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138.

Die  Frage  nach  dem  Verhältnis  von  Arbeitslohn  und  -zeit
zur  Arbeitsleistung  hat  nicht  nur  im  engeren  Sinne  sozialpolitische ­
  Bedeutung,  sondern  den  großen  Hintergrund  allgemeinerer ­
  Kulturbewegungen.  Sie  geht  in  letzter  Linie  auf
die  weiteren  Zusammenhänge  zurück,  die  zwischen  Wirtschaftssystem ­
  auf  der  einen,  Technik  und  Produktivität  auf  der
anderen  Seite  bestehen.  Schon  Turgot,  schon  Adam  Smith
wußten,  daß  unfreie  Arbeit,  vor  allem  die  Sklaverei  teurer  ist
als  freie;  und  zwar  um  so  mehr,  je  höhere  technische  und
wirtschaftliche  Anforderungen  gestellt  werden ] .  Goodloe  hat
zu  zeigen  versucht,  daß  man  mit  freien  Arbeitern  statt  mit
Sklaven  denselben  Ertrag  mit  weniger  als  dem  dritten  Teil
des  Kapitals  erzielen  könne 1  2 .  Der  unfreie  Arbeiter,  sagt
Roscher,  hat  kein  Interesse  an  dem  Ertrag  seiner  Arbeit.  Ein
freier  Mäher  mäht  so  viel,  wie  zwei  bis  drei  unfreie;  bei  freien
Arbeitern  gibt  Roggen  8V2  statt  3,  Gerste  9 3 /+  statt  4,  Hafer  8
statt  2 2 /s  Körner 3 .
Für  die  moderne  Sozialpolitik  ist  die  Frage  nach  dem
Verhältnis  von  Arbeitslohn  und  -zeit  zur  Arbeitsleistung  von
vitaler  Bedeutung.  Wird  doch  die  Möglichkeit  aller  Sozialreform ­
  —  auch  im  Interesse  ihrer  Objekte  —  in  Frage  gestellt, ­
  wenn  eine  wesentliche  Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen ­
  die  Erträge  senkt  und  die  nationale  Produktion
mindert,  das  Volksvermögen  schädigt  und  die  Konkurrenzfähigkeit ­
  dem  Auslande  gegenüber  schwächt.  Am  schärfsten
haben  Ricardo  und  Marx  diesen  Standpunkt  für  das  Lohnproblem ­
  herausgearbeitet  und  typisch  formuliert.  Beide  konstruieren ­
  einen  immanenten  unversöhnlichen  Gegensatz  zwischen
Arbeitslohn  und  Unternehmergewinn.  Diese  sind  reziproke
Größen,  deren  Wesen  gerade  in  ihrer  Divergenz  liegt.  Die
Schalen  dieser  Wage  können  sich  nie  in  gleichem  Sinn  bewegen ­
 4 .  Aus  diesen  Anschauungen  heraus  wurde  bei  jedem
Fortschritt  der  englischen  Fabrikgesetzgebung  von  Industriellen
und  dem  sekundierenden  Chor  der  Nationalökonomen  „unwiderleglich“ ­
  bewiesen,  daß  die  verlangte  weitere  Kürzung  der
Arbeitszeit  die  Industrie  ruinieren  und  des  Profits  berauben,
1  Turgot,  Reflexions  sur  la  Formation  et  la  Distribution  des  richesses
§  XXIII  (Oeuvres  1844,  I.,  p.  18).  —  A.  Smith,  Wealth  of  Nations,
Ed.  Routledge  1893,  p.  63.  —  Vgl.  ferner  Brassey,  Work  and  Wages,
1872,  p.  262/63.  —  A.  Liesse,  Le  Travail  aux  points  de  vue  scientifique,
industriei  et  social,  1899,  p.  246—251.
2  Nach  Halle,  ßaumwollproduktion  und  Pflanzungswirtschaft  in
den  Südstaaten  von  Nordamerika  II,  1906,  p.  354.
3  Roscher,  System  der  Volkswirtschaft,  Bd.  I,  1906,  p.  190.
4  Am  knappsten  läßt  sich  dies  ausdrücken  in  der  Formel:  Profit
-)-  Lohn  =  Konstant  (G.  Kassel,  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag, ­
  1900,  p.  155).  Folgender  Satz  bringt  sie  in  charakteristischer
Form  zum  Ausdruck:  „It  is  physically  impossible  that  any  permanent
rise  in  wages  should  take  place  without  corresponding  diminution  of
profits“  (Fawcet,  Pol.  Ec.,  p.  264,  Zitat  nach  Kassel).