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138.

Jeder,  der  den  Betrieb  einer  Fabrik  kennt,  weiß,  wie  oft
der  Arbeiter  Gelegenheit  hat,  absichtlich  oder  nicht,  das
Produktionstempo  zu  verlangsamen.  Nicht  selten  drücken
Leute  jahrelang  aus  Furcht  vor  Herabsetzung  der  Akkorde
ihre  Leistung  künstlich  herab.  Sie  lassen  die  Drehbänke  leer
laufen,  stellen  übertrieben  sorgfältig  ein,  suchen  lange  nach
Materialien  usf.  Bei  einer  Probearbeit  wurde  nach  Angaben
von  G.  Schlesinger  gebraucht:  geschleppt  4  Stunden,  ehrlich
IV2  Stunde.  Schließlich  wird  diese  Arbeit  für  beide  Fälle
in  einer  Stunde  geleistet.  —  Ein  Ingenieur  der  Maschinenbauanstalt ­
  Fowier  in  Leeds  berechnet,  daß  die  Maschinen
während  eines  Viertels  bis  Fünftels  leer  iaufen.  Bei  zu  langem
Arbeitstag  bröckelt  die  Produktionszeit  an  zahllosen  Punkten
ab.  „Take  it  easy“  ist  die  Losung  langer  Arbeitszeit.  Dem
Verfasser  ist  ein  charakteristischer  Fall  bekannt.  In  den
letzten  Stunden  eines  langen  Arbeitstages  stellten  Leute  ihre
Maschinen  zeitweilig  einfach  ab,  sobald  sich  der  Aufseher
entfernte.  Es  waren  freilich  Zeitlöhner.
Das  gefährlichste  Zeugnis  für  die  Macht  des  Arbeiters
gegenüber  der  Maschine  ist  das  Ca’canny-System,  das  als
hemmendes  Moment  einem  Aufschwung  zur  industriellen  Suprematie ­
  im  Wege  stehen  muß 1 .  —  Wie  sehr  die  Intensität
der  Arbeit  sich  gewissermaßen  als  Abhängige  einer  „persönlichen ­
  Gleichung“  darstellt,  erhellt  aus  der  Beobachtung,  daß
die  Arbeiter  während  der  ersten  Hälfte  des  Arbeitstages  oft
5ü 0  0  mehr  leisten,  als  in  der  zweiten 1  2  3 .  Unerklärlich  wäre
sonst,  wie  Leute  unter  objektiv  gleichen  Produktionsbedingungen
verschiedene  Resultate  erzielen.  Bei  Spinnern  und  Webern,
bei  Drehern  und  Hoblern  gibt  es  bekanntlich  starke  und
schwache  Verdiener.  —  Wie  wenig  menschliches  Schaffen
einem  mechanischen  Prozeß  gleicht,  der  automatisch-gleichmäßig
abrollt,  das  kann  jede  durch  Akkorde  oder  andere  Lohnsysteme ­
  gesteigerte  Arbeitsleistung  anschaulich  machen.  Hier
sei  nur  —  eins  von  vielen  Beispielen  —  der  strikte  Nachweis
angeführt,  den  das  „Handbuch  der  Entlöhnungsmethoden“
bringt.  Bei  der  Anfertigung  von  Dachkonstruktionen,  Windverbänden, ­
  schmiedeeisernen  Stützen,  Fenstern,  Wellblechtüren
usw.  erspart  der  im  Akkord  beschäftigte  Arbeiter  durchschnittlich ­
  ein  Viertel  bis  ein  Drittel  der  Arbeit,  die  Zeitlöhner  erfahrungsgemäß ­
  brauchen 8 .  „Man  rechnete  heute  im  großen
und  ganzen,“  sagt  Schmoller,  „daß  je  nach  Rasse,  Gewerbe

1  Regulation  and  Restriction  of  Output.  11 th  Report  ofthe  Comm.
of  Labor,  Wash,  1905.
2  E.  Roth,  Gewerbehygiene,  Hdb.  d.  Hyg.,  herausgeg.  v.  Weyl,
Bd.  8,  S.  27.
3  Schloß-Bernhard,  Handb.  d.  Entlöhnungsmethoden,  1906,  S.  68—70.