Dach  *)  oder  vier  Gemächer
unter  zwei  Dächern  in  den  größeren  Häusern  7 )  vorhanden  sind;  kurz,
es  sind  außerordentlich  schmale,  etwa  zwei  Fensterstöcke  breite  Häuser
mit  ziemlich  primitiver  Einrichtung,  welche  der  materiellen  Lage  des
Handwerks  entspricht;  für  eine  richtige  Gerberwerkstatt  würden  sie  kaum

*)  Ebenda,  S.  190.  2 )  Ebenda,  S.  260.
s )  Lochner  Norica,  Bd.  I,  S.  14;  Libri  litt.,  VII,  Bl.  200.
*)  Bibl.  des  litt.  Vereins  in  Stuttgart,  LXIV,  S.  263.
5 )  Nürnberg,  Stadtarchiv,  Libri  litt.,  XIII,  Bl.  110  u.  188  b  und  XXXVI,
Bl.  183.  «)  Ebenda,  XXXIX,  Bl.  167.
')  Ebenda,  XXVII,  Bl.  231  und  XXIX,  Bl.  74.
        <pb n="373" />
        333

Platz  bieten,  und  gerade  die  Nürnberger  Ordnung  von  1535,  also  noch
aus  der  Zeit  reicher  Besetzung  der  Straße  mit  Jrhern,  wie  auch  die
aus  der  zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  stammende  Bemerkung:
„so  machen  die  irher  ir  prucken,  steg  und  Hütten  selber,  darmit  hat  der
stat  paumeister  nit  zu  tun"  *  *),  zeigen  uns,  daß  die  Hauptgewerbetätigkeit ­
  nicht  in  den  Häusern,  sondern  an  der  Pegnitz  stattgefunden  hat.
Noch  auf  einen  Punkt  sei  hier  hingewiesen,  und  dieser  gibt  uns
den  Schlüssel,  warum  die  Jrherstraße  so  plötzlich  von  den  Jrhern  geräumt ­
  wird,  warum  sie  auf  einmal  ihren  Charakter  verliert.  Bis  in
die  ersten  Jahrzehnte  des  16.  Jahrhunderts  beträgt  der  Hypothekenzins
meistens  4—6  Gulden,  selten  weniger,  er  sinkt  bis  2  Gulden,  und  nur
selten,  wenn  ein  Hinterhaus  vorhanden  ist,  oder  wenn  vier  Gemächer
unter  zweien  Dachungen  vorhanden  sind,  steigt  er  über  8  Gulden;  der
Kaufpreis  der  Häuser  beträgt  etwa  100—500  Gulden.  Dann  aber
steigt  der  Hypothekenzins  auf  20,  25  Gulden,  der  Kaufpreis  der  Häuser
steigt  auf  1500—2000  Gulden,  und  als  Ortsbezeichnung  tritt  in  den
Besitzwechselurkunden  nunmehr  der  „Neue  Pau"  auf;  es  wird  also  hier
gebaut,  es  werden  schönere  Häuser  errichtet,  die  Irher  haben  die  Möglichkeit, ­
  ihre  Häuser  verhältnismäßig  gut  zu  verkaufen,  und  so  verlassen
sie  die  Jrherstraße,  um  sich  anderswo  anzusiedeln.
Hier  erhebt  sich  nun  die  Frage,  wohin  sich  die  Irher
begeben  haben.  Dicht  neben  der  Jrherstraße  befindet  sich  die  Weißgerberstraße, ­
  und  manchen  ihrer  Häuser  ist  es  noch  anzusehen,  daß  in
ihr  wirklich  Gerber  gewohnt  haben.  In  einem  Nürnberger  Manuskript
aus  dem  17.  Jahrhundert  finden  wir:  „Das  übelriechende  Handwerck  der
Weißgerber  .  .  .  haben  eine  eigene  Gasse  zwischen  der  Jrrergaßen  und
dem  Neuanbau,  nach  ihrem  Handwerck  die  Weißgerbergassen  genannt"  2 ).
Hieraus  ergibt  sich  zunächst,  daß,  was  auch  die  obigen  Besitzwechselurkunden ­
  gezeigt  hatten,  im  17.  Jahrhundert  die  Jrherstraße  von  Jrhern
ziemlich  verlassen  gewesen  sein  muß.  Im  übrigen  geht  aus  diesem
Satze  kein  klares  Bild  über  die  Besiedlung  der  Weißgerbergasse  hervor;
«inige  Weißgerber  mögen  darinnen  gewohnt  haben,  so  wie  vorher  Irher
in  der  Jrherstraße  gewohnt  hatten,  aber  die  Hauptmenge  derselben
wohnte  wahrscheinlich  nicht  dort,  sie  wohnte  ebenso  zerstreut  wie  die
anderen  Handwerke  auch;  wäre  in  Nürnberg  eine  strenge  Einteilung
nach  Stadtquartieren  vorhanden  gewesen,  dann  wäre  es  nicht  möglich,
daß  im  14./15./16.  Jahrhundert  so  viele  Handwerker  anderer  Professionen
hätten  in  der  Jrherstraße  wohnen  können.  Die  Nürnberger  Meisterbücher ­
  führen  von  1383—1571  271  Irher  auf;  in  der  gleichen  Zeit
konnten  wir  als  in  der  Jrherstraße  wohnhaft  nachweisen  höchstens  41,
0  Bibl.  des  litt.  Vereins  zu  Stuttgart,  Bd.  LXIY,  S.  190  ff.
*)  Nürnberg,  17.  68.
        <pb n="374" />
        334

das  sind  15,1  %.  In  dem  gleichen  Zeitraum  haben  wir  in  der  Jrherstraße
  wohnhaft  beobachtet  132  Personen,  davon  sind  Jrher  höchstens
41  Personen,  die  übrigen  91  Personen,  also  69  °/ 0 ,  sind  sicherlich  keine
Jrher.  Diese  beiden  Resultate,  besonders  das  letztere,  wo  die  Lückenhaftigkeit ­
  der  Urkunden  fast  nicht  mehr  ins  Gewicht  fällt,  schlagen  der
üblichen  Anschauung  von  der  räumlichen  Konzentration  des  mittelalterlichen ­
  Handwerks  geradezu  ins  Gesicht;  denn  gerade  von  einem  Handwerk, ­
  wie  es  die  Jrher  sind,  sollte  man  erwarten,  daß  es  äußerst
exklusiv  behandelt  wird.  Es  ist  die  allgemeine  Anschauung,  daß  die
Gerber  getrennt  von  allen  übrigen  und  für  sich  vereint  wohnen,  eine
Anschauung,  welche  alle  Schriften  über  das  Gewerbe  des  Altertums
und  des  Mittelalters  als  selbstverständlich  enthalten.  Bei  der  Besprechung ­
  der  örtlichen  Lage  der  Handwerkerwohnungen  haben  wir  auf
diesen  Punkt  noch  einmal  zurückzukommen.  (Vergl.  §  34!)

§  33.  Ter  HauSkauf  und  die  Erblichkeit  im  Handwerk.
Im  Anschluß  an  die  Betrachtung  über  die  Jrherstraße  wollen  wir
uns  zunächst  die  Frage  vorlegen,  wie  der  H  a  u  s  k  a  u  f  m  i  t  d  e  r  M  e  i  st  e  r  -
Werbung  in  Verbindung  steht;  ebenfalls  durch  Kombination  der  Besitzwechselurkunden ­
  mit  den  Meisterbüchern  erfahren  wir  nämlich  aus  ersteren
das  Datum  des  Hauskaufs,  aus  letzteren  das  Jahr  der  Meisterwerdung,
und  wir  können  uns  daher  ein  Bild  über  das  zeitliche  Verhältnis  dieser
beiden  Daten  machen:

Datum  des
Hauskaufs

Namen  des  Jrhers

Jahr  der
Meisterwerdung

Differenz
zw.  A.  u  B.

A.

L.

Jahre

1470

Heinz  Scherl

1467

3

1488

Stephan  Wolff

1484

4

1490

Fritz  Hofman

1482

8

1496

F.  Gebhardt

1475

21

1503

Hans  Beck

1484

19

1505

Valentin  Koch

1493

12

1509

Hans  Neudorffer

1489

10

1511

Hans  Walther

1513

—2

1511

Hain;  Seufferlein

1500

11

1514

Hans  Neudorffer  d.  Jung.

1513

1

1622

Hans  Jacob

1498

24

1524

Ulrich  Schmidner

1523

1

1525

Bartholmes  Graf

1513

12

1526

Michel  Freybold

1515

11

Da  aus  den  Urkunden  hervorgeht,  daß  manche  Jrher  zwei  Hauskäufe
vorgenommen  haben,  wobei  aber  nicht  immer  klar  ist,  ob  sie  das  eine
        <pb n="375" />
        335

Haus  vor  dem  zweiten  Kauf  oder  bald  nachher  veräußert  haben,  so
mögen  vielleicht  die  hohen  Differenzen  von  21,  19,  24  Jahren  zwischen
der  Einschreibung  im  Meisterbuch  und  zwischen  dem  Hauskauf  auf  diese
Weise  eine  Erklärung  finden.  Im  übrigen  besagen  die  Zahlen,  daß  der
Hauskauf  im  allgemeinen  erst  nach  der  Meisterwerdung  vorgenommen
wurde,  nur  in  einem  Falle  fand  der  Hauskauf  zwei  Jahre  vorher  statt.
Letztere  Tatsache  erscheint  aber  weniger  wichtig,  als  die  Fälle,  wo
zwischen  der  Meisterwerdung  und  dem  Hauskauf  ein  Zeitraum  von
einigen  oder  mehreren  Jahren  liegt;  denn  hier  erhebt  sich  die  Frage,  wo
haben  diese  Jrher  in  der  Zwischenzeit  gearbeitet?  Von
einer  ganzen  Reihe  von  Jrhern  haben  wir  einen  Hausverkauf  beobachtet,
und  bei  diesen  erhebt  sich  die  ähnliche  Frage,  wohin  sind  sie  nach  dem
Verkauf  ihres  Hauses  gezogen?Z  Letzteres  freilich  sind  zwei  Fragen,
welche  zwar  zu  Vermutungen  Anlaß  geben  können,  aber  diese  sollen,  da
eine  genaue,  ins  Detail  gehende  Untersuchung  anderer  Straßen  einer
mittelalterlichen  Stadt  nach  Art  der  vorliegenden  Untersuchung  nicht
vorliegt,  da  sie  also  auch  nicht  begründet  werden  können,  hier  nicht
ausgesprochen  und  in  ihren  Konsequenzen  verfolgt  werden.
Im  Anschluß  daran  wollen  wir  noch  eine  statistische  Beobachtung
über  die  Erblichkeit  im  Handwerk  anstellen.  Die  Nürnberger
Meisterbücher  bieten  hierzu  ein  sehr  geeignetes,  auf  200  Jahre  sich  erstreckendes ­
  Material,  und  zwar  aus  der  Zeit  vor  1383—1579,  ein
Zeitraum,  für  welchen  die  Erblichkeit  als  eine  typische  Erscheinung,  fast
als  ein  Dogma  des  Handwerks  angenommen  wird.
Ein  Abstand  zwischen  Vater  und  Sohn  von  20  bis  30  Jahren  wird
das  Normale  sein.  Wir  müssen  daher  im  folgenden  gleichlautende  Namen,
zwischen  deren  Meisterwerdung  eine  Zeitdifferenz  von  weniger  als  16  und
mehr  als  35  Jahren  liegt,  als  durch  Erblichkeit  nicht  mehr  zusammenhängend ­
  betrachten.  Verschiedenheiten  in  der  Schreibung  des  Namens,  wie
Egen,  Egenn  ;  Diebolt,  Diepolt;  Graf,  Grafs;  Leysnstreyt,  Leysenstrit  usw.
werden  nicht  berücksichtigt,  die  betreffenden  Namenträger  werden  als
Angehörige  der  gleichen  Familie  behandelt,  so  daß  also  die  folgenden
Ergebnisse  Maximalzahlen  darstellen,  schon  auch  deswegen,  weil  Träger
gleicher  Namen  auch  als  Angehörige  gleicher  Familien  angesehen  werden,
was  natürlich  nicht  immer  der  Fall  ist.
Die  Familie,  deren  Name  7  mal  vorkommt,  führt  den  Namen
Litzner,  Lytzner,  Lützler;  die  drei  Familien,  deren  Name  6  mal  vorkommt,
führen  mit  ähnlichen  Variationen  die  Namen  Schmid,  Hofman,  Graf;
die  5  mal  vorkommenden  Familiennamen  sind  Kellner,  Kroner,  Scherl,
ebenfalls  mit  Variationen.

')  Vergl.  S.  331,  333.
        <pb n="376" />
        336

-

Die  statistische  Beobachtung  liefert  folgende  Resultate:

Tabelle  I.

Beobachtet  sind  im  ganzen  270  Namenträger,  davon  kommen
Imal  vor  149  verschiedene  Namen  gleich  149  Namenträger

2
3
4
5
6
7

46
15
20
16
18
7

Sa.  189  verschiedene  Namen  gleich  Sa.  270  Namenträger
Nur  einmal  kommen  vor  149  verschiedene  Namen  gleich  149  „
Also  Erblichkeit
möglich  bei

40  verschiedenen  Namen  gleich  121

Mit  diesen  121  Namenträgern  haben  wir  uns  in  der  folgenden
Tabelle  zu  beschäftigen:

Zeitdifferenz  zwischen
je  zwei  Jrhern  gleichen
Namens
0-5
6—10
11—15

Tabelle  II.
Diese  Zeitdifferenzen  zwischen  der  Meisterwerdung
  von  je  zwei  Namenträgern  gleichen
Namens  kommen  vor,  wenn  deren  gleiche
oder  ähnliche  Namen  genannt  sind
2  mal  3  mal  4  mal  5  mal  6  mal  7  mal
5  1  3  3  7  3
2  —  2  3  —  —
1  —  —  —  1  1

Somit  beobachtete ­

Fälle
gleicher
Namen
22]
7  [32
3 I

16—20  114  1—1  8  j
21—25  2  2  1  1  2  —  8  ( 35
26—30  5  3  2  3  2  —  16  f
31—35  1  1  —  —  2  —  4  j
1  —  I  -  —  I  3~j
!  _  2  -  -  -  3  u
4  2  —  1  —  —  8  J

Sa.  81  81

36—40
41—60
über  50
Jahre

Diese  Tabelle  II  ist  von  oben  nach  unten  zu  lesen,  also  z.  B.  die  Zeitdifferenz  von
6—10  Jahren  zwischen  der  Meisterwerdung  von  je  zwei  Namenträgern  namens
Scherl  kommt  vor  —  da  deren  Namen  genannt  sind  5  mal—Omal.

Somit  beobachtet  81  Fälle  gleicher  Namen.
Davon  Erblichkeit  möglich  in  höchstens  35  Fällen.
55,2  °/o  aller  Namen  kommen  also  bloß  einmal  vor;  schon  das  besagt,
daß  die  Erblichkeit  verhältnismäßig  gering  ist;  ein  typisches  Bleiben
        <pb n="377" />
        337

des  Handwerks  in  der  Familie  —  womöglich  auf  dem  gleichen  Hause,
das  sich  vom  Vater  auf  den  Sohn  weitererbt,  und  wo  diese  Erblichkeit
noch  durch  die  Bevorzugung  der  Meistersöhne  unterstützt  ist  —  dürfte
mit  einem  so  hohen  Prozentsatz  nur  einmal  vorkommender  Namen  nicht
gut  verträglich  sein.
In  der  Familie,  deren  Namen  siebenmal  vorkommt,  ist  allerhöchstens
  ein  Fall  von  Erblichkeit  vorhanden,  wie  die  Tabelle  zeigt*);
die  Zeitdifferenz  zwischen  den  beiden  in  Betracht  kommenden  Jrhern
beträgt  hier  17  Jahre.  In  den  übrigen  fünf  Fällen  beträgt  die  Zeitdifferenz ­
  12  Jahre  und  darunter,  in  einem  Falle  36  Jahre.
Die  drei  Familien,  deren  Namen  je  fünfmal  vorkommt,  sind  Graf,
Hofman,  Schmid.  Die  Namen  Hofman  und  Schmid  sind  so  häufig,
daß  es  sich  hier  mindestens  teilweise  um  zufälliges  Zusammentreffen
handelt  und  dennoch  sind  unter  den  18  Erblichkeitsmöglichkeiten  nur  6,
bei  welchen  die  Zeitdifferenz  nicht  unter  16  und  nicht  über  35  Jahre  beträgt.
Zusammenfassend  ist  das  Bild  das  folgende:
Zahl  der  Jrher  270
Zahl  der  Familien  mit  mehr  als  einmal
genanntem  Namen  40
Zahl  der  Fälle,  in  welchen  Erbmöglichkeit ­
  besteht,  da  zwischen  je  zwei  Namen
eine  solche  vorhanden  sein  kann,  also
ohne  Rücksicht  auf  die  Zeitdifferenz
Zahl  der  Jrher  mit  mehr  als  einmal  ge
nanntem  Namen
Zahl  der  Familien,  in  welchen  Erb  Möglichkeit ­
  besteht,  da  nach  der  Zeitdifferenz ­
  (16—35  Jahre)  eine  solche
möglich  ist  23  oder  57,5  %  von
Zahl  der  Fälle,  in  welchen  nach  der  Zeitdifferenz ­
  (16—35  Jahre)  eine  Erbmöglichkeit
  besteht  27  oder  34,3°/ 0  von
*)  Um  das  innere  Verhältnis  zwischen  Tabelle  I  und  Tabelle  II  zu  verstehehen,
sei  folgendes  bemerkt:  Der  Name  Litzner,  Lützler,  Lytzler  z.  B.  kommt  nach  Tabelle  I
7  mal  vor;  in  Tabelle  II  findet  man  unter  7  mal;  3—11—1,  also  bloß  6  Fälle
ausgeführt;  aber  das  ist  natürlich;  denn  die  Tabelle  I  zählt  die  Zahl  der  Namenträger,
  Tabelle  II  aber  zählt  die  Zahl  der  Zwischenräume  zwischen  den  Namenträgern, ­
  d.  h.  die  Zahl  der  Zeitdisserenzen  (oben  „Fälle"  genannt)  zwischen  den
Meisterwerdungen  dieser  Namenträger;  die  Zahl  der  Namenträger,  welche  aus
Tabelle  I  für  Tabelle  II,  wie  oben  gesagt,  gewonnen  wurde,  beträgt  121;  es  ist
also  in  Tabelle  II  die  Zahl  der  Namenträger  121;  die  Zahl  der  Zwischenräume  zwischen
diesen  121  Namenträgern  —  wobei  also  immer  nur  die  Zwischenräume  zwischen,4e
gleichen  Namen  gezählt  sind  —  beträgt  81,  die  Zahl  der  erblich  möglichen  Zwischenräume ­
  3b.
Eber»,  Entwicklung  der  Weibgerberei.  22

81

121  oder  44,8  °/ 0  von  270

40

81
        <pb n="378" />
        338

Also  in  23  Familien  (oder  in  57,5  %  der  in  Betracht  kommenden
Familien)  kommen  allerhöchstens  27  Fälle  (oder  34,3  %  der  möglichen
Fälle)  von  echter  Erblichkeit  des  Handwerks  im  Laufe  von  200  Jahren
vorZ.  Eine  Berechnung  des  Wahrscheinlichkeitskoeffizienten  der  Erblichkeit ­
  soll  hier  unterbleiben,  da  letzterer  Wert  nur  einen  Inhalt  bekommt, ­
  wenn  er  mit  dem  einschlägigen  Koeffizienten  anderer  Handwerke
verglichen  wird;  letztere  Vergleichung  könnte  allerdings,  ebenso  wie  die
Vergleichung  von  Hauskauf  und  Meisterwerdung,  neues  Licht  über  den
verschiedenen  Charakter  der  verschiedenen  Handwerke  verbreiten.
Eine  Untersuchung  über  die  zu  erwartende  Beziehung  zwischen
Erblichkeit  und  Hausbesitz  einerseits,  zwischen  diesen  beiden  Momenten
und  der  materiellen  Lage  des  Handwerks  andererseits,  welche  ich  anfänglich ­
  beabsichtigt  hatte,  und  zu  welcher  auch  Material  vorbereitet
war,  muß  hier  leider  unterbleiben;  denn  wir  müßten  von  viel  mehr
Jrhern  als  bloß  von  45,1  %  über  Wohnung  und  ihren  Verbleib  unterrichtet ­
  sein.  Außerdem  bekommen  alle  diese  Zahleuwerte  einen  ver-.
  gleichbaren  Inhalt  erst,  wenn  solche  Koeffizienten  auch  von  anderen
Handwerken  gewonnen  sind.
Jedenfalls  sei  zum  Schlüsse  noch  einmal  darauf  hingewiesen,  daß
die  Erblichkeit  im  Handwerk  der  Nürnberger  Jrher  eine  viel  geringere
ist,  als  der  allgemeinen  Annahme  entspricht;  Erblichkeit  im  Handwerk,
die  Bildung  geschlossener  Klassen,  Hochzucht  einer  Familie  in  der  Tradition ­
  ihres  Handwerks,  Erhaltung  eines  Handwerks  durch  die  Erblichkeit
an  gewissen  Orten,  in  gewissen  Straßen,  auf  gewissen  Häusern,  das  sind
Vorstellungen  und  Zusammenhänge,  mit  welchen  allenthalben  in  den  gewerblichen ­
  Schriften  über  Altertum  und  Mittelalter  operiert  wird;  für  das
Altertum  diese  Verhältnisse  statistisch  nachzukontrollieren,  dazu  fehlt  leiderdas
Material;  in  dem  von  uns  untersuchten  Falle  ist  die  Erblichkeit  gering.
Zum  Schlüsse  sei  noch  ein  Beispiel  angeführt  von  einer  „typischen
Weißgerberfamilie",  nämlich  der  Familie  Aichinger,  deren  Geschichte
sich  bis  in  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  zurückverfolgen  läßt.  Ihr
Stammvater  Wolff  Aichinger")  war  Weißgerber,  und  von  seinen  bis
1909  beobachteten  männlichen  Nachkommen  (es  sind  im  ganzen  444,
ohne  die  Kinder  unter  14  Jahren  sind  es  321)  waren  Weißgerber  46,
also  10,3  °/ 0  von  444,  oder  14,5%  von  321,  und  das  in  einem  Zeitraume ­
  von  über  300  Jahren.
8  34.  Die  örtliche  Lage  der  Weißgerbereien.
Ähnliche  Vorstellungen  wie  über  die  Erblichkeit  findet  man  über  die
örtliche  Lage  der  Handwerkerwohnungen:  Movers  sagt  von  den  Phöni-0

  Dieser  Prozentsatz  sinkt  auf  12,1%,  wenn  man  die  in  Tabelle  I  ausgeschiedenen ­
  149  einzelnen  Familien  in  Rechnung  zieht.  2 )  Sperl  1909,  S.  14/15..
        <pb n="379" />
        339

ziern:  „Indessen  wird  man  nicht  irren,  wenn  man  sich  die  einzelnen
Abteilungen  derselben  als  zunstmäßig  berechtigte  Geschlechter  denkt,
welche  je  nach  verschiedenen  Industrie-  und  Handelszweigen...  eingeteilt
und  nach  diesen  Einteilungen  oder  nach  Zünften  in  angewiesenen  Stadtquartieren ­
  wohnten"  *);  für  Griechenland  finden  wir:  „Die  wahrscheinlich ­
  überall  geltende  Bestimmung,  daß  Gerbereien  nicht  innerhalb  der
Stadt  betrieben  werden  dursten,  mag  aus  gesundheitspolizeilichen  Gründen
getroffen  worden  fein 2 );  über  die  Orte,  an  welchen  sich  vorzüglich
Gerbereien,  welche  übrigens,  wenigstens  bei  den  Griechen,  außerhalb
der  Städte  angelegt  werden  mußten,  mit  umfangreicherem  Betriebe
befanden,  ist  fast  nichts  bekannt  8 )".  „Auch  hat  es  den  Anschein,  als
ob  die  Gerber  ein  bestimmtes  Viertel  eingenommen  hätten,  und  zwar
vermutlich  vom  Innern  der  Stadt  entferntst."  Für  Rom:  „In  noch
höherem  Maße  wie  in  Athen  wohnten  in  Rom  Handwerker  gleichen
Gewerbes  zusammen,  so  daß  eine  Anzahl  Straßen  nach  den  Gewerbetreibenden ­
  den  Namen  führten...  In  dem  Stadtteile  trg.n8  Tiberim  hatten
sich  Fischer,  Gerber,Töpfer  angesiedelt 8 )."  Für  Ägypten:  „Ein  besonderer
Distrikt  der  Stadt  in  dem  lybischen  Teile  Thebens  war  ihnen  (den
Lederausschneidern)  ausschließlich  für  ihren  Beruf  zugewiesen  st".  Für
das  israelitische  Handwerksleben:  „Der  Platz  für  Gerbereien  mußte
wie  für  Äser  und  Gräber  wenigstens  50  Ellen  von  der  Stadt  entfernt
siin"  st.  Für  die  kleinasiatischen  Handwerker:  „Von  großer  Bedeutung ­
  ist  für  die  Handwerkervereinigung  die  betreffende  Straße,  wo
sie  ihren  Wohnsitz  Habens".
In  fast  all  diesen  Füllen  wird  von  der  Existenz  eines  Straßennamens ­
  auf  ein  tatsächliches  Zusammenwohnen  der  betreffenden  Handwerker ­
  in  ihrer  Straße  geschlossen,  und  dieser  Schluß  gilt  als  so
einwandfrei,  daß  sich  ein  circulus  vitiosus,  wie  der  obige  von  Rom
angeführte,  ergibt;  häufig  geschieht  dieses  Zusammenwohnen  auf  Veranlassung ­
  der  jeweiligen  Obrigkeit.
Die  gleichen  Urteile  finden  wir  nun  für  das  deutsche  Mittelalter,
und  ich  habe  einige  Urteile  für  das  Altertum  vorausgeschickt,  weil  ja
bekanntlich  die  deutschen  Handwerkerorganisationen  auf  Verhältnisse  des
Altertums  zurückgeführt  werden;  wenn  man  sie  auch  manchmal  nicht
als  direkte  historische  Fortsetzungen  derselben  betrachtet,  so  ist  doch  der
Geist,  welcher  zur  Zunftbildung  treibt,  nach  der  üblichen  Anschauung
der  gleiche,  nämlich  entweder  ein  innerer  Assoziationstrieb  oder  eine  von
der  Obrigkeit  vorgenommene  Verwaltungsmaßnahme;  jedenfalls  finden
st  Movers  1849,  Bd.  II,  S.  522.  st  Vgl.  Speck,  Bd.  II,  S.  272.
st  Büchsenschütz  1869,  S.  90.  st  Blümner  1869,  S.  64.
st  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  250  f.  °)  Gerberzeitung  1884,  S.  202.
st  Delitzsch  1868,  S.  39.  st  Poland  1909,  S.  122.

22*
        <pb n="380" />
        340

diese  inneren  Konstruktionen  ihren  äußeren  Ausdruck  in  dem  räumlichen
Beisammenwohnen  gleichartiger  Handwerker  in  bestimmten  Straßen,
welche  deren  Namen  führen.
Bormans  sagt  für  die  Lütticher  Gerber:  „Jedenfalls  finden  wir
die  Gerber  in  Lüttich  1288  bereits  in  Quartieren  vereinigt"  *);  ähnlich
sind  die  Urteile  über  andere  Städte:  „im  Mittelalter  bewohnte  der  größte
Teil  der  Pariser  Weißgerber  den  Teil  des  rechten  Seineufers,  der
gegenwärtig  den  Platz  von  der  Brücke  Notre  Dame  und  vom  Pont  au
Change  bildet.  Es  war  ein  Terrain,  das  sich  im  steilen  Abhange  bis  zum
Fluße  ausdehnte.  Guillebert  von  Metz,  welcher  im  Anfange  des
15.  Jahrhunderts  schrieb,  bezeichnete  ihn  als  Mesguirie,  d.  h.  Weißgerberei"
  2 ).  „Die  Lübecker  Weißgerber  sollen  wenigstens  1467  in  einem
bestimmten  Stadtteil  wohnen 2 )."  Ähnlich  äußert  sich  KeutgenH,  und
schließlich  sei  noch  angeführt,  was  Bücher  über  Frankfurt  sagt:  „Ganze
Siraßen  hindurch  erschallt  fast  aus  jedem  Haus  das  Dröhnen  des
Benderhammers,  das  eintönige  Schnarren  des  Webstuhls,  das  Fauchen
von  den  Essen  der  Feuerarbeiter.  Dicht  gereiht  stehen  an  alt  bekannter
Stelle  die  Brottische  der  Bäcker,  die  Fleischbänke  der  Metzger,  die  Gewandgaden ­
  und  die  Fischkasten"  B ).  Es  ist  immer  das  gleiche  Bild  der  mittelalterlichen ­
  Stadt,  eine  fast  schematische  Ordnung  aller  Verhältnisse,  und
hin  und  wieder  wird  diese  Vorstellung  noch  unterstützt  durch  öffentliche
Regelungen  wie  die:  „bei  den  Bendern  ist  zu  beachten,  daß  ihnen  seit
1402  untersagt  war,  anderswo,  als  in  ihrer  eigenen  Straße  in  der
Alten  Stadt  zu  wohnen" 6 ).  Und  von  hier  aus  wird  dann  verallgemeinert
auf  alle  Gewerbe.  Wenn  man  aber  nicht  nur  die  Dekrete  des  Senats,
die  Zunftordnungen  und  Handwerksartikul,  die  Bestimmungen  der  Versammlungen ­
  von  Meister  und  Gesellen  beobachtet,  sondern  wenn  man
auch  die  endlosen  Übertretungen  dieser  Vorschriften  kennt,  welche  sehr  oft
und  sehr  lange  ungerügt  blieben,  bis  schließlich  einmal  eine  Klage  zustande
kommt,  wenn  auf  „der  Meister  vielfaches  Supplizieren  hin"  alte  Mißstände ­
  immer  und  immer  wieder  geregelt  werden  sollen,  da  sie  sich  in
Gegensatz  zu  den  bestehenden  Vorschriften  befinden,  wenn  man  in  Büchers
Untersuchungen  über  das  Frankfurter  Gewerbe  den  verhältnismäßig
hohen  Prozentsatz  nnzünftiger  Handwerker,  welcher  dennoch  in  der
Stadt  ansässig  ist  und  dort  sein  Gewerbe  treibt,  wenn  man  dort  die
Zahl  der  Handwerker  mit  Gewerben  im  Haupt-  und  im  Nebenberuf  beobachtet, ­
  welche  diese  beiden  Berufe  in  der  vollen  Öffentlichkeit  der
mittelalterlichen  Stadt  ausüben,  wenn  man  die  nie  endenden  Gewerbs-0
  Bormans  1863,  S.  55,  56.  2 )  Schuh  und  Leder  1897,  Nr.  29,  S.  33.
3 )  Köln  1907,  Bd.  I,  S.  34.
4 )  Keutgen  1903,  S.  137,  139,  141,  143,  144,  147.
6 )  Bücher  1886,  S.  300  ff.  «)  Ebenda.
        <pb n="381" />
        341

streitigkeiten,  deren  Streitobjekte  alle  dennoch  in  den  Ordnungen  säuberlich ­
  geregelt  sind,  in  riesigen  Stößen  von  Akten  niedergelegt  sieht,  so
ist  wohl  die  Vermutung  berechtigt,  daß  alle  Vorschriften  viel  weniger
wie  heute  den  Charakter  der  Rechtsnorm  besitzen.  Wenn  den  Bendern
befohlen  wird,  in  eine  Straße  zusammenzuziehen,  so  beweist  das,  daß
sie  nicht  beisammen  wohnten,  und  unsere  spezielle  Untersuchung  über
die  Jrherstraße  hat  gezeigt,  welche  Vielfältigkeit  des  Gewerbelebens  sich
hinter  dem  scheinbar  so  eindeutigen  Namen  „Jrherstraße"  verbirgt.  Alle
diese  Vorschriften  drücken  den  Willen  der  verwaltenden  Stellen  aus,
aber  sie  lassen  keinen  Schluß  zu  auf  die  tatsächlichen  Verhältnisse.
Einige  neuere  Beispiele  hierfür  seien  noch  angeführt.  1659
heißt  es:  „Auch  in  guten  Zeiten  ist  es  nicht  köstlich,  um  sie  (die  Gerber)  zu
wohnen,  deshalb  man  sie  auch  in  wohl  bestellten  Gemeinden  und  Städten
in  einen  besonderen  Ort  versetzt,  damit  sie  mit  ihrem  Gestank  niemand
beschwerlich  seien  1 )."  1782  sagt  Jacobson:  „Gerberei  ist  ein  Gebäude,
welches  an  einem  fließenden  Wasser  unter  einer  Stadt  gelegt  wird,
und  welches  den  Gerbern  zur  Werkstatt  dient" 2 ),  eine  Behauptung,
welche  Trier  für  die  örtliche  Lage  der  Gerbereien  „um  1800"  wiederholt. ­
  1873  sagt  Gintl:  „Die  Werkstätte  des  Weißgerbers  muß  vor
allem  an  einem  reinen,  beständig  fließenden  Wasser  oder  doch  in
nächster  Nähe  eines  solchen  gelegen  fein" 3 )  und  1882  sagt  Popper:
„Sollen  sie  (die  Gerbereien)  in  der  Nähe  von  Städten  errichtet  werden,
an  den  Ufern  eines  den  Ort  passierenden  Flusses,  so  wäre  das  nur
unterhalb,  am  Unterlaufe  des  Stromes  zu  gestatten  Z."
Man  sieht  aus  diesen  letzteren  Beispielen,  wie  die  Bestimmungen
über  die  Lage  der  Gerbereien  immer  mehr  den  Charakter  eines  Wunsches
annehmen,  je  mehr  wir  uns  der  modernen  Zeit  nähern.
Wir  haben  gesehen,  daß  die  Nürnberger  Jrher  nicht  in  der  Jrherstraße ­
  zusammenwohnten,  aber  wahrscheinlich  arbeiteten  sie  größtenteils
zusammen  an  der  Pegnitz;  der  Steg,  die  Hütte,  die  Stangen,  die
Kesselstatt  waren  gemeinschaftlicher  Handwerksbesitz,  sie  wurden  auf
Kosten  des  Handwerks  erhalten.  Die  ehemaligen  Gerbehöfe  der  Rotgerber ­
  mögen  auch  solche  gemeinsame  Arbeitsstätten  am  Wasser  gewesen
sein  und,  wie  gezeigt,  mag  aus  solchen  Verhältnissen  der  Name  „Wasserwerkstatt" ­
  stammen;  es  ist  die  Werkstatt,  welche  am  Wasser  liegt 5 );
daher  auch  kommt  der  Name  „Flußarbeit";  denn  die  Arbeit  wurde  am
und  teilweise  sogar  im  Flusse  vorgenommen,  wo  die  Gerber,  bis  an  die
Waden  im  Wasser  stehend,  die  Häute  abschabten.  Freilich  liegt  eine
0  Piazza  1659,  S.  499.  -)  Jacobson  1782,  Bd.  V,  S.  651.
3 )  Gintl  1873.  *)  Popper  1882,  S.  327.
°)  Schuh  und  Leder  1908,  Nr.  10,  S.  58;  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  335
bis  337;  Rothenburg  1571—1695,  S.  253.
        <pb n="382" />
        342

spezielle  Untersuchung  auch  über  die  Gerbhöfe  nicht  vor,  und  daher
dürfen  wir  vorerst  noch  annehmen,  daß  die  gemeinsame  Arbeit  am
Wasser  allgemeine  Regel  gewesen  sei.
Ein  anderer  Teil  der  Arbeiten,  vielleicht  an  manchen  Orten  und
in  späterer  Zeit  alle  Arbeiten,  wurden  nicht  gemeinsam,  sondern  in  den
eigenen  Werkstätten  vorgenommen;  denn  welchen  Sinn  hätte  es,  wenn
in  den  Ordnungen  verboten  wird,  daß  ein  Meister  einen  anderen
Meister  in  seiner  Werkstatt  beschäftigt,  daß  ein  Fleischer,  ein  Rotgerber,
ein  Weißgerber,  ein  Kürschner,  ein  Säckler  nicht  die  gleiche  Werkstatt
benutzen  dürfen,  daß  nicht  in  einem  Hause  die  Werkstätten  dieser  verschiedenen ­
  Meister  liegen  dürfen  oder,  falls  dem  so  ist,  daß  die  Werkstätten ­
  möglichst  getrennt  gehalten  werden  müssen.  Daraus  müssen  wir
schließen,  daß  wenigstens  ein  Teil  der  Arbeiten  im  Hause  des  Meisters
vorgenommen  wurde,  was  ja  für  andere  Handwerker,  welche  nicht
gerade  das  offene  Wasser  benötigen,  nicht  bezweifelt  wird.
Bevor  wir  aber  auf  diesen  Punkt  näher  eingehen,  wollen  wir
wenigstens  auf  ein  Jahrhundert  zurück  die  Lage  der  Gerbereien  untersuchen; ­
  denn  damals  lag  nach  dem  oben  angeführten  Urteil  Jacobsons
die  Gerberei  unterhalb  der  Stadt  am  Wasser.
Nach  einer  Augsburger  Weißgerberordnung  aus  der  Wende  des
18.  Jahrhunderts  soll  der  Umschaugeselle  umschauen  „von  der  am
Fordern  Lech,  oberst  wohnenden  Maisters  Behausung  bis  zu  des
understen,  vom  understen  in  deß  am  andern  Lech  oberst  wohnenden
auch  bis  zum  understen";  die  gleiche  Bestimmung  ist  vorhanden  für
die  Meister  am  dritten  und  am  vierten  Lech  H.  Wir  sehen  schon  daraus
das  ganz  zerstreute  Wohnen  der  Meister  durch  die  Stadt,  sie  wohnen
oben  am  Flusse,  wie  auch  unten;  allerdings  wohnen  sie  hier  immerhin
noch  am  Wasser,  aber  sie  arbeiten  nicht  mehr  gemeinsam  in  einer  allgemeinen ­
  Wafferwerkstatt.  Die  Lage  der  Würzburger  Gerbereien  im

e  1806  ist  die  folgendes

Weißgerber

Rotgerber

Graben

—

3

Mühlgasse

1

2

Teufelstor

—

1

Bachgasse

—

1

Gärbersgasse

3

5

Sackgasse

—

1

Bocksgasse

—

1

Karthaus

—

1

Neugasse

1

—

Bankgasse

2

—

Semmelsgasse

1

T*-*)

  Augspurg,  ca.  1800.

2 )  Würzburg,  Ad.,

1806.
        <pb n="383" />
        343

2 )  Rothenburg,  Ad.,  1821.

')  Würzburg  1897.

Es  liegt  beachtenswerterweise  keine  am  Main,  alle  liegen  in  der
Stadt,  welche  damals  freilich  noch  eine  Anzahl  kleiner  offener  Wasserläufe
  enthielt.  So  wurde  noch  1897  das  Wasserrecht  einer  Gerberei
am  Kürnach  Bach  um  8000  Mark  abgelöst*),  um  die  Kanalisation
durchführen  zu  können.
Für  Rothenburg  sind  die  Verhältnisse  im  Jahre  1821  ähnliches.
Es  lagen

Obere  Schmidtgasse

Weißgerber
1

Rotgerber
1

Steig

1

2

Plönlein

—

3

Spitalgasse

1

1

Rödersgasse

—

—

Rosengasse

1

—

Kapellenplatz

1

—

Würzburger  Gasse

—

2

Judengasse

1

—

Klingengasse

—

3

Keine  einzige  derselben  lag  am  Wasser,  aber  sie  alle  hatten  eigene
Werkstätten.  Die  Straßen  sind  teilweise  Hauptstraßen.  Gerade  in
Rothenburg  sollte  man  die  Existenz  eines  gemeinsamen  Gerberhofes
wenigstens  für  die  Ausübung  der  Wasserarbeiten  erwarten.
Ich  habe  dann  noch  eine  ganze  Anzahl  kleinerer  und  größerer
Plätze  daraufhin  untersucht;  da  das  Resultat  überall  das  gleiche  war,
sollen  weitere  Aufzählungen  hier  unterbleiben.  Man  kann  sagen,  daß
um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  die  Gerbereien,  gleichgültig  ob
rot  oder  weiß,  verstreut  in  den  Städten  und  Städtlein  lagen,  teils
oberhalb,  teils  unterhalb,  teils  am  Wasser,  teilweise  ziemlich  weit  von
diesem  entfernt.  Ein  bestimmtes  Gesetz  über  die  Lage  der  Gerbereien,
oberhalb  oder  unterhalb  oder  gemeinsam  in  einer  Straße,  läßt  sich
nirgends  aufstellen  oder  aufrecht  erhalten.  Es  ist  auch  das,  was
Jacobson  über  die  Lage  der  Gerbereien  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts
sagt,  nur  ein  frommer  Wunsch,  der  Geist  der  Verwaltungsmaßnahme,
aber  es  entspricht  nicht  den  tatsächlichen  Verhältnissen.
Erst  das  19.  Jahrhundert  mit  seiner  streng  durchgeführten
Konzessionspflicht  hat  in  der  Gewerbeordnung  ein  Gesetz  aufgestellt  für
die  Lage  der  Gerbereien,  und  hier  auch  nur  für  die  neu  anzulegenden;
denn  die  alten  Gerbereien,  welche  heute  noch  verstreut  in  den  Städten
liegen,  großenteils  allerdings  nur  noch  als  Leder-  und  Fellhandlungen
vorhanden,  bestätigen  noch  die  alte  Lage.  Da  diese  gesetzlichen  Bestimmungen ­
  heute  noch  in  Geltung  stehen  und  in  ihren  Forderungen  immer
schärfer  präzisiert  werden,  genügt  hier  der  bloße  Hinweis  auf  dieselben.
        <pb n="384" />
        344

Wenn  wir  die  Forderung  einer  bestimmten  örtlichen  Lage  der
Gerbereien  wenigstens  im  deutschen  Handwerk  historisch  ausfassen
wollen,  so  können  wir  zurückgehen  bis  auf  die  Fronhöfe  der  Karolingerzeit.
Es  wurde  schon  darauf  hingewiesen,  daß  gerade  die  Lederarbeiter  dieser
Fronhöfe  im  Vergleich  zu  den  anderen  Handwerkern  in  verhältnismäßig
großer  Zahl  vorkommen,  und  daß  gerade  sie  das  entscheidende  Beispiel
abgeben  können,  ob  Verwaltungsmaßnahme  oder  freier  Assoziationstrieb
zur  Bildung  von  räumlich  konstatierbaren  Handwerkerorganisatiouen
schreiten;  wir  haben  gesehen,  das  war  nirgends  der  Fall.  Nun  gibt
uns  die  Betrachtung  der  örtlichen  Lage  ein  zweites  Prüfungsmittel  an
die  Hand:  Nicht  bloß  auf  Grund  einer  irgendwie  gearteten  Organisationsbestrebung, ­
  sondern  auch  auf  Grund  ihres  übelriechenden,  unsauberen
Handwerks,  welches  noch  dazu  durch  gemeinsamen  größeren  Wasserbedarf ­
  die  Forderung  zur  räumlichen  Konzentration  in  sich  trägt,  sollte
man  in  der  Lage  der  Gerbereien  eine  besondere  Berücksichtigung  finden.
Der  Bauriß  von  St.  Gallen  aus  dem  Jahre  830  enthält  die  Werkstätten ­
  der  Lederarbeiter  eingefügt  um  die  viereckigen  Höfe,  genau  so,
wie  die  der  übrigen  Handwerker,  und  ohne  daß  eine  besondere  Berücksichtigung ­
  ihres  Handwerksbedürfnisses  oder  einer  hygienischen  Maßnahme ­
  auch  nur  irgendwie  erkennbar  wäre  Z.
So  sehen  wir,  rein  unter  dem  Gesichtspunkte  historischen  Werdens,
daß  auch  die  Lage  der  Gerbereien  sich  geschichtlich  verfolgen  läßt  in
der  Weise,  daß  erst  das  19.  Jahrhundert  eine  Ausscheidung  dieser  und
ähnlicher  Gewerbekategorieen  vorgenommen,  und  daß  es  deren  Absonderung ­
  von  den  übrigen  Wohnverhältnissen  auf  Grund  bestimmter
Forderungen  der  Rücksichtnahme  oder  der  Hygiene  bewirkt  hat.  Diese
Bestimmungen  und  Zusatzbestimmungen  der  Gewerbeordnung  hier  abzudrucken ­
  wäre  eine  unnötige  Wiederholung,  da  sie  allgemein  bekannt  sind.
Haben  wir  so  die  Frage  des  lokalen  Ausschlusses  der  Gerbereien
aus  der  Wohngemeinschaft  der  Menschen  behandelt,  so  müssen  wir  nunmehr ­
  versuchen,  uns  ein  Bild  vom  topographischen  Eingefügtsein  der
Gerbereien  innerhalb  der  größeren  wirtschaftlichen  Territorien  zu  machen,
in  welchen  die  Gerbereien  als  Organe  zur  Befriedigung  eines  bestimmten
wirtschaftlichen  Bedürfnisses  auftreten;  wir  wollen  versuchen,  uns  ein
Bild  zu  machen  vom  Standort  dieses  Gewerbes.
8  35.  Der  Standort  der  Weitzgerbereien.
Der  Standort  eines  Gewerbes  ist  das  historische  Ergebnis  der
Wanderung  seiner  Produktionsprinzipien  nach  den  in  Kap.  6  dargelegten
Bewegungsformen  und  Grundsätzen.
&amp;gt;)  Vgl.  Mummenhoff  1901,  S.  12;  Keutgen  1903,  S.  25/Keller  1844.
        <pb n="385" />
        845

Über  den  Standort  der  alten  Weiß-  und  Sämischgerberei
läßt  sich  verhältnismäßig  wenig  erfahren.  Die  in  §  26  gegebenen  Zahlen
für  Rotgerber  und  für  Weißgerber  geben  uns  auch  das  Material  an
die  Hand,  einiges  über  den  Standort  der  Weißgerbereien  auszusagen;
denn  der  statistische  Begriff  des  Standortes  ist  ein  zahlenmäßiges  Verhältnis ­
  auf  Grund  einer  statistischen  Erhebung,  sei  es  nach  der  Zahl
der  in  einem  Gewerbe  beschäftigten  Personen,  oder  noch  besser,  nach
der  Menge  der  erzeugten  Güter.  Eine  genauere  Kenntnis  des  letzteren
Verhältnisses  nun  zu  irgendeiner  Zeit  fehlt  uns  vollkommen.  Die
Kenntnis  des  ersteren  Verhältnisses  ist  außerordentlich  lückenhaft;  denn
die  in  §  26  gegebenen  Meisterzahlen  orientieren  nicht  über  die  Zahl
der  überhaupt  beschäftigten  Personen.
Es  gewinnt  jedoch  im  allgemeinen  den  Anschein,  als  ob  in  großen
und  kleinen  Städten,  wie  auch  in  den  späteren  Landzünften,  woraus
ja  schon  hingewiesen  wurde,  eben  auf  Grund  der  verschiedenen  Produktionsgeschwindigkeiten ­
  wie  auch  auf  Grund  der  verschiedenen  materiellen ­
  Lage  normalerweise  mehr  Rotgerber  vorhanden  waren  als  Weißgerber; ­
  da  aber  eine  gedrücktere  materielle  Lage  auch  weniger  Hilfskräfte ­
  beschäftigt,  so  mögen  die  Zahlenverhältnisse  der  Meisterzahleu
immerhin  ein  Bild,  wenn  auch  nicht  gerade  einen  quantitativen  Ausdruck ­
  der  Verteilung  beider  Gewerbe  geben;  denn  die  Zahl  der  Rotgerber
muß  für  uns,  da  Einwohnerzahlen  meistens  fehlen,  eine  —  wenn  auch
mißliche  —  Grundzahl  bilden,  auf  welcher  das  Verhältnis  fußt.
2—3  Rotgerber  auf  eineu  Weißgerber  ist  ein  Verhältnis,  welches
man  in  mittelalterlichen  Städten  häufig  findet;  es  ist  möglich,  daß  diese
Verteilung  der  normalen  Bedürfnisbefriedigung  entspricht;  eine  sehr
starke  Verschiebung  dieses  Verhältnisses  mag  dann  angesehen  werden
als  der  Ausdruck  eines  über  den  lokalen  Bedarf  überwiegenden  Vorhandenseins ­
  von  Rotgerbern  oder  Weißgerbern.
Wir  haben  weiter  gesehen,  daß  das  sinkende  Handwerk  des  18.
und  19.  Jahrhunderts  schneller  bei  den  Weißgerbern  zurückgegangen  ist
als  bei  den  Rotgerbern:  es  sind  in  Volkach  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts ­
  vorhanden
8  Rotgerber  und  1  Weißgerber  *),
es  ist  hier  das  Verhältnis  also  1:8;  ähnliche  Verhältnisse  zeigen  auch
die  in  §  26  aufgeführten  Zahlenreihen;  sie  lassen  eine  Verschiebung
dieses  Verhältnisses  gut  beobachten,  und  es  möge  genügen,  wenn  ich
hier  das  Würzburger  Beispiel  wiederhole:
Rotgerber  Weißgerber  Verhältnis
1808  16  8  2:1
1833  15  5  3:1
__  1852  11  2  5,5:1
l )  Würzburg,  18/19.
        <pb n="386" />
        346

Wenn  also  um  diese  Zeit  sich  für  Weißgerber  ein  besseres  Verhältnis ­
  berechnet,  so  in  Ebern,  wo  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts
neben  6  Rotgerbern  3  Weißgerber  und  Leimsieder  vorhanden  waren x ),
oder  wenn  gar  mehr  Weißgerber  vorhanden  sind  als  Rotgerber,  dann
kann  man  vielleicht  auf  ein  Überwiegen  der  Weißgerberei  über  den
lokalen  Bedarf  schließen.
So  waren  die  erteilten  Gewerbskonzessionen  in  Schweinfurt

Notgerber

Weißgerber

1788

—

1

1790

—

1

1794

2

—

1795

—

1

1797

—

1

1799

1

—

1803

1

—

1807

—

1

1809

—

2

1810

1

1

1811

1

1812

—

1

1813

1

—

1814

1

—

1816

1

2

1819

—

1

1820

—

1

1825

—

1

1828

1

1

1830

1

—

Sa.  11

15

und  tatsächlich  galt  früher  Schweinfurt  als  ein  Hauptsitz  der  Weißgerberei.
Die  Untersuchungen  über  die  Wanderungen  der  Gesellen
geben  uns,  wie  wir  gesehen  haben,  eigentlich  keinen  Anhaltspunkt  über  den
Standort  mittelalterlicher  Gewerbe.  Dagegen  lassen  vielleicht  das  Große
Handwerk  der  Weißgerber  zu  Frankfurt  a.  M.,  wie  auch  die  Beratungen
zu  Leipzig,  und  auch  die  übrigen  Orte,  welche  wir  im  Anschluß  an
die  interurbanen  Verbände  kennen  gelernt  haben,  einen  Schluß
auf  eine  dort  blühende  Weißgerberei  zu;  doch  können  in  diesen  Fällen
auch  politische  oder  Marktverhältnisse  maßgebend  sein.
Schließlich  sei  noch  eine  Wandertabelle  von  Weißgerbergesellen,
allerdings  erst  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts,  angeführt;  die
Weißgerber  wandern  nach  Biedenkopf  in  Hessen,  Nürnberg,  Dinkelsbühl, ­
  Nördlingen,  Idstein  im  Nassauischen,  Prag,  Görlitz,  Salzburg,
Augsburg,  Wien,  Lüttich,  Bieberach,  Jnspruck,  Hamburg,  Erlangen,
Dänemark,  Rußland,  Engelland 3 ).
‘)  Ebenda.  5 )  Ebenda.  3 )  Beck  1807,  S.  208.
        <pb n="387" />
        347

Diese  Tabelle  bildet,  wie  man  sieht,  ein  eigentümliches  Konglomerat;
die  einen  Orte,  wie  Nördlingen,  Dinkelsbühl  sind  Hauptsitze  der  alten
Weiß-  und  Sämischgerberei;  in  anderen,  wie  Prag,  Wien,  Erlangen,
blüht  die  französische  Glacegerberei;  Dänemark  war  damals  weniger
bekannt  durch  weißgares  als  durch  feines  lohgares  Leder  zu  Handschuhen; ­
  Rußland  war  hauptsächlich  bekannt  durch  seine  Sämischgerberei,
Hamburg  und  Lüttich  dagegen  vornehmlich  durch  ihre  Lohgerberei
speziell  schwererer  Leder.  Diese  Tabelle  ist  freilich  nicht  von  Gesellen
und  nicht  von  Handwerkern  aufgestellt,  sondern  sie  wird  von  Männern
der  Wissenschaft  den  Weißgerbern  empfohlen,  und  daher  mag  dieser
Mangel  an  Einheitlichkeit  kommen;  es  muß  aber  auf  diesen  Mangel
hingewiesen  werden,  weil  man  geneigt  sein  könnte,  aus  einer  solchen
Tabelle  weitere  Schlüsse  zu  ziehen.
Wir  müssen  damit  unsere  Betrachtungen  über  den  Standort  der
alten  Weiß-  und  Sämischgerberei  abschließen,  und  wir  wollen  sehen,
wie  sich  der  Standort  der  Glacegerberei,  der  Weiß-  und  Rotgerberei
entwickelt  hat,  und  durch  welche  Momente  er  bedingt  worden  ist.
Der  Standort  der  Rotgerberei  war  lange  Zeit  hindurch  bedingt
durch  die  Lage  der  Lohegebiete;  so  läßt  sich  eine  uralte  Lohgerberei
zurückverfolgen  im  Moselgebiete  *),  Trier  und  einigen  Eifelstädten 2 ),
dann  das  bedeutende  Ledergewerbe  Kölns,  auf  welches  schon  oben  hingewiesen ­
  wurde,  und  Lüttich,  Malmedy  und  Sankt  Vith,  wie  auch  die
belgischen  Lohgerbereien,  haben  teilweise  ihren  Ruhm  bewahrt s ).
Der  starke  überseeische  Import  von  Häuten  hat  Produktionszentren
an  den  Küsten  geschaffen^),  wobei  also  nicht,  wie  in  den  oben  erwähnten ­
  Fällen,  die  Lohe,  sondern  die  leichte  Beschaffbarkeit  eines
anderen  Rohmaterials,  nämlich  der  Häute,  für  den  Standort  eines
Gewerbes  bestimmend  wurde.
Wir  können  die  Frage  auswerfen,  ob  ähnliche  Momente  für  die
Lage  der  Weißgerberei  bestimmend  geworden  sind.  Einen  Einfluß  der
Alaungewinnung  auf  die  Lage  der  Weißgerbereien  können  wir  nicht
erwarten,  weil  der  Wert  dieses  Produktes  im  Vergleich  zum  Hauptrohmaterial ­
  ein  nur  geringer  ist,  und  weil  die  ganze  europäische  Weißgerberei ­
  in  völliger  örtlicher  Loslösung  von  den  Alaunproduktionsgegenden ­
  entstanden  ist  ^).  Aber  auch  ein  Einfluß  des  Hauptrohmaterials
selbst,  nämlich  der  Häute-  und  Fellprovenienzen,  auf  den  Standort  der
Weißgerberei  läßt  sich  nicht  beobachten;  denn  als  Hauptsitz  der  Glacegerberei ­
  erscheint  von  jeher  vor  allen  Dingen  Grenoble  und  Annonay
*)  Vgl.  Gfrörer.
2 )  Lamprccht  1886,  93b.  I,  S.  73;  Bd.  II,  S.  326f.,  319  f.
°)  Vgl.  auch  Dieterici  1838,  Bd.  I,  S.  14,  15,  20,  22,  26,  49,  51—53,  65,  68,  76.
4 )  Vgl.  Wirtschaftskunde  1904.  Karte  der  Lederfabrikation.  6 )  Vgl.  S.  309  f.  u.  61.
        <pb n="388" />
        348

und  Umgebung,  dann  Paris  und  Vendome  in  Frankreich  x );  im  18.  Jahrhundert ­
  wird  uns  noch  genannt  Rom  für  Italien,  dann  Spanien 2 ),
Wien  und  Prag  für  Österreich,  endlich  Berlin,  Magdeburg,  Halle,
Dresden,  Erlangen  und  andere  für  Deutschland.  Das  Mutterland
einer  durchgebildeten  Glaceindustrie  aber  ist  Frankreich.  Wir  haben
ja  gesehen,  wie  dort  die  Glacegerberei  erst  im  Anschluß  an  den  gesteigerten ­
  Verbrauch  von  feinen  Handschuhen  sich  mächtiger  entfaltet
hat;  Frankreich  zur  Zeit  Ludwigs  XIV.  bildete,  was  Feinheit  und
Raffiniertheit  der  Kultur  anlangt,  das  Vorbild  Europas,  und  darum
ist  Frankreich  im  16.  und  17.  Jahrhundert  auch  der  Hauptsitz  der
Glacelederindustrie.  Damit  haben  wir  die  bedingenden  Momente  für
den  Standort  der  Glacclederindustrie  überhaupt  gefunden.  Wir  werden
sehen,  daß  die  Glacelederindustrie  eine  Industrie  der  Kulturzentren  ist,
und  daß  sie  stets  in  enger  Verbindung  mit  der  Handschuhindustrie  auftritt. ­
  Es  ist  also  der  Absatz,  welcher  hier  vornehmlich  für  den  Standort
bedingend  ist.  Bevor  wir  aber  diese  Verhältnisse  für  Deutschland  betrachten, ­
  wollen  wir  uns  noch  kurz  über  die  wichtigsten  Weißgerbereigebiete ­
  des  Auslandes  orientieren.
Das  bedeutendste  Handschuhproduktionszentrum  des  europäischen
Kontinents,  und  darum  auch  das  bedeutendste  Zentrum  der  Glacegerberei  ist
der  Distrikt  von  Grenoble  in  Frankreich.  In  Österreich  ist  auch  heute  noch  mit
an  erster  Stelle  unter  den  europäischen  Hauptsitzen  zu  nennen  Prag  und
Wien,  in  Spanien  Cadix,  dann  Belgien  und  Holland;  das  Brüsseler  Leder,
ein  gefärbtes,  alaungares  Handschuhleder,  war  schon  um  die  Wende
des  18.  Jahrhunderts  berühmt;  endlich  sei  noch  auf  die  russischen
glacegaren  Fohlenfelle  zur  Handschuhfabrikation  hingewiesen  ^).  Wir
sehen,  die  Standorte  der  Glacclederindustrie  sind  in  allen  diesen  Fällen
Hauptstädte,  welche  wegen  ihrer  feinen  kulturellen  Durchbildung  auch
sonst  einen  europäischen  Ruf  genießen;  diese  Städte  sind  außerdem
Hauptsitze  der  Handschuhfabrikation.  Dazu  kommt  aber  noch  ein  drittes
Moment,  nämlich  die  Art  der  Entstehung  dieser  Hauptsitze:  nach  fast
allen  diesen  Plätzen  haben  die  vertriebenen  Hugenotten  den  hier  in
Frage  stehenden  Industriezweig  gebracht,  und  es  ist  beachtenswert,  daß
diese  gleichen  Plätze  nicht  nur  bis  heute  die  Hauptplätze  geblieben  sind,
sondern  daß  sich  seitdem  neue  bedeutende  Produktionszentren  fast  nicht
mehr  eröffnet  haben;  auch  dieser  Punkt,  das  räumliche  Beharren  der
Industrie  durch  Jahrhunderte  schwerwiegendster  Umwälzungen  auf
politischem  und  technischem  Gebiete,  zeigt  den  streng  konservativen  Geist,
welcher,  unbeirrt  von  Neuerungen,  bis  heute  diese  Industrie  beherrscht.
Was  sich  verschoben  hat,  was  veränderlich  ist,  das  ist  nur  die  Be-')
  Krünip  1780,  Bd.  XXI,  S.  464;  Maier  1901,  S.  1  f.:  Dumas  1846,  S.  705.
ä )  Keetz  1820,  S.  19,  37.  *]  Ledermarkt  1893,  S.  1235  ff.,  1300  ff.
        <pb n="389" />
        349

deutung  dieser  Hauptproduktionsgebiete;  die  steigende  Kultur  der  außerfranzösischen ­
  Länder  hat  durch  ihren  größeren  Bedarf  die  einheimische
Glacelederindustrie  größer  gemacht,  dann  aber  haben  die  Verbesserungen
der  Zolltarife  und  der  Transportverhältnisse  die  internationale  Konkurrenz ­
  erleichtert.  In  erster  Linie  hat  die  deutsche  und  österreichische
Glacegerberei  zugenommen  und  die  französische  hat  damit  an  Bedeutung ­
  verloren,  aber  sie  besitzt  für  Stiefelfutter  und  für  farbige  Felle
zu  Galanteriewaren  auch  heute  noch  das  bedeutendste  Renommee  ').  Auf
die  scharfe  Konkurrenz,  welche  die  französische  Industrie  vornehmlich
von  seiten  der  deutschen  erfährt,  habe  ich  schon  mehrmals  hingewiesen *  2  3  *  5 ).
Als  erst  verhältnismäßig  neu  entstandene  Zentren  der  Weißgerberei
außerhalb  Europas  sind  vor  allen  Dingen  amerikanische  Plätze  wie
Philadelphia  zu  nennen");  denn  in  Amerika  sucht  man  sich  im  Sinne
des  imperialistischen  Prinzips  von  den  europäischen,  und  vornehmlich
von  den  französischen  Lieferanten  unabhängig  zu  machen,  eine  Bestrebung, ­
  welche  seinerzeit  zur  machtvollen  Entfaltung  der  amerikanischen ­
  Chromgerbung  gerade  auf  Ziegenleder  Veranlassung  gegeben  hat,
und  welche  seitdem  in  der  inneren  und  äußeren  Gewerbepolitik  der
Vereinigten  Staaten  Amerikas  eine  stets  entscheidende  Rolle  spielt.
Von  den  Prinzipien,  welche  wir  für  die  Standorte  der  Glacegerberei
  unter  den  einzelnen  Ländern,  wie  auch  in  diesen  selbst  maßgebend ­
  erkannt  haben,  weicht  die  deutsche  Glacegerberei  nicht  ab.
Die  Jmmigrationszentren  der  vertriebenen  Hugenotten  waren  Erlangen,
Berlin,  Halberstadt,  Magdeburg,  Dresden,  und  überall  dort  entfaltete
sich  eine  blühende  Glacegerberei.  Nach  den  Befreiungskriegen  brach
zwar  die  Berliner  Weißgerberei  durch  die  übermächtige  rheinische  Konkurrenz ­
  zusammen,  so  daß  nur  noch  eine  Spezialität  in  Berlin  besteht,
nämlich  die  Gerberei  von  vorwiegend  aus  Argentinien  bezogenen  Lammfellen ­
  zu  Glanzleder''),  aber  dafür  erstanden  in  Norddeutschland  eine
Reihe  anderer  Industriezentren,  vor  allem  in  Sachsen-Altenburg  und
Provinz  Sachsen,  dann  auch  in  Aachen  und  Kassel,  auch  das  merkwürdige ­
  Emporkommen  von  Kirchhain  mag  in  Zusammenhang  mit  dem
Niedergang  der  Berliner  Jndustrieen  zu  setzen  sein.  Hauptsitz  der
sächsischen  Weißgerberei  ist  Dresden,  welches  nächst  München  der
Hauptfabrikationsplatz  von  Kalbkidleder  in  Deutschland  ist");  die
Münchener  Weißgerbereien  entstanden  hauptsächlich  seit  den  50  er  Jahren
des  vorigen  Jahrhunderts  und  zwar  sind  es  eben  alaungare  Felle  zur
Schuh  und  Leder  1898,  Nr.  10,  S.  47.
2 )  Vgl.  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage.
3 )  Schönmann's  Journal  1881,  S.  402.
*)  Wiedfeldt  1898,  S.  364  s.;  vgl.  auch  Schmoller  1870,  S.  633  sf.
5 )  Vgl.  Gebauer  1893,  Bd.  III,  S.  483  f.
        <pb n="390" />
        350

Fußbekleidung,  also  Kalbkid,  welche  dort  hergestellt  werden,  und  welche
schon  auf  der  Pariser  Ausstellung  von  1867  eine  hervorragende  Position
behaupteten*);  wenn  auch  der  bayrischen  Hauptstadt  der  unbestrittene
Vorrang  in  bezug  auf  diesen  Artikel  gebührt,  so  haben  doch  eine  ganze
Reihe  bayrischer  Lacklederfabriken  diesen  Fabrikationszweig  sich  angegliedert; ­
  weißgare  Maschinenriemen,  Näh-  und  Binderiemen,  wie  auch
die  Sämischgerberei  sind  dagegen  in  Bayern  fast  nicht  vertreten *  2 ).  Als
weitere  deutsche  Produktionszentren  seien  noch  erwähnt  Eßlingen  in
Württemberg,  Altenburg  und  Arnstadt.
Diese  Verteilung  der  deutschen  Glacegerberei  entspricht  nun  den
Hauptsitzen  der  deutschen  Lederhandschuhindustrie.  Zur
Ermittlung  der  Hauptsitze  ist  allerdings  die  amtliche  Zählung,  welche
noch  die  ganze  Stoffhandschuhbranche  mit  umfaßt,  völlig  unbrauchbar.
Um  ein  richtiges  Bild  vom  Umfang  der  deutschen  Lederhandschuhindustrie
zu  gewinnen,  muß  man  die  von  der  Organisation  der  Gehilfen,  vom  ehemaligen ­
  Verbände  der  Glacehandschuhmacher  und  verwandten  Arbeiter
Deutschlands  angestellten  Erhebungen  zu  Hilfe  nehmen.  Bezüglich  der
geographischen  Verbreitung  der  Glacelederhandschuhindustrie  kann  man
nach  diesen  Zählungen  von  1903  7  geschlossene  Gebiete  unterscheiden,
während  die  Waschlederhandschuhfabrikation,  abgesehen  von  den  örtlich
zusammenliegenden  Städten  Eßlingen,  Balingen,  Metzingen,  Villingen,
auf  geographisch  abgegrenzte  Gebiete  nicht  vereinigt  ist.
Diese  geschlossenen  Gebiete  der  Glacehandschuhfabrikation  sind:

1.

Die  Provinz  Sachsen  mit

56

Fabriken  und

960  Handschuhmachern.

Davon  in  Halberstadt

11

„

„

524

„

2.

Die  Provinz  Brandenburg

74

„

„

513

„

3.

„  Thüringen

19

„

„

430

„

4.

Königreich  Sachsen

32

„

„

405

„

5.

Provinz  Schlesien

42

„

„

366

„

6.

Königreich  Württemberg

19

„

„

221

„

7.

München  und  Erlangen

40

„

„

312

„

Sonstige  Plätze  mit  Handschuhindustrie  wie  Duderstadt,  Hildesheim, ­
  Kassel,  Braunschweig,  Hannover  sind  ihnen  gegenüber  von  untergeordneter ­
  Bedeutung  8 ).  Zu  beachten  ist  indessen,  daß  Lederhandschuhe
nicht  nur  aus  glaccgarem,  sondern  auch  gus  andersartig  gegerbtem
Leder  hergestellt  werden.
Einige  Beachtung  verdient  noch  der  Standort  der  Weiß-  und
Rotgerbereien.  Sie  finden  sich  ebenfalls  teils  im  Anschluß  au  die
Schuhindustrie,  teils  an  die  Handschuhindustrie,  teils  auch  an  die  Fabrikation
von  Galanteriewaren;  das  Verhältnis  des  Standortes  zum  Absatz  ist
-)  Schuh  und  Leder  1896,  Nr.  21,  S.  17.
2 )  Ebenda.  s )  Gerber  Courier  1904,  Nr.  4.
        <pb n="391" />
        351

aber  von  geringer  Wichtigkeit  im  Vergleich  mit  der  Ermöglichung  dieses
Standortes  durch  die  Errungenschaften  auf  dem  Gebiete  der  Extraktfabrikation, ­
  ein  Punkt,  welcher  von  großer  ökonomischer  Bedeutung  ist,
weil  er  den  handwerksmäßigen  Betrieb  der  Weiß-  und  Rotgerberei
unabhängig  von  Lohegebieten  begünstigt  und  ermöglicht  hat;  denn  vor
der  Einführung  der  Rinden-  und  Holzextrakte  waren,  wie  oben  kurz
gezeigt  wurde,  die  Lohgerbereien  gebunden  an  die  Rindenproduktionsplätze; ­
  es  war  billiger,  die  Häute  nach  den  Rindenzentren  und  das
Leder  nach  den  verschiedenen  Punkten  seines  Verbrauches  zu  transportieren,
als  die  Rinde  nach  dem  Mittelpunkt  der  Rinderschlachtbezirke  zu  schaffen.
Erst  durch  die  Einführung  des  Quebrachoholzextraktes  wurde  dieser
Zustand  geändert  ff,  und  dadurch  wurde,  allerdings  hauptsächlich  für
die  vegetabilische  Gerbung,  eine  ganz  andere  geographische  Verteilung
ermöglicht;  denn  nunmehr  wandert  die  Gerberei  den  Rohmaterialien
oder  ev.  auch  dem  Absatz  nach;  so  entstanden  die  großen  Lohgerbereien
an  den  Häuteimporthäfen,  so  konnte  der  irgendwo  gelegene  Weißgerber
sich  billig  das  vegetabilische  Gerbungsmittel  verschaffen,  und  so  können
auch  die  großen  Schuhfabriken  ohne  Rücksicht  auf  die  hohen  Transportkosten ­
  für  Lohe  im  Sinne  der  vertikalen  Konfiguration  sich  eigene
Gerbereien  angliedern.
Während  also  die  Weißgerberei,  besonders  die  Glacegerberei,  in
ihrem  Standorte  hauptsächlich  dem  Absatz  folgt,  sucht  die  Rotgerberei
mit  ihren  Rohmaterialien,  ursprünglich  mit  der  Lohe,  späterhin  mit
den  Häuten  und  Fellen,  in  Beziehung  zu  treten,  und  wenn  sie  im
Anschluß  an  die  Weißgerberei  auftritt,  gehorcht  sie  häufig  den  Gesetzen,
welche  für  den  Standort  der  Weißgerberei  maßgebend  sind,  und  dieses
letzte  Verhältnis,  ein  Ergebnis  der  letzten  Phase,  wurde  erst  ermöglicht
durch  Einführung  des  Gerbestoffextraktes.

12.  Kapitel.
Die  hygienischen  Verhältnisse  -er  Wrißgerberei.
8  36.  Die  Wasserfrage.
Unter  einem  doppelten  Gesichtspunkt  ist  die  Wasserfrage  der
Gerbereien  ein  Punkt  von  vitalster  Bedeutung  für  dieses  Gewerbe;
Vgl.  M.  A.  Gerbemethoden  1903,  S.  11;  auch  Wirtschaftskunde  1904.
Bd.  III,  S.  720.
        <pb n="392" />
        352

denn  zur  Durchführung  der  Vorarbeiten,  der  Gerbprozesse  und  des
Färbens  sind  ganz  beträchtliche  Quantitäten  geeigneten  Wassers  erforderlich; ­
  aber  andererseits  muß  die  Möglichkeit  bestehen,  diese  aus
den  Prozessen  kommenden  Abwässer  auch  wieder  in  genügender  Weise
abzuführen.  Zu  diesen  rein  technischen  Forderungen  kommt  neuerdings
noch  die  rein  hygienische,  daß  nur  genügend  geklärte  und  gereinigte
Abwässer  einen  Betrieb  verlassen  dürfen.
Die  Beschaffenheit  des  Wassers  ist  von  großem  Einfluß  auf
das  Ergebnis  des  Gerbeprozesses;  denn  fauliges  Brunnenwasser  bewirkt  eine
vollkommene  Blindheit  der  Narbe;  es  kann  ein  Einfressen  von  Löchern
von  der  Fleischseite  aus  stattfinden,  die  Narbe  erhält  unter  Umständen
eine  eigentümliche  Marmorierung,  und  die  Schwellung  ist  ungenügend,
so  daß  das  Leder  zu  dünn  und  fest  im  Kerne  wird;  Wasser  mit  einem
Gehalt  von  Chloriden  (Meerwasser)  hebt  sogar  die  schwellende  Wirkung
der  Säuren  auf,  hartes  Wasser  ist  ungeeignet  für  vegetabilische  Gerbung,
da  es  einen  Teil  der  Gerbstoffe  fällt,  und  eisenhaltiges  Wasser  erweist
sich  als  schädlich  für  Weiß-  und  Glaccgerbereien,  weil  das  Leder  gelegentlich ­
  dunkle  Färbungen  erlangt;  dagegen  ist  Wasser  mit  freier
Kohlensäure,  wie  auch  solches  mit  einem  Gehalt  von  Calcium-  und
Magnesiumsulfat  wünschenswert,  da  es  eine  gute  Schwellung  der  Häute
bewirkt  *).  Wasser  ungenügender  Beschaffenheit  erfordert  die  Anlage
von  Wasserreinigern,  welche  sowohl,  in  der  Einrichtung  wie  auch  im
Betriebe  verhältnismäßig  kostspielige  Organe  einer  Fabrik  darstellen  können.
Diese  Momente  machen  uns  verständlich,  daß  der  Standort  der
Gerberei  auch  durch  die  Wasserfrage  mit  beeinflußt  wird,  daß  sich
die  Gerber  unter  Umständen  an  diesen  Lebensnerv  drängen,  ohne  Rücksicht, ­
  ob  sie  dadurch  mit  hygienischen  Forderungen  in  Konflikt  geraten
oder  nicht;  die  folgenden  Beispiele  zeigen  sowohl  die  gelegentliche  Abhängigkeit ­
  der  örtlichen  Lage  einer  Gerberei  von  genügendem  und
geeignetem  Wasser,  wie  auch  das  ursprüngliche  Fehlen  jeder  Beziehung
zwischen  Hygiene  und  Einfügung  der  Gerberei  in  den  Wohnungsbereich
der  Menschen;  sie  zeigen  endlich,  daß  zum  Betrieb  einer  Gerberei  die
Anwesenheit  fließenden  Wassers  nicht  unbedingt  erforderlich  ist,  da
Brunnen  und  Wasserleitungen  ebenfalls  geeignet  sind,  diesen  Bedarf
genügend  zu  decken.
Die  Pariser  Weißgerber  hatten  sich  im  18.  Jahrhundert  hauptsächlich ­
  am  Flusse  des  Gobelins  niedergelassen,  welcher  für  Weißgerber
mehr  noch  als  für  Rotgerber  geeignet  galt,  und  welcher  mit  seinen
Vorzügen  geeigneten  Wassers  nur  die  Nachteile  eines  langsamen  Laufes
verband,  so  daß  das  Wasser  öfters  trübe  ward  und  im  Sommer
')  Vgl.  Gerber  1877,  S.  183;  1884,  S.  189,  205,  221,  283;  König  1899,
Bd.  I,  S.  99  f.;  Heinzerling  1882,  S.  20.
        <pb n="393" />
        353

gelegentlich  gänzlich  ausblieb  *).  Die  Weißgerber  in  Köln  hatten  vornehmlich ­
  die  Gegend  des  Pellesgrabens,  die  Weißgerbereckgasse  und  die
Weißbüttengasse  inne;  in  diesen  Straßenzügen  der  dicht  bewohnten
inneren  Stadt  liegen  die  Gerbereien  noch  bis  heute,  und  seit  der  Kanalisation ­
  dieser  Wasserläufe  wird  der  Wasserbedarf  durch  eine  Wasserleitung ­
  gedeckt *  2 ).  In  Nürnberg  lag  in  der  Jrhergasse  das  viel  besuchte
Jrherbad,  dessen  warme  Abwässer  die  Weißgerber  wohl  zu  benutzen
wußten.  In  Konstantine,  der  Hauptstadt  des  algerischen  Departements,
liefert  selbst  den  größten  Gerbereien  die  städtische  Wasserleitung  das
nötige  Wasser 3  * );  in  der  Nähe  von  Tanger  sind  die  aus  rohen  Ziegelbauten ­
  bestehenden  Geschirre  der  Gerbereien  nur  mit  Erde  gedichtet,
und  sie  befinden  sich  nur  etwa  20  Fuß  vom  Hauptbrunnen  entfernt,
welcher  Tanger  mit  Trinkwasser  versieht  H;  in  Tiflis  sind  die  Gerber
in  einem  Viertel  der  Stadt  konzentriert,  nämlich  dort,  wo  die  berühmten
heißen  Mineralquellen  aus  der  Erde  kommen,  und  wo  sich  deswegen
auch  alle  Badeanstalten  befinden 3 );  die  Wiener  Gerber  beschwerten
sich  1883,  als  die  Benutzung  der  Hochquellenleitung  für  industrielle
Zwecke  ausdrücklich  verboten  wurde 3  * ),  und  1800  wurde  ein  Gesuch
eines  Uffenheimer  Gerbers,  betreffend  einen  Anstich  am  Stadtbronnen
der  oberen  Vorstadt,  abgewiesen  mit  der  Begründung,  daß  seine  Mitmeister ­
  sämtlich  keine  lausenden  Brunnen  haben,  daß  sein  Betrieb  nicht
beträchtlicher  sei  als  der  der  übrigen  Gerber,  daß  er  sich,  wie  die
anderen  Meister  auch,  mit  dem  aus  seinem  Ziehbrunnen  geschöpften
Wasser  begnügen  müsse,  und  daß,  wenn  ihn  dieser  wirklich  in  Not
lassen  sollte,  er  nur  50  Schritte  vom  öffentlichen  laufenden  Brunnen
entfernt  sei,  wo  er  sich  das  allenfalls  noch  abgängige  Wasser  holen
könnte 7 ).  Diese  Beispiele  illustrieren  einwandfrei  das  oben  Gesagte,
wie  auch  die  Darlegungen  des  §  34  über  die  örtliche  Lage  der  Weißgerbereien, ­
  auf  welche  hier  nochmals  hingewiesen  sei.
Die  Beschaffung  genügenden  und  guten  Wassers  für  seine  Gerberei
ist  die  Sorge  des  Gerbers  selbst;  aber  die  Sorge  um  die  Abwässer  im
Interesse  des  allgemeinen  Wohles  ist  die  Aufgabe  der  Gesetzgebung;
denn  die  Verunreinigungen  durch  Gerbereien  sind  von  dreierlei  Art;
nämlich  einmal  sind  es  Verunreinigungen  durch  vorwiegend  mineralische
Stoffe,  wie  Kalk,  und  besonders  Arsenik  bei  Weißgerbereien,  zweitens
stickstoffhaltige,  säulnisfähige  organische  Stoffe,  und  drittens  unter  Umständen ­
  Infektionserreger,  wie  z.  B.  die  Milzbrandsporen,  welche  best ­
  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  108,  132.
2 )  Wirminghaus  1895,  S.  250.
st  Schuh  und  Leder  1898,  Nr.  22,  S.  29.
st  Gerber  Courier  1907,  Nr.  34.  st  Gogitschayschwili  1891,  S.  94.
st  Schönmann's  Journal  1883,  Nr.  34.  st  Uffenheim  1800.
Ebert,  Entwicklung  der  Weibgerberei.  23
        <pb n="394" />
        354

sonders  unter  den  Abgängen  von  Weißgerbereien  sich  befinden  können x ).
Die  Feststellung  der  Giftigkeit  solcher  Abwässer,  sowie  die  zur  Reinigung
und  Klärung  in  Vorschlag  gebrachten  und  eingeführten  Verfahren  gehören ­
  nicht  in  den  Rahmen  dieser  Arbeit;  denn  hier  interessieren  hauptsächlich ­
  die  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  Reinhaltung  der  Flußläufe
und  über  die  Beseitigung  der  Jndustrieabfälle.
Für  die  am  Flusse  des  Goblins  wohnenden  Gerber  und  Färber
bestanden  besondere  Bestimmungen  über  die  Straßenreinigung  und  die
Abfuhr  von  Abfällen;  die  Durchführung  dieser  Vorschriften  verursachte
1733  einen  jährlichen  Kostenaufwand  von  665  Livres,  von  welchen  die
Färber  8 / 10 ,  die  Weißgerber  und  Lohgerber  je  Vio  zu  entrichten  sich
geeinigt  hatten  (!) 2 );  1702  war  sogar  eine  ungarische  Manufaktur  aus
der  Vorstadt  Saint  Antonine  auf  die  Vorstellung  der  Gärtner  hin,  daß
das  durch  die  Gerberei  verdorbene  Wasser  ihren  Gartenfrüchten  schädlich
sei,  nach  St.  Denis,  unweit  Paris,  verlegt  worden 3 ).  Es  ist  also  auch
in  diesen  Punkten  Frankreich  bahnbrechend  gewesen,  und  es  dauerte
verhältnismäßig  lange,  bis  in  D  eut  s  ch  l  a  n  d  solche  Vorschriften  allgemeine
Geltung  erlangten.  Die  preußische  Gewerbeordnung  von  1845  hatte
die  Konzessionspflicht  für  eine  Reihe  gewerblicher  Anlagen  vorgeschrieben,
die  Gewerbeordnung  des  norddeutschen  Bundes  von  1869  hatte  diese
Bestimmungen  räumlich  und  sachlich  erweitert,  nach  der  Gründung  des
Reiches  wurden  sie  allmählich  auf  das  ganze  Deutsche  Reich  ausgedehnt,
schließlich  auch  auf  Bayern  am  1.  Januar  1873;  von  den  für  die
Lederindustrie  wichtigen  Anlagen  sind  die  Gerbereien  schon  1845  und
die  Anlagen  zum  Trocknen  und  Einsalzen  ungegerbter  Tierfelle  im
Jahre  1888  in  das  Verzeichnis  der  konzessionspflichtigen  Anlagen  aufgenommen ­
  worden.  Was  schließlich  speziell  die  Abwässer  der  Gerbereien
anlangt,  so  wird  verlangt,  daß  sie  nicht  in  die  Wasserläufe  abgehen,
wenn  sie  nicht  vorher  von  den  Fäulnisstoffen  und  giftigen  Chemikalien ­
  genügend  befreit  worden  sind.  Daher  müssen  die  Gerbereien
neuerdings  alle,  man  darf  wohl  sagen,  in  den  sauren  Apfel  beißen
und  zur  Reinigung  und  Klärung  ihrer  Abwässer  übergehen;  denn
diese  für  den  Gerber  völlig  unrentablen  Kläranlagen  bedeuten  oft
hohe  Geschäftsunkosten;  dazu  kommt,  daß  das  neue  Wassergesetz  die
Bestimmung  noch  verschärft  hat  und  unter  Umständen  sogar  noch  einen
Schadenersatzanspruch  gegen  den  Unternehmer  einer  Anlage,  von  welchem
eine  Verunreinigung  des  Flusses  herrührt,  zuläßt.  Die  Organe  der
gerberischen  Interessen  befinden  sich  deshalb  auf  stetem  Kriegsfuße  mit
den  hier  einschlägigen  gesetzlichen  Bestimmungen,  und  jeder  Akt  gesetzlicher ­
  Verschärfung  dieser  Vorschriften,  jeder  Fall  auf  Grund  solcher
0  Vgl.  König  1899,  Bd.  I.  S.  44,  192—196;  Fischer  1875,  S.  148  f.
')  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  132.  3 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  56.
        <pb n="395" />
        355

Verhältnisse  in  Konflikt  geratener  Interessen  erregt  einen  wahren  Sturm
von  Meinungsaustausch.
Abschließend  zur  Abwasserfrage  sei  noch  eine  für  K  i  r  ch  h  a  i  n  gültige
Bekanntmachung  vom  7.  Mai  1912  mitgeteilt,  weil  dort  wegen  der
hohen  räumlichen  Konzentration  von  Gerbereien  Mißstände  der  hier  in
Frage  stehenden  Art  besonders  schwer  empfunden  werden.
„Der  Herr  Regierungspräsident  hat  unterm  2.  Dezember  vorigen
Jahres  verfügt,  daß  sämtliche  hiesigen  Gerbereien  daraufhin  revidiert
werden  sollen,  ob  dieselben  mit  Klärbassins  usw.  in  genügender  Zahl
und  vorschriftsmäßiger  Beschaffenheit  versehen  sind.
Diese  Revision  hat  nach  Anleitung  des  Herrn  Gewerbeinspektors  in
Kottbus  stattgefunden,  und  es  hat  sich  dabei  herausgestellt,  daß  bei  einer
großen  Zahl  von  Gerbereien  Mängel  vorhanden  sind,  welche  in  gesundheitspolizeilichem ­
  öffentlichem  Interesse  schleunigst  beseitigt  werden  müssen.
Im  Auftrage  des  Herrn  Regierungspräsidenten  wird  ausdrücklich
darauf  hingewiesen,  daß  das  Erforderliche  im  polizeilichen  Zwangswege
durchgeführt  werden  muß,  wenn  nicht  bis  spätestens  Ende  August  überall
ordnungsmäßige  Zustände  hergestellt  sind.
Was  herzustellen  ist,  ist  folgendes:
I.  Alle  Arbeitsstätten  und  Plätze,  wo  flüssige  Abgänge  entstehen,
einschließlich  der  Giftplätze  und  der  Lagerplätze  für  gesalzene  Felle  und
Leimleder  müssen  undurchlässig  mit  Mauersteinen  gepflastert  sein.
Die  Abgänge  dürfen  nicht  direkt  in  die  Elster  oder  auf  das  bloße
Erdreich  abfließen,  wo  sie  versickern  können,  sie  müssen  vielmehr  durch
undurchlässige  Rinnen  oder  Kanäle  den  Klärbassins  zugeführt  werden.
Das  Abführen  der  Abwässer  aus  diesen  Bassins  darf  ebenfalls
nur  durch  solche  Rinnen  oder  Kanäle  erfolgen.
II.  Sämtliche  Gerbereiabwässer  müssen  durch  Klärbassins  gehen,
deren  Anzahl  sich  nach  dem  Umfange  des  Betriebes  richtet.
Betriebe  mit  einer  Produktion  bis  zu  10  000  Fellen  jährlich  müssen
mindestens  2  Bassins  mit  einem  Rauminhalt  von  zusammen  mindestens
4  cbm  haben.  Betriebe  mit  einer  Produktion  bis  zu  30000  Fellen
müssen  mindestens  3  Bassins  mit  einem  Rauminhalt  von  zusammen
mindestens  6  cdm,  und  Betriebe  mit  einer  Produktion  bis  zu  60000
Fellen  müssen  mindestens  4  Bassins  mit  einem  Rauminhalt  von  mindestens ­
  8  cbm  haben  usw.
III.  Die  nach  Ziffer  II  mindestens  notwendigen  Klärbassins  müssen
undurchlässig,  in  Zement  gemauert  und  mit  einem  gefalzten  Bohlenbelag
zugedeckt  sein.
Gruben,  die  neu  angelegt  werden,  müssen  von  allen  Seiten,  auch
unter  dem  Boden,  mit  einer  mindestens  30  cm  starken  Schicht  von  gestampftem ­
  Lehm  umgeben  sein.

23*
        <pb n="396" />
        356

Hölzerne  Klärgruben  sind  unzulässig.
Wo  Bassins  neu  angelegt  werden  müssen,  sind  dieselben  stets
mindestens  2  cdm  groß  zu  machen.
Besonders  bemerken  wir  noch,  daß  sich  niemand  vorstehenden  Anordnungen ­
  etwa  aus  dem  Grunde  entziehen  kann,  weil  seine  Konzession
in  dieser  Beziehung  nichts  besagt;  denn  es  handelt  sich  hier  um  die
Beseitigung  gesundheitswidriger  Zustände  im  öffentlichen  Interesse.
Kirchhain  N./L.,  den  7.  Mai  1912.
Die  Polizeiverwaltung."
§  37.  Die  Gewerbekrankheiten  und  die  Mortalität.
BernardinRamazzini,der  erste  systematische  Darsteller  der  Gewerbekrankheiten, ­
  behandelt  die  Gerber  unter  der  Kategorie  von  Gewerben
„quae  nasorum  sunt  pestes“;  er  gesteht,  daß,  so  oft  er  in  die  Gegend
von  Gerbereien  geriet,  er  unter  Übelkeit,  Erbrechen  und  Kopfweh  zu
leiden  hatte  Z;  er  habe  Gelegenheit  gehabt,  zu  beobachten,  wie  es  unmöglich ­
  war,  Pferde  an  Gerbereien  vorbeizubringen,  da  diese,  sobald
sie  den  Geruch  von  ferne  verspürten,  sich  wie  verrückt  gebärdeten  und
eiligst  umkehrten.  (Letztere  Verhältnisse,  den  Widerwillen  der  Pferde
gegen  den  Geruch  der  Gerbereien,  besonders  der  Weißgerbereien  betreffend, ­
  wurden  auch  mir  noch  von  mehrfacher  zuverlässiger  Seite  bestätigt.) ­
  Dementsprechend  düster  ist  auch  das  Bild,  welches  er  von  den  Gewerbetreibenden ­
  selbst  entwirft:  „hos  enim  videre  est  cadaverosa  fade,
subtimidos,  luridos,  anhelosos  ac  omnes  fere  spleneticos“  (leichenähnlich, ­
  mit  scheuem  Blick,  fahl,  keuchend  und  fast  alle  milzsüchtig 2  3 ).
Dieses  auf  den  ersten  Blick  vielleicht  übertrieben  erscheinende  Bild
gewinnt  an  Wahrscheinlichkeit  und  dient  vielleicht  sogar  noch  als  wertvolle
Illustration  für  die  hygienischen  Forderungen  vergangener
Jahrhunderte.  Wir  haben  schon  gesehen,  wie  wenig  empfindlich
das  Mittelalter  gegen  sanitäre  Übergriffe  gewesen  ist,  welch  geringe
Bedenken  unter  Umständen  vorhanden  sind,  wenn  Gerbereien  und
Bäder  räumlich  vereinigt  sind.  In  der  Nürnberger  Jrher-Ordnung
von  1534  wird  verboten,  „das  auch  weder  maister  noch  gesellen
aufs  dem  gemeynnem  Stege  mit  ainicher  vnsawbrigkeit  aneinander  noch
sonnst  nyemannd  werffen  oder  belaidigen",  und  weiter  sollen  die  Jrher
ihre  Beizen  und  andere  Unsauberkeit  nicht  ausschütten  „auf  die  gemahnn
noch  an  kein  annder  ennde,  da  sollichs  auf  die  gemahn  kumen  mag"  8 ).
In  einem  Weistum  findet  sich  ein  Verbot  der  Verunreinigung  der
i)  Ramazzini  1703,  S.  103.  s )  Ramazzini  1703,  S.  105.
3 )  Nürnberg  1535.
        <pb n="397" />
        357

Brunnenbette  durch  „heut"  *).  Ein  großer  Teil  des  mittelalterlichen  Gewerbes ­
  ging,  worauf  ja  ebenfalls  mehrmals  hingewiesen  wurde,  in  der
Öffentlichkeit  vor  sich^);  fo  wurde  in  Rothenburg  1601  den  Rot-  und
Weißgerbern,  Schwarzfärbern  und  Seilern  verboten,  auf  den  Stadtmauern
das  Leder  usw.  aufzuhängen,  weil  sich  etliche  unsauber  gehalten  hatten  3 );
Beckmann  erzählt  von  dem  Orte  Schüttorf  in  der  Grafschaft  Bentheim,  daß
dort  der  Reisende  beim  Eintritt  in  die  Stadt  das  Gewerbe  der  Pergamenter
  durch  mehr  als  einen  Sinn  gewahr  werden  könnte;  denn  das  ganze
Stadttor  sei  gemeiniglich  mit  nassen  Häuten  behängt  ü;  und  die  Augsburger ­
  Vorschriften  aus  der  Wende  des  18.  Jahrhunderts  enthalten
das  ausdrückliche  Verbot,  daß  niemand  „vor  der  Werckstatt  heraussen
einige  Arbeit  zu  Baum  verrichten  nit  zugelassen  sein"  solle 8 ).  Diese
Beispiele  mögen  noch  einmal  bekunden,  daß  eine  Absonderung  der
Gerbereien  nicht  vorhanden  ist,  sie  mögen  zeigen,  welches  die  allgemeinen
gewerbehygienischen  Zustände  sind,  sie  machen  uns  die  Schilderung
Ramazzini's  verständlicher,  und  sie  zeigen  uns  auch,  wie  die  ersten
sanitären  Bedenken  gegen  die  Gerbereien  aus  den  von  diesen  entwickelten
Gerüchen  erwachsen  sind;  die  Gerüche  verursachenBernardin  Ramazzini
Übelkeit,  Erbrechen  und  Kopfschmerz,  die  Gerüche  veranlassen  die  Pferde
zur  Widerspenstigkeit;  Carminati  hat  aus  der  Einwirkung  der  putriden
Ausdünstungen  auf  einen  Frosch  auf  die  Schädlichkeit  dieser  Gase  überhaupt ­
  geschlossen 6 );  noch  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  ist  der
„aashafte  Dunstkreis",  in  welchem  die  Gerber  arbeiten,  das  die  Gesundheit ­
  untergrabende  Moment 7 ),  und  als  die  fortschreitende  Erkenntnis
gezeigt  hatte,  daß  zwar  schädliche  Gase,  wie  Kohlensäure,  Ammoniak,
Schwefelwasserstoff,  Aminbasen,  gelegentlich  auch  Blausäure,  sich  entwickeln ­
  8 ),  daß  aber  diese  Gase  in  starker  Verdünnung  auftreten,  daß
eine  Alteration  der  Gesundheit  durch  diese  ausgeschlossen  sei 9 ),  da  geriet
plötzlich  die  Gerberei  in  den  Ruf  eines  überaus  gesunden  Gewerbes  10 );
schon  der  neapolitanische  Arzt  Cirillo  hatte  1786  in  einer  Streitschrift
über  die  Abwässer  der  Gerbereien  darauf  hingewiesen,  daß  beim  Gerben
nicht  Fäulnis,  sondern  Konservierung  und  Balsamierung  der  Häute  bewirkt
werde,  und  daß  weder  das  Leder,  noch  die  verschiedenen  Wasser  und
Beizen  faulige  Bestandteile  enthalten  oder  ausdünsten^);  besonders  die
Lohgerber  sollten  durch  Einatmung  des  Lohestaubes  und  durch  den  steten
0  Dunker  1803,  S.  117.  a )  Mummenhoff  1901,  S.  114,  siehe  Abbild.  111.
s )  Roihenburg  1571-1696,  S.  28;  1601.  *)  Beckmann  1796,  S.  301.
6 )  Augsburg  ca.  1800.  6 )  Carminati  1777,  De  putridis  halitibus.
Map  1803,  S.  142  ff.  8 )  Weyl  1897,  S.  896;  1904,  S.  117  f.,  123;  May
1803,  S.  142ff.;  Hirth  1874,  S.  430,  437f.  «)  Hirth  1878,  Bd.  II,  S.  146ff.
10 )  Neufville  1855,  S.  89.
J1 )  Cirillo,  lüflessioni  intorno  alla  qualita  delle  acque  nella  Concia  de
cuoi,  1786,  2.  Auflage.
        <pb n="398" />
        358

Umgang  mit  den  konservierenden  Lohwassern  gegen  Krankheiten  geschützt
sein,  letzteres  ein  wissenschaftlicher  Streit,  welcher  in  betreff  der  Cholera J )
und  Tuberkulose  bis  heute  noch  nicht  einwandfrei  entschieden  ist 3 ).
Viel  weniger  Beachtung  als  die  verhältnismäßig  unschädlichen  Ausdünstungen ­
  und  Gerüche,  welche  heute  mehr  unter  dem  Gesichtspunkte
der  Belästigung  der  Nachbarschaft  als  unter  dem  der  Krankheitsätiologie
betrachtet  werden,  fand  die  Flußarbeit,  welche  das  17.  Jahrhundert
mit  den  charakteristischen  Worten  schildert,  daß  die  Gerber  die  Häute
„nach  allen  Lüsten  bereiten,  wobei  die  Arbeiter  bis  an  die  Waden  im
Dreck  stehen"  4  * ),  eine  Schilderung,  welche  auch  durch  Abbildungen  bezeugt ­
  ist 6  * ).  Aber  selbst  nach  Abstellung  dieser  groben  Mißstände  bleibt
immer  noch  das  Arbeiten  in  kalten  oder  nassen  Räumen;  die  Arbeiten
am  Äscher,  an  den  Beizen,  am  Schabebaum,  ziehen  eine  mehr  oder
weniger  starke  Durchnässung  nach  sich,  was  wiederum  Veranlassung
gibt  zu  Katarrhen,  Erkältungen,  Rheumatismen,  Entzündungen  der
Lunge,  Durchfällen,  gelegentlich  auch  zu  Wassersucht  ").
Das  Arbeiten  mit  den  zur  Ausübung  des  Gewerbes  nötigen  Werkzeugen ­
  bildet  eine  weitere  Veranlassungsreihe  von  Erkrankungen.  Hierher
gehören  Schwielen  und  akzidentelle  Schleimbeutel,  welche  sich  entzünden
und  vereitern  können;  die  Körperstellung,  besonders  bei  den  Arbeiten
am  Schabebaum,  ist  eine  ungesunde,  sie  führt  zu  Reizungszuständen  der
Harnwege,  Leistendrüsenentzündungen  und  weiteren  Erkrankungen  der
hier  liegenden  Organe  und  Hautpartieen.  Die  aus  der  Überanstrengung
einzelner  Muskelgruppen  sich  ergebenden  Kontrakturen,  Sehnenscheidenentzündungen, ­
  Handgelenksentzündungen  endlich  gehören  ebenfalls  in
diese  Reihe  professioneller  Erkrankungen').
Auch  die  U  n  f  a  l  l  g  e  f  ä  h  r  l  i  ch  k  e  i  t  der  Lederindustrie  in  bezug  auf
Verletzungen  gehört  in  diese  Kategorie;  die  letzte  von  den  in  10  jährigen
Perioden  wiederholten  Statistiken  des  Reichsversicherungsamtes  datiert
aus  dem  Jahre  1907,  und  danach  ist  die  Unfallgefährlichkeit  der
Gerberei  mit  9,25  pro  Mille  auch  etwas  unterhalb  des  Durchschnittes
der  Unfallhäufigkeit  der  Gesamtgewerbe,  welche  9,66  pro  Mille  beträgt  8 ).
Für  die  Weißgerberei  speziell  liegen  keine  Daten  vor.
Erkrankungen  der  Atmungsorgane  infolge  von  Staub  spielen  bei
der  Weißgerberei  eine  verhältnismäßig  geringe  Rolle.
Wichtiger  und  tiefergreifend  sind  die  Alterationen  durch  Chemikalien

‘)  I.  f.  N.  1871,  Bd.  17,  S,  122/123;  Popper  1882,  S.  328.
2)  Layet  1877,  S,  141;  Popper  1882,  S.  328.
3 )  Vgl.  Ledermart  1898,  Nr.  13,  S.  5.  “)  Piazza  1659,  S.  499  f.
»)  Frisius  1708,  S.  423.  °)  Popper  1882,  S.  57,  58,  324  ff.
’)  Hirth  1878,  Bd.  II,  S.  148ff.;  Lat,et  1877,  S.  139ff.
8 )  Ledermarkt  1908,  Nr.  89;  1911,  Nr.  55;  1910,  Nr.  7,
        <pb n="399" />
        359

wie  Kalk  und  Arsenik.  Sie  bewirken  Leiden  der  Epidermis  und
der  Cutis,  sie  rufen  mit  der  Zeit  lokale  Sensibilitäts-  und  Motilitätsstörungen ­
  hervor  und  verursachen  gelegentlich  eigentümliche  Affektionen
und  Geschwüre  *).
In  letzter  Linie  müssen  wir  noch  zu  sprechen  kommen  auf  die  Erkrankungen ­
  der  Gerber,  welche  durch  Infektion  bewirkt  werden  können.
Auf  die  Ungefährlichkeit  des  Hundekotes  habe  ich  schon  hingedeutet;
nach  einem  Gutachten  des  Kgl.  preußischen  Instituts  für  Infektionskrankheiten ­
  haben  die  im  Hundekot  unter  Umständen  vorhandenen  Eier  von
9?L6nin6ebin060oou8  durch  den  laugen  Transport  aus  der  Türkei
oder  aus  China  ihre  Entwicklungsfähigkeit  verloren;  ein  Beweis  dafür,
daß  der  in  der  Gerberei  verwendete  Hundekot  die  Arbeiter  nicht  auffällig ­
  geschädigt  hat,  scheint  auch  in  der  Tatsache  zu  liegen,  daß  noch
keinem  Kliniker  eine  besonders  hohe  Erkrankungsziffer  der  Gerber  am
Blasenwurm  aufgefallen  ist,  wie  auch  in  dem  Umstande,  daß  offenbar
den  mit  Herstellung  von  künstlichen  Mistbeizen  beschäftigten  Fabrikanten
Fälle  solcher  Affektionen  nicht  bekannt  geworden  sind^).
Ein  Punkt,  welcher  in  diesem  Zusammenhange  wenigstens  angedeutet ­
  werden  muß,  wenn  er  auch  nicht  eine  direkte  und  ausschließliche
Gefährdung  der  Gerbereiarbeiter  bedeutet,  ist  die  Übertragung  von
Seuchen  durch  die  Einfuhr  von  Häuten  und  Fellen  solcher
Tiere,  welche  an  übertragbaren  Krankheiten  gelitten  haben.  Diese  Verhältnisse ­
  sind  geregelt  im  Viehseuchengesetz,  die  Einfuhr  solcher  Häute  und
Felle  ist  danach  verboten,  und  die  Gerberei  hat  zum  Schutz  gegen  die
ständige  Gefährdung  der  Viehbestände  für  genügende  Reinigung  der
Abwässer  und  Abfälle  Sorge  zu  tragen^).
Weit  wichtiger  und  brennender  noch  als  die  eben  besprochenen
Fülle  von  Infektion,  welchen  man,  soweit  eine  Gefährlichkeit  erkannt  ist,
auf  gesetzlichem  Wege  zu  Leibe  gehen  konnte,  ist  der  M  i  l  z  b  r  a  n  d,  welcher
alljährlich  trotz  strengster  Vorsichtsmaßregeln  aus  der  Reihe  der  in
Gerbereien  beschäftigten  Arbeiter  seine  Opfer  fordert.  Der  Milzbrand
wird  hauptsächlich  übertragen  durch  Schaf-  und  Ziegenhäute;  er  äußert
sich  auf  der  Haut  der  infizierten  Arbeiter  durch  kleine  juckende  Pusteln,
welche  beim  Aufkratzen  und  Aussaugen  der  Wunde  die  Gefahr  weiterer  Verbreitung ­
  wie  auch  der  Entstehung  von  Darmmilzbrand  mit  sich  bringen.
Die  folgende  Statistik  aus  dem  Jahre  1910  über  die  Milzbrandgefährlichkeit ­
  der  verschiedenen  Gewerbe  mag  die  Stellung  speziell  der
Gerberei  in  dieser  Frage  deutlich  zeigen.  Im  ganzen  sind  nach  den
eingegangenen  Anzeigen  (welche  wahrscheinlich  leider  immer  noch  lücken-9
  Layet  1877,  S.  20  f.,  137.
2 )  Ledermarkt  1911,  Nr.  79.
3 )  Ledermarkt  1911,  Nr.  98,  S.  18  a;  1908,  Nr.  36,  S.  19.
        <pb n="400" />
        360

haft  sind),  in  der  Zeit  vom  1.  Januar  bis  31.  Dezember  1910  im

Deutschen  Reiche
vorgekommene  Milzbrandfälle  bei  Menschen  287
davon  bei  Kindern  unter  14  Jahren  9
von  den  erkrankten  Personen  waren  männlichen  Geschlechts  257
Von  den  erkrankten  Personen  waren  weiblichen  Geschlechts  30
den  Milzbranderkrankungen  sind  Personen  erlegen  40
davon  weiblichen  Geschlechts  6
davon  Kinder  1

In  142  Fällen  oder  49,5  °/ 0  war  die  Erkrankung  zurückzuführen
auf  die  Berührung  mit  milzbrandkranken  lebenden  oder  toten  Tieren
oder  deren  Fleisch.
In  135  Fällen  oder  47  °/ 0  war  die  Erkrankung  zurückzuführen
auf  den  Handel  und  Verkehr  mit  Stoffen  tierischer  Herkunft  oder  auf
die  gewerbliche  Verarbeitung  solcher  Stoffe.
In  einem  Falle  war  die  Erkrankung  zurückzuführen  auf  Arbeiten
mit  Milzbranderregern.
In  9  Fällen  der  Erkrankung  blieb  die  Ansteckungsquelle  unbekannt.
Von  den  Erkrankten  entfielen  aufZ

Milzbranderkrankungs ­
 ­

  tödlich

landwirtschaftliche  Betriebe

fälle
121

12

Abdeckereien

9

—

Fellhandlungen

8

2

Gerbereien

92

16

Lederarbeiter  nicht  in  Gerbereien

3

1

Arbeiter  beim  Gütertransport

7

2

Roßhaarspinnereien

11

1

Bürsten-  und  Pinselfabriken

4

2

Wollkämmereien

1

—

Leimsabrikation

1

—

Sowohl  durch  die  Zahl  der  Erkrankungen  als  auch  durch  die
Zahl  der  Todesfälle  zeichnet  sich  also  die  Gerberei  vor  allen  anderen
Gewerben,  relativ  sogar  gegenüber  den  landwirtschaftlichen  Betrieben,
durch  ihre  außerordentlich  hohe  Milzbrandgefährlichkeit  aus.  Die  Gefährlichkeit ­
  speziell  der  Weißgerberei  geht  aus  dieser  Statistik  wieder
nicht  hervor,  allein  man  nimmt  allgemein  an,  daß  die  Milzbrandgefährlichkeit ­
  der  Weißgerbereien  eine  viel  höhere  sei  als  die  der  Rotgerbereien, ­
  weil  die  Weißgerberei  (freilich  auch  die  Chromchevreaux-Fabriken
  und  ähnliche)  doch  vornehmlich  Schaf-  und  Ziegenfelle  verarbeiten, ­
  während  schwerere  Häute  bei  ihnen  verhältnismäßig  seltener  sind.
Wir  haben  damit  die  Ätiologie  der  gerberifchen  Gewerbekrank-&amp;gt;)

  Ledermarkt  1911,  Nr.  79,  S.  8.
        <pb n="401" />
        361

heilen  beendigt  und  wenden  uns  noch  kurz  zur  Betrachtung  der  Mortalität, ­
  welche  einen  zahlenmäßigen  Ausdruck  darstellt  für  den  Effekt
sämtlicher  im  Laufe  des  beruflichen  Lebens  an  einem  menschlichen
Organismus  bewirkter  Schädigungen.
Auf  ältere  Unters  uchungen,  wie  z.  B.  auf  die  von  Neufville  aus
den  Frankfurter  Todeslisten  der  Jahre  1820—1852  gewonnenen  Ergebnisse, ­
  welche  auch  von  Schmoller  benutzt  worden  sind  x ),  darf  nur  kurz
hingewiesen  werden^),  weil  einmal  in  diesen  Untersuchungen  Gerber
und  Kürschner  unter  einer  einzigen  Rubrik  zusammengefaßt  find,  weil
weiter  trotzdem  das  Material  viel  zu  klein  geblieben  ist,  als  daß  eine
dem  Gesetze  der  Großen  Zahlen  entsprechende  Zuverlässigkeit  abgeleitet
werden  könnte,  vor  allen  Dingen  aber,  weil  die  Methode,  mit  welcher
Neufville  gearbeitet  hat,  unrichtig  ist.  Es  wird  hier  aus  dem  Durchschnitt
von  18  Todesfällen  eine  mittlere  Lebensdauer  von  56  Jahren  7  Monaten
berechnet,  und  damit  stehen  die  Gerber  unter  allen  Gewerben  obenan;
eine  höhere  mittlere  Lebensdauer  haben  nach  diesen  Berechnungen  nur
die  Geistlichen  mit  65  Jahren  11  Monaten.
Auf  einer  richtigen  Methode  aufgebaut  sind  die  Untersuchungen
von  Westergaard,  welcher  allerdings  hauptsächlich  englische  Verhältnisse
seinen  Untersuchungen  zugrunde  legt  ^).  Die  Untersuchungen  Westergaards
sind  insofern  interessant,  als  die  erste  Auflage  seines  Buches  die
Weißgerber  und  Rotgerber  noch  in  einer  einzigen  Rubrik  vereinigt,
während  die  19  Jahre  später  erschienene  zweite  Auflage  die  beiden
Gewerbe  trennt  Z.
Für  beide  Gewerbe  sind  die  Verhältnisse  die  folgenden:°)
Gerber  und  Weißgerber  in  England.  Tannerund  Currier.
Erwartungsmäßig  Gestorbene  nach
der  Tabelle

Alter

Lebensjahre

Gestorbene

für  die  ganze
Bevölkerung

für  62
erlesene  Berufe

15

8165

23

51,44

34,29

20

8  465

47

72,80

70,26

25

15  375

135

150,68

149,14

35

12  267

171

159,47

163,15

45

9  543

186

176,55

187,04

55

6  032

214

194,23

211,12

60

2  798

227

186,91

211,53

75

1000

139

165,80

192,20

Im  ganzen

63  645

1142

1157,88

1218,37

')  Schmoller  1870,  S.  341.
2 )  Neufville  1855,  S.  89,  101,  103,  107;  vgl.  auch  Layet  1877,  S.  34f.
3 )  Westergaard  1901,  S.  529,  684ff.;  vgl.  auch  Westergaard  1882,  S.  283f.
4 )  Die  Vergleichssterbetafel  siehe  Westergaard  1882,  S.  287.
°)  Westergaard  1882,  S.  376.
        <pb n="402" />
        362

Die  Erfahrung  verhält  sich  also  zur  Berechnung  wie  0,99  und  0,94.
Wir  begegnen  danach  entschieden  günstigen  Verhältnissen.
Es  besitzen  also  die  Gerber  eine,  wenn  auch  geringe  Untersterblichkeit.
Späterhin  werden  dann,  wie  bemerkt,  die  beidenGewerbe  getrennt, ­
  und  nun  ergibt  sich  ein  ganz  überraschender  Unterschied  zwischen
den  beiden  scheinbar  so  nahe  verwandten  Gewerben.  Wohl  besitzen  die
Weißgerber  immer  noch  eine  sehr  geringe  Untersterblichkeit,  aber  die
Sterblichkeit  der  Weißgerber  ist  durchweg  eine  viel  größere  als  die  der
Lohgerber,  wie  die  folgende  Tabelle  zeigt  *).
Von  Gerbern  starben  unter  1000  jeder  Altersklasse

Alter  (Jahre)

Lohgerber
und

Weißgerber

25-35

Kürschner
6

7

35-45

6

13

45—55

19

22

55—65

33

41

Todesfälle  zusammen  (Anzahl  der
Todesfälle  im  Alter  von  25—65)

267

702

nach  Beobachtung

267

702

nach  Erwartung

354

704

auf  100  erwartungsmäßige  Todesfälle

  kamen  beobachtete

75

100

Standardbcrechnung

76

100

An  diesen  beiden  Tabellen  ist  nur  zu  bedauern  der  Mangel  an
Einheitlichkeit,  insofern  der  älteren  Tabelle  die  Zahl  10000,  der
jüngeren  die  Zahl  1000  zugrunde  liegt.  Einer  direkten  Vergleichbarkeit
beider  Tabellen  widerspricht  außerdem  die  Tatsache,  daß  die  Zusammensetzungen ­
  der  beobachteten  Masse  der  „Tanner  und  Curier"  unbekannt
ist;  es  ist  nicht  ausgesagt,  wie  viele  Prozente  Weißgerber  und  wie  viele
Prozente  Rotgerber  darinnen  enthalten  sind;  unter  der  freilich  nicht
ganz  richtigen  Annahme  konstant  gebliebener  Ursachen  und  Sterblichkeitsverhältnisse ­
  ließe  sich  auf  Grund  der  zweiten  Tabelle  immerhin  die
erste  Tabelle  zerlegen;  allein,  da  solche  Wahrscheinlichkeiten  zu  wenig
exakte  Grundlagen  für  rechnerische  Operationen  darstellen,  mag  es  genügen, ­
  auf  diese  Möglichkeit  hinzuweisen.
§  38.  Arbeitsräume  und  Fabrikhygiene.
Aus  den  in  §  37  dargelegten  Schädigungen  entspringen  die
Forderungen  zur  möglichsten  Vermeidung  oder  Unschädlichmachung  derselben; ­
  die  hierher  gehörigen  Vorschläge  oder  Vorschriften  werden  pro-’)

  Westergaard  1901,  S.  590.
        <pb n="403" />
        363

duziert  von  den  Gewerbehygienikern,  vom  Kaiserlichen  Gesundheitsamte,
von  der  Lederindustrieberufsgenossenschaft,  und  sie  werden  auf  dem
üblichen  Verordnungswege  in  Kraft  gesetzt.
Ausdünstungen  und  Gerüche  in  den  Gerbereien  werden  am
wirksamsten  prophylaktisch  bekämpft,  indem  man  nämlich  den  Eintritt  von
übelriechenden  Fäulnisprozessen  möglichst  verhindert.  Reinhaltung  der
Arbeitsräume  durch  öfteres  Reinigen,  Vornahme  aller  Arbeiten  der
Wasserwerkstatt  in  Räumen  mit  zementierten  Böden  und  Wänden,
Sammlung  aller  Abwässer  und  Abfälle  in  gemauerten  oder  zementierten
Klärgruben,  tadellose  wasserdichte  Beschaffenheit  aller  Rinnen  und  Abläufe, ­
  das  sind  die  gemeinsamen,  von  Hygienikern  und  Verwaltungsbehörden ­
  erhobenen  Forderungen.  Zur  möglichsten  Beseitigung  dennoch
auftretender  unvermeidlicher  Gerüche  wird  eine  geeignete  Konstruktion
der  Fenster  verlangt,  damit  eine  Lüftung  der  Arbeitsräume  sich  leicht
bewerkstelligen  lasse  *).
Die  Verlegung  der  früher  am  offenen  Flusse  und  stets  im  Freien
gelegenen  Wasserwerkstatt  in  geschlossene  Räume  ermöglicht  die  wirksamste ­
  Bekämpfung  der  durch  K  ä  l  t  e  und  N  ä  s  s  e  erzeugten  Schädigungen;
letztere  Forderungen  erheben  schon  die  Abbildungen  im  Schauplatz  der
Künste  und  Handwerke,  indem  sie  die  ganze  Wasserwerkstatt  bereits  in
gedeckten  Räumen  vorführen;  aber  zum  Beweise  dafür,  daß  diese  Abbildungen ­
  mehr  unter  dem  Gesichtspunkte  des  frommen  Wunsches  als
unter  dem  Eindrücke  der  wirklichen  Zustände  entstanden  sind,  diene  das
Urteil,  welches  Keeß  1820  über  eine  große  Gerberei  in  Nußdorf  fällt;
er  sagt:  „Sie  zeichnet  sich  von  den  meisten  großen  Unternehmungen
dieser  Art,  auch  des  Auslandes,  durch  die  geräumigen,  sämtlich  unter
Dach  befindlichen  Werkstätten,  durch  die  hohen  zum  Trocknen  der  Häute
bestimmten  Hängegemächer  aus" 2 ).  Erst  durch  Verlegung  aller  dieser
nassen  Arbeiten  in  gedeckte  und  geschlossene  Räume,  durch  Zementierung
des  Bodens  und  der  Wände,  durch  Ermöglichung  entsprechender  Lüftung
wird  eine  Heizung  dieser  Räume  durchführbar,  und  durch  Zusammenwirken ­
  dieser  verschiedenen  Momente  werden  die  schädlichen  Folgen  der
nicht  ganz  vermeidbaren  Durchnässung  bedeutend  eingeschränkt;  auch
das  Tragen  geeigneter  Schuhe  und  Kleidung  sowie  eine  geeignete  Konstruktion ­
  des  Schabebaums  können  hier  prophylaktisch  wirken.
Verhältnismäßig  am  schwierigsten  beizukommen  ist  den  Schädigungen,
welche  sich  aus  der  professionellen  Haltung  und  Bewegung  ergeben; ­
  denn  jeder,  auch  der  besteingerichtete  gewerbliche  Betrieb,  selbst  wenn
er  ganz  auf  Maschinenarbeit  gestellt  ist,  erfordert  immer  noch  ein  ge*) ­
  Unfallverhütungsvorschriften  der  Leder-Jndustrie-Berufsgenossenschaft  g  6;
siehe  vor  allem  die  Genehmigungsurkunde  Kirchhain;  Layet  1877,  S.  111.
-)  Keeß  1820,  S.  21.
        <pb n="404" />
        364

wisses  Maß  menschlicher  körperlicher  Arbeit,  und  diese  hat  selbstverständlich ­
  stets  eine  stärkere  und  einseitigere  Ausbildung  gewisser
Muskelgruppen  zur  Folge.  Die  Forderungen  der  modernen  Sozialpolitik, ­
  alle  diese,  wohl  etwas  zu  scharf  als  Schädigungen  bezeichneten
Folgen  unvermeidlicher  körperlicher  Arbeit  völlig  auszuschließen,  gehen
zu  weit,  da  solchen  ins  Extrem  ausgebauten  Forderungen  nur  durch
völlige  Sistierung  aller  Arbeit  entsprochen  werden  könnte.
Möglichste  Vermeidung  von  Betriebsunfällen  wird  erstrebt  in
den  Unfallverhütungsvorschriften  der  Lederindustrieberufsgenossenschaft.
Da  Staub  in  Weißgerbereien  in  lästiger  und  schädlicher  Menge
kaum  auftritt,  finden  wir  hier  auch  verhältnismäßig  wenig  Einrichtungen ­
  zur  Bekämpfung  einer  Staubplage.
Kalk  und  Arsenik  sind  zur  Haarlockerung  bis  jetzt  unvermeidliche
Agentien,  da  es  noch  nicht  gelungen  ist,  einen  gleich  wirksamen  und
billigen  Ersatz  für  sie  zu  finden.  So  ist  möglichster  Schutz  des  Arbeiters
gegen  ihre  giftige  und  ätzende  Wirkung  erforderlich.  Interessant  ist
hier  eine  Bestimmung  aus  dem  Meisterstück  der  Pariser  Weißgerber,
wonach  eine  Haut  mit  Wolle  „mit  den  Handschuhen  an  der  Hand"  in
24  Stunden  fertig  zu  machen  ist 1 );  denn  diese  Handschuhe  sind  ohne
Zweifel  ein  Schutz  der  Hand  gegen  die  hier  in  Frage  kommenden
Agentien,  wie  er  auch  heute  noch  vielfach  in  Gerbereien  angewandt  wird.
Die  bisher  angewandten  Vorschriften  und  Einrichtungen  haben  sich
verhältnismäßig  leicht  gefunden  und  leicht  eingeführt;  eine  wirksame  Bekämpfung ­
  der  Infektionsgefahr  dagegen  ist,  wie  die  oben  für  Milzbrand ­
  angeführte  Statistik  zeigt,  bisher  nicht  gelungen.  Hygieniker,
Gesundheitsamt,  Berufsgenossenschaft,  lokale  Verwaltungsbehörden  und
Gerbereibesitzer  sind  eins  in  dem  Bestreben  möglichster  Bekämpfung,
aber  der  Erfolg  ist  bis  jetzt  nicht  erreicht.  Eine  im  Kaiserlichen  Gesundheitsamte ­
  ausgearbeitete  und  seitens  des  Reichskanzlers  unter  dem
18.  April  1891  veröffentlichte  Anleitung  bezieht  sich  auf  den  Schutz
gegen  Gesundheitsschädigungen  durch  ausländische  Rohhäute.  Die  Lederindustrieberufsgenossenschaft ­
  hat  ein  mit  farbigen  Abbildungen  versehenes
Merkblatt  herausgegeben:  „Belehrung  betreffend  die  Entstehung  und
Bekämpfung  der  Milzbranderkrankung",  die  amtliche  Belehrung  über
Gesundheitsschädigungen  durch  den  Verkehr  mit  ausländischen  Rohhäuten ­
  enthält  in  ihrer  neueren  abgeänderten  Form  eine  Belehrung
und  Vorsichtsmaßregeln  gegen  Milzbrand  2 ),  bei  der  Besprechung  der
Rohstoffe  wurde  darauf  hingewiesen,  wie  man  das  Milzbrandproblem
in  Verbindung  mit  der  Rohhautkonservierung  zu  lösen  versucht,  man
hat  eine  besondere  Milzbrandsterilisierungsmethode  ausgearbeitet^),  bei
*)  Schauplatz  1775,  53b.  II,  S.  268.  *)  Ledermarkt  1902,  Nr.  94,  S.  3.
•)  Collegium  1911,  S.  106,  248.
        <pb n="405" />
        365

den  Besprechungen  der  Milzbrandgefahr  im  deutschen  Reichstage  hat
man  strömenden  Dampf  zur  Desinfektion  vorgeschlagen  *),  man  hat  versucht, ­
  Schafe  durch  Impfen  immun  zu  machen 2 j,  allein,  eine  behördliche ­
  Verfügung,  daß  ausschließlich  vorschriftsmäßig  gepickelte  Häute
und  Felle  in  den  Verkehr  gelangen  dürfen,  ist  bis  heute  nicht  erfolgt,
weil  eben  die  Methoden  noch  nicht  beiden  Forderungen,  nämlich  denen
der  Hygiene  und  der  Technik,  gleichzeitig  entsprechen.  Die  Bemühungen
der  Arbeitgeber  andererseits,  milzbranderkrankte  und  milzbrandverdächtige
Arbeiter  sofort  ärztlicher  Behandlung  zuzuführen,  haben  noch  nicht  das
nötige  Verständnis  bei  den  Arbeitern  gefunden;  die  Erkrankung  wird
zu  spät  angemeldet,  die  Arbeiter  kratzen  kleine  Pusteln  auf  oder  behandeln ­
  sie  selbst,  und  es  wird  der  Vorschlag  gemacht,  ob  nicht  auf
gesetzlichem  Wege  zwangsweise  eine  Krankenhausbehandlung  für  alle
milzbrandkranken  und  milzbrandverdächtigen  Gerbereiarbeiter  bestimmt
werden  kann  3 ).  So  ergibt  sich  aus  dieser  großen  Menge  der  nicht  mit
vollem  Erfolg  in  Bewegung  gesetzten  Mittel  und  Kräfte  die  außerordentliche ­
  Schwierigkeit,  mit  welcher  das  Milzbrandproblem  zu  kämpfen  hat.
8  39.  Frauen-  und  Kinderarbeit  usw.
Kinderarbeit  in  Gerbereibetrieben  ist  verboten  und  kommt  daher
auch  kaum  vor;  der  Rückgang  des  Handwerks  verlegt  natürlich  die
Lehrlingsausbildung  in  die  Fabriken,  und  wenn  letztere  Tatsache  auch
nicht  unter  der  Rubrik  Kinderarbeit  zu  betrachten  ist,  so  mag  sie  doch
in  diesem  Zusammenhang  kurz  erwähnt  werden.  Während  der  ungelernte ­
  Hilfsarbeiter  je  nach  den  Tarifverträgen  22—25  Mark  pro
Woche  erhielt,  der  Baumarbeiter  ca.  27  Mark,  der  Maschinenarbeiter
ca.  31  Mark  und  der  Zurichter  ca.  32  Mark,  muß  sich  der  Lehrling
begnügen  im  ersten  Jahr  mit  ca.  3  Mark  pro  Woche,  im  2.  Jahr  mit
6  Mark  pro  Woche,  im  3.  Jahr  mit  9  Mark  pro  Woche.
Gering,  wie  die  Kinderarbeit,  ist  auch  die  Frauenarbeit  in  der
Gerberei.  Im  mittelalterlichen  Handwerk  freilich  war  Frauenarbeit
sei  es  der  Meistersfrau  oder  -tochter  oder  des  weiblichen  Gesindes  nicht
selten  Z,  gelegentliche  Abbildungen  zeigen  arbeitende  Frauen  °),  und  die
Nürnberger  Jrher-Ordnung  von  1535  erwähnt  ausdrücklich  einige
Rausferinnen  zum  Enthaaren  der  Felle").
Die  gesetzlichen  Vorschriften  über  Frauenarbeit  haben  auch  diesen  Verhältnissen ­
  ein  Ende  gemacht,  die  Frauenarbeit  in  der  heutigen  Ger') ­
  Ledermarkt  1903,  Nr.  17  u.  19.  -)  Berliner  Berichte  1902,  Nr.  25.
3 )  Ledermarkt  1911,  Nr.  98,  S.  18.
*)  Stahl  1874,  S.  43  s.,  53/55;  Mummenhoff  1901,  S.  48,  51.
6 )  Frisius  1708,  S.  423.  »)  Nürnberg  1639;  Junghans  1896,  S.  406.
        <pb n="406" />
        366

berei  bewegt  sich  hier  innerhalb  des  allgemeinen  Rahmens  der  Frauenarbeit ­
  im  Gewerbe  überhaupt,  und  so  kommt  sie  in  der  eigentlichen  Gerberei
kaum  mehr  vor;  dagegen  finden  Frauen  in  Nebenbetrieben  der  Gerberei
eine,  wenn  auch  nicht  große  Verwendung;  die  Wolltrocknerinnen  z.  B.
bei  der  Aufarbeitung  der  Gerberwolle  wie  auch  die  Büglerinnen  zum
Glanzieren  fertiger  Felle  sind  Beispiele  von  Frauenarbeit;  auch  die  Entlöhnung
  bewegt  sich  innerhalb  des  allgemeinen  Rahmens;  von  einem
Stundenlohn  von  12  Pfennig  anfangs  der  90  er  Jahre  stiegen  sie  auf
24  Pfennige,  was  einem  Wochenlohn  von  etwa  12,50  Mark  entspricht.
Ihre  Arbeitszeit  beträgt  gewöhnlich  9  Stunden,  Samstags  8  Stunden.
Die  A  r  b  e  i  t  s  z  e  i  t  für  die  männlichen  Arbeiter  bewegt  sich  ebenfalls
innerhalb  der  allgemeinen  Grenzen.  Sie  wird  vom  Verband  der  Lederarbeiter ­
  in  dem  für  alle  Gewerbe  gültigen  Sinne  mit  den  üblichen
Kampfmitteln  gekürzt,  und  in  dem  gleichen  Verhältnis  sucht  man  den
Lohn  in  die  Höhe  zu  treiben,  wobei  abwechselnd  ein  immer  höherer
Zeitlohn  und  Stücklohn  gefordert  wird.  Arbeitszeit  und  Arbeitsverhältnisse ­
  fallen  so  wenig  aus  dem  Gesamtbilde  heraus,  daß  ein
bloßer  Hinweis  auf  dieselben  der  Vollständigkeit  dieser  Arbeit  Genüge ­
  leistet.
Noch  ein  Wort  über  die  Sonntagsarbeit,  welche  speziell  für  die
Sämischgerbereien  in  Betracht  kommt.  Der  Bundesrat  hat  die  Sonntagsarbeit ­
  unter  den  Bedingungen  des  §  105  c  der  Gewerbeordnung
für  das  Bleichen  des  Sämischleders  in  der  Sonne  gestattet.  Auf  eine
an  alle  Sämischledergerber  gerichtete  Rundfrage  über  die  Notwendigkeit
der  Sonntagsarbeit  haben  einzelne  derselben  unter  der  Motivierung,
daß  das  in  Betracht  kommende  Leder  weit  weniger  als  früher  produziert ­
  wird,  schon  1906  gegen  die  Aufhebung  der  Ausnahmebestimmungen
für  das  Bleichen  des  Sämischen  Leders  nichts  einzuwenden,  andere  dagegen, ­
  welche  dieses  Leder  noch  produzieren,  erachten  die  Aufrechterhaltung ­
  der  bisherigen  Bestimmungen  als  notwendig  *).  Die  Sonntagsarbeit ­
  ist  indes  von  geringer  Bedeutung  für  die  Sämischgerberei  im
Vergleich  zur  Lacklederindustrie,  für  deren  Betrieb  Sonntagsruhe-Ausnahmebestimmungen ­
  unerläßlich  sind.

')  Ledermarkt  1906,  Nr.  66,  S.  12.
        <pb n="407" />
        .

5.  Teil.

Der  Markt.
Eine  auch  noch  so  kurze  Betrachtung  des  Marktes  geht  unter  allen
Umständen  über  den  speziellen  Rahmen  dieser  Arbeit  hinaus;  denn  der
Markt  sowohl  der  rohen  Ware  wie  der  des  fertigen  Leders  fügt  sich
vollkommen  in  den  allgemeineren  Begriff  des  Häute-  und  Lederhandels
ein,  so  daß  sich  die  speziell  für  uns  einschlägigen  Punkte  nicht  scharf
ausscheiden  lassen.  Die  wenigen  hier  noch  folgenden  Bemerkungen  mögen
daher  mehr  als  eine  Ergänzung  der  schon  hierüber  bestehenden  Arbeiten
betrachtet  werden.

13.  Kapitel.
Mute  und  Felle.
8  40.  Bedarfsdeckung  aus  der  Nähe.
Die  primitive  Form  der  Bedarfsdeckung  an  Hauptrohmaterial  ist
diejenige  aus  den  Gebieten  der  Lederproduktion  selbst;  denn
ihre  Durchführung  ist  leicht  möglich  auch  ohne  ausgebildete  Verkehrswirtschast.
  Da  aber  die  Häute  und  Felle  stets  ein  wichtiges  Nebenprodukt  der
Schlächtereien  darstellen,  aus  welchen  ein  Hauptvolksnahrungsmittel
dem  Handel  zugeführt  wird,  so  spielt  diese  Art  der  Bedarfsdeckung
auch  heute  noch  trotz  entwickeltster  Verkehrswirtschaft  eine  wichtige  Rolle.
Die  gesetzlich  ausgebildete  Form  der  Bedarfsdeckung  dieser  Art
führen  uns  die  mittelalterlichen  Handwerksbriefe  vor  Augen.
Eine  der  ursprünglichsten  Formen  ist  wohl  die,  daß  der  Metzger
dem  Tierbesitzer  um  Lohn  schlachtet,  worauf  der  Tierbesitzer  die  Haut
dem  Gerber  im  Lohnwerk  zum  Gerben  übergibt*).  Erst  mit  dem
Übergang  zum  Preis  werk  geht  das  Hautmaterial  in  den  Besitz  des
Gerbers  über,  und  die  extremst  demokratische  Bestimmung  ist  die,  daß

i)  Rübling  1897,  S.  462.
        <pb n="408" />
        368

—

das  gesamte  Handwerk  das  Fellmaterial  einkaust  und  unter  die  Meister
verteilt*).  Keiner  darf  Leder  auf  dem  lebendigen  Vieh  einkaufen  ^),
keiner  darf  einen  Stich  dingen,  keiner  darf  den  Gütern,  welche  man
zu  Lande  oder  zu  Wasser  in  die  Stadt  bringt,  entgegengehen,  um  dem
anderen  Meister  vorwegzukaufen  *  8 ).  Da  Lederhandel  verboten  ist,  darf
auch  kein  Metzger,  Bürger  oder  Bauer 4 )  auf  dem  Markte  den  Gerbern
vorwegkaufen,  ja  es  darf  kein  Weißgerber  für  den  anderen  Häute  und
Felle  einkaufen 5 ).  Da  aber  Kürschner  auch  Schaf-  und  Lammfelle,
da  die  Weißgerber  auch  schwere  Häute,  und  da  die  Rotgerber  ebenfalls
auch  Lamm-,  Schaf-  und  Kalbfelle  verarbeiten,  sucht  eine  Reihe  von
weiteren  Bestimmungen  auch  diese  Verhältnisse  zu  regeln;  die  gesamte
inkorporierte  Meisterschaft  soll  in  Augsburg  von  auswärts  kommende
Kalb-  und  Schaffelle  einkaufen,  während  allein  die  Rotgerber  die  auswärtigen ­
  Ochsen-  und  Schmalhäute,  allein  die  Weißgerber  Bock-  und
Weißleder  erstehen  dürfen").  In  Nürnberg  dürfen  ähnlich  1562  die
Rotgerber  und  Kuderwaner  ihre  Schaffelle  nur  bei  den  Metzgern  der
Stadt  kaufen,  während  allein  die  Weißgerber  die  auswärtigen  Schaffelle, ­
  sei  es  auswärts  oder  sei  es  auf  dem  Nürnberger  Markte,  erwerben ­
  sollen  7 ).  Ebenso  dürfen  die  Kürschner  nach  dem  Beschluß  von
1614  nur  von  den  städtischen,  die  Weißgerber  nur  von  den  auswärtigen
Metzgern  die  Lammfelle  erstehen").  Solche  Bestimmungen  geben,  wie
üblich,  Anlaß  zu  endlosen  Gewerbsstreitigkeiten  9 ).
Das  etwa  sind  die  wichtigsten  Typen  der  mittelalterlichen  Bedarfsdeckung ­
  aus  den  lokalen  Produktionsstätten.
Die  erweiterte  Staatswirtschaft  des  17./18.  Jahrhunderts  hat
die  Einseitigkeit  und  Schärfe  dieser  Bestimmungen  einerseits  gemildert,
aber  sie  steht  im  wesentlichen  noch  auf  dem  gleichen  Standpunkt  10 ).  Ich
habe  bei  Behandlung  der  Abdeckerleder  darauf  hingewiesen,  wie  man
durch  den  Abdecker  einen  Teil  der  Bedarfsdeckung  zu  organisieren  suchte,
und  1812  erging  gerade  unter  dem  Gesichtspunkte  der  Bedarfsdeckung
in  der  geschlossenen  Staatswirtschaft  eine  Rundfrage  über  die  Häuteproduktion ­
  der  Gemeindebezirke").
Der  Punkt,  in  welchem  sich  die  Staatswirtschaft  des  17./18.  Jahrhunderts ­
  von  den  zünftlerischen  Bestimmungen  wesentlich  unterscheidet.

*)  Junghans  1896,  S.  405.  s )  Königsberg  1582,  S.  24.
8 )  Königsberg  1582,  S.  23.
*)  Sulzbach  1749,  XX  u.  XXI;  Mummcnhoff  1901,  S.  109;  ©unter  1903,
&amp;lt;S.  120.  •)  Angspurg  ca.  1800.
6 )  Ebenda;  vgl.  auch  Magdeburg  1686.  ')  Nürnberg  1539;  1662.
«)  Nürnberg  1539;  1614.
®)  Vgl.  z.  B.  Hammelburg  1587—91;  Nürnberg  1535;  1612,  1614.
10 )  Vgl.  Becher  1759,  Bd.  II,  S.  1370.  ")  Rothenburg  1812.
        <pb n="409" />
        369

ist  die  Zulassung  des  Handelsvermittlers.  Aus  den  zahlreichen  Akten
über  die  Gewerbestreitigkeiten  geht  hervor,  daß  die  Künstlerischen  Bestimmungen ­
  das  Auskaufen  der  Häute  und  Felle  vornehmlich  durch
Metzger  und  Juden  nicht  hatten  verhindern  können ] );  denn  die  scheinbar
demokratischen  Bestimmungen  des  alleinigen  Häuteverkehrs  zwischen
Metzgern  und  Gerbern  bedeuteten  in  Wahrheit  eine  Monopolisierung  der
Nachfrage  in  den  Händen  der  Gerber,  so  daß  die  Metzger,  welche  eine
geeignete  Konservierung  nicht  durchführen  konnten,  welche  mit  ihren
Häuten  einen  anderen  Markt  nicht  aufsuchen  konnten,  den  Gerbern  auf
Gnade  und  Ungnade  sich  ausgeliefert  sahen,  wenn  sie  ihre  leicht  verderbliche ­
  Ware  nicht  den  höher  bietenden  Häute-  und  Fellhändlern
verkaufen  wollten.  Diese  einmal  ins  Rollen  gebrachte  Bewegung  hat
sich  dann  weiter  entwickelt  und  findet  einen  gesetzlichen  Niederschlag
z.  B.  in  der  Königsberger  Ordnung  von  1737,  wonach  das  Aufkäufen
und  Außerlandführen  des  Leders  verboten  ist,  während  den  Juden  das
Aufkäufen  der  Schaffelle  auf  dem  Lande  zum  Verlag  der  Weißgerber
und  Kürschner  gestattet  wird 2 ).  Man  sieht  daraus  ohne  weitere  Erläuterung, ­
  welche  weitgehenden  wirtschaftlichen  Konsequenzen  diese  Bewegung ­
  nach  sich  zog.
Eine  andere  mögliche  Konsequenz  aus  solchen  Verhältnissen  läßt
sich  ebenfalls  weit  zurückverfolgen,  nämlich  der  Abschluß  eines  Vertrages ­
  zwischen  den  beteiligten  Kreisen,  d.  h.  zwischen  den  Metzgern
einerseits,  den  Gerbern  andererseits.  Auf  eine  1799  an  die  Gunzenhäuser ­
  Gerber  gerichtete  Anfrage,  warum  diese  von  den  Ansbacher
Metzgern  die  Häute  nicht  übernehmen,  ergab  sich,  daß  die  Häute  an  Ansbacher
und  Neunstädter  Gerber  verakkordiert  seien 3 ).  Es  war  also,  allerdings
noch  ohne  die  feste  moderne  rechtliche  Form,  hier  eine  Verkaufsgenossenschaft ­
  einer  Einkaufsgenossenschaft  gegenübergetreten,
wobei  der  Warenverkehr  nach  geregelten  Preisen  sich  vollzog;  man  zahlte
„11—11xr  für  das  Pfund,  und  2—3  Carolin  bey  kauf  durch  das  Jahr".
In  der  Folge  hat  sich  dann  auch  hier  zwischen  Metzger  und  Gerber  '
der  Handelsvermittler  eingeschoben,  entweder  in  der  Form  eines
Handelsmannes  oder  der  heute  häufigen  Häute-  und  Fellverwertungsgenossenschaften: ­
  die  Schlächtereien  sind  vertragsmäßig ­
  verpflichtet,  ihr  ganzes  Gefälle  an  Häuten  und  Fellen  an  diese
Genossenschaft  abzuliefern;  die  handwerksmäßigen  Gerber,  welche  ihr
Gewerbe  nicht  mehr  betreiben,  haben  häufig  die  Rolle  von  Agenten
für  diese  Genossenschaften  übernommen,  indem  sie  in  ihren  Werkstätten
die  anfallenden  Felle  und  Häute  mit  Salz  konservieren,  um  dann

*)  Vgl.  Speyer  1714—16;  Würzburg  1739.  2 )  Königsberg  1737,  1.
3 )  Gunzenhausen  1798—1804;  1799.
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.  24
        <pb n="410" />
        370

größere  Posten  an  den  Sitz  dieser  Genossenschaften  abzuliefern.  Gelegentlich ­
  haben  sich  auch  die  Metzger  selbst  zu  solchen  Genossenschaften
vereinigt.  An  den  Plätzen  größerer  Häutekonzentrationen  finden  dann
von  Zeit  zu  Zeit  richtige  Auktionen  statt,  bei  welchen  die  angesammelten ­
  Häutematerialien  unter  den  Hammer  kommen  und  in  einzelnen
Losen  dem  meistbietenden  Gerber  zugeschlagen  werden.  Häuteeinkaufsgenossenschaften ­
  mit  kleinem  Gefälle  können  eigene  Auktionen  nicht  abhalten; ­
  sie  stehen  zu  größeren  Häuteverwertungsvereinigungen  im  Verhältnis ­
  von  sog.  Nebeninnungen  und  schicken  ihr  Warenmaterial
zu  den  größeren  Auktionen,  um  es  dort  versteigern  zu  lassen.
Auf  die  sich  aus  solchen  Zuständen  für  den  kleinen  Gerber  ergebenden ­
  Verhältnisse  braucht  kaum  hingewiesen  zu  werden.  Wie  oben
den  Juden  der  Verlag  ausdrücklich  gestattet  war,  so  kommt  der  Gerber,
welcher  nicht  selbst  kapitalkräftig  genug  ist,  zu  diesen  Auktionen  mit  dem
Kommissionär,  um  durch  dessen  Vermittlung  sich  das  nötige  Rohmaterial
zu  verschaffen;  für  den  kleinen  Gerber,  welcher  an  sich  ja  nur  kleine
Lose  erstehen  kann,  ist  aber  auch  das  häufig  nicht  möglich,  so  daß  sich
daraus  für  ihn,  je  nach  seiner  Lage,  der  völlige  Ruin  oder  die  Abhängigkeit ­
  von  einem  kapitalkräftigeren  Handelsmanne  ergibt.

8  41.  Bedarfsdeckung  aus  der  Ferne.
Da  nur  Luxusgegenstände  die  hohen  Transportkosten  einer  nicht  ausgebildeten ­
  Verkehrswirtschaft  vertragen,  so  gilt  im  allgemeinen  der
Verkehr  von  billigen  Rohstoffen,  wie  z.  B.  von  Häuten  und  Fellen,  auf
weitere  Entfernungen  hin  erst  als  eine  Errungenschaft  des  letzten  Jahrhunderts ­
  *).  Diese  Ansicht  findet  ohne  Zweifel  eine  Stütze  in  allen
hier  einschlägigen  Quellen,  aber  viel  mehr  deswegen,  weil  aus  weiter
Ferne  kommende  Luxusgegenstände  sowohl  infolge  ihres  hohen  Preises,
als  auch  infolge  ihres  aparten  Äußeren  viel  mehr  Aufmerksamkeit  erregen ­
  und  daher  auch  viel  eher  die  Neigung  besitzen,  in  die  geschriebenen
Quellen  überzugehen,  als  einfache  Rohmaterialien,  welchen  meist  ihre
Herkunft  nicht  anzusehen  ist;  nur  in  einer  systematisch  durchgeführten
Statistik  werden  auch  die  Rohmaterialien  nicht  vergessen,  und  der
Beweis  für  das  Fehlen  eines  ausgebildeteren  Rohmaterialienhandels
unter  einfacheren  Formen  der  Verkehrswirtschaft  ist  im  allgemeinen  nur
ein  negativer,  insofern  sich  eben  nur  die  Existenz  eines  solchen  nicht
nachweisen  läßt,  während  seine  Nichtexistenz  nicht  bewiesen  werden  kann.
Die  ältesten  unmittelbaren  Quellen  über  den  phönizischen  Handel,
nämlich  die  biblischen  Schriftsteller,  erwähnen  bereits  den  Handel  mit

l )  Vgl.  Büchsenschütz  1869,  S.  6.
        <pb n="411" />
        371

gelten 1 );  die  Sage  von  dem  goldenen  Vließe  in  Kolchis  deutet  vielleicht ­
  auf  Woll-  oder  Fellhandel  ans  dem  Schwarzen  Meere  hin,  Häute
und  Felle  bildeten  einen  Gegenstand  des  Tauschhandels  zwischen  den
Griechen  der  epischen  Zeit  und  zwischen  den  Phöniziern 2 ),  und  auf
den  sehr  bedeutenden  Import  von  Tierhäuten  nach  Italien  aus  den
Küstenländern  des  Schwarzen  Meeres,  aus  Asien  und  Kleinasien,  aus
Sizilien,  Britannien,  Germanien,  Gallien,  Spanien  3 )  wurde  bereits
hingewiesen.
Ähnlich,  natürlich  wegen  der  Lückenhaftigkeit  der  Quellen  ebenfalls
nicht  sehr  plastisch,  ist  das  Bild  für  das  germanische  M  i  t  t  e  l  a  l  t  e  r.  Schon
im  10.  Jahrhundert  gehörten  zu  den  Ausfuhrartikeln  Englands  auch
Felle 4 ),  1191  werden  im  Durchgangshandel  von  Ulm  Häute  erwähnt  5 ),
im  13.  Jahrhundert  werden  ebenfalls  Häute  aus  größere  Entfernungen
versandt,  und  sie  finden  sich  daher  auch  in  allen  Zolltarifen 9 );  im
Trierer  Tarif  von  1348  wird  der  Handel  mit  Rind-,  Schaf-  und
Bockshäuten  belastet 1 ),  nach  dem  Trierer  Tarif  aus  dem  Beginn  des
14.  Jahrhunderts  werden  Pferde-  und  Rindshäute  importiert 9 ),  aus
dem  Jahre  1319  liegt  ein  Straferlaß  vor  für  einen  wegen  Aufnahme
eines  Deutschen  ,.cum  aliquibns  pellis“  verurteilten  Gastwirts  am
Rialto 9 ),  der  große  Zoll  von  Como  aus  dem  14.  Jahrhundert  erwähnt
die  rohen  Häute  (nnmerus  pellinm  non  laboratarum)  einer  ganzen
Anzahl  von  Tieren 19 ),  1345  hatte  ein  Venetianer  durch  einen  deutschen
Kaufmann  aus  Deutschland  eine  gewisse  Quantität  Felle  kommen  lassen"),
1400  gestattet  der  Senat  in  Venedig  den  Deutschen  wegen  Mangel
an  Raum  Waren  auch  außerhalb  des  Fondaeo  unterzubringen
„quia  mercatores  teutonici  snnt  valde  stricti  et  impediti  in
fontico  propter  coria“  12 ),  1336  hatte  ein  Deutscher  „agnelli“  (peanx
d’agneaux,  Ducange)  in  Venedig  eingeführt 1!! ),  die  Tarife  des  14.  bis
15.  Jahrhunderts  lassen  eine  starke  Häuteausfuhr  aus  Deutschland  nach
Italien  vermuten  "),  ein  Seitenstetter  Codex  aus  dem  15.  Jahrhundert
nennt  unter  den  aus  Österreich  nach  Venedig  ausgehenden  Waren  auch
Felle  und  Häute 15 ),  und  in  der  Tariffa  von  1572  werden  als  „hereinkommende ­
  Güter  im  Teutschen  Hause"  aufgeführt  Hasenfelle,  Ochsen-■)

  Ezechiel,  Kap.  26-28;  Movers  1856,  Bd.  II,  K.  11  ff.,  S.  92,  310ff.;
Riggenbach  1867,  S.  18.  0  Riedenauer  1873,  S.  56.
3 )  Wiskemann  1859,  S.  36,  79  f.;  Blümner  1875,  Bd.  I,  S.  257.
4 )  Hellwig  1882,  S.  6.  °)  Ulm  1873,  S.  29.
&amp;lt;*)  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  151.  ’)  Lamprecht  1886,  Bd.  II,  S.  327.
8 )  Ebenda.  °)  Simonsfeld  1887,  Bd.  I,  S.  20.
10 )  Schulte  1900,  Bd.  II,  S.  107,  109.  u )  Simvnsfeld  1887,  Bd.  I,  S.  41.
--)  Simonsfeld  1887,  Bd.  I,  S.  135.  Simonsfeld  1887,  Bd.  I,  S.  479.
")  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  715.  15 )  Simvnsfeld  1887,  Bd.  II,  S.  105.
24*
        <pb n="412" />
        372

häute,  Kuh-  und  Kalbshäute  *).  Die  Nürnberger  Jrher-Ordnung  von
1629  nennt  als  Häute-  und  Fellprovenienzen  1641  Böhmen,  Pfalz,
Franken 2 ),  1759  werden  Häute  „in  viel  tausenden  jährlich  aus  Pohlen
nach  Danzig  und  von  da  nach  Lübeck  in  die  See-Städte  und  nach
Amsterdam  gebracht  und  allda  verarbeitet.  Nicht  wenige  kommen  aus
Ungarn  durch  Österreich  über  Nürnberg  und  Frankfurt  nach  Niederland ­
  und  an  den  Rheinstrom" 2 );  die  französischen  Sämischgerber  bezogen ­
  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  Gemshäute  aus  den  Gebirgen ­
  der  Schweiz,  aus  den  Pyrenäen  und  aus  den  Alpen  4  *  * );  Schlözer
führt  unter  dem  Stettiner  Handel  des  Jahres  1783  322  Decher  Häute
und  5469  Decher  Felle  auf 2 );  Keeß  erwähnt  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts, ­
  daß  der  Handel  mit  rohen  Häuten  größtenteils  in  den  Händen
der  Juden  sei,  welche  dieselben  in  Ungarn,  Polen,  Böhmen  usw.  zusammenkaufen ­
  und  dann  in  größeren  Partieen  zum  Markte  bringen 2 );
Gülich  erwähnt  1830  als  Häuteimportländer  unter  anderen  auch  Sardinien ­
  7 ),  Südrußland 8  * )  und  die  Fürstentümer  Moldau,  Walachei  und
Bulgarien 8  * );  Dieterici  endlich  führt  1829/30  eine  Mehreinfuhr  von
Häuten  und  Fellen  im  preußischen  Staate  von  72900  Ztr.  gleich
5,21  °/ 0  der  Gesamtsumma  "),  1844  eine  solche  von  190000  Ztr.  gleich
5,93"/,  an").  1899  z.  B.  betragen  die  Rindshäute  1,4°/ 0  des  Einfuhrwertes ­
  "),  und  sie  stellen  den  größten  Teil  der  importierten  Hautmaterialien ­
  dar  1S ).
Diese  zahlreichen  Beispiele  zeigen,  daß  der  Häutehandel  immer
schon  eine  ziemliche  Wichtigkeit  besessen  hat;  ein  quantitativer  Ausdruck
für  seine  Bedeutung  liegt  allerdings  erst  aus  dem  19.  Jahrhundert  vor,
und  hier  sehen  wir,  daß  die  relative  Bedeutung  früher  größer  gewesen
ist  und  langsam  abgenommen  hat.  Die  Methode  der  Konservierung
mag  hauptsächlich  die  Hauttrocknung  gewesen  sein.
Der  Mechanismus  des  Häuteverkaufs  an  den  großen
Stapel-  und  Häuteimportplätzen  ist  heute  nicht  verschieden  von  dem  der
übrigen  Welthandelsartikel.  Platzusancen  ")  an  den  Hauptmärkten,  Häute-&amp;gt;)

  Simonsfeld  1887,  Bd.  II,  S.  197.  -)  Nürnberg  1629.
')  Becher  1759.  Bd.  II,  S.  1369.  *)  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  88.
»)  Schlözer  1785,  Bd.  VIII,  S.  442.
e )  Keetz  1819,  Bd.  I,  S.  316;  Weiskirchner  1896,  S.  485.
7 )  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  164.  8 )  Gülich  1830,  Bd.  IV,  281.
")  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  307.  I0  *  * J  Dieterici  1838,  1829/31,  34.
“)  Dieterici  1838,  1844,  S.  634.
12 )  Wirtschaflskunde  1904,  S.  49;  vgl.  auch  Scherzer  1885,  S.  336  f.
Über  die  Häuteausfuhr  aus  England  während  der  Regierungszcit  Heinrichs ­
  VIII  vgl.  G.  Schanz,  Engl.  Handelspolitik,  Leipzig  1881,  Bd.  II,  S.  109  s.  u.  76  f.
")  Vgl.  Mag.  Böripar  1896,  Nr.  7;  Gerber  Courier  1893,  Nr.  5,  7,  9;
Schönmann's  Journal  1901,  Nr.  9.
        <pb n="413" />
        373

und  Fellauktionen  für  die  angekommenen  Haut-  und  Fellmassen,  Kommissionäre, ­
  welche  die  Kapitalien  zur  Verfügung  stellen,  dann  Handelshäuser, ­
  welche  die  großen  Lose  aufkaufen  und  in  kleinen  Partieen  an
die  inländischen  Gerber  verteilen,  sind  hier  die  üblichen  Erscheinungen,
ebenso  wie  großzügig  angelegte  Organisationen  mit  Front  gegen  Spekulationen ­
  oder  zur  Regelung  der  Preise;  besonders  spielt  die  Arbitrage
im  Kipsimport  J )  eine  wichtige  Rolle,  und  auf  die  Hamburger  Kipskonvention ­
  2 ),  wie  auch  auf  die  Idee  eines  deutsch-österreichischen  Gerberverbandes ­
  zur  Beseitigung  der  Kipsübelstände  sei  hier  der  Vollständigkeit ­
  halber  nur  hingewiesen.
§  42.  Tie  Einfuhr  amerikanischer  Häute.
Die  Einfuhr  amerikanischer  Häute  ist  ein  Spezialfall  der  Bedarfsdeckung ­
  aus  der  Ferne  und  fügt  sich  demgemäß  in  die  in  §  41  skizzierte
historische  Entwicklung  ein.  Obwohl  letzteres  an  sich  nichts  Auffälliges
bietet,  so  erscheint  es  dennoch  notwendig,  auch  die  Entwicklung
Amerikas  als  Häuteprovenienz  an  der  Hand  einiger  Daten  zu
studieren,  weil  über  die  Entwicklung  des  Häuteimports  überhaupt,  wie  über
die  Häuteeinfuhr  aus  Amerika  unrichtige  Vorstellungen  verbreitet  sind.
Anfangs  des  16.  Jahrhunderts,  vielleicht  um  1540  3 ),  wurde  aus
Spanien  Hornvieh  nach  den  Laplatastaaten  verpflanzt*  *),  welches  sich
dort  unter  dem  günstigen  Einflüsse  des  Klimas  und  der  vortrefflichen
Weiden  in  den  großen  Territorien  dieser  Niederungen  wie  auch  in
einzelnen  weiter  nördlich  gelegenen  Gegenden  außerordentlich  rasch  vermehrte ­
  und  sich  in  kurzer  Zeit  von  dem  Menschen,  welcher  es  ohnehin
nur  lässig  überwachte,  frei  machte  und  verwilderte.  Infolgedessen  sank  der
Preis  des  Viehes  bald  so  außerordentlich,  daß  man  es  fast  bloß  der
Häute  wegen  benutzte.  Die  Einfuhr  von  amerikanischen  Ochsenhäuten  begann ­
  denn  auch  schon  gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts,  und
ein  Ladungsverzeichnis  aus  dieser  Zeit  führt  bereits  amerikanische  Rindshäute ­
  an  °).  Ist  in  diesem  die  Menge  der  importierten  Häute  auch  verhältnismäßig ­
  gering,  so  sehen  wir  daraus  doch,  daß  der  Import  bereits
begonnen  hatte.  Die  Anfänge  des  New  Iorker  Fell-  und  Häutehandels,
welcher  früher  mit  dem  Namen  „Swamp"  bezeichnet  wurde,  lassen  sich
denn  auch  bis  auf  den  Beginn  des  17.  Jahrhunderts  zurückführen ­
  3 ).  Anfänglich  ging  der  ganze  Häutehandel  über  Spanien,  aber
-)  Gerber  Courier  1897,  Nr.  47,  48,  49,  50,  51.
»)  Gerber  1907,  S.  234,  270,  299,  312.
*)  Deutsche  Gerberzeitung  1889,  Nr.  24.  4 )  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  98.
&amp;lt;■)  Roth  1800,  Bd.  I,  S.  282.
«)  Schuh  und  Leder  1896,  Nr.  21,  S.  14;  Pflug  1897,  S.  25.
        <pb n="414" />
        374

als  Spanien  1701  dm  Handel  von  Buenos  Aires  an  Frankreich  abgetreten ­
  hatte,  gingen  die  amerikanischen  Häute  direkt  nach  Frankreich,
wo  sie  wegen  ihrer  vorzüglichen  Qualität  leicht  gegen  die  Häute  aus
der  „Barbarey",  aus  Indien  und  Peru  konkurrieren  konnten  x ).  Durch
den  Traktat  von  Utrecht  wurde  der  Häutehandel  mit  Ausschließung  aller
Nationen  an  England  abgetreten,  so  daß  sich  die  Engländer  nunmehr ­
  allein  im  Besitze  der  Häute  von  Buenos  Aires  sahen  2  з  *  *  *  * );  letztere
Tatsache  beweist  immerhin  die  relative  Wichtigkeit  des  amerikanischen  Häuteimports ­
  schon  am  Anfan  ge  des  18.  Jahrhunderts,  da  man  diesen
unter  anderem  zum  Objekt  eines  völkerrechtlichen  Vertrages  macht,  um
eine  Monopolisierung  dieses  Imports  durch  eine  einzige  Nation  zu  ermöglichen. ­
  Um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  findet  in  Europa
schou  ein  ganz  bedeutender  Häuteverbrauch  südamerikanischer  Provenienz
statt  und  die  jährliche  Ausfuhr  Südamerikas  an  Häuten  betrug  etwa
1  Million  Livres 8 );  man  beklagt  sich  auf  dem  Kontinent,  daß  die
brasilianischen  Häute  Schnitte  Habens,  und  die  Ursache  derselben  ist
die  geringe  Sorgfalt,  mit  welcher  sie  in  Amerika  abgezogen  werden,  da
man  dort  einen  Baum  niederschlägt,  nur  um  die  Früchte  abzubrechen,
und  einen  Ochsen  tötet,  nur  um  seine  Haut  zu  besitzen ö );  man  erlegte
die  Tiere,  um  ihre  Häute  und  ihr  Fett  zu  benutzen,  das  Fleisch  blieb
ungenutzt  liegen 8 ),  oder  es  wurde  an  der  Luft  getrocknet  und  dann
meist  nach  Westindien  ausgeführt').  Um  1767  wurden  allein  aus  der
Gegend  von  Buenos  Aires  jährlich  gegen  30000  Stück  Viehhäute  wegtransportiert ­
  8 ),  und  seit  1724  lag  in  Frankreich  auf  den  Buenos  Aires-Häuten
  ein  geringerer  Einfuhrzoll  als  auf  Häuten  anderer  Provenienzen,
damit  Häute  geringerer  Qualität  nicht  denen  von  Buenos  Aires  vorgezogen ­
  würden 9 ).  Um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  wurde  in
Frankreich  durch  einen  eigenen  Befehl  verordnet,  daß  die  brasilianischen
und  andere  starke  Häute  nur  dann  zum  Verkaufe  ausgeboten  werden
dursten,  wenn  sie  mindestens  1  Jahr  im  Kalk  und  2  Jahre  in  der
Lohe  gelegen  hatten 10 ).  Außer  Ochsenhäuten  wurden  damals  aus
Amerika,  vornehmlich  aus  Kanada  und  Louisiana,  auch  Dammhirschhäute ­
  u.  a.  bezogen  X1 ).
1777  gehen  die  Buenos  Aires-Häute  als  sog.  Wildhäute  über
Holland  nach  Deutschland 12 ),  um  1800  werden  amerikanische  Ochsen--)

  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  429.  2 )  Ebenda.
з )  Gülich  1830,  Bd.  V,  S.  52.  ")  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  417.
°)  Ebenda  und  Jörissen  1909,  S.  39.
«)  Deutsche  Gerberzeitung  1889,  Nr.  24.  ')  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  98.
“)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  57.  °)  Schauplatz  1766,  Bd.  V.  S.  429.
1°)  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  430.
и )  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  120.

12 )  Pfeiffer  1777,  S.  366.
        <pb n="415" />
        375

häute  in  Nürnberg  verarbeitet r ),  1803  werden  zu  Zwickau  von  14  Meistern
an  amerikanischen  Büffeln,  wilden  Ochsen  und  anderen  Häuten  jährlich
an  20000  Stück  gegerbt 2 ),  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  gelten
allgemein  die  amerikanischen  Ochsenhäute  als  die  schönsten  und  stärksten"),
man  unterscheidet  bereits  die  folgenden  Provenienzen^):
1.  Buenos  Aires,
2.  Nova  Colonia,
3.  Brasilianer,
4.  Languera,
5.  Caragai,
6.  Havana,
7.  Portorico,
8.  St.  Domingo,
und  bei  der  Ankunft  in  Holland  werden  die  Häute  in  Gute,  Halb-Gute
  und  Ganz-Gute  auseinandergelesen.  In  den  Preiskurants  der
großen  Handelsplätze  sind  allenthalben  die  amerikanischen  Häute  vertreten. ­

  Nach  einem  Hamburger  Preiskurant  vom

7.  Dezember  1804

notieren  z.  B.  °):
Rohe  Häute  und  Felle,  das  Pfd.  in  cont.  in

Cour.

Häute  Bu.  Ai.  von  28—32  Pfd.

9 3  * / 4 —10  ß

24—26

9  V,

20—23

9  -  9V 4

pikiert  I.  S.

8 s / 4 -  9

II.  u.  III.  S.

1 S U

Nov.  Col.  24—26

9  -9  V,

20—22

8-/2

Caraq.  u.  L.  24—26

—

Pernamb.  22—28

8

Portorico

—

Dän.  Kuh  u.  Ochsen
gesalzen

4«/4-  5

such.  ein  Reichsthaler  von  3  mk.  oder  48  Schillingen,
mk.  eine  Mark  von  16  Schillingen,
ß  ein  Schilling  von  12  Pfennigen")).
Aus  Bordeaux,  Frankfurt,  Amsterdam  u.  a.  liegen  ähnliche  Notizen  vor 7 ).
Wir  sehen  also,  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts,  wenn  nicht  schon
früher,  sind  die  amerikanischen  Häute  Welthandelsartikel  geworden.

0  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  112.
-)  Röbig  1803,  Bd.  II,  S.  331.  -)  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  191.
*)  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  175.  6 )  Hamburg  1805,  S.  315.
6 )  Hamburg  1805,  S.  304.
’)  Vgl.  V.  Journal  1814,  Bd.  II,  S.  119ff.;  1815,  Bd.  II,  S.  175ff.,  244ff.
        <pb n="416" />
        376

Der  Anzeiger  für  Kunst-  und  Gewerbefleiß  im  Königreiche  Bayern
enthält  1816  von  einem  Gunzenhäuser  Gerber  die  Notiz:  „Er  wird
sich  schmeicheln  dürfen,  daß  sein  Leder,  besonders  die  vielen  jährlich
von  ihm  gegerbten  Wildhäute  von  Buenos  Aires  dem  Niederländer
Leder  an  Festigkeit  und  Wasserdichtigkeit  wenigstens  gleichkommen"  *)■,
doch  gewiß  ein  Beweis,  wie  das  amerikanische  Rohmaterial  sich  schon
damals  allenthalben  ausgebreitet  haben  muß.
Nach  Österreich  werden  um  1819  die  Buenos  Aires-Häute  in  bedeutender ­
  Menge  über  Triest  bezogen^),  1828  klagen  die  Gerber  von
Malmedy,  daß  sie  das  Sohlleder  nicht  mehr  in  der  üblichen  Qualität
erzeugen  könnten,  weil  ihnen  die  Engländer  nur  die  schlechtere  Gattung
roher  Buenos  Aires-Häute  zukommen  ließen  °),  und  nach  einer  Liverpooler
  Notiz  vom  1.  Januar  1836  betrug  der  Häuteimport  1834 4 )

Rio  Grande

.51804  Stück

Brasilien

63762

Buenos  Aires  und  Montevideo,  trockene

98659

gesalzene

139408

Valparaiso  und  Kalifornien,  trockene

25367

gesalzene

3665

Ostindien

196282

Afrika

6872

Nordamerika

28699

1841  endlich  betrug  die  Einfuhr  in  Hamburg  5 )
Häute  Amerikan.  Pfund  6561100
Ostindisch  1482  900

Mit  Altona  zusammen  wird  die  Einfuhr  an  Häuten  aus  Buenos
Aires  und  Montevideo  angegeben  für  das  Jahr  1842  auf  ca.
93000  Stücks.  Seitdem  ist  dann  der  Import  stark  weitergestiegen;
in  Hamburg  betrug  z.  B.  1858  der  Import  an  Wildhäuten  ca.
300000  Stück  und  7000  Ballen,  der  Export  40000  Stück  und
6000  Ballens,  im  gleichen  Jahre  betrugen  in  Antwerpen  die  Zufuhren ­
  über  500000  Stück,  in  London  belief  sich  die  Einfuhr  auf  ca.
2  Millionen  Stück  8 );  heute  bringen  ein  Paar  Dampfer  so  viel,  als  am
Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  der  ganze  Jahresimport  bedeutet
hatte,  aber  die  ganze  Entwicklung  zeigt,  daß  der  amerikanische  Häuteimport ­
  von  langer  Hand  her  vorbereitet  war,  daß  man  verhältnismäßig ­
  sehr  große  Mengen  von  Häuten  aus  Amerika  exportierte,  ohne
besondere  Methoden  der  Fleischkonservierung  zu  kennen,  daß  der  Jm-  *  6  *
*)  Anzeiger  1816,  S.  504.  2 )  Keeß  1819,  S.  317.
*)  Keeß  1819,  S.  45.  4 )  Allgemeines  Organ  1836,  S.  46.
6 )  Soetbeer  1846,  S.  144.  ®)  Soetbeer  1846,  S.  292.
’)  Schuh  und  Leder  1896,  Nr.  21,  S.  14.  9 )  Ebenda.
        <pb n="417" />
        377

Port  schon  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  groß  genug  gewesen
ist,  um  weit  ins  Binnenland  hinein  einen  Markt  und  eine  Nachfrage
zu  erzeugen,  daß  die  handwerksmäßigen  Gerber  damals  amerikanische
Häute  verarbeiteten,  daß  man  gelegentlich  die  Häute  als  Hauptprodukt
des  Tieres  -betrachtet  hatte,  und  daß  vor  allen  Dingen  die  Fleischextraktfabrikation ­
  nach  Liebig's  Methode  erst  dann  einsetzte,  als  der  südamerikanische ­
  Häuteexport  schon  im  vollen  Gange  war;  sie  hat  diesen
nicht  entwickelt  und  nicht  erst  ermöglicht,  sondern  Liebig's  Fleischextrakt
gestattete  nur  eine  zweckmäßigere  Verwertung  der  bei  der  Häutegewinnung ­
  abfallenden  Fleischmassen.
Nach  Scherzer  importierte  England  noch  1805  keine  Lederhäute  *  *);
wir  haben  gesehen,  daß  bereits  100  Jahre  früher  die  Engländer
den  amerikanischen  Häuteexport  in  ihrer  Hand  monopolisiert  hatten;
die  amerikanischen  Häute  gingen  im  18.  Jahrhundert  über  England
nach  Frankreichs),  wie  sollten  da  die  englischen  Gerber  diese  vorteilhafte ­
  Ware  verschmähen!  Wir  haben  gesehen,  daß  schon  um  die  Wende
des  18.  Jahrhunderts  das  Gerberhandwerk  aufgehört  hatte,  eine  lokal
begrenzte  Produktionstätigkeit  zu  sein 3 ),  wir  haben  gesehen,  daß  mindestens
seit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts  der  handwerksmäßige  Betrieb  der
Gerbereien  zurückgegangen  war,  daß  die  ersten  Dezennien  des  19.  Jahrhunderts ­
  einen  steten  starken  Rückgang  für  die  handwerksmäßige  Gerberei
gebracht  hatten,  daß  damals  schon  teilweise  die  stark  dezimierten  Handwerke ­
  der  Weißgerber  und  Rotgerber  wieder  vereinigt  worden  waren,
daß  seit  der  Wende  des  18.  Jahrhunderts  die  Schnellgerberei  sich  ausgebreitet ­
  hatte,  wie  soll  sich  mit  all  diesen  Verhältnissen  die  mehrfach  zu
lesende  Behauptung  vereinigen  lassen,  daß  Liebig'sFleischextrakt
„das  eigentlich  revolutionierende  Element"  ist,  „welches  in  das  Gerberhandwerk ­
  den  Keim  des  Todes  trug"?*).  Dieser  Faktor  hat  den  allergeringsten ­
  Anteil  am  Niedergang  des  Gerberhandwerks;  der  Umschwung
war,  wie  alle  statistischen  Zahlreihen  zeigen,  kein  so  plötzlicher,  und  die
Entwicklung  ging  nicht  erst  seit  dieser  Zeit  andere  Wege,  wie  alle  bisherigen ­
  Darlegungen  über  die  Entwicklung  der  Produktionsprinzipien,
über  die  Entwicklung  der  Betriebsmittel,  über  die  Entwicklung  und  den
Niedergang  des  Handwerks,  über  die  Entwicklung  der  Manufakturen
und  Fabriken,  über  die  Entwicklung  der  Bedarfsdeckung  aus  der  Ferne
zur  Genüge  zeigen;  es  ist,  wie  bei  allen  anderen  Gewerben  auch,  die
Entwicklung  der  Manufakturen  und  Fabriken  eine  natürliche,  bei  der
Gerberei  nur  etwas  verlangsamt  durch  die  speziellen,  hier  herrschenden
Bedingungen;  es  ist  auch  die  Entwicklung  der  Bedarfsdeckung  aus  der
*)  Scherzer  1885,  S.  335.  *)  Schauplatz  1766,  Bd.  Y,  S.  429.
s )  Vgl.  Borgius  1895,  S.  6,  unrichtige  Behauptung.
*)  Borgius  1895,  S.  6;  Stieba  1897,  S.  23;  Grandke  1897,  S.  1057.
        <pb n="418" />
        378

Ferne  eine  völlig  natürliche,  wo  nicht  erst  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts ­
  ein  einziges  Moment  gewaltsam  die  alten  Verhältnisse  erschüttert, ­
  so  daß  womöglich  ein  einziges  Jahr  als  Zeitpunkt  einer  völlig
neuen  Entwicklung,  eine  einzige  Erfindung  als  die  Ursache  tiefst  greifender
ökonomischer  Konsequenzen  verantwortlich  gemacht  werden  könnte.  Das
völlige  Fehlen  der  historischen  Betrachtungsweise  in  den  gewerbepolitischen
Entwicklungen  kann  eine  so  einseitige  Schlußfolgerung  wie  diese  entschuldigen ­
  und  es  verständlich  machen,  daß  so  häufig  von  der  Wende
des  18.  oder  von  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  ab  ganz  neue,  unvermittelt ­
  entstehende  Entwicklungsreihen  konstruiert  werden,  welche  alle
historische  Kontinuität  mit  der  Vergangenheit  verloren  haben.
Um  zu  zeigen,  daß  auch  der  Absatz  der  Gerberei  in  die  Ferne
schon  viel  früher  sich  entwickelt  hatte,  als  der  allgemeinen  Annahme
entspricht,  um  auch  am  Hauptprodukte  der  Gerberei  zu  sehen,  daß  diese
um  1800  längst  aufgehört  hatte,  eine  rein  lokale  Produktionstätigkeit
zu  sein,  soll  noch  eine  kurze  Betrachtung  des  durch  das  Leder  erzeugten
Marktes  folgen.

14.  Kapitel.
Keder.
§  43.  Die  Organisation  des  Ledergeschäftes.
Ein  wesentlicher  Unterschied  zwischen  der  Organisation  der  Häutezirkulation ­
  und  zwischen  den  Formen  des  Ledergeschäftes  ist  deshalb
nicht  vorhanden,  weil  die  Produzenten  und  die  Konsumenten  beider
Waren  deswegen  sehr  ähnlich  sind,  weil  die  rohe  Haut  sowohl  wie
auch  das  Leder  auf  Grund  ihrer  Eigenschaft  als  Roh-  bzw.  Halbfabrikat ­
  im  allgemeinen  —  mit  Ausnahme  eines  Teiles  von  Sämischleder ­
  —  nicht  direkt  dem  letzten  Konsumenten  zugeführt  werden.
Daher  ist  —  und  das  gilt  unter  allen  Ledersorten  vor  allen
Dingen  für  Feinleder,  Weißleder,  Sämischleder  zu  Lederhandschuhen
und  Glaceleder  —  die  üblichste  Form  die  Verbringung  des  Leders  aus
den  Stätten  seiner  Produktion  in  die  Leder  verbrauchenden  Betriebe  ohne
Vermittlung  des  Handels.  Wir  haben  gesehen,  wie  Riemer
und  Sattler,  ebenso  die  Säckler,  Beutler  und  Schuster  in  Erinnerung
an  frühere  Zustände  sehr  lange  Zeit,  zum  Teil  sogar  heute  noch,  ihren
eigenen  Verbrauch  produzieren;  wir  haben  gesehen,  wie  die  Glaceindustrie
gleich  in  der  Form  solcher  kombinierter  Betriebe  eingewandert  ist,  wie
sich  stellenweise  dann  freilich  die  Gewerbe  gespalten  haben,  wie  aber
        <pb n="419" />
        379

auch  heute  noch  die  große  Neigung  der  Glacelederindustrie  zu  Kombinationen ­
  wieder  zu  vereinigten  Betrieben  führt;  in  allen  diesen  Fällen
taun  natürlich,  soweit  nicht  Über-  oder  Unterproduktion  im  Vergleich
Zum  eigenen  Verbrauche  vorliegt,  von  Lederhandel  keine  Rede  sein.
Erst  dann,  wenn  die  gewerbliche  Arbeitsteilung  oder  die  Spezialisation
  ledererzeugende  und  lederverbrauchende  Betriebe  voneinander
spaltet,  tritt  der  Lederhandel  vermittelnd  dazwischen,  und  zwar  hier
ursprünglich  auch  wieder  in  der  Form  des  direkten  Verkehrs  zwischen
Produzent  und  Konsument.  Entsprechend  dem  mittelalterlichen  Grundsatz, ­
  daß  der  Produzent  dem  Kunden  nicht  entgegengehen  darf,  ist  die
ursprüngliche  Form  des  Lederverkehrs  das  Ladengeschäft.  Auf  die
demokratische  Normierung  dieses  Geschäftes  in  den  Zunftbriefen  hinzuweisen
genügt,  da  der  Inhalt  dieser  Bestimmungen  nichts  Auffälliges  bietet  Z.
Bei  dem  Fehlen  eines  Ladens  ergibt  sich  die  Notwendigkeit  des
Feilhaltens  an  einem  bestimmten  Platze,  und,  veranlaßt  durch  die  autoritative ­
  Regelung  der  Marktordnung,  mögen  die  an  bestimmten  Tagen
stattfindenden  Märkte  wie  auch  die  räumlichen  Vereinigungen  gleichartiger ­
  Handwerker  auf  den  Marktplätzen  entstanden  sein.  Aus  letzteren
ergaben  sich  dann  bei  den  wohlhabenderen  Gewerben,  so  bei  den  Lederern *  2 ),
nicht  selten  eigene  Verkaufshäuser,  während  die  eines  Ladens  entbehrenden ­
  Weißgerber  in  einem  schon  vorhandenen  Berkaufshause  einen  Platz
Zugewiesen  erhielten,  wie  das  z.  B.  in  Augsburg  der  Fall  gewesen  ist 3 ).
Die  mehrmals  im  Jahre  stattfindenden  Jahrmärkte  und  Messen
bedeuteten  für  den  Käufer  einen  Markt  mit  größerer  Auswahl  und
größerem  Angebot,  für  den  Verkäufer  die  zeitweise  Zulassung  einer
Konkurrenz,  und  unter  diesem  Gesichtspunkte  waren  denn  auch  die  Marktund
  Meßordnungen  in  den  Zunftbriefen  hauptsächlich  geregelt.  Die
Jahrmärkte  und  Messen  wurden  oft  aus  großer  Ferne  bezogen,  und
berühmt  waren  schon  im  13.  Jahrhundert  die  Champagner  Korduanmessen,
  die  mmdinae  cordoani,  welche  14  Tage  nach  den  Tuchmessen
begannen,  sechsmal  im  Jahre  stattfanden,  und  je  drei  Tage  umfaßten  Z;
auf  den  Leipziger  Messen  sind  Fremde  zum  Garlederverkauf  erst  seit  1549
zugelassen  1682  beschwert  sich  die  Stadtvertretung  von  Nmmarck
in  einem  Schreiben  naä)  Onolzbach,  daß  ihre  Weißgerber,  Riemer  und
andere  mit  ihren  Manufakturen  und  anderen  Kramwaren  in  den  Ansbachischen
  Landen,  insbesondere  zu  Dallmeßing,  Amerndorf  u.  dgl.
nicht  geduldet  worden  waren  H,  und  1684  interzediert  der  Markgraf
&amp;gt;)  Vgl.  Augspurg  ca.  1800.
*)  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  148;  Mummenhoff  1901,  S.  119.
3 )  Augspurg  ca.  1800.  4 )  Schaube  1906,  S.  372,  375.
s )  Junghans  1896,  S.  395.
6 )  Langenzenn,  Tom.  I,  Nr.  16,  läse.  29;  1682.  13.  III.
        <pb n="420" />
        380

Johann  Friedrich  in  Rothenburg  wegen  der  Brandenburgischen  Weißgerber, ­
  diese  am  Bartholomeimarkt  feilhaben  zu  lassen  *).  Wurde  so
einerseits  dafür  gesorgt,  daß  die  normalerweise  geschlossenen  Wirtschaften
wenigstens  zeitweise  dem  fremden  Angebot  geöffnet  werden  mußten,
so  bestanden  andererseits  genaue  Bestimmungen  über  die  den  fremden
Meistern  zur  Verfügung  stehende  Zeit  auf  den  auswärtigen  Messen
und  Märkten  oder  es  war  in  anderer  Weise  ihr  Verkauf  möglichst
beschränkt.  Nach  der  Nürnberger  Jrher-Ordnung  von  1629  durften
fremde  Meister  nur  decher-weise  (d.  h.  zehnstückweise 2 )  oder  Hundertweise ­
  verkaufen 8 ),  nach  einer  Bestimmung  von  1654  durften  die  fremden
Weißgerber  zu  Landau  nicht  länger  als  einen  Tag,  zu  Newstadt,  Germersheim, ­
  Bruchsall,  Durlach  usw.  nur  einen  halben  Tag  feilhaben  *  4  *  6  * ),
in  Speier  dursten  die  fremden  Weißgerber  in  der  Nontags-messe  nur
ein  paar  Tage  lang  ihre  Waren  feilhalten 8 ),  in  Magdeburg  durfte
nach  der  Ordnung  von  1686  kein  ausländischer  Weißgerbermeister  in
dem  Herzogtum  Magdeburg  auf  öffentlichen  Jahrmärkten  in  Flecken
oder  Städten  feilhalten;  ausgenommen  war  nur  die  Heermesse  zu
Magdeburg  für  sämisches  Leder  und  lederne  Hosen 8 );  diese  Bestimmung
gab  1708  zu  einer  Beschwerde  Anlaß,  weil  die  fremden  Weißgerber
unter  dem  Vorwände,  sie  geben  ihre  Akzise  von  ihren  Waren,  „nach
der  Außleutung  dennoch  feilgehabt  und  verkausfet"  hatten^);  letzterer
Punkt  zeigt,  wie  auch  die  Eröffnung  dieser  Messe  nur  eine  bedingte
war,  insofern  die  einheimischen  Meister  immer  noch  durch  die  Akzise
wie  durch  einen  Schutzzoll  geschützt  waren.
Einzelne  Messen,  so  die  zu  Frankfurt  am  Main,  Frankfurt  an
der  Oder,  Braunschweig,  Naumburg,  haben  sich  für  die  Weißgerber
zu  Punkten  von  besonderer  Bedeutung  entwickelt,  und  diese  Entwicklung
scheint  mehr  auf  Grund  ihrer  Lage  als  auf  Grund  einer  etwa  dort
vorhandenen  bedeutenden  Weißgerberei  vor  sich  gegangen  zu  sein.  Einen
besonderen  Aufschwung  erhielten  diese  Messen  noch  in  den  letzten  Dezennien ­
  des  18.  Jahrhunderts 8 ),  als  sie  einen  Markt  für  die  große
Menge  der  nach  Deutschland  einflutenden  fremden  Manufakte  darstellten. ­
  Die  Braunschweiger  Messe  z.  B.  wurde  1797  von  72  Hamburger ­
  Kaufleuten  bezogen,  darunter  waren  10  Händler  mit  Lederwaren ­
  9 );  die  Leipziger  Messe  wurde  1802  von  37  Hamburger  Kaufleuten
bezogen,  darunter  2  mit  Lederwaren,  einer  ausschließlich  mit  Sämischleder"); ­
  und  die  Messe  zu  Frankfurt  am  Main  wird  1800  besucht
')  Rothenburg  1671—1695,  S.  262.
-)  Vgl.  Jacobson  1782,  Bd.  I,  S.  401;  Beckmann  1805,  Bd.  V,  S.  45.
s )  Nürnberg  1629.  *)  Speyer  1654—1685;  1654.
6 )  Speyer  1655.  °)  Magdeburg  1686,  32  lens.
’)  Magdeburg  1708.  8 )  Gülich  1830,  Bd.  IV,  S.  671  ff.
°)  Hamburg  1805,  S.  273-278.  «)  Hamburg  1805,  S-  280—281.
        <pb n="421" />
        381

von  15  Hamburger  Händlern,  darunter  4  mit  Lederwaren').  Sind
letzteres  allerdings  schon  Lederhändler  und  nicht  mehr  die  Produzenten
selbst,  so  zeigen  die  Zahlen  doch  die  relative  Bedeutung  dieser  Messen.
Die  großen  Mengen  von  Häuten,  Fellen  und  Leder  aller  Art,  welche
noch  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  dort  gehandelt  wurden,  zeigen
am  besten  die  Statistiken,  auf  welche  hier  verwiesen  werden  muß 2 ).
Als  eine  besondere  Form  der  Ledermessen  können  endlich  betrachtet
werden  die  Lederauktionen;  denn  auch  auf  ihnen  ist  die  ganze,  zum
Verkauf  gelangende  Ware  zur  Einsichtnahme  aufgelegt,  und  auch  hier
vollzieht  sich  der  Lederverkehr  großenteils  noch  direkt  vom  Produzenten
zum  Konsumenten.  Solche  Auktionen  sind  keineswegs  neu^),  aber  sie
sind  von  Wichtigkeit  gerade  auch  für  den  Handel  in  braunen  und
weißen  Schafledern,  weil  man  neuerdings  teilweise  wieder  mehr  und
mehr  zu  diesen  Lederauktionen  im  Anschluß  an  Ledermessen  übergeht'). ­
  So  sind  in  Kirchhain  in  der  Niederlausitz  erst  seit  wenigen
Jahren  solche  Auktionen  entstanden,  letztere  aus  dem  Wunsche,  die
hohen  Transportkosten  nach  den  Leipziger  Messen  zu  vermeiden;  denn
die  Kosten  für  den  Rücktransport  des  nicht  verkauften  Leders  gaben
unter  Umständen  Veranlassung,  das  Leder  in  Leipzig  um  jeden  Preis
abzugeben;  allein  auch  die  Auktionen  in  Kirchhain  selbst  haben  viele
Gegner,  weil  sie  dem  kleinsten  Käufer  Gelegenheit  geben,  Leder  zu
Engrospreisen  zu  erwerben,  und  weil  sie  die  kleinsten  Konsumenten
über  die  Engrospreise  auf  dem  Laufenden  erhalten;  denn  zu  diesen
Auktionen  kommen  stets  eine  ganze  Reihe  Personen  der  Lederbranche  nicht
in  der  Absicht  zu  kaufen,  sondern  nur,  um  dort  die  Preise  zu  hören.
Eine  bei  vielen  solchen  Auktionen,  sowohl  Fell-  wie  Lederauktionen,
beachtenswerte  Erscheinung  ist,  worauf  schon  bei  der  Betrachtung  über
die  Lebensfähigkeit  des  Handwerks  hingewiesen  wurde,  die  Tatsache,
daß  solche  Gerberorte,  wie  Kirchhain,  selbst  einen  Markt  erzeugen,  in
welchem  auch  der  kleinste  Gerber  alle  Vorzüge  des  großen  Marktes
genießt;  er  kauft  dort  nach  dem  Verfahren  des  großen  Marktes  zu
Großhandelspreisen,  und  seine  fertige  Ware  wird  hier,  offen  liegend  zur
Einsichtnahme,  mit  der  Masse  der  großen  Marktware  verkauft.
Für  den  direkten  Verkehr  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten
kommen  schließlich  neuerdings  eine  Reihe  von  Momenten  in  Betracht,
welche  den  kostspieligen  Transport  der  Ware  zu  den  Messen  und
Auktionen  ersetzen.  Diese  Momente  sind  die  üblichen,  so  daß  die  bloße
Namensnennung  genügt:  Vorlegung  von  Mustern  in  schriftlichen  Offerten,
durch  Reisende  und  Agenten,  durch  eigene  Verkaufsstellen,
i)  Hamburg  1805,  S.  284  f.  *  *)  Vgl.  Dietcrici  1851,  S.  562.
s )  Vgl.  z.  B.  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  Artikel  VII,  S.  90.
*)  Vgl.  Hanisch  1905,  S.  83.
        <pb n="422" />
        382

auf  Ausstellungen;  dazu  kommt  noch  das  ganze  moderne  Reklamewesen ­
  in  Zeitungen,  Zeitschriften,  Fachblättern,  in  Adreßbüchern  der
Branche,  in  Fachkalendern  usw.
Als  ein  besonderer  Fall  des  Verkehrs  zwischen  Produzent  und  Konsument ­
  kommen  endlich  noch  die  Gerbervereinigungen  für  den
Heeresbedarf  in  Betracht,  welche  sich  so  ziemlich  über  das  ganze  Deutsche
Reich  erstrecken.  Diese  vermitteln  allerdings  hauptsächlich  vegetabilisch
gegerbtes  und  Chromleder,  daneben  auch  noch  in  geringerer  Menge
Sämischleder  zu  Hosenbesützen.  Der  Gerbervereinigung  gehören  sowohl ­
  große  Fabriken  als  auch  kleine  Meister  an,  und  ein  von  der
Gerbervereinignng  angestellter,  von  der  Militärbehörde  bestätigter  Geschäftsleiter ­
  übernimmt  gegen  Provision  die  Berteilung  der  Aufträge  an
die  Mitglieder  der  Vereinigung.
Der  eigentliche  Lederhandel  durch  einen  Handelsvermittler
nimmt  gerade  für  Weiß-  und  Glaceleder  neben  dem  bisher  besprochenen
direkten  Verkehr  eine  untergeordnete  Rolle  ein,  und  dieser  Handel  ist,
der  ökonomischen  Natur  gerade  des  Weiß-  und  Glaceleders  nach,
welches  von  kleinen  Meistern  heute  fast  nicht,  von  der  gewöhnlichen
Konsumtionswirtschaft  überhaupt  nicht  verbraucht  wird,  ausschließlich
Großhandel.
Ledergroßhandel  läßt  sich  ebenfalls  ziemlich  weit  zurückverfolgen.
Auf  den  starken  Verbrauch  an  Weiß-  und  Sämischleder  im  Mittelalter,
auf  den  starken  Export  nach  Italien  und  die  daraus  entstehende  Notwendigkeit ­
  von  Lederhündlern  wurde  bereits  hingewiesen.  Die  Artikel ­
  der  Magdeburger  Kaufleute  von  1596  und  1678  führen  allerlei
Leder  auf,  welches  alles  nicht  einzeln,  sondern  nur  in  ganzen  Packen,
Hunderten  usw.  verkauft  werden  bars 1  2 );  in  Roths  Geschichte  des  Nürnberger ­
  Handels  werden  eine  ganze  Reihe  von  wohlhabenden  Lederhändlern
aufgeführt^),  und  in  Lüttichs),  wie  auch  in  Nürnbergs  bestanden  besondere ­
  Bestimmungen  für  die  Lederhändler;  aber  damals  war  das
Weiß-  und  Sämischleder  viel  mehr  Gegenstand  des  Großhandels  auch
nach  dem  Auslande,  wie  ja  schon  teilweise  gezeigt  wurde,  als  dies  heute
der  Fall  ist,  wo  eben  der  direkte  Verkehr  zwischen  Gerber  und  Lederverbraucher ­
  den  Handelsvermittler  meist  ausschaltet,  wenn  nicht  überhaupt ­
  Kombination  der  Betriebe  vorliegt.  Es  kann  deshalb  ein  Ledergroßhandel ­
  im  speziellen  Anschluß  an  Weißgerberei  nicht  besprochen
werden f&amp;gt; ).
*)  Magdeburg  1678.
2 )  Roth  1800,  Bd.  I,  S.  308,  324,  388,  393,  396;  Bd.  II,  S.  45,  50,  53,
54,  60,  75,  77,  109,  115.  -)  Barmans  1863,  S.  178  f.
*)  Nürnberg  1629;  Stadtarchiv,  Lederer  Unterkeuffel  Pflicht.
b)  Für  Ledergroßhandel  vgl.  Hantsch  1905,  S.  89  ff.
        <pb n="423" />
        383

Dagegen  hatderKleinhandel,  also  der  Absatz  an  die  Konsumenten,
eine  Bedeutung,  wenn  auch  nicht  für  daH  Weißleder,  so  doch  für  das
Sämischleder;  denn  ein  großer  Teil  des  Sämischleders  geht  nicht  als
Halbfabrikat  weiter  an  die  Handschuhfabriken,  Schuhfabriken  usw.,
sondern  geht  als  fertige  Ware  für  Putzleder  direkt  an  den  Konsumenten.
Zu  diesem  Leder  gesellten  sich  früher  noch  die  von  den  Weißgerbern
selbst  hergestellten  ledernen  Hosen;  es  muß  daher  jede  Person,  welche
sich  zwischen  Weißgerber  bzw.  Sämischgerber  und  zwischen  den  Konsumenten ­
  in  den  hier  in  Betracht  kommenden  Waren  als  Warenüberträger
einschiebt,  als  ein  Organ  des  Kleinhandels  betrachtet  werden.  Nach
einer  ganzen  Reihe  von  Bestimmungen  gehört  dieser  Handel  den  Weißgerbern ­
  ausschließlich  *),  aber  Beutler  und  Säckler  2 ),  Kürschner 3 ),  Tuchmacher ­
  und  Schneider  4  *  * )  Schuhmacher 8 ),  wie  auch  unzünftige  Meister  °)
haben  immer  wieder  versucht  einen  Teil  dieses  Handels  an  sich  zu
reißen  und  gaben  darum  dem  Weißgerber  Anlaß  zu  Auseinandersetzungen. ­
  Heute  wird  Sämischleder  in  kleinen  Lederhandlungen  und
Kramläden  vertrieben.
Ein  geradezu  typisches  Organ  des  Kleinhandels  in  Sämischleder
ist  der  Hausierer.  Freilich  verbietet  das  Mittelalter  das  Hausieren
grundsätzlich,  und  selbstverständlich  nicht  bloß  alle  unzünftigen  Personen  7 ),
sondern  auch  die  Meister  dürfen  ihre  Arbeit  nicht  verhausieren,  sondern
sie  sollen  dieselbe  nur  auf  offenen  Märkten  feilhalten 3 );  die  Hausierverbote ­
  werden  von  offener  Kanzel  verkündet,  sie  werden  an  die  Kirchentüren ­
  und  Rathäuser  öffentlich  angeschlagen  9 ),  aber  den  vielen  Beschwerden ­
  und  Klagen  sowie  den  zahlreichen  Verboten  zu  entnehmen
muß  der  Hausierhandel  durch  Juden  und  Krämer,  durch  Manns-  und
Weibspersonen,  durch  Italiener,  Tiroler,  Schweizer,  durch  Störer,
Schuhmacher,  Lederhändler,  Metzger,  Krämer,  Gängler,  auch  Bierbrauer
eine  sehr  große  Rolle  gespielt  haben  10 ).  Heute  ist  das  Haustergewerbe

Langenzenn,  Tom.  I,  Nr.  16,  fase.  29;  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  147;
Magdeburg  1686;  36  lens.  2 )  Speyer  1654—1685;  1663;  Weißenburg  1648.
s )  Würzburg  1600.
4 )  Langenzenn,  Vol.  II,  fase,  8,  1728;  Würzburg  V,  2028,  1734.
s )  Rothenburg  1571—1695;  1614;  Speyer  1654—85;  1683.
°)  Würzburg  1717.
7 )  Königsberg  1737,  VIII;  Nürnberg  1629.
8 )  Nürnberg  1663,  490.
9 )  Würzburg  V,  2028;  24.  Juni  1615.
10 )  Würzburg  V,  2028,  1615;  Würzburg  1660-83;  1415,  23;  Würzburg ­
  1661,  G.  2217;  Würzburg  1695—1701;  Würzburg  1718—19;  Würzburg
1726—29;  Langenzenn,  Tom.  I,  Nr.  16,  fase.  29,  1729;  Würzburg  1741—44;
Würzburg  V,  2028,  1743;  Würzburg  V,  1763;  Nürnberg  1801,  14.  April  S.  232;
14.  Juli,  S.  461;  3.  Sept.,  S.  631.
        <pb n="424" />
        384

an  sich  stark  zurückgegangen,  das  mit  Lederwaren  noch  mehr.  Die
unter  den  Waren  von  Hausierern  vorkommenden  ledernen  Gegenstände
entpuppen  sich  bei  Detailaufzählungen  fast  immer  als  Schuhwerk,  ev.
als  Sattlerarbeiten,  nur  sehr  selten  als  Sämischleder.  Nach  einer
Untersuchung  über  das  Hausiergewerbe  im  Westerwald  von  1896
handelten  unter  1854  Landgängern  nur  39  mit  Schwämmen  und
Fensterleder  *).

§  44.  Der  Außenhandel  in  Leder.
Mit  einer  kurzen  Betrachtung  über  den  Außenhandel  in  Leder
wollen  wir  unsere  Untersuchungen  über  die  Entwicklung  der  Weißgerberei
abschließen.
Den  Weltruf  der  weißen  babylonischen,  der  roten  serischen  Felle,
welche  im  Altertum  das  Material  zu  den  feinsten  Lederarbeiten
lieferten,  haben  wir  kennen  gelernt,  und  der  Maximaltarif  Diocletians
lehrt  uns  die  verschiedenen  Arten  derselben  unterscheiden.
Ebenso  wurde  auf  den  Ruf  des  ungarischen  Leders  im  Mittelalter
hingewiesen,  und  im  10.  Jahrhundert  galten  bei  den  Bischöfen  Lombardiens
  germanische  Zügel  und  sächsische  Sättel  als  besonders  wertvolle
Bestände  ihrer  Geschirres.
Der  deutsch-italienische  Handelsverkehr  des  Mittelalters,  welcher
von  den  italienischen  Handelsrepubliken  nach  der  Levante  weiter  geleitet
wurde,  beförderte  auch  Leder  in  nicht  geringen  Mengen.  Nicht  nur,  daß  das
gesuchte  orientalische  Leder  auch  im  Mittelalter  mit  den  orientalischen  Spezereien ­
  als  ein  gesuchtes  Erzeugnis  des  Morgenlandes  nach  Europa  gelangte, ­
  nicht  nur,  daß  noch  um  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts  feine
Leder  aus  der  Türkei  zu  uns  gelangten 4 ),  die  deutschen  Ledergewerbe
lieferten  während  des  ganzen  Mittelalters  bedeutende  Mengen  für  den
Export.  Lösch,  Jrch,  Balzanus,  Korduane  °),  sämtlich  deutscher  Herkunft,
spielen  in  den  Gütern  des  deutsch-italienischen  Handels  eine  bedeutende
Rolle;  die  Kaufleute,  welche  mit  orientalischen  Produkten  handeln  und
welche  Waren  nach  dem  Süden  entsenden,  zählen  sehr  häufig  auch
Leder  zu  den  Gegenständen  ihres  Handels;  auf  die  ungeheuren
Mengen  sämischen  Leders  und  sämischer  Hosen,  welche  nach  Italien
gingen  H,  wurde  bereits  hingewiesen;  unter  den  Bestimmungen  des

0  Plenge  1898,  S.  171.  2 )  Hellwig  1886,  S.  16.
3 )  Heyd  1879,  Bd.  I,  S.  402,  430.
.  4 )  Roth  1800,  Bd.  II,  S.  284.
b)  Simonsfeld  1887,  Bd.  II,  S.  103,  105,  106,  197,  198;  Stieda  1894,
S.  113,  161,  167;  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  717,  718;  Bd.  II;  S.  109  ff.,  225,  228.
°)  Stieda  1894,  S.  90,  111,  124,  162.
        <pb n="425" />
        385

Deutschen  Hauses  in  Venedig  findet  sich  ein  besonderer  Passus  über  die
Einfuhr  und  das  Lagern  des  deutschen  Leders  *),  ein  Nürnberger
Händler  namens  Viatis  wurde  durch  den  Handel  mit  Sämischleder,
mit  Straußenfedern  und  mit  schlesischer  Leinwand,  dann  auch  mit  gewissen, ­
  damals  noch  wenig  bekannten  Produkten  der  Färberei  so  wohlhabend, ­
  daß  er  für  einen  der  reichsten  Kaufleute  Deutschlands  galt^).
Mit  dem  ausgehenden  Mittelalter  scheint  dann  der  Handel  von  und
nach  den  Niederlanden  größere  Bedeutung  angenommen  zu  haben.
Den  Leipziger  Weißgerbern  wurde  der  Absatz  auf  ihren  Märkten  durch
die  Konkurrenz  der  Niederländer  eingeengt,  so  daß  diesen  1664  ausdrücklich ­
  der  Verkauf  der  Sämischleder  verboten  wird 3 ).  Becher  gründete
eine  Kompagnie  zum  Handel  nach  Holland,  1670  erbietet  er  sich,  Leder,
Häute,  Wolle  und  Leinwand  im  Gesamtwert  von  200000  fl.  nach
Holland  zn  verkaufen,  und  1671  wird  er  in  der  Tat  nach  Holland
geschickt,  um  „das  gantze  Negotium  zu  incaminieren";^  in  der  Nürnberger ­
  Lederer-Unterkeuffel-Pflicht  wird  in  einem  Ratserlaß  von  1707
ausdrücklich  englisches  und  niederländisches  Leder  genannt 3 ),  und  um
1700  handeln  Churmaintzische  und  in  der  Stadt  Fritzlar  eingeseffene
Kaufleute  mit  Maastricher  und  Englischem  Leder  6 ).  Allerdings  mögen
schon  um  diese  Zeit  England  und  Holland  sich  auf  die  Produktion
von  lohgaren  Ledern  geworfen  haben,  welche  vornehmlich  im  18.  Jahrhundert ­
  so  berühmt  gewesen  sind,  daß  sie  das  kaum  erreichbare  Vorbild
aller  übrigen  kontinentalen  Gerber  darstellten.
In  der  Folge  vollzog  sich  dann  die  eingehend  dargestellte  Wandlung
inderLederkonsumtion,  nämlich  das  allmähliche  Zurückdrängen  des
weißen  und  sämischen  Leders  durch  Baumwollstoffe  und  durch  lohgare
Leder.  Ein  Hamburger  Preiskurant  von  1804  führt  fast  nur  noch  lohgare ­
  Ledersorten  auf'),  darunter  auch  einige  Feinledersorten,  wie  Juchten,
Korduan,  Saffian,  Ziegenfelle,  und  gerade  die  Feinleder  sind  es,  welche
in  der  Folge  im  Außenhandel  eine  im  Vergleich  zum  Gesamtlederaußenhandel ­
  bedeutende  Rolle  gespielt  haben.  Allerdings  geht  im
Feinlederexport  Frankreich  zunächst  voran,  aber  England,  Österreich
und  Deutschland  suchen  im  19.  Jahrhundert  den  Vorsprung  einzuholen,
und  Ende  des  19.  Jahrhunderts  sind  die  Hauptabnehmer  des  deutschen
Feinlederexportes  Großbritannien,  Österreich-Ungarn,  Frankreich,  Italien,
Rußland,  Niederlande,  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,
Belgien  und  die  Schweiz,  kurz,  man  sieht,  daß  der  deutsche  Feinleder-0
  Thomas  1874,  S.  224.
-)  Roth  1800,  Bd.  I,  S.  388.  -)  Junghans  1898,  S.  406.
*)  Hatschet  1886,  S.  23.
6 )  Nürnberg  1629,  Stadtarchiv,  Lederer  Unterkeuffel  Pflicht.
«)  Würzburg  V,  2028,  1700.  Hamburg  1805,  S.  316.
Eb  e  r  t,  Entwicklung  der  Weißgerderei.  25
        <pb n="426" />
        386

export  an  der  Deckung  des  Weltbedarfes  stark  beteiligt  ist 1 ),  während  die
Feinleder-  und  Handschuhproduktion  im  Lande  im  Vergleich  zu  der
Gesamtlederproduktion  von  viel  geringerer  Bedeutung  ist  2 j.  Da  die
Positionen  der  Handelsstatistiken  die  Ledersorten  nicht  in  der  Weise  zerlegen, ­
  daß  diese  Zahlen  hier  einwandfrei  und  eindeutig  benutzt  werden
können,  muß  auf  eine  Wiedergabe  derselben  verzichtet  werden.

Vgl.  Hanisch  1905,  S.  104  ff.
»)  Vgl.  Wirtschaftskunde  1904,  Bd.  III,  S.  714.
        <pb n="427" />
        25*

Litteratur.
I.  Vorbemerkung.

Um  einerseits  den  Umfang  der  Stellennachweise  nicht  übermäßig
durch  jedesmalige  Angabe  des  vollständigen  Titels  zu  vergrößern,  um
aber  andererseits  die  sehr  häufig  gebrauchte  Methode  der  Abkürzung
„a.  a.  O."  zu  vermeiden,  weil  hierdurch  das  Wiederaufsuchen  einer
Stelle  unter  Umständen  außerordentlich  erschwert  werden  kann,  habe  ich
den  Titel  jedes  Werkes  abgekürzt  in  der  Weise,  daß  ich  den  Namen
des  Verfassers  und  die  Jahrzahl  des  Erscheinens  —  letztere  einfach  das
a.  a.  O.  ersetzend  —  als  kurze  Formel  für  den  ganzen  Titel  benützte
Für  den  in  der  Litteratur  Bewanderten  besagt  schon  der  Name  des  Verfassers ­
  viel,  und  die  dazu  gedruckte  Jahrzahl  orientiert  sofort  über  die
Zeit  und  damit  über  den  allgemeinen  Zeitcharakter,  unter  welchem  das
Buch  entstanden  ist.  Sind  von  einem  Verfasser  in  einem  Jahre  mehrere
Schriften  erschienen,  so  habe  ich  durch  eine  weitere  zugefügte  Abkürzung
Unklarheiten  auszuschalten  gesucht.  Bei  Akten  usw.  vertritt  die  Stelle
des  Verfassers  der  Ort  der  Herkunft.
Diese  Abkürzungen  folgen  in  alphabetischer  Ordnung  in  dem  hier
folgenden  Litteraturverzeichnis,  so  daß  das  sonst  übliche  lästige,  gelegentlich ­
  sogar  erfolglose  Suchen  nach  dem  ganzen  Titel  einer  zitierten
Quelle  ersetzt  wird  durch  ein  müheloses  und  schnelles  Auffinden  der  gewünschten ­
  Angabe.
Außerdem  hat  aber  ein  solches  Litteraturverzeichnis  die  gerade  für
Untersuchungen  vorliegender  Art  sehr  wünschenswerte  Eigenschaft,  daß
es  einen  Überblick  gibt  über  den  ganzen  zu  einem  solchen  Thema  gehörigen ­
  Erscheinungskreis  von  Büchern,  Akten  und  anderen  Quellen,
deren  kurze  systematische  Darstellung  ich  bereits  im  Vorwort  gegeben  habe.
        <pb n="428" />
        II.  Ktteraturverzeichnis

SleBert  1895:  Die  Schuhmacherei  in  Loitz  von  B.  Aebert.  Aus  Untersuchungen  über
die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik ­
  Nr.  62,  Leipzig  1895.
Allgemeine  Gerberzeitung:  Allgemeine  Gerberzeitung,  Östereichisch-Ungarisches  Organ
für  Lederfabrikation.  Organ  des  Verbandes  der  Lederindustriellen  in
Niederösterreich.
Allgemeine  Handschuhmacherzeitung:  Allgemeine  Handschuhmacherzeitung.  Organ
für  die  gesamte  Handschuhindustrie  und  verwandte  Geschäftszweige.
Offizielles  Organ  der  Handschuhmacherinnungen  Berlin,  Dresden  usw.,  des
Vereins  der  Glacs-Handschuhfabrikanten  und  Interessenten  der  Branche
von  Berlin.
Allgemeines  Organ:  Allgemeines  Organ  für  Handel  und  Gewerbe  des  In-  und
Auslandes  und  damit  verwandte  Gegenstände.  Zweiter  Jahrgang,  1836.
Köln  1836.
Almanach:  Almanach  der  Fortschritte,  neuesten  Erfindungen  und  Entdeckungen  in
Wissenschaften,  Künsten,  Manufakturen  und  Handwerken.  Erfurt  1799  sf.
A.  London  1851:  Amtlicher  Bericht  über  die  Industrie-Ausstellung  aller  Völker
zu  London  1851.  Von  der  Berichterstattungskommission  der  deutschen  Zollvereinsregierungen. ­
  Berlin  1852.
Anzeiger  1816:  Anzeiger  für  Kunst  und  Gewerbefleiß  im  Königreiche  Bayern.
Zweiter  Jahrgang,  viertes  Quartal,  Nr.  40—52,  1816.
Aristophanes  Ritter:  Die  Ritter  des  Aristophanes.  Griechisch  und  Deutsch  von
W.  Ribbeck.  Berlin  1867.
Augsburg  1671:  Augsburg,  Stadtarchiv.  Ordnung  dern  von  Weißgerbers  Gesellen
alhie  auffgericht.  Den  24t  Novembris  anno  1695  copiert.
'  Augsburg  1722—1778:  Augsburg,  Stadtarchiv.  Weißgerberakten  1722—1778,
Nr.  1—43.
Augspurg  ca.  1800:  Augsburg,  Stadtarchiv.  Ordnungen  der  Lehrjungen  der  Weißgerber ­
  in  Augspurg  usw.
Augsburg  1802:  Augsburg,  Stadtarchiv.  Nr.  84  Weißgerber  und  Pergamenter.
A.  1802,  5763,  -/-.  ‘
B.  d.  Ers.  1874:  Das  neue  Buch  der  Erfindungen,  Gewerbe  und  Jndustrieen.
Rundschau  auf  allen  Gebieten  der  gewerblichen  Arbeit.  Leipzig  und
Berlin  1874.
Becher  1663:  Parnasses  Medicinalis  illustratus  oder  ein  neues  und  dergestalt  vormahln
  noch  nit  gesehenes  Thier-,  Kräuter-  und  Berg-Buch  sampt  der  saler-
        <pb n="429" />
        389

nischen  Schul,  usw.  Durch  Johann  Joachim  Becher,  von  Speyer,  der  Artzeney
Doctorn  Churfürst!.  Mayntzischen  Mathematicum  und  Medicum.  Ulm  1663.
Becher  1759:  D.  I.  I.  Becher,  weil.  Nom.  Kayserl.  Majestät  Cammer  und
Commerzienraths  politischer  Diseurs  von  den  eigentlichen  Ursachen  des  Aufund
  Abnehmens  der  Städte  und  Länder.  —  D.  Georg  Heinrich  Zincken,
Herzog!.  Braunschw.  Würkl.  Hof-  und  Cammerrath  hat  diese  Anleitung  zur
Stadt—,  Wirtschaft  und  Polizei  der  deutschen  Staaten  mit  Neun  Hauptstücken ­
  und  Anmerkungen  für  jetzige  Umstände  und  Zeiten  vermehret,  erläutert ­
  und  brauchbar  gemacht.  Frankfurt,  Leipzig  und  Zelle  1759.
Beck  1807:  Kurzer  Begriff  aller  Künste,  Handwerke  und  Geschäfte  des  gemeinen
Lebens.  Johann  Georg  Beck,  Pfarrer  zu  Ravensburg.  Nördlingen  1807.
Beckmann  1784:  Beiträge  zur  Geschichte  der  Erfindungen  von  Johann  Beckmann,
Ordentlicher  Professor  der  Ökonomie.  Göttingen,  Leipzig  1784.
Beckmann  1794:  Vorbereitung  zur  Warenkunde  oder  zur  Kenntnis  der  vornehmsten
ausländischen  Waren,  Johann  Beckmann.  Göttingen  1794.
Beckmann  1796:  Anleitung  zur  Technologie  oder  zur  Kenntnis  der  Handwerke,
Fabriken  und  Manufakturen,  vornehmlich  derer,  die  mit  der  Landwirtschaft
Polizei  und  Kameralwissenschaft  in  nächster  Verbindung  stehen.  Johann
Beckmann,  Hofrath  und  ordentlicher  Professor  der  Ökonomie  in  Göttingen.
Vierte  verbesserte  und  vermehrte  Auslage.  Göttingen  1796.
Beckmann  1805:  Beiträge  zur  Ökonomie  und  Technologie  usw.  etwa  1790  ff.
12  Bändchen.
Beheim  1874:  Beheim-Schwarzbach,  Hohenzollernsche  Kolonisationen  Leipzig  1874.
Behr  1909:  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  technischen  Entwicklung  in  der
Schuhindustrie,  Friedrich  Behr.  1909.
Ber.  d.  d.  Bot.  Ges.:  Berichte  der  Deutschen  Botanischen  Gesellschaft.
Berlin  1805:  Gesellenbrief  des  Weißgerbergewerks  in  Berlin.  Kupferstichkabinett  des
Germanischen  Museums,  H.  B.  22,  954.
Berliner  Berichte:  Berliner  Berichte  über  Leder,  Häute,  Felle,  Rauchwaren,  Schuhe
waren,  Lederhandschuhe,  Wolle  usw.  Zentralorgan  der  Leder-  und  Schuhindustrie. ­
  Organ  für  Veröffentlichungen  der  Lederindustrieberufsgenossenschaft.
Berlin  St.  I.:  Statistisches  Jahrbuch  der  Stadt  Berlin.  Herausgegeben  im  Aufträge ­
  des  Magistrats.
Biart  1885:  Les  Azteques.  Histoire,  Moeurs,  Coutumes  par  Luden  Biart.
Bibliotbeque  Ethnologique.  Paris  1885.
Biel  1765;  Gesellenbrief  des  Weißgerberhandwerks  in  Biel.  Kupferstichkabinett  des
Germanischen  Museums.  H.  B.  23,  258.
Blümncr  1869;  Die  Gewerbliche  Tätigkeit  der  Völker  des  klassischen  Altertums  von
Br.  Hugo  Blümner.  Gekrönte  Preisschrift.  Leipzig  1869.
Blümner  1875:  Technologie  und  Terminologie  der  Gewerbe  und  Künste  bei
Griechen  und  Römern.  Hugo  Blümner.  Leipzig  1875.
Blümner  1887:  Festschrift  zur  Begrüßung  der  vom  28.  Sept.  bis  1.  Oktober  1887
in  Zürich  tagenden  XXXIX.  Versammlung  Deutscher  Philologen  und  Schulmänner. ­
  Dargeboten  von  der  Universität  Zürich  1887.  Abhandlung  2:
Technologisches,  von  Prof.  Br.  Hugo  Blümner.
Böhmer  1794:  B.  George  Rudolph  Böhmer,  der  Universität  Wittenberg  Senior.
Technische  Geschichte  der  Pflanzen,  welche  bei  Handwerken,  Künsten  und
Manufakturen  bereits  im  Gebrauch  sind  oder  noch  gebraucht  werden
können.  1794.
        <pb n="430" />
        390

•  Borgmann  1902;  Die  Chromgerbung.  Ihre  gesamte  Herstellungsweise  für  Narbenund
  Wichsleder  von  der  Rohware  bis  zum  fertigen  Produkt.  Praktisches
Handbuch  für  die  gesamte  Lederindustrie.  Nach  langjährigen  praktischen  Erfahrungen ­
  bearbeitet  von  Joseph  Borgmann,  Gerber,  Fabrikdirektor  und
Lehrer  an  der  Deutschen  Gerberschule  zu  Freiberg  i.  S.  Berlin  1902.
Borgius  1895:  Die  Lohgerberei  in  Breslau,  von  Walther  Borgius.  Aus  Untersuchungen ­
  über  die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland.  Schriften  des
Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  65.  Leipzig  1895.
Bormans  1863:  Le  bon  metier  des  tanneurs  de  I’ancienne  eite  de  Liüge.  Par
Stanislaus  Bormans.  Memoire  couronne  par  la  societe  liegoise  de  litteratnre
  wollonne.  Liege  1863.
'  Bouchardat  1845;  Die  Chemie  in  ihrer  Anwendung  auf  Künste  und  Gewerbe  von
Bouchardat.  Aus  dem  Französischen  übersetzt.  Ludwigsburg  1845.
van  der  Borght  1888:  Der  Einfluß  des  Zwischenhandels  auf  Grund  der  Preisentwicklung ­
  im  Aachener  Kleinhandel.  Von  Dr.  R.  van  der  Borght  in
Aachen.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  36.  Leipzig  1888.
Brehm  1885:  Das  Inka-Reich.  Beiträge  zur  Staats-  und  Sittengeschichte  des
Kaisertums  Tahuantinsuyu.  Nach  den  ältesten  spanischen  Quellen  bearbeitet
von  Dr.  med.  R.  B.  Brehm.  Jena  1885.
Breßlau  1889:  Handbuch  der  Urkundenlehre  für  Deutschland  und  Italien,  von
Harry  Breßlau.  Erster  Band.  Leipzig  1889.
Brüggemann  1857:  Handbuch  der  Weißgerberei.  Praktische  Anweisung  alle  Arten
Glace-,  Weiß-,  schmück-,  loh-  und  sämischgares  Leder  nach  den  neuesten  verbesserten ­
  Methoden,  sowie  auch  Pelz-  und  Trommelfelle  zu  bereiten.  Von
Anton  Brüggemann.  Quedlinburg  und  Leipzig  1857.
Bücher  1722:  Das  Muster  eines  Nützlich-Gelehrten  in  der  Person  Herrn  Doctor
Johann  Joachim  Bechers  usw.,  vorgestellt  von  Urban  Gottfried  Buchern/D.
Nürnberg  und  Altdorsf  1722.
Bücher  1893:  Geschichte  der  technischen  Künste.  Bruno  Bücher.  Drei  Bände.
Dritter  Band.  Stuttgart  1893.
Bücher  1886:  Die  Bevölkerung  von  Frankfurt  am  Main  im  14.  und  15.  Jahrh.
Sozialstatistische  Studien  von  Dr.  Karl  Bücher.  Tübingen  1886.
Bücher  1898:  Die  Wirtschaft  der  Naturvölker.  Dr.  Karl  Bücher.  Dresden  1898.
Büchsenschütz  1869:  Die  Hauptstätten  des  Gewerbefleißes  im  klassischen  Altertum.
B.  Büchsenschütz,  Gekrönte  Preisschrift.  Leipzig  1869.
Burckhardt  1903:  Die  praktische  Ledererzeugung  von  Robert  Burckhardt,  Ledersabrikant.
  Wien,  Pest,  Leipzig  1903.
Burgbernheim  1831:  Acta  des  Magistrats  Burgbernheim.  Ansuchen  des  Gerber-Gesellen
  Johann  Andreas  Wtttig  um  Verleihung  einer  Concession  als
Rothgerbermeister  dahier.  1831.  Tit.  VIII,  Nr.  29,  Fase.  22.
Burgbernheim  1847:  Acta  des  Stadtmagistrats  Burgbernheim.  Ansuchen  des  Rotgerbergesellen ­
  Johann  Andreas  Wittig  von  hier  um  Erlaubnis....  Tit.  VIII,
Abth.-Fach  Nr.  31,  Fase.,  Nr.  164,  158.
Burgbernheim  1859:  Acta  des  Stadtmagistrats  Burgbernheim.  Concessionsgesuch
des  Weißgerbergesellen  Johann  Mich.  Betz  von  hier.  1859.  Tit.  VIII,
Abt.  8,  Fase.  349,  Fach  32.
Burgbernheim  1863:  Akten  des  Magistrats  Burgbernheim.  Betreff:  Konzessionsgesuch ­
  des  ledigen  Weißgerbergesellen  Johann  Leonhard  Betz  von  hier.  1863.
Tit.  VIII,  Abt.  B,  Fase.  409,  Fach  52.

-&amp;gt;
        <pb n="431" />
        391

Burgbernheim  1868:  Acta  des  Magistrats  Burgbernheim.  Betreff:  Concesfions-.
  .  .-Gesuch  des  ledigen  Gerbergesellen  Georg  Leonhard  Willig  von  hier.
1868.  Tit.  VIII,  Abth.  B,  Fach  Nr.  62,  Fase.  478.
Busch  1795:  Versuch  eines  Handbuchs  der  Erfindungen  von  G.  C.  Busch,  Pfarrer
bei  der  neuen  Kirche  zu  Arnstadt.  Eisenach  1795.
Collegium:  Collegium,  Wissenschaftlich-technische  Beilage  des  Ledermarkt.  Zentral-Organ
  des  Internationalen  Vereines  der  Leder-Jndustrie-Chemiker.
Conceria:  La  Conceria  rivista  tecnico-commerciale  per  1’industria  delle  pelli  et
affini  Diretta  dal  cay.  G.  B.  Ghersi  di  Genova.  Torino.  Seit  1893.
Cook  1787:  Kapitän  Cooks  dritte  und  letzte  Reise  oder  Geschichte  einer  Entdeckungsreise ­
  nach  dem  stillen  Ozean,  welche  aus  Befehl  Sr.  Großbritannischen  Majestät
zu  genauerer  Erforschung  der  nördlichen  Halbkugel  unternommen  und  unter
der  Anführung  der  Kapitäne  Cook,  Clerke  und  Gore  in  Sr.  Majestät
Schiffen,  der  Resolution  und  der  Discovery,  während  der  Jahre  1776,  1777,
1778,  1779  und  1780  ausgeführt  wurden.  Übersetzung  nach  der  zweiten
englischen  Ausgabe  in  drei  Bänden  in  Quart  mit  einigen  Anmerkungen  von
Johann  Ludwig  Wetzel,  Brandenburg-Anspachl.  Hoskammerrat,  Bibliothekar
und  erster  Pagenhosmeister.  Anspach  1787.
Cranz  1770:  David  Cranz.  Historie  von  Grönland.  Enthaltend  die  Beschreibung
des  Landes  und  der  Einwohner  usw.  Zweite  Auflage.  1770.
Cuir:  Le  6uir.  Revue  scientiflqne  et  industrielle.  Organe  offlciel  de  I’Asso-V^
ciation  des  Chimistes  de  ITndustrie  du  Cuir.
Dämmer  1911:  Chemische  Technologie  der  Neuzeit.  Br.  Otto  Dämmer.  3  Bände.  1911.
Davillier  1878:  Kotes  snr  les  Cuirs  de  Cordue,  Guadamaciles  d’Espagne,  etc.
»  par  le  baron  C.  H.  Davillier.  Paris,  A.  Quantin,  1878.
Delitzsch  1868:  Handwerkerleben  zur  Zeit  Jesu.  Ein  Beitrag  zur  neutestamentlichen
Zeitgeschichte  von  Franz  Delitzsch.  Erlangen  1868.
Deutsche  Gerberzeitung:  (F.  A.  Günther's)  Deutsche  Gerberzeitung,  Organ  des  s
Zentralvereins  der  Deutschen  Lederindustrie  und  des  Verbandes  der  Sächsischen
Lederproduzenten.
Diercks  1887:  Die  arabische  Kultur  im  mittelalterlichen  Spanien.  Von  Gustav
Diercks.  Hamburg  1887.  Aus  der  Sammlung  gemeinverständlicher  wissenschaftlicher ­
  Vorträge,  herausgegeben  von  Rud.  Virchow  und  Fr.  v.  Holtzendorf.
Dieterici  1831—1851:  Statistische  Übersicht  der  wichtigsten  Gegenstände  des  Verkehrs ­
  und  Verbrauchs  im  Preußischen  Staate  und  im  deutschen  Zollverbande
in  dem  Zeiträume  von  .  .  .  aus  amtlichen  Quellen  dargestellt  von
Br.  C.  F.  W.  Dieterici.  Berlin,  Posen,  Bromberg  1838  ff.  5  Bände.
Dieterici  1876:  Die  Naturanschauung  und  Naturphilosophie  der  Araber  im  X.  Jahrh,
von  Br.  Friedrich  Dieterici.  Leipzig  1876.
Dumas  1846:  Handbuch  der  angewandten  Chemie.  I.  Dumas.  8  Bände.  7.  Band.  '
Aus  dem  Französischen  übersetzt.  Nürnberg  1846.
Duncker  l903:  Das  mittelalterliche  Dorsgewerbe  nach  den  WeistumSüberlieferungen.
Hermann  Duncker.  Leipzig  1903.
D.  V.:  Deutsche  Vierteljahrsschrift.  Stuttgart  und  Tübingen.
Einfalt  1910:  Die  Geschichte  der  Stadt,  des  Klosters  und  der  Pfarrei  Langenzenn
von  Stadtpsarrer  Einfalt.  Ansbach  1910.
Elster  1911:  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft  in  zwei  Bänden.  Herausgegeben  von
Br.  Ludwig  Elster.  Jena  1911.
Eulenburg  1876:  Handbuch  der  Gewerbehygiene  auf  experimenteller  Grundlage.
Von  Br.  Hermann  Eulenburg.  Berlin  1876.
        <pb n="432" />
        892

Fabrikinspektoren  1906:  Die  Jahresberichte  der  Fabrikinspektoren  der  Kgl.  Bayerischen ­
  Fabriken  und  Gewerbeinspektoren,  dann  der  Kgl.  Bayerischen.  Bergbehörden ­
  sür  das  Jahr  1906.  München  1907.
Färberzeitung:  Färberzeitung.  Zeitschrift  sür  Färberei,  Zeugdruck  und  den  gesamten
Farbenverbrauch.  Herausgegeben  von  Dr.  Adolf  Lehne.  Berlin.
Fioravanti  1564:  Fioravanti.  Dello  Specchio  di  soientia  delF  eccellente  Medic»
&amp;amp;  Cirurgico  M.  Leonardo  Morauanti  Bolognese.  Libri  Tre.  MDLXIIII.
Yenetia.
Fischer  1875:  Die  Verwertung  der  Städtischen  und  Jndustrieabfallstoffe.  Mit  besonderer ­
  Rücksicht  auf  Desinfektion,  Städtereinigung,  Leichenverbrennung  und
Friedhöfe.  Von  Dr.  Ferdinand  Fischer.  Leipzig  1875.
Fischer  1897:  Das  Studium  der  technischen  Chemie  an  den  Universitäten  und  Technischen
Hochschulen  Deutschlands.  Von  Prof.  Dr.  Ferd.  Fischer.  Braunschweig  1897.
Fleck  1862:  Die  Fabrikation  chemischer  Produkte  aus  tierischen  Abfällen.  Dr.  Hugo-Fleck.
  Braunschweig  1862..
Friedrich  1911:  Geographie  des  Welthandels  und  Weltverkehrs.  Dr.  Ernst  Friedrichs
Professor  an  der  Universität  und  Dozent  an  der  Handelshochschule  zu  Leipzig.
Jena  1911.
Frisius  1708:  Der  vornehmsten  Künstler  und  Handwerker  Ceremonial-Politica  usw.
Ceremoniel  der  Weißgerber  usw.  Leipzig  ca.  1708.  M.  Fridericus  Frisius,
Schol.  Altenb.  ConR.
Fürstedler  1868:  Beobachtungen  über  die  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der  Industrie
und  des  gewerblichen  Unterrichts.  Nach  den  Berichten  der  vom  Niederösterreichischen ­
  Gewerbeverein  zur  Pariser  Weltausstellung  entsendeten  Lehrer,
Techniker  und  Industriellen.  Zusammengestellt  im  Austrage  des  n.-ö.  Gewerbevereins ­
  von  Leop.  Fürstedler.  Wien  1868.
Gall  1824:  Die  Schnellgerberei  in  Nordamerika  von  Ludwig  Gall,  Kgl.  Preußischem
Kreissekretär.  Trier  1824.
Gareis  1895:  Die  Landgüterordnung  Karls  des  Großen.  Gareis.  Berlin  1895.
Gebauer  1893:  Die  Volkswirtschaft  im  Königreiche  Sachsen.  Historisch,  geographisch
und  statistisch  dargestellt  von  Heinrich  Gebauer,  Lehrer  an  der  öffentlichen
Handelslehranstalt  der  Kaufmannschaft  zu  Dresden.  3  Bände.  Dresden  1893.
Geißenberger  1895:  Die  Schuhmacherei  in  Leipzig  und  Umgegend.  Von  Nicolaus
Geißenberger.  Aus  Untersuchungen  über  die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland. ­
  Schriften  des  Vereins  sür  Sozialpolitik.  Nr.  63.  Leipzig  1895.
Gelzer  1909:  Byzantinische  Kulturgeschichte.  DDr.  Heinrich  Gelzer,  Professor  der
alten  Geschichte.  Tübingen  1909.
Gerber:  Der  Gerber.  Organ  der  chem.-techn.  Versuchsstation  für  Lederindustrie  des
k.  k.  Ministeriums.  Organ  des  Vereins  der  Lederindustriellen  Böhmens.
Unter  der  Redaktion  Wilhelm  und  Ignaz  Eitner.
Gerber-Courier:  Erstes  Österreichisch-Ungarisches  Fachblatt  für  Lederfabrikation  und
Lederhandel.
Gerberzeitung:  Gerberzeitung.  Zeitung  für  Ledersabrikation  und  Lederhandel.  Organ
des  Vereins  deutscher  Gerber.
Gfrörer  1865:  Zur  Geschichte  deutscher  Volksrechte  im  Mittelalter.  Aug.  Fr.  Gfrörer,
Professor  der  Geschichte  an  der  Universität  Freiburg.  Nach  dem  Tode  des
Verfassers  herausgegeben  von  Dr.  I.  B.  Weiß.  2  Bände.  Schaffhausen  1865.
Gintl  1873:  Handbuch  der  Weißgerberei  und  der  gesamten  Weißlederfärberei  usw.
Von  Dr.  Wild.  Fr.  Gintl,  o.  ö.  Prof,  der  Chemie  und  chemischen  Technologie  usnn
Weimar  1873.
        <pb n="433" />
        393

Gogitschayschwili  1901:  Das  Gewerbe  in  Georgien  unter  besonderer  Berücksichtigung
der  primitiven  Betriebsformen.  Bon  Dr.  Philipp  Gogitschayschwili.  Zeitschrift ­
  für  die  gesamte  Staatswissenschaft.  Ergänzungsheft  1.  Tübingen  1901.
Goguet  1760:  Untersuchungen  aus  dem  Ursprung  der  Gesetze,  Künste  und  Wissenschaften ­
  wie  auch  ihrem  Wachstum  bei  den  alten  Völkern.  Drei  Teile.  Aus
dem  Französischen  des  Hrn.  Anton  Dves  Goguet.  Übersetzt  von  Georg
Christoph  Hamberger,  ordentlichem  öffentlichem  Lehrer  auf  der  Hochschule  zu
Göttingen.  1760.
Goguet  Ex.  1796:  Über  den  Ursprung  der  Gesetze,  Künste  und  Wissenschaften.  Im
Auszuge  nach  dem  Französischen  des  Herrn  Goguet  von  Paul  Sattler,  Professor ­
  und  Konrektor  des  nürnbergischen  Gymnasiums,  Nürnberg  1796.
Grandke  1897:  Die  vom  „Verein  für  Sozialpolitik"  veranstalteten  Untersuchungen
über  die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland,  mit  besonderer  Rücksicht  auf
seine  Konkurrenzfähigkeit  gegenüber  der  Großindustrie.  Zusammenfassende
Darstellung  von  Hans  Grandke  (Berlin).  Im  Jahrbuch  für  Verwaltung
und  Volkswirtschaft  im  Deutschen  Reich.  21.  Jahrg.  1897.
Gray  1878:  China.  A  History  of  the  laws,  manners  and  Customs  of  the  People
by  John  Gray.  M.A.L.L.D.  Two  Volumes.  London  1878.
Großmann  1891:  Über  industrielle  Kartelle.  Von  Dr.  Phil.  Großmann.  Jahrbuch
für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  im  Deutschen  Reiche.
15.  Jahrh.  1891.
Grunzet  1902:  Über  Kartelle.  Von  Dr.  Joseph  Grunzet.  Leipzig  1902.
Gülich  1830—1844:  Geschichtliche  Darstellung  des  Handels,  der  Gewerbe  und  des
Ackerbaues  der  bedeutendsten  handeltreibenden  Staaten  unserer  Zeit  von
Gustav  Gülich.  5  Bände.  Jena  1830—1844.
Günzenhausen  1649—1770:  Acta  des  Stadtmagistrats.  Fach  5  Nr.  2.  Handwerksund ­
  Jnnungssachen.
Gunzenhausen  1708—1804:  Acta  des  Stadtmagistrats.  Fach  20  Nr.  12.  Das
Rotgerberhandwerk  in  Gunzenhausen  betreffend.
Gunzenhausen  1818:  Acta  des  Stadtmagistrais  Gunzenhausen.  Fach  20  Nr.  22.
Das  Weißgerberhandwerk  betreffend.
Halle  1761:  Johann  Samuel  Hackens  Werkstätte  der  heutigen  Künste  oder  die  neue
Kunsthistorie.  Brandenburg  und  Leipzig  1761.  6  Bände.
Hahn  1905:  Ed.  Hahn.  Das  Alter  der  wirtschaftlichen'Kultur  der  Menschheit.  Ein
Rückblick  und  ein  Ausblick.  Heidelberg  1905.
Hamburg  1805:  Die  Handlung  von  Hamburg  oder  Beschreibung  der  kaufmännischen
Manufakturgewerbe  usw.  dieser  ersten  Handelsstadt  von  Deutschland.  Leipzig,
zur  Michaelmesse,  1805.  Im  Verlagsbureau,  Neuer  Markt,  Nr.  21.
Hammelburg  1587—1591;  Gericht  Hammelburg  1194  (XXVII).  Würzburg,  Kreis-  •
archiv.  Zunft-  und  Handwerksangelcgenheiten  der  Löher  und  Weißgerber  zu
Hammelburg  und  Fulda.  1587—1591.
Handwörterbuch  der  Chemie  und  Physik  von  August,  F.  W.  Barentin,  W.  Beetz,
G.  Bischof  usw.  Zweiter  Band,  F—K.  Berlin  1845.
Hanisch  1905:  Deutschlands  Lederproduktion  und  Lederhandel.  Dr.  Hans  Hanisch.
Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft.  Ergäuzuugsheft  XVI.
Tübingen  1905.
Hatschek  1886:  Das  Manufakturhaus  auf  dem  Tabor  in  Wien.  Ein  Beitrag  zur
österreichischen  Wirtschaftsgeschichte  des  17.  Jahrh,  von  Hans  Hatschek.
Leipzig  1886.
        <pb n="434" />
        394

&amp;gt;  Hausner  1875:  Darstellung  der  Textil-,  Kautschuk-  und  Lederindustrie  mit  besonderer ­
  Rücksicht  auf  Militärische  Zwecke,  von  Joseph  Hausner.  Wien  1875.
Hellwig  1882:  Handel  und  Gewerbe  der  deutschen  Städte  während  der  sächsischen
Kaiserzeit,  von  Dr.  Hellwig.  Göttingen  1882.
Hehn  1911:  Kulturpflanzen  und  Haustiere  in  ihrem  Übergang  aus  Asien  nach
Griechenland  und  Italien  sowie  in  das  übrige  Europa.  Viktor  Hehn.
Berlin  1911.
&amp;gt;  Heinzerling  1882:  Grundzüge  der  Lederbereitung  mit  besonderer  Berücksichtigung
der  neueren  Fortschritte  auf  diesem  Gebiete.  Ein  Handbuch  für  Gerber.
D.  Christian  Heinzerling.  Braunschweig  1882.
Hell  1909:  Die  Kulmr  der  Araber  von  Dr.  Joseph  Hell.
Heraclius:  Deraelius;  äs  oolvribus  st  artibus  Romanorum.  Ausgabe  von  Jlg.
Wien  1873.
‘  Hermbstädt  1803;  Journal  für  Lederfabrikanten  und  Gerber,  oder  die  neuesten
Entdeckungen,  Erfahrungen  und  Beobachtungen  in  der  Kunst,  Leder  zu
gerben.  Zur  Beförderung  und  Vervollkommnung  dieser  Kunstgewerbe.
Herausgegeben  von  D.  Sigism.  Friedr.  Hermbstädt.  Erster  Band.  Berlin  1803.
^  Hermbstädt  1805—1807:  Chemisch  -  technologische  Grundsätze  der  gesamten  Ledergerbereioder ­
  theoretische  und  praktische  Anleitung  zur  rationellen  Kenntnis
und  Ausübung  der  Lohgerberei,  der  Corduan-  und  Sassiangerberei,  der
Juchtengerberei,  der  Weiß-  und  Sämischgerberei  und  der  Pergamentfabrikation.
Zur  allgemeinen  Verbesserung  und  Vervollkommnung  dieser  Kunstgewerbe.
Von  Sigismund  Friedrich  Hermbstädt.  Berlin  1805—1807.  2  Tl.
Hertel  1783;  Kurzer  Begriff  menschlicher  Fähigkeiten  und  Kenntnisse.  Für  Realschulen ­
  und  das  bürgerliche  Leben.  Leipzig  1783.  3  Bände.
Hermann  1861:  Beiträge  zur  Statistik  des  Kgr.  Bayerns.  Aus  amtlichen  Quellen
herausgegeben  von  Dr.  F.  B.  W.  v.  Hermann.
Heyd  1879:  Geschichte  des  Levantehandels  im  Mittelalter.  Bon  Dr.  Wilhelm  Heyd.
2  Bände.  Stuttgart  1879.
Hinterlang  1810:  Technologie  oder  Gewerbekunde.  Carl  v.  Hinterlang.  München  1810.
Hirsch  1855:  Dr.  Theodor  Hirsch.  Handels-  und  Gewerbegeschichte  Danzigs  unter
der  Herrschaft  des  Deutschen  Ordens.  Gekrönte  Preisschrift.  1855.
Hirt  1874:  Handbuch  der  speziellen  Pathologie  und  Therapie.  Erster  Band.  Handbuch ­
  der  öffentlichen  Gesundheitspflege  und  der  Gewerbekrankheiten  von  Dr.
Alois  Geigel,  Dr.  Ludwig  Hirt,  Dr.  Gottlieb  Merkel.  Abteilung  Gewerbekrankheiten. ­
  Hirt.  Leipzig  1874.
Hirt  1878:  Die  Krankheiten  der  Arbeiter.  Beiträge  zur  Förderung  der  öffentlichen
Gesundheitspflege.  Von  Dr.  Ludwig  Hirt.  4  Teile.  1878.
Hirth  1890:  Chinesische  Studien  von  Friedrich  Hirth.  Erster  Band.  München  und
Leipzig  1890.
Hoffmeister:  Hoffmeister  H.  Katechismus  über  die  Herstellung  der  Ledersorten,
welche  von  der  deutschen  Armee  verwendet  werden.
Hommel  1885:  Geschichte  Babyloniens  und  Assyriens.  Von  Dr.  Fritz  Hommel.
Berlin  1885.  -
Humboldt:  Boyage  der  Humboldt  und  Bonpland.  Atlas  pittoresque.
Internationale  Schuh-  und  Lederbörse,  Organ  für  die  Schuh-  und  Schäftefabrikanten,
den  Schuh-  und  Schäftehandel,  die  Lederfabrikation,  den  Lederhandel,  den
Häute-,  Fell-  und  Rauchwarenhandel,  die  Schuh-  und  Gerbereimaschinenfabrikation
  und  alle  einschlägigen  Bedarfsartikel  der  Schuh-  und  Lederbranche. ­
        <pb n="435" />
        395

Jwantschoff  1896;  Primitive  Formen  des  Gewerbebetriebes  in  Bulgarien.  Iw.  Jwantschoff.
  Leipzig-R.  1896.
Jacobson  1782:  Johann  Karl  Gottfried  Jacobsons  Technologisches  Wörterbuch,
oder  alphabetische  Erläuterung  aller  nützlichen  mechanischen  Künste,  Manufakturen, ­
  Fabriken  und  Handwerker.  Acht  Teile.  Berlin  und  Stettin  1782.
Jahresberichte  der  deutschen  Gerberschule  zu  Freiberg  in  Sachsen.  Freiberg,
Gerlachs  Buchdruckerei.
Jentsch  1906:  Untersuchungen  über  die  Verhältnisse  des  deutschen  Eichenschälwaldbetriebes. ­
  Ausgeführt  im  Aufträge  des  Vereins  Deutscher  Gerber  von  Di.
Fr.  Jentsch,  Professor  der  Volkswirtschaft.  Kampffmeyerscher  Verlag  G.m.b.H.
Berlin  1906.
I.  f.  N.:  Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik.  Gegründet  von  Bruno
Hildebrand.
Jörissen  1909:  Die  Deutsche  Leder-  und  Lederwarenindustrie.  Die  Hilfs-  und
Nebenindustriezweige  derselben,  sowie  die  einschlägigen  Handelsgebiete  in
ihrer  Entwicklung  und  heutigen  Bedeutung.  Bearbeitet  von  Dr.  Franz
Jörissen  1909.
Jörissen  1911:  Jahrbuch  für  die  deutsche  Leder-  und  Lederwarenindustrie,  deren
Hilfs-  und  Nebenindustriezweige,  sowie  der  einschlägigen  Handelsgebiete.  1911.
Bearbeitet  von  Dr.  Franz  Jörissen,  Steglitz-Berlin.  Carl  Heymanns  Verlag,
Berlin  IV  8.
Jung  1794:  Versuch  eines  Lehrbuches  der  Fabrikwissenschaft.  Johann  Heinrich
Jung,  Churpfalz-Bayrischer  Hofrath  und  Professor  der  Staatswirtschast  in
Marburg.  Nürnberg  1794.
Junghans  1896:  Die  Gerberei  in  Leipzig,  Grimma,  Oschatz  und  Nossen.  Von
Paul  Junghans.  Untersuchungen  über  die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland. ­
  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  66.  Leipzig  1896.
Justi  1780:  Johann  Heinrich  Gottlob  von  Justi.  Ehemaliger  Bergraths-  und
Oberpolizei-Komissarius  in  Göttingen.  Vollständige  Abhandlung  von  den
Manufakturen  und  Fabriken.  Zwei  Teile.  Zweite  Ausgabe.  Mit  Verbesserungen ­
  und  Anmerkungen  von  Johann  Beckmann,  Professor  der  ökonomischen ­
  Wissenschaften  Göttingen.  Berlin  1780.
Kadolzburg  1763—1768:  Handlohns  Protokoll  1763—1768.  Rentamts-Registratur.
Kadolzburg  1886:  Rentamt  Kadolzburg.  Gewerbsteuerliste  der  Gemeinde  Langenzenn.
Steuerperiode  1886/1887.
Karmarsch  1872:  Geschichte  der  Technologie  seit  der  Mitte  des  18.  Jahrh.  Karl  Karmarsch. ­
  München  1872.
Kaul:  Die  La-Plata-Rindhaut  im  internationalen  Handel  von  A.  Kaul.  Handelslehrer ­
  an  der  Deutschen  Gerberschule.  Freiberg,  Gerlachsche  Buchdruckerei.
Kaul  1910:  Die  Wildhaut  im  internationalen  Handel  und  in  der  Lederfabrikatton
von  Aug.  Kaul,  Handelslehrer  an  der  Deutschen  Gerberschule.  Freiberg  in
Sachsen  1910.
Keeß  1819:  1820,  Darstellung  des  Fabrik-  und  Gewerbewesens  im  österreichischen
Kaiserstaate.  Herausgegeben  von  Stephan  Edlem  von  Keeß.  Wien  1819.
Erster  Teil  1819.  Zweiter  Teil  1820.
Keeß  1829:  Systematische  Darstellung  der  neuesten  Fortschritte  in  den  Gewerben
und  Manufakturen  und  des  gegenwärtigen  Zustandes  derselben.  Herausgegeben ­
  von  Stephan  Ritter  von  Keeß  und  W.  C.  W.  Blumenbach.  Wien  1829.
Zwei  Bände.
        <pb n="436" />
        396

Keller  1844:.  Bauriß  des  Klosters  St.  Gallen  vom  Jahre  820.  Im  Faksimile
herausgegeben  und  erläutert  von  Ferdinand  Keller  1844.
Keßler  1907:  Die  Deutschen  Arbeitgeberverbände,  von  vr.  Gerhard  Keßler.  Im
Austrage  des  Vereins  sür  Sozialpolitik.  Nr.  124.  Leipzig  1907.
Keutgcn  1903:  Ämter  und  Zünfte.  Zur  Entstehung  des  Zunftwesens  von  vr.
F.  Keutgen.  Jena  1903.
Kirchhain  1853:  Statuten  für  die  Weiß-  und  Sämischgerber-Jnnung  zu  Kirchhain.
1853.  Im  Besitze  des  Obermeisters  der  Innung.
Kirchhain  1894:  Gesuch  wegen  Wasser.  12.  Dez.  1894.  Im  Besitze  des  Obermeisters ­
  der  Innung.
Kirchhain  1899:  Statut  der  Gerber-Innung  zu  Kirchhain.  9.  Nov.  1899.  Beim
Obermeister  der  Innung.
Klimpert  1904:  Lexikon  der  Münzen,  Maße,  Gewichte.  Richard  Klimpert.  Verlag
E.  Regenhardt.  Berlin  1896.  2.  Auflage.
Kluge  1889:  Etymologisches  Wörterbuch  der  deutschen  Sprache.  Friedrich  Kluge.
Straßburg  1889.
Knapp  1892:  Mineralgerbung  mit  Metallsalzen  und  Verbindungen  aus  diesen  mit
organischen  Substanzen  als  Gerbmittel,  vr.  F.  L.  Knapp.  Braunschweig  1892.
Knapp  1897:  Die  wissenschaftlichen  Anschauungen  über  die  Gerbeprozesse  in  ihrer
Entwicklung  von  Fr.  Knapp.  Sonderabdruck  aus  der  „Festschrift  der  Herzog!,
technischen  Hochschule  Carolo  Wilhelmina"  bei  Gelegenheit  der  69  Versammlung ­
  Deutscher  Naturforscher  und  Ärzte  in  Braunschweig.  Braunschweig  1897.
Koelle  1822:  System  der  Technik,  vr.  August  Koelle.  Berlin  1822.
Köln  1907:  Die  Kölner  Zuufturkunden  nebst  anderen  Kölner  Gewerbeurkundcn  bis
zum  Jahre  1500.  Bearbeitet  von  Heinrich  von  Loesch.  Zwei  Bände.  Bonn  1907.
König  1899:  Die  Verunreinigung  der  Gewässer;  deren  schädliche  Folgen  sowie  die
Reinigung  von  Trink-  und  Schmutzwasser,  vr.  I.  König.  Berlin  1899.
Königsberg  1582:  Stadtarchiv  Königsberg.  Der  Gerber  Rolle.  Anno  1582.
Königsberg  1737:  Stadtarchiv  Nr.  63.  General-Privilegium  und  Jnnungsarticul
für  das  Combinierte  Gewerck  der  Weisgerber  im  Königreich  Preußen;  insonderheit ­
  für  das  combinierte  Weisgerber-Gewerck  der  Stadt  Königsberg,
äe  dato  Berlin,  den  1.  Dez.  1737.
Königsberg  1794—1828:  Stadtarchiv.  Acta  des  Stadlmagistrats  der  kgl.  Hauptund
  Residenzstadt  Königsberg  i/Pr.  Die  dem  Weis-  und  Semisch  Gerber
Gewerck  zugehörige  Walck-Mühlen  betr.  Gewerbsachen.  Weisgerber  Nr.  6.
Königsberg  1845:  Stadtarchiv.  Statut  der  Weißgerber-Jnnung  in  N.
Kopp  1843:  Geschichte  der  Chemie  von  vr.  Herrmann  Kopp.  Braunschweig  1843.
4  Bände.
Kotelmann  1852:  Vergleichende  statistische  Übersicht  über  die  landwirtschaftlichen
und  industriellen  Verbände  Österreichs  und  des  deutschen  Zollvereins  sowie
seiner  einzelnen  Staaten.  Von  Albert  Kotelmann.  Berlin  1852.
Krause  1910:  Zoll-Handbuch  sür  die  Leder-  und  Lederwaren-Jndustrie  sowie  die
mit  ihnen  verwandten  Berufszweige.  Zusammenstellung  der  Leder-,  Lederwaren ­
  usw.  Zölle  der  verschiedensten  Länder  von  R.  Krause.  Berlin  1910.
Krünitz:  Ökonomische  Encyclopädie  oder  allgemeines  System  der  Staats-,  Stadt-,
Haus-  und  Landwirtschaft.  Von  v.  Johann  Krünitz.  Berlin.  242  Bände.
Kulemann  1900:  Die  Gewerkschaftsbewegung.  Darstellung  der  gewerkschaftlichen
Organisation  der  Arbeiter  und  der  Arbeitgeber  aller  Länder.  W.  Kulemann,
Landgerichtsrat.  Jena  1900.
        <pb n="437" />
        397

Kunz  1807;  Übersicht  der  wichtigsten  Handwerke  und  Manufakturen  und  Fabriken.
Zum  Gebrauche  für  technologische  Vorlesungen.  Von  Ferdinand  Kunz,
Professor  der  Technologie  und  Handlungswissenschaft  zu  Braunschweig.
Braunschweig  1807.
Lamprecht  1886:  Deutsches  Wirtschaftsleben  im  Mittelalter.  Untersuchungen  über
die  Entwicklung  der  materiellen  Kultur  des  Platten  Landes  auf  Grund  der
Quellen  zunächst  des  Mosellandes.  Von  Karl  Lamprecht.  3  Bände.  Leipzig  1886.
Landau;  Nürnberg,  Stadtarchiv.  Landauer  12-Brüder-Stiftung.  Amberg.  kol.  279.
Lange  1839:  Das  Ganze  der  Lcderbereitung.  Entworfen  von  Johann  Christian
Lange,  Lohgerber  in  Cahla.  Weimar  1839.
Langenzenn:  Vom.  I,  Nr.  16,  Handwercks-Jnnnngs-Sachen,  Färber,  Fleischer,  Glaser,
Goldschläger  Gürtler  usw.
Langenzenn:  Yol.  II  Handwerks-Sachen  und  Ordnungen.  2.  das  Weißgerber-Handwerck
betreffend,  de  anno  1597  usg.  ad  annum  1739,  Yol..  II.
Langenzenn:  1740—1749,  Kaufs  und  resp.  Verkaufs  item  Tausch,  Donations  dann
Cessions  und  Übergabs  Briefe  äs  anno  1740  usxs  1749,  Yol.  II.  kol.
1—398.
Langenzenn:  1866,  Acta  des  Stadtmagistrats  Langenzenn.  betreff:  Ansässigungsmachungsgesuch
  des  ledigen  Gerbersohnes  Georg  Schröppel  von  Langenzenn ­
  1866.
Langenzenn  1866  a:  Acta  des  Stadtmagistrates  Langenzenn.  Betreff:  Konzessions-Ansässigmachungs-
  und  Verehelichungsgesuch  des  geprüften  Rothgerbergesellen
Georg  Heinrich  Christoph  Holz  aus  Altdorf.  1866.
Lassen  1847:  Indische  Altertumskunde  von  Christian  Lassen.  Ordentlichem  Professor
der  altindischen  Sprache  und  Litteratur  an  der  Kgl.  Preußischen  Friedrich-Wilhelms-Universität
  zu  Bonn.  Bier  Bände.  Bonn  MDCCCXLYII.
Lahet  1877:  Allgemeine  und  spezielle  Gewerbepathologie  und  Gewerbehygiene  von
Or.  Alexander  Layet.  Deutsche,  und  vom  Verfasser  autorisierte  Ausgabe
von  Or.  Meinei.  Erlangen  1877.
Leather:  Leather.  Technical  and  Practical.  A  MontMy  Journal  for  all  engaged
in  the  Leather  industries.
Lederarbeiter:  Der  Lederarbeiter.  Organ  des  Gewerkvereins  der  Deutschen  Schuhmacher ­
  und  Lederarbeiter.
Lederarbeiterverband:  Zentralverband  der  Lederarbeiter  und  Arbeiterinnen  Deutschlands. ­
  Jahresbericht  des  Zentralvorstandes  für  das  Jahr  1910.  .Berlin  1910.
Lederausstellung  1878:  Offizieller  Bericht  über  die  internationale  Ausstellung  für
Leder,  Lederwaren  und  Eichenkultur  zu  Berlin  vom  8.  September  bis  7.  Okt.
1877.  Ins  Leben  gerufen  und  geleitet  vom  Vorsitzenden  des  Eentralverbandes
der  deutschen  Lederindustriellen,  Herrn  Geheimen  Commissionsrath  F.  A.
Günther.  Bearbeitet  und  herausgegeben  auf  Grund  der  Akten  des  Ausstellungsbureaus
  und  der  Jury  von  W.  Dust.  Berlin  1878.
Lederindustrieberufsgen.:  Verwaltungsbericht  der  Lederindustrieberufsgenossenschaft.
Mainz.  Buchdruckerei  v.  H.  Prickarts.  Erscheint  alljährlich.
Ledermarkt:  Der  Ledermarkt.  Organ  für  den  Lederhandel,  den  Häute-,  Fell-  und
Rauchwarenhandel,  die  Leder-  und  Lederwarenindustrie.  Gleichzeitig  Organ
für  die  Veröffentlichungen  der  Lederindustrieberufsgenossenschaft  und  des
internationalen  Vereins  der  Lederindustrie-Chemiker.
Lederschauordnung  1773:  Leder-Schau-Ordnung  für  Westpreußen.  Marienwerder,
den  15.  Juli  1773.
        <pb n="438" />
        398

Ledertechnische  Rundschau:  Organ  für  Theorie  und  Praxis  der  Ledererzeugung  und
Verarbeitung  sowie  sämtl.  Nebenzweige  dieser  Industrie.  Technischer  Teil
von  „Die  Lederindustrie"  (Deutsche  Gerberzeitung).
Lefmann  1890:  Geschichte  des  alten  Indiens  von  Dr.  S.  Lefmann.  Professor  an
der  Universität  Heidelberg.  Berlin  1890.
I  Leuchs  1828:  Zusammenstellung  der  in  den  letzten  30  Jahren  in  der  Gerberei  und
,  Lederfabrikation  gemachten  Beobachtungen  und  Verbesserungen.  Von  I.  C.
Leuchs.  Ordentliches  Mitglied  der  k.  k.  Ackerbaugesellschaft  zu  Klagenfurt  in
Kärnten  usw.  Nürnberg  1828.
Lexer  1872:  Mittelhochdeutsches  Handwörterbuch  von  vr.  Matthias  Lexer.  3  Bände.
Leipzig  1872.
Lippert  1886:  Kulturgeschichte  der  Menschheit  in  ihrem  organischen  Aufbau.  Julius
Lippert.  Stuttgart  1886.
.  Lübeck  1872:  Die  älteren  Lübeckischen  Zunftrollen.  Herausgegeben  von  C.  Wehrmann. ­
  Lübeck  1872.
Lüders  1891:  Denkschriften  über  die  Entwicklung  der  gewerblichen  Fachschulen  und
der  Fortbildungsschulen  in  Preußen  während  der  Jahre  1879  bis  1880.  Verfaßt ­
  von  K.  Lüders.  Geheimen  Oberregierungsrath  und  vortragendem  Rat
im  Ministerium  für  Handel  und  Gewerbe.  Berlin  1891.
Magdeburg  1678:  Willkür  und  Artikul  der  Kaufleute  zu  Magdeburg.  Neudruck
durch  die  Ältesten  der  Kaufmannschaft  zu  Magdeburg.  (Diese  Artikul  sollten
eine  aus  dem  Jahre  1596  stammende  Willkür  ersetzen.)
Magdeburg  1686:  Stadtarchiv  Magdeburg.  Akten  der  Altstadt.  I.  A.  43.  131.
Des  Rheinisch  Weiß  und  Sämischen  Gärber  Handwercks  Articuls  Brieff.
Magdeburg  1708:  W.  Nr.  45.  Weißgärber  allhier  oontra  die  auswärtigen  fremden
Weißgärber.  Stadtarchiv  Magdeburg.  Akten  der  Altstadt.  I.  W.  45.
'  M.  A.  Gerbmethoden  1903:  Moderne  Amerikanische  Gerbmethoden.  Eine  praktische
Abhandlung  über  die  gesamte  Fabrikation  des  Leders.  Verfaßt  von  praktisch
Erfahrenen  und  namhaften  Gerberei-Direktoren,  Werksührern  und  Chemikern.
Kampfmeyerscher  Zeitungsverlag.  Berlin  und  Frankfurt  a.  M.  1903.
Maier  1601:  Wirtschafts-  und  Verwaltungsstudien  mit  besonderer  Berücksichtigung
Bayerns.  Herausgegeben  von  Dr.  Georg  Schanz.  XII.  A.  C.  Maier.  Der
Verband  der  Glacehandschuhmacher  und  verwandten  Arbeiter  Deutschlands.
Leipzig  1901.
Mayer  1895:  Die  Lage  der  Weißgerber  und  Lohgerber  in  Prenzlau.  Von  vr.
Gustav  Mayer.  Untersuchungen  über  die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland. ­
  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  62.  Leipzig  1895.
Markt  Bergel:  Auszug  aus  dem  renovierten  Grundsteuer-Kataster  der  Steuergemeinde ­
  Bergel.  Rentamtsbezirk  Windsheim,  für  Hausnr,  II.  Bergel.
Im  Besitze  der  Frau  Leberecht.
Marquardt  1879:  Theodor  Mommsen.  Handbuch  der  römischen  Altertümer.
Privatleben  der  Römer.  Siebenter  Band.  Von  Joachim  Marquardt.  2  Bände.
Leipzig  1879.
Maschke  1906:  Zum  25.  jähr.  Bestehen  des  Laboratoriums  „Verein  deutscher  Gerber"
überreicht  von  Dr.  L.  Maschke.  Berlin  W  50.
Memmingen:  Memmingen,  Stadtmagistrat.  Schublade  434,  Paket  6&amp;amp;7;  Schublade ­
  435,  Paket  1&amp;amp;2.
Mohl  1846:  Aus  den  gewerbswissenschaftlichen  Ergebnissen  einer  Reise  in  Frankreich. ­
  Moriz  Mohl.  Stuttgart  und  Tübingen  1845.
        <pb n="439" />
        399

May  1803:  Die  Kunst,  die  Gesundheit  der  Handwerker  gegen  die  Gefahren  ihres
Handwerks  zu  verwahren.  Von  Franz  May.  Lehrer  der  Heilkunde.  Mannheim ­
  1803.
Mendel:  Nürnberg,  Stadtarchiv.  Mendel'sche  Zwölfbrüderstiftung.  Abbildungen  der
Brüder  von  der  ältesten  Zeit  bis  1549.  Amberg.  kok.  217.
Mommsen  1893:  Bdictum  Diocletiana  de  pretiis  rerurn  venalium  edidit  Th.
Mommsen.  Erläutert  von  H.  Blümner.  Berlin  1893.
Montelius  1906:  Kulturgeschichte  Schwedens  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zunr
11.  Jahrh,  nach  Christus.  Oscar  Montelius.  Leipzig  1906.
Movers  1849:  Die  Phönicier,  vr.  F.  C.  Movers,  Professor  an  der  Universität
Breslau.  Berlin  1849  ff.
Mummenhoff  1901:  Monographie  zur  deutschen  Kulturgeschichte.  Herausgegeben
von  Georg  Steinhaufen.  Ernst  Mummenhoff,  Der  Handwerker  in  der
deutschen  Vergangenheit.  1901.
Neufville  1855:  Lebensdauer  und  Todesursachen  zweiundzwanzig  verschiedener  Stände
und  Gewerbe.  Nach  zuverlässigen  Quellen  bearbeitet  von  Br.  med.  W.  C.  de
Neufville.  Frankfurt  a.  M.  1855.
Nicolai  1786:  Beschreibung  der  kgl.  Residenzstädte  Berlin  und  Potsdam,  aller  daselbst ­
  befindlicher  Merkwürdigkeiten  und  der  umliegenden  Gegend.  3  Bände.
Berlin  1785.  2.  Band.
Nopitsch  1801:  Wegweiser  für  Fremde  in  Nürnberg  oder  topographische  Beschreibung
der  Reichsstadt  Nürnberg  nach  ihren  Plätzen,  Märkten,  Gassen,  Gäßchen,
Höfen,  geist-  und  weltlichen  öffentlichen  Gebäuden  usw.  In  alphabetischer
Ordnung  gebracht  und  herausgegeben  von  Christian  Konrad  Nopitsch,  Pfarrer
zu  Altenham.  Nürnberg  1801.
Nopitsch  1811:  Wegweiser  für  Fremde  in  Nürnberg  usw.  Zweite,  mit  den  neuen
Straßenbenennungen  vermehrte  Ausgabe.  Nürnberg  1811.
Rübling  1897:  Das  Ledergewerbe  in  Württemberg  von  Br.  Eugen  Rübling,  Untersuchungen ­
  über  die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland.  Schriften  des
Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  69.  Leipzig  1897.
Nürnberg,  Ad.:  Nürnberger  Adreßbücher.
Nürnberg:  Stadtarchiv  R.,  Nürnberger  Rugsamts-Protocolle,  vorhanden  auf  dem
Stadtarchiv.
Nürnberg:  Libri,  Nürnberg  Stadtarchiv.  Libri.
Nürnberg:  Lochner,  Nürnberg  Stadtarchiv.  Lochner.  Norica.
Nürnberg:  Urkunden-Zugangs-Verzetchnisse.  Stadtarchiv.
Nürnberg,  M.:  Nürnberger  Bürger-  und  Meisterbücher.  Vorhanden  Ms.  233—239
auf  dem  Kreisarchiv.  Ms.  H,  &amp;amp;  Hz  auf  dem  Stadtarchiv.
Nürnberg  1535:  Aller  Handthwerck  Ordennung  vnd  Gesetze.  Verneut  Anno  1535.
Kreisarchiv  Nürnberg.  Manuscript  Nr.  452.
Nürnberg  1629:  Aller  handwerck  in  dieser  Statt  Nürnberg,  Gesetz  vnd  Ordnungen
verneut  und  zusammengetragen  im  Jar  1629.  Kreisarchiv  Nürnberg
Manuscript  Nr.  454.  M.  S.  454.
Nürnberg  1663:  Ordnung  der  Weißgerber  in  denen  Nürnberg!.  Städtlein  auf  dem  Lande,
d.  d.  1.  Dez.  1663.  Stadtarchiv  Nürnberg.  Handwerks-Ordnungen  Tomns  I.
Nürnberg  17.:  Line  anno  et  antore,  wahrscheinlich  aus  dem  17.  Jahrh.  Vorhanden
im  Stadtarchiv  Nürnberg  unter  der  Signatur  Amb.  214  f.  Im  Germanischen
Museum  in  zwei  Exemplaren  unter  dem  Titel:  Vom  Ursprung  und  Herkommen ­
  samt  der  Beschreibung  aller  Handwercker  in  der  Stadt  Nürnberg.
Seyler  (Seyler  1898,  80)  nennt  es  „Jegel's  Manuscript".
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        400

Nürnberg  1843:  Acta  des  Stadtmagistrats  Nürnberg.  Stadtarchiv.  Anlegung
einer  Gypsbrennerei  vom  Rotgerberhandmerk  aus  der  Hadermühle  betr.  1843.
VI b  7.  R.  Nr.  6.  Nr.  1904.
Nürnberg  1847:  Acta  des  Stadtmagistrats  Nürnberg.  Stadtarchiv.  Beschwerde
des  Tuchmachers  R.  gegen  den  Weißgerber  Kirchhofs  wegen  Gewerbsbeeinträchtigung.
  VI b .  5.  Nr.  264.
Nürnberg  1855;  Acta  des  Stadtmagistrats  Nürnberg.  Stadtarchiv.  Nr.  1985.
Betreff:  Weißgerber.  Beschwerden  wegen  Beeinträchtigung.  VP.  7.  W.
Nr.  14.  Nr.  1985.
Österreich-Ungarisches  Leder-Blatt.  Zeitschrift  für  die  Lederfabrikation  und  den
Handel  in  rohen  Häuten  und  Fellen,  Gerbstoffen  usw.  für  Schuh-  und  Handschuhfabrikation, ­
  Sattlerei,  Riemerei  usw.
Pallas  1776:  P.  S.  Pallas.  Reise  durch  verschiedene  Provinzen  des  russischen
Reichs  in  einem  ausführlichen  Auszuge.  3  Teile.  Frankfurt  und  Leipzig  1776.
Pallas  1781:  Neue  Nordische  Beiträge  zur  physikalischen  und  geographischen  Erdund
  Völkerbeschreibung,  Naturgeschichte  und  Ökonomie.  7  Bände.  St.  Petersburg ­
  und  Leipzig.
Pelzer  1837:  Vollständiges  Handbuch  der  gesamten  Lederfabrikation,  theoretisch  und
praktisch  bearbeitet.  Von  Friedrich  Joseph  Pelzer,  praktischem  Leder-  und
Leimfabrikanten  zu  Mülheim  a.  d.  Ruhr.  Essen  und  Wien  1837.
Plenge  1896:  Die  Leipziger  Sattlerei.  Bon  Johann  Plenge.  Untersuchungen  über
die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik. ­
  Nr.  66.  Leipzig  1896.
Pfeiffer  1777:  Lehrbegriff  sämtlicher  ökonomischer  und  Kameralwissenschaften.  4  Bände
in  8  Teilen.  Stuttgart  und  Mannheim.  1764—1779.  Dritter  Band.
Pfeiffer  1780:  Die  Manufakturen  und  Fabriken  Deutschlands  nach  ihrer  heutigen
Lage  betrachtet  und  von  allgemeinen  Vorschlägen  zu  ihren  vorzüglichsten  Verbesserungsmitteln ­
  begleitet.  I.  H.  v.  Pfeiffer.  Zwei  Bände.  Erster  Band.
Franksurt  am  Main  1780.
Pflanzer:  Der  Pflanzer.  Ratgeber  für  tropische  Landwirtschaft.  Herausgegeben
vom  Biologisch-landwirtschaftlichen  Institut  Amani  (Deutsch-Ostafrika).
Pflug  1897:  Pflug,  Dr.  August.  Der  Leder-Herold.  Tübingen  1897.
Piazza  1659:  Piazza  universale  (herausgegeben  1585  in  Venedig).  Allgemeiner
Schauplatz  oder  Markt  und  Zusammenkunft  aller  Professionen  usw.  Gedruckt
zu  Frankfurt  am  Main.  In  Verlegung  Lucae  Jennis.  MDCXIX.
Plenge  1898:  Dr.  Johann  Plenge.  Hausiergewerbe  im  Westerwald.  Schriften  des
Vereins  für  Sozialpolitik.  Bd.  78.  1898.
Poland  1909:  Geschichte  des  Griechischen  Vereinstvesens  von  Franz  Poland.  Gekrönte
Preisschrist.  Leipzig  1909.
Poppe  1837:  Geschichte  aller  Erfindungen  und  Entdeckungen  im  Bereiche  der  Gewerbe, ­
  Künste  und  Wissenschaften  von  der  frühesten  Zeit  bis  auf  unsere  Tage.
Von  Johann  Heinrich  Moritz  von  Poppe.  Stuttgart  1837.
Poppe,  G.  1837:  Ausführliche  Volksgewerbelehre  oder  allgemeine  und  besondere
Technologie  zur  Belehrung  und  zum  Nutzen  für  alle  Stände.  Nach  dem
neuesten  Stand  der  technischen  Gewerbe  und  deren  Hilfswissenschaften  bearbeitet ­
  von  D.  I.  H.  M.  Poppe,  Hofrat  und  ordentlicher  Professor  der  Technologie ­
  zu  Tübingen.  Zwei  Bände.  Dritte  Auflage.  Stuttgart  1837.
Poppe,  M.  1816:  Encyclopädie  des  gesamten  Maschinenwesens.  5  Bände  und
1  Supplement.  Leipzig  1816.  Bon  D.  Johann  Heinrich  Moritz  Poppe.
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        401

Popper  1882:  Lehrbuch  der  Arbeiterkrankheiten  und  Gewerbehygiene.  Dr.  med.  Popper.
Stuttgart  1882.
Prechtl  1838;  Technologische  Encyclopädie.  Joh.  Jos.  Prechtl.  Neunter  Band.
Stuttgart  1838.
Procter  1903:  The  Principles  o£  Leather  Manufacture  by  H.  K.  Procter.  F.  I.  C.
F.  C.  8.  Professor  of  leather  Industries  at  the  Yorkshire  College,  Leeds,
London.  New  York  1903.
Ramazzini  1703;  Bernardin  Eamazzini.  De  Morbis  artificum  Diatriba.  Editio
Secunda.  Apnd  Guilielmum  van  de  Water,  Academie  Typographum  1703.
Ratzel  1894:  Völkerkunde  von  Prof.  Dr.  F-ricdr.  Ratzel.  2.  Auflage  1894.  2  Bände.
Leipzig  und  Berlin.
Rauchberg  1899:  Hausindustrie  und  Heimarbeit  in  Deutschland  und  Österreich.  IY.
Die  Hausindustrie  des  Deutschen  Reiches  nach  der  Berufs-  und  Gewerbezählung ­
  vom  14.  Juni  1895.  Von  Prof.  Dr.  Heinrich  Rauchberg  in  Prag.
Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  87.
Rehlen  1855:  Geschichte  der  Gewerbe.  Von  Dr.  C.  G.  Rehlen.  Leipzig  1855.
Reimer:  Studien  zur  wissenschaftlichen  Begründung  der  Gerberei.  Jnaugural-Dissertation
  zur  Erlangung  der  philosophischen  Doktorwürde  der  Universität
Göttingen  von  August  Reimer.
Richthofen  1877:  China.  Ergebnisse  eigener  Reisen  und  darauf  gegründeter  Studien
von  Ferdinand  Freiherr  von  Richthofen.  3  Bände.  Berlin  1877.
Riedenauer  1873:  Handwerk  und  Handwerker  in  den  homerischen  Zeiten.  Dargestellt
von  Dr.  Anton  Riedenauer,  Kgl.  Studienlehrer  am  hum.  Gymnasium  in
Würzburg.  Erlangen  1873.
Riggenbach  1867:  Die  Mosaische  Stiftshütte  von  Prof.  Ch.Joh.  Riggenbach.  2.  Auflage. ­
  Basel  1867.
Rohmeder  1905:  München  als  Handelsstadt  in  Vergangenheit,  Neuzeit  und  Gegenwart. ­
  Von  Oberlehrer  A.  F.  Rohmeder.  München  1905.
Rößig  1803:  D.  Carl  Heinrich  v.  Römers  Staatsrccht  und  Statistik  des  Churfürstentums ­
  Sachsen  und  der  dabei  befindlichen  Lande.  Vierter  Band  enthaltend
die  Produkten-,  Fabrik-,  Manufaktur-  und  Handelskunde  von  Chursachsen  und
dessen  Landen  in  zwei  Teilen  dargestellt  von  D.  C.  G.  Rotzig.  Leipzig  1803.
Noth  1800:  Geschichte  des  Nürnberger  Handels.  Johann  Ferdinand  Roth.  4  Bände.
Leipzig  1800.
Roth  1882:  Dr.  K.  L.  Roth's  Griechische  Geschichte  nach  den  Quellen  erzählt.  Nördlingen
  1882.
Rothenburg,  Ad.:  Verzeichnis  der  Hausbesitzer  in  der  Stadt  Rothenburg  und  in  dem
dazugehörigen  Tauberthale.
Rothenburg,  14.  Jahrh,  bis  1632:  Stadtarchiv  zu  Rothenburg.  Statutenbuch,  6  Blätter
Pergament,  die  übrigen  Papier.  Gewölbe  A.  Regale  2.  Nr.  361.
Rothenburg  1571—1698:  Akta  der  Weißgerber.  Nr.  1810.  Stadtarchiv.
Rothenburg  1771:  Arbeitsbrief  der  Rotgerber  zu  Rothenburg.  H.  B.  10.  302.
Kupferstichkabinett  des  Germanischen  Museums.
Rothenburg  1812:  Akt  76/9.  Schaasleder  Fabriken  oder  Gewerbe,  welche  damit
arbeiten,  betreffend.  Stadtarchiv.  1812.
Rothenburg  1818:  Akt  76/30.  Beschwerde  des  hiesigen  Rotgerbergewerbes  gegen  die
Weißgerbermeister  E.  Hoffmann  und  L.  Kleyla  dahier.  Stadtarchiv.
Rothenburg  1842:  Akt  79/122.  Gewerbvereinssachen  der  Roth-  und  Weitzgerber,
Schuhmacher,  Riemer  und  Sattler.  Stadtarchiv.
Ebert,  Entwicklung  der  Weißgerberei.

26
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        402

Rüst  1844:  Grundriß  der  Technologie  oder  wissenschaftliche  Beschreibung,  Erörterung
und  Untersuchung  aller  technischen  Verfahrungsarten,  welche  die  Grundlage
der  gesamten  Industrie  bilden.  Dr.  W.  A.  Rüst.  Berlin  1844.
Sachs  1568:  Eigentliche  Beschreibung  aller  Stände  auf  Erden  usw.  durch  den  weitberühmten ­
  Hans  Sachs.  Frankfurt  am  Main.  MDLXVIII.
Sackur  1860:  Über  den  Gerbeprozeß.  Dissertation  Göttingen.  Von  Hugo  Sacknr
aus  Breslau.  Berlin  1860.
Salzburg  1910:  Salzburger  Urkundenbuch.  I.  Band.  Traditionscodices.  Gesammelt ­
  und  bearbeitet  von  Abt  Willibald  Hauthaler  O.  S.  B.  Salzburg  1910.
Schanz  1877:  Zur  Geschichte  der  deutschen  Gesellenverbände.  Leipzig  1877.
Schanz1881:  EnglischeHandelsPolitikgegenEndedesMittelalters.  Leipzig  1881.  2.Bd.
Schanz  1884:  Zur  Geschichte  der  Kolonisation  und  Industrie  in  Franken.  Dr.  G.  Schanz.
Erlangen  1884.  Wirtschasts-  und  Verwaltungsstudien  mit  besonderer  Berücksichtigung ­
  Bayerns.  Herausgegeben  von  D.  Georg  Schanz.
Schaube  1906:  Handelsgeschichte  der  romanischen  Völker  des  Mittelmeeres  bis  zum
Ende  der  Kreuzzüge.  Von  Pros.  Adolf  Schaube.  München  und  Berlin  1906.
Schauplatz:  Schauplatz  der  Künste  und  Handwerke  oder  vollständige  Beschreibung
derselben,  verfertigt  oder  gebilligt  von  den  Herren  der  Akademie  der  Wissenschasten
  zu  Paris.  21  Bände.
Scherzer  1885:  Das  wirtschaftliche  Leben  der  Völker.  Ein  Handbuch  über  Produktion
und  Konsum.  Von  Dr.  Karl  Scherzer.  Leipzig  1885.
Schlözer:  Staats-Anzeigen.  Gesammelt  und  zum  Druck  befördert  von  August  Ludwig
Schlözer.  Göttingen.
Schmidt  und  Wagner  1905:  Gerberei-technisches  Auskunftsbuch  für  die  gesamte
Lederindustrie.  Für  die  Praxis  bearbeitet  von  I.  Schmidt  und  A.  Wagner,
Gerber-Ingenieure.  Durlach  1905.
Schmoller  1870:  Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe  im  19.  Jahrh.  Statistische
und  nationalökonomische  Untersuchungen  von  Gustav  Schmoller.  Halle  1870.
Schönmann:  Schönmann's  Journal  für  Lederindustrie.  Eigentümer  und  Herausgeber ­
  S.  Schönmann.
Schubarth  1840:  Handbuch  der  technischen  Chemie.  Von  Ernst  Ludwig  Schubarth.
3  Bände.  Berlin  1840.  3.  Band.
Schuh  und  Leder:  Ad.,  Schuh  und  Leder.  Adreßbuch  des  Deutschen  Reiches.
G.  m.  b.  H.  Berlin  6  2,  Rathausstraße  1.
Schuh  und  Leder:  Schuh  und  Leder.  Kampffmeyersche  Gerber-Zeitung.
Schulbuch  1791:  Kurze  Beschreibung  der  Künste  und  Handwerke.  Aus  den  vornehmsten ­
  Autoren  ausgezogen.  Bamberg  und  Würzburg  1791.
Schulte  1900:  Geschichte  des  mittelalterlichen  Handels  und  Verkehrs  zwischen  Westdeutschland ­
  und  Italien  mit  Ausschluß  von  Venedig.  Dr.  Aloys  Schulte.
2  Bände.  Leipzig  1900.
Schulz  1912:  Quellenmaterial  für  Lieferung  7  und  8  des  Werkes  „Nürnbergs
Bürgerhäuser  und  ihre  Ausstattung".  Dr.  Fritz  Traugott  Schulz.
Schurtz  1900:  Urgeschichte  der  Kultur  von  Dr.  Heinrich  Schurtz  1900.  Leipzig  und  Wien.
Schurtz  afr.  1900:  Das  asrikanische  Gewerbe  von  Heinrich  Schurtz.  Gekrönte  Preisschrift. ­
  Leipzig  1900.
Schwarzer  1846:  Österreichs  Land-  und  Seehandel  mit  Hinblick  auf  Industrie  und
Schiffahrt.  Von  Ernst  von  Schwarzer.  Hauptredakteur  der  Journale  des
Österr.  Lloyd.  Triest  1846.
Seidler  1896:  Das  Kleingewerbe  in  Obersteiermark  von  Dr.  Ernst  Seidler,  Sekretär
der  Handels-  und  Gewerbekammer  in  Loeben.  Aus  Untersuchungen  über
        <pb n="443" />
        403

die  Lage  des  Handwerks  in  Österreich.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik. ­
  Nr.  71.  Leipzig  1896.
Semper  1878:  Der  Stil  in  den  technischen  und  tektonischen  Künsten  oder  praktische
Ästhetik.  Ein  Handbuch  für  Techniker,  Künstler,  Kunstfreunde  von  Prof.
Dr.  Gottfried  Semper.  2  Bände.  München  1878.
Gering  1890:  Arbeiter-Ausschüsse  in  der  deutschen  Industrie.  Gutachten,  Berichte,
Statuten  von  Prof.  Dr.  Max  Sering.  Leipzig  1890.  Schriften  des  Vereins
für  Sozialpolitik.  Nr.  46.
Seyler  1898:  Berusswappen  oder  des  Großen  und  Allgemeinen  Wappenbuchs
v.  I.  Siebenacher.  Erster  Band.  Teil  VII.  Herausgegeben  von  Gustav
A.  Seyler.  Nürnberg  1898.
Simon  1903  :  Das  gewerbliche  Fortbildungs-  und  Fachschulwesen  in  Deutschland.
Ein  Überblick  über  seine  Entwicklung  und  seinen  gegenwärtigen  Stand.
Von  Oscar  Simon.  Geheimer  Oberregierungsrat  und  vortragender  Rat  im
Kgl.  Preußischen  Ministerium  für  Handel  und  Gewerbe.  Berlin  1903.
Simonsfeld  1887:  Der  Dondaoo  dei  Tedeschi  in  Venedig  und  die  Deutsch-Venetianischen
  Handelsbeziehungen.  Bon  Dr.  Henry  Simonsfeld.  2  Bände.
Stuttgart  1887.
Soetbeer  1846:  Statistik  des  Hamburgischen  Handels  1842,  1843,  1844.  Von
Adolph  Soetbeer.  Hamburg  1846.
Speck  1900:  Handelsgeschichte  des  Altertums  von  Prof.  E.  Speck.  Vier  Bände.
Leipzig  1900—1906.
Speyer  1578—1618:  Speyer,  Stadtarchiv.  Fase.  Nr.  564/1.  Weißgerber,  Rotgerber
und  Metzger.
Speyer  1654—1685:  Speyer,  Stadtarchiv.  Fase.  Nr.  564/3.  Lederverkaus  auf  den
Märkten  betreffend.
Speyer  1655:  Speyer,  Stadtarchiv.  Fase.  Nr.  564/4.  Fremde  Weißgerber  betreffend.
Speyer  1714—1716:  Acta  in  Sachen  der  sämtlichen  Weißgerber  usw.  Speyer,  Stadtarchiv. ­
  Fase.  Nr.  564/6.
Speyer  1740—1754:  Speyer,  Stadtarchiv.  Fase.  Nr.  564/3.  Acta  in  Sachen  Joseph
Hameleylens,  Bürgers  und  Säcklers  dahier.
Speyer  1759:  Acta  in  SachenWeißgerber-Handwercks.  Speyer,Stadtarchiv.  Fasc.Nr.564.  '
Speyer  1766:  Speiyer,  Stadtarchiv.  Fase.  Nr.  564.  Acta  betreffend  die  Lauerzunft,
in  specie  die  Weißgerber.
Sperl.  1909:  Die  Aichinger.  Chronik  eines  bayrischen  Bürgerhauses.  1240-1909.
Auf  Grund  der  von  Christian  Uichinger  gesammelten  Urkunden  bearbeitet
von  August  Sperl.  1909.  Kreisarchiv  Amberg.
Stahl  1874:  Das  deutsche  Handwerk.  Von  Dr.  Fr.  Wilhelm  Stahl.  Erster  Band.
Gießen  1874.
Statut  1911:  Statut  des  Zentralverbandes  der  Lederarbeiter  und  -arbeiterinnen
Deutschlands.  Sitz  Berlin.  Beschlossen  in  der  Generalversammlung  vom
14.  Mai  1911  in  München.  Gültig  vom  1.  Juli  1911  an.  Berlin  1911.
Stettin  1875:  Zur  Gesäiickste  des  Handels  und  der  Schiffahrt  Stettins  von  1786  bis
1840.  Von  Th.  Schmidt.  Stettin  1875.
Stieda  1889:  Litteratur,  heutige  Zustände  und  Entstehung  der  Hausindustrie.  Von
Prof.  Dr.  Wilhelm  Stieda.  Leipzig  1889.  Schriften  des  Vereins  für
Sozialpolitik  Nr.  39.
Stieda  1894:  Hansisch-Venetianische  Handelsbeziehungen  im  15.  Jahrh.  Wilh.  Stieda.
Festschrift  der  Landes-Universität  Rostock  zur  zweiten  Säkularfeier  der  Landesuniversität ­
  Halle  a.  S.  Rostock  1894.
26*
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        404

Stieda  1897:  Die  Lebensfähigkeit  des  deutschen  Handwerks.  Rede  zur  Feier  des
28.  Februar  1897.  Gehalten  von  Dr.  Wilh.  Stieda.  Rostock  1897.
Straßburg  1888:  Urkundenbuch  der  Stadt  Straßburg.  Vierter  Band.  Zweite
Hälfte.  Stadtrechte  und  Aufzeichntingen  über  Bischöflich-Städtische  und
Bischöfliche  Ämter.  Bearbeitet  von  Aloys  Schulte  und  Georg  Wolfram.
Straßburg  1888.
Straßburg  1889:  Straßburger  Zunft-  und  Polizei-Verordnungen  des  14.  und
1b.  Jahrh.  Aus  den  Originalen  des  Stadtarchivs  ausgewählt  und  zusammengestellt ­
  von  I.  Brücker.  Straßburg  1889.
Strunz  1908:  Über  die  Vorgeschichte  und  Anfänge  der  Chemie,  Dr.  Franz  Strunz.
Leipzig  und  Wien  1906.
Süddeutscher  Gerber:  Der  Süddeutsche  Gerber.  Wochenblatt  für  Lederindustrie
und  Lederhandel.
Sulzbach  1749:  Ordnung  für  Weißgerber  und  Sämischgerber  von  Sulzbach.  Vorhanden ­
  auf  Pergament  auf  dem  Stadtarchiv,  zu  Nürnberg,  1749.  Signatur:
Gerber  1.
Tarajanz1897:  Das  Gewerbe  bei  den  Armeniern  von  Sedrak  Tarajanz.  Leipzig  1897.
Thomas  1874:  Capitolare  dei  visdomini  del  fontego  dei  TodescM  in  Venecia.  Zum
Erstenmal  bekannt  gegeben  von  Dr.  Georg  Martin  Thomas.  Berlin  1874.
Trier.  1909:  Aus  Technisch-volkswirtschaftlichen  Monographieen  herausgegeben  von
Prof.  Dr.  Ludwig  Sinzheimer.  Volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  technischen
Entwicklung  der  deutschen  Lederindustrie.  Trier  1909.
Tropenflanzer:  Zeitschrift  für  die  tropische  Landwirtschaft.  Organ  des  Kolonial-Wirtschaftlichen
  Komitees.
Uffenheim  1800:  Stadtmagistrat  Uffenheim.  Acta  betreffend  den  von  dem  Gerber
Vogel  suchenden  Anstich  usw.  1800.  Tit.  XV.  Fach  115.  Nr.  5.
Uffenheim  1827:  Acta  des  Stadtmagistrats  Uffenheim.  Die  Beschwerde  der  Gerber
Vogel  und  Hartung  usw.  Tit.  XV.  Fach.  115.  Nr.  26.
Uffenheim  1830:  Stadtmagistrat  Uffenheim.  Gesuch  des  Weißgerbermeisters  I.  F.
Lutz  um  die  Einteilung  der  Conzession  usw.  1830.  Tit.  XVI.  Fach  142.
Nr.  39.
Uffenheim  1838:  Stadtmagistrat  Uffenheim.  Gesuch  des  Rot-  und  Weißgerbergesellen
C.  F.  Käuffer  von  Feuchtwang  usw.  1838.  Tit.  XVI.  Fach.  143.  Nr.  61.
Uffenheim  1841:  Stadtmagistrat  Uffenheim.  Gesuch  des  Rotgerbermeisters  Johann
D.  Vogel  zu  Mkt.  Ippesheim  usw.  1841.  Tit.  XVI.  Fach.  143.  Nr.  73.
Uffenheim  1851:  Stadtmagistrat  Uffenheim.  Gesuch  des  Christian  Paul  Dalck  dahier
um  eine  Rotgerberconcession  1851.  Tit.  XVI.  Fach  144.  Nr.  131.
Uffenheim  1858:  Stadtmagtstrat  Uffenheim.  Coucessionsgesuch  des  Rotgerbergesellen
Wolsgang  Vogel.  1858.  Tit.  XVI.  Fach  142.  Nr.  19.
Uffenheim  1876:  Kaufvertrag  Nr.  19  des  Urkundenverzeichnisses.  Verkauf  des
Wasserrechts  usw.
Ulm  1873,  Ulmisches  Urkundenbuch.  Im  Aufträge  der  Stadt  Ulm  herausgegeben
von  Pros.  Dr.  Friedrich  Presse!.  Zwei  Bände.  Stuttgart  1873.
Ungewitter  1846:  Geschichte  des  Handels,  der  Industrie  und  Schiffahrt  von  den
ältesten  Zeiten  an  bis  auf  die  Gegenwart.  Dr.  F.  H.  Ungewitier.  Leipzig
und  Meißen  1846.
Ure  1895:  Das  Fabrikwesen  in  wissenschaftlicher,  moralischer  und  kommerzieller  Hinsicht ­
  von  D.  A.  Ure.  Aus  dem  Englischen  von  A.  Diezmann.  Für  Deutschlands
  Staatsmänner,  Fabrikherrn,  Kausleute  und  jeden  gebildeten  Vaterlandsfreund. ­
  Leipzig  1835.
        <pb n="445" />
        405

V.  D.  Gerber  1897:  Geschichte  des  Vereins  Deutscher  Gerber  sowie  seiner  mit
chemisch-technischem  Laboratorium  verbundenen  Versuchsstation  anläßlich
seines  SOjährigen  Jubiläums  zusammengestellt  und  herausgegeben  vom  Vorstande ­
  des  Vereins.  Berlin  1897.  Verlag  des  „Vereins  Deutscher  Gerber".
Bereinsverzeichnis  1903:  Verzeichnis  der  im  Deutschen  Reiche  bestehenden  Vereine
gewerblicher  Unternehmer  zur  Wahrung  ihrer  wirtschaftlichen  Interessen.
Zusammengestellt  im  Reichsamte  des  Innern.  Berlin  1803.  Ernst  Siegfried ­
  Mittler  und  Sohn.
Vierteljahrsschrift  f.  S.  &amp;amp;  SB:  Vierteljahrsschrift  für  Sozialgeschichte  und  Wirtschaftsgeschichte ­
  Herausgegeben  von  Bauer,  Below  und  Hartmann.  Berlin,  Stuttgart ­
  und  Leipzig.
V.  Journal  1815:  Vaterländisches  Journal  zur  Wiederbelebung,  Beförderung  und
Erweiterung  des  deutschen  Handels,  Fabriken  und  Gewerbe.  Zweiter
Jahrgang.  Januar  bis  September  1815.
Wagner  1873:  Handbuch  der  chemischen  Technologie,  mit  besonderer  Berücksichtigung
der  Gewerbestatistik.  Rudolf  Wagner.  Leipzig  1873.
Wassertrüdingen  1802:  Zeitblatt  des  Wassertrüdinger  Kreises  1802.  Stadtmagistrat
Wassertrüdingen.
Wassertrüdingen  1839:  Concessions-  und  Verehelichungsgesuch  des  led.  Weißgerbergesellen ­
  G.  F.  Schnabel  von  hier.  Stadtmagistrat  Wassertrüdingen.
Wassertrüdingen  1841:  Acta  des  StadtmagistratS  Wassertrüdingen  1841.  Concessionsund ­
  Ansässigmachungsgesuch  des  ledigen  Rotgerbergesellen  C.  A.  Döderlein
  aus  Dinkelsbühl.
Wassertrüdingen  1842:  Verzeichnis  sämtlicher  Gewerbe.  Stadtmagistrat  Wassertrüdingen. ­

Wassertrüdingen  1847:  Gesuch  des  ledigen  Gerbergesellen  Christoph  Friedrich  Müller
usw.  Stadtmagistrat  Wassertrüdingen.
Wattenbach  1871:  Das  Schriftwesen  im  Mittelalter  von  W.  Wattenbach.  Leipzig  1871.
Weigel  1698:  Abbildungen  der  gemein-nützlichen  Haupt-Stände  von  denen  Regenten
und  ihren  so  in  Friedens-  als  Kriegs-Zeiten  zugehörigen  Bedienten  an  bis
auf  alle  Künstler  und  Handwerker  nach  Jedes  Ambts-  und  Beruffs-Verrichtungen.
  Christoff  Weigel.  Regensburg  1698.
Weiskirchner  1896:  Die  Weißgerberet  in  Wien  von  Dr.  Richard  Weiskirchner.
Magistrats-Kommissär  der  Stadt  Wien.  Aus  Untersuchungen  über  die
Lage  des  Handwerks  in  Österreich.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.
Nr.  71.  Leipzig  1896.
Weißenburg  1648:  Jnterzessionsschreiben  des  Weißgerberhandwerks  in  Bamberg
vom  10.  Juli  1648  gerichtet  an  Bürgermeister  und  Rat  zu  Weißenburg  auf
Bitten  und  Klagen  der  Weißgerberzunft  dieser  Reichsstadt  gegen  den  dortigen
Bürger  und  Beutler  Daniel  Preu  wegen  gewerblicher  Eingriffe,  Nr.  10028.
Stadtarchiv  Weißenburg.
Westergaard  1901:  Die  Lehre  von  der  Mortalität  und  Morbilität.  Anthropologischstatistische ­
  Untersuchungen  von  Harald  Westergaard.  Jena  1901.  (Erste
Auflage  vom  Jahre  1882.)
Wehl  1897:  Handbuch  der  Hygiene.  Herausgegeben  von  Dr.  med.  Th.  Weyl.
Achter  Band.  Gewerbehygiene.  Jena  1897.
Weyl  1904:  Dritter  Supplementband  zum  Handbuch  der  Hygiene.
Wtedfeldt  1898:  Staats-  und  sozialwissenschaftliche  Forschungen.  Herausgegeben  von
Gustav  Schmoller.  Band  XVI.  Heft  2.  Statistische  Studien  zur  Entwick ­
        <pb n="446" />
        406

lungsgeschichte  der  Berliner  Industrie  von  1720—189V.  Von  Otto  Wiedfeldt.
Leipzig  1898.
Wien  1807:  Arbeitsbrief  der  Weißgerber  zu  Wien  1807.  H.  B.  10038.  Kupsersttchkabinett
  des  Germanischen  Museums.
Wiener  1904:  Die  Weißgerberei,  Sämischgerberei  und  Pergamentfabrikation.  Ein
Handbuch  für  Ledersabrikanten.  Bon  Ferdinand  Wiener,  Lederfabrikant.
Wien  und  Leipzig  1904.
Wirth  1890:  Geschichte  der  Handelskrisen  von  Max  Wirth.  Frankfurt  am  Main  1890.
Wirtschaftskunde  1904:  Handbuch  der  Wirtschaftskunde  Deutschlands.  4  Bände.
Herausgegeben  im  Aufträge  des  Deutschen  Verbandes  für  das  Kaufmännische
Unterrichtswesen.  Leipzig  1904.
Wiskemann  1859:  Die  Antike  Landwirtschaft  und  das  von  Thünen'sche  Gesetz.  Aus
den  alten  Schriftstellern  dargelegt  von  Or.  Heinrich  Wiskemann.  Gekrönte
Preisschrift.  Leipzig  1859.
Winckler  1892:  Völker  und  Staaten  des  alten  Orients  1.  Geschichte  Babyloniens
und  Assyriens  von  Hugo  Winckler.  Leipzig  1892.
Wirminghaus  1895:  Die  Lage  der  Lohgerberei  in  der  Stadt  Köln.  Von  vr.
A.  Wirminghaus.  Syndikus  der  Kölner  Handelskammer.  Aus  Untersuchungen ­
  über  die  Lage  des  Handwerks  in  Deutschland.  Schriften  des
Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  65.  Leipzig  1895.
Wörner  1899:  Leopold  Wörner.  Hausiergewerbe  im  Amtsbezirk  Donaueschingen.
Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.  Nr.  80.  1899.
Würzburg  Ad.:  Würzburger  Adreßbuch.  Das  erste  erschien  1806.
Würzbnrg  V,  2028:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Sammelakt.  Nr.  V,  2028.
Würzburg  1472:  Würzburg,  Stadtarchiv.  Liber  ad  causas.  Buch  266.  1334—1488.
Würzbnrg  1540:  Würzburg,  Stadtarchiv.  Buch  55.  Statuten  Buch.  Statut  vnd
Ordnung  des  Obern  Raths  zw  Würtzburg.  1540.
Würzburg  1580:  Würzburg,  Stadtarchiv.  Buch  47.  Statuten  Buch.
Würzburg  1600:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Adm.  15314/683.  Beschwerde  der  Weißgerber ­
  im  Höchst.  Würzburg  usw.  1600.
Würzburg  1602:  Würzburg,  Stadtarchiv.  Buch  48.  Statuten  Buch.
Würzburg  1660—1683:  Würzburg,  Kreisarchiv,  V,  2021.  Bitte  der  Weißgerber
des  oberen  Erzstiftes  Mainz  umb  eine  Zunftordnung.
Würzburg  1661:  Würzburg,  Kreisarchiv.  G.  2217.  Bildung  einer  Weißgerberzunft ­
  zu  Amorbach  1661.
Würzburg  1662:  Würzbnrg,  Kreisarchtv.  Rep.  III,  Lit.  P,  Fase.  9.  Beschwerde
des  Wetßgerberhandwerks  zu  Würzburg  gegen  das  zu  Frankfurt  usw.
Würzburg  1664:  Würzburg,  Kreisarchiv.  A.  I.  W.  9  (alt  26"/Z.  Säckler  und
Beutler  zu  Würzburg  usw.  1664.
Würzburg  1668—1672:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Rep.  III,  Lit.  8,  Fase.  22,  n.  51  (68).
Beschwerde  der  Stadt  Schweinfurt  usw.
Würzburg  1695/1701:  Würzburg,  Kreisarchiv.  A.  IV,  W.  240  (alt  359).  Weißgerber ­
  zu  Würzburg  über  einige  Krämer  usw.
Würzburg  1696:  Würzburg,  Stadtarchiv.  Urkunde  1208.  New  revidirte  Tax-Ordnung
  usw.  1696.
Würzburg  1698:  Würzburg,  Kreisarchiv.  V,  2963.  Gesuch  der  Weißgerbermeister
im  Obererzstift  Mainz  usw.  1698.
Würzburg  1702:  Würzburg,  Kreisarchiv.  A.  IV,  W.  359  (alt  510).  Weißgerber
zu  Würzburg/Beutler  usw.  1702.
        <pb n="447" />
        407

Würzburg  1706:  Würzburg,  Kreisarchiv.  1271.  Bitte  der  Weißgerber  zu  Aschaffenburg ­
  usw.  1706.
Würzburg  1712—35:  Würzburg,  Kreisarchiv.  A.  IV,  W.  653  (alt  868).  Streit
zwischen  Weißgerbern,  Rotgerbern  usw.
Würzburg  1715:  Würzburg,  Kreisarchiv.  A.  IV,  W.  701  (alt  927).  Weißgerber
zu  Würzburg  usw.
Würzburg  1717:  Würzburg,  Kreisarchiv.  A.  IV,  W.  755  (alt  1016).  Weißgerber
zu  Würzburg  sowie  der  Landzunft  usw.
Würzburg  1717—18:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Gebr.  A.  IV,  W.  761  (1022).  Abschaffung ­
  von  Handwerkszusammenkünften  usw.
Würzburg  1718—19:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Gebr.  A.  IV,  W.  780  (alt  1051).
Weißgerber  und  Rotgerber  zu  Würzburg  usw.
Würzburg  1722—25:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Rep.  5,  Lit.  W.  f.  71,  Nr.  69.  Lohgerber ­
  Eingriff,  welche  mit  Weiß-  usw.
Würzburg  1726—29:  Würzburg,  Kreisarchiv.  V,  1272.  Akt,  Beschwerde  sämtlicher
Weißgcrbermeister  im  Oberen  Erzstift  usw.
Würzburg  1727:  Würzburg,  Krcisarchiv.  V,  958.  Bitte  der  Weißgerber  um
Transferierung  ihrer  Zunftlade  usw.
Würzburg  1728:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Mise.  174.  Verordnung  betreffend  den
Lederhandel.  1728.
Würzburg  1730—31:  Würzburg,  Kreisarchiv.  G.  2212.  Bildung  einer  Weißgerberzunft ­
  zu  Amorbach.  1684.
Würzburg  1738—39:  Würzburg,  Kreisarchiv.  G.  862.  Bischofsheim.  Weißgerberzunft
  betreffend.
Würzburg  1739:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Rep.  5,  Lit.  W.  f.  90,  Nr.  880.  Beschwerde ­
  der  Weitzgerber  gegen  Metzger  usw.
Würzburg  1741—44:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Gebr.  A.  VI,  W.  14  (alt  35^).
Hausieren  von  Leder,  Fett  usw.
Würzburg  1765—67:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Gebr.  A.  VI,  W.  531  (alt  1482).
Beschwerde  des  Weißgerberhandwerks  zu  Würzburg  usw.
Würzburg  1795—1803:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Adm.  1457/186.  Bescheidung  der
Gesuche  von  Gerbergesellen  usw.
Würzburg  18.  Jahrh.:  Buch  127.  Lehrlings-  und  Aufdinggelder.  Würzburg,
Stadtarchiv.
Würzburg  18./19.  Jahrh.:  Abteilung  v.  Unterabteilung  XXX.  Band  I.  Würzburg,
Kreisarchiv.
Würzburg  1800:  Würzburg,  Stadtarchiv.  Urkunde  878.  Verzeichnis  deren  Zünften
auf  dem  Lande  mit  berichten  usw.
Würzburg  1802:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Miscell.  4940.  Umwandlung  einer  Ölmühle ­
  in  eine  Walkmühle  zu  usw.
Würzburg  1808:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Statistik  von  Untersrauken  und  Aschaffenburg. ­
  Abteilung  A,  I,  1808—18,  Bd.  1.
Würzburg  1818/19:  Stadtarchiv  Würzburg.  Akt  Magistrat  Würzburg:  VI,  I.  1,  6.
Gewerbsverhältnisse  der  Gerber.
Würzburg  1824—1830:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Statistik  v.  Untersranken  und
Aschaffenburg.  Abteil.  A,  VI,  19,  Bd.  1.
Würzburg  1897:  Würzburg,  Stadtarchiv.  Akt  des  Magistrates  Würzburg.  Tit.  A,
Lit.  E,  Abthl.  6,  Nr.  24.
Würzburg  19.  Jahrh.:  Würzburg,  Kreisarchiv.  Statistik  von  Untersranken  und
Aschassenburg.  Abteil.  E,  Unterab.  LXXXI,  Band  III.
        <pb n="448" />
        408

Zohlen  und  Bischoff  1889:  Das  Leder,  seine  Herstellungsweise,  seine  Eigenschaften
und  seine  Bedeutung  sür  die  Deutsche  Armee.  Zwei  Vorträge,  gehalten  am
18.  Jan.  auf  Veranlassung  des  Kgl.  Preuß.  Kriegsministeriums  gelegentlich
eines  informatorischen  Kursus  der  Vorstände  der  Bekleidungskmter  durch
Carl  Zohlen  und  Dr.  Karl  Bischoff.  Als  Manuskript  gedruckt.  Berlin  1889.
Zollverein  1842—53;  Statistische  Übersichten  über  Warenverkehr  und  Zollertrag  im
deutschen  Zollverein  für  die  Jahre  1842—53.  Zusammengestellt  vom  Zentralbureau ­
  des  Zollvereins  nach  den  amtlichen  Mitteilungen  der  Zollvereinsstaaten. ­
  Berlin.
Zuckerkandl  1896:  Über  einige  Gewerbebetriebe  in  Prag  und  Umgebung  von  Prof.
Dr.  Robert  Zuckerkandl.  Aus  Untersuchungen  über  die  Lage  des  Handwerks
in  Österreich.  Schriften  des  Vereins  sür  Sozialpolitik.  Nr.  71.  Leipzig  1896.

G.  Pätz'sche  Buchdr.  Lrppert  Sc  Co.  G.  m.  b.  H.,  Naumburg  a.  d.  S.
        <pb n="449" />
        A.  Derchert'sche  Verlagsbuchhdlg.Inh.  Werner  Scholl,  Leipzig.

S3b.  XV.  M.  R&amp;gt;  Meyermann,  Das  Verlagssystcm  der  Lanschaer  Glaswarenindustrie ­
  und  seine  Reformierung.  (X  u.  154  S.)  1902.  3  M.  50  Pf.
Bd.  XVI.  Gottfried  Hartung,  Die  bayerischen  Landstraßen,  ihre  Entwicklung ­
  im  XIX.  Jahrhundert  und  ihre  Zukunft.  Eine  historisch-kritische
Studie  aus  dem  Gebiet  der  bayerischen  Verkehrspolitik.  (VIII  u.  108  S.)
1902.  2  M.
Bd.  XVII.  Arthur  Hübfchmann,  Die  obligatorische  Mobiliarbrandversichernng
  in  der  Schweiz.  (VIII  u.  92  S.)  1902.  2  M.  40  Pf.
Bd.  XVIII.  Hermann  Himburg,  Die  königl.  Bank  zu  Nürnberg  in  ihrer
Entwicklung  1780-190«.  (X  u.  184  S.)  1903.  4  M.  25  Pf.
Bd.  XIX.  Franz  Habersbrunner,  Die  Lohn-,  Arbeit?--  und  Organisationsverhältnisse ­
  im  deutschen  Baugewerbe,  mit  bes.  Berücksichtigung  des  deutschen
Arbeitgebcrbundcs  f.  d.  Baugewerbe.  (XIV  u.  260  S.)  1903.  3  M.  50  Pf.
Bd.  XX.  Gmik  Kcrzfeldcr,  Das  Problem  der  Kreditversicherung  mit  besonderer ­
  Berücksichtigung  der  berufsmäßige»  Ansknnftscrteilnng  und  des  außergerichtlichen ­
  Vergleichs.  (Xu.  226  S.)  1904.  4  M.  80  Ps.
Bd.  XXI.  Fr.  pernmerty  non  Harnstein,  Die  Dampfschiffahrt  auf
dem  Bodensee  und  ihre  geschichtliche  Entwicklnng  während  ihrer  ersten
Hauptpcriode.  1824—1847.  Unter  Benutzung  amtlicher  Quellen.  (XIV  u.
241  S.)  1905.  5  M.  40  Ps.
Bd.  XXII.  Fr.  Pernmrrth  non  Harnstein,  Die  Dampfschiffahrt  auf  dem
Bodensce  und  ihre  geschichtliche  Entwicklung  im  Zusammenwirke»  mit  den
Eisenbahnen  während  der  zweiten  Hanptperiode  (1847—1900).  Mit
1  Karte.  Unter  Benutzung  amtl.  Quellen.  (XV  u.  302  S.)  1906.  6  M.  80  Pf.
Bd.  XXIII.  Valentin  Kleinert,  Zur  Frage  der  Naturalteilung.  Eine  Untersuchung ­
  über  die  bäuerlichen  Verhältnisse.  (VIII  u.  66  S.)  1  M.  50  Pf.
Bd.  XXIV.  Mafao  Kambe,  Der  rnssisch-japanischc  Krieg  und  die  japanische
Volkswirtschaft.  (VII  u.  75  S.)  1  M.  80  Pf.'
Bd.  XXV.  Siegfried  Meister,  Die  Volksvcrsicherung  in  der  Schweiz.  (VIII
u.  123  S.)  2  M.  50  Pf.
Bd.  XXVI.  Heinrich  Jenne,  Das  landwirtschaftliche  Untcrrichtswesc»  in
Bayern.  (X  und  286  S.)  5  M.  50  Pf.
Bd.  XXVII.  Hernh.  Gndrucks,  Die  Besteuerung  des  Wandergewerbes  in  den
deutschen  Bundesstaaten.  (XII  u.  146  S.)  3  M.
Bd.  XXVIII.  Erich  Korn,  Die  finanzielle  Heranziehung  der  Zentralbanken
durch  den  Staat  in  Europa.  (X  u.  114  S.)  2  M.  20  Pf.
i”‘  XXIX.  August  Zöllner,  Eisenindustrie  und  Stahlwerksvcrband.  Eine
wirtschaftspolitische  Studie  zur  Kartellfrage.  (XII  u.  197  S.)  4  M.  80  Pf.
Bd.  XXX.  Georg  Spenknch,  Zur  Gcschichtcdcr  Münchener  Börse.  (148S.)3M.
        <pb n="450" />
        G.  Pätz'sehe  Buchdr.  Lippert  &amp;amp;  Co.  G.  m.  b.  H.,  Naumburg  a.  d.  S.

A,  Deichert'scheVerlagsbuchhdlg.  Inh.  Werner  Scholl,  Leipzig.

Bd.  XXXI.  Siegfried  King,  Die  Entwicklung  des  Nürnberger  Stadthanshalts
von  1806  bis  1906.  (X  u.  176  S.)  4  M.
Bd.  XXXII.  Ewald  Elfter,  Das  arärialische  Weingut  in  Untcrfranken
1805—1908.  (XII  u.  153  ©.)  4  M.
Bd.  XXXIII.  Eugen  v.  Kiieda,  Das  livländische  Bankwesen  in  Vergangenheit ­
  und  Gegenwart.  (XI  u.  48  l  S.)  11  M.
Bd.  XXXIV.  E.  n.  Külilmann,  Der  Terminhandel  in  der  nordamcrikanischcn
  Baumwolle.  (VI  u.  91  S.)  2  M.  40  Pf.
Bd.  XXXV.  Moritz  Fürst  f«  Gettingen  Spielberg,  Der  bayrische  Holzhandel. ­
  Mit  3  Tafeln.  (VIII  u.  123  S.)  3  M.  25  Pf.
Bd.  XXXVI.  Karl  Uanfelow,  Die  ökonomische  Entwicklung  der  bayrischen
Spessartstaatswaldnngen  1814—1905.  Mit  1  Karte  und  4  Taseln.
(X  u.  224  SO  7  M.
Bd.  XXXVII.  Paul  May,  Die  bayrische  Zemcntindnstrie.  (92  S.)  2  M.  40  Pf.
Bd.  XXXVIII.  August  Köper,  Das  llnterseckabcl.  Mit  l  Karte.  (XIV  und
196  S.)  6  M.
Bd.  XXXIX.  H.  Franlrenberg,  Die  gemischten  und  reinen  Hypothekenbanken
in  Deutschland.  (VIII  u.  111  S.)  2  M.  80  Pf.
Bd.  XL.  El.  Maitzolzer,  Die  Rentabilität  der  baycr.  Staatseiscnbahncn.
(VIII  u.  120  S.)  2  M.  80  Pf.
Bd.  XLI.  Adolf  Müller,  Die  Grundlagen  der  pfälzischen  Landwirtschaft
und  die  Entwicklung  ihrer  Prodnktion  im  19.  Jahrhundert  bis  zur  Gegenwart. ­
  (X  u.  151  S.)  4  M.
Bd.  XLII.  Kurt  Meisner,  Die  Entwickelung  des  Würzburger  Stadthaushalts
  von  1806-1909.  (X  u.  191  S.)  4  M.  50  Pf.
Bd.  XLIII.  Kobert  Meder,  System  der  deutschen  Handelsverträge.  (XII  u.
464  S.)  12  M.
Bd.  XLIV.  M.  Silberfchmidt,  Die  Regelung  des  pfälzischen  Bergwesens.
(VIII  u.  164  S.')  4  M.  50  Pf.
Bd.  XLV.  A.  Koeglrr,  Die  finanziellen  Ergebnisse  der  bayerischen  Post-  u.
Telegraphenverwaltung.  (VIII  u.  73  S.)  2  M.  40  Pf.
Bd.  XLVI.  M.  Gnsgraber,  Die  Entwicklung  Darmstadts  und  seiner  Bodenprcisc
  in  den  letzten  40  Jahre».  (VIII  u.  239  S.)  6  M.  40  Pf.
Bd.  XLVII.  Fr.  Wittstock!,  Die  Entwicklung  der  Berliner  Borortgcmeinde
Kleinschönebcck-Fichtenau  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Finanzen.
(VIII  u.  155.  S.)  4  M.
Bd.  XLVIII.  G.  Gbrrt,  Die  Entwicklung  der  Weifigcrberci.  (XL  u.  408  S.)
12  M.
        <pb n="451" />
        381

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zer  Händlern,  darunter  4  mit  Lederwaren').  Sind
i  schon  Lederhändler  und  nicht  mehr  die  Produzenten
?ie  Zahlen  doch  die  relative  Bedeutung  dieser  Messen.
Jen  von  Häuten,  Fellen  und  Leder  aller  Art,  welche
e  des  19.  Jahrhunderts  dort  gehandelt  wurden,  zeigen
;  atistiken,  auf  welche  hier  verwiesen  werden  mußJ.
andere  Form  der  Ledermessen  können  endlich  betrachtet
rauktionen;  denn  auch  auf  ihnen  ist  die  ganze,  zum
de  Ware  zur  Einsichtnahme  aufgelegt,  und  auch  hier
^'Lederverkehr  großenteils  noch  direkt  vom  Produzenten
&amp;gt;-  Solche  Auktionen  sind  keineswegs  neu  I,  aber  sie
^zkeit  gerade  auch  für  den  Handel  in  braunen  und
i  :n,  weil  man  neuerdings  teilweise  wieder  mehr  und
Lederauktionen  im  Anschluß  an  Ledermessen  überin ­
  Kirchhain  in  der  Niederlausitz  erst  seit  wenigen
Aktionen  entstanden,  letztere  aus  dem  Wunsche,  die
4  'osten  nach  den  Leipziger  Messen  zu  vermeiden;  denn
]  i  len  Rücktransport  des  nicht  verkauften  Leders  gaben
Veranlassung,  das  Leder  in  Leipzig  um  jeden  Preis
auch  die  Auktionen  in  Kirchhain  selbst  haben  viele
dem  kleinsten  Käufer  Gelegenheit  geben,  Leder  zu
erwerben,  und  weil  sie  die  kleinsten  Konsumenten
preise  auf  dem  Laufenden  erhalten;  denn  zu  diesen
^  a  stets  eine  ganze  Reihe  Personen  der  Lederbranche  nicht
kaufen,  sondern  nur,  um  dort  die  Preise  zu  hören,
len  solchen  Auktionen,  sowohl  Fell-  wie  Lederauktionen,
'scheinung  ist,  worauf  schon  bei  der  Betrachtung  über
it  des  Handwerks  hingewiesen  wurde,  die  Tatsache,
corte,  wie  Kirchhain,  selbst  einen  Markt  erzeugen,  in
r  kleinste  Gerber  alle  Vorzüge  des  großen  Marktes
t  dort  nach  dem  Verfahren  des  großen  Marktes  zu
en,  und  seine  fertige  Ware  wird  hier,  offen  liegend  zur
r^it  der  Masse  der  großen  Marktware  verkauft.
ekten  Verkehr  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten
h  neuerdings  eine  Reihe  von  Momenten  in  Betracht,
pieligen  Transport  der  Ware  zu  den  Messen  und
r.  Diese  Momente  sind  die  üblichen,  so  daß  die  bloße
genügt:  Vorlegung  von  Mustern  in  schriftlichen  Offerten,
:  und  Agenten,  durch  eigene  Verkaufsstellen,
.805,  S.  28t  f.  *)  Vgl.  Dieterici  1851,  S.  562.
Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  Artikel  VII,  S.  90.
ch  1905,  S.  83.
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